Nr. 1. 2 Die Gleichheit. ZENTA Sabrgang. DES VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH. DEUTSCHLAND M.GLADBACH Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 6. Januar 1897. Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Genossinnen! Gedenkt der Hamburger Hafenarbeiter, welche die Profit- und Herrschgier der Unternehmer durch erbarmungslosen Kampf zur bedingungslosen Unterwerfung und zur Preisgabe des Koalitionsrechts zwingen will. Gedenkt der Tausende von Frauen und Kindern, denen kein fröhliches Weihnachtsfest leuchtete, und die schlimmste Sorgen und Entbehrungen im neuen Jahre erwarten. Es gilt der grimmigsten Noth Derer zu wehren, welche auch für Euere Interessen fämpfen und leiden! Einladung zum Abonnement. Mit der vorliegenden Nummer beginnt der siebente Jahrgang der„ Gleichheit". " Wie bisher so wird die Gleichheit" auch fernerhin mit aller Energie und Schärfe fämpfen für die volle soziale Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirthschaftliche Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Menschen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besißenden und Nichtbesitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Aufhebung dieser Gegenfäße kann jedoch nur erfolgen durch den Klassenkampf: die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Und nur ihr, feineswegs aber der bürgerlichen Frauenrechtelei, die zwar zu Gunsten des weiblichen Geschlechts innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft reformiren will, aber grundsäßlich eine Revolution der Gesellschaft zu Gunsten der ausgebeuteten Klasse zurückweist. Der charakterisirte Standpunkt, der Standpunkt des Klassenkampfs aber muß in einem Organ für die Intereffen der proletarischen Frauen scharf und unzweideutig betont werden. Und dies um so mehr, je mehr sich in letzter Zeit in Deutschland bürgerliche Frauenrechtlerinnen mehr als sonst angelegen sein lassen, durch allgemeine humanitäre Phrasen und kleinliche Konzessionen an Reformforderungen der Arbeiterinnen Quertreiberei unter die proletarische Frauenwelt tragen und sie dem Klassenkampf entziehen zu wollen. Gerade aber die proletarischen Frauen für den Kassenkampf zu schulen, das wird auch in Zukunft die vornehmste Aufgabe der ,, Gleichheit" bleiben. Dem drohenden Ansturm der Reaktion gegen die sozialistische Bewegung zum Troß; der schon verwirklichten besonderen Reaktion gegen die klassenbewußten Proletarierinnen zum Troz! Ihrem alten Programm getreu wird die„ Gleichheit" auch im neuen Jahr rufen zu dem Streit, wo ein hüben und Drüben nur gilt." Wir hoffen, daß sich das Blatt damit die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien erwerben wird. Redaktion und Verlag werden wie bisher Alles aufbieten, was in ihren Kräften steht, damit die Gleichheit" ihrer Aufgabe gerecht wird. " Die Gleichheit" ist im Reichspostzeitungskatalog pro 1897 eingetragen unter Nr. 2902, im württembergischen Katalog unter Nr. 125 und fostet vierteljährlich 55 Pfennig ohne Bestellgeld. Probe- und Agitationsnummern der„ Gleichheit" werden jederzeit gratis abgegeben. Recht zahlreichen neuen Abonnements sieht entgegen Die Redaktion und der Verlag. Verkündigung. Ein freier Bote steh' ich hier und Herold einer freien Stadt, Und eine Botschaft künd' ich euch, die mir ein Gott gegeben hat. Zum erstenmal geschieht es heut', auf dieser Erd' zum erstenmal, Daß sich der Mensch auf Erden wird bewußt der ganzen Menschheit Qual, Des Unrechts, das die Gier ihm thut und Herrschsucht übt und der Betrug, Der ihm die Augen stumpf gemacht, der seinen Geist in Ketten schlug. Und die Bewegung, die ihr schaut, wird unaufhaltsam weitergehn, Vor keines Wahnes Machtgebäu, vor keinem Throne bleibt sie stehn. Bis aus dem Gramgesicht der Welt das Elend nicht mehr grausig schaut, Und bis auf Erden allerwärts ein neuer Menschenfrühling thaut. Das ist die Leuchte, die uns führt, sie strahlt in wunderbarem Glanz, Und wandelt vor uns her im Streit, bis wir den Sieg errungen ganz. Wann abgewaschen von der Zeit das Unrecht sein wird und die Gier, Dann blühen Blumen weit und breit in nie geseh'ner Pracht und Zier. Dann sprudelt hell der Schönheit Born aus tausend Quellen wundersam, Und Sangesweisen werden laut, wie sie bis heut' kein Ohr vernahm. Die pflanzen fort und ewig fort der Menschheit höchsten Jubelschrei, Bis alle Erdenmenschen ihn mitrufen können: Wir sind frei! £. Jacoby Hus ,, Es werde Licht". Geschaart ums rothe Banner. Dröhnenden Schrittes, unter Kriegsfanfaren und Schwertergeklirr schreitet unsere Zeit vorwärts, eine Zeit des Kampfes, der tagtäglichen Revolution, wie faum eine zweite. Revolutionirt das Wirthschaftsleben der Kulturvölfer, revolutionirt die Denkweise, der Wille von Millionen Derer, die in harter Frohn um des Lebens Nothdurft ringen. Dampf und Elektrizität dienen als gehorsame Sklaven des Menschen Arbeit. Eiserne und stählerne Arme regen sich fieberhastig auf sein Geheiß. Ein Druck seiner Hand, und es surren und sausen die Räder und Rädchen der kunstvollsten, selbstthätigen Arbeitsmaschinen. Und nicht rastet und rostet der Fortschritt der Produktionstechnik, mit jeder Vervollkommnung die Mühen der Arbeit mindernd, ihren Ertrag mehrend. Märchenhaft wächst der Reichthum in den einzelnen Ländern. Aber nur einer winzigen Minderheit frommt er. Darbend, mit leeren Händen stehen die Darbend, mit leeren Händen stehen die Abermillionen bei Seite, die mit der Kraft ihrer Nerven, der Stärke ihrer Muskeln den wunderbaren Maschinen Leben und Bewegung verleihen, die Hirn und Arm in den Dienst der weise ersonnenen Produktionsverfahren stellen. Ueberfülle und müßige Ruhe schaffen sie den wenigen Herren, Entbehrungen und düstere Sorge sich selbst, der ungezählten Menge, auf deren Nacken das Kapital herrschend und ausbeutend seinen Fuß seßt, die es in roher Profitgier, plump höhnend in die Wüste der Kulturferne bannt. " Aber nicht mehr in stumpfsinniger Ergebung trägt das Proletariat seiner Klasse Erbtheil. Es weiß und fämpft. Ueberall, wo das moderne Wirthschaftsleben den Gegensatz zwischen Habenichtsen und Reichen zugespitzt hat, ist die in Mühsal robotende Arbeit aufgestanden wider ihre Bedränger. Sie fordert, was ihr gebührt, nicht Kraft eines angeblichen Naturrechts", vielmehr auf Grund ihrer Leistungen für die Gesellschaft, auf Grund der vollzogenen und im Fluß befindlichen wirthschaftlichen Umwälzungen. Und nicht blos für das Heute heischt sie eine Lockerung ihrer Ketten, eine bescheidene Wegzehrung an Brot und Bildung. Siegessicher streckt das Proletariat seine Hand nach dem Morgen aus, an dem es das Joch der Klassensklaverei zerschmettert und mit der Freiheit ein Dasein im Sonnenglanze voller Kultur erobert. In immer dichteren Schaaren, mehr als hoffnungsbewegt, wissend, zielflar folgt das werkthätige Volk dem rothen Banner des Sozialismus in der Arbeit heil'gen Krieg. Denn auch nicht ein Titelchen ihrer Macht, zu herrschen und auszubeuten, läßt die Kapitalistentlasse freiwillig fahren. Die kleinste Abschlagszahlung an die Forderungen der Arbeiterklasse muß von dieser in zähem Kampfe ertrozt werden. Stroßenden Gewinn leitete der geschäftliche Aufschwung des letzten Jahres in die diebs- und feuersicheren Schränke des Unternehmerthums. Aber unter Entbehrungen und Opfern mußten und müssen die karggelohnten Arbeiter und Arbeiterinnen um ein paar Heller höheren Verdienst, um ein klein wenig günstigere Arbeitsbedingungen ringen. Prozenhochmüthig wie je braucht der Kapitalistenklüngel die Macht des Geldsacks zur Unterjochung der breiten Masse. Wo immer er es vermag, da fürzt er jämmerlichen Erwerb zu Hungerlöhnen, da legt er Beschlag auf jede Minute Zeit und jedes Fünkchen Kraft der Lohnsklaven, da sucht er erhöhte Leistungen aus ihnen herauszupressen. Mit List und Gewalt strebt er die dem kapitalistischen Profitwüthen entgegenwirkenden Gewerkschaften zu zerschmettern, die politische Bethätigung der Ausgebeuteten zu hintertreiben. Die organisirten und aufgeklärten Arbeiter und Arbeiterinnen heßt er geächtet von Fabrik zu Werkstatt. Den Rebellen gegen Kapitalsmacht die Hungerpeitsche! Und nicht blos sie. Auch die Schärfe des Schwerts der staatlichen Gewalten! Mögen Auspowerer und Ausgepowerte sich im Blachfelde des politischen oder gewerkschaftlichen Kampfes messen: der Staat erweist sich dafern das Proletariat nicht eine zwingende Macht ist als treulicher Schildknappe der Kas pitalistenklasse. Gegen die vorwärtsstrebende Arbeiterklasse mobilisirt er als Sozialistentödter vom ersten Minister bis zum letzten Schutzmann, zu ihrer Niederbüttelung und Niederdeutelung ruft er Militär und salomonische Weisheit der Rechtsgelehrten ins Gefecht. Heißer, erbitterter wird das Ringen von Klasse zu Klasse. Die sozialen Kämpfe drängen das Interesse an religiösen Streitfragen in den Hintergrund, sie geben den politischen Fehden ihren Inhalt, sie entführen Wissenschaft und Kunst von der beschaulichen ,, höheren Warte", über den Zinnen der Partei" und stellen sie mitten in das Streitgetümmel der Zeit. Denn in gewaltigem Werdegang ringt eine neue soziale Welt die Welt der Freiheit für alles, was Menschenantlig trägt nach Gestaltung. Aber in hartem Anprall stößt sie mit den sich mälig ablebenden Formen der alten bürgerlichen Welt zusammen, welche der Klassenegoismus der Besizenden in alle Ewigkeit aufrecht erhalten möchte. Hier die Vorkämpfer der einen, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, von hehren Zielen geführt, in schrankenloser Hingabe wagend und opfernd. Dort die Anhänger der anderen, für den Besitz und sein Herrschaftsrecht verzweiflungsvoll auch die äußersten Gewaltmittel aufbietend. In welches Lager müssen die proletarischen Frauen als Streiterinnen treten? Sie gehören an die Seite der Männer 2 ihrer Klasse, die zum Ansturm gegen die kapitalistische Gesellschaft marschiren. Denn mag die Proletarierin als Berufsarbeiterin ein armselig Brot essen, oder mag sie als Hausfrau sorgenvoll in der Familie walten: gleich verhängnißvoll, niederdrückend, zermalmend greift die Kapitalsherrschaft in ihr Leben ein. Wenn sie als Lohnsflavin in Fabrik, Werkstatt oder auch daheim dem kapitalistischen Unternehmer zins und tributpflichtig ist, was bleibt ihr nach angestrengtem, aufreibendem Tagwerk an Zeit, an förperlicher und geistiger Frische für ein rein menschliches Ausleben? Für die Erfüllung der Aufgaben als Frau und Mutter, für den Verkehr mit Freunden, für edlen Lebensgenuß, für Erweiterung des geistigen Horizontes, Pflege der Gemüthsbildung? Woher bei dem knappen Lohn, der oft kaum zum Salz aufs Brot reicht, die Mittel nehmen, vorhandene Bildungsgelegenheiten auszunüßen, einen flüchtigen Sonnenstrahl der Freude zu erkaufen? Dazu tagaus tagein der Kampf mit Sorgen, die schwer lastende Unsicherheit der Griſtenz, welche heute ein Rackern bis zur tiefsten Erschöpfung gebietet, morgen mit unfreiwilliger Muße Brotlosigkeit und ihr schwarzes Gefolge an Noth in das kahle Stübchen bringt. Was aber die Berufsarbeiterin unmittelbar unter dem Drucke des Kapitalismus duldet, das leidet die proletarische Hausfrau durch die Vermittlung des Mannes. Hungerlöhne, leberarbeit, Unsicherheit der Eristenz, schwere Besteuerung durch den Kapitalistenstaat, politische Verfol= gungen und wirthschaftliche Maßregelungen: furz, all' die„ Segnungen", mit denen die bürgerliche Welt das werkthätige Volk beglückt, sie bestimmen die Verhältnisse in der Arbeiterfamilie, zerstören ihr bescheidenes Glück über Nacht, häufen Plagen um Plagen auf das Haupt der proletarischen Frau. So zwingt die Klassenlage den Proletarierinnen den Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung auf. Denn so lange diese Gesellschaftsordnung besteht, werden die Proletarierinnen Besizlose bleiben, damit Unfreie und Freudlose, Opfer der Ausbeutung, die im düsteren Schatten eine schmerzensreiche Straße fürbaß ziehen, damit einige Wenige auf den sonnigen Höhen des sozialen Lebens wandeln können. Erst wenn das Proletariat in der sozialistischen Gesellschaft eine Welt erobert und seine Retten verloren hat, erblüht ihnen die Möglichkeit unbehinderter Entwick lung, harmonischen Auslebens. Wo immer proletarische Frauen freiheitsglühend, bildungssehnsüchtig hohen Idealen zustreben, da ziehen sie mit dem männlichen Proletariat beider Welten zur letzten sozialen Schlacht, der Schlacht am Birkenbaum, geschaart ums rothe Banner. Weibliche Aufsichtspersonen in Fabrikbetrieben. Ueber die Verwendung und Thätigkeit weiblicher Aufsichtspersonen in Fabritbetrieben, die eine größere Anzahl Arbeiterinnen beschäftigen, finden sich in den„ Amtlichen Mittheilungen" aus den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für 1893, 1894 und 1895 sehr beachtenswerthe Aeußerungen. Während in den Vorjahren weibliche Aufsicht sehr selten vorgefunden wurde in den„ Amtlichen Mittheilungen" vom Jahre 1889 heißt es u. A.:,,weibliches Aufsichtspersonal bildete noch die Ausnahme 2c. 2c." konnten schon im Jahre 1893 eine Reihe von Betrieben festgestellt werden, in welchen die darin beschäftigten Arbeiterinnen einer weiblichen Aufsichtsperson unterstellt waren. Es sind dies natürlich in erster Linie Betriebe derjenigen. Industriezweige, in welchen Frauenarbeit vorherrschend ist. Aber auch in anderen Fabrikanlagen finden sich weibliche Aufsichtsbeamte vor, die theils allein, theils in Verbindung mit einem Werkführer das weibliche Personal beaufsichtigen. So heißt es u. A. in den Berichten über Potsdam und Frankfurt a. D: In den Petroleumfüllschuppen der Norddeutschen Eiswerke, Aktiengesellschaft zu Rummelsburg und Plößensee, werden die Arbeiterinnen unter weiblicher Aufsicht beschäftigt; ebenso ist in einzelnen Betriebsräumen der königlichen Militärwerkstätten zu Spandau besondere weibliche Aufsicht vorhanden."" In den Arbeitssälen der größeren Fabriken", berichtet der Beamte des Aufsichtsbezirkes Altona, ist gewöhnlich außer einer männlichen Oberaufsicht durch den Werkmeister noch weibliche Aufsicht vorhanden," und aus Mittelfranken wird mitgetheilt:„ Weibliche Aufsicht wurde in Metallwerken und Metallschlägereien beobachtet." Noch günstiger lauten die Berichte vom Jahre 1894. Von verschiedenen Aufsichtsbeamten", bemerken die„ Amtlichen Mittheilungen" dazu, namentlich aus mehreren Bezirken des Königreiches Sachsen wird gemeldet, daß die Beaufsichtigung der Arbeiterinnen durch weibliche Personen im Berichtsjahre in weiterem Umfange Eingang gefunden und daß man damit zufriedenstellende Erfah= rungen gemacht habe." Nach den Mittheilungen des Aufsichtsbeamten für Leipzig z. B. findet sich jetzt ausschließlich weibliche Aufsichtsführung in den Betrieben der Gummiwaaren-, Blumen-, Korsett, Rüschen-, Wäsche, Celluloidwaarenfabrikation; theilweise weibliche Beaufsichtigung dagegen in der Anfertigung von Kartonagen, Zigarrenkisten, Galanterie- und Schuhwaaren, Trifotagen, Musikinstrumenten, Reise- und Badeartikeln, sowie in Buchbindereien. 3 " " Sachsen hervor. Diesbezügliche Mittheilungen machen ferner die Beamten für Lothringen, Hessen 2, Potsdam und Württemberg. Ihre Aeußerungen über die mit dem weiblichen Aufsichtspersonal gemachten Erfahrungen lauten äußerst günstig. Daß eine weitere Einführung der weiblichen Aufsicht wünschenswerth sei," heißt es in den Amtlichen Mittheilungen", ist im Anschluß an beobachtete Einzelfälle in den folgenden Berichtsstellen ausge sprochen. Für den Bezirk Erfurt wird berichtet:„ Weibliche Aufsicht ist bis jetzt in drei Dütenfabriken uad sechs größeren Stickereien eingeführt. Sie hat sich überall recht gut bewährt, so daß sie für Fabriken, in denen in der Mehrzahl weibliche Arbeiter beschäftigt werden, empfohlen werden kann. Eine tüchtige und anständige Betriebsleiterin wirkt auf die Arbeiterinnen in moralischer Beziehung günstig ein und erzielt in Bezug auf Sauberkeit der Personen und Sachen besseren Erfolg als männliche Aufsicht. Jedenfalls würden Fälle wie in einer Weberei des Aufsichtsbezirkes Mülhausen nicht vorkommen. Den Bemühungen des Gewerbeinspektors gelang es in diesem Falle, den Besitzer zu veranlassen, diesen Aufsichtsbeamten, einen jungen unverheiratheten Mann jüdischen Glaubens**, anderweitig zu beschäftigen und ihn durch einen verheiratheten Aufsichtsbeamten zu ersetzen. Schon bei dieser Gelegenheit ist der Mangel einer gefeßlichen Handhabe empfunden worden, um gegen Arbeitgeber, die sich sittliche Vergehen den Arbeiterinnen gegenüber zu Schulden kommen lassen, einzuschreiten. Der angeführte Fall veranlaßte den Berichterstatter, die sittlichen Verhältnisse in anderen Betrieben, die vorzugsweise Arbeiterinnen beschäftigen, zu prüfen. Zu diesem Zwecke versuchte er es zunächst mit Anfragen und Erkundigungen in den Betrieben, jedoch mit negativem Erfolge. Dann trat er mit älteren Arbeiterinnen, von denen bekannt war, daß sie die Verhältnisse genau kannten und auch das Vertrauen ihrer Mitarbeiterinnen genossen, in Verbindung und lud sie in Begleitung eines ebenfalls angesehenen Arbeiters zur Besprechung dieser und anderer Angelegenheiten in seine Wohnung ein. Hier entwickelte sich eine Unterhaltung, die die sittlichen Verhältnisse in manchen Betrieben, namentlich in solchen der hiesigen Bekleidungsindustrie, in theilweise trübem Lichte erschei nen ließ. Diese Besprechungen erwiesen sich als vorzüg Bekannt sind die häufigen Klagen der Arbeiterinnen über unwürdige Behandlung und Mißhandlung seitens des männlichen Aufsichtspersonals, über die nicht selten vorkommenden unsittlichen zu dringlichkeiten desselben. Da liegt es denn auf der Hand, welch' großen Vortheil die Einführung weiblicher Aufsicht in sich birgt, und wie sehr es im Interesse der Arbeiterinnen liegt, dieselbe mehr und mehr auf alle diejenigen Betriebe auszudehnen, in denen Frauen und Mädchen beschäftigt werden. Aus dem eben angeführten Grunde wird auch von mehreren Aufsichtsbeamten der Wunsch" für weitere Einführung weiblichen Aufsichtspersonals geäußert. So machte z. B. der Beamte für Lothringen nachstehende bemerkenswerthe Mittheilung:„ Der Aufseher in den Lagerräumen einer großen Glashütte wurde im vorigen Jahre zu längerer Gefängnißstrafe verurtheilt, wegen Mißbrauchs seiner Stellung gegenüber den ihm unterstellten Arbeiterinnen. Die gerichtliche Verhandlung läßt zur Ge nüge erkennen, daß hier auf die Anstellung weiblicher Aufseher hingewirkt werden muß." Bei einer Erörterung über einen Ausstand stellte sich heraus, daß zwei verheirathete Beamte einer Fabrik in Plauen i. V. außerhalb derselben mit ledigen Arbeiterinnen in Verkehr getreten" waren, sowie daß der Eine mit denselben in unsittlicher Weise Umgang gepflogen" und einige(!) dieser Arbeiterinnen bei Prüfung der abgelieferten Waare und bei der Lohnzahlung gegenüber den anderen Arbeitern der Fabrik begünstigt hatte. Dieser Beamte wurde zwar nicht, wie von den Ausständigen verlangt, entlassen, jedoch einem anderen Betriebsleiter unterstellt, welcher in gerechter Weise auf straffe Ordnung hält."( Bericht über Plauen i. V.) Leider zog der betreffende Aufliches Mittel, diejenigen Verhältnisse der Arbeiterinnen sichtsbeamte nicht dieselben Konsequenzen wie sein Kollege für Lothringen und wie in Nachstehendem Dr. Wörishoffer es thut.„ Weibliche Aufsicht", heißt es in dessen Bericht für Baden von 1894, ist noch nicht in genügendem Maße dort eingeführt, wo sie wünschenswerth ist. Dies geht aus den da und dort immer wieder auftauchenden Klagen über Mißhandlung von Arbeiterinnen durch Werkführer und sonstiges Aufsichtspersonal hervor. Wo solche Fälle zu unserer Kenntniß gelangten, haben wir jeweils die betreffenden Firmen zur Aeußerung darüber aufgefordert, was zur fünftigen Verhütung solcher Vorkommnisse seitens der Leitung geschehen sei. In einem Falle, in welchem öffentlich behauptet wurde, ein Werkmeister habe eine Arbeiterin aus unerheblicher Ursache in das Genick geschlagen und sonst mißhandelt, verweigerte die Direktion der Fabrik sich auf die Sache näher einzulassen, weil die betreffende Arbeiterin sich nicht bei der Fabrikleitung beschwert habe.(!) Nach der sonstigen Stellungnahme der Fabrik den Arbeitern gegenüber war aber die Arbeiterin berechtigt, eine Beschwerde bei der Fabrikleitung für wenig erfolgreich zu halten, und es wurde der Fabrik zu erkennen gegeben, daß man unter den vorliegenden Umständen und im Hinblick auf die verweigerte Auskunftsertheilung die Beschwerde für begründet halte." Wie den verschiedenen Mittheilungen zu entnehmen ist, hat sich die Einführung des weiblichen Aufsichtspersonals allenthalben bewährt. Nur in einzelnen Fällen wird bemerkt, daß es demselben nicht gelinge, sich die erforderliche Autorität zu verschaffen. Daß die Ursache dafür aber nicht in dem Personal an und für sich zu suchen ist, sondern wohl an der Fabrifleitung, respektive den Anordnungen derselben liegt, geht aus Aeußerungen anderer Aufsichtsbeamter hervor. Sehr anerkennend über die Thätigkeit weiblicher Aufsichtspersonen äußert sich der Gewerbeaufsichtsbeamte für Mittelfranken. Anstände er gaben sich sehr selten", heißt es in dessen Bericht, jedenfalls nicht häufiger, als bei männlicher Aufsicht, und die Arbeitsräume zeichneten sich in der Regel durch Ordnung, Sauberfeit und Ruhe vortheilhaft aus." Aehnlich urtheilt auch der Beamte für Zwickau; und aus Zittau wird berichtet:„ Weibliche Aufsichtsorgane achten weit strenger als männliche Aufseher darauf, daß Verlegungen der guten Sitten und des Anstandes nicht vorkommen." " Im Jahre 1895 ist die Verwendung weiblicher Aufsichtspersonen in weiterem Umfange geschehen. Es geht dies in erster Linie wieder aus den Berichten der Aufsichtsbeamten für das Königreich kennen zu lernen, die sich bei den regelmäßigen Revisionen. dem Auge und den Nachforschungen des Beamten entziehen, deren Kenntniß aber für ihn von großer Wichtigkeit ist. Es ist deshalb den Gewerbeinspektoren empfohlen worden, ebenfalls solche Frauen als Vertrauenspersonen heranzubilden. Sollte sich diese Einrichtung weiterhin bewähren, so würde sich die Anstellung weiblicher Aufsichtsbeamten erübrigen."( Wirklich?) ,, Weibliche Aufsicht ist in Betrieben, die vorzugsweise Arbeiterinnen beschäftigen, nach den gemachten Wahrnehmungen sehr häufig dringendes Bedürfniß. Leider giebt es aber kein Mittel, die Arbeitgeber hierzu anzuhalten. In einigen Fällen fanden fortgesezte Mißhandlungen der Mädchen durch Aufseher statt. In einer großen Anlage für Seilfabrikation traten sie aus unbedeutendem Anlasse ein, sobald z. B. an den Maschinen eine kleine Unregelmäßigkeit vorkam. Die Arbeiterinnen wurden mit beiden Händen am Halse geschüttelt und mit dem Kopfe an die Maschinen gestoßen(!!!), sie erhielten Ohrfeigen, wurden in das Genick geschlagen, an beiden Ohren gepackt und herumgezogen, bekamen Fußtritte u. s. w. In einem Falle wurde auch ein Mädchen so mit dem Arme in die Maschine gezogen, daß eine Verlegung der Hand entstand. In fünf Fällen waren Klagen vor dem Amtsgericht erhoben worden. Sie endeten mit Vergleichen, wobei der Aufseher 10-15 Mt. Entschädigung bezahlte und die Kosten übernahm. Der Versuch, eine Ersehung des Aufsehers durch eine Aufseherin herbei zuführen, mißlang vollständig, da die Fabrikleitung mit demselben sehr zufrieden(!) war. Sie habe keinen Anlaß, den ,, pflichttreuen" Aufseher zu entfernen. Eine genügende Abhilfe würde sich in solchen Fällen nur erwarten lassen, wenn die Arbeite= rinnen in jedem Falle von Mißhandlung den Schutz der Behörden anrufen würden, was sie aus Furcht, entlassen zu werden, nicht thun. Die Fabrik berief sich auch hier wieder auf das niedere sittliche Niveau der Arbeiterinnen. Da sie schon früher ein Gesuch um Bewilligung ausgedehnter Ueberarbeit in ähnlicher Weise begründet hatte die Neberarbeit sollte auch dazu dienen, die Unfittlichkeit zu verhüten so sind solche Urtheile nur mit großer Vorsicht aufzunehmen. Jedenfalls dienen * Bereits angeführt. ** Daß verheirathete Männer, die gerade nicht jüdischen Glaubens sind, es ebenso machen, beweisen die Mittheilungen des Beamten für Plauen i. V. Mißhandlungen in Verbindung mit Ueberarbeit nicht dazu, das moralische Selbstgefühl, welches doch die Grundlage jeder Sittlichkeit ist, zu heben." So im Bericht für Baden zu lesen. Die angeführte Stelle ist nicht nur bezüglich der Frage der weiblichen Aufsicht äußerst interessant. „In mehreren Anlagen sprachen die Arbeiterinnen sich sehr befriedigt über die weibliche Aufsicht aus, wobei hervorgehoben wurde, daß diese eine schärfere sei, als die des männlichen Aufsichtspersonals Erwünscht wäre es, wenn auf diesem Gebiete umfangreichere Versuche angestellt würden, es hätte dann nicht vorkommen können, daß in einer Fabrik, die neben 119 Arbeitern auch Frauen beschäftigt, eine achttägige Arbeitseinstellung deshalb eintrat, weil der Meister sich unsittliche Zumuthungen gegen das weibliche Personal erlaubte und die Widerstrebenden durch Ausgabe weniger vortheilhaften Materials zur Verarbeitung chikanirte. Der fragliche Meister wurde in diesem Falle von der Firma entlassen, auch eine andere Geschästseintheilung beliebt, womit der Ausstand beendet war."(Bremen.) Das übereinstimmend günstige Urtheil von Fabrikinspektoren über die weibliche Aufsicht in den industriellen Betrieben legt eine Frage nahe. Wenn die Frau sich vorzüglich eignet zur Ueberwachung gewerblicher Anlagen im Dienste und im Interesse der Besitzer und zum Nutzen der Arbeiterinnen, warum sollte sie— die nöthigen Kenntnisse vorausgesetzt nicht auch eine treffliche Fabrikinspektorin sein, welche im Dienste des Staats, im Interesse der Arbeiterinnen und der Allgemeinheit die Durchführung der bestehenden Gesetzesvorschriften überwacht und den weiteren Ausbau des Arbeilerschutzes fördert? _ Sofie Schön. Aus der Bewegung. Bon der Agitation. Eine größere Agitationslour durch Thüringen unternahm Genossin Kähler-Wandsbeck in der Zeit vom 21. November bis 5. Dezember v. I. In zwölf Orten, größeren und kleineren Städten, sowie auch Dörfern, fanden Versammlungen statt, in denen die Referentin die Themata behandelte: „Die sozialdemokratische Bewegung eine Kulturbewegung, und welches Interesse haben die Frauen an ihr?" und„Das Programm der Sozialdemokratie." Eine längere Agitationstour zählt für die Referenten gewiß nicht zu den Bequemlichkeiten dieses Lebens, obendrein im Winter und in der Hauptsache von kleinerem Orte zu kleinerem Orte, wo die gute Verbindung fehlt, oftmaliges Umsteigen und Aufent- l Ein Traum. Eine Wrihnachks-Irgrndr von W. Korolenlio. 1. Diesen Traum träumte der arme Makar, der seine Lämmer in fernen, düsteren Gegenden weiden läßt— jener alte Makar, den, wie bekannt, alle Vorwürfe treffen. Seine Heimath— das öde Dorf Tschalgan— verlor sich ganz in dem großen Jakutsker Walde. Die Väter und Vorfahren Makars rangen diesem Walde ein Stück durchfrorenen Landes ab, und obgleich sie auch von fast undurchdringlichem Walde eingeschlossen waren, ließen sie doch nicht den Much sinken. Auf dem bearbeiteten Felde erstanden Zäune, Scheunen und Schober, niedrige rauchige Hütten, und endlich erhob sich, wie eine Siegesfahne, in die Lüfte mitten im Dorfe ein Kirchthürinlein, und Tschalgan ward zum großen Dorfe. Während aber Väter und Vorfahren Makars mit dem Walde rangen und kämpsten, ihn mit Feuer und Schwert vernichteten, um den Boden urbar zu machen, verwilderten sie selbst mehr und mehr. Jakutische Mädchen zu Frauen nehmend, übernahmen sie auch ihre Sprache und Sitten. Die charakteristischen Züge des gewaltigen russischen Volkes wurden immer undeutlicher und schwanden immer mehr. Indessen vergaß unser Makar doch nicht, daß er ein Tschal- ganischer Bauer war. Als solcher war er geboren, hier hatte er gelebt und hier wollte er sterben. Er war auf seinen Geburtsort stolz und schimpfte andere häufig„verfluchte Jakuten", obgleich er selbst von den Jakuten sich weder durch Sitte noch Lebensart unterschied. Russisch sprach er wenig und schlecht, kleidete sich in Thierfelle, trug kamtschadalische Beinkleider, nährte sich von Gebäck mit Theeaufguß und bereitete sich an Feiertagen oder in anderen außergewöhnlichen Fällen so viel geschmolzene Butter, � 4 halt in kleinen, unfreundlichen, kalten Wartestellen mit in den Kauf genommen werden muß. Aber der Erfolg der Agitationstour war ein so vorzüglicher, daß er die Referentin für alle Strapazen und Beschwerlichkeiten der Reise reichlich entschädigte. Alle Versammlungen, auch die in den Dörfern, waren sehr gut besucht, und zwar machten allerorten die Frauen einen starken Theil des Publikums aus. Angehörige der verschiedensten Bevölkerungsklassen hatten sich eingefunden, Gegner meldeten sich fast nirgends zum Wort. Manch' altes Mütterchen, manch' grauköpfiger Dorfbewohner bekundete durch Nicken oder durch den Ausruf:„Sie hat Recht, so ist es." Zustimmung zu den Ausführungen der Referentin, die überall lebhaften Beifall erntete. Allenthalben hatte diese den Eindruck, daß das werk- thätige Volk den Sozialismus mit offenen Armen aufnimmt. Versammlungen fanden statt in Mühlhausen, Salza bei Nordhausen, Nordhausen, Neustadl a. Orla, Apolda, Bürgeln bei Jena, Gera, Heinrich, Schleusingen, Suhl, Erfurt, Eisenach. In Mühlhausen stand leider den Genossen kein genügend großes Lokal zur Verfügung; den Wünschen der herrschenden Kapitalistenklique entsprechend verweigern die Wirthe die größeren Säle. Die Versammlung in Neustadt a. Orla, in welcher weder der Lehrer noch der Pastor fehlte, erfuhr durch ungerechtfertigtes behördliches Eingreifen eine Unterbrechung. Die Referentiu entwickelte hier„das Programm der Sozialdemokratie". Als sie die Erklärung des Satzes begann:„Religion ist Privatsache", erhob sich der überwachende Beamte mit der Bemerkung, die Religion dürfe nicht in den Kreis der Erörterung gezogen werde». Nachdem Genossin Kähler diese Ansicht zurückgewiesen, konnte die Versammlung weiter tagen. Es war zum erstenmale seit langer Zeit, daß in Neustadt eine Versammlung nicht von vornherein verboten wurde oder der Auslösung verfiel. Interessant war das Gepräge der Versammlung in Bürgeln bei Jena.„Um einmal eine Frau sprechen zu hören", hatten sich Angehörige aller Kreise eingefunden, die Tag- löhnerin wie die„Frau Doktor", der Handarbeiter wie der Kaufmann zc. Von den zahlreich anwesenden bürgerlichen Elementen trat Niemand den Ausführungen der Rednerin entgegen. Eines geradezu großartigen Besuchs erfreute sich die Versammlung in Heinrich, einem Dorfe des Thüringer Waldes. In lautloser Stille, mit gespanntester Aufmerksamkeit, inan ist fast versucht zu sagen mit einer Art religiösen Andacht, folgten hier die Anwesenden dem Vortrage. In Eisenach meldete sich ein Herr Doktor, ein Anhänger der National- Sozialen, zum Wort. Mit vielen Ausführungen der Referentin erklärte er übereinzustimmen, aber eine durchgreifende Besserung unserer sozialen Verhältnisse erwartete er nicht von der Sozialdemokratie. ! Eine solche kann sich seiner Ansicht nach nur aus nationaler und als gerade im Hause vorhanden war. Er ritt recht gut auf Ochsen und rief, wenn er sich unwohl fühlte, den Schamanen, der mit Beschwörungen und Sprüngen auf ihn eindrang, um den bösen Geist der Krankheit zu bannen. Er arbeitete viel und schwer, lebte in größter Armuth, litt Hunger und Kälte. Halte er andere Gedanken und Sorgen, als die um sein Gebäck und seinen Thee? Ja, er hatte welche. Wenn er betrunken war, pflegte er zu weinen.„Was für ein Leben führen wir!"— sagte er dann. Außerdem pflegte er dann zu sagen, er wünsche alles liegen zu lassen und auf den Berg zu gehen. Tort würde er nicht zu pflügen und nicht zu säen, das Holz nicht zu hacken und zu führen, ja sogar auf der Handmühle das Korn nicht zu mahlen brauchen, sondern nur für sein Heil zu sorgen haben.— Was das für ein Berg wäre, wo er läge— das wußte er nicht genau; er wußte nur, daß es einen solchen Berg gebe, und daß er weit, weit entfernt sei— so weit, daß selbst der Herr Bezirksvogt dort ihn nicht würde erreichen können... Steuern würde er natürlich auch nicht nöthig haben zu zahlen. Nüchtern überließ er sich nicht diesen Gedanken— wahrscheinlich die Unmöglichkeit einsehend, solch' einen prächtigen Berg je zu finden. Im Rausche aber wurde er kühner. Er gab die Möglichkeit zu, den echten Berg verfehlen und zu einem falschen gerathen zu können.„Dann werde ich untergehen—" sagte er. Wenn er seinen Wunsch indessen nicht zur Ausführung brachte, so lag die Schuld wohl daran, daß die tatarischen Ansiedler ihm stets schlechten Branntwein verabfolgten, welcher zur Erhöhung der Stärke auf schlechtem Tabak abgezogen wurde— ein Branntwein, von dem er schwach und krank wurde. Es war am heiligen Abend, und Makar wußte, daß morgen ein großer Feiertag sei. Ihn quälte daher der sehnliche Wunsch, einen kleinen Trunk zu thun, doch besaß er nichts, womit er ein christlicher Grundlage vollziehen. Unter reichem Beifall der Versammlung trat Genossin Kähler diesen Ausführungen entgegen und wies das Unhaltbare des entwickelten bürgerlich- reformlerischen Standpunkts nach. Die Begeisterung, mit welcher die Vorträge überall aufgenommen wurden, läßt hoffen, daß die Agitation der Genossin Kähler das ihrige dazu beigetragen hat, weitere Kreise der werkthätigen Masse dem Sozialismus zu erschließen, Männer und Frauen dem großen heiligen Kampfe zu gewinnen, den das klassenbewußte Proletariat um Freiheit, Bildung und Wohlstand für alle führt. W. K. Eine Reihe sehr wirkungsvoller Agitationsversammlungen hielt Genossin Baader- Berlin in der Zeit vom 28. November bis 6. Dezember d. J. ab. Sie sprach in Leipzig, Groißsch, Pegau, Eilenburg und Weißenfels, theils in öffentlichen Versammlungen der Arbeiter und Arbeiterinnen des Schuhmachergewerbes, theils in Volksversammlungen. Ferner referirte sie in einer Versammlung der Porzellanarbeiter und Arbeiterinnen zu Altwasser in Schlesien und in einer Volksversammlung im Bärengrund bei Altwasser. Leider mußten zwei andere im Kreise Waldenburg geplante Versamm, lungen unterbleiben, da es den Arbeitern nicht gelang, Lokale aufzu= treiben. Die Versammlungen waren durchweg gut besucht. In erfreulich großer Zahl wohnten ihnen Frauen bei. Ihre Uebereinstimmung mit den Ausführungen der Referentin gaben die Versammelten durch reichen Beifall zu erkennen, sowie durch Annahme einer Resolution, in der sie sich verpflichteten, eifrig für die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die gewerkschaftlichen Organisationen zu wirken und bestrebt zu sein, die Frauen zu tüchtigen Sozialistinnen heranzubilden. Der gewaltige Kampf der Hamburger Hafenarbeiter und Seeleute reicht wider Erwarten aus dem alten in das neue Jahr hinein. Wohl hatten die Streikenden sich noch vor Weihnachten an den Senat mit dem Ersuchen gewendet, einen für beide Theile ehrenvollen Frieden herbeizuführen. Statt aber die Hand zum Ausgleich zu bieten, sann die oberste Behörde den Arbeitern bedingungslose Unterwerfung an, ohne jede Bürgschaft dafür, daß auch nur ein Theil der Forderungen berücksichtigt werden würde. Trotzdem hielt es das Streikkomite nach dreizehnstündiger Berathung für seine Pflicht, den Vorschlag des Senats den Ausständigen zur Annahme zu em= pfehlen. Denn wenn diese auch bisher alle Unbill des Kampfes mit bewunderungswürdigem Heldenmuth getragen, wenn auch das proletarische Solidaritätsgefühl sich thatkräftig bewährt: werden doch die nöthigen Opfer mit der Länge des Kampfes immer schwerere. Die Streitleitung fonnte nicht weiter mit Sicherheit ausreichende Unterstützung in Aussicht stellen. In den großen Versammlungen der Streifenden, wo die inhaltsschwere Frage zur Entscheidung stand, Fläschchen Branntwein sich hätte kaufen können. Es war kein Brot mehr im Hause, und Makar stand bei allen örtlichen Krämern und Tataren bereits tief in der Kreide. Indeß war morgen ein großer Festtag, arbeiten durfte er da nicht.... Was soll er denn anfangen, wenn nicht trinken? Dieser Gedanke machte ihn unglücklich. Was ist das für ein Leben? Selbst an einem solch' großen Feste fonnte er nicht einmal eine Flasche Branntwein leeren! Da verfiel er auf einen guten Gedanken. Er erhob sich und zog seinen zerrissenen Pelz an. Seine Frau, ein fräftiges, sehniges, ausnehmend starkes und ebenso ausnehmend häßliches Weib, die allen seinen keineswegs hochfliegenden Gedanken auf den Grund zu blicken verstand, errieth auch dieses Mal sein Vorhaben. ,, Wohin, du Teufel! Wieder willst du allein Branntwein zechen?" " Schweige nur still! Ich will eine Flasche davon kaufen. Morgen wollen wir sie zusammen austrinken." Er gab ihr einen liebkosenden Schlag auf die Schulter, der aber so start war, daß sie wankte, und sah ihr schlau in die Augen. Wie ist doch das Herz des Weibes so seltsam! Sie wußte ganz genau, daß Makar nicht Wort halten würde, ergab sich aber doch der Zärtlichkeit ihres Gatten. Er trat hinaus und fing seinen alten Schimmel ein, den er an der Mähne zum Schlitten führte und einspannte. Bald darauf verließ er auf seinem Schlittchen, von dem Gaul gezogen, den Hof. Als sie das Gehöft hinter sich hatten, blieb der Gaul stehen und sah sich umblickend seinen Herrn an, der nun den linken Zügel anzog und nach dem Ende des Dorfes hinfuhr. Am äußersten Ende des Dorfes stand eine kleine Hütte, aus der, wie aus allen anderen, sich ferzengerade in die Lüfte Rauch erhob, mit weißer wogender Masse die kalten Sterne und den hellen Mond überziehend. Im Hofe war's still. Hier lebten Fremde. Wie sie hierher gekommen waren, und welche Unglücksfälle sie hierher getrieben hatten, wußte Makar nicht, 5 erklärten sich 7265 von 10936 Arbeitern für die Fortsetzung des Kampfes. Lieber durch Hunger zu Grunde gehen, als sich dem progigen Unternehmerthum auf Gnade und Ungnade ergeben, dies die Ansicht, welche wieder und wieder aus der Mitte der Versammelten erklang. Und in brüderlicher Solidarität hat sich die der bedingungslosen Wiederaufnahme der Arbeit geneigte Minderheit dem Beschluß der Mehrheit gefügt. Sie erklärte, in unverbrüchlicher Treue mit den Kameraden auszuharren. So tobt der Kampf in der gleichen Ausdehnung, aber verschärft weiter. Verschärft durch die berechtigte Erbitterung der Ausständigen über das Von- der- Hand- weisen jedes ihrerseits gemachten Ausgleichs, verschärft durch die offene Parteinahme der Staatsgewalten für den hochmüthigen, profitgierigen Kapitalistenflüngel. Nur höchst unvollständig und schleppend geht die Arbeit im Hafen vor sich. Die geringe Zahl der von auswärts herangezogenen Streitbrecher vermag die Ausständigen nicht zu ersetzen. Dies um so weniger, als die Eingestellten ihren Kräften und der Uebung nach der schweren Hafenarbeit keineswegs gewachsen sind. Dadurch erklärt sich auch, daß die Zahl der Unglücksfälle mit tödtlichem Ausgang und der schweren Verletzungen eine erschreckend große ist. Die Streifenden sind voller Zuversicht. Geschlossen und muthig wie am ersten Tage stehen sie im Kampf. Möge es der Solidarität des deutschen Proletariats gelingen, den nackten Hunger von der Thür der Wackeren zu scheuchen, so daß diesen ein Friede wird, der ihnen menschenwürdigere Arbeitsbedingungen sichert. Sendungen für die Streikenden sind zu richten an E. Schippmann, Schaarthor 7, 1. Etage, Hamburg. Etwas von den Arbeitsbedingungen in der Spielwaaren- Industrie zu Walkershausen i. Th. Ein wenig abseits von den Hauptverkehrsadern, welche Thüringen durchschneiden, durch eine Zweigbahn von Fröttstett aus zu erreichen, liegt das anmuthige Städtchen Waltershausen. Die liebliche Gegend und ein freundlicher Menschenschlag lassen den dorthin verschlagenen Fremden gern verweilen. Tagsüber scheinen die Straßen des Städtchens wie ausgestorben. Nur hin und wieder begegnet man einzelnen Frauen, die mit hastigen Schritten, das Jüngste im faltenreichen, kattunenen Mantel auf dem Arm, über die Straße eilen, um Besorgungen zu machen oder die " Hucke" auf dem Rücken, fertige Arbeit abzuliefern. Tummelnde Kinderschaaren sind hier so gut wie unbekannt. Man könnte auf den Gedanken kommen, der Nachwuchs im Orte stürbe klein, wenn nicht das interessirte ihn auch nicht; er liebte es nur, mit ihnen zu thun zu haben, da sie ihn nicht bedrückten und mit dem Lohne nicht hinhielten. Als Makar in die Hütte trat, rückte er sofort zum Ofen, an dem er seine erfrorenen Hände wärmte. " Hu!" sagte er, damit ausdrückend, daß ihn friere. Die Fremden waren zu Hause. Auf dem Tisch brannte ein Licht, obgleich sie nicht arbeiteten. Der eine lag auf dem Bette und folgte mit seinen Augen den Ringen, die er aus einer Pfeife blies, und dachte. Der andere saß am Ofen und sah auch nachdenklich die. Flämmchen im brennenden Holze hin- und herzüngeln und huschen. ,, Guten Abend!" sagte Makar, um das ihn drückende Stillschweigen zu brechen. Allerdings wußte er nicht, welch' ein Leid auf den Herzen der Fremden lastete, welche Gedanken und Erinnerungen in ihrem Geiste am heutigen Abend wachgerufen waren, welche Gebilde ihnen die Ringe aus der Pfeife und die Flämmchen am Holze vorzauberten. Dann hatte er ja auch seine eigene Sorge. Der junge Mann, der am Ofen saß, erhob sein Haupt und blickte trübe auf Matar, als erkenne er ihn nicht. Dann schüttelte er sein Haupt und erhob sich hastig vom Stuhle. ,, Ah, guten Abend, guten Abend, Makar! Das ist doch hübsch, daß du gekommen bist. Kannst mit uns Thee trinken." Makar gefiel dieser Vorschlag. " Thee?" fragte er, ja, weshalb denn nicht? Das ist sehr schön!" Schnell. legte er ab. Nachdem er Pelz und Müße abgeworfen hatte, fühlte er sich freier, und als er die Kohlen in der Theemaschine. erglühen sah, wandte er sich an den Jüngling mit der Aeußerung: „ Ich liebe euch, ja, liebe euch so sehr so sehr! Sogar die Nächte schlaf' ich nicht..." Der Fremde wandte sich um und über sein Gesicht huschte ein bitteres Lächeln. ein recht schönes Schulhaus eines Besseren belehrte. Kinder giebt es in Waltershausen sogar viele, aber sie hocken, bevor sie in die Schule gehen und sobald der Unterricht zu Ende, in der Stube und arbeiten; arbeiten schon im zartesten Alter an der Herstellung von Spielsachen für glücklichere Kleine, und diese Arbeit läßt ihnen selbst keine Zeit zum fröhlichen Kinderspiel. Waltershausen ist der Sitz einer ausgedehnten Spielwaarenindustrie, und der Polyp Kapitalismus saugt nicht blos die Erwachsenen aus, sondern auch die Kinder, die für den Erwerb frohndend, ohne Lebenskraft und Lebensfreude heranwachsen. Die noch nicht arbeitsfähigen Kleinen, deren Eltern in der Fabrik beschäftigt sind, werden tagsüber in Kinderbewahranstalten, die von der Kirche errichtet sind, gegen ein Entgelt von zehn Pfennig untergebracht. Dafür erhalten sie nicht nur Aufsicht, sondern zu ihrem mitgebrachten Brote warme Suppe. Es ist daher wohl zu verstehen, daß die Kirche unter den Frauen einen gewissen Anhang besitzt: die Mütter empfinden es als eine Wohlthat, ihre lieben Kleinen tagsüber in sicherer Obhut zu wissen. Als Hauptindustriezweig wird in Waltershausen die Puppenfabrikation betrieben. Fabrik und Haus arbeiten einander dabei in die Hand. Was hier Fabriken" genannt wird, sind eigentlich nur Manufakturen. In ihnen wird ebenso, wie in der sehr verbreiteten Hausindustrie, alles mit der Hand gearbeitet, nur daß dort die verschiedenen Gruppen der Arbeiter räumlich vereinigt sind. Das nahe gelegene Ohrdruff liefert der Waltershausener Puppenfabrikation Puppenkörpertheile aus Porzellanguß. Die Anfertigung und Zusammensetzung derselben, das Bekleiden der Puppen mit Hemden geschieht mittels weitgehender Theilarbeit. Bei der folgenden Stizzirung der Erwerbsverhältnisse der verschiedenen Spezialisten" halten wir uns an die Reihenfolge der Verrichtungen, welche nöthig sind, damit aus den einzelnen Armen, Beinen, Köpfen die niedlichen, reizenden Puppen entstehen, welche so manches Kinderherz mit Entzücken und Wünschen erfüllen. " In Waltershausen werden den Puppenköpfen zunächst Schlafaugen und Zähne angefertigt und eingesetzt. Die hierfür erforderlichen verschiedenen Manipulationen zu schildern, würde zu weit führen. Nur so viel, daß die beiden Glasaugen mit Draht verbunden, gewachst, bemalt und gefärbt werden müssen. An den Verbindungsdraht ist ein Bleifügelchen zu hängen, welches bewirkt, daß das Auge beim Umlegen der Puppe sich dreht und den mit dem gesenkten Lider versehenen Theil zeigt. Augen und Zähne müssen dann im Kopfe befestigt werden. Für die betreffenden Arbeiten beträgt der Verdienst pro Dutzend Köpfe der Mittelnummern", welche die gangbarsten " 1 " So, du liebst mich?" sagte er.„ Was brauchst du denn?" Makar wurde verlegen. " Ich habe einen Vorschlag", sagte er zögernd, woher wußtest du's denn aber schon? Schon gut. Erst will ich den Thee trinken dann wollen wir darüber sprechen." Da der Thee ihm von den Fremden, den Wirthen, war angeboten worden, so hielt er es für am Plaze, selbst weiter zu fragen. " Habt ihr nichts Gebratenes?" fragte er.„ Ich liebe es sehr." Nein." " „ Schadet nichts", sagte Matar in beruhigendem Tone, ,, nächstens einmal. Ja", fragte er nochmals, nächstens?" „ Gut!" Jetzt hielt Makar die Fremden für seine Schuldner: ein Stück Braten hatte er von ihnen zu bekommen und solche Schulden gingen ihm nie verloren. Nach einer Stunde setzte er sich wieder in seinen Schlitten. Er hatte einen ganzen Rubel erhalten, indem er im Voraus fünf Fuder Heu zu verhältnißmäßig guten Bedingungen verkauft hatte. Freilich hatte er versprochen und hoch und theuer sich verschworen, das Geld heute nicht zu vertrinken, und doch war er fest entschlossen, es alsobald zu thun. Aber was fümmerte es ihn! Die Aussicht auf das bevorstehende Vergnügen betäubte die Gewissensbisse. Er dachte sogar nicht daran, daß ihm, wenn er berauscht nach Hause käme, von seiner betrogenen Ehehälfte bittere Strafe bevorstände. Wohin, Makar?" fragte lachend der Fremde, als er sah, daß Makars Pferd, statt geradeaus zu fahren, nach links abkehrte, in der Richtung zu den Wohnungen der Tataren. " Halt, halt!... Siehst du, was das für ein verdammter Gaul ist.... Wohin er nur fährt!" vertheidigte sich Makar, fest den linken Zügel anziehend und heimlich den Schimmel mit dem rechten schlagend. 6 find, 98 Pfennig. Von diesem Verdienst" muß jedoch der Arbeiter aufkommen für die Kosten von Draht, Blei, Wachs, Paraffin, Leim, Wasserglas, Gips, Kreide, Speckstein, Zähnen, Augen, Mundpapier und Anderes mehr. Seine Auslagen betragen insgesammt 70 Pfennig, so daß eigentlicher Lohn nur 28 Pfennig bleibt. Meist sind es zwischenmeister, die das Anfertigen und Einsetzen der Augen und Zähne übernehmen. Dieselben halten einige Arbeiter, die einander in die Hand schaffen und mittels der bis ins Einzelne durchgeführten Theilarbeit pro Mann und Woche 40 Duhend Köpfe fertigstellen. Der Einzelne kann also einen Wochenverdienst von 11,20 Mark erreichen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß der Arbeitstag unendlich lang ausgedehnt und der Sonntag Vormittag zu Hilfe genommen wird. Zu beachten ist noch, daß ein größerer Arbeitsraum nöthig ist, und daß die Kosten für dessen Miethe, Heizung und Beleuchtung nicht mit eingerechnet sind. Die mit Augen und Zähnen ausgestatteten Köpfe gehen zur weiteren Ausfertigung an die Perrückenmacherin. Die Arbeit des Perrückenmachens zerfällt in drei Theile: in Tressiren, Perrückennähen und Frisiren. Das Tressiren der Haare, die aus dem Bast einer in England wachsenden Nessel hergestellt werden, wird pro Elle mit 3-4 Pfennig entlohnt. Den dazu nöthigen starken Zwirn, von dem die Lage 1,40 Mark fostet, muß die Tressirerin zugeben. Sie verdient die Woche 4-5 Mark. Der Lohn für das Nähen der Perrücken beträgt pro Duhend von Mittelgröße 30 Pfennig. Flotte Arbeiterinnen können es bei diesem Sage auf 6 Mark die Woche bringen. Zwirn und Perrückengaze müssen sie jedoch aus ihrer Tasche bezahlen. Der Verdienst der Friseurin erreicht die Höhe von 5 Mark wöchentlich. Da die angeführten Arbeiten große Fingerfertigkeit erfordern, so verwendet man nur junge Mädchen und Kinder dazu. Daß Lettere mitverdienen und zwar fleißig mitverdienen, ist unabweisbare Nothwendigkeit. Was die Erwachsenen erwerben, reicht für den Unterhalt der Familie nicht aus. Außer den Puppen mit beweglichen Gliedern fertigt man in Waltershausen auch solche mit Lederbälgen an. Diese werden in der Fabrik zugeschnitten und auf der Ueberwendlichmaschine mit gutem Rollengarn zusammengenäht. Für das Nähen eines Dutzends Bälge werden 15-16 Pfennig gezahlt. Man kann sich denken, welche horrende Summe der Arbeiterin nach Abzug der Auslage für Garn verbleibt. Das Ausstopfen der Bälge mit Sägespähnen besorgen Frauen in ihren Wohnungen. Je nach der Größe giebt es für das Duhend 19, 20 bis 32 Pfennig. Die Beine hat die Arbeiterin vorschriftsmäßig an den Knien mit rothem Zwirn zusammenzubinden. Für diesen rothen Zwirn muß sie selbst aufkommen, es erwächst ihr dadurch bei 2 Mark Verdienst eine Ausgabe von 20 Pfennig. Auch Der fluge Gaul, vorwurfsvoll mit dem Schweife wedelnd, fuhr langsam in der gewünschten Richtung weiter, und bald verstummte das knirschende Geräusch der Schlittensohlen hinter der Pforte der Tatarenhütte. * * An der Pforte draußen standen angebunden einige Rosse mit hohen Jakutischen Sätteln. Drinnen in der kleinen Hütte war es dumpf. Aezender Tabakrauch hing wie eine dunkle, schwere Wolfe von der Decke herab; durch den Ofen fand der Qualm nur einen schwachen Abzug. An den Tischen und auf Stühlen und Bänken saßen die angekommenen Jakuten; auf den Tischen standen Tassen und Gläser mit Branntwein. Hier und da hatten sich Gruppen Starten ſpielender Menschen niedergelassen. Die rothen Gesichter troffen von Schweiß, und die Augen der Spielenden blickten wild auf ihre Partner. Geld wurde den Taschen entnommen und verschwand sofort wieder. In einer Ecke auf dem Heu saß die schwankende Gestalt eines betrunkenen Jakuten; er sang mit heiserer Stimme ein endloses Lied. Wilde, sinnlose Töne waren es, die stets wiederholten, daß morgen ein großer Feiertag sei, und er, der Sänger, sich heute einen Rausch angetrunken habe. Makar bezahlte und bekam eine Flasche. Er barg sie auf der Brust unter dem Rock und trat, ohne von den anderen wahr= genommen zu werden, in die dunkle Ecke. Da goß er Glas auf Glas hinunter, obgleich, der Schnaps bitter war und zu Ehren des anbrechenden Feiertages zu mehr als Dreiviertel Wasser enthielt. Dafür hatte man aber beim Aufguß den Tabak nicht ge= spart. Bei jedem Schluck zog Makars Kehle sich zusammen, und dunkle Kreise traten ihm vor die Augen. ( Fortsetzung folgt.) die Sägespähne muß sie zahlen, der Sack davon kostet in der Schneidemühle 30 Pfennig. Beim Ausstopfen der Bälge entwickelt sich solch' ein Staub, daß die Arbeiterin wie in eine Wolke gehüllt ist. Die verhängnißvolle Wirkung dieses Staubes auf die Gesundheit ist mit Händen zu greifen. Und nicht blos die arbeitenden Frauen sind ihr ausgesetzt, auch Säuglinge und sehr junge Kinder, welche sich oft in der Stube aufhalten, die als Arbeitsstatt dient. Welches Aussehen das„ Heim" erhält, in dem die beschriebene Arbeit vor sich geht, läßt sich leicht vorstellen. Die fertigen Puppen werden mit Hemden bekleidet. Einzelne Fabrikanten geben dieselben zugeschnitten direkt an die Heimarbeiterin, andere an Zwischenmeister. Das Nähen von 35 cm langen Hemdchen, deren Aermel und Halsausschnitt gekraust und mit Spitze besetzt sind, wird pro Dutzend mit 30 Pfennig bezahlt. Für das Anfertigen einer anderen, gleich langen Art, deren Vordertheil in Fältchen gezogen und zweimal mit Hexenstichen aus farbiger Seide verziert, und deren Rumpffaum mit Spizze besetzt ist, beträgt der Lohn 50 Pfennig pro Dutzend. Der Lohnsatz für das Nähen von 20 cm langen einfachen Hemdchen stellt sich auf 10 Pfennig pro Dutzend. Sauber geplättet, in bestimmte Façon gelegt und dugendweise zusammengebunden müssen die Hemden abgeliefert werden. Den Arbeiterinnen dieser Spezialität wird bedeutende und schädigende Konkurrenz gemacht durch die Frauen und Töchter der kaufmännischen Angestellten, Lehrer, Beamten, Pensionirten und„ Sechsdreierrentiers", welche mit Rücksicht auf die billigen Wohnungspreise nach Waltershausen ziehen. Den Damen" werden auch hauptsächlich die besser bezahlten Arbeiten zugetheilt. Eine recht fleißige Arbeiterin kann in fünf Tagen, dafern sie die halbe Nacht zu Hilfe nimmt, 25 Dutzend Hemden à 30 Pfennig nähen, den sechsten Tag hat sie vollauf mit Plätten zu thun. Die Abnutzung der Maschine, die Ausgaben für Garn, Nadeln, Del und Plättfeuer abgerechnet, reduzirt sich ihr Verdienst auf kaum 6 Mark wöchentlich. " In letzter Zeit ist wenig Arbeit ausgegeben worden. Nach Meinung der Arbeiter deutet dies darauf hin, daß Lohnabzüge in Aussicht stehen. Die Fabrikanten halten absichtlich die Arbeit zurück, damit die Arbeiter, durch die Noth mürbe gemacht, sich leichter ausbeuten lassen. Außer den Puppen werden noch andere Spielsachen und Nippes in Waltershausen fabrizirt. So besonders allerlei Thiere, Rehköpfe als Wandschmuck, Kätzchen in drolligen Situationen und Anderes mehr, zum Theil in künstlerischer Ausführung. Die rohen Körperrümpfe, aus einem Gemenge von Brotmehl, Gips und Leim geformt, wie die aus Blei gegossenen Beine und Geweihe liefert die Fabrik dem Hausindustriellen. Eines der jetzt gangbarsten Muster stellt zwei kämpfende Hirsche auf einem Felsen dar. Steine und Moos für das Postament, sowie was zum Färben nöthig ist: Ocker, Bleiweiß, Firniß, Schwarz, Umbra, englisch Roth und Terra Sienna muß der Arbeiter auf seine Kosten beschaffen. Die ganze Familie arbeitet an der Herstellung der Hirsche. Der Mann sett Augen, Beine und Geweihe ein und färbt den Thierleib, indem er auf ihn die Farbe aus dem harten Pinsel spritzt. Eine ungesunde Arbeit, deren häufige Folge Bleikolik ist. Die Frau streicht sodann mit einem feinen Pinsel Hufe, Augen und Maul an. Die Kinder sammeln Steine und Moos, färben dieses grün und stellen den Felsen zusammen. Wenn alle Familienglieder einander derart in die Hand arbeiten und das Geschäft recht flott geht, so schafft bei einer Arbeitszeit bis spät in die Nacht hinein eine Familie 20 Dutzend Hirsche à Dutzend 90 Pfennig und vereinnahmt mithin 18 Mart. Hiervon gehen jedoch 3 Mark für Auslagen ab, so daß nur 15 Mark reiner Verdienst bleibt. Diese 15 Mark dürfen in einer Woche für den Unterhalt der Familie nicht aufgebraucht werden. Man muß mit der arbeitslosen Zeit rechnen, die oft bedenklich lang ist. So berichtet das„ Gothaische Volksblatt" vom 26. Juli d. J., daß 1895 im Durchschnitt nur an 225 Tagen Arbeit und Verdienst vorhanden war. Der niedrige Lohn veranlaßt Fabrifarbeiter und Arbeiterinnen, nach Feierabend noch zu Hause bis tief in die Nacht hinein zu schaffen und dadurch nicht blos den Erwerb der Heimarbeiter zu schmälern, sondern auch ihre eigene Entlohnung tiefer zu drücken. Kein Gesetz verbietet diese Form der Ausbeutung und verhilft den sich schwer Mühenden zu kürzerer, geregelter Arbeitszeit und damit zu höherem Verdienst. Jetzt wird der ältere Fabrikarbeiter in Waltershausen mit 7-11 Mart pro Woche entlohnt. Sein Jahreseinkommen stellt sich also auf 261-415 Mark. Ein Wochenverdienst von 12 Mark zählt zu den Ausnahmen. Der Lohn der Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter beträgt 3-6 Mark wöchentlich, mithin 125-225 Mark im Jahre. Dem Einkommen der arbeitenden Bevölkerung entsprechend ist deren Lebenshaltung eine äußerst dürftige. Die Hauptmahlzeiten bestehen meist aus Kartoffeln mit Leinöl und Zichorienbrühe, schönrednerisch Kaffee genannt. Besonders schwer und sorgenreich ist unter solchen Verhältnissen die Existenz der proletarischen Frau. Anhaltend 7 angestrengt wie der Mann, muß sie für den Erwerb sich mühen. Dabei liegt ihr die ganze Fülle der häuslichen Pflichten ob. Hat sie des Tags über für das Brot geschafft, in kurz bemessenen Pausen für die Bedürfnisse des Mannes und der Kinder gesorgt, so muß sie noch Nachts, wenn alle Anderen schlafen, zahlreichen häuslichen Verrichtungen nachgehen. Des Sonntags, zur Erholung, steht sie am Waschsaß oder bessert Wäsche und Kleider der Familie aus. Die bittersten Sorgen für die Nothdurft hat sie als Zugabe. So rege das politische Leben in Waltershausen ist, so wenig ist es bis jetzt möglich gewesen, eine gewerkschaftliche Organisation zu schaffen. Ein weitgehendes Mißtrauen gegen einander herrscht unter den Arbeitern. Einer hält den anderen für einen Angeber bei dem Fabrikherrn und fürchtet, durch die Mitgliedschaft bei einer gewerkschaftlichen Organisation Arbeit und Brot zu verlieren. Die Vereinzelung der Arbeiter in der Hausindustrie und die drückende Noth und Lebensunsicherheit wirken demoralisirend zusammen und lassen das Solidaritätsgefühl nicht aufkommen. Je weniger die Proletarier selbst durch die Macht der Organisation für bessere Arbeitsbedingungen tämpfen, um so dringender nöthig ist es, daß durch gesetzliche Vorschriften der Ausbeutungsfreiheit des Kapitals Schranken gezogen werden. In erster Linie gilt es, das Kind der kapitalistischen Profitwuth zu entziehen, nicht minder wichtig ist es, die Frau, die Mutter gegen ein Uebermaß der Ausbeutung zu schützen. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der werkthätigen Bevölkerung in Waltershausen erweisen flärlich die Nothwendigkeit, die Arbeiterschutzgesetze und Fabrikinspektion auf die gesammte Hausindustrie auszudehnen. In unserer Aera der verstummten" Sozialreform ist die Verwirklichung dieser Forderung nur durch den Druck der klassenbewußten Arbeiterwelt zu erwarten. 0. B. Die Jahreskonferenz des englischen„ Nationalverbandes weiblicher Arbeiter." Vom 27. bis 30. Oktober vor. Js. tagte in Manchester die Jahreskonferenz des„ Nationalverbandes weiblicher Arbeiter" ( National Union of Women Workers). Nichts ist irreführender als der Name dieser Organisation. Denn in der Hauptsache sind es nicht Arbeiterinnen, die ihr angehören, und deren Vertreterinnen zur Konferenz zusammentreten, vielmehr wohlmeinende Damen der englischen Bourgeoisie und Aristokratie, Angehörige der liberalen Berufe, welche sich in dem Wunsche begegnen, auf sozialem Gebiete ,, etwas Nützliches" im Allgemeinen und etwas den arbeitenden Frauen Nützliches im Besonderen zu wirken. Soweit es sich um das letzt genannte Ziel handelt, erhält jedoch die gute Absicht zahlreiche Nackenschläge von der mangelnden Einsicht der Damen in die sozialen Verhältnisse, in die Klassenlage der Arbeiterinnen. Eine kraftvolle, zielflare Vertretung ihrer wichtigsten Lebensinteressen als Proletarierinnen haben deshalb die Frauen des werkthätigen Volkes von dieser Organi sation von„ Auch- Arbeiterinnen" nicht zu erwarten, wenngleich dieselbe in Nebensächlichem manches Anerkennenswerthe geleistet hat und leistet. Der Verband wurde 1889 zu dem Zwecke gegründet, eine engere und regelmäßige Fühlung zwischen den Frauen herzustellen, welche philanthropischen Vereinen angehören, Hilfskassen, Frauen- Gewerkvereinen 2c. und Fragen von allgemeinem Interesse für die Frauenwelt zu diskutiren. Nach und nach hat die Organisation ihre Ziele etwas erweitert. Laut Statut sind sie gegenwärtig die folgenden: 1. Mittheilungen zu sammeln und zu verbreiten, welche den arbeitenden Frauen von Nutzen sein können. 2. Die soziale, moralische und religiöse Wohlfahrt der Frauen im Allgemeinen zu fördern. 3. Die Gründung von lokalen Organisationen und das Abhalten von Versammlungen für Arbeiterinnen anzuregen und zu unterstützen. Dies Programm läßt schon einen Rückschluß auf die Buntscheckigkeit der Ansichten und Ueberzeugungen zu, welche innerhalb der Organi sation vertreten sind. Ebenso ein Blick auf die Zusammensetzung des leitenden Ausschusses und der verschiedenen Komites. Streng kirchlich gesinnte Frauen, Freidenkerinnen, Nichts- als- Frauenrechtlerinnen einseitigster und kindlichster Observanz, Organisatorinnen von Frauengewerkvereinen rathen und thaten hier zusammen mit Fabianern und den einen oder anderen Gefühlssozialistinnen, welche sich bemühen, durch den Kanal des„ weiblichen Mitgefühls" das bewußte Tröpfchen sozialistischen Dels in das bürgerliche Milieu zu leiten. Die Zusammensetzung der Verbandsleitung spiegelt übrigens auch getreulich den durchaus bürgerlichen Charakter der Organisation wieder. Ihre Vorsitzende für das Jahr 1896 ist z. B. Mrs. Creighton, die Frau des Bischofs von Manchester. Unter den nicht weniger als zwanzig Vizepräsidentinnen befinden sich Lady Battersea, Lady Cavendish, die schwerreiche Mrs. Fawcett und andere Schwestern in Kapital, deren " Arbeit" im Handhaben der Rouponscheere besteht. Die Mitglieder " des Erekutivkomites refrutiren sich ebenfalls fast ausschließlich aus Damen der durch„ Besitz und Bildung einflußreichen Kreise". Dem Organisationskomite der letzten Konferenz stand die Frau des Bürgermeisters von Manchester vor, die Gattin des Dompropstes war Vizepräsidentin, und zu den Mitgliedern gehörten die Herzogin von Buckingham, die Gräfin von Ellesmere, Lady Kay- Shuttleworth, Lady Leigh und andere Spitzen" der Gesellschaft mehr. Für die Theilnehmerinnen an der Konferenz fand an dem einen Abend ein offizieller Empfang im Rathhause durch den Bürgermeister und seine Gattin statt. Außerdem am letzten Tage der Berathungen ein besonderer Gottesdienst in der Kathedrale, wo der Erzbischof von York den Damen zu Ehren predigte. Die beiden Thatsachen sind ungemein bezeichnend für die Haltung, welche die englische Gesellschaft frauenrechtlerischen Bestrebungen gegenüber einnimmt. Aber auch- zumal was den Ehrengottesdienst anbelangt für den streng bürgerlich ,, respektablen", salonfähigen Charakter der Tendenzen, welche den Verband beherrschen. Erwähnenswerth in dieser Hinsicht ist, daß jeder Sizungstag der Konferenz durch Gebet eingeleitet wurde. Der Konferenz wohnten gegen 300 Damen bei, Vertreterinnen von Frauenorganisationen der verschiedensten Art, und Einzeltheilnehmerinnen. Natürlich überwog auch unter den Kongreßbesucherinnen bei weitem das bürgerliche Element der Nichts- als- Frauenrechtlerinnen und Apostolinnen vulgärster Wohlfahrtsbestrebungen. Doch fehlte es auch nicht an einigen Persönlichkeiten, welche sich um die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen große Verdienste erworben haben und mit Sachkenntniß und Opferfreudigkeit deren Interessen verfechten. Da war Mrs. Beatrice Webb, die treffliche Kennerin der englischen Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung, welche seit Jahren in ebenso klarer als energischer Weise die den Kapitalisten nützende manchesterliche Agitation der Frauenrechtlerinnen gegen den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz bekämpft. An der Konferenz nahm ferner Mrs. Annie Hicks theil, welche die Seilmacherinnen organisirte und erfolgreich mehrere Streits derselben leitete. Miß E. Gladstone, die Schriftführerin des Zentralausschusses für Frauenarbeit"( Womens Industrial Council) und Miß G. Tuckwell, die Schriftführerin der Liga der Frauengewerkvereine", befanden sich ebenfalls unter den Delegirten und nahmen wie die Vorgenannten thätigen Antheil an den Arbeiten der Konferenz.( Schluß folgt.) " Kleine Nachrichten. Wie das Unternehmerthum für die Gesundheit der Arbeiterinnen sorgt und ihrem Anstandsgefühl Rechnung trägt, das erhellt aus den folgenden Thatsachen, die zur Kenntniß der Berliner Arbeiter- Sanitätskommission gebracht wurden. In der Wäschefabrik von J. Jakoby, Schillingstraße, soll in der Plätterei unerträgliche Hize herrschen, da mit Gas geplättet wird. Der Ankleideraum ist für die circa 80 beschäftigten Arbeiterinnen zu klein und dient außerdem als Lagerraum. In der Wäschefabrik von Wohl& Heimann, Schillingstraße, ist für etwa 35-45 Arbeiterinnen und mehrere Arbeiter nur ein gemeinschaftliches dunkles Kloset vorhanden. Ein Ankleideraum fehlt. Die Arbeiterinnen müssen sich auf ihrem Platz umziehen. In der Wäschefabrik von Arndt, Grüner Weg, dient ein auf dem Boden gelegenes Kloset ohne Ventilation und Beleuchtung für circa 25 Arbeiterinnen. Ein Ankleideraum soll nicht vorhanden sein, die Besichtigung desselben wurde dem Kontrolleur der Sanitätskommission verweigert. Versagt blieb diesem bezeichnender Weise auch der Eintritt in die Wäschefabrik von Cohn& Ellenburg, Rastanienallee. Hier soll es in der Plätterei für circa 100 Arbeiterinnen ein oder zwei Klosets geben, in der Zuschneiderei und Näherei für 25 männliche und weibliche Arbeiter einen gemeinsamen Abort, in dem sich auch die Wasserleitung befindet. Ein Ankleideraum soll fehlen. Der Fabrikinspektor wird sich hoffentlich die baldige Kontrolle dieser Betriebe angelegen sein lassen, und für Abstellung der Mißstände sorgen. " Arbeiterinnen- Organisationen, in denen die Harmonieduselei gepredigt und geübt wird, sollen nach dem„ Vorwärts" von den Hirsch- Dunckerianern gegründet werden. Eine hervorragende Füh rerin der bürgerlichen Frauenbewegung" soll mit der nöthigen Agitation betraut sein, deren Beginn für Januar vorgesehen ist. Ob die Arbeiterinnen wohl mehr Geschmack als die Arbeiter am Eiapopei von der der Gemeinsamkeit der Interessen von Kapital und Arbeit gewinnen? Wir bezweifeln es. Der erste weibliche Gerichts- Sachverständige in Berlin ist kürzlich ernannt worden. Es ist dies Frau Professor Dilloo, Inhaberin eines Bureaus für wissenschaftliche Graphologie. Frau Dilloo wurde als Handschriften- Sachverständige für das Berliner Landgericht I vereidigt. 8 Die Zahl der an der Berliner Universität hofpitirenden Frauen ist für dieses Winterhalbjahr beträchtlich gestiegen. Sie beträgt 93 gegen 39 im Sommersemester und 35 im letzten Winter. Eine Aerztin, Frau Dr. Czempin, hat die Berliner Orts frankenkasse für das Buchdruckgewerbe für die weiblichen Kassenmitglieder angestellt. Es ist dies ein anerkennenswerther Fortschritt, den die weiblichen Kassenmitglieder gewiß mit lebhafter Freude begrüßen. Die Filiale Berlin der Offenbacher Krankenkasse für Frauen und Mädchen hat bereits seit zwei Jahren eine Aerztin angestellt, Frau Dr. Ploetz, mit deren Thätigkeit sowohl die Mitglieder wie der Vorstand sehr zufrieden sind. Das Vorgehen der Berliner Kassen verdient Nachahmung. Das Grundgehalt der Lehrerinnen dem der Lehrer gleichzustellen fordert der Verein preußischer Volksschullehrerinnen in einer Petition an den preußischen Landtag. Wir fürchten sehr, daß die in Preußen gesetzgebenden Gewalten jedes Verständniß für die Berech tigung dieser Forderung abgeht. Zu dem geforderten Zweck ist sicher in Preußen kein Geld vorhanden. Lehrerinnen haben doch sicher die gleiche Bedeutung als etwa Unteroffiziere oder Geheimpolizisten. Die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe in Preußen hatte der Berliner Verein Frauenwohl in einer Petition an das preußische Abgeordnetenhaus gefordert. Die Petition war der Staatsregierung überwiesen worden, welche fürzlich erklärte, erst dann in weitere Erwägungen einzutreten, wenn die gutachtliche Aeußerung des Apothekerraths vorliegt. Wie diese„ gutachtliche Aeußerung" ausfallen wird, kann man sich schon jetzt an den Fingern abzählen. Sie wird von dem zopfigsten Vorurtheil und von der Konkurrenzfurcht diktirt sein, ein Ausdruck der rückständigen Auffassung, welche die bürgerliche Männerwelt Deutschlands in Sachen der Frauenfrage so unvortheilhaft auszeichnet. Uebrigens sehen die in Aussicht gestellten weiteren Erwägungen" einer Vertröstung der petitionirenden Frauenrechtlerinnen auf Sft. Nimmerlein so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Und dies, obgleich man in verschiedenen Ländern mit den Apothekerinnen die besten Erfahrungen gemacht hat. " Zur Unterstützung bedürftiger Wöchnerinnen hat der aus Sozialisten und sozialistischen Radikalen bestehende Gemeinderath von Lille( Nordfrankreich) einen Posten von 7000 Fres. ( 5600 Mt.) im Jahresbudget für 1897 bewilligt. Außerdem einen Beitrag von 1000 Frcs.( 800 Mt.) an die ,, Sociètè de Mutualitè Maternelle"( Verein zur gegenseitigen Unterstützung von Wöchnerinnen), welche ihren Mitgliedern in der Zeit vor, während und nach der Entbindung Pflege und Unterstüßung sichert. Daß aus öffentlichen Mitteln für die Existenz der Mutter werdenden Frauen gesorgt wird, ist die nöthige Ergänzung der gesetzlichen Schutzbestimmungen, welche die Fabrikarbeit für Hochschwangere und Wöchnerinnen verbieten. Der Gemeinderath von Lille hat die Aufgabe der Gesellschaft begriffen. Die Ausbildung von Frauen zu Künstlerinnen hat die französische Kammer dadurch gefördert, daß sie Ende letzten Jahres einen Posten von 9900 Frcs.( 7920 Mt.) in das Budget der schönen Künste einstellte, um den Besuch der Ecole des Beaux Arts( Akademie der schönen Künste) auch Schülerinnen zu ermöglichen. Die frauenrechtlerischen Organisationen der Vereinigten Staaten sind in einer nationalen Union zusammengeschlossen, welche nach einem Bericht von Mme. Hubry- Menos auf einem frauenrechtlerischen Kongreß in Versailles 700000 Mitglieder zählen soll. Die Zahl der dem Verband angehörigen Einzelorganisationen beträgt 100. Die Betheiligung der stimmberechtigten Frauen von Utah, Colorado und Wyoming an der letzten Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten soll eine äußerst rege gewesen sein. Man berechnet, daß 20000 Frauen für den Kandidaten des Großkapitals, Mac Kinley, und 100000 für den Vertreter der bäuerlich- demokratischen Opposition, Bryan, gestimmt haben. Das Votum der Frauen, vorausgesetzt, daß die angegebenen Zahlen richtig sind, erklärt sich durch die wirthschaftlichen Interessen der drei in Frage kommenden Staaten und ist nicht als Ausfluß einer besonders radikalen" Gesinnung der Frauen aufzufassen. Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Anfragen, Zuschriften, Sendungen 2c. sind von nun an zu richten an die Vertrauensperson Frau M. Wengels Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. v. W. Diez in Stuttgart.