Nr. 25. Die Gleichheit 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 11. Dezember 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Wir pfeifen darauf! Der preußische Staat, der schneidigste, aber auch der bornirteste politische Vertreter der deutschen Kapitalistenklasse, hat es für pflichtgemäß und ehrenvoll erachtet, wieder einmal durch reaktionäres Thun zu erhärten, daß er den Lehren der Geschichte, den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre zum Troß nichts gelernt und nichts vergessen hat. Herr Köller, dessen staatsmännisches Erfassen unserer Zeit und ihrer Aufgaben wir ebenso wenig erörtern wollen, wie sein weltberühmt gewordenes Literaturverständniß, dessen ernsten Willen zur Gesellschaftsretterei wir aber rückhaltslos anerkennen, hat durch einen kühnen polizeilichen Handstreich die sozialdemo fratische Partei bis ins Mart treffen wollen. Als Kleiner von den Seinen wandelte er aber keine neuen Pfade. Wohl kaum erröthend, aber jedenfalls in dem Gefühl seiner Mission beglückt, folgte er den Spuren, welche vor Jahren Herr Tessendorff berühmten Angedenkens in der Geschichte des deutschen Klassenkampfes hinterlassen hat. Am 30. November wurden laut Verfügung des Berliner Polizeipräsidenten elf Organisationen bezw. Organe der sozialdemo kratischen Partei als„ Vereine" vorläufig geschlossen". Eingeleitet wurde die neueste Köllerei durch Massenhaussuchungen bei so ziemlich allen Personen in Berlin, welche im Vordergrund des Parteilebens stehen. Ihre Begründung wurde unter Anrufung der§§ 8 und 16 des sattsam bekannten preußischen Vereinsgesetzes gegeben, welches das„ Inverbindungtreten" politischer Vereine untersagt. " Die Sozialdemokratie steht dem Kapitalistenstaat in unversöhnlicher Gegnerschaft gegenüber und ist es deshalb gewöhnt, nie auf seine Toleranz zählen zu dürfen und stets mit all seinen Schärfen und Machtmitteln rechnen zu müssen. Sie hat deshalb allzeit die Vorschriften der Vereinsgefeße mit einer Sachkenntniß und Gewissenhaftigkeit eingehalten, die gar manchen Polizeigewaltigen zu preislicher Nacheiferung anspornen könnten. Mögen deshalb die Haussuchungen mit äußerster Sorgfalt bis in die Wichs- und Stammtästen verschiedener Beargwöhnten ausgedehnt worden sein: sie dürften kaum das nöthige Belastungsmaterial ergeben, daß die Juristerei sogar den guten Willen vorausgesetzt so heiß ißt, als die liebe Polizei gefocht hat. Der Moment scheint uns schlecht gewählt, um die stärkste Partei des Reichs in den Maschen des preußischen Vereinsgefeßes zu fangen und abzuwürgen. So veraltet sind dessen Bestimmungen, so wenig entsprechen sie den politischen Bedürfnissen unserer Zeit: daß gegen einzelne seiner Vorschriften die sich ihrer Gesetzlichkeit rühmenben bürgerlichen Parteien strupellos verstoßen; daß die zahmen, reichsfrommen bürgerlichen Frauen gegen sie protestiren; daß die Reichstagsverhandlungen kaum verhallt sind, in denen Anhänger aller Parteien die Konservativen ausgenommen die außer ordentliche Reformbedürftigkeit der Vereinsgesetze in den meisten deutschen Bundesstaaten unumwunden erklärte. Warum das? Offenbar nicht der schönen Augen abstrakter politischer Prinzipien zu Liebe, sondern weil unter dem jetzigen Stande der Dinge gelegentlich alle Parteien leiden, von„ Seiner Majestät allergetreuester Oppositionspartei" an bis zu den weiland ultramontanen Reichs feinden hinauf. " Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl= Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. " Gewiß, daß der preußische Staat den besten Willen hat, einzig und allein die sozialdemokratischen Umstürzler" mit der Nuthe des Vereinsgesetzes zu streichen. Aber noblesse oblige". Wenn auch die Gleichheit aller Preußen vor dem Geseze ein frommer Wahn ist, so besteht nichtsdestoweniger in unserer Zeit des abhanden getommenen beschränkten Unterthanenverstandes" auch für Preußen der Zwang, bis zu einem gewissen Grade das Dekorum zu wahren. Nicht spurlos würde die neueste Aera der Möchtegern- Reaktion an den bürgerlichen Parteien vorübergehen, und um so tiefer in ihr Fleisch könnten die der Sozialdemokratie gegönnten Hiebe schneiden, als in der Folge des Eingreifens unberechenbarer, unkontrollirbarer Mächte in unser politisches Leben feine bürgerliche Partei gegen das Schicksal gefeit ist, Abends in den Jammerwinkel der Reichsfeindlichkeit geworfen zu werden, nachdem Morgens noch ihrer Gesinnung vollster Gnadenglanz leuchtete. Es ist also eine sehr offene Frage, ob Herr Köller in der aufgerollten Situation den politischen Selbsterhaltungstrieb der bürgerlichen Parteien ebenso niedrig einschätzen darf, wie ihre politische Mannhaftigkeit und Prinzipientreue, ja ihre politische Klugheit. Aber wie immer auch die Ereignisse diese Frage beantworten werden, eins steht über jeden 3weifel hinaus fest: die Sozialdemokratie fann wohl im schlimmsten Falle durch die aufgewärmte Tessendorfferei vorübergehend gehemmt, aber durch sie in keinem Falle auf die Dauer bezwungen werden. 1873 sollte die Eisenacher Partei, 1874 die Partei des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in dem Hinterhalt einer sinnigen und minnigen Auslegung des preußischen Vereinsgesetzes gemeuchelt werden. 1875 gab der Vereinigungskongreß der beiden Parteien zu Gotha die richtige Antwort auf das Beginnen. 1876 wurde die sozialdemokratische Partei für Preußen getessendorfft. Bei der folgenden Wahl quittirte die Sozialdemokratie prompt über die Erfolglosigkeit der Maßregel. Das 1878er Schmachgesez brachte in ganz Deutschland Verfolgungen ohne Gleichen für die Partei, brachte ihre vollständige Knebelung und Aechtung: sie aber erschien nach zwölf Jahren unerhörten Druckes als stärkste Partei des Reichs an der Wahlurne. Welch ein Schauspiel und welch ein Beispiel! Von politischen Kindsköpfen als politisches Glückswunder angestaunt, aber das naturwüchsige Ergebniß einer sich gefeßmäßig vollziehenden geschichtlichen Entwicklung, kein Zufall, ein ehernes Muß! Die innigen, unzerreißbaren Zusammenhänge der Partei sind nicht durch das Spinngewebe der Statuten der sehr schäzenswerthen Organisation geknüpft. Des Proletariats Noth hat sie geschmiedet aus dem Erze der gemeinsamen Klasseninteressen aller Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter und ihren Staat. Aus der lebendigen Kraft der wirthschaftlichen Verhältnisse, der herrschenden Gesellschaftsordnung werden sie tagtäglich aufs Neue geboren, gespeist, gestärkt, gefestigt. Der zwingende Gang der geschichtlichen Entwicklung verdichtet innerhalb des Proletariats die Solidarität der Interessen zur Solidarität des Zieles, des Wollens, des Thuns. Er läßt auf dem Boden des Klassenkampfes in den Idealen der Sozialdemokratie neue Menschheitshoffnungen emporsprießen, zum machtvollen Baum aufwachsen, dessen weitverzweigte Wurzeln in dem festen Grunde des wirthschaftlichen Lebens haften, dessen hoch- und weitgreifende Aeste dem sonnigen Blau der edelsten Kultur für Alle zustreben, die unfällbare Weltesche" der Zukunft. " 194 Mit stolzer, kühler Ruhe kann deshalb das deutsche Proletariat| Hannover, Linden, Bremen, Vegesack, Osternburg, Oldenzusehen, daß Tessendorffe unternehmen, an dem Baum zu rütteln und ihn mit den Papierkügelchen von Verfügungen und Verurtheilungen zu bombardiren. Es weiß, daß mit den Worten seines Dichters der 48er Revolution die Sozialdemokratie allen tückischen und nückischen Gegnern zurufen kann: " Ihr Blöden, wohn' ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat; Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt? In jedem Haupt, das trotzig denkt, das hoch und ungebeugt sich trägt? Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt? Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt? Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rathlos nach Befreiung lechzt? Drum werd' ich sein!"... Jawohl, die Sozialdemokratie wird sein, allen Künsten der Reaktion zum Trop."' s ist der Geschichte ew'ges Muß!" Was immer Polizei und Juristerei innig gesellt zu ihrer Bezwingung erflügeln:„ Wir pfeifen darauf!" Der zweite Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands. Die Generalfommission der Gewerkschaften Deutsch= lands beruft einen zweiten Kongreß derselben auf den 4. Mai 1896 nach Berlin ein. Bei der großen Wichtigkeit, welche die gewerkschaftliche Bewegung nicht blos für die Proletarier hat, sondern auch für die Proletarierinnen, welche das Joch der Lohnsklaverei tragen, ist es selbstverständlich, daß die Arbeiterinnen dem Kongreß das regste Interesse entgegenbringen müssen, und daß wir uns in einem besonderen Artikel mit ihm beschäftigen. Für heute sei nur der Aufruf der Generalkommission mitgetheilt: An die gewerkschaftlich organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands. Unter Zustimmung der Mehrzahl der Zentralvereinsvorstände hat die Generalfommission beschlossen, daß der Zweite Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands am Montag, den 4. Mai 1896 in Berlin stattfindet. Als Tagesordnung ist vorläufig vorgesehen: 1. Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten.( Wahl der Kommissionen, Prüfung der Mandate u. s. w.) 2. Rechenschaftsbericht der Generalfommission und Berathung der Anträge, betreffend: a) Agitation; b) Lohnstatistik und Arbeitslosenstatistik; c) Streifunterstützung und Streifstatistik; d)„ Correspondenzblatt". 3. Die Arbeitslosenunterstützung. 4. Die Arbeitsvermittlung als gewerkschaftliche und kommunale Einrichtung. 5. Berathung der nicht unter den vorstehenden Punkten erledigten Anträge. Anträge, welche auf die Tagesordnung kommen sollen, oder auf die vorstehend genannten Tagesordnungspunkte Bezug haben, sind bis zum 1. März 1896 an die General kommission einzusenden. Sämmtliche bis dahin eingegangenen Anträge werden veröffentlicht, damit sie in den Gewerkschaften diskutirt werden können. Der Kongreß wird am 4. Mai 1896, Morgens 9 Uhr, eröffnet werden und dürfte voraussichtlich 4 bis 5 Tage dauern. Die Wahlen der Delegirten werden nach den von dem ersten Gewerkschaftskongreß gegebenen Bestimmungen von den Zentralvereinsvorständen ausgeschrieben werden. Das Lokal, in welchem der Kongreß stattfindet, sowie die näheren Bestimmungen über die Anmeldung der Delegirten u. s. w. werden rechtzeitig bekannt gegeben werden. Die Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands. C. Legien, Hamburg, 3.-V.-N., Wilhelmstraße 8, I. Aus der Bewegung. Sehr guten Erfolg hatte die Agitation, welche Genossin Kähler ( Wandsbeck) im Auftrage der Generalfommission der deutschen Gewerkschaften unter den industriellen Arbeiterinnen von Mittel- und Nordwestdeutschland entfaltete. Versammlungen fanden zu dem Zwecke in vierundzwanzig Orten statt, nämlich in Magdeburg, Helm stedt, Schöningen, Dessau, Bernburg, Hildesheim, Peine, burg, Delmenhorst, Krefeld, Köln a. Rh., Kalt, Mülheima. Rh., Remscheid, Halberstadt, Braunschweig, Vechelade, Celle und Hameln. Nur in Braunschweig fühlte sich eine hohe löbliche Polizei getrieben, in die Versammlung einzugreifen und das„ Juwel" des braunschweigischen Vereinsgesetzes in hellem Glanze strahlen zu lassen. Als nämlich die Referentin vom„ Großkapitalismus" sprach, erklärte der Ueberwachende mit tiefer Weisheit ,,, der Großkapitalismus sei eine öffentliche Angelegenheit", deren Besprechung in öffentlicher Versammlung Frauen nicht beiwohnen dürften. In der Folge. dieser zum mindesten originellen Auffassung kam es zur Auflösung der Versammlung. Recht erbauliche Dinge zur Charakteristik der Lohnsklaverei in des Wortes verwegenſter Bedeutung erfuhr die Referentin in Helmstedt. Dort werden die auf der Domäne arbeitenden Polenmädchen von den Aufsehern mit Stockprügel zur Arbeit getrieben, angeblich weil sie sonst zu faul sind". Fast allgemein waren die Versammlungen gut besucht, in einigen Orten sogar überfüllt. Dank der entfalteten Agitation wurden vier neue Zahlstellen des Fabrikarbeiterverbands gegründet, dem im Ganzen zirka fünfhundert neue Mitglieder beitraten, darunter viele Arbeiterinnen. Es fonstituirte sich außerdem eine neue Zahlstelle des Textilarbeiterverbands, und der Verband der Schneider und derjenige der Zigarrenarbeiter nahmen an Mitgliedern etwas zu. Der durch die stattgehabte Agitation erzielte Erfolg ist ein Ansporn zu weiterer fleißiger Arbeit. für die so dringend nöthige Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaftsorganisationen. W. K. Aufklärung über die Nothwendigkeit und den Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen unter diese und unter die Arbeiter zu tragen, war gleichfalls der Zweck der Agitationstour, welche Genossin Steinbach( Hamburg) in Süddeutschland unternahm. Nach den von der Generalfommission der Gewerkschaften angeregten Vorarbeiten und Abmachungen sollte Genossin Steinbach in siebenundzwanzig Versammlungen referiren. Doch durch die wohlweise Vorsicht der Polizeibehörden wurde eine Reihe von Versammlungen verboten oder aufgelöst, so daß nur in vierzehn Orten die Agitation einen ungestörten Verlauf nahm. In Nürnberg, Fürth und Erlangen wurden die Versammlungen der Praxis des dem Unternehmerthum unschätzbaren bayerischen Vereinsgesetzes entsprechend mit der Begründung verboten, daß die Gewerkschaften Zweigvereine der sozialdemokratischen Partei seien und daß in den einberufenen Versammlungen der politischen Vereine Gewerkschaften politische Angelegenheiten besprochen werden sollten, an deren Erörterung die Frauen nicht theilnehmen dürften. Der§ 152 der Gewerbeordnung, der auch den Arbeiterinnen das Vereinigungsrecht zuerkennt, wird durch diese scharfsinnige Auslegung des Vereinsgesetzes für die zohnsflavinnen zum todten Buchstaben. In Kempten, wo die Polizeibehörden noch nicht so auslegungsfreudig wie in anderen Städten sind, durfte die Versammlung stattfinden. Nur verbot der Ueberwachende der Referentin, über§ 152 der Gewerbeordnung zu sprechen, da dieser von öffentlichen Angelegenheiten handele! Im Elsaß erwies sich der Diftaturparagraph als treffliches Mittel, die Unternehmer vor der Organisation der Arbeiterinnen zu bewahren und ihnen die weitgehendste Ausbeutung der Lohnsklavinnen zu sichern. In Gebweiler wurde die Versammlung ohne Angabe des Grundes verboten. Bei einer zwanglosen Zusammenkunft wies der Wirth die Referentin aus dem Lokal. Sechzig bis siebzig Personen, die gleichzeitig mit ihr auf die Gastfreundschaft des Mannes verzichteten, wurden auf einem nun unternommenen Spaziergang von einer ansehnlichen Polizeimannschaft begleitet, die aber in der Dunkelheit verloren ging, so daß sich die Spaziergänger bei einem Glase Bier ungestört über die überflüssige Bemühung der Beamten unterhalten konnten. In Dornach wurde die Versammlung aufgelöst, nachdem die Referentin zehn Minuten gesprochen hatte. In Niedermorschweiler wurde dieselbe vom Ueberwachenden nicht weniger als viermal unterbrochen, und als sie kezzerisch und unbelehrt die Vortheile des Textilarbeiterverbandes schilderte, kam es zur Versammlungsauflösung. Das letztere Schicksal ereilte auch die Versammlung in Rudolstadt( Thüringen), weil die Erörterung des am Orte ausgebrochenen Gerberstreits nach der Meinung des überwachenden Beamten eine städtische Angelegenheit war, die nicht erörtert werden durfte. Kurz, die Pflichteifrigkeit, mit welcher in dem Agitationsbezirk der Genossin Steinbach die Behörden ihres Amtes walteten, ließ gewiß auch in den Augen anspruchsvoller Kapitalisten und Ordnungsstüten nichts zu wünschen übrig. In einigen badischen Städten hatten leider die Parteizwiftigkeiten den Genossen keine Zeit gelassen, durch energische Agitation den Versammlungen gut vorzuarbeiten. Diese waren in Folge dessen recht schwach besucht, und die Herren Kapitalisten konnten sich ins Fäustchen lachen, daß die Arbeiter über einem schädlichen Hausstreit den Klassen kampf vergaßen. Im Allgemeinen waren dagegen die Versammlungen gut besucht; für fünf von ihnen wurde die Gesammttheilnehmerzahl auf 2440 geschätzt und in zehn von ihnen traten den Gewerkschaften 218 Mitglieder bei. Soweit bis jetzt ein Ueberblick über den Verlauf der stattgehabten Agitation unter den industriellen Arbeiterinnen möglich ist, hat dieselbe schätzenswerthe Erfolge gezeitigt. Wenn man sich in fühler Abwägung der Umstände, welche die Organisirung der Arbeiterinnen weit schwieriger als die der Arbeiter gestalten, nicht in der Illusion wiegte, als ob in einem einzigen Anlauf der Gewerkschaftsbewegung Massenbataillone weiblicher Lohnstlaven erstehen könnten: wird man auch nicht niedergeschlagen und entmuthigt das Erreichte allzugering veranschlagen und das Weiterschreiten auf dem betretenen Pfade einstellen, weil es sehr schwer ist und nur langsam von Statten geht. Was durch die Agitation erzielt worden ist, bürgt dafür, daß noch mehr erzielt werden wird mit geduldiger und zäher Arbeit und kluger Berücksichtigung der Verhältnisse, unter denen die Arbeiterin sich entwickelt und ausgebeutet wird. Die Generalkommission der Gewerkschaften hat sich durch ihre umsichtige und energische Aktion für die Organisirung der Arbeiterinnen um das deutsche Proletariat, um seinen Rampf wohl verdient gemacht. Zur Bewegung der Konfektions- Schneider und Schneiderinnen. Am 24. und 25. November tagte in Erfurt die Konferenz der Konfektions- Schneider und Schneiderinnen Deutschlands. Die einschlägige Arbeiterschaft aller größeren Zentren der Konfektion war durch Delegirte vertreten, welche sich über die Taktik verständigen sollten, die nach dem 1. Februar 1896 einzuschlagen ist, um den bekannten Forderungen der Fünfer- Kommission zur Verwirklichung zu helfen. Die eingehenden, ruhigen und sachlichen Debatten zeichneten zwar kein neues, aber ein sehr erschütterndes Bild des Elends der Konfektionsarbeiterschaft und zeitigten eine völlige Uebereinstimmung zwischen den Delegirten. Die Konferenz beschloß Folgendes: Am 20. Januar haben überall Versammlungen stattzufinden. In diesen Versammlungen sollen die Forderungen, welche an die Unternehmer gestellt wurden, noch einmal besprochen werden. Die Konfektionskollegen haben, je nach Bedarf, mit den Unternehmern und Arbeitgebern Besprechungen stattfinden zu lassen. Der 1. Februar ist als letzter Erklärungstermin für die Unternehmer bestimmt. Das Weitere wird den Umständen entsprechend sich entwickeln. Ein Flugblatt an die ganze Bevölkerung Deutschlands wird am 20. Januar verbreitet werden. Ein zweites allgemeines Flugblatt wird eventuell nach dem 1. Februar herausgegeben. Einstimmig wird beschlossen, zur Schaf fung eines Kampffonds sofort Marken und Listen herauszugeben. Als Sitz der Kommission wird einstimmig Berlin bestimmt. Der Kommission wird das Recht der Kooptation von Mitgliedern auch über Berlins Grenzen hinaus zuerkannt. Folgende Resolutionen fanden einstimmige Annahme:" Da die Hausindustrie eine der verderblichsten Auswüchse ist, die jemals die kapitalistische Produktionsweise erzeugt hat, und sich für die Arbeiter und Arbeiterinnen, ganz gleich ob in der Maß- oder Konfektionsbranche, Zustände herausgebildet haben, die, wenn nicht Einhalt gethan wird, zur vollständigen Degeneration der Arbeiter und Arbeiterinnen unseres Berufes führen, beschließt die Konferenz: Die Forderung von Betriebswerkstätten zu einer allgemeinen für Maß- und Konfektionsarbeit zu machen, hauptsächlich aber mit aller Energie dahin zu wirken, daß für die Konfektionsarbeiter und Arbeiterinnen bessere Lebensbedingungen errungen werden."-„ Die Konferenz fordert, daß seitens der Regierungen Untersuchungen über die sanitären Verhältnisse sowohl als über die soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie veranstaltet werden. Ferner sind die bestehenden Arbeiterschutzbestimmungen in vollem Umfange auf die Hausindustrie auszudehnen." Die Konferenz erwartet von der Reichskommission für Arbeiterstatistik, daß eine schleunige Enquete veranstaltet wird. Sie spricht ihre Mißbilligung darüber aus, daß bisher keinerlei Antwort über die von dem Vorstand des Verbandes eingereichte Eingabe erfolgt ist." Ein Glückauf und thatkräftige Unterstützung seitens des gesammten Proletariats der Aktion, welche eine Hebung der geradezu himmelschreienden Lage vieler Tausende von Arbeitern und Arbeiferinnen bezweckt, die zu den Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten zählen. " = Berichtigung. Wie uns mitgetheilt wird, heißt es in dem Bericht über die Berliner Frauenversammlung von Mitte November irrthümlicher Weise, daß Genossin Gerndt„ mit der Aufgabe betraut wurde, in Berlin die allgemeine Agitation unter den proletarischen Frauen zu leiten." Mit der Leitung dieser Agitation werden vielmehr die als Vertrauenspersonen der Berliner Genossenschaft in öffentlichen Parteiversammlungen gewählten Genossinnen Baader und Scholz beauftragt. Genossin Gerndt's Aufgabe ist es dagegen, die Korrespondenz mit den Trägerinnen der proletarischen Frauenbewegung außerhalb von Berlin zu führen und eine planmäßige Agitation unter 195 dem weiblichen Proletariat in ganz Deutschland anzuregen und zu fördern. Der„ Verein öffentlicher Vertrauenspersonen" von Berlin wurde bekanntlich laut polizeilicher Verfügung ,, vorläufig geschlossen". Bis auf Weiteres können mithin die Genossinnen Baader und Scholz, bei denen, nebenbei bemerkt, in äußerst gewissenhafter, aber resultatloser Weise gehaussucht wurde bei Genossin Scholz bis in den nicht ihres Amtes walten. Da Wichs- und Kammkasten hinein es aber sogar in Preußen schwer fallen dürfte, die in einer öffentlichen Frauenversammlung gewählte Genoffin Gerndt zu einem„ politischen Verein" zu stempeln, kann diese in gewohnter Weise den ihr übertragenen Pflichten nachkommen. Die Frauenarbeit in den oberschlesischen Gruben und Hüffen. Hochragende Schlote und weitläufige industrielle Anlagen künden dem Reisenden schon bei Gleiwit an, daß er sich einer industriell sehr entwickelten Gegend nähert. Die Luft ist geschwängert mit Kohlenstaub und Gasdunst. Häuser und Straßen sind gleichmäßig mit einer Kruste von Kohlenstaub bedeckt. Die Szenerie wird noch unangenehmer, je mehr man sich dem eigentlichen Kohlenbecken Oberschlesiens, den Orten Zaborze, Mislowig, Tarnowig, Königshütte nähert. Das Land ist fast ganz flach, der Boden unfruchtbar und nur hier und da zeigen fleine Baumgruppen die Stelle an, wo früher weite Wälder sich erstreckten, die im Interesse der Industrie abgeholzt worden sind. Wir selbst sind in dem Ruhrrevier, dem größten deutschen Industrierevier, zu Hause, und wissen uns daher mit Kohlenstaub und gasiger Luft abzufinden. Dennoch kam uns die Gegend recht trostlos vor. Dieser Eindruck wurde sehr erheblich verstärkt durch die Bewohner des oberschlesischen Industriebezirks. Aehnlich abgehärmte und verkommene proletarische Gestalten sahen wir noch nicht. Die Aermlichkeit der Landschaft fand ihr Seitenstück in der Aermlichkeit der Menschen. Barfuß, schlechter noch als dürftig gekleidet, so kamen uns die Weiber und Kinder trotz des schmutzigen, naßkalten Wetters entgegen. Die Männer trugen plumpe, derbe Stiefel und Kleider, deren Schnitt schon seit Jahrzehnten aus der Mode gekommen ist. Es hatte den Anschein, als ob ihr Anzug einem Trödlerfram aus der Mitte dieses Jahrhunderts entstammte. Wir wußten es, ohne daß es uns gesagt wurde: Hier in Oberschlesien feiert die kapitalistische Ausbeutung ihre durch nichts gehemmten Orgien, und wie dies natürlich ist, auf Kosten des törperlichen und geistigen Wohles der unteren Klasse. Im Laufe der Tage, welche wir uns in Oberschlesien aufhielten, waren wir in der Lage, uns vollgültige Beweise für das oben Gesagte zu verschaffen. Wir lernten proletarisches Elend in seinem vollen Umfange fennen. Nirgends wie in Oberschlesien ist der Arbeitsmann, ist die Arbeiterin so schmählich unterdrückt, wird besonders die weibliche Arbeitskraft gleich unmenschlich ausgebeutet. Nach der amtlichen Statistik betrug die Zahl der im Steinfohlenbergbau Oberschlesiens beschäftigten Arbeitskräfte 1894: 52 300; davon sind zirka 5400 Frauen und Mädchen. In den anderen Bergrevieren kennt man die Frauenarbeit auf den Gruben und Hütten fast gar nicht; im Bezirk Dortmund gar nicht. Für den Sozialpolitiker genügt die Thatsache, daß in Oberschlesien die weibliche Arbeitskraft in den Gruben und Hütten verwendet wird, um aus ihr auf die wirthschaftlichen Verhältnisse der oberschlesischen Grubenarbeiter zu schließen. Es ist hinlänglich bekannt, daß dort, wo die Frauenarbeit zur Verwendung gelangt, die Erwerbsverhältnisse relativ wie auch absolut schlechter sind als in solchen Gegenden, in denen die weibliche Arbeitskraft nicht ausgebeutet wird. Die einschlägigen oberschlesischen Verhältnisse bestätigen diese alte Wahrheit. Laut der amtlichen Statistik verdiente ein Bergmann im Jahresdurchschnitt pro 1893 im Bezirk Dortmund Saarbrücken " Niederschlesien. " " Oberschlesien 946 M., 925" 729 " 661 . Diese Zahlen sind noch interessanter, wenn man gleichzeitig die Länge der Arbeitszeit in den einzelnen Revieren kennt. Sie betrug im Revier Dortmund. 81 Stunden, Saarbrücken " Niederschlesien Oberschlesien " " 9 " 10 " 12 " Also die längste Arbeitszeit und den niedrigsten Lohn für Bergleute finden wir für Preußen in Oberschlesien. - 1 Die traurigen Erwerbsverhältnisse der männlichen Grubenarbeiter werden verständlich, wenn man bedenkt, daß die Frauen und Mädchen auf den Gruben und Hütten Oberschlesiens pro Tag sage und schreibe 78 bis 86 Pf. verdienen, und zwar bei ttstundiger ununterbrochener Arbeit? Im Bericht der Berginspeklion für 1893 finden wir mehrmals bei Besprechung oberschlesischer Bergwerksverhältnisse den Satz: die Frauenarbeit und die Anstellung der jugendlichen Arbeiter ist im Abnehmen begriffen, Wohl wurde uns bei unserem Besuch an der russischen Grenze von Bergleuten versichert, daß das gerade Gegentheil der Fall sei, doch liegt kein ziffernmäßiger Beweis für diese Behauptung vor. Aber wie dem auch sei: der oberschlesische Grubenbaron hat heutzutage nicht mehr besonders nöthig, die Frauenarbeit in ausgedehntem Maße zu verwenden. Durch die bisherige umfangreiche Verwendung der Frauen ist es ihm gelungen, die Löhne der Männer— wie oben gezeigt— auf ein schmählich niedriges Niveau herabzudrücken. Die Befolgung des Richterschen Rathes:„Stellt Frauen ein", hat in den oberschlesischen Gruben bewirkt, daß heute Hunderte von Männern, um nicht ganz arbeitslos zu sein, zu der Hälfte ihres früheren Lohnes schuften müssen. Die Frau hat ihre Rolle als„Lohn- regulirer" gespielt, und da ein Mann doch bei der in Frage kommenden Arbeit mehr leisten kann und zugleich durch die Koalition der Zechenbesitzer die Kohlenpreise sehr erheblich gestiegen sind, so kann die Frau eventuell„ihrer Familie" zurückgegeben werden. An ein völliges Zurücksenden der Frauen zur„eigentlichen weiblichen Thätigkeit" ist trotzdem keine Rede. Zu Hunderten schaffen Weiber und Mädchen auf den oberschlesischen Gruben. Es ist von Interesse, die Namen der Besitzer dieser Werke zu kennen. Da ist zunächst der Fiskus, dem zahlreiche Gruben und Hütten eigen sind. Der„allerchristlichste" preußische Staat, dessen Vertreter so oft aus die„Heiligkeit der Familie" hinweisen, trägt durch die Verwendung weiblicher Arbeitskräfte wacker das Seinige zur Zerstörung der Familie bei. Die Familie soll ja wohl die Grundlage des Staats sein. Wenn dies stimmt, so beglückwünschen wir den preußischen Staat zu seinem eminent staatserhaltenden Wirken in den oberschlesischen Gruben. Immerhin muß anerkannt werden, daß die fiskalischen Betriebe im Punkte der Frauenausbeutung wenigstens das Dekorum wahren. Weit schlimmer liegen die Verhältnisse auf den Privatgruben und Hütten, die in der Gegend als„herrschaftliche" bezeichnet, allerorts gehaßt und wenn möglich gemieden werden. Und doch eignen diese Werke den hervorragendsten Stützen unseres Das Sparkassenbuch. Skizze von R. Noland. II. „Herr Anton Rüster?" „Jawohl, Herr Professor!" „Sie kommen sich nach Ihrer Frau zu erkundigen; nun, es steht schlecht. Machen Sie sich über kurz oder lang auf das Schlimmste gefaßt..." „Also ist gar keine Aussicht?..." „Nein! Gar keine!" Erschüttert verließ Rüster das Zimmer des ordinirenden Professors, auf dessen Abtheilung Anna lag. Er ging in den Gartenanlagen spazieren, wie traumverloren, ei starrt in dumpfem Schmerz. Er achtete nicht des eisigen Windes, der durch die kahlen Bäume fuhr. Er mußte sich sammeln, sammeln für die Abschiedsstunde; wer weiß, ob er Anna nächsten Sonntag noch lebend antraf, ob er nicht im Verlaufe der Woche noch an das Sterbelager würde gerufen werden? Und gerade heute hatte er sich vorgenommen, sie um die Ausfolgung des Sparkassenbuches zu bitten! Wie wird sie das aufnehmen? Er kannte ihren eifersüchtigen Charakter; wird sie nicht mißtrauisch werden und daraus schließen, daß sie sterben müsse? Wird ihr dieser Gedanke nicht den Todesstoß versetzen? Mit welcher Leidenschaft hatte sie ihn geliebt und liebte sie ihn noch! Seinetwegen war sie auch in die Fabrik gegangen; seinetwegen hatte sie vom frühen Morgen bis spät in die sinkende Nacht hinein gearbeitet, damit er seinen politischen Agitationen nachgehen könne, damit er sich der auch von ihr leidenschaftlich geförderten Bewegung des Proletariats widmen könne! Sie war stolz auf ihn, und er hatte es geschehen lassen, daß sie sich plagte und mühte; hatte es geschehen lassen, daß sie sich durch die anstrengende Fabrikarbeit ein organisches Leiden zuzog: ihre körperchristlichen Staates. Die Fürsten Pleß, Fürst Hohenlohe, Herzog von Ujest, Graf Matuschka und der„berühmte" Zentrumsführer Graf Ballestrem sind die Repräsentanten des Grubenkapitals in Oberschlesien. Wie, wird mancher fragen, die Leuchten des Zentrums, die Grafen Matuschka und Ballestrem, die so oft gegen die„Zerstörung der Ehe" durch die Sozialdemokratie gedonnert, sie lassen auf ihren Gruben eine schmachvolle Frauenausbeutung bestehen? Gewiß, und wer sich das Jahrbuch des oberschlesischen berg- und hüttenmännischen Vereins für 1892 ansehen will, der findet dort, daß gerade in den Betrieben dieser Herren eine schlechtere Bezahlung der Frauen üblich ist. Löhne(Durchschnitt) von 70, 74, 78, 80 bis 88 Pfg- bezahlen gerade die frommen Grafen und Fürsten, der Fiskus versteigt sich doch wenigstens bis zu Tagesverdiensten von 90 Pfg. bis 1 Mk. Auch Damen der„höchsten Gesellschaft", so die Gräfin v. Saurma-Jeltsch, Gräfin Schafgatsch u. A. m. tragen ihr Theil zur Auspowerung ihrer„Schwestern" bei. Wie oft hat nicht frommer Zentrumsmund den Standpunkt vertreten:„Die Frau gehört ausschließlich und unter allen Umständen ins Haus. Dort ist ihr eigentliches Wirkungsfcld, die Industrie ist unweiblich." Die Sozialdemokratie theilt bekanntlich diesen Standpunkt nicht. Wohl aber fordert fie im Interesse der Frau, der proletarischen Kinder und der gesammten Arbeiterklasse einen gesetzlichen Schutz der Frauenarbeit. Insbesondere gegen die Ausbeutung der Frauen bei Beschäftigungen, welche nachgewiesenermaßen den weiblichen Organismus besonders schädlich beeinflussen. Die Frauenarbeit auf Gruben und Hüttenwerken, welche oberschlesischen Zechenbaronen und frommen Zentrumsleuchten so einträglich ist, will deshalb die Sozialdemokratie vollständig beseitigt wissen. Denn wenn irgend eine Beschäftigung gesundheitsschädlich, wenn sie„unweiblich" ist, so ist es die betreffende Arbeit der Frauen. Doch man urtheile selbst. Die Frauen werden in Oberschlesien nur über Tage, nicht unterirdisch beschäftigt. Früher waren auch Frauen in der Tiefe angestellt, und auch heute soll dies vorkommen. Beweise konnten wir dafür nicht erlangen. Die Kohle wird durch den Aufzug zu Tage gefördert in Wagen, die je mehrere Zentner fassen. Am Eingang des Schachtes nehmen die Frauen diese Wagen in Empfang und befördern dieselben zur Abladestelle. Bei dem Kippen der Wagen entwickelt sich solch dichter Staub, daß alle Gegenstände sehr rasch mit einer dicken Schmutzdecke überzogen werden. Inmitten des furchtbaren Schmutzes arbeiten nun die Frauen täglich elf Stunden ununterbrochen. In liche Konstitution war von jeher eine schwache gewesen. War nicht er also Schuld an ihrem frühzeitigen Tode? „Anna", flüsterte er vor sich hin,„hättest Du mich nicht so verwöhnt, es wäre besser gewesen. Ich muß vorwärts, gegen meinenWillen! Nächsten Sonnabend erhalte ich den letzten Lohn, dann bin ich arbeitslos.... Was dann? Wird man dem Agitator Arbeit geben?..." Ja, Rüster war entlassen worden: ein Streik war ausgebrochen, und die Bewegung hatte ihn an die Spitze der Fabrikarbeiter gedrängt. Die Arbeiter hatten gesiegt, obwohl die Verhältnisse nicht günstig gewesen waren. Allein ihre treffliche Organisation, die Einigkeit und die Leitung der Sache durch Rüster, der die öffentliche Meinung geschickt zu benutzen und dadurch auf den Fabrikherrn einen Druck auszuüben verstanden hatte, bewirkten, daß Herr Creder die Forderungen der Arbeiter bewilligte. Rüster aber siel der Sache zum Opfer, er wurde entlassen: und bei dem erbitterten Verhältnisse zwischen Kapital und Arbeit war keine Aussicht vorhanden, daß er bald Beschäftigung bekäme. Er war bekannt und kein Fabrikant, in Wien wenigstens, würde ihn aufnehmen. Die einzige Aussicht war die Provinz oder das Ausland, und dazu brauchte er Geld. Drohend lag die Zukunft vor ihm, Hunger und Elend, Noth und Sorge grinsten ihn an und umschwirrten sein Haupt gleich beutegierigen Raben.... Und sie, die an ihm mit so inniger, fast schwärmerischer Zuneigung hing, sie, die treue Gefährtin, die aufopferungsvolle Seele, die mit ihm alle seine Schicksale getheilt, die sich gefreut und theilgenommen an seinen Erfolgen, mitgelitten unter den Verfolgungen, sie sollte er heute in tödtliche Aufregung versetzen? Der Erhaltungstrieb drängte ihn dazu; die Liebe hielt ihn davon ab. Nein! War sie auch dem sicheren Tode verfallen, er wollte ihn wenigstens nicht beschleunigen! Mit diesem festen Vorsatze unterbrach er die Kämpfe in seinem Innern und schritt aus die Krankenabtheilung zu, wo seine Frau lag. furzer Zeit sind Gesicht, Hände, die bloßen(!) Füße mit Kohlenstaub bedeckt. Die Abladestelle liegt im Freien, ist unbedacht. Ob es regnet, schneit oder ob die Sonne brennt, immer muß die elende Proletarierin auf dem Posten sein. Pausen zum Ausruhen oder zum Einnehmen der Mahlzeiten kennt man nicht. Die Natur des Betriebes, und dieser wird gerade in Oberschlesien sehr intensiv gehalten, erlaubt keine Unterbrechung. Wagen folgt auf Wagen, und die Aufseher sorgen schon für die Anspannung der Kräfte ihrer Untergebenen. Am Schluß der Schicht ist die Schlepperin unsäglich ermattet. Der Kohlenstaub hat sich einen Weg gebahnt durch die schlechte Kleidung. Der ganze Körper ist, wie bei dem Bergmann, kohlschwarz an eine Reinigung auf der Grube ist nicht zu denken. Betsäle haben die Ballestrem und Genossen wohl errichtet, nicht aber Badeanstalten. Mit ekelhaftem, dichtem Schmutz bedeckt, wandert dann die Vertreterin des schönen Geschlechts" dem„ Heim" zu. Und was für einem Heim? In einem anderen Artikel werden wir die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse der oberschlesischen Arbeiter beleuchten. Hier sei nur gesagt, daß uns der Ekel übermannte, als wir diese Wohnungen" sahen. " Wie auf den Gruben, so arbeiten auch auf den Koakswerken und Eisenhütten zahlreiche Frauen. Tiefes Mitleid erfaßte uns, als wir sahen, wie schwache Frauen aufs Aeußerste angestrengt vor den glühenden Defen hantirten, oder in Karren das Erz im Gewicht bis zu 150 Pfund transportirten. Diese Karren waren dabei noch so unpraktisch gebaut, daß das ganze Gewicht des Inhalts in den Armen der Fahrenden hing. Der gefrümmte Rücken und die gebeugte Haltung der Arbeiterinnen läßt erkennen, welche Folgen die unmenschliche Ausnutzung zeitigt. Es ist selbstverständlich, daß das tiefe Elend der oberschlesischen Gruben und Hüttenarbeiterinnen auch auf die geistige und sittliche Entwicklung derselben zurückwirkt. So stumpfe, blöde Gesichter, so ausdruckslose, erloschene stiere Blicke, wie sie uns an den Lohnsflavinnen der Zechenbarone auffielen, sahen wir noch nirgends. Uebermäßig anstrengende, ja völlig aufreibende Arbeit, schlechteste Ernährung, elende Wohnungsverhältnisse, eine rückständige geistige Entwicklung: alles wirkt zusammen, um die meisten der hart frohndenden Arbeiterinnen geistiger und sittlicher Stumpfheit anheimfallen zu lassen, nicht wenige auch dem Schnapsteufel zu überliefern. Auch nach anderer Richtung hin zeitigen die namenlos jammerhaften wirthschaftlichen Verhältnisse der Grubenarbeiterinnen Zustände, die in nichts dem Jdeal frommer Sittlichkeitsvereinler entsprechen. Es liegt Das Wiedersehen der Gatten war zärtlicher denn je; er, im Vorgefühl ihres nahen Todes, verdoppelte seine Aufmerksamkeit; und sie, dadurch gerührt, und in Folge ihres Zustandes weicher als sonst gestimmt, fühlte sich unaussprechlich glücklich. Sie scherzte sogar, tröstete ihn, als sie seine verstörte Miene sah, sprach heiter von der Zukunft und baute Pläne. Er nickte nur mit trübem Lächeln und ließ sie gewähren... die Arme, sie ahnte nichts.... Es wäre grausam, unmenschlich gewesen, sie ihrem Wahne zu entreißen. Die Besuchsstunde war zu Ende; er mußte von ihr scheiden. Mit blutendem Herzen, mit zerrissener Seele eilte er heimwärts. Der starke Mann, den das Leben und der politische Kampf hart geschmiedet, er war dem Weinen nahe. III. " Seit einem Monate war Ruster ohne Arbeit; wie vorhergesehen, hatte er keine Beschäftigung gefunden; er war verfehmt, in die Acht erklärt. Und wenn er in seinem Fache keine Beschäftigung fand, als Hausknecht oder Diener war es noch schwie riger, solche zu finden. Erstens herrschte gerade in diesem Berufe eine große Konkurrenz, und zweitens verlangte man heutzutage selbst von einem Hausknechte einen Befähigungsnachweis" oder Zeugnisse über bereits geleistete Dienste. Ruster befand sich bereits in großer Noth; die letzten Ersparnisse waren dahin, sein Kredit erschöpft. Schußlos war er dem Elend, der Verzweiflung preisgegeben; sein einziger Rettungsanfer bildete die Aussicht, in der Provinz oder im Auslande Arbeit zu finden. Aber konnte er fort, so lange seine Frau im Spitale auf den Tod krank darniederlag? Der Arzt meinte, es fönne noch eine Woche dauern, vielleicht auch zwei oder drei;„ genau" lasse sich das nicht bestimmen. Wieder schritt Ruster, von Sorgen gequält, im Hofraume des Krankenhauses auf und ab. Er mußte heute von Anna das 197 in der Hand des Aufsehers, einzelnen Frauen und Mädchen Erleichterung bei der Arbeit und besseren Lohn zu verschaffen. Welches Aequivalent der Aufseher für seine Begünstigungen verlangt, braucht nicht gesagt zu werden. In Oberschlesien, wo der Marienkultus, die Verehrung der jungfräulichen" Gottesmutter, auf das Aeußerste getrieben wird, in Oberschlesien verlieren die Mädchen auf den Gruben und Hütten sehr bald ihre Jungfrauschaft. Thatsache ist, daß im Bergrevier Oberschlesiens, in der Domäne des frommen"," hochsittlichen" Zentrums, die Geburt eines unehelichen Kindes zu den Alltagserscheinungen gehört. Denn nicht nur die Aufseher mißbrauchen die jungen Mädchen, sondern auch die jungen Burschen. Die Mädchen wollen gern von ihrer widerwärtigen Arbeit erlöst sein und geben sich daher den jungen Männern hin in der Hoffnung auf die sich ergebende Heirath. In sehr vielen Fällen sind sie aber die Enttäuschten. Niederdrückend wirkt der Gedanke, daß die im grenzenlosen materiellen, geistigen und sittlichen Elend dahinvegetirenden Frauen die Mütter der heranwachsenden Jugend sind, daß ihr verkommender Organismus Kindern das Leben giebt, die schon mit dem Keim des körperlichen Verfalls behaftet sind und die unter den denkbar ungünstigsten Einflüssen heranwachsen. Die gräflichen und fürstlichen Grubenbesitzer gehören nicht zu der Rotte von Menschen, die nicht werth sind, den Namen Deutsche zu tragen. Ihr Patriotismus gilt als waschecht und sie selbst erklären sich als die berufenen Zierden und Stützen des Vaterlands. In der That aber versündigen sie sich durch den schmachvollen Raubbau mit Arbeiterinnenkraft in schwerster Weise am Vaterlande. Sie berauben es seines größten Reichthums: einer förperlich, geistig und sittlich gesunden, kräftigen Jugend. Die Ausbeutung der oberschlesischen Grubenarbeiterinnen ist ein lichtvoller Beweis dafür, daß das Kapital- ganz gleich ob es bürgerlich oder adelig, männlich oder weiblich, christlich oder jüdisch ist strupellos alle Rücksichten auf Menschenwohl und Gemeinwohl unter die Füße O. H. stampft, sobald der geheiligte Profit in Frage kommt. Frauenlöhne in Amerika. Jm vorigen Jahre hat in New York der ArbeiterinnenVerein" Material zusammengestellt für eine Statistik über die Löhne und die Lebensverhältnisse verschiedener Gruppen von Berufsarbeiterinnen. Zweck der Zusammenstellung war, die staatliche Gesetzgebung auf gewisse Mißstände aufmerksam zu machen, unter denen die Arbeiterinnen leiden und ihr die Nothwendigkeit klar zu legen, Sparkassenbuch verlangen; es war doch etwas übertriebene Aengstlichkeit, gleich das Schlimmste zu befürchten. Wenn er ihr die Sache darlegte, so mußte sie ja einsehen, daß er die Vollmacht nicht verlange, weil er von ihrem bevorstehenden Tode überzeugt sei und den Verlust des Geldes befürchte, sondern weil er eben das Geld nothwendig brauche. Er ging hinein; die Wärterin flüsterte ihm zu, daß es heute besonders schlecht gehe; er solle seine Frau ja nicht aufregen. Er schritt zum Bett der Kanken hin; sie hatte ihn nicht bemerkt. " Anna", flüsterte er leiſe. Die Krante wandte sich um; ihre fieberglänzenden Augen starrten ihn verständnißlos an. „ Ah, Du bist's, Anton!" lispelte sie mühsam und strecke ihm die Hand entgegen, die er innig drückte und streichelte. " Wie geht's Dir, mein Schaß?" Heut nicht gut...", ächzte sie. Seine Aufregung stieg; er hatte in den letzten Tagen schlecht gelebt und fühlte sich selbst nicht wohl. Hätte die Kranke ihn schärfer angeblickt, so würde ihr sein verändertes Aussehen nicht entgangen sein. Noch größer aber waren die Verwüstungen auf ihrem Angesicht; dasselbe schien um zehn Jahre gealtert. Die Schmerzen hatten es zerwühlt; die Kopfhaare waren in Folge der Krankheit zum Theil ausgegangen; auf den eingefallenen Wangen zeigten sich brennendrothe Streifen und Flecken. Ihre Hände und ihre Stirn fühlten sich glühend heiß an; der Puls ging stürmisch, der Athem flog keuchend und pfeifend aus der heftig arbeitenden Brust. Nuster sah ein, daß ihre Todesstunde nahe. Trotzdem schien sie es nicht zu ahnen und mit zäher Zuversicht am Leben festzuhalten. Er aber fühlte, daß es höchste Zeit sei, ihr wegen des Sparkassenbuches schonende Mittheilung zu machen, so lange fie noch bei Bewußtsein und der eigentliche Todeskampf noch nicht eingetreten war. Noch einmal durchtobte ein schwerer Stampf sein " eine Altersversicherungskasse für Arbeiterinnen zu gründen. Leider ist das gesammelte Material theilweise sehr unvollständig, überdies auch unübersichtlich und unmethodisch zusammengestellt. Die Veröffentlichung trägt nicht den Charakter einer planmäßigen, gründlichen Forschung, sondern ziemlich oberflächlichen Dilettantirens. Ihre Mängel erklären sich wohl dadurch, daß an die Arbeit Leute herangingen, welche zwar guten Willen besaßen, aber keine der übrigen Voraussetzungen, welche für die erfolgreiche Vornahme einer der artigen Erhebung und Zusammenstellung unerläßlich sind. Unseres Wissens verfolgt der Arbeiterinnen- Verein" den Zweck, für eine Verbesserung der Lage der erwerbsthätigen Frauen zu wirken und besteht der überwiegenden Mehrzahl nach aus bürgerlichen Frauen. Diese aber kannten die Arbeiterinnenverhältnisse offenbar nicht aus eigener Erfahrung und es fehlte ihnen die nöthige methodische Schulung, die Gewöhnung an geduldiges wissenschaftliches Arbeiten, um auf dem Wege gründlicher Forschung eine genaue Kenntniß dieser Verhältnisse zu erlangen und zu vermitteln. Das zusammengestellte Material macht deshalb vielfach den Eindruck, als ob es auf bloßem Hörensagen beruhe. Immerhin enthält die Veröffentlichung eine Reihe interessanter Angaben, die wir in Folgendem zum Theil durch anderes Material erweitert wiedergeben. Nach ihr gab es 1894 in der Stadt New York 250 000 weib: liche Personen, welche sich durch ihre Berufsarbeit ernähren. 27 000, mehr als 10 Prozent davon, sind verheirathet, 7 Prozent von ihnen verwitwet oder geschieden. Die Löhne variiren zwischen 1 Dollar 50 Cents bis aufwärts zu 13 Dollars pro Woche. Der niedrigste Lohnsatz von 1 Dollar 50 Cents wöchentlich wird für die Arbeit junger Mädchen gezahlt. In den großen Schnitt- und Weißwaarengeschäften und Bazars sind nämlich sogenannte„ cash- girls"( Rassenmädchen) angestellt, Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren, welche Waaren und Geld vom Verfaufsstand nach der Zahl- und Prüfungsstelle und dann zurück zu dem Verkäufer bringen, der sie dem Kunden einhändigt. Diese„ cashgirls" erhalten 1 Dollar 50 Cents bis höchstens 2 Dollars pro Woche. Obzwar das Gesetz die Altersgrenze für die Verwendung der Mädchen auf 14 Jahre festgesetzt hat, giebt es doch viele„ cash- girls", welche dieses Alter noch nicht erreicht haben. Kapitalistische Profitwuth und proletarische Armuth bewirken zusammen, daß die Schutzbestimmung todter Buchstabe bleibt. Der Verdienst der Wäschenäherinnen erhebt sich nur wenig über den der„, cash- girls". Der Lohn für das Nähen von billigen Hemden Inneres, und es kostete ihm eine gewaltsame Anstrengung, ehe er sich ein Herz faßte. 4 " Anna", begann er mit unsicherer Stimme:„ Du wirst mir das Sparkassenbuch geben müssen, damit ich Geld erheben kann... Schwer hatten sich die verhängnißvollen Worte von seinen bebenden Lippen losgerungen. Wie sie ihn anstarrte mit ihren fieberhaft glühenden Augen! Eine unheimliche Pause trat ein. ,, Anton!" schrie sie mit unnatürlicher Stimme,„ muß ich also sterben?... Sag' mir's, Anton!... Jesus..." Ein Anfall erstickte ihre weiteren Worte; aus dem Munde quoll Blut. Der schreckliche Bluthusten! Die Wärterin stürzte herbei; auch der diensthabende Assistenzarzt kam und schob Anton zur Seite. Ihm war übel, er wankte hinaus, um frische Luft zu schöpfen. Gebrochen sant er auf eine Bank! Der Wind zerzauste ihm die Haare. " Du bist ihr Mörder!" schrie er gellend, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und stürmte davon. " So jung... fechsund... zwanzig Jahre... und sterben..." feuchte er. Die Leute blieben stehen und sahen ihm kopfschüttelnd nach. Der ist wohl verrückt", meinten sie. Erst nach einer Stunde hatte Ruster sich so weit gefaßt, daß er im Stande war, wegen Anna nachzufragen. " " Sie hat's schon überstanden", sagte die Wärterin; die Arme hat von Ihnen phantafirt. Anton, hat sie lamentirt, verlangst Du das Geld, um mir eine schöne Leich' zu machen?" Er schlich hinweg. Zwei Tage später wurde der schmucklose Sarg mit Annas Leiche in Gesellschaft von anderen auf den Zentralfriedhof geführt. Von der Direktion des Krankenhauses wurde Ruster aufgefordert, das Spaikassenbuch abzuholen; er fam nicht und blieb verschollen. 198 und Weißwaaren aller Art ist seit mehreren Jahren in geradezu er schreckender Weise gesunken. Nur bei angestrengtem Schaffen und großer Gewandtheit vermag eine Weißnäherin einen Wochenverdienst von 3 Dollars zu erzielen. Es sind fast ausschließlich eingewanderte Frauen und Mädchen, welche in der Wäschekonfektion thätig sind. Das Unternehmerthum nußt es aus, daß sie der Verhältnisse und zum großen Theil auch der Sprache unkundig sind und untereinander so gut wie gar keine Fühlung besitzen, so daß sie sich gegenseitig unterbieten und insgesammt eine geradezu schmachvolle Ausbeutung erfahren. Die Löhne der Arbeiterinnen in der Buchbinderei, Handschuhmacherei, Teppichweberei 2c. betragen wöchentlich 4 bis 7 Dollars. Buchhalterinnen werden pro Woche mit 7 Dollars honorirt. Für Haararbeiterinnen und Zigarrenmacherinnen ist ein wöchentlicher Durchschnittsverdienst von 9 Dollars angegeben. Was die Zigarrenarbeiterinnen anbelangt, so giebt es solche, deren Verdienst den angegebenen Lohnsatz übersteigt, dagegen wird er von der Mehrzahl von ihnen bei weitem nicht erreicht, diese muß sich mit einem Wochenverdienst von 6 Dollars begnügen. Das Nämliche gilt für die Seidenweberinnen, deren Wochenlohn in der Statistik auf 10 Dollars angegeben ist. 10 Dollars soll auch der Wochenverdienst der Putznäherinnen, Puhmacherinnen und Maschinenschreiberinnen betragen. Die Stenographinnen stehen mit 12 Dollars und die Pelzbesatznäherinnen mit 13 Dollars wöchentlichem Verdienst an der obersten Spitze der Stufenleiter von Frauenlöhnen, welche die Statistik aufführt. Was die Einkommensverhältnisse der Maschinenschreiberinnen und Stenographinnen anbelangt, so entfernen sie sich in sehr vielen Fällen von dem angegebenen Durchschnitt. Es giebt Firmen allerdings sind sie in der Minderzahl- welche den Maschinenschreiberinnen und Stenographinnen ein Wochengehalt von 18 Dollars zahlen. Dafür verlangen sie eine vorzügliche und zuverlässige Kraft, nicht selten auch, daß diese in beiden Berufen geschult und erfahren ist. Dagegen giebt es Tausende von einschlägigen Stellungen, mit denen blos ein Wochenverdienst von 6 bis 7 Dollars verbunden ist und in denen geringere Anforderungen an die Damen gestellt werden. Die Unterhaltskosten der New Yorker Arbeiterinnen sollen sich nach der Veröffentlichung des„ Arbeiterinnen- Vereins" von 3 Dollars pro Monat bis 7 Dollars pro Woche stellen. Der Bericht hebt hervor, daß viele Arbeiterinnen fasernenmäßig leben, gemeinsam wohnen und kochen, ferner, daß eine große Zahl von ihnen kaum einmal in der Woche Fleisch genießt. Die Ursache des bedeutenden Sinkens der Frauenlöhne in vielen Branchen ist nach ihm in der Einwanderung von Polen, Ungarn und Italienern zu suchen, welche billiger als die Frauen arbeiten, ihnen Schmutzkonkurrenz machen, sie sogar aus einzelnen Beschäftigungszweigen verdrängt haben. Es vollzieht sich also in Amerika auf manchen Arbeitsgebieten die umgekehrte Erscheinung wie in Europa, aber die treibende Kraft der einen und andern ist die gleiche: der heilige Goldhunger" der Kapitalistenklasse. Der Bericht betont außer den angeführten Umständen, daß in vielen Betrieben den Arbeiterinnen für das kleinste Versehen von den kärglichen Löhnen Abzüge gemacht werden und daß die Behandlung der Frauen und Mädchen oft eine sehr rücksichtslose ist. Ganz wie bei uns. Fast ungefähr zu gleicher Zeit mit der erwähnten Veröffentlichung über die Erwerbsverhältnisse der Arbeiterinnen in New York erschien der Bericht des Bureaus für Arbeitsstatistik des Staates Illinois für das Jahr 1891/92. Derselbe enthält ebenfalls Angaben über Frauenarbeit und Frauenlöhne. Nach ihm suchten im Berichtsjahre in Chicago 5099 Frauen in 474 verschiedenen Beschäftigungen ihr Brot. Mehr als die Hälfte der angegebenen Zahl verdiente pro Woche 4 bis 7 Dollars. Der wöchentliche Durchschnittsverdienst der 5099 Arbeiterinnen stellte sich auf 6 Dollars 22 Cents. Für Fabrikarbeiterinnen betrug er 5 Dollars 93 Cents, für Bureauarbeiterinnen, Handelsangestellte 2c. 9 Dollars 54 Cents. Das Alter der von der Chicagoer Statistik erfaßten Arbeiterinnen variirt zwischen 11 und 58 Jahren. Zwei Prozent von ihnen waren verheirathet, drei Prozent geschieden oder verwitwet. Wenn die vorliegende Statistik richtig ist, so liegen in Chicago die Verhältnisse günstiger als in New York rücksichtlich des Heranziehens verheiratheter, verwitweter und geschiedener Frauen zur industriellen Erwerbsarbeit, ebenso auch rücksichtlich der Entlohnung der weiblichen Arbeitskraft. Aber es darf nicht übersehen werden, daß die Statistik für Chicago nur gegen 5000 Arbeiterinnen erfaßte, und daß die Vermuthung nahe liegt, sie habe sich nicht auf die schlechtest gestellten Lohnsflavinnen erstreckt. Diese Vermuthung erscheint auch angesichts des Umstands plausibel, das nach dem Bericht die Chicagoer Fabrikarbeiterin im Jahre 63 Dollars für Kleider verausgaben soll. Jedenfalls geht aus den vorstehenden Angaben über die Erwerbsverhältnisse der Arbeiterinnen in New York und Chicago hervor, daß trotz der besseren sozialen Stellung des weiblichen Geschlechts in Amerika die amerikanische Proletarierin, die als Berufsarbeiterin unter die Fuchtel des Kapitals geräth, genau so zu harter Frohn bei färglichem Lohn, zu Darben und Ertragen verurtheilt ist, wie ihre europäische Schwester. Professorenweisheit in der Frauenfrage. II. " Die Frau ist nach Professor Albert zur Erwerbsthätigkeit noch nicht herangezogen, weil sie dafür ungeeignet ist. Dies der Grund, weshalb er überall nur auf Männerwerk stößt. Aus der von ihm angenommenen Untauglichkeit der Frau folgert er auf ihre Nichteignung zu geistiger Beschäftigung, speziell zum ärztlichen Berufe. Die Frau ist nach ihm unlogisch, zum methodischen Denken in der Regel ungeeignet. Sie hat auch nichts erfunden. Methode und Konstruktives fehlt ihm( dem Weib); darum haben sich die Frauen kaum die Nadel erfunden, sicher nicht die Nähmaschine; nicht einmal die Kaffeemühle oder den Sparherd. Eruptives, für den Mann geradezu Absurdes, Elementares steckt in ihnen die Fülle." Wie verträgt sich diese Annahme mit der Thatsache, daß das Patentbureau so manchen Landes bedeutende Proben von der weiblichen Erfindergabe aufweist? Aber selbst wenn dem nicht so wäre, hätte Herr Professor Albert mit seiner Behauptung noch nichts gegen die Zulassung der Frauen zum Studium bewiesen. Das betont auch Herr Professor W. Goldzieher in seiner Kritik der Albertschen Broschüre. Mit Recht wirft er im Anschluß an die obige Schlußfolgerung des Professor Albert die Frage auf, ob die vielen Völker, die noch mit keiner einzigen Leistung zum Fortschritt der Menschheit beigetragen haben, etwa mit Gewalt von den höheren Studien ferngehalten werden sollen? Für Professor Albert, dem stets die nichtsthuende, gedankenlos hinlebende Frau der herrschenden Klasse vorschwebt, ist die physische und geistige Superiorität( Ueberlegenheit) des Mannes ausgemachte Sache, er verweist die Frau von der höheren Bildungsstätte, höchstens möchte er sie zu Heilfrauen, eine Art gebildeten Hebammen, heranbilden lassen. Wir wollen in Folgendem einige Thatsachen vorführen, um zu zeigen, daß die Frauen den Beweis ihrer Befähigung für das medizinische Studium und die Ausübung des ärztlichen Berufs längst erbracht haben. G. Lübeck, Das Frauenstudium in Rußland,„ Neue Zeit" 1888, S. 60, führt an:" Von 1872 bis 1882 wurden in die medizinischen Kurse 959 Studentinnen aufgenommen; 1882 studirten noch 434, von den übrigen hatten 281 alle Kurse absolvirt.... Die Frauen fanden ein sehr umfassendes Arbeitsgebiet. Immerhin gab es für sie bei Ausübung der Praxis noch Schwierigkeiten, da sie keine offizielle Anerkennung ihres Rechtes besaßen, die medizinische Praxis auszuüben. Gegen ihre Verwendung in abhängiger Stellung hatte die Regierung nichts einzuwenden, das völlig unabhängige Wirken aber glaubte sie nicht zugeben zu dürfen, da die Aerztinnen doch nicht die klassische Bildung der männlichen Aerzte besaßen.( Sie waren, ohne Latein und Griechisch gelernt zu haben, zur Aufnahmsprüfung zugelassen worden.) Es wollte jetzt nicht viel sagen, daß die medizinischen Autoritäten voll hoher Anerkennung der Leistungen der Studentinnen waren, die thatsächlich mit ausgezeichnetem Fleiße arbeiteten. Bei dem Schlußeramen 1882 machte u. A. Professor G. A. Manassein in der medizinischen Zeitschrift, Wratsch auf die außerordentlichen Leistungen der Studentinnen aufmerksam und lud die Freunde des Medizinstudiums der Frauen ein, sich davon selber zu überzeugen. Dieses Urtheil stand nicht allein; jedes Examen brachte vielmehr die rückhaltlose Anerkennung der kompetenten Kreise. Die Frauen leisteten thatsächlich auch ohne Latein und Griechisch dasselbe, was die Männer fertig brachten. Die Regierung aber wollte davon nichts sehen, sie verharrte bei ihrer Zurückhaltung, fand schließlich aber doch Gelegenheit, sich mit dem Medizinstudium der Frauen zu versöhnen. Der letzte russisch- türkische Krieg bewirkte dieses Wunder. Neben den männlichen erschienen auch die weiblichen Aerzte und Studenten der Medizin auf dem Kriegsschauplatz. Bei der ungeheuren Zahl der Verwundeten und Kranken in diesem topflos begonnenen Krieg war ihre Hilfe hoch willkommen. Sie leisteten im Kriege sehr Tüchtiges, und als der Kriegssturm vorüber war, verlieh der Kaiser den Aerztinnen ein Abzeichen in Gestalt eines Bandes. Diese Auszeichnung wurde nicht mit Unrecht als ein hochwichtiger Wendepunkt in der Geschichte des Medizinstudiums der Frauen in Rußland aufgefaßt. Es lag darin thatsächlich jene offizielle Anerkennung des Frauenstudiums, die ihm bis dahin vorenthalten geblieben war." R. Zettin erwähnt im selben Jahrgang der„ Neuen Beit", S. 369, in ihrem Artikel:„ Die russischen Studentinnen", daß der medizinische Inspektor des Heeres, welcher im Februar 1878 dem Höchstkommandirenden einen Rapport über die Organisation und das Funktioniren des ärztlichen Dienstes einreichte, des Lobes 199 der neuen Kolleginnen voll war. Er erklärte:„ Die Studentinnen der Medizin haben seit Beginn des Krieges bemerkenswerthen Eifer und hervorragende Befähigung gezeigt. Durch den therapeutischen wie chirurgischen Beistand, den sie den Kranken geleistet, haben sie sich auf die beste Weise empfohlen und vollständig den Anforderungen genügt, welche man an ein höheres medizinisches Personal stellen kann." ,, Die Soldaten", heißt es in dem angezogenen Artikel weiter,„ hatten anfangs der Neuerung mit unbegrenztem Erstaunen gegenüber gestanden. Sie rissen die Augen weit auf, als Frauen ihnen die Wunden sondirten und verbanden, die Glieder abschnitten und Medikamente verordneten. Die Scheu und Scham, mit der sie zuerst die„ Fräulein" an ihrem Körper schalten und walten sahen, verschwanden bald unter dem Eindruck der Gefahr, in der sie schwebten, der Schmerzen, die sie empfanden. Wie die Studentinnen schon seit Langem gewöhnt waren, in dem ärztlich behandelten Mann nur den kranken Mann zu sehen, so lernten die Soldaten bald, in dem jungen Mädchen nur die Aerztin, die Retterin zu finden, die barmherzige Schwester zu schätzen. Viele der Soldaten schauten zu den„ guten Fräulein" wie zu einer Art von Schutzengel auf. Die Frauen hatten in geradezu glänzender Weise ihre Befähigung für die Praxis des ärztlichen Berufes bewiesen, und ihre Hingabe hatte die Aufmerksamkeit, die Bewunderung ganz Rußlands herausgefordert. Es war deshalb nur ein Akt einfacher Gerechtigkeit, daß Alexander II. im November 1878 den Studentinnen, die ihre Schlußeramina bestanden, den Arztestitel mit dem Recht verlieh, die akademischen Palmen mit den Initialen Fem. med. zu tragen und den Beruf als Arzt frei auszuüben. Das Land zollte der Neuerung vollen Beifall, und besonders die Landstände stellten an den von ihnen abhängigen Provinzialspitälern mit Vorliebe weibliche Aerzte an. 1882 praktizirten nicht weniger als 62 Frauen in den Provinzialkrankenhäusern und 66 waren in anderen Spitälern und Asylen thätig. Im Laufe ihrer Studentenzeit hatten sich 116 Studentinnen verheirathet, ohne dem erwählten Beruf untreu zu werden." Die medizinischen Lehranstalten wurden im Jahre 1887 in Folge des unversöhnlichen Hasses, mit welchem der Absolutismus jede Bildung verfolgt, den Frauen verschlossen. Allein unter dem Druck der öffentlichen Meinsoweit sich eine solche in Rußland zu äußern vermag und mehr noch durch den Umstand, daß die Zahl der in Rußland praktizirenden Aerzte bei Weitem zu klein ist, hat sich die russische Regierung in jüngster Zeit gezwungen gesehen, den Frauen wieder die Möglichkeit des medizinischen Studiums im Lande zu eröffnen. Laut Beschluß des Reichsraths soll im Juli 1897 das„ Medizinische Institut für Frauen" in Petersburg eröffnet werden. Dieser Umstand spricht doch gegen alles, nur nicht gegen die Befähigung der Frau zur Ausübung des ärztlichen Berufes. Ob der hier angeführten Thatsachen bezüglich der Berufsthätigkeit der russischen Frauen müssen Herrn Professor Albert die Haare zu Berge stehen. Man denke, Frauen haben sich nicht blos als Aerztinnen, sie haben sich sogar in seinem Spezialfache, in der Chirurgie, glänzend bewährt und bewähren sich noch. Denn nicht blos in Rußland, auch in den Vereinigten Staaten, in England und Ostindien, den Ländern, wo gegenwärtig die meisten Aerztinnen praktiziren, giebt es nicht wenige davon, die sich mit der Ausübung der Chirurgie in hervorragender Weise befassen. In Indien gab es z. B. 1892 schon 57 Frauenhospitäler, an denen 334 Aerztinnen praktizirten. In diesen Spitälern sind laut der amtlichen Statistik im Jahre 1892 nicht weniger als 515 536 Frauen ärztlich behandelt worden, viele von ihnen hatten selbstredend chirurgische Hilfe nöthig und fanden sie. Nach einer offiziellen Arbeitsstatistik zählte man in den Vereinigten Staaten 1890 bereits 4555 Aerztinnen, darunter viele, welche als Chirurginnen eine Privatpraxis ausübten oder an öffentlichen Frauenspitälern thätig waren. Und schrecklich, aber wahr, sogar im biederen Desterreich, das Deutschland in der verständnißlosen Auffassung der Frauenfrage sehr stammverwandt" ist, leistet eine Frau als Aerztin und Operateurin Vorzügliches. ung Frau Dr. Rosa Kerschbaumer, Besizerin und Leiterin einer renommirten Augenheilanstalt in Salzburg, welche als tüchtige Operateurin weit und breit bekannt ist, dürfte Professor Albert gründlich heimleuchten, wenn er ihr mit ihrem Geschlecht und wegen ihres Geschlechtes die Eignung als Aerztin oder als Operateurin absprechen wollte. Als auf einen Kronzeugen für die Nichteignung der Frauen zum medizinischen Studium beruft sich Professor Albert auch auf den sattsam bekannten E. Vogt in Genf. Dieser führt nämlich an, im vorigen Jahr in einer Notiz der„ Frankfurter Zeitung", daß seit dem siebzehnjährigen Bestehen der medizinischen Fakultät in Genf 175 Frauen bei derselben immatrikulirt wurden. Von diesen aber hätten 115 gar nicht ihr Studium beendet und von den übrigen nur 14 ihre Doktorprüfung bestanden. Zu einer lohnenden Praxis hätten es blos drei Nr. 26 der ,, Gleichheit" gelangt am 24. Dezember 1895 zur Ausgabe. gebracht. Ohne uns über die Richtigkeit dieser Zahlen auszulassen, müssen wir uns vor allem gegen den Gewährsmann und seine Glaubhaftigkeit verwahren. Es ist das derselbe C. Vogt, welchen Karl Mary in seiner Broschüre„ Herr Vogt" schon vor 35 Jahren als Lügner, Verleumder, als Ehrabschneider und bezahlten Agent Napoleons III. gebrandmarkt hat. Derselbe ist später, trotz seiner Fruchtbarkeit als Feuilletonist bürgerlicher Zeitungen, nicht glaubwürdiger geworden. Obwohl er seit voriges Jahr nicht mehr unter den Lebenden weilt und man von Todten nur Gutes reden soll, müssen wir ihn als Zeugen entschieden zurückweisen.* In seinen Schlußworten erklärt Professor Albert, daß er sich entschieden gegen das Frauenstudium aussprechen müsse. Und wenn er eine Aerztin, die vielleicht trotz allem das Doktorat erwerben wollte, zu prüfen hätte, so würde er sich nur von strengen Grundsätzen leiten lassen, da doch gleiche Rechte gleiche Pflichten auferlegen. Nun, wenn er heute in den Gesellschaftswissenschaften ebenfalls streng geprüft werden sollte, so müßte man ihm gerechterweise die Note„ ungenügend" ertheilen. Kommende Generationen werden den Kopf schütteln, wenn sie die Ansichten vieler unserer zeitgenössischen Gelehrten über das Studium der Frauen nachlesen, wenn sie all die gewichtigen Gründe" erfahren, aus denen sich Professorenweisheit diesem Studium widersetzte. Die geschichtliche Entwicklung geht über diese gewichtigen Gründe" zur Tagesordnung über; vorwärts getrieben von den wirthschaftlichen Verhältnissen bewirkt sie es, daß den Frauen die Universitäten und alle liberalen Berufe erschlossen werden, bewirkt sie mehr als das: nämlich daß der Tag kommt, wo der Klassengegensatz zwischen Reich und Arm verschwindet, der heutigentags das Recht der Frau auf Bildung ausschließlich zu einem Recht macht der Frau der besitzenden Klasse. Dr. Josef Schwarz, Budapest. Kleine Nachrichten. Verstummt ist jedenfalls das Wort organisiren in Saarbrücken. Frau Gnauck- Kühne, welche auf dem evangelisch- sozialen Kongreß die Frauenfrage so klar erörterte, wie sie noch nie von einer bürgerlichen Frau erörtert worden ist, und welche in ihren Arbeiten und Vorträgen im Gegensatz zu ihren Klassengenossinnen auf ernſtes Studium gegründetes ökonomisches Wissen und soweit ihr evangelisch- sozialer Standpunkt nicht in Frage kommt ein streng logisches ein streng logisches Erfassen des geschichtlichen Werdeganges bekundet, hielt in letzter Zeit in Süddeutschland eine Reihe von Vorträgen über die Frauenfrage ab. Mit zwingender Logik des Gedankens und der Darstellung wies sie die wirthschaftlich treibenden Kräfte der Frauenbewegung nach, zeigte sie die Klassengegensätze innerhalb der Frauenwelt und die aus ihnen hervorwachsenden verschiedenen Aufgaben der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung. Ihre Schlußfolgerungen bezüglich der allgemeinen Aufgaben, welche unsere Zeit eines neuen geschichtlichen Knospens den bürgerlichen Frauen stellt, gipfelte in der Mahnung, den Arbeiterinnen zu helfen, sich selbst helfen zu können, sie den bestehenden gewerkschaftlichen Organisationen ihrer Kameraden zuzu führen. Ihre Ausführungen waren nichts weniger als aufreizend, aber sie umnebelte auch nicht die vorhandenen sozialen Gegensätze zwischen Dame und Arbeiterin durch ideologische Gemeinplätze, sie verwiesen die Frau des Proletariats für ihre Befreiung auf sich selbst, auf das Befreiungsringen ihrer Klasse. Nirgends wurde ihr Appell zur Organisirung der Arbeiterinnen für staatsgefährlich erachtet. Offenbar und charakteristisch genug nicht so in Saarbrücken. Denn * Und dies auch in diesem Falle mit gutem Recht. Die Schlußfolgerungen, welche Herr C. Vogt aus den von ihm angegebenen Zahlen zog, sind durchaus hinfällig. Sie beweisen nur eins: Die große Oberflächlichkeit oder den bösen Willen vielleicht auch beides zusammen womit Vogt bei der Ausschlachtung der Zahlen zu Werke gegangen ist. Die überwältigende Mehrzahl der Genfer Studentinnen waren bisher Russinnen und russische Polinnen. Daß wenige davon in Genf ihr Studium beendeten, erklärt sich durch die politischen Verhältnisse des Heimathslandes. Viele von den Studentinnen nahmen thätigen Antheil an den revolutionären Bestrebungen in Rußland, und vertauschten das Studium mit einer politischen Thätigkeit. In Sibirien, in den nördlichen Gouvernements des Zarenreichs, in seinen Kerfern schmachten noch jetzt viele Hunderte russischer und polnischer Studentinnen, unter ihnen viele, die eine Zeitlang ihren Studien in Genf oblagen, Andere verließen die Schweizer Universität, um nicht als„ unzuverlässige Elemente" sich der Gefahr auszusetzen, administrativ verschickt zu werden. Noch andere endlich zogen es vor, ihr Doftorexamen in Paris zu bestehen, da das Doktordiplom der Pariser Universität in Rußland angesehener ist, als das der Genfer. Die Redaktion. 200 hier wurde Frau Gnauck- Kühne gebeten, das Wort organisiren nicht zu gebrauchen. Kommentar der Thatsache überflüssig. Eine schamlose Auswucherung weiblicher Arbeitskraft ist bei der Firma Mathilde Schrödter in Sagan an der Tagesordnung. Viele Arbeiterinnen dieses Betriebs verdienen pro Woche nicht mehr als 3 ME. 50 Pf., nur unter günstigen Umständen und bei äußerster Anstrengung kann der Wochenlohn auf 6 Mt. gesteigert werden. Die Arbeit ist keine leichte, da die Maschinen Handbetrieb haben, und die Fabrik zuweilen in acht Tagen kein Del zum Schmieren liefert. Um den kapitalistischen Profit noch mehr zu steigern, müssen die Arbeiterinnen die Spulen zahlen, welche bei der Arbeit entzwei gehen. Wie üppig müssen doch die betreffenden Arbeiterinnen leben, daß sie es nicht nach dem Muster der„ schämigen" Sparagnes binnen wenigen Jahren zu einem netten Rapitälchen" bringen. Aktives und passives Wahlrecht der Frauen zu Arbeitskammern in Holland. Die niederländische Regierung hat einen Gesetzentwurf betreffs der Schaffung von Arbeitskammern ausgearbeitet, zu denen auch den Frauen das attive wie das passive Wahlrecht zustehen soll. Mitglieder der zu errichtenden Arbeiterkammern können nämlich nach dem Entwurfe alle männlichen und weiblichen Niederländer sein, die das Alter von 30 Jahren erreicht haben, in der betreffenden Gemeinde seßhaft und seit einer gewissen Zeit als Unternehmer oder Arbeiter thätig sind. Das Wahlrecht zu den Arbeitstammern besitzt jeder Holländer, ohne Unterschied des Geschlechts, der die beiden letztgenannten Bedingungen erfüllt und 25 Jahre alt ist. Aufgabe der Arbeitskammern soll sein: die Interessen der Unternehmer wie der Arbeiter durch das Einziehen von Erkundigungen über alle Arbeitsangelegenheiten zu fördern; dem Reich, den Provinzen und den Gemeinden mit Rath und That über die Interessen der Arbeit zur Seite zu stehen; den Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern vorzubeugen bezw. solche beizulegen. Die von Seiten der Arbeitskammern zu ernennenden Schiedsgerichte sollen zu gleichen Theilen aus Arbeitern und Unternehmern zusammengesetzt sein. Die Gleichstellung der Geschlechter in dem Entwurf geht von der durchaus richtigen Auffassung aus, daß die Arbeiterin, die gleich ausgebeutet wird wie der Mann, die nämlichen Rechte besitzen muß wie er, um ihre Interessen wahren zu können. Die deutschen gesetzgebenden Gewalten haben sich bekanntlich seinerzeit nicht dazu aufschwingen können, den Arbeiterinnen das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zu verleihen, wie die Sozialdemokratie dies forderte. Ein Kellnerinnenstreik in London. Ende Oktober traten Ausgebeutetste der Ausgebeuteten, traten Kellnerinnen in London in einen Ausstand, um eine Verschlechterung ihrer Lohnverhältnisse zurückzuschlagen. Die Aufwärterinnen bezw. Kellnerinnen, welche bei der Firma Lyons& Komp. in den elegant ausgestatteten„ Erfrischungsräumen" ein Mittelding zwischen Café und Restaurant bedienen, flagten von Anfang an über schlechte Lohnb edingungen. Trotzdem setzte die Firma die Löhne noch weiter herab, indem sie bestimmte, daß die Kellnerinnen statt 5 Prozent nur noch 2 Prozent Verkaufsprovision erhalten sollten. Allerdings hieß es, die Bestimmung solle nicht für die älteren und bewährten Aufwärterinnen gelten, sondern blos für die Anfängerinnen. In Wirklichkeit war dies aber nicht der Fall, und deshalb traten in mehreren Zweiganstalten des Unternehmens die Kellnerinnen in Ausstand. Wie vorauszusehen, fonnte der Streif nicht erfolgreich durchgeführt werden, da den Kellnerinnen jede gewerkschaftliche Organisation fehlt. Mehrere der stattgefundenen Versammlungen verfolgten deshalb den Zweck, die Ausständigen für eine erfolgreiche Durchführung des Streits zu organisiren und einen Kellnerinnenverband zu gründen. Aber diese selbst sträubten sich gegen ihre Organisirung. Man beschloß deshalb, das Publikum zu ersuchen, durch einen Boykott des Unternehmens die Forderungen der Kellnerinnen zu unterstüßen, angesichts der Kundschaft von Lyons& Komp. ein ganz aussichtsloser Beschluß. Eine Deputation von Studentinnen nahm sich der Sache der Aufwärterinnen an, hatte aber mit ihrer Intervention keinen Erfolg. Die Firma Lyons& Komp. triumphirte über die Kellnerinnen, die sich gezwungen sahen, zu den bekämpften Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Anfragen, Zuschriften, Sendungen 2c. sind zu richten an Frau Dttilie Gerndt Berlin O, Blumenstraße 26. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. - Druck und Verlag vor J. H. W. Diez in Stuttgart.