Nr. 8. Die Gleichheit 7. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 14. April 1897. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalt: Arbeiterinnen, vertheidigt Euch!- Kritische Bemerkungen zu Genossin Brauns Vorschlag. III. Von Ottilie Baader. IV. Von Auguste Jäger. Aus der Bewegung. Vermächtniß eines armen Mädchens.- Feuilleton: Beim verschämten Wohlthäter". Von J. H. Wehle. Kleine Nachrichten. " Arbeiterinnen, vertheidigt Euch! In der Fabrik, wo unter Getöse in sinnverwirrender Schnelle die Spindeln kreisen, die Schiffchen sausen, die Räder und Hebel sich regen; in der engen Werkstatt, wo eine dumpfe, schwüle Luft das Athmen erschwert, wo sehr oft das Licht nicht genügend Zutritt findet; in dem ärmlichen Zimmerchen, das Wohn- und Schlafftube, Küche und Werkraum zugleich ist: losgelöst von der früheren hauswirthschaftlichen Thätigkeit der Frau schafft die Arbeiterin.. Was ist ihr Loos? Zehn Stunden, elf Stunden täglich muß sie sich mühen und noch mehr, dafern Ueberzeit gefordert wird, dafern die Noth zur Erwerbsarbeit daheim nach Feierabend anspornt; zum Arbeitstag fügt sich die Arbeitsnacht, wenn die Berufsthätige als Heimarbeiterin ihr Brot erwirbt. Ihre Arbeit ist meist eintönig und schon darum ermüdend, oft ist sie ihrer Natur nach anstrengend, ja aufreibend, der Gang der Maschine oder der Hunger zwingt die Schaffende zur äußersten Anspannung von Aufmerksamkeit und Kraft. Bei Weitem nicht immer sind die hygienischen Bedingungen im Werfraum mit Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeiterin gestaltet; sehr häufig mangeln die Schutzvorrichtungen, welche ihre Glieder und ihr Leben gegen Gefahren sicher stellen. Arbeiterinnenleben sind billig in einer Zeit, wo die Maschine mehr und mehr die Menschenarbeit verdrängt! Karg bemessen ist der Lohn, den der„ Brotherr" der Proletarierin auszahlt, meist allzu farg. Nach vielen Tausenden zählen die Frauen und Mädchen, deren Verdienst stets an der Hungergrenze hin und herpendelt. Durchschnittliche Wochenlöhne von 9, 8, ja 7 und 6 Mark sind für ganze Arbeiterinnenkategorien die Regel. Und schwerer noch als die Dürftigkeit des Verdienstes empfinden die Arbeiterinnen bestimmter Industriezweige die tagtägliche Unsicherheit der Eristenz, das Hin und Her zwischen fieberhaftem Schanzen, Geschäftsflaue, vollständiger Brotlosigkeit. Auf der Grundlage der ungünstigen Erwerbsverhältnisse baut sich die Existenz der Arbeiterin auf, reich an Mühen, Sorgen, Entbehrungen, arm an Erholung, Freude, Genuß: ein Leben als " Hand", als lebendes Anhängsel der todten Maschine, nicht als allseitig sich entwickelndes und bethätigendes Menschenwesen. Der Arbeiterin bleibt weder Zeit noch Kraft, an dem reichen zeitgenössischen Kulturleben jenen Antheil zu nehmen, der ein Entfalten und Erblühen des ganzen Ichs ermöglicht. Ihre Sklavenrast reicht kaum zum Ausruhen, die von der Ausbeutung gelassenen Brocken der Leistungsfähigkeit genügen höchstens zur nothdürftigsten Erfüllung der häuslichen Pflichten, und auch das nicht immer. Ist vielleicht die Erzeugung der Güter so zeit- und kraftraubend, so wenig ergiebig, daß die werthschaffende Proletarierin nothwendigerweise in einer kulturwidrigen Eristenz verkümmern muß? Mit nichtem. Sinnreiche Arbeitsverfahren, kunstvolle Maschinen Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. sezen die für Erzeugung der Güter nöthige Zeit und Kraft mehr und mehr herab, steigern die Leistungsergebnisse der Arbeitskräfte um das Zehn- und Hundertfache, um das Tausendfältige. Läden und Vorrathshäuser vermögen die Fülle der Waaren kaum zir bergen, die Arbeiterfleiß erzeugte. In den Händen der großen Unternehmer, der großen Kapitalisten häuft sich märchenhafter Reichthum, und doch sind, die da so überreich ernten, nicht immer auch solche, die da säen. Wie viele sind nicht heutigentags der Kapitalgewaltigen, welche auch die Leitung ihrer Unternehmungen auf die Schultern bezahlter Angestellten abwälzen, und deren ganze ,, Auch- Arbeit" im Kuponschneiden und Einstreichen der Dividenden besteht? Nicht die Armseligkeit des Arbeitsertrags ist die Ursache, daß die Lohnsklavin in harter Frohn sich nichts als Darben erschafft. Vielmehr die Art der Vertheilung desselben auf Grund der heutigen Eigenthums- und Wirthschaftsordnung. Ihr zu Folge fällt den Besizern der großen Arbeitsmittel und wären diese Besizer gesellschaftliche Drohnen der Löwenantheil von den Früchten der Arbeit zu, den Arbeitskräften dagegen, den emfigen Arbeitsbienen nur ein bescheidener Theil. Nicht die Rücksicht auf die billigen Wünsche, auf die dringendsten Bedürfnisse der Arbeiterin bestimmen die Größe dieses Theils. Es entscheiden darüber die Marktverhältnisse auf dem Arbeitsmarkte, denn zu einer Waare ist die Arbeitskraft geworden, und sie wird gekauft und verkauft wie andere Waaren auch, ohne Rücksicht darauf, daß lebendiges Menschenthum an ihr hängt. Armuth und Unfreiheit wird deshalb der Arbeiterin Loos bleiben, solange die bürgerliche Eigenthums- und Wirthschaftsordnung besteht, und diese zu stürzen muß mithin das vornehmste Ziel der Proletarierin sein. Aber heißt das etwa, daß sie im Hinblick auf ihre Zukunftshoffnungen mit ihrem Gegenwartselend sich ruhig, thatenlos abfinden soll? Ganz im Gegentheil. Warum denn muß die Arbeiterin langes und schweres Wirken, ungesunde Arbeitsbedingungen, oft als Draufgabe grobe Behand lung und bösartige Chikanen auf sich nehmen gegen ein Entgelt von wahren Bettelpfennigen? Weil sie für ihren Unterhalt nur auf ihre Arbeit angewiesen ist, und weil sie unter den bestehenden wirthschaftlichen Verhältnissen, in der heutigen Gesellschaft ihre Arbeitskraft auf Produktionsmittel übertragen muß, die sich nicht in ihrem Besiz befinden. Nicht ihr eignet die Maschine, die doch erst durch ihre raschen Handgriffe in Bewegung gesezt wird; nicht ihr gehört der Stoff, den ihre fieberhaftig schaffenden Finger zum eleganten Kostüm gestalten; nicht sie hat Antheil an dem Feld, dessen Früchte sie im glühenden Sonnenbrand einbringen hilft. Die Produktionsmittel sind Eigenthum von Kapitalisten, und wenn die Arbeiterin sich des Lebens Nothdurft erringen will, so ist sie gezwungen, ihre Arbeitsfraft an einen Befizer von Produktionsmitteln zu verkaufen. " Die freie Arbeiterin geht mit dem Unternehmer einen freien Arbeitsvertrag ein", erklärt die verlogene bürgerliche Weisheit und macht sich damit der gewissenlosesten Wortfalschmünzerei schuldig. Denn die Proletarierin, die arbeiten muß, um essen zu können, und die nur Brotarbeit findet, dafern ein Anwender ihr solche giebt", fann in Wirklichkeit nur wählen zwischen ihrer Freiheit", unter schlechten Arbeitsbedingungen sich vorzeitig zu " Tode zu schanzen, und ihrem„ Necht", feiernd Hungers zu sterben, es sei denn, daß sie in der Prostitution Zuflucht vor der einen und anderen Möglichkeit sucht. Mögen die vom Unternehmer aufgestellten Arbeitsbedingungen noch so ungünstige sein, die Arbeiterin dem freudlosen Verkümmern überantworten: sie muß sich ihnen unterwerfen. Nicht von der hohen Kante her vermag sie die Mittel zu nehmen, solange beschäftigungslos auszuhalten, bis der Kapitalist ihr Arbeitsbedingungen bewilligen muß, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. So hämmert die Armuth die Freiheit der Arbeiterin zusammen zur Fügsamkeit gegen die kapitalistischen Forderungen. Der Besitz dagegen verleiht dem Unternehmer die Macht, die Ansprüche der Arbeiterin abzuweisen, wenn sie sein Profitbegehren auch nur um ein Titelchen fränken. Der Arm der Arbeiterin feiert, und die Arbeiterin muß hungern. Die von der Arbeiterin bediente Maschine des Kapitalisten steht still, und der Kapitalist kann leben, kann reichlich leben, nicht er, nicht die Seinigen lernen Schmalhans als Küchenmeister kennen, geschweige denn daß der Hunger über die Schwelle des Heims tritt. In den meisten Fällen verliert nicht einmal der Profit des Unternehmers um das Tüpfelchen auf dem" i", wenn die einzelne Arbeiterin trop des Drohens der Hungerpeitsche die Arbeit niederlegt. Schnell ist in unserer Zeit Ersatz für eine Rebellin gegen Kapitalsmacht gefunden. Der freie Arbeitsvertrag der freien Arbeiterin" gleicht dem Ausgang eines Kampfes zwischen einem Waffen- und Wehrlosen und einem vorzüglich gepanzerten und gerüsteten Manne. " Die wirthschaftliche Macht des Kapitalisten zur Ausbeutung siegt über das Recht der Arbeiterin, auf Grund ihrer Arbeitsleistungen eine Eristenz im vollen Lichte der Kultur zu führen. Und diese Macht braucht der Unternehmer nicht nur, er mißbraucht sie gegenüber der wirthschaftlich und sozial schwachen Proletarierin. Mittels ihrer verwandelt er die Arbeiterin in die Lohnsklavin, in ein Werkzeug seiner Profitpresserei. Mittels ihrer zwingt er zu Nuz und Frommen seines Geldsacks der Arbeiterin lange Arbeitsstunden auf, Hungerlohn, eine Frohn in ungesunden Räumen, eine fümmerliche Lebenshaltung im Banne steter Sorgen und Entbehrungen. Nur die Beschränkung der Macht des Unternehmers, den Arbeitsvertrag einseitig mit Rücksicht auf seinen Profit zu gestalten, ermöglicht es mithin der Arbeiterin, ihre wichtigsten Lebensinteressen zu wahren, sich in Gestalt guter Arbeitsbedingungen die Voraussetzung für eine wirthschaftlich und sittlich gesunde Eristenz zu sichern. Die kapitalistische Ausbeutung muß gezügelt werden durch die Gesetzgebung, welche durch Bestimmungen über die Arbeitszeit, die Beschaffenheit der Arbeitsräume 2c. 2c. Schranken errichtet, welche die Profitgier des Unternehmerthums nicht überschreiten darf. Die tapitalistische Freiheit der Ausbeutung muß bekämpft werden durch die Gewerkschaftsorganisation, welche schlechte Arbeitsbedingungen energisch zurückweist und bessere Arbeitsbedingungen erringt. Die Gewerkschaft faßt alle die einzelnen, wirthschaftlich schwachen Arbeiterinnen und Arbeiter zu einer Macht zusammen und stellt diese der Kapitalsmacht entgegen. Ohnmächtig, wie Wogenschaum an einem granitnen Felsen zerstieben an dieser Macht die Versuche der einzelnen Arbeiterin, dem ausbeutungsfrohen Anwender aus kömmlichen Lohn und Milderung der Frohn zu entreißen, d. h. ein Stück ihres Lebens. Mit den Forderungen einer großen, festgefügten, geldkräftigen und zielklaren Organisation muß auch der progigste Unternehmer rechnen. Die Macht der Organisation, in der Alle für Einen stehen, verleiht der Arbeiterin, wessen sie als Einzelne im Kampfe mit dem Stapitalisten ermangelt: wirth schaftliche Stärke. Sie giebt ihr damit einen Theil der Freiheit zurück, ihre Arbeitskraft nur zu den möglichst günstigen Be dingungen zu verkaufen. Sie ermöglicht es ihr, der kapitalistischen Profitgier und Herrschsucht gegenüber Arbeiterrecht zur Geltung zu bringen. Arbeiterinnen, seid Ihr es müde, in schwerer Plage ein färglich Brot zu gewinnen, das oft nichts als Eure Sorgen würzen, Eure Thränen neßen: Organisirt Euch! Seid Ihr es überdrüssig, zur Mehrung fremden Reichthums Eure Gesundheit preiszugeben, Euer Familienglück zu opfern, Eure Pflichten gegen Kinder und Gatten zu vernachlässigen, Euer Sehnen nach Bildung, Lebens58 freude, Selbstbestimmungsrecht zu unterdrücken: Organisirt Euch! Wollt Ihr der ausbeutungsgierigen Kapitalsmacht zum Trozz weniger Arbeitsmaschinen und mehr Menschen sein: Organisirt Euch, vertheidigt Euch! Kritische Bemerkungen zu Genossin Brauns Vorschlag. III. Zu dem Artikel von Lily Braun- Gizycki in Nr. 6 der„ Gleichheit":" Die nächsten Aufgaben der deutschen Arbeiterinnenbewegung" sich zu äußern, fann auch eine von den proletarischen Kämpferinnen nicht unterlassen, die nach Genossin Braun kaum der Schule entwachsen, in den Kampf ums Dasein traten und in färglichen Stunden sich zu bilden suchten. Nach dem beregten Artikel ist neben anderem von wesentlichem Einfluß auf das langsame Fortschreiten der Arbeiterinnenbewegung, daß die„ Kerntruppen, die Offiziere" einer höheren Bildung, der ausgebreiteten und vielseitigen Kenntnisse auf dem Gebiete der Sozialpolitik ermangeln. Dem Mangel sollen die bekannten Vorschläge abhelfen. Ich will gar nicht bestreiten, daß es wünschenswerth und nüßlich wäre, wenn die im Vordertreffen stehenden Genossinnen insgesammt mit umfassenden Kenntnissen auf den von Genossin Braun angeführten Gebieten ausgerüstet wären. Aber wenn Genossin Braun nicht erst ganz kurze Zeit in unserer Bewegung stünde, so müßte sie wissen, daß das gerügte lückenhafte Wissen nicht die Folge einer mangelnden Bildungs- und Erziehungsorganisation ist, vielmehr der Lebensverhältnisse der proletarischen Frauen. Nicht eine neue Organisation vermag darum nach der Richtung hin Aenderung zu schaffen. Die Proletarierinnen besitzen nicht die Zeit, um auf sozialpolitischem Gebiete ausgebreitete Einzelfenntnisse in methodischer Weise zu sammeln. Sie müssen sich damit begnügen, so viel geschichtliches und wirthschaftliches Wissen zu erwerben, daß sie die proletarische Klassenlage begreifen, die großen gesellschaftlichen Entwicklungslinien flar erkennen, die geschichtlich wirksamen Ursachen und Zusammenhänge erfassen. Sind sie in der Richtung aufgeklärt uta und geschult, so erlangen sie die Ueberzeugung von der nothwendigen Entwicklung der Gesellschaft aus einer fapitalistischen in eine sozialistische, werden der Aufgaben des Proletariats auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiete bewußt und setzen für ihre Lösung opferfreudig ihre Kräfte ein. Die von Genossin Braun geforderten Kenntnisse allein führen nicht zur sozialistischen Ueberzeugung und treiben nicht zur Bethätigung im proletarischen Klassenkampfe. Wäre dem so, so müßten all die Sozialpolitiker, Ethifer u. s. w. im sozialistischen Lager stehen. Die Arbeiterinnenbewegung hängt eng mit der Arbeiterbewegung zusammen, ist nur ein Theil, eine Seite derselben. Eine moderne Arbeiterbewegung ist nicht denkbar ohne die Betheiligung der Frauen. Deshalb steht auch die sozialdemokratische Partei nicht hinter der proletarischen Frauenbewegung, sondern die kämpfenden Proletarierinnen gehören ihr, gehören der Gewerkschaftsbewegung an. Die Aufgaben, welche die eine und die andere den Genossinnen stellt, nehmen deren Kräfte und Zeit vollauf in Anspruch. Mehr noch, die unserseits vorhandenen Kräfte reichen für die wachsenden Anforderungen noch nicht aus. Unsere Bewegung schießt nicht wie eine Treibhauspflanze in der warmen Luft der guten Wünsche Einzelner empor. Sie entwickelt sich mit der fortschreitenden wirthschaftlichen Umwälzung. Je mehr die proletarische Frau von der allzu großen Last häuslicher Arbeiten befreit und in die Fabrik gedrängt wird, um so mehr wird die Masse der Proletarierinnen für die Idee des Klassenkampfes zugänglich, um so zwingender werden für sie die Gründe, sich an diesem zu be= theiligen. Dem Wirken der Genossinnen steht ein weites Feld offen, dessen Bebauung erst im bescheidenen Umfange begonnen hat. Durch ihre Agitation in weiten Kreisen, wie in Familie, Werkstatt, unter Freun den und Bekannten müssen sie das unklare proletarische Empfinden zum flaren Bewußtsein bilden, dazu anspornen, daß der Erkenntniß das Handeln entspricht. Ihre eigene Thätigkeit wie die Bethätigung der wachgerüttelten Schwestern ist um so schwieriger, als die elende Lage der proletarischen Familie es meist nicht gestattet, daß Mann und Frau in der Bewegung gleich eifrig thätig sind. Mehr noch in Folge ihrer vielseitigen Pflichten, als in Folge der Gewohnheit bethätigt sich die Frau in weniger hervorragender Weise als der Mann. Oft muß sie durch ihre fleißige Arbeit diesem erst die Möglichkeit zu ausgiebiger Bethätigung in der Bewegung verschaffen. Die Vorschläge der Genossin Braun, welche die vielfach„ vernachlässigte" Wirksamkeit nach innen und nach außen heben sollen, laffen bei uneingeweihten leicht den Gedanken aufkommen, als sei bisher in den verschiedenen angedeuteten Richtungen nichts geschehen. Und doch haben wir fast aller Orten Gewerkschaften, Gewerkschaftsて - ------————-----—--------------- Kommissionen,-Ausschüsse und-Kartelle, in neuerer Zeit vielerorts Beschwerdekommissionen aus Männern und Frauen bestehend, so z. B, im sächslscheu Voigtlaude, wo das Vereinsgesetz es gestattet,..daß Frauen Mitglieder politischer Vereine sind- Auch in Preußen findet man Mittel und Wege, ohne mit dem Gesetze zu kollidiren, die Frauen zur Arbeit auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiete heranzuziehen. In der allgemeinen Bewegung, innerhalb der Organisationen entwickelt sich die Bethätigung, die Mitarbeit der Genossinnen in gesunder Weise von unten nach oben. Innerhalb des gegebenen Rahmens haben sie reichliche Gelegenheit zu praktischen Arbeitsleistungen, soweit ihnen solche möglich sind. Genossin Braun sagt selbst, daß alle die Frauen, die in der Bewegung stehen, mit Arbeit überlastet sind. Trotzdem führt sie einige Zeilen später aus, daß für Verwirklichung ihres Vorschlags genug Kräfte vorhanden seien, sie müßten nur herangeholt werden. Das ist doch ein offenbarer Widerspruch. Uns scheint, daß Kräfte, die genügende Schulung und Zeit besitzen, um nach dem aufgestellten Plane zu arbeiten, hauptsächlich unter den sogenannten gebildeten Frauen zu finden sind. Unter ihnen giebt es genug, die sich Genossinnen nennen, allerdings erwarte ich nach den bisherigen Erfahrungen nicht zu viel von ihren Leistungen. Es ist gewiß nicht zufällig, sondern begründet, daß der Frauengruppe, welche in Berlin die Enquete über die Frauenarbeit führt, verhältniß- mäßig zahlreiche Genossinnen angehören, deren Existenz eine durchaus bürgerliche ist, und denen man nicht als Mitarbeiterinnen und Mitkämpferinnen in den Gewerkschaften, in der politischen Agitation begegnet. Niemand hat etwas dagegen, wenn sich derartige Elemente in der angeregten Weise nützlich machen. Aber es liegt wohl kein Grund vor, die ihren Verhältnissen angepaßte Thätigkeit zur Richtschnur und Regel für die gesammte Arbeiterinnenbewegung zu machen. Dies um so weniger, als der gewerkschaftliche Kampf fortwährend Helles Licht auf die Arbeitsbedingungen, die Lebensverhältnisse der Lohnsklaven und-Sklavinnen wirst. Bei jeder Lohnbewegung, bei jedem Ringen um kürzere Arbeitszeit, um gesündere Beschaffenheit der Arbeitsräume, menschenwürdigere Behandlung:c. gelangen genaue Thalsachen zu den einschlägigen Fragen in die Oeffentlichkeit. Es fehlt nicht an Gewerkschaften, die jederzeit systematisch Material über die Arbeitsbedingungen am Orte zusammentragen und verarbeiten. Hier mitzuarbeiten, die besondere Aufmerksamkeit der Organisation auf die Verhältnisse der Arbeiterinnen zu lenken, für ihre Erforschung und Veröffentlichung der Thatsachen zu sorgen, ist den weibliche» Mitgliedern der Gewerkschaften unbenommen. Mehr noch, die meisten Organisationen werden ein solches Wirken mit Freuden begrüßen und unterstützen. Auch die Frauen, welche agitatorisch und organisatorisch thätig sind, lassen sich angelegen sein, in den Orten, wohin ihr Wirken sie führt, die Arbeits- und Lebensverhältnisse der proletarischen Frauenwelt zu erforschen und zur Kenntniß weiter Kreise zu bringen. Oesters gelingt es ihnen, Fabrikbetriebe zu besuchen, Zutritt zu der ärmlichen Behausung der Heimarbeiterinnen zu finden, durch persönliche Rücksprache mit Arbeiterinnen einen genauen Einblick in ihr Mühen und Vegetiren zu erhalten. Zu Ihresgleichen haben die Arbeiterinnen leicht Vertrauen. Bürgerliche Gelehrte, wissenschaftlich geschulte Kräfte innerhalb der modernen Arbeiterbewegung sind mit Erforschung und Zusammenstellung sozialpolitischen Thatsachen- materials beschäftigt. Den Genossinnen steht reicher Stoff zur Verfügung, den sie im Interesse der Aufklärung der Proletarierinnen ausnützen können. Das Vorhandene zur Förderung des Klassenkampfes zu verwenden ist dringender, als selbständig Neues in jener Richtung zu leisten. Wir haben heute weder in der gewerkschaftlichen, noch in der politischen Bewegung Ueberfluß an thätigen Genossinnen. Zwar mehrt sich ihre Zahl, aber auch die Anforderungen wachsen in dem Maße, als der Klassenkampf größere Kreise der Proletarierinnen erfaßt. Ehe wir Kräfte für Hilfs- und Nebenarbeiten verwenden dürfen, müssen wir deren genügend für unsere Hauptaufgabe zur Verfügung haben. Angenommen, man fände in Berlin eine genügende Zahl von Genossinnen, um das vorgeschlagene Programm zu verwirklichen. In den großen Industriezentren Sachsens, der Niederlausitz, der Mark Brandenburg, Schlesiens, Thüringens w. ließe sich dasselbe nicht durchführen. Hier sind die Verhältnisse der Genossinnen so beschränkte, daß diese nicht in der geforderten Weise sich organisiren und bethätige» können. Nicht eine neue Sonderorganisation, nicht die skizzirten Gruppenarbeiten verleihen ihnen die Möglichkeit zu gründlicherer Schulung. Die Verkürzung der Arbeitszeit, welche die Arbeiterklasse in rastlosem Kampfe erringen wird, erleichtert eine solche ganz wesentlich. Die Durchführung des gemachten Vorschlags räumt etliche bedeutende Hindernisse der Arbeiterinnenbewegung nicht aus dem Wege. Sie beseitigt nicht die Furcht der Arbeiterin vor dem Verlust ihrer Beschäftigung, falls sie sich der Gewerkschaft anschließt oder gar öffentlich energisch in ihrem Interesse thätig ist. Sie verbürgt uns nicht eine andere Handhabung der Vereins- und Versammlungsgesetze. Solange bei Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen den Prole- larierinnen gegenüber Willkür und Auslegekunst Trumpf ist, bewahrt auch der harmloseste Charakter einer Organisation nicht vor Auflösung, Maßregelung, Verfolgung. Mir scheint es, daß gerade die gebildeten, mit besseren Kenntnissen ausgerüsteten Genossinnen im Rahmen der Gewerkschaften und der politischen Bewegung mehr nützen können als durch besondere Gruppenarbeiten. Möchten doch alle die in günstigen Verhältnissen lebenden Frauen, die sich zu unserer Ueberzeugung bekennen, aber die nicht unsere Schlachten mitkämpfen, den Gewerkschaften beitreten, an der potitischen Aufktärungsarbeit Antheil nehmen. Lehrend und lernend zugleich können sie sich bethätigen, und treue Mitarbeit von unten auf wird ihnen gar schnell das Vertrauen der Arbeiterinnen sichern. Die Volks- und Gewerkschaftsversammlungen, die praktischen gewerkschaftlichen Arbeiten bieten ihnen reiche Gelegenheit, ihr Können im Dienste unserer Ideale zu verwerthen und die Ausbildung ihrer proletarischen Mitkämpferinnen, wie ihre eigene Schulung in ersprießlicher Weise zu fördern. Zu arbeiten und zu lernen giebt es auch für sie innerhalb der allgemeinen Bewegung noch genug. Ottilie Baader-Berlin. IV. Unter dem Titel„Die nächsten Aufgaben der deutschen Arbeiterinnenbewegung" hat Genossin Braun in Nr. der„Gleichheit" einen Vorschlag entwickelt, mit dem ich mich auf Grund meiner Erfahrungen nicht einverstanden erklären kann. Die Rücksicht auf die willkürliche Handhabung der Vereins- und Versammlungsgesetze, mittels welcher man der proletarischen Frauenbewegung den Weg zu verlegen sucht, macht die Organisation der vorgeschlagenen Frauengruppen nicht nöthig. Alle behördlichen Chikanen vermochten bisher unsere Bewegung nicht zu tödten. Umgekehrt, wie unter dem Ausnahmegesetz schmachvollen Angedenkens für den Sozialismus überhaupt, so agitirt auch in der Gegenwart die amtliche Weisheit für uns, wenn auch selbstverständlich unfreiwillig genug. Zwar hat man auch bei uns in Sachsen die meisten unserer Frauenvereine aufgelöst. Doch vermag ich darin keinen Schaden für unsere Bewegung zu erblicken. Wir erhielten vielmehr dadurch den Anstoß, uns mehr als bisher den Gewerkschaften anzuschließen und auch den Arbeiterbildungsvereinen, den politischen Organisationen der Genosse» beizutreten. So reaktionär das sächsische Vereinsgesetz auch ist, und so reaktionär es angewendet wird, mißt es doch Männern und Frauen mit gleichem Maß, so daß die Genossinnen in allen bestehenden Organisationen Mitglieder werden können. Vielfach sind es leider noch die Genossen, die durch ihre zopfige Haltung die Frauen von dem Beitritt zu den Vereinen abschrecken, uns für noch nicht„reif" genug für gemeinsame Arbeit erklären und uns ausschließlich auf unsere Wirthschaft verweisen. Aber soweit noch Vorurtheil gegen uns in den Reihen der Genossen vorhanden ist, wird es sicher nicht durch unsere Thätigkeit in besonderen Frauengruppen besiegt, vielmehr durch unser energisches, verständiges und opferfreudiges Mitrathen und Mitthaten in der allgemeinen Bewegung. Hier haben wir die beste Gelegenheit, unsere Fähigkeit und Reife für die Antheilnahme an den Aufgaben unserer Zeit zu beweisen. Soweit meine Erfahrung reicht, erweist sich das ZusammenarbcÄen mit den Genossen auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiete als sehr praktisch und der Aufklärung und Schulung der Proletarierinnen dienlich. In Preußen können allerdings die Frauen politischen Vereinen nicht angehören. Von anderen deutschen Ländern gilt das Gleiche. Aber überall können die Proletarierinnen sich den Gewerkschaften anschließen. In den meisten Bundesstaaten, abgesehen von Bayern und einige» Zaunkönigreichen, können sie öffentliche Volksversammlungen oder wenigstens Frauenversammlungen besuchen. Es fehlt ihnen mithin nicht an Gelegenheit, Verständniß für die sozialistische Bewegung zu gewinnen und sich für den proletarischen Freiheitskampf zu bilden. Ferner erscheint mir Genossin Brauns Vorschlag mit Rücksicht auf die Verhältnisse innerhalb unserer Frauenkreise als undurchführbar. Durch seine Verwirklichung würden der Bewegung die besten agitatorischen Frauenkräfte verloren gehen. Schon gegenwärtig reißen die Klagen über die ungenügende Zahl der Referentinnen nicht ab, denn die Nothwendigkeit, die Frauen wachzurütteln, wird in Gegenden empfunden, in denen man früher an eine„Frauenbewegung" nicht dachte. Wie soll den wachsenden Ansprüchen genügt werden, wenn die tüchtigsten unserer Genossinnen von den empfohlenen Gruppenarbeiten in Anspruch genommen sind? Nicht zu vergessen ist dabei, daß die meisten unserer Kämpferinnen nicht blos für ihren Lebensunterhalt sorgen, sondern auch noch die Wirthschaft führen müssen. Ich lasse die Frage offen, ob vielleicht später, wenn uns mehr Kräfte zur Verfügung stehen, Gruppen organisirt werden können, welche in dem von Genossin Braun geschilderten Sinne thätig sind. Hauptbedingung für eine bessere, umfassendere, gründlichere Ausbildung der Genossinnen ist meiner Ansicht nach nicht die Gründung besonderer Frauengruppen. Wohl aber mehr freie Zeit, bessere Lebensverhältnisse, damit die in unseren Tagen ungemein bildungsdurstige proletarische Frau lernen, sich entwickeln und auch im Kampfe für die sozialistische Idee mehr zu leisten vermöge als gegenwärtig. Auguste Jäger- Leipzig. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Genossin Ihrer, die vor dem Tribunal zu Schweidnitz unter der Anklage erscheinen mußte, Staatseinrichtungen verächtlich gemacht zu haben, nutzte ihre Anwesenheit in Schlesien zum Abhalten mehrerer Agitationsversammlungen aus. Sie sprach in Langenbielau, Reichenbach, Blumenau und Raschdorf. Sämmtliche Versammlungen waren ausgezeichnet besucht, und die Hörer gaben ihre Zustimmung zu den Ausführungen der Referentin durch reichen Beifall zu erkennen. In Raschdorf hatten die Gegner alles aufgeboten, eine Mehrheit in der Versammlung und womöglich das Bureau in ihre Hände zu bekommen. Es sollte der Rednerin das Sprechen unmöglich gemacht werden. Trotzdem fiel die Leitung der Versammlung unseren Parteigenossen zu, und Genossin Ihrer fonnte ihr Referat ohne störende Zwischenfälle halten. Im Anschluß an ihre Ausführungen über die neuesten Heer- und Marineforderungen nahm die auch von zahlreichen Frauen besuchte Versammlung mit überwältigender Mehrheit eine Resolution an, welche gegen die geplanten Mehrausgaben für Heer und Flotte entschieden protestirt und die betreffenden Forderungen für einen weiteren Grund erklärt, daß das arbeitende Volk sich der Sozialdemokratie anschließt. In Leipzig und Umgegend hielt Genossin Ihrer sehr gut besuchte und äußerst wirksame Versammlungen ab. Im Felsenkeller zu Leipzig- Plagwitz sprach sie über„ Die Theilnahme der Frauen am Emanzipationskampfe der Arbeiter". An der Hand zahlreichen Thatsachenmaterials zeichnete sie ein Bild der wirthschaftlichen Umwälzung, welche die Thätigkeit und Stellung der Frau revolutionirt, Millionen aus Nur- Hausfrauen in Berufsarbeiterinnen verwandelt hat. Eindringlich wies sie hierauf nach, welches zwingende Interesse die Proletarierin hat, am politischen und gewerkschaftlichen Kampfe ihrer Klassengenossen theilzunehmen. Als die Referentin im Laufe Beim„ verschämten Wohlthäter". Von J. H. Wehle. Ich habe einen speziellen Hausarmen, und der König hat feinen besseren Bettler als ich; denn mein Klient ist ein wohlbestallter Millionär, der mehr Aftien in seinem Feuerfesten verwahrt hält, als ich Papierschnitzel in meinem Schreibtisch. Daß er meine Bettelfundschaft wurde, das kam so: Der arme Millionär hatte die Gewohnheit, immer über die schlechten Zeiten zu klagen, Zucker und Kaffee werden immer theurer und die Coupons immer schmäler. Da wurde im Kreise von Bekannten die Frage aufgeworfen, was Herr Jammermann thun würde, wenn man ihm ein Almosen gäbe. Ich wurde mit der Ausführung des Versuches betraut. " Nun, wie geht's?" fragte ich den armen Millionär beim nächsten Zusammentreffen. Schlecht, große Familie, kostspieliger Haushalt..." „ Immer das alte Lied; aber Sie wissen, daß ich Niemanden leiden sehen kann. Da haben Sie einen Beitrag zur Bestreitung Ihres Haushalts." Dabei reichte ich ihm ein Vierkreuzerstück. Ich erwartete, daß er es zurückweisen würde. Aber das that er nicht. Herr Jammermann verdirbt nicht leicht den Scherz und ist namentlich ein Freund von„ praktischen" Späßen. Er steckte also die Münze lachend ein, und was die Hauptsache ist, er gab sie nicht zurück. Seither erhält er regelmäßig sein Almosen, und dieser Verkehr hat sich im Laufe der Zeiten weiter ausgebildet. Er nimmt auch abgelegte Kleider entgegen. Für seine Verschämten", wie Herr Jammermann stets hinzufügt. " Denn Herr Jammermann ist auch öffentlicher Wohlthäter, und die verschämten Armen" sind seine Spezialität. In den Zeitungen erscheinen die Ausweise über die Gaben, die er von Anderen für seine Verschämten gesammelt, die Ausweisung über 60 ihrer Darlegungen erklärte:„ Nur in der gewerkschaftlichen Bewegung können sich die Frauen frei bewegen, ohne behördlichen Chikanen zu begegnen", entzog ihr der überwachende Polizeibeamte das Wort. Offenbar„ von Rechts wegen", denn im Hause des Gehenkten soll man nicht vom Strick reden". Ueber das Thema:„ Moderne Sittenanschauungen" referirte Genossin Ihrer im Pantheon zu Alt- Leipzig. In fesselnder Weise und unter scharfer Kritik des Gegensatzes in der bürgerlichen Welt zwischen der mit den Lippen bekannten und der geübten Moral, zeigte die Referentin, daß die Sittenanschauungen sich mit den wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Umgestaltungen gleichfalls wandeln. Ihre Ausführungen gipfelten in dem Satze, daß erst die Umwandlung des Privateigenthums in Gemeinbesitz die Vorbedingung für das Entfalten einer neuen, höheren Sittlichkeit schaffe. In Gaußsch sprach Genossin Ihrer in einer öffentlichen Versamm lung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen über die zeitgemäße Frage: ,, Wollen die Arbeiterinnen eine Verkürzung der Arbeitszeit?" Ueberzeugend wies sie die Gründe für die Bejahung dieser Frage nach. Die äußerst rührige Agitation der Leipziger Parteigenossinnen hatte wesentlich dazu beigetragen, daß sämmtliche Versammlungen auch von Seiten der Frauen sehr gut besucht waren. Die Agitation hatte hauptsächlich in der Vertheilung von Handflugblättern bestanden. Sowohl die politischen wie die gewerkschaftlichen Organisationen haben durch die drei Versammlungen neue Mitglieder gewonnen, der beste Beweis, daß die trefflichen Worte unserer rührigen Genossin nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sind. A. J. Für den Textilarbeiter Verband unternahm Genossin Greifenberg Berlin vom 16. Februar bis 7. März eine Agitationstour durch Sachsen. In Lindenau, Gohlis, Schönefeld, Großenhain, Meißen, Freiberg, Baußen, Gersdorf und Ullersdorf in Böhmen fanden Versammlungen statt, die gut besucht waren. Genossin Greifenberg wies in schlagender Weise und unter reichem Beifall die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation und des wirthschaftlichen Kampfes auch für die Arbeiterinnen nach. In allen Orten, wo sie referirte, hat der Textilarbeiter- Verband männliche und weibliche Mitglieder gewonnen. Von der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen. In der Stadt Altenburg waren 1896 in zwanzig Berufen 1934 Arbeiter und 207 Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisirt. Den 2141 organisirten Arbeitskräften standen zusammen 4429 unorganisirte gegenüber, unter denen sich 332 Lehrlinge befanden. Bringt man deren Zahl in Abzug, so war über die Hälfte der beschäftigten Arbeiterschaft gewerkschaftlich organisirt, die Lehrlinge einbegriffen die Vertheilung dieser Spenden werden aber nicht veröffentlicht, denn sonst wären es ja teine Verschämten. Man weiß daher nicht genau, wie viel Herr Jammermann aus eigener Tasche auf den Altar des verborgenen Elends niederlegt. Daß aber die Summe sehr groß sein muß, wird als selbstverständlich angenommen, auf Grund der eigenen Andeutungen des Herrn Jammermann. Eine bestimmte Summe hat er nie angegeben. Denn darin hält er sich strikte an das Wort Fieldings:„ Doing good by stealth", das Gute nur im Verborgenen zu üben, als wäre Wohlthun ein Verbrechen. Nur mit einem ist er jederzeit sehr freigebig, mit Rathschlägen. Kein Armer verläßt sein Haus, ohne eine Fülle guter Lehren, und das ist gewiß ein Schatz, den sie nicht so leicht verlieren oder ausgeben können wie baares Geld. Aber von direkten Spenden des Herrn Jammermann fann man, wie gesagt, nichts Gewisses erfahren. Er ist zu zartfühlend davon zu sprechen, und dasselbe Zartgefühl ist wahrscheinlich schuld daran, daß er empfangene Geschenke weder zurückweist noch mit Gegengeschenken erwidert. Er will den Geber nicht verlegen, und das würde gewiß geschehen, wenn das Geschenk so groß ist, denn dann würde ein Gegenpräsent so gedeutet werden, als ob Herr Jammermann sich beeile, einer Verpflichtung gegen den Spender ledig zu werden. Kleinere Aufmerksamkeiten aber darf man schon deshalb nicht zurückweisen, um den Schein der Prozigkeit zu vermeiden. Also ist es pures Zartgefühl, daß Herr Jammermann Geschenke nur nimmt und niemals giebt. Zartgefühl ist überhaupt seine stärkste Seite, wie der folgende rührende Zug beweist. Er hatte einem Geschäftsfreund eine Gefälligkeit erwiesen, keine, die sich in Geld oder Geldeswerth umseßen ließe. Jammermann hatte dem Betreffenden einen Empfehlungsbrief an ein Geschäftshaus gegeben. Nun wußte der zartfühlende Jammermann, daß der Empfohlene sich ihm verpflichtet fühlte, und daß er fortwährend darauf sann, wie er seinen Dank am besten nahezu die Hälfte. Leider fehlen die Angaben, wieviel die Zahl der in Altenburg thätigen Arbeiterinnen betrug, so daß sich nicht berechnen läßt, in welchem Verhältnisse die Zahl der organisirten zu derjenigen der nichtorganisirten weiblichen Arbeitskräfte steht. Sicher ist dagegen die Thatsache, daß im letzten Jahre auch in Altenburg die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen wie der Arbeiter erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Der Verein der graphischen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins zählte am Schluß des 4. Quartals 1896 laut Bericht 1065 männliche und 227 weibliche Mitglieder. Die Einnahme und Ausgabe des Vereins betrug für das Quartal 2516,25 Mt. An die Hauptkasse wurden 1849,77 Mt. abgeschickt. Die Unterstützungskommission hatte in der Zeit vom 18. Mai 1896 bis 18. Januar 1897 eine Einnahme von 1200,45 Mt., eine Ausgabe von 1160,30 Mt. V Berichtigung. In der Notiz über den Verbandstag der in Buchbindereien, der Papier und Ledergalanteriewaaren Industrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen heißt es irrthümlicher Weise, daß die Unterstützung der von der Generalkommission eingeleiteten Enquête über die Frauenarbeit abgelehnt wurde. Der Verbandstag beschloß vielmehr die Unterstützung dieser Arbeit. Die Nachricht war uns von gut unterrichteter Seite zugegangen, und der Irrthum erklärt sich dadurch, daß der Verbandsvorsitzende Dietrich Stuttgart ausführte, der Verbandsvorstand erachte die Enquête in der geplanten Ausführung für werthlos, sei aber der Meinung, daß man trotzdem ihr die Unterstützung nicht versagen könne. Andere Redner waren der gleichen Ansicht. Zwei wackere Kämpferinnen sind in letzter Zeit durch den Tod aus Reih und Glied des klassenbewußten Proletariats gerissen worden.* In London starb im Februar Frau Johanna Beckenstedt, eine unserer ältesten Parteigenossinnen. Seit ungefähr fünfzehn Jahren gehörte sie als Mitglied dem Kommunistischen Arbeiterbildungsverein Tottenham Street 49 an. Nicht blos durch Liebe und Achtung, auch durch innige Ideengemeinschaft mit dem Gatten verbunden, von dem gleichen Eifer wie er beseelt, die Ziele der sozialistischen Arbeiterbewegung zu fördern, lebte sie dreiundzwanzig Jahre in einer ungemein glücklichen Ehe. Als Genossin erfüllte sie jederzeit treulich ihre Pflicht: stets war sie zu thatkräftigem Eintreten für ihre Ideale bereit, nie schreckte sie vor nöthigen Opfern und Mühen zurück. Besonders thätig war sie zur Zeit, wo sich die„ Londoner Freie * Wegen Raummangels verspätet. ausdrücken könne. Herr Jammermann sah dies alles sehr klar, und er entschloß sich, den Geschäftsfreund aus seiner peinlichen Verlegenheit zu befreien. Als die gegenseitige Abrechnung ihrer geschäftlichen Forderung herankam, sagte Jammermann kurz entschloffen zu dem Geschäftsmann:„ Lieber Freund, nach unserer Abrechnung hätte ich Ihnen noch 500 Mart herauszuzahlen, die behalte ich für den Empfehlungsbrief. Sie brauchen sich also den Kopf nicht zu zerbrechen, wie Sie mir am besten danken fönnen. Dant begehre ich nicht." Damit verließ er den verblüfften Geschäftsmann, der wahrscheinlich aus Rührung kein Wort der Erwiderung fand. Aus Zartgefühl hatte sich also dieser edle Jammermann die Gefälligkeit selbst bezahlt gemacht. 61 Presse" noch im Besitz der Genossen befand. Im Verein mit dem Gatten that sie ihr Bestes, um die finanziellen Schwierigkeiten zu bekämpfen, welche sich der Existenz des Blattes entgegenstellten. Das Begräbniß der Genossin Beckenstedt gestaltete sich zu einer großartigen und erhebenden Feier, welche erkennen ließ, in welch dankbarer Achtung die Genossen und Genossinnen der Entschlafenen gedenken. In Frankfurt a. M. verschied nach längerem Leiden Genossin Trompeter, schon zu den Zeiten des schmachvollen Ausnahmegesetzes eine der überzeugungstreuesten und opferfreudigsten Anhängerinnen der sozialistischen Idee. Tapfer und kaltblütig hielt sie in jenen schweren Tagen dem Untersuchungsrichter Fabricius stand. Mit mehr als einer lästigen Haussuchung bei ihrem Manne fand sie sich in heiterem Gleichmuth ab. Und als schließlich die Ausweisung des bewährten Vorkämpfers der Frankfurter Arbeiterschaft fam, als die bescheidene Existenz der Familie dadurch mit einem jähen Schlage vernichtet wurde, da zog sie mit dem Gatten in die Fremde, ohne durch Murren oder Klagen seine moralische Widerstandskraft zu schwächen und seine Sorgen zu mehren. Schon in der Heimath hatte sie die Schwere des proletarischen Existenzkampfes kennen gelernt, nun ertrug sie standhaft das ungleich härtere Ringen ums tägliche Brot im Eyil, in London, in der Schweiz. Als treue Gefährtin stand sie auch in diesem Kampfe dem Gatten zur Seite. Als die Rückkehr der Familie möglich wurde, wendete Genossin Trompeter der sozialistischen Bewegung nach wie vor rege und verständnißvolle Sympathie zu. Ihr umsichtiges, rühriges Walten in Haus und Geschäft trug ganz wesentlich dazu bei, dem Gatten die Möglichkeit zu schaffen, wieder mit an erster Stelle in der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung Frankfurts zu kämpfen. Ihr Tod ist für Gatten und Sohn ein herber Verlust. Genossin Trompeter erlag einem Lungenleiden, von dem sie selbst ein längerer Aufenthalt in der vorzüglichen Anstalt zu Nordrach im Schwarzwald nicht zu heilen vermochte. Die Mühsal, die sie erduldet, die Pflichtleistungen, deren sie sich unterzog, haben jedenfalls zur Untergrabung ihrer Lebenskraft beigetragen. Ein Trauerzug von mehr als zweitausend Personen, darunter sehr viele Frauen, zeugte von der Sympathie und Verehrung, die der Verblichenen in Parteikreisen über das Grab hinaus folgt. Leider verursachte das überschneidige Auftreten der Polizei eine Störung der imposanten Leichenfeier. Zahlreich, als ob es sich um einen niederzuknüppelnden gewaltthätigen Auflauf und nicht um ein Begräbniß handelte, hatte sich die Polizei auf dem Friedhof eingefunden. Nach den Verwandten trat der stellvertretende Vertrauens" Und die Mutter?" Die ist die Köchin." ,, Und der Knabe bei Tisch?" " " 1 Das ist mein Bruder." Also alle Verwandte, wer ist aber der Kutscher?" ,, Das ist der Vater des Herrn Jammermann." Ich war eigentlich auf diese Ueberraschung vorbereitet, denn es sah dem edlen Mann ähnlich. „ Und sie werden alle im Hause gut gehalten?" fragte ich weiter. Das Mädchen zögerte mit der Antwort. Augenscheinlich hatte ihm Herr Jammermann verboten, von den empfangenen Wohlthaten zu erzählen. Endlich sprach es: " Wenn für die Verschämten gesammelt wird, dann bekommen Und sonst wohl Lohn?" Die ganze Größe des Charakters des Herrn Jammermann sollte mir erst in dessen Hause klar werden. Es herrschte dort die vollständigste Harmonie, und Herr und Dienerschaft schienen wir alle etwas." nur eine große Familie zu sein. Diesen Eindruck hatte ich die ganze Zeit hindurch, und als der jugendliche Diener eben die Schüssel herumreichte, konnte ich nicht umhin, zum Hausherrn zu bemerken: Dieser Knabe sieht Ihnen aber frappant ähnlich." " 1 Herr Jammermann wurde hierauf sichtlich verlegen, und es wurde mir sofort klar, daß ich unbewußt die Corde sensible( empfindsamste Saite) des edlen Mannes berührt hatte, irgend eine schöne That, die er gerne verheimlicht hätte. Ich schwieg, beschloß aber, der Spur nachzugehen, um hinter die edlen Schliche des verschämten Wohlthäters zu kommen. Als mir das Stubenmädchen beim Abschied zur Stiege leuchtete, drückte ich ihr ein Gelbstück in die Hand und fragte: " Wie heißen Sie, liebes Kind?" " Elisa Jammermann." Also eine Verwandte des Herrn?" Die Nichte des gnädigen Herrn." „ Und Ihr Vater?" „ Der ist unten, der Portier." " Das Mädchen schüttelte den Kopf. Das sah ihm wieder ähnlich, dem edlen Jammermann. Sein Zartgefühl duldete es nicht, Verwandte gleich anderen bezahlten Dienern mit elendem Lohn abzufinden. " ,, Sie bleiben aber gern im Hause?" schloß ich die Unterredung. Eine Thräne rann hier langsam über das Gesicht des Mädchens. Es gedachte augenscheinlich mit dankbarer Nührung all dec Wohl= thaten, die es im Verlaufe der Jahre im Hause genossen. Aber sprechen konnte es nicht. Aber Gott versteht auch diese Sprache. Einer der Engel, die speziell diesem Geschäft gewidmet sind, hat sich wahrscheinlich beeilt, diese kostbare Flüssigkeit aufzufangen und hinaufzutragen zu seinem Throne. Und dort bleibt sie deponirt bis zum Tage der großen Abrechnung. Und sie wird unstreitig schwer wiegen in der Wagschale des verschämten Wohlthäters". " mann der Genossen mit einem Kranze an das Grab und wollte die übliche kurze Widmung sprechen. Kaum hatte er die Worte gesprochen: Im Namen der Sozial...", so rief der Polizeikommissär einem Schutzmann zu:„ Stellen Sie den Mann fest." Sofort sprang der Schuhmann auf den Genossen zu, so daß dieser von dem Anprall beinahe in das Grab gefallen wäre, und suchte ihn fortzuziehen. Der Genosse erklärte, daß er ruhig mitgehen werde, aber auch nichts dagegen habe, wenn man ihn schließen wolle. Der Befehl des Ueberwachenden kam um so unerwarteter, als er vorher kein Schweigegebot fundgegeben und die kurzen Scheideworte der Verwandten geduldet hatte. Sobald sich die begreifliche Aufregung der Menge äußerte, erklärte der Kommissar die Versammlung" für aufgelöst und eine größere Anzahl Schutzleute von denen einige den Säbel halb aus der Scheide rissen- drängte die Leidtragenden vom Friedhofe. Auf den Magistrat und die Stadtverordneten gerichtete Be schwerde über den Zwischenfall erfolgte die Antwort, daß die Angelegenheit beim Polizeipräsidium zu verfolgen sei. Der Magistrat fühlte wohl selbst das Unzulängliche dieses Verlegenheitsbescheides. Denn er theilte gleichzeitig mit demselben den Stadtverordneten mit, er sei mit dem Polizeipräsidium in Verbindung getreten, um zu er örtern, wie derartige Vorkommnisse auf den Friedhöfen in Zukunft vermieden werden könnten. Klassenstaatliche Nücken und Tücken hatten Genossin Trompeters Leben verdüstert, klassenstaatliche Nücken und Tücken äußerten sich an ihrem Grabe. Eine Partei, in deren Reihen Tausende und Abertausende von Frauen vom Schlage der Genossinnen Beckenstedt und Trompeter stehen und für ihre Ideale im tagtäglichen unscheinbaren und doch hochwichtigen Kampfe opfern und ringen, eine solche Partei ist unbesieglich. Vermächtniß eines armen Mädchens. ,, Unsere modernen Dienstmädchen" sind nicht nur ständige Figuren der Wizblätter, ihre unerhörte Dummheit und Faulheit" wird auch oft genug in den bürgerlichen Familienjournalen beweglich bejammert. Von den wirklichen Verhältnissen, unter denen diese der mittelalterlichen Gesindeordnung unterstellten Haussklaven leben, wie so sehr oft sie den ärgsten Demüthigungen und Mißhandlungen ausgesetzt sind: davon hört man gewöhnlich nur gelegentlich von Gerichtsverhandlungen, die gleichzeitig das erzieherische Walten" frommer Hausfrauen und tugendsamer Hausherren herzerfrischend illustriren. Um so werthvoller ist es, wenn einmal aus dem„ dienenden Stande" selbst eine Stimme erklingt, die in beredten Worten das Leben der Dienstmädchen und ihr Verhältniß zu den Herrschaften in typischen Zügen schildert. Das geschieht in dem Buche Vermächtniß eines armen Mädchens", in dem der Herausgeber„ Ernst Volksmann" in einer großen Reihe von Briefen und Zuschriften den„ Lebensroman einer Bergmannstochter" giebt. Die Briefe sind an den Verlobten des Mädchens, einen Volksschullehrer, gerichtet, und ihren Inhalt bildet nicht nur, was Marie Müller von ihrem neunzehnten bis zu ihrem achtundzwanzigsten Jahre erlebt hat, auch was sie ersehnt und gedacht, gelangt in ihnen zum Ausdruck. In seiner ganzen Härte starrt uns aus ihnen Dienstbotengeschick entgegen; rührend und erhebend berührt das aus ihnen sprechende heiße Sehnen, das ehrliche Ringen nach Entwicklung des Geisteslebens, das die bittere Frohn nicht zu ertödten vermochte. In den ersten Briefen, die 1883 geschrieben worden sind, giebt Marie eine Schilderung ihrer Heimath, jenes rheinländischen Grubenbezirks, wo ihr Vater als Bergmann thätig ist. Was sie von ihrer Jugendund Schulzeit, ihren Eltern und Geschwistern redet, das ist so einfach und natürlich, zeugt aber dabei von einer so feinen Beobachtungsgabe, daß man in Bitterkeit der sozialen Verhältnisse gedenkt, welche die Entfaltung schöner Gaben verhindert haben. Statt ihren Wissensdurst befriedigen, sich harmonisch entwickeln zu können, muß Marie im Kampfe um das Brot ihre besten Kräfte opfern. Ihre Gesundheit verfällt vorzeitig, und ihre Klagen über ihr Loos werden in jedem Briese schmerzlicher, um endlich in Todessehnsucht überzugehen. Marie mußte bald als Mädchen für Alles, bald als Köchin, Wirthschafterin oder Kindermädchen ihr Brot verdienen, und in allen Stellungen nützte man ihre Arbeitskraft in der unverschämtesten Weise aus. Wie wenig das Dienen ihrer Natur entsprach, spricht sie wiederholt aus:„ Ich passe schlecht zu einem Dienstmädchen, bin viel zu sehr besorgt, daß ich Niemand beleidige oder gar Schaden zufüge, auch zu willig und viel zu sehr unterthänig." Ueber die Stellung der Dienstboten äußert sie sich an einer anderen Stelle mit unverhohlener Bitterfeit:„ Charakter darf man als dienender Geist nicht haben, man ist * ,, Vermächtniß eines armen Mädchens, Lebensroman einer Bergmannstochter", von Ernst Volksmann. Leipzig, Verlag von Carl Güttich. 62 selten mehr als ein nothdürftig verpflegter, willenloser weißer Sklave!" Von ihren Herrschaften weiß sie nur wenig Gutes zu sagen. So heißt es einmal: Heute habe ich meiner Gnädigen auch mal meine Meinung gesagt, betreffs Verschließens der Nähmaschine. Das ist nachgrade gemein. Für mich nähe ich gewiß keinen Stich darauf! Bis zehn Uhr Abends für die Frau nähen, das kann ich; doch sowie sie fortgeht, alles Mögliche doppelt und dreifach zu verschließen, ist mir unerhört. Welche Gesinnungslumpigkeit verräth nicht solche Handlungsweise; unmöglich fann's ein ordentliches Mädchen von Ehrgefühl bei einer solchen Herrschaft lange aushalten!" Den Freund, an den sie ihre Briefe richtet, hat sie auf etwas eigenartige Weise kennen gelernt. Eine Freundin hatte auf eine Heirathsannonce hin eine Anzahl Briefe bekommen, und unter diesen befand sich einer von dem Lehrer Ernst Treugold, der durch seinen ,, anheimelnden" Ton so lebhaft Maries Interesse erweckte, daß sie den ihr völlig Unbekannten ersuchte, mit ihr in Briefwechsel zu treten. Und zwar liegt ihrem Wunsche lediglich das Streben zu Grunde, sich Bildung, Wissen anzueignen. Sie will„ teine langen rührenden Ergüsse", sondern nur Belehrung über Dinge, die sie noch nicht weiß, und diese Belehrung hofft sie durch die wissenschaftlichen Briefe" des Freundes zu empfangen. Ich sehne mich nach Ruhe und Beschäftigung des Geistes; bin ja jetzt die reine Prosa, ich kann nichts lesen, mich nicht mit irgend etwas beschäftigen, was ich gern thue", erklärt sie. Troß der großen Arbeitslast, die sie täglich zu bewältigen hat, weiß sie es doch möglich zu machen, im regsten Briefwechsel mit dem Freunde zu bleiben, und dieser bemüht sich aufrichtig, ihren Drang nach Wissen zu befriedigen. Er sendet ihr Lektüre der mannigfachsten Art, darunter Bücher von Humboldt, Ammon u. a.; auch ist er bestrebt, ihr Fragen der verschiedensten Natur in einfacher Weise klarzulegen. Die Bücher liest Marie Abends, bei ihrer Handarbeit, die in vielen Fällen bestimmt ist, dem Freunde eine Freude zu bereiten. Ueber das was sie gelesen, schreibt sie ihre Ansicht in den Briefen an Treugold nieder. Da finden wir seitenlange Betrachtungen über Religion, Politif, soziale Fragen, Erziehung u. s. w. Die Form, in der die Briefe des armen Mädchens" geschrieben sind, läßt allerdings eine umfassende Bearbeitung durch den Herausgeber vermuthen. Auch bezüglich des Inhalts scheint dieser manchmal die Gelegenheit benützt zu haben, um das, wovon er überzeugt ist und was ihn selbst bewegt, zum Ausdruck zu bringen. Darum aber an der ursprünglichen Echtheit der Briefe zu zweifeln wie das von verschiedenen Seiten geschehen ist liegt meiner Ansicht nach kein Grund vor. Vielfach sind in den Zuschriften die Ansichten hervorragender Denker angeführt. Es wird Bezug genommen auf eine ganze Reihe bekannter deutscher Dichter, es sind Aussprüche von Carlyle, Emmerson, Stuart Mill, Diderot u. A. zitirt. Daß es Marie bei ihrer harten Arbeit möglich gemacht hat, Vieles und Ernstes zu lesen, muß allerdings wunderbar erscheinen, kann aber Zweifel an der Echtheit der Briefe nur bei Leuten erwecken, die den mächtigen, idealen Bildungsdrang unserer arbeitenden Bevölkerung nicht kennen. An dem Berufsleben ihres Freundes hat die Bergmannstochter lebhaften, geistigen Antheil genommen. Das geht aus allen ihren Briefen hervor. In einem derselben, vom Januar 1891 datirt, finden sich folgende Säße: . Die Lehrer sind einmal die Aschenbrödel des Staates... Der ganze Zuschnitt unseres preußisch- deutschen Reichslebens ist ein militärisch- polizistischer. Alles ist bei uns auf Drill, Dressur, Disziplin, Unterordnung, Ueberwachung, offizielle Schablone gestellt. Volksbildung ist Volksbefreiung im weitesten Sinne des Wortes, sagt Diesterweg und giebt damit gleichzeitig den Grund an, weshalb das Volt nicht gebildet werden soll." Und an einer anderen Stelle heißt es: ,, Möge man doch in den maßgebenden Kreisen recht bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß Religiosität nicht Gedächtnißsache, sondern Gemüthssache ist, daß das Gemüthsleben und somit das echt religiöse Fühlen aber durch Mißhandlung des Gedächtnisses im Religionsunterricht mit Gewalt ertödtet wird und keine guten Früchte bringen fann. Möchte man dafür sorgen, daß der Religionsunterricht Lehrern und Schülern eine Lust sein muß, daß Religionsstunden Weihestunden sein können und keine Strafstunden sein müssen." Mir scheint, daß in diesen Ausführungen mehr der Herausgeber als die Briefschreiberin zu Worte gekommen ist. Noch mehr gilt das wohl von Betrachtungen über politische Ereignisse, wie über den Tod Kaiser Friedrichs III. und die Entlassung des Fürsten Bismarck. Aus den betreffenden Bemerkungen klingt recht deutlich die Stimme des ehrlich demokratisch gesinnten Lehrers heraus. Viel natürlicher, wahrer, von echter, warmer Empfindung durchweht sind die Briefe, in denen Marie Müller dem„ geistig überlegenen Freunde" von ihrer Liebe zu ihm spricht, in denen sie ihm über die sie umgebenden und berührenden sozialen Verhältnisse, über die Lage ihrer Eltern, ihre Stellung 2c. berichtet. Scharfe Streiflichter werfen ihre Ausführungen auf ,, Bergmanns Lust und Leid", auf proletarisches Mühen, Sorgen und Entbehren; auf all die Plackereien, Demüthigungen, Härten, mit denen die Ausbeutungslust und Anmaßung der Herrschaften die Dienstboten reichlich und täglich beglückt; auf den leidenschaftlichen Drang eines begabten Geistes, sich aus Unbildung zum Wissen emporzuringen. Immer häufiger macht sich im Laufe der Zeit in den Briefen eine entsagungsvolle Stimmung geltend. Die Schreiberin scheint es zu ahnen, daß es ihr nicht vergönnt sein wird, sich mit dem Verlobten zu vereinigen. Die Schwindsucht, deren Keim sie schon lange in sich trägt, rafft sie noch vor ihrer Verheirathung dahin. Der Herausgeber hat dem Buch eine äußerst pathetisch gehaltene Vorrede vorausgeschickt, die unseres Erachtens nicht geeignet ist, zur Lektüre der Briefe zu reizen. Dagegen ist die offene, rückhaltslose Sprache zu loben, in der soziale Verhältnisse und Mißstände geschildert werden. Zieht man von der Form und dem Inhalte der Briefe auch ab, was voraussichtlich auf Rechnung des Herausgebers gesetzt werden muß, so bietet das„ Vermächtniß eines armen Mädchens" doch des Lehrreichen und Anregenden genug. Es bringt unmittelbar den Eindruck des Dienstbotenelends auf ein fein empfindendes Gemüth zum Bewußtsein; es offenbart das rastlose Streben eines reich begabten, ideal veranlagten Geistes, der nicht voll erblühen kann, weil die Armuth ihm Luft und Licht entzieht. So wendet es sich gegen die Mähr von den„ faulen und dummen Dienstmädchen"; so predigt es eindringlich die Forderung, den im Hausdienst ausgebeuteten Proletarierinnen und Proletariern menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen; so wird es zur lauten Anklage gegen eine Gesellschaftsordnung, welche Bildung und Erziehung zu einem Vorrecht der Besitzenden stempelt, statt sie zum Gemeingut alles dessen zu machen, was Menschenantlig trägt. F. H. Kleine Nachrichten. Die Beseitigung der Gesindeordnungen, d. h. der mittelalterlichen brutalen Ausnahmegesetze, unter denen das Gesinde und der größte Theil der Land- und Forstarbeiter stehen, und die Unterstellung der betreffenden Personen unter die Reichsgewerbeordnung forderte ein Antrag der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, der kürzlich zur Verhandlung gelangte. Der Antrag wurde von dem Genossen Stadthagen mit ebensoviel Sachkenntniß als Wärme und Schärfe vertheidigt. Genosse Molkenbuhr faßte in einem trefflichen Schlußwort die Gründe zusammen, welche für die sozialdemokratische Forderung sprechen. Der Antrag wurde mit allen gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Nicht einmal der Freisinn der Herren Richter& Cie. reichte soweit, die einfache Beseitigung des gesetzlich formulirten Unrechts der Gesindesklaverei zu unterstützen. Um aber doch den Schein der Volksfreundlichkeit zu wahren, beantragte der Freifinn an Stelle der einzelstaatlichen eine Reichsgesindeordnung zu setzen. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Rechten und etlicher Ultramontanen angenommen. Auch die geringe Besserung in der Stellung des Gesindes, die er erstrebt, ist den Herren Krautjunkern ein Greuel und Scheuel, am liebsten möchten sie die Gesindeordnungen durch die nackte Leibeigenschaft ersetzen. Die Forderung auf Auſtellung weiblicher Hilfs- Fabrikinspektoren, bezw. Vertrauenspersonen wurde Ende März im württembergischen Landtage von verschiedener Seite erhoben und vertreten. Unter Hinweis auf das Vorgehen Hessens befürwortete der Volksparteiler Hähnle die Beiziehung weiblicher Hilfskräfte zur Gewerbeinspektion, da die Arbeiterinnen mehr Zutrauen zu weiblichen als zu männlichen Vertrauenspersonen hätten. Genosse Kloß trat in trefflichen Ausführungen energisch für die Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren ein. Auch er betonte, daß den Arbeiterinnen das Vertrauen zu den männlichen Beamten mangelt. Ferner machte er geltend, daß man in England die besten Erfahrungen mit der Amtsthätigkeit der weiblichen Inspektoren gemacht habe. Es sei diesen gelungen, Mißstände ans Licht zu ziehen, welche die männ lichen Beamten jahrelang nicht entdeckt hätten. Als besonders wichtige Reform erachtete er es ganz richtig, daß die weiblichen wie männlichen Hilfskräfte aus den Kreisen der Arbeiter und Arbeiterinnen genommen würden. Leute, die selbst praktisch thätig gewesen seien, wüßten auch, wo man Mängel zu suchen habe; Elemente aus dem Arbeiterstande würden das rückhaltslose Zutrauen der Arbeiterinnen und Arbeiter schnell gewinnen. In seiner Antwort servirte der Minister von Pischek in einer etwas milderen Sauce die bekannte Berlepsch'sche Behauptung über die mangelhafte Amtsthätigkeit der englischen Fabrikinspektoren, jene Behauptung, welche Sir Charles Dilfe öffentlich widerlegte, ohne daß das preußische Ministerium etwas aus der Widerlegung gelernt hat. Herr von Pischek meinte, in den 63 ihm zugegangenen Berichten über die Amtsführung der englischen Fabrikinspektorinnen wurde festgestellt, daß dieselben- huhu, schrecklich zu sagen sich von politischen Agitationen nicht ganz fern hielten. Ferner, daß sie nicht die erforderlichen technischen Kenntnisse und nicht die genügende Autorität gegenüber den Unternehmern besäßen. Was die Forderung anbelangt, weibliche Vertrauenspersonen zwischen den Arbeiterinnen und der Gewerbeinspektion vermitteln zu lassen, so sehe dieselbe sehr vielversprechend aus. Die Frage sei jedoch, wo die Kräfte herbekommen. Man habe daran gedacht, Diakonissinnen und barmherzigen Schwestern das Vertrauensamt zu übertragen.(!!) In Baden nahmen Frauenvereine die Vermittlung zwischen den Arbeiterinnen und der Fabrikinspektion in die Hand. Doch lauten nach dem neuesten Bericht des Gewerbeinspektors die gemachten Erfahrungen nicht günstig. Die Arbeiterinnen bekunden kein Interesse an der geschaffenen Einrichtung. Es sei zu wünschen, daß die Inspektoren sich an den einzelnen Orten weibliche Auskunftspersonen anstellen. Was die Zuziehung von Kräften aus Arbeiterkreisen zur Fabrikinspektion betreffe, so befürchte er, daß dieselben sich nicht frei von dem Einfluß der politischen Organisationen halten, auch schwerlich die erforderlichen Kenntnisse haben würden. Genosse Kloß widerlegte die letzten beiden Behauptungen, der Volksparteiler Haußmann erflärte, die Schwierigkeit der Anstellung weiblicher Vertrauenspersonen sei nicht so groß. Diakonissinnen und Mitgliedern bürgerlicher Frauenvereine gehe das Zutrauen der Arbeiterinnen ab, auch besäßen sie schwerlich die nöthige Zeit, die Mittlerrolle zwischen diesen und der Fabritinspektion auszuüben. Ein Beschluß zu der Frage wurde nicht. gefaßt. Wie reimt Herr von Pischek die Behauptungen der ihm vorgelegenen Berichte über das Wirken der englischen Fabrikinspektorinnen zusammen mit der Thatsache, daß die englische Regierung die Zahl der weiblichen Aufsichtsbeamten stetig vermehrt hat und letztes Jahr die zuerst mit der Gewerbeaufsicht betraute Miß Abraham zur Oberinspektorin ernannte? Warum die Arbeiterinnen wie in Baden kein Zutrauen zu Vertrauenspersonen haben, die sich aus den Kreisen der Frauen und Töchter von Unternehmern und hohen Beamten rekrutiren, liegt doch auf der Hand. Wer wird den Teufel bei seiner Großmutter verflagen! Was die ministeriellen Bedenken gegen die Zuziehung von Hilfskräften aus Arbeiterkreisen zur Gewerbeinspektion anbelangt, so ist es klar, daß der Hase des Zweifels an den nöthigen Kenntnissen der Proletarier begraben liegt in dem Pfeffer der Furcht vor dem Einfluß der politischen Organisationen". An der Arbeiterklasse liegt es, durch energisches Eintreten für die fraglichen Reformforderungen die Zweifel"," Befürchtungen“,„ Bedenken" 2c. der Regierungen zu beseitigen. Für das Reformgymnasium oder Mädchengymnasium in Karlsruhe hat der Bürgerausschuß dieser Stadt eine Subvention von 2000 Mark einstimmig bewilligt. Daß die Sozialdemokraten, welche im Karlsruher Rathhause Siß und Stimme haben, der For derung gern zustimmten, ist selbstverständlich. " Die ,, höhere Tochter" als Retterin der uferlosen Flottenpläne ist in Braunschweig mobilisirt worden. Die dortige städtische höhere Mädchenschule veranstaltete am 23. März eine Zentenarfeier mit Eintrittskarten zu 1 und 2 Mart. Der Reinertrag der Einnahme soll der deutschen Flotte zu Gute kommen. Wie hoffnungsfreudig muß nicht ob solches höhertöchterlichen Patriotismus das Herz des schiff und schlachtfrohen Herrn von Hollmann klopfen, der aus bekannten„ Gesundheitsrücksichten" in Urlaub" ging. Einen Orden für die braven Seelen, die den ergötzlichen Gedanken ausheckten, die frischgewaschene und-gebügelte, deklamirende und lebende Bilder stellende höhere Tochter" zur Rettung der Flottenpläne neben den freiwilligen und unfreiwilligen„ Seeulanen" innerhalb und außerhalb des Reichstags aufmarschiren zu lassen. Vielleicht einen neugegründeten Orden mit„ enthüllten Flammenzeichen" von dem berühmten ,, märkischen Eichenlaub" umkränzt, das auch im Winter rauscht. Der Reinertrag der Feier, die wohlverstanden nicht zu Fastnachten stattfand, sondern erst nach dem offiziellen Narrentag, reicht zwar leider nicht aus, um die Kosten der geforderten Kriegsschiffe zu bestreiten. Aber hoffentlich genügt er, wie ein Braunschweiger Blatt spottet, zur Anschaffung von dem Wollhemd, der Jacke und ein Paar Hosen, der Mütze dazu für'n Reichsmatrosen". Wie wäre die pflichteifrige Polizei gegen einen proletarischen Frauenverein verfahren, der ein Fest zu dem ausgesprochenen Zweck arrangirt hätte, mit dem Reinertrag die sozialdemokratische Bewegung zu fördern? Sie hätte das Fest verboten und die Organisation aufgelöst.„ Frauen dürfen sich in ihren Vereinen nicht mit politischen Angelegenheiten beschäf= tigen", so hätte die Begründung der Maßregeln gelautet. In den Schulen der„ höheren Töchter" darf man dagegen Stellung zu einer so hochpolitischen Frage wie der Flottenvermehrung nehmen. Was proletarischen Frauen für Wahrung ihrer wichtigsten Interessen nicht recht ist, das ist den höheren Töchtern" zur Kurzweil müßiger Stunden billig. Eine Satire auf diese Zustände braucht nicht erst geschrieben zu werden. Die öffentliche Jahresversammlung des englischen Zentralausschusses für Frauenarbeit fand im Januar zu London statt. Mr. Haldane, der Vorsitzende der Organisation, bezeichnete es als deren Hauptaufgabe, nicht etwa die oder jene Theorien und Parteien zu unterstützen, sondern durch Schaffung einer gesunden öffentlichen Meinung die Erwerbsverhältnisse der Frauen zu verbessern. Er betonte, daß die Interessen der Frauen erst dann gebührende Berücksichtigung finden würden, wenn das weibliche Geschlecht in den Besitz des Stimmrechtes gelangt sei. Mrs. Homan berichtete über mehrere Seiten der Thätigkeit des Ausschusses. Er suchte die Berufsbildung der Blumenmacherinnen zu verbessern, um ihnen zu höheren Löhnen zu verhelfen. Er regte bei dem Londoner Grafschaftsrathe( Sektion für technischen Unterricht) an, daß ein Kursus für Kinderhygiene ins Leben gerufen ward. Er begann eine Enquete über die Lebensverhältnisse der lohnarbeitenden Kinder. Mrs. Hicks berichtete über die angestellten Versuche der Gruppe für Erziehung und Organisation, eine Leihbibliothek für die girl's clubs( halb Vergnügungs-, halb Bildungsvereine für Arbeiterinnen) zu gründen. Mrs. Schwann aus Manchester referirte über das Wirken des dem Zentralausschuß föderirten, aber selbständigen Frauen- Gewerkschaftsraths der genannten Stadt. Derselbe legt den Schwerpunkt seiner Aktion darauf, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisiren. Mrs. Schwann rühmte die Unterstützung, welche der Gewerkschaftsrath seitens der organisirten Arbeiter erfährt. Sie betonte die gemachte Erfahrung, daß die besser gestellten Arbeiterinnenkategorien leichter der Organisation zuzuführen seien, als Arbeiterinnen, die zu den niedrigsten Löhnen und unter den ungünstigsten Bedingungen schaffen. Von verschiedenen Seiten wurde die Nothwendigkeit betont, größere Geldmittel für den " Zentralausschuß" zu beschaffen. Derselbe verfügt jetzt über eine Jahreseinnahme von ungefähr 2000 Mart, während die Durchführung des festgelegten Arbeitsplanes ein Budget von mindestens 4000 Mark zur Voraussetzung hat und weitere 2000 Mark erforderlich sind, um eine energische Wirksamkeit der Organisation zu ermöglichen. Der Mangel an Mitteln ist von wesentlichem Einfluß darauf, daß die bisherigen Arbeiten des Zentralausschusses" sehr wenig den an seine Gründung geknüpften überschwänglichen Hoffnungen entsprechen. * Einen Gesetzentwurf zu Gunsten des passiven Wahlrechts der Frauen für die englischen Grafschaftsräthe hat Mr. Bonsfield dem Unterhause vorgelegt. Als im Jahre 1894 die Lokalverwaltung in England neu geregelt und die Grafschaftsräthe in ihrer jetzigen Form eingerichtet wurden, glaubten die Frauen, daß sie nach dem Wortlaut des Gesetzes gewählt werden dürfen. Mehrere weibliche Kandidaten errangen nicht nur den Sieg über die männlichen, sie nahmen auch bereits ungehindert ihre Pläge im Londoner Grafschaftsrath ein, als einer der unterlegenen Gegenkandidaten sich beschwerdeführend an den Obersten Gerichtshof wandte und dieser die gesetzliche Giltigkeit der Neuerung bestritt. Die Frauen waren daraufhin gezwungen, ihre Plätze zu verlassen. * Ein Streik der Plüschweber in Reddish in England ist durch den Mangel an Solidaritätsgefühl seitens ihrer weiblichen Arbeitsgenossen ungünstig verlaufen. An Stelle der streikenden Arbeiter, die 25 Schilling wöchentlich verdienten und für ihre höchst gesundheitsschädliche Arbeit das Einathmen der feinen Plüschfasern hat nach fürzerer oder längerer Zeit fast immer Lungenleiden im Gefolge mehr forderten, traten sofort Frauen ein, die sich bei derselben Leistung und Arbeitszeit mit nur 17 oder 18 Schilling begnügten. Die Fabrikanten lachen sich natürlich ins Fäustchen und werden kaum aus Rücksicht auf das„ Familienleben" und die„ zarte Weiblichkeit" den billigen Arbeiterinnen wieder die Arbeiter vorziehen. Zu Hunderten stehen die Armen jetzt vor den Fabriken und versuchen ihre Konkurrentinnen aufzuklären; bei den meisten dürfte es zu spät sein, und der verlorene Ausstand wird nur die eine günstige Folge haben, daß wieder einmal männliche Arbeiter einsehen, wie nothwendig es auch in ihrem eigenen Interesse ist, die Frauen gemeinsam mit den Männern zu organisiren. Das Stimmrecht für die unverheiratheten Frauen Finnlands wurde von dem Bürgerstande auf dem Landtage gefordert. Ein Erfolg der Forderung ist sehr wahrscheinlich. In den finnländischen Landgemeinden besitzen die Frauen schon lange die gleichen Rechte wie die Männer; der Gedanke, ihnen auch das politische Wahlrecht einzuräumen, hat deshalb für die Bevölkerung nichts Erschreckendes, Zopfsträubendes an sich, wie für die Masse der gutgesinnten deutschen Philister. 64 Zur Bekämpfung der Kindersterblichkeit hat der Gemeinderath von Antwerpen beschlossen, eine Beihilfe von 500 Fres. zur Errichtung einer Verkaufsanstalt für sterilisirte Milch zu gewähren. Dieser Beschluß ist sicher gut und nüßlich, wird aber seinen Zweck nicht im Entferntesten in dem Maße erreichen, wie dies seitens einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung, insbesondere zu Gunsten der Frauen, der Fall wäre. Wenn Menschen schweigen, werden- Kleider reden. Diese Variation des bekannten Bibelwortes drängt sich unwillkürlich auf die Lippen, wenn man dem auf Schritt und Tritt uns entgegengrinsenden Massenelend folgende Mittheilungen französischer Zeitungen gegenüberstellt:„ Cannes weist gegenwärtig unzweifelhaft die höchste weibliche Eleganz in Gestalt der Fürstin Luise von Coburg- Gotha auf. Obgleich dieselbe nur für einen Monat ihren Aufenthalt hier genommen, hat sie ihre Pferde und Equipagen mitgebracht. Ein ganzes Zimmer ihrer Wohnung ist für die Hüte reservirt, deren Zahl 120 beträgt. 3wei andere Gemächer dienen als Garderobezimmer, 200 der kostbarsten Toiletten sind hier untergebracht. 80 große Koffer waren erforderlich, um die fürstliche Garderobe zu transportiren." Wie zahlreich sind die vielköpfigen Proletarierfamilien, denen nicht soviel Räume zur Verfügung stehen, wie sie zur Bergung des Toilettenreichthums von„ Gottes Gnaden" erforderlich sind, der weniger an den persönlichen Gebrauch als an einen Konfektions- und Modebazar erinnert! Die höchste weibliche Eleganz" fann in einem Monat in 200 Kleidern und 120 Hüten prunken, und Tausende und Hunderttausende proletarischer Männer, Frauen, Kinder vermögen kaum ihre Blöße zu decken, gehen in dünnen, zerrissenen Fähnchen, in durchlöcherten Schuhen durch Wetter und Wind, durch Regen und Schnee. Doch wir leben in der besten und vernünftigsten aller Welten, und die hut- und toilettenfrohe Fürstin hat jedenfalls die heilige Stellung des Weibes" und seine Aufgaben richtig erfaßt. Und zwar von„ Gottes Gnaden", wer dürfte daran zweifeln? Die Entwicklung und der Stand des Frauenstudiums in den verschiedenen Ländern erhellt aus den folgenden Angaben. In Nordamerika ließ das Oberlin- Kollege bereits 1833 Frauen zum Studium zu. 1886 zählte man 266 Frauen- Kolleges und 263 Kolleges, an denen Männer und Frauen studiren. 1849 bestand in Amerika der erste weibliche Arzt sein Examen. Gegenwärtig wird dort die Zahl der studirten Frauen auf 60 000, die der noch studirenden auf 65 000 geschätzt. In England werden die Frauen seit 1878 zu allen Examen und akademischen Graden zugelassen. Von 1877-95 haben in ganz England 260 Frauen das medizinische Staatsexamen bestanden, von den Studentinnen des„ London School of Medicin for Women" und des„ Royal Free Hospital" 183. In Frankreich erhielt 1861 an der Universität Lyon zum ersten Male eine Frau den Doktorgrad. Seit 1870 nahm die Zahl der in Frankreich studirenden Frauen ständig zu, die Mehrzahl derselben waren jedoch bisher Nichtfranzösinnen, sondern Russinnen und Polinnen. Seit mehr als einem Menschenalter stehen die Universitäten der Schweiz den Frauen offen. Bis zum Schluß des Sommersemesters 1886 hatten hier 201 Studentinnen das medizinische Doktorexamen mit Erfolg bestanden. Auch in der Schweiz stellen Russinnen und Polinnen das stärkste Kontingent der weiblichen Studenten. Zu den Universitäten werden die Frauen zugelassen in Schweden seit 1870, in Dänemark, Finnland, Holland und Indien seit 1875, in Belgien und Italien seit 1876, in Australien seit 1878, in Norwegen seit 1884, in Irland seit 1886 und in Ungarn seit 1895. In Rußland hatten sich in den achtziger Jahren aus den Hebammenkursen medizinische Kurse für Frauen entwickelt, die von 1091 Studentinnen besucht wurden, von denen ca. 700 das Doktordiplom erlangten. 1882 wurden diese Kurse aus politischen Gründen geschlossen. Nach der Thronbesteigung Nikolaus II. wurden sie wieder eröffnet, und die Aerztinnen erhielten das Recht, nicht blos wie bisher schon an Hospitälern staatlich angestellt zu werden, sondern auch bis zum Chefarzt avanciren zu können. Ferner wurden die Staatsärztinnen pensionsberechtigt, und die Semstwo( Provinzialverwaltungen) dürfen an den Kreisspitälern weibliche Aerzte anstellen. Da Desterreich die Zulassung der Frauen als ordentlicher Hörerinnen zum Studium der Philosophie beschlossen hat und ihnen die Eröffnung der medizinischen Fakultät in Aussicht stellt, so ist Deutschland das einzige Kulturland, welches die Frauen nur als Hospitantinnen und nicht als vollberechtigte Studirende zu den Universitäten zuläßt. Erst am 16. Juli 1896 hat der preußische Unterrichtsminister die Universitätsfuratoren ermächtigt, selbst über die Zulassung der Frauen als Hospitantinnen zu den Vorlesungen zu entscheiden. Von dem Rechte zu hospitiren machten im Wintersemester 1895/96 in Deutschland 153 Frauen Gebrauch, in Desterreich 18. Verantwortlich für die Nedaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.