Nr. 22. Die Gleichheit 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 30. Oktober 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. " Der Breslauer Parteitag. In einer Woche ernsten, fleißigen Schaffens hat der Bres lauer Parteitag seine Tagesordnung erledigt. Erledigt natürlich, ohne die Prophezeiungen zu erfüllen, welche in der bürgerlichen Welt mit der Regelmäßigkeit des Mädchens aus der Fremde wiedertehren, um den unvermeidlichen Zerfall der Sozialdemokratie" mit der Glaubenssicherheit eines Schäfer Thomas zu verkünden. Im Gegentheil. Der Breslauer Parteitag bezeugt finnenfällig die innere Kraft der Sozialdemokratie, ihren frischen Drang nach Entwicklung und Ausdehnung. Welche bürgerliche Partei hätte eine Diskussion durchführen können, wie sie sich in Breslau um das Agrarprogramm entspann, ohne ihre Einheitlichkeit, ja ihre Eristenz schwerstens zu gefährden? Die Sozialdemokratie konnte furchtlos, rückhaltslos vor der breitesten Oeffentlichkeit die strittige Frage der Taktik debattiren, sie konnte die Geister in schroffer Gegensäßlichkeit aufeinanderplaßen lassen, die Situation flären und dadurch eine fruchtbare Aktion auf dem Lande einleiten. Ihrer eminenten Wichtigkeit entsprechend nahm die Erörterung des Agrarprogramms den größten Theil der Zeit und das regste und tiefste Interesse des Parteitags in Anspruch. Wenn hier und da die Gegensätzlichkeit der Meinungen auch zu persönlichen Ausfällen führte, so ward doch im Allgemeinen von den Befürwortern und den Gegnern der Kommissionsvorschläge mit großer Sachlichkeit gefochten. Weder im Für noch im Wider wurden neue Gesichtspunkte und Gründe geltend gemacht. Die sehr eingehende Erörterung, welche die Frage seit langen Wochen in der sozialdemokratischen Presse gefunden, hatte wohl so ziemlich erschöpft, was für den Augenblick und ohne das Problemt zu erweitern und zu vertiefen von dem einen und dem anderen Standpunkt aus vorgebracht werden konnte. Immer klarer trat es dagegen im Laufe der Debatten in Erscheinung, daß sich die Erörterung unserer Haltung gegenüber der ländlichen Bevölkerung und ihren Interessen mehr und mehr zufpizt zu der Frage, welche Taktik überhaupt für die Sozialdemokratie die zweckentsprechendste sei. Wir begrüßen es deshalb mit besonderer Freude, daß der Parteitag der Resolution Kautsky mit einer starken Zweidrittelmajorität zustimmte. Denn diese Resolution lehnt nicht blos den Programmentwurf der Kommission entschieden ab, sie legt vielmehr in der Begründung die Gesichtspunkte fest, unter denen wir unsere Haltung gegenüber der ländlichen Bevölkerung zu prüfen haben, sie zeichnet damit der Sozialdemokratie für die Eroberung des platten Landes einen Weg vor, welcher ihrer bisherigen allgemeinen Taktik entspricht. Irrthümlich ist unseres Erachtens die Annahme, daß der Beschluß des Parteitags in Betreff des Agrarprogramms bestimmt wurde durch trockenen„ Dogmenfanatismus", unfruchtbaren Buchstabenglauben", Liebe zum alten Schlendrian". Was über den Ausgang der einschlägigen Verhandlungen entschied, war der proletarische Klasseninstinkt, war das proletarische Klassenbewußtsein. Mit Unrecht auch unterstellen gegnerische Blätter der Sozialdemo kratie, sie habe sich durch den Beschluß des Breslauer Parteitags als Partei der nichts- als- revolutionären Phrase erklärt, der bloßen Negation zugeschworen, jedes positiv- praktische Eingreifen in die Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. heutigen Verhältnisse, jede Sozialreform zurückgewiesen. Es ist uns unerfindlich, wie man die Verneinung eines staatssozialistelnden Bauernschutzes für gleichbedeutend erachten kann mit der Verneinung jeder Sozialreform überhaupt. Wie unbegründet eine solche Auslegung des Breslauer Parteibeschlusses ist, erhellt aus dem zweiten Theil unseres Programms, erhellt aus der bisherigen Aftion der Partei. Sozialreformatorisch war die Sozialdemokratie die ganzen Jahre hindurch thätig, lange ehe an die Arbeiten der Agrarkommission und ihre Vorschläge gedacht wurde, sozialreformatorisch wird die Sozialdemokratie auch fernerhin thätig sein. Aber ihre positiven, praktischen Programmforderungen sollen nur für Sozialreformen gelten, welche den Klassenkampf erleichtern, erweitern, vertiefen und verschärfen. Der Breslauer Parteitag verwahrte sich also dagegen, daß die Sozialdemokratie in Sachen des Bauernschutzes sich zu einer Haltung verpflichtet, welche im Gegensatz zu dem Wesen der Partei steht, im Gegensatz zu ihrer Stellungnahme in der Handwerkerfrage. Er wollte nichts wissen von Sozialreformen, welche den Todeskampf der Kleinbauern nußlos verlängern, der Richtung der wirthschaftlichen Entwicklung zur sozialistischen Gesellschaft entgegenarbeiten, den Eigenthumssinn der bäuerlichen Kleinbesizer stärken, den Großgrundbesißern und der gesammten Ausbeuterklasse recht erhebliche Vortheile zuwenden und die Machtmittel des Staates der Kapitalisten gegen das Proletariat vermehren. Nichts weniger als daß die Sozialdemokratie mit dieser ihrer Beschlußfassung auf die Eroberung des platten Landes verzichtet und sich den Weg dorthin verlegt hätte. Umgekehrt erklärte der Parteitag, daß die Sozialdemokratie nach wie vor entschlossen sei, ihr Banner inmitten der ländlichen Bevölkerung zu entrollen. Aber er betonte auch, daß sie dieser Bevölkerung als Partei des Klassenkampfes gegenüber zu treten habe; er begrenzte die der Sozialdemokratie gestellte Aufgabe, indem er hervorhob, daß in erster Linie die ländlichen Proletariermassen und die mehr und mehr der Proletarisirung anheimfallenden Zwergbesizer und überschuldeten Kleinbesitzer politisch zu schulen und dem Heere der prole= tarischen Stlassenkämpfer einzureihen seien. Wenn der Parteitag die von der Agrarkommission vorgeschlagene Taktik zurückwies, so kam das aus der Ueberzeugung heraus, daß andere Wege dem Charakter der Partei mehr entsprechen, wenn auch langsamer, aber dafür um so sicherer zum Ziele führen. Entgegen der Ansicht, daß Probiren über Studiren geht", gab der Parteitag durch die Annahme der Resolution Kautsky seiner Meinung Ausdruck, daß die Sozialdemokratie nicht eine Partei sozialreformatorischen Erperimentirens sein dürfe, und daß ein gründliches Studium der ländlichen Verhältnisse unerläßliche Voraussetzung für eine planmäßige Aktion auf dem Lande sei. Der Beschluß des Breslauer Parteitags schneidet mithin die Erörterung der Agrarfrage nicht ab, sondern er hält sie in Fluß; er bedeutet nicht das Ende eines Vorstoßes der Partei in neuer Richtung, sondern den Anfang eines solchen. " Durch die Annahme der Resolution Kautsky haben die Vertreter der Partei den Standpunkt des Klassenkampfes stark und scharf betont. Wir erblicken darin einen doppelten Vorzug. Einmal mit Rücksicht auf die von der Partei zu befolgende Taktik, dann aber auch mit Rücksicht auf die Haltung der bürgerlichen Sozialreformler gegenüber der Sozialdemokratie. Je schwieriger diese wird, je mehr ihnen in lichten Momenten ihre Schwäche unverhüllt durch ideologische Phrasen zum Bewußtsein kommt, um so angenehmer wäre es ihnen, mit der in stroßender Lebenskraft stehenden Sozialdemokratie„ innige Fühlung" zu gewinnen, wenn die Sozialdemokratie, ja wenn sie ihren revolutionären Charakter etwas abschwächen möchte. Mit der Partei des Klassenkampfes zu pattiren, fi donc, das kompromittirt bei den bürgerlichen Sippen und Magen. Arm in Arm dagegen marschiren mit einer Partei, welche das Hauptgewicht ihrer Thätigkeit auf ernste Sozialreformen im Interesse der allgemeinen Kultur" legt, das ist politisch vortheilhaft und gegenüber der bürgerlichen Welt noch comme il faut. Solange die bürgerlichen Sozialreformler als Freunde der leidenden Arbeiterklasse außerhalb der Sozialdemokratie stehen, kann diese ihrem Thun und Treiben ruhig zusehen, es trägt Unflarheit, Verwirrung, Zersplitterung in das bürgerliche Lager. Ihre ,, innigere Fühlung" mit der Partei kann sie nicht schroff genug ablehnen, sie würde dazu führen, das Klassenbewußtsein der Masse zu trüben, den proletarischen Klassenkampf sentimental bürgerlich anzukränkeln. Mit dem Agrarprogramm hat der Breslauer Parteitag den Klüngel der guten Menschen und schlechten Musikanten für die nächste Zeit von der Sozialdemokratie abgeschüttelt, und das ist sehr gut. Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden schnell er= ledigt. Der Parteitag anerkannte, daß der Vorstand im Punkte der Geschäftsführung und die Reichstagsfraktion in ihrer parlamentarischen Thätigkeit in treuester Pflichterfüllung und zum Nußen der Partei ihren Aufgaben nachgekommen waren. Die Anträge und Debatten, welche sich auf die verschiedenen Seiten der Parteithätigkeit bezogen, brachten manche frommen Wünsche und manche fruchtbaren Anregungen. Sie galten zum größten Theil der Erweiterung und Vertiefung der Agitation, dem weiteren Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes, der Herbeiführung größerer Bewegungsfreiheit für das Proletariat 2c. Unter anderem lagen dem Parteitag mehrere Anträge vor, welche darauf abzwecken, die Masse der proletarischen Frauen immer mehr für die Ziele des Sozialismus zu gewinnen, sie als geschulte und klare Streiterinnen an dem Klassenkampfe des Proletariats Theil nehmen zu lassen. Die betreffenden Anträge wurden von den Genossinnen Rohrlack, Luzz, Steinbach und Zetkin vertreten und gelangten einstimmig zur Annahme. Einen entschiedenen Fortschritt bedeutet der Beschluß des Parteitags über die Maifeier; von dem regen internationalen Solidaritätsgefühl der deutschen Sozialdemokratie zeugt die Resolution betreffs des nächsten internationalen Kongresses. Zur Frage ,, Hausindustrie, Schwißsystem und Arbeiterschutz" bekundete der Parteitag, daß die Sozialdemokratie überall und allezeit für Reformen kämpft, welche den dauernden Klasseninteressen des Proletariats entsprechen. Mit Befriedigung kann die Sozialdemokratie auf ihren letzten Parteitag zurückblicken. Er zeigt die Partei des klassenbewußten Proletariats inmitten der Zerseßung der bürgerlichen Gesellschaft und des Ansturms der Neaktion gefestigt und ferngesund, kampfbereit, voll feuriger Jugendkraft von Aufgabe zu Aufgabe schreitend, ihres endgiltigen Sieges gewiß. Beschlüsse des Breslauer Parteitages. Der Breslauer Parteitag nahm zu Punkt 4, 5, 6 und 7 seiner Tagesordnung folgende Resolutionen an: Zur Agrarfrage: Der von der Agrarkommission vorgelegte Entwurf eines Agrarprogramms ist zu verwerfen, denn dieses Programm stellt der Bauernschaft die Hebung ihrer Lage, also die Stärkung ihres Privateigenthums in Aussicht. Es erklärt das Interesse der Landeskultur in der heutigen Gesellschaftsordnung für ein Interesse des Proletariats, und doch ist das Interesse der Landeskultur ebenso wie das Interesse der Industrie unter der_Herrschaft des Privateigenthums an den Produktionsmitteln ein Interesse der Besizer der Produktionsmittel, der Ausbeuter des Proletariats. Ferner weist der Entwurf des Agrarprogramms dem Ausbeuterstaat neue Machtmittel zu und erschwert dadurch den Klassenkampf des Proletariats; und 170 endlich stellt dieser Entwurf dem kapitalistischen Staat Aufgaben, die nur Proletariat die politische Macht erobert hat. Der Parteitag erkennt an, daß ein Staatswesen ersprießlich zur Durchführung bringen kann, in dem das die Landwirthschaft ihre eigenthümlichen, von denen der Industrie verschiedenen Gesetze hat, die zu studiren und zu beachten sind, wenn die Sozialdemokratie auf dem flachen Lande eine gedeihliche Wirksamkeit entfalten soll. Er beauftragt daher den Parteivorstand, er möge unter Berücksichtigung der bereits von der Agrarkommission gegebenen Anregungen eine Anzahl geeigneter Personen mit der Aufgabe betrauen, das über die deutschen Agrarverhältnisse vorhandene Material einem gründlichen Studium zu unterziehen und die Ergebnisse dieses Studiums in einer Reihe von Abhandlungen zu veröffentlichen als„ Sammlung agrarpolitischer Schriften der sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Der Parteivorstand erhält Vollmacht, die nöthigen Geldaufwendungen zu machen, um den mit den erwähnten Arbeiten betrauten Genossen die Erfüllung ihrer Arbeit zu ermöglichen. Zur Maifeier. In Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der internationalen Arbeiterfongresse zu Paris( 1889), Brüssel( 1891) und Zürich( 1893), feiert die deutsche Sozialdemokratie den 1. Mai als das Weltfest der Arbeit, gewidmet den Klassenforderungen des Proletariats, der Verbrüderung und dem Weltfrieden. Als würdigste Feier des 1. Mai betrachtet die Partei die allgemeine Arbeitsruhe. Daher empfiehlt der Parteitag denjenigen Arbeitern und Arbeiterorganisationen, die ohne Schädigung der Arbeiterinteressen den 1. Mai neben den anderen Kundgebungen auch durch die Arbeitsruhe feiern können, Arbeitsruhe eintreten zu lassen. Zur Frage des nächsten internationalen Arbeiter- und Gewerkschafts- Kongresses. Der Parteitag fordert die Parteigenossen auf, in Anbetracht der Wichtigkeit, die der nächste in London stattfindende internationale Arbeiterfongreß für die gesammten klassenbewußten Arbeiter und namentlich für die weitere Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung haben wird, denselben durch Vertreter möglichst zahlreich zu beschicken. Zur Frage Hausindustrie, Schwitzsystem und Arbeiterschutz. Die moderne Hausindustrie ist die dezentralisirte Form des kapitalistischen Großbetriebes. In der Hausindustrie vermag der kapitalistische Unternehmer die Ausgaben für die Betriebswerkstätten, die Hilfsstoffe, für Beheizung und Beleuchtung auf die Arbeitskräfte abzuwälzen, die Ausgaben für die vorschriftsmäßige Beschaffenheit der Arbeitsräume und für die verschiedenen Arten der Arbeiterversicherung zu vermeiden; kann er die billigsten und widerstandsunfähigsten Arbeitskräfte Frauen und Kinder weitestem Umfange der rücksichtslosesten Ausbeutung dienstbar machen und dadurch auf die Arbeitsbedingungen der übrigen Arbeiter einen Druck ausüben. Bei längster Arbeitszeit, schlechtesten Arbeitsbedingungen und niedrigsten Löhnen, preßt der Kapitalist den hausindustriellen Arbeitern die höchsten Leistungen ab. in Die durch den hausindustriellen Betrieb ermöglichte Stelle des Zwischenunternehmerthums, des Zwischenmeisters, Sweater, treibt die Ausbeutung der Heimarbeiter und-Arbeiterinnen auf die Spitze und verschärft die Uebel der Hausindustrie aufs Aeußerste. Die Hausindustrie überliefert ganze Schichten der arbeitenden Be völkerung der Verelendung, dem förperlichen, geistigen und sittlichen Verkommen; insbesondere zwingt sie durch Hungerlöhne Tausende von Arbeiterinnen, in der Prostitution einen ständigen Nebenerwerb zu suchen. Die den bescheidensten Anforderungen eines Kulturmenschen ins Ge sicht schlagende Erbärmlichkeit der Erwerbs- und Lebensverhältnisse der Arbeiter in der Hausindustrie und der Umstand, daß dieselben meist isolirt schaffen, erschweren und hindern den gewerkschaftlichen Zusammenschluß, damit den Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Der in Breslau versammelte Parteitag der deutschen Sozialdemokratie erklärt es deshalb für Pflicht der Arbeiterklasse, durch den politischen und gewerkschaftlichen Kampf mit aller Energie den Mißständen der Hausindustrie entgegenzutreten. Der Parteitag beauftragt die Vertreter der Partei, im Reichstage zu fordern: 1. Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie und Schaffung besonderer Vorschriften für die Konfektionsbranche, wie sie schon heute für die Tabakindustrie bestehen. 2. Kontrolle aller hausindustriellen Betriebe durch männliche und weibliche Aufsichtsbeamte, welche Exekutivgewalt besitzen und mindestens zur Hälfte aus den Kreisen der Arbeiter und Arbeiterinnen entnommen werden. Weiter erklärt es der Parteitag für Pflicht der Genossen, den planmäßigen Kampf der Gewerkschaften für die Beseitigung des Zwischenmeistersystems, für die Errichtung von Betriebswerkstätten und die Einführung fester Tarife zu unterstützen. Der Parteitag nahm zu der Frage außerdem noch folgenden Antrag an: Der Parteitag beauftragt die sozialdemokratischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten, sowie die Vertreter in den Kommunalverwaltungen, energisch einzutreten für die ausschließliche Vergebung aller Staats- und Kommunallieferungen an Unternehmer, welche Betriebswerkstellen unterhalten, die allen gesetzlichen Vorschriften entsprechen. In Sachen der Frauenfrage, beziehungsweise zur Förderung der proletarischen Frauenbewegung nahm der Parteitag folgende Anträge und Resolutionen an: Zur Berücksichtigung überwies er der Reichstagsfraktion einstimmig die Anträge, gelegentlich der bevorstehenden Berathungen über den Entwurf eines neuen bürgerlichen Gesetzbuches mit aller Energie die Initiative zu ergreifen für die Beseitigung aller gesetzlichen Bestimmungen, welche die Frau dem Manne gegenüber benachtheiligen; ferner mit aller Energie einzutreten für die Rechte der unverheiratheten Frauen als Mütter, sowie für die Rechte ihrer Kinder. Auf die Tagesordnung des Parteitags für 1896 ist ein Referat über die Frauenagitation zu setzen.( Als Referentin wurde Genossin Zetkin bestimmt.) In Erwägung, daß in Folge der wirthschaftlichen Nothlage der arbeitenden Klassen die Frauen und Mädchen in immer größerer Zahl in allen Branchen des Erwerbslebens als Konkurrentinnen der Männer aufzutreten gezwungen sind; bei ihrer bisher so sehr vernachlässigten Aufklärung sowohl in politischem wie wirthschaftlichem Wissen aber leider noch als Hemmschuh anstatt als zielbewußte Mitstreiterinnen im Kampfe um die Existenz sowohl, als um die endliche Beseitigung der heutigen Wirthschaftsweise anzusehen sind, und da es gilt, eine Jahrhunderte lange Vernachlässigung und geistige Zurücksetzung des weiblichen Geschlechts wieder gut zu machen, so ist es nothwendig, daß in dieser Hinsicht mit Hochdruck gearbeitet wird. Bisher kämpfte nur das halbe Volk gegen die kapitalistische Weltordnung an; die Sozialdemokratie hat vor allem die große Aufgabe zu erfüllen, auch die andere Hälfte der Menschheit in die Kampflinie einzureihen; das ist nicht leicht, sobald aber das Verständniß geweckt ist, wird das prole= tarische Weib mit um so größerer Energie und Kampfesfreudigkeit in Reih' und Glied marschiren mit den sozialistischen Brüdern. Um das nothwendige Verständniß für den Klassenkampf beim weiblichen Proletariat zu wecken, ist es aber dringend nöthig, daß die Männer der Arbeit mehr und energischer als bisher, allüberall an die Pflicht gemahnt werden, alle in ihren Bereich kommenden Frauen und Mädchen auf eine vernünftige und würdige Weise in die politische sowohl wie namentlich auch in die gewerkschaftlichen Organisationen hereinzuziehen und sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zur Theilnahme am öffentlichen Leben anzuregen. In Anerkennung dieser Nothwendigkeit macht der Parteitag es den Delegirten, soweit dieselben als Referenten in Stadt und Land über die hier gepflogenen Verhandlungen Bericht zu erstatten haben, zur Pflicht, den in dieser Resolution niedergelegten Gedanken mit Nachdruck zu vertreten. In Erwägung, daß die Arbeits-, Lohn- und Lebensverhältnisse der zur Erwerbsarbeit gezwungenen Mädchen und Frauen immer jämmerlicher werden, daß die Zahl der weiblichen Arbeiterschaft beständig wächst und durch die Konkurrenz der Frauen auch die Lohnverhältnisse der männlichen Arbeiter fortschreitend verschlechtert, sowie die Männer aus weiten Kreisen der Industrie immer mehr verdrängt werden, fordert der sozialdemokratische Parteitag die Genossen, insbesondere die Vertrauenspersonen und die Agitatoren der Partei auf, durch möglichst vielseitige statistische Feststellungen über die unausgesetzte Zunahme der gewerblichen Frauenarbeit und über die für das kommende Geschlecht so verhängnißvolle Lage der Arbeiterinnen in den einzelnen Industriezweigen und Gewerbebetrieben die helle Beleuchtung und die scharfe Kritik allseitiger Oeffentlichkeit zu verbreiten. Das gesammte Material ist der Redaktion der„ Gleichheit" zu übermitteln. Den Genossinnen und Genossen zur Beachtung. Wie in den vorausgegangenen Jahren, so haben auch diesmal gelegentlich des sozialdemokratischen Parteitags eine Reihe von Genossinnen und Genossen ihre Ansichten ausgetauscht über den Stand der proletarischen Frauenbewegung und über die Wege, welche unter den vorliegenden Verhältnissen geeignet scheinen, immer breitere Kreise der proletarischen Frauenwelt um das Banner der Sozialdemokratie zu schaaren, sie zu schulen für den proletarischen Klassenkampf auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiete. Im Allgemeinen lauteten die Mittheilungen über den Stand der Bewegung recht befriedigend. In allen großen Städten und Industriezentren äußert sich das bewußte Klassenempfinden und Klassenleben der proletarischen Frauen immer deutlicher und bestimmter, soweit dies bei den für den größten Theil Deutschlands geltenden erzreaktionären Vereins- und Versammlungsgesetzen und der politischen Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts geschehen kann. Aber auch in fleineren Orten erwachen die Frauen der werkthätigen Masse zum Bewußtsein ihrer Klassenlage, zu der Erkenntniß, daß ihre Interessen im unversöhnlichen Gegensatz stehen zu denen der bürgerlichen Welt, daß sie als Proletarierinnen und als Frauen nur ihre völlige Befreiung gewinnen mit der Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und der Verwirklichung der sozialistischen Ziele. Soweit es sich um das Erwecken, Klären und Schulen des Klassenbewußtseins unter dem weiblichen Proletariat handelt, hat die proletarische Frauenbewegung mithin thatsächlich die erfreulichsten Erfolge und Fortschritte zu verzeichnen. 171 Immer deutlicher gelangt es auch zum Ausdruck, daß die proletarische Frauenbewegung nicht einen Staat im Staate" bilden will, daß sie nicht eine quertreiberische Sonderbewegung ist, sondern ein Theil der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung; mit ihr aufs Innigste verbunden und in engster Fühlung mit ihr dem einen Ziele zustrebend. Genossinnen und Genossen arbeiteten im großen Ganzen im vergangenen Jahre in treuer Zieles- und Kampfesgemeinschaft zusammen. Nur hier und da waren vorübergehend unerfreuliche Ausnahmen zu verzeichnen, welche in besonderen lokalen Verhältnissen ihre Erklärung finden und den allgemeinen Charakter der Beziehungen zwischen der proletarischen Frauenbewegung und der sozialistischen Arbeiterbewegung nicht beeinträchtigen. Wo es die Verhältnisse insbesondere die Vereinsgesetze irgendwie ermöglichen, wirkten die Genossinnen als Gleichberechtigte in den Reihen der Genossen mit. Mit sehr großen Schwierigkeiten hatten dagegen die Bestrebungen zu kämpfen, die proletarischen Frauen in Organisationen zusammen zu fassen. Ihnen stehen Hindernisse verschiedener Art entgegen, welche theils in der Eigenart der Frau, theils in ihrer Stellung und Thätigkeit in der Familie und der Gesellschaft zu suchen sind, andererseits auch durch die Natur ihrer Erwerbsarbeit, ihre schlechte Entlohnung 2c. bedingt werden. In erster Linie kam aber als Hinderniß für die Organisirung des weiblichen Proletariats in den meisten deutschen Bundesstaaten das bestehende Vereins- und Versammlungsrecht in Betracht und seine Auslegung und Handhabung durch den kapitalistischen Staat. Jm letzten Jahre mehr als je zuvor wüthete die Reaktion gegen die Organisationen proletarischer Frauen, bethätigte sie ihnen gegenüber eine Verfolgungsfreudigkeit, wie sie dieselbe im Kampfe gegen die proletarischen Männer in den schlimmsten Zeiten nicht schlimmer an den Tag legte. Die gemeinsame politische Organisation von Männern und Frauen des Proletariats ist in den wenigsten deutschen Einzelstaaten möglich. Und wo die Proletarierinnen zur Gründung besonderer Organisationen als einem Nothbehelf schritten, da wurden diese Organisationen zertrümmert, dafern nur ein Schein des Buchstabenrechts dies ermöglichte. Frauenvereine, Agitationstommissionen, Agitationsfomites 2c. erfuhren fast ausnahmslos das gleiche Geschick. In Bayern wurde sogar die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen dadurch schwerstens geschädigt, daß eine besonders kühne Handhabung des Vereins- und Versammlungsgesetzes den Frauen das Recht illusorisch machte, nichtpolitischen Versammlungen beizuwohnen. Mit den angedeuteten und vielen anderen Schwierigkeiten hat die proletarische Frauenbewegung auch in Zukunft zu rechnen, und zwar der allgemeinen politischen Lage, der schärferen Zuspigung des Klassenkampfes entsprechend, mehr als je zuvor. Von dringendster Nothwendigkeit ist es also, daß immer einheitlicher und planmäßiger die Bestrebungen gestaltet werden, welche die Einbeziehung der prole= tarischen Frauen in den Klassenkampf bezwecken. Die Genossinnen und Genossen, welche sich auf Grund ihrer Erfahrungen über die proletarische Frauenbewegung besprachen, gelangten deshalb einstimmig zu folgenden Schlüssen: Die Hauptaufgabe der proletarischen Frauenbewegung ist nach wie vor, das weibliche Proletariat zum Bewußtsein seiner Klassenlage und Klassenpflicht zu erziehen, die Frauen und Mädchen des werkthätigen Volkes als zielflare Streiterinnen dem Befreiungskampfe ihrer Klasse zuzuführen. Wo immer die Verhältnisse es ermöglichen, sollten sich die Proletarierinnen den Organisationen der Männer anschließen, statt sich in Sondervereinen zu gruppiren. Der Schwerpunkt der Bestrebungen, das weibliche Proletariat zu organisiren, ist darauf zu legen, die Berufsarbeiterinnen in die Gewerkschaften einzubeziehen. Um die Proletarierinnen politisch immer besser zu schulen und gewerkschaftlich immer umfassender zu organisiren, empfiehlt es sich, besondere weibliche Vertrauenspersonen zu wählen. Diesen fällt die Aufgabe zu, innige Fühlung zwischen den Genossinnen und den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter herzustellen; eine rührige mündliche und schriftliche Agitation anzuregen und zu unterhalten, um die proletarische Frauenmasse und mit ihr die proletarische Jugend für den Sozialismus zu gewinnen; für Fühlung und Verständigung zu sorgen zwischen den Genossinnen der verschiedenen Gegenden, um dadurch einer Zersplitterung ihres Wirkens vorzubeugen und zu veranlassen, daß überall im engsten Anschluß an die allgemeine Arbeiterbewegung und ihre jeweilig im Vordergrunde stehenden Aufgaben gearbeitet wird. Die Genossinnen und Genossen der Orte, wo die proletarische Frauenbewegung in Fluß ist oder in Fluß kommen soll, thun gut, sich möglichst bald über die Wahl solcher weiblichen Vertrauenspersonen zu verständigen. Die Namen und Adressen der weiblichen Vertrauenspersonen sind der Redaktion der„ Gleichheit" zum Zwecke der Veröffentlichung zu übermitteln, damit sie den Genossinnen allerwärts zur Kenntniß gelangen. Wie in der Vergangenheit, so werden auch künftighin die Genossinnen mit den Genossen pflichttreu und zielflar in dem Kampfe zusammenstehen, in welchem das Proletariat eine Welt zu gewinnen hat und nichts zu verlieren als seine Ketten". Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Etwas von Ehe und Ehescheidung. i- Ein Kulturfortschritt, dessen sich die bürgerliche Gesellschaft rühmen darf, ist die Zivilehe. Sie hat der Heirath den himmlischen Segen entbehrlich gemacht, der ihr in Wahrheit nur zu oft zu einem Fluche wurde. Sie hat den Zauberkreis gelöst, den die Kirche um die Familie zog, und in dem sie die Frau dem Manne unterordnete; die rechtlichen und noch mehr, die Grundlage des Ganzen, die ökonomischen Bande der Frau in der Familie sind freilich geblieben. Wenig Freiheit wird der Frau auch jetzt in der Familie zu Theil, aber doch genug, um nach mehr zu verlangen! Daß die Zivilehe eingeführt wurde, ist nicht dem idealistischen Streben, dem humanitären Sinn der reichen Herren Baumwollspinner und Pfefferkrämer zu verdanken. Keine moralischen Grundsätze, keine philosophischen Postulate zeitigten das Ergebniß, sondern es waren die Erfordernisse der geänderten wirthschaftlichen Zustände, welche das neue Gesetz zeugten und auch dessen moralisch- sentimentale Begründung. Die kirchliche Trauung wurde zu einem Hinderniß der Ehe, vor allem dort, wo verschiedene Konfessionen einander gegenüber standen. Solange der Verkehr noch wenig entwickelt war, die Produktion sich in der Hauptsache auf die Landwirthschaft beschränkte, kam die Verschiedenheit der Konfession für die Eheschließung kaum in Betracht. Die Leute lebten in engen Kreisen, heiratheten und zeugten Kinder auf demselben Fleck, wo sie geboren waren, und pflanzten sich so von Geschlecht zu Geschlecht fort, kaum je aus dem Sprengel der einzelnen Pfarrei hinauskommend. Aber die kapitalistische Produktion und die kapitalistischen Verkehrsmittel zerbrachen diese engen Schranken. Industrie und Handel konzentrirten die Bevölkerung in den Großstädten, die Entwicklung des Weltmarkts mengte die Nationalitäten und Konfessionen durcheinander. Und je mehr das geschah, desto Buruf. Schaut der Sonne Auferstehn! Strahlend blickt sie in die Runde, Strahlend, wie zur ersten Stunde, Und hat vieler Jahre Leid gesehn. Wie's auch stürme, haltet Stand, Junge Herzen, unverdrossen! Der ihn einstens ausgegossen, Hat den Geist uns abermals gesandt. Bald erschallt in Ost und West Jubel, millionentönig; Freiheit heißt der letzte König Und sein Reich steht ewig felsenfest. Nimmer schwingt in unserm Haus Der Kosake seine Knute, Unfre deutsche Zauberruthe Schlägt noch manchen goldnen Frühling aus. Junge Herzen, unverzagt! Bald erscheint der neue Täufer, Der Messias, der die Käufer Und Verkäufer aus dem Tempel jagt. Und die Götter nicht allein, Schon der Mensch wird heilig leben, Priester nur wird's fürder geben, Und kein Laie mehr auf Erden sein. Doch wie Donner ist sein Gang Und er naht nicht unter Psalmen, Und man streut ihm keine Palmen, Der Messias kommt mit Schwerterklang. Darum legt die Harfen ab, Laßt darin die Windsbraut spielen! Unser warten Thermopylen, Perser und im Schatten manch ein Grab. Herwegh. 172 mehr mußte der Widerstreit der alleinseligmachenden Kirchen zu einander dazu führen, in Sachen der Eheschließung auf die kirchliche Seligsprechung überhaupt zu verzichten. Andererseits machte schon das Privateigenthum die Ehe zu einer Rechtsinstitution. Vollends das kapitalistische Eigenthum, das an keine politischen Vorrechte, an feinen Stand gebunden ist. Das freie, stets in Geld ummünzbare, auf Jeden, ohne Unterschied der Person und des Geschlechts übertragbare Privateigenthum, verwandelte die Ehe in ein Handelsgeschäft, das des Schutzes der Polizei und der Gerichte bedarf, machte, mit anderen Worten, die Eheschließung zu einer Staatsinstitution. Die Frage war also nicht mehr: ob Zivilehe oder firchliche Ehe, sondern: ob beide zusammen, oder ob nur die Zivilehe obligatorisch sein sollte. Dazu kam die Nothwendigkeit, die Verehelichung und die Scheidung zu erleichtern, um auf diese Weise die Ehe überhaupt aufrecht zu erhalten. Denn die Unsicherheit des Erwerbs, wie sie sich für breite Volksschichten aus der herrlichen kapitalistischen Weltordnung ergiebt, machte es immer schwieriger, eine selbständige Existenz zu gründen. Die strenge kirchliche Ehe, welche die Scheidung auf das Aeußerste erschwert, für Katholiken nicht zuläßt, welche Mann und Weib nach einmal gethanem Schritte für das ganze Leben zusammenkoppelt, mußte unter solchen Umständen nur abschreckend wirken, von der Verheirathung abhalten. Die kapitalistische Produktion hat überhaupt den Zauber der Frömmigkeit zerstört. Sie ersetzte die ländliche Einfalt durch großstädtische Geriebenheit, das Orgelspiel durch den Gassenhauer, die Kirche durch das Wirthshaus. Sie verbreitete Erkenntniß in irdischen und in himmlischen Sachen. Das industrielle Proletariat ist antireligiös und antipfäffisch. Schließlich spitzte sich die Frage so zu: zivile Trauung oder aber gar keine? So entstand die Zivilehe. Sie giebt zweifellos dem bürgerlichen Eheverhältniß mehr Freiheit, ändert aber nichts an seinem Wesen. Die bürgerliche Familie bleibt ein ökonomischer Zwang, sie beruht auf der Knechtung der Frau und führt häufig zum moralischen Verfall beider Ehegatten. Die ökonomische Entwicklung bedingt die immer weiter gehende Zersetzung der bürgerlichen Familie. Dieser Auflösungsprozeß ist sehr schwer zu verfolgen, doch gewährt die Statistik einen gewissen Einblick in ihn. Als kennzeichnend kommen zunächst die Ehescheidungen in Betracht. Die Statistik konstatirt, daß sich ihre Zahl fortwährend vermehrt. Sehr charakteristisch in dieser Beziehung sind die Zahlen für Belgien. In Belgien kommen auf 10 000 Trauungen Die Selbstmörderin. Nach einer Jugenderinnerung von Dorothee Gvebeler. Ueber der Erde träumt die Sommernacht, die warme blühende Sommernacht. Rosen- und Jasmindüfte durchziehen die laue Luft, kosende Winde spielen mit den Zweigen blühender Linden. Hoch und voll steht der Mond über dem Schloß des Gutsherrn, die ehernen Hirsche am Eingang umspielt gespenstiger Glanz. Leise rauscht der Strom. Das Mädchen am Ufer wirft einen Blick zum Schloß empor, einen scheuen furchtsamen Blick. Da oben wohnt er. Er, der ihr Herr ist, dem sie dient, er, der- oh! Dort drüben war es, wo die rothen Kastanien stehen. Wie sie ihn wieder vor sich sieht mit den verquollenen, weinseligen Augen, dem wirren Grauhaar und dem rothen, vertrunkenen Gesicht. Konnte sie ihm wehren? Ihr Bruder ist sein Tagelöhner und ist der einzige Sohn Was thut die alte Frau, der Mutter, und diese ist eine Witwe. wenn er mit Schimpf und Schande aus dem Dienst gejagt wird? Wohin soll sie fliehen mit ihrer Schande, wohin, wohin? doch!" " Komm' doch," sagen die mondgebadeten Wellen:„ Komm' Wie mit Nigenarmen winkt es herauf aus der Fluth, wie mit weichen, weißen, lockenden Niyenarmen:„ Komm' doch!" „ Ich komme!" Flimmernde Kreise zieht das Wasser um ihren sinkenden Leib. Leise rauscht der Strom. * * Zwei Tage später findet man sie. * Beim Schulzenhof hat sie das Wasser an das Land geworfen, und da liegt sie nun. 173 im Durchschnittsjahr Ehescheidungen 1860-64.......... 16 1866—67.......... 18 1868—69.......... 19 1370—71.......... W 1872—73.......... 23 1874— 7ö.......... 32 Die gleiche Erscheinung läßt sich für andere Staate» nachweisen. Die Zahl der Ehescheidungen mehrt sich, und das beweist sicher nicht ein gedeihliches Familienleben. Fragt man nun: wo ist die Familie am meisten zerrüttet? so lautet die Antwort: in jenen Gesellschaftsschichten, die sich in der kapitalistischen Weltordnung des meisten wirthschaftlichen Wohllebens erfreuen. Nach einer für Sachsen aufgestellten Statistik kamen auf 100 000 Ehen_. ,,, � Scheidungsklagen 1. Bei den Dienstboten........... 239 2.„„ Taglöhnern........... 324 3.„„ Beamten............ 337 4.„„ selbständigen Gewerb- und Handeltreibenden 354 5.„„ den Künsten und Wissenschaften Obliegenden 485 Die größere Häufigkeit von Ehescheidungen in den oberen Gesellschaftsschichten ist zweifellos zum Theil dadurch bedingt, daß dort die gegenseitigen Anforderungen von Mann und Frau höhere sind. So kommen z. B. bei den Künstlern am meisten Klagen auf Ehescheidungen wegen körperlicher Mißhandlung vor. Das beweist aber keineswegs, daß in den betreffenden Kreisen die körperlichen Mißhandlungen häufiger sind als in den anderen Gesellschaftsschichten. Eine Künstlerfrau, die von ihrem Mann geprügelt wird, klagt eben eher auf Scheidung als eine Arbeiterfrau, die sich oft Prügel und noch manches Andere gefallen lassen muß. Andererseits aber kommen in Künstlerkreisen die wenigsten Klagen wegen Treubruchs vor. Ob dieser Umstand einer größeren ehelichen Treue entspricht, ist jedoch zu bezweifeln. Man sieht, es liegt ein gut Stück Pharisäerthum darin, wenn die sogenannte„gute Gesellschaft" über die sittliche Verdorbenheit der Arbeiterklasse sich entrüstet. Sie treibt es von ihrem eigenen Gesichtspunkte der Heiligkeit der Familie aus jedenfalls nicht besser, eher schlimmer als diese. Am meisten klagen die Frauen auf Ehescheidung. Schon das zeigt, daß die Frauen der meist leidende Theil in der Familie sind. Es wird hauptsächlich auf Ehescheidung geklagt: wegen körperlicher Mißhandlung, wegen Ehebruch, wegen böswilliger Verlassung. Die Häufigkeit der Klagen wegen des einen oder anderen angegebenen Grundes entspricht nicht immer der obigen Reihenfolge, doch entfallen auf die drei angeführten Ursachen zusammen, je nach den verschiedenen Ländern, von drei Viertel bis neun Zehntel der Gesammt- zahl der Ehescheidungen. Nur in puncto des Treubruchs als Ehescheidungsgrund halten Frauen und Männer einander so ziemlich die Waage. Bei den Frauen spielt dagegen als Entscheidungsgrund selbstverständlich die weitaus größte Rolle körperliche Mißhandlung, bei den Männern„böswillige Verlassung", was man gemeiniglich Durchbrennen nennt. Wenn die Frau„durchgeht", so ist das offenbar nur ein Nothbehelf für die Ehescheidung und beweist in der größten Zahl der Fälle, daß der Frau das Leben mit dem Manne unerträglich geworden ist. Zieht man das in Betracht, so kann man mit Sicherheit sagen, daß acht Zehntel der Ehescheidungen nichts sind, als eine Rebellion der Frau gegen ihre eheliche Unterdrückung durch den Mann. Dieses Resultat ist noch deshalb sehr bemerkenswerth, weil eine geschiedene Frau viel weniger Aussichten hat, sich wieder zu verhei- rathen, als ein geschiedener Mann. In Sachsen z. B. wiesen eine Zeit lang die geschiedenen Männer den doppelten Prozentsatz von Wiederverheiratheten auf, als die geschiedenen Frauen. Doch die Scheidungen sind nur ein sinnenfälliges Symptom für die heutige Zerrüttung des Familienlebens, sie zeigen aber bei weitem nicht den vollen Umfang an, in welchem dieses zerfallen ist. Wie ungezählten Frauen und Männern ist nicht die Familie zur Hölle geworden, sie aber tragen ihr Kreuz aus Rücksichten auf die Kinder, auf Verwandte, tragen es wegen der ökonomischen Unmöglichkeit, sich zu scheiden, und aus tausend anderen Gründen. Thatsachen die Fülle beweisen, welch schönes Idyll die bürgerliche Familie ist, die von Dichtern besungen wird und die durch eine Umsturzvorlage„geschützt" werden sollte. Eine mit der Zersetzung der bürgerlichen Familie zusammenhängende Erscheinung ist die uneheliche Zeugung. Mit diesem Thema werden wir uns in einem besonderen Artikel beschäftigen. Vvn der Tlzätigkeit einer Amerikanischen Fabrik- insxektvrin. In keinem der deutschen Vaterländer, mit denen der Deutsche gesegnet ist, hat man sich bisher zur Anstellung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten entschließen können. Und handelte es sich darum, die diesbezügliche Forderung abzuweisen, so wurde u. A. meist in der Rolle der sozialpolitischen Unschuld vom Lande erklärt, man wisse Wirr und naß hängen die gelösten Flechten um ihr blasses Gesicht und die runden, nackten Arme. Aus dem zerrissenen Hemde quillt der Busen hervor, weiß wie Marmor in der Starre des Todes. Die nassen Kleider klatschen um ihren Leib. Um sie herum stehen die Dorfbewohner, die Alten flüsternd, die Jungen neugierig scheu. Theilnahmslos spielen Kinder dazwischen. „Was sie wohl in den Tod getrieben hat?" „Etwa ein Liebesverhältniß?" „Natürlich ein Liebesverhältniß!" Böse Blicke fliegen zum Schloß hinauf, hier und da erhebt sich ein zorniges Murmeln. „Mörder!" Aber sie sagen es nicht laut. Er ist ja ihr Brotgeber— ihr Herr. Auf einmal durchläuft ein Flüstern die Reihen:„ Ihre Atutter!" Eine Gasse öffnet sich der zerlumpten Alten. „Was sie wohl sagen wird?" Sie sagt gar nichts.— Sie steht bei der Tobten und stampft mit dem Krückstock den Boden und faselt und lacht. Sie ist ja schon lange kindisch, die Alte. Auch der Herr Pfarrer wirft von fern einen Blick herein, kopschüttelnd salbungsvoll: „Wie man so gottlos sterben kann!" -j- q- 4- Drei Tage und drei Nächte lang liegt sie unter freiem Himmel >m Garten des Schulzenhofes. In der Kapelle ist kein Platz für die— Selbstmörderin. Dann kommt der Sarg, der Armensarg. Roh gezimmert ist er und schwarz und schmucklos und— diel zu klein.... Aber am Ende pfercht man sie doch hinein. Ihr üppiges Blondhaar quillt aus den Fugen hervor, aus einer Spalte hängt ihr blaues Schürzenband. Laßt es hängen!— Nur nicht Zeit verschwenden an die— Armenleiche. Eine mitleidige Seele ist zum Herrn Pastor gelaufen, ob er nicht kommen wolle, an ihrem Sarge ein Vaterunser zu beten. Aber der Herr Pastor hat keine Zeit. Er muß zum Diner, der Herr Pastor, beim— Gutsherrn. Und dann ist es ja auch eine Selbstmörderin.... Sonntag Nachmittag.— Auf den Straßen Lachen und Leben, Kleinbürgervolk aus dem nächsten Städtchen, dazwischen elegante Equipagen. Die Gutsbesitzer der Nachbarschaft fahren auf das Schloß zum Diner... Da kommt es die Straße herab vom Schulzenhof her, ein Leichenzug.— Es hat sie Niemand zu Grabe tragen wollen— die Selbstmörderin. Aber der Schulze ist ein barmherziger Mann; den Hundewagen hat er hergegeben, auf den Hundewagen haben sie den Sarg gestellt. Zwei barfüßige Jungen schieben lachend von hinten mit, das Schürzenband schleift im Staube. Die lachenden Spaziergänger weichen auseinander. Die geputzten Damen in den eleganten Equipagen kreischen auf. „Empörend!" „Entsetzlich!" „Wie?— Was?— Eine Selbstmörderin?" „Konnte man sie denn nicht in der Nacht begraben!" „Ich habe mir das ganze Essen verekelt!" „Pank äs brnit, gnädigste Frau, ein Glas Burgunder, und der Braten schmeckt—" Der Zug stürmt den Kirchhof hinan. nicht, wie sich die Fabrikinspektorinnen im Auslande bewährt hätten. Dies aber angesichts der Thatsache, daß in Frankreich, England und Amerika Behörden und sachkundige Sozialpolitiker der Anitsführung der Fabrikinspektorinnen das beste Lob ausstellen, und daß die Berichte der Fabrikinspektorinnen selbst in nachdrücklichster Weise erzählen von Pflichttreue und Energie und richtigem Erfassen der gestellten Aufgabe. Der Reihe solcher Dokumente, welche den in Frage kommenden deutschen Behörden dringlichst zum Studium zu empfehlen sind, gliedert sich der zweite Jahresbericht von Florence Kelley, Fabrikinspektorin von Illinois, würdig an, ebenso wie der Artikel, welchen diese über „die Fabrikgesetzgebung der Vereinigten Staaten" in Braun's„Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik"(VIII. Band, Heft 1 u. 2) veröffentlicht hat. Frau Florence Kelley, welche eine überzeugte Sozialistin ist, beschäftigt sich in ihrem letzten Bericht wie in dem des Vorjahres u. A. in hervorragendem Maße mit der Kinderarbeit. Das Fabrikgesetz von Illinois bestimmt, daß Kinder im Alter unter 14 Jahren nicht in Fabriken nnd Werkstätten beschäftigt werden dürfen, und daß— der Schulzwang existirt nicht— ihre Zulassung zur Arbeit nur auf Grund einer eidlichen Aussage ihrer Eltern über das erreichte Minimalalter gestattet ist. Für die Beschäftigung von Kindern im Alter von 14— 16 Jahren legt das Gesetz eine Reihe von Einschränkungen fest. Die Hoffnungen, welche man bezüglich einer Verminderung der scheußlichsten Kinderausbeutung an das Gesetz geknüpft hatte, haben sich leider nicht erfüllt. Frau Florence Kelley weist das in ihrem Bericht überzeugend nach. Die Zahl der in Fabriken und Werkstätten verwendeten Kinder hat nicht abgenommen, sondern zugenommen. Sie stieg von 6456 im Jahre 1893 auf 8136 im Jahre 1894. Wenn man diese Zunahme richtig bewerthen will, so darf man eines Nmstandes nicht vergessen, den Frau Kelley in ihrem Artikel über die Fabrikgesetzgebung der Vereinigten Staaten besonders hervorhebt. Die einzelnen Staaten der Union haben keine einheitliche Fabrikgesetzgebung; die gesetzlichen Bestimmungen über die Kinderarbeit sind in den verschiedenen Bundesländern sehr verschiedene, nur 14 von den 44 Unionsstaaten haben eine Fabrikinspektion. Als im Staate Illinois die Altersgrenze für die Beschäftigung von Kindern auf 14 Jahre festgesetzt wurde, wanderten viele Familien nach Indiana aus, weil hier keine Fabrikinspektion besteht, die Fabrikgesetzgebung in der Folge todter Buchstabe bleibt und der Ausbeutung der Kinder zartesten Alters thatsächlich keine Schranken gezogen sind: in den zahlreichen Glashütten von Indiana werden z. B. siebenjährige Knaben Tag und Nacht beschäftigt. Die Eltern wanderten also der Möglichkeit Der Todtengräber macht das Grab bereit, hinten liegt's an der Mauer im äußersten Winkel, weit ab von den Gräbern ehrlicher Leute. Aber es ist gut sein hier an der Mauer. Wilde Rosen haben sich hier ihr Zelt gebaut, wilde Rosen an allen Ecken und Enden. Ueber die Gräber sind sie emporgeklettert, ranken sich um zerfallende Leichensteine. Mischen ihren feinen Duft mit dem Wohlgeruch der Akazienbäume. In die rothen Rosen stellen sie den schwarzen Sarg. Und das Grab wird fertig, die Jungen lassen den Sarg hinab.—„Nun hast du Ruhe." Langsam höht sich der Hügel. Der Todtengräber wirft das Grabscheit über die Schulter, die Jungen pfeifen einen Gassenhauer und nehmen den Hund am Zaum, heidi! geht es wieder in das Dorf hinab. Still und allein liegt das frische Grab. Aber doch nicht allein.— Aus den Büschen löst sich eine Gestalt, eine bleiche, abgemagerte Gestalt, ein junger Bursche— ihr Bruder. Schluchzend wirft er sich über den frischen Hügel. „O meine Schwester, o du mein Alles!" Vom Schloß herüber klingt verworrene Musik, schmeichelnd umziehen die Töne das Ohr des Weinenden. Ein Frostschauer schüttelt seinen Leib, wie Wetterleuchten flammt es über sein Gesicht, drohend ballt er die Fäuste nach dem Schloß. „Mörder, Mörder! Fluch dir! Fluch dir und deinesgleichen. An der Tafel sitzt du und schwelgst und praßt und die Armuth trittst du in den Staub. Fluch dir, Reichthum, der du unseren Männern das Mark aus den Knochen preßt und unsere Schwestern der Schande überlieferst. Fluch dir, bis der Tag der Vergeltung kommt."— Rauschend fährt der Wind durch die Akazien. nach, ihr Einkommen durch den Erwerb der Kinder zu vergrößern. Offenbar war es nicht die Schwärmerei für die kapitalistische Raffgier, welche sie bewog, ihre Kleinen der Ausbeutung zu überliefern, sondern die Roth. Die Fabrikinspektorin für Illinois führt denn auch den bedeutenden Umfang der Kinderarbeit im Staate hauptsächlich auf die lastende wirthschaftliche Krise zurück, welche für sehr viele Familien schwärzestes Elend zeitigte. Ihrer Erfahrung nach mußten viele Kinder die Schule verlassen und in die Fabrik gehen, weil der Vater arbeitslos wurde und nicht mehr wie bisher allein für die Familie zu sorgen vermochte. Außerdem stieg auf Seiten der Kapitalisten die Nachfrage nach billiger Kinderarbeit, und dies in Folge der allgemeinen Tendenz, die Betriebskosten durch Senkung der Ausgaben für Löhne zu verringern. Frau Kelley machte überall die Beobachtung, daß in jedem Judustrieziveige, wo Kinderarbeit verwendet wurde, diejenigen Fabriken am meisten zu thun hatten, welche die geringste Zahl von Erwachsenen beschäftigten und in Folge der sich daraus ergebenden billigen Herstellungskosten der Waaren besonders billig verkaufen konnten. Von großem Einfluß auf die wachsende gesetzwidrige Verwendung von Kindern in Fabriken und Werkstätten sind nach der Fabrikinspektorin auch die sehr niedrigen Strafen für Zuwiderhandlungen gegen die gesetzlichen Vorschriften. Diese Zuwiderhandlungen werden dem Buchstaben des Gesetzes nach mit 3 bis 166 Dollars Buße oder mit 6 bis 56 Tagen Haft geahndet, in Wirklichkeit aber nur mit 3 bis 5 Dollars Strafe, einschließlich der Gerichtskosten. Nur ganz vereinzelt werden Geldstrafen von 23 Dollars— einschließlich der Gerichtskosten— verhängt. Gefängnißstrafe traf noch Niemand auf Grund der- einschlägigen Bestimmungen. Dazu kommt noch, daß den Fabrikinspektoren das Recht der Einmischung in das Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeiter nicht zusteht. Die Beamten sollen lediglich, soweit es möglich ist, alle Fabriken und Werkstätten ihres Bezirks revidiren und dort einschreiten, wo die Bestimmungen des Fabrikgesetzes übertreten werden. Da aber ihre Gehälter und Reisediäten sehr knapp bemessen sind, ist es ihnen schlechterdings unmöglich, auch dieser bescheidenen Aufgabe völlig gerecht zu werden und die gleichmäßige und umfassende Durchführung der gesetzlichen Vorschriften zu überwachen. Erweiterung der Machtbefugnisse der Fabrikinspektoren, ausreichende Besoldung derselben und Verhängung exemplarischer Haftstrafen über das Gesetz verachtende Unternehmer würden zusammen mit anderen von Frau Kelley vorgeschlagenen Bestimmungen dem Gesetze mehr Nachdruck verleihen und der Kinderausbeutung in etwas entgegenwirken. An die Wurzeln der kapitalistischen Kinderausbeutung reichen natürlich alle diese geforderten Maßnahmen nicht heran; sie vertrocknen erst mit der Beseitigung der kapitalistische» Wirthschaftsordnung, das erhellt sinnenfällig auch aus Frau Kelley's Mittheilungen. Wie empörend, aller Menschheit Hohn sprechend die Zustände sind, unter denen Kinder in einzelnen Betrieben dem Kapital frohnden, I das zeigen Thatsachen, welche die Fabrikinspektorin in Fülle berichtet. Die greulichsten Mißstände fand sie in Schlachthäusern vor.„Ju 8 Etablissements", so berichtet sie,„werden 620 Frauen, 302 Knabe» und 18 junge Mädchen beschäftigt. Knaben werden zu den widerwärtigsten Arbeiten des Schlachthauses verwendet. Nachdem die Thiers gehäutet sind, werden sie in einem Raum zerschnitten, dessen Boden fortwährend von einem Wasserstrom abgeschwemmt wird, ui» Blut und Abfälle in die Abzugsröhren abzuführen. Hier arbeiten die kleinen Schlächter bis an die Knöchel in der schmutzigen Flüssigkeit stehend und den ganzen Tag eine so ekelhafte Luft einathmend, daß ein Mann, wenn er nicht daran gewöhnt ist, es nur wenige Minuten in dieser Atmosphäre aushalten kann. Andere Knaben zerschneiden Knochen an einer Kreissäge, während in unmittelbarer Nähe Hörner und Schädel über einer Flamme gedörrt werden und die rauchende» Knochen und Hautfetzen einen Gestank verbreiten, der von allen scheußlichen Gerüchen der Schlachthäuser der scheußlichste ist. Diese Greuel konnten trotz des Gesetzes nicht unterdrückt werden." Man bedenke, daß derartige Uebelstände im Staate Illinois vorkommen, der sich einer verhältnißmäßig guten Fabrikgesetzgebung und einer Fabrikinspektion erfreut. Dieser Umstand läßt einen Rückschluß zu auf das Martyrium der proletarischen Kleinen in den Unionsstaaten, von denen weder das Eine noch das Andere gilt. Mit Rechl behauptet deshalb Florence Keley in ihrem oben erwähnten Artikel, daß in den Vereinigten Staaten die Gesetzgebung betreffs der Kinderarbeit in keiner Weise Schritt gehalten hat mit der Riesenentwicklung der Industrie. Geringfügig und kläglich erscheint ihr der Schutz- welcher armen Kindern bisher in der großen Republik zu Theil wurde, oder welcher für sie auch nur gefordert ward. Mit dieser ihrer Ausfassung steht sie unter ihren Kolleginnen und Kollegen nicht vereinzelt da. Bereits 1387 haben die Fabrikinspektoren der Union einen Verein 175 gegründet The Association of Factory Inspektors of Amerika-, welcher eine möglichst einheitliche Gestaltung der Fabrikgesetzgebung in allen Bundesstaaten anstrebt und der wiederholt auf die dringende Nothwendigkeit hinwies, einen durchgreifenden Schutz der Kinderarbeit gefeßlich festzulegen. Es kennzeichnet die sozialpolitische Einsicht von Frau Kelley, daß sie dem Wirken der Arbeiterorganisationen einen hervorragenden Einfluß auf die Ausgestaltung und Durchführung der Fabrikgesetzgebung beimißt.„ Wesentliche Unterstützung in der Vorbereitung der Gesetzesvorlagen", schreibt sie,„ finden die Inspektoren selbstverständlich in dem Wirken der Arbeitervereinigungen, ohne deren fräftigen Beistand trotz aller Bemühungen der Inspektoren die Fabrikgesetzgebung wohl noch nicht einmal ihre gegenwärtige mangelhafte Gestalt erlangt hätte. In den Staaten aber, wo die Arbeiterbewegung träge oder ganz korrupt, dort bleibt alle Fabrikgesetzgebung, besonders wenn dazu noch ungeeignete Personen als Fabrifinspektoren thätig sind, ein leerer Schall." Man vergleiche mit dieser einsichtsvollen Aeußerung die Auslassungen, durch welche deutsche Fabrikinspektoren gelegentlich bekunden, wie verständnißuninnig sie den wirthschaftlichen Zuständen und der Bedeutung der Arbeiterorganisationen gegenüberstehen. Florence Kelley's letzte Arbeiten bestätigen jedenfalls wieder einmal die Binsenwahrheit, daß auch in einer demokratischen Republik das Proletariat nicht einmal dort, wo es am nöthigsten wäre, nämlich in Betreff der Kinderarbeit, durchgreifenden Schutz gegen die kapitalistische Profitgier findet, so lange die Kapitalistenklasse sich des Vollbesizes der politischen Macht erfreut. Sie beweisen aber auch aufs Neue, daß eine Frau mit energievoller Gewissenhaftigkeit und flarem Verständniß die Amtspflichten der Fabrikinspektion zu erfüllen vermag. Laut und eindringlich unterstützen sie die Forderung der deutschen Proletarierinnen auf Anstellung weiblicher Fabrifinspektoren, eine Forderung, der sich nur das mit Unkenntniß der einschlägigen Verhältnisse gepanzerte Vorurtheil widersetzt. Chinesen als Dienstmädchen in Amerika. Im Vergleich zu den Zuständen, unter denen in Deutschland die Dienstmädchen in der Zucht der mittelalterlichen Gesindeordnung sich abplagen und nicht selten ihre Frau Oberförster Gerlach finden, war Amerika lange eine Art Dorado für die„ Mädchen dienenden Standes". Hunderte von deutschen Mädchen aus den Kreisen des Proletariats, des Kleinbauernthums und Handwerkerstandes wanderten alljährlich nach den Vereinigten Staaten aus, um als Köchinnen, Kinderwärterinnen und„ Mädchen für Alles" ihr Brot unter etwas angenehmeren Bedingungen als im Vaterlande zu erwerben. Die geringere Zahl der weiblichen Bevölkerung, die größere Möglichkeit einer Eheschließung für die Frau bewirkten, daß die Nachfrage nach Dienstmädchen das Angebot von solchen überstieg. Daher höhere Löhne, günstigere allgemeine Arbeitsbedingungen, menschenwürdige Behandlung der weiblichen Dienstboten in Amerika. Eine Schilderung der einschlägigen Verhältnisse mußte sogar unterlaufende Uebertreibungen in Abzug gebracht- ein sittlich entrüstetes Sträuben kommerzienräthlicher Haubenbänder veranlassen. das durch und durch kapitalistische Land, das sie ist, wenn sich nicht Aber die große Republik jenseits der großen Lache wäre nicht das Streben geltend machen sollte, die theuren und gewisse Ansprüche erhebenden weiblichen Kräfte für die Hausarbeit durch billigere, weniger anspruchsvolle, fügsamere zu ersetzen. Die starke chinesische Einwanderung hat die Möglichkeit geboten, dieses Streben zu verwirklichen; in den großen Städten der Union treten vielfach Chinesen an Stelle der Dienstmädchen. Diese Thatsache entspricht der Tendenz der kapitalistischen Wirthschaftsordnung, die Löhne der Arbeitskräfte auf allen Gebieten so tief als möglich herabzudrücken, einer Tendenz, welche zur ausgedehnten Ausbeutung der Frauen- und Kinderarbeit führte, zur Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte aus Gegenden, wo die Entwicklung eine rückständige, der standard of life der Be völkerung ein niedriger iſt. der Schon seit Jahren wird in vielen Städten der Union das Waschen Wäsche zum weitaus größten Theil von Chinesen besorgt, den findet man aber die lang bezopften Söhne des himmlischen Reiches " Washi- washi- men", wie sie gewöhnlich betitelt werden. Heutzutage nicht blos vor den Waschkesseln und an der Wringmaschine; auch am Kochherde und hinter dem Kinderwagen sind sie vielfach an Stelle der Frauen getreten. Der„ Chinese für Alles", der Chinese als„ perfette Röchin" und als williges, freundliches Kindermädchen" wurden zuerst in San Franzisko übliche Erscheinungen. Gegenwärtig verdrängen auch in New York, in Chicago, in anderen Städten des Ostens die gelben Männer mehr und mehr die weißen Frauen aus Lohn und Brot. Ein konservatives amerikanisches Blatt preist in einem dreispaltigen Artikel die Vorzüge der dienenden Chinesen. Die gelben Männer erweisen sich als fügsamer und unterwürfiger wie die weißen Frauen. Nie wagen sie eine Widerrede, nie erregen sie die Galle ihrer Herrschaft durch eine schnippische Bemerkung. Sie sind ungemein fleißig und scheuen keine Arbeit. Regelmäßige Ausgehzeiten werden von ihnen nicht beansprucht, nur äußerst selten suchen sie die Erlaubniß nach, das Haus verlassen zu dürfen, um mit Landsleuten einige Pfeifen Opium zu rauchen oder Würfel zu spielen. Der Chinese als Dienstmädchen begnügt sich mit einem verhältnißmäßig sehr niedrigen Lohn, mit der Hälfte, dem Drittel, was einer Lina oder Mina gezahlt werden muß. Für diesen Lohn kocht er, hält das Haus in Ordnung, besorgt alle Einkäufe und Ausgänge und führt die Kinder spazieren, die er nicht selten auch wartet und pflegt. Nur zu einer einzigen Beschäftigung ist kein Chinese als Dienstmädchen zu haben: zum Waschen der Wäsche. Die in Familien, Hotels 2c. dienenden gelben Männer weigern sich entschieden, ihren Landsleuten, den ,, washi- washi- men", Ronkurrenz zu machen. Die amerikanischen Damen rühmen, daß die chinesischen Kammerfrauen männlichen Geschlechts sich durch ihre Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit sehr vortheilhaft vor den weißen Evastöchtern auszeichnen. Als Köche sollen die Chinesen ganz Hervorragendes leisten, in der Zubereitung von Saucen, von Geflügel und Pasteten nicht ihresgleichen haben. Bringt ein außergewöhnlicher Anlaß, z. B. ein großes Diner, außergewöhnliche Arbeit, so verlangen sie zu deren Bewältigung kein Aushilfspersonal. Sie wenden sich dann an Landsleute, welche aushelfen, ohne dafür etwas zu fordern, so daß die noble Herrschaft nicht in den Beutel zu greifen braucht. Nehmen die als Dienstmädchen fungirenden Chinesen für einen oder zwei Tage Urlaub, so lassen sie sich auf eigene Kosten vertreten. Ruhig kann ihnen die Herrschaft die Schlüssel des Hauses anvertrauen. Sie erachten, daß ihnen mit dem Eintritt in eine Familie die Verantwortlichkeit für den geregelten Gang des gesammten Hauswesens erwächst. Nur eine Eigenthümlichkeit wirft einen leichten Schatten auf das Charakterbild des idealen Haussklaven nach dem Herzen des Ausbeuterthums: die Chinesen unterhalten miteinander eine Art ge= heime Korrespondenz, deren Schlüssel bis jetzt noch nicht entdeckt worden ist. Verläßt einer von ihnen seinen Dienst, so übermittelt er seinem Nachfolger, ohne daß er ihn kennt oder mit ihm zusammentrifft, genaue und eingehende Mittheilungen über die in Frage tommende Familie. Er macht ihn auf die Fehler und Vorzüge der Kinder aufmerksam, setzt ihn in Kenntniß von den Gepflogenheiten und Eigenheiten der Herrschaft. Kaum hat der neue Chinese für Alles" seinen Dienst angetreten, so weiß er auch schon, um wie viel Uhr die Gnädige sich zu erheben geruht, der Gnädige nach Hause kommt, welches der Geschmack und die Liebhabereien des Einen und des Anderen sind. Längere Zeit glaubte man, daß die betreffenden Mittheilungen auf die Wände der Küche oder des Dienstbotenzimmers geschrieben würden. Das Irrthümliche der Annahme ist nun erwiesen, aber noch ist nicht bekannt, auf welche Weise die Chinesen einander in Kenntniß der einschlägigen Verhältnisse sezen. " Der Chinese als Dienstmädchen repräsentirt jedenfalls in den Augen der Besitzenden das Jdeal eines Haussklaven, eines Lohnsklaven. Er leistet viel, sehr viel und beansprucht wenig, äußerst wenig; er arbeitet nach dem Grundsatze: viel Pflichten, wenig oder gar keine Rechte. Wir sind überzeugt, daß gar manche deutsche züchtige Hausfrau, die im Kreise ihrer getreuen Klatschschwestern salbungsvoll oder keifend über die„ maßlosen Ansprüche" der modernen Dienstmädchen sich entsetzt, mit tausend Freuden die ihr frohndende weiße ,, Schwester" durch den billigen, anspruchslosen„ Chinesen für Alles" ersetzen würde. Kleine Nachrichten. Die Gleichberechtigung der Frau im sozialistischen Lager. Dem Breslauer Parteitag der deutschen Sozialdemokratie wohnten sieben weibliche Delegirte bei, welche theils in allgemeinen öffentlichen Parteiversammlungen, theils in öffentlichen Frauenversammlungen gewählt worden waren. Unter den neugewählten Kontrolleuren der Partei befindet sich eine Frau: Genossin Zetkin. Innerhalb der Sozialdemokratie gilt der Grundsatz der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter. Die bürgerlichen Parteien können sich nicht einmal dazu aufschwingen, diese Gleichberechtigung auch nur in der Theorie anzuerkennen. Nr. 23 der ,, Gleichheit" gelangt am 13. November 1895 zur Ausgabe. Ein Frauentag des Allgemeinen deutschen Frauen- Bildungsvereins fand Anfang Oktober in Frankfurt a. M. statt. Wir werden auf die Verhandlungen dieser Gruppe des deutschen bürgerlichen Frauenvereins noch zurückkommen. Ausbeutung der Falzerinnen in Berlin. In nicht wenigen Berliner Buchbindereien erzielen die Falzerinnen nur durchschnittliche Wochenlöhne von 9-10 Mt. Ihre Erwerbsverhältnisse werden im höchsten Grade ungünstig dadurch beeinflußt, daß die Unternehmer in großem Umfange die Arbeit sogenannter Lehrmädchen" ausbeuten. Diese werden wöchentlich gewöhnlich mit 3 Mt. entlohnt, nach 3-4 wöchentlicher Thätigkeit in einem Betriebe entlassen und durch neue Lehrmädchen" ersetzt, die ihrerseits die gleiche Ausbeutung erfahren, bis sie als„ ausgelernte"," firme" Falzerinnen aufs Pflaster geworfen werden. Das Unternehmerthum findet jederzeit und überall Mittel und Wege, durch Ausnutzung billigster Arbeitskräfte seine Profite zu mehren. " Etwas von den Schlemmerlöhnen der Arbeiterinnen. In der Chemnitzer Gegend ist der Verdienst der Textilarbeiterinnen ein sehr niedriger. Durchschnittliche Wochenlöhne von 10-12 Mark gelten schon als recht gute, solche von 7-9 Mark kommen häufig vor, und gar manche Arbeiterin muß sich mit einer wöchentlichen Einnahme von 5 Mark begnügen. Dafern die Textilarbeiterinnen durch ihren Erwerb nicht blos einen Zuschuß zu dem Einkommen der Familie zu liefern haben, sind ihre Lebensverhältnisse äußerst dürftige. Die sehr zahlreichen ledigen Arbeiterinnen der Textilindustrie, welche ausschließlich auf die eigene Kraft für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind, nähren sich in der Regel tagaus tagein von Zichorienbrühe, Kartoffeln, Brot, Quark und Häringen. Der Genuß von Fleisch ist ein Luxus, den sie sich nur ausnahmsweise gestatten können. Derweilen fasteien sich ihre Ausbeuter bei saftigen Beefsteaks und zartem Geflügel, bei altem Wein und im Theater. Und vergnüglich schmunzelnd streichen sie die„ Entbehrungslöhne" ein, welche die herrliche tapitalistische Ordnung für sie münzt aus dem Darben und Frohnden der ausgebeuteten Arbeiterkräfte. Die Errichtung genossenschaftlicher Kornhäuser, in denen das heimische Getreide gelagert und bearbeitet werden, auch zur Unterlage für Lombardkredite dienen kann, soll nach offiziösen Mittheilungen in Preußen durch finanzielle Unterstüßung des Staates rasch ins Leben gerufen, fräftig entwickelt und energisch gefördert werden. Das für den rationellen Betrieb erforderliche Kapital soll, soweit es die Genossenschaften nicht aus Eigenem beschaffen, letzteren aus Staatsmitteln zugänglich gemacht werden, wobei man freilich für jetzt eine„ geschenkartige Zuwendung" noch möglicherweise für entbehrlich hält. Es dürfte erwartet werden, daß schon für das nächste Etatsjahr die Bereitstellung der Mittel zu dem bezeichneten Zwecke in Aussicht genommen werden dürfte. Weibliche Studenten an der Universität Genf. An der Genfer Universität hat die Zahl der studirenden Damen erheblich zugenommen. 1887 machten die Studentinnen 9 Prozent der gesammten Studentenschaft aus, 1889 schon 15 Proz. und 1895 dagegen 25 Proz. Die meisten der immatrikulirten Damen sind Russinnen und Polinnen, welche fast ausschließlich Medizin und Naturwissenschaften studiren. Auch die Armenierinnen stellen eine nicht unbeträchtliche Zahl zu den weiblichen Studenten. Die Russinnen arbeiten in der Regel sehr fleißig, verkehren wenig gesellschaftlich mit anderen Nationalitäten und leben vielfach in kleinen Gruppen gemeinschaftlich. Die Dürftigteit ihrer Mittel veranlaßt sie, meist ihren Haushalt selbst zu führen, neben den Studien zu kochen, zu waschen 2c. Sie sind unter einander durch ein starkes Solidaritätsgefühl verbunden und die rückhaltsloseste gegenseitige Unterstützung gilt ihnen als etwas Selbstverständliches. Kellnerinnenschutz in der Schweiz. In der letzten Sitzung des Züricher Kantonsraths wurde mit überwältigender Mehrheit beschlossen, daß Mädchen unter dem zurückgelegten zwanzigsten Lebensjahre den Kellnerinnenberuf nicht ausüben dürfen, und daß auch junge Leute unter sechzehn Jahren von der ständigen Bedienung der Gäste ausgeschlossen sind. Gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen in Frankreich. Auf einem Kongreß französischer Gewerkschaften, welcher kürzlich in Limoges tagte, wurde beschlossen, eine einheitliche Organisation der Gewerkschaften und Berufsgruppen der Arbeiter und Angestellten beider Geschlechter zu schaffen. Dieselbe soll den Namen führen:„ Confédération générale du travail"( Algemeiner Arbeitsbund) und den Zweck verfolgen, auf wirthschaftlichem Gebiete alle um ihre Befreiung kämpfenden Proletarier zu vereinigen. 176 Fortschritte der Frauenbewegung in Holland. Seit August 1894 existirt in Holland ein Verein für die Erringung des Frauenwahlrechts. Derselbe besteht aus fünf Settionen: in Amsterdam, Rotterdam, Grevenhage, Middleburg und Groningen. Außerdem giebt es ein aus acht Mitgliedern zusammengesetztes Komite, welches eine Reform der Rechtsstellung der Frau anstrebt, in Rotterdam einen Verein für das Wohl der Frauen und in Groningen einen Frauenbund. Diese Organisationen haben sich an die Volksvertretung mit dem Ersuchen gewendet, neben männlichen Fabrikinspektoren auch weibliche anzustellen. Die Regierung hat darauf entschieden, Frauen vom Fabrikinspektorat prinzipiell nicht auszuschließen. Für die politische Gleichstellung der Geschlechter erklärte sich jüngst der internationale Freidenkerkongreß, welcher in Brüssel tagte, und an dem auch verschiedene weibliche Delegirte theilnahmen, so u. A. Frau Henrich- Wilhelmi aus Deutschland und die Gattin des bekannten holländischen Sozialdemokraten van Kol. Zahl der in England thätigen Personen. Nach dem Jahresbericht des Arbeitsamtes für das Jahr 1893/94 zählte man in Eng land beschäftigte Personen: In gelehrten Fächern( einschl. Studirende) Bei häuslichen Arbeiten Im Handel In der Industrie In der Agrikultur und Fischerei Männlich 666 071 171 463 1 628 337 6 642 381 2 353 488 Zusammen 11 461 740 Weiblich 306 741 2 170 233 47 796 2 383 521 173 202 5 081 493 Ihnen stehen 6852 831 unbeschäftigte männliche und 14 336 858 unbeschäftigte weibliche Personen gegenüber. In England sind also mehr als ein Viertel aller weiblichen Personen erwerbsthätig und müssen wie die Männer hinaus ins feindliche Leben", um ihren Unterhalt zu gewinnen. Medizinerinnen in Amerika. In den Vereinigten Staaten giebt es laut einer kürzlich veröffentlichten Statistik 2000 Aerztinnen. Von ihnen behandeln 610 Frauenkrankheiten, 130 sind Homöopathen, 95 bekleiden Professuren an medizinischen Schulen, 70 sind als Aerzte und Chirurgen an Hospitälern angestellt, 40 sind als Augenärztinnen thätig 2c. Man vergleiche mit diesem Stand der Dinge die ein schlägigen Verhältnisse in Deutschland! Ein Mittel. Wollt ihr den Siegeslauf der Rothen hemmen, Ein Mittel giebt's, dagegen sich zu stemmen: Schafft ab die Unzufriedenheit der Massen; Die andern Mittel dienen nur zum Spaßen. Vor ihnen wird man nie die Segel reffen; Lufthiebe sind's, um ein Phantom zu treffen. Wollt ihr das nicht dann bleibt euch nur der Büttel, Die Volksverdummung und der Bauernknüttel Und all' die andern schönen Geisteswaffen, Um einen Wall dem Siegeslauf zu schaffen. Doch ist's kein Wall, um den die Rothen streiten; Mit Lachen werden sie darüber schreiten. Mit Lachen, weil ihr faselt vom„ Verführen"; Die Unzufriedenheit wird hetzen, schüren; Sie sendet immer neue Legionen Von den Gedrückten, die da darben, frohnen, Und immer mehr noch wühlt sie auf die Massen, Zum großen Kampf die unterdrückten Klassen. Nein, wollt ihr nicht das eine Mittel wagen, Die andern werden ihren Dienst versagen, Wohl aber mehr der Unzufriednen machen Und immerfort nur sä'n die Saat der Drachen. Ihr Siegeslauf wird euch zu Boden treten, Ihr mögt nun zetern, winseln oder beten. Zur Beachtung. Alle Zuschriften, Anfragen, Geldsendungen, welche sich auf die Agitation unter den Frauen beziehen, bezw. für diese Agitation bestimmt sind, sind zu richten an Frau Ditilie Gerndt Berlin 0, Blumenstraße 26. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Diez in Stuttgart.