Nr. s». S. Jahrgang. Rc GlriliM rift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Panlwiv bei Berlin. Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nro. L756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps.; unter Kreuzband 65 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den I!t. November Iw».?. Zuschriften an die Redaktion der„Gleichheit" sind zu richten � an Fr. Klara Zetkin(Eißner), Stuttgart, Rothebühl- � Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach-Straße 12. Nachdrnlf ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Die Liebesmüh umsonst. Daß den Besitzenden und ihrem Staat die proletarische Frauenbewegung herzlich unangenehm ist, darüber haben hohe und höchste Behörden wiederholt recht prompt guittirt, darüber guittiren sie noch reichlich und täglich mit schönem Eifer. Begreiflich genug. Eine Bewegung, welche im Kampf von Geschlecht zu Geschlecht die unwürdige Rechtsstellung der Frau zu beseitigen trachtet, fordert Wohl den komischen sittlichen Zorn des Philisteriums heraus, aber sie läßt die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft unangetastet und muß deshalb den staatlichen Züchtigungsneigungen„tabu" bleiben. Eine Bewegung dagegen, welche im Kampf von Klasse zu Klasse die Befreiung des Proletariats anstrebt, ruft die schärfste Abwehr von Seiten des Staats hervor, denn sie bezweckt eine grundlegende Umgestaltung der sozialen Ordnung, deren Aufrechterhaltung zu Nutz und Frommen der Besitzenden die vornehmste Aufgabe des Staats ist. Der„Racker Staat" handelt nur seinem innersten Wesen gemäß, wenn er gegen die„Umstürzlerinnen" Polizei und Juristerei marschiren und Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordern läßt. Die politische Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts bietet ihm einen bequemen Anlaß, die klassenbewußten Proletarierinnen im Kampfe hindern zu wollen, und er nutzt diesen Anlaß aus, wo immer es möglich ist. Die proletarische Frauenbewegung ist es deshalb gewöhnt, daß gegen sie der Staat in verschiedenen deutschen Vaterländern die Vereins- und Versammlungsgesetze mit aller Strenge anwendet. Neuerdings soll sie sich auch daran gewöhnen, daß hier und da der Staat die betreffenden Gesetze mit allem Scharfsinn auslegt. Die für den Eifer der Polizei und das Deutungsvermögen der Juristen so rühmliche bayerische Praris der Vereins- und Versammlungsgesetze macht Schule. Hin und wieder in dem oder jenem der thüringischen Zaunkönigreiche, deren Umfang zum Pech für die Kapitalistenklasse in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer gesellschaftsretterischen Inbrunst steht. Mehr und mehr auch in Preußen, wo es nicht blos in allen Fährlichkeiten des Klassenkampfes erprobte Polizeibehörden giebt, sondern— der Septemberkurs beweist es— auch noch Richter. Vor allem in Westfalen, aber auch in der Rheinprovinz, in Schlesien und anderwärts— sogar in Berlin wurde der Versuch gemacht— verlangen die überwachenden Polizeibeamten die Entfernung der Frauen aus öffentlichen Versammlungen, denen der Geruch politischer Ilnheiligkeit anhaftet. Bei Nichtbefolgung des Verlangens wird kurzerhand die Versammlung aufgelöst. Natürlich unter Berufung auf Gesetz und Recht, denn der beschränkte Unterthanenverstand soll und darf nicht daran zweifeln, daß die Obrigkeit,„die Gewalt über ihn hat", die Obrigkeit,„die von Gott geordnet ist", stets und unter allen Uniständen„von Rechtswegen" handelt. So und so viele Monate Gefängniß sind nach der Auffassung des Staats recht überzeugende Gründe für den Zweifler. Nun giebt es zwar in Preußen ein Vereinsgesetz, das aus der nach- achtundvierziger Zeit gottgesegneter Reaktion stammt, und welches die Anwesenheit der Frauen in öffentlichen Versammlungen nicht verbietet. Aber es untersagt den Frauen bekanntlich die Mitgliedschaft von politischen Vereinen, es untersagt ihnen den Besuch der Versammlungen solcher Vereine, lind wozu wäre denn Beamtenwitz und Pandektenweisheit in die Welt gekommen, wenn sie nicht rettend den„inneren logischen und rechtlichen Zusammenhang" zwischen behördlicher Maßregel und Gesetzestext dort sonnenklar nachweisen könnten, wo der simple Menschenverstand des simplen Laien sich einem harmlosen Nichts, Garnichts gegenüber zu befinden wähnt. Ilnd dieser„logische Zusammenhang" ist in unserem Falle„von Rechtswegen" da, sobald die Anregung zu der betreffenden Versammlung in der Sitzung eines politischen Vereins geschah, sobald zufälligerweise ein Vorstandsmitglied eines solchen die öffentliche Versammlung einberuft oder auch in das Bureau derselben gewählt wird. Gewiß, der„logische Zusammenhang", welcher den„ungesetzlichen Thatbestand" betreffs der Anwesenheit von Frauen in einer öffentlichen Versammlung erhärtet, hat jahrelang den preußischen Staat auf seinen sonstigen sicherlich ivohlverdienten Reaktionslorbeeren sorgenlos schlummern lassen. Erst in neuerer Zeit erscheint er als die Hand, welche der bisher geübten Praxis in feurigen Buchstaben das beschämende Mcne Tekel schreibt. Das macht, die proletarische Frauenbewegung ist nicht mehr eine quan- titö nexli�sabls(ein nicht zu beachtender Faktor) für den Feind. Sie ist mehr und mehr aus einer Antheilnahme einzelner Frauen an der sozialistischen Bewegung zu einem Eintreten proletarischer Frauenmassen in den Klassenkampf geworden. Wir begreifen es, daß diese Thatsache den Satten und ihrem Staat nicht zu besonderer Freude gereicht, und daß von einem frischen und munteren Auslegen der Gesetze erhofft wird, was durch ihr striktes Anwenden nicht erreicht wurde. Allerdings dürfte der Erfolg der inaugurirten Praxis nicht den gehegten blüthenreichen Hoffnungen entsprechen. Die Findigkeit des Staats bei der Handhabung der Gesetze erzieht die Masse, die unter den Gesetzen leidet, zu immer größerer Findigkeit in der Kunst, ihre Interessen zu wahren, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu gerathen. Unfreiwillig genug schulen polizeiliche Büttelei und salomonische Juristerei die Genossinnen und Genossen allenthalben in Sachen des Vereins- und Versammlungsrechts in dieser heutigentags sehr nöthigen Kunst. Dank der unerbetenen, aber recht erfolgreichen Lehrmeister werden sich die„ordnungsfeindlichen Elemente" auch bald mit der neuesten Praxis des Versammlungsrechts abzufinden verstehen. Der fein ersonnene behördliche Witz versagt, sobald man bei der Veranstaltung einer Versammlung etwas sorgsam zu Werke geht, dieselbe weder in einer Vereinsversammlung beschließt, noch von einem Vorstandsmitglied einer Organisation einberufen und leiten läßt. An die Beobachtung dieser Vorsichtsmaßregeln wird man sich bald gewöhnen. Daß damit das Vereins- und Versammlungsleben der proletarischen Frauen noch nicht zwischen der Scylla polizeilicher Allmacht und der Charybdis juristischer Weisheit immer glücklich durchsegelt, ist klar.„Wo ein Wille ist, da ist ein Weg", sagt das Sprichwort. Der preußische Staat hat aber den Willen, die proletarische Frauenbewegung zu unterdrücken und muß ihn haben, solange das Proletariat nicht die ausschlaggebende politische Macht besitzt. Außerdem: gar manches polizeiliche und juristische Talent 178 hat sich seither in der Stille gebildet und sehnt sich schwermüthig| nach einer Gelegenheit, sich als Köller von Burtehude oder Kuhschnappel vor der Mit- und Nachwelt entpuppen zu können. Die proletarische Frauenbewegung kann den Wechselfällen des Kampfes mit dem Staat der Kapitalisten ruhig entgegengehen. Sie weiß, daß sie ihre Eristenzberechtigung, ihre aufsteigende Entwicklung aus Wurzeln zieht, an welche staatliche Nücken und Tücken nicht heranreichen können. So lange die kapitalistische Wirthschaftsordnung besteht und zum Kampfe für ihre Beseitigung die Frauen wie die Männer des Proletariats zwingt, so lange gleichen auch alle Bestrebungen, die proletarische Frauenbewegung niederzubütteln, dem findlichen Spiel des braven Schneiderleins, das den Wassern der Donau bei Wien dadurch Halt gebieten wollte, daß es den Fuß auf die Donauquelle sezte. Die Liebesmüh bleibt umsonst. Aus der Bewegung. Um die Gewerkschaftsorganisationen zu stärken und ihnen neue Mitglieder zuzuführen insbesondere auch aus den Reihen der Industriearbeiterinnen unternahm Genossin Ihrer im Auftrage der Generalfommission der deutschen Gewerkschaften im September eine Agitationstour in der Lausitz und in Schlesien. In 28 Orten waren Versammlungen angesetzt mit der Tagesordnung:„ Wer hat den Nutzen von Industrie- und Kulturfortschritten?" Drei der Versammlungen mußten ausfallen, weil kein Saal für die Arbeiter zu haben war. Polizeilich verboten wurde eine Versammlung, die am 1. September in Waldenburg mit der Tagesordnung stattfinden sollte:„ Lassalles Leben und Wirken." Am„ heiligen Sedan" sollte nur Patriotismus", nicht aber+++ Aufklärung verbreitet werden. In zwei anderen Orten retteten pflichteifrige Beamte den Staat durch Auflösung der Versammlung. So in Liegniß, wo der Ueberwachende der Referentin, verbot",„ aufhezerisch" zu reden. Das „ Aufhezerische" der Ausführungen sollte in dem Vergleich liegen zwischen dem Nutzen, den die Arbeiter, und demjenigen, den die Unternehmer aus der Arbeit ziehen. Die weiteren Erörterungen der Referentin mußten wohl gleichfalls die Galle des Hüters sittlicher und göttlicher Ordnung erregt haben. Denn furz vor Schluß des Vortrags löste er die Versammlung auf und gestand auf Befragen zu, daß er außer Stande sei, die Auflösung zu motiviren. Die Rücksicht auf die geforderte Bethätigung des geliebten beschränkten Unterthanenverstandes verbietet uns einen Zweifel auszudrücken, ob wohl eine höhere Instanz der unmotivirten Auflösung gegenüber bekundet, daß auch in Preußen so etwas wie ein Gesetzestert über eine Versammlungsauflösung entscheidet, und daß nicht die unmaß gebliche Stimmung eines Ueberwachenden hierfür maßgebend ist. Die zweite Versammlungsauflösung erfolgte in Altwasser, weil der Vorsitzende nicht dem ungesetzlichen Verlangen des Beamten entsprechend die Frauen aus der Versammlung entfernte, in der über: ,, Kommunismus oder Privateigenthum?" referirt werden sollte. In einzelnen Gegenden Preußens nähert man sich immer mehr dem Jdeal der bayerischen Handhabung der Vereinsgesetze. Die Versammlungen, welche in den Lausitzer Industriezentren Cottbus, Forst, Finsterwalde stattfanden, waren besonders im Interesse der Aufklärung und Organisation der Textilarbeiter und -Arbeiterinnen einberufen worden, welche daselbst sehr zahlreich vertreten sind. Der Nutzen der Agitation blieb erfreulicherweise nicht aus, es erfolgten viele Beitrittserklärungen zum Verband der Textilarbeiter. In Forst beschlossen die Versammelten durch Resolution, daß bis zur nächsten Textilarbeiterkonferenz die Auflösung der Lokalorganisation zu Gunsten des Beitritts zum Verbande vorzubereiten sei. Zwei Drittel der zahlreich erschienenen Versammlungsbesucher in Ohlau waren Zigarrenarbeiterinnen, von denen sich eine stattliche Anzahl in den Verband aufnehmen ließ. Die Versammlungen, welche in Waldenburg und Umgegend stattfanden, waren sehr gut besucht, das weibliche Element war start in ihnen vertreten. Die Frauen des Waldenburger Bergbaubezirks nehmen einen regen Antheil an der Arbeiterbewegung und sind fleißige Versammlungsbesucherinnen. Auch die Versammlungen in Breslau waren vorwiegend von Frauen und Mädchen besucht, welche aufmerksam und begeistert den Ausführungen der Referentin folgten und zum Theil ihre Zustimmung in die That umsetzten, indem sie den Organisationen beitraten. So ließen sich in der ersten Versammlung allein 47 Arbeiterinnen in den Verband der Schneider und Schneiderinnen aufnehmen. Hoffentlich hat die Versammlung in Haynau vielen Handschuhnäherinnen die Nothwendigkeit klar gemacht, sich gewerkschaftlich zu organisiren, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erzielen. Eine solche thäte dringend noth. Die Anfängerinnen in der Handschuhnäherei verdienen wöchentlich 4-5 Mt., später 6 Mt., geübtere Arbeiterinnen, die im Akkord schaffen, erreichen einen Wochenverdienst von gegen 7 Mt. Die Zahl der Haynauer Handschuhnäherinnen beträgt mehrere Hundert, aber da sie größtentheils zu Hause arbeiten, gehören nur sehr wenige von ihnen der gewerkschaftlichen Organisation an, und es hält äußerst schwer, sie zu dieser heranzuziehen. Auch die größere Anzahl von Frauen und Mädchen, welche in einer Papierfabrik in Haynau beschäftigt sind und die etwa 150 Ziegeleiarbeiterinnen des Orts stehen der Organisation noch fern. Daß ihr Verdienst ebenfalls ein recht färglicher ist, zum Theil ein miserabler, versteht sich am Rande. In Langenbielau und Neurode wird es noch vieler und ausdauernder Arbeit bedürfen, damit die dortigen sehr zahlreichen Arbeiter und Arbeiterinnen den Werth der gewerkschaftlichen Organi sation erkennen und sich zur Vertheidigung ihrer nächstliegenden Interessen gegen kapitalistische Beutegier zusammenschließen. Besonders in dem letztgenannten Ort stehen dem Werk der Aufklärung große Schwierigkeiten entgegen, weil hier die Textilindustrie fast ausschließlich als Heimarbeit betrieben wird. Die Leute verdienen wahre Bettelpfennige, müssen ungemessen lange rackern und das Isolirtarbeiten steht dem Gedankenaustausch und dem Zusammenschluß entgegen. In Hirschberg und Neusalz wurden die Lokale in letzter Stunde von den Wirthen verweigert. Das Vorkommniß mag den Herren Unternehmern recht willkommen gewesen sein, denn die Löhne, welche insbesondere die in großen Zwirnereien und einer Leimfabrik zu Neusalz beschäftigten Arbeiterinnen erhalten deren Zahl etwa 400 beträgt, sind die denkbar erbärmlichsten und sollen den ausgebeuteten Proletarierinnen zu Nutz und Frommen des kapitalistischen Profits erhalten bleiben. Sämmtliche stattgehabte Versammlungen waren mit wenig Ausnahmen gut besucht. Für acht von ihnen, von denen die meisten in fleinen Industrieorten stattfanden, wurde die Gesammtzahl der Besucher auf 5620 geschätzt. Hauptsächlich waren es die Verbände der Tertilarbeiter, Schneider und Fabrikarbeiter, welche durch die Agitation neue Mitglieder gewannen. Wie groß die Zahl derselben ist, konnte nicht in allen Versammlungen festgestellt werden, da sich nach deren Schluß die Vertrauensleute der Gewerkschaften zu schnell entfernten. In acht Versammlungen betrug die Zahl der aufgenommenen Mitglieder 236. Unablässiger und energischer Agitation bedarf es, damit die gesammte Arbeiterbevölkerung der Lausitzer und der besonders rückständigen schlesischen Induſtriedistrikte zum klaren Bewußtsein ihrer Klassenlage erwacht, damit sie ihre volle Pflicht im politischen und gewerkschaftlichen Kampfe des Proletariats thut und dadurch ihre Interessen wahrt und fördert. An dieser Agitation wird es nicht fehlen. Zahlreiche Thatsachen sprechen dafür, daß ihr der Erfolg nicht ausbleibt, daß Proletarier und Proletarierinnen auf die Anregung von außen her die richtige Antwort finden. Was insbesondere die Einreihung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaftsorganisationen anbelangt, so wird sie trotz aller Schwierigkeiten erfolgreich vor sich gehen, wenn es jedes einzelne Mitglied der Gewerkschaft nie an der nöthigen aufklärenden, werbenden Agitation bei der Arbeit, im persönlichen Verkehr, beim Vergnügen fehlen läßt. Die Organisirung der Arbeiterinnen ist schwer, aber nicht unmöglich, und sie ist dringend E. J. nöthig. Auf Veranlassung des Agitationskomites der Provinz SchleswigHolstein unternimmt Genossin Ihrer gegenwärtig eine Agitationstour im höchsten Norden Deutschlands, um auch dort besonders die Frauen für die Ideen des Sozialismus zu gewinnen. Im Ganzen sind vierzig Versammlungen geplant mit der Tagesordnung:„ Was haben die bürgerlichen Parteien für die arbeitenden Klassen gethan?" Die bisher stattgefundenen Versammlungen in Hohenwestedt, Heide, Friedrichstadt, Husum und Tondern waren durchweg gut besucht und zwar vorwiegend von Frauen. Auch die Anhänger der verschiedenen bürgerlichen Parteien hatten sich zahlreich eingefunden. In Heide, Friedrichstadt und Tondern schwangen sich Lehrer zu allerdings sehr zaghaften Entgegnungen auf die Ausführungen der Referentin auf und wurden von dieser unter dem Beifall der Versammelten gebührend abgeführt. Obgleich im Norden die Zahl der zielbewußten Genossen noch eine kleine ist, bürgt doch die gute Aufnahme der sachlichen Darlegungen dafür, daß auch hier der Sozialismus sich mehr und mehr ausbreitet und um sein Banner neue Anhänger schaart, besonders auch aus der Frauenwelt. In Schleswig- Holstein haben die Frauen der werkthätigen Masse noch ein leidliches Auskommen, noch hat die Noth sie nicht als Industriearbeiterinnen in Fabriken und Werkstätten gepeitscht. Aber sie empfinden, daß im bürgerlichen, im kapitalistischen Deutschland die rechtliche Stellung der Frau eine unwürdige ist. Sie empfinden, daß die Lage des arbeitenden Volks in der heutige Gesellschaft eine fulturwidrige und unhaltbare iſt. Und von der aufdämmernden Erkenntniß geleitet, daß nur in einer sozialistischen Gesellschaft die Befreiungsstunde für alles schlägt, was Menschenantlig trägt, wenden sie Sympathie und Unterstützung dem großen geschichtlichen Kampfe zu, den frohnende Arbeit gegen das ausbeutende Kapital führt. E. J. In Wahl weiblicher Vertrauenspersonen in Berlin. vier von den sechs Berliner Wahlkreisen wurde in den letzten öffentlichen Parteiversammlungen gelegentlich der Wahl der üblichen Vertrauenspersonen die Wahl einer besonderen weiblichen Vertrauensperson beantragt. Ihr soll die besondere Aufgabe obliegen, die Agitation unter den Frauen anzuregen und zu leiten. Der Antrag wurde von den Genossinnen Greiffenberg, Rohrlack, Baader und Krause warm befürwortet, ebenso von mehreren Genossen. Die Bedenken, welche dagegen geltend gemacht wurden, waren taktischer und vereinsgesetzlicher Natur. Die Parteiversammlungen des dritten und sechsten Wahlkreises lehnten es ab, eine besondere weibliche Vertrauensperson zu wählen. Im dritten Wahlkreise kam Genossin Fahrenwaldt als allgemeine Vertrauensperson in Vorschlag, blieb aber bei der Wahl in der Minorität. Im zweiten und vierten Wahlkreise wurden dagegen die Genossinnen Scholz und Baader als Vertrauenspersonen zur Betreibung einer fräftigen Agitation unter den Frauen Berlins gewählt. Die Wahl der weiblichen Vertrauensperson, welche die Frauenagitation in ganz Deutschland anregen und fördern soll, wird in einer besonderen öffentlichen Frauenversammlung stattfinden. Das Frauenwahlrecht im bayerischen Landtage. sozialdemokratische Fraktion des bayerischen Landtags forderte in einem Initiativantrage die Zusammensetzung des Landtags auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts für alle über 20 Jahre alte Staatsangehörige ohne Unterschied des Geschlechts, ebenso Schutz des Geheimnisses und der Freiheit der Wahl durch besondere Maßregeln, Verlegung der Wahl auf einen Sonn- oder Landesfeiertag und Einführung des Proportionalwahlsystems. In ebenso ener gischer wie geschickter Weise vertrat Genosse Grillenberger den Antrag, der besonders auf den zähen Widerstand des Zentrums stieß, das sich doch sonst zumal bei Wahlen zumal bei Wahlen als den berufensten Vertheidiger des allgemeinen Wahlrechts aufspielt. Die Forderung, das Wahlrecht auch auf die Frauen auszudehnen, wurde natürlich von den Philisterseelen mit dem üblichen Entsetzen und dem gewöhnlichen seichten Spott aufgenommen. Grillenberger sagte zu diesem Punkte des sozialdemokratischen Antrags:„ Von dem Frauenstimmrecht wußten wir ja, daß es Ihnen Vergnügen bereiten würde. Es wird aber noch die Zeit kommen, wo man sich weniger darüber lustig machen wird. Manche scheinen da zu fürchten, auch in politischer Beziehung gerade so unter den Pantoffel zu kommen, wie in häuslicher Beziehung. Man fürchtet, die Frau könnte auch in den Landtag kommen. Es wäre gar nicht so schlimm, wenn ſtatt des Dr. Soundso die Frau Dr. Soundso hereinkäme. Seit die Frau ein Ausbeutungsobjekt für die Industrie geworden ist, seit ihr alle Pflichten auferlegt werden, muß man ihr auch mehr Recht geben." Der Antrag der Sozialdemokraten wurde Dank der perfiden Haltung des Zentrums abgethan durch eine motivirte Tagesordnung, welche 69 gegen 53 Stimmen erhielt. Der Kongrek bürgerlicher Frauenrechtlerinnen in Frankfurt a. M. Vom 1.- 3. Oftober tagte in Frankfurt a. M. die achtzehnte Hauptversammlung des Allgemeinen deutschen Frauenbildungsvereins", der bekanntlich den rechten, äußerst gemäßigten Flügel der bürgerlichen Frauenrechtelei darstellt. Der Tagung wohnten 80 bis 100 Theilnehmerinnen bei, welche sich vorwiegend aus den„ durch Besitz und Bildung einflußreichen Kreisen" refrutirten. Klipp und flar gelangte es auch in den Verhandlungen zum Ausdruck, daß der Kongreß lediglich die Interessen der bürgerlichen Frauenwelt vertrat und vertreten wollte. Nichts liegt uns ferner, als diesen Umstand zu tadeln, der unseres Erachtens durchaus berechtigt ist und durch die Klassenscheidung bedingt wird. Wir begrüßen es sogar als einen Fortschritt, daß sich der Kongreß in der Hauptsache ausschließlich mit den Interessen der bürgerlichen Frauen befaßte und weniger als sonst eine Versammlung bürgerlicher Frauenrechtlerinnen hausiren ging mit Schlagwörtern von allgemeiner Schwesternschaft und Humanität, mit ein wenig wohlfeiler Kritit an schreienden Mißständen unserer Zeit und viel rührseligem, wenn auch ehrlich gemeintem Mitgefühl mit der„ leidenden Menschheit". So wurde gelegentlich des Geschäftsberichtes hervorgehoben, daß zwar für die Töchter des Volts bei 179 | nachgewiesener Befähigung gleich wie für die Söhne des Volks die Möglichkeit einer höheren Ausbildung wünschenswerth sei, daß man aber andererseits mittellosen Mädchen das Studium nicht anrathen könne, da es fraglich erscheint, ob sie in den heutigen Zeitläuften nach beendetem Studium ihr Brot finden oder ein Proletariat gelehrter Frauen schaffen würden.... Es liege nicht im Zwecke des Vereins, gänzlich unbemittelte zum Studium zu bringen, es sei denn bei ausnahmsweise beanlagten Bewerberinnen." Herzerfrischend unumwunden wird im Gegensatz zu sonstigem ideologischen Phrasenschwall hier zugegeben, daß in den heutigen Zeitläuften" lies: in der bürgerlichen Gesellschaft das Recht des weiblichen Geschlechts" auf höhere Ausbildung zusammenschrumpft zu dem Recht der bürgerlichen, der besitzenden Frauen, zu studiren und einen liberalen Beruf auszuüben. Die Tagesordnung war eine sehr reiche, sie umfaßte außer der Erstattung und der Diskussion des Geschäftsberichts Referate und Debatten über folgende Gegenstände:„ Die Aufgabe der Frauenvereine in der Gegenwart"," Die Bedeutung der Frauenbewegung für das Familienleben"," Die Wohlthätigkeitsbestrebungen sonst und jetzt", „ Die Stellung der Frau im Familienrecht und die Stellung der unehelichen Kinder nach dem Entwurfe des neuen bürgerlichen Gesetzbuches"," Friedrich Fröbel und die Volkskindergärten",„ Kinderhorte", „ Der Hausbeamtinnenverein"," Die soziale Bedeutung der Frauenbewegung",„ Die Sittlichkeitsfrage"," Der Erwerb der Frau im Kunstgewerbe"," Die Vorbildung und Stellung der Oberlehrerinnen in Preußen",„ Gymnasialkurse für Mädchen",„ Das Arbeiterinnenheim des Münchener Frauenvereins"," Neue Gesichtspunkte in der Frauenfrage". Die Behandlung der Fragen ließ einen kleinen Fortschritt erkennen in der Richtung einer etwas entschiedeneren und weitergehenderen Forderung der Frauenrechte. Man verlangte für die Frauen Aemter in der Gemeinde, im Schul- und Armenwesen, man deutete an, daß die Frauenbewegung die volle Gleichberechtigung der Geschlechter erstreben müsse. Zu der Forderung des aktiven und passiven Wahlrechts schwangen sich die Gemäßigten der Gemäßigten dagegen nicht auf; sie warten wahrscheinlich ab, bis sich irgend eine allerhöchste Frau an die Spitze einer Organisation zur Erringung des Wahlrechts für das weibliche Geschlecht stellt. Daß die reiche Tagesordnung in verhältnißmäßig furzer Zeit erledigt ward, beweist jedenfalls, daß die Damen ohne die ihrem Geschlechte nachgesagte fraubasige Schwatzschweifigkeit referirten und debattirten. Allerdings zeigte sich äußere Gewandtheit, besonders auch in der Beherrschung der Form, sehr oft im Bunde mit großer Oberflächlichkeit und Einseitigkeit der Auffassung. Dies trat am schroffsten dort in Erscheinung, wo die Ausführungen von der Interessensphäre der bürgerlichen Frauen hinüberstreiften auf das allgemeine soziale Gebiet. Zur Frage der allgemeinen Bildung, des Studiums, der Berufsthätigkeit der Frau, ihrer Stellung in Familie und Recht, der gemeinsamen Erziehung der Geschlechter wurde viel Zutreffendes und Anregendes geredet. Sobald die Damen allgemeine soziale Verhältnisse in den Kreis ihrer Erörte rungen zogen, machte sich riesengroß, hoffnungslos" Unkenntniß, Seichtheit und Einsichtslosigkeit breit; mit wohlklingenden Worten verbrämtes, hohles Geschwätz trat dann an Stelle einer sachgemäßen Erörterung. So machte z. B. Frau v. Forster- Nürnberg dem seligen Schäfer Thomas die Lorbeeren streitig. Denn als echte Prophetin, in holdeſter Unkenntniß aller Voraussetzungen, welche zur Abgabe eines Urtheils in der Frage nöthig sind, weissagte sie:„ Die kommunistischen Theorien müssen scheitern an dem Widerstand der Feinfühligkeit der weiblichen Seele und an der Zusammenfassung dieser Widerstände durch die Frauenbewegung." Heiliger Bimbam, wenn nun die kommunistischen Theorien nicht verloren sind! Zur Frage der Stellung und der Rechte der unehelichen Kinder wurden neben manchen durchaus vernünftigen und gerechten Gesichtspunkten auch recht überlebte und zopfige Anschauungen vertreten, denen der Modergeruch bornirter Sittlichkeitsvereinlerei anhaftete. Aus dem stattlichen Bouquet sozialpolitischer Verkehrtheiten, das die Damen im Laufe der Verhandlungen zusammenwanden, lösen wir noch folgende Blümchen: ,, Die schlechte Bewerthung der Frauenarbeit muß überwunden werden, zum Theil auch dadurch, daß die Töchter der besitzenden Stände den Werth der Arbeit kennen lernen."( Siehe die Schmutzkonkurrenz der „ höheren Töchter“ und„ besseren Frauen".)„ Wir haben die häuslichen Hilfsarbeiterinnen liebevoll zu erziehen und dadurch den Samen zur Aussöhnung der Klassengegensätze auszustreuen."„ Die Ehefrauen könnten als Muster einfacher Lebensweise ihren verdienstlichen Antheil an der Lösung der sozialen Frage nehmen." Es genügt, daß wir diese Stellen zur richtigen Werthung des sozialen Verständnisses der Damen festnageln. Am üppigsten entfaltete sich aber wieder frauenrechtlerische Einsichtslosigkeit den sozialen Verhältnissen gegenüber gelegentlich der„ Sittlichkeitsfrage", die wie üblich unter Ausschluß der Deffentlichkeit, auch der Berichterstatter, verhandelt wurde. Die Versammlung schloß sich der platten Auffassung an, welche Frau Bieber Böhm seit Jahren mit unwandelbarer Ueberzeugungstreue und wohlmeinendem Eifer, aber ebenso unwandelbarer Verständnißlosigfeit vertritt. Sie erklärte sich mit der Aktion des Bundes deutscher Frauenvereine" solidarisch, der durch eine Petition für Abschaffung der gewerblichen Prostitution dem deutschen Vaterlande eine höhere Sittlichkeit durch Pickelhaubenkraft fabriziren will. Uebrigens brachte der Frankfurter Frauentag nicht blos den Frauenrechtlerinnen Anlaß, hier und da einen Zipfel ihrer sozialen Einsichtslosigkeit aufzurollen. Der Oberbürgermeister von Frankfurt, Herr Adickes, machte ihnen in diesem Punkte erfolgreiche Konkurrenz. Es scheint im Buche des Schicksals geschrieben zu stehen, daß bei offiziellen Fest- und Begrüßungsreden meist mit Behagen Blech breitgewalzt wird. Und unter diesen grausamen Spruch eines unerbittlichen Fatums gebeugt, fand es Herr Adickes„ von hohem Werth, daß in unserer außerordentlich kritischen Zeit mit ihren subversiven Tendenzen die Frauenfrage wieder einmal eine autoritative Grörterung in diesem historisch bedingten Kreise findet". Wir wollen zur Entschuldigung des Herrn Adickes annehmen, daß er sich bei diesen blühenden Bl- üthen gar nichts gedacht hat, sondern sich in feierlicher Festesstimmung an den schönen Worten: subversiv, autoritativ und historisch ergötzte. Daß dem Frauentag die höhere Weihe gegeben wurde durch Hochs auf fürstliche Persönlichkeiten, versteht sich für Jeden von selbst, der den in Demuth vor Fürstenthronen ersterbenden Bürgerstolz des Gros unserer Frauenrechtlerinnen kennt. Der Versammlung war ja auch die tief empfundene und tief gewürdigte Ehre zutheil geworden, daß die Kaiserin Friedrich einer der Sitzungen beiwohnte. Die Behörden der Stadt Frankfurt und auch verschiedene bedeutende Körperschaften brachten dem Kongreß ihre Sympathie entgegen. Die Haltung der Presse ihm gegenüber war im Allgemeinen eine wohlwollende. Die öffentliche Meinung" der bürgerlichen Welt beginnt allmälig auch in Deutschland der bürgerlichen Frauenbewegung etwas Verständniß entgegenzubringen, sie mit etwas weniger altersgrauem Philistervorurtheil zu würdigen als früher. Kellnerinnenelend in Basel. Wenn man in unseren Tagen das Kapitel der Unsittlichkeit aufblättert, so fehlt es gewiß darin nicht an Abschnitten, welche von dem ,, Kellnerinnenunwesen" handeln und den Gefahren, welche im Zusammenhang mit ihm die Sittlichkeit bedrohen. Mucker und Stöcker Ein Traum von wilden Bienen. 180 Rus Olive Schreiners„ Dreams", übersekt von M. I. Eine Mutter saß allein am offenen Fenster. Die Stimmen der unter den Akazienbäumen spielenden Kinder und der Odem des heißen Nachmittags drangen durch dasselbe herein. Ein und aus flogen die Bienen, die wilden Bienen, mit ihren Beinen voll gelben Blüthenstaubes, unaufhörlich summend, von und zu den Afazienbäumen fliegend. Die Mutter saß auf einem niedrigen Stuhl vor dem Tisch und stopfte Strümpfe. Aus einem vor ihr auf dem Tisch stehenden großen Korb nahm sie ihre Arbeit; ein Theil der= selben lag, das dort ruhende Buch halb bedeckend, auf ihren Knien. Ihr Blick war auf die ein- und ausgehende Nadel gerichtet; langsam und langsamer arbeitete sie, und vor ihren Ohren verschwamm das eintönige Gesumm der Bienen und der Lärm der Kinderstimmen zu einem wirren Gemurmel. Dann flogen die Bienen näher und näher um ihren Kopf. Sie wurde schläfrig und schläfriger, und sie legte ihre Hand mit dem darüber gezogenen Strumpf auf den Rand des Tisches und lehnte ihren Kopf darauf. Und die Stimmen der Kinder draußen wurden mehr und mehr traumartig. Bald schienen sie von fern, bald von näher zu kommen, dann hörte sie dieselben nicht länger, aber sie fühlte unter ihrem Herzen, wo das neunte Kind lag. So vornüber gebeugt und schlafend, während die Bienen ihren Kopf umflogen, gestaltete sich in ihrem Hirn ein Zauberbild; sie dachte, die Bienen streckten sich mehr und mehr in die Länge und würden zu menschlichen Gestalten und bewegten sich um sie her. Dann kam eine leise zu ihr heran und sagte:„ Laß mich meine Hand auf Deine Seite legen, wo Dein Kind schlummert. Wenn ich es berühre, so wird es werden wie ich." Sie fragte:„ Wer bist Du?" sind dann in der Regel gar schnell bei der Hand, um die Schale einer wohlfeilen sittlichen Entrüstung über die verkommenen, lasterhaften Geschöpfe" auszugießen, welche die oft sehr schwachfüßige Tugend das sündige Fleisch ist ach so schwach! hervorragender Stützen von Familie, Christenthum und Sitte in den Herren recht angenehmer Weise zu Fall bringen. Ernsthafte Sozialpolitiker weisen dagegen darauf hin, daß die Ursache des„ Kellnerinnenunwesens" das Kellne rinnenelend ist, daß ein inniger Zusammenhang besteht zwischen der schmachvollen, skrupellosen Ausbeutung des weiblichen Personals der Restaurants, Cafés und Bierhäuser 2c. und den sittlichen Uebelständen, über welche sich die zahlungsfähige Moral baß entsetzt. Und mit Recht weisen sie auf diesen Zusammenhang hin. Die Ausbeutung der Kellnerinnen bildet eins der dunkelsten Blätter in der dunklen Geschichte der kapitalistischen Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft, und wer der Sprache der Thatsachen nicht absichtlich sein Ohr verschließt, der muß zugeben, daß die Kellnerinnenausbeutung nicht blos die Unsittlichkeit begünstigt, sondern diese zum Theil direkt herausfordert. Diese Binsenwahrheit wird wieder einmal in ihrem vollen Umfange bestätigt durch eine Umfrage, welche im letzten Frühjahre über die Erwerbsverhältnisse der Basler Kellnerinnen vorgenommen worden ist. Dieselbe zeigt, daß in Basel, der reichen Stadt, der frommen, christlichen Stadt, im Betreff der Kellnerinnenausbeutung die allerbedauerlichsten Zustände bestehen, Zustände, die auf die Sittlichkeit unbedingt verhängnißvoll zurückwirken müssen. Am erbärmlichsten gestellt sind die bedienenden Damen" in den sogenannten„ feinen Restaurants", wo die„ honetten", die„ ,, anständigen" Leute verkehren. Einen Lohn giebt es da für die Kellnerin nicht, diese ist ausschließlich auf Trinkgelder angewiesen und dressirt. Je liebenswürdiger das Lächeln ist, mit welchem die Hebe kredenzt, je mehr ihre Kleidung ihre jugendlichen Reize zur Geltung bringt, je mehr sie ,, a Schneid" bei Rede und Antwort besitzt, um so eher darf sie auch von dem Wohlwollen der Herrschaften ein„ anständiges Trinkgeld" erwarten. Und ein solches hat die Kellnerin dringend nöthig. Denn nicht nur, daß sie leben muß, sie hat von ihrem„ Einkommen" auch allerhand ,, Vergütungen" an den„ Herrn Prinzipal" abzuführen. Für Ausfälle bei der Abrechnung sind die Kellnerinnen haftbar. Verluste an Gläsern und anderem Geschirr haben sie aus ihrer Tasche zu decken, auch dann, wenn sie nicht die geringste Schuld an dem Zerbrechen oder Verschwinden der Gegenstände tragen. Mit seinem Verständniß für das Wesen der kapitalistischen Plusmacherei lassen sich die Herren Wirthe die Gläser, Teller 2c. theurer bezahlen, als wie sie im ersten besten Laden verkauft werden. Die Ausbeutung Und die Gestalt sagte:„ Ich bin die Gesundheit. Wen ich berühre, in dessen Adern wird das rothe Blut stets tanzen; er wird nicht Müdigkeit noch Schmerz kennen. Das Leben wird ihm ein langes Lachen sein." ,, Nein", sagte eine andere, laß meine Hand Dich berühren, denn ich bin der Reichthum, wen ich berühre, an dem werden materielle Sorgen niemals nagen. Er soll von dem Blut und dem Sehnen seiner Mitmenschen leben, wen er will und wonach seinem Auge gelüftet, das wird seine Hand haben. Er wird kein ich wünsche kennen." Und das Kind lag ruhig wie Blei. Eine andere sagte:„ Laß mich Dein Kind berühren. Ich bin der Ruhm. Den Menschen, den ich berühre, führe ich zu einem hohen Hügel, wo Alle ihn sehen können. Wenn er stirbt, so ist er nicht vergessen, sein Name wird durch die Jahrhunderte herüber schallen, ein jeder Mensch wird ihn seinen Gefährten weiter nennen, denke Jahrhunderte hindurch nicht vergessen zu sein!" Und die Mutter lag ruhig athmend, doch in ihrem Traumbild drängten sich die Gestalten näher an sie heran. " Laß mich das Kind berühren", sagte eine, denn ich bin die Liebe. Wenn ich es berühre, so wird es nicht allein durchs Leben wandern. Wenn in der tiefsten Dunkelheit es seine Hand ausstreckt, so wird es eine andere Hand nahe finden. Wenn die Welt gegen es ist, so wird Jemand zu ihm sagen: ‚ Du und ich." Und das Kind erzitterte. Aber eine andere drängte sich heran und sagte:„ Laß mich Deine Seite berühren, denn ich bin das Talent. Alles kann ich vollbringen was vorher vollbracht wurde. Ich berühre den Soldaten, den Staatsmann, den Denker und den erfolgreichen Politiker und den Schriftsteller, welcher niemals seiner Zeit voraus und niemals hinter derselben zurück ist. Wenn ich das Kind berühre, so wird es nie einen Mißerfolg beweinen." 11 n D b It e n h a 11 9 b h S 5 พ r b I Б δι S δ L b 63f 31 11 M a L li wird also durch offenbare Prellerei verschärft. Auch für Servietten und Feuerzeug man lache nicht haben die Kellnerinnen mit ihrem Trinkgeld aufzukommen. Sie sind es, welche die Puzzfrau entlohnen müssen, und das Gläserwaschen geht gleichfalls auf ihre Rechnung. Auch andere gelegentliche„ kleine Ausgaben" wälzt der eine oder andere findige Chef auf die armen Mädchen ab. Wie man sieht, stellt eine derartige Kellnerinnenausbeutung das Ideal kapitalistischer Ausbeutung dar. Die ausgebeutete Arbeitskraft kostet den Ausbeuter gar nichts, frohndet eifrig zu seinem Nutz und Frommen und nimmt ihm noch einen Theil der Betriebsunkosten ab. Ist das nicht ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen von jeder braven Kapitalistenseele, die verzehrende Sehnsucht nach Millionen und dem Kommerzienrathtitel quält? Bei solchen Erwerbsverhältnissen steht doch offenbar der Kellnerin nur die Wahl frei zwischen ihrem guten Recht, langsam zu verhungern und ihrer anerkannten Freiheit, sich der Prostitution als Nebenerwerb oder auch Haupterwerb zuzuwenden. Die Entscheidung für die letztere Eventualität wird ihr gerade durch ihren Beruf nahegelegt und erleichtert. Die Einschränkungen, welche sich eine Kellnerin auferlegt, dürfen sich nicht auf ihre Kleidung beziehen. Die Kellnerin darf hungern, aber es verstieße gegen die Ehre und den Profit des Hauses, wenn sie nicht durchaus modern, womöglich elegant gekleidet wäre. Ihr„ gefälliges Aeußere" ist ebenso wie ihre Liebenswürdig keit" etwas, auf das der Restaurateur Anspruch erhebt, das er von Rechtswegen zu Geld ummünzt. Wovon die Kellnerin ihren Staat bezahlt, kümmert den Biedermann wenig. Dazu kommt, daß der Verkehr mit den Gästen, die häufige Berührung mit Rohheit, Trunkenheit, sinnlicher Begier 2c. die sittliche Feinfühligkeit der Mädchen nach und nach abstumpft. Der Aufenthalt in einer Atmosphäre, welche mit alkoholischen schweren Ausdünstungen und Rauch geschwängert ist, das vielstündige Stehen und Hin- und Herhasten zerrütten die Nerven und steigern die sinnliche Erregbarkeit. Tritt dann an die Kellnerin die Lockung heran- und diese ist in ihrem Berufe recht häufig- oder stürmt die Noth auf sie ein, so ist ihr Fall nicht verwunderlich. Glücklicherweise sind in Basel die feinen Restaurants nicht allzu zahlreich, in denen so unwürdige Erwerbsverhältnisse für die Kellnerinnen bestehen. Nur in der„ Altbayerischen Bierhalle", dem„ Pschorrbräu", dem„ Restaurant Safran", der„ Geltenzunft", der„ Schuhmacherzunft", dem„ Hotel Storchen" und einigen Gigerffneipen werden die Kellnerinnen so schofel ausgebeutet. In den übrigen Restaurants und Wirthschaften beziehen diese ein zwar niedriges, aber doch Um den Kopf der Mutter flogen die Bienen, sie mit ihren langen, dünnen Gliedern berührend; und in ihrem Traumbild sah sie aus dem Schatten des Gemaches eine Gestalt kommen, auf derem blassen Antlitz tiefe Linien und Furchen gezogen waren, und deren Mund bebend lächelte. Die Gestalt streckte ihre Hand aus, und die Mutter zog sich zurück und rief:„ Wer bist Du?" Sie erhielt feine Antwort, und sie blickte zwischen den halbgeschlossenen Augenlibern nach der Gestalt empor und sagte:" Was fannst Du dem Stinde geben Gesundheit?" Und die Gestalt antwortete:" In den Adern des Menschen, den ich berühre, erwacht ein glühendes Fieber, das gleich Feuer sein Blut verzehren wird. Das Fieber, welches ich ihm geben werde, wird erst geheilt sein, wenn sein Leben geheilt ist." " Du giebst Reichthum?" Die Gestalt schüttelte den Kopf. Wenn der Mensch, den ich berühre, sich niederbeugt, um Gold aufzuheben, so sieht er plötzlich liber sich im Himmel ein Licht; während er aufblickt, um darnach zu schauen, entschlüpft das Gold seinen Fingern, oder manchmal hebt ein Vorübergehender es auf." „ Ruhm?" " Wohl kaum. Für den Menschen, den ich berühre, ist von einem unsichtbaren Finger ein Pfad im Sand gezeichnet. Diesem muß er folgen. Zuweilen führt derselbe beinahe bis zum Gipfel und läuft dann plößlich ins Thal hinab. Er muß ihm folgen, wenn auch von keinem Anderen die Spur gesehen wird." " Liebe?" " „ Er wird darnach hungern aber er wird sie nicht finden. Wenn er seine Arme ausstreckt nach etwas, was er liebt und es an sein Herz drücken möchte, dann wird er fern am Horizont ein Licht schimmern sehen. Dorthin muß er gehen. Das, was er liebt, wird nicht mit ihm wandern; er muß allein gehen. Wenn 181 festes Gehalt, das zwischen 10 und 25 Frcs. im Monat schwankt. Daß ein lediglich auf sich selbst angewiesenes Mädchen auch mit diesem Einkommen nicht zu existiren vermag, bedarf keines besonderen Beweises. Das sogenannte Aushilfspersonal, das meist an Sonn- und Festtagen eingestellt werden muß, steht in einigen wenigen Restaurants im Zeitlohn und erhält pro Stunde 25-30 Cts. Es sind in der Regel verheirathete Frauen, welche solche Aushilfestellen annehmen, um einen nöthigen Nebenerwerb zu haben. Die Zahl der in Basler Restaurants und Hotels beschäftigten Kellnerinnen wird auf 200 geschätzt. Die vorstehenden, durchaus thatsächlichen Angaben beweisen wohl zur Genüge die tieftraurige Lage der Basler Kellnerinnen. Sie for dern laut und eindringlich die Abstellung der schreiendsten Mißstände, die Reform von Verhältnissen, welche durch die Noth zur Unsittlichkeit führen. Die nöthigen Reformen sind allerdings nicht von der Einsicht der Herren Wirthe zu erwarten, für welche reiche Profite aus dem Kellnerinnenelend emporsprießen. In richtiger Würdigung dieser Sachlage nahmen deshalb die Basler Kellnerinnen bereits im vorigen Winter einen Anlauf zur Gründung einer Organisation, welche ihre Interessen gegen den heiligen Goldhunger" der Wirthe vertheidigen sollte. Leider ist es bei diesem Anlaufe geblieben, und dies nicht zum Wenigsten durch das Verschulden des damaligen Präsidenten des„ Arbeiterbundes", welcher den diesbezüglichen Bestrebungen einen passiven Widerstand entgegensetzte, so daß ihnen nicht die unerläßliche thatkräftige Unterstützung der gesammten organisirten Arbeiterschaft zu Theil wurde. Jedenfalls wird der jetzige Ausschuß des Arbeiterbundes" auch in der Richtung der Kellnerinnenorganisation und des Kellnerinnenschutzes energisch vorgehen und nachholen, was bisher vernachlässigt worden ist. Daß die in Basel bestehenden Arbeiterinnenorganisationen den ausgebeutetsten der ausgebeuteten Proletarierinnen beistehen werden, ist wohl selbstverständlich. Db auch die bürgerlichen Frauenvereine so viel sozialpolitische Einsicht besitzen, daß sie die Organisationsbestrebungen der Kellnerinnen unterstützen, steht auf einem anderen Blatt. Wohl betonen sie mit großer Phrasenseligkeit die Nothwendigkeit, die Unsittlichkeit zu bekämpfen, aber sie verschließen sich meist der Erkenntniß, daß der Unsittlichkeit am besten entgegengewirkt wird durch die Hebung der Erwerbsverhältnisse des arbeitenden Volts. Deshalb ist es sehr fraglich, ob die Basler bürgerlichen Frauenvereine geneigt sind, energisch einzutreten für die Organisation der Kellnerinnen, als einer Vorbedingung dafür, daß die Mädchen ein regelmäßiges und gesichertes Einkommen erkämpfen und damit die Möglichkeit, sittlich leben zu können. Die er etwas an sein glühendes Herz preßt, ausrufend:, Mein, mein, mein eigen! so ruft eine Stimme ihm zu:, Entsage, entsage! Dieses ist nicht Dein!" „ Er wird Erfolg kennen lernen?" „ Erfolg wird ihm nicht werden. Wenn er mit Anderen läuft, so werden diese vor ihm das Ziel erreichen. Denn seltsame Stimmen werden ihn rufen und seltsame Lichter werden ihm winken, und er muß warten und lauschen. Und dieses wird das Seltsamste sein: Fern über dem glühenden Sand, wo andere Menschen nur der Wüste öde Weite sehen, wird ihm ein blauschimmernder See leuchten! Auf jenem See liegt immer der Sonnenschein, und das Wasser ist blau wie glühender Amethyst und das Ufer bekränzt der weiße Schaum. Ein großes Land erhebt sich daraus und auf den Bergspizen wird er leuchtendes Gold sehen." Die Mutter sagte:„ Wird er es erreichen?" Ein sonderbares Lächeln war die Antwort. Sie sagte:„ Eristirt es wirklich?" ,, Was eristirt wirklich?" " Und die Gestalt beugte sich vor und legte ihre Hand auf das schlafende Kind, lächelnd zu ihm flüsternd; und die Mutter hörte wie sie sagte:„ Dies soll Deine Belohnung sein- daß für Dich das Ideal wirklich eristiren wird." Und das Kind erzitterte, doch die Mutter schlief ihren tiefen Schlummer weiter, und ihr Traumbild entschwand. Aber das ungeborene Wesen tief in ihrem Inneren hatte einen Traum. In jenen Augen, welche nie den Tag gesehen, in jenem Halbgestalteten Hirn dämmerte eine Empfindung von Licht! Licht das es nie gesehen, Licht das es vielleicht niemals sehen sollte. Licht, das irgendwo eristirte! Und es hatte schon seinen Lohn: Das Ideal existirte ihm wirklich. Kellnerinnen thun jedenfalls gut, nicht zu viel von jener Seite zu erwarten, dagegen auf ihre eigene Kraft zu bauen und auf die Sympathie und den Beistand des klarsehenden Theils der Arbeiterschaft, der sie in einem wirthschaftlichen Kampf unterstützen wird, wie er für gesetzlichen Schutz gegen ihre Ausbeutung eintritt. .... 1. Eine Friedenskundgebung französischer Frauen. Der internationale" Friedensbund der Frauen", der seinen Sitz in Paris hat, richtet an Deutschlands Frauen folgenden Aufruf, der als Symptom Beachtung verdient: " Die Frauen Frankreichs an ihre Schwestern in Deutschland! Deutsche Mütter, Schwestern und Frauen! Der Charakter des Krieges wird von Tag zu Tag in seinem wahren Wesen mehr erkannt. Er ist Massenmord, der immer barbarischer wird durch die entsetzliche Gewalt der neuen Waffen. Der menschliche Geist empört sich endlich gegen den tausendjährigen furchtbaren Irrthum, welcher den militärischen Ruhm ausmacht. Jede Armee, die die andere bekämpft, hinterläßt Ströme von Blut, Thränen und Trauer. Die Frauen Englands sind zu uns gekommen, damit wir uns mit ihnen zu einem Bund für den Frieden vereinigen, zu dessen Ausbreitung die Mütter und die Frauen, die Gattinnen, die Schwestern, die Verlobten der beiden Länder beitragen sollen. Mit den Frauen Englands vereint bitten wir die Frauen aller Völker, sich zu einem internationalen Bunde zu vereinigen, welcher den Frieden und die allgemeine Entwaffnung zum Ziele hat. Was uns betrifft, so reichen wir Euch hierzu freundschaftlich die Hand. Deutsche Frauen! Möchtet auch Ihr dem Bunde beitreten, Ihr wollt so wenig, wie wir, daß die Eurigen getödtet werden oder Andere morden; unsere Interessen sind die gleichen. Je mehr Blut zwischen den Völkern fließt, desto mehr werden die getrennt, welche die Natur geschaffen hat, Brüder und Freunde zu sein. Die Erziehung der zukünftigen Generation gehört den Müttern. Vereinigt Euch mit uns, um den schönsten Sieg zu erringen, die allgemeine Entwaffnung! Schwestern jenseits des Rheins, habet Muth und nehmt unsern Aufruf freundlich auf. Die Mütter, die Gattinnen, die Schwestern werden es allein wagen, in unseren Friedensruf einzustimmen. Laßt uns hinaus rufen, damit das menschliche Gewissen sich gegen die Gewalt regt: Mögen die Massenmorde aufhören und ein neues Morgenroth des Völkerfriedens Alle vereinigen. Frau Grieß- Traut, Vizepräsidentin des Vereins für die Hebung der Stellung der Frau, Leonie Rouzade, Maria Pognon, Paule Mink, Brisset, Gardineau, Eugenie Potonié- Pierre 2c. 2c. Paris, den 21. August 1895. Die obenstehende Kundgebung ist bereits in zwanzig Pariser Tageszeitungen, in schweizerischen, englischen, amerikanischen und holländischen Blättern verbreitet worden. Sie hat zahlreiche Zustimmungen erfahren, auch seitens deutscher Frauenrechtlerinnen, so der Frau Lina Morgenstern. Die deutschen klassenbewußten Proletarierinnen sympathisiren selbstverständlich mit den in dem Aufruf kundgegebenen Gefühlen. Aber sie wissen auch, daß auf schöne Gefühle gegründete Friedens gesellschaften den Krieg nicht beseitigen werden. Das brudermörderische Wüthen von Land gegen Land kann einzig und allein verschwinden mit dem Zusammenbruch der Gesellschaft der Klassengegensätze. Das revolutionäre Proletariat, das die Beseitigung der Klassengegensätze erkämpft, ist die einzige wahre, erfolgreiche Friedensgesellschaft. Mit der Befreiung des Proletariats verschwindet zusammen mit dem Krieg von Klasse zu Klasse auch der Krieg von Rasse zu Rasse. Für den Frieden, den die deutschen Proletarierinnen so heiß ersehnen wie die Frauen anderer Länder, wirken sie deshalb am erfolgreichsten, indem sie in Reih und Glied der Sozialdemokratie kämpfen, statt ihre Kräfte in Organisationen guter Menschen aber schlechter Musifanten zu verzetteln, welche nach prächtig schillernden Seifenblasen haschen. Etwas von der proletarischen Frauenbewegung in Schweden. In Schweden hat bekanntlich die bürgerliche Gesellschaft dem weiblichen Geschlecht eine rechtliche und soziale Stellung eingeräumt, welche wenn sie auch noch nicht die volle Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne bedeutet- doch immerhin sich dieser um einen ansehnlichen Schritt nähert. Seit langem sind hier die Frauen zu Berufen und Aemtern, auch staatlichen, zugelassen, von denen sie in Deutschland noch ausgeschlossen sind und nach Spießbürgers Wahnglauben und Gebet auch im Interesse aller göttlichen, sittlichen 182 und natürlichen Ordnung" für alle Ewigkeit ausgeschlossen bleiben sollen. Schweden versagt seinen Töchtern die Universitätsbildung nicht, vorausgesetzt, daß besagte Töchter zu den zahlungskräftigen Schoßfindern des Vaterlandes gehören und nicht zu den rackernden, darben den proletarischen Stiefkindern, denen die Armuth als Cherub mit flammendem Schwert den Eintritt in das Bildungsparadies verwehrt. Und nicht nur als Lernenden, auch als Lehrenden hat das nordische Königreich seine Hochschulen den Frauen geöffnet. Zu Anfang der achtziger Jahre wurde Sofie Kowalewska, die bedeutende Gelehrte, feingeistige Schriftstellerin und überzeugte Sozialistin mit einer Professur der Mathematik an der Universität Stockholm betraut, und nach ihrem Tode wurde abermals eine Frau zur Nachfolge berufen. Seit zehn Jahren schon besitzen die schwedischen Frauen das Wahlrecht zu den Bezirks- und Gemeinderäthen unter den gleichen Bedingungen wie die Männer. Mit jedem Jahre schrumpft die Zahl Derer zusammen, welche Gegner des Stimmrechts der Frauen zu den Parlamenten sind. Die Bewegung für die volle rechtliche Gleichstellung der Ge schlechter, wie sie von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen energisch gefordert und in Wort und Schrift vertreten wird, ergreift immer weitere Kreise. Aber die kapitalistische Entwicklung ist auch in Schweden soweit fortgeschritten, sie hat in der Welt der Frauen wie in derjenigen der Männer so tiefe, unversöhnliche Klassengegensäße geschaffen, daß die sogenannte Befreiung des weiblichen Geschlechts in Wirklichkeit nur die soziale Befreiung der bürgerlichen Frauen bedeutet, daß die große Masse der Frauen auch nach ihrer Verwirklichung so werthvoll diese auch für sie ist nach wie vor sozial unfrei bleibt. Der frauenrechtlerischen Phrase von der Schwesternschaft des gesammten weib lichen Geschlechts stellen auch in Schweden die thatsächlichen Ver hältnisse die Klassengegensätze und den Klassenkampf gegenüber. Dieser Sachlage entsprechend ist auch hier eine proletarische Frauen bewegung in Fluß gekommen, welche in reinlicher Scheidung von der bürgerlichen Frauenrechtelei losgelöst ist, dafür aber im engsten Zusammenhang mit der sozialistischen Arbeiterbewegung steht und einen Theil derselben ausmacht. Sie geht von der Auffassung aus, daß es für die proletarischen Frauen feine besondere Frauenfrage giebt, daß für sie die Frage ihrer vollen sozialen Befreiung einzig und allein ihre Lösung finden kann zusammen mit der Lösung der großen sozialen Frage, zusammen mit der Befreiung der Arbeit vom Joche des Kapitals. Sie erachtet es deshalb als ihre vornehmste Aufgabe, mit aller Energie dahin zu wirken, daß die schwedischen Proletarierinnen zur Erkenntniß ihrer Klassenlage erwachen und als aufgeklärte und organisirte Streiterinnen am Kampfe ihrer Klasse theilnehmen. " Der Hauptsitz der Bewegung ist Stockholm, wo zwei Frauen organisationen bestehen„ Stockholms Almónna Koinnoklubb" und Sódra Koinnoklubben", welche ausgesprochen sozialdemokratisch sind und an den Aktionen der schwedischen sozialdemokratischen Partei regen Antheil nehmen. Beide Vereine wollen ihre Mitglieder zu einer zielbewußten Thätigkeit im Dienste des fämpfenden Proletariats er ziehen. Zu diesem Zwecke finden am ersten und dritten Montag jeden Monats regelmäßige Versammlungen statt, in denen geeignete Vorträge gehalten werden, an welche sich Diskussionen anschließen. Die Vereine beschäftigen sich u. a. auch viel mit politischen Fragen, denn in Schweden haben die Frauen das Recht, in ihren Organisationen Politik zu treiben, politische Vereine zu gründen und solchen anzus gehören. Die Stockholmer Frauenvereine sollen aber auch Mittelpunkte sein, von denen aus Aufklärung und Organisation in breitere Kreise der proletarischen Frauenwelt getragen wird, von denen Anregung zu fruchtbarer Arbeit ausgeht und thatkräftige Förderung solcher. Zu diesem Behuse veranstalten sie u. a. große öffentliche Frauenversammlungen. So fand im vorigen Winter in Stockholm eine imposante Frauenversammlung statt- sie war von 5-600 Theil nehmerinnen besucht, einer für unsere Verhältnisse stattlichen Anzahl welche Stellung nahm zur Frage des Frauenstimmrechts und erörterte, durch welche Mittel die proletarischen Frauen die Männer in ihrem Kampfe um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht unterstützen könnten. Wir heben die letztere Thatsache besonders hervor, weil sie zeigt, daß die schwedische proletarische Frauenbewegung nichts mit bürgerlicher Frauenrechtelei gemein hat, und daß sie den Kampf gegen die Vorrechte und die Machtstellung des Besitzes mit der sozialistischen Arbeiterpartei zusammen führt. Besonderes Gewicht legen die schwedischen Sozialdemokratinnen auf die Organisirung der Arbeiterinnen. In dem Maße, als sich auch in Schweden die moderne Großindustrie entwickelt, gelangen auch hier immer mehr Frauen und Mädchen als billigere Arbeitskräfte zur Verwendung. 1883 frohndeten in 2938 Fabrifen 69 193 Proletarier, von denen 18 136 weiblichen Geschlechts waren. Und seitdem hat die S e d e น 6 2 2 6 n C a b ม b f 8 Zahl der industriellen Lohnsklavinnen nur zugenommen. Vielfach zeigt sich auch in Schweden die Erscheinung, daß die Frau nicht blos neben dem Manne arbeitet, sondern daß sie ihn aus Lohn und Brot verdrängt. Dieser Umstand legt im Interesse der Arbeiter die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen nahe. Daß sie aber auch im Interesse der Arbeiterinnen selbst dringende Nothwendigkeit ist, erkennt Jeder, dem die niedrigen Löhne der Frauen und Mädchen und ihre traurigen Lebensverhältnisse bekannt sind. Der durch schnittliche Wochenverdienst der Arbeiterinnen beträgt nicht mehr als 6-8 Kronen( 1 Krone 1 Mt. 12 Pf.). 3war giebt es eine kleine Anzahl Arbeiterinnen, welche pro Woche 12-14 Kr. erwerben, aber ihnen steht eine ungeheuere Mehrzahl gegenüber, die es trotz aller Anstrengungen und bei langer Arbeitszeit nur auf 2½- 3 oder höchstens 4 Kr. bringen. Bei solchem Verdienste ist angesichts der Preise der wichtigsten Lebensbedürfnisse in Schweden eine menschenwürdige Existenz ein Ding der Unmöglichkeit, und bei gar manchem jungen, sauberen Blut wird die Noth die Zutreiberin der Prostitution. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen deklamiren sehr viel von der Bekämpfung des Lasters und der Erziehung zur Sittlichkeit, aber sie rühren keinen Finger, um bessere Arbeitsverhältnisse für die Lohnsklavinnen zu schaffen und dadurch Hunderten die Möglichkeit zu verleihen, ihre Sittlichkeit bewahren zu können. Vor dem Interesse der Damen als Angehörigen der besitzenden und ausbeutenden Klasse streicht die Phrase von der allgemeinen Schwesternschaft kleinlaut die Segel. Die Bemühungen, die Arbeiterinnen zu organisiren, stoßen selbstredend auf den härtesten Widerstand der Herren Unternehmer. Diese schreien Zetermordio über das„ sträfliche Beginnen", die„ bescheidenen und zufriedenen" Arbeiterinnen zur„ wüsten Begehrlichkeit aufzuheben", sie fampffähig zu machen gegen kapitalistische Profitwuth. Aber auch auf Seiten der Arbeiterinnen selbst stößt die proletarische Frauenbewegung bei ihrer Arbeit auf schwere Hindernisse. Das Solidaritätsgefühl ist bei den meisten von ihnen erklärlich genug, wenn man die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft in Betracht zieht noch ein sehr zartes Pflänzchen, das sorgsamer Pflege und Wartung bedarf. Unendlich groß ist die Zahl der Arbeiterinnen, die sich der Erkenntniß verschließen, daß die Interessen der gesammten Arbeiterklasse die nämlichen sind, daß das Wohl und Wehe der Gesammtheit auf das Wohl und Wehe des einzelnen Gliedes zurückwirkt und umgekehrt. Trozzalledem sind die Bestrebungen für die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen nicht fruchtlos geblieben. Die bereits früher gegründeten Gewerkschaftsorganisationen der Arbeiterinnen wurden im letzten Winter durch zwei weitere Fachvereine vermehrt. Daß die proletarische Frauenbewegung in Schweden auch bei ihrem Werk der Aufklärung auf Schritt und Tritt großen Hindernissen begegnet, braucht wohl kaum besonders betont zu werden. Nur langsam, in geduldiger, nimmer rastender Arbeit kann sie es den breiten Frauenmassen des werkthätigen Volkes flar machen, daß sie nichts von der bürgerlichen Gesellschaft zu hoffen haben, daß sie nur durch den Kampf von Klasse zu Klasse die Möglichkeit erobern, sich harmonisch zu entwickeln und zu bethätigen. Die schwedischen Genossinnen lassen sich durch Schwierigkeiten nicht schrecken. Unverzagt und siegessicher suchen sie ihrer Aufgabe gerecht zu werden; pflichttreu stehen sie in Reih und Glied des internationalen Proletariats, das aus den Tiefen seines Elends zu den sonnigen Höhen der Kultur sich emporringt. K. D. Statistisches über die Frauenarbeit in den Vereinigten Staaten. 183 Der Direktor des Arbeitsamts der Vereinigten Staaten, Herr Caroll D. Wright, der mit der Abfassung eines sehr umfangreichen Berichts über„ Die Arbeit in Amerika im Jahre 1890" beschäftigt ist, hat bereits kürzlich eine Schrift veröffentlicht, die viel Interessantes enthält. Zur Frage der Frauenarbeit ersieht man aus den angeführten Zahlen, daß in den Vereinigten Staaten die Verwendung weiblicher Arbeitskräfte in dem zehnjährigen Zeitraum von 1880 bis 1890 ganz bedeutend zugenommen hat. Bemerkenswerth ist ferner der große Umfang, den die Thätigkeit der Frauen auf dem Gebiete der so genannten liberalen Berufe in den Jahren 1870 bis 1890 gewonnen hat. Nach dem Berichte zählten 1890 die Vereinigten Staaten 62 622 250 Einwohner, von denen 47 413 559 über 10 Jahre alt waren. Von diesen gehörten 22 735 611 der arbeitenden Bevölkerung an, und war 18 820 950 Männer und 3914711 Frauen. Nach dem Geschlecht vertheilen sich die erwerbsthätigen Personen in den verschiedenen Arten der Arbeit prozentual wie folgt: I. Landwirthschaft, Fischerei und Bergbau.. II. Liberale Berufe III. Gesindedienst IV. Handel und Transport V. Industrie Aufs Hundert berechnet: Männer Frauen 92,46 7,54 66,99 33,01 . 61,75 38,25 93,14 6,86 79,82 20,18 82,78 17,22 Die Zahl der arbeitenden weiblichen Personen ist seit 1880 von 2647 157 auf 3914711 im Jahre 1890 gestiegen, weist also eine Zunahme von 1267 554 auf. Es wurden 1890 gezählt: Landarbeiterinnen. 447 088 1734 226 427 Milchbäuerinnen Farmerinnen. Fischhändlerinnen. Gärtnerinnen Grubenarbeiterinnen Friseurinnen.. Gasthofsbesitzerinnen Weibliche Angestellte. Aufseherinnen 263 Verkäuferinnen Weibliche Trambeamte Matrosen 2415 Stewardinnen 342 2825 5315 64048 983 58 449 12 29 . 1 Weibl. Eisenbahnbeamte. 1468 Weibliche Telephon- und Telegraphenbeamte.. 8478 Weibliche Elektrotechniker 669 Während man in Europa nur sehr wenige weibliche Hotelchefs hat, zählen die Vereinigten Staaten deren 86 802 gegen 6008 männ liche. Die Zahl der Lehrerinnen beträgt 245 965, denen 69 581 Lehrer gegenüberstehen. In der Bekleidungsindustrie stellt sich das Zahlenverhältniß zwischen männlichen und weiblichen Arbeitskräften wie folgt: Korsettfabrikation Kleiderindustrie Handschuhfabrikation Stickerei und Spitzenindustrie. Weißwaaren Puzz. • Männer Frauen 792 5816 828 288 155 2760 3 663 915 4478 3988 406 145 716 60 058 Ueber die Zunahme der Frauenthätigkeit auf dem Gebiete der liberalen Berufe geben folgende Zahlen lehrreiche Auskunft. Es waren thätig: Schauspielerinnen Bademeisterinnen Künstlerinnen Schriftstellerinnen Chemikerinnen Weibliche Geistliche 1870 1890 692 3 949 1 412 22 18810 159 2725 0 46 67 1235 Zahnärztinnen 24 337 Zeichnerinnen, Erfinderinnen 13 306 Weibliche Ingenieure und Technifer Journalistinnen. 0 177 35 888 Juristinnen 5 208 Musiklehrerinnen 5753 34 518 Weibliche Staatsbeamte 414 4875 Aerztinnen 527 4555 Theaterdirektorinnen 100 634 0 2 0 27 777 84 047 245 230 0 402 402 8016 64 048 7 21 185 Thierärztinnen. Buchhalterinnen. Staatliche Lehrerinnen Pflegerinnen. Schreiberinnen Stenographinnen und Schriftseerinnen Wie muß sich der gute deutsche Spießbürgerzopf entrüstet und ängstlich ob der Verhältnisse sträuben, welche diese Zahlen in trockenen Umrissen zeichnen. Kleine Nachrichten. Ein neuer Vers zum alten Lied von den Hungerlöhnen der Arbeiterinnen. In Cannstatt verdiente eine Korsettnäherin in 14 Tagen 5 Mk. Die Glückliche, die für zweiwöchentliches Mühen diesen Prasserlohn nach Hause tragen durfte, besitzt zufälligerweise noch eine Familie, an der sie materiellen Rückhalt findet. Der ihr zugemessene Verdienst ist also für sie nicht gleichbedeutend mit Hunger, vielleicht auch mit Schande. Wie müssen sich aber bei solchem Lohn die Verhältnisse für jene Vielen gestalten, welche nicht vorsichtig genug in der Wahl ihrer Eltern waren, um auf deren Unterstützung rechnen zu können? Die Antwort auf diese Frage geben Tausende von förperlich, geistig und sittlich verkümmerten Existenzen, geben die zahlreichen Galeerensklavinnen der Lust, welche in der Gosse das Stück Brot aufheben, das ihnen die kapitalistische Ausbeutung vorenthält. Nr. 24 der ,, Gleichheit" gelangt am 27. November 1895 zur Ausgabe. Die kapitalistische Profitgier kennt keine Rücksicht auf die Sicherheit des Arbeiterlebens, das erweisen die Zustände, welche nach den in öffentlicher Versammlung gemachten Angaben in der Dresdener Strohhutfabrit von Lewy herrschen. In dieser Fabrik werden an dem Ausgange die Strohhüte mit Spiritusfarbe gefärbt, und der Fußboden und die Wände sind in Folge dessen mit Spiritus getränkt. Bei dem Ausbruche einer Feuersbrunst wären die Nähe rinnen im Maschinensaale vollständig eingeschlossen, da kein zweiter Ausgang vorhanden ist. Der Maschinensaal ist in der zweiten Etage gelegen, und es ist leicht, sich die Folgen auszumalen, welche ein während der Arbeitszeit ausbrechender Brand haben würde.„ Der Profit vor allem", das ist der leitende Grundsatz der Kapitalisten. Zunahme der Zahl der Prostituirten. Wie in anderen Städten so hat sich in Chemnitz im Jahre 1894 die Prostitution bedeutend ausgedehnt. Im Jahre 1893 waren der Polizei 119 Prostituirte, 68 Prostitutionsverdächtige und 65 Zuhälter bekannt; 1894 dagegen 130 Prostituirte, 179 Prostitutionsverdächtige und 74 Zu hälter. Diese Zahlen werden Niemand verwundern, der die armseligen Erwerbsverhältnisse der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung und insbesondere der Arbeiterinnen kennt, und der die sozialen Erscheinungen mit anderen als den Augen vermuckerter Sittlichkeitsvereinler betrachtet. Wie das Unternehmerthum das Familienleben, den ,, Naturberuf der Frau und die vaterländischen Interessen rettet, wird recht erquicklich dadurch illustrirt, daß diesen Sommer bei den Bahnbauten vor den Thoren von Rostock polnische Frauen und Mädchen beschäftigt wurden. Durch die Einstellung der pol nischen Arbeiterinnen ging den einheimischen Arbeitern die erhoffte Beschäftigung verloren. Dafür aber erhebender Gedanke!- wuchs der kapitalistische Profit, denn die Polinnen wurden ihrer Fügsamkeit und Billigkeit wegen verwendet. Wenn eine Steigerung des kapitalistischen Profits in Frage kommt, wiegen Bedenken aller Art auch nicht einen Strohhalm. Sela! Elektrische Stubenheizung mit Wasser. Die zersetzende Eigenschaft der Elektrizität wird bereits vielfach direkt und indirekt praktisch verwendet. Die neueste Erfindung in dieser Art ist auf dem Gebiete der Zimmerheizung gemacht worden. Amerika ist im Begriffe, eine elektrische Stubenheizung mit Wasser einzuführen, nachdem diese gründlich geprüft und von Fachleuten als bedeutsam begutachtet worden ist. Die Erfindung ist darauf basirt, daß der elektrische Strom das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. In einem mäßig großen Wasserbassin, dem fortgesetzt Wasser zugeführt wird, befinden sich auf dem Boden befestigt die beiden Leitungsdrähte, deren Pole mit Plattinblechen versehen sind, über welche Glaszylinder luftdicht gestülpt werden. Die beiden Pole liegen unter Wasser, und es entwickelt sich bei geschlossenem Strome an einem Pole Wasserstoff, am anderen Sauerstoff in mächtigen Blasen. Beide Gase werden durch einen Hahn mit zwei konzentrischen Oeffnungen geleitet. Durch den äußeren Schlitz drängt Wasserstoff, welcher, entzündet, eine hohe Flamme bildet, deren Intensität beziehungsweise Hitze durch Zublasen des Sauerstoffes aus dem inneren kreisformigen Schlitze auf 1200 Grad Reaumur gebracht wird. Diese Flamme wird auf eine Chamotteplatte geleitet, welche nach 30 Minuten in Weißgluth strahlt und die Wärme an das Zimmer zur Heizung abgiebt. Die Erfindung stellt ein Stück Zukunftswirthschaft" dar, in welcher, Dank der Fortschritte der Technik, die allen zu Gute kommen, die Hausarbeit der Frau auf ein Mindestmaß beschränkt sein wird. " Arbeiterinnenelend in Basel. Die Leiter der Basler Schappefabrik, welche für die innere und äußere Mission stets eine offene Hand haben, zahlen ihren Arbeiterinnen recht niedrige Löhne. Dieselben erhalten bei elfstündiger Arbeitszeit 1 Fres. 20 Cts. bis 2 Fres. ( 96 Pf. bis 1 Mt. 60 Pf.). Als die Arbeiterinnen fürzlich einen Durchschnittslohn von 2 Frcs. 50 Cts.( 2 Mt.) pro Tag forderten, wurde dieses Begehren als eine Unverschämtheit bezeichnet und mit Rücksicht auf die auswärtige Konkurrenz abgelehnt. So knauserig die Leitung im Punkte der Löhne ist, so rasch ist sie mit Abzügen bei der Hand. Verspätet sich eine Arbeiterin um 5 bis 15 Minuten, so werden 25 bis 50 Cts.( 20 bis 40 Pf.) am Lohne abgezogen, also weit mehr als der Verdienst in einer Stunde beträgt. Ueber die Verwendung der Strafgelder erfahren die Arbeiterinnen nichts. Vielleicht dienen sie zur Beseitigung der geistigen Noth armer Heidenkinder in Afrika. Um den Ueberfluß der schlemmenden Arbeiterinnen in der Heimath braucht sich natürlich ein biederes Kapitalistenherz nicht zu sorgen. Eine Frau als Kapellmeisterin eines Operntheaters. Das Manzoni- Theater in Verona hat kürzlich eine Frau, Madame Epanina Rieschi, Schülerin des Konservatoriums in Neapel, zur Kapellmeisterin ernannt. Die Dame begann ihre Thätigkeit gelegentlich der Aufführung des„ Barbier von Sevilla" und fand allgemeine Anerkennung. 184 Eine Prinzessin mit dem Doktorhut. Fräulein Dr. Margit Melik Beglarion, die erste Armenierin, welche den medizinischen Doktorgrad erlangte ,, stammt aus einem uralten armenischen Fürstenhaus. Großes Vermögen und persönlicher Liebreiz schienen ihr mit Recht nicht genug, um das Leben einer Frau ganz auszufüllen, und es gelüftete sie nach Vollführung von„ Männerwerk", zu dem Frauen nach Professor Albert und anderen wissenschaftlichen Größen angeblich ganz und gar unfähig sind. In ihrem Heimathsdorfe Talisch, in dem Khanthum Karabach am Südabhange des Kaukasus, wuchs die Fürstentochter auf. Die Eltern legten dem Drange der Tochter nach höherer Bildung nichts in den Weg, und nachdem sie, wie es bei reichen Armeniern Sitte, gründlichste Vorbildung durch armenische und fran zösische Hofmeister erhalten, wurde sie, vierzehn Jahre alt, in das Mädchengymnasium in Tiflis geschickt. Nach Ablegung des Schlußexamens wandte sich Fräulein Melit Beglarion, von ihrer Mutter be gleitet, nach Bern und Zürich, um Medizin zu studiren. Einer großen Praxis erfreute sich die Prinzessin mit dem Doktorhut, als sie nach ihrer Promotion sieben Monate lang in der Heimath weilte. Vierundzwanzig Stunden weit kamen die Kranken, es gab Tage mit 70, feinen Tag unter 15 Patienten. Die letzten drei Monate verbrachte sie als Assistentin der Frau Dr. Rosa Kerschbaumer, die bekanntlich mit Genehmigung des Kaisers von Oesterreich eine Heilanstalt für Augenkranke in Salzburg leitet. Nunmehr kehrt die junge Aerztin nach dem Kaukasus zurück, um dort aus eigenen Mitteln ein armeni sches Spital, das erste in ihrer Heimath, zu errichten. Berufung einer Frau in das statistische Amt des ArbeitsMinisteriums in Belgien. Der neue belgische Arbeitsminister, Nyssens, hat beschlossen, in die statistische Abtheilung des Ministeriums eine Frau zu berufen, der die Aufgabe obliegt, die Lage der weiblichen Arbeiter in Belgien klarzustellen. Wie lange werden in Deutschland die Arbeiterinnen noch auf eine so vernünftige, ge rechte und durchaus bescheidene Maßregel in ihrem Interesse warten müssen? Wie die kapitalistische Profitgier die Berufssphäre der Frau erweitert, dafür ein Beispiel von vielen. In London beschäf tigen die Leiter der East India- und Millwall- Docks neuerdings eine größere Anzahl Frauen beim Entladen von Schiffen. Das Ausfrachten der Ladungen ist eine sehr schwere Arbeit, die einen großen Kräfteaufwand erfordert und deshalb bisher von Männern verrichtet ward. Nun fehlt es auch gegenwärtig feineswegs an Arbeitern, welche das Entladen der Schiffe übernehmen würden. Zu vielen Hunderten drängen sich die Beschäftigungslosen, Arbeit und Brot suchend. Aber die weibliche Arbeitskraft ist zu billigeren Preisen feil als die männliche, und um ihrer Billigkeit willen zieht das Unternehmerthum sie der theuren Arbeitskraft der Männer vor. Wobei es nicht unterläßt, sich mit den Lippen zu dem Grundsatze zu bekennen: die Frau muß ihren natürlichen und sittlichen Pflichten als Gattin und Mutter erhalten bleiben. Profitwuth im Bunde mit Heuchelei kennzeichnet die berufenen Stüßen der gesellschaftlichen Ordnung" allerorten. Frauen als Leiterinnen der Armenpflege in England. Im Armenpflege- Kollegium für den Londoner Bezirk Hampstead wurde in diesem Jahr Frau Finlay als Vizevorsitzende gewählt. GS ist dies das erste Mal, daß in England einem weiblichen Mitgliede der Vorsitz im Armenrath übertragen wurde. Sicherlich werden sich die Frauen als Leiterinnen der Armenpflege ebenso bewähren, wie sie sich als Mitglieder der Armenpflege- Kollegien durchweg vorzüglich bewährt haben. Die Thatsache wird allgemein anerkannt und da durch bestätigt, daß die Zahl der weiblichen Mitglieder der Armen räthe mit jeder Wahl wächst. Dem Armenpflege Kollegium von Hampstead gehören z. B. fünf Frauen an, und bald wird kaum noch eine betreffende Körperschaft zu finden sein, in welcher nicht weibliche Mitglieder Sitz und Stimme haben. Stetig erweitert sich in England der Kreis der sozialen Pflichten und Rechte des weiblichen Geschlechts, während Deutschland in den einschlägigen Verhältnissen an einer beschämenden Rückständigkeit festhält. Die Frau als Rabbiner. In den Vereinigten Staaten haben bekanntlich viele protestantische Sekten den Frauen das Recht ein geräumt, Theologie zu studiren und als Geistliche zu amtiren. In Californien ist nun auch die Frau zum geistlichen Amt im jüdischen Tempel zugelassen worden. Beim letzten jüdischen Neujahrsfest versah im Tempel Emmanuel zu San Francisco eine junge israelitische Theologin, Fräulein Rachel Frank von Datland, das Amt des Rabbiners. Die israelitische Gemeinde von San Francisco hat eine neue Synagoge erbaut, und Fräulein Frank, welche Doktorin der Gottesgelahrtheit ist, befindet sich unter der Zahl der Rabbiner, welche die Tempelweihe vollziehen sollen. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Diez in Stuttgart.