Nr. 2. Die Gleichheit. 7. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuffgart Mittwoch, den 20. Januar 1897. Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Genossinnen! Gedenkt der Hamburger Hafenarbeiter, welche die Profit- und Herrschgier der Unternehmer zur bedingungslosen Unterwerfung und zur Preisgabe des Koalitionsrechts zwingen will. Gedenkt der Tausende von Frauen und Kindern, welche mit den heldenmüthigen Kämpfern zusammen standhaft die Opfer des Ausstands tragen. Es gilt der grimmigsten Noth Derer zu wehren, welche auch für Euere Interessen kämpfen und leiden! Keine bürgerlichen Schuhdamen, Vertreterinnen der Gewerkschaften. Von allen deutschen Bundesstaaten hat sich bekanntlich nur das kleine Hessen in rühmlicher Ausnahme zur Anstellung einer Fabrikinspektorin entschlossen, jener äußerst bescheidenen Reform, welche die Sozialdemokratie seit mehr als zehn Jahren fordert, und für welche seit 1895 auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen eintreten. Daß andere engere Vaterländer" dem gegebenen Beispiel bald folgen, ist kaum zu hoffen. Der Besitz herrscht so gut wie unumschränkt und ungestört in den ausschlaggebenden Gewalten der Einzelstaaten, und seine Vertreter stemmen sich truziglich und er folgreich gegen jede noch so winzige Neuerung, welche brennende Leiden der Arbeiterklasse auch nur mit einem Tröpflein Wassers kühlen könnte. Wohl fordert die Sozialdemokratie im Reichstage eine Reorganisation der Fabrikinspektion von Rechtswegen, zusammen mit ihr die Anstellung von Fabrikinspektorinnen und was noch wichtiger ist die Heranziehung von Arbeitern die Heranziehung von Arbeitern und Arbeiterinnen zur Gewerbeaufsicht. Aber es hieße Feigen von den Dornen und Trauben von den Disteln ernten wollen, erwartete man von diesem Reichstag und von dieser Regierung die so dringliche Reform. Stumm ist Trumpf auf der ganzen Linie, und die mit tönenden Verheißungen und Bramarbasiren eingeleitete Sozialpolitik des Reichs ist nichts als ein schimpflicher Rückzug vor dem hochmögenden Willen der Großbourgeoisie, die im beschränkten Ausbeuteregoismus auch nicht ein Tröpfelchen der Freiheit, die sie meint", fahren lassen will. Gar wenig Aussicht hat also die Masse der deutschen Arbeiterinnen, daß ihr gegen übermäßigste Ausbeutung demnächst jenes geringfügige Mehr an Schutz zu Theil wird, welches die Amtsthätigkeit von Fabrit inspektorinnen gewährleisten könnte. " Und doch mußten sogar bürgerliche Sozialreformler schwäch lichster Observanz vom Schlage der Hiße zugeben, daß gerade die Arbeiterinnen bei ihrer Erwerbsthätigkeit eines höheren Maßes von Schuß, eines stärkeren persönlichen Rückhalts bedürften, als gegen= wärtig. Allein dem Eingeständniß folgte nicht der logische Schluß: Eintreten für die Anstellung von weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten. Vielmehr das Verlegenheitsmäßchen des Anpreisens von Erperimenten mit dem Wirken bürgerlicher Schutzdamen"," Freundinnen von Arbeiterinnen" 2c., welche in freier Liebesthätigkeit" Mißstände in den Arbeitsverhältnissen der ärmeren Schwestern" erforschen und eventuell zur Kenntniß des Fabrikinspektorats bringen sollten. " " " Wir haben an dieser Stelle wiederholt eingehend das Widerfinnige und Nuzlose dieses Vorschlags nachgewiesen. Die bürgerliche Schutzpatronin kann die Fabrikinspektorin keineswegs ersetzen. Lediglich ihr guter Wille und nicht die Amtspflicht wie bei jener entscheidet über das Wieviel und das Wie ihrer Leistungen zu Gunsten " der Arbeiterin. Sie ermangelt der Amtsbefugnisse, welche der Fabrikinspektorin die Macht verleihen, zum Schuße der dem Kapital frohndenden Frauen und Mädchen einzuschreiten. Aber auch nicht zur Vermittlerin zwischen Arbeiterin und Fabrikinspektor ist die wohlwollende Bourgeoisdame in neun von zehn Fällen geeignet. Bewußt oder unbewußt steht sie von Ausnahmen abgesehen im Banne des bürgerlichen Klassenegoismus. Unter dem Gesichtswinkel der bürgerlichen Klassenauffassung wird sie in der Regel darüber entscheiden, was berechtigte" und nichtberechtigte" Klagen der Arbeiterin sind. Nur zu oft wird sie als„ nichtberechtigte", ja„ unverschämte" Anforderung der Proletarierin bewerthen, was rücksichtlich von Entlohnung, Arbeitszeit, hygienischen Bedingungen 2c. dringend nöthig ist, aber den kapitalistischen Profit ein Weniges fürzt. Mag die Schußdame auch noch so bereit sein, für die Arbeiterin einzutreten, wenn diese in sittlicher Beziehung als Frau in einen Gegensatz zu dem Manne geräth: in so und so viel einschneidenden Fällen läßt sie die Proletarierin im Stich, wenn in wirthschaftlicher Beziehung diese als Ausgebeutete im Gegensatz zu dem Ausbeuter sich befindet. Art läßt nicht von Art. Im richtigen instinktiven Empfinden werden die Arbeiterinnen im Allgemeinen den bürgerlichen Schußdamen deshalb von vornherein ihr Vertrauen versagen. Die in Baden in der Sache bisher gemachten Erfahrungen bestätigen durchaus, wie begründet das proletarische Mißtrauen gegen die Wunder der christlichen Liebesthätigkeit" oder der„ ethischen Pflichtleistung" ist. Traumselige Wanderer im Reiche religiösen oder ethischen Gefühlsüberschwangs mögen trotz alledem im Laufe der Zeit günstige Ergebnisse erharren. Trotz alledem mögen sie erhoffen, daß die Berührung mit der Arbeiterinnennoth den„, besseren Theil" der bürgerlichen Frauenwelt aus der Leere eines müßigen, pflichtlosen Lebens zu sozialem Thun emporläutere, vor dem das Klasseninteresse schweigt. Die deutschen Arbeiterinnen haben sich jedenfalls mit aller Entschiedenheit gegen die ihnen in echt bürgerlicher Menschenfreundlichkeit" zugedachte Rolle der Erperimentthierchen zu wehren. Nicht ihr Elend darf das Versuchsfeld sein, wo man erprobt, wie viel oder wie wenig die deutschen Bourgeoisdamen einer höheren Lebensauffassung und inhaltsreichen, selbstlosen Handelns fähig sind. Mit aller Energie müssen die Arbeiterinnen an ihrer Forderung Anstellung von Fabrikinspektorinnen torinnen festhalten. " " Aber ob dieselbe erfüllt wird oder nicht: die Arbeiterin be= darf in allen Fällen außer der amtlichen Gewerbeaufsicht noch einer weiteren Schußinstanz, dafern das Gesetz gegen rücksichtsloseste Ausbeutung nicht zum großen Theil todter Buchstabe bleiben, dafern die staatliche Fabrikinspektion der Lohnsklavin thatsächlich frommen soll. Was denn lehren Zahlen, die steifnackigen Dinger? Daß der Stab der Fabrikinspektoren viel zu flein, die Zahl der Revi fionen mithin viel zu niedrig ist, als daß auch nur annähernd alle gesezwidrigen Mißstände in den Betrieben zur Kenntniß der Aufsichtsbeamten gelangen könnten. Die Unternehmer aber, bei denen die Furcht vor dem Geseze größer wäre, als die kühn machende Liebe zum Profit, die folglich die Ausbeutung der proletarischen Kräfte innerhalb der gefeßlich gezogenen Schranken hielten und die Fabrikinspektoren auf veränderungsbedürftige Arbeitsbedingungen aufmerksam machten: die Unternehmer sind noch nicht geboren, und ihre Eltern sind schon todt. Wohl haben die Arbeiter ein dringendes Interesse daran, schreiende Uebel, unter denen sie leiden, den Gewerbebeamten zur Kenntniß zu bringen. Allein die Furcht, sich beim Arbeitgeber mißliebig zu machen, ja entlassen zu werden, hält sie von Mittheilungen während einer Revision zurück. Und der nämliche Grund ist meist maßgebend, daß sie selten genug in den Sprechstunden der Inspektoren Beschwerde führen. Was in dieser Beziehung die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten wieder und wieder von den Arbeitern im Allgemeinen sagen, das gilt in verstärktem Maße von den Arbeiterinnen. Seltener noch als die Arbeiter wagen sie das ihnen zustehende Recht auszunüßen und beim Fabrikinspektor Anklage gegen ihren " Brotherrn" zu erheben. Die Arbeiterinnen als Frauen sind an Fügsamkeit, Unterwerfung, Rechtlosigkeit gewöhnt, als Frauen sind sie in der Regel gesezesunkundiger als der Mann. Dringlicher noch als ihre Kameraden benöthigen sie deshalb eines Vermittlungsgliedes, das ihre Beschwerden zur Kenntniß der Fabrikinspektion bringt und damit erst den gesetzlichen Schutz voll wirksam macht. In thatsächlich erfolgreicher Weise kann einzig und allein die Gewerkschaftsorganisation die Aufgabe dieses Vermittlungsglieds erfüllen. " Die ,, Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands" trat in einem trefflichen Artikel( Nr. 41 des„ Korrespondenzblattes" vom 30. November 1896) dafür ein, daß wie in süddeutschen Staaten geschieht allenthalben die gewerkschaftlichen Organisationen zwischen der Arbeiterschaft und der Fabritinspektion vermitteln. Gewerkschaftskartelle, besondere Beschwerdekommissionen 2c. sollen die diesbezüglichen Aufgaben übernehmen. Unseres Erachtens stellen diese aus den Gewerkschaften hervorgegangenen Organe die berufenste Interessenvertretung der Arbeiterinnen im Verkehr mit den Gewerbeaufsichtsbeamten dar. In ganz anders wirksamer Weise als bürgerliche Schußdamen" welche im günstigsten Falle den kapitalistischen Pelz waschen wollen, ohne ihn naß zu machen werden sie für das Wohl der Lohnsflavinnen eintreten. Aber was seitens der staatlichen Fabrikinspektion den Arbeiterinnen recht sein soll, daß muß ihnen und aus den nämlichen Gründen wie dort seitens der Gewerkschaften billig sein. Der Beschwerdekommission, dem Kartell 2c. muß eine Vertreterin der Arbeiterinnen angehören. Ihre Aufgabe ist es, die Schwestern auf das Wirken des gewerkschaftlichen Vermittlungsglieds aufmerksam zu machen, ihre Beschwerden über gefeßlich unzulässige Arbeitsbedingungen entgegenzunehmen, zu sammeln, dem Kartell vorzulegen, allein oder mit dessen Hilfe das diesbezügliche Material zu prüfen, kurz alle jene Arbeiten zu leisten, welche durch das Frausein erleichtert und gefördert werden. Wo irgend es durchzuführen ist, da sollte man als weibliches Kommissionsmitglied eine Arbeiterin wählen. Denn in täglicher Berührung mit den Kameradinnen fällt ihr deren Vertrauen zu, erhält sie Kenntniß von Mißständen, welche auf anderem Wege auch durch die Betriebsrevisionen kaum je, wenn nicht zufällig ermittelt werden können. Wir täuschen uns nicht über die Schwierigkeiten, welche einer Verwirklichung der Anregung entgegenstehen. Arbeiterinnen, welche den kurz sfizzirten Aufgaben in den Beschwerdekommissionen ge wachsen sind, lassen sich nicht nach Belieben in jedem Orte aus der Erde stampfen. Wohl aber können sie erzogen werden, und im Interesse der Arbeiterinnen wie dem der Gewerkschaften müssen sie erzogen werden. Nur ein Vortheil für die Letzteren sei hier hervorgehoben: Indem die Gewerkschaften zur Erledigung der neuen Aufgaben Arbeiterinnen heranziehen: gewinnen sie von einer neuen Seite aus eine stete Fühlung mit den indifferenten, unorganisirten Arbeiterinnenmassen, gewöhnen sie diese, unter einem neuen Gesichtspunkte die Gewerkschaftsorganisation als ihre natürliche Interessenvertretung zu betrachten. Die weiblichen Mitglieder der gewerkschaftlichen 10Beschwerdekommissionen werden sich unter den Arbeiterinnen als treffliche Freiwerber für die Organisation erweisen. Das Trugbild eines Schußes als Wohlthat geboten zu dem Zwecke, den Klassengegensatz für die Augen der Proletarierinnen zu verschleiern, das ist des Pudels Kern vom bürgerlichen Plane, Schußdamen die Vermittlung zwischen Arbeiterinnen und Fabrikinspektion zuzuweisen. Wirksamer Schutz als Recht durch eine Macht und Einbeziehung der Arbeiterinnen in den wirthschaftlichen Kampf ihrer Klasse gegen das Unternehmerthum, das bedeutet es, wenn die Gewerkschaft den Verkehr zwischen den Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten und der Fabrikinspektion vermittelt. Die Arbeiterinnen werden nicht im Zweifel sein, wie sie sich zu entscheiden haben. Weibliche Fabrikinspektoren und bürgerliche Frauenbewegung. Als die bürgerliche Frauenbewegung zehn Jahre nach der proletarischen für die Anstellung weiblicher Fabrifinspektoren einzutreten begann, da wähnte sie ihren Befähigungsnachweis als Vertreterin der Interessen aller Frauen, auch der proletarischen, erbracht zu haben. Und als der Internationale Frauenkongreß" wenn auch nicht beschloß, so doch erkennen ließ, daß zum Mindesten die„ radifalen" bürgerlichen Frauenrechtlerinnen die Petition für jene Reform durch eine weitere Aktion zu ergänzen gedächten, da fehlte es auch im sozialdemokratischen Lager nicht an wolkenkuckucksheimerisch angehauchten Eingängern, welche von einem gelegentlichen harmonieduseligen Zusammengehen beider Frauenbewegungen träumten. Die Aktion der frauenrechtlerischen Radikalen" hat begonnen. Frau Schwerin, der besten eine, spricht in einer stattlichen Reihe von Städten über die Frage der Fabrikinspektorinnen. Und was erhellt aus diesen Vorträgen mit herzerquickender Deutlichkeit? Daß in sozialpolitischen Dingen wenn zwei dasselbe thun, es nicht dasselbe iſt. Was zur Begründung des„ Getrenntmarschirens" von proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung gesagt worden ist, es findet seine volle Bestätigung durch den folgenden vorzüglichen kritischen Bericht des Genossen Quarck über den Vortrag der Frau Schwerin in Frankfurt a. M. Genosse Quarck, bekanntlich ein gründlicher Sachfenner der Arbeiterschutzgesetzgebung und der Gewerbeinspektion, schreibt in der Frankfurter Volksstimme" vom 6. Januar d. J.: ,, Wenn die hiesige Gesellschaft Ethische Kultur mit dem gestern Abend von ihr veranstalteten Vortrag der Frau Jeanette Schwerin über weibliche Fabrikinspektoren den Zuhörern eine Probe davon liefern wollte, wie arg flach und kraftlos die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland ist, so hat sie ihren Zweck vollkommen erreicht. Dieser„ Erfolg" ist es auch, der uns veranlaßt, die Sache an dieser Stelle zu besprechen. Eine Diskussion in unmittelbarem Anschluß an den Vortrag, die unter aller, von der seelensguten Vortragenden reichlich verdienten Schonung die Mängel dieser Art Stellungnahme zu brennenden Arbeiterinnenfragen hätte aufdecken und das ziemlich zahlreich erschienene Publikum mit den eigentlichen, zwar nicht immer ethischen, aber doch sehr wichtigen sozialen Gründen, aus denen die weibliche Fabrikinspektion in Deutschland bisher ein frommer Wunsch blieb, hätte bekannt machen können, wurde von den Ethikern ja nicht beliebt. Ist denn das immer so Gebrauch bei der Ethischen Kultur? Der Vortrag wird jetzt von derselben Referentin in zahlreichen deutschen Städten gehalten. Dies mag seine Behandlung an dieser Stelle ebenfalls rechtfertigen. " ,, Wie gesagt, der Rednerin konnte man nicht bös sein. Eine bescheidene, fast an das Proletarische erinnernde Erscheinung, ein sympathisches Organ, eine ruhige, flare Sprechweise zeichnen sie aus. Aber der geistige Inhalt! Wenn dies die Stufe ist, auf der die Agitatorinnen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung selbst dort stehen, wo sie der Gegenstand, den sie studiren, mit aller Macht auf das Richtige stoßen sollte, dann sieht es wirklich sehr trübe um diese Bewegung aus. Denn daß die Rednerin mehr gewußt hätte, als sie sagte, und daß sie dasjenige, was sie wußte, absichtlich etwa der bürgerlichen Zuhörerschaft oder der Ethischen Kultur oder der Loge Mozart zu Liebe verschwiegen hätte, in der sie sprach, das nehmen wir nicht an. Sie gab eine äußerlich ganz hübsche Skizze der englischen und deutschen Arbeiterschutzgesetzgebung ohne ein Wort von den furchtbaren Kämpfen zu sagen, in denen der Schutz von den organisirten Arbeitern jenseits und diesseits des Kanals erst durchgesetzt werden mußte. Sie pries das Erreichte, namentlich in England und erwähnte kein Wort von den zahllosen Lücken und Mängeln, die der Arbeiterinnenschutz hüben wie drüben noch hat. Sie lobte mit Recht die geschickte Art und Weise, mit der in Amerika, England und Frankreich( Australien wurde vergessen) die dortigen weiblichen Fabrikinspektoren ihres Amtes so erfolgreich walten— aber sie sagte nichts davon, wie der„Reformminister" von Berlepsch im Reichstag am 12. Februar v. I. auf unsere Anzapfungen hin diese günstigen Erfahrungen herabzusetzen und zu verkleinern suchte in einer Weise, die ihm die bekannte Züchtigung durch den ehemaligen englischen Minister Charles Dilke in der„Sozialen Praxis" eintrug. Die Rednerin wußte offenbar nicht einmal davon etwas, daß sich Herr von Berlepsch auf den Bericht einer von ihm nach England entsandten Kommission von Gewerbeinspekloren bezogen hatte, daß er es aber wohlweislich unterlassen hat. von diesem Bericht bisher trotz dringenden Aufforderungen auch nur eine Zeile zu veröffentlichen. Die Agitatorin des Bundes deutscher Frauenvereine rühmte Hessen als denjenigen Staat, der die erste deutsche Jnspektorin anstellen werde. Aber sie setzte nicht hinzu, wie sich die nationalliberal-ultramontane zweite hessische Kammer erst zweimal gesträubt hat, den von unseren Abgeordneten gestellten Antrag anzunehmen, bis sie der wiederholte Beschluß der ersten Kammer dazu zwang. Sie kritisirte mit großem Wohlwollen den in Baden mißlungenen Versuch, statt weiblicher Inspektoren mit einer Art„Freundinnen junger Mädchen" aus den Frauenvereinen ohne Beamtenstellung zu operiren. aber sie halte kein tadelndes Wort für den beschränkten Standpunkt, init dem selbst sonst so einsichtige Inspektoren wie Wörishoffer in Karlsruhe und Pollath in München die Forderung ablehnen, kein Wort für die Thatsache. daß in der bayerischen ersten Kammer der von unseren Genossen in der zweiten Kammer durchgesetzte Antrag auf Anstellung weiblicher Inspektoren mit allen, auch den prinzlichen Stimme» gegen sieben Bischöfe niedergestimmt wurde, daß in der badischen Volksvertretung der Fabrikant Krafft und der millionenreiche Kominerzienrath Diffene- Mannheim, im sächsischen Landtag die Fabrikanten Rostowsky und Fritzsche. im reichsländischen Landesausschuß der bekannte Millionär Köchlin, im preußischen Abgeordnetenhaus der große Bockenheimer Unternehmer Wurmbach gegen die beinahe selbstverständliche Forderung mit allem ihrem Kapital- und Parteieinfluß aufgetreten waren, und daß der braunschweigische Landtag, ein rechter Bourgeoislandtag. in dem kein Sozialdemokrat sitzt, die Petition der Frauenvereine mit — Heiterkeit begrüßte. Keine Erwähnung fand, daß Züricher Arbeiterinnen schon lange vor und besser als der bürgerliche Frauenbund um weibliche Inspektionen pelitionirt hatten, daß die Forderung eine ständige Agitationsnummer unserer Bewegung seit Menschengedenken ist. und daß der Gegensatz von Kapital und Arbeit gar nicht krasser hervortreten kann, als er in dieser unschuldigen Frage von den Mächtigen dieser Erde gegen die Arbeiterinnen, die Genossinnen der bürgerlichen Agitatorin. herausgekehrt worden ist. Dafür viel von dem Kursus für Fabrikinspektorinnen, den der Frauenbund in Berlin eingerichtet hat, aber nichts davon, daß zahlreiche Arbeiterinnen heute schon in die zu schaffenden Stellen einrücken könnten. Viel vom guten Herzen und der Mittagspause zum Essenkochen, wenig von dem Ringen der Arbeiterinnen selbst. „Mit solchen Vorträgen wird die bürgerliche Frauenbewegung der kapitalstarken Feinde des Arbeiterinnenschutzes nicht Herr. Und die hiesige Ethische Kultur soll einmal den organisirten Frankfurter Arbeitern und Arbeiterinnen Gelegenheit geben, zu derselben Sache zu sprechen. Sie kann sich darauf verlassen, daß etwas Anderes dabei herauskäme!" Das frauenrechtlerische Eintreten für die Anstellung weiblicher Gewerbebeamten ist gewiß gut gemeint und nicht ohne Nutzen. Aber es beweist mit sinnenfälliger Klarheit, daß im Allgemeinen bürgerliche und proletarische Frauenbewegung im Kampfe für beiden Richtungen gemeinsame Reformforderungen nicht zu einer gemeinschaftlichen Aktion zusammenschwenken können. Die grundsätzlich verschiedene Geschichtsund Weltauffassung in dem einen und anderen Lager bedingt ein so grundverschiedenes Erfassen und Bewerthen der Reformforderungen, daß im Allgemeinen auch die parallele Aktion dafür nicht von der seitens von Ideologen erhofften einen Frauenbewegung getragen werden kann. Punkt um Punkt bestätigen dies die vorstehenden trefflichen Ausführungen unseres Frankfurter Bruderorgans. Sie zeigen es klar: Alles was für das Proletariat das Wesentliche der Forderung— Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren— ausmacht, das kommt in der frauenrechtlerischen Aktion nicht zur Geltung, ja das wird nicht einmal gestreift. Statt die Forderung aus dem Gegensatz von Kapital und Arbeit zu begründen, wird sie abgeleitet aus dem Gegensatz zwischen Mann und Frau. Die Ausführungen der„Volksstimme" machen den Eindruck vollster Objektivität. Und daß sie das Richtige treffen, weiß Jeder, der die Entwicklung dev deutschen Frauenrechtelei aufmerksam beobachtet. Jeder insbesondere. der die Verhandlungen des„Internationalen Frauenkongresses" nicht blind bewundernd, sondern kritisch prüfend verfolgte. Trugen dieselben nicht offensichtlich den Stempel der Halbheit und Seichtheit, sobald sie auf das sozialpolitische Gebiet hinüberschlngen? 1- Nur in einem Punkt irrt der Verfasser des angezogenen Artikels. Wenn er die oberflächliche, einseitige Behandlung der Frage durch das Nichtwissen der Referentin erklärt. Frau Schwerin gehört zu den sehr wenigen radikalen Frauenrechtlerinnen, welche in sozialpolitischen Materien nicht die paradiesische Unschuld der frauenrechtlerischen Masse lheilen. Sie hat vom Baum der„ethischen Erkenntniß" gegessen. Sie zählt ferner zu den noch wenigeren ihrer Gesinnungsgenossinnen, welche geschichtlich logisch zu denken verstehen. Was Frau Schwerin nicht sagte, das wollte sie nicht sagen. Sie umging es, sie verschwieg es. weil es ihr— und von ihrem Standpunkte aus begreiflich genug— mit Rücksicht auf den Erfolg und die Beurtheilung der bürgerlichen Frauenbewegung in der bürgerlichen Welt als nicht klug erschien, den Kernpunkt der Frage zu erörtern. Frau Schwerins Wissen mußte die Segel streichen vor dem durchaus bürgerlichen Charakter der Frauenrechtelei. Die Frauenrechtelei will und kann keine einschneidende Kritik des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit und der aus ihm folgenden Gesellschaftszustände geben, denn sie will diesen Gegensatz nicht antasten, sie strebt nur einzelne seiner Begleiterscheinungen zu mildern. Je mehr die bürgerliche Frauenbewegung sich entfaltet und erstarkt; je mehr sie von schönklingenden Gemeinplätzen zur Behandlung einzelner sozialresormerischer Forderungen übergeht; je mehr an Stelle der schaumigen Phrase die konkrete That tritt: um so klarer offenbart sich ihr rein bürgerlicher Charakter und ihr Gegensatz zu der sozialistischen Bewegung. Thöricht wäre es. einen Vorwurf aus Dem abzuleiten, was geschichtlich bedingt ist. Aber ebenso thöricht. die Kritik dort zu unterlassen, wo in Berkennung des geschichtlich Bedingte» der Charakter der bürgerlichen Frauenbewegung nicht klar erfaßt und ihre Stellung zum kämpfenden Proletariat durch das Prisma ideologischer Wünsche betrachtet wird, statt im nüchternen Lichte der Wirklichkeit, der geschichtlichen Verknüpfungen und Zusammenhänge. Aus der Bewegung. Die proletarische Frauenbewegung in Schleswig-Holstein. Die Behandlung des Punktes„Frauenagitation" auf dem sozialdemokratischen Parteitag zu Gotha hat zur Folge gehabt, daß in unserer Gegend fast allerorten die Frauen des werkthätigen Volks sich frischer und energischer rühren und regen, um Verständniß für die gewerkschaftlichen und politischen Bestrebungen der Männer zu gewinnen und thatkräftigen Antheil an denselben zu nehme». Schon seit einigen Jahren verfolgt ein Theil der Frauenwelt Schleswig- Holsteins mit Aufmerksamkeit die politischen und wirthschaftlichen Kämpfe unserer Zeit. Nicht nur in den Jndustriebezirke», auch auf dem platten Lande ist das weibliche Geschlecht in oft stattlicher Anzahl in den Volksversammlungen vertreten. Und daß nicht blos die Neugierde Frauen und Mädchen dorthin lockt, kann man aus der Andacht schließen, mit welcher sie den Worten des Redners oder der Rednerin lauschen. Mancher Pfarrer würde froh sein, Sonntags eine ebenso aufmerksame Gemeinde zu haben wie der sozialdemokratische Agitator, welcher die Grundsätze seiner Partei den Zuhörern und ZuHörerinnen entwickelt. Das Interesse der nichts oder wenig besitzenden Frauen für die sozialistische Bewegung ist begreiflich. Immer mehr verstehen sie, welche schweren, großen Pflichten ihnen die heutige Gesellschaft aufbürdet, und welch geringe Rechte sie ihnen gewährt. Es wird ihnen klar, daß ihre Lage die gleiche, ja eine noch ungünstigere ist, als die der proletarischen Männerwelt. In Industrie wie Landwirthschaft verwendet der Kapitalist gern weibliche Arbeitskräfte, weil sie billiger und anspruchsloser sind als männliche. Aber das fleißigste Schaffen bringt den Ausgebeuteten nicht die Möglichkeit eines Lebens, das im Einklang mit der Kultur unserer Tage steht, vielmehr mit harten Mühen nur Sorge und Entbehrung. Daß die Frauen von Schleswig-Holstein Interesse für die sozialistische Bewegung zeigen, sich um politische Angelegen heiten kümmern, ist den„Stützen von Ordnung. Sitte und Religion" natürlich ein Greuel. Wiederholt ist in den kleineren Orten seitens des Lehrers und Pastors versucht worden, die Frauen von dem Besuch der Volksversammlungen zurückzuhalten und ihnen vor der Sozialdemokratie als einem schrecklichen Wauwau gruselig zu mache». Jedoch meist vergeblich. Die Erkenntniß von der UnHaltbarkeit der heutigen Zustände bricht sich in immer weiteren Frauenkreisen des Volkes Bahn. 1890 wurde zuerst versucht, die Arbeiterinnen der Gegend zu organisiren. In Hamburg ward der „Zentralverein der Fabrik- und Handarbeiterinnen" gegründet, der nach anderthalbjährigem Bestehen KXXI Mitglieder zählte. Nach dem Halberstadter Gewerkschaftskongreß löste sich die Organisation zu Gunsten des„Verbands der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter und Ar arbeiterinnen" ans. Nicht alle ihrer Mitglieder traten dem Verband bei. ein Theil davon ging verloren, jedoch nimmt die Zahl der Ar- beiterinnen zu, welche sich dieser gewerkschaftlichen Organisation anschließen. In anderen Orten traten Frauen Bildungsvereine ins Leben. Von ihnen sind rühmend der in Kiel und der in Ottensen zu erwähnen. Ottensen hat außer dem Verein eine verhältniß mäßig gute Zahl gewerkschaftlich organisirter Arbeiterinnen aufzu weisen: etwa 600. Wie noth hier die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen thut, erhellt daraus, daß deren durchschnittlicher Wochenverdienst 7 Mark beträgt. Die vier großen öffentlichen Frauenversammlungen, welche im letzten Jahre in Ottensen stattfanden, hatten einen sehr guten Erfolg. In Elmshorn dominirt zwar noch das Kleinbürgerthum, aber was kapitalistische Ausbeutung bedeutet, erfahren die dortigen Arbeiterinnen recht deutlich. So wurde, um ein Beispiel anzuführen, durch eine Verhandlung vor dem Landgericht zu Kiel festgestellt, daß in einer Webefabrik zu Elmshorn die Arbeiterinnen Wochenlöhne von 4 Mt. 50 Pf. bis 5 Mt. erhalten. Der am Orte 1892 gegründete Frauenbildungsverein ist theils aus Mangel an geeigneten Kräften zur Leitung, theils in Folge der Gleichgiltigkeit der Mitglieder eingegangen. Seit einiger Zeit regt sich jedoch neues, kräftiges Leben unter den dortigen proletarischen Frauen. Der gewählten weiblichen Vertrauensperson ist es gelungen, durch Wort und Beispiel dieselben aufzumuntern, ihr Interesse für die Arbeiterbewegung wieder zu entfachen, sie zur Flugblättervertheilung 2c. heranzuziehen. Bei der vor einigen Wochen stattgefundenen Stadtverordnetenwahl haben die Frauen sehr tapfer für die sozialdemokratischen Kandidaten gewirkt. Nicht die gleiche günstige Entwicklung kann aus Izehoe berichtet werden, obgleich dieses Fabrikstadt ist und eine nicht unbedeutende Zahl von Industriearbeiterinnen aufweist und zwar aus verschie denen Ländern und Gegenden. Die wichtigsten Betriebe, welche hier Arbeiterinnen beschäftigen, sind: die Zuckerfabrik, die Netfabrik, die Jutefabrik und die Seifenfabrik. So schwer die Arbeit der Proletarie rinnen ist, so farg ist ihr Lohn: er stellt sich im Durchschnitt auf 6 Mt. pro Woche. Für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß sind die betreffenden Arbeiterinnen sehr schwer zu gewinnen, nur ein geringer Prozentsatz von ihnen ist organisirt. Am Orte besteht ein Frauen- Bildungsverein. Ein kräftiges Echo hat der„ Weckruf, der durch alle Lande tönt", im hohen Norden, in Flensburg, bei den Frauen gefunden. Arbeiterinnen der verschiedensten Betriebe haben sich der gewerkschaftlichen Organisation angeschlossen. Sammlungen zur Unterstützung wirthschaftlicher Kämpfe und zu politischen Zwecken Ein Traum. Eine Weihnachts- Legende von W. Korolenko. 2. Bald war Makar berauscht. Er ließ sich auf das Heu nie der und schwer sant ihm sein Haupt auf die Kniee, die er mit beiden Händen umfaßt hielt. Aus seiner Kehle entrangen sich dieselben heiseren Töne wie beim betrunkenen Jakuten; auch er sang, daß morgen ein Feiertag sei, und daß er heute fünf Fuder Heu vertrunken habe. Inzwischen ward es in der Hütte immer volfreicher und enger. Neue jafutische Gäste traten ein, die hergekommen waren, um zu beten und das tatarische Getränk zu trinken. Der Wirth merkte, daß bald nicht mehr Platz für alle sein würde. Er erhob sich und warf einen Blick auf seine Besucher. Dieser Blick fiel in die dunkle Ecke und blieb auf dem betrunkenen Jakuten und Makar haften. Er trat zu ersterem hinzu, ergriff ihn beim Kragen und warf ihn aus der Hütte hinaus. Dann trat er an Matar heran. Ihm, als einen ortsansässigen Einwohner, erwies der Wirth mehr Rücksicht. Breit öffnete er die Thür und gab dem Armen solch einen Stoß, daß er aus der Stube geradeswegs auf einen Schneehaufen flog. Es wäre schwer zu sagen, ob Makar sich durch solch eine Behandlung beleidigt gefühlt hat oder nicht; nur spürte er Schnee in seinen Aermeln, Schnee auf seinem Gesicht. Er grub sich aus dem Schneehaufen hervor und wankte nach seinem Fuhrwerk hin. Der Mond stand schon hoch, und der große Bär hatte seinen Schweif bereits nach unten gerichtet. Der Frost war auch stärker geworden. Von Zeit zu Zeit erschienen im Norden hinter den dunklen halbkreisförmigen Wolfen schwach spielend die Feuersäulen des beginnenden Nordlichts. Der Schimmel, der offenbar den Zustand seines Herrn begriff, bewegte sich langsam nach Hause. Matar saß schwankend auf seinem Schlitten und setzte das begonnene Lied fort. Er sang jezt, daß er fünf Fuder Heu vertrunken habe und nun von seinem Weibe Schläge bekommen würde. Die Töne, die seiner Stehle 12 werden hier von den Proletarierinnen thatkräftig gefördert, welche auch sonst ihr Interesse an dem Befreiungsringen der Arbeiterklasse bethätigen. In Neumünster und Wandsbeck macht die gewerkschaftliche Organisation verschiedener Arbeiterinnenkategorien Fortschritte, die hier eristirenden Frauen Bildungsvereine sind bestrebt, Aufklärung unter das weibliche Proletariat zu tragen und es dem Heere Derer zuzuführen, welche für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit tämpfen. In 14 Orten der Provinz sind weibliche Vertrauenspersonen gewählt, welche sich angelegen sein lassen, zielklar für die politische und gewerkschaftliche Schulung der proletarischen Frauen zu wirken. Und zwar im Allgemeinen mit bestem Erfolg. Von ganz wesentlichem Einfluß darauf ist die verständige und energische Förderung, welche sie seitens der Genossen erfahren. Fast allerorten sind diese davon überzeugt, daß es unbedingt nöthig ist, die Arbeiterinnen den Gewerkschaften zuzuführen und die proletarischen Frauen zu klaren, opferfreudigen Sozialdemokratinnen zu erziehen. Sowohl was das Zusammenarbeiten mit den Genossen anbetrifft, wie das stete, planmäßige Wirken, die Ersparniß an Zeit, Kraft und Mitteln und den Erfolg, haben sich die weiblichen Vertrauenspersonen durchaus bewährt. In einer weiteren Anzahl von Orten ist die Wahl von weiblichen Vertrauenspersonen noch nicht erfolgt. Doch wirken dort einzelne Genossinnen energisch und zielbewußt unter den Frauen des werkthätigen Volks und erfüllen de facto( thatsächlich) die Aufgaben von Vertrauenspersonen. Auch ihre Thätigkeit zeitigt erfreuliche Resultate. Alles in Allem darf man mit der Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung in Schleswig- Holstein wohl zufrieden sein. Die zumal in der letzten Zeit wahrnehmbaren Fortschritte berechtigen zu schönen Hoffnungen. Das in unablässiger Agitation ausgestreute Samenkorn der Erkenntniß fällt auf guten Boden und verspricht hundertfältige Frucht. Auch aus Schleswig- Holstein werden dichtere und dichtere Schaaren proletarischer Frauen und Mädchen in jenen gewaltigen Kampf eintreten, welcher die Befreiung alles dessen bringt, was Menschenantlig trägt. " Schon seh' ich im Zukunfts- Morgenroth Sich unsere Jünger einen, Und hell wird, frei von Wolken der Noth, Die Sonne der Menschheit scheinen." W. K. entstiegen, waren so mitleiderregend und traurig, daß dem Fremden, der eben auf seine Hütte gestiegen war, um das Ofenrohr zu schließen, noch wehmüthiger ums Herz wurde. Indessen hatte der Schimmel den Schlitten zum Hügel ge= bracht, von wo man die Umgegend überblicken konnte. Die Schneemassen flimmerten und glänzten hell, übergossen vom Scheine des Mondlichts. Da schien auch bisweilen das Licht des Mondes gleichsam zu schmelzen; der Schnee wurde dunkler und es spiegelte sich in ihm der Glanz des Nordlichtes. Dann schien es, als näherten und entfernten sich die schwarzen Hügel und der dunkle Wald. Makar erkannte deutlich am Fuße des Waldes den Schneegipfel der Jamalachschen Bergtette, hinter dem er Fallen für die Thiere und Vögel des Waldes gestellt hatte. Das veränderte seinen Gedankengang. Er sang, daß sich in seiner Falle ein Füchslein gefangen habe. Morgen würde er dessen Fell verkaufen, und sein Weib würde ihn nicht schlagen. Durch die frostige Luft schallte der erste Glockenschlag, als Matar feine Hütte betrat. Vor Allem theilte er seiner Alten mit, daß in seiner Falle sich ein Fuchs gefangen habe; er hatte ganz vergessen, daß sie nicht mit ihm zusammen getrunken habe, und war ganz erstaunt, als sie, ohne auf diese freudige Botschaft zu achten, ihm einen heftigen Stoß mit dem Fuß verabreichte. Als er auf das Bett niederfiel, fand sie noch Zeit, ihm mit der Faust einen Schlag auf den Rücken zu versetzen. leber Tschalgan ergossen sich indessen die ersten Töne des Festgeläutes.... * * Er lag auf seinem Bett. Sein Kopf brannte und auch innerlich brannte es ihm wie Feuer; durch seine Adern fluthete es wie Branntwein und Tabakaufguß. Ueber das Gesicht tropfte schmelzender Schnee und Schneewasser rieselte ihm den Rücken hinab. Die Alte glaubte, daß er schliefe, doch er schlief nicht. Er konnte den Gedanken an den Fuchs nicht los werden und war vollkommen überzeugt, daß ein Füchslein in der Falle sich gefangen habe; er wußte sogar in welcher. Er sah ihn, er sah, wie er, Dir Jalzreslwnferett! des englischen„National- Verbandes weiblicher Arbeiter." (Schluß.) Auf der Tagesordnung der Jahreskonferenz standen folgende Fragen: 1. Die eigentliche Bedeutung und der Nutzen des Gemeindewahlrechts und des Wahlrechts auf anderen Gebieten für die Frauen. 2. Wie soll in den Wohlthätigkeitsvereinen gewirkt und wie sollen sie geleitet werden, sowohl was die praktisch zu leistenden Arbeilen wie den in ihnen herrschenden Geist anbelangt? 3. Versorgung und Unterhalt der mittellosen Mädchen besserer Stände. 4. Eröffnung neuer Erwerbszweige für gebildete Frauen. S. Strafen und Lohnabzüge der Arbeiterinnen in Fabriken und Läden. 6. Frauenwirken unter Männern und Knaben� Knabenhorte und Vereine junger Männer. 7. Aussichten für Frauenarbeit in den englischen Kolonien. S. Errichtung einer besonderen Abtheilung für Kinderversorgung seitens der lokalen Armenpflegeämter. 9. Konkurrenz der Frauen auf dem Gebiete der Kopfarbeit und der Handarbeit. 19. Ausbildung und staatliche Kontrolle der Hebammen. Zu den aufgeführten Fragen lagen schriftliche Referate vor, an welche die Diskussion anknüpfte. In Verbindung mit der Konferenz fand eine Versammlung für „junge Damen" statt, mit Vorträgen über die Themata:„Was können daheim und in der Gesellschaft lebende Mädchen für andere thun?" „Das Hofmachen";„Die Ehe";„Vom Gelde". Ein weiteres vom Verband organisirtes Meeting beschäftigte sich mit der Frage der Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für entlassene Sträflinge. Wie ersichtlich wendete» die tagenden Damen den verschiedenartigsten und verschiedenwerthigsten Gegenständen ihre Aufmerksamkeit zu. Sie theilten den jungen bürgerlichen Damen mütterliche Rathschläge aus über das Kourinachen, die Verwendung des Taschengeldes und die moralische Befriedigung des Wohlthuns. Sie erörterten eine Reihe Fragen von allgemeinerem Interesse, darunter ernste wirthschaftliche und soziale Probleme. Uns will bedünken, daß Weniger mehr gewesen wäre. Es mag ja einer Organisation Mitläufer sichern, wenn sie sich weitestherzig für alles und jedes und etliches mehr einsetzt. Aber dem inneren Ausreifen, der Konzentration der Kräfte zu durchgreifender sozialer Reformarbeit ist diese Zersplitterung des Interesses und der Mittel gewiß nicht förderlich. Das Niveau der Verhandlungen war im Allgemeinen kein sehr vom Balken niedergedrückt, mit seinen Pfoten und Nägeln sich herauszuwinden strebte. Die Strahlen des Mondes, die zwischen dem Dickicht der Bäume sich hindurchstahlen, spielten auf seinem goldigen Fell. Die Augen des Thieres blitzten ihm entgegen. Er hielt es nicht aus, erhob sich vom Bett und wandte sich zu seinem Schimmel, um in den Wald zu fahren. Doch, was war das? Waren das wirklich die schweren Hände seiner Frau, die ihn am Pelze ergriffen, um ihn wieder in das Bett zu schleudern! Nein, da ist er ja schon hinter dem Dorfe. Die Schlitten- sohleu fahren knirschend über den harten Schnee. Tschalgan bleibt hinter ihm zurück. Hinter ihm ertönt nun auch das feierliche Glockengeläute und am fernen Horizonte sieht man die schwarzen Silhouetten jakutischer Reiter in ihren hohen spitzen Mützen, wie sie zum Gottesdienst in die Kirche eilen. Inzwischen war der Mond untergegangen und oben im Zenith erschien ein weißes Wölkchen, in phosphorartigem Schimmer erglänzend. Dann schien es zu zerreißen, sich auszubreiten und in strahlenfarbigen Flammen zu zerstieben, die nach allen Seiten hin schwebten, während das dunkle Wölkchen im Norden noch düsterer wurde. Es ward schwarz, noch schwärzer als der düstere Wald, dem Makar sich näherte. Der Weg führte durch dichtes, selten unterbrochenes Gebüsch. Rechts und links erhoben sich kleine Hügel. Je weiter, desto todter starrten die Bäume entgegen. Der Wald wurde dichter. Es war still und geheimnißvoll. Die nackten Zweige der Lärche waren mit silbernem Reif überzogen; sie wurden leicht vom Winde bewegt, der sich nur hin und wieder von oben durch die Baumkronen durchgestohlen hatte und Eisflocken auf seinem Wege davonführte. Ein Augenblick, und dann versank alles wieder in die Ruhe dieses geheimnißvollen Schweigens. Makar blieb stehen. Hier war ein ganzes System von Fallen, das sich fast bis zum Wege hinzog. Bei dem Dämmerlichte, das hier herrschte, unterschied er deutlich den abgesteckten Zaun aus Reisig; er sah sogar den ersten Block! drei schwere lange Balken, angelehnt hohes. Es fehlten die großen Gesichtspunkte, der geschichtliche Hintergrund, das Zurückgreifen auf die treibenden Ursachen der Erscheinungen und der Ausblick auf ihre sozialen Folgen. Die Ausführungen über das Wahlrecht trabten im alten frauenrechtlerischen Geleise. Was über die Wohlfahrtseinrichtungen im Allgemeinen geredet wurde, entsprach der landläufigen Auffassung bürgerlicher Philanthropie, die sich an die Bekämpfung der Erscheinungen vorhandener Nebel hält, aber die Axt nicht an die Wurzel derselben legt, ja diese Wurzel womöglich nicht einmal sehen will. Interessanter waren Referat und Debatten über die Forderung, in Verbindung mit den Armenpflegeämtern der einzelnen Kommunen eine besondere Abtheilung für Kinderpflege zu schaffen, deren Aufgabe es ist, allen Fragen näher zu treten, welche sich auf die Versorgung und Erziehung der„Staatskinder" (der aus öffentlichen Mitteln erhaltenen Kinder) beziehen. Die Forderung wurde nicht nur mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit der Einrichtung und ihren Nutzen im allgemeinen Interesse begründet. Vielmehr auch damit, daß gegenwärtig die allgemeinen Armenpfleger und Armenpflegerinnen von ihren Amtspflichten derart in Anspruch genommen sind, daß es ihnen auch bei dem besten Willen unmöglich ist, der armen Jugend die nöthige Aufmerksamkeit und Thatkraft zu widmen. Mrs. Finley, eine angesehene Armenpflegerin, referirte zu der Frage und ihre Ausführungen, wie die anderer anwesender Armenpflegerinnen bekundeten warmes Mitgefühl und verständiges Interesse. Die Verhandlungen über die Frage des sich zur schlimmsten Schmutzkonkurrenz steigernden Wettbewerbs der Frauen auf dem Gebiete der Kopf- und Handarbeit zeigten so recht augenscheinlich die Unmöglichkeit, naturwüchsige Begleiterscheinungen des Kapitalismus auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft zu beseitigen. Ob diese Erkenntniß wohl der Mehrzahl der versammelten Damen klar geworden? Wir bezweifeln es. Betont wurde, daß es Pflicht jeder arbeitenden Frau ist, keinen Kameraden, ganz gleich ob Mann, ob Geschlechtsgenossin, zu unterbieten, wie dies gegenwärtig oft seitens von Hand- und von Kopfarbeiterinnen geschieht, weil sie entweder für ihren Lebensunterhalt nicht auf ihre Beschäftigung angewiesen sind und diese nur als Nebenerwerb treiben oder aber, weil sie sich in so drückender Nothlage befinden, daß sie mit Hungerlöhnen im buchstäblichsten Sinne des Wortes fürlieb nehmen. In der Diskussion bezeichnete Lady Cavendish sehr richtig die gewerkschaftliche Organi- an einen senkrechten Pfahl und gehalten durch ein recht kunstvoll schlaues System von Hebeln mit aus Haar gedrehter Schnur. Allerdings war das eine fremde Falle, doch der Fuchs hätte sich ja auch in einer fremden fangen können. Eilig stieg Makar von seinem Schlitten herab, ließ seinen klugen Schimmel am Wege stehen und horchte. Im Walde wurde ein Ton laut. Nur aus dem fernen, unsichtbaren Dorfe tönte wie früher noch das feierliche Geläute. Er brauchte sich nicht zu fürchten. Der Eigenthümer dieser Falle, Alöscha Tschalganow, der Nachbar und Todfeind Makars, war jetzt in der Kirche. Man sah keine einzige Spur auf der glatten Fläche des frisch gefallenen Schnees. Er drang ins Dickicht ein. Auch da nichts. Unter seinen Füßen knirschte der Schnee. Die Blöcke standen in Reihen, gleichend Kanonen mit offenen Schlünden in stummer Erwartung. Er ging hin und her. Umsonst. Darauf schritt er auf den Weg zurück. Doch, horch! Ein leichtes Geräusch.... Im Dickicht erschien ein röthliches Fell, dieses Mal an einem besser beleuchteten Platze, nah, ganz nah, Makar sah deutlich die spitzen Ohren des Fuchses, sein flaumiger Schweif wedelte hin und her, als locke er Makar ins Dickicht hinein. Er verschwand zwischen den Baumstämmen — in der Richtung zu der Falle Makars, und bald tönte durch den Wald ein dumpfer, doch heftiger Schlag. Er ertönte Anfangs abgerissen, hohl, doch dann hallte er wieder unter den Kronen des Waldes und verstarb weitab in der fernen Schlucht. Das Herz Makars pochte. Der Block an der Falle war gefallen. Er lief, sich durch das Dickicht Bahn brechend. Die kalten Zweige schlugen ihn ins Gesicht und überschütteten ihn mit Schnee und Reif. Er stolperte, sein Athem stockte. Da erreichte er eine Lichtung, die er einst selbst ausgehauen hatte. Die bereiften Bäume standen zu beiden Seiten und unten an ihrem Fuße vorüber führte ein schmaler Weg, an dessen Ende das Balkenwerk der Falle stand. Es war nicht weit mehr. Dort aber, am Block, erschien eine Gestalt— erschien und verschwand. Makar erkannte den Alöscha Tschalganow: deutlich sation der Arbeiterinnen jeder Art als das beste Mittel, höhere Entlohnung der Frauenarbeit herbeizuführen und damit der Schmutzkonkurrenz entgegenzuwirken. Ein gut Theil praktische Erfahrung und Sachkenntniß äußerte sich in den Erörterungen über die Existenz- und Berufsfrage der mittellosen Töchter bürgerlicher Kreise. Noch ist die Zeit nicht fern, wo in England für diese nur die Stellung als Erzieherin, Lehrerin und Gesellschaftsdame als„standesgemäß" galt. Aus einem summarischen Ueberblick über die stattliche Reihe von Berufen, welche der gebildeten Frau heutigen Tags offen stehen, ging hervor, wie gründlich die wirthschaftliche Entwicklung mit der engen Berufssphäre und dem Vorurtheil aufräumt.— Mrs. Joyce berichtete eingehend über die Aussichten der Lehrerinnen, Köchinnen, Dienstmädchen, Nadelarbeiterinnen zc. in den englischen Kolonien. Diese Aussichten sind im Allgemeinen nicht ungünstig, vorausgesetzt, daß die auswandernden Frauen etwas Tüchtiges leisten und große Energie besitzen. Die Referentin wie die Diskussionsrednerinnen warnten dagegen nachdrücklichst vor der Auffassung, als ob beruflich untüchtige und energielose Persönlichkeiten mühelos eine glänzende Existenz erlangen könnten. Der Kampf ums Dasein fordert in den Kolonien die gleiche Thatkraft und Berufstüchtigkeit wie im Mutterlande. Mit der ihr eigenen Sachkenntniß, aus langjähriger persönlicher Erfahrung heraus und mit warmem Gefühl referirte Mrs. Hicks über das Kapitel der Strafgelder und Lohnabzüge in den Fabriken. Ueber- zeugend wies sie nach, wie ungerecht, oft blos von der Profitgier oder dem Machtkitzel des Unternehmers oder seines Stellvertreters diktirt, Strafen über die Arbeiterinnen verhängt werden, und wie schwer auf diesen die geringste Geldbuße lastet. Des Weiteren geißelte sie den Mißbrauch, den Arbeiterinnen den kargen Loh» durch Abzüge für nöthiges Arbeitsmaterial zu schmälern. Miß Gladstone führte in einem trefflichen Referate aus. daß das System der Strafgelder und Abzüge auch in den Läden, zumal in den großen Magazinen in Blüthe stehe. Es zeitige nicht blos eine mißbräuchliche Anwendung seitens des Unternehmers, sondern wirke auch demoralisirend auf die Betroffenen. Den Unterschied zwischen schlechter und guter Arbeit verwandle es in eine bloße Geldfrage und verringere in der Folge die Selbstachtung der Arbeiterinnen und ihr Streben nach vollkommener Leistung. Die Strafen und Lohnabzüge fanden nur eine einzige Ver- theidigerin: Mrs. Cadbury, die sich bezeichnend genug darauf berief, unterschied er die kleine, kräftige, nach vorn gebeugte Gestalt mit der Gangart eines Bären. Makar erschien das dunkle Gesicht seines gegnerischen Rivalen noch dunkler, seine Zähne noch größer als gewöhnlich. Makar war wüthend.„Dieser Spitzbube! Da schleicht er um meine Falle!" Freilich war Makar soeben erst auch an Alöschas Fallen geschlichen, doch darin bestand ein großer Unterschied, denn als er jene umschlich, erfüllte ihn das Angstgefühl, ertappt zu werden; jetzt aber, da er seine Fallen von Fremden umschlichen sah, ergriff ihn die Wuth und der Wunsch, den Verletzer seiner Rechte zu ertappen. Er eilte schnurstracks zum niedergefallenen Block. Dort war der Fuchs. Alescha aber begab sich mit seinen plumpen, bärenartigen Schritten auch dorthin. Man mußte sich aber beeilen. Da war der Block, unter ihm glänzte das rothe Fell des gefangenen Thieres. Der Fuchs grub mit seinen Pfoten gerade so, wie Makar es sich früher gedacht hatte, im Schnee und blickte ihn mit demselben Blicke entgegen, wie ihn Makar schon lange sich vorgestellt. „Rühr' ihn nicht an! Er gehört mir!" rief Makar dem Alöscha zu. „Rühr' Du ihn nicht an! Mir gehört er!" antwortete wie ein Echo Alsschas Stimme. Beide liefen sie hastig auf ihr Ziel los und hoben gleichzeitig den Block, um das Thier zu befreien. Als der Block aufgehoben war, erhob sich auch der Fuchs. Er machte einen Sprung, blieb darauf stehen und blickte auf beide Tschalganzen mit einem ironischen Blick, beleckte dann die vom Block eingeklemmt gewesene Stelle und lief, fröhlich mit dem Schweife wedelnd, von bannen. Alescha wollte ihn verfolgen, doch Makar ergriff ihn am Pelze. „Halt! Mir gehört er, rühr' ihn nicht an!" rief er und lief dem Fuchse nach. „Rühr' Du ihn nicht an!"— erfolgte wie ein Echo ein Ausruf Aleschas und Makar fühlte, wie jener seinerseits ihn nun am Pelze ergriff und ihn wieder überholte. (Fortsetzung folgt.) daß nur wenige Arbeiterinnen den Berhandlungen beiwohnten. Sie schlußfolgerte aus der Thatsache das geringe Interesse der Arbeiterinnen an der Frage, eiZo ihr geringes Leiden unter den gekennzeich neten Mißständen. Unseres Erachtens zeigt die Thatsache ein anderes: das geringe Interesse der Arbeiterinnen zu der Aktion des„Verbandes".— Einig war man sich auf der Konferenz darüber, daß die Regierung der Frage der besseren Ausbildung und staatlichen Kontrolle der Hebammen näher treten müsse, da die jetzige oft sehr große berufliche Untüchtigkeit derselben zahlreiche Unglücksfälle und verhängniß- volle Frauenleiden verursucht. Dagegen gingen die Ansichten über das Maß der zu fordernden Berufsbildung der Hebammen auseinander. Im Anschluß an die Konferenz fand die Jahresversammlung des Generalkomites des„Verbandes" statt. Dieselbe erledigte die üblichen geschäftlichen Angelegenheiten und berieth die Berichte über die Thätigkeit der verschiedenen Komites, mehrere Anträge, eine Statutenänderung betreffend und Anregungen betreffs des Wirkens im neuen Vereinsjahre. Zur Annahme gelangten drei Resolutionen. Die eine fordert die Errichtung der erwähnten Abtheilung für Kinderpflege im Armenamt. Die zweite verlangt vom Parlament Maßregeln betreffs der Ausbildung und Kontrolle der Hebammen. Die dritte protestirt gegen die armenischen Greuel, macht die europäischen Großmächte zum Theil dafür verantwortlich und fordert die englische Regierung auf, alle möglichen Schritte zu thun, um Wandel zu schaffen. Aus den Berichten erhellte, daß die Vertheilung der Arbeit an Komites sich als sehr zweckmäßig erwiesen hat. Der Verband hat Fortschritte auf dem Gebiete der technischen Berufsbildung der Frauen angeregt, die Gründung von„Girls Klubs" gefördert(Bildungs- und Vergnügungsvereine für Arbeiterinnen) zc. Für die Arbeiterinnen die nützlichste Aktion des Verbandes war wohl die Herausgabe einer Broschüre, welche in knapper Form und klarer Sprache die wichtigsten Bestimmungen der Fabrikgesetze enthält, die denen oft unbekannt sind, die sie schützen sollen. Die Thätigkeit der„Union" wird sich in dem neuen Jahre in den eingeschlagenen Richtungen fortbewegen. Eine Erweiterung ihrer Ziele auf frauenrechtlerischem Gebiete ist sehr wahrscheinlich. Das Exekutivkomite erörtert den Vorschlag der Lady Aberdeen, der Verband möge sich dem„Internationalen Frauenausschuß" anschließen. Die vorstehenden Ausführungen lasten jedenfalls zur Genüge erkennen, daß die sich„Arbeiterinnenverband" betitelnde Organisation ohne wesentliche Bedeutung für die Besserung der Klaffenlage der proletarischen Frauen ist. Er stellt sich dar als eine Vereinigung gutherziger Bourgeoisdamen, welche sich zur gegenseitigen Förderung ihres persönlichen philanthropischen Steckenpferds zusammengethan haben, die aber bei der Pflege dieser ihrer Liebhaberei durch die Logik der Thatsachen sozusagen mit der Nase auf wirthschaftliche und soziale Fragen gestoßen werden. Daß die Eine oder Andere dadurch angeregt wird, zu lernen und der Sache der Arbeiterinnen zu nützen, sei gerne anerkannt. Ebenso auch, daß der„Verband" Dank der Opferfreudigkeit seiner Mitglieder im Nebensächlichen und Kleinen gar manches Treffliche leistet. Als Fazit seiner Bestrebungen ergiebt sich aber sicher ein größerer moralischer Gewinn für die ihn konsti- tuirenden bürgerlichen Elemente, als ein durchgreifender praktischer Vortheil für die Arbeiterinnenmassen. Soweit er dazu beiträgt, das Klassenbewußtsein der proletarischen Frauen zu trüben, sie statt auf die Kraft ihrer Klaffe, auf das Wohlwollen der bürgerlichen Kreise vertrauen zu lassen, ist sein Einfluß direkt ungünstig. Eine zielklare Vertretung ihrer dauernden Klasseninteressen können auch die englischen Arbeiterinnen nicht finden innerhalb von Vereinen, welche Allerweltspolitik treiben, sondern nur durch Strömungen und Organisationen, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen. London. May. Erkältung. Wir sind wieder mitten in den Monaten, in denen Jedermann erkältet ist. Der Eine hat einen leichten Schnupfen, dem Anderen kratzt und brennt es im Hals, der Dritte hustet Tag und Nacht, der Vierte ist stimmlos, der Fünfte hält es vor Kopf- und Glieder- und Kreuzschmerzen nicht aus, der Sechste hat Leibweh, der Siebente liegt fiebernd zu Bett. Vielen ist unbehaglich oder elend zu Muthe, und sie alle wissen ganz genau, daß sie die Quelle ihres Leidens nirgends anders als in der Witterung zu suchen haben. Und sintemal wir die Witterung nicht ändern können, ergeben wir uns mit mehr oder weniger Philosophie in das Unvermeidliche, betrachten die„Erkältung" als nun einmal zur Kälte gehörend und schützen uns eben so weit es geht mit Halstüchern und geschlossenen Fenstern. Aber die Sache ist leider sehr oft mit Philosophie nicht abgemacht. Die„Erkältung" hat oft nicht nur einen unschuldige» Schnupfen zur Folge, der uns den Kopf ein paar Tage lang brummen läßt, sondern einen Lungenkatarrh, eine Lungenentzündung, eine Brustfellentzündung oder gar eine Lungenschwindsucht. Das sind Sachen, die tiefer ins Leben einschneiden, die uns bestenfalls wochenlang lahm legen, von denen wir uns mitunter gar nicht wieder erholen, die alte und geschwächte Menschen nicht selten über Nacht hinraffen. Hier sieht es mit einer Erkältung schon ernster aus, und man hat alle Ursache, nachzufragen, ob man denn gar nichts gegen diese Geißel des Winters anfangen kann, ob man wirklich, die Hände im Schooß, alle Störungen und Leiden der Erkältungszeit über sich ergehen lassen muß. Die Frage hat wenigstens das Gute, daß man gedrängt wird, über das Zustandekommen der„Erkältungskrankheiten" nachzudenke». Und da merkt man sehr bald, daß Kälte und„Erkältung" durchaus nicht die siamesischen Zwillinge sind, für die man sie gewöhnlich ansieht. Man findet„Erkältung" ohne Kälte und Kälte ohne„Erkältung". Wie frisch und munter ist man oft bei fortgesetztem Regenwetter oder mit dem Thermometer dauernd unter Null, und welchen abscheulichen Katarrh hat man oft im schönsten Frühjahr oder Sommer. Wie oft hat man durchnäßte Kleider ohne„Erkältung", und wie oft eine„Erkältung" ohne jede erkennbare Ursache. Und wie oft führt man eine Erkältung auf eine Kälteeinwirkung zurück, der man sich vorher schon Hunderte von Malen ausgesetzt hat, ohne sich zu erkälten. Offenbar ist es mit der Erkältung nicht so einfach. Die landläufige Erklärung stimmt nicht. Man muß eine andere Ursache suchen. Nun, diese andere Ursache hat die Wissenschaft schon gefunden. Eö ist die Ansteckung. Mit der Annahme, die Kälte sei die Ursache der sogenannten Erkältungskrankheiten, sind wir überhaupt aus dem Holzweg. Die Kälte hat mit ihnen gar nichts zu thun. Die sogenannten Erkältungskrankheiten rühren alle von einer Ansteckung her. Das ist eine sehr wichtige Erkenntniß, denn die Witterung können wir nicht ändern, gegen Ansteckung aber vermögen wir uns zu schützen. Unter Ansteckung verstehen wir bekanntlich das Eindringen von Schmarotzern in den Körper. Dort Hausen diese ganz ohne Rücksicht auf unser Wohlbefinden, nach ihren eigenen Lebensbedingungen und fragen nichts darnach, ob sie uns unbequem sind oder nicht. Solche Schmarotzer sind z. B. die Tuberkelbazillen, welche die Lungenschwindsucht hervorrufen. Solche Schmarotzer sind auch die Jnfluenza- bazillen, welche die Influenza hervorrufen. Halten wir uns bei dieser letzteren einen Augenblick auf. Denn die Influenza spielt augenblicklich eine größere Rolle im Volksleben als irgend eine andere akute Infektionskrankheit. Sie ist die Anstifterin der meisten sogenannten Erkältungskrankheiten geworden, und es giebt überhaupt wenige Menschen, die nicht ein- oder mehrmals im Jahr heimtückisch von ihr überfallen werden. Seit der großen Epidemie von 1889 bis 1899 hat sie sich heimisch bei uns niedergelassen und in den letzten sieben Jahren wie eine wahre Landplage gewüthet.' Wie die Influenza aussieht, wissen die Meisten nur zu gut aus eigener Erfahrung. Wer kennt nicht die Abscheuliche, die ihr Gift durch den ganzen Körper ausgießt; die garstigen Katarrhe, die in Nase oder Rachen beginnen und sich auf Kehlkopf, Luftwege und Lunge ausdehnen; die brennenden Augen, die bohrenden Kopfschmerzen, die Appetitlosigkeit, die Uebelkeit, die Leibschmerzen, die Durchfälle, die schlaffen, schmerzenden Glieder, die Nervenschmerzen, die überall auftreten, die Müdigkeit, die sich Wochen und Monate nach dem Anfall erhält. So tritt der gewöhnliche Jnfluenzaanfall auf, der fieberhaft verläuft und die Kranken zwingt, das Bett aufzusuchen. Aber sehr häufig verläuft die Influenza ohne Fieber, mit milderen Symptomen, oft unter dem Bild eines Schnupfens und Hustens, und diese Erkrankungen werden als„Erkältungen" aufgefaßt: Man behandelt sie mit Wärme und schlechter Zimmerluft, raisonnirt auf das Wetter und steckt nacheinander die meisten anderen Hausgenossen an, weil man nicht weiß, daß man es mit einer ansteckenden Krankheit zu thun hat. Die Influenza ist freilich eine Winterkrankheit, aber der Grund davon wird uns nun allmälig aufdämmern. Nicht weil es im Winter kalt ist, sondern weil wir die frische Luft von unseren Zimmern absperren, verbreiten sich die Athmungskrankheiten im Winter so viel leichter als im Sommer. Stellen wir uns einmal vor, wie solche Zimmerluft aussieht. Sie wimmelt von unsichtbaren Pilzen, und wenn sich ein Jnfluenzakranker darin aufgehalten hat, so sind auch Jnfluenzabazillen darin vorhanden. Die Gesunden athmen sie ein und erkranken gleichfalls. Die Jnfluenzabazillen stammen aus dem Auswurf und Nasenschleim der Kranken. Der Leichtkranke, der trotz seiner„Erkältung" seinen Geschäften nachgeht und nicht ahnt, welche Gefahr für Andere in seinem Auswurf verborgen ist, trägt ihn iiberall hin und— spuckt ihn überall aus. Es ist geradezu ungeheuerlich, init welcher Sorglosigkeit und Gründlichkeit die Influenza durch die Unsitte des Spuckens in Stadt und Land verbreitet wird. Man ist nirgends vor de» ekelhaften, krankheitbringenden Spuckflecken sicher. Im Wirthshaus, in der Kirche, im Komptoir, im Laden, in der Werkstatt, in der Fabrik, in öffentlichen Gebäuden, in der Stube, im Eisenbahncoupö und Trambahnwagen, überall werden sie abgelagert und verpesten die Luft für Andere. Und auf der Straße ist man in Verlegenheit, wie man seine Schritte setzen soll, um den giftigen Schmutz nicht an Stiefeln und Kleiderstücken mit nach Hause zu nehmen. Kein Wunder, daß die Influenza beim ersten Ausbruch der neuen Epidemie sich wie ein Lausfeuer durch ganz Europa verbreitete und seitdem nicht wieder zu vertreiben war. Auch einen dritten Grund giebt es für die Leichtigkeit, mit ! welcher wir immer und immer wieder der Influenza zum Opfer fallen, nämlich unseren eigene» Gesundheitszustand. Schlecht genährte und überarbeitete Menschen sind nicht widerstandsfähig gegen die Bazillen. Ein Angriff, welchem ein kräftiger Organismus erfolgreich getrotzt hätte, ist für sie schon unabwehrbar. Die Bazillen kommen, sehen und siegen, wie einst Cäsar mit seinen geschulten Truppen über die Barbaren siegte. Fassen wir das Alles zusammen, so können wir sagen, die Influenza ist eine ansteckende Krankheit, die durch Schmutz und Hunger verbreitet wird. Und was von der Influenza gilt, gilt auch von den übrigen sogenannten Erkältungskrankheiten, vor Allem von der Lungenentzündung und der Lungenschwindsucht. Damit sind wir bei der Beantwortung unserer Frage angelangt, was man gegen die„Erkältungskrankheiten" thun könne. Halten wir fest, daß sie ihren Namen mit Unrecht führen, da sie mit der Kälte nichts zu thun haben, nicht durch Kälte entstehen, sondern durch schmutzige Luft verbreitet werden. Statt unsere Zimmer also gegen die frische Luft abzuschließen, können wir für eine möglichst ausgiebige und ununterbrochene Luftzufuhr sorgen, im Sommer sämmtliche Fenster Tag und Nacht offen stehen lassen und selbst im kältesten Winter von Zeit zu Zeit Alles öffnen und einen Fensterspalt dauernd offen halten beim Arbeiten, Ruhen und Schlafen. Wir können uns auch möglichst viel im Freien aufhalten, weil die Luft dort unter allen Umständen wesentlich reiner ist als in geschlossenen Räumen. Zweitens können wir es vermeiden, den Ansteckungsstoff durch Ausspucken zu verbreiten. Und drittens können wir uns kräftig ernähren und vor übermäßigen Anstrengungen hüten. Das sind lauter einfache Verhaltungsmaßregeln, wie sie in jedem medizinischen Lehrbuch zu finden sind und jeder Arzt seinen wohlhabenden Patienten empfehlen wird. Aber in unserer heutigen Welt klingen sie wie Hohn. Wo sind denn die Menschen, die sich vor Schmutz, Hunger und Ueberarbeit schützen können? Fragen wir uns, � wie eine Arbeiterfamilie, selbst in leidlichen Verhältnissen, dem entsprechend leben soll, so tritt uns auf den ersten Schritt die Unmöglichkeit entgegen, auch nur den elementarsten Regeln einer gesunden Lebenshaltung zu genügen und sich dadurch vor Ansteckungsgefahr zu schützen. Darum ist die Arbeiterklasse die ausersehene Beute der ansteckenden Krankheiten. Die meisten proletarischen Wohnungen sind derart beschaffen, daß sie weder im hygienischen Sinne rein gehalten, ' noch genügend desinfizirt werden können. In den Bodenritzen, hinter der defekten Holzverkleidung, im aufgesprungenen Mörtel haben sich die Krankheitskeime von den letzten Insassen her verschanzt, und selbst zu neuen Wohnungen wird altes, vergiftetes Material verwandt. Und ist die Wohnung von Hause aus rein, und sorgt die Frau noch so gut für Sauberkeit, so bringen die Kinder eine Ansteckung aus der Nachbarschaft oder aus der Schule mit nach Haus. In den meisten von Arbeitern bewohnten Häusern sind nicht einmal offene Fenster erreichbar. Das bischen theuer erkaufte Wärme kann man nicht auf die Gasse lassen, denn die feuchte Kälte der unbesonnten, mit einer Handvoll Kohlen geheizten Stube wäre unerträglich. Selbst bei milderem Wetter läßt man die Fenster zu, um den Rauch oder den Gestank der benachbarten Fabrik abzuhalten. Und wie sieht es aus mit dem Aufenthalt im Freien für den Arbeiter mit einem elf- bis zwölf- stündigen und noch längeren Arbeitstag, für die Näherin mit einem sechzehnstündigen, für die Schulkinder, welche in der Hausindustrie beschäftigt sind? Und das Ausspucken? Was soll der Arbeiter mit seinem Auswurf beginnen? Zu Hause freilich kann er einen Spucknapf gebrauchen, und damit wäre schon viel gethan, aber draußen und bei der Arbeit geht das nicht. In das Taschentuch zu spucken ist ebenso gefährlich wie auf den Boden. Das einzige Mittel, um den Auswurf unschädlich zu machen, ist der Gebrauch einer Taschen- Hustenflasche, und diese kostet drei Mark. Und nun gar die Unterernährung und die Uebermüdung! Wie soll der Arbeiter diesen Uebeln entgehen? Wir haben neulich ausgerechnet, daß der Durchschnittslohn nicht einmal bei einer dreiköpfigen Familie für das Unentbehrlichste an Nahrung hinreicht. Der verheirathete Mann mit Frau und Kind ist bereits dem chronischen Hungern verfallen. Und für die schwere Ueberarbeitung der Meisten spricht schon die einfache Angabe der Arbeitsstunden deutlich genug. Schmuß, Hunger, Ueberarbeit, das sind die Bedingungen, unter denen alle ansteckenden, also auch die fälschlich sogenannten„ Erkältungsfrankheiten" entstehen. Von der heutigen Gesellschaft sind diese Bedingungen unzertrennlich, und unzertrennlich von ihr sind deshalb auch die hier in Frage kommenden ansteckenden Krankheiten. Ihre Ausrottung ist eine Aufgabe, der nur eine sozialistische Gesellschaft gewachsen sein kann. Diese Aufgabe ist eine der dringendsten, welche ihr bevorsteht, aber auch eine, die sie am glänzendsten lösen wird. Die sozialistische Gesellschaft wird in der Hinsicht ganz andere Ziele erreichen, als die heutige Hygiene sich als möglich zu stecken gewagt hat. Sie wird zunächst ein Menschenmaterial schaffen, welches dem heutigen gleicht wie etwa homerische Helden den ausgehungerten sächsischen Webern. In solchem Menschenmaterial gedeihen Krankheitserreger schwer. Sie wird die alten, verseuchten Wohnstätten wegfegen und neue, reinliche und reinzuhaltende Wohnungen auf einem Boden errichten, der nicht wie jetzt mit Krankheitserregern aller Art verunreinigt ist durch langjährige Ansiedlung von Geschlechtern, welche von Infektionskrankheiten schwer heimgesucht waren. Und sie wird diese neuen Wohnungen und diesen jungfräulichen Boden vor dem Eindringen von Krankheitserregern bewahren. Denn ihr wird es gelingen, Erkrankte von Gesunden sofort und ausreichend abzusondern und auf diese Weise jedes Umsichgreifen von Seuchen im Keim zu ersticken. Ferner ist sie allein im Stande, Unterernährung wie die Ueberarbeit der Massen zu beseitigen. Das sind Jdeale, welche sich die heutige Gesellschaft nicht träumen läßt, welche aber die sozialistische Gesellschaft nicht nur träumen, sondern auch verwirklichen wird. Eine Aerztin. Kleine Nachrichten. Für die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren trat in der ersten Sitzung des wiedereröffneten Reichstags der sozialdemokratische Abgeordnete Fischer sehr energisch ein. Auch der Freisinnige Dr. Schneider befürwortete die Reform. Der Staatssekretär von Bötticher, der Vielgewandte, verwies die Fordernden von Pontius an Pilatus: von der Reichsregierung an die Regierung der einzelnen Bundesstaaten. Betreffs der Stellungnahme Preußens zu der Neuerung meinte er, daß dieselbe wahrscheinlich noch die im vorigen Jahre von Herrn von Berlepsch charakterisirte ablehnende sei. Herr von Berlepsch begründete seine Haltung bekanntlich u. A. mit den angeblich in England gemachten schlechten Erfahrungen bezüglich der Amtsthätigkeit weiblicher Inspektoren. Herr von Bötticher hütete sich, irgend etwas begründen zu wollen. Wahrscheinlich in Erinnerung der gründlichen Zurechtweisung, welche Herrn von Berlepschs irrthümliche Behauptungen durch Sir Charles Dilfe erfahren. Wir kommen auf die Ausführungen des Genossen Fischer noch ausführlich zurück. Die Bewegung zu Gunsten von Sitzgelegenheit für die Verkäuferinnen hat in Berlin bis jetzt nur geringen Erfolg gehabt. Nur 26 größere und eine Anzahl kleinerer Firmen haben der gegebenen Anregung entsprechend für ihre Verkäuferinnen Sitzgelegenheit beschafft. In den meisten Geschäften ist das Sigverbot in Kraft geblieben, ja einige Chefs sehen in Folge der Bewegung mit größter Strenge auf seine Durchführung. Die Frauenrechtlerinnen beabsichtigen deshalb, sich mit einem Aufruf an das kaufende Publikum, zumalen die Frauen zu wenden, damit der Einfluß der Kunden die Geschäftsinhaber zur Beschaffung von Siggelegenheit veranlaßt. Die Erfahrung beweist auch bezüglich dieser so ungemein bescheidenen Reform, daß die gutgesinnte philanthropische Berufung an das Wohlwollen und die Einsicht Ausbeutender die Arbeitsbedingungen der Ausgebeuteten nicht zu bessern vermag. Gründliche und allgemeine Beseitigung von Mißständen, unter denen Lohnarbeiter leiden gleich, ob sie dem Kapitalisten in der Fabrik oder im eleganten Laden fann nur erfolgen durch den Zwang der Gesetzgebung frohnden oder den Druck der gewerkschaftlichen Organisation. Es beweist die innere Schwäche der über den Klee gepriesenen FrauenrechtlerischHirsch- Dunckerschen Organisation der Handlungsgehilfinnen, daß sie trotz ihrer starken Mitgliederzahl noch nicht einmal eine so winzige Reform durchzudrücken vermochte, wie sie die Beschaffung von Siggelegenheit für Verkäuferinnen darstellt. ganz Inspizientinnen des Handarbeits- Unterrichts in Breslau und Berlin. Im Jahre 1895 stellte der Breslauer Magistrat eine Inspizientin an für den Handarbeits- Unterricht in den Volks-, Mittelund höheren Schulen für Mädchen. Die Berliner Schuldeputation hat 1896 beschlossen, gleichfalls die Anstellung einer besonderen In16 " spizientin für den Handarbeits- Unterricht bei den Gemeindebehörden zu beantragen. Nach der Sozialen Praxis" ist dies die erste fachmännische Schulinspektion in Preußen, abgesehen von der, welche die militärischen Unterrichtsanstalten erfahren. Das Frauenstimmrecht zu den Gemeinderathswahlen im Duodezreich Meiningen sieht ein dem Landtage zugegangener Gesetzentwurf betreffs der Umgestaltung der Gemeindeordnung vor. Allerdings nicht das Wahlrecht für alle Frauen, blos für die mit Grundbesig angesessenen, wenn sie seit länger als einem Jahr 15 Mark Steuern zahlen. Da der Entwurf unter den gleichen Bedingungen auch Minderjährigen, Auswärtigen und juristischen Personen das Stimmrecht verleiht, tritt es klar in Erscheinung, daß das Wahlrecht nicht der Person zuerkannt wird, vielmehr dem Besiz. Die Neuerung ist also ihrem Wesen nach durchaus reaktionär. reaktionär erweist sich der Entwurf auch in anderer Richtung: die Bedingungen für Erwerbung des Bürgerrechts, mithin auch die Ausübung des Gemeindewahlrechts werden für die werkthätige Masse wesentlich erschwert. Meiningen würde übrigens mit der Zuerkennung des Gemeindewahlrechts an Frauen nicht vereinzelt dastehen. In Sachsen und Baden besitzen unverheirathete oder verwitwete Grundbesizerinnen das Gemeindewahlrecht. Für die Zulassung der Frauen zu allen Studien und Berufsarten trat im österreichischen Reichsrath der bürgerliche Demokrat Kronawetter warm ein. Er betonte, daß hinter der Gegnerschaft der Frauenemanzipation nichts anderes stecke ,,, als ein ekelhafter Konkurrenz und Brotneid. Dieselben Pharmazeuten z. B., welche sich mit Recht über die Apothekerfonzessionen beschweren, sagten in einer Versammlung, die Frauen sollten alles lernen, nur Pharmazeuten sollten sie nicht werden." Von der Frauengruppe des Evangelisch- sozialen Kongresses erhielten wir folgende Mittheilung: Die weiblichen Mitglieder des Evangelisch- sozialen Kongresses in Berlin haben einen engeren Zusammenschluß gesucht, um vereint denjenigen Theil der sozialen Frage erfolgreicher erörtern zu können, der ihnen am nächsten liegt: die Frauenfrage. Zweimal monatlich stattfindende Versammlungen sollen durch einen Vortrag mit anschlieBender Diskussion die Theilnehmerinnen zur Aussprache anregen, das Urtheil klären und die Gewinnung eines selbständigen Standpunktes ermöglichen. Diese theoretische Arbeit soll den einzelnen Mitgliedern aber auch die individuelle praktische Stellungnahme zu sozialen Tagesereignissen von Fall zu Fall erleichtern, so daß Vorgänge auf sozialem Gebiet, welche innerlich nöthigen, die gewonnene Erkenntniß in Thaten umzusetzen, die Mitglieder nicht unvorbereitet sinden. Insonderheit werden dieselben durch die gewonnenen Anregungen zur Mitarbeit an der beruflichen Organisation der weiblichen Arbeit geführt werden und zur Theilnahme an solchen Kämpfen, die sie für die Durchführung wirthschaftlicher Reformen als nothwendig erachten. Entsprechend dem Charakter des Evangelisch- sozialen Kongresses vertritt die Frauengruppe keinerlei parteipolitische Interessen, ebenso wie sie als Gesammtheit nicht an Wohlthätigkeitsbestrebungen Theil nimmt; die Bethätigung opferbereiter Nächstenliebe setzt sie bei ihren Mitgliedern als selbstverständlich voraus. Im Vordergrunde der Erörterungen stehen etwa folgende Fragen: 1. Berufsgrenzen zwischen Mann und Frau. 2. Gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen, weibliche Gewerbeinspektoren, Vereins- und Versammlungsrecht. 3. Verwendung der Frau in kommunalen Aemtern. 4. Stellung der Frau im Familienrecht. 5. Universitätsstudium, Mädchenunterricht, Erziehungsfragen, Haushalts- und Gartenbauschulen. Der Vorstand: Fr. Charlotte Broicher, Lügow- Ufer 18. Frl. Gertrud Dyhrenfurth, Schillstraße 1. Fr. Elisabeth Gnauck- Kühne, Wormserstraße 5. Fr. Adeline Lippmann, Kurfürstendamm 3. Fr. Gabriele von Soden, Friedrichstraße 213. Fr. Lucie Schmoller, Wormserstraße 13. Frl. Elise Koenigs, Schriftführerin, Wilhelmstraße 98. Zu jeder Auskunft ist die Schriftführerin gerne bereit. Quittung. Zu Agitationszwecken von den Genossinnen in Chemnitz 10 Mt. erhalten zu haben, bescheinigt dankend Berlin, Januar 1897. Frau M. Wengels, Vertrauensperson. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zeitin( Eißner) in Stuttgart. Druckt und Verlag vor J. H. W. Dieg in Stuttgart.