Nr.S87. Abomumtllts-Kedtngmlgkn: ilbonnemenlS- Prei» prinmnerand»>. LtirleljShrl. 3L0 Ml., monatl. 1,l0Ml� wöchexlltch SS Pfg. frei int Hau». Stnzelne Nummer S Plz. Sonnlag», Nummer mtl tllustrlrler Sonnlag»- Beilag«.Dl« Neue Well" xo Plg. Post- Abonnemenr: ZL0 Mari pro Quartal. Singerragen tn der Post- Zetlung», PretZlift« stir XSS? unter Bt. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Marl, für da» übrig, Auiland S Marl pro Monat. 14. Jahrg. Zi» Instrttons-Aebiihr betrSgl für die lechSgelvallene Kolonel- »eile oder deren Raum 40 Plg.. lür verein«- und Verlammlungs-Auzelgen, sowie ArbetlSmartt ÄZ Psg. Inserate sür die nächste Nummer müssen bi« » Uhr nachmittag« in der Erpeditio» abgegeben werden. Die Expedition »st an Wochentagen bi« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi« s Uhr vormittag« geöffnet. Erscheint täglich ausjer«ontag». Devlinev Volksblskk. Zernsprecher! Smt I, Qt. 1508, Telegramm-Adresse: „Soitaldrmokrat»erltn". Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. W-d.ilUion: SW. 19. P-uly-Straße 2. Donnerstag, den 9. Dezember lSW. ßFpedition: SW. 19, ZZeuly-Straße 3; Neues uom Deteoleum- LN onopol. Im Jahre 1895 waren die Versuche, den Petroleumhandel roNslaudig zu monopolisxren, sast bis zum Abschluß gediehen. Die Welt war zwischen den amerikanischen und russischen Pelroleumproduzenten bis aus die letzte Insel im Weltnieere aufgetheilt worden. Die amerikanische Standard Oll Company hatte die atlantischen Länder einschließlich Deutschlands, die russischen Petroleumkönige hatten außer in Ruß- land in Ostafrika und in Asien ein fast unum- schränkles Absatzfeld erhalten. Der Vertrag wurde so prompt ratifizirt, daß in Ost-Asien der amerikauische Import von 74 pCl. in 1894 aus 55 pCt. in 1895 sank, der russische dagegen von 26 aus 45 pCt. anstieg. Als strittiges Terrain ivaren nur noch die Mittelmeer-Länder verblieben. Aber auch hier war bald eine Einigung erzielt. Italien verblieb der Standard Oil Company. Oesterreich, soweit es nicht von dem vorzüglichen galizischen Pelrolenm versorgt wurde, wurde zum alleinigen Absatzfelde der Russen. Der Abschluß dieses Riesen-Wuchergeschäftes, bei dem die russische Regierung interessirle Tauspalhin gewesen ist, wurde auch sofort eskomptirt. Die Nolirungen an der Ham- burger Börse stiegen damals(1895) von 6,70 Ri. am 30. Diärz auf 24,50 M. am 20. April. Die Abmachungen der Haupt-Petroleumproduzenten hatten jedoch noch ein Loch. Bedingung sür das Zustandekommen war vornehmlich die Unterdrückung der damals noch unabhängigen Mannheimer Firma Philipp Poth. Aber Philipp Poth war zähe. Obwohl die Standard Oil Company bezw. deren deutsche Filiale, die Deutsch-amerikanische Petroleum-Aktiengesellschast lange Zeit in Mannheim 100 Kilogramm mit 1,10 M. unter dem Bremer Preise handelte, in Mannheim eigene Tank- anlagen herstellen ließ und den süddeutschen Handel für sich zu gewinnen suchte, gelang es ihr nicht, Philipp Polh zu unterdrücken. Noch ein ganzes Jahr führte Poth den aussichtslosen Kampf, bis auch er unter- lag und seine Firma in der„Mannheim- Bremer Petroleumgesellschaft* als eine Filiale der Deutsch-Amerika- nischcn aufging. Mit ihm fiel auch die letzte unabhängige Bremer Firma, Rossow Jung n. Co.— Lange Zeit schien es, als ob die Nobel-Gcsellschaft nicht gemeinsames Spiel mit den Rockeseller, Rothschild und der russischen Regierung machen wolle. Um sie zu beschwichtigen, überließ man ihr das Reservatrecht der Allein-Einfuhr nach Deutschland, ivas in anbetracht der technischen Bedeutung russischen Schmieröles ein recht lukrativcs Geschäft ist. Aber auch ihr Trotz scheint definitiv gebrochen zu sein; denn die Einfuhr russischen Leuchtöls sank in den ersten 9 Monaten dieses Jahres auf 187 000 Doppel- zentner gegenüber 275 000 Doppelzentner im gleichen Zeit- räume des Vorjahres. Die Geschichte des Petroleummonopoles ist die Geschichte des Kapitalismus in nnco. Von der Ausbentung des Arbeiters mit der ganzen Pexfidie und Kleinlichkeit, deren nur der Kapi- talismns fähig ist, bis zu den gewaltigen Transaktioneil mit Millionen und Abexmillionen, der genialen Organisation des Handels und Verkehrs, der Errichlnng technischer Wunder- ivcrke, die dem industriellen Kapüalisinus den großen Zug verleihen, finden ivir alles wieder und alles in gigantischen Dimensionen. Noch nicht entschwunden ist die Erinnerung an das pilzartige Aufschieße» pennsylvanischer Städte infolge des Pctroleuinfiebers, das viel nachhaltiger nachgewirkt hat als das lalisornische Goldfieber. Nirgends in der Welt wird der Arbeiter mehr zum Vieh degradirt als in Baku, wo er sich wegen Wassermangels selbst das Waschen abgewöhiien muß, xtnd nirgends sind in einer ein- zelnen Industrie größere Unlernehmunge» technischer Art zu ver- zeichnen als in derPetrolenmindustrie: Röhrenleitnngcn von 100 km Länge zur Erleichternng des Transports, Flotten von Tank- dampfern ln einem Unifange, größer als der deutschen Kriegs- marine; großartige Bahnbaulen allein zum Zwecke des Peuole»».tra»sporls; eine Organisätion des Handels bis in die sernften Bergdörfer und die Oasen der Wüste! Und das alles unter einer genial einheillichen Leitung. Eine durchaus sozialistische Produktion und Handelsorganisation bei kapitalistischer Aneignung des Mehnverths und entsprechender Behandlung der Arbeiter! Wem bange gemacht werden soll mit den Expropriationen des Privalexgenthuins durch die sozialistische Gesellschaft, der studire die Geschichte des Petroleummonopols! Und hier habe» allerchristlichste Staaten selbst der brutalsten kapitalistischen Ehrlosigkeit ihre Ptitwirkung nicht versagt. Nach- dem von 1872 bis 1882 Rockeseller und seine Helfershelfer einem unabhängigen Pelroleumproduzenten nach dem anderen unter dem Schutze der amerikanischen Gesetze den Hals umgedreht hatte», folgten zehn Jahre, in deneii sich der aincrikanischc Standard Oil Trust eines faktischen Monopols erfreute. Tann kam die Auflehnung der Bevölkerung gegen die Tyrannei des Trustes und die Gerichte erklärten ihn für ungesetzlich. Seit dem 21. März 1892 liqnidiren nun die Trustees(Haupt-, Anlheilbesitzer und Bevollmächtigte des Trnstes) die Geschäfte des Trustes(ausgebildete Kartellorganisatio»),„Vor fünf Jahren behauptete man"— so schrieb der„New-Iorl Herald" joiii 13. Mai 1895—„daß die Arbeit ungefähr vier Monate ri Anspruch nehmen würde, aber jetzt dauert sie schon fünf Jahre und kann noch iveitere 105 Jahre dauern." Und oas alles unter den Augen des Gesetzes!— Unter den Augen der russischen Regierung konnte es ge- schehen, daß Rothschild und seine Gruppe 400 bis 500 Tank- wagen monatelang beladen stehen lassen konnte, um den Outriders(den außerhalb des Kartells stehenden Firmen) die Verfrachtung unmöglich zu machen und sie aiiszuhuiigern. Sie selbst war es. die zur Förderung des Monopolabschlnsses 1895 die vorher ermedrigteii Frachtsätze von 14 auf 19 Kopeken wieder erhöhte. Ihrem Bemühen ist es zu danken, daß schließlich auch die mächtige, uiiabhänglge Nobel-Gesellschaft mit Rockeseller und Rothschild gemeinsame Sache machen mußte. Und auch die deutsche Reichsregierung ist nicht ganz un- schuldig an dem Zustaildekonimen des Petrolenm-Weltmonopols. Dem Faßzoll ist es zu danken, daß die kleinen unabhängigen amerikanischen Outsiders zu gunsten der Standard Oil Com- pany, die ihr P-troleum in Tanks verfrachtete, von Deutsch- land fern gehalten wurden. An kompetenter Stelle war nach Ratifizirung des deutsch- russischen Handelsvertrages erwogen worden, die Frachten für russisches Petroleum im Jnlande zu ermäßigen. Dieser Plan kam aber nicht zu stände, nachdem sich einige Handelskammern dagegen ausgesprochen hatten. Allerdings hatte 1893 der Bnndesrath die Zollbehandlung nach dem Rauminhalt gestattet(wobei 125 Liter— 100 Kilogramm gerechnet werde» sollen, bei russischem Petroleum that- sächlich— 103,1 Kilogramm), worin eine Begünstigung des spezifisch schwereren russischen Petroleums zu erblicken ist. Aber diese Vergniistigiliig geschah erst zu einer Zeit, wo das russische Pelrolenm sich selbst bereits von dem deutschen Markte aus- geschlossen hatte. Der Standard Oil Company wurde damit der Pelz gewaschen, aber nicht naß gemacht. Eine von Herr» v. Berlepsch vor vier Jahren einberufene Sachverständigen- Konferenz hatte der Regierung vergeblich eine Verordnung vor- geschlagen, wonach im Tetailverkehr Petroleum blos nach Gewicht verkauft werden dürfe. Ein gut Theil der Geschichte deS Petrokeummonopols spielte sich auf deutschem Boden ab. Auch hier war Deutsch- land wieder das Schlachtfeld, auf dem sich der dreißigjährige wirthschafiliche Krieg der Koukurrenten abspielte. Das Absatzgebiet nr Deutschland war das strittige Terrain zwischen den ursprünglich feindlichen, jetzt friedlich vereinigten Brüdern, ivas allein schon dadurch verständlich wird, daß Teutschland etwa ein Drittel des gesanimten amerikanischen Lenchtöl-Exports für sich allein verbraucht und einschließlich des Sckmieröles, leichterer Petroleilmdestillate, des Massnth's(Naphta-Rückstände) ca. Vs der Produktion der ganzen Welt. Da die deutsche Eigen- produktiv» an Petroleum kaum in betracht kommt, Deutschland also auf ausländisches Petrolenm angewiesen ist, so hätte die deutsche Regierung von vornherein jedeni Monopolisirungs- Gelüste der Rockeseller und Rothschild von vornherein eine» Riegel vorschieben müssen. Als die ersten schüchterneir Versuche der Standard Oil Company bemerkbar wurden, jede Konkurrenz vom deutschen Markte ansznschließeii, hätte die Regierilirg jedes Mittel ergreifen müssen, der Konkurrenz den Kampf zu erleichtern, anstatt ihi» zu erschweren. Die Einigung der Pelrolenntprodiizenten Rußlands uird Amerikas und die der einzcliicn Produzenten jedes Landes geschah nicht von heut zu morgen, sondern war das Resultat eines mLrdcrischenKonknrrenz- kampfes. So haben beispielsweise noch im Jahre 1892 die vereinigten russischen Firmen Abschlüsse zu 41/3 Kopeken (ca. 10 Pfennige) per Pud(ca. 16V» Kilogramm) gemacht, zu einer Zeit, wo das Pud 10 Kopeke» Selbstkosten ver- nrsachte, lediglich um sich die xviderspänstigcn Onisidcrs gc- sttgig zu machen. Hätte damals noch die deutsche Regierung die Einfuhr des russischen Petroleums erleichtert, anstatt sie zu erschweren, so halle sie eine arge Bresche in die von der russischen Regierung begünstigten Syndizirlliigsbestrebungen der russischen Firmen geschlagen, das russische Syndikat wäre niemals zu stände gekommen und noch weniger das Welt- Monopol, weil über dem gemeinsamen Verdienen noch immer das größere Alleinverdienen steht. Ter Einivand, daß die deutschen Lampen für russisches Petroleum nicht geeignet sind, wird dadurch hinfällig, daß die meisten Brenner sür russisches Naphta in Berliner Lampenfabriken fabrizirt werden. Bei den von dem preußischen Handelsministerium zugezogenen Sachverständigen bestand freilich der Verdacht, daß die Vertreter der Standard Oil Compagnie bei den deutschen Lampenfabrikanten durch Drohungen dahin gewirkt haben, daß die Brenner der deutschen Lampen in einer Weise hergestellt iverden, die die Füllung mit russischem Petroleum ansschließl, indem nämlich die Brenner nur einen für spezifisch leichtes Oel genügenden Luftzug durchlassen. Der deutschen Regierung ist der Borwurf nicht zu ersparen, daß durch ihr �ruithätiges Zuwarten, wenn nicht gar durch ihre stumme Be- günstigung den wucherischen Monopolisten der Kamm so sehr geschwollen ist. Der deutschen Regierung ist es nicht in letzter Linie zu danken, daß die Petrolenm-Monopolisten in Deutsch- land schalten und walten wie in einem eroberten Lande. Schon 1895 wurde jeder Händler von der Deutsch- Amerikanischen Petroleum- Gesellschaft geboykottet, der es wagte, russisches oder noch schlimmer, anicrikanisches Ontsider-Petroleum zu beziehen. Was aber die Monopol- Herren heute den Konsumenten z» bieten wagen, übersteigt an Anmaßung doch das äußerste. Die Maniihehn— Brenier Petroleum-Gesellschaft versandte Mitte vorigen Monats an ihre Kunden ein Zirkular, durch das den Abnehmern der Gesellschaft in Verträgen, die sie auf drei Jahre binden, zu- gemnthet wird: 1. nur ein bestimmtes Quantnm Petrolenm anzukatlsen, und von keinem anderen Geschäft; 2. nicht mehr zu kaufen, als sie während der letzten drei Jahre im Durch- schnitt absetzten; 3. sich in keiner Weise selbst an dem Artikel spekulativ oder auf andere Art zu betheiligen; 4. Bücher zu führen, die jederzeit der Kontrole der Gesellschaft offen sein sollen; 5. nur so viel Nutzen zu nehmen, als die Gesellschaft vorschreibt. Zum Schluß ivird die strengste Diskretion über s den Inhalt des Vertrages bis zur Unterzeichnung gefordert- Das ist der letzte Streich der Standard Oil Company gegen die amerikanische» Outsiders, dre über Antiverpen und Vlissiugcii, wo sie Tanks besitzen, den Rhein hinauf— der einzige Fluß, auf dem sie noch in Deutschland ihre Waare verschiffe» können— Mittel- und Süddeutschland, sowie einen Theil der Schweiz mit Petroleum versorgen. Dieser Schritt der Standard Oil Company, der, wenn von Erfolg begleitet, mit einer völligen Ausschließung der Outsiders aus Deutschland enden ivürde, ist der Ailfang einer neuen Petrolenmhansse in Deutschland, wie wir sie vor zwei Jahren erlebt haben. Nachdem die Regierungen lange Jahre hindurch zum mindesten durch Unterlassung gesündigt haben, ist die Jnter- pellation im Reichstage in dieser Angelegenheit wahrscheinlich ebenso wie die Anfrage des Reichstags im Mai 1895 ein Schlag ins Wasser und kann nur noch einen chimärischen Erfolg haben, die Regierung wird die Geister nicht mehr los, die sie rief.— Vielleicht ivollen die verbündeten Regierungen aber auch gar nicht ernstlich den Monopolisten zu Leibe gehen, denn da hinten in Ostelbien warten seit Jahr und Tag die Schnaps brennenden Junker darauf, im Spiritus- Glnhlicht eine neue Absatzquelle für ihre trotz Liebesgaben unrentabel gewordene Spiritus-Produktion zu finden, um ihre rostigen Wappenschilder neu vergolden zu können. Vielleicht sollen sogar der Aus» powerung des Volkes durch die ostelbischen Raubritter neue Kanäle eröffnet iverden. Welches Absatzgebiet für die Agrarier, wo in Deutschland die Zahl der Petroleumlampen auf zirka 20 Millionen(gegenüber nur zirka 3�/« Millionen Gasflammen) zu schätzen ist! Es sollte uns gar nicht wundern, wenn die Plötz- linge selbst den Giftbaum Börse bewässern Helsen, um die Petroleumhanffe zu fördern. Im Augenblicke sind die Petrolenm-Monopolisten fraglos noch Herren der Situation. Gegeir ihr vereinigtes Kapital, das mit einer Milliarde Mark nicht zu hoch eingeschätzt ist, kann so leicht eine andere Kapitalmacht nicht ankämpfen. Gasiverke und Elektrizitätswerke sind über Nacht nicht aus dem Boden zu stampfen. Aber es sind doch Anzeicherr vor- Händen, daß von der Standard Oil Company der Bogen bereits über die Elastizitätsgrenze gespannt xvordeir ist. Englisches Kapital ist fieberhaft thätig, um neue Petroleum- Quellen auszubeuten. Sunda- und Sumatra- Oel hat im letzten Jahre im ferne» Osten einen bereits respektablen Antheil an der Petroleumversorguiig ge- wonnen und es hat den Anschein, als ob sich in Britisch- Indien noch eine große Pctroleiun-Jndnstrie entwickelir werde. Eine englische Gesellschaft, die in der Provinz Assam arbeitet, hat mächtige Quellen in der Nähe voir Digboi erschlossen. In Ober-Birma, in Japan, Java, Peru, Chile befinden sich mächtige, kam» erschlossene Petr oleum-Lagerstätten, in Rnmänien und in Galizien steckt die Petroleilin-Jndustrie erst noch in den Kinderschiihen, anch sie kann zu höchster Blnthe gefördert werden. Freilich arbeiten hier auch Rothschild's Gulden und ivir glauben, daß selbst sür österreichische Staalsmänncr jüdisches Geld nicht stinkt. Immerhin aber ist doch wenigstens die Aussicht vor- Händen, den Weltring zu sprengen. Die Nobel- Gesellschaft wartet nur auf den günstigen Augenblick, der drückeirden Fesseln des Trustes los zu werde». Wenn die verbündeten Regierungen fördernd eingreifen wollen, so ist hier, nicht bei der ostelbischen Spiritusproduktion der Hebel ciiiznsetze», um„das teuflische Ungeheuer", ivie die amerikanische Untersuchungskommission die Standard Oil Company genannt hatte, vernichten zu helfen. Allerlei Nevifion in Sttchfett. Nicht nur auf die Ansiveisung der Minderjährigen aus Vereinen und Versammlungen und auf die politische Eilt- -rechtung der Frauen geht die konservative Partei der sächsischen Zweiteir Kammer aus, sonderir höher noch sind ihre Ziele, sie sinnen auf ein regelrechtes sächsisches Ans nahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Sie denken daran, den§ 5 des Vereinsgesetzes, welcher schon i» seiner jetzigen Fassung de» Bebörden die Möglichkeit zur Verhinderung jeder »üßliebigen Versammlung bietet,„präziser zir fassen". Nach dem jetzigen Gesetzesstande„sind Versanimlunge», deren Zweck es ist, Gcsetzesnbertretnngen oder imsittliche Handlungen zu begehen, dazu aufzufordern oder doch dazu geneigt zu machen, verboten." Um diesen Paragrapheil auf sozialdemo- kratische Versainmlungcn anziiwenden, bedarf es also immerhin noch einer gewissen Feststellung von Thatsachcn, die jene Vor- aussetzungen als vorliegend erscheinen lassen, obschon sächsische Behörden sich die„Feststellung" solcher„Thatsachen" gar leicht zu nlacheir wissen. Ten Koilservativen aber paßt es nicht, daß überhaupt noch sozialdemokratische Vcrsainnilungen abgehalten werden könueii. Die von ihnen beabsichtigte„präzisere Fassung" soll das V er s a in in l u n g s l e b e n der Arbeiter gänzlich lahmlegen. Also ein S o z i a l i st e n g e s e tz in optima tbnna, ohne jede Verklausulirnng, ohne jedes Feigenblatt! Was durch die Rcichsgcsctzgebnng nicht zu erreichen ist, soll im Einzelstaat gemacht iverden. Die dem Reiche zustehende Gesctzgebung soll vom Bundesstaat zwecks Vernichtung der letzten Volksrcchte usurpirt werden! Wenn sich die sächsische Regierung von den konservativen Heißspornen wirklich aus solche Bahnen treiben lassen sollte, so braucht sie sich dann auch nicht zu wundern, wenn dem sächsischen Volk der sächsische Staat vollends zum Spott werden w ii r d e. Ein.Vaterland", das seine Kinder also behandeln wollte, würde diesen alsdann auch nicht mehr einen Pfifferling werth s e i u. Im Jahre 1866 waren es nationalliberale Männer, welche Sachsen den gefräßigen Preußen zur Speise vorsetzen wollten. Wenn jetzt die sächsische Regierung alles thnt, nm Sachsen beim sächsischen Volk selbst verhaßt zu macheu, so braucht sich die sächsische Regierung nicht zu wundern, wenn jene nationalliberalen Ideen in neueren Formen wieder aufleben würden! Schon jetzt geht eine tiefe Verbitterung durch die sächsische Bevölkerung. Man fahre nur fort mit der schnöden Brutalitäts- Politik, wie sie die Konservativen enipfchlen, und man wird noch schönere Dinge erleben. Wie stark der Groll wegen des jetzigen Anschlages gegen das Vereinsrccht ist, schildert uns eine Zuschrift ans Dresden, die wir hier folgen lassen: „Die Peolestbewegmig der sozialistischen Ardeilerschast gegen den geplanten neuen Geivallslreich, die Verschlechierung des Vereins- und Versaniiulungsrechtes ist in vollem Gang«. Eine Reihe von großen Versaniinlniigen, so in Dresden und Leipzig, haben schon statlgesunden. In einer Reihe größerer Slädle sind solche für die nächsten Tage vorbereitet. Auch die G e iv e r t s ch a s t e n, die Frauen rühren sich, kurz die ganze organisirte Arbeiterschaft ist von dein Gedanken erfüllt, Front zn machen gegen das niederträchtige Untersangen der Geldsack- protzen im sächsischen Landtage. Die Beivegung ist um so bedeut- sanier, als sie ganz impulsiv, ohne bestimmte Direktive, gleichzeitig im ganzen Land entstand. Allüberall wird über den Schandpla» in den Kreisen der Arbeiter diskntirl. Die noch ferner Stehenden vermögen noch nicht an die Anssührung des Planes zu glauben. Die bürgerliche Presse hüllt sich wie gewöhnlich in Schweigen. Selbst bei der WahlrechtshewegUng ist die Energie und der Grimm der Arbeiter nicht so zum Ausdruck gekommen als bei dieser Gelegenheit. Allgemein herrscht die Stimmung in den Arbeiter- kreisen, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten im Landtage nunmehr mit vollster Rücksichtslosigkeit vorgehen solle». Rur der guten Disziplin und Besonnenheit der sächsischen Arbeiter ist es zu danken, wenn nicht Dinge passiren, die man vielleicht von mancher Seite nicht ungern sieht. Die Entscheidung über die Vorlage dürfte wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des Januar fallen, da der Landtag vom 17. Dezember bis 10. Januar in die Ferien geht. Ob man der Stimme des Volkes Rechnung trage» wird, wer weiß es? Das Gegentheil ist den Reaktionäre» sächsi- scheu Schlages eher zuzutrauen. Auf alle Fälle kommt die Regierung, wenn die Konservativen nicht nachgebe», in eine äußerst fatale Situation, vorausgesetzt, daß man überhaupt ernst- hast an die Einlösung des Versprechens des Reichskanzlers gedacht hat. Doch gleichviel, wie die Sache ausgeht, der moralische Sieg wird auf feiten der Sozialdemokratie sein. Das ist jetzt schon sicher." Und zur politischen Reaktion fügt man die w i r t h- s ch a f t l i ch e. Die U m s a tz st e u e r auf de» Absatz der Konsumvereine, welche schon in niedreren kleinen Orten durchgeführt ist, wird jetzt auch in den Großstädten in Angriff aeuommen. In Chemnitz und Leipzig haben die städtischen Körperschaften sich bisher ablehnend gegen diese Steuer ver- halten. Aber die Hauptstadt Dresden geht jetzt voran. Der Magistrat hat dort ein„Ortsgcsctz über die Erhebung einer Steuer für Zweiggeschäfte" erlassen. Wo neben einem Hauptgeschäft noch ein Zweiggeschäft besteht, soll �2 pCt. des Jahresumsatzes, wo mehrere Zweiggeschäste bestehen, sollen 2 pCt. erhoben werden. Erfolgt der Ver- kauf zum Selbstkostenpreise, so sind dem Jahreserlöse noch 10 pCt. seines Betrages hinzuzuschlagen und von dieser Gesammtsunime ist die Steuer zu erheben. Diese Vorlage, deren juristische Berechtigung nach wie vor durchaus bestritten werden muß, ist ein Ausfluß des Klein- krämerhasses gegen die Arbeiter-Konsumvercine. Diese blühenden geschäftlichen Organisationen der Arbeiter sollen durch Auferlegung einer Steuer, die bisher unerhört ist sowohl ihrem Wesen nach als nach ihrer kolossalen Höhe— nicht auf den Gewinn allein, aus den g e s a m m t e n Umsatz soll der Steuersatz berechnet werden—, möglichst beschränkt, wenn möglich gänzlich unterdrückt werden. Die geringen wirthschaftlichen Vortheile, welche die Un- bemittelt sich durch gemeinschaftlichen Waareubezug beschafft, sollen ihnen entzogen werden zu gunsten einiger dutzend Händler. Nicht genug mit der politischen Unterdrückung, auch durch wirthschaftliche Aus nahmegesetzgebung sollen die unteren und armen Volksklaffen weiter in ihrer Lebens- Haltung gedrückt und ausgehungert werden. Wen» die herrschenden Parteien in Sachsen den Klassenkampf gewaltsam verschärfen wollen, nun gilt. Tann sollen sie sich aber auch nicht wundern, wenn ihr volksfeindliches Treiben eines Tages Früchte zeitigt, die ihnen nicht schmecken werden! polnische Mebeeflchk. Berlin, 8. Dezember. Zentrum Judas. Die Ausführungen der Zentrums- presse zur Flottenvorlage ließen auf eine unbedingte Ablehnung der Regierungsabsicht, das Budgetrecht des Reichs- tages zu verkürzen, seitens der mandatsreichsten Partei des Parlaments und damit auf die Ablehnung des ganzen Flottengesetzes für den Fall, daß die Regierung auf jener Absicht beharren würde, schließen. Aber anders als die Zentrumspresse im ersten richtigen Empfinden über das, was auf dem Spiele steht, schrieb, handelt nun die Zentrumsfraktion des Reichs- tages. Schon müssen hinter den Koulissen Dinge vor sich gegangen sein, welche die Schwenkung des Zentrums vorbereitet haben. Wohl mag auch die entgegenkommende An- spräche des Ltaisers an das inZentrnmshändcn liegende Rcichtags- Präsidium auf die Zentrumsmänner gewirkt haben. TerKaiser soll ja auch gesagt haben, der nächste Reichstag würde im Falle einer Auflösung auch nicht anders zusamniengesetzt sein wie der jetzige. Das Zentrum ersieht aus dieser Aeußernng, daß das Staatsoberhaupt mit der Fortdauer der mächtigen Stellung der Partei rechnet und sich niit dieser Thatsache abzufinden bereit ist. Das schmeichelt dem auch„Männerstolzen vor Königs- thronen" und eine Liebe ist veränderen werth. Kein Zweifel mehr, das Gros des Zentrums ist bereit, das Budgetrecht des Reichstages in weitem Maße preiszugeben. Nur Rücksichten auf den linken Flügel der Partei und Furcht vor den Wählern hindern ein zu offenes Bekenntniß. Darum gilt es, die Unterwerfung unter den Regierungs- willen möglichst zu verschleiern, das Volk durch schlaues Wortspiel zu täuschen. Und in dieser Kunst sind die Zentrums- Herren von jeher Meister gewesen und nur seiner besonderen Virtuosität in dieser Kunst verdankt der Dr. Lieber die leitende Stellung in seiner Partei. Gegen die Schiffsforderungen selb st hat das Zentrum nach den Ausführungen Lieber's überhaupt noch nicht einmal mehr Bedenken. Dieselbe Partei, welche in der vorigen Reichstagssession wegen zweier Kreuzer einen langen scharfen Streit mit der Regierung führte, ist jetzt bereit, alles, was Herr Tirpitz fordert, zu bewilligen. Im übrigen hat Herr Lieber allerdings allerlei„Bedenken" und die Vor- läge bedarf einer„ernsten und gründlichen Prüfung". Das kennt nian zur Genüge. Mit„Bedenken" und„ernster Prüfung" beginnt allemal der Handlangerdienst an die Regierung. Die finanzielle Seite der Vorlage macht dem Zentrum Bedenken. Neue indirekte Stenern wolle es nicht bewilligen. Die leistungsfähigen Schultern sollen die neuen Summen aufbringen. Das klingt ganz schön. Sind aber die Schiffe bewilligt und es werden neue Steuern nöthig, so wird der Vers ganz anders lauten. Und dagegen hat das Zentrum nicht das geringste einzuwenden, daß die betreffenden Reichseinuahmen, die bestehenden indirekten Steuer- arten inimer wieder dem Militarismus, dem zu Laude oder dem zu Wasser, geopfert werden. Und ebenso hat das Zentrum gegen das Septennat „ernsteste Bedenken". Aber mau übertreibe die Sache nicht, so fährt es allsoglcich fort. Man binde auch die Regierung, indem man eine Höchstgrenze der für die Marine aufzuwendenden Summe festsetze, dann habe das„Schreckgespenst des Septennats" seine Furchtbarkeit verloren. Mehr Liebenswürdigkeit kann die Regierung vom Zentrum kaum verlangen. Herr Tirpitz war auch ganz erfreut über diesen Vorschlag und hatte nur den einen bescheidenen Wunsch, daß die Höchstgrenze nicht zu niedrig bemessen werden möge. Gewiß wird sich das Zentrum in seiner Be- willigungsliist befleißigen, auch diesem Wunsche nachzukommen. Daß der Reichslag damit jede Möglichkeit auf- giebt, irgendwelchen reaktionären Plänen der Regierung wirkungsvoll entgegen zu treten, das mag das Zentrum nicht sehen. Zwar erinnert es selbst an die Art, wie die Regierung Versprechungen gehalten habe, a der in der Wollust der Regierungsfähigkeit schlägt es alle Bedenken in den Wind jund verkauft sich dem werbenden Buhlen. Das ist das alte Spiel der Schwarzkittel vom Zentrum. Man gebe ihnen Aemter und Ehren, man lasse die Sonne der königlichen und kaiserlichen Huld über sie scheinen, und sie werden mit den Junkern Ostelbrens um die Wette dieRechte des Volkes mitFüßen treten. Doch dies Spiel ist ein Spielen niit dem Feuer. Je freundlicher die Regierung denen um Lieber zulächelt, u m so unfreundlicher wird das Antlitz der zentrumsgetreuen Massen. Je mehr die Partei ihre Regierungssähigkeit bewährt, nmsomehr geht ihre Volksthümlichkeit in die Brüche. Niemand kann zweien Herren dienen. Man kann nicht die Augen, fromm zum Hinimel verdrehen und„den Waffen die Entscheidung über die Welt" zusprechen. Man kann nicht christliche Liebe verkünden und Kriegs- rüstungen ins Ungemessene fördern. Man kann nicht einer Regierung, welche dem Volke des Landes fremd gegenübersteht, neue Machtmittel geben und zugleich die Rechte und die Wohlfahrt des Volkes schützen wollen. Die große Zentrumsfraktion ist drauf und daran, nicht nur den Militarismus zu fördern, sondern auch die elementaren Rechte der deutschen Volksvertretung preiszugeben. Daß nur mit dieser Preisgabe nicht die„große und ausschlaggebende Partei sich selbst eine tiefe Grube gräbt! Kiao-Tschon. Die„TinieS" wollen aus Peking erfahren haben, daß China alle Forderungen Deutschlands be- willigen wolle. nämlich Entschädigung der Fomilien der er- mordeten Missionare, Errichtung einer Gedenkkirche am großen Kanal, Degradirnng d-s Gouverneurs Li-ning-Sching, Zahlung der Kosten der Besetzung Kiao-TschouZ und Zuwendung nicht ausschließlicher Bergbau- und Eisenbahn-Vorrechte in der Provinz Shanlung. Eine Meldung des „Bureau Dalziel" aus Shanghai besagt seruer: China willige auch in die z e i t iv e i l i g e A b t r e t u n g Kiao-Tschous für den Ge- brauch der deutschen Marine. Eine Bestätigung dieser Nachrichten muß abgewartet werde». Die deutschen Truppeusendungen werden forldelrieben.„BöSniann's Telegraphisches Bureau" meldet ans Bremen: Der Transport von 1400 Man» Marine-Jnfanterie und Artillerie nach Kiao-Tschou wird Mitte dieses Monats von Wilhelmshaven aus durch die von der Regierung gecharterten Lloyddauipser„Darmstadt" und„Creseld" erfolgen.— Hervorzuheben ist noch, daß es bei Besetzung der Stadt Kiao-Tschou nicht so ganz unblutig abgegangen ist. wie zuerst be- richtet wurde. Vielmehr wurde beim Anrücken der deutschen See- truppen von den chinesischen Forts ans Feuer gegeben, welches von deutscher Seite erwidert wurde. Nachdem drei Mann der chinesischen Besatzung getödtet waren, ergriff diese die Flucht. Der Kominandanl wurde gefangen genomnieii, aber später freigelassen. Mehrere deutsche Matrosen wurden von den Beivohnern der besetzten Dörfer durch Sleinwürfe verletzt. Di« Vorsteher der Dörfer wurden aus Befehl des deutschen Kommaudirende» deshalb mitBambushiebeu gezüchtigt. Der nationale Ruhm Deutschlands ist also wieder bedeutend ver- mehrt worden.— Haiti. Der Zwischenfall ist erledigt. Die haitianische Regie- rung hat die deutschen Forderungen angenommen. Die Eni- schädignngssmnni« wurde an Bord des Schiffes„Charlotte" ge< bracht. Die deutsche Flagge wurde mit 21 Schüssen salntirt. Ei» Entschuldigungsschreiben lief ein. Die Beamten, welche schuld an dem Zwischenfalle sind, sollen bestrast werden.„Lieb Vaterland, magst ruhig sein."— Elsaft-Lothringen. Der Revanchegedanke entflammt heute nicht mehr so das französische Volk, wie noch vor zehn Jahre», wo die sonst unverständliche Popularität des brav' Zänerat. des Hohlkopfes Bonlanger, blos auf die geschickte Ansnutzung dieser danials noch sehr lebenskräftigen Idee beruhten. Wie sehr auch im französischen Volke die Zeit beruhigend und mit den gegebenen Thatsachen versöhnend gewirkt hat, zeigt eine der jetzt zur Modesache gewordenen Enqueten über eine bestimmte Frage. Die bedeutungsvollste der letzten Zeit ist wohl die vom„Mercure de France", dem Organe der französischen jungen Schule, im Juni d. I. vorgenommene Umfrage an mehr als zweihundert hervorragende oder bekannte Franzosen verschiedenen Alters, verschiedener sozialer Stellung und ver- schiedener Ansichten. Der Fragebogen lautete: „I. Ist eine Beschwichtigung in unseren Gemsithern Hinsicht- lich des Frankfurter Vertrages eingetreten? II. Denkt man weniger an Elfaß-Lolhringen, obgleich man im Widerspruche zn dem Ralhe Gambetta's noch immer eben so viel davon spricht? III. Sieht man einen Augenblick voraus, da man den Kriegs von 1870/71 nur noch als ein rein historisches lZreigmß auffassen wird? IV. Würde heute ein Krieg, wenn er plötzlich zwischen den beiden Ländern ausbräche, in Frankreich günstig aufgenomnieu werden?" Auf diese Fragen sollten die betreffenden Personen ihre eigene Ansicht, ferner die nach ihrer Ansicht unter der Jugend und durchschnittlich im Volke herrschende angeben. Nicht weniger als 140 Antworten sind darauf eingegangen. Nicht zum geringen Theile von Leuten, deren Namen in der öffeut- lichen Meinung Klang und Gewicht haben. Die„Frankfurter Zeitung" zieht das Ergebniß der Enquete folgendermaßen zu- sammen: „Fast alle„Jungen" sind für eine bedingungslos« Aussöhiniiig mit Deutschland, während die Aelteren enliveder starke Vorbehalle machen oder sich gegen ein Ausgeben der patriotischen Hoffnungen absolut aussprechen, aber nicht aus wildem Hasse, sondern aus Rücksichlen ans die Zukunft der französischen Rasse. Bei den „Jnngen" sind trotz aller Einheit der Grundineinung dennoch die interessantesten Abweichungen bezüglich der Motive zu unter- scheiden: bei den einen ist es der Abscheu gegen den Krieg allein, der ihre Stellnngnahm« erklärt, bei anderen das Gefühl der Solidarität der hochzivilisirten Völker im allgemeinen, bei manchen die philosophische Erwägung geschichtlicher und sozialer Nothwen! igkeiten, bei vielen eine ungehenchelle Bewunderung und Hochsck.ätzuug des Deulschlhums, das zn dem die laieinische lind keltische Zivilisation ziisamuieiisaffenden Frankreich die nalür- liche Ergänzung bildet. Bei einigen treten aber auch Besorgnisse und Zlntipalhien dem Slaventhum, mehr aber noch den Engländern gegenüber hervor. Bei den im vorgerückteren Lebensalter Stehenden herrscht, wie bemerkt, noch immer ein gemilderter, aus meistens achtnngsivcrlhen Motiven beruhender Chauvinisnins." ... Im allgemeinen aber müssen selbst die bossnuiigsreichsteii Patrioten zugestehen, daß ein Krieg mit Denischländ in Fraiikieich keinen freudigen Wiederhnll finden würde. Zusammengesaßl herrschen Skeptizismus. Verminftgrüiide und Hervordringen allgemein menschlicher Motive vorgeschichtlichen, nationalen und sogar rein moralischen Inhalts vor, und dieselben sordern gebieterisch:„Kein Krieg; Versländignng, Zusammenwirken, Bereinigung der geistigen Kräfte zur Pflege der Zivilisation!" Aus den einzelnen Antworten heben wir die folgenden hervor: Francis Ja»im es: Ich glaube nicht, daß es einen fraiizvsischen Bauer giebt, der daran dächte, das Elsaß zurück- zuerober», wie es im umgekehrten Falle keinen deutschen Bauer gäbe, der es wieder haben wollte. Das Vaterland des Bauern ist weder Frankreich noch Deutschland, sondern sein Haus, sein Feld, seine Ochsen, sein Weib... Was würde aus der Welt werde», ivenn alle eiustmals geführten Kriege anders wie als historische Ereignisse anfgefaßl werden würden? Wir hätten in diesem Falle vielleicht das Recht, China zurückzufordern. Joses Rein ach, Tepulirter: Tie durchschnittliche Elim- mung des Landes ist so, wie sie immer und überall gewesen ist: dem Kriege feindlich. Henry Mar et, Deputirler: Man will den Frieden um jeden Preis, und hat aufgehört, die Schmach als ein Ohr zu be- trachten, auf dem sich's gut schlafen läßt. Einige Jahre noch. vielleicht nur einige Monale, und wir trinken mit den Deutschen zusammen. Maurice le Blond: Es ist eine Schmach, daß Frankreich zwanzig Jahre lang keinen anderen Zweck, keine» anderen Existenz- grund hatte, keinen anderen Lebeiisvorivand. als den Haß gegen Deutschland, die Hoffnung auf Rache. Um seine niedrige» Leiden- scbaften zn befriedigen, seinen gemeinen Rachedurst, vergaß es seine Traditionen, vernachlässigte es seinen sittlichen Beruf, die Ersülluug der großen Aufgaben, die ihm die Well gestellt hat. Charles Lsandre: Aufrichtig gesagt, man denkt weniger an Elsaß und spricht wenig davon. Adolphe Rettö: Ich fühl« mich durchweg? ali Lands- mann eines Goethe, Heine, Wagner, Schopenhauer, während ich nicht umhin kann, mich als einen Feind der Herren Coppoe und Deroulsde zn bekennen, die da täglich in einem bedauerlichen Pathos von Gefühlen sprechen, die ich niedrig schätze. Wir können nur unsere Freude ausdrücken über den versöhnlichen Geist, der sich in diesen Aeußerungen knndgiebt. In Deutschland überwiegen die Sympathien für Frank- reich die Abneigung gegen unseren westlichen Nachbar in hohem Maße. So kann man hoffen, daß die beiden großen Kulturvölker trotz aller Verhetzmigeu in Schulbüchern und Be- grüiidungen von Militärvorlagen in Zukunft Schulter an Schulter friedlich dem Fortschritte der Menschheit dienen werden.— Tie Mission Gautsch kann vorläufig als völlig ge- scheitert angesehen werden. Dies geht aus der folgenden, überaus resignirten Tarstellung des offiziösen Freindenblattes hervor: Es stellt fest, daß die Unterhandlungen der Regierung mit de» P.irleien des Akgeordnelenhailses momentan zu keinem Erfolg sührteu. Der Zu- sammentritt des Reichsraths sei in diesem Jahre nicht mehr zu erwarten; allein den Besprechungen des Minister. präfideulen mit den Parteivertretern und dem hierbei gepflogenen Gedaickenauslaiisch komme«in gewisser Werth zn, dessen praktische Erfolge allerdings erst in der Zuknnst hervor- treten könnten. Vorläufig ist es nicht gelniigen, die Deutschen zur Amiahnie solcher wesentlichen Modistk-ilionen der Spracheiwerordnniigen zn bestimmen, für die auch die Czechen z» gewinnen gewesen wären. Seitdem die furchtbare Macht der Odstruktions-Taklik vffeiibar geworden sei. müssc die Regierniig mit jeder Partei des Hauses rechnen. Es sei daher begreiflich, wenn sie davor zurückschrecke, das Haus neuen Erschütterungen preis- zugebe» und die Bemühungen zur Wiedcrbelebiiiig deS Parlamentarismus vertage, bis eine gewisse Beruhigung der Gemülher möglicherweise allseilig bessere Disposilwue» geschaffen haben wird. Das Blatt räumt die Schwierig- keit ein, die für die Deutschen darin bestehe, daß sie nach den leidenschaftlichen Kämpfen der letzte» Ber« gaiigenheit einen Frieden schließen sollen, der hinter den nationalen Schlagworten zurückbleibe, aber Staat und ReichSvertrelimg dürsten wohl ein Opfer sordern. Ebenso würden sich die Czechen nicht der Einsicht entzieben können, daß jener Theil der Sprachenverordnungen. an dem der Waffenstillstand vorläufig gescheitert ist, für die pral- tische Belhätigmig ihrer nationale» Gleichberechtigung von minderem Belang ist. Das olfiziöle Organ ist überzeugt, daß die nothwendige Beachtung der E n l>v i ck e l n n g der Dinge in Ungarn die divergirende» Parteien Oesterreichs werde zusammen« führen müssen. Auch die Schrecke nstage in Prag ver- künden eine Lehre. Wurde also auch in der Sprachenfrage kein alle befriedigender Zustand geschaffen, so muffe doch an der Uebcrzeugung festgehalten werden, daß dieses Ziel allniälig«rreicdt werden wird, sobald die gegenwärtige Erregung und Empfindlich» keit nachgelassen haben werden. Die italienische MinistcrkrisiS scheint ihrer Lölnng langsam entgegenzugehen. Der„Franks. Ztg." wird ans Rom gemeldet: Die Minislerkrisis ist in eine neue Phase getreten. ZaiiardeUi tritt in das neue Kabinet ein, ebenso Bnccelli, der im letzten Mintsterinm Crispi Unterrichtsmiuister war. Giolitti ist zum Kainmerpräsidentru ansersehen. Bei den zerfahrenen Parteiverhältnissen im itaNenischen Parlamente dürste es übrigens nicht leicht n erden, ein den Pariamen- larifchen Stnnnen gegenüber danerhasleS Kabinet zu stände zu bringen.— Deutsches Reich. —„Stillstand der M n r i n e t e ch n t k". Zu dem von der Mnrtneverivaltiinfl behaupteten gegenivärtige» StiUstaiid in der Technik des Kdepsschlffsbluies dürfte eine durch die Presse gehende MUtheilnng ivohl zu beachte» sein, wonach es Absicht der Marine- nerivaltung ist, höhere Schiffsbaubeanite an Bord der im Dienst befindlichen Geschwader als schifssbautechiiische Beralher des Geschwader- chefs za unterhallen;„denn bei der schnellen Entwicklung des Kriegsschi sfsbau es. sowie wegen der bei jedem Ge- schwader nicht nur im Kriege, sondern auch im Frieden dauernd zu lösenden rein techi'ischen Ausgaben sind diese Beamten»»entbehrlich. no» besonderem Werth aber bei vorkommenden Havarien und bei Ausführung von Schiffsreparaturen im Ausland". Dies zeigt drastisch. in welchem Maß« die Marineverwaltung selbst an den„Stillstand der Technik" glaubt, an. den sie andere Leute glauben machen möchte.— — Die Au s s i ch t e n des FlottengesetzeS. Die „Freisinnige Zeitung" stellt folgende Berechnung auf: „Außer den Freikonservativen schwenken auch die National» liberale» aus die Vorlage ein und nehmen dieselbe in derjenigen Gestalt an, welche die Regierung für annehmbar erklärt. Das- selbe nehmen wir auch von den» Gros der Konservativen am Die Mniorität, von der Graf Liinburg.Stlrnm sprach, wird, bis es zur Entscheidung koinmt.ähnlich znsainmenfchruinpfen wie dieMinorilnt der Konservativen gegen das Handiverksorganisations-Gesetz. Die vorbenannten drei Fraktionen mit den zugehörigen Wilden verfügen über 140 Stimmen Weilerhin kommt die Haltung der Antisemiten(lk) und der F> eisinnige» Vereinigung(13) in Frage. Sämmtliche Mil- glieda- dieser Fraktionen werben nicht für eine Bindung des Etats- rechts zu haben sein; aber aus mindestens die Hälfte kann die Re- gierung zählen. Dies ergiebt 130 Stimmen. Zur absoluten Mehr- heit sind 139 Slimmen erfoiderlich. Das Zentrum zählt ohne die Deulsch.Haiinoveraner 98 Miigtod«. Etwa vier Neuntel des Zentrums müsse» also Herrn Lieber folge», um dem Gesetz zu einer Mehrheit zu verHelsen. Ein erheblicher Theil des Zentrums wird keinesfalls für die Bindung des Etnlsrechts durch ein Flotten- gesetz zu haben sein. Je nachdem die Bindung im einzelnen ans- fällt, mehr oder weniger locker oder mehr oder weniger beschränkt, wird sich die Gefolgschaft des Abg. Lieber aus der Reihe seiner Parteigenossen vermehren oder vermindern.— — Zur Versetzung des Herrn von Rothenhan nach Bern schreibt heute die„Nordd. Allgem. Ztg.": „Die über die jüngsten Perfonalveiänderungen im auswärtige» Dienst und besonders über die Ernennung des Freiherrn v. Rothen- han zum Gesandten in Bern laut gewordenen Vermuthungen entbehren der Begründung. Freiherr v. Rothenhan ist 7 Jahre lang Unterstaatssekretär im Ausivärtigen Amte gewesen, und es ist nur natürlich, daß er selbst den Wunsch hatte, wieder im äußeren diplomatischen Dienst thälig zu sein, weshalb ihm der Posten t» Bern, der zu unseren wichtigsten Gesandtenposten gehört, übertragen wurde."— -7 Schutz der Bauhandwerker. Ans Veranlassung des königlich preußischen Staalsministeriuins, wie die„Politische Kor- respondenz" mitlheilt, ist eine Kommission, bestehend auS Vertretern der betheiligten Ministerien, zur Berathung der Frage zusammen- getreten, in welcher Weise den bestehenden Mißständen im Bau- gewerbe entgegengewirkt und ein Schutz der Bauhandwerker gegen Ausbeutung herbeigeführt werden könne. An de» Berathungen dieser Kommission haben auch Vertreter des Reichsamts des Innern und des Reichs-Juftizamls theilgenommen. Die Kommission hat die Entwürfe eines Reichsgeseyes, betreffend die Sicherung der Bau- forderunge», und eines preußischen Ausfnhrungsgesetzes ausgearbeitet. Das Staatsminifterinm hat, ohne zunächst selbst zu den Entwürfen Stellung zu»ehipen, beschloffen, dieselben nebst der Begründung zu veröffentlichen. Denigemäß werden die Entwürfe in den nächsten Tagen durch den„Reichs-Anzeiger" zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden.— — Eine kleine Eisenbahnreform. Mittelst ErlaffeS des königl. preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten sind der „Ztg. d. V. deutscher Eisenbahnv." zufolge die Eisenbahndirektionen zur gutachtlichen Aeußerung darüber veranlaßt worden, ob nicht ans größeren Uebergangsftatio»«». namentlich solchen, ans denen die Reisenden»ach Lage der Züge genötdigt sind, eine» Theil der Nacht zuzubringen, auch für die Ill/IV. Klasse besondere Frauen- räume eingerichtet werden könnten. Zum Zweck der Absonderung würde die Herstellung leichter bis zur Decke reichender Wände t» den vorhandenen Wartesälen genügen.— — In der Petition, welche die P 0 st u n k e r b e a m t e n an Reichstag und Bnndesralh zu richte» gedenke», werden folgende Wünsche laut: 1. Beseitigung sämmllicher Schädigungen, wie sie die Einführung des Dienstallersstufen- Systems hervorgerufen hat. insbesondere gletchmäßige Anrechnung der Dienstzeiten, einerlei, ob die Anstellung vor oder nach dem 1. April 1895 erfolgt ist(Militär-, Postillondienstzcit u. s. w.); 2. Gewährung eineS Anfangsgehalts vo» 1000 M. und eines Höchstgehalts vo» 1800 M. für elatsmäßige Postschaffner und Briefträger. Erhöhung des Höchstgehalts der Landbriesträger auf 1200 M. 3. Aeudernng der Grundsätze sür die Besoldung der Posthilssboten. Angemeffene Erhöhung der Tage- gelder»ach dem fünften Dienstjahre. 4. Die etatSmäßige Anstellung erfolgt nach einer wenigstens annähernd bestimmte» Frist, und zwar gleichmäßig in allen Bezirken. 5. Die Kündigungsfrist für etats- mäßige Unterbeamle wird von einem Monat auf drei Monate er- weiter!; nach dreijähriger etatsmäßiger Dienstzeit fällt der Vorbehalt der Kündigung fort und erfolgt sodann die Anstellung unkündbar ans Lebenszeit. 3. Zubilligung eineS jährlichen Erholungsurlaubs von 14 Tugen an sämmtliche Unterbeamle. 7. Festsetzung eines be- stimmie» Wochenleistungsmaßes au Dienststunden. 8. Festlegung eines Höckstmaßes der von den Landbriefträgern zu leistende» täglichen Kilometerzahl. 9. Einsührung einer leichten Sommer- kleiduug.— — K r ä m e r p 0 l i t i k und Krämergeist. Gegen die Gewährung besonderer Vergünstigungen an die Versandgeschäfte seitens der Reichspostverivaltnng Hai der Vorstand des Zentral- veibandes deutscher Kanfleule(Delaillisten)«ine Eingabe an de» Staatssekretär v. Podbielski gerichtet. Es wird darin aus die immer schinieriger werdende Lage des seßhailen Detailhandels hingewiesen, der schon jetzt unter der Konkurrenz der große» Waarenbnzare und Versandgeschäste sehr zu leiden hat, und dem jede iveitere diesen Geschäften gewährte Begünstigung neuen Schaden zufügen würde. Die Petenten geben dem Ersuchen Ausdruck, daß von feiten der Reichsbehörden derartige einseitige Maßnahmen zu gnnste» des Groß- Handels lvenigstens so lange außer Erwägung bleibe», bis durch Einführung einer Umsatzsteuer für Bazare und Versandgeschäfte an- gesichts ihrer Ueberlegenheit gegenüber dem Detailhandel ei» an- gemessener Ausgleich geschaffen ist. Die von dem Zentralverbande deutscher Detailliste» in ihrer Wirkung so gefürchtete Maßregel des Herr» v. Podbielski ist die regelmäßige Abholung postfertiger Packele ans de» Geschäften. Wer meint, daß diese Einrichtung oder das Unterlasse» derselben eine» irgendwie merkbaren Einfluß ans die Konkurrenzfähigkeit der Groß- Handelsgeschäfte im Detailhandel baben kau», der ist blind sür den Gang der ivirihschastlichen Entwickelung.— — Freisinn und National- Soziale. Die Nan- mannianer gedenke» im ersten Berliner R.ichsiags-Wahlkmse eine eigene Kandidatur aufzustellen. Die„Freis. Zlg." bemerkt dazu, das könne in dem für die National-Sozinlen günstigsten Falle nur dazu führen, die Freisinnige Vollspartei ans der Stichwahl zu drängen und damit den Kreis der Sozialdemokratie zu überliefern. Das mag so kommen Aber b'e Haltung des Freisinns in allen Fragen sozialer Nnlur würde diesen Atisgang auch als wohl ver- dient erscheinen lassen. — Soldaten als Fabrikarbeiter. In bezng auf Unsere N.iliz in Nr 2Gö, welche von der Beschäftigung der Manu- schaflen des Greuadier-R gimeilts König Wilhelm I. in der Z icker- jabrik zu Hagenau in Schlesien berichtete, wud uns vom General- Kommando zu Posen mitgetheilt, baß keine Mannschaften des ge- nannten Regiments oder eines anderen Regiments des Armeekorps in jener Fabrik beschäftigt worden seien. Wir hatten unsere Mittheilung auf grmid einer Nachricht des „Lieb. Stadtbl." gemacht und hielte» diese sür richtig, weil ähnliche Mitlheilnnge» ans einem anderen Theile Schlesiens kurz zuvor ge- meldet wurden, deren Richtigkeit nicht bestritten worden ist.— — Die Vorlage bei s äcksischen Regierung, welche die E n t s ch ä d i g ,l n g s s ä tz e für die vom Hochwasser Betroffenen festsetzte, ist jetzt ans der betreffenden Deputation des Landtages i» etwas anderer Gestalt herausgekommen. Die Regierung schlug vor, 3 Mill. Mark aus Slaalsmiiteln zu bewilligen. Daraus solllen für Jmmobiliarschäden der Privaten, Schäden der Gemeinden und Gutsbezirke rund 4 Millionen Mark ausgebraucht iverden. Die Depulalion schlägt nun vor, für Private 80, 30 und 40 pCt., den Gemeinden»nd Gulebeziiken aber durchschnilllich 70 pCt. zu entschädigen. Nach dieser Berechnung solle» die 3 Millionen gerade zulangen. Diese Konzession ist wesentlich der sozialdemokratische» Agilatio» zu danken, da eiüzig von dieser Seite bis zur Ver- Handlung in der Kummer auf die Unzulänglichkeit des ganzen Unlerstütznngswerkes hingewiesen und voller Ersatz verlaugt wurde. A»S Baden, 7. Dezember.(Eig. Ber.) Welches Interesse die badische Zenlrnmpspurtei daran hat, daß bei den Wahle» zum Landtag das Proporlional-Wablsystem nicht in Anwendung kommt, habe ich schon in der letzte» Nummer des„Vorwärts" ausgeführt. Nun ist die Landtags- Fraktion des Zentrums mit Gegenanträgen gegen die Vorschläge der sozialdemokratische» Fraktion an die Re- gierung herangetreten. Es handelt sich um zwei Gesetzesenlwürfe, welche bezwecke», statt des indirekten Wahlrechts daS direkte einzn- führen. Dabei soll eine andere, dem Zentrum günstigere Wahlkreis- Einlheilung vorgenommeu werden, die Zahl der Kammermandate soll nicht durch die Verfaffung festgestellt bleibe», sonder» durch ein einfaches Gesetz; außerdem soll diese Zahl nicht unabänderlich, son- dern es soll der Weg einer angemessene» Vermehrmig offen gehalten sein. Für die kommenden Reichstagswahlen giebt der„Beobachter", das führende Zentrumsorgan Badens, folgende Parolen aus: 1. Für die nächsten Wahlen wird als oberste Maxime der Wahllakttk gelten: vor allein»ationalliberale Wahlniederlage» zu erzielen. 2. Die Frage, ob in Bezirken mit katholischer Minderheit der Bevölkerung eigene Zenlrnmskaudidature» aufgestellt werde», wird für jeden der beireffende» Bezirke besonders zu beaulworten sein, weit die Verhältnisse nicht überall die gleichen sind. S. Wenn in einein dieser Bezirke wohlbegriindete Aussicht be- steht, eine» linksliberale» Kandidaten mil Hilfe des Zenlrunis in die Slichwahl zu bringen, wird es als das sichere Mittel zu gelten haben, den Nationalliberalen eine Niederlage zu dereite», die Aufstellung eines Zenlrumskandidalen dagegen als das un- sichere.— Anö Hesse«, 7. Dezember.(Eig. Ber.) Die Zweite Kammer trat heute zu einer kürzeren Tagung znsamiiie» und erledigte eine Reihe kleinerer Regierungsvorlagen, meist Bau- genehniigungen, ohne lebhaftere Debatte». Auch die Vorlage be- lreffs Einrichtung eines S i a a t s s ch u l d b u ch s wurde im Sinne des Ausschußberichts kurzerhaiid genehmigt.— Eine bemerkens- werthe Niederlage Holle sich der»alionalliberale Führer Osann, der mit Eifer für Ablehnung der Geldsorderung zwecks Einrichtung geeigneter Räume sür das Oberverwaltnngsgericht ins Zeug ging. Er blieb bei der Abstimmung ganz allein; seine gesammle» Parteifreunde ließe» ihn im Stich. Auch ein Zeichen sür den inneren Verfall der nationalliberalen Herrlichkeit in Hessen.— Für die nächsten Sitzungen ist u. a. auch die Beantwortung der sozial- bei» akratischen Interpellationen wegen der Polizei- Alissichtsbefug nisse deS Frankfurter Polizei- Präsidenten über fast ganz Süddeutschland an- gekündigt.- Strasburg i. E., 7. Dezember.(Eig. Ber.) In der Frage der Aufhebung des Diktaturparagrapbe» in Elsaß- Lothringen, die durch die Anträge der sozialdemokratischen Fraktion und der Gruppe der Elsässer im Reichstage hierzulande wieder einmal stark in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion gerückt worden ist, beharrt die Regierung, im Widerspruch mit alle» Organen der öffentliche» Meinung des Landes, nach wie vor hart- näckig auf dem tobten Buchstaben, der ihr vor nuumehr bald 27 Jahren unier gänzlich veräuderlen Vorausietziiuge» so weil- gehende außerordentliche Gewalten eingeräumt hatte. Es ent- spricht durchaus den glänzenden Probe», welche das System P n 1 1- kam er bei anderen Gekegenhelie» von seiner staalsinänuische» Weisheit abgelegt hat, wen» ihm das Verständmß dafür absolut mangelt, das, eine Konzession an die sehnsücdtige» Wünsche des gesammlen Volkes der Reichslande in Form eines großinülhige» Berzichles ans das brulale Regiernngswerkzeug der Diktamr sich als ei» Mittel der G e r in a n i s a t i 0 n erweisen würde, ivie es vor- nehmer und zugleich wirksamer nicht leicht gedacht werde» kann. Unsere regierende» Kreise sind eben verblendet genug, um nicht einzusehen, daß die Bevölkerung Elsaß- Lothringens den gegenwärtigen Zustand als ei» Votum des Miß- tranens in ihre staatsbürgerliche Mündigkeit ausfaßt, durch welches sie in den Schmollwinkel getrieben und zur polilischcn Unlhätigkeit gezwungen wird. Wer den elsässtsche» Volks- charakler kennt und zugleich Gelegenheit hat, zu beobachten, mil welch' riesigem Erfolg die sozialistische Agitation die Viassen der reichslä»bischenA>beiIerschasl ans ihrerpolitischeuLethargie aufzurütteln und für die Angelegenhei'en von Slaat und Reich zu erwärmen versiebt, der weiß das Maß der siaalsmännischeu F chigkeit zu ermesse», mit welcher feilher bei uns„regiert" worden sein muß, um ans dem Gebiele der Gennamsaliv» j-ue negative» Erfolge zu erzielen, welche das System Puiikamer heule aufzuweisen bat. So lange Bnndesratb und Landesregierung, trotz der wiederholten entgegengesetzlen Beschlüsse des Reichs- sowie Laiidesparlaineutes, bei der Anfrechterbaltiing des bisherige» Zu- staudes beharre», niiisse» alle Germaniprungsversuche, uub iven» sie a» sich»och so vernüustig wären, von vornherein als erfolglos be- irachtet werden, iveil ihrer Wirksamkeit die natürliche Grinidlage fehlt, ans der allein etwas zu erreiche» wäre: das Verlraue» des Volkes in das Wohlwollen der Regierung, das durch die bisher ge- übte» Knebelungs- und Enlrechlungspraktilen»olhweiidigerweise zerstört werden mußte. Straßbnrg i. E., 8. Dezember.(Privatdepesche deS„Vorwärts".) Der prolenaiilische Pfarrer Dr. Gerbert von Saarburg wurde heute wegen Bescbiiiipfulig der katholischen Kirche zu 500 M Geidsirase eventuell 50 Tagen Hast und zur Pnbtikation des Urtheils in nenn Zeitungen verurtheitt.— — Chronik der Majestät s b e l e i d i g un g s- Pr oze ss e. Der Besitzer der Berliner Bnchhaiidluiig Tb. Mayholer Nachfolger wurde heute Morgen vom U»lersnchUiigsrichl«r in Moabit wegen Majenätsbeleidigniig verantworltich vernoinme». Es handelt sich um die Karrikalur„Das heutige Europa", welche ihm unansgesorderl vom Verlag Cäsar Schmidt in Zürich im Okiober zugesandt wurde, und das in seinem Lade» von einem Kriminalbeamten für 50 Pf. gekaust wurde. Ans dem Bilde sind der deutsche Kaiser und der österreichische Kaiser je in«igenthümlicher Stellung zum russische» Kaiser abgebildet. Wegen Majesiätsbeleidignng verurtheilte die Strafkammer Ravensburg de» Sager Anlo» Brielmaier vo» Fleischwange», Oder- ai»t Sanigau, zu drei Mornrte» Gefängniß.— — Ein afrikanischer Kulturheld hatte sich am Dienstag vor der Slrafkammer I des H a m b u r g e r Landgerichts wegen fahrlässiger Tövtiing und Nöibigung eines Schwarze» zu verantivorien. Der Angeklagte, der Kaufina»» v. Elbe, befand sich am 13. Juli 1894 in einem Book ans der Fahrt vo» Groß- Popo nach Klein-Popo, als ibn vom Ufer ans ein Mulatte bat, ihm die Milsahu zu gestatten. Diesem Wunsche kam der Angeklagte nach, während der Mulatte mit einem rasch am Ufer aufgenommenen BambuSstecken daS Boot mit fortbewegen helfen sollte. Ans das Geschrei der am Ufer spielenden Kinder iniißle aber der Stecken wieder herausgegeben iverde», und»un drängte der Angeklagte auf den unthätig ans dem Boot stehenden Mulalte» mit erhobenem Knüppel ein, der in seiner Angst ins Wasser sprang, um schivininiend das Ufer zu erreichen. Das Wagniß»lißlang und nach einige» Tage» wurde der kühne Schivimmer vo» Alligatoren angefresse» ans dem Wasser gezogen. Der Angeklagte siedelte bald darauf nach Deutschland über und ivurde»un das Slrasversahren gegen ihn eingeleilet. Auf die Frage des Präsidenten, weshalb er de» Mulatlen nicht wieder habe an Land setze» lassen, antworlele der Angeklagte: Würde er den Mnlalten so rücksichtsvoll behandelt haben, so würde er bei seinen Bootsleuten allen Iiespeki verloren haben. Dieselbe» würden ihil für einen lächerliche» Menschen gehalten haben. Der Staatsanwalt hielt die fahrlässige Tödlimg nicht für völlig erwiesen, da man nicht beflinimt wisse, ob Gomez a Sylvu bestimmt todt sei, und wen», ob der Angeklagte an diesem Tode die Schuld trage. Von der Anklage der Nöihigung sei der Angeklagte aus formalen Gründen freizusprechen. Der Gerichishof erkannte auf kostenlose Freisprechung. Die fahrlässige Tödiung sei nicht genügend eriviese». Eine Nöihignng im Siiiiie des§ 240 des denlscheii Strafgesetzbuches liege wohl vor. aber die That sei auf französischem Gebiet begangen und der cocks pönal enihalte keinen Paragraphen, ber eine der Anklage zu grnnde liegende Thal, wie sie§ 240 des deutsche» Strasgejetzbuchs voraussetzt, mit Strafe bedrohe. Oesterreich. Prag, 8. Dezember.(„Magdeb. Ztg.") Heute ivurden wieder viele Personen, darunler drei ivegen Plünderungen, verhaftet. Die Zellen des Strafgerichts sind überfüllt. I» einem Nenban wurden versteckt 12 Fraiieuröcke aufgesnnden, die ans einem deutschen Ge- schüft geraubt worden waren.— Ungarn. — AuS dem Etat des ungarischen Handels- Ministerin 1» s sür das nächste Jahr sind auch sür uns die folgende» Posten nicht uninteressant: Eilien Mehraufwand vo» 86 024 fl.(zirka 150 060 M) weist der Titel des gewerblichen und koinmerziellen Fachnnterrichls ans, welcher Mehranswand dem geringere» Theile nach durch die Steigeriing des Erfordernisses der bereits bestehenden Anstalten, dem gröberen Theile»ach aber durch die Errichtung»euer Anstallen, »amentlich der Budapester baugeiverdlichen Schule, ferner der Buda- pefter gewerblichen Fachschule sür Uhren und Mechanik, endlich durch die Versehung einzelner Fachschule» mit Werkstälten ver« »rfacht wird. In Preußen hat man bekanntlich den Ausbau des gewerblichen Fachschulivesens ivege» Mangels an Mitteln vertage» inttssen. Um 43 325 fl.(ca. 82 000 M.) wurden sür gewerbliche und koiniiierzielle Zivecke zu dem Ende im diesjährigen ungarische» Elat mehr in Voranschlag gebracht, um im Interesse der Beschäflignug der Eiuwohnerschaft der unter ungünstigen wirthafllichen Ver- Hältnissen befindlichen Gegenden ans dem Gebiete der fabriks- mäßige» Geiverbe und der Hansindnstrie, sowie ini Interesse der Versehuiig der Kleingewerbetreibenden mit modernen Werkzeugen eine erhöhte Thäligkeil entfalten zu können. Sehr charakteristisch für die ungarffche Regierung, die sich jedem Ausbau der Arbeiterschutz-Gesetzgebnug ividersetzl und die Arbeiter- beivegnng mit alle» MiNeln bekämpft und selbst vor»»gesetzliche» Mittel» nicht zurückschreckt, wenn sie bie Thäligkeit der Arbeiter- organisationen damit zu erschwere» erhofft, ist der folgende Etats- posten: Um 147 006 fl.(ca 256 060 M.) wurden die Kosten des land- ivirtdschaftlichen-Arbeiter- und Dienstbole>iivcse»s zu dein Ende höher p r ä l i m i n i r l, damit sür die P r ä in i i r u» g jener Arbeiter und D i e» st b 0 t e», welche bei einem Arbeit- geber längere Zeit hindurch in Arbeit gestände» habe», sür die S u b v e n t i 0 n i r u n g von Arbeiterzeitungen und Druckschriften, für die Errichtung und Unter- st n tz n 11 g von A r b e i l e r h i l f s v e r e i u e», endlich sür die Sicherung des niigestörlen Foriganges der laiidivirlhschafllichen Arbeite» enisprechende Geldmiitel zu Gebole stehen. Also tönigl ungarische Medaillen für Arbeiter, königl. ungarische Arbeilerzeilunge» und Propagniidaschriften und königlich ungarische Gewerkvereine! Das ist eine Sozialpolitik, gegen die selbst König Etmnm nichts einzuinenden haben düifle. Zu»> Schmerze der Saarabier sruchie» aber diese Mitielchen»ichls und sind das sür diese Zwecke ans- gewandle Geld nicht iverlh. Die Sozialdemokratie geht ihre» Weg auch in Ungarn trotz Zuckerbrot und Peitsche!— Schweiz. — DieFrage deS Autheils der ländlichen und städtischen Bevölkerung am Heeresersatz, die ün- längst durch Brentano zur öffentlichen Diskussion gestellt wnroe. wird nun auch i» der Schweiz erörtert. In der trefft che» sozial- polilische» Rnndschau" des„St. Galler Siadt-Anzeigers" finden wir hierüber die folgenden AilSführungen: .... Allerdings weist die Jndnstriebev ölkernng eine höhere Rekrntenfrequenz ans. 1000 Seelen ver mittleren jährlichen Bevöikeuiiig lieltten in dem Zeitraum von 1335—1891 duichschiiittlich 9.7 Rekrulen, während in den indnslrielleii Bezirken dieser Durchschnitt 10,29 betrug. Ebenso be- hanplel die I» d n st r i e b e v ö l k e r u n g den Vorrang in der g e r>» g e r e n K 0 p f z a h l. in der geringeren Zahl der geistig Beschränkten, der O h r e>1 l e i d e» d e 11. der B e r k r ü m»» 11 u g«» d e r W i r b e l s ä n l e und d e s B r n st- kor bes. soivie in besseren F u ß v e r h ä l t n i s s e 11. Da- gegen hat die Urproduktion de» Vorzug, höhere Tauglichkeitsverhältnisse und iv e» i g e r Zurück- st e l l u n g e» anfznweisen. Ihre Rckruie» zeichnen sich ans durch bessere körperliche Entivickelnug und günstigere Herz- und L n n g e n v e r h ä l t n i s s e. Sie weisen eine geringere Zabl von Seh- und A u g e 11 l e i d e» sowie v 0» Unterleibs- v r ü ch e» auf. Frankreich. — Die D r e y f n s- St s f ä r e im Senat. S ch e u r e r- K est»er erklärte am Dienstag im Senat zur Begründnng seiner Interpellation, er habe dem Kriegsiniiiister seine Aktenstücke nicht überlassen, sonder» nur angezeigt. Wenn Dreyfns Nicht ans das Borderau hin vernriheilt ivorden wäre, so hätte i»a» ihn auf die der Verlheidigiing nicht»lilgelheilten Schrifistiicke hin vernriheilt. Er habe die Regierung gebeie», eine Revisioii des Dreyfns- Prozesses zu verniilassen; die Regierung habe ib» aber abgewiesen. Die Borderanfrage unterdrücke alle anderen Fiage»,>i»d er hoffe, daß der Kriegsminister das Borderau sür die neue Untersuchung bergeben werde, dann werde sich zeige», wer recht habe. Revner spricht sich dann tadelnd darüber aus, daß die Regierung die Versicherung abgegeben habe, daß Dreyfns schuldig sei.(Wider- spriich.) Wenii die Unlersnchung zeige, daß das Borderau mcht von Dreyfus herrühre, so sei man zur Revision gezwungen. Nach Scheurer-Kestner ergreift der Kriegsminister B i l l 0 1 das Wort und ertläkl, Echenrer-Kestner sei voreilig gewesen. Er habe gelha», was er hält« th»» müsse», und kein Schrisistück, weder das Borde, au»och audere, sei der Untersuchung vorenihalte» worden. (Beifall) Er sei nur in seinem Rechte geivesen, als er versicherte, daß Dreyfns schuldig sei, und er iniederhole diese Versicherung. (Beifall) Die Annee würde in ihrem Gen-issc» nicht ruhig sei», wenn sie glauben könnte, daß ei» Unschnidiger vernrlheiU worden sei. Ministerpräsident M e l i n e gab ähnliche Erklärungen ab wie der Kriegsiniiiister lind schloß mit den Worte»: Die Ehre der Armee und die Interessen der Verlheidigiing des Landes müssen außer jeder Diskilssion bleibe»; es handelt sich um Thatsachen. die unsere ivichligslen Jiiteressen berühren und die geheim bleiben müssen. Die geringste Jndiskr>n>a> in solcher Hinstchl köinue bie schwersten Folgen n a cy sich ziehe n."(Wiederholter Beifall.) Ct P r o v o ft be L a» n« y warf Echeurer-Kestner vor. daß «r«in»»pairiotisches, a»tifra»zösisches Werk unternommen Kabe. T r a r i e u x fürt anS. die Justiz sei nicht unfehlbar, und billigt das Borgehe» Scheurer-Kestn er's. Scheurer-Kestner erklärte, er lege Werth darauf. Billot für seine Erklärungen zu danke». Er wisse wohl, daß der Minister der Untersuchung kein Schriftück ent ziehen wolle, und es sei fast unnölhig, das noch zu sage»; indessen danke er dem Kriegsiuiuister und nehme er von dessen Erklärung Alt, daß er alle Schriftstücke, einschließlich des Borderau's, für die Untersuchung zur Bersügnng stellen werde. Die Diskussion wurde hieraus geschlossen. Von de» eingebrachten Tagesordnungen wird diejenige, welche die Erklärungen der Regierung billigt, bei 231 Stimmabgaben e i» st i in m i g angeuommen. Unter dem Datum des Mittwoch wird auS Paris ge meldet: Die meisten Blätter erkläre», aus den gestrigen Darlegungen Scheurer- Kestner's gehe hervor, daß die Aktion zu gunsten Drcyfus einer stichhaltigen Grundlage entbehre. Der „Figaro, und die„Aurore", welche für eine Revision des Prozesses eintreten, sind jedoch von den Ergebnissen der Seuatssitzung be- friedigt, weil es nun sehr sicher sei, daß das Borderau nochmals sachverständig geprüft und alle» Zweideutigkeiten ei» Ende gemachl werden würde. Schenrer-Kestner erklärte Freunden gegenüber, er habe erreicht, was er angestrebt, und er habe deshalb auch für das Vertrauensvotum geftiunnt.— Niederlande. — Haust Du meine Arbeiter, hau' ich Deine Arbeiter! Der„Franks. Ztg." wird aui Auisterdain gemeldet: Der Minister des Juuern forderte die Provinzialbehörden auf. analog dem Verfahren der preußischen Regierung. UnterftützimgS bedürftige prenbischer Nationalität lüuslighin rücksichtsloser ali bisher über die Grenze zu befördern. Man ersteht hieraus, wie nützlich die deutsche Arbeiterpolitil Miseren im Auslande lebenden Proletariern ist.— England. London, S. Dezember.(„Voss. Ztg.") In Derby wurde gestern vom Generalansschnsse des»aliouale» Veibandes der liberalen Ver- eine Großbritaunieus das Programm der liberalen Partei festgestellt. Es umfaßt folgende Hauptpunkte: Reform des Oberhauses durch Abschaffung seines Vetos, durchgreifende Wahlreform, jeder volljährige Man» soll eine Cliinme haben und das parlameutarifche Wahlrecht aus Frauen ausgedehnt werden.— Dimemark. — I Iii F o l k e t h i» g wurde uun der vom Landesthing er« ledigte Gesetzentwurf, betreffend die Unfall- v« r f i ch e r»» g behandelt. Bekanntlich hatte der Folkething früher eine viel weitergehendere Fassung verlangt, und der Landesthing war jetzt in dieser Session auch durch einige kleine, freilich sehr un- bedeutende Konzessionen ihm entgegengekommen. C h r i st e n s e» empfahl in längerer Rede das Gesetz, das immerhin weitergehend sei, alS die früheren vom Landesthing an genommenen Entwürfe. O n s e n bedauert, daß nicht alle ländlichen Arbeiter in die Versicherung einbezogen sind, die jetzige Scheidung sei eine ganz sinnlose. Er wünscht dringend, daß das Gesetz noch jetzt dahin ge- ändert werde, daß alle Arbeiter gegen Unfall versiwert werden. K l o th meint, daß das Gesetz nur für die Jndustrie-Arbeiter nützlich sei und die Gewerklchnfts> Organisationen kräftigen werde, was es begreiflich mache, daß die Sozialdemokraten dafür stimmen wollen. Jensen(namens der Sozialdemokratie) wundert sich, daß jetzi die Moderaten mit einem Mal die Landarbeiter in die Versicherung einbeziehen wollen, obgleich sie im Vorjahre gegen alle unsere Anträge in dieser Richtung gestimmt habe». Offenbar ist das nur Ver- schleppuugs-Polilik. Niemand hat soviel gegen diesen Entwurf ein zuwenden, wie wir; aber wir wolle» nehme», was wir bekommen können. Wir wünschen, daß das Prinzip einmal eingeführt und an erkannt werde. Ist das Gesetz da, so werden die jetzi ausgeschlossene» Arbeiter es schon durchsetzen, daß sie hiiieinkommen. Im weiteren unterzog er einzelne Bestiminungen einer eingehenden Kriiik, plädirte aber im ganzen für die Annahnie des Antrages. Die Verhandlung wurde hierauf vertagt. Norwegen. — B e i den letzten Wahlen habe» von 196 000 Slimm berechligle» 166 000, also 84,7 pCt. ihre Stimmen abgegeben. während 30 000 Wähler(also lS,3 pC>) von der Wahl fern- geblieben sind. So hoch die Zahl dieser Wahldetheilignng ist, steht sie doch hinter der bei den letzle» Wahlen prozeninaliier zurück, da damals von 184 000 Stinimberechtigten 165 000 wählten(89,7 pCt.) Die Rechte und die ivloderaten erhielten diesmal im Ganzen 77 700 Stimmen, die Linke 87 700 Stimmen, ein nicht sehr großes Ueber gewicht für die ungeheure Ueberzahl der Mandate. Freilich war bei den letzten Wahlen dieses Nebergewicht noch' viel geringer. Da- mal? erhielt die Rechte mit den Moderalen 81 500 Stnuinen, die Linke blos 83 200.— ' Spanien. — AlS falsch erweist sichdieNachricht vonder Freisprechung des Anarchisten Francisco Collis, der— wie wir unlängst berichtete»— als Urheber einer Dynamiiezplosion in Barcelona unter Anklage stand. Collis wurde nicht freigesprochen. sondern zu lebenslänglicher Zuchlhaiisstrafe vernrtheilt. Seine Er- zählungen von den Mißhandlungen und Folterqualen, denen er im Gefängniß ausgesetzt gewesen sei, machten selbst aus das unbefangene Publikum keinen glaubhaften Eindruck. In kurzem wird in Barce- lona der Prozeß gegen den Republikauer Ramön Sempau beginnen, der wegen seines Revolverangriffs anf zwei Mitglieder der politischen Polizei vom Kriegsgerichte zum Tode vernrlheilt worden war. Der oberste Gerichtshof hat jedoch das Urtheil ausgehoben und den Prozeß zur nochmaligen Verhandlung an de» bürgerlichen Gerichts- Hof verwiesen.— Griechenland. Athen, 7. Dezember. Die Deputirtenkammer wird wahrscheinlich am Moiuag zur Bewilligung des endgiltigen Friedens- Vertrages einberuseu werden. Amerika. Ncw-Dork, 8. Dezember.(„Franks. Ztg.") Der Vertrag be- lreffs Hawai wird heule im Senat zur Debatte gestellt. Ob anf die erforderliche Zweidrittel- Mehrheil gerechnet werden darf, ist noch zweifelhaft.— Gewevltsrhceftlilhes. Berlin und lluigcbnug. Die Maurer»nd Zimmerer von Steglitz-Friedeuau be- schlösse» in einer Versammlung vom 5. d. M., vom 1. März 1898 ab einen Stundenlohn von 60 Pf. zu fordern; ferner soll gefordert werden, daß die Baubuden in guten Zustand versetzt werden. I» bezug auf die Arbeitszeit, die in genannten Orten jetzt eine nenn- stündige ist, werden neue Forderungen nicht gestellt. Diese Forde- rungeu sollen durch den Gesellenausschuß dem Jnnungsvorstande unterbreitet werden. Deutsches Reich. Die streikeudeu Textilarbeiter in Gautzsch bei Leipzig hatten durch ein Kommissionsiintglied Unterhandlungen mit der Direkiiou angeknüpft. Wie in der letzten Versammlung berichtet wurde, lehnte die Direktion eine Verhandlung ab. Die Miltheilnngen bürgerlicher Blätter, daß bereits genügende Ersatzkräste herangezogen seien, ist als unrichtig zu bezeichnen. Der Streik der Schuhmacher in Groitzsch bei Leipzig hat sich nunmehr, da die vierzehnlägige Kündigung abgelaufen ist, anf sämmtliche bei der Firma Götze u. Fischer beschäftigten Arbeiter ausgedehnt. Der Streik der Buchbinder in Hannover bei der Firma Oldenieyer Nachfl. dauert unverändert fort. Die gestellten Forde- rungen will die Firma sämmtlich bewillige», jedoch von den Streikenden nur so viele wieder einstellen, als zur Ausfüllung der leeren Plätze nöthig sind. Man hat«S namoutlich auf die gut eingearbeiteten Arbeiter abgesehen, die man gern wieder haben möchte. Hierauf wollen die Streikenden sich jedoch nicht ein- lassen. AuS Oberschlesien. Der im Juli d. I. unternommene Streik auf der Wildsteinsegengrube bei S ch o p p i n i tz hat für eine Anzahl bedauernswerlher junger Leute, die sich an einem Krawalle be- lheiligten, tieslranrige Folgen gehabt. Von 6 Angeklagte« wurden 5 zu schweren Zuchthaus- und Gefäiigiiißstrafen vernrlheilt: Barski zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust. Girlotika zu V/i Jahren Znchlhaus und 3 Jahren Ehrverlust, Roskosch zu 1'/« Jahren Gesängniß, Ploch zu V/z Jahren Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust, Czeruia zu 2 Monaten Gefängniß. Wie uns milgelheill wird, herrscht in der Bevölkerung eine tiefe Erregung über die Schwere deS Urlheils. Die Grubenbarone empfinden freilich eine Genngthuung, daß die armen von ihnen aus- gepowerten Arbeiter, die von ihneii in willkürlicher Weise von jeder geweikschafllichen und politischen Aufklärung fern gehalten wurden, mit so schweren Schlagen einen uiiüberleglcn Schritt büßen müssen. Heute niögen sie frohlocken, aber sie selbst säen die Saat, die auch in diesem Wrnkel krasser Uiiternehmerdiklatur, die Frucht der Er- kenn luiß im Arbeiter stand reisen läßt. Uebrigens sei bemerkt, daß die Anklage von Staatsanwalt Nentwig vertreten wurde, er im Preßprozeß in diesem Fiühjahr vor Geiicht allen Ernstes den „Wahren Jacob" für ein verbotenes sozialdemokratisches Blatt hielt. Ausland. Der Streik der Wiener Lnsterarbeiter währt bereits neun Wochen. Sechshundert Arbeiter, darunter eine große Zahl Familienväter mit inSgesamml zweihunderlfünfund- zwanzig Kindern, darben während des langwierigen Kampfes. beseelt vom Gedanken, auszuharren, bis der E>folg errungen ist. Die nahende Weihnachtszeit läßt die Folgen des Kampfes schwerer fühlbar werden. Das Streikkomitee bemüht sich nach Kräften, die Härten, die der Ausstand mit sich bringt, zu mildern, und sucht auch die Kinder an den Feiertagen zu bescheeren. Auch die Wiener „Arbeiter-Zeitung" appellirt an die gesammte Arbeiterschaft, die Lnsterarbeiter nicht zu vergessen. Das Slreiklokal befindet sich Rinkes' Gasthaus, Wien XVI Grundsteingasse 15. Vom Kampf der englische» Maschiuenbauer. Das Zentral- Streikkomitee, in welchem alle Distiikiskomilees der Metropole ver- lreten sind, hat in einer Sitzung am Montag beschlossen, die Be- dingnugeu der Unlernehmer abzulehnen. Der Exekutivausschnß der Maschinenbauer hat ebenfalls Stellung dazu genommen; die Be- schlüsse sind jedoch nicht bekannt. In diesen Tagen soll eine Sitzung deS Londoner Geiverkfchaftsraths stattfinden, um weiiere Schritte zu berathen. Wie„DailyCbronicle" mittheilt, ist beabsichtigt, eine National- konvention sämmtlicher Gewerkschafien Englands herbei,»führen. Von jedem einzelnen Mitglied der Gewerkschaften soll ein Extrabeitrag von wöchentlich 3 Pence erhoben werden; auf diese Weise würde pro Woche die Summe von 375 000 M. zusammengebracht werden. Wird ein solcher Beschluß angenoinmen und durchgeführt, dann wären die Arbeiter allerdings in den Stand gesetzt, es abzuwarten, bis die Unternehmer sich zu günstigeren Bedingungen herbei- lassen. Die schroff ablehnende Haltung der Unter- nehm«, das sichtbare Bestreben derselben, die Geiverk- schaft vollkommen lahm zu legen, wird ohne Ziveifel die Solidarität der übrigen Gewerkschafter mächtig fördern. Denn, ge- liiigt es den Maschinensabrikaiilen, die ihnen entgegenstehenden Trade-Unions zu unteidiücken, dann würden selbstverständlich die Unternehmer anderer Gewerbe bald folgen und versuchen, sich von der„Tyraunei der Gewerkschaslen" zu befieien. Mehrere Gewerk- schaften, die. wie die Steinmetzen, zwar schon aus ihrer Kasse einen Beitrag an die Maschiuenbauer eingesandt haben, aber ihren Mit- gliedern Extrasteuern noch nickt anfeilegten, werden dieses nun thun. Unter den 1100 Lstr., die am Montag im Bureau der Metall- arbeit« einliefen, befanden sich allein 470 Lstr. aus Deutschland. wohl ein Beweis, daß internationale Solidarität bei den deutschen Arbeitern kein leeres Wort ist. Ter drohende Baiiniwollarbeiter-AnSstand von Lancashire ist, wie die„Times" melden, dadnrck nbgewandt worden, daß die Unternehmer auf die beabsichtigte fünfprozentige Lohnrednkiioii vir- zichtet haben.— Der allgemeine Ausstand der Eisen- bahner wird, wie der Telegraph meldet, ebenfalls unterbleiben. Wie wir entgegen den Meldungen bürgerlicher Blätter schon einmal festgestellt haben, war ein solcher von den Arbeitern auch noch gar nicht beschlossen._ Mntevnehmev-Vevbiinde. Ueber die nencstc Weigcrt'sche Gründung, die Streik- versicherniigs-ttiklieng.sellschasl„Jndlistria", spricht sich eines der niaßgebeiidsten Uniernehmeibläiter, die„Kölnische Zeitung", höchst ungünstig aus. Sie hält die.Einrichtung für zu breit angelegt, zu sckwiiilg. zu kostspielig und vielleicht zu aufreizend hinsichtlich der Arbeiter". Ein Piano-Trnst. In den Vereinigten Staaten ist ei»« Be- weguiig im Gange, um, wenn nicht sämmiliche, so doch die meisten Piano-Fabrikanten des Landes zu einem„Trust" zu vereinigen, und dem Trust soll ein Kapital von 50 Millionen Dollars zur Versügung stehen. Wie verlaulet, hegt man die Absicht, sobald der Trust zu stände gekominen ist, nur noch vier Sorten Pianos herzustellen und viele Fabriken zu dem Ziveck anfzukanfen. um sie zu schließen. Der Trust will Filialen in Neiv-Aork, Cincinnali, Cbikago, St. Louis, New-OrleanS, Denver, San Franzisko und vielleicht auch noch in einigen anderen größeren Siädte»«richten und er>vartet, bedentende Ersparnisse zu machen, weil die Arbeit, die jetzt in Hunderten von Fabriken in allen Theile» des Landes verrichtet wird, nur in wenigen Fabriken in den groben Siädte» geihan werden würde. Aiich bei Anzeigen würden an 5 Millionen Dollars jährlich gespart werden. Die Vertreter der Firmen Steiinvay u. Sons niid iiigo Schmer erklären, sie seien noch nicht aufgeford«t worden, dem rnst beizutreten und n'ürden dies auch nie thun. Das Piano sei ein Kiii stprobukt und könnte nickt wie Nägel, Bier oder andere gc- wöhnliche Handelsartikel behandelt werden.— Soziales. Zur Rnstellung von Frauen als Gehilfinnen der Fabrik- iuspcktoren bemerken die„ M i t t h e i l»» g e n des evangelisch-sozialen Kongresses":„In Baden, Weimar, Mei- uingen und Hamburg sollen nicht feste Stellen geschaffen, sondern im Verivaltungswege Frauen, die ans dem Gebicie der Kraiiken- und Wohlfahrtspflege gearbeitet haben, zum Beispiel im Rothen Kreuz, versuchsweise den Inspektoren beigegeben werden. Man muß befürchten, daß solche Kräfte weder den Arbeiterin uen gegenüber die nöthige Vertraue n s st ellu» g noch deiiUnternehniern gegen- über die erforderliche Autorität besitzen werden. Das gleiche läßt sich auch von dem jüngst in Württemberg anf- getauchten Vorschlage behaupten, Diakonissinnen und barmherzige S ch w e st e r n zu diesem Zwecke zu verwenden. Denn diese werden in den Albeileriiiiien meist nur Leute sehen, die Wohl- t h a t e n, aber nicht Personen, die ihr Recht wollen." Dieses Urlheil wiegt um so schiverer, als es von dem Organ einer Richtnng abgegeben wird, über deren kirchliche Gläubigkeit lein Ziveifel bestehen kann und die schon ans diesem Grund den Diakon issinnen und barmherzigen Schwestern, die doch zu den religiösen Gesellschaften i» engem Verhältnisse stehe», sonst gewiß alles Wohlivollen entgegenbringt. Das ReichS-Vcrsichcrnngsamt hat revidirten Unfall- v e r h ü t Ii» g s- V o rs ch r i s l e n der Hannoverichen Bangewerks- und der Seideu-Beruisgeuossenschasl, sowie neu auSgeaideiteten Unfallverhütnngs-Borschiislen der Norddeutschen Holz-Beriissgeuossen- 'chaft seine Geuehmignug ertheilt. Lohnarbeit und Kapital. Aus Zwickau i. S. wird uns geschrieben: Die K o h l e n w e r k e des diesigen Reviers beginnen bereits ganz ansehvlicke A b s ch l a g S d i v i d e n d« n auszuzahlen. Der Zwickau-Oberhohndorfer Steinkohlenbau(Wilhelmsschächte) bringt auf seine 330 M.-Aklien bereits 100 M., der Zwickauer Stein- kohlenbauverein Vereinsglück auf seine 133 M.-Aktien 90M. zurBerlhei- lung. Im vorigen Geschäftsjahr zahlte das erstere Werk 280 M., das letztere 210 M. volle Dividende aus; es wird dieses Jahr nicht weniger geben. An der Börse werden die Aktien mit 4000 resp. 3000 M. notirt; sie befinden sich in wenigen Händen und werfen ihren Be- sitzern alle Jahre ein hübsches Vermögen ab. Währenddem rackern sich die Kohlengräber bei einem Verdienst von 1,50—4 M. pro Tag in 12 slündigen Schichten ab und lnüssen Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen. Deutsche Eiseninditstrie. Nach der vom kaiserlichen statisti- scheu Amt veröffeiillichien Statistik über die Thätigkeit der Hütten- werke wurde während der letzten zehn Jahre 1387/96 in Deutsch- land und Luxemburg für 2289 Millionen Mark Roh eise» er- zeugt. Die Erzeugung stieg von 166 Millionen Mark im Jahre 1887 aus 300 Millionen im Jahre 1896. Mit der Verarbeitung von Roheisen waren im vergangenen Jahre in Eisengießereien 74 536, in Schweißeisen-Werken 39 684 Personen beschäftigt; davon kommen aus Rheinland und Westfalen 37 919, aus Schlesien 18 286 Personen. Es wurde hergestellt für 230,2 Millionen Mark Gußeisen zweiter Schmelznng, für 150,1 Millionen Mark Schweißeisen und Schu'eiß- stahl und für 540,9 Millionen Mark Flußeisen und Flußstahl. Tic Gesainniterzeugung an Gußeisen, Schweißeisen und Flußeisen bc- ziehentlich Schweißeisen und Flußstahl während der letzlen zehn Jahre hatte einen Werth von 6919 Millionen Mark, sie ist von 515,1 Millionen im Jahre 1887 aus 921,2 Millionen Mark im Jahre 1896 gestiegen. TaS AibcitSamt der Vereinigten Staate» hat interessante Erhebungen über die Arbeit der Männer, Frauen und Kinder in ihrem Verhällniß zu»inander und über ihre Bezahlung in 1067 Etablissements von 30 veischiedenen Siaalen angestellt. Diese beschäftigten in einer Woche 1395/96 148 367 Personen(gegen- ivärlig) und früher(in ein« Woche vor mindestens 10 Jahren) 94 529 Personen. Davon waren Männer 18 Jahre unter und älter 18 Jahren 43 295 7540 26 479 4175 gegenwärtig früher... Mehr jetzt Frauen 18 Jahre unter und älter 18 Jahren 45 162 12 751 27 163 6 743 verwittivet 2011 493 16 716(63,1) 3365(80,5) 17 999(66,3) 6 003(89,1) Von den Frauen waren unverheirathet verheirathet gegenwärtig... 70 921 6775 früher...... 32 301 1375 Mehr....... 33 030(115,3) 5400(392) 1513(303,8). Eine zweite Tabelle giebt Aufschluß über das Verhältniß der Löhne der Frauen und Kinder zu denen der Männer bei gleicher Arbeitsleistung. Es sind 781 Fälle, und zwar ergiebt sich ein in Fällen um Prozent höherer Verdienst der Männer gegenüber den Frauen.... 595(76,2 pCt.) 32,8 höherer Verdienst der Frauen gegenüber den Männern... 129(16,5„) 10,4 höherer Verdienst der Kinder gegenüber den Männern... 24(10,5,) 8,6 höherer Verdienst der Mänu« gegenüber den Kindern.... 132(79,8,) 66,6 gleicher Verdienst der Männer und Frauen.......... 57(7,3„)—- gleicher Verdienst der Männer und Kinder........... 22( 9,7„)— Der Mehrverdienst der Frauen und Kinder gegenüber den Männern wurde in fast der Hälfte der Fälle in der Baumwollen- Industrie erzielt. Als Gründe der Bevorzugung der Frauen- und Kinderarbeit sind u. a. angegeben: Billiger, streiken nicht, sind leicht« zu behandeln, verlangen nicht den ganzen Betrieb zu lernen, sondern begnügen sich mit ihrer Theilarbeit! Warunna vor RnSivandernng nach Brafilie«. Einer autheulischcn Miltheilung zufolge hat die Regierung des Staates S a o Paolo in Brasilien im August 1897 mit den Firmen A. Fiorita u. Co. und Joss Antoneo de SantoS einen Vertrag ab- geschlossen, durch welche» sich dieselben verpflichten, innerhalb drei« Jahre 60,000 Einwanderer aus Europa nach dem Staate Eao Paolo einzuführen. Die Firma Fiorita soll in diesem Vertrag« die Verpflichtung eingegangen sein, unter anderm 10000 Oester- r e i ck e r. und zwar aus Tirol. Steiermark, Görz, Kärnten. Jstrien und Galizien anzuwerben. Die Einwanderer müssen ausschließlich Landleute sein und werde» ausKaffeeplantagenzuArbeiten angenoinmen werden, die bisher meist von Negern verrichtet wurden und von den meisten Einwanderern jederzeit energisch abgelehnt worden sind. Da die brasilianische» Seelenverkäufer ihre Werbungen unter der Hand wohl auch im deutschen Reiche vornehmen lassen iverden, sei wiederholt darauf ansmerksam gemackt, daß von der Auswanderniig von En- ropäern nach Süd-Brasilien schon deshalb aufs allerdrivgendste ab- zurnlhen ist. weil dort die Kraukheiten Tuberkulose, Typhus, gelbes Fieber und Malaria in einem Maße ailstrelev, daß die Gcsnndheilsverhältnisse schlechter sind alS in irgend einem Lande Europas. Depeschen und letzke Anchvichten. Kiel, 8. Dezember. Im großen Belt fand bei einem Anker- nianöver des Panzerschiffes„Württemb.rg" eine leichte Kollision mit dem Panzer„Bravdeubnrg" statt. Beide Schiffe sind leicht b- schädigt und ko iiiten allein zurückkehren. Die„Wnrilembelg" geht »ach Niel ins Dock, um den Schaden auszubessern und die„Blanden- bürg" nach Wilhelmshaven. Frankfurt a. M.» 8. Dezemb«.(B. H) Der Bankier Wilh. Hoheuemier, der Mitinhaber des Bankhauses M. Hohenemser, ist heute Nachmittag gestorben. Hohenemser war ein bekannter Sicht- nudvierziger, der zum Tode veiuriheilt, aber begnadigt ivorden war. Später trat er zur nalionaltibeialeu Partei über. Bern, 8. Dezember. Der Bundesraih Lachenal hat auf dringendes Ersiichen seiner ikollegen und seiner politischen Freunde sein E n t l a s s u» g s g e s u ch zurückgezogen. Krakau, 8. Dezember.(B. H.) Seileus der hiesigen Studenten wurden dem Grafen Badem, der gestern hier eintraf, Ovationen dargebracht. Badeni wurde mit den Rufen:„Vivat Badeni! Pereat Gautsch!" empsangeii. Die Sozialoemvk>nte>! infzenirleii Gegendeinonftrationen. Gestern Abend wurde zu Ehren Badeni's die Stadt illnmiuirt. Paris, 8. Dezember.(B. H.) Dem„Malin" zufolge hat heute Mathieii Drcyfus dem Berichteistalter des Militärgerichis ein neues Dokinnent übergeben, welches bisher geheim gehalicn» nrde. Rom, 8. Dezember.(W.T.B) Die„Agenzia Sle ani" meldet: Als sicher bleibt bestehen, daß Rudini mit der Kabinetsbildnug beauflragt werden wird In ivodl»»terrichletc» Kreisen hieß es deute, Zanardelli Hab« sich bereit erklärt, in das neue Kabuiel als Justizmiuisler einzuirelen. Konstautiuopcl, 8. Dezember.(B. H.) Morgen iverden die Bot- sckasler die Enlscheidung bezüglich des Goiiveuiems von Kreta dem Sultan übermilieln. Kanca, 3. Dezember.(Meldung der„Aoence Havas".) Die Aiiiständischen schössen auf die Feflinig K ssamo; die türkische Garnison erividerte das Feuer, welches eiiie Slunde dauerte. Die Aufständischen in Kankia versuch leu. sich der Heerde» zu be- mächtigen, wurden aber znuickgeschlage».— E>wa 1000 Aufständische von Sphakia belagerten das christliche Dorf Perivolaki,»III einen Mord zu rächen Es kam zu einem sehr heitigeii Kaiupse, drssen Ausgang noch nicht bekannt ist. Btrantwortlicher Sieimktcur: Zlugnst Jacob«) in Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck uiid Berlag von Diax Babing in Berlin. Hierzu S Beilagen u. Ilutcrhaltuugsblatt. >..» it ww ijniiimt ilcz Jimittj" Kilinri WslilÄ t»»««.«*« 3. 4. C. 9. 13. Ankrvm neuesten Vuvs. November. 1. Hoklc. Wegen VergehenZ gegen 8 153 der Gewerbe-Ordnung und wegen Beleidigung Maurer G e r i ck e ans Schkeuditz 6 Wochen Gefmigmn und 10 M. Geldstrafe. 2. Leipzig. In der Berufungsinstanz die Genossen Lorenz, !! n a k e und Geyer je 50 M. Geldstrafe wegen Vernbung groben Unfugs.— In gleicher Instanz in Glauchau wegen des gleichen Vergehens Genosse Schiualsus 20 M. Geld- strafe. » Magdeburg. Ebenfalls wegen groben Unfugs Schneider H e ci 20 M. Geldstrafe. „ Berlin. Ein Bauarbeiter wegen Vergehens gegen ß 153 der Geiverbeordnung drei Tage, und Maurer Bläsing wegen des gleichen Vergehens und Beleidigung zwei Monate Ge- fängniß. Lüneburg. 3 Mitglieder des HolzarbeiterverbandeZ wegen Beraufta�tung eines öffentlichen Tanzvergnügens je ü M. Geldstrafe. Berlin. Abg. Fischer wegen Uebertretung deS Vereins» geictzeS 40 M. Geldstrafe. Bremen. Wege» Bedrohung ,c. von Streikbrechern 2 Holz- arbeiter je 14 Tage, einer 4. ein anderer 6 Wochen, 2 weitere 3 und 4 Monate GefKugniß. Leipzig. Einen Monat Gefängniß der Maurer Landgraf wegen Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen. Eberswalde. Genosse K ö r st e n- Hegerinnhle wegen Ueber» tietung des Vereinsgesetzes 30 M. Geldstrafe. Dresden. Ein Tischler wegen Bedrohung eines Streikbrechers 1 Monat Gefängniß. Magdeburg. Wegen Majestätsbeleidigung Genosse Vahle 3 Monate Gefängniß. Autrag: 9 Monate. Magdeburg. Genosse Vahle wegen Beleidigung eines Fabnkdireklors 100 M. Geldstrafe. Ncn-Ruppin. In der Berufungsinstanz Genosse Lade- in aun- Wittenberge 50 M. Geldstrafe wegen VerÜbung grobe» Unfugs. Krimmitschan. Wegen Beleidigung deS Feuerwehr- Korn- Mandanten Redakteur G o l d st e i n- Zwickau 6 Wochen Ge- fängniß. Leipzig. Drei Maurer 6, 2»nd 1 Monat Gefängniß wegen Mißhandlungen:c. von Streikbrechern. Redakteur K ü n n e- Halberstadl in der Revisionsinstanz 600 M. Geldstrafe wegen Beleidigung eines Polizeibeamten. Altcnbnrg. Genosse V o g e n i tz weaen Beleidigung eines Redakteurs 14 Tage Gefängniß. Leipzig. Ein Maurer ivegen Beleidigung 30 M., ein anderer ivegen Vergehens gegen eine Polizeiverordnung 15 M. Geld- strafe. Berlin. 300 M. Geldstrafe Genosse Stadthagen wegen Beleidigung Magdeburger Richter. Frankfurt a. M. Wegen Beleidigung von Beamten Genosse W. S ch m i d t 300 M. Geldstrafe. Spandau. Eine Woche Haft ein Maurer wegen VerÜbung grobe» Unfugs. Mülhausen. Genosse B n e b wegen Beleidigung eines Pfarrers 2 Monate Gefängniß. Litbeck. Je 3 Tage Hast sechs Tischler wegen Berübung grobe» Unfugs. Schweidnitz. Wegen Beleidigung deS König? der Belgier Redakteur F e l d m a u n, Langenbielau, 4 Woche» Gefängniß. Bochum. Genosse Möller wegen Vergehens gegen das Vereiiisgcsetz 8 Tage Haft und 15 M. Geldstrafe. Leipzig. Ein Maurer wegen Vergehens gegen 8 153 der Geiverbe-Ordnung 2 Monate Gefängniß. BreSlan. Vier Wochen Haft Redakteur Neukirch wegen Verübnng grobe» Unfugs. Apolda. Wegen Verstoßes gegen die Begräbnißordnung Genosse Band er t 3 M. Geldstrafe. Halle. I» der Berufungsinstanz Redakteur Thiele 3 Monate Gefängniß wegen Beleidigung eines Mühlendirektors. Berlin. 3 Monat Gefängniß Genosse Kacz marek wegen Beleidigung von Gefäugnißbeamten. Rostock. Wegen Bedrohung von Streikbrechern ein Tischler 2 Monat, ein anderer 6 Wochen Gefängniß. Chemnitz. Genosse S ch v p f l i»- Burgstädt wegen Be- leidignng 1 Monat Gefängniß. Elberfeld. Genosse Gewehr drei Monate und Genosse Künstler- Lennep 6 Wochen Gefängniß wegen Beleidigung eines Sergeanten. Gettorf. Wegen Beleidigung deS Grafen Reventlow Genosse Korn- Kiel 100 M. Geldstrafe. Magdeburg. Der Vertrauensmann der Stein- arbeiter 20 M. Geldstrafe wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz. Fürth. 50 Mark Geldstrafe Genosse O e h in e- Nürnberg ivegen Beleidigung eines Magistratsulitgliedes. Frankfurt a. M. Genosse Schmidt 500 M. Geldstrafe wegen Offiziersbeleidigung. Lüneburg. Zwei Genoffen je 15 M. wegen Uebertretung des Vereiusgesctzes, und einer 12 Mark Geldstrafe wegen Ver- lbeilung von Flugblättern an öffentliche» Orte». Chemnitz. Genosse I r in s ch e r wegen unerlaubten SammelnS 150 M. Geldstrafe. , Berlin. Maurer Z a g e r t wegen Vergehe»? gegen z 153 der Ge.verbe-Ordnung 1 Woche Gefängniß. Berlin, den 6. Dezember 1897. Der Parteivorstand. 15. 16. 19. 20. 25. 29. 30. Dem BnudcSrath ist nunmehr auch der Entwurf einer K o n k u r S o r d n u n g zugegangen.— Tie NcichStagSkominifsion zur Vorberathung ZdeS Gesetz- entivnris betr. die Entschädigung der im Wieder- ansnahme-Verfahren freigesprochenen Personen hat zu Vorsitzenden gewählt Dr. Rintelen(Z-), Frhrn. v. Gült- lingen(Rp), zu Schriftführern Schmidt- Warburg(Z.), Haase (s-oz.), Dr. v Dzieinbowski- Pomian; sonst sitzen in derselben Roeren, Schwarze. Stadthagen. Graf Bernstorff(Lauenburg), Munckel. Beckh. Boltz. Dr. Pieschel, Himburg.— In d i e R e i ch s l a g s k o m in i s s i o n zur Vorberathung deS Gesetzentwurfs betr. die freiwillige Gerichtsbarkeit sind gewählt worden als Vorsitzende Dr. v. Bnchka(k.) und Dr. v. Euny (nail.), Schriftführer Dr. Stephan(Z). Stadthagen(Soz.), Hosinann- Dillenburg(natl.); sonst sitzen in derselben Dr. Spahn. Dr. Rintelen. Marbe, Remdold. Wellstein, Haase, Dr. v. Dzieni- bowski- Poniian, Engels, Kauffmaun. Lenzmann, Dr. Vielhaben, Träger, Günther, v. Salisch, Graf Caruier, v. Dewitz.— Dir Initiativanträge der freisinnige» Bereinigung lauten: I. Der Reichstag wolle beschließen: den ilteichskanzler zu er- suchen, dahin zu wirken, daß... Maßregeln getroffen werden, um a) einer Häufung von Unfällen, wie sie in letzter Zeit auf denlschen Eisenbahnen vorgekommen ist, wirksam zu begegnen, b) die Leistungsfähigkeit der Bahnen, dem steigenden Verkehr eiilspicchcnd, zu erhöhen. II. Ter Reichstag wolle beschließen: a) die verbündeten Regierungen zu ersuche», einen Gesetzentwurf vorzulegen, nach welchem die A n st e l l u 11 g der Gewerbe- Aufsichlsbeainten und die Ordnung ihrer Zuständigleitsverhältniss«— in Abänderung des 8 139b der Gewerbe-Ordnung— von Reichs wegen erfolgt; b) die Erwartung auszusprechen, daß alsdann 1. die Zahl dieser Beamten vermehrt, 2. ein entsprechender Theil derselben aus Arbeiterkreisen entnommen, 3. insbesondere zur Aussicht über die Durchführung der Vorschriften betreffs Frauen- arbeit auch weibliche Jnfpektionsbeamte angestellt werden. III. Einziger Artikel. Hinter Artikel 3 der Reichsversassnng wird folgender Zusatz aufgenommen: In jedem Bundesstaat muß eine aus Wahlen der Bevölkerung hervor- gegangene Vertretung bestehen, deren Znstiinniung zu jedem Landesgesetz und zur Feststellung des Staatshaushalts erforderlich ist. IV. Antrag auf Abänderung deS Wahlgesetzes vom 31. Mai 1869.§ 6 deS Gesetzes soll danach folgende Form erhalten:„Jeder Abgeordnete wird in einem besonderen Wahlkreise gewählt. Jeder Wahlkreis wird zum Zwecke der Stimmabgabe in Wahlbezirke gelheilt, welche möglichst mit den Orlsgemeinden zusaininenfallen sollen. Kein Wahlbezirk darf mehr als 3500 Einwohner, keiner weniger als 125 Ein- wohner, gerechnet nach der letzten allgemeinen Volkszählung, ent- hallen. Orlschaslen, in welchen die erforderliche Zahl von Ein- wohnern oder eine genügende Anzahl zur Bildung des Wahl- Vorstandes geeigneter Personen sich nicht vorfindet, müssen mit einer der nächstgelegenen Ortschaften zu einem Wahlbezirke vereinigt werden. Große Ortschaften können in mehrere Wahlbezirke getheilt werden. Mit Ansschluß der Exklaven müssen die Wahlkreise sowie die Wahlbezirke örtlich abgegrenzt und zu einem räumlich zusammen- hängenden Ganzen abgerundet sein. Ein Reichsgesetz wird die Ab- grenzung der Wahlkreise bestiininen; bis dahin find die gegen- iväitigen Wahlkreise beizubehalten. Die Abgrenzung der Wahlbezirke geschieht durch die zuständigen Behörden."§ 10 soll bestiniinen, daß Gewicht und Größe der Wahlzettel gleichmäßig für alle Wahlkreise vom Bundesrath festzusetzen sind. Die neuen 88 Ha, Hb, llo, 11 d, Iis und 11k sollen etwaigen Unregelmäßigkeilen beim Wahl« akt vorbeugen. So wird bestinimt, daß die Umschläge aus undurch- sichtigem Papier gefertigt und von gleicher Größe, Form und Farbe sein sollen. Die näheren Bestimmuiige» über die Beschaffenheit der Umschläge sind gleichmäßig für alle Wahlkreise vom Buudesrath sestzustellen. An einem Nebentisch im Wahllokal sind derartige Bor- richlniigen anzubringen, daß der Wähler, ohne daß er von irgend einer anderen Person gesehen werde» kann, seinen Stimmzettel in den Umschlag zu legen vermag. Die Wahlhandlung soll um 10 Uhr vormittags beginnen und»m 7 Uhr nachmittags geschlossen werden. Zu keiner Zeit der Wahlhandlung dürfen weniger als drei Mit- glieder des Wahlvorstandes anwesend sein. Während der Wahl- daudlung dürfen in dem Wahllokal weder Beralhnngen stattfinden, noch Ansprachen gehalten, noch Beschlüsse gefaßt, noch Sliinin- zetlel aufgelegt und vertheill werden. Ausgenommen hiervon sind die nolhweiidigen Berathungen und Beschlüsse des Wahlvorstandes. Ungiltig sind alle Stimmzettel, die nicht in einem amtlich abge- stempelten Umschlag oder die in einem mit einem Kennzeichen ver- sehenen Umschlag übergeben worden find, die mit einem Kennzeichen versehen sind, die keinen oder keinen lesbaren Namen enthalten, aus denen die Person des Gewählten nicht unzweifelhaft zu erkennen ist, die auf eine nicht wählbare Person lauten, und die eine Verwahrung oder eine» Vorbehalt gegenüber dem Gewählten enthalten. Mehrere in einem Umschlage enthaltene gleichlautende Stimmzettel gelten als eine Slimine; in einem Umschlage enthaltene verschieden lautende Stimmzettel sind ungiltig. Ferner soll folgender neue§ 19 hinzu- gefügt werden:„Beweiserhebungen, welche der Reichstag behufs Prüfung der Wahlen beschloffen hat, sind von den zuständigen Be- Hörden als Eilsachen zu erledigen." V. Zum sogen. Margarinegesetz, das erst in diesem Jahre vom Reichstage beschlossen worden und demnächst in kraft getreten ist. ist bereits eine Abänderung beantragt.§ 4 soll dahin sormulirt werden:„In Räumen, woselbst Butler oder Butterschmalz gewerbsmäßig hergestellt, aufbewahrt oder verpackt wird, ist die Herstellung, Aufbewahrung oder Verpackung von Margarine oder Kuiistspeisefett verboten. Ebenso ist in Räumen, woselbst Käse gewerbsmäßig hergestellt, aufbewahrt oder vervackt wird, die Her- stellung. Ausbewahruug oder Verpackung von Margarinekäse unter- sagt. Unter diese Beftimiming fällt nicht das Ausbewahren der für den Kleinhandel erforderlichen Bcdarfsmengen in öffentlichen Verkaufsstätten, sowie das Verpacken der daselbst im Kleinhandel zum Verkauf gelangenden Waaren. Jedoch müssen Margarine, Margariuekäse und Knnftspeisefett innerhalb der Verkaufsräume in besonderen Vorralhsgeiäßeii und an besonderen Lagerstellen. welche von den zur Aufbewahrung von Butterschmalz und Käse dienenden Lagerstellen getrennt sind, aufbewahrt werden." Narkei-MKrtzvichten. Tie Bcerdignng unseres belgischen Parteigenossen van Bcveren ging am Somilag Nachmittag in Gent unter Be- theiliguiig von Tausenden vor sich. Nicht allein die Arbeiter- bevölkerung von Gent erwies dem Verstorbenen die letzte Ehre, aus dem ganzen Lande waren Abgeordnete von politischen und gewerk- schaftlichen Vereine» erschienen. Die Brüsseler Genossen waren mit einem Sonderzug angelangt. Der Partei- vorstand und die sozialistischen Kammer- Deputirten waren fast vollzählig erschienen; von der Pariser„Pelite Republique" war M e u n i e r delegirt. Aus allen Theilen des Landes waren Kranzspenden eingelaufen. Der Zug wurde eröffnet durch die Stadlverordneten, deren Kollege Van Beveren gewesen, mit dem Bürgermeister an der Spitze; nur einige klerikal« Stadl- räthe hatten auch dem Tobten gegenüber ihre politische Gegnerschaft nicht aufgegeben und waren serngeblieben. Der Bürgermeister Braun hielt am Grabe eine tief- ergreisend- Rede, worin er hervorhob, daß van Beveren zwar sein politischer Gegner gewesen, daß er eS aber verstanden habe, allen, die ihn gekannt, ob Freund, ob Feind, die größte Achtung abzu- ringen. Treu seiner Uederzeugung, habe van Beveren doch stets Toleranz gegen Andersdenkende geübt; uneriiiüdlich habe er die Interessen der arbeilenden Bevölkerung verfochten, mit Eiser für da? Wohl der Stadt gestrebt. I» ihm habe die Stadt Gent einen ihrer tüchtigsten Bürger verlogen.— Nach dem Bürgermeister sprachen unsere Parteigenossen S e r w y und A n s e e l e, die beide in tief empfundenen Worten das Andenken des Verstorbenen ehrten. Neber van Beveren's arbeitsreichen Lebensgang sei nach dem Brüsseler„Peuple" noch folgendes nachgetragen: Geboren im Jahre 1852, ist er nicht, wie wir irrthünilich angaben, 50. sondern kaum 45 Jahre alt geworden. Als Kind unbemittelter Eltern konnte er nur die G e n t e r Kommunalschule besuchen, bereits mit dem 13. Lebensjahre miißte er anfangen, sich sein Brot selbst zu verdienen; er erlernte das Malergewerbe. Im Jahre 1870 schloß sich van Beveren der„Internationalen" an und studirte eifrig die sozialistischen Schriften. Nach der Niederwerfung der Pariser Koinmnne und nach der Auf- lösung der„Jnternatioiialen" ging er zunächst nach Holland. Als er 1874 nach Gent zurückkehrte, brachte er aus Deutschland die Ueberzeuguiig mit, daß das Proletariat sich organisiren müsse, ge- iverkschaftlich sowohl wie politisch, während er früher mehr der Baknnin'schen Theorie angehangen hatte. Die Masse» organisiren und diszipliniren, das war nun seine Lebensaufgabe. Er ist der Schöpfer von mehreren Gewerkschaften, politischen Klubs, von Konsumgenossenschaften. Wie hervorragend van Beveren an dem Ausblüheil des Genter„Boornit" betheiligt war, ist im„Vorwärts" bereits erwäbnt worden. Seine Kenntnisse zu bereichern, war er unausgesetzt bemüht. Dabei kam ihm sehr zu stalten, daß er, dessen Muttersprache das Vlämische war, mittlerweile sranzösisch und deutsch fließend lesen und reden gelernt hatte, van Beveren war auch ein ausgezeichneter Volks- redner; seine letzt« Rede hieU er im F-stsaal des„Vooruit"; einige Tage später mußte er sich legen, um nicht mehr aufzustehen. Sein Gedächtuiß wird vom Proletariat aller Kulturländer dauernd in Ehren gehalten werden! Ans Tänemark. Im Mörkekreise in Aarhns wurden zwei Sozialdemokraten und zwei„unpolitische" Jnstleute, in Fens- mark ebenfalls zwei Sozialdemokraten in den Gemeinderalh gewählt. Ans Amerika. Michael S ch w.a b, der f. Z., zusammen mit Spies und Genossen, in C h i k a g o unschuldig zum Tode ver- urtheilt, hernach zu lebenslänglichem Zuchthaus„begnadigt" und endlich durch den Gouverneur Altgeld nach siebenjähriger Gefangenschaft in Freiheit gesetzt wurde, liegt nun, an der Lungenschwind- sucht leidend, im Alcxianer-Hospital nahezu hoffnungslos darnieder. Seine Gesundheitsverhällniffe waren schon vor seiner Gefangenschaft nicht die besten; sicher aber ist es, daß diese ihn vollends dem Siech- thnui zuführte,_ Mommunales. Tie Snbkommission der städtischen VerkehrSdepntatio» hat unter Vorsitz des Bürgermeisters Kirschner die Bestiininiingen eine? Vertrages mit der Berlin- Charlottenburger Straßenbahn- Aktiengesellschaft über Uniwaiidlung ihres Pferdebahn- Betriebes in einen elektrischmotorischen, sowie die Normalivbestimmungen für die neuen Bahnlinien beziehungsweise eines neuen Bahnnetzes festgestellt und wird dieselben der Beschlußfassung der Berlehrsdeputation unterbreiten._ Vokales« Achtung, dritter Wahlkreis! Die Parteigenossen werden darauf hingewiesen, daß am Sonntag, den 12. Dezember, abend? 6l/2 Uhr, im Lokale des Herrn Cohn, Beuthstr. 21(Aufgang vom Hausflur), eine öffentliche Versammlung stattfindet. Dr. Friede- b e r g wird einen Vortrag halten über:„Werth der Statistik für den Klassenkampf". Nach dem Vortrag: Tanzkränzchen. Entree pro Person 10 Pf. Zahlreichen Besuch erwartet Die Vertrauensperson, Ter„Wohljhätig?citS"-Sport steht nun wieder in voller Blüthe. Nicht in gewohnter Pracht— nein, prächtiger noch »nd großartiger als sonst hat er sich diesmal entfaltet, und schier unübersehbar ist die Reihe der Bazare und festlichen Ver- anstaltungen„zu wohlthätigem Zweck", die sich in diesen Tagen und Wochen an den Geldbeutel und das Amüsementsbedürfniß der Be« sitzenden wenden. Zwar mehren sich die Anzeichen, daß man auch in denjenigen Kreisen, von denen und für die derartige„Wohl- thätigkeits"- Vergnügungen veranstaltet werden, das b e- schämende dieses Treibens zu fiihlen beginnt. Aber die Bazarflnlh, die sich allweihnachtlich über die „wohlthätige" Bourgeoisie von Berlin ergießt, hat trotz- dem— das ist das merkwürdige dabei!— nicht nachgelassen, sondern ist noch gestiegen. Selbst Vereine, die es früher ver- schmähten, durch dieses finanziell erfolgreiche, aber sittlich zweifelhafte Mittel ihre leer gewordenen Kassen zu füllen, die sogar öffentlich erklärten, daß sie nur an den Wohlthätigkeitsstnn, nicht an die Ver- gnüauugSsucht der Besitzenden appelliren zu dürfen glailbten. be- theiligen sich heute an dem allgemeinen Herensabbath. Sie haben leider merken müssen, daß sich das Geld aus andere Weise immer schwerer zusammenbringen läßt. Bei den meisten„Wohlthätern" und„Wohlthäterinnen", die sich aus diesen Festen breit machen, kann man sich eben nicht mehr mit Erfolg an den Geldbeutel wenden, wenn man sich nicht auch zugleich an ihr Amüsementsbedürfniß wendet. Die bekannte Behauptung, daß dem vorhandenen Elend gegenüber„die Privatwohlthätigkeit immer noch wieder ausreiche", ist doppelt falsch. Die vielgepriesene„Privatwohlthätigkeit", die namentlich von unseren städtischen Behörden so gern als Schild gegen„koinmiiuistische Ge- lüfte" benutzt wird, vermag mit all' ihren Mitteln das Elend nicht einmal in seinen fchlimmsten Aeußerungen völlig zu verdecken, ge- schweige in nennensw-rther Weise zu lindern oder mit Erfolg zu bekämpfen. Aber selbst das Wenig« und Winzige, was hierbei geleistet wird, ist zum geringeren, vielleicht zum geringsten Theile eine Leistung wahren Wohlthätigkeitssinnes und echter Nächstenliebe, zum größeren und größten ein Produkt der Selbstgefälligkeit, der Vergnüg» n h s sucht und ähnlicher, nichts weniger als edler Motive. Man hat den uianchinal geradezu wahnsinnigen Luxus der besitzendei, Klasse mit dem Hinweise daraus zu vertheidigen versucht, daß er der Arbeiterklasse Beschäftigung und Brot verschaffe. Am Ende hat das Proletariat der Bourgeoisie noch dafür zu danken, daß diese immernoch eitel und vergnügungssüchtig genug ist. um„Wohlthätigkeilsfeste" und„Wohlthätigkeitsbozare" zu veranstalten und zu besuchen. Welches Elend„sich auch unter den gebildeten Frane« findet", davon könne man, sagt ein Aufruf zu guusten des vor jetzt 2 Jahren hier begründeten„Heims für nothleidende ge- bildete Frauen", in dieser Anstalt beständig ergreifende Er- sahrunaeu machen. In der Thal sind die in dem Aufruf angeführten Beispiele tief traurig, aber man kann sich bei der Betrachtung diese? Elends leider doch nicht dem Gedanken verschließen, daß die„ g e- bildeten Frauen" selber recht viel dazu bei« tragen, da? Elend ihrer de? Ernährer? be« raubten Mitschwestern zu vergrößern. Die „gebildeten Frauen" haben gewöhnlich keinen bestimmten Berus erlernt und haben meist auch niemals ernsthast gearbeitet. Stirbt ihnen der Vater, Mann oder Bruder, der sie bis dahin ernährt hat. so gerathen sie, wenn kein Vermögen da ist, viel- fach in Hilflosigkeit und Roth. Sie können oder wollen meist nichts anderes als«in bischen nähen, sticken u. s. w., aber da?, was damit hellte noch zu verdienen ist. langt nicht zu dem„standesgemäßen" Leben einer Beanitenfamilie, an das sie gewöhnt sind. ES langt nicht einmal immer zur Bestreitung der viel bescheideneren Bedürf- nisse einer„gewöhnlichen" Arbeiterin, die von Jugend auf die Ent- lohnnngen einer Arbeiterfamilie kennen gelernt hat. Und daß es ost nicht einmal hierzu langen will, da? ist die Schuld gerade der„gebildeten Frauen",— auch mancher unter denen, die als Wittwen oder Waisen selber darunter leiden müssen. So lange die „gebildeten Frauen" noch„gebildet« Mädchen" sind, arbeiten sie in der Regel nicht eigentlich„fürs Geld", sondern wollen sich„nur ein kleines Taschen- geld" verdienen. Etwas anderes gestattet das„Etandesbewußt- sein" des Herrn Vaters selbst dann nicht, wenn er nur mittelmäßig bezahlt wird und dabei eine starke Familie hat. Manchmal bildet dieses„Taschengelb" einen heimlichen, aber sehr erwünschten und unentbehrlichen Zuschuß zur Bestreitung deS nothwendigsten Lebensunterhaltes. Viel öfter aber darf es nach dem Willen und der Bestiinniniig des Vaters, der seine„Ehrenpflicht", für den Unter- halt seiner Familie zu sorgen, mit eigensinnigem Eifer wehrt, wirklich nur auf Putz und Vergnügungen verwendet werden. Da können sich dann die jungen Damen natürlich billiger an- bieten und so als erfolgreiche Konkurrenliiinen von Arbeiterinnen anftreten. die nicht für ihre Toilettebedürfnisse oder für ihr Amüsement, sondern für ihren täglichen Lebensunterhalt arbeiten. Aber dieselben jungen Damen, die so lange die Preisdrücke» rinnen gespielt und mit dazu beigetragen haben, daß d i e Näh- und Stickarbeit immer weniger lohnt, sind hinterher, wenn sie später einmal selber von der Arbeit leben sollen, sehr erstaunt und bestürzt über die schlechte Bezahlung nnd brechen in bittere Klagen darüber ans, daß„auch sie" mit den erbärmlichsten Löhneu abgespeist werden, als seien sie„gewöhnliche 5rv5cUcvitmei\". Schon«muche„gswohuiich� Arbeiterin ist durch die»fürt Toschengeld" arbeitenden junge» Dome» um Arbeit und Brot gebrocht worden, schon manche mag ans diese Weise der Prostitution in die Arme gedrängt worden sein. Aber den „gebildeten Mädchen und Frauen" bleibt dieser traurige AuSweg erspart, weil die Privativohllhätigkeit wie die kommunale Wohl- thätigkeitSpflegc für die Angehörigen der„gebildeten Stände" eine freigebigere Hand hat als für„ungebildete" Nothleideude. Tcm Konfirmand«»- Unterricht ist aus den höheren Schule» die Zeit von 11— 12 Uhr vormittags am Dienstag und Freitag vorbchnlten. Gegen dieses Privilegium der Pastoren, das die zwcckmäsiige Einrichtung des Stundenplans erschwert und zur Verlegung einiger Schulstunde» aus die Nachmittage zwingt, hat man sich in der lehren Sitzung der„Berliner Gmniiastallehm« Gesellichafl" ausgesprochen. Man hat gefordert, daß die KanfirmationS- stunden auf die Nachmittage verlegt würden. Inden Gemeinde- schulen liegt die Sache bekannllich noch ungünstiger. Hier ist den Pastoren keine bestimmte Zeit für ihren Unterricht eingeräumt. Sie legen daher die Konstnuattonsstunde», wie es ihnen paßt. Da aber Nicht alle Konfirmanden derselben Klasse zu demselben Pastor gehen, so fehlen in der einen Schnlstiurde diese, iu der anderen jene, in einer dritten wieder andere 51indcr. Eine Verlegung des Konfir- m a n d e n. U n t e r r i ch t S auf den Nachmittag wäre für die Gemeindeschulen noch mehr z» wünschen als für die höhere» Schulen. Eine solche Verlegung könnte zugleich bewirken, daß viele von denen, die heule ihre Kinder nur»och deshalb milkonfirmire» lassen, weil die Sache noch nicht ganz llnmodern geworden ist, künftig in anbetracht der größeren Unbequemlichkeiten, die damit verknüpst wären, endgiltig darauf verzichteten. Möglich, daß die Pastoren das befürchten und deshalb ihr Privilegium, die Konfirmations- stunde» in die Zeit des Schnlunterrichts lege» zu dürfe», so hart- uäckig wahren. Mit de» Mißstände» im Berliner Bolköschulwesen be- schäftigte sich am Dienstag eine vom„Fortschrittlichen Verein der Potsdamer V o r st a d t" einberufene ö f f e n t- l i ch e B e r s a in m l u n g. Der Referent Herr VoUrath erörterte alle die zahlreichen Mängel unserer Gemeindeschulen(die unsere» Lesern aus den wiederholte» Besprechungen an dieser Stelle hin- reichend bekannt sind) und machte in erster Linie den Leiter des Berliner Volksschulwesens, Stadlschulrath Bertram, dafür ver- antwortlich. Ein Protest gegen Herrn Bertram's Wiederwahl, das schien der eigentliche oder doch der Haupt- zweck der Versammlung zu sein. Dem entsprach es auch vollständig, daß schließlich als greisbares Resultat der Erörterungen eine Reso- lntion herauskam, die im Jntereffe einer gründtichen Resorm des Berliner Volksschulwesens eine Ersetzung Bertrams durch eine jüngere Kraft fordert. Wir haben schon früher ausgeführt, daß unser Volks- schulwesen, so wenig es auch von seinem jetzigen Leiter zu erwarten hat. doch von einer bloßen Ablösung dieses Mannes durch eine jüngere Kraft noch nicht viel mehr hoffen dürfte. Für die Mängel unserer Volksschulen ist ja weniger Herr Bertram als der„Freisinn" verantwortlich zu machen. der ihn als Werkzeug benutzt hat. Erst wenn auch dessen Herrschaft gebrochen ist, wenn auch er in der Hauptsache aus dem Rothe» Hause verdrängt und durch eine„jüngere Kraft" ersetzt ist,.— dann erst darf man für Berlins Volksschule wirklich gründliche Reformen erwarten. Nun gab freilich auch Herr Vollralh zu, daß der„Lide- ralismus" mitschuldig sei, aber er meinte nicht den„Liberalismus" überhaupt, sondern nur den„ K o m m u n a l- L i b e r a l i s m n s". Das Wort„Kommunal-Liberalismus" ist, sowie! wir wissen, in den Reihen der Lehrerschaft entstanden und sollte ursprünglich dazu dienen, die eigenartige Haltung zu kennzeichnen, die der„Liberalismus" als Ganzes in den Kommiinalverwaltungen Berlins und anderer Großstädte feit langem der Volksschule gegenüber bewiesen hat. Später hat der sich radikaler geberdende Theil des Berliner„Frei- sinnS" daS geschickt erfundene Wort ebenso geschickt annektirt. um mit seiner Hilfe von sich selber die Schuld abzuwälzen. die thalsächlich doch den„Liberalismus" überhaupt trifft. Herrn Vollrath und seiner Gefolgschaft wurde denn auch von einigen der anwesenden Lehrer erwidert, daß auch die so- genannten entschiedeneren„Freisinnigen" der Stadtverordnete n- Versammlung sich in Sachen der Volksschule lau genug gezeigt hätten. Auch sie seien weniger in die Fragen des Volksschulwesens eingedrungen und brächten ihnen geringeres Interesse entgegen a I s die Sozialdemokratie. Warum denn die„Neue Fraktion der Linken" sich die langjährigen Forderungen der Lehrerschaft nicht zu eigen gemacht habe, bevor die Sozialdemokraten sie vor die Stadt- verordneten-VersammIung gebracht hätten. Auch auf die Mahnung, die Lehrer sollten sich jetzt nicht etwa vom polilischen Leben zurück- ziehen, sondern nun erst recht in die freisinnigen Bezirksvereine ein- treten und dort ihre Ansichte» entschiedener als bisher aussprechen. gab es einige bittere Wahrheiten aus Lehrcrmund zu hören. Bei den Bezirksvereinen habe man damit keineswegs immer Entgegenkommen gefunden, und wo den» diese Vereine geblieben seien, als in den 7C)er Jahren Berliner Lehrer wegen ihres Auf- tretens iu Vereinen von der„freisinnigen" Gemeindeverwaltung durch Gehaltssperren gemaßregelt worden seien.— Um den Werth des E n trüst nn g sru mm elS, den der„radikale" Flügel des „Freisinns" jetzt in den Bezirksvereinen zu entfachen bemüht ist, richtig beurtheilen zu können, muß man sich vor Augen halten, wie wenig sich alle diese Vereine noch bis vor kurzem mit der Volke- schule beschäftigt haben. Ei« sind aufgeschreckt worden, weil man sie ans die Gefahr hingewiesen hat, daß infolge der jüngsten Lehrer- gehaltsregelnng der„Freisinn" seine besten Agitatoren, die Volks- schullehrer, verlieren könnte. Sie, wie der gesammte„Freisinn" wiirden den Teufel was nach Volksschule und Volks- schullehrerschaft fragen, wenn sie nicht die Lehrer tausendmal nöthiger hätten, als die Lehrer sie. Das Berliner Tchlafstellenwesen erhält eine grelle Be- kenchlung durch eine Zusammenstellung des Charlottenburger statisti- scheu Amtes. Ihr zufolge wohnen von je IvviZ männlichen Berlinern 77,2 als Schlafgänger. Diese Zahl wird auch nicht annähernd von irgend einer anderen der preußischen Großstädte erreicht; die meisten Schlafgänger nach Berlin hat Königsberg i. Pr. mit 33 auf 1000. Selbst Charlottenburg hat deren nur 30. Wenig über 20 haben ferner noch Frankfurt a. M. und Breslau, 19 zählt Stettin. In den übrigen preußischen Großstädten wohnt nur ein ganz geringfügiger Theil der männlichen Einwohner als Schlaf- gänger, am meisten noch in Danzig, wo unter 100 männlichen Be- wohnern etwa 1 Echlafgänger sich befindet. Ein ähnliches Ver- hältuiß findet in Halle und Hannover(8 und 7 auf 1000) statt. Außer Düsseldorf, Altona, Elberfeld, wo 4—7 Echlafgänger auf 1000 Männer kommen, wohnen in den Großstädten der Monarchie nur 1 bis 2 von je 1000 männlichen Einwohnern in Schlasstelle, so in Köln, Dortniund, Krefeld, Bremen und Aachen. Auch bei der weiblichen Bevölkerung wird der Umfang des Berliner Schlasstellenwefens nur von Königsberg einigermaßen erreicht: es kommen in Berlin auf 1000 Frauen 25,6, in Königsberg 19,5. In allen anderen preußischen Großstädten ist die Zahl der Frauen, welche in denselben Ziäumen mit fremden Leuten zusammen wohnen, verschwindend klein. Breslau und Danzig übertreffen zwar hierin Charlottenburg, baden aber nur 6 und 4 weibliche Schlafgänger auf 1000 Frauen. Char- lottenburg zählt deren 36, Magdeburg, Altona und Frankfurt a. M. etwas über 2; eine haben Hannover und Halle, weniger als eine Köln, Diiffeldorf, Dortmund, Aachen, Krefeld. In Bremen kommt gar nur 1 Schlafmädchen auf 10 000 Frauen. Die Stadt Berlin«nd die Lchreriune». Der„Neue Volks- schullehrerinnen- Verein" nahm am Dienstag Stellung zur Gehalts- frage. Die vom Magistrat vorgeschlagenen Gehaltssätze fanden nicht die Billigung der Versammlung, und besonders wurde die Mieths- entschädigung von 300 M. als unzulänglich bezeichnet. Die in drei- jährigen Perioden abwechselnd um 200 und 100 M. steigende Alters- zulage wurde insofern bekämpft, als man die 100 M.-Steigerungen lediglich für die Endstufen der Skala gelten laffeu wollte, im übrigen aber nur Abstufungen von 200 M. befürivorlete. Es wurde besonders darauf hingewiesen, daß Berlin mit 1000 M. Grundgehalt iiiid 300 M. WohiiuiigSgeldzuschuß weit hinter Groß-Lickterfelde zurückbliebe, das bei 1100 M. Grundgehalt 400 M Mielhs- enlschädignng zahlt. Beschlossen wurde, in einer Petition beim Magistrat dahin vorstellig zu werden, daß bei Beibehaltung des Grundgehaltes von 1000 M. die Miethsentschädiguug auf 450 M. erhöht und die Alterszulage» nach 6 und 12 Jahren aus 200 statt 100 M. bemessen werden. Bon der Stätte deS SlendS. Die Eröffnung der Wärme« hallen am Alexaudcrplatz am Mittwoch hatte eine große Zahl der Obdachlosen in aller Frühe iu der Nähe des Polizeipräsidiums versammelt. Ihre durchnäßten Kleider zeigten, daß sie wohl meist die Nacht im Freien zugebracht hatten. Kaum waren die Thore geöffnet, so drängten die Armen sich nach de» Plätzen in der Nähe der riesigen Oese», um die Kleidung zu trocknen. Der Jnspekior, unterstützt durch sein Hilfspersonal, sorgte dafür, daß alles in Ruhe zuging. Es wurde den Leuten eingeprägt, daß das Uniherstehen an den Oese», das im Vorjahre zu vielen Uuzuträglichkeiten Veranlassung gegeben hat, ebenso verboten ist, wie Karten- und Würfelspiel und Echnapslrinken. Stöcke müssen am Eingange abgegeben werden. Einen eigenartigen Anblick gewähren die langen Üteihen der neben einander Sitzende», von deren Kleidung der Wafferdampf aufstieg uud die sich im Flüstertone unterhielten. Wie im vorigen Jahre soll auch diesmal eine Werkstatt für Schneider und Schuhmacher ein- gerichtet werden, dort weiden die zerrissenen Sachen wieder noth- dürftig hergestellt. Falls Geschenke und Spenden iu genügender Zahl eingehen, wird beabsichtigt, Kaffee z. B. gratis zu verabreichen. Die Wärmchalle ist geöffnet von morgens 7 bis 6 Uhr abends. Jni Zeiche» deS Verkehrs. Das„Verl. Tagebl." schreibt: Die Uiuwandlung des P f e r d e b a h n- B e l r i e b e s in e l e k t r i- scheu Betrieb, die in größerem Umfange für den Beginn des Dezember in Aussicht genonuneu war. ist. wie sich jeder Bewohner Verlins überzeugen kann, nicht erfolgt. Es ist au mehreren Stellen versucht worden, allerlei Erklärungen für diese befremdliche TKat- fache zu geben, die jedoch, wie wir auf grnnd aulheulischer Jnsormation erkläre» tönneu, durchweg unzutreffend sind. Der Grund für die bisherige bedauerliche Verzögerung liegt lediglich an dem Ausbleiben der königlichen Bestätigung. Dieselbe ist nach Z 39 des Kleinbahnen- Gesetzes erforderlich, welcher lautet: „Zur Anlage von Bahnen in de» Straßen von Berlin und Potsdam bedarf es der königlichen Bestätigung."— Die Direktion der Pferdebahn- Gesellschaft erhofft seit geraumer Zeit von Tag zu Tag das Eintreffen dieser Genehmigung von feiten deS Kaisers, an deren Ertheiluug im Prinzip nicht z» zweifeln ist, nachdem die in belracht kommenden Behörden, wie Polizei- Präsidium, Eisenbahndirektion u. s. w., sämmtlich gehört worden sind und ihr Einverständniß zu dem zwischen der Stadtgemcinde Berlin und der Pserdcbahn-Gesellschaft vereinbarten Projekt bekundet haben. Ucber das Radfahrtvcsen in Berlin dürften die nachstehen- den Angabe» von allgemeinem Jntereffe sein: Im Laufe des vorigen Jahres sind im ganzen 20129 Karten für lliadfahrer ansgcstelll worden. Obwobl nun die im vorigen Jahre ansgestelllen Karle» auch für dieses Jahr giltig erklärt und nicht erneuert worden sind, so haben die bis Ende November d. I. neu ausgefertigten Karten doch bereits die stattliche Zahl von 27 422 erreicht. Da bekannter- maßen auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Personen das Fahrrad benutzt, ohne im Besitz einer Fahrkarte zu sein, so kann wohl angenommen weiden, daß gegemvärlig in Berlin etwa 60 000 Personen radfahren. Vom 1/ Januar bis Ende November d. I. Haben zwischen Radfahrern uud Fußgängern 755 und zwischen Radfahrern und anderen Fuhrwerken 286, im ganzen also I04l Zusammenstöße stattgefunden, von denen 433 ohne jeglichen Unfall verliefen. In den übrigen Fällen wurden 500 Personen leicht und 58 Peisoittii niehr oder weniger schwer verletzt. In 94 von diesen Fällen waren die Radfahrer selbst die Geschädigten, und zwar erlitten 79 Radfahrer leichte und 15 schwere Verletzungen. Infolge der erlittenen Verletzungen sind drei Personen verstorben, darunter zwei Radfahrer, die mit anderen Fuhrwerken zusammengefahren waren, uud eine Frau, die durch einen Iiadsahrer »mgestoßeu und dann durch eine» Lasiivagen über den ktopf ge- fahren wurde. Im vorigen Jahre sind in dem gleichen Zeitraiim durch Radfahrer 551 Zulamineustöße herbeigeführt und dabei 212 Personen leicht und 64 mehr oder weniger schwer verletzt worden. Wenn sich auch entsprechend der fast dreifachen Anzahl der Radfahrer die Zusammenstöße und leichteren Unsälle vermehri haben, so ist doch die Zahl der schwereren Unfälle erfrenlicherweife zurückgegangen. Ter Anthcll der Arbeiter an der Gesaninitbebölkeriiiig Berlins beträgt nach dem Buche von Dr. Hirschberg:„Die soziale Lage der arbeiteudeii Klaffen in Berlin", 524 auf je 1000 Einwohner. Bei der letzten Berufszählung wurden überhaupt 320 528 männliche und 185 333 weibliche Gehilfen, Gesellen, Arbeiter, Lehrlinge, Dienst- boten, Porliers, Wächter u. s. w. mit 419 176 Angehörigen gezählt. Unter den deutschen Slädlen mit über 100 000 Einwohnern nimmt Berlin der Zahl seiner Arbeiter nach die siebente Stelle ein. Mehr Arbeilerbevölkerung haben Dortmund mit 637, Barmen 596, Chemnitz 570. Aachen 537. Düsseldorf 552. Elberfeld 533. Alle übrigen Großstädte haben weniger, am wenigsten Sinttgart, nämlich 408 auf 1000 Einwohner. Charlottenburg steht an 17. Stelle mit 489 Arbeitern. Es wird außer den genannten Städten noch von Altona. Leipzig, Köln, Danzig. Magdeburg, Königsberg, Nürnberg, Krefeld uud Braunschiveig in der Zahl seiner Arbeiter überlroffen. Der Untersekundaner Heinrich Freese, einziger Sohn des hiesigen gleichnamigen Fabrikbesitzers in der Cuxharenerstr. 17, hat am Montag das elterliche Haus verlassen und wird seither vermißt. Er soll die Absicht geäußert haben, ins Ausland zu gehen. Er ist 17 Jahre alt, hellblond und trug schwarzen Anzug und schwarzen Paleivt. Auf seine Aiiffindniig habe» die unglücklichen Eltern eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt. Die Weihiiachtsbaninhändlcr haben in diesem Jahre mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Auf den Bahnhöfe» haben die Großhändler bereils einen flotten Einzelverkauf eingerichtet, der den Slraßenhändlerii bedeutenden Abbruch thut. Run will auch die Polizei den hier zum Verkauf gestellten Bäumen eine genauere Ans- ficht widmen. Sie macht deshalb schon jetzt darauf aufmerksam, daß nach den noch geltenden Bestimmungen die Weihnachtsbaunidändler verpflichtet sind, außer ihrem Berechtigniigsnachwcis zum Handeln auch llrsprnngsnachiveise über die Herkunft und den Erwerb der Bäume beizubringen, die sie feilbieten. Eine neue Unfallstation soll in den nächsten Tagen in der Warschauerstr. 2 errichtet werden. Ein Berliner Original wurde Dienstag Nachmittag mit dem verstorbenen 76 Jahre alten Rentner Ferdinand Echultze aus der Garlenstr. 16 auf dem Sophienkirchhof in der Bergstraße zu Grabe ge> tragen. In der Nachbarschaft nannte man den alten Rentner und Hausbesitzer kurzweg„Millionen-Schuttze", denn man schätzie ihn ans 15 Millionen Mark, und das ist auch bei den vielen Schultzens immerhin ein Unterscheidungsmerkmal. Freilich fad man dem Alten diese Millionen nicht an, wen» er. die Füße in Holzpantinen und den Hals mit einem dicken Ehawl umwickelt, Besen und Schippe handhabte, um eigenhändig vor seiner Behansung Bürgeifteig und Straße zu fegen. Er hat den Reichthum durch sein Fuhrgeschäfl und durch Häuserspekulation erlangt. Für die Unsitte, schlecht brennendes Feuer durch Auf- giesicu von Petroleum schnell und ohne Mühe anfachen zu wollen, hat die 35 Jahre alte Arbeiterfrau Wilhclmine Winkelmann vom Tempelhofer Weg 5 zu Schönederg schwer büßen müssen. Die Blech- kanne, aus der sie die feuergefährliche Flüssigkeit ausgoß, explodirte, und eine Flamme, die bis zur Decke«nipocschlug, verbrannte die Frau am ganzen Kops, im Gesicht, am Halse und an den Ohren. Schwer verletzt mußte sie in ein Krankenhaus gebracht werden, wo sie bedenklich darniederliegt. Fenerbericht. Dienstag Abend 9 Uhr erfolgte Alarm nach A l e x a n d e r st r. 67, wo in einem Umbau eine Partie Holzabfälle brannte. Mittwoch früh b'/e Uhr ging Grüner Weg 71 ein' Posten Stroh in einem Kellerschachte in Flanimen auf.«Ine Stmide später war Prinz enstr. 40 ein Gardinenbraiid zu beseitigen. Gegen 10 Uhr enlstand R e i ch e n b e rg er st r. 113a. in einer Tischlerei ein Schadenfeuer, das außer verschiedenen Hölzern auch den Fußboden und die Balkenlage zerstörte und erst nach längerer Löschthätigkeit gedämpft werden konnte. NacKiiiitlags 4 Uhr wurde die Wehr nach P o t s d a m e r st r. 73a gerufen, wo in einer Keller- Wohnung Betten und Möbel in Brand geralben waren. DaS Haus erlitt hierbei erhebliche Beschädigungen. Gegen 5 Uhr erfolgte gleichzeitig Alarm nach P e r l e b e r g e r st r. 13 und nach Engel- Ufer 2a. Im ersten Falle handelte es sich um«iuey Zimnierbrand. ini letzten Falle um brennende Lumpen. Die Gefahr wurde schnell beseitigt. Theater. Paul Pauli, der bekannte dramatische Lehrer und Re- giffeur. früher Mitglied des Deutschen Theaters, gicbt am Sonntag, den IS. d. Mts.. nachmittags V-Z Uhr, im Konzcrthaus, Leipzigerstr. 48, mit Eleven seiner„Deutschen Thcater-Akademic" eine öffentliche Extra-Äast- Vorstellung zu Ncinen Preisen. Zur Aufführung gelangt daö bei der letzte» Pauli schen Schülcrvorstcllung im Bellc-Alliaiicc-Theater mit sehr großem Belfall gegebene Dr. Hugo Müller'sche Charakterbild„Onlel Moses."— Den Moses Mendelsohn spielt wieder Paul Pauli. Hieraus folgt der be- liebte Schwank.Monsieur Herkules«. Billcts stild vorher zu haben im Bureau deS Konzerthanses.— Das Schiller-Theater hat im Spiel- jähre 1895/9« den ersten Versuch gemacht, 4 Anweisungen auf Eintritts- karten zu 4 verschiedenen Vorstellungen in einem Umschlage zu vereinigen, dem so zusammengestellten Heft eine äußerlich schöne Form zu geben und es als eine Wcihnachtogabe zu empfehlen. Der Erfolg war ein so günstiger, daß das Schtller-Theater auch dieses Jahr dieses Weihuachtsgesttienk wieder bringt und zur Bequemlichkeit für daS Publikum viele Ausgabestelle» für dieses Weihnachts-AdvnnemeutS in der Stadt eingerichtet hat. Ans de»« Nachbarorte». Treptow-Baumschnlcnlvcg. Die Parteigenossen werden auf die am Sonnabend den lt. Dezember, abends 3>/, Uhr, im Lokal des Herrn Speer, Baumschulenstraße, stattfindende öffentliche Versammlmia für Männer und Frauen aufmerksam gemachl. Tage?- ordnung: Der Kampf um den Nordpol. Ref-rent: Genosse Tr. I o s l». s. w. Der Vertraneusmanu: N i ch. U l b r i ch t, Marien- thalerstr. 13. Tie Volköschullehrerinnen der Berliner Vororte bieltcn am 4. Dezember im„Königsgarlen" eine Versammlung in Sachen des Besoldungsgesetzes ab. Nach Anhörung der Berichte der Delegirlen gelangte folgende Resolution zur Annahme: 1. Tie völlig unzureichenden Gevaltsskalen einzelner Vororle, ivelche den Lehrerinnen schwere Entbehrungen auferlegen, müssen einen so>l- gesetzlen Stellenivechsel erzeugen und somit Schule und Gemeinde schädigen. 2. Die Versammelten erwarten von der Regierung eine knterstützung ihrer maßvollen Forderung«». Als solche wurde» be- zeichnet: für Vororte mittlerer G>öße») ein Gnindgehalt von noo M.. b) Zlllersznlageu von 150 M., c) eine Miethsentschädiguug von 300-360 M. Die Einftthrnng der erste« Echönebcrger Stadtverordneten und zugleich die konstiluirende Sitzung der Sladlverordnete»-Aer- sanunlmig wird nach einer Entscheidung des ötegierungspräsideiiteii bereits am 20. d. M. stattfinden. Die Einführung und Vereidigung der Sladlvcrordneten wird, da ein Bürgermeister zur Zeit noch nicht vorhanden ist. durch den Regierungspräsidenten erfolgen. Ter Riederbarnimer Kreistag wird am 20. d. M. hier zu- sammentreten. Er wird u. a. zu beratheil haben über den Verkauf des alten Kreishanses in der Kochstraße und über die geplante Eisenbahn Berlin— Groß-Schönebeck mit Rbzweignng nach Lieben- ivalde.f_ Sozwlv Aechkspftelge. Um Bertragsveräudernugeu drehte sich ein Rechtsstreit, der die Kammer VIII des Gewerdegenchis beschäfligte. Der Steindrucke r W., der bei der Firma Fuchs arbeitete, wurde von seinem Chef zum Oberdrucker befördert. Seinen alte» Loh» von 30 M. bezog er weiter, nur nahm er jetzt eine sogenannte Vertrauens- stellung ein. Er hatte die Aufträge des Arbeitgebers an seine Kollegen zn übermitteln, diese» gegenüber den Chef zu verireten und am Sonnabend die Löhne aus- zuzahlen. Nach einiger Zeit wurde er ohne vorherige Kündigung entlaffen. Damit war er jedoch nicht einverstanden, er klagte aus Gewährung einer Lobnenlschädigung. Der Beklagte wandte ein, Kläger habe gar keinen Anspruch aui die vierzehnlägige Kündigung, da die Kündigungsfrist bei seinem Engagement ailsge- schloffen worden sei. Kläger gab dies zwar zu, erklärte es aber für gleichgiltig. Als der Kündigungsausschlub erfolgte, sei er noch Um- drncker gewesen. Dadurch, daß er aus dieser Stellung in die eines Oberdrnckers eingerückt sei, wäre der alle Vertrag erloschen lind ein »euer an feine Stelle gelrelen, für den die gesetzliche Kündigungsfrist maßgebend sei. Sollle sie das nicht bleiben, so hätte sie von neuem ausgeschlossen werden müssen. Nach längerer Beralhung gab das Gericht dem Kläger den Rath, seine Klage im Vergleichsweg« zurück- zuziehen, um Koste» zu sparen. Der Klager kam dem nach, worauf der Borsitzende Dr. Meier die Gründe des Gerichts für jene»!>!ath- lchlag bekannt gab. Wenn der Kläger bei gleichbleibenbenr Lohne vom Umdr-.cker zum Obsrdrucker befördert wurde, dann fei er da- mit noch nicht in ei» neues Arbeitsverbällniß gelrelen. Ter Ausschluß der Kündigungsfrist habe noch zu Recht bestanden. Nu» möge ja der Kläger im guten Glaube» geivesen sei», die gesetzliche Kündigungsfrist trete wieder in kraft; ei» diesbezüglicher Vertrag sei aber weder ausdrücklich, noch stillschweigend zn stände gekoiinnen. Ein stillschiveiaender Vertrag beruhe slels ans einei» gegen- seitigcn slillschiveigenden Einverständniß, der Beklagte habe aber mit gnt-in Siecht angeiiommen. daß der Ausschluß der Küiidigiingsfrift fortbestehe. lieber Unfiille, die wählend einer Arbeitspause passiren, hat sich das Li e i ch s- B e r s i ch e r n n g s a m t abermals in be- inerkeiiswerther Weile ausgesprochen. Der Schmied Siroimaiin half am 17. August 1896 dem Kesselschmied Rudlvff bei einer Kessel- ausbesseruug. Slroluianu's Hilfe war aber nicht bei jeder'11--' richtuug noihweiidig, so daß er sich zeitiveilig inithätig im Kesjrt- Hanse aufhielt. Eine solche Pause beuutzie er dazu, sich an einen Kesselträger zu häiigeii und Tllruübnuge» zn macbtii. Der Kessel gcrielh ins Rollen, Liudloff fiel hinnnler, und Strotmaiin wurde der rcchle Fuß gequelscht. Der Verletzte beantragte danil eine Unfallrente, die ihm auch in zweiicr Instanz zugesprochen wurde. Das SIeichs-Versicperungsanil hob jedoch das schiedsgerichtliche Erkenntniß wieder aus und i»ies Slrol- inann mit seinem Anspruch« ab. Es liege lein Betricbsnnsall vor. Das Rcknrsgerichk Hab« allerdings schon seslgesiellt, daß sich die Arbeiter auch dann im Belriebsbanue besänden. wen» sie sich während der Pausen ans der Belriebsnätte ans- hielleni Dies sei deshalb der Fall, weil sie infolge des forldauerndcii Aufenthalts am Rrbensorte den Belriebsgrfuhren ausgesetzt seien. Ein Unfall während der Pause könne indessen nur da alS B e t r i e d s u n f a l l angesehen iverden, wenn er einer Gefahr enlspringe, die der bloße Aufenthalt auf der Betriebsstätte mit sich bringe. Für die Annahme des Belrieb?- Unfalles genüge es noch nicht, daß der Illilfeiithalt a» der Betriebsstätte die Gelegenheit und den Anreiz zn einer ge- sährlichen Thäligkeit biete, die mit den eigentlichen Belriebszivecken nichts zu lh»n habe. Die Turnverfnche des Klägers seien abcr ein« derartige betriebsfremde Thätigkeit, es müsse darum n». genomine» werden, daß er sich durch sie außerhalb des Bririebes gesetzt habe. Die Rente könne ihm also nichi gewährt werden. Die Rettung einer in schwere Bedrängnih geräthencn Regierungsveioidiinng vom 15. Rovrmber 18d9 bcziv>ck>e eine Veryandlnng, welche gestern vor der vicrlen Elrafkammer am Landgericht II stattfand. In dem Lokal des Gaüivirlhs Dohr- m a ii Ii in Zehleudors sollte am 13. Juli d. I. eine Bersamiulung fceS fojlnlbemoTrrttlfdje« 9tftifntion§uetcliiS stattfinden. Die Ver- scniiinlniig war etwa 10 Tage vorher ordiinngsmäßig bei der Polizei angemeldet worden, der Aintsvorsteher M i l i n o w s k y halte aber die BesÄicinignng der erfolgten Anmeldmia verweigert, well ihm das betreffende Lokal alZ öffentlicher � e r s a in in l n n g s o r t nicht bekannt sei. Die Verfanim- lung sollle aber dennoch statifinden, als jedoch der Einberufer dieselbe eröffnete, loste der mit der Ueberwachung vetraute Amtsdiener mangels einer Anmeldnngsbescheinigung die Bersammlung aus. Am nächsten Tage erhielt der Wirlh Dohr mann ein polizeiliches Strafmandat über 20 Mark, �welches sich auf Z 1 der Neg.-Verordn. vom IS. No- vember 1gb9 stützte, welcher denjenigen mit Strafe bedroht, welcher Tdeater- und Zirkusgebände sowie öffentliche Versammlungsorte ohne Genehmigung der Polizeibehörde herstellt oder umbaut. Dohrmann erhob gegen dieses Strafmandat Einspruch und beantragte richterliche E»t- scheidung. DasSchösfengei ichl am Aintsgerichtll sprach den Angeklagten frei, weil die angezogene Regierungsverordnung eine Bau- V o l i z e i- V e r o r d n un g fei, die Ueberlrelnng jedoch, welche hier vorliege, keinen Verstoß gegen die Baupolizei vorstelle. Oben« drei» wurde» dem Angeklagten auf Antrag seines Verlheidigers, Rechtsanwalt Herz seid, auch die nothwendigen Auslagen, ein- sct'lleßllch� der Gebühren des Verlheidigers, aus der Staats- lasse erstattet. Gegen dieses Urthetl legte der Amts- anwalt Berufung ein, begründete dieselbe aber nicht—- wie in der heutigen Verhandlung hervorgehoben wurde— mit rechtlichen, sondern nur mit Z w e ck m ä ß i gke i t s- N r ü n d e n. Es wurde in der Bernfungs- Rechtfertigungsschrifl darauf hingewiesen, daß, wenn diese Judikatur Platz griffe, die ganze Verordnung binfättig sei. I» der gestrige» Verhandlung machte der Älmlsvorslehcr M i l i n o w s k y über die thatsächlichen Berhültnisse folgende Mittheilungen: Das Dohrmann'sche Lokal sei im Jahre 1892 mit polizeilicher Genehmigung gebaut und nur für den Schankbetrieb eingerichtet worden. Im vorigen Jahre habe der Besitzer einen Anbau vorgenommen, zu welchem ihm die polizeiliche Genehmigung unter der erschwerenden Bedingung ertheill worden ist, daß trotz der Erweiterung Lustbarkeiten in dem Lokale nicht stattfinden dürfen. Am 10. Mai habe nun der Gast- wirth Zubeil(der Reichslags-Abgeordnete des Kreises) eine Versamnitung daselbst angemeldet, er habe aber darauf nichts ver- fügen können, da er sich ans Urlaub befunden habe»nd das Schreiben an seine Person gerichtet gewesen sei. Bald darauf habe Dohrmann eine Zeichnung eingereicht und gebeten, die Abhaltung von Versammlungen in seinem Lokal zu gestatten. Er habe in der Zeichnung einige Mängel gefunden und von einer endgiltige» Enl« scheidung deren Abstellung erfordert. Ehe nun weitere« in der Sache geschehe» war. sei die Anmeldung zum 18. Juli erfolgt. Er habe die Bescheinigung ablehnen müssen, da die generelle Genehmigung zur Abhaltung von Versammlungen in dem Lokal noch nicht ertheill war. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathnng auf Ver- w e r f n n g der Berufung. Die Tbat, welche gestraft werden sollte, falle nicht unter die erhobene Anklage, ß 8S beziehe sich nur auf solche Lokale, in denen schon früher Versammlungen ftatlsanden. Das Gesetz habe eben eine Lücke, dicserhalb könne der Angeklagte nicht bestraft werde». Da es sich hier um eine prinzipielle Rechts- frag, handelte, so gab der Gerichtshof auch dem weiteren Antrage des Rechtsanwals Herzfeld statt, die nothwendigen Aus- lagen des Augeklagten einschließlich der Ge- bühren für die Bertheidigug auch für die zweite Instanz auf die Staatskasse zu übernehmen. Die Rntorität dcS Polizeilieutenants. Der Handelsmann S. betreibt feit Jahren in der Gegend der Marien- und Louifenstr. einen Straßenhandel mit Obst. Er hat sich bei dieser Gelegenheit schon eine ganze Anzahl von Strafen wegen Uebertretnng der für den Straßenhandel bestehenden Polizeiverordnuugen zugezogen und ist daher den Polizeibeamten des zuständigen Reviers bekannt, die ein besonders wachsames Auge ans ihn haben. Am Vormittag des 2. September kam S. mit seinem Fuhrwerk die Marienstr. entlang. Er machte an der Ecke der Louisenftraße Hall, weil ihn ein Kunde angerufen hatte. In demselben Moment trat der Polizeilieutenant Tuchel an ihn heran und forderte ihn zum Weiterfahren auf. S. leistet« dieser Aufforderung Folge, hielt aber bald daraus wieder an, um den Kunden abzufertigen. In dem Verhalten des Händ- lers S. erblickte der Polizeilieutenant Tuchel— wie er als Zeuge vordem Schöffengericht aussagt«— eine Verletzung feiner Autorität, denn S. habe seinem Befehle nicht Folge geleistet. Um sich nicht der Gefahr auszusetzen, als Beamter in Uniform aui der Straße lächerlich gemacht zu werden, rief er einen Schutzmann herbei und ordnete die Sistirung des Händlers an, o b g l e i ch i h m d e rse l b« bekannt war, es sich also um eine Feststellung der Persönlichkeit des S. nicht handeln konnte, und außer der Beschuldigung einer Uebertretung nichts gegen S. vorlag. Der Händler S. wurde nach der R« v i e r w a ch e gebracht und von dort mit dem grünen Wagen nach dem Polizeipräsidium transportirt, von wo er erst nach 24 Stunden wieder entlassen wurde. Gegen S. ist dann ein Strafniandat ergangen, weil er an dem fraglichen Tage eine feste Handel?- stelle eingenomnien und den Verkehr auf der Straße gehindert haben soll. Das Schöffengericht, welches sich am Mittwoch mit dieser Sache befaßte. sprach den Angeklagten frei, weil es der Ansicht war. S. sei berechtigt gewesen, behufs Ab- fertigung des Kunden zu halten und habe der unberechtigten Aufforderung des Beamten nicht Folge leisten brauchen. Dem weitergehenden Antrage des Vertheidigers, auch die Kosten der Ver- theidigmig der Staatskasse auszuerlegen, da der Beamte eine leicht- fertige Anzeige gemacht habe, gab das Gericht nicht statt. Auch in diesem Falle geziemte es sich, daß dem so stark um seine„Autorität" besorgten Lieutenant eine entsprechende Belehrung ertheilt würde. Schließlich sollle man denn doch meinen, daß die persönliche Freiheit des Staatsbürgers wenigstens in einem Kulturstaate höher«inzusetzen ist, als die angebliche Autorität eines Sicherheitsbeamten. Der Schriftstclleriiame des verantwortlichen Redakteurs. Das Landgericht l in Berlin hat am 13.'August den veranlwort- lichcn Redakteur des„High life, Zeilschrift für die vornehme Welt", Hugo Alfons R e u m a n ii wegen unrichtiger Angabe des Redakteurs auf seinem Blatte nach§ 13. 2 des Preßgesetzes zu 30 Mark und ankerdem wegen Vemeitung einer unzüchtigen Schrift zu S0 Mark Geldstrafe verurtheilt. Das ersterwähnte Delikt bestand darin, daß die am 1. April erschienene Rümmer des genannten Blattes nicht de» wirklichen Namen des Angeklagten, sonder» dessen Schristslellername» als den des verantwortlichen Re- daktenrs trug. Die unzüchtige Schrift bestand nach der Feststellung des Gerichts in der Uedersetzung eines Theiles der„Lettres de seninie" von Prsvost. Was das erste Delikt betrifft, so Halle der Ange- klagte nnwiderlegl behauptet, daß die unrichtige Angabe von seinen Mit- arbeilern im guten Glauben auf das Blatt gesetzt worden sei, da sie ihn bis dahin nur»nler seinem Schrifistellernamen gekannt hätten. Er Hai auch sofort nach Erscheinen der Nummer vom 1. April dem Polizei- Präsidium Mitlheilung davon gemacht, wie sich die Sache verhielt. Das Landgericht sagt im Urtheile bezüglich diese? Deliktes, Nenmann habe mindestens fahrlässig gehandelt, indem er nicht dafür Sorge trug, daß fein richtiger Name auf das Blatt gesetzt wurde. — Nun wird aber nach Z 18, 2 des Preßgesetzes ein Redakteur nur dann besirast, wenn er derartig« falsche Angaben wissentlich macht. Da nur eine nach§ 19. 1 zu bestrafende Uebertretung fest- gestellt war, diese aber als verjährt anzusehen ist. so hob heute das Reichsgericht auf die Revision des Angeklagten das Urtheil, so weit eS auf grnnd des§ 18. 2 des Preßgesetzes ergangen ist. auf und sprach den Angeklagten insoweit frei. Die Revision gegen die Verurtheilung au»§ 184 des Slr.-G.-B. wurde als UN- degründet verworfen. In betreff der Frage, ob die Schankwirthe berechtigt find, in der At a r k l h a l l e beschnsliglen Personen Speisen und Getränke hineinzubringen, scheint die Markthallen-Verwallnng sich der Entscheidung des Rammcrgerichls nicht jügen zu wollen. Früher hatte das Kammergericht im Gegensatz zu den Vorinstanzen entschieden, daß Schankwirthe nur mit Genehmigung der Markthallen-Verwallnng Speisen und Getränke in die Markthalle einsiihreu dürfen. Die Vorinstanzen beharrten in vorkommenden Fällen dennoch a»f ihrem früheren Standpunkt und fällten freisprechende Erkenntnisse, bis mich das Kammergericht zu der Anschauung gelangte, daß den Schank- wirlhen keineswegs verwehrt werden könne. Bestellungen auSznführen, welche ihnen von in der Markthalle beschäftigten Personen zugingen. Auf dieses Erkenntniß berief sich der Schankwirth Eduard Martin, als er am Morgen deS 13. Oktober d. I. die Markthalle XIV mit einer Kanne Kaffee betreten wollte, die ein Standinhaber bei ihm bestellt halte. Er war von dem Markthallen-Aufseher Riemann und dem Pförtner Ballstedt zurückgewiesen worden. n»d es war dabei zwischen ihm u»d den beiden Beamten zn einem Wortwechsel ge- koinmen. Marlin erhielt darauf ein Strafmandat in Höhe von S M., weil er bei der erwähnten Gelegenheit durch überlautes Lärme» die Ruhe gestört und einen Auilauf verursacht, ebenso der wiederholten Aufforderung eines Beamte» der Markthallen- Ver- waltung, sich ruhig zu verhalten und sich zu entfernen, nicht sofort Folge geleistet habe» sollte. Martin beantragte richterliche Ent- scheidung, worauf gestern vor der 144. Abtheilung des Schöffengerichts Verhandlung stattfand. Der als Zeuge vernommene Auf- seher Riemann wurde vom Vorsitzenden gefragt, ob ihm denn nicht bekannt sei, daß das Kammergericht wiederholt dahin entschiede» habe, daß die Standinhaber nicht gezwungen werden könnten, ihre leiblichen Bedürfinsse bei dem Pächter ver Markthallen-Restauration zn be- friedigen und daß ebenso den Bringern von Speisen und Geiränken der Zutritt zur Halle nicht verwehrt werden könne. Der Gefragte erwiderte, daß ihm dies wohl bekannt sei. aber er habe von seiner vorgesetzten Behörde, der Markthallen- Verwaltung, den strikten Austrag erhalten, lo zu verfahren, wie er es früher gelhan und diesem Auftrage habe er Folge leisten müssen. Der Bertheidiger, 3!echt?anwalt Leopold Meyer, führte auZ, daß das durch das Kammergericht den Schankwirthen gewährleistete Stecht, Speisen und Getränke in die Markthalle eiiizilbringen, nicht durch eine Verfügung der Markthalleii-Verwaltung verkümmert werden köniie. Er zweifle nicht, daß der Gerichtshof ein frei- sprechendes Urlheil fällen werde. Diesem Autrage wurde entsprochen. Der Vorsitzende schloß sich den Ausführungen des Vertheidigers an. Die Angestelllen seien nicht berechtigt gewesen, dem Angeklagten den Zutritt zur Marklhalle zu verweigern und ebenso wenig, ihn aufzufordern, sich zu«nlsernen. Der Auflauf sei deshalb ans das unberechtigte Ver- halten der Beamten zurückzusühren. Der Angeklagte müsse deshalb kostenlos freigesprochen werden. Eine für Gcwerbcgerichtö-Bcisitzer wichtige Entscheidung fällte dieser Tage die Mannheimer Slraskammer. Angeklagt war der Zimmerniann Riedel, der über einen in geheimer Beiathnng des GewerbegerichtZ gefaßte» Beschluß einem anderen hatte Miitheilung zugehen lassen. Der Beklagte fungirte in der am 2. November stattgesuiideiien Sitzung des Gewerbegerichts als Beisitzer. Genosse Süßkind, der in jener Sitzung die Klagesache eines auswärts wohnenden Arbeiters vertrat, wurde damals nach zuvor gepflogener geheimer Berathnng wohl zu jener Verhandlung zu- gelaffen, dagegen von der ferneren Vertretung von Arbeitern in Streitfällen misgeschlvffen, da seine Vertretung«ine geschäflsmäßige und eine solche nach dem Gewerbegerichtsgesetze nicht zuläsng sei. Der Angeklagte wird beschuldigt, über die dieserhalb gepflogenen vertraulichen Berathungen. besonders über die Aeußernng eines Ge- werb-gerichts-Beisitzers und über das Stimmenverhällniß, mit dem jener Beschluß zn stände gekommen, Süßkind Mitlheilung gemacht und damit gegen K 19 Absatz 2 des Gewerbegerichts-Gesetzes verstoßen zu habe», der die Beisitzer zur Geheimhaltung der Beschlüsse ver- pflichtet. Tags darauf erschien in der„Volk?sti»ime" eine Notiz über jene Berathungen.'Auf grund dieses Artikels wurde nun vo» seilen des Uiitersnchuiigsrichlers das Verfahren eingeleitet. Da? Ergebniß desselben war die Erhebung der Anklage gegen Riedel. Die Beweisaufnahme ergab keine weiteren erheblichen Belastungs- Momente. Nur auf grund der eidlichen Versicherung der übrigen Beisitzer, keine Mittheilungen über die geheime Beraihung in die Oeffenllichkeit gebracht zu haben, wurde der Angeklagte wegen Pflichtverlitzmig nach§ 19 Abs. 2 zur Aintsenthebnng verurtheilt. Vvrscumttlunigett. Verband der deutsche» Metallarbeiter. Am Sonntag, den s. Dezember, fand die Forlsetzung der Generalversammlung vom 21. November der Verwalliiiig-stelle Berlin stalt. In letzter Ver- sammliing waren die Kollegen Maffatsch, Gieuke und Schlegel als Kandidalen für das Amt des zweiten Bevollmächtigten vorgeschlagen und von dieser auch zur Wahl gestellt, die Wahl aber bis zur Forlsetzniig der Generalversammlung vertagt worden. Auf Vorschlag Körsten's erklärte sich die Versammlnng damit einverstanden, daß die Kandidatenliste weilergeführt werden solle; es wurde daranshi» als weiterer Kandidat noch Siegrist aufgestellt. Die Wahl geschah durch Stimmzettel mit absoluter Majorilät. die Verkündimg erfolgt« nach Erledigung des zwciieii Punktes der Tagesordnung. Zum Punkt„Re- gelnn g drr Agitation fürdie Provinz Brandenburg und Pommern" wurde von L i t f i ii der von der Verwallung seinerzeit gefaßle Beschluß:„zur ülgitation in den genaniiten Provaizen 4000 M. pro Jahr beizn- stenern" und bis auf weiteres R o h r l a ck mit dem Posten des Vertraiiensmannes weiter zu betrauen, der Geiieralversauimliiiig zur Veschlußfassuiig unterbreitet. Kollege Rohrlack erstatlete zunächst Bericht über die bisher in den Provinzen entfaltete Thäligkeit. Dieselbe nabe sich aufEiiiberusniig von öffentlichen niidMitgliederversammlnngeii, Ertheilung von Jnstrurtionen an die verschiedene» Ortsverivaltnnge» und Ausnahme einer Elatistik über Lohn- und Arbeilsbediiiguiigen in den verschiedenen Belrieben der Provinzialftädle erstreckt; auch haben verschiedenilich Revisionen einzelner Verwallungen stailfinden müssen. Es sei gilniigen, ans den iiieiste» Orten beider Provinzen die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu ermitteln, die Löhne sind bei 20 pCt. der Arbeiter unter 30 Pf. und gehen herunter bis auf 9 Pf. die Stunde. Durch die Agitation in der Provinz sind ver- schiedenllich neue Verwaltungsstellen ins Leben getreten, die Zahl der Orgaiiisirten belrage zwischen 10—15 pCt. Durch gute Organisalio» sei es auch möglich gewesen, die Löhne in verschiedenen Orten in die Höhe zu bringen und zn halten. Die bisher als Lohndrücker auf- getretenen Kollegen würden bei höheren Löhnen in der Provinz sich ferner nicht mehr als Streikbrecher bei Ausstanden in Berlin gebrauche» lasten. Es sei nolhweiidig, daß man deswegen mit den Kollegen in eiigei,Fühliii'g bleibt, die Leitung selbst kann nur von einer Person geschehen, welche die Verhällnisse in der Provinz genau kennt; die früher aus fünf Personen bestniidene Kommission konnte nicht viel erreiche», da diese von den örtlichen Verhältnissen in derselben niedt genügend insormirt war. In einer gemeinschastlichen Sitzung der Gesammt- Ortsverwallniig mit den Vertrauensleuten der einzelnen Branchen sei man einstimmig zu dem Beschluß gekommen, die Agitation in der Provinz noch energischer als bisher zu betreibe»; die Mittel hierzu soll zur Hälfte, also im Höchstfalle 4000 M., die Ortsverwaltung Berlin tragen, und an stell» der Agilations- kommission einen Vertrauensmann einzusetzeii für die Provinzen Brandenburg und Pommern, welcher die Agitation zn leiten habe. Von Cohen wurde in der Diskussion bemängelt, daß ihm als Revisor nicht genügend Ansklärnng über einige Ausgabeposten gegeben fei, er wünsche, daß dieses in Zukniifl geschehen möge, und ersucht die Versammlung, in dieser Beziehung eine Regelung herbeiführen zu wollen. Cohen ist gleichfalls damil nicht einverstanden, daß man über die Thäligkeit des bisherigen Verlrauciis- maiiiies keine Kontrolle auszuüben in der Lage gewesen sei, da dieser zugleich sein eigener Kasstrer war. Bezüglich der Kosten sei er der Ansicht, daß diese zu hoch seien, da andere Verwaltinigen hierfür weniger verausgaben, und verweist auf Nürnberg. Beantragt wurde von ihm. daß eineKomniisston von sieben Personen gewählt werde, welche die nöthigen Borarbeiten verrichten möge. Gewünscht wird auch von ibm. daß andere große Städte wie Stettin mehr zu den Kosten der Agitation herangezogen werden, auch möge von diesen mehr agi tirt werden. Es betheiligten sich noch verschiedene Kollegen an der Debatte; be- schloffen wurde,„eine Kommission, bestehend aus 5 Personen, zu wählen, welche die nölhigen Vorarbeiten für die Prvvinz-Agilalion zu machen und der nächsten ordentlichen Generalverfammkung De- rtcht zu erstatten habe". Z» den Kosten wurde» vorlänsig 1000 M. bewilligt. Die Kommission besteht ans den Kollegen Cohen, Lippich, Scheffler, Gieshoid und R o h l e d e r. Nunmehr wurde das Resultat der Wahl des zweiten Bevoll- mächtigten bekannt gegebe». Abgegeben waren 023 giltige, 13 un- giltige Stimmen, davon erhielt Siegrist 327, Massatsch 132, Gienke 124 und Schlegel 40 Stimmen. Der erste Bevollmächtigte L i t f i n nimmt nun das Wort, um zu erklären, daß er auf grnnd dieses Wahlresnltais gezwungen sei, sein Amt»iederznlegeii. Den Kollegen Siegrist schätze er als einen ehrenwerthen und braven Kollege», aber diesem Posten sei derselbe nicht gewachsen. Durch die Einstellung eines vierten Kollegen sollte für ihn, den Redner, eine Erleichterung geschaffen werden, dazu sei es aber nöthig, einen tüchtigen mit der elastische» Kraft der Jugend aus- gerüsteten Kollegen zn erhalle». Da diese Möglichkeit durch die Wahl des Kollegen Siegrist ausgeschlossen und er doch in Zn- kunft die ganze Last und schwere Arbeit allein tragen müßte, bleibe ihm nichts weiter übrig. Auf Antrag Litfin's ivnrde nunmehr beschlossen, am Sonntag, den 19. Dezember, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen, auf deren Tagesordnung als einziger Punkt stehe„Neuwahl des 1. Bevollmächtigten"; bis zn diesem Tage erklärt sich Lilfin bereit, seinem Amte vorzustehen. Als Revisor wurde noch Kollege Paul Kn»a und zn Biblioihekaren Penning, Fischer, Lubatsch, Bergcr, Kirschke und Billep gewählt und hierauf die Versammlung geschlossen. Die Filiale Verli» I des Verbandes der Maurer beschloß in der letzten Versammlung die Verbreitung des Fachorgans„Der Grundstein" von nun an selbst in die Hand zn nehmen, damit die Mitglieder ihn pünltlich zugestellt erhalten. Es erboten sich sechzehn Mann, die Verbreitung zu übernehmen.— Die Zahlstelle Grube, Mariendorferstraße, ist verlegt nach Kitzing, Belleakiancestraße, Ecke Bergmanitstraße. I» der Filiale II sprach am b. d. M. Genosse Borchardt über„Malerialistische Geschichtsauffassung". Der Antrag, zwei ver- unglückte» Kollegen je 22 und 15 M. Unterstützung zu bewilligen, wurde dem Vorstände überwiesen. Der Kassenbericht vom November wird für richtig befunden. Gr öpp le r ermahnte die Kollegen, sich unter keinen Umständen vom Uliternehiiierthum, welches sich immer mächtiger und enger zusammenschließt, eine Lohn- rednzirnng gefallen zn lassen. Die Arbeiter müssen bestrebt sein, dem Unternehmer bei einem solchen Ansinnen eine feste und geschlossene Organisation gegenüber zu stellen, aystatt sich, wie es noch viele Berliner Maurer lhun, zur Bekämpsung bor Arbeiter- Orgaiiisalion vom Unternehmer mißbrauchen zu lassen. Er be- handelte auch noch die Wichtigkeit und den Werth der Broschüre: Minimalloh», Maximal- Arbeilszeit und die Schädlichkeit der Akkordarbeit. Diese Schrift enthalte ein so reichhaltiges Material, daß jeder Kollege gut thue, sich in den Besitz einer solchen Broschüre zu setzen. Fritzsch forderte die Kollegen noch auf, soweit es noch nicht geschehen ist. sich ihre Verbands»»»»»«« auf der Klebekarte resp. bei der Lohn kommission eintragen zu lassen. Eingelanfene Druckschriften. Von der.HI»»»» Zeit"(EtuNftarl, I. H. W. DI-v' V-rlagl ist so-k>-n da» II.(icfl ItS is. Jahrgangs erschienen. Aus dein Inhalt heben wir hervor: Der Tanz mit Moloch— Zu», Bebelichen Borschlag. Bon Paul Sinaer— Mar Krrher und sein neuestes Werk. Von H. Ströbel.— Nochmal« Unfälle in, Berftbam Vo» Otto Hne.— Literarische Istundschau.— Notizen: Zur Ente Wickelung der Grobschllichtereien in Amerika. Aufiolung von Wolken duich die Wärmeauestrahlung einer Stadt.— Fenillclon; Der gelbe Domino. Roman von Marcel Prevost. lFortsehung.) «an der Gl,icht,«it, Zeitschrlst für die Interessen der ArbellerNnien(Stnltgärt, D t e h' Verlag) ist UN« soeben die Nr. so des 7. Jahrgangs zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Dringende Forderungen. — Zur Lage der TexiUarbetlerinnen t» Apolda. Vo» Margaiethe Sroifeld- Apolda.— Au« der Bewegung.— Feuilleton: Die Flucht. Nach dem Russischen von K. Tavastjerna. Deutsch von Wilhelm Thal.— NottzentheU vo» CU,) Braun und Klara Zettin: Geweikschafillche Arbeiterinnen- Organisation.— Frauenarbeit auf dein tSebtete der Inbustiie, des Handels und Verkehrswesens. — Arbeiisbedingungen der Arbeltstinnen.— Weibliche Fabriktnlpcktorcn.— Schuh der Wöchiierlnne» und Kinder.— Schul- und ErzlchUiigswesen.— Sozial? Gesetzgebung.— Frauenbewegung. ZvIttcriingSIibersicht l>om 8. Dezember 1807, 8 Uhr morgenS. Wetier-Prognose für Donnerstng, 9. Dezember IH97, Ein wenig kühier, zeilweise heiler, jedoch sehr unbeständig mit Niederschlägen und starken westliche» Winden. Berliner W e t t e r b n r e a u. Briefkasten der Redakttvn. Die juristische Dprechsinnde findet am Montag, Freitag»nd Soiinnbrnd von ti bis 8 Uhr abends statt. M. H., S2. Sie sind im Unrecht. Ein Drittel von 100 000 zu dieser Summe hinzuaeschlagen, sind doch nur eist 133 3S3r/z. A. H., Maler. Wir keimen das Blatt nicht. Bielleicht senden Sie eS uns zu. H. B. Das zwanzigste Jahrhundert beginnt niit dem 1. Jan. 1001. Zwei Wettende. 1 000 000 000. Nerre. Theilcn Sie uns genau Zeit, VerhaudlungSlaimuer und Sitzungszimmer mit. W. S., Andreasstr, KS. Sie können in dieser Angelegenheit im Rechtswege nichts ausrichten.— R. L. 18. Bis Beginn der Kirchenzeit ist dort keine Arbcitsruhe.— 98. Stellen Sic bei der JnvaliditätS- Anstalt, Klosterstrabe 4l, den Autrag aus Zahlung der Juvu- liditäts- Rente.— 109 humane Arbeitgeber. Ja.— Wester- uiühlstrasje, München. Erben sind Sie, der Ehemamt und die Kinder geworden. Wollen Sic erben, so uiüssen Sie Ihr eigenes Berurügen zur Zeit des Todestages mit dem der Verstorbenen zusammenwerfen. Eine Hälfte dieses zusammengeworfenen Vermögens erben Sie, die andere fällt den Kindem zu gleichen Theilcn zu.— Ab. 100. Seit dem 1. Januar 1891 wird gellebt.— M. D. Rein.— F. K. 99. Leider steht Ihnen nach Ihrer Schilderung ein Anspruch gegen die Kasse nicht mehr zu— — Antwerpen. Verhaftung und Einstellung ins Militär, so lange er das 42. Lebensjahr nicht überschritten hat.— R. B. Wenn sie für unschuldtg erklärt ist, kann sie von den Namen auswähleii, welche» sie will. Ist dies nicht der Fall, so kann der frühere Mann ihr die Führung dcS ehemaligen Ebenameiis untersagen.— G. K. SO. Leider nein, aber stellen Sie dem Mann doch das moralisch berechtigte Ihres Verlangens vor.— Walbemarstraste. Ein Mal ist in solchem Falle leider nicht kein Mal, ey sei deim, das; die Uuterstütznng zurückgezahlt ist.—<5. B. Sprechen Sic in der juristischen Sprechstunde mit dem Krankeiikassen- Statut vor. — H. Englcr. Die Klage hat kaum Aussicht aus Erfolg.— O. O. 1 und 2: ja.— Verzweifelter. Der Arzt der Verussgcnosscnschaft Dr. Rothen' bnrg hat keinerlet Recht zn behaupten, daß die Berussgenosseiischaft Ihnen die Rente entziehen würde, wenn Sie sich in der königlichen Klinik statt in seiner Klinik behandeln lassen. Verlangen Sie von der Bernfsgeiivssenschast die Heilung in der königliche» Klinik»nd klagen Sie eventuell gegen dieselbe. Stur wenn das Gericht annehmen wollte, die königliche Klinik behandle Sie schlechter als Dr. Rothenburg, würden Sie verliere» können. Solch' Gericht ist uns bislang unbekannt.— Pollini. Gcycrstr. 1. Ja. 2.'Rein. — P. A. 30. 1. Die imentbehrlicheu Sachen sind unpfändbar. 2. Wersen Ihre Sachen wegen einer Forderung gegen einen Dritten gepfändet.|v müßten Sie Jntervcntionsklage erheben und Einstellungsantrag stellen— Z. A. 183 und B. S. 8. Beiden Behörden haben Sic Ihr Gewerbe anzumelden, weiter nichts.- S10 H. M. lleber 20 Jahre all- W. 8. 8. t. Ja. 3, Ja, Ihr« Frau muh alsdann JnterventionSklags«r- heben und Einstellungsantrag stellen. Farnnilare hierfür erhalten Sie in der Buchhandlung des Vorwärts.— M. St. 77. Eine Beruiung hätte keinen Zweck, weil Berufungen, die nur den Kostenpunkt betreffen, in Zivil- fachen unzulässig sind. Ein weiteres Vorgehen wäre erfolglos— Lo. l. Leider haften die Betreffenden als Erben.— A. M. SO. Nicht cathsam. — Liehelt. Bandclstr. 1. Berufung und Revision ist zweierlei. 2 Sie haben mit Ihrer Vermuthung recht.- F. F. 40. l. Ja. 2 Nein 3 Wegen Alimente für uneheliche Kinder ist Lohnarrest zulässig. Der Unterhalt für die Ehefrau und die ehelichen Kinder, sowie der eigene noth- dürftige Unterhalt muh aber belassen werden— Koppenstr, L. O. Die Betreffende kann beim Amtsgericht aus Herausgabe der Sachen gegen Zahlung der Miethe Nagen. Beweist sie, das; die Wohnung, wie es scheint, unbewohnbar ist, so sind die Sachen ohne Micthszins herauszugeben Die Anzeige von der Unbewohnbarkeil der Wohnung kann sie der Polizei machen.— L. 44. Ratiinerstr, Sie müssen die Sachen aufbewahren. Sie können nur auf Zahlung klagen und die Sachen dann auf Grund des er- strittenen Urtheils durch einen Gerichtsvollzieher pfänden und verlausen lassen.— Bartels. Die Beschwerde kann zurückgezogen werden— Z. Ja -®, 6. 8. Die Kosten müssen Sie trage«. Sind Et« thaisächlich nicht verthcidigt worden, so erheben Sie Widerspruch. Die Klage ist dann abzu- weisen.— M. K. OS. Der Gläubiger kann den ganzen Rest verlangen, das Gericht kann ohne Einwilligung des Gläubigers Theilzahlungen nicht bewilligen— Sch. 4., 2. und 4. Ja. 3 Etwa 6 M.; der unterliegende Theil hat die Kosten zu tragen— I. K. Schleswig. Honorarfordernngen von Aerzten verjähren in vier Jahren vom Ablauf des Jahres ab gerechnet, in dem sie entstanden sind. Anerkennung unterbricht die Berlährung Bei- spiel: Vom S. bis 30 April 1892 befanden Sie sich in ärztlicher BeHand- lung. Die Forderung ist verjährt am 31 Dezember 1896. War aber die Forderung im Jahre 189» anerkannt, so verjährt sie erst am 31. Dez. 1899. - Zwei Wettende, Rixdors und R. S. Das ZüchtigungSrccht der Herrschaft dem Gesinde gegenüber hört mit dem 1. Januar 1900 sür ganz Deutschland inlolge des§ 95 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch aus. Wie es sich mit den 77—79 der altpreustischen Gesinde- Ordnung und dem Züchtigungsrecht tu seinem Gebiet zur Zeit verhalt, haben wir sehr häustg an dieser und anderen Stellen unserer Zeitung be- sprochen. Wir können uns aus sortdauernde Wiederholungen nicht einlaffen. Sie finden eine Darstellung dieser Prügelrechts-Bestimmungen in der in Ihrem Bereiche im Mai vergangenen JahreS verbreiteten Broschüre„Etwa? von besonderen Ausnahmerechten gegen die ländlichen Arbeiter und gegen das Gesinde," zu erhallen durch Weiße, Forsterstr 39 Die Bestimmungen können Sie auch in der juristischen Sprechstunde auf der Redaktion einsehen. — E. S. 37. So viel uns erinnerlich, hat an der Ecke Keffelstraße kein Steuerhaus gestanden. Die Grenze Berlins reichte im Norden vor dem 1 Januar 1861 bis-zur Ecke Liesenstraße. Möglich ist, daß dort ein Steuerhaus stand. Die Mahl- und Schlachtstcuer siel für Berlin vom 1 Januar 1875 ab— M. R. Das Anzugsgcld betrug für Berlin 20 Thaler Es siel msolge eines Gesetzes vom Mai 1867. Zu derselben Zeit siel infolge eines Beschlusses der städtischen Verwaltungsorgane das Bllrgerrcchtsgeld— 4008. Zirka 511 000 000 M.— Z. Z. Nächstens. — R. Halensee. 1. und 2. Nein 3 u. 4. Wozu denn aber diese Um- ständlichkeit? Lasten Sie die Fensterscheiben machen und Ilagen dann auf Ersatz gegen den lustfreudigen Wirth.— R. I. SS. Sprechen Sie ge- legentlich mit den bezüglichen Papieren in der juristischen Sprechstunde vor. — P. S. 47. 1 Durch Gesetz von 1867 siel das Anzugsgeld, zu gleichen! Zeitpuntt kam für Berlin das Bürgerrechtsgeld in Fortsall. Es betrug 20 Thaler. 2. Seit 1884. Achtung! Maurer. Achtung! Freitag, den RO. Dezember, abends 8 Uhr: Oeffciitl. Versammlung der Baudeputirteu im Lokale des Herrn Buske, Grenadierstrasze 33. 1. Die öalldhllbung der AbstemvelilN der Smiilelkarteil. Z. CituationsberW. Es ist Psiicht, daß sich die Kollegen jedes Baues durch einen Dclcgirten vertreten lasten— Zur Erleichte- riing der Abstempelung rathen wir den Kollegen, daß die Karten vom 13 Dezember ab möglichst bautenweise nach dem Bureau gebracht werden Um dies zu erniöglichen, ist es nothwendig, daß die sehlenden Marken am Sonnabend in den Zahlstellen resp. auf der Sammelliste des Baues nachgekauft werden Karlen, aus denen Marken oder der dieselben ersetzende Kommifsionsstempel fehlen resp. der Nachweis über die Richtigkeit der Karte nicht beigefügt ist, können laut Versammlungsbeschluß nicht den Schlußstempel erhalten._ Ple I.ohnkoiwmissloii. Ächtung! Maurer. Sonntag, den 12. Dezember, vormittags 10'/» Uhr, im_Engllsclien Garten, Alexanderstr. 27c t Geueral- Versammlung des Vereius zw Wchung der Sntcrcfcii der Maurer Berlind und Umgegend. Tages- Ordnung: I. Vortrag. 2. Diskussion 3. Abrechnung vom letzten gemüthlichen Beisammensein. 4. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. AM" Zu dieser Versammlung haben auch Nichtmitglieder Zutritt und können sich dieselben in die Mitgliederlisten einzeichnen lassen. Am Freitag sind in den Zahlstellen die Handzettel zur Verbreitung in Empfang zu nehmen. 130/10 ___ Der Vorstand: Fritz Kater, 1. Vorsitzender. Große öffentliche Versammlung für alle in der DolzbrWlhe brschiijtigtril Arbttter, wie: sl'4»cl»4vi', Bildhauer.,?10bclpo4irer, Drechsler, Baschincnarbelter n. s. w. am Sonntag, den 48. Dezember 4807, vormittags 44Vz Uhr, in Keller s grostem Saal, Koppenftrafte Nr. SO: Tagesordnung: Der Streik und Vergleich vor de:» Einigungsamt betreffs der Möbelfabrik von Eberhard, Michaelbrücke Nr. 4 und die Nichteinhaltung der Vereinbarungen. 154/10 Herr Magistratsaffestor v. Schulz als Vorsitzender und die Herren Fabrikant Weigert, Kaufmnnn Bry, Tischler Kliuger, Tischler Ahrens als Beisitzer, sowie Herr Eberhard sind schriftlich eingeladen. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht __ Ter Einberufer; Carl Leder hause, Krautstr. 51. Ackitung! SMF Achtung! Wer-»Nil Galailtttit-Arbeiter. Sonnabend, den 11. d. M., abends 81/. Ihr, Im Lokal des Herrn Schöning, Köpnickerstr. 68: Oeffeutliche Delegirten-Versammluug. Da die Tagesordnung von großer Wichtigkeit ist, sind die Kollegen jeder Werkstatt verpflichtet, mindestens einen Kollegen zu entsenden. Zahl- reiches Erscheinen erwartet 2251b __ Der Einbernfer. Deutseber Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berliu.) 272/s Branche der Korbmacher. Sonntag, den IS. d. M., abends 6V2 Uhr. Im Englischen Charten, Alexanderstr. 37c:- VertÄMmlung mit Damen. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion und Mittheilungen. Referent und Thema werden in der Soniiavend-Nuinmer bekannt gegeben. Nach dem Vortrage: Geselliges Beisammensein und Tanz. Eintritt 10 Pf. Gäste lvillkoimuen. Tanz 30 Pf. Braichen-BerftülllllW der KasteMöbel-Tischler am Donnerstag, 9. Dezember, abends 8 Uhr, bei Stechert, Andreasstr. 21. Tages-Ordnung: 4. Die gegenwärtige Lage in der Branche. Referent: Stusche. 2. Diskussion. Für die englischen Maschinenbauer gingen folgende Beiträge ein: Tischlereien Kümpel u. Fricdrichsen, Aorkstr. 43, 4 Tr. 9,30, 1 Tr. 4,10, Hoop, Admiralstr 16, 2. Rate 5,20, Courtois, Schwedterstr. 258, 5. Rate 3,80, L. Llldtke, Britzerstr 8 18,15, Wähler u. Schwab, Frankfurterstr. 16 ssnmmtliche Kollegen außer einen» Drechsler), 2 Rate 12,75, Kaste, Lands- bergerstr. 16 5,—, Tietze, Königsbergerstr 29, 2. Rate 4,90. Möbelfabrik I. C. Psaff, Saal 3 10,80. Tischlereien Karl Müller, Köpnickerstr. 109 a 11,55, Sawatzky, Bclle-Allianceftr. 84, 6 Rate 5,30, Elsholz, Krautstr. 52, Saal 2, 6,40, Bölling u. Hirsch, Gr Frankfurterstr. 44 6,50 Vom Richard platz durch Sch. 0,50 Möbelfabrik Groschkus, Gollnowstr 18/19, 6 Rate 28,15. Gesaugverein„Vorwärts" 9,— Charlottenburg 17,—. Streilbrccher Martinikenfelde, 3. Rate 30,30. Tischlereien Brunzlow, Neue Königstr. 15, außer einem Indifferenten 2 Tr. und einem Indifferenten 3 Tr. und einem Kriegervereinler, 2 Rate 13,40. Siiuon u. Comp., Haidestr. 55/57 14,75 Wiehr, Friedenstr. 47 7,25. Eguitz, Frankfurterstr 182: Polirer, Bildhauer und Drechsler 4,40. S Pr. 4,—. Wusterbarth u Sohn, Alte Jakobstr. 132 10,—. Ptanofr. von Trautwein, Luckauerstr. 11 4,25. Möbelfabrik Lennig u. Jatzky, Rüdcrsdorferstr 3 16,35. TtschlereicnMaisch u. Walther, Waldemar- straße 14, außer einem Unverheiratheten, 6. Rate 9,50. H. Schulz, Rüders- dorfcrstr. 26, 2. Rate 16,—. N. Schulz, Krautstr. 38a 5,—. 4 Tischler von A. Göde, Chauffeestr. 2,—. Tischlerei Spohn, Adalbertstr. 72, 5. Rate 4,90 I C Pfaff, Saal 2(mit Ausnahme von 10 Mann) 10,55. I. C. Pfaff, Saal 4 9,-. Branche d. Korbmacher 50,-. Tischlerei Wcngker u. Mohrmanu, Köpnickerstr. 154a 5,95. E.G.T. durch Böde, 2. Rate 24,15, darunter 3,75 Kranz- Überschuß. Pianofabrik Herbst, Zofsencrstr. 10, außer einem, 3. Rate 8,50. Tischlerei Detert, Fruchtstr. 32, 4. Rate 2,60 Krause, Gorilla u. Co., Köuigsbergcr- straße 29, 4. Rate 7,25. Pianofabrik C. Sievert, Urbaustr. 102 7,25 Mechanikfabrik Schütze u. Freund. Köpnickerstr. 153, 3. Rate 5,20. Tischlerei Sttenies, Barutherstr. 15 7,25. Möbelfabrik F. Vogts, Alte Jakobstr. 48/19, 3. Rate 19,20. Tischlerei Mau, Memelerstr. 40, 3. Rate 3,—. In Summa 449,40 M., bereits quittirt 2920,91 M., Gesammtsumine 3370,31 M. Berichtigung: Drechslerei Wegeleben muß es heißen 6. Rate und Nicht 3. Rate. Weitere Beiträge nimmt entgegen der Arbeitsnachweis sür Holzarbeiter Annenstr. 39.___ Uhren-, Ooldwaaren- V erfand. Baar-Berkauf«. Theilzahlung. Bestellg. briefl. L. Bogdt, Auguftstr. 92. Achtung'! Mitglieder der Ortskrantenkasse der �S8ckive»dilu- Arbeiter und verwandten Gewerbe z» Berlin. Am Sonntag, den 4S. d. M., vorm. 91/2 Uhr, findet im„Feen- Palast", Burgstr. SS(Eingang Wolfgasigstraße), eine AersanRinlnng der Kassenmitglieder statt behuss Aus- stellung der Vertreter sür die General- Versammlung pro 1898. Pflicht eines jeden Mitgliedes ist das pünktliche Erscheinen in dieser Bersauimluiig. 2253b Das Mitglirdsbnch legitimirt. Zur Deckung der Unkosten findet Tellersammlimg statt. Die Kommission. I. A.: P. Bauer, Müucheberger- straße 12. Maler? können nicht entbehren das soeben er- chienene Werk: „Bodeme dekorative malerelen in englischem Stil", entworfen von C Behrens. Lehrer an der I. Handwerkerschule zu Berlin. 20 Tafeln in Folio für nur 18 M. Jedes Blatt ist gleich verwendbar, praktisch und der neuen Geschmacks- richtuug entsprechend. StetS vorräthig in der l38S8L* fr. Sensenhauser'schen Buchhandlung (C. von Riiti& K. Hühl) Berlin C., Alexanderstr. 37a. 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Der Tanzlehrerverein„Solidarität" hält sich hiernrit den Vereinen zu sännntlichen Vergnügungen bestens em- psohten. Gefällige Bestellungen sind zu richten nach dein Vereinslokal von Benno Stahernack, Juselstrafte 10. 200/6 Der Torstand. Äugen- u. Ohrenleiden anntoiuischer Lichtbilder-Vortrag vom Prakt. Naturheilkunvigeu Ornndinann. Freitag, 10. Dezember, abends 8V2 Uhr, mftrkischcr Hof, Admiralstraße 18c. Männer und Frauen willkommen. Eintr. 20 Pf. Der Vorstand des Körper- u. Raturhcilvereins. Alexanderstrafte 8. Sprechzeit täglich 11—1, 6—8. Sonntags 11—12. CBKI Plomben 1 M. Zahnziehen frei. Zahn- 10111811 mm hil In ärztliche Klinik, Manteuffetstr. 43, I., Ecke NU»0N.4-»»IIV I»0 U IB. jotanienftrasje. Spr. 8-10 und 1-3 Uhr Kiinstl.Zähne2M Schmerz!. Zahnziehen 1 m., Plomb. 1,50 M. Theilz. Zahnarzt Wolf, Leipzigerst. 22. Spr. 9-6 II. Konzessioiiirte Knr-»,,d Bade-Ai.stalt flSÄf 20 BBÜBH Spezialität: Patent. 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Genosse G u t t m a n n besprach in seinem Vortrage:„Welche neue Aufgaben stellen uns die Gegner?" besonders die Versuche der National-Sozialen, durch Förderung der Geiverkschaflen für sich Anhänger zu gewinnen. Unsere Partei müsse über die Nutz- losigkeit des nalional-sozialen Programms Ansklärung ver- breiten; um unsere Genossen zu schulen, sei die Einrichtung von Disknssions'Abcnden nolhwendig. In der Debatte wurde von den Genossen Grasbold, Scheffler, Wittrisch und Leid hervorgehoben, dah Guttinann diesNational-Soziale» überschätze. Die ivirihschaitlicke Entwickelung aber sei für uns; die thatsächlichen Verhältnisse demonstrieren dem Arbeiter täglich die Unmöglichkeit des nationalen Sozialimus und soziale» Königthnms. Der Vorsttzende Leid theilte noch mit, der Vorstand beschäftige sich mit dem Antrag auf Ein- führung von Disknssionsabenden; eine Entschließung ist noch nicht gefaßt. Die Parteitags-Proiokolle werden bis Ende Dezember an den Zahlabenden des Vereins für ä 10 Pf. verkaust. Der Arbeitervertreter-Verein nahm in seiner Sitzung am Dienstag einen Bericht des Vorsitzenden Simanowsky über de» am 17. November der Heimställe für Genesende in Blankenfelde seitens des Vereins abgeiiattete» Besuch entgegen. Aus dem Bericht ist hervorzuheben: Die für KS Personen eingerichtete Heimstätte ist zur Zeil von 49 Genesenden besetzt, worunter sich zwei Kinder de- finde». Die Besucher inaren mit der Einrichtung der Anstalt zu- frieden; auch die Insasse», soweit sie befragt wurden, habe» keine Beschwerden über Behandlung oder Beköstigung geäußert. Aus dem Jahresbericht für I89S/S6 geht hervor,.daß die Anstalt im Juli mit 62 Personen am höchsten, im Dezember mit 12 Personen am schwächsten belegt war. Ans eigene Kosten wurden 4, ans Kosten von Krankenkassen 112, durch Unfall-, Alters- oder Invaliden- Kassen 2. durch hiesige und auswärtige Armen-Verbände 112, durch Slistnngen 4, ans Kosten der Stadt Berlin 34, im ganze» 268 Per- soneu verpflegt, die im Alter von S— 80 Jahre» standen. Die durchschnittliche Behandlungsdaner betrug 7,3 Wochen, die längste 13—20 Wochen. I» der Diskussion wurde bemerkt, daß die den Insasse» der Heimstätte zur Verfügung stehende Lektüre nur christlichen Charakters sei. Ei» Uebelstand sei es, daß die Patienten meistens die Anstalt verlassen müssen, wenn die Verpflichtung der Krankenkasse abgelaufen ist. Da aber zu dieser Zeit eine völlige Heilung i» der Regel noch nicht erzielt sei, so iväre zu wünsche», daß in solchen Fällen die Stadt die Kosten für die weitere Verpflegung übernehme. Wie serner initgelheilt wurde, soll eine lebhafte Agitation dafür entfaltet werde», daß die Stadt Berlin noch>uehr Heimstätten für Genesende und auch ein eigenes Sanatorium für Schu>i»dsiichtige errichte, und daß die Stadt nach Ablauf der Verpflichtung der Krankenkasse die Pflege der Genesenden übernehme.— Hierauf wurden die Kandidaten für die am Freilag seitens des Ausschusses vorzunehmende Wahl von Vertrauens- und Ersatzmännern der Alters- und Jnvalidiläts- Versicherungsanstalt Berlin noininirt. Die Kupferschmiede hielten am Sonnabend bei Feind, Wein- strnße, eine öffentliche Versammlung ab, in der zunächst der Kassen- beucht Über den Disposilionssonds gegeben wurde. Inklusive des Bestandes von 1833.S1 M. betrugen die Einnahmen vom I. April 1897 bis 28. Oktober 1397 insgesammt 2422.43 M., die Ausgaben 404,50 Mark, so daß ein Bestand von 2017,98 M. verbleibt. Die Ab- rechnung wurde von den Revisoren als richtig bestätigt und dem Kassirer von der Versammlung Decharge ertheilt. Außer für diesen Fonds wurden noch wöchentliche Sammlungen für die ausständigen Former und für die englischen Maschinenbauer vorgenommen. Nach einem kurzen Bericht, den der Ersatz-Delegirte erstattete, wurde Fritz als Delegirter zur Gewerkschafts-Kommission und als Ver- trauensmann gewählt. Als Bezirkskassirer für den Norden wurde Wittekop gewählt. Im Fadiverein der Musikinstrumenteu-Arbeiter hielt am Sonnabend, den 4. Dezember, bei Helfer, Oranienstr. 51, Herr Dr. Weyl einen sehr lehrreichen Vortrag über„Gewerbehygiene und Berufskrankheiten", in welchem er sich für eine vernünftige Arbeiter- schutzgesetzgebung aussprach, die immerhin imstande wäre, auch auf dem Boden der bestehenden Verhältnisse die bösartigen Folgen der heutigen Produktionsweise etwas abzuschwächen. Nachdem die Ab- rechnung vom Stiftungsfest verlesen worden war. welche einen Ueberschuß von 38,05 M.sergab, erfolgte die Aufnahme von 34 neuen Mitgliedern. Tie Textilarbeiter und Arbeiterinnen nahmen am Montag in ausnahmsweise gut besuchter Versammlung die Neuwahl der Agitationskommission vor, nachdem sie zuvor beschlossen hatten, deren Mitgliederzahl von drei auf fünf zu erhöhen. Gewählt wurden i!l sch» er, Förster, Kotzke., Nasch und Sander. Hieraus hielt Genosse Litfin einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über den Streik der englischen Maschinenbauer. Em Autrag, in die Gewerkschaflskommission drei Vertreter zu entsenden, wurde gegen 12 Stimnien abgelehnt und als einziger Delegirter N e n h a u s ge- wählt. Zuletzt stellte der Schriftführer von Filiale I richtig, daß es im letzten Versammlungsbericht des„Vorwärts" heißet» müsse, daß die genannte Resolution nicht theilweise angenommen, sondern in allen Theilen abgelehnt»vurde. Deutscher Holzarbeiter- Verband. In einer gut besuchten Branchenvcrsammlung der Paiquetbodenlegcr berichtete Nerre am Montag Abend über die drohenden Abzüge bei den Firmen Kamp»> ey er und B a d m e y e r. Begünstigt durch die momentan herrschende flaue Geschäslszeit. soivie auch durch die Haltung der indifferenten Kollegen, führte Redner ans, versuchen es die Unter- nedmer von neuem, die Errungenschaften vom vorigen Jahre illusorisch zu machen. Ob diese Praxis der ewigen Lohndrückerei Erfolg habe, sei jedoch eine andere Frage. Pflicht eines jede» Kol- legen sei es, den von der Organisation festgelegten Tarif hochzuhalten und den Bestrebungen der Unternehmer, den Tarii zu durchbrechen, gerüstet gegenüberzustehen. In der Diskussion sprachen sich alle Redner in zustimmendem Sinne aus. Weiter»vurde der Lounnission aufgegeben, speziell auf die Firma Kanipmeyer,»velche in nächster Zeil eine größere Anzahl Arbeiter einstellen niüßte, die größte Aus- »nerksamkeit zu haben. Tie Zliikgicßer«»d Gtiirzer nahmen am Dienstag in einer öffentlichen Versammlung einen sehr beifällig anfgenoinmenen Vor- trag te-Z Genosse» E>v a l d entgegen, in»velchei» er auf die Nolh- ivendigkeit und Vortheile des'Achtstundentages vcrivies. Hierauf erstattete Klar de» Bericht der Agitationskommission. Nach dessen Ausführung?»» könne man mit den Erfolge» der Agitation nur zu- friede» sein. Der Kassenbericht stellt sich folgeuderniaßen: Alter Bestand 152,25 M., Einnadme 305,05 M., Ausgabe 129,65 M., bleibt Beslaud 327,65 M. Anstatt neun»vurde» für die Folge nur fünf Personen in die Agitaiionskominisston geivählt und zivar: M a x S ch u l z, V o l g n! a n n. Klar, Hugo Preißer und G ü r t l e r. Alsdann erstattete Gürtler Bericht als Delegirter der Geiverkschaslskominissio». Die Versammelle» sind»nit seiner Thäligkeit zufrieden»nd wählt man, da er sein Amt niederlegt, Max Schulz als Vertreter in die Geiverkschaftskommission. B o l g m a n n empfiehlt alsdann in kurzen Worten den Anschluß an die Zentralisation der lokalorganisirten Gewerkschaften durch Vertrauensmännersystem, an- dentend, daß man im Verband der Metallarbeiter nicht genügend die Interessen der Zinkgießer»c. wahren könne. Nach kurzer Debatte stiinmt die Versammlung dem zu und wählt als Vertraueusperson Hugo Preißer. Schöncberg. Am Montag, den 6. Dezember, fand hier im Obst'schen Lokale in der Gruneivaldstraße eine Versamnilnug des Arbeiter- Bild ungsvereins statt,»velche sich»nit der Frage:„Was lehre» uns die Stadtverordnetenivahle»?" beschäftigte. An der Diskussion, die sich hierüber entspann, betheiligten sich die Genossen sehr lebhaft. Zum Schluß derselben»vurde fokgender Antrag M e i l i» g' s angenommen:„Die Versammlung beschließt, in persönliche Agitation mit den Wählern, die für uns gestimmt haben, einzutreten. Es verpflichten sich die Mitglieder, zu gegebener Zeit,»ven» der Vorstand die Aufforderung an sie richtet, dieser Pflicht nachzukommen."— Als ei» erfreuliches Zeichen und als Folge der Thäligkeit der Genossen bei den Wahle» kann es auch gelten, daß 34 Aufnahmegesuche zur Verlesung kamen.— Die nächste Versammlung findet am Montag, den 20. Dezember statt. Die Versammlung der Zehlendorfer Parteigenossen, die am Sonnabend in Steglitz tagte, beauftragte den Vertrauens- mann, in kürzester Frist i» Geineinschaft mit den Teltoiver»»nd Steglitzer Genossen eine Versammlung einzuberufen, i»»velcher die Lokalsrage endgiltig geregelt»verde» soll. Der Gastwirlh Warnicke in Zehlendorf wird zu dieser Versammlung brieflich geladen. In Reinickendorf sprach am 5. d. M. in einer Volksversanun- lnng Frau Rohrlack über die„Moderne Großnidustrie". In der Diskussion»vurde die Mahnung an die Frauen»nd Mädchen ge- richtet,»nehr an den Versainmlnngen sich zi» betheiligen. Die Genossen»vnrden ausgefordert, sich mehr der politische» Organisation anzuschließen. FriedrichSberg. Die Geiverkschafls- Versaiu»>ilu»g, die am 30. November hier tagte, börte eine» Vortrag L i t f i n' s über den Riesenkampf i» England. Sodann gab P a m a n n den Bericht über die Tbätigkeit der Fünferkomniissioi». Danach betrugen die Ein- »ahmen 85,50 M., die Ausgaben 44,35 M., so daß ei» Bestand von 41,15 M. verbleibt. Versammlnugen fanden fünf statt. In die Fünserkommission»vurde», sodann geivählt: Frau Helivig, P a«» a» n, I a n s en», Schubert und S ch i ch o l d. A> l>«I»«r-K>l»»»r>«si»»iIe. JnselNr.»o, o. üTr. Mittwoch: National- öloiiomie(®r»mM»fli iffe der Nationolökonoinie; Dr. Cour. Schintdt). Donnerstag: Beschichte«Tie vorgeschichtliche Zeit und die ersten geschichtlichen licberltcferuiigen» Dr. Georg Zeprilcr). Freitag: G e s e h e S l u n de. (A-bettsvertrag. die sozialzioUlische Gesehgelnmg. Strasrechl, gewerbliches Kon- »'INonStvescn. Gherecht, Mscllisreckst, Erb- und Bormundschaflsrecht, ösfeullicheS »sticht: Rechtsaumalt Wolsgang He tue». Die BibUochet ist vo» 8— o llbr geöffnet. Mitgliedsbeitrag monatl. üb Pf.. Kursus(10 Abende) 1 M pro flach. Tb iloehmer we'de» ausgcnonlme» i» der Schule»nd in folg. Stclieu: Bottsr, Schul», Adntiralstr. 40a; Neu». Varnlinstr. 42; Schiller, Roseulhalerttr. 87: Gleinert. Miillerstr. 7g: Paul Mittle, Mantcusfelstr. 128; H. König«. Dieffenbachstr. 30. Alle Zuschristeu sind a» den Poisitleudc» Paul Mücle jr., so. Mau- teuffelstr.»28, Geldsendungen an de» Kassirer H. Königs, s. Dieffenbachstr. so, z» sende». Aaturli-ilverei» ziordoff. Heute, Donnerstag, den». Dezember, abends 8x Uhr, LandSbergerstratze los: Vortrag. Referent: Herr Max Naglsr. Nrrband dcntj'cher Sarbier«, Friseure und prrri>che»mach«rgel>llf»«. Heute, Domiernag. abends 10� Uhr, bei Schiller, Rosciuhalerstrahe 67, Vortrag. Gäste willlommen. Zlcitursteittierriii II. Heute, Donnerstag, den». 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