Nr.«. 7. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeikerinnen. Begründet von Emma Ilzrer in Psnkvin bei Berlin. Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld Sb Pf.; unter Kreuzband öS Pf. JahreS-Abonnement Mt. 2. so. Stuttgart Mittwoch, den 17. März 1�»7. Zuschriften an dl- Redattlon der.Gleichheit» sind z» richten an Fr. Klara Zetkin(Eißner>, Stuttgart. Rothebiihl- Etrabe l«7. III. Di« Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach-StraKe>2. Nachdrilik ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalt: Die nächsten Ausgaben der deutschen Arbciterinnenbewegung. Von Lily Braun-Gizycki.— Kritische Bemerkungen zu Genossin Brauns Vorschlag. Von Klara Zetkin.— Aus der Bewegung.— Ueber den Trade-Unionismus der englischen Arbeiterinnen. Von Florcnce Routledgc.— Die heilige Stellung der Frau.— Feuilleton: Ein Traum. Eine Wcihnachts-Legcnde von W. Korolcnko.(Fortsetzung.)— Die Letzten werden die Ersten sein. (Gedicht.) Von Ada Negri.— Kleine Nachrichten. Die nächsten Aufgaben der deutschen Ardeiterinnenbewegung. Die Bemühungen der Behörde, die Arbeiteriiliicnbewegnng durch Auflösung der Arbeiterinnenvcreine, durch Verfolgung der einzelnen Agitatorinnen zu vernichten, hoben nur den Erfolg gehabt, ihre Kraft zu stählen. Da sie aber gezwungen ist, mit den bestehenden Verhältnissen zu rechnen, so hat sie die Art und Weise ihres Vorgehens darnach einzurichten. In jeder neuen Periode, sei sie nun mehr oder weniger reaktionär, haben wir uns die Fragen vorzulegen: was hemmt und was fördert unsere Bewegung? Je klarer die Antwort ausfällt, desto leichter werden wir daraus folgern können, wo unsere Thätigkeit am energischsten einzusetzen hat. Was hemmt unsere Bewegung? Brauche ich angesichts der letzten Vorgänge in Schlesien und Westfalen noch besonders daran zu erinnern, daß wir es nicht mit klaren unzweideuligen Vorschriften zu thun haben, sondern daß wir immer auf die willkürliche Handhabung des famosen Vereins- und Versamnilungs-„ Rechts" seitens der Ortsbehörden rechnen müssen? Während die zu einem„Bund" vereinigten, miteinander in engster Verbindung stehenden bürgerlichen Frauenvereine über das Bürgerliche Gesetzbuch, über das Handelsgesetzbuch rc. zc. und über darauf bezügliche Petitionen an den Reichstag ungehindert verhandeln können, dürfen Arbeiterinnen- Vereine nicht nur nicht die geringste Fühlung miteinander haben, es werden sogar Kommissionen mit wenigen Mitgliedern als„Vereine" aufgelöst, und solche Vereine gesprengt, die in ihrem Kreise über wirthschaftliche Fragen verhandeln. Während die Führerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung ohne jede polizeiliche Kontrolle in Vereinen und öffentlichen Versammlungen gegen die„Herrenmoral" unserer Gesetzgebung zu Felde ziehen und für die politische Gleichberechtigung der Geschlechter eine Lanze brechen, wird unseren Rednerinnen von der überwachenden Polizei das Wort entzogen, noch ehe sie den Mund aufgethan haben oder sobald ihnen auch mir das Wort Politik entschlüpft. Aber die Behörden würden uns nicht überall Steine in den Weg legen, wenn nicht eine höhere Macht antreibend hinter ihnen stände: das Unternehmerthum. Ihm ist ein Heer von stumpfsinnigen weiblichen Arbeitsmaschinen weit lieber, als eine Armee fcstorganisirter, selbständig denkender Frauen, die ihm gegenüber ihre Menschenrechte mit Erfolg geltend machen könnten. Gewiß, auch die bürgerliche Frauenbewegung hat ihre Gegner; aber es sind meist solche, die nur mit theoretischen Waffen zu Felde ziehen, weil sie ja einen direkten, einschneidenden Angriff auf ihren Geldbeutel von dieser Seite nicht zu fürchten haben. Sie sind für die bürgerliche Frauenbewegung die nothwendige dunkle Folie, von der sie sich besonders leuchtend abheben kann; für uns dagegen sind sie die tyrannischen Sklavenhalter, die stets drohen, die Rebellen mit der Hungcrpeitsche zu Paaren zu treiben. Zahllos sind die Arbeiterinnen, die sich aus Furcht vor dem Verlust ihrer Stellung keiner Gewerkschaft anschließen, keine Versammlung besuchen und an keiner Agitation theilnehmen, so drückend sie auch ihr Loos empfinden mögen. Doch die äußeren Hemmnisse sind es nicht allein, die uns entgegenstehen. Von innen heraus wachsen sie auch: wir haben in unseren Reihen keine Freunde und Gönner, die Taufende hergeben, um unsere Sache zu fördern. Uns fallen keine Legate und Erbschaften zu, wie etwa dem Allgemeinen deutschen Frauenverein, der ein Mädchen-Gymnasium davon zu gründen und alljährlich seine Günstlinge ans die Universitäten davon zu schicken vermag; Niemand schenkt uns zu Agitationszwecken zwanzigtausend Mark, wie es kürzlich einem bürgerlichen Frauenverein in Berlin geschah. Groschen für Groschen müssen wir uns das Nothwendigste zusammensuchen; arme Arbeiterinnen müssen von ihren knappen Löhnen zusammenschießen, wenn sie einmal eine Rednerin zu sich kommen lassen wollen. Denn wir zählen keine unter uns, die in der Lage wäre, auf eigene Kosten eine Agitationsreise zu unternehmen, und verschwindend gering ist die Zahl derer, die sich ungctheilt mit allen Kräften der Arbeiterinnenbewegung widmen könnten. Fast alle müssen sich die Zeit, die sie ihr widmen, abringen; fast alle sind gezwungen, allein oder gemeinsam mit dem Manne um das tägliche Brot zu arbeiten. Da ist kaum eine, die, wie die Mehrzahl der Führerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, den größten Theil ihrer Zeit in den Dienst der Bewegung stellen kann, einer Bewegung, welche, wenn wir nicht nur ihre Bedeutung, sondern auch die Zahl der Frauen ermessen, die sie ergreifen sollte, Hunderte ungetheilter Arbeitskräfte erfordern würde. Ilnd diese Arbeitskräfte müßten geschulte sein. In unseren Reihen kämpfen zum größten Theile arme Proletarierinnen, die kaum aus der Volksschule entlassen, gleich in den Kampf ums Dasein traten, die ihren rastlosen Bildungsdrang nur in kärglichen Mußestunden befriedigen können, die selten die richtige Anleitung finden, um ihre Studien in ein nützliches System zu bringen. Selbst der eisernste Fleiß, selbst der regsamste Geist vermag gegen den abgearbeiteten, müden Körper, gegen den von Kindheit an eingeengten Gesichtskreis nicht mit dem Erfolg anzukämpfen, den diejenigen beinahe spielend erreichen, die von Haus aus mit einer höheren Bildung ausgestattet sind und es nur noch nöthig haben, sie nach allen Richtungen hin zu vervollständigen. Wir brauchten Frauen, welche die Zeit, die Fähigkeit und die Kenntnisse haben, um nicht nur alle politischen Tagesereignisse mit selbständigem Urtheil zu verfolgen, sondern um auch die soziale Gesetzgebung des In- und Auslandes, die soziale Entwicklung der Kulturstaaten gründlich kennen zu lernen. Vieles was uns auf der einen Seite hemmt, fördert uns auf der anderen. Die Verfolgung stärkt die Verfolgten; sie macht energischer, selbstloser; sie zeigt deutlich, auf welch' thönernen Füßen unsere Wirthschaftsordnung steht, da sie sich mit solchen Mitteln muß vertheidigen lassen; sie kräftigt das Solidaritätsgefühl, sie rüttelt selbst diejenigen aus dem dumpfen Hinbrüten auf, an deren Ohr unsere Worte bisher wirkungslos vorüberhallten. Und der Mangel an äußeren Mitteln weckt die beste Kraft des Weibes: die Aufopferungsfähigkeit, sie macht aus zagenden, demüthigen 42 Sklavinnen stolze, selbstbewußte Frauen, die wissen, daß sie auf Niemanden, als auf sich selbst zu hoffen haben. Dem Mangel an Kenntnissen endlich steht der Reichthum au praktischen Erfahrungen gegenüber. Die wesentlichste Förderung aber findet die Arbeiterinnenbewegung dadurch, daß die sozialdemokratische Bewegung, die machtvolle sozialdemokratische Partei hinter ihr steht. Darin liegt ihre moralische Stärke und die Gewißheit, daß ihr Weg, wenn er auch noch so hart und steinig ist, endlich zum Siege führt. Wenn wir nun all' die genannten Punkte zusammenhalten, und vor alleui das, was uns hemmt, ins Auge fassen, so lassen sich unsere nächsten Aufgaben unschwer bestimmen. Sie theilen sich ein in die Wirksamkeit nach innen und die Wirksamkeit nach außen. Unter der Wirksamkeit nach innen verstehe ich diejenige, welche sich auf den Kreis beschränkt, der schon zu uns gehört. Weil er schon zu uns gehört, wird die Wirksamkeit in seiner Mitte, wie mir scheint, vielfach vernachlässigt, und doch sollte er die Kerntruppe bilden, aus der die Offiziere hervorgehen. Um das zu ermöglichen, um ein Auseinanderlaufen, ein Allerleianfangen und Wenigvollenden nicht aufkommen zu lassen, muß für ihn, trotz der Auflösung der Arbeiterinnenvereine, der Agitationskommissiou u. s. w., eine feste Organisation geschaffen werden, die sich in verschiedene rein praktische Arbeitsgebiete eintheilt. Wie wir wissen(vergl.„Correspondenzblatt" der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vom 14. Sept. v. Js.), hat die Generalkommission der Gewerkschaften es unternommen, Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen in Deutschland zu veranstalten. Die sich hieran betheiligenden Frauen— es wird sich ja um eine auf Jahre ausgedehnte Arbeit handeln— bilden schon eine Gruppe für sich, die, wenn die Thätigkeit in einer Stadt und einem Gewerbe abgeschlossen ist, nicht wieder auseinandergehen sollte. Eine zweite Gruppe, welche ich die bibliographische nennen möchte, sollte es sich zur Aufgabe stellen, alles auf Frauenarbeit, Arbeiterinnen-Schutzgesetze, soziale und wirthschaftliche Lage der Frauen und dergleichen mehr in Büchern, in Veröffentlichungen seitens der Regierungen und der Gewerkschaften, in der Presse des In- und Auslandes vorliegende einschlägige Material zu sammeln und zu ordnen und dadurch nicht nur sich selbst zu belehren, son- /dern auch eillL.Äuskunftsstelle zu schaffen, die für solche Frauen, welche schriftlich oder mündlich agitatorisch thätig sind, von großem Nutzen wäre. Die Mitglieder einer weiteren dritten Gruppe, welche als juristische bezeichnet werden könnte, sollten alle gerichtlichen, vor allem gewerbegerichtlichen Entscheidungen sammeln, die für die er- werbsthätigen Frauen von Wichtigkeit sind. Sie sollten als praktische Berather den Arbeiterinnen zur Seite stehen und besonders solche Beschwerden entgegennehmen und untersuchen, welche dem zuständigen Fabrikinspektor dann weiter zu unterbreiten sind. Endlich aber müßte sich eine vierte und letzte Gruppe damit beschäftigen, durch Veröffentlichungen in der Presse und Herausgabe von Flugblättern die Kenntniß der Lage der arbeitenden Frauen verbreiten und ihre gewerkschaftliche Organisation fördern zu helfen. Sie müßte in Form von Flugblättern leichtfaßliche kurze Zusammenstellungen der für die Frauen im Allgemeinen und die arbeitenden Frauen im Besonderen wichtigen gesetzlichen Vorschriften publiziren: denn die Arbeiterin ist nicht in der Lage, sich die für sie so überaus wichtigen Kenntnisse aus dickleibigen Büchern zusammen zu suchen; sie wird oft, ohne es zu wissen, ein Opfer ungesetzlicher Uebergriffe, weil sie selbst die wenigen, zu ihrem Schutze erlassenen Gesetze nicht kennt. Mit dieser Thätigkeit greifen wir schon zu der Wirksamkeit nach außen hinüber, die sich in direkter und indirekter Weise auch aus der Thätigkeit der übrigen Gruppen entwickeln würde. Die ganze Veranstaltung rechnet aber, wie wir sehen, mit den bestehenden Verhältnissen; die rednerische Agitationsthätigkeit auf gewerkschaft-/ lichem wie politischem Gebiet liegt außerhalb ihres Kreises; sie kann nur in fruchtbarer Weise darauf einwirken. Nach und nach sollte in jeder Stadt eine ähnliche Organisation gebildet werden, natürlich ohne daß sich die einzelnen des fluchwürdigen Verbrechens schuldig machen, miteinander in Verbindung zu treten! Denn das Beispiel des Bundes deutscher Frauenvereiue dürfte vor den gestrengen Blicken der Polizei auf uns keine Anwendung finden! Zur Durchführung des Planes haben wir Kräfte genug, die nur des festen Zusainmenschlusses bedürfen, der in unseren Reihen um so leichter sein muß, als die klassenbewußten Arbeiterinnen es in ihrem langen Kampfe gelernt haben, die Persönlichkeit allezeit der Sache unterzuordnen. Nicht kleinliche Eitelkeit, nicht persönlicher Ehrgeiz, die in der bürgerlichen Frauenbewegung eine solche Rolle spielen, dürfen bei uns die Oberhand gewinnen, nicht darnach dürfen wir fragen, ob uns der Mitarbeiterin Nase gefällt oder mißfällt, sondern allein darnach, was der Sache nützt. Von diesem Standpunkt aus ist bereits über einzelne Seiten des hier zusammengefaßten Arbeitsplans geurtheilt worden und manches ist der Verwirklichung nahe. Tritt das Ganze ins Leben, so bin ich sicher, daß es der Ausgangspunkt einer für die Arbeiterinnenbewegung segensreichen Entwicklung sein wird. Berlin, März 1897. Lily Braun-Gizycki. Nachwort der Redaktion. Wir stellen den vorstehenden Artikel nnserer Genossin Braun, der eine sehr wichtige Frage anregt, zur Diskussion. Mögen die Genossinnen sich recht zahlreich zu der angeschnittenen Frage äußern, besonders diejenigen, die seit Jahren agitatorisch und organisatorisch thätig sind. Sie können die beste Auskunft auf die Frage geben: Haben wir Kräfte übrig, die wir für wissenschaftlich-praktische Hilfsarbeiten festlegen können, ohne daß dadurch �unsere Hauptaufgabe leidet: die Agitation unter der Masse der noch indifferenten Proletarierinnen? Die iledaktion der„Glkichhelt". Kritische Bemerkungen zu Genossin Brauns Vorschlag. Genossin Braun hat es in dankenswerther Weise unternommen, ein Programm für„die Wirksamkeit nach innen" der deutschen Arbeiterinneubewegung zusammenzustellen. Dieses Programm ist mutati mutandis im Wesentlichen eine Kopie der Organisation und Arbeitsmethode des in den letzten Jahren in England gegründeten ..Lentralausschusscs für Frauenarbeit"(Womon's InckuMrial llouneil). Das ist an und für sich gewiß kein Fehler. Warum sollten wir nicht von dem Vorgehen anderer Nationalitäten lernen, warum sollten wir nicht nachahmen, was nachahmenswerth ist und Nutzen verspricht? Wenn ich den Umstand betone, so hat das seinen besonderen Grund. Er erklärt meines Erachtens. daß das Programm einen Zuschnitt aufweist, daß es mit Voraussetzungen rechnet, betreffs derer vom Standpunkt der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung aus die Werthschätzung nicht mit Genossin Brauns Urtheil übereinstimmen kann. Der englische„Zentralausschuß", das wurde ausdrücklich hervorgehoben, sollte keinerlei parteipolitische Zwecke verfolgen. Sein Programm entspricht dieser Bedingung, es ist das einer„parteilosen" Körperschaft, die eine Verquickung von Studienzwecken und sozial- reformlerischer Aktion verfolgt. Der überwiegenden Mehrzahl nach sind es bürgerliche Elemente, welche in dem Ausschuß thätig sind, das heißt Leute, welche zu seinen Gunsten etwas Zeit und Mittel opfern können. Ich finde nnn den einen und den anderen Zug in Genossin Brauns Vorschlag wieder. Sowohl den„parteilosen" Charakter der englischen Einrichtung, wie auch die Voraussetzung, daß die in den vorgeschlagenen Gruppen zusammengeschlossenen Frauen über Zeit und Geld zum Besten der Einrichtung verfügen müssen. Da drängt sich denn die Frage auf, liegt— soweit der Plan auf die Schulung unserer Kerntruppen abzweckt— ein solches Erziehungsprogramm im Interesse einer Bewegung, welche einen entschiedenen Parteicharakter trägt? Und die andere, haben wir in den sozialistischen Frauenkreisen— ohne daß unsere Hauptaufgabe der Agitation unter den Massen leidet— die nöthigen Personen- und Geldkräfte, um den Vorschlag als Arbeitsprogramm durchzuführen? / Aufgabe der sozialistischen Frauenbewegung soll es sein, die Proletarierinnen zum Klassenbewußtsein zu wecken, sie aus einer indifferenten oder hemmenden zu einer treibenden Kraft im wirthschaft- lichen und politischen Klassenkampfe des Proletariats zu verwandeln, ffie zu bewußten Sozialistinnen zu erziehen. Dieser Hauptaufgabe muß die Wirksamkeit nach innen sich unterordnen, anpassen. Genossin Brauns Programm zur Erziehung„der Kerntruppen, aus denen die Offiziere hervorgehen", entspricht, wie mir scheint, dieser Forderung nicht. Die politische Schulung der Frauen durfte es ja Dank der ord- nungsrettenden Vereinsgesetze der meisten„engeren Vaterländer" nicht vorsehen. Dagegen mußte es meines Erachtens an erste Stelle die Erziehung auf jenen beiden Gebieten setzen, welche am wichtigsten für das klare Erfassen und Durchdringen des Sozialismus sind: die Erziehung auf dem Gebiete der Nationalökonomie und der Geschichte, und zwar der sozialistischen Auffassung entsprechend. Das Programm enthält diese Punkte nicht, und doch sind sie allein es, welche dem Ganzen ein ausgesprochen sozialistisches Gepräge aufgedrückt hätten. Man prüfe sämmtliche Punkte des Vorschlags. Lauter Dinge, welche nützlich, ja unentbehrlich sind für die Führung des. proletarischen Klassenkampfes, aber in ihrer Gesammtheit kein umfassendes spezifisch sozialistisches Schulungsprogramm bildend. Ich finde absolut keinen inneren Grund, welcher die evangelisch-soziale Frauengruppe hindern könnte, das ganze Erziehungsprogramm von A bis Z abzuschreiben und im Dienst der Naumannschen Bewegung zu verwirklichen. Das Gleiche gilt bezüglich der„radikalen", sozialreformlerisch angehauchten Fraktion der Frauenrechtelei. Aber auch die stockkonservativsten Frauenrechtlerinnen könnten ruhig dieses Programm annehmen, da- fern es sie gelüstete, vom Gebiete der Wohlthätigkeitsbestrebungen auf das der Sozialreform hinüberzulreten. Als Programm für die Schulung von sozialistischen Kerntruppen ist meines Erachtens Genossin Brauns Vorschlag zu einseitig und V«H, er läßt das hierfür Wesentlichste aus. Er giebt einen Theil— und zwar nicht den spezifisch sozialistischen Theil— statt des Ganzen. Als Ganzes durchgeführt erzieht er nicht für die politischen und wirthschaftlichen Kämpfe des Proletariats zielklare, weitschauende Slreiterinnen, ebensowenig Offiziere, denen ein Ueberblick über das gesammte Gebiet der wirthschaftlichen und sozialen Entwicklung, über das Terrain, die Voraussetzungen, die Chancen des Kampfes zc. eignet, vielmehr tüchtige methodisch geschulte Hilfs- und Sammelarbeiterinnen auf einigen sozialwissenschaftlichen Spezialgebieten. Er vervollständigt und erweitert anerkennenswerth die Schulung von Sozialistinnen, aber er erzieht nickt zum Sozialismus. Er führt unserem Arsenale eMhe recht schätzenswerthe und nöthige Waffen zu, aber er ist weit davon entfernt, für eine vollständige Ausrüstung der Streiterinnen zu sorgen. An Stelle von allseitig geschulten und in der Führung aller Waffen bewanderten Kämpferinnen giebt es nur besten Falles Fachgelehrte. Es fällt uns nicht ein, den Werth von deren Leistungen fur-mfferen Kampf, im Geringsten zu unterschätzen. Diese Leistungen sind uns nicht blos nützlich, sondern unentbehrlich. Aber das Fachwissen auf den von Genossin Braun angegebenen Gebieten allein macht nicht die Schulung sozialistischer Kerntruppen aus. Seinem ganzen Zuschnitte nach ist der von unserer Mitkämpferin entwickelte Vorschlag nicht ein Programm für die Erziehung zum Sozialismus, sondern ein praktisches Arbeitsprogramm auf abgegrenztem Gebiete, durchgeführt von Sozialistinnen und im Interesse der sozialistischen Bewegung. Liegt jedoch die Nothwendigkeit vor, für die Erziehung unserer Kerntruppen eine besondere Organisalionsform zu schaffen, deren methodisch entworfener Bildungsplan auch den von Genossin Braun hervorgehobenen Gebieten den ihnen gebührenden Platz anweist? Ich persönlich verneine diese Frage im Allgemeinen. Gewiß ist, daß die solonweise. und simsonstarke Handhabung der Vcreinsgesetze in vielen, darunter gerade den größten deutschen Bundesstaaten, eine methodische Schulung der für den Sozialismus gewonnenen Frauen außerordentlich erschwert. Aber auch dort, wo die Frauen sich nicht in Organisationen und Versammlungen mit der-jZj- Politik befassen dürfen, können sie als Mitglieder unpolitischer Arbeiter- und Arbeiterinnenvereine, Bildungsvereine, Diskulirklubs:c. sich aufklären und schulen. Ueberall können sie den Gewerkschaften angehören und in den Mitgliederversammlungen derselben sich die nämlichen Kenntnisse aneignen, wie ihre Arbeitskameraden. Dort, wo die Vereinsgesetze den Proletarierinnen gegenüber anders ausgelegt werden, allerdings nur unter einer Voraussetzung: daß der raffinirten Handhabung des Gesetzes eine rasfinirte Beobachtung des Gesetzes entspricht. Eine solche ist nicht leicht und will gelernt sein, das gebe ich zu. Und auch die minnigste und sinnigste Beobachtung des Gesetzes schützt nicht gegen Willkür, das streite ich nicht ab. Aber vor dieser rettet auch die von Genossin Braun vorgeschlagene Art der Organisation nicht. Ich erachte gerade die Erziehung unserer weiblichen Kerntruppen in den Gewerkschaften als eine treffliche, nöthige und in erster Linie zu empfehlende. Wir haben ferner unsere Presse, unsere Broschürenliteratur. Kurz, es fehlt keineswegs an Mitteln und Wegen für die nach Genossin Brauns Meinung vernachlässigte Wirksamkeit nach innen. Diese Mittel und Wege werden von den Genossinnen nur nicht in vollem Umfange ausgenützt. Zum Theil aus Scheu und Vorurtheil der Frauen, mit den Männern zusammen zu arbeite», zusammen zu lernen. Hier und da auch i» Folge der Rückständigkeit der Männer, die sich gegen die Aufnahme der Frauen in ihre Organisation und die dadurch bedingten Aenderungen sträuben. Zum Theil, weil die betreffenden Vereine den Interesse» und Bedürfnissen der Frauen nicht genügend Rechnung tragen. Am meisten wohl aus Mangel an Zeit und Geld. Alle diese Hindernisse müssen wir im Interesse der Erziehung von weiblichen Kerntruppen für unsere Bewegung zu beseitigen streben. Das Vorurtheil und die Rückständigkeit auf Seiten der Männer wie der Frauen durch unablässige Agitation. Den Mangel an Zeit und Geld durch soziale Reformen. Soweit die Organisationen den Frauen gegenüber ihre erzieherischen Aufgaben nicht erfüllen, handelt es sich darum, sie entsprechend umzugestalten und auszubauen. Soweit von der Presse das Gleiche gilt, heißt es reformiren und das Mangelnde schaffen. Nichts-als-Frauenorgani- sationen zum Zweck der Schulung von Kerntruppen sollte man meines Erachtens nur dort gründen, wo bestimmte vorliegende Verhältnisse dies unabweisbar nöthig machen und wo alle Vorbedingungen für eine tüchtige, geschulte Leitung gegeben sind. Genossin Braun wendet vielleicht ein, daß die Erziehung dieser Art die von ihr geforderte Schulung nicht ausschließt, sondern ergänzt. Damit hat sie in der Theorie ganz recht. In der Praxis stellt sich jedoch dem Neben- und Zusammenwirken zweier Erziehungsorganisationen der Frauen ein sehr gewichtiger Umstand entgegen: der bereits betonte Mangel an Muße und an Mitteln. Die wenigsten der durch die Agitation wachgerüttelten proletarischen Frauen, die vom Glauben zum Wissen des Sozialismus erzogen werde» sollen, können es ermöglichen, für mehrere Organisationen zu steuern, hier wie dort die Versammlungen zu besuchen, hier wie dort an ihrer Entwicklung zu arbeiten. Dagegen wäre es meines Erachtens sehr werthvoll, wenn die Organisationen, denen Frauen angehören, in erster Linie aber die Gewerkschaften, der von Genossin Braun gegebenen Anregung entsprechend regelmäßige, methodisch gegliederte Vortragskurse über die Entwicklung, den Stand, die Bestimmungen der sozialen Gesetzgebung im In- und Auslande, über die Funktionen der Gewerbeschiedsgerichte und ihre Rechtsprechung. über Gewerbehygiene, Berufskrankheiten u. s. w. ihrem Bildungsplan einfügen würden. Und zwar Vorträge von Leuten, welche die betreffenden Materien durchaus fachgemäß beherrschen. Es fehlt nicht an solchen, welche der Arbeiterbewegung zur Verfügung stehen. Kenntnisse auf diesen Gebieten find den Kerntruppen unserer Genosse» ebenso nöthig und nützlich, wie denen der Genossinnen. Ebenso verdienstlich ist die Herausgabe kurzer, leichtfaßlichcr Broschüren über die einzelnen Materien. Ich erinnere an die Broschüre des Genossen vr. Quarck über die„Gewerbeinspektion". Es hieße Pickelhauben nach Potsdam tragen, wollte ich ausführen, daß der Vorschlag, als praktisches Arbeitsprogramm durchgeführt, recht Nützliches für die Bewegung leisten kann. Allerdings theile ich keineswegs die überschwengliche Werthschätzung der fraglichen Leistungen, die aus Genossin Brauns Ausführungen hervorzuleuchten scheint. Alles in Allem fallen den verschiedenen Gruppen der Arbeiterinnenbewegung gegenüber nur Neben- und Hilfsaufgabe» zu. Nebenaufgaben, die auch sehr gut gelöst werden können und zum Theil gelöst werden, ohne daß weibliche Parteikräfte in einer besonderen Organisation zusammengefaßt sind. Die soziale Gesetzgebung des Jn- und Auslands läßt sich z. B., soweit es für unsere Zwecke nöthig ist, im Allgemeinen recht gut an der Hand des„Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik" und der„Sozialen Praxis" verfolgen. Broschüren, Flugblätter der angegebenen Art können jederzeit von einzelnen Personen verfaßt werden. Ihre Veröffentlichung und Verbreitung durch die Partei im Nutzen unserer Bewegung ist sicher, auch ohne daß eine besondere Frauengruppe sie beantragt. Hervorgehoben sei ferner, daß die meisten der vorgesehenen praktischen Arbeite» derart objektiver hilfswissenschaftlicher Natur sind, daß sie keineswegs die sozialistische Ueberzeugung zur Voraussetzung habe», deshalb vielfach von bürgerlichen Sozialökonomen, Sozialreformlern:c. geleistet werden und ihnen ruhig überlassen bleiben können. Hier handelt es sich für uns weit weniger darum, selbst zu leisten, als das. was die bürgerliche Welt bietet, im Interesse der Bewegung auszunutzen. Wir ersparen bei dieser Taktik Kräfte für unsere Hauptaufgabe. Aber halten wir den recht bedeutenden Nutzen fest, den die Arbeitsleistungen der Gruppen haben können. Nicht unbedingt haben müssen. Der englische„Zentralausschuß" leistet z. B. meines Wissens und meiner Werthschätzung nach herzlich wenig, so herzlich wenig, daß das Funktioniren des großangelegten Apparats durchaus nicht gerechtfertigt erscheint. Anläßlich des internationalen Kongresses»ahm ich Gelegenheit, Frau Beatrice Webb, die vorzügliche Kennerin der englischen Arbeiterverhällnisse, über ihre Meinung betreffs des „Zenlralausschusses" zu befragen. Ihr Urtheil stimmte mit dem nieinen überein, eher fiel es noch ungünstiger als dieses aus. Frau Webb sprach der Einrichtung jede wesentliche Bedeutung für die englischen Arbeiterinnen nb und erklärte sie in der Hauptsache für eine Spielerei, die etlichen bürgerlichen Damen die Illusion verschaffe, auf sozialem Gebiete Gott weiß was zu leisten. Nun liegt allerdings meines Erachtens die Minderwerthigkeit seiner Leistungen zum großen Theil in seiner Zusammensetzung und Leitung begründet. Zum Theil aber auch in dem Mangel an genügenden Fonds für die Durchführung seines Arbeitsprogramms. Und doch verfügt der englische Zentralausschuß über Geldmittel, wie sie die deutschen Genossinnen für ein ähnliches Unternehmen aus eigenen Kräften wohl schwerlich aufzubringen vermögen! Genossin Brauns Vorschlag schließt von vornherein verschiedene der Ursachen aus, welche die geringen Leistungen der englischen Organisation bedingen. Aber kann die deutsche proletarische Frauenbewegung die für Durchführung des Arbeitsprogramms nöthigen Personen- und Geldkräfte abstoßen, ohne daß ihre Hauptaufgabe darunter leidet? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, ob die Genossinnen in der angegebenen Richtung vorgehen können oder nicht. Ausschlaggebend dafür ist nicht blos die Gewähr für tüchtige Leistungen auf Grund des vorgeschlagenen Arbeitsprogramms, vielmehr in erster Linie die Rücksicht auf die Lösung der Hauptaufgaben einer sozialistischen Bewegung. Genossin Braun bejaht die Frage bezüglich der vorhandenen Kräfte. Ich vermag ihrem Urtheil nicht unbedingt beizutreten und werde die Gründe dafür in einem zweiten Artikel entwickeln. ___ Klara Zetkin. Aus der Bewegung. Politische Organisation der proletarischen Frauen in Hamburg. Am Schluß des vorigen Jahres gehörten den drei sozialdemokratischen Vereinen Hamburgs 348 Frauen an. Die Zahl der männlichen Mitglieder betrug 11065. Unseres Wissens schließen erst seit zwei Jahren die Hamburger Genossinnen sich in nennenswerther Zahl den sozialdemokratischen Vereinen an. Die vorstehende Zahl ivürde dann also immerhin einen hübschen Ansang bedeuten, und die Genossinnen anderer Staaten, wo die Frauen ebenfalls nicht durch das Vereinsgesetz behindert sind, können sich an dem Vorgehen der Hamburgerinnen ein Beispiel nehmen. Die Behörden im Kampfe gegen die staatSgcfahrlichen Proletarierinnen. Seit es in Preußen kaum noch Arbeiterinnenvereine aufzulösen giebt, seit auch Kommissionen und Komites von „rechtswegen" strangulirt worden sind: staatsretten die pflichteifrigen Behörden energisch gelegentlich von Festen und Versammlungen gegen umstürzlerische Frauengelüste. So gefiel es in Hannover der Polizei Ein Traum. Eine Weihnachls-Tegendr von W. Korolenko. 6. Die Mittelthür öffnete sich und herein trat ein ganz alter Herr niit langem weißen Bart, der ihm bis über den Gurt herabhing. Er war in kostbare, Makar unbekannte Pelze und Stoffe gekleidet und halte an den Füßen mit Peluche eingefaßte warme Stiefel, wie sie Makar nur beim alten Heiligenbildermaler gesehen hatte, lind beim ersten Blick auf den alten Herrn erkannte Makar in ihm sofort denselben, den er in der Kirche auf den Bildern gemalt gesehen hatte. Hier war nur sein Sohn nicht bei ihm, Makar glaubte daher, daß dieser ausgegangen sei. Dafür kam aber eine Taube hereingeflogen, die sich, nachdem sie sich über dem Haupte des Greises hin und hergeschwungen hatte, auf sein Knie niederließ. Der alte Herr glättete die Taube mit seiner Hand, indem er sich auf den eigens für ihn bereit gestellten Stuhl setzte. Das Antlitz des alten Herrn war so gut, daß Makar nur auf ihn zu blicken brauchte, wenn das Herz ihm zu schwer wurde; und gleich fühlte er sich freier. Ihm wurde es aber trotzdem schwer ums Herz, weil er sich plötzlich seines ganzen Lebens erinnern konnte, ja, selbst der geringsten Kleinigkeiten; er erinnerte sich eines jeden Schrittes und jeden Axthiebes und jeden gefällten Baumes und jeden Betruges und jeden Glases Branntwein, das er getrunken hatte. Er schämte sich und ihm wurde bange ums Herz. Doch wieder schaute er in das Gesicht des Alten— und er wurde ruhiger und muthiger. Erhoffte sogar, manches verbergen zu können. Der alte Herr blickte auf ihn und fragte, woher er komme, wer und wie alt er sei, wie er heiße. Als Makar ihm geantwortet hatte, fragte der alte Herr: „Was hast du in deinem Leben gethan?" unerforschlichem Rathschluß, das für Neujahr geplante Familienfest des„Zentralverbandes der Maurer" mit der Begründung des be kannten Z 8 des preußischen Vereinsgesetzes zu verbieten. Der„Zentralverband der Maurer" soll ein politischer Verein sein, eine von ihm arrangirte Festlichkeit wird in eine politische Vereinsversammlung umgekrempelt, und siehe da! ohne Hexerei ist der Grund fertig, warum„Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge" an der Veranstaltung nicht theilnehmen dürfen. In der nämlichen Stadt wurde der Gesangverein„Hoffnung" für politisch erklärt und ihm angezeigt, daß von dem geplanten Sylvestervergnügen„Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge" auszuschließen seien. Und abermals in Hannover wurde es einem Gesangverein unter Hinweis auf den famosen§ 8 untersagt, zu einer für den 24. Januar geplanten Festlichkeit, die aus Vorträgen und Tanz bestehen sollte,„Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge" zuzulassen. Der Gesangverein führt allerdings den gefährlichen Namen„Ferdinand"— warum heißt er nicht„Aegir"?— besteht aber seit beinahe dreißig Jahren, ohne daß die Polizei seine verbrecherische politische Natur entdeckte. Erst nachdem er dem„Bund der vereinigten Arbeiter-Liedertafeln von Hannover und Umgegend" beigetreten ist, und nachdem„in den Vereinsversammlungen wiederholt Lieder mit ausgesprochen politischer Tendenz zum Vortrag gebracht worden sind", wurde den Behörden klar, welcher Basilisk im Schatten der Kunst hauste. So wurde den Frauen in den drei Fällen die Gelegenheit zu politischer Frevelthat vorsehungsfroh entzogen. Wie erschütternd hätte es auch auf die preußische Monarchie eingewirkt, wenn Proletarierinnen sündhaften Ohres„Liedern mit politischer Tendenz" gelauscht, wenn sie sich der„politischen" Aktion schuldig gemacht hätten, etwa gar einen Galopp oder Walzer mit „sozialdemokratischer Tendenz" zu tanzen. Aber während die Behörden fürsorglichst über die politische Unbeflecktheit der proletarischen Frauen wachen, ist es ihnen jedenfalls entgangen, daß bürgerliche Damen dem Laster politischer Interessen verfallen. Der sogenannte „Alldeutsche Verband", der sich über ganz Deutschland erstreckt und zweifellos als ein politischer Verein im Sinne des preußischen Vereinsgesetzes betrachtet werden muß, konnte in demselben Hannover eine Versammlung abhalten, zu der auch Damen eingeladen und erschienen waren. Die Versammlung beschäftigte sich allerdings nicht mit so hochpolitischen Dingen wie Singen und Tanzen. Sie hörte— na sagen wir— ein literarisches Referat des bekannten Flottenagitators Kapitän-Lieutenant a. D. Weyer über„Unsere Marineverhältnisse und die Nothwendigkeit der Flottenvermehrung". „Du weißt es ja selbst", sagte Makar,„bei dir muß es wohl angeschrieben sein." Makar versuchte den alten Herrn, da er sich überzeugen wollte, ob wirklich alles bei ihm angeschrieben wäre. „Sage selbst", sagte der alte Herr. Makar raffte sich auf. Er überzählte alle Arbeiten, und obgleich er sich eines jeden Axtschlages und eines jeden gefällten Stammes, jeder Furche, die er mit seiner scharfen Pflugschar gezogen hatte, erinnerte, fügte er doch Tausende von Holzfuhren, Hunderte von Balken und Hunderte Pud Korn hinzu. Nachdem er alles vorgezählt hatte, wandte sich der Herr an den Priester Iwan:„Bring mir mal das Buch hierher!" Da sah Makar, daß dieser beim Herrn als Schreiber diene und wurde sehr böse darüber, daß er als Landsmann und Freund es ihm nicht früher mitgetheilt hatte. Der Priester Iwan brachte ein großes Buch, öffnete es und las. „Sieh mal nach", sagte der alte Herr,„wie viel Balken waren es?" Der Pope Iwan sah darnach und sagte traurig:„Er fügte dreitausend Stück hinzu." „Er lügt", rief Makar auffahrend,„er hat sich sicher geirrt, denn er ist ein Trunkenbold gewesen und starb eines schlimmen Todes." „Schweige!" sagte der alte Herr,„hat er je von dir Ueber- flüssiges genommen für gelesene Messen oder Taufen? Hat er dich an Gebühren übervortheilt?" „Nein, das nicht!" erwiderte Makar. „Siehst du", sagte der Herr,„ich weiß es auch selbst, daß er einen guten Schluck liebte..." Der alte Herr war böse. „Lies jetzt die Sünden vom Buche ab, denn er ist ein Lügner und ich glaube ihm nicht mehr", sagte er dem Priester Iwan. Den offenbar gänzlich unpolitischen Ausführungen konnten bürgerliche„Frauenspersonen" beiwohnen� Sollte etwa in Hannover bezüglich der Handhabung des Vereinsgeselzes der Spruch gelten:„Wenn Zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe"? Wunderbar ist auch folgendes Beispiel von der Praxis des Vereinsgesetzes. Im schlesischen Dorfe Moys bei Görlitz wurde auf deu Wunsch einiger Arbeiter eine Volksversammlung abgehalten mit der Tagesordnung:„Zweck und Nutzen der Gewerbegerichte". Einberufen ivar dieselbe von Arbeiterbeisitzern des Görlitzer Gewerbegerichts. Zweck ihres Slattfindens war, für den industriell im Aufschwung befindlichen Ort die Nothwendigkeit eines Gewerbegerichts darzuthun, bezw. den Anschluß an das Gewerbegericht der Stadt Görlitz. Obwohl die Versammlung rechtzeitig angemeldet worden war, hatte der Einberufer eine Bescheinigung nicht erhalten. Nachdem die Versammlung eröffnet worden, ließ der Ortsgewaltige durch den Gendarmen mittheilen, daß er die Versammlung als eine Vereinsversammlung ansehe und gemäß des Z 8 des Vereinsgesetzes die Entfernung der Frauen und jugendlichen Personen fordere. Der gegen das Ansinnen erhobene Protest blieb wirkungslos. Es mußte dem Verlangen entsprochen werden, damit der Zweck der Versammlung nicht vollständig vereitelt wurde. Der Ortsgewaltige konstruirte also einen aus dem Einberufer und dem Referenten, als Mitgliedern des Görlitzer Gewerbegerichts, bestehenden Verein, damit er die Entfernung der Frauen fordern konnte. Und doch ist der neuentdeckte Verein„Gewerbegericht" eine gesetzliche Einrichtung, an welcher die Arbeiterinnen das gleiche Interesse haben, wie die Arbeiter. In einem Lande mit politischer Freiheit würde man vielleicht finden, daß derartig argumentiren darauf hinauslause, das Recht zu beugen. In Deutschland erklärt man, daß unter allen Umständen das Gesetz lediglich ausgelegt und angewendet wird und das„von rechtswegen". Wer es nicht glaubt, der zahlt— mehr als einen Thaler. Auch in der Rheinprovinz sind die Behörden auf dem Plane, um die proletarischen Frauen dem politischen Leben fern zu Halle». In der zweiten Hälfte des Januar fand in Essen der Parteitag der rheinischen Sozialdemokratie statt. Vor Eintritt in die Verhandlungen forderte die Polizei die Entfernung der einen Delegirti», Genossin Löwenberg, und der ZuHörerinnen. Der Aufforderung mußte stattgegeben werden. In der zweiten Hälfte des Februar tagte in Neuwied eine Parteikonferenz für die oberrheinischen Reichstagswahlkreise. Der überwachende Polizeibeamte verlangte unter Berufung auf§ 3 des Inzwischen hatten die Arbeiter auf die Wage Makars Balken, seine gefällten Bauinstänime, die Saaten— kurz, seine ganze Arbeit gelegt. Soviel waren deren, daß die goldene Schale sich tief senkte, die hölzerne aber hoch in den Lüften schwebte, so daß man sie mit den Händen gar nicht erreichen konnte, daher denn die Arbeiter mit ihren Flügeln hinaufflogen und sie mit Stricken herunterziehen mußten. Schwer war die Arbeit des Tschalganzcn gewesen. Dann begann der Pope Iwan die Betrügereien zu zählen: ihrer waren einundzwanzigtausend neunhundert dreiunddreißig, er zählte darauf die Flaschen Schnaps, die Makar getrunken hatte— es waren vierhundert, und weiter zählte er, und Makar sah, wie die Holzschale sich immer tiefer senkte und die goldene in die Luft stieg, immer höher und höher, während jene tief in den Abgrund sank. Da glaubte Makar, daß es mit ihm und seiner Sache schlecht stehe; er trat zur Wage und wollte mit seinem Fuße die Holzschale aufhalten. Doch einer von den Arbeitern bemerkte es und erhob ein Geschrei. „Was giebt's dort?" fragte der Herr. „Er wollte die Schale mit dem Fuße aufhalten", erwiderte der Arbeiter. Da wandte sich der Herr erzürnt zu Makar und sprach: „Ich sehe, du bist ein Lügner und Betrüger, ein Faulpelz und Trunkenbold. Allen bist du schuldig geblieben, dem Popen auch; der Bezirksvogt sündigt deinetwegen, da er dich mit schlimmen Worten schelten muß!"... lind indem er sich an den Popen Iwan wandte, fragte der al.te Herr:„Wer belastet in Tschalgan die Pferde am meisten und treibt sie am grausamsten an?" Der Pope erwiderte:„Der Küster; er unterhält die Post und fährt den Bezirksvogt." Da sagte der alte Herr:„Diesen Faulpelz sollt ihr als Vereinsgesetzes die Entfernung der Frauen und stellte für den Weigerungsfall die Auflösung in Aussicht. Genossin Löwenherz, die einzige anwesende„Frauensperson", sah sich daher gezwungen, die Parteikonferenz zu verlassen. Im Regierungsbezirk Düsseldorf und in Westfalen herrscht bekanntlich die polizeiliche Praxis, ein Agi- tationskomite als politischen Verein zu betrachten, mithin als politische Vereinsversammlungen alle Versammlungen zu erklären, die es einberuft oder für die es Referenten vermittelt. In der Folge dürfen Frauen derartigen Versammlungen nicht beiwohnen. Die Begründung der Maßregel ist zwar— kühn, aber sie wird doch wenigstens versucht. In Neuwied dagegen fehlte für die Molivirung des Ausschlusses der Frauen auch ein Scheingrund. Es besteht dort kein Agitationskomite, und Genosse Rieger aus Köln hatte die Parteikonferenz einberufen. Das Bureau derselben wurde beauftragt, gegen das polizeiliche Vorgehen Beschwerde zu erheben. Bis jetzt hat die Erfahrung gezeigt, daß den sorgfältigst ausgeklügelten Gesetzesauslegungen zum Trotz das Interesse der proletarischen Frauen für das öffentliche Leben, ihre Sympathie für die sozialistische Partei stetig wächst. Aus dieser Erfahrung scheinen unsere Gegner nichts zu lerne». Noch immer halten sie die Pickelhaube für das Löschhütchen, mittels dessen man die Flammen einer weltgeschichtlichen Bewegung ausblase» zu können wähnt. Urlirr drn Cradr-Unwuismus drr rnglischrn Urliriterinnrn.* von Flvrriicc Routlrdor. Es ist Jedem, welcher der Lage unserer englische» Arbeiterinnen irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt hat, nur zu klar, daß sie sich in schrecklicher Hilfsbedürstigkeit befinden. Eine große Anzahl von * Bericht, de» Miß Routlcdgc, Delcgirte des englischen„Verbandes der Fraucngewcrkvereine", ans dein internatianalcn Fraucnkongrcß zn Berlin erstattet hat. Wir cnlnehinen ihn init vcrschicdentlichcn, aber unwesentlichen Kürzungen der soeben erschienenen Saiiiinlung der auf dein Kongreß gehaltene» Vorträge und Aussprachen:„Der internationale Kongreß für Frauen- werke und Frauenbestrebungcn". Berlin, Verlag von Hermann Waller. Miß Roullcdgcs Referat zählt zu dem Besten, was der Kongreß an Vorträgen bot. Es ergänzt und vervollständigt die Artikel, welche„Die Gleichheit" in den srühcren Jahren über die gewerkschaftlichen Organisationen der englischen Arbeiterinnen gebracht hat. Wallach dem Küster in den Stall stellen; mag er den Bezirksvogt fahren, bis er stirbt— dann wollen wir weiter sehen."... Kaum hatte der Alte dies gesagt, als sich die Thür öffnete und der Sohn des alten Herrn in den Raum eintrat und sich zur Rechten des Vaters setzte. lind der Sohn sprach:„Ich habe dein Ilrthcil gehört... Lange habe ich auf der Welt gelebt und weiß, wie es dort hergeht: dem Armen wird es schwer werden, den Bezirksvogt zn fahren! Doch— dein Wille geschehe! Vielleicht hat er aber noch etwas zn sagen. Sprich, Unglücklicher!" Da geschah mit Makar etwas höchst Seltsames.» Makar, derselbe Makar, der in seinem ganzen Leben niemals mehr als zehn Worte gesprochen hatte, fühlte in sich plötzlich die Gabe der Beredsamkeit. Er begann zn reden und staunte selbst. Es waren gleichsam zwei Makare, der eine sprach, und der andere hörte und staunte. Er glaubte seinen eigenen Ohren nicht. Die Worte flössen ihm leicht und leidenschaftlich von den Lippen, sie haschten einander und stellten sich in lange, wohlgcbildete Reihen. Er fürchtete sich auch nicht mehr; wenn er auch zuweilen stockte, so raffte er sich doch sofort wieder auf und sprach noch lauter. Hauptsächlich fühlte er es selbst, daß er überzeugend spräche. Der alte Herr zürnte erst über seine Keckheit, lauschte aber darauf mit großer Aufmerksamkeit, als wolle er sich überzeugen, daß Makar gar nicht so dumm wäre, wie es ihm anfangs geschienen. Der Priester Iwan erschrak ebenfalls und zog Makar an seinem Pelze, doch dieser achtete nicht darauf und fuhr unbeirrt fort. Dann hörte auch der Pope auf zu fürchten und lächelte sogar, als er sah, daß sein einstiges Beichtkind die Wahrheit spräche und diese dem Herrn gefiele. Sogar die jungen Leute in langen Hemden und weißen Flügeln, die beim alten Herrn als Arbeiter dienten, traten aus der Gesindestube in die Thür des Gemaches und horchten, einander zuwinkend, auf die Rede Makars. (Schluß folgt.) ihnen leidet entsetzlich. Tausende leben geradezu am Rande des Ver- hungerns. Arbeiten sie außerhalb des Schutzes der Fabrikgesetze, so wird die Arbeitszeit bis zur äußersten Anspannung ihrer Kräfte in die Länge gezogen. Nach wenigen Stunden eines unerquicklichen Schlafes erheben sie sich Tag für Tag. jahraus, jahrein zu demselben Tagwerk einer abtödtende», physischen Kräfteanspannung, und dies für einen Lohn. der kaum hinreicht, um sie am Leben zu erhalte». Ersparnisse zu machen, welche ihnen über Krankheitsfälle hinweghelfen oder ihnen jene Gemüthsruhe verschaffen könnten, die das tröstliche Bewußtsein des Besitzes eines kleinen Reservefonds verleiht, ist eine Unmöglichkeit für sie. Dies gilt für die Arbeiterinnen, die nur für sich selbst zu sorgen haben; die Lage derjenigen indessen, welche für Andere sowohl als für sich selbst nach Broterwerb gehen müssen, übersteigt jedes Maß des Erträglichen. Ich weiß jedoch sehr wohl, daß in Bezug auf die harten Bedingungen, unter welchen so viele Frauen ihr kärgliches Brot erwerben, England nicht allein dasteht.... Die Thatsache. daß die größere Anzahl der Arbeilerinnen Hilfe dringend nöthig hat. erfährt in keinem Lande Widerspruch. Es handelt sich nur darum, wie diese Hilfe zu leisten ist. oder wie wir Frauen von größerer Erfahrung, besserer Erziehung und mehr Muße. Mittel und Wege ausfindig machen können, durch welche die Arbeiterinnen sich selbst zu helfen vermögen. Ein kurzer Bericht über die Thätigkeit des„Verbands der Frauen- Gewerkvereine" in den 22 Jahren seines Bestehens ist eine theilweise Antwort auf diese Frage.... Seit die sogenannte industrielle Umwälzung in der Baumwollenindustrie in Lancashire am Ende des letzten Jahrhunderts die Arbeit aus dem Hause des Handwebers hinwegnahm und in die Fabriken verlegte, haben Frauen ebenso gut wie Männer in den letzteren gearbeitet. Sowie die Männer begannen, durch Organisationen ihre Interessen zu vertheidigen, scheinen die Frauen nicht ausgelassen worden zu sein. Aber Lancashire war eine Ausnahme. Das stolze Wort der Lancasterarbeiter jedoch:„Was wir heute thun, thut das übrige England morgen", ist in Bezug auf das Gewerkvereinswesen der Frauen in gewisser Weise bewahrheitet worden. Im Jahre 1874 faßte Mrs. Emma Paterson den Entschluß eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, deren Zweck es sein sollte, den Arbeiterinnen aus allen Jndustriebezirken zu helfen. Gewerkvereine zu gründen. Mrs. Paterson war selbst, streng genommen, keine Arbeiterin. obwohl sie als zu der Arbeiterklasse gehörig gerechnet werden muß. Sie war eine Zeit lang Sekretärin des Arbeiterklubs und -Instituts, und ihr Mann, ein Buchdrucker, hat mit unermüdlicher Energie und Begabung für die Sache der Arbeiter gewirkt. Mrs. Paterson verfügte deshalb über gründliche Einsicht in die Sache. Sie ging von der Thalsache aus, daß Frauen vielleicht mehr als Männer unter dem Einfluß der Ansichten des Mittelbürgerthums stehen; dieses aber stand zur Zeit der Sache des Gewerkvereinswesens völlig gleichgiltig gegenüber. Ihrer Meinung nach mußte daher der erste wichtige Schrill sein, die Ansichten der Mittelklassen zu erziehen! außerdem brauchte sie Geld für Führung ihrer Propaganda. Sie brachte daher zu ihren Arbeilerfreunden noch ein Komite von Gönnern beider Geschlechter aus den Mittelklassen zusammen. Die Organisation nannte sich„Verband zum Schutz und zur Fürsorge für Frauen". Der Name„Gewerkverein", so meinte man, hätte für den Augenblick die Sache geschädigt. In den ersten achtziger Jahren, als ihr viele in der Arbeiterbewegung hervorragende Männer Aufmerksamkeit zuwendeten. nahm sie den Titel an„Frauengewerkverein und Fürsorgeverband", um anzuzeigen, daß man keine Wohlthätigkeitsbestrebungen verfolge. Als„Fürsorgeverband" ward die Organisation bezeichnet. weil sie Gönner hatte, die besonders Gewicht darauf legte», daß die Mitglieder in Fällen von Krankheit und Arbeitslosigkeit Unterstützung erhielten. Erst von 1890 ab lautete der offizielle Name„Verband der Frauen-Gewerkvereine". Als Grundsatz wurde festgestellt, daß ein Gewerkverein je nach den Erfordernissen jedes besonderen Falles Unterstützung gewähren kann oder nicht. Mrs. Paterson begann nun. in London verschiedene Vereine ins Leben zu rufen. Einer derselben, der Verein der Buchbinderinnen. besteht noch. Doch kann derselbe als warnendes Beispiel dienen, in Bezug auf den Erfolg der in der gleichen Richtung sich bewegenden Arbeit nicht zu sanguinisch zu sein. Der Verein bewilligt seinen Mitgliedern in Fällen von Krankheit und Arbeitslosigkeit Unterstützung und hat in dieser Beziehung gute Dienste geleistet. Er ist jedoch unbedeutend geblieben, zählt nur ungefähr 200 Mitglieder und hat nach gewerblicher Richtung hin gar keine Leistungen zu verzeichne», trotz der hingebendsten und unermüdlichsten Thätigkeit der Sekretärin, einer Arbeiterin von großer Fähigkeil und Kraft selbständigen Handelns. Eine große Anzahl anderer Vereine mit gleichen Statuten sind in Frauengewerben und für Frauen allein gegründet worden, haben aber meistens dasselbe Schicksal getheilt. Wenige sind alt geworden. viele sind nach kurzen Monaten eines kümmerlichen Daseins dahingesiecht. Dennoch ist ihre Arbeit nicht ganz umsonst gewesen. Sie haben die Arbeiterinnen zusammengebracht, sie zum Ueberlegen gezwungen und sie gelehrt, daß sie wegen der Bedingungen, unter welchen sie gemeinschaftlich arbeiten müssen, einander zum Beistand verpflichtet sind. Außerdem waren sie Mittelpunkte, von welchen Mittheilungen eingeholt werden konnten, wenn der„Hauptverband" Spezialgesetze zu befürworten hatte, oder wenn parlamentarische Kommissionen Untersuchungen anstellten. Daneben waren sie den Fabrikinspektoren behilflich. Uebertretungen der Fabrikgesetze ans Licht zu ziehen. Nichtsdestoweniger haben die Förderer der Gewerkvereine für Frauen allein mit Bitterkeit empfunden, daß diese Organisationen den Hauptzweck einer Gewerkschaft nicht zu erfüllen vermochten: nämlich die Ausübung eines wirklichen Druckes auf die Arbeitgeber, um die Arbeitsund besonders die Lohnbedingungen zu verbessern. Einige Ausnahmen existiren allerdings. Dank den energischen und ausdauernden Bemühungen seitens der Miß Marion Tuckwell, Sekretärin des„Verbandes der Frauengewerkvereine", wurde unter den Buchdruckerinnen und Falzerinnen ein Verein gegründet, der viel Gutes erreicht hat. Er zählt etwa 300 Mitglieder und hat eine bestimmte Lohntaxe gegründet, die anzunehmen er mehrere Werkstätten gezwungen hat. Ob dieser Verein sich als fähig erweisen wird, das Feld zu behaupten, kann man freilich jetzt»och nicht sagen. Eine Mitgliederzahl von 300 Arbeiterinnen ist ein guter Anfang, aber für die Dauer nicht zufriedenstellend, wenn man die große Menge der nichtorganisirten Druckerinnen und Falzerinnen bedenkt. Vor acht Jahren gelang es Mrs.AnnieBesant und Mrs.Burrows. in Folge eines erfolgreiche» Streiks einen Verein der Streichholzarbeiterinnen zu gründen, der noch besteht. Mrs. Besant und Mrs. Burrows sind indessen Persönlichkeiten von starker Individualität. großen Fähigkeiten und unermüdlicher Thatkraft. Es ist sehr zweifelhaft. ob die Arbeiterinnen ohne sie den Verein bis jetzt zu halten vermocht hätten. In Lancashire besteht in der Gegend von Denton ein blühender Gewerkverein der Arbeiterinnen der Filzhutindustrie, der 1400 Mitglieder zählt und dem die Mitglieder der Branche aller kleineren Orte um Denton angehören. Dieser Verein wurde, wie ich glaube, von Arbeiterinnen ganz allein gegründet und scheint sehr erfolgreich zu sein. Man muß aber bedenken, daß diese Organisation von Lancaster Frauen ins Leben gerufen worden ist. der tüchtigsten aller großbritannischen Arbeiterinnen. Die wahre Schwierigkeit. Frauen zu organisiren. liegt nicht in dem Mangel an verständigem Interesse für die Gewerkschaft, vielmehr in den besonderen Schwierigkeiten des Arbeiterinnenlebens. Sehr selten wird das Mädchen Arbeiterin mit dem festen Vorsatze, bis an ihr Lebensende in ihrem Berufe zu verbleiben. Sie hofft auf eine gute eheliche Verbindung, auf die Unterstützung der Angehörigen und hat deshalb geringeres Interesse an den Arbeitsbedingungen des Betriebs. den sie wie ein Zugvogel zu verlassen gedenkt. Andererseits fordert er von ihr keine geringe Selbstverleugnung, von ihrem Wochenlohn von 6 bis 7 Schillingen einen wöchentlichen Beitrag von 2 Pence zu bezahlen und ebenso große Selbstaufopferung, nach langer harter Tagesarbeit noch einer Versammlung beizuwohnen. Zudem haben eine große Zahl von Arbeiterfrauen häusliche Pflichten, die sie nicht bei Seite schieben können und wollen, und welche die Theilnahme an Versammlungen unmöglich machen. Dazu kommt, daß viele Frauen als Heimarbeiterinnen thätig sind, wenig oder nicht von ihren Ar- beilskameradinnen und deren Arbeitsbedingungen wissen und kaum zu. sammengebracht und mit Solidaritätsgefühl erfüllt werden können So ist es begreiflich, daß die Veranstalter der mit vielen Kosten und großer Mühe zusanimengebrachten Versammlungen schließlich, besonders wenn die erste Begeisterung verraucht ist. doch nur ein halbes Dutzend Frauen als ZuHörerinnen haben und vor meistens leeren Bänken reden— Wenn man völlig aufrichtig ist. so muß man auch sagen, daß man lgemeinr sind die bürgliche» Frauen, die in England meist jene Agitation für die Nur- Frauengewerkvereine betreiben) zu den Arbeiterinnen nur schwer in jenem Tone sprechen kann, der sie mit genügendem Enthusiasmus erfüllen könnte, zu Hunderten in den Schuybann eines Frauengewerkvereins zu ziehen. Nach solchen Erfahrungen über die fast unübersteiglichen Schwierigkeiten. Gewerkvereine für Frauen allein zu gründe», widmet der „Verband für Frauengewerkvereine" jetzt seine größte Kraft den Arbeitergewerkschaften. welche Frauen als Mitglieder aufnehmen. Die Frauen werden durch den Einfluß der Männer, mit denen sie in denselben Fabriken zusammen arbeiten, zu regelmäßigeren Zahlungen veranlaßt, auch haben sie mehr Vertrauen, sich einer Organisation anzuschließen, die stark genug ist, um wirkliche Vortheile für sie erzwingen zu können. Jedes Jahr nehmen Delegirte des„Verbandes der Frauengewerkvereine" an dem Kongreß der Trade-Unions theil.... Jedes Jahr findet im Anschluß an den Kongreß seitens des„Verbandes" eine Agitationstour statt, um die Arbeiterinnen der Gewerkschaftsorganisation ihrer Branche zuzuführen. Eine besoldete Organisatorin ist außerdem angestellt, die in den Orte», welche Erfolg der Bemühungen versprechen, einen längeren Aufenthalt nimmt. Natürlich ist die Befähigung, Hingabe und Energie dieser Organisatorin von großem Einfluß auf den Erfolg. Mrs. Mailand Brodie, welche jetzt das Amt bekleidet, hat die Sache der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen ganz wesentlich gefördert. Frau Brodie war ursprünglich Handwirkerin in einer der größten Baumwollenfabriken des Lancashire; sie ist Autodidaktin, besitzt viel gesunden Menschenverstand und hat sich in ihrer Thätigkeit durchaus bewährt. Kurze Zeit lang war sie Lady Dilkes Privatsekretärin und hat durch den Umgang niit diesen begabten Vorkämpferinnen für die Arbeiterinnenorganisation sehr viel gelernt. Sie vereinigt viel praktischen Sinn und genaue Kenntniß der Arbeiterinnenverhältnisse mit großer Begabung als Redncrin. Der Erfolg der Bestrebungen für die gewerkschaftliche Organisation der Arbeilerinnen hängt zum großen Theile von der Entdeckung noch anderer Mrs. Marland Brodie ab. Da die Erfahrung lehrt, daß die am schwersten bedrückten Frauen sich selbst durch freiwillige Verbindungen nicht helfen können, so scheint es, daß für sie Verbesserung ihrer Lage üur durch eine einsichtsvolle Gesetzgebung erreicht werden kann. In England giebt es noch Viele, die in solcher Gesetzgebung einen Eingriff in das Recht persönlicher Selbstbestimmung erblicken. Sie übersehen, daß der freie Arbeitsvertrag für den Arbeiter und die Arbeiterin nur dem Namen nach besteht. Den Schutzgesetzen für Arbeiterinnen stehen besonders jene Damen des Mittelstandes feindlich gegenüber, welche ohne besondere Kenntniß der Arbeiterfrage sind, aber mit schätzbarem Erfolg für gleiche politische und Bildungsrechte der Frauen und Männer wirken. Sie sehen in allen nur für Frauen erlassenen Schutzgesetzen eine Beeinträchtigung der Gleichheit der Geschlechter, für die sie eintreten.... Alle, welche mit den Arbeiterverhältnissen wirklich bekannt sind, wissen dagegen, daß die gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit die Arbeiterinnen fast in keinem Falle derart im Konkurrenzkampf hindern, daß sie von den Männern verdrängt werden könnten. Die Frau ist noch immer ein billigeres Arbeitsthier als der Mann, trotz aller Gesetze zu ihren Gunsten. Männer werden niemals lange Arbeitsstunden zu dem niedrigen Lohne arbeiten, mit dem die nachgiebigeren Arbeiterinnen sich zufrieden geben. Alle, welche sich für die Arbeiterinnenbewegung in England interessiren, sind überzeugt, daß für eine Besserung der Arbeitsbedingungen der Frauen die Schutzgesetze ebenso wichtig sind, wie die gewerkschaftliche Organisation. Das Eindringen der Frauen in die Industriezweige hat die Tendenz, die Löhne der Männer herunterzudrücken. Zuerst werden zwei Lohnsätze festgelegt, ein höheres für Männer, ein niedrigeres für die Frauen. Die Arbeiter erhalten zunächst die schwierigere, besser gezahlte Arbeit. Sobald die Frauen eingeschafft sind, erhalten sie gewöhnlich die gleiche Beschäftigung wie die Männer, aber zu dem ihnen anfangs für leichtere Verrichtungen gezahlten niedrigeren Lohne. Die Männer werden in der Folge aus der Arbeit verdrängt, dafern sie sich nicht ebenfalls mit der schlechteren Bezahlung begnügen. Schwierig, aber richtig ist es, diesen Zuständen gegenüber dem Grundsatz zur Durchführung zu verhelfen: gleicher Lohn für gleiche Arbeit.... Aus Furcht vor der Konkurrenz der Frauen haben die Arbeiter sich oft unverständiger Weise der Gründung von Frauengewerkvereinen widersetzt. Gegenwärtig sehen sie meist ein, daß die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen das beste Mittel ist, die schlimmsten Folgen von deren Konkurrenz abzuwenden oder wenigstens zu beschränken. Mit Freuden kann ich konstatiren, daß die Arbeiter die Bestrebungen des„Verbandes" oft fördern, ihn mit Zeit und Geld zc. unterstützen.... Die besten Fortschritte macht die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen in Nordengland, theils in Folge der höheren geistigen Entwicklung der Bevölkerung, theils in Folge der industriellen Verhältnisse. Der Norden weist die stärksten Arbeiterorganisationen auf und auch die größte Zahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen. Von den in Großbritannien etwa hunderttausend organisirten Arbeiterinne» sind 9ä Prozent in der Textilindustrie beschäftigt. Von den Baumwollwebereien in den nördlichen Distrikten sind etwa 60 Prozent organisirt. In den Distrikten, aus denen die Gewerkschaft der schottischen Spinner und Weber ihre Mitglieder rekrutirt, gehören etwa 50 Prozent der einschlägigen Arbeiterinnen der Organisation an. 25 Prozent der Arbeiterinnen der Wirkindustrie von Nottingham und Leicestershire sind organisirt. Kein Zweifel, daß die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen Forlschritte macht und daß die Tendenz der Arbeiter- gewerkschafteu wächst, Frauen als Mitglieder aufzunehmen. Jedoch ist es ein Traum, wenn man wähnt, die Lage der Arbeiterinnen durch die Macht der Organisation, durch die Selbsthilfe allein, wesentlich verbessern zu können. Auch die Gesetzgebung muß zu diesem Zwecke eingreifen. Aber gerade um die Durchführung guter Gesetze zu sichern, ist das Wirken einer starken Arbeiterorganisation von hoher Bedeutung, ja unerläßlich. Diese kann auch sehr Nützliches bieten, um die Aufmerksamkeit des Fabrikinspektors auf die Uebertretung der Gesetze zu lenken. Nichts ist unberechtigter, als die Gewerkschaften für die Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitern verantwortlich zu machen. Mit oder ohne das Vorhandensein von Gewerkschaften wird es Kämpfe und Unzufriedenheit seitens der Arbeiter geben, so lange wie die Natur der Arbeitgeber als Klasse unveränderlich bleibt. Ohne die Thätigkeit und den Einfluß der Gewerkschaften würde diese Unzufriedenheil sich wahrscheinlich in verhängnißvollerer Weise äußern, als wie dies der Fall ist. Die heilige Stellung der Frau. Heilig ist die Stellung der Frau! Die Staatsraison giebt und nimmt sie denen, die„von Gottesgnaden" geboren sind. Deutsche Fürstentöchter erkaufen diese Stellung und— den Kaiserthron um den Preis ihres Glaubens. Manche Fürstin hat ihren Friedrich Wil Helm II. gefunden und daneben— seine Rietz. Heilig ist die Stellung der Frau! In den Kreisen der oberen Zehntausende wird diese Stellung in den Zeitungen seilgeboten wie Zwiebeln, Kleiderstoffe, Petroleum, Häuser und Pariser Gummiartikel. Junge blühende Mädchen lassen sich an greise Wüstlinge verkuppeln, vorausgesetzt, daß deren Jahre und Laster vergoldet sind. Dämchen, die„Rath und Hilfe in diskretem Falle" bei einem erfahrenen, absolut zuverlässigen Arzt suchen mußten, werden Dank des erschacherten Gatten zu züchtigen„Hausehren". Prostitution, Kebsweiberwirlhschaft, Hahnreithum und Syphilis singen ein gar klangvolles Lied von der heiligen Stellung der Frau. Ein Stab dienstbarer Geister führt das glänzende Hauswesen. Miethlinge betreuen die Kinder seit ihrer Geburt. Nur der fatale Akt des Gebärens ist der„Gnädigen" geblieben, und wie oft nicht beugt„weise Vorsicht" ihm vor! Im Theater und Konzerthaus, bei Bällen, Visiten und Gesellschaften, überall wo die Ausstellung von Brillanten, Spitzen und nacktem Frauenfleisch möglich ist, übt die Dame die ernsten Pflichten ihrer heiligen Stellung. Die besten Frauen jener Kreise ringen sich die Seele wund gegen die Hohlheit, Verlogenheit und Schmach ihrer Lage. Sie fordern einen durch Pflichtleistungen veredelten Lebensinhalt außerhalb des Hauses. Man weist sie in ihr„Puppenheim" zurück, an den heiligen Herd, dessen Flamme die„perfekte Köchin" hütet. Heilig ist die Stellung der Frau! Die Dressur für die Jagd auf den„standesgemäßen" Erhalter bestimmt die Erziehung der mittelbürgerlichen Töchter, und diese Jagd selbst macht ihres Lebens Inhalt aus. An der Schwelle der heiligen Stellung steht der Ball, der Fleisch- und Sklavinnenmarkt, wo entblößte Arme, Schultern und Busen den Käufer auf Lebenszeit anlocken, ihm unter Lichtgefunkel und rauschenden Walzerklängen zuraunen: Kauf' mich! Nein mich! Nein mich! In geistiger Enge und Beschränktheit, Zeit und Kraft auf tausenderlei Nichtigkeiten zersplitternd, oft von Sorgen gequält, vom Kampfe für die Wahrung des standesgemäßen Dekorums aufgerieben, wirthschaftet die Frau als des Hauses Aschenputtel. Verlacht, verhöhnt wird die vergrämte, verbitterte alte Jungfer in der Verwandtschaft von Pontius zu Pilatus gestoßen. Nach vielen Tausenden zählen die bürgerlichen Frauen, die hinaus müssen ins feindliche Leben, hinein in das rauhe Sturmesgetos des Existenzkampfes, dem„zarten Weibe" erschwert durch Vorurtheil und gesetzliche Schranken. Roth und höheres Streben heißen Unterhalt und erweiterten Pflichtkreis in der Gesellschaft sor dern. Man reicht der Heischenden den Kochtopf, für den keine eigene Feuerstelle mehr brennt. Heilig ist die Stellung der Frau! Die Frau des werkthätigen Volkes muß Lohnsklavi» sein. Von der Armuth an die Maschine, an die Berussarbeit geschmiedet, muß sie fremdem Reichthum frohn- den. Nicht als Würze des Lebens lernt sie die Arbeit kennen, als Sklaverei. In grauem Einerlei spinnt sich ihr hartes, ermüdendes Tagwerk ab. Des Frühlings liebliche Pracht darf sie nicht grüße». Der Jugend heiteres Spiel, ihr winkt es nicht. Nicht ihr beut der Garten seine Früchte, der Wald Kühle und Vogelgezwitscher, der Fluß sein Silbergeflimmer, das feenhaft erleuchtete Magazin seine Schätze. Was die Kunst geschaffen, was die Wissenschaft giebt, ihr darf es nicht zu eigen werden, und wenn darob das Herz die Brust vor Schmerz zu sprengen droht, und wenn das Talent verzweifelt gegen sein Verkümmern sich aufbäumte. Familienglück, Mutterpflichten und Mutterfreuden, ihr werden sie vergällt und entrissen. Sie kennt das Sehnen des Gatten nach einem traulichen Heim. Sie kann es ihm nicht bereiten. Sie fühlt, wie vom Hauche des verarbeiteten Giftes getroffen das Leben dahinwelkt, das sie in ihrem Schöße trägt. Sie vermag es nicht zu retten. Lauter als der Fabriklärm tönt in ihrem inneren Ohr das Schreien der Kleinen daheim, die z' Niemand betreut. Sie muß sie sich selbst überlassen. Als Mehrwerth schaffende„Hand" nur hat sie Anrecht auf die Existenz in dieser besten aller Welten. Als der Kapitalisten Lastthier! Und als sein Lustthier auch, dafern ihre Jugend und Anmuth sein Begehren reizt. Ein proletarisches Mädchen zu freien, ti äono, wie unfein! Ein proletarisches Mädchen zu verführen, wie standesgemäß! Die Arbeiterin zu ehren, Kanailleforderung! Die Arbeiterin zu vergewaltigen. Herrenrecht! Und der Preis für die Proletarierinknechtschaft? Ein Lohn, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Die Entbehrung ein ständiger Gast in ihrem Heim, der Hunger kein seltener, die Sorge die treueste Hausfreundin. Im Rahmen dieser Existenz treten sie uns entgegen: die blutlose Näherin, die nervöse Spinnerin und Weberin, die vergiftete Arbeiterin der chemischen Fabriken, das kaum der Schule entwachsene„Lehrmädchen", und wie sie alle heißen, die Märtyrerinnen der Arbeit, denen das Kapital alles raubt, was das Leben lebens- werth macht. Und in ihrem Gefolge, welcher herzzerreißende Zug von siechen, verkümmerten, verkrüppelten Kindergestallen. Heilig ist die Stellung der Frau! Im Tingeltangel kreischt die geschminkte, mit Flitterkram behängte„Sängerin" ihre Zoten. Die Balleteuse dreht sich im winzigsten Röckchen vor den geilen Blicken alter und junger Lebemänner. Durch die herausforderndsten Kostüme, Stellungen und Geberden peitscht die Zirkusdame die Lust ihrer Verehrer zu rasender Gier an. Straßen und Nachtcafös hallen vom frechen Gelächter der Prostituirten, die des Käufers warten— manchmal mit leerem Magen. Wer zählt sie alle, die Opfer des Hungers und des Goldes, die die Straße verschlingt! Heilig ist die Stellung der Frau! Der Mann ist ihr Vormund in der Familie. An öffentlichen Rechten steht sie mit Kindern, Ehrlosen und Blödsinnigen auf einer Stufe. Heilig ist die Stellung der Frau! Die Sozialdemokratie bedroht sie. Sie zeigt dem Weibe seine ganze Schmach, der Proletarierin die Größe ihrer Knechtschaft. Sie ist durchdrungen von der Würde der Frau, daher zuerkennt sie ihr gleiche Rechte wie dem Manne. Aus der Hohlheit des Reichs der konventionellen Lüge, aus der Beschränktheit kleinlicher Verhältnisse, aus dem Sumpfe des Lasters, aus des Kapitals Frohn weist sie ihr den Weg zur Freiheit. Als Ebenbürtige stellt sie die Frau neben den Mann, als Erzogene giebt sie die Mutter de» Kindern zurück. Ihr ist die Stellung der Frau in der That heilig. Es giebt Worte, die nicht etwa über der Kritik sind, die aber außerhalb der Kritik bleiben müssen. Wo ein byzantinisch gedrehtes und gedeuteltes Strafgesetz den Mund verschließt, da geben die That- sachen die Antwort. Und ihre Antwort ist deutlich. Dir Letzten werde»» die Ersten sein. So sprach er.— Palästinas schöner Himmel, Beim Sonnenuntergang im Westen, malte Sich leuchtend rolh wie Blut. Ein Haufen Wolken bei dem letzten Schimmer Der Sonne scheinbar wie Ruinen strahlte Von Städten rauchend in des Feuers Gluth. Beim feierlichen Abcndglüh», dem hellen, Des Gottes weiße Kleider auch erschienen Von Flammen eingefaßt. Aus Wald und Wilsten und des Meeres Wellen, Auf Kinder, kniccnd und mit frommen Mienen, Aus weinender Besiegter Kcttcnlast Erdröhnte seine Stimme.(Ningsnm Schweigen, Das lirsstc Schweigen.) Wer im Schatten lebte, Licht morgen haben soll, Dem Blinden wird der Tag sich wieder zeigen, Wer einsam war und weinend, fluchend bebte, Jauchzt morgen freudevoll. Wer zitternd fror und wen kein Mensch erwärmte, Wer hungerte und Beistand nie gefunden, Wer liebedürstcnd war lind ungeliebt sich bis zum Sterben härmte, Wer schuldlos preisgegeben allen Wunden, Der Schmach und Schande gar, Pflückt morgen Myrthen, Veilchen voller Wonne Im Waldesgrttn, an zauberhaften Orte», Wo Wünsche Recht vcrlcihn. Von Freiheit trunken, trunken von der Sonne, Zieht er durch Palmen zu der Strahlenpfortc Der hehren Zukunft ein!... Äerantivorttich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin(Eißner) in Empor, empor, ihr Sklaven und Gebückten, Empor, empor, Verworfne, Dcmuthsvolle, Die Stunde kam herbei. Im Namen Gottes auf, du Volk von Unterdrückte», Zum Schild dir Gottes Namen dienen solle, Geh, siege und verzeih!... Dies sprach er aus.— Die Völker und die Himmel, Die stillen Palmen, Felder, Wald und Wellen, Sie lauschten.— Ernste Frau'n, Gehüllt in langer Schleier düslern Schimmern, Sahn mit den Augen, drin die Thräncn quellen, Den Traum vom Morgen ohne Sturmcsgrau'n. Im Schoß der Erde und im Meeresgründe Die Keime künftiger Zeitalter sprangen Bei dieser Stimme Ton. Jndcß die Lust durchdrang die Himmclskunde, Hielt er mit rcincin Blick die Welt umfangen...— Und seiner harrt' das Kreuz im Schatten schon. Ad.r Negri. Aus:„Sturme", Deutsch von Hedwig Jirhn. Verlag von Alexander Duncker, Berlin. Kleine Nachrichten. Eine folgenreiche Revolution in der Kartonnagcnfabri kation steht bevor. Ein dreiundzwanzigjähriger Italiener, Mario ' Gatti, hat eine Maschine erfunden, welche bestimmt ist, die Handarbeit so gut wie vollständig aus der Pappschachtelfabrikation zu verdrängen. Ein sinnreich konstruirter Mechanismus, über den Pappstreifen ohne Ende gehen, schneidet, rollt und gummirt die Pappe, klebt sie zum Schachtelzylinder zusammen, schneidet den Boden und setzt ihn an und überzieht das Ganze mit Papier. Eine zweite Maschine stellt in der gleichen Weise automatisch die Schachteldeckel her. Will man eckige Schachteln fabriziren, so brauchen in dem gleichen Mechanismus nur etliche bewegliche Theile gewechselt zu werden. Die fertige Schachtel wird mechanisch in einen„Sammler" geworfen. Mittels entsprechend angepaßter Maschinen können alle Arten Schachteln ! von den kleinsten bis zu den größten hergestellt werden. Die Maschine Gatti fabrizirt in der Minute 35 kleine oder mittelgroße Schachteln, j in der Stunde also 2100, ohne Deckel, 1050 mit Deckel. Die geschicktesten Arbeitskräfte vermochten bis jetzt nicht mehr als höchstens 52 Stück in der Stunde fertigzustellen. Sollte die Maschine in der Praxis sich bewähren— und Fachleute erklären dies für sicher— so fliegen Hunderte und Hunderte von Kartonnagenarbeilern und zumal j-Arbeiterinnen aufs Pflaster. Ein Fortschritt, der in einer vernünftig organisirten Gesellschaft ein Segen für die Schaffenden wäre, ihre Mühen erleichterte, die Möglichkeit der Lebensfreude für sie vermehrte, er verwandelt sich unter der Herrschaft des Kapitals in einen Fluch. Die Bethciligung der italienischen Tozialistinnen an dem bevorstehenden Wahlkampf hat eine zahlreiche Frauenversammlung in Mailand dem Antrag der Genossin Or. Kulischoff entsprechend beschlossen. Das Stimmrecht besitzen die italienischen Frauen allerdings nicht. Dagegen sind die Genossinnen entschlossen, in jeder Weise ihren Einfluß zu Gunsten der sozialistischen Kandidaturen aufzubieten, und mit aller Energie die Genossen bei Führung des Wahlkampfes zu unterstützen. Außerdem soll eine besondere Broschüre zur Agitation unter den Frauen verbreitet werden. Dieselbe soll nachweisen, daß die Interessen der Frau als Arbeiterin, Familienmutter und Staatsbürgerin mir in dem Maße gewahrt werden können, als die Arbeiterklasse die politische Macht erobert. Frauen in öffentlichen Remtern. Im Staate Utah, dem alten Mormonenstaat, wurde Frau Hughes gegen ihren eigenen Mann zum Senator gewählt.. Die Erwählte ist Mormonin und praktizirt als Doktorin der Medizin. Sie erhielt 2609 Stimmen mehr als ihr Mann, welcher der Kandidat der Republikaner war. Im Staate Colorado eroberten die Damen Hertz, Butler und Couine Sitze als Abgeordnete. Frau Grace Espey Patton wurde mit der Oberaufsicht über alle Staatsschulen betraut. Das Amt eines Staatsanwalts — Grafschaftsanwalts— erhielt eine Frau in Illinois. In Washington soll Frau Hebart sich als Kandidatin der bäuerlichkleinbürgerlichen Populistenpartei um das Mandat als Senator bewerben.__ Zur Beachtung. Die Adresse der Vertraucnsperson der Leipziger(Genossinnen ist: Frau Auguste Jäger, Glorkcnstratzc Nr. 4, Leipzig. Stuttgart.— Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.