Nr. 19. Die Gleichheit. 5. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 18. September 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Papiernes Arbeiterinnenrecht. Unter dem Nachhall der traumhaften Augenblicksstimmung bom sozialen Königthum, die in den Februarerlassen ihren Ausbruck fand, wandelte die deutsche Gesetzgebung 1891 die Pfade der sozialen Reform, des Arbeiterschußzes. Gar verschämt und zaghaft, wie dies sich für die Gesetzgebung eines Reiches schickt, in welchem neben den strohdächerflickenden Jhenplizen und Köferigen die schienenflickenden Baare und die ordnungsflickenden Stumm und Stimmchen zwar nicht regieren, aber herrschen. Kein Wunder also, daß das Beste, was die Gesetzgebung der Arbeiterschaft in jenem Augenblick bot der Arbeiterinnenschutz wenn schon mit Haß" servirt, noch lange nicht ein gemästeter Ochse" war, sondern blos ein recht dürftig„ Gericht Kraut". " " Den Klarsten Ausdruck hat die profitfromme Halbheit des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes gefunden in Absatz 5 des§ 137 der Gewerbeordnungsnovelle. Derselbe bestimmt, daß Arbeiterinnen über 16 Jahre, die ein Hauswesen zu besorgen haben, auf ihren Antrag eine halbe Stunde vor der Mittagspause zu entlassen sind, insofern dieselbe nicht mindestens 11/2 Stunden beträgt". Welch beißende Satire auf den„ freien Arbeitsvertrag". Der„ freien Arbeiterin" muß das Gesetz das Recht zubilligen, eventuell eine halbstündige Mehrpause zu Mittag beantragen zu dürfen! Ueber den grünen Klee wurde die Bestimmung gepriesen von den Ausbeutern und den ihnen Versippten und Verkauften. Sie bedeutete nach ihnen die Wiedergeburt des Familienlebens für viele Zehntausende, den Wiederaufbau jener Sphäre der weiblichen Thätig keit, die einzig und allein im Zeichen des Kochlöffels, des Stopfpilzes und Fingerhuts stand. Hosiannah! Der proletarischen Hausfrau und Mutter war Heil widerfahren! Ihr wurde das Recht zuerkannt, in 1/2 Stunden an Familienleben zusammenzuklauben, was die kapitalistische Profitgier in elf Stunden und länger täglich zerstört. Wer aber das Wesen des„ freien Arbeitsvertrags" kannte, d. h. das Wesen der Lohnsklaverei, der mußte die Bestimmung durchaus anders bewerthen. Die Sozialdemokratie hat denn auch bon Anfang an behauptet, daß das Recht der Arbeiterinnen auf eine verlängerte Mittagspause ein papiernes bleibt, so lange die 1/2 stündige Unterbrechung ihres Schaffens nicht gesetzlich festgelegt ist. Die Thatsachen haben ihre Voraussage bewahrheitet, das geht aus den Berichten der Fabrikinspektoren für 1894 hervor, wie auch der Grund, weshalb das betreffende Arbeiterinnenrecht ein papiernes bleibt. Der Fabrikinspektor für Baden, Wörishoffer, der trefflichste seiner deutschen Kollegen, erklärt in seinem Bericht, daß die Arbeiterinnen meist den Antrag auf die verlängerte Mittagspause nicht stellen aus Furcht vor Entlassung. Aehnlich lauten die diesbezüglichen Mittheilungen zahlreicher anderer deutscher Gewerbeaufsichtsbeamten. Besonders wuchtig zeugen die Berichte der sächsischen und preußischen Fabrikinspektion von dem papiernen Arbeiterinnenrecht und der soliden Unternehmermacht. So sagt der sattsam bekannte Dresdener Fabrikinspektor Siebdrat:„ Es ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß eine Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. nicht geringe Anzahl von Unternehmern diejenigen Arbeiterinnen, welche den erwähnten Antrag stellen, ohne Weiteres entlassen wür den. Die Arbeiterinnen wissen dies und sehen auch in den meisten Fällen ein, daß die Durchführung einer zeitigeren Entlassung vor der Mittagspause Störungen und Umständlichkeiten im Betrieb verursachen und ihre Mitarbeiter eventuell zwingen würde, die Arbeit ebenfalls mit ihnen zu beendigen. Aus diesem Grund verzichten die Arbeiterinnen vielfach auf Stellung des Antrages, da im Allgemeinen der Vortheil einer verlängerten Mittagspause nicht im Verhältniß zu dem Nachtheil steht, der ihnen aus der Kündigung oder bei der Bewerbung um Einstellung aus der etwa geforderten Erklärung, ob sie den Antrag zu stellen gedenken, im bejahenden Falle erwachsen würde." Die Kollegen des Herrn Siebdrat in den Inspektionsbezirken Chemniz, Zwickau, Leipzig, Meißen, Plauen, Zittau, Aue konstatiren die gleichen Thatsachen, nur in besserem Deutsch, dafür aber ohne Herrn Siebdrat's dichterisches Talent, das Unterbleiben des betreffenden Antrags im verklärenden Lichte der Einsicht und Verständnißinnigkeit der Arbeiterinnen für„ die Störungen und Umständlichkeiten im Betrieb" zu erblicken. Ohne Siebdrat'sche Feinfühligkeit der Unternehmerwirthschaft gegenüber anerkennen sie vielmehr mit dürren Worten, daß hier und da der Antrag der Arbeiterinnen mit Entlassung geahndet wurde, daß er dort unterblieb, weil der Verlust der Stellung angedroht war oder die Zuweisung, minder beliebter Arbeit" befürchtet ward, daß in den und jenen Betrieben die kapitalistischen Herren erklärten, Arbeiterinnen nicht einzustellen, welche eventuell von dem ihnen gesetzlich zuerkannten Rechte Gebrauch machen würden. Und mehrere der sächsischen Fabrikinspektoren, welche von nachtheilsloser Durchführung der 11/2 stündigen Mittagspause für Arbeiterinnen berichten, fügen ihrer Mittheilung dem Sinne nach wie der Gewerberath für Leipzig hinzu, daß die größere Mittagspause„ nur dann gern gesehen wird", wenn für den Fabrikbetrieb keinerlei Ungelegenheiten aus dem früheren Aufgeben der Thätigkeit entstehen", lies: wenn für den Kapitalisten so wie so die Möglichkeit ausgeschlossen ist, während der halben Stunde Mehrwerth aus den Arbeiterinnen herauszupressen. Daß die kapitalistische Uebermacht, die unbedingte Abhängigkeit der Arbeiterinnen von ihr, die in Frage kommende Gesetzes= bestimmung in den weitaus meisten Fällen todten Buchstaben bleiben läßt, bestätigen auch, wie bereits erwähnt, die Berichte preußischer Fabrifinspektoren. Nach dem Wissen der Aufsichtsbeamten für Westpreußen und Trier ist in ihren Bezirken der Antrag auf längere Mittagspause seitens der Arbeiterinnen niemals gestellt worden; aus Furcht vor Entlassung, giebt der Inspektor für Trier zu. Aus den Inspektionsbezirken Koblenz, Düsseldorf, Potsdam, Berlin, Hildesheim- Lüneburg, Magdeburg, Merseburg, Pommern und Liegnis berichten die Gewerbeinspektoren, daß die Fabrikanten erklärten, sie würden die Arbeiterinnen entlassen, welche den Antrag auf die um eine halbe Stunde verlängerte Mittagspause stellten. Dies wüßten die Arbeiterinnen, und deshalb unterblieben die Anträge. In den Regierungsbezirken Erfurt und Hildesheim- Lüneburg kamen in einzelnen Fabrik betrieben sämmtliche Arbeiterinnen außer Beschäftigung, welche die 1'/üstündige Mittagspause gefordert hatten. Unternehmer der Regierungsbezirke Breslau und Posen machen die Einstellung weiblicher Arbeiter davon abhängig, daß diese kein Hauswesen zu besorgen haben oder wenigstens auf die dann zu beanspruchende längere Mittagspause verzichten. Die Arbeitsordnung einer Flachsspinnerei im Breslauer Bezirk legt fest, daß Arbeiterinnen, welche von ihrem Recht auf eine halbstündige Mehrpause zu Mittag Gebrauch machen wollen, keine Beschäftigung finden. Das ist brutal, aber wenigstens offenherzig. Mit Brutalität und Heuchelei drückt sich dagegen ein Fabrikant des Magdeburger Bezirks um die gesetzliche Bestimmung herum. Seine Arbeitsordnung besagt, daß die Arbeiterinnen das Recht besitzen, den bewußten Antrag zu stellen. Dem Fabrikinspektor vertraute er jedoch mit dem unverfälschten Zynismus des Protzen, daß er Frauen, welche den Antrag stellen wollten, aus der Arbeit entlassen bezw. nicht auf die Dauer beschäftigen würde. Daß es die schmutzigste kapitalistische Raffgier ist, welche den Arbeiterinnen die halbstündige Mehrpause zu Mittag vorenthält, ersieht man recht sinnenfällig aus einer Bemerkung des Fabrikinspektors für Frankfurt a. O. Er berichtet, daß die Arbeiterinnen auf die um eine halbe Stunde längere Mittagspause verzichten,„um jeden Ausfall an Verdienst zu vermeiden und weil es ihnen angenehm ist, Abends eine halbe Stunde früher nach Hause gehen zu können. Dies stimmt mit dem Wunsche des Fabrikanten überein, der dadurch die Kosten der Heizung und Beleuchtung für eine halbe Stunde erspart". Was wiegen gegenüber der Er- sparniß für eine halbe Stunde Beleuchtung und Heizung die Gesundheit der Arbeiterin, ihr Nuhebedürfniß, ihr Wunsch nach einem dürftigen Fetzchen Familienleben, ihre Pflichten als Gattin und Mutter? Die Proklamirung des Rechts der Arbeiterinnen auf halbstündige Mehrpause zu Mittag war ein schwächlicher Anlauf, den Proletarierinnen einen Theil der Pflichtleistungen zu ermöglichen, welche laut der Philistermoral den„Naturberuf" der Frau ausmachen. Mit unfreiwilligem und desto schneidenderem Hohne, in trockener Thatsächlichkeit melden die Fabrikinspektorenberichte, wie kläglich sogar dieser schwächliche Anlauf gescheitert ist und scheitern mußte. Heilig ist das Familienleben, es ist die Wurzel eines gesunden Volksthums, säuseln salbungsvoll kapitalistische Lippen. Heiliger als Familienleben und gesundes Volksthum, sakrosankt ist der Profit, erzählen beredt kapitalistische Thaten. Die Arbeiterin aber muß sich in die Sachlage fügen, obgleich ihr das Gesetz das Recht auf die l'�stündige Mittagspause zuerkennt. Ihrem Recht fehlt die gesetzlich zwingende Kraft, und — o Herrlichkeit des„freien Arbeitsvertrags"— der Kapitalistenwille allein entscheidet darüber. Die deutsche Sozialreform hat mit feinem Verständniß ihrer Aufgabe den Bock zum Gärtner bestellt. Wohl zuerkennt der Buchstabe des Gesetzes der Arbeiterin das Recht zu fordern. Aber die granitne Wirklichkeit unserer Wirthschaftsordnung verleiht dem Unternehmer die Macht zu versagen. Denn nur er ist es, der, gestützt auf seinen Besitz an Produktionsmitteln, einen„freien Arbeitsvertrag" eingeht, während die Arbeiterin von dem Hunger in die Lohnsklaverei zu jenen Bedingungen hineingepeitscht wird, welche dem Kapitalisten genehm sind, das heißt prositlich. Das Arbeiterinnenrccht ist deshalb ein papierncs, solange nicht die zwingende Kraft des Gesetzes aufwiegt, was der Proletarierin an wirthschaftlicher Macht fehlt. Die Sozialreform, welche die Durchführung ihrer Bestimmungen dem„freien Arbeitsvertrag" überläßt, d. h. dem Ermessen deS Unternehmerthums, fehlt nicht aus naiver Thorheit. Sie sündigt aus Mangel an ernstem Willen, des nöthigen Arbeiterschutzes wegen den kapitalistischen Profit um ein Titelchcn zu kränken. Nicht ihre wachsende Einsicht, nur die steigende Macht des Proletariats verbürgt der Arbeiterin, daß der Tag kommt, wo ihr Recht im Großen und im Kleinen aufhört, ein papiernes Recht zu sein. Friedrich Engels. cschluß.) Nun begann für Marx und Engels eine herrliche Zeit wechselseitiger Anregung und Förderung, Ergänzung und Erfrischung, fruchtbarsten gemeinsamen Forschens und Schaffens. Im Laufe der nächsten zehn Jahre kam Engels täglich zu Marx. Manchmal gingen die Freunde zusammen spazieren, manchmal blieben sie daheim und wanderten im Zimmer auf und ab, jeder auf seiner Seite desselben, sich in den Ecken mit einem seltsamen Schwung auf den Absätzen umdrehend. Dabei diskutirten sie, wie Eleanor Marx-Aveling erzählt, über mehr Dinge, als die Schulweisheit der meisten Menschen sich träumen läßt. Nicht selten auch gingen sie schweigend nebeneinander auf und ab, bis sie sich gegenüberstanden und mit lautem Lachen erklärten, daß sie die letzte halbe Stunde ganz entgegengesetzte Pläne erwogen hatten. Sehr oft arbeiteten sie zusammen, stets theilten sie einander ihre Ideen mit, in Spezialfragen halfen sie einander brüderlich aus. Marx fuhr fort, die gemeinsam gefundenen Theorien des wissenschaftlichen Sozialismus systematisch für die wissenschaftliche Welt darzulegen. Engels dagegen vertrat sie polemisch, prüfte an ihrer Hand die auftauchenden großen Zeit- und Streitfragen, legte ihnen gegenüber die Stellung des Proletariats klar und begründete dieselbe theoretisch und taktisch. Seine Darlegungen überzeugten durch die Unerbittlichkeit ihrer Logik, durch die wissenschaftlich unanfechtbare» Thatsachen, auf die sie sich stützten; sie fesselten durch die klare, durchsichtige Form der Darstellung, die knappe, kraftvolle und dabei leichte Sprache, durch glänzenden Witz und sprudelnden Humor. Ob Engels die offenen Feinde des Proletariats bekämpfte, wie in der Broschüre: „Der preußische Schnaps im deutschen Reichstage", oder dessen falsche Brüder und Propheten entlarvte, stets war er von gleicher Frische, Schärfe und Gründlichkeit. So leicht und anmuthig er seine Waffe führte, so wuchtig trafen seine Hiebe. Das erfuhr Mülberg, dessen proudhonistische, sentimental verschrobene Klein- bürgerei in„Die Wohnungsfrage" er verdientermaßen abfertigte. Das erfuhren auch Bakunin und seine Nachbeter, mit denen der Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus in den Artikeln bezw. Broschüren:„Soziales aus Rußland" und„Die Bakunisten an der Arbeit" gründlich abrechnete. Vor Allem aber war es das hohle, oberflächliche, in gespreiztem Größenwahy einherstolzirende Prophetenthum Dühring's, welches die volle Schärfe Engels'scher Polemik zu kosten bekam. Und mit dem sich ultraradikal geberdenden Privatdozenten zusammen that Engels die ideologischen bürgerlichen Elemente ab, welche damals aus den verschiedensten persönlichen Gründen mit der Sozialdemokratie zu kokettiren begannen und sie zu beeinflussen suchten. Die Schrift:„Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft", welche gelegentlich der nöthigen Klärung entstand, enthält neben einer unbarmherzigen kritischen Zer zausung der irreführenden Lehren eine mustergiltige, knappe und dabei gründlich erhellende Darlegung des wissenschaftlichen Sozialismus, eine gedrängte Geschichte des Sozialismus, und sie beleuchtet die wichtigsten Punkte des gesammten modernen Wissens vom Standpunkte der materialistischen Dialektik aus. So ist nächst Marx' „Kapital" der„Anti-Dühring" ein Werk von grundlegender Bedeutung für die Erfassung des wissenschaftlichen Sozialismus. Einige Ab schnitte davon sind unter dem Titel:„Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschast" als besondere Broschüre erschienen und haben in die weitesten proletarischen Kreise Aufklärung über das Wesen der modernen revolutionären Bewegung getragen. Engels' reiche, vielseitige Natur bethätigte sich nicht nur im wissenschaftlichen Forschen und literarischen Schaffen, sondern gleichzeitig auch im regsten praktischen politischen Wirken. Im rechte» Augenblick war er nach London übergesiedelt, um mit Marx zusammen und ihm die schier erdrückende Arbeitslast erleichternd, innerhalb der jungen, aber mächtig emporsprossenden Bewegung des Proletariats mit voller Kraft wirken zu können. Seit Beginn der sechziger Jahre erhob in den verschiedenen Ländern die Arbeiterklasse wieder das Haupt. Ihre ersten Lebensäußerungen waren unklar, widerspruchsvoll und zersplittert und konnten nicht anders als das sein. Nu" galt es, alle dunklen Regungen des Klasseninstinkts zum zielklare» Klassenbewußtsein zu erziehen, die einzelnen Aeußerungen des Klassenlebens zu einheitlichem Wollen zusammenzufassen, aus den zerstreute» proletarischen Massen, die von den Folgen der kapitalistischen Wirth- schaftsweise zur Auflehnung gegen diese wachgepeitscht wurden, eine festverbundene Macht zusammenzuschweißen, welche zukunftsicher a»! dem rechten Wege dem rechten Ziele zustrebt. Das Proletariat mußte für den bewußt geführten politischen Klassenkampf geschult und organisirt werden, damit es den Sozialismus verwirklichen konnte. Dies die Aufgabe, welche sich die„ Internationale" gestellt hatte, die 1864 in London von Angehörigen der verschiedenen Nationen gegründet wurde, nicht als Riesenklub von Verschwörern, sondern als eine Gesellschaft für die Aufklärung und Organisirung des internationalen Proletariats. Marr war die geistige Führerschaft der„ Internationale" zugefallen, und Engels hatte ihr seit ihrer Gründung nicht mit in den Schooß gelegten Händen gegenübergestanden. Allein mit voller Kraft konnte er sich ihrer Förderung erst widmen, nachdem er Manchester verlassen hatte. Gerade damals bedurfte Mary der Mitarbeit des gleichgenialen Freundes auf praktischem Gebiete am dringendsten. Geschichtliche Ereignisse von weittragendster Bedeutung der deutsch- französische der deutsch- französische Krieg und die Kommune hatten eine revolutionirte politische Situation geschaffen, der gegenüber die Haltung und Aktion des Proletariats geklärt und festgelegt werden mußte. Aus dieser Lage der Dinge heraus erwuchsen für die„ Internationale" und ihre Leiter die höchsten Anforderungen und ein ernster, verantwortungsreicher Kampf nach Außen und Innen, gegen die Feinde des Proletariats, wie gegen die Unflarheit in seinen eigenen Reihen und denen seiner revolutionären Vorhut. Die Folge davon war, daß der Bund noch mehr als vorher schon ein Greuel und Scheuel für alle Gutgesinnten ward, und daß schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten seiner Anhänger zu Tage traten und in erbitterten Kämpfen ausgefochten wurden. 1871 bröckelten zuerst die einflußreichsten Engländer von der„ Internationale" ab, weil sie in spießbürgerlicher Respektabilitätsmeierei diese durch ihre Solidarisirung mit der Kommune für„ kompromittirt" erachteten. Dann kam es zu harten, zur Trennung führenden Auseinandersetzungen mit den proudhonistischen Mutualisten, welche durch Volksbanken, Volkskredit, Genossenschaften aller Art auf Gegenseitigkeit und ähnliche kleinbürgerliche Utopistereien das Proletariat befreien zu können wähnten. Und schließlich spielte sich im Schooße der„ Internationale" der gewaltige Kampf ab zwischen Marx und Bakunin, dem Apostel des Anarchismus, welcher die Gesellschaft durch Verschwörungen und Putsche revolutioniren wollte, statt zu diesem Zwecke das Proletariat auf den politischen Kampf und die Eroberung der politischen Macht zu verweisen. Die„ Internationale" spaltete sich, in reinlicher Scheidung gingen Anarchisten und wissenschaftliche Sozia listen auseinander. Der Zerfall der„ Internationale" ward durch diese Spaltung beschleunigt, aber nicht veranlaßt. Sie starb, weil sie ihr Werk vollbracht hatte, weil die von ihr ausgestreute Saat herrlich in die Halme geschossen war. In allen Kulturländern war eine flassen bewußte Arbeiterbewegung in Fluß gekommen, welche stetig an innerer und äußerer Kraft gewann und zielklar den Klassenkampf aufnahm. In dem Maße, als die sozialistischen Parteien der einzelnen Länder kämpfend in die heimathlichen Verhältnisse eingriffen, wurde die " Internationale" als Organisation überflüssig, ja zur Fessel. Ihre Form zerfiel, aber unsterblich und siegreich belebte ihr Geist, ihr Gedankeninhalt die sozialistische Arbeiterbewegung der alten und neuen Welt. Engels hatte als Mitglied des Generalrathes zuerst als forrespondirender Sekretär für Belgien und Spanien, dann für Italien und Spanien rührigsten Antheil an der Entwicklung der„ Internationale" genommen. Nach ihrem Zerfall blieben Mary und er die geistigen Führer des internationalen Klassenkampfs. Von England aus, einer sozialpolitischen Warte, wie es keine zweite giebt, umfluthet von den Erscheinungen, dem Wogen und Werden der fortgeschrittenſten fapitalistischen Produktion und des Weltverkehrs, im Besitz des reichsten wissenschaftlichen Rüstzeugs und der Erfahrungen eines halben Jahrhunderts revolutionären Kampfes, im Verkehr mit den sozialistischen Vorkämpfern aller Nationen: gewannen sie einen klaren und tiefen Ueberblick über die gesammte wirthschaftliche und politische Entwicklung. So konnten dem Proletariat seine theoretischen Pfadfinder flare und fruchtbare Berather sein. Broschüren, Artikel und zahllose Briefe in den verschiedensten Sprachen zeugen davon. Harte persönliche Schicksalsschläge trafen Engels in jener Zeit der vollen und freien Bethätigung seiner Individualität im Dienste des Proletariats. Der Tod entriß ihm die zärtlich geliebte Gattin, eine liebenswürdige charaktervolle Irländerin, welche energischen, selbständigen Antheil an der Bewegung der Fenier nahm. Dann nahm das Land,„ von dessen Grenzen kein Wandrer wiederkehrt", Mary' Frau auf, die treue, hingebende, hochsinnige und begeisterte Gefährtin des revolutionären Ringens der Freunde. Bald darauf starb Mary' älteste Tochter, und schließlich sank 1883 Mary selbst ins Grab. Unausfüllbar war die Lücke, die sein Tod in Engels' Leben zurückließ, und wenn dieser den unersetzlichen Verlust überwand, so nicht nur in Folge seiner energischen Natur, sondern auch Dank der Kraft, welche er aus dem Emporblühen und Reifen des gemeinsamen Lebens147 werts schöpfte, aus der gesunden Entwicklung der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung, Dank des lebendigen Gefühls der Verantwortlichkeit und Pflicht, zu vollenden, was der Freund nicht mehr zu Ende zu führen vermocht. Mit der frischen Energie und dem Feuer des Jünglings, der Geduld des Gelehrten und der zähen Ausdauer des erprobten Kämpfers hat Engels die ihm mit Mary' Tode zugefallene Aufgabe gelöst. Und dazu mit der zartesten, pietätvollen Hand des Freundes, der in der Gemeinsamkeit des Denkens und Wollens eines ganzen Lebens mit Mary' Genius verbunden und ihm innig verwandt war. So lange Engels lebte, war auch Mary nicht todt. Engels war stets bestrebt gewesen, nur zweite Violine zu spielen", mit rührender Bescheidenheit seine Persönlichkeit und sein Wirken in den Hintergrund zu stellen, damit das Verdienst des Freun des um so heller strahle. Und so widmete er seit Mary' Tode den besten Theil seiner Zeit und Kraft dessen wissenschaftlicher Hinterlassenschaft. Er besorgte die dritte, vermehrte und revidirte Auflage des ersten Bandes vom„ Kapital" und gab 1885 den zweiten, 1894 den dritten Band desselben heraus. Eine Riesenarbeit hatte er da= mit bewältigt, denn es handelte sich um die wissenschaftliche Darstellung und Erklärung der schwierigsten wirthschaftlichen Probleme, und von Mary' Seite waren vielfach nur Bruchstücke, unvollständige Aufzeichnungen, Andeutungen, in deutscher, englischer und französischer Sprache hingeworfene Schlagworte vorhanden. Er löste diese Riesenarbeit, wie fein anderer außer ihm sie zu lösen vermochte und errichtete damit seinem Freunde ein Denkmal dauerhafter als Erz. Neben dieser Leistung wurde er seinen früheren Aufgaben gerecht und führte seine eigenen Forschungen weiter. 1884 erschien seine Studie über den„ Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats", in welcher er an der Hand der Morgan'schen Forschungen Vorgeschichte und Geschichte als Glieder eines einheitlichen Entwicklungsganges aneinanderfügt. Die Schrift ist von grundlegender Bedeutung für den Befreiungskampf des weiblichen Geschlechts. Die zahlreichen Neuauflagen und Uebersetzungen seiner Werke revidirte er und versah sie mit neuen Vorreden, die Musterstücke des Stils und der klaren Auseinandersetzung sind. Im Züricher Sozialdemokrat", der„ Neuen Zeit", in sozialistischen Organen des Auslands erschienen werthvolle Artikel von ihm. Schon von der tödtlichen Krankheit erfaßt, schrieb er im Frühjahr dieses Jahres noch eine Vorrede zu Mary' Klassenkämpfe in Frankreich". Das Letzte, was er für die Oeffentlichkeit geschrieben, ist ein offener Brief, mit welchem er das Wiedererscheinen einer sozialistischen Zeitung in Palermo mit jugendlicher Begeisterung begrüßt. Bis zu seinem Tode korrespondirte er rathend, anfeuernd und klärend in alle Welttheile, und wie sein gastfreundliches Haus die Führer im Streit wie die einfachen Soldaten des proletarischen Klassenkampfs mit gleicher Herzlichkeit aufnahm, so stellte er, ohne sich je aufzudrängen, seine Kenntnisse und Erfahrungen Jedem zur Verfügung, der dem Proletariat ehrlich diente. Noch trug er sich mit einer Fülle weitreichender Arbeitspläne, so unter anderem der Abfassung einer Geschichte der " Internationale", als ihn der Tod am 5. August mitten vom fruchtbaren Schaffen rief. " Mit ihm ging ein großer Mann zu Grabe, ein Mann aus einem Guß. Harmonisch vereinigten sich in ihm der Gelehrte, der Kämpfer, der Mensch zu einem Ganzen, zu einer mächtigen und doch dabei einfachen, schlichten Persönlichkeit. Das internationale Proletariat hat mit ihm den zweiten seiner großen Theoretiker verloren und den bedeutendsten seiner Taktiker, beim Rath und bei der That wird es ihn vermissen. Aber es ehrt ihn nicht in stumpfer Trauer, sondern mit dem festen Gelöbniß, in seinem Geiste den von den Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus befruchteten Klassenkampf weiter zu führen; es dankt ihm, indem es rüstig seiner Befreiung entgegen ringt. Arbeiterinnen- Bewegung. " - In der Zeit vom 20. August bis 8. September fanden öffentliche Versammlungen statt in: Altona, öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen: Die Vorschläge der Berliner Kommission zum Zwecke der Abwehr einer neuen Tabaksteuervorlage" ( Reichstagsabgeordneter v. Elm); Berlin, öffentliche Versammlung der Vergolder und Vergolderinnen:„ Wodurch ist gegenwärtig eine Aufbesserung der Akkordlöhne zu erzielen?" Die Versammlung beantwortete diese Frage dadurch, daß sie einen Generalstreik beschloß. Oeffentliche Volksversammlung für Männer und Frauen:„ Warum die Sozialdemokratie die Sedanfeier nicht mitmacht"( Reichstagsabgeordneter Auer); öffentliche Versammlung der graphischen Arbeiter 148 " " und Arbeiterinnen:„ Die Mißstände im Gewerbe"( Genosse Schöpke);| erklärt, nur für den Osten gewählt zu sein.( Zwischenruf: Lüge!) öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die sanitären Zustände in der Hausindustrie, und was kann die Gewerkschaft zu ihrer Beseitigung thun?"( Genosse Timm); öffentliche Versammlung aller in der Luxuspapier- und Spizenbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Ueberfeierabendarbeit im Gewerbe" ( Genosse Sailer); Bunzlau, öffentliche Frauenversammlung:„ Wer hat den Nutzen der Fortschritte der Industrie und Kultur?"( Genossin Ihrer); Cummersdorf, öffentliche Versamlung für Männer und Frauen:„ Gleiches Recht für Alle"( Genosse Köster); Dornach, öffentliche Versammlung für Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen und die gewerkschaftliche Bewegung" ( Genossin Steinbach); Kempten, öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Bekleidungsindustrie:„ Die kulturelle Bedeutung der Arbeiterorganisationen"( Genossin Steinbach); Leipzig, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Lage der Hausarbeiter und wie ist sie zu verbessern?"( Genosse Müller); Mülhausen i. E., öffentliche Arbeiter- und Arbeiterinnenversammlung: Die Bedeutung der Gewerkschaften für die Arbeiterklasse"( Genossin Steinbach); Niedermorschweiler, öffentliche Versammlung für Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die wirthschaftliche Lage der Arbeiterinnen und der Kampf um die Existenz"( Genossin Steinbach). In der nämlichen Zeit fanden Vereinsversammlungen statt in: Berlin, zwei Mitgliederversammlungen des Verbands der Metallarbeiter und-Arbeiterinnen: 1.„ Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Einwirkung auf die menschliche Gefühlsund Denkweise"( Genosse Timm); 2.„ Volksbildung und Klassenbewußtsein"( Genosse Wagner); Ottensen, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins„ Vorwärts" für Frauen und Mädchen: 1. Kassenbericht; 2. Die Chartistenbewegung". Berlin. Eine Volksversammlung, die von etwa 200 Personen, meist Frauen, besucht war, fand am 21. August bei Cohn in der Beuthstraße statt. Zum ersten Punkt der Tagesordnung:„ Aufklärung über die Wahl der angeblichen Vertrauensperson für Berlin, Frau Ottilie Gerndt", ergriff zunächst Genossin Mesch das Wort. Die Rednerin führte aus, daß sich Genossin Gerndt als Vertrauensperson der Frauen für ganz Berlin gerire, aber seinerzeit in der Versammlung vom 27. März bei Keller nicht als solche gewählt worden sei. Ausdrücklich wäre daselbst betont worden, daß Genossin Gerndt nur für den Osten gewählt werden solle, um provisorisch die schriftlichen Arbeiten zu besorgen. Sie selbst habe nach der Versammlung Der Hafen. Von Guy de Maupassant. Deutsch von Marie Kunert. ( Schluß.) „ Weißt Du dann vielleicht auch, ob Cölestin Duclos noch immer auf dem Schiffe ist?" Er war überrascht, beunruhigt und wollte mehr wissen, bevor er antwortete. " Du kennst ihn?" Nun wurde sie wieder mißtrauisch. ,, D, ich nicht, aber eine andere Frau kennt ihn." " Eine Frau von hier?" Nein, von dort drüben." " " Aus dieser Straße?" ,, Nein, aus der anderen." " ,, Was für eine Frau?" " Nun... eine Frau... eine Frau wie ich." " Was will sie denn von ihm, diese Frau?" ,, Weiß ich das?" Sie sahen sich tief in die Augen, um sich gegenseitig zu ergründen, in dem Gefühl, in der Ahnung, daß etwas Ernstes im Begriff war, sich zwischen sie zu drängen. Er begann:„ So kann ich sie also sehen, die Frau?" ,, Was würdest Du ihr sagen?" " Ich würde sagen... ich würde sagen... daß ich Cölestin Duclos gesehen habe." " Es ging ihm doch gut?" ,, Wie Dir und mir. Er ist ein flotter Bursche." Sie schwieg von neuem, um ihre Gedanken zu sammeln, dann sagte sie langsam:" Wohin fuhr Notre- Dame- des- Monts?" " Aber nach Marseille natürlich." Sie konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. „ Ist das auch wahr?" ,, Ganz wahr!" ,, Du kennst Duclos?" " " Ja, ich fenne ihn." Außerdem sei die betreffende Versammlung nicht kompetent gewesen, eine Vertrauensperson für Berlin zu wählen: auf ihrer Tagesordnung habe ein gewerkschaftliches Thema gestanden und nicht die Wahl eventueller Vertrauenspersonen. Unter diesen Umständen habe sich Genossin Schädlich für berechtigt gehalten, gleich damals gegen die vorgeschlagene Vornahme der Wahl einer Vertrauensperson zu protestiren und zu beantragen, daß jeder Wahlkreis in einer besonderen Versammlung seine eigene weibliche Vertrauensperson wähle. Auf den Einwurf jedoch, die Polizei könne einen Verein" aus den Vertrauenspersonen konstruiren, und Frau Gerndt solle nur für den Osten und zwar zu dem Zwecke der Korrespondenzführung gewählt werden, habe Genossin Schädlich ihren Antrag zurückgezogen. Am selben Abend habe eine andere, in Sanssouci tagende Volksversammlung abgelehnt, eine Vertrauensperson zu wählen. Sie hielt sich örtlich und wegen Nichtbekanntgabe der eventuellen Wahl in der Versammlungsanzeige nicht für kompetent hierzu. In ihren weiteren Ausführungen trat die Rednerin für die Wahl mehrerer Vertrauenspersonen ein und bemerkt, die tagende Versammlung sei das Resultat vielfacher Anfragen und solle der Klarstellung dienen. Genossin Gerndt wendet sich gegen diese Ausführungen und weist den Vorwurf zurück, daß sie sich fälschlicherweise als Vertrauensperson für Berlin und Umgegend ausgegeben habe. Sie verlangt Aufklärung, was es bedeute, wenn es in der an sie gerichteten Anzeige von der Versammlung( Einladung) heiße:„ Im Auftrage: Frau Schädlich, Frau Scholz." Wer denn die Auftraggeber seien? Die Versammlung vom 27. März habe darüber entscheiden sollen, was nach der Auflösung der Frauen- Agitationskommission zu geschehen habe. Deshalb habe ihre Tagesordnung gelautet:„ Wie stellen sich die Arbeiterinnen zur Auflösung der FrauenAgitationskommission, und wie gedenken wir uns zu organisiren?" Der Zweck der Versammlung sei mithin klar gewesen. Der Vorschlag, auf den hin sie selbst gewählt wurde, sei dahin gegangen, zur Erledigung der Geschäfte, bis das Schicksal der Kommission sich entschieden habe, vorläufig eine Vertrauensperson zu wählen. Im Bericht des„ Vorwärts" über die betreffende Versammlung heiße es denn auch:„ Als vorläufige einzige Vertrauensperson wurde sodann Ottilie Gerndt von der Versammlung einstimmig gewählt." Genossin Gerndt wendete sich zum Schlusse noch persönlich gegen diejenigen, auf deren verletzte Eitelkeit, Nörgelsucht und Unfähigkeit sie das Vorgehen gegen sich zurückführt; ein Vorgehen, das nur der Polizei und den Gegnern Freude bereite. Genossin Lutz erachtet es als einen Fehler, daß man " Sie zögerte noch, dann sagte sie sanft: Gut! Das ist gut." Was willst Du denn von ihm?" " „ Höre, Du sollst ihm sagen... nein, nichts!" Er betrachtete sie mit wachsendem Unbehagen. Schließlich wollte er alles wissen. " ,, Du kennst ihn also?" Nein", sagte sie. Was willst Du denn von ihm?" " Sie faßte plötzlich einen Entschluß, erhob sich, ging an den Zahltisch, wo die Besitzerin des Geschäftes saß, nahm eine Zitrone, die sie durchschnitt, und deren Saft sie in ein Glas drückte. Dann füllte sie dieses Glas mit klarem Wasser und brachte es ihm. " Trinke das!" „ Warum?" ,, Damit Dein Kopf frei wird vom Wein. Ich will Dir gleich alles sagen." Er trank folgsam aus, wischte sich die Lippen mit dem Rücken der Hand, dann kündigte er ihr an, daß er bereit sei:„ Ich höre." Du wirst mir versprechen, ihm nicht zu erzählen, daß Du mich gesehen hast, auch nicht, von wem Du weißt, was ich Dir sagen werde. Du mußt es mir schwören." " Er erhob widerwillig die Hand. " Ich schwöre es." " Beim lieben Gott?" ,, Beim lieben Gott." ,, Wohlan, Du wirst ihm sagen, daß sein Vater, sein Bruder und seine Mutter todt sind. Sie sind alle drei in einem Monat am Typhus gestorben, im Januar 1883, vor drei und einem halben Jahre." Nun fühlte er, wie alles Blut sich in ihm empörte, und für mehrere Augenblicke war er so erschüttert, daß er keine Erwiderung fand. Dann fragte er zweifelnd:„ Du weißt es gewiß?" " Ich weiß es gewiß." „ Wer hat es Dir gesagt?" Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen. „ Du schwörst, daß Du es nicht verräthst." seiner Zeit wieder eine Agitationskommission wählte. Verkehrt sei es, Genossin Gerndt gegenwärtig Vorwürfe darüber zu machen, wie sie gewählt worden sei. Es könne sich nur darum handeln, wie sie ihr Amt verwaltet habe, und in dieser Beziehung sei keine Beschwerde gegen sie erhoben worden. Man solle mit der Neuwahl einer Vertrauensperson warten, bis die Männer wieder ihre Vertrauenspersonen wählen. Im weiteren Verlauf der Debatte vertraten die Genossinnen Leuschner, Greifenberg, Gubela, v. Hofstetten und Wengels den gleichen Standpunkt. Letztere betonte, daß die Versammlungsanzeige im Vorwärts" eine große Taktlosigkeit sei. Wollte man die Wahl beanstanden, so hätte das in den nächsten Tagen nach ihrer Vornahme geschehen oder die endgiltige Entscheidung des Prozesses gegen die Agitationsfommission abgewartet werden müssen. Genossin Baader erklärte, daß sie die Versammlung weder veranlaßt noch einberufen habe, sie jedoch für gut halte und ganz damit einverstanden sei. In dem gleichen Sinne äußerte sich Genossin Fahrenwald. Genossin Schädlich betonte, daß der Auftrag zu der Versammlung von etwa 30 Genossinnen ausgehe. Mit 37 gegen 35 Stimmen gelangte darauf folgende Resolution zur Annahme:„ Die von etwa 200 Personen besuchte Volksversammlung verurtheilt das Vorgehen gegen die als Vertrauensperson rechtmäßig gewählte Genossin Gerndt und beschließt, derselben das Amt als Vertrauensperson, dafern sie es noch bekleiden will, zu belassen." Beschlossen wurde ferner, nach dem Parteitag die Wahl mehrerer weiblicher Vertrauenspersonen zu erledigen und die Wahlen vorzunehmen, wenn die Genossen die Neuwahl ihrer Vertrauensleute vornehmen. Die Versammlung bestimmte noch die Genossinnen Luz, Wengels und Fahrenwald zu Revisorinnen für sämmtliche, die Beerdigung der Genossin Wabnitz betreffenden Geldangelegenheiten, die Denkmalsetzung inklusive. Bericht darüber soll in öffentlicher Volks versammlung erstattet werden. Wir wissen, wie ungemein schwierig es ist, bei persönlichen Reibereien, wie sie unseres Erachtens zwischen den Berliner Genossinnen vorliegen, aus der Form ein richtiges Bild, ein sicheres Urtheil zu gewinnen. Es liegt uns auch durchaus fern, die Berliner Genossinnen hofmeistern zu wollen: sie sind keine Kinder und müssen wissen, was sie thun können und was sie zu verantworten haben. Aber im Interesse der proletarischen Frauenbewegung fühlen wir uns zu der Bemerkung verpflichtet, daß die Versammlung vom 21. August besser unterblieben wäre. Wie fast stets in solchen Streitfällen scheint uns, daß auf jeder Seite etwas Recht und etwas Unrecht miteinander verquickt ist. Wir sind ebenfalls der Ansicht, daß seiner Zeit die " Ich schwöre es." " Ich bin seine Schwester!" Wider Willen stieß er den Namen hervor:„ Franziska?" Sie sah ihn wieder starr an, dann flüsterte sie, von einem wahnsinnigen Schrecken, einem tiesinnerlichen Entsetzen erfaßt, ganz leise, dicht an seinem Munde:" D, o, bist Du es wirklich, Gölestin?" Sie regten sich nicht, Auge in Auge gebannt. Um sie herum johlten die Kameraden noch immer! Das Klirren der Gläser, das Dröhnen der Fäuste und der Absätze, welches den Refrain ihrer Lieder begleitete, mischte sich mit den schneidenden Stimmen der Frauen in die lärmenden Gesänge. Er fühlte sie an seiner Seite, von seinen Armen umschlungen, so heiß und so vom Schrecken überwältigt seine Schwester! Da sagte er ihr aus Furcht, daß einer sie hören könnte, ganz leise, so leise, daß sie selbst ihn kaum verstehen konnte:„ Welch' Unglück!" Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Thränen, und sie stammelte:„ Ist es meine Schuld?" Aber er fiel ihr plößlich ins Wort:„ So sind sie also todt?" ,, Sie sind todt." ,, Vater, Mutter und der Bruder?" " Alle drei in einem Monat, wie ich Dir sagte. Ich blieb allein zurück und hatte nichts weiter als meine wenigen Lumpen, denn ich hatte den Apotheker, den Arzt und das Begräbniß der drei Todten mit dem Erlös aus den Möbeln bezahlen müssen. " Dann ging ich als Dienstmädchen zu Herrn Kacheur, Du weißt wohl noch, zu dem, der hinkte. Ich war damals gerade fünfzehn Jahre alt. Als Du abreistest, war ich erst vierzehn. Ich habe mich mit ihm vergessen. Man ist ja so dumm, wenn man jung ist. Dann bin ich als Kindermädchen zu dem Notar gegangen, der sich auch mit mir abgab und mich dann in Havre in einem Zimmer unterbrachte. Bald kam er nicht mehr wieder. Drei Tage lang hatte ich nichts gegessen, weil ich keine Arbeit fand. Da bin ich, wie so viele andere, in ein Haus wie dieses hier gegangen. Ich habe manchen Ort gesehen, ja, und ach! manchen schmutzigen Ort! Rouen, Evreux, Lille, Bordeaux, Perpignan, Nizza, dann Marseille, und da bin ich jetzt!" 149 Wahl der Genossin Gerndt auf nicht ganz regelmäßige Weise erfolgt ist. Aber in Anbetracht dessen, daß die Wahl unter schwierigen Umständen geschah, und daß gegen die Amtsführung der Genossin Gerndt in der Deffentlichkeit keine Vorwürfe erhoben worden sind, erscheint es uns als kleinlich und taktisch durchaus verfehlt, fünf Monate post festum gegen das Wie der Ernennung zu protestiren. Dieser Protest ist unserer Ansicht nicht geeignet, das einige Zusammenarbeiten der Genossinnen zu fördern und das Ansehen der proletarischen Frauenbewegung bei den Genossen und den Gegnern zu stärken. Gegenwärtig, wo der kapitalistische Staat die proletarische Frauenbewegung in brutalster Weise bekämpft, wo er sich nicht damit begnügt, ihr gegenüber die Geseze möglichst scharf anzuwenden, sondern dieselben möglichst unerhört interpretirt: ist es eine ernste Pflicht der Genossinnen, die schwierigen inneren Verhältnisse nicht noch freiwillig durch innere Wirren und Zerwürfnisse schwieriger zu gestalten. Die schätzenswerthe Kraft jeder Einzelnen von uns hat sich an anderen Aufgaben zu erproben, als an kleinlichen Formfragen. Krankenhauswohlthätigkeit der Bourgeoisie. In einem früheren Artikel:„ Etwas von der Proletarierkrankheit", haben wir gezeigt, wie die kapitalistische Wirthschaftsordnung viele Tausende fleißiger Proletarier der Schwindsucht überliefert. In Folgendem ein Streiflicht auf das Loos, welches die bürgerliche Gesellschaft den Lungenkranken bereitet, falls diese nicht versichtig genug waren, mit respektablen Renten geboren zu werden, sondern wenn sie sich als arme Teufel auf Grund ihrer Arbeit durchs Leben schlagen. Ein hochangesehenes französisches ärztliches Fachblatt:„ La semaine médicale"( Medizinische Wochenschrift), trat in den letzten Jahren eifrig für die Errichtung besonderer Asyle für Lungenkranke ein. Behufs Unterstützung der Forderung schilderte es u. A. das Geschick der mittellosen Leidenden folgendermaßen: In der Wirklichkeit sind die chronisch schwindsüchtigen Kranken der Spitäler wenn man den Standpunkt der Humanität bei Seite läßt schädliche Eindringlinge für die Krankenhäuser. Der Schwindsüchtige ist ein Kranker, welcher, wenn einmal aufgenommen, das in den Spitälern so dringend benöthigte Bett für lange Zeit besetzt hält. Man muß nur sehen, mit welchem Schrecken man den Lungenleidenden auf mancher Krankenabtheilung aufnimmt, wenigstens zu gewissen Zeiten des Jahres, nachdem er Mittel und Wege gefunden hat, seinen Die Thränen rannen ihr aus den Augen, netten ihre Wangen und flossen über den Mund herab. Sie begann wieder:" Ich glaubte, Du wärest auch todt, mein armer Cölestin." Er sagte:„ Ich hätte Dich nicht wieder erkannt, Du warst ja noch so klein, als ich fortging, und jetzt bist Du so groß und stark! Aber wie hast Du mich nur nicht wieder erkannt? Sag!" Sie machte eine verzweifelte Geberde. ,, Ach, ich sehe ja so viele Männer, daß sie mir alle gleich scheinen!" Er sah ihr noch immer tief in die Augen, von einer unklaren, aber so mächtigen Erregung erfaßt, daß ihm war, als müsse er laut schreien wie ein Kind, das Schläge bekommt. Noch immer hielt er sie in den Armen, und nachdem er sie lange betrachtet hatte, erkannte er sie endlich, die kleine Schwester, die er verlassen hatte sammt allen Theueren, die sie sterben sehen mußte, während er das Meer befuhr. Da nahm er plötzlich das Köpfchen der Wiedergefundenen zwischen seine großen Seemannsfäuste und küßte es brüderlich. Dann stiegen Seufzer, tiefe Seufzer, langgedehnt wie die Wogen des Meeres, aus der Kehle des Berauschten schluchzend empor. Er stammelte:" Da hab' ich Dich, da hab' ich Dich wieder, Franziska, meine kleine Franzista...." Dann stand er plötzlich auf, begann mit furchtbarer Stimme zu fluchen und schlug mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß die Gläser umfielen und zerbrachen. Er that drei Schritte vorwärts, wankte, breitete die Arme aus und stürzte auf das Gesicht. Schreiend wälzte er sich auf dem Fußboden, schlug mit Händen und Füßen um sich und stieß Seufzer aus, die dem Röcheln eines Sterbenden glichen. Die Kameraden betrachteten ihn lachend. ,, Er ist nur betrunken", sagte einer von ihnen. Da Cölestin noch Geld in den Taschen hatte, bot die Wirthin ihm ein Bett an, und die Kameraden, die selbst so betrunken waren, daß sie sich nicht auf den Füßen halten konnten, schleppten ihn die schmale Treppe empor nach Franziskas Kammer. Hier saß das Mädchen zu Füßen des Lagers und weinte mit dem Bruder bis zum Morgen. Eintritt in das Spital durchzusetzen. Wenn es möglich wäre, die Odyssee zu beschreiben, welche ein Pariser Brustkranker vor, während und nach seiner Aufnahme in das Spital erlebt, dann könnte man ein grausames, beklagenswerthes Menschenschicksal auf decken. ,, Wie oft geht nicht die Sache folgendermaßen vor sich: Wenn der Kranke die höchste Stufe seines Elends erreicht hat und nicht mehr zu arbeiten vermag, so entschließt er sich, ins Spital zu gehen. Er begiebt sich in die Ambulanz oder in die Sprechstunde des zunächst gelegenen Krankenhauses, wo man seine Krankheit als eine leichte feststellt und ihn fortschickt. Warum? Im Spital ist kein Platz, und der Kranke leidet nicht an einem unmittelbar gefahr drohenden Uebel, blos an einer oder beiderseitigen Lungenspitzen affektion. Tagtäglich sagt man ihm, daß er morgen wiederkommen solle, und so bemüht sich der Kanke vergebens zwei Wochen lang in die verschiedenen Sprechstunden der verschiedenen Spitäler, deren Abtheilungen mit Schwindsüchtigen überfüllt sind. Ueberdrüssig der vielen Abweisungen und des nutlosen Herumwanderns müde, geht er auf den Rath eines Spitaldieners oder eines Arztes, wenn nicht eines Spitalleiters selbst, in die Zentralaufnahmskanzlei Notre- Dame. Hier nun ist sein Aufenthaltsort für längere Zeit, oft Wochen lang, jeden Nachmittag, tagaus, tagein. Wie oft kommt es vor, daß der Schwindsüchtige Vormittags in die Sprechstunde eines Spitals geht und Nachmittags in die Aufnahmsfanzlei, um nachzufragen, ob nicht mittlerweile ein Bett für ihn frei geworden sei. Endlich tritt der Krankheitsprozeß akuter auf, in Folge der schlechten Witterung und der Entbehrungen ist der Kranke so weit heruntergekommen, daß der Arzt in der Aufnahmskanzlei nun seinen Eintritt in das Spital für dringend nöthig erachtet: er nimmt ihn auf, entweder in seine eigene Abtheilung oder noch lieber in diejenige eines anderen Arztes. " Aber damit ist das Maß der Leiden des armen Schwindsüchtigen noch nicht voll, umgekehrt, seine Tantalusqualen beginnen dann erst recht. Nach einigen Tagen, oft auch schon nach einigen Stunden, wird er entlassen, weil seine Lungenkrankheit keinen interessanten Fall darstellt. Er kann nun seine Spitalwanderungen von Neuem beginnen. So plagt er sich weiter, bis seine Kräfte völlig erschöpft sind oder bis er in Folge irgend einer schweren Komplikation, wie Rippenfellentzündung, Exsudat oder Eitererguß im Brustraum ein Bett bekommt, in welchem er, wenn ihn das Glück begünstigt, bis zu seinem Tod verbleiben kann. " ,, So geht es zu, mitunter auch noch schlimmer. Dies ist der Fall, wenn man z. B. in den überfüllten Spitälern Nothbetten aufstellen muß, weil es in Paris mehr an akuten Krankheiten leidende Personen giebt, als Betten in den Spitälern. Dann kommt es wohl manchmal vor, daß der Schwindsüchtige auf Matratzen gebettet wird, welche auf den bloßen Fußboden gelegt sind. Und wie oft sind nicht gerade die beklagenswerthen Schwindsüchtigen wegen ihrer in der Regel unheilbaren Krankheit der Gegenstand des Ueberdrusses der behandelnden Aerzte und des Wartepersonals? Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß der schwindsüchtige Spitalfranke, der nicht noch sein besonderes Leiden, eine Zugabe zum gewöhnlichen Zerfallprozeß, aufweisen kann, für eine Last gehalten wird; man verläßt und vernachlässigt ihn, weil er gewöhnlich unheilbar ist. Mit einem Wort, ein solcher Kranker, welcher stets auf die ihm drohende Gefahr des Hinausgeschicktwerdens gefaßt sein muß, wird schlecht oder wenigstens nachlässig behandelt und gepflegt. Wenig Krankheiten erfordern aber gerade eine so sorgfältige Pflege wie die Schwindsucht, zumal bei der Behandlung in abgeschlossenen Räumen." So das medizinische Fachblatt, welches gewiß nicht verdächtigt werden kann, bestehende Einrichtungen gewerbsmäßig herabseßen zu wollen. Man wende uns nun nicht ein, daß nur in Paris das Loos der proletarischen Schwindsüchtigen ein so trauriges sei. Eine Umfrage, in welcher Großstadt auch immer, liefert den Beweis, daß das Elend der Lungenleidenden der ärmeren Bevölkerung überall gleich groß ist, und zwar ganz besonders zur Zeit des Spätherbstes und des Winteranfangs, wo sich ihr lebel verschlimmert und der Zudrang zu den Krankenhäusern ein großer ist. Zu Nutz und Frommen ihres Profits läßt die Kapitalistenklasse Verhältnisse fortdauern, welche in Hunderttausenden von Fällen für die Entstehung und Ausbreitung der Schwindsucht verantwortlich sind, welche sie zur Proletarierkrankheit machen. Daß sie dann die Opfer ihrer Profitgier, wie oben geschildert, sich selbst überläßt, auf die unsichere und zweifelhafte Krankenhauswohlthätigkeit anweist, ist einer jener grausamen Züge, welche die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnen, welche beweisen, daß ihr die Gerechtigkeit völlig fremd ist, und daß sie im günstigsten Falle nur dürftiges Almosen kennt. 150 In neuerer Zeit ist eine zumeist von Aerzten und Hygienikern 2c. getragene Bewegung im Gange, welche die Errichtung besonderer Asyle, Pflegeanstalten, Sanatorien für Lungenkranke fordert. Die Berechtigung dieser Forderung ist so einleuchtend, daß sie keiner weiteren Begründung bedarf. Die bürgerliche Gesellschaft aber wird sich außer Stand erweisen, diese dringende Reform unseres Krankenwesens durchzuführen, wie sie unfähig ist, die Wohnungsfrage radikal zu lösen und andere Fragen, welche sich auf die Volksgesundheit beziehen. Die bürgerliche Gesellschaft hat zwar stets übergenug Mittel für den Bau von Kasernen und Panzerschiffen, sie hat aber kein Geld für die Errichtung von Spitälern, welche allen Anforderungen entsprechen, geschweige denn für Pflegeanstalten für kranke Proletarier. Die sozialistische Gesellschaft, in welcher nicht mehr für den Riesenreichthum etlicher Weniger gearbeitet wird, und in welcher zum Wohle und einer höheren Kultur der Allgemeinheit die vorhandenen Produktionskräfte voll ausgenügt werden, schafft auch auf sanitärem Gebiete Wandel. Sie beseitigt einen großen Theil der Ursachen der Krankheiten, und den Leidenden gewährt sie in vollem Umfange alles, was ihr Loos erleichtern und verbessern kann. Und dies von Gerechtigkeitswegen, nicht von Wohlthätigkeitswegen. Dr. Josef Schwarz- Budapest. Der Verband der englischen Frauengewerkvereine. In England machen die verschiedenen Arten der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen fräftige Fortschritte. Der„ Verband der englischen Frauengewerkvereine"( Womens Trades Unions League), welcher aus der von Mrs. Patterson 1874 gegründeten„ Liga für Frauenschutz" hervorgewachsen ist( siehe Nr. 16 und 17 der„ Gleichheit" 1894), hat fürzlich seinen 20. Jahresbericht veröffentlicht. Derselbe weist erfreuliche Erfolge nach. Der Verband" hat im Jahre 1894 einen bedeutenden Zuwachs an Mitgliedern erfahren. Außerdem erhellt aus dem Ueberblick über seine Thätigkeit, daß er gegenwärtig eine weit vernünftigere Taktik und Aktion verfolgt, als bis vor wenigen Jahren. Früher war innerhalb des Verbands ausschließlich der Einfluß nichts- als- frauenrechtlerischer Damen der Aristokratie und Bourgeoisie maßgebend, die zum Theil wohl guten Willen, zum Theil auch nur Ehrgeiz besaßen, und denen im Allgemeinen das richtige Verständniß für die proletarischen Interessen der Arbeiterinnen durchaus abging. Diesem Einfluß entsprechend ergingen sich die Frauengewerkvereine vielfach in einseitiger, öder Frauenrechtelei. Sie schwärmten für die Nur- Frauen- Organisationen, wiesen die Gewerkvereine für Arbeiter und Arbeiterinnen der gleichen Berufe und das Zusammengehen mit den männlichen Arbeitern als Attentate gegen die Selbständigkeit des weiblichen Geschlechts zurück und befämpften den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz als ein Verbrechen wider das unveräußerliche Menschenrecht der proletarischen Frau, sich unbeschränkt lange und rücksichtslos ausbeuten zu lassen. Aus dem 20. Jahresbericht des Verbands der Frauengewerkvereine" geht hervor, daß dieser mehr und mehr den alten Einflüssen entwachsen ist und eine Aktion entfaltet, welche den proletarischen Interessen der Arbeiterinnen besser entspricht, als die einseitige Frauenrechtlerei. Der Verband der Frauengewerkvereine handelte in enger Fühlung mit den Gewerkvereinen der Arbeiter und den gewerkschaftlichen Organisationen, welche Arbeiter und Arbeiterinnen zusammen umfassen. Er unterstützte sie bei dem Bemühen, die weiblichen Arbeiter zu organisiren und wurde bei dem nämlichen Streben seinerseits von ihnen gefördert und unterstützt. Er entfaltete im vollen Gegensatz zu der bürgerlichen Frauenrechtelei, die sich nach wie vor geradezu von kindischer Beschränktheit und Halbheit der Frage gegenüber erwies eine kraftvolle Agitation für die Erweiterung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes. Die äußere Kräftigung wie die innere Gesundung des Verbands der Frauengewerkvereine Englands wird durch seinen 20. Jahresbericht klärlich erwiesen. Derselbe verzeichnet für das Jahr 1894 einen Zuwachs von zwölf Trades Unions mit einer Mitgliederzahl von 8212, so daß nunmehr 42 Vereine mit rund 28 000 Mitgliedern dem„ Verband" angehören. Derselbe bezweckt hauptsächlich Agitation und Neugründung von Trades Unions unter den noch nicht organisirten Arbeiterinnen, aber auch Aufklärung, Ermuthigung und gelegentliche Unterstützung der von den organisirten Arbeiterinnen unternommenen Schritte zur Herbeiführung günstigerer Arbeitsbedingungen oder dergleichen. Die 28000 Mitglieder stellen nur etwa ein Viertel der organisirten Arbeiterinnen in England und Schottland dar. Der größte Theil der weiblichen Arbeiterschaft befindet sich in Organisationen, welche neben den männlichen auch weibliche Mitglieder aufnehmen. Die betreffenden Gewerkvereine aber sind nicht an den Verband der Frauengewerkvereine angeschlossen, sondern an Verbände von Trades Unions der männlichen Arbeiter Der„ Verband" selbst sucht bei seinen Neugründungen den Anschluß an bestehende männliche Organisationen zu fördern, und nur wo dies durch die betreffenden Satzungen verboten ist oder sonst nicht angängig erscheint, wird zur Gründung eines Frauengewerfvereines geschritten. Der Verband" unterhält eine ständige Organisationssekretärin, Miß Marland. Er war bei der„ eight hours demonstration"( Achtſtundendemonstration) im Hydepark zu London am 1. Mai 1894 sowie an der Trades- Demonstration in Blackburn im Juni 1894 vertreten. Am 24. Mai wurde eine stark besuchte Versammlung zu Gunsten der Factory and Workshops Bill( Fabriksund Werkstättenbill) abgehalten, in welcher beschlossen wurde, für folgende Punkte einzutreten: 1. Einbeziehung der Waschhäuser unter das Fabrikgesetz,* 2. Verantwortlichkeit des Arbeitgebers für die Verhältnisse( namentlich auch die sanitären), unter welchen die Arbeiten vollzogen werden, und 3. Verbot der systematischen Ueberstunden. Im August 1894 fand zu Norwich der allgemeine Trades Unions- Kongreß statt. Die Sekretärin des Verbands der Frauengewerkvereine" be reiste vorher diese Gegend, um unter den Arbeiterinnen den Boden für den Kongreß vorzubereiten und hatte unter anderem auch den Erfolg, daß sofort ein Gewerkverein der Schuh- und Stiefelarbeiterinnen in Norwich gegründet wurde. In London gründete der„ Verband" im letzten Jahre einen Arbeiterinnenklub für Geselligkeit und Unterhaltung. Die Mitglieder versammeln sich Donnerstag Abends in den Geschäftsräumen des Verbands" zu geselliger Unterhaltung, und die Komitemitglieder übernehmen abwechselnd den Verkauf einiger Erfrischungen zu billigen Preisen sowie den Bücheraustausch aus der Vereinsbibliothek. Der Klubbeitrag ist 1 Penny( 8 Pfennig) monatlich. Im November machte die Battersea Labour League der Womens Trades Unions League die Anzeige, daß einige Arbeiterinnen, welche sich geweigert hatten, nach 10 Uhr Abends ohne vorherige Mittheilung Ueberstunden zu leisten, von der Firma Spiero and Pond's Battersea Laundry entlassen und wegen Einschüchterung der anderen Arbeiter verklagt worden seien. Der Verband" stellte den Mädchen Vertheidiger, welche die Freisprechung der Angeklagten erzielten. Auf diesem Gebiete sagt der Bericht könnte der Verband" viel leisten, wenn er über die nöthigen Mittel verfügte. Mit Bedauern verzeichnet der Bericht die allmälige Auflösung der Society of Upholstresses( Arbeiterinnenverein der Tapezierbranche), veranlaßt durch die schlechte Geschäftslage dieses Gewerbes und die Ausdehnung der Maschinenarbeit. Die von der Printing and Kindred Trades Federation( Federation der Buchdrucker und verwandter Berufsgenossen) unternommene Organisation der weiblichen Arbeiter in den in Frage kommenden Betrieben wurde von dem„ Verband" kräftig unterstützt, und es gelang, die Frauen der mächtigen Printers' Federation( Buchdruckerverband) zuzuführen. Die Aussichten für die Zukunft bezeichnet der Bericht als vielversprechend, die männlichen Arbeiter sehen immer mehr die Nothwendigkeit der Organisirung auch der weiblichen Arbeiterschaft ein, und die Gewerkvereinsführer unterstützten den„ Verband" jetzt in seinen Bestrebungen. Der Rassenbericht balancirt mit 334 Pfund Sterling 14 Schilling 9 Pence( rund 6695 Mark) Einnahme und Ausgabe. Mit aufrichtiger Freude begrüßen wir die gedeihliche äußere und innere Entwicklung des Verbands der englischen Frauengewerkvereine". Aus dem Beispiel seines Ausschwungs, aus dem Hinblick auf die noch kräftigeren Fortschritte, welche die Einbeziehung der englischen Arbeiterinnen in die Gewerkschaften der Arbeiter macht, schöpfen wir neuen Muth, neue Begeisterung und neue Zähigkeit für das schwere, aber nothwendige Werk, auch die deutschen Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisiren und sie dadurch zum Kampf gegen das Ausbeuterthum zu befähigen. Ein Bild. Zwei Rassen giebt's, die eine wird mit Sporen,.. Aus Sandstein ist das gelbliche Portal, Die rothen Säulen aus Granit gehauen, Und seitwärts in ein weißes Piedestal Vergräbt ein Löwe seine Marmorklauen. Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut' Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse, Der Straßendamm ist hoch mit Stroh bestreut Und lautlos drüber hin rollt die Karosse. Das Treppenhaus vertheidigt der Portier Und schüttelt grimmig seine graue Mähne, Und naht gar einer aus der haute volée, Dann fletscht er zerberusgleich seine Zähne. * Die Forderung ist durch Beschluß des Parlaments kurz vor Auflösung desselben im Juli 1895 inzwischen verwirklicht worden. 151 Im Prunksaal trauern hinter Flor und Tafft, Die bunten Jnderstoffe aus Lahore, Auch schleicht die goldbetreßte Dienerschaft Nur auf Spitzzehen durch die Korridore. Der hochgeborne Hausherr, Exzellenz, Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne, Die erste Redekraft des Parlaments Fehlt heute abermals auf der Tribüne. Zwar trat man gestern erst in den Etat, Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe: Schon viermal war der greise Hausarzt da, Und meinte, daß es sehr bedenklich stünde. Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt, Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer, Und seine düstre Teppichpracht erhellt Nur einer Ampel röthliches Geflimmer. Weit offen steht die Thür zum Vestibul Und wie im Traum nur plätschert die Fontaine, Die Luft umher ist wie gewitterschwül, Denn ach, die gnäd'ge Frau hat heut- Migräne! Ein Anderes. -Mit Sätteln wird die andere geboren! Karl Köstling. Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf Jns letzte Stockwerk einer Miethskaserne; Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf Und durch das Dachwerk schau'n des Himmels Sterne. Was sie erspähn, o es ist grad' genug, Um mit dem Elend brüderlich zu weinen: Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Wasserkrug, Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen. Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder, Und dort auf jenem strohgestopften Bett Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder. Drei kleine Kinder stehn um sie herum, Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen, Von vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm Und keine Thräne mehr nett ihre Wangen. Ein Stümpchen Talglicht giebt nur trüben Schein, Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten? Es klopft, und durch die Thür tritt nun herein Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten. Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier, Den fie geholt aus Mitleid mit der Kranken, Indeß ihr Mann in Branntwein und in Bier Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken. Der junge Doktor aber nimmt das Licht Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes, Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes. Da schluchzt sein Herz, indeß das Licht verkohlt, Von nie gekannter Wehmuth überschlichen: Weint, Kinder, weint! ich bin zu spät geholt, Denn eure Mutter ist bereits verblichen! Bur Beachtung. Arno Holz. Zahlreichen Genossinnen und Genossen auf ihre Anfragen zur Antwort, daß Frau Palm ihre Agitationsreisen nicht im Auftrag oder im Einverständniß der Frauenbewegung unternimmt, und daß diese mithin für ihr Auftreten nicht verantwortlich ist. Wie aus einer Notiz im ,, Vorwärts" vom 13. August erhellt, geschieht Frau Palms Agitation auch nicht im Auftrage des Parteivorstands, sondern aus eigenem Entschluß und auf eigene Verantwortung. Die Redaktion der„ Gleichheit“. Kleine Nachrichten. Folgen der kapitalistischen Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft. Mit den Berufskrankheiten der im Buchdruckergewerbe beschäftigten Arbeiter, Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen beschäftigt sich Dr. Heimann, Vertrauensarzt der Berliner Ortskranken- und Invalidenkasse der Buchdrucker, in einer trefflichen Abhandlung, welche in den Conradschen Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik Nr. 20 der ,, Gleichheit" gelangt am 2. Oktober 1895 zur Ausgabe. 152 " allgemeinen Menschenrechte. Und das nennt sich Demokratie! Weibliche Gesundheitsinspektoren in England. Zur Untersuchung und Beaufsichtigung der hygienischen Einrichtung der Werkstätten und Arbeitsräume wurden, wie seinerzeit die„ Gleichheit" mittheilte, in Kensington( London) zwei weibliche Inspektoren versuchsweise angestellt. Der Bericht des vorgesetzten Medizinalbeamten stellt fest, daß die Amtsthätigkeit der beiden Damen eine vorzügliche gewesen ist. Die weiblichen Inspektoren haben die Werkstätten und Arbeitsräume ihres Distrikts wieder und wieder besichtigt und dabei eine große Menge der verschiedenartigsten Mängel entdeckt, wie schlechte Beleuchtung, ungenügende Ventilation, Ueberfüllung 2c. Mit großer Energie sind sie für Abstellung der Mißstände eingetreten. Vielfach haben sie auch nicht angemeldete Arbeitsstätten ermittelt und veranlaßt, daß hier vorschriftsmäßige Einrichtungen und Verhältnisse geschaffen wurden. Ueberall sind sie in gerechter und gerechtfertigter Weise vorgegangen und haben sich auch durch klugen und praktischen Blick bewährt. Der Bericht der Behörde schließt mit einer ausdrücklichen Anerkennung der Amtsthätigkeit beider weiblicher Gesundheitsinspektoren. erschienen ist. Betreffs des Gesundheitszustandes der weiblichen| bürgerlichen Parteien Deutschlands stehen die Frauen außerhalb der Hilfsarbeiter hat Dr. Heimann gefunden, daß Erkrankung der Geschlechtsorgane und Bleichsucht in erschreckendem Maße vorherrschen. Man findet hier( unter den Hilfsarbeiterinnen) überaus häufig die elenden, ausgemergelten Gestalten mit blassem, magerem Gesicht, die leider einen so großen Theil der weiblichen Fabrikbevölkerung bilden und deren Anblick jedem Menschenfreund ins Herz schneidet", heißt es mit Bezug hierauf in dem beregten Artikel. Derselbe konstatirt weiter, daß im Jahre 1894 von 2000 Arbeiterinnen bei 112 die Entbindung am normalen Ende der Schwangerschaft eintrat, während in 20 Fällen, also fast bei 18 Prozent, Frühgeburten erfolgten. Dr. Heimann erklärt außerdem, daß die Hilfsarbeiterinnen im Großen und Ganzen von den Berufskrankheiten der Arbeiterschaft des eigentlichen Buchdruckerberufs im gleichen Verhältnisse wie die Arbeiter erfaßt werden. Was das bedeutet, dafür einige Angaben. Gestützt auf ein 37jähriges Material fonstatirt Dr. Heimann, daß auf 100 Sterbefälle von Buchdruckern 60,05 Prozent kommen, in denen als Todesursache Krankheiten der Athmungsorgane ermittelt sind. Davon entfallen auf Kehlkopf- und Lungenschwindsucht 49,08 Fälle. In den Jahren 1890-92 famen auf die Berliner Bevölkerung von 100 Todesfällen 32,79 Prozent, bei denen Schwindsucht die Todesursache war. Nachweislich war jedoch bei den Buchdruckern in 45,45 Fällen diese Krankheit die Todesursache. Die Sterblichkeit der Berliner Buchdrucker nähert sich nach Dr. Heimann bedenklich der berüchtigten hohen Sterblichkeit der Solinger Schleifer. Die angegebenen Zahlen schreien nach einem gründlichen und durchgreifenden gesetzlichen Arbeiterschutz, welcher die verbrecherische Ausbeutung proletarischer Arbeitskraft in gewisse Schranken weist. Hungerlöhne zahlt das Konfettionsgeschäft von Seifert in Leipzig offenbar ihren Arbeiterinnen. Eine Näherin erhielt für das Anfertigen von 3 Blousen ganze 75 Pf., von denen sie noch die Auslagen für Nähfaden bestreiten mußte. Als sie nach 1/ 2tägiger Arbeit ihren„ Schlemmerlohn" in Empfang nehmen wollte, mußte sie von Nachmittags 3-7 Uhr vergebens warten und wurde dann schließlich mit der Bemerkung fortgeschickt, es sei heute nichts zu thun, sie solle Samstag wiederkommen. Am Samstag mußte sie wieder mit leeren Händen abziehen, weil sie ihren Wohnungsschein vergessen hatte. Erst am Montag erhielt sie ihren Verdienst ausgezahlt. Für 1½ Tage Arbeit, fünfmaligen Weg und Wartezeit wurden ihr, wie mitgetheilt, 75 Pf. ausgezahlt, d. h. sie hatte pro Stunde 2-3 Pf. verdient. Wenn bei solchem Verdienst die ledige, alleinstehende Arbeiterin zur Dirne wird, ist es ebensowenig wunderbar, als wenn der kapitalistische Unternehmer auf der Leiter derartiger Löhne zum Millionär und Kommerzienrath emporklimmt. Eine Verdrängung der männlichen Arbeitskräfte durch weibliche hat in der Dresdener Zigarettenfabrikation stattgefunden. In ihr sind über 2000 Frauen und Mädchen beschäftigt und nur 130 Männer. In den verschiedenen Betrieben werden jährlich gegen vier Millionen Zigaretten fabrizirt. Der meist jämmerliche Verdienst der Zigarettenarbeiterinnen ist bekannt. Wochenlöhne von 5 und 6 Mt. sind keine Seltenheit, dafern die Frauen und Mädchen nicht als Heimarbeiterinnen oder nach Feierabend in der Fabrik durch Mit- zu- Hause nehmen von Arbeit ihre Schaffenszeit ungemessen ausdehnen. Das Streben der Frau nach höherer Bildung wird unter anderem illustrirt durch die steigende Betheiligung von Damen an den wissenschaftlichen Ferienkursen, welche von Professoren verschiedener Universitäten organisirt werden. So waren z. B. von den diesjährigen 86 Ferienkursisten in Jena 26 Damen. Auch in Deutschland macht die Bildungsbewegung der Frauen langsame Fortschritte. Aber diese Fortschritte kommen von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen nur den Frauen und Töchtern der Besitzen den zu gute. So lange die kapitalistische Gesellschaft besteht, muß die proletarische Frauenwelt abseits von den Bildungsquellen stehen, wie bedeutend sich die Bildungssphäre des weiblichen Geschlechts auch erweitere. Gleichberechtigung der Geschlechter im sozialdemokratischen Lager. Wie das letzte Landtagswahlprogramm der Württembergischen Sozialdemokraten, so enthält auch das kürzlich veröffentlichte sozial demokratische Landtagswahlprogramm für Baden die Forderung: Wahlberechtigung für jeden über 20 Jahre alten Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts." Diese Forderung ist eine selbstverständliche im Programm von Sozialdemokraten, und wir würden ihrer gar nicht erwähnen, wenn sie nicht in sehr beredtem Gegensatz stünde zu dem kürzlich veröffentlichten neuen Programm der süddeutschen Volkspartei. Diese erklärt sich darin mit viel schönen Phrasen für eine Partei der gleichen Rechte Aller, fordert aber mit keiner Silbe gleiche Rechte für das weibliche Geschlecht. Für sie, wie für alle Frauenarbeit und Kindersterblichkeit. Die Vereinigung englischer Aerzte hat fürzlich wieder die Aufmerksamkeit der Regierung auf die steigende Kindersterblichkeit gelenkt und sie als Folge der Fabrikarbeit der Mütter bezeichnet. Im Norden der Grafschaft Staffordshire, wo viele verheirathete Arbeiterinnen in den Töpfereien beschäftigt sind, ist, wie angeführt wurde, die Kindersterblichkeit viel größer als im Süden der Grafschaft, wo die Eisenindustrie vorherrscht, in welcher weniger Frauen beschäftigt sind. Der Vorsitzende der Vereinigung der Aerzte, Dr. Read, erklärte, die Fabrikarbeit führe zur Steigerung der Kindersterblichkeit, weil die außer dem Hause beschäftigten Mütter gezwungen seien, ihre Kleinen künstlich zu ernähren. Zum Gedeihen der Kinder sei nothwendig, daß sie mindestens in den drei ersten Lebensmonaten möglichst von der Mutter genährt oder wenigstens von ihr gepflegt würden. Da sich die Vereinigung von Aerzten mit ihrer Ansicht auf sehr eingehende einschlägige Untersuchungen in 101 Fabrikstädten mit 3½ Millionen Einwohner stützt, fordert sie das gesetzliche Verbot der Fabrikarbeit für Mütter in den drei ersten Monaten nach ihrer Niederkunft. Die Regierung antwortete, daß die Kindersterblichkeit nicht blos in Fabrikstädten, sondern im Allgemeinen zunehme; z. B. sei sie in Hull, keiner Fabrikstadt, seit 1865 von 128 per Tausend auf 206 im Jahre 1893 gestiegen. Auch sei das Verbot der Fabrikarbeit für junge Mütter schwer durchführbar, da sie oft genug den Hausstand miterhalten müßten. Die erzwungene Arbeitslosigkeit der Frau, die das Einkommen bedeutend schmälern würde, müßte wieder die Ernährung der Mutter verschlechtern und käme dann den Kindern nicht zu gute. Ferner würde die Wiederbeschäftigung der Frau nach dreimonatlicher Pause mannigfache Schwierig feiten zeitigen, ja schließlich zu einer Verschiebung, beziehungsweise Verdrängung der Frauenarbeit in den Fabriken führen." Der Vertreter der englischen Regierung hat als Kapitalist vom reinsten Wasser gesprochen. Die schonungslose, oft bis zum Verbrecherischen gesteigerte Ausbeutung der Frauenarbeit ist eines der vornehmsten Mittel, den fapitalistischen Profithunger zu befriedigen. Schlimmer als Tempelschändung erscheint den Unternehmern daher jede Forderung, jedes Bestreben, der kapitalistischen Auspressung der Frauen gesetzliche Grenzen zu ziehen. Aerzte erbringen den Nachweis, daß die Wöchnerinnenarbeit mörderische Folgen für die proletarischen Kinder zeitigt. Was thut's? Diesen Folgen darf fein Einhalt geboten werden, weil dies nur auf Kosten des Mehrwerths der Kapitalisten geschehen könnte. Von der Rücksicht auf die Mehreinnahme der Arbeiterfamilie spricht man, aber den Mehrprofit hervorragender Industrieller" meint man. Auf daß dem Verbrechen nicht die Heuchelei fehle! Als Sanitätsinspektorin wurde eine Aerztin, Dr. Emma Johnson Lukas, in Peoria( Illinois) erwählt. Ihre männlichen Kollegen haben sehr warm ihre Wahl befürwortet. In Deutschland sträubt sich bekanntlich ein großer Theil der Aerzte und Gelehrten noch immer mit Händen und Füßen gegen das medizinische Studium und die ärztliche Praxis der Frauen. Der deutsche„ Denker" steht im Zeichen der Konkurrenzfurcht und stark baumelt ihm der Zopf des spießerhaften Vorurtheils im Nacken.. Quittung. Zu Agitationszwecken 20 Mt. von den Genossinnen in Forst i. S. erhalten zu haben, bescheinigt dankend Berlin. Ottilie Gerndt, Vertrauensperson. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.. Druck und Verlag vor J. H. W. Dieg in Stuttgart.