Nr. 18. Die Gleichheit 5. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Parteigenossen! Stuttgart Mittwoch, den 4. September 1895. Laut Beschluß des vorjährigen Parteitages findet der diesjährige in Breslau statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung hiermit den diesjährigen Parteitag auf Sonntag den 6. Oktober. nach Breslau in das Lokal zum " Deutscher Kronprinz", Kurze Gasse 50/52, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag den 6. Oktober, Abends 7 Uhr: Vorversammlung. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Mandate. Montag den 7. Oktober und die folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Parteivorstands. Berichterstatter W. Pfannkuch. 2. Bericht der Kontrolleure. Berichterstatter W. Meister. " Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. weder im Vorwärts" noch in der dem Parteitag vorzulegenden gedruckten Vorlage Aufnahme finden können. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitage entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen vertreten zu lassen; außerdem aber empfiehlt es sich, wichtige Anträge vor dem Zusammentritt des Parteitages in der Parteipresse zu erörtern. Die Motive aber in die Parteitagsvorlage aufzunehmen, verbietet sich aus räumlichen Rücksichten und um der damit verknüpften unvermeidlichen Wiederholungen willen. Berlin, den 22. August 1895. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. Kesselrevision, nebenbei auch Fabrikinspektion. " Die weiblichen Aufsichtsbeamten würden ausschließlich für die Arbeiterinnen da sein", so äußerte sich bekanntlich dem Sinne 3. Berichterstattung über die parlamentarische Thätigkeit. nach mit erquickender Offenherzigkeit der Vertreter des preußischen Berichterstatter E. Wurm. 4. Die Maifeier 1896. Berichterstatter A. Bebel. 5. Der Internationale Arbeiter- und Gewerkschaftskongreß in London 1896. Berichterstatter A. Bebel. 6. Die Vorschläge der Agrarkommission zu dem Parteiprogramm. Berichterstatter Dr. M. Quard. 7. Schwitzsystem, Hausindustrie und Arbeiterschuß. Berichterstatter J. Timm. 8. Anträge zum Parteiprogramm und Organisation. 9. Sonstige Anträge. 10. Wahl der Parteileitung. Parteigenossen! Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen, insbesondere die Wahl der Delegirten und Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen bis spätestens den 20. September in Händen des Parteivorstandes, Berlin SW., Kazbachstraße 91, " sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Abs. 2 der Parteiorganisation im Vorwärts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage für den Parteitag Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegen zeichnung des Vertrauensmannes, sollen sie zur Veröffentlichung und Berathung gelangen. Die Adresse des Lokalkomites iſt: Julius Bruhns, Breslau, Gabigstraße 86 1. Die Parteigenossen, die zu dem Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Parteivorstand in Berlin und demi Lokalkomite in Breslau rechtzeitig Mittheilung zu machen, damit dieses in Bezug auf Quartier die nothwendigen Vorbereitungen treffen kann. Mandatformulare, mit deren Versendung Mitte September begonnen wird, sind durch das Parteibureau, Berlin SW., Kazbachstraße 9 I, zu beziehen. Die Genossen, welche Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige, den Anträgen beigegebene Motive Handelsministeriums abwehrend gegen die Forderung, Fabrikinspektorinnen anzustellen. Dies„ Ausschließlich- für- die- Arbeiterinnenda- sein" müßte als gewichtiger Grund für die Ernennung weiblicher Beamten sprechen, statt gegen sie, so meint" man" vielleicht. Aber nur, wenn man" ein naives Gemüth ist, das dahindämmert in holder Unbekanntschaft mit dem Wesen des preußischen Staats im Allgemeinen und der Natur der gepriesenen deutschen Sozialreform im Besonderen. Mit wünschenswertheſter Deutlichkeit erweisen es im„ Bericht der preußischen Fabrikinspektoren für 1894" Thatsachen, die starrnackigen Dinger, daß die Gewerbeaufsichtsbeamten durchaus nicht ausschließlich für die Arbeiterschaft da sind. Ziffern schreiben es hier in Frakturschrift, daß den Fabrikinspektoren in erster Linie ganz andere Pflichten obliegen als jene, die Durchführung des sogenannten gesetzlichen Arbeiterschußes zu überwachen. Ihre vornehmste Aufgabe ist seit 1892: die Kesselrevision, für die eigentliche Gewerbeinspektion bleiben die Brosamen an Zeit und Kraft, die von der Kesselrevision Tische fallen. Die Verquickung von Kesselrevision und Fabriktinspektion war wahrhaftig nicht vonnöthen, um letterer jeden, das herrschende Unternehmerthum ängstigenden Charakter abzustreifen. Mit feinstem Verständniß für das, was einem kapitalistischen Staat geziemt, war im Reiche der Sozialreform par excellence schon so wie so dafür gesorgt, daß die Bäume der Fabritinspektion nicht das biedere Kapitalistenherz schreckend in den Himmel wachsen fonnten. Wie groß die Zahl der 1894 zu inspizirenden Betriebe war, ist in dem Bericht der preußischen Gewerbebeamten mit erklärlichem Stillschweigen übergangen. Aber bereits 1882 gab es laut Berufsund Gewerbezählung in Preußen 451 453 inspektionspflichtige Betriebe. 1894 betrug die Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten 165. Sehen wir von der seit 1882 sicher eingetretenen Vermehrung der Betriebe ab, so hätte mithin jeder Gewerbeinspektor im Jahre 2736 Revisionen vornehmen müssen, d. h. täglich 7, an 181 Tagen aber sogar 8, dafern alle einschlägigen gewerblichen Anlagen im Jahreslaufe inspizirt werden sollten. Von vornherein ist also die Möglichkeit ausgeschlossen, daß jedes revisionspflichtige Unternehmen auch nur an einem einzigen von etwa 300 Arbeitstagen daraufhin besichtigt wird, ob in ihm die dürftigen Gesezesbestimmungen zum Schuße der Arbeiter und Arbeiterinnen beobachtet werden. Der preußische Staat, der bescheiden zu sein weiß, wo ihm sein Wesen Bescheidenheit zur höchsten Pflicht macht, hat auch unbeschadet seiner sozialreformatorischen Verheißungen von vornherein auf diese Möglichkeit bescheidenlich verzichtet. Die„ Dentschrift betreffend die künftige Regelung der Gewerbeinspektion", welche 1891 vom Minister für Handel und Gewerbe veröffentlicht wurde, schäßt die Zahl der im Jahre einem Aufsichtsbeamten möglichen Revisionen auf 500. 165 Fabrikinspektoren könnten also dieser Berechnung nach im Jahre nur 82 500 der zu revidirenden 451 453 Anlagen besichtigen, so daß jeder Betrieb im Mittel alle fünf Jahre einmal von der Fabrikinspektion„ belästigt" würde. Diese Ziffern zeichnen ein Bild anmuthigen Stilllebens der Mehrwerthpresserei, die, ungestört von wißbegierigen, pflichteifrigen Aufsichtsbeamten, abseits von dem Wege der gesetzlichen Vorschriften stillvergnügt ihre Pfade zu wandeln vermag. Aber wie unendlich weit bleibt dieses Bild noch hinter der Wirklichkeit zurück! 138 die Regierungsbezirke Arnsberg, Köln, Hildesheim und Lüneburg, Merseburg, Schleswig, Breslau, Oppeln, Frankfurt a. D. 2c. Der Bericht für den Regierungsbezirk Aachen enthält den Stoßseufzer: „ Die Kesseluntersuchungen in Verbindung mit dem erheblichen Schreibwerk nehmen reichlich die Hälfte der Zeit in Anspruch." In den Regierungsbezirken Hannover und Münster und in der Provinz Ostpreußen entfielen auf die Kesselrevisionen„ annähernd" oder sogar mindestens zwei Drittel der gesammten dienstlichen Thätigkeit der Beamten"; in der Provinz Posen und im Regierungsbezirk Minden wurde von den Kesselgeschäften etwa drei Viertel der Thätigkeit in Anspruch genommen". Die Aufsichtsbeamten von Trier, Köln und Liegnig meinen, daß die Trennung von Kesselrevision und Fabrikinspektion wünschenswerth ist, bezw. daß eine entsprechende Vermehrung von Hilfskräften in der Inspektion stattfinden muß. Ganz unhaltbar müssen die Zustände bezüglich der Fabrikinspektion liegen, wenn die im Getriebe des preußischen Staatslebens meist zu bureaukratischen Mustermenschen gedrillten Beamten die Unzulänglichkeit derselben anerkennen. Viele dieser Herren setzen bekanntlich in der Regel ihren Männerstolz nicht eben darein, AnStelle" nicht decken. Ihre trockenen, geschäftsmäßigen Mittheilungen reden deshalb ganze Bände von der absoluten Mangelhaftigkeit der Fabrikinspektion, werden zur aufreizenden Kritik der Wege, auf denen die deutsche Sozialreform rückwärts schreitet. Aus den Berichten der preußischen Gewerbeinspektoren für 1894 geht hervor, daß jeder der 165 Aufsichtsbeamten im Jahresdurchsichten zu äußern, welche sich mit der Auffassung an„ vorgesetzter schnitt statt der angenommenen 500 Revisionen deren nur 263 vorgenommen hat. In dem genannten Jahre wurden nämlich in 43 482 Inspektionen 34 345 Betriebe revidirt. Die Zahl der Revisionen blieb mithin fast um die Hälfte hinter der Annahme des Handelsministeriums zurück. Noch nicht 10 Prozent der im Jahre 1882 inspektionspflichtigen Gewerbeanlagen wurden 1894 von der Revision erfaßt. Die letzte Berufsund Gewerbezählung wird aber sicher klärlich erweisen, daß eine bedeutende Zunahme der zu revidirenden Betriebe stattgefunden hat. Das Verhältniß zwischen der vorhandenen Aufgabe und ihrer Lösung ist mithin ein noch weit ungünstigeres, als aus den Zahlen erhellt, welche in aufreizendster Weise von der deutschen bezw. preußischen Sozialreform reden. Es liegt auf der Hand, daß die Verquickung von Kesselrevision und Fabrikinspektion für diesen jammerhaften Stand der Dinge zum großen Theil mit verantwortlich ist, daß sie verbösert, was ohnehin schon bös genug ist. Leider ist der Bericht der Fabrikinspektoren wie in vielen anderen Beziehungen auch darin mangelhaft, daß er keine Gesammtübersicht der Kesselrevisionen enthält. Aber aus den Zahlenangaben einzelner Beamten läßt sich ersehen, wie ungemein schädigend die Kesselrevision die eigentliche Fabrik inspektion beeinflußt. In Breslau z. B. wurden von 8 Beamten 1330 Gewerbeinspektionen und 1310 Kesselrevisionen vorgenommen. Auf den Beamten kamen also durchschnittlich 330 Revisionen, von denen er 164 für die Kesselprüfung aufwenden mußte, so daß für seine eigentliche Aufgabe nur 166 Besichtigungen übrig blieben. Dabei ist festzuhalten, daß die Kesselrevisionen einen großen Zeitaufwand erfordern, so daß ihre Zahl allein noch gar nicht einmal den Maßstab dafür giebt, in welchem Umfange sie die Gewerbeinspektion beeinträchtigen und bis zu einem gewissen Grade ganz illusorisch machen. Als bloßes dekoratives Beiwert, als sozialreformatorischer Blender erscheint denn auch die Fabrikinspektion im Lichte der diesbezüglichen Aeußerungen der meisten Gewerbebeamten. Noch im Berichtsjahre 1893 wagten, wenn wir nicht irren, nur drei der selben der ministeriellen Auffassung entgegen das Widersinnige der Verquickung von Kesselrevision und Fabrikinspektion submisseft zu beklagen. Im Berichtsjahre 1894 dagegen stimmen fast alle Gewerbebeamten darin überein, daß ihre eigentliche Aufgabe, die Fabritinspektion, hinter der Kesselrevision zurücktritt. In den Berichten der Gewerbebeamten für die Regierungsbezirke Trier, Düsseldorf, Kassel, Liegnis, Potsdam und der Provinzen Pommern und Westpreußen heißt es, daß die Kesselprüfungsgeschäfte den „ größten Theil" oder den„ überwiegenden Theil" der Thätigkeit der Beamten oder fast die ganze Zeit" derselben in Anspruch nimmt. Auf den eigentlichen Gewerbeaufsichtsdienst fonnte leider nur eine verschwindend geringe Zeit ver wendet werden", fügt der Bericht für die Provinz Pommern vielsagend hinzu. Aehnlich äußern sich die Gewerbebeamten für Uebrigens zeitigt die Verquickung von Kesselrevision und Fabrikinspektion für lettere nicht blos die gekennzeichneten Folgen. Eine bedeutende Anzahl von Besichtigungen der Betriebe macht sie bezüglich der Ueberwachung der Arbeiterschußzbestimmungen durchaus werthlos. Es ist bekannt, mit welcher Virtuosität und Dreistigkeit das schienenflickende und steuernhinterziehende„ gefeßliebende" Unternehmerthum sich über Bestimmungen hinwegzusetzen pflegt, welche seinen sakrosankten Profit um ein Titelchen schmälern. Für die strikte Durchführung der gefeßlichen Vorschriften zum Schuße der Arbeiterschaft bürgt deshalb die Fabrikinspektion nur dann, wenn sie plöglich, unvermuthet geschieht. Die regelmäßigen inneren Revisionen, welche bei feststehenden Kesseln alle vier, bei beweglichen alle drei und bei Schiffsdampffesseln alle zwei Jahre stattfinden, machen die Einstellung des Betriebs nothwendig und müssen deshalb mindestens vier Wochen vorher angezeigt werden. Das„ geseßliebende" Unternehmerthum hat also in diesem Falle schönste Gelegenheit, dem Kesselrevisor und Auch- Fabrikinspektor Potemkin'sche Dörfer von Musterbetrieben" vorzuführen, die durchaus den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Die Zusammenkuppelung von Kesselrevision und Fabrikinspektion veranlaßt außerdemt, daß bei der Ernennung von Gewerbebeamten in erster Linie deren technische Vorbildung berücksichtigt wird und nicht ihre sozialpolitischen Kenntnisse, ihr Verständniß für die Lage und die Interessen der Arbeiterschaft. Hinter ihr, hinter der von ihr bedingten nöthigen technischen Ausbildung" verschanzt man sich, um die Nichtheranziehung von Arbeitern und Arbeiterinnen zur Gewerbeinspektion fadenscheinig zu begründen. Mit Fug und Recht hat die Sozialdemokratie von Anfang an die Verquickung von Kesselrevision und Fabritinspektion bekämpft als eine Ungeheuerlichkeit, einen Widersinn. Die Gewerbeaufsicht sollte eine Einrichtung sein zum nothdürftigen Schutze der Arbeiter und Arbeiterinnen. Dank ihrer Verquickung mit der Kesselrevision dient sie hauptsächlich der Förderung der Unternehmerinteressen. Die deutsche Sozialreform will keine Fabrikinspektion, die„ ausschließlich für die Arbeiterschaft da wäre", ihr Wesen kennzeichnet trefflich und vernichtend die Kesselrevision, nebenbei auch Fabrikinspektion. Friedrich Engels. ( Fortsetzung statt Schluß.) In Brüssel begann ein umfangreiches, inniges Zusammenarbeiten von Engels und Marx auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiete, denn Beide waren nicht blos Denker, auch Männer der That, Männer des revolutionären Denkens, Männer der revolutionären That. Ihr wissenschaftliches und praktisches Thun stellten sie ausschließlich in den Dienst des proletarischen Befreiungskampfes. Sie vertieften und erweiterten die gewonnene Erkenntniß über die treibenden Kräfte und die Richtung der geschichtlichen Entwicklung und bauten sie auf sicherer Grundlage zu einem wissenschaftlichen System aus, damit die nimmerfehlenden Waffen schmiedend für das Heer der Revolution. Sie weckten die Arbeiter zum Klassenbewußtsein, zur Erkenntniß ihrer geschichtlichen Aufgabe, sie erzogen die leidende, zersplitterte, unflare, zusammenhangslose proletarische Masse zu dem bewußt und einheitlich kämpfenden Weltproletariat, damit das Heer der Revolution sammelnd und schulend. In der Studirstube, in öffentlichen Bibliotheken waren Mary und Engels ebenso heimisch wie in Arbeiter und Volksversammlungen. Sie lernten aus gelehrten Folianten, wie aus der Beobachtung des wirthschaftlichen wie politischen Zeitlebens und aus den Schilderungen und Klagen des Mannes der Arbeit. Lehrend und lernend gingen sie in dem von ihnen gegründeten„ Deutschen Arbeiterverein" aus und ein. Gleichzeitig unterhielten sie Fühlung mit den revolutionären Kreisen des Bürgerthums und mit den sozialistischen Elementen in Frankreich, sowie mit den entsprechenden Preßorganen. In jener Zeit traten die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus zuerst in Verbindung mit dem internationalen„ Bund der Gerechten", der sich allmälig, unter Engels' und Mary' Einfluß, zu der neuen theoretischen Auffassung bekannte. Engels vertrat die Pariser Sektion auf dem ersten Bundeskongreß, der im Sommer 1847 in London stattfand, und auf dem der Bund einen neuen Namen erhielt Bund der Kommunisten" sowie eine neue Organisation. Aus einem Geheimbund von Verschwörern ward er zu einer Gesellschaft für die Ausbreitung der kommunistischen Ideen. Schon im November des gleichen Jahres tagte ein zweiter Kongreß der Kommunisten und beauftragte die anwesenden Freunde, das Manifest des Bundes auszuarbeiten. Das Resultat dieses Auftrags, das ,, Kommunistische Manifest", ist zum Programm des internationalen revolutionären Proletariats geworden. Mit unübertrefflicher Klarheit und in gedrungener Kürze legt es die Grundsätze und Forderungen der zielbewußt fämpfenden Arbeiterklasse dar. Die überwältigende Wucht seiner logischen Beweisführung, die hinreißende Macht seiner Darstellung, in der sich Schärfe und Kühnheit mit durchdachter Leidenschaft paart, haben als treffsichere Kugeln Bresche auf Bresche in die heutige Gesellschaft gelegt, haben sie gründlicher in ihren Tiefen erschüttert, als alle romantischen Putsche und kindisch- brutalen Attentate der„ Propagandisten durch die That". 139 Wenige Wochen nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests" trachte in der Pariser Februarrevolution der Thron des filzigen Louis Philipp, des Königs der Börsenjobber, zusammen. Die Donner der Revolution rollten durch ganz Europa, die Berliner Märztage, die Aufstände in Dresden und Wien bewiesen, daß auch der langsame und langmüthige Deutsche rebelliren konnte. Engels und Mary eilten begeistert der Heimath zu, um für ihre Ideen zu tämpfen. In Köln gründeten sie die täglich erscheinende„ Neue Rheinische Zeitung", das einzige Blatt in Deutschland, das den Standpunkt des Kommunismus, d. h. des wissenschaftlichen Sozialismus vertrat. Hervorragende Talente, wie Freiligrath, Weerth, Wilh. Wolff u. A. schaarten sich zu einem glänzenden Redaktionsstabe um Mary und Engels, und die Neue Rheinische Zeitung" wurde bald das gefürchtetste und bestgehaßte deutsche Blatt, gefürchtet und gehaßt nicht blos von den Schildknappen des Absolutismus und der Feudal ordnung, sondern auch von der verrathslüsternen und verrätherischen Bourgeoisie und von dem schwachmüthigen, haltlosen und furzsichtigen Kleinbürgerthum. Denn mit gleicher Schärfe wendete die„ Neue Rheinische Zeitung" ihre vernichtende Kritik gegen alle Richtungen und Bestrebungen, welche den Interessen der Arbeiterklasse zuwiderliefen, und die halb aufrichtige, halb geheuchelte Illusion und Phrase fand ebenso wenig Gnade vor ihr, als die brutale Gewalt. Am 19. Mai 1849 erlag das Blatt, wie Freiligrath in seinem herrlichen ,, Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung" sagt, den Nücken und Tücken, der schmutzigen Niedertracht der schleichenden Westkalmücken". Es wurde behördlich verboten, Marx erhielt seine Ausweisung, Engels mußte flüchten, da er seinem thatfreudigen Temperament entsprechend sich an dem niedergeschlagenen Aufstand der Arbeiter der Rheinlande betheiligt hatte. Er ging nach der Pfalz, die sich mit Baden zum Schutze der Reichsverfassung erhoben hatte, und trat in ein Freischaarenkorps ein, wo er das Amt eines Adjutanten des Kommandanten Willich bekleidete. Als prächtiger Soldat der Revolution schlug er sich in drei Gefechten und in dem Treffen an der Murg, in allen Situa tionen eine faltblütige Bewerthung der Verhältnisse und eine absolute Berachtung der Gefahr bethätigend, den Führern der Kampagne überlegen an flarem Erfassen der Sachlage und an scharfer, kritischer Erkenntniß der Fehler und Thorheiten. Nach dem unausbleiblichen Scheitern des badischen Aufstands betrat Engels als einer der letzten Flüchtlinge den Schweizer Boden, den er jedoch bald wieder verließ -da ihm die Möglichkeit einer befriedigenden Thätigkeit fehlte um über Genua und Gibraltar nach London zu gehen. Hier traf er mit Mary zusammen, nach hier hatten sich auch die meisten Häupter der deutschen Revolution begeben. Mit wenigen Ausnahmen versanten diese mehr und mehr in den Wahnglauben, durch das Theatergepolter revolutionärer Kraftphrasen und durch das Aushecken abenteuerlicher Pläne eine neue revolutionäre Erhebung entfesseln zu können. Mary und Engels war diese kindlich- kindische Auffassung durchaus fremd. Statt mit den " Färschtenkillern"( Fürstenmördern) in partibus zu deklamiren, studirten sie, bemühten sie sich, die Organisation des Kommunistenbundes zu festigen und durch Kritik und Propaganda auf die freiheitlichen Bestrebungen in Deutschland einzuwirken. Diesem Zwecke diente auch die Monatsschrift, welche sie zusammen in Hamburg erscheinen ließen, und die nach dem verbotenen Tageblatte den Titel führte:„ Neue Rheinische Zeitung". In ihr veröffentlichte Engels u. a. eine Artikelferie über die deutsche Reichsverfassungskampagne", eine Arbeit über die englische Zehnstundenbill" und die bedeutsame Abhandlung über den deutschen Bauernkrieg". Die beißende, mit glänzendem With und schneidendem Spott gewürzte Kritik der sich ultrarevolutionär geberdenden Vulgärdemokraten zog Mary und Engels den ganzen Haß der Herren zu. Die„ Neue Rheinische Zeitung" verlor ihre Abonnenten und mußte nach dem sechsten Heft ihr Erscheinen einstellen. Auf ihre Herausgeber regneten seitens der Karl Vogt und Genossen Beschimpfungen, Verleumdungen, Verdächtigungen der gemeinsten Art nur so hernieder, die Beide gründlich niedergelebt haben. Eine politische Aktion war auf absehbare Zeit hinaus zur Unmöglichkeit geworden. Eine literarische Thätigkeit in Deutschland vermochten die Freunde nicht zu entfalten, denn seitens der bürgerlichen Demokraten waren sie ebenso geächtet, wie von den Regierungen. Mary konzentrirte nun seine ganze Thatkraft auf wissenschaftliches Gebiet, versenkte sich in gründliche wirthschaftliche und geschichtliche Studien, nüßte die reichen Quellen des Britischen Museums aus und legte den Grund zu seinem Lebenswert, dem„ Kapital". Engels sah sich genöthigt, seine geschäftliche Thätigkeit wieder aufzunehmen und in die Fabrik zu Manchester zurückzukehren, zuerst als Kommis, dann als Theilhaber. Fast zwanzig Jahre lang mußte er tagaus, tagein im Bureau sitzen, mußte er einen beträchtlichen Theil seiner Zeit und Kraft in der Tretmühle des Geschäftslebens aufnüßen. Heiter und gelassen, mit dem ihm eigenen erquickenden und versöhnenden Humor fand er sich mit der Situation ab. Statt sich durch Klagen und Murren in der Pose des Märtyrers zu schwächen und zu verbittern, suchte er die Verhältnisse seiner Entwicklung und seinen Zielen dienstbar zu machen. Er eignete sich das ganze praktische Rüstzeug des modernen Großkaufmanns und Fabrikanten an, der den Weltmarkt überschaut, das Getriebe und die Zusammenhänge des wirthschaftlichen und politischen Lebens kennt und mit kühler Abwägung der Konjunkturen schnell und vorausberechnend seine Entscheidungen treffen muß. In den Freistunden trieb er jene umfassenden und tiefen Studien, die ihn zu einem Polyhistor, einem Vielwissenden, im besten Sinne des Wortes machten, zu einer an vielseitigem Wissen vereinzelten Erscheinung in unserer Zeit kleinkrämerischer Fachsimpelei. So beschäftigte er sich mit Kriegsgeschichte und Militärwissenschaften, mit Natur wissenschaften, Mathematik, Nationalökonomie, Geschichte und vor allem mit vergleichender Sprachlehre, seinem Lieblingsfach.„ Er stammelt in zwanzig Sprachen", schrieb in den siebziger Jahren der Pariser" Figaro" von ihm; außer seiner Muttersprache und Französisch und Englisch beherrschte er völlig Italienisch, Spanisch, Russisch, Schwedisch, Holländisch. Auch literarisch feierte Engels in jener Zeit nicht. Er verfaßte verschiedene ausgezeichnete Broschüren:" Po und Rhein",„ Savoyen, Nizza und der Rhein"," Die preußische Militärfrage und die Arbeiterpartei", in welch letzterer er die Feigheit und Halbheit des deutschen Liberalismus geißelt und nachweist, daß nur die revolutionäre Arbeiterklasse ernstlich mit dem Militarismus abrechnen könne. Daß er alle Zeitereignisse aufmerkſamſt verfolgte, versteht sich von selbst. Uebrigens stand Engels in Manchester nicht vereinsamt da. Anregung und Freude brachte ihm der Verkehr mit etlichen gleichgesinnten Männern, mit Sam Moore, der mit Aveling zusammen den ersten Band des„ Kapital" ins Englische übersetzte; mit Wolff, dem fühnen, treuen, edlen Vorkämpfer des Proletariats", dem Mary den ersten Band seines unsterblichen Werks widmete; mit Professor Schorlemer, einem der bedeutendsten modernen Chemiker, der in den achtziger Jahren starb. Trotzdem empfand er die Trennung von seinem Mary unendlich schwer, denn während der zwanzig Jahre kam es zwischen den Freunden nur zu kurzen, gelegentlichen Zusammentreffen. Ihr Ideenaustausch war allerdings ein ununterbrochener und überaus reger. Fast täglich schrieben sie einander, und Engels' Briefe wurden von„ Mohr", wie Mary zu Hause hieß, stets mit Ungeduld erwartet. Wie Eleanor, Mary' jüngere Tochter erzählt, sprach dieser oft zu den Briefen des Freundes, als wäre er anwesend:„ Nein, so ist's nu doch nicht",..„ Da hast Du Recht" 2c.; manchmal lachte er über sie, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Endlich 1869 konnte sich Engels vom Geschäft zurückziehen. Er benutzte die gewonnene Bewegungsfreiheit, um 1870 von Manchester nach London überzusiedeln. ( Schluß folgt.) Arbeiterinnen- Bewegung. -In der Zeit vom 5. bis 25. August fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Kürschnerbranche:„ Glaube und Vernunft" ( Genosse Hoffmann); öffentliche Versammlung der Metallarbeiter und -Arbeiterinnen:„ Die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft und das moderne Ausbeutungssystem"( Genosse Rohrlack); öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Kartonbranche:„ Welchen Nutzen bietet der Verband der in Buchbindereien, der Papier- und Lederwaarenindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen?"( Genosse Sailer); öffentliche Versammlung aller in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Die Bedeutung der Organisation"( Genosse Jahn); öffentliche Versammlung der Posamentirer und Posamentirerinnen:" Individuelle Freiheit oder Kadavergehorsam"( Genosse Hoffmann); öffentliche Volksversammlungen:„ Das Agrarprogramm"( Referenten waren die Genossen Timm, Auer, Vogtherr, Fischer, Schippel, Schmidt und Ledebour). Sämmtliche Referenten erklärten sich gegen den Entwurf des Agrarprogramms, desgleichen fast ausnahmslos alle Redner, welche in der Diskussion das Wort ergriffen. Braunschweig, öffentliche Volksversammlung:„ Die Sozialdemokratie und die Jugend"( Genosse Wittich); Dresden, öffentliche Versammlung der in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Ziele der Sozialdemo= fratie"( Genosse Gäsche); Langenbielau, öffentliche Volksversammlung:„ Die Sozialdemokratie und der Krieg"( Genosse Stolpe); Rixdorf, öffentliche Versammlung der industriellen Arbeiterinnen:„ Die weibliche Arbeitskraft in der Großindustrie"( Genossin Rohrlack); Stettin, öffentliche Versammlung der graphischen Arbeiter und Arbeiterinnen: Die Lage der Industriearbeiterinnen und die Bedeutung der Organisation"( Genossin Rohrlack); Wandsbeck, öffentliche Volksversammlung:„ Die Thätigkeit des Reichstags"( Reichstagsabgeordneter Frohme). Der Hafen.* Von Guy de Maupallant. Deutsch von Marie Kunert. Am 3. Mai 1882 hatte der riesige Dreimaster Notre- Dame- desMonts Havre verlassen, um nach den chinesischen Meeren zu segeln, und am 8. August 1886 lief er nach vierjähriger Reise in den Hafen von Marseille ein. Nachdem er seine erste Ladung in dem chinesischen Hafen, nach dem er bestimmt war, gelöscht hatte, fand er sofort neue Fracht für Buenos- Ayres, und von dort war er wieder mit Waaren nach Brasilien gegangen. Mehrere andere Fahrten, Havarie, Reparaturen, monatelang währende Windstille, dann Stürme, die das Schiff weit ab von seinem Kurs trieben, kurz all die mannigfachen Ereignisse, Abenteuer und Mißgeschicke, die eine Seereise mit sich bringt, hatten den normannischen Dreimaster, der jetzt mit einer Ladung amerikanischer Konserven nach Marseille zurückkehrte, so lange von seinem Heimathlande ferngehalten. Bei der Abreise hatte er außer dem Kapitän und dem Steuermann vierzehn Matrosen an Bord, acht normannische und sechs bretonische. Bei der Heimkehr waren davon nur noch fünf Bretonen und vier Normannen vorhanden. Der Bretone war unterwegs gestorben, und die vier Normannen, die unter verschiedenen Umständen verschwunden waren, hatte der Kapitän ersetzt durch zwei Amerikaner, einen Neger und einen Norweger, der eines Abends in einer Schenke von Singapore halb mit List, halb mit Gewalt angeworben worden war. Das große Schiff mit den aufgezogenen Segeln wurde von einem Marseiller Schlepper geführt. Er keuchte vor ihm her durch die letzten Wogen, die unter der eingetretenen Windstille allmälig erstarben, er * Nachdruck nur mit Bewilligung der Uebersetzerin. 140 In der nämlichen Zeit fanden Vereinsversammlungen statt in: Altona, Mitgliederversammlung des Verbands der deutschen Schneider und Schneiderinnen: Abrechnung, interne Angelegenheiten; Berlin, Mitgliederversammlung der Filiale des Vereins der graphischen Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die heilige Inquisition"( Genosse Sassenbach); Mitgliederversammlung der Freien Vereinigung der Händler und Händlerinnen:„ Die Frau und der Sozialismus"; Mitgliederversammlung des Verbands der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: Thätigkeitsbericht, Kassenbericht, Neuwahl des Vorstands; Mitgliederversammlung des Vereins der Sattler und Tapezirer:„ Historische Frauengestalten"( Genosse Mauerer); Dresden, Mitgliederversamm lung des Arbeiterinnen- Bildungsvereins:„ Die historische Entwicklung der Gesindeverhältnisse in Sachsen"( Genosse Wetzker). Die liebe Polizei im Kampfe gegen die prolefarischen Frauen. Das Koalitionsrecht mit dem Maulforb daneben, wie es den Arbeiterinnen in Bayern, dank der Praxis der Vereinsgesetze durch die Behörden, bescheert ist, wird wieder einmal recht lieblich illustrirt durch die Verbote der öffentlichen Arbeiterinnenversammlungen in Erlangen, Fürth, Nürnberg und Kaiserslautern. Sämmtliche vier Ukase trafen Versammlungen, in denen Genossin SteinbachHamburg über das Thema referiren sollte:„ Die Arbeiterinnen im Kampfe um ihre wirthschaftliche Existenz", trafen Versammlungen, deren gewerkschaftlicher Charakter von vornherein so flar war, daß er von Niemand bezweifelt wurde. Von Niemand natürlich, mit Ausnahme der lieben, hochweisen Polizei, welche durch das Mikroskop der Amtseifrigkeit entdeckte, daß es sich wieder einmal um Vereinsversammlungen des+++ politischen Vereins Sozialdemokratie handelte. Zur Begründung ihrer sehr maßgeblichen Ansicht wurde die gewöhnliche, für profane Menschen sehr unmaßgebliche Beweisführung aufgerollt: die Feststellung des Vereinscharakters der Sozialdemokratie durch frühere richterliche Entscheidungen, die bekannte sozialdemokratische Gesinnung der Referentin, des Einberufers, die Behandlung der Gewerkschaftsfrage auf verschiedenen sozialdemokratischen Parteitagen und deren Beschlüsse und patati und patata. Bekanntlich haben bayerische Behörden wiederholt versichert, daß trotz der beliebten Praxis der Vereinsgesetze die bayerischen Arbeiterinnen sich des in der Verfassung gewährleisteten Koalitionsrechts unbeschränkt erfreuen. Wir dürfen natürlich nicht an dem guten Glauben und der ernſten Ueberzeugung der bayerischen Behörden zweifeln. Wir erlauben uns deshalb, sie höf= lichst darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich mit ihrer Ansicht in einem Wahn befinden, den die Arbeiterinnen sehr bitter empfinden. Das Koalitionsrecht ohne volle Versammlungsfreiheit ist ein Unding, ist zog es vorüber an dem Schlosse von If, dann unterhalb der grauen Felsen der Rhede, welche die zur Rüfte gehende Sonne mit goldenem Schimmer umhüllte. Endlich fuhr der Dreimaster in den alten Hafen ein, wo an den Quais entlang, Flanke an Flanke, Schiffe aus aller Herren Länder, bunt durcheinander große und kleine Schiffe von jeder Gestalt und Takelung, in der engen Bucht vor Anker lagen, in deren fauligem, übelriechendem Wasser die Schalen der Muscheln sich an einander rieben. Notre- Dame- des- Monts nahm ihren Platz zwischen einer italienischen Brigg und einer englischen Goëlette, die auswichen, um den neuen Kameraden passiren zu lassen. Dann, als allen Formalitäten des Zollamts und der Hafenverwaltung genügt war, erlaubte der Kapitän zwei Dritteln seiner Mannschaft, den Abend am Lande zu verbringen. Die Nacht brach herein. In Marseille wurden die Gaslaternen angezündet. Der Sommerabend war warm, und ein leichter mit Knoblauchduft geschwängerter Küchengeruch schwebte über der geräuschvollen Stadt mit ihrem lärmenden Stimmengewirr, ihrem Wagenrasseln, ihrer südlichen Heiterkeit. Sobald die zehn Männer, welche das Meer monatelang geschaukelt hatte, am Lande angelangt waren, trabten sie lässig, fast zögernd, immer je zwei zusammen, vorwärts, als wären sie des Landes, der Städte entwöhnt. Mit wiegendem Schritt gingen sie dahin; sie schwenkten hierhin und dorthin ab und spürten bald die nach dem Hafen mündenden Gäßchen auf. Ein fieberhafter Drang trieb sie, der während der sechsundsechzig letzten Tage der Seefahrt immer heftiger geworden war. Die Normannen marschirten voran unter der Leitung von Cölestin Duclos, einem großen, fräftig gebauten Burschen mit verschlagenen Zügen, der den anderen, wenn sie ans Land gingen, stets als Führer diente. Er verstand sich darauf, die besten Orte ausfindig zu ein Messer ohne Klinge. Die bayerischen Behörden werden dies sicher noch lernen, wenn die Sozialdemokratie eine Macht geworden ist, welche eine neuzeitliche Regelung der Vereins- und Versammlungsgesetze und eine ihr entsprechende Handhabung derselben durchzusetzen vermag. " In der Rheinprovinz ist in neuester Zeit dem Gesetzestert und der früheren Gepflogenheit zuwider eine bayerische oder sächsische Handhabung der Vereins- und Versammlungsgesetze zur Regel geworden. Reichstagsabgeordneter Molkenbuhr unternimmt gegenwärtig eine Agitationstour durch die Rheinlande. Wie bisher wollten zahlreiche Frauen die öffentlichen Volksversammlungen besuchen, in denen Genosse Moltenbuhr referiren sollte. In Krefeld, Duisburg, Mühlheim a. d. R., Barmen, Elberfeld und Mangenberg ordneten die überwachenden Polizeibeamten die Entfernung der Frauen aus den Versammlungen an. Desgleichen wurde die Ausweisung der Frauen aus einer öffentlichen Gewerkschaftsversammlung in Dülken gefordert. Zur Begründung" der Maßregel mußte der bekannte 30pfige§ 8 des preußischen Vereinsgesetzes herhalten, sowie die„ Annahme", daß die betreffenden Versammlungen solche eines politischen Vereins seien. Mit besonders staatsretterischer Fürsicht waltete der Ueberwachende in Mülheim a. d. R. seines Amts. Sein gewissen haftes Gemüth beruhigte sich erst dann, als die Entfernung der am Buffet bedienenden Tochter des Wirths durchgesetzt und damit deren Seele sicherlich die ewige politische Jungfräulichkeit gerettet hatte. In Krefeld wurde Genossen Wolters, dem Vertrauensmann der Partei, gleich auf dem Anmeldeschein in dem geschätzten höflichen Amtsdeutsch bemerkt, daß Frauenspersonen fein Zutritt zu der Versammlung gewährt werden dürfe". Wolters hatte betreffs dieses Verbots eine Unterredung mit zwei behördlichen Mannspersonen", nämlich mit dem Polizeiinspektor und dem Oberbürgermeister, als deren Resultat er die oberbürgermeisterliche profunde Weisheit überdenken konnte," Frauen hätten sich nicht um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern". In einer späteren Unterredung mit dem Polizeiinspektor ward ihm die Kunde, daß er, Wolters, nur eine vorgeschobene Person sei und im Auftrage eines, politischen Vereins", des Rheinischen Agitationskomites handle. Auf seine Antwort, daß der Sitz dieses Komites in Elberfeld sei, und daß er nichts damit zu thun habe, hieß es mit polizeiwüchsiger Kürze:„ Ach was, das kennen wir, die Komites bestehen überall." In Mangenberg erwies sich der Polizeieifer als ein komischer Schlag ins Wasser. Die aus dem Versammlungslokal gewiesenen Frauen setzten sich nämlich der Reihe nach dicht neben die weitgeöffnete Saalthür in das Nachbarzimmer und hörten hier den Vortrag von Anfang bis zu Ende an, ohne daß die Polizei gegen die hartgesottenen Sünderinnen einschreiten konnte. In Barmen fam es zur Auflösung der Versammlung, weil dem polizeilichen Verlangen auf Entfernung der Frauen nicht stattgegeben wurde. Das machen, ersann auch hie und da wieder neue Vergnügungen, und ging den unter den Matrosen in den Häfen so häufigen Prügeleien gern aus dem Wege. Aber wenn er nicht ausweichen konnte, so fürchtete er sich auch vor Niemand. Sie zauderten etwas, welche sie wählen sollten von all den dunklen Straßen, die wie Gossen in das Meer mündeten, und aus denen schwere Dünste aufstiegen. Endlich entschied Cölestin Duclos sich für eine schmale, krumme Gasse, in der über den Thüren Laternen glänzten, die auf ihren trüben, bunten Scheiben riesige Nummern trugen. In den engen Thorwegen saßen auf Strohsesseln Frauen, die mit ihren Schürzen wie Kindermädchen aussahen. Sie standen rasch auf, als sie die Matrosen kommen sahen. Bis zu dem Rinnstein, der die Straße in der Mitte theilte, gingen sie den Männern entgegen, die langsam vorwärts schritten und dabei sangen und lachten, angeregt durch die Nähe der Kasernen der Prostitution. Zuweilen erschien im Hintergrund eines Hausflurs hinter einer zweiten plötzlich sich öffnenden Thür die Gestalt eines üppigen, halb entblößten Mädchens, dessen plumpe Schenkel und dralle Waden sich unter einem weißen, baumwollenen Trikot herausfordernd abzeichneten. Der kurze Rock war nicht viel mehr als ein bauschiger Gürtel, und das Fleisch ihrer Brust, ihrer Schultern und Arme hob sich von dem mit Goldborten besetzten schwarzen Sammtmieder rosig ab. Eine der Dirnen rief schon von weitem:„ Kommt Ihr zu uns, Ihr hübschen Burschen?" und sie trat sogar auf die Straße, um sich an einen der Männer zu klammern und ihn mit aller Kraft nach der Thüre zu zerren, einer Spinne gleich, die ein größeres Thier bewältigen will. Der Mann leistete nur geringen Widerstand, und die anderen blieben stehen, um zuzusehen. Sie schwankten zwischen dem Verlangen, sofort einzutreten, und dem anderen, den unterhaltenden Spaziergang fortzusetzen. Als die Dirne dann mit gewaltiger Anstrengung den Matrosen bis zu der Schwelle ihres Hauses gezerrt hatte, wo seine Begleiter 141 gleiche Schicksal ereilte aus dem gleichen Grunde zwei Versammlungen zu Elberfeld, von denen die zweite zur Erhebung eines Protestes gegen die Auflösung der ersten einberufen worden war. Die Vorstellungen der Parteigenossen Ullenbaum und Harm beim Bürgermeisteramt waren vergeblich. Daraufhin wurde an den besonderen Gönner der proletarischen Frauenbewegung, Herrn v. Köller, folgendes Telegramm abgesendet:„ Minister des Innern, Berlin. Hiesige Polizei löste am 14. und 17. August zwei öffentliche Volksversammlungen auf, weil Frauen anwesend. Persönliche Beschwerden bei hiesiger Behörde blieben ohne Grundangabe. Wende mich hiermit beschwerdeführend an Ew. Exzellenz mit dem Ersuchen, sofortige Remedur zu schaffen. W. Ullenbaum." In Krefeld hat Genosse Wolters auf Grund des § 339 des Strafgesetzbuches gegen den Polizeiinspektor Strafanzeige gestellt, um eine Entscheidung über die wichtige Frage herbeizuführen. Auch in den übrigen Orten ist Strafanzeige gestellt bezw. Beschwerde eingereicht worden. Wie das Rheinische Agitationskomite mittheilt, ist die früher nicht vorgekommene Praxis der Polizei auf eine Verfügung der Düsseldorfer Regierung zurückzuführen und wurde nur in deren Bezirke geübt. Die Genossen der Rheinprovinz sind entschlossen, alle Rechtsmittel zu erschöpfen, um den Frauen das dürftige Bischen politischer Bewegungsfreiheit zu wahren, mit dem sie der preußische Staat bedacht hat. Es wird sich dann zeigen, ob auch heute das Wort sich bewährt:„ Noch giebt es Richter in Preußen!" Jedenfalls zeigt der Vorstoß zur Beschränkung des Versammlungsrechts in den Rheinlanden, daß seit dem seligen Umsturzrummel der Geist fröhlicher Köllerei in die Behörden gefahren ist, und man begreift die Ahnungsfreudigkeit, mit welcher der biedere Polizeiminister von Preußen, der im Nebenamt die Literatur vor Entsittlichung schützt, bei Ablehnung der be- rühmten Vorlage ausrief:„ Das Umsturzgesetz ist todt, es lebe das Umsturzgesetz!" Nur zu! Die proletarische Frauenbewegung ist gewöhnt, daß der Staat thut, was er nicht lassen fann und den Sozialismus überall bekämpft. Sie weiß auch, daß er lassen muß, was er nicht thun kann, nämlich die Ausbreitung des Sozialismus zu hindern. Sie marschirt mit der allgemeinen sozialistischen Bewegung weiter. Die Agitation für die gewerkschaftliche Drganisation der Arbeiterinnen. Die von der Generalkommission der Gewerkschaften seit Ende vorigen Jahres eingeleitete und vorbereitete Agitation für die Einbeziehung der Industriearbeiterinnen in die gewerkschaftlichen Organisationen ist seit Anfang August im Gange. Sie bedeutet den umfangreichsten, fräftigsten, planmäßigsten und bestvorbereiteten Vorstoß, der bisher in Deutschland gemacht worden ist, um die stetig angleichfalls eingefangen werden sollten, rief plötzlich Cölestin Duclos, der sich auf dergleichen Häuser verstand:„ Geh' nicht hinein, Marchand, das ist nicht unser Ort." Gehorsam riß der Mann sich mit einem brutalen Rucke los, und der Trupp der Freunde schloß sich wieder, verfolgt von den unfläthigen Schimpfworten des wüthenden Frauenzimmers, während in der ganzen Straße vor ihnen andere Weiber, durch den Lärm angelockt, vor die Thüren hinaustraten und ihnen mit heiseren Stimmen verheißungsvolle Lockungen zuriefen. Immer aufgeregter schritten die Matrosen dahin unter den Schmeicheleien und Lockungen, die ihnen der Chor der vor den Thüren versammelten Lustdirnen der ganzen Straße zurief. Sie gingen weiter unter den gemeinen Verwünschungen, die der Chor der Enttäuschten und Zurückgewiesenen ihnen nachschrie. Hin und wieder trafen sie auf einen anderen Trupp, auf Soldaten, die säbelrasselnd daherkamen, auf Matrosen, auf vereinzelte Bürger, auf Handlungsbeslissene. Ueberall öffneten sich neue enge Straßen, die nur trübe erhellt waren. Immer weiter marschirten sie in diesem Labyrinth von winkligen Gassen, auf dem schlüpfrigen Pflaster, auf welchem stinkendes Wasser entlang sickerte, an den Häusern vorüber, die mit Weiberfleisch angefüllt waren. Endlich hatte Duclos einen Entschluß gefaßt, und vor einem ziemlich stattlich aussehenden Hause stehen bleibend, ließ er seine Gefährten eintreten. * * Nichts fehlte dem Feste. Vier Stunden lang schwelgten die zehn Matrosen in einem Uebermaß von Wein und anderen Genüssen. Der Sold von sechs Monaten wurde hier mit einem Male vergeudet. In dem großen Saale des Kaffees hatten sie sich als Herren niedergelassen, und nun sahen sie mit unwilligen Blicken auf die Stammgäste, die an kleinen Tischen in den Ecken Platz nahmen, wo die frei gebliebenen Mädchen, die entweder als Babies oder als Café 142 , schwellende Menge der industriellen Arbeiterinnen den Organisationen > zuzuführen, d. h. sie kampfesfähig zu machen gegen das ausbeutende Unternehmerthum. Die Dringlichkeit dieser Aufgabe voll erfaßt zu haben und mit aller Energie an ihre Lösung gegangen zu sein, ist das unbestrittene und große Verdienst der Generalkommission. Es verdient um so rückhaltslosere Anerkennung, als die Kommission bei den Vorarbeiten zur Verwirklichung ihres Planes anfangs auf Seiten mancher Gewerkschaftsorganisationen und zumal mancher Gewerk- schaftskartelle auf große Lauheit stieß und nur geringe Unterstützung fand. Trotz dem nicht ermuthigenden Anfang hielt sie an ihrer Absicht fest und hat im Laufe des ersten Halbjahres 1894 mit Zähigkeit und Thatkraft den größten Theil der diesbezüglichen Hindernisse überwunden. Nachdem sie das Terrain sondirt, die nöthigen Anregungen ertheilt, die erforderlichen Verbindungen hergestellt hatte und einen Ueberblick darüber besaß, in welchen Gegenden, beziehungsweise Orten und für welche Arbeiterinnenkategorien die Agitation am nöthigsten sei, ging sie an die Aufstellung des Aktionsplanes. In sieben großen Bezirken Deutschlands sollte die Agitation gleichzeitig in Angriff genommen werden. Es sind dies die Bezirke: 1. Schlesien(Referentin Genossi» Ihrer); 2. Schlesien und Sachsen(Genossin Blohm); 3. Thüringen(Genossin Löwenherz); 4. Süddeutschland und Elsaß-Lothringen(Genossin Steinbach); ö. Rheinprovinz, Hessen und Westfalen (Genossin Schneider); K. Provinz Sachsen, Anhalt und Nordwestdeutschland(Genossin Kähler); 7. Pommern, Mecklenburg, Schleswig- Holstein, Hamburg und Mark Brandenburg(Genossin Rohrlack). Im Ganzen waren bis zum Beginn der Agitation l<»S öffentliche Versammlungen festgesetzt, auf die einzelnen Bezirke, beziehungsweise Referentinnen entfallen von 19 bis 26 Versammlunge». Die Arbeit hat auf der ganzen Linie programmgemäß Anfang August begonnen, sie wird eventuell unterbrochen und Ende September und Anfang Oktober zu Ende geführt. Die mögliche Pause wurde vorgesehen mit Rücksicht auf die Reserentinnen und mit Rücksicht darauf, daß in den kleineren Orten die industriell thätigen Frauen und Mädchen während der Erntezeit vielfach auch mit land- wirthschaftlichen, beziehungsweise Gartenarbeilen beschäftigt sind. In allen Agitationsversammlungen referiren, wie aus den vorstehenden Angaben ersichtlich, Genossinnen, da man der unseres Erachtens richtigen Ansicht war, daß Frauen besser den Ton finden, wie zu den Frauen gesprochen werden muß, um sie über ihre Interessen aufzuklären. Damit möglichst viel Arbeiterinnen von der Agitation erfaßt werden, hat die Generalkommission ein zweckentsprechendes Flugblatt herausgegeben, das in Fabriken und Werkstätten verbreitet wird, auf die Versammlungen aufmerksam macht und zu ihrem Besuch auffordert. Den Gewerkschaftsorganisationen der einzelnen Orte hat die Generalkommission die Vorbereitungsarbeiten so viel als thunlich erleichtert. So verschickte sie z. B. vorgedruckte Listen, in denen die Gewerkschaften, welche eine Agitation unter den Arbeiterinnen des Ortes für nöthig erachteten, dessen Namen anzugeben hatten, ferner die Zahl der gewünschten Flugblätter und den Namen und die Adresse des Einberufers der Versammlung. Zu bemerken war, ob eine allgemeine oder eine Branchenversammlung und ob diese Sonntags oder Wochentags stattfinden sollte. Nach der Zusammenstellung der Agitationstour eines Bezirks setzten sich die Referentinnen mit den Einberufern, beziehungsweise den Organisationen direkt ins Einvernehmen bezüglich der Festsetzung des Datums der Versammlung und anderer Einzelheiten. Auch den Referentinnen stellte die Generalkommission für ihren Verkehr mit den Gewerkschaften gedruckte Formulare zur Verfügung. Welche Masse oder richtiger Unmasse von Korrespondenzen und Vorarbeiten verschiedener Art die Generalkommission zu bewältigen hatte, um die Agitation in Fluß zu bringen, erhellt wohl zur Genüge aus diesen Angaben. Soweit uns bekannt, hat bisher die Agitation allerorts einen befriedigenden Verlauf genommen. Nur in Bayern wurden, wie wir an anderer Stelle mittheilen, der Genossin Steinbach sämmtliche Versammlungen verboten. Natürlich unter der gewöhnlichen freisinnigen „Begründung", daß es sich um politische Vereinsversammlungen des politischen Vereins„Sozialdemokratie" gehandelt habe. Die Verbote haben für den Kenner bajuvarischer Polizeigepflogenheiten nichts Ueberraschendes, sie werden sicher unseren Genossen im bayerischen Landtag Gelegenheit geben, die schwere Beeinträchtigung des Koalitionsrechts der Arbeiterinnen gebührend zu brandmarken. Daß die stattfindende Agitation ihre Früchte tragen wird, ist außer Zweifel. Wenn auch nicht gleich, so doch sicher allmälig. Die Ausklärung, welche sie den Arbeiterinnen über ihre Lage gebracht hat, wird weiter leuchten; die Anregung, welche sie ihnen gab, sich durch die Macht der Organisation ihrer Haut zu wehren, wird weitere und weitere Kreise ziehen. Nicht Entmuthigung darf uns beschleichen, wenn der ausgestreute Samen nur langsam in die Halme schießt, nur mählich reift. Wir dürfen eben nicht außer Acht lassen, daß die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinne» auf besondere Schwierigkeiten stößt, welche zum Theil begründet sind in der sozialen Stellung und in der Eigenart der Frau, zum Theil auch in ihren Arbeitsbedingungen und>at>t not Isast in der Lässigkeit, mit welcher viele Männer, gute Gewerkschaftler, gute Parteigenossen, das Werk der Aufklärung ihrer Kameradinnen betreiben. Thöricht wäre es, diese Schwierigkeiten zu leugnen, aber genau ebenso thöricht, ihretwegen den Nutzen und den Erfolg der Agitation unter den Arbeiterinnen bestreiten zu wollen. Hoffentlich öffnet die begonnene Agitation vielen Tausenden von Arbeiterinnen die Augen über die Nothwendigkeit der Organisation, hoffentlich macht sie auch vielen Männern klar, wie arbeiterfeindlich es ist, nicht mit allen Kräften die gewerkschaftliche Zusammenfassung konzertsängerinnen gekleidet waren, sie eilig bedienten und sich dann zu ihnen setzten. Nachdem sie eingetreten waren, hatte jeder der Männer sich eine Gefährtin gewählt, welche er den ganzen Abend über behielt, denn der gemeine Mann liebt die Veränderung nicht. Drei Tische waren zusammengerückt worden, und nach dem ersten Glase begab sich der ganze Troß die Treppe hinauf. Auf den hölzernen Stiegen hallten die Tritte jedes Paares noch nach, als sich der Zug durch die enge Thür drängte, die zu den Kammern führte. Man stieg dann wieder hinunter, um zu trinken, ging von neuem die Treppe hinauf und kam dann nochmals herunter. Jetzt schrieen die Männer halb berauscht aus vollem Halse. Jeder von ihnen saß mit rothunterlaufenen Augen da, hielt seine Auserkorene auf dem Schooß, sang, brüllte und schlug mit der Faust auf den Tisch, goß den Wein hinunter und ließ der menschlichen Bestie freien Lauf. Mitten unter ihnen saß auch Cölestin Duclos und preßte ein großes, rothwangiges Mädchen an sich, das er mit glühenden Blicken betrachtete. Weniger berauscht als die anderen, obgleich er nicht weniger getrunken hatte als sie, war er in seiner Art zärtlich und versuchte ein Gespräch mit dem Mädchen anzuknüpfen. Die Gedanken ließen ihn dabei hin und wieder im Stich, gingen, kamen wieder und verschwanden, ohne daß er sich gerade auf das, was er sagen wollte, besinnen konnte. Er lachte und wiederholte:„Also, also... Du bist� schon lange hier?..." „Sechs Monate", antwortete das Mädchen. Er betrachtete sie mit wohlwollender Miene, wie wenn dies ein Beweis für ihre gute Führung gewesen wäre, und begann von neuem: „Gefällt Dir dieses Leben?" Sie zögerte erst, dann sagte sie resignirt:„Man gewöhnt sich daran. Es ist nicht gemeiner als irgend etwas anderes. Ob man Dienstmädchen oder so Eine ist, es ist eines so schmutzig wie das andere." Er schien auch diese Wahrheit zu billigen. „Du bist nicht von hier?" sagte er. Sie verneinte durch ein Kopfschütteln, ohne sonst zu antworten. „Bist Du weit her?" Sie bejahte auf dieselbe Art. „Woher denn?" Sie schien ihre Erinnerungen wieder zusammenzusuchen, dann murmelte sie:„Aus Perpignan." Er schien wieder sehr befriedigt und sagte:„Ah so!" Nun fragte sie ihn:„Und Du, Du bist Seemann?" „Gewiß, mein schönes Kind." „Du kommst weit her?" „O je! Ich habe viele Länder, Häfen und alles gesehen." „Du hast vielleicht gar die Reise um die Welt gemacht?" „Das will ich meinen, mehr wie ein Mal." Von neuem schien sie zu zögern, in ihren Gedanken etwas Vergessenes zu suchen, dann sagte sie mit etivas veränderter, ernsterer Stimme:„Du bist auf Deinen Fahrten auch vielen Fahrzeugen begegnet?" „Das will ich meinen, meine Schöne." „Hast Du vielleicht zufällig Notre-Dame-des-Monts gesehen." Er lachte auf:„Erst vorige Woche." Sie erblaßte, alles Blut wich ihr aus den Wangen, als sie fragte: „Gewiß und wahrhaftig?" „So wahr, wie ich hier mit Dir spreche." „Du lügst nicht?" Er erhob die Hand. „Beim lieben Gott!" sagte er. (Schluß folgt.) der Arbeiterinnen zu fordern. Das eine thut so noth als das andere. Gewiß tritt die sozialistische Arbeiterbewegung als Ganzes rückhaltslos und energisch dafür ein, daß sich die proletarischen Frauen auf der ganzen Linie am Klassenkampf betheiligen. Nichtsdestoweniger läßt es der einzelne Gewerkschaftler, der einzelne Genosse sehr oft an ernsten Bemühungen fehlen, der Erkenntniß entsprechend zu handeln. Wenn jeder klaffenbewußte Arbeiter in Zukunft in dieser Hinsicht das rechte Verständniß, den rechten Eifer bethätigt, wird die gewerkschaftliche Organisation der Lohnfklavinnen erfreuliche Fortschritte machen, ist die Zeit nicht fern, wo sie als Glieder der Gewerkschaften mit ihren Kameraden zusammen für bessere Arbeitsbedingungen erfolgreich zu kämpfen vermögen. Bur Lage der Geraer Textilarbeiterinnen. Schon von weitem kündet sich Gera als Fabrikstadt an. Hoch ragen Schlote neben Schloten über die Häuser empor, dicke Rauchsäulen in die Luft sendend, die meist dick und trübe über der Stadt lagert. Streift man durch diese selbst und durch ihre nächste Umgebung, so stößt man auf zahlreiche Gebäude, die gleich äußerlich als Fabrikfasernen erkenntlich sind. Geraer Webwaaren sind in ganz Deutschland wie im Auslande wohl bekannt. Wie überall in der Textilindustrie so spielt auch in der Geraer Weberei die Frauenarbeit eine hervorragende Rolle. Will man sich davon de visu überzeugen, so braucht man nur gegen Feierabend in einer Straße Posto zu fassen, durch welche die Arbeiterschaft mehrerer Fabriken dem ärmlichen Heim zueilt. Verhältnißmäßig flein nur ist die Zahl der vorübergehenden Männer, schaarenweise dagegen entströmen den Fabriken Frauen und Mädchen, welche nach Hause hasten oder sich von dem„ Arbeiterzug" dem oft sehr entfernten Wohnort zuführen lassen. Das Bild, das man dann von der Ausdehnung der Frauenarbeit erhält, läßt die Versicherung als durchaus glaubhaft erscheinen, daß gegenwärtig in Gera viele Männer arbeitslos daheimhocken, während ihre Frauen und Töchter in der Fabrik schaffen und den Lebensunterhalt der Familie verdienen. Hauptsächlich sind es Cachemirstoffe und in neuester Zeit Stoffe für Herrenanzüge, welche in Gera fabrizirt werden. Zweierlei Webstühle sind in Gebrauch, die sogenannten Schaufelmaschinen und die Jacquardstühle. Das Stück Stoff mißt meist 104 Meter, die Anzahl der Kettenfäden beträgt 3840, auf den Meter Stoff entfallen 42 Schuß oder Touren. Mittels der Schaufelmaschine kann die Arbeiterin, dafern alles gut geht, und kein Zwischenfall ihr Schaffen stört, in einem Tage 14 Meter weben. Um die 104 Meter eines Stückes fertig zu stellen, muß sie also 71/2 Tage arbeiten. Dazu kommt aber sehr oft noch ein weiterer halber oder ganzer Tag, der mit dem Anknüpfen zerrissener Fäden verloren geht, so daß im Durchschnitt 8-81/ 2 Tage Arbeitszeit auf das Weben eines Stückes gerechnet wird. Der Jacquardstuhl geht etwas langsamer, arbeitet dafür aber glatter und schöner. Die Arbeiterin webt an ihm täglich 12-13 Meter, also in etwa 8-9 Tagen ein Stück Stoff von der angegebenen Länge. Der Arbeitslohn dafür beträgt 12 Mt. Nimmt man an, daß die Arbeiterin durchschnittlich in 8 Arbeitstagen die 104 Meter webt, so ergiebt sich dafür ein täglicher Verdienst von 1,50 Mt. oder ein Wochenverdienst von 9 Mt. Da jedoch in Zeiten guten Geschäftsganges jede Arbeiterin gleichzeitig zwei Stühle bedient, so beträgt ihr Verdienst das Doppelte: 18 Mt. pro Woche, 3 Mt. pro Tag. Dieses Einkommen erscheint als verhältnißmäßig hoch im Vergleich zu den Bettelpfennigen, welche die Arbeiterinnen der Konfektionsbranche, Wäsche- und Kravattenfabrikation und vieler anderen Erwerbszweige nach Hause tragen. Aber leider wird der verhältnißmäßig gute Verdienst nicht immer und nicht von der Mehrzahl der Geraer Weberinnen erreicht. Bei flauem Geschäftsgange arbeiten sie nur an einem Stuhl und müssen oft mehrere Tage in der Woche aussetzen, nicht selten kommt es dann vor, daß Arbeiterinnen sich mit einem Wochenverdienst von 5 und 7 Mt. begnügen müssen. Dazu kommt noch, daß jederzeit Strafgelder für Zuspätkommen und Abzüge für etwa schadhafte Stellen im Gewebe den sauer erarbeiteten Lohn oft um ein Beträchtliches türzen. So wurden kürzlich einer Arbeiterin von dem 30 Mt. betragenden Verdienst für das Weben eines Doppelstücks Cachemir nicht weniger als 15 Mt. für„ Verzug"( fehlerhafte Schußlage) abgezogen. Wohl liegt bei derartigen Fehlern ein Versehen der Arbeiterin bezw. des Arbeiters vor. Aber man bedenke, was es heißt, 10-11 Stunden täglich mit gespannter Aufmerksamkeit zwei Stühle bedienen zu müssen, deren Schüßen mit unheimlicher Geschwindigkeit hin- und herfliegen, während rings alles schwirrt, summt, flappert, der Fußboden zittert, und die von den Ausathmungen vieler Menschen verdorbene Luft, die von Myriaden feinster Woll- und Baumwollfäserchen durchsetzt ist, schwer und drückend den Raum erfüllt. Wollte man längere Zeit 143 hindurch feststellen, zu welcher Tageszeit die meisten Fehler vorfommen, so würde sich unseres Erachtens wohl ergeben, daß dies in den letzten Arbeitsstunden der Fall ist, wo die Aufmerksamkeit der Weberinnen natürlich genug nachläßt. Eine Verkürzung der Arbeitszeit würde sich auch nach der Richtung hin als vortheilhaft erweisen. Die oben angegebenen Löhne für Weberinnen erscheinen übrigens den Geraer Fabrikanten unter denen sich nicht wenige vielfache Millionäre befinden als bei Weitem zu hoch. Allerdings wagen sie keine direkten Lohnherabsetzungen, weil die Geraer Arbeiterschaft bewiesen hat, daß sie gegebenen Falles treu zusammensteht. Dafür benüßen sie einen anderen Ausweg, um ihren ungemessenen Mehr werthhunger zu befriedigen. Viele Geraer Fabrikanten schicken Ketten und Garne in das benachbarte sächsische Voigtland, wo das Weben zu den billigsten Preisen geschieht. Hier hat sich nämlich in manchen Gegenden eine Art Schwitzsystem für die Weberei entwickelt. Kleine Kapitalisten miethen Webstühle, übernehmen das Weben für die Fabrikanten zu sehr niedrigen Akkordpreisen und stellen dann Arbeitskräfte ein, die sie, da sie selbst dabei profitiren wollen, entsprechend niedrig, um nicht zu sagen hundsmäßig entlohnen. Meist sind es die Frauen von Landarbeitern oder sogenannten„ Häuslern", welche von den Zwischenmeistern beschäftigt werden. Sie kommen oft stundenweit zur Arbeit und verdienen pro Woche 4-5 Mt. Freilich ist es den Herren Fabrikanten nicht möglich, für alle Beschäftigungsarten rückständige, an die niedrigste Lebenshaltung gewöhnte Arbeiterinnen als Lohndrückerinnen ausspielen zu können. In den mechanischen Webereien bedarf man auch intelligenter„ Hände", der„ Nopperinnen", welche die Fehler im Gewebe auszubessern haben. Wenn es hier dicke Stellen, Webefäden, abweichende Farben giebt, so muß die Nopperin die fehlerhaften Fäden entfernen und gute einziehen. Nur sehr intelligente Frauen und Mädchen können zu dieser Arbeit verwendet werden, die große Geschicklichkeit und peinliche Genauigkeit erfordert, denn die ausgebesserte Stelle darf nicht entdeckt werden, auch wenn man den Stoff gegen das Licht hält. Die Nopperinnen müssen flinke, leichte Finger und ein geübtes, sicheres Auge besitzen. Bei flottem Geschäftsgange verdienen sie 20-25 mit. pro Woche. Lange jedoch halten sie die Arbeit nicht aus: sie greift die Augen ungemein an und stumpft die feinen Nerven der Finger ab. In Folge der schnellen Abnutzung und der Seltenheit geeigneter Kräfte werden Nopperinnen fortwährend gesucht. Von ihrer Kunstfertigkeit hängt es zum Theil mit ab, ob für die Stoffe ein besserer oder niedrigerer Preis gezahlt wird. Wenn diese Arbeiterinnen ihrer Macht und ihrer Interessen bewußt wären und einheitlich handeln wollten, so würden sie wohl im Stande sein, eine Verbesserung ihrer Lage durch zusetzen, zu erreichen, daß z. B. an Stelle der aufreibenden Akkordarbeit gut entlohnte Zeitarbeit bei mäßigem Arbeitstage träte. Leider aber sind gerade die Nopperinnen noch vielfach mit Rastendünkel behaftet, halten sich für etwas Besseres als die übrigen Arbeiterinnen der Webereien und bleiben der Organisation fern. Die Geraer Tertilarbeiterinnen leiden, wie ihre Kolleginnen allerorten, in der Regel an Nervosität und Blutarmuth und ihren Begleiterscheinungen. Kein Wunder für den, der ihre Arbeitsbedingungen und Lebensweise kennt. Tagaus, tagein schaffen sie in Räumen, wo meist zu wenig und noch obendrein verdorbene Luft vorhanden ist, und in denen geeignete Ventilationseinrichtungen durch Abwesenheit zu glänzen pflegen. Es kommt auch vor, daß die Säle dieser oder jener Fabrik durch die Ausdünstungen schlecht angelegter Aborte geradezu verpestet werden. Rings um die Weberin Geräusche verschiedener Art, rings um sie alles Leben und Bewegung bis zu dem Fußboden, der beständig zittert und schwankt. Ihre gespannte Aufmerksamkeit muß sie zwischen den beiden Stühlen theilen, welche ihrer Bedienung anvertraut sind. Da bleibt eine Zerrüttung der Nerven und Blutarmuth nicht aus, und dies um so weniger, als ihr Einkommen im Allgemeinen keineswegs eine den Arbeitsleistungen entsprechende Lebensweise gestattet. Man darf eben nicht außer Acht lassen, daß der oben angegebene Lohn nicht immer und auch nicht von allen Arbeiterinnen der Webereien erreicht wird. Diese müssen mit Zeiten rechnen, wo sie nur die Hälfte, ein Drittel des möglichen Verdienstes erwerben oder auch gar nichts. So steht ihr Jahreseinkommen nicht blos viel niedriger, als es den Anschein hat, sondern die Arbeiterinnen verlieren in der Folge des unregelmäßigen Verdienstes auch vielfach die Fähigkeit, regelmäßig zu wirthschaften und ihr Geld einzutheilen. In Zeiten schlechten Geschäftsganges hungern sie, tritt ein Aufschwung ein, so leben sie etwas besser und verausgaben wohl auch hin und wieder manchen Groschen für äußerlichen Tand, der besser für nahrhafte Kost oder ein gutes Buch aufgewendet würde. Nur zopfige Philistermoral wird diesetwegen sittlich entrüstet von der„ sträflichen Leichtlebigkeit" der Weberinnen als Ursache ihrer Nr. 19 der ,, Gleichheit" gelangt am 18. September 1895 zur Ausgabe. Armuth zetern. Diese„ Leichtlebigkeit", welche nicht blos die Geraer Weberinnen charakterisirt, sondern meist bei der Textilarbeiterschaft zu finden ist, erklärt sich zur Genüge aus der wirthschaftlichen Lage der Betreffenden, erklärt sich daraus, daß gerade die Textilarbeiterschaft seit Generationen unsicheren und niedrigen Verdienst hat, aus der Hand in den Mund leben muß, und daß die in die Fabrik gezwungenen Mädchen und Frauen die wenigste Gelegenheit haben, wirthschaften und eintheilen zu lernen. Und nicht verargen kann man es andererseits den fleißigen Arbeiterinnen, wenn sie Sonn- und Feiertags nicht schon äußerlich, durch ihre Kleidung als Parias auffallen wollen, wenn sie das Bedürfniß fühlen, sich zu schmücken, es den besseren Frauen" gleich zu thun und ihrer Entwicklung nach das Gleichthun nicht anders als äußerlich aufzufassen vermögen. " Statt gegen die Ansprüche in einer Richtung als Quelle des Elends mit heuchlerischem Augenverdrehen zu predigen, gilt es, den Textilarbeiterinnen die„ verdammte Bedürfnißlosigkeit" in den anderen Lebensbeziehungen richtig zu kennzeichnen. Gesteigerte Lebensansprüche zusammen mit einer aufklärenden Agitation werden den Weberinnen in Gera, wie anderwärts, die Nothwendigkeit klar machen, organisirt einen planmäßigen Kampf aufzunehmen für bessere Arbeitsbedingungen, d. h. für eine menschenwürdigere Existenz; werden ihnen die Nothwendigkeit klar machen, auch ihrerseits bewußt mitzuarbeiten an der Beseitigung einer Gesellschaftsordnung, die für alle Glieder des Proletariats Elend, Unbildung und Unfreiheit bedeutet. Kleine Nachrichten. O. B. Zulassung der Frauen zum Studium in Deutschland. Wie verschiedene Blätter melden, soll die Absicht bestehen, im Anschluß an eine Zulassung der Frauen zum ordnungsmäßigen Studium der Medizin, die so gut wie beschlossene Sache sei, auch noch ein anderes Gebiet für die Erwerbsthätigkeit der Frauen zu eröffnen, nämlich das des Apothekerwesens. An maßgebender Stelle sei man der Meinung, daß gerade für den Apothekerberuf die Frauen geeignet seien. In Greifswald stellte gelegentlich einer Ansprache an die Ferienkursisten und Kursistinnen Professor Schmitt die baldige Zulassung der Frauen zu den Vorlesungen der dortigen Universität in Aussicht. Es scheint thatsächlich, daß man in Deutschland wenn auch mit dem österreichischen Landsturm immer langsam voran sich zu kleinen Fortschritten bezüglich des Frauenstudiums entschließt. Ausbeutung der Frauenarbeit in der Zuckerwaaren- und Chokolade- Industrie. Aus einer statistischen Erhebung der gewerkschaftlich organisirten Konditoren, Pfefferküchler 2c. erhellt, daß die Frauenarbeit in der Zuckerwaaren- und Chokolade- Industrie eine hervorragende Rolle spielt. In 35 einschlägigen Großbetrieben waren insgesammt 3407 Personen beschäftigt, und zwar 2157 Frauen und Mädchen, 938 Hilfsarbeiter, 47 Lehrlinge und nur 265 gelernte Arbeiter( inkl. Meister und Vorarbeiter). In der Saison werden 600-800 Arbeitskräfte mehr eingestellt, der Mehrzahl nach gleichfalls Frauen, Mädchen und Hilfsarbeiter. Der Zeitlohn der weiblichen Arbeiter schwankt zwischen 3 Mt. 60 Pf. bis 14 Mk. die Woche, ihr Durchschnittsverdienst stellt sich auf ca. 9 Mk., ein bedeutender Prozentsatz der Arbeiterinnen kommt jedoch nicht über einen Tagesverdienst von 1 Mk. hinaus. Die Akkordlöhne sind in einem Betrieb um 100 Proz., in zwei Fabriken um 20-25 Proz. höher als die Zeitlöhne; bei den übrigen Firmen stehen sie so niedrig, daß der Verdienst den Zeitlohn nur um ein ganz Geringes übersteigt, trotz anstrengendster Arbeit. In drei Betrieben herrscht das Zwischenmeistersystem, die Ausbeutung der Arbeitskräfte ist hier die tollste, ihre Bezahlung die niedrigste. Erweiterung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes in der Schweiz. In Bern sprach Großrath Reimann über den Arbeite rinnenschutz. Der Große Rath hat nämlich eine Motion gutgeheißen, die den Erlaß eines Arbeiterinnenschutzgesetzes bezweckt. Großrath Reimann forderte nun die Arbeiterinnen auf, in den verschiedenen Berufszweigen Erhebungen über die Arbeitsverhältnisse anzustellen, statistisches Material zu sammeln und dies dem Regierungsrath einzusenden. Gleichzeitig, so führte er aus, sollten sie die Anstellung eines weiblichen Fabrikinspektors fordern. Resolute Vertheidigerinnen ihrer Interessen waren kürzlich fünfhundert Frauen in dem venetianischen Dorfe Ariago( Schlägen), einer der„ Sette Commi", der sieben deutschen Gemeinden auf der Hochebene von Vicenza. Sie besetzten das Gemeindehaus, hielten gegen die Gendarmerie Stand und erreichten ihren Zweck: die Versammlung der Gemeinderäthe zu verhindern. Der neue Gemeinderath beabsichtigte nämlich, einen früheren Beschluß über die Ausführung 144 von Straßenbauten rückgängig zu machen. Die Frauen verließen den Gemeindesaal erst, als durch Protokoll festgesetzt war, daß binnen Kurzem, am 22. August, die Arbeit beginnt und die Männer ihren Familien Brot erwerben können. Heißwasser- Automaten in Paris. Die öffentlichen Heißwasser- Automaten, von deren Errichtung in Paris wir bereits vor mehreren Jahren berichteten, haben sich trefflich bewährt, so daß man ihre Zahl im Laufe des letzten Jahres verdoppelt hat, von 40 auf 80 vermehrte. Der Heißwasser- Automat besteht bekanntlich aus einer etwa 16 Fuß hohen Säule, in welcher mittels von Gas eine bestimmte Quantität Wasser beständig erwärmt wird. Durch das Einwerfen eines Soustückes( 5 Centimes= 4 Pf.) wird vorübergehend eine stärkere elektrische Flamme erzeugt, welche die in einer Röhre ablaufende bestimmte Quantität Wasser binnen 1% Minuten auf 60° Celsius erhitzt. Der Automat liefert für je 5 Centimes je 8 Liter heißes Wasser. Die Errichtung der Heißwasser- Automaten wurde von der Pariser Gemeindeverwaltung veranlaßt, welche Ausführung und Betrieb einer Gesellschaft übertrug. Sie schrieb dieser die obigen niedrigen Preise vor, welcher die Herstellungskosten nur um ein sehr Weniges übersteigt. In London will man dem gegebenen Beispiel folgen und gleichfalls derartige Heißwasser- Automaten aufstellen. Die Pariser Einrichtung wurde anfangs besonders von Droschkenkutschern benützt, um ihre Wagen zu waschen und im Winter die Wärmflaschen frisch zu füllen. Jedoch mehr und mehr bedienen sich ihrer auch Restaurants, Garküchen, vor allem auch Haushaltungen und sie sind gerade in Paris sehr zahlreich wo die Frau außerhalb des Heims beschäftigt ist oder selbständig ein Geschäft führt. Der Auto mat liefert aber das heiße Wasser billiger bezw. mindestens ebenso billig, als man es zu Hause erstellen kann, obendrein schneller, und die Arbeit des Herdheizens wird erspart. Die Einrichtung kommt insbesondere zahlreichen Arbeiterfrauen zu gute, welche bei den theueren und beschränkten Pariser Wohnungsverhältnissen keine Küche haben, sondern in dem einen Zimmer für alles auf einem Kohlenbecken oder einem Spiritusapparat fochen und wirthschaften müssen. Der Heißwasser- Automat bedeutet einen jener meist unbemerkt vorübergehenden Schritte zu den Zentralhauswirthschaftseinrichtungen der Zukunft; er gehört zu den Erfindungen, welche der Frau einen Zweig der alten Wirthschaftsthätigkeit im Hause nach dem anderen abnehmen, mit Ersparniß von Kosten und Arbeit in die Gesellschaft verlegen und die Kraft der weiland züchtigen Köchin und Scheuerfrau für die Bethätigung auf anderen Gebieten menschlichen Schaffens freisetzen. Ausstellung skandinavischer Frauen. In Kopenhagen wurde am 22. Juni eine Ausstellung eröffnet, welche einen Ueberblick geben soll über die Leistungen der Frauen in Dänemark und den anderen skandinavischen Ländern in der Vergangenheit( fulturhistorische Abtheilung) und Gegenwart. Die Ausstellung zeigt, was die Frau in ihrer alten Thätigkeitssphäre des Haushaltens, Rochens und der Handarbeiten leistet, sowie in den neu erschlossenen akademischen und kaufmännischen Berufszweigen und auf dem Gebiete des Handwerks. Dänemark dürfte bezüglich der keineswegs vereinzelten Ausübung verschiedener Handwerke durch Frauen so ziemlich allein dastehen. Die Ausstellung weist z. B. seitens weiblicher Ziseleure, Graveure, Tischer, Seiler und sogar eines weiblichen Schmieds Arbeiten auf, die in jeder Beziehung den Erzeugnissen männlicher Handwerker ebenbürtig sein sollen. Zur Frage des Frauenstudiums hat der große Sprachforscher und Mythologe Professor Mar Müller in Orford kürzlich Stellung genommen. Ich war früher ein entschiedener Feind des Frauenstudiums", erklärte der hervorragende Gelehrte einem Inter viewer ,,, jetzt aber bin ich bekehrt und halte es für eine der größten Errungenschaften unserer Zeit. Thatsächlich ist es ein großes Vergnügen, die jungen Mädchen beim Studium zu sehen. Junge Männer arbeiten so wenig sie können, junge Mädchen so viel sie können, ja meist zu viel. Außerdem ist ihre Art zu lernen systematischer und ihr Können daher gründlicher. Ich wünschte, die Männer möchten in sich gehen und von den Mädchen lernen wie man lernt." Zur Beachtung. Alle Zuschriften, Anfragen, Geldsendungen, welche sich auf die Agitation unter den Frauen beziehen, bezw. für diese Agitation bestimmt sind, sind zu richten an Frau Dttilie Gerndt Berlin O, Blumenstraße 26. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Druck und Verlag von J. H. W. Diek in Stuttgart.