Nr. 10. Die Gleichheit 7. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuffgart Mittwoch, den 12. Mai 1897. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalt: Aufruf! Warum ist für die Arbeiterinnen die gewerkschaftliche Organisation besonders nöthig? Kritische Bemerkungen zu Genossin Brauns Aus der Bewegung. Warum Vorschlag. VII. Von Marie Greifenberg. kann die Frauenbewegung nicht unabhängig bleiben? Von Lily Braun. Frauen im Betriebe der preußischen Staatseisenbahn- Verwaltung. Von P. H. Feuilleton: Gevatter Tod. Von Henrik Pontoppidan. Arbeitslos. ( Gedicht.) Von Ada Negri. Kleine Nachrichten. Aufruf! Genossinnen! Seit etlichen Tagen vor Ostern stehen in NeuIsenburg bei Frankfurt a. M. die Wäscherinnen im Streif. Wahrhaft erbärmliche Arbeitsbedingungen trieben sie in den Kampf: niedrige Löhne, ungesunde Arbeitsräume, ungenügende Rost und vor allem eine unmenschlich lange Arbeitszeit. Nur in 16 von 76 Betrieben beträgt dieselbe 11 Stunden; in den übrigen Wäschereien sind Arbeitstage von 14-16 Stunden keine Seltenheit, es wird hier und da aber auch 20stündige Frohn gefordert, und dieses mehrere Tage nacheinander. Die von den Wäscherinnen behufs Besserung ihrer Arbeitsbedingungen eingeleiteten Verhandlungen mit den Wäschereibesitzern blieben erfolglos. Nur der kleinste Theil der Unternehmer bewilligte die gestellten Forderungen. So kam es zum Kampfe, in dem gegenwärtig noch 138 Arbeiterinnen stehen. Im Vordergrund ihrer Forderungen steht das Verlangen nach Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit. Die meisten Wäscherinnen sind verheirathete Frauen, denen die jetzige unbeschränkte Auswucherung ihrer Arbeitskraft jede Möglichkeit zu treuer Pflichterfüllung in der Familie raubt. Die Wäschereibefizer rechnen darauf, daß der Hunger die Streifenden zu Paaren treibt. Bis jetzt hat die Organisation der Wäscherinnen und die thatkräftige Solidarität der Arbeiterschaft von Isenburg und Umgegend die schlimmste Noth abgewehrt. Soll jedoch die Fort führung des Kampfes bis zum Sieg ermöglicht werden, der in sicherer Aussicht steht, dafern die Streifenden nur noch kurze Zeit auszuhalten vermögen, so muß sich nun das Solidaritätsgefühl weiterer Kreise bethätigen. Genossinnen! Wir erachten es als Eure Pflicht, helfend einzugreifen und durch Beschaffung materieller Mittel zum erfolgreichen Ausgang des Kampfes beizutragen. Es gilt nicht blos den Aermsten der Armen, den Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten unter den prole tarischen Frauen bessere Arbeitsbedingungen zu erringen, es gilt vor allem die unter den schwierigsten Umständen ins Leben gerufene und wirkende Organisation der Wäscherinnen zu erhalten, auf deren Vernichtung es das Unternehmerthum abgesehen hat. Schon dauert der Kampf in die dritte Woche und die Streifenden haben bis jetzt nicht eine Fahnenflüchtige zu verzeichnen, aber der Hunger macht schließlich auch eine starke Widerstandskraft mürbe. Genossinnen! Thut allerorts das Eurige, damit der kämpfenden Arbeit der Sieg werde! gegen. Beiträge für die Streifenden nehmen die Unterzeichneten entDen 30. April 1897. Frau M. Wengels, Vertrauensperson, Berlin O, Fruchtstr. 30, Querg. II. Frau C. Zetkin, Redakt. der„ Gleichheit", Stuttgart, Rothebühlstr. 147. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Buschriften an die Redaktion ber Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara 3ettin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Warum ist für die Arbeiterinnen die gewerkschaftliche Drganisation besonders nöthig? Der Klassengegensatz zwischen Reich und Arm, zwischen Kapitalisten und Proletarier liefert die Arbeiterin dem Unternehmer zu schonungsloser Ausbeutung aus. Er ist die Wurzel, aus der für den ausbeutenden Herrn reicher und überreicher Gewinnst empor= sprießt, eine mehr als auskömmliche und angenehme, oft lururiöse und müßiggängerische Eristenz, eine Herrschaftsstellung; für die ausgebeutete Arbeiterin dagegen lange Werkeltage voll aufreibenden Schaffens und Mühens, fargen Verdienst, ein hartes, freudenarmes, entbehrungs- und sorgenreiches Dasein, ein bitter empfundenes Sklavenloos. Will die Arbeiterin die Wirkungen dieses Klassengegensages etwas mildern, strebt sie nach besseren Arbeitsbedingungen als der Grundlage für etwas lichtere Tage, so muß sie sich, wie wir in Nr. 8 nachwiesen, gewerkschaftlich organisiren. Die gewerkschaftliche Organisation verleiht ihr die Möglichkeit, der Kapitalistengewalt gegenüber Arbeiterrecht zu vertheidigen, sie stellt zu Gunsten der erwerbsthätigen Proletarierin Macht der Macht entgegen. In ihrer Eigenschaft als Proletarierin bedarf die Lohnarbeiterin des Schußes durch die Gewerkschaft, wie der Lohnarbeiter seiner bedarf. Allein die Arbeiterin hat diesen Schutz noch dringender und in höherem Maße nöthig als ihr Bruder der Frohn und Armuth. Denn ihr Weibsein bedingt für sie als proletarische Arbeitskraft auf der einen Seite ganz besonders fühlbare, schädliche Folgen der Ausbeutung, auf der anderen Seite aber eine geringere Widerstandskraft gegen die Ausbeutung. Daß langes Schaffen, Nachtarbeit, zu kurze Pausen, die Berufsthätigkeit in bestimmten Industriezweigen, unhygienische Arbeitsräume 2c. die Gesundheit der Arbeiterin besonders schädigen, sie in fürzerer Frist und tiefer erschüttern als die des Arbeiters: das empfinden Tausende und Abertausende proletarischer Frauen tagtäglich am eigenen Leibe. Wissenschaftliche Forschungen von Aerzten, Hygienikern, Sozialpolitikern haben das längst und wiederholt gründlich bestätigt. Der Organismus der Frau ist nicht so kräftig, gewissen gesundheitsschädlichen Einflüssen gegenüber ist er empfänglicher, weniger widerstandsfähig als der des Mannes. Schwangerschaft, Entbindung und andere Vorgänge, welche mit dem Geschlechtsleben des Weibes zusammenhängen, bedingen zeitweise einen größeren Kräfteverbrauch, den die schlecht gezahlte Arbeiterin nicht durch entsprechende Nahrung, Pflege und Nuhe wett zu machen vermag. Die häuslichen Pflichten, welche ihr nach Feierabend und früh vor Wiederaufnahme der Brotarbeit obliegen, stellen schwere Anforderungen an ihre Kraft und Leistungsfähigkeit. Kein Wunder in der Folge, daß die hundertfältig schädigenden Einflüsse der kapitalistisch ausgebeuteten Berufsarbeit der Gesundheit und Lebenskraft der Arbeiterin besonders verhängnißvoll werden, so verhängnißvoll, daß sie sich zum großen Theil auf das junge Leben übertragen, das in ihrem Schoße feimt. Der Pflichtkreis der proletarischen Frau ist mit dem Nackern ums liebe Brot nicht erschöpft. Noch ehe sich Morgens das Thor der Fabrik für sie geöffnet, kaum daß es sich Abends hinter ihr geschlossen, in der kurzen Mittagspause, dafern das ärmliche Heim nicht zu entfernt von der Arbeitsstätte liegt, regt sie im Hause die fleißigen Hände. Eine Fülle von Beschäftigungen, darunter recht ermüdende, wartet der Hausfrau und Mutter, und auch das junge Mädchen findet daheim mancherlei Arbeit, die der Mann nie kennen lernt. So ist für die Arbeiterin die völlige Beseitigung der Nachtarbeit, des Schaffens in dem weiblichen Organismus besonders schädlichen Industrien, die Festlegung kurzer, geregelter Arbeitszeit und bestimmter, genügend langer Pausen von höchster Wichtigkeit. Eine Besserung ihrer Arbeitsbedingungen nach diesen Richtungen hin schützt ihr Weibthum gegen ein llebermaß der Ausbeutung, entzieht der kapitalistischen Mehrwerthpresserei ein Stück ihres Lebens als bloße„Hand" und giebt ihr als Mensch, Gattin, Mutter das Lerfügungsrecht darüber zurück. Die Arbeiterin hat mithin in ihrer Eigenschaft als Frau ein ganz hervorragendes Interesse, vielfach ein unmittelbareres Interesse als der Arbeiter an dem Kampf, den die Gewerkschafren für eine Umgestaltung der Arbeitsbedingungen in dem angegebenen Sinne führen. Zwar ist es die Gewerkschaft nicht allein, welche zu Gunsten der Arbeiterin in das Verhältniß zwischen Unternehmer und Lohnsklavin regelnd eingreift. Aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für die gesetzliche Festlegung von Schutzbestimmungen ist der gewerkschaftliche Kampf für die fraglichen Reformen. Und eine der unerläßlichsten Vorbedingungen für die gewissenhafte Durchführung des gesetzlichen Arbeiterschutzes ist das Vorhandensein starker gewerkschaftlicher Organisationen, welche durch ihre Wachsamkeit dafür sorgen, daß das Gesetz nicht todter Buchstabe bleibt. Je energischer und umfassender der Antheil ist, den die erwerbsthätigen Proletarierinnen an der Gewerkschaftsbewegung nehmen, um so größer ist für sie die Aussicht auf eine Regelung der Arbeitsbedingungen, durch welche die Umstände der Ausbeutung beschränkt werden, welche die Arbeiterin als Frau besonders belasten und schädigen. Doch noch in anderer Richtung tritt für die Arbeiterin die Nothwendigkeit der Organisation klar zu Tage. Fast auf der ganzen Linie des industriellen Lebens ist die Frauenarbeit schlechter entlohnt als die Männerarbeit. Arbeiter und Arbeiterinnen werden für genau die gleichen Leistungen oft sehr verschieden bezahlt; letztere nicht selten um ein Drittel oder die Hälfte niedriger als erstere. Auch sonst sind die Arbeitsbedingungen der Frauen und Mädchen vielfach ungünstiger als die der Männer. Nicht immer werden den Arbeiterinnen wie ihren Kameraden die Ueberstnnden entlohnt, nicht überall hält man ihnen gegenüber an vereinbarten Bedingungen strikte fest. Ganz besonders oft erfahren die Arbeiterinnen eine unwürdige Behandlung, Grobheit und Aufdringlichkeit; Chikane und schimpfliches Ansinnen bietet ihnen der Unternehmer und sein Stellvertreter als Zugabe zum kärglichen Lohn. Sehen wir von den wirthschaftlichen Ursachen ab, welche bezüglich der niedrigen Entlohnung der Frauenarbeit mit ausschlaggebend sind, so bleibt ein gemeinsamer Grund für die angedeuteten Uebel: das Weibsein der Arbeiterin. Weil diese eine Frau ist, ein seit vielen Jahrhunderten mit ihrem Interesse und Thun auf einen engen Kreis beschränktes, sozial minderberechtigtes Glied der Gesellschaft, so ist sie an Bedürfnißlosigkeit, an Fügsamkeit und Gehorsam, an das Preisgeben ihrer Wünsche und ihrer Persönlichkeit gewöhnt. Sie besitzt nicht wie der Mann politische Rechte, um für ihre wirthschaftlichen Interessen zu kämpfen, sie ist in deren selbständiger Vertretung nach außen, in der Oeffent- lichkeit, nicht erfahren. So findet der Unternehmer in ihr nicht blos eine billige und anspruchslose, sondern auch eine gefügige, willige, unterthänige Arbeitssklavin, die sich nur in den aller- seltensten Fällen wider die kapitalistische Ausbeutung aufzubäumen wagt. Die„verdammte Bedürfnißlosigkeit", die Widerstandsunfähigkeit der Frau hat für die Arbeiterin die kapitalistische Ausbeutung verschärft, die von ihr gezeitigten Leiden gesteigert und auf die Spitze getrieben. In ihrer Eigenschaft als Proletarierin und als Frau steht die Arbeiterin dem ausbeutenden Kapitalisten als sozial zwiefach Schwache und Machtlose gegenüber. Je ungünstiger dieser Stand der Dinge ihre Arbeitsbedingungen der Proletarierin beeinflußt und damit ihre gesammte Existenz, um so zwingender liegt für sie die Nothwendigkeit vor, sich der Gewerkschaft anzuschließen. Die Gewerkschaft weckt und fördert den Bildungsdrang der Arbeiterin, verleiht ihrem Leben durch das Rathen und Thaten innerhalb einer innig verbundenen, vorwärts und aufwärts strebenden Gesammtheit einen reicheren Inhalt. Die frühere weibliche Anspruchslosigkeit muß neuen, höheren Bedürfnissen weichen. Die Gewerkschaft stählt der Arbeiterin das Rückgrat kapitalistischer Profitwuth und Ungebühr gegenüber. Sie giebt ihr im Kampfe gegen den kapitalgewaltigen, protzigen Unternehmer die Widerstandskraft, deren die Lohnsklavin als Frau ermangelt. Mit einem Wort: die Gewerkschaft gleicht durch den Einfluß und die Macht einer Gesammtheit jene Nachtheile aus, welche der Arbeiterin als Frau aus ihrem Abhängigkeitsverhältniß vom Kapitalisten erwachsen. Die Klassenlage des Proletariats macht die gewerkschaftliche Organisation für jede proletarische Arbeitskraft zur unabweisbaren Nothwendigkeit. Die Geschlechtslage der Frau macht jedoch für die Arbeiterin den Anschluß an die Gewerkschaft doppelt und dreifach nöthig._ Kritische Vemerkungen zu Genossin Brauns Vorschlag. VII. Da sich schon mehrere Genossinnen ausführlich, zu dem in Nr. 6 der„Gleichheit" veröffentlichten Plan der Genossin Braun geäußert haben, so bleibt mir nicht viel zu sagen übrig. Auch ich kann dem aufgestellten Programm nicht beipflichten. Und zwar deshalb nicht, weil meiner festen Ueberzeugung nach in der proletarischen Frauenbewegung weder Kräfte noch Mittel für die vorgeschlagenen Hilfsund Nebenaufgaben vorhanden sind. Meine Ueberzeugung wurzelt in den Erfahrungen, die ich seit längerer Zeit als Eine von Denen gesammelt habe, die unter den Arbeiterinnen agitiren. Ein Mangel an geeigneten Arbeitskräften, d. h. an Arbeiterinnen, proletarischen Frauen, macht sich schon bei der Enquete geltend, die gegenwärtig über die Lage der deutschen Arbeiterinnen veranstaltet wird. Vielen tüchtigen und geschulten Genossinnen fehlt es an der nöthigen Zeit, um sich, wie sie es möchten, der Generalkommission für die Erhebungsarbeiten zur Verfügung zu stellen. Genossin Braun meint, daß die an denselben betheiligten Kräfte nach vollendeter Aufgabe nicht auseinander gehen, sondern als feste Gruppe zusammen bleiben und in der begonnenen Richtung weiterarbeiten sollten. Auch ich wünsche das von Herzen. Aber ich bin überzeugt, daß Proletarierinnen trotz des besten Willens in verhältnißmäßig geringer Zahl in dieser Gruppe wirken können. Die Brotarbeit und die häuslichen Verpflichtungen nehmen sie in Anspruch. Was sie an Zeit ersparen, das reicht nicht immer ihren Wünschen, ihrem Bildungsstreben entsprechend zum Lesen der sozialistischen Presse und Broschürenliteratur, zum Besuch der Versammlungen u. s. w. Und die günstiger gestellten Genossinnen werden durch die Agitation und die mit ihr zusammenhängenden Arbeiten vollauf in Anspruch genommen. Liegen so die Verhältnisse schon b'etreffs der Organistrung und des Wirkens einer einzigen Gruppe ungünstig genug, so drängt sich doch von selbst die Frage auf: wo sollen aus den Reihen der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen die Kräfte hergenommen werden, um die weiteren Gruppen zu bilden? In den betreffenden Vereinen giebt es verhältnißmäßig so Wenige die in größerem Umfange an de» Arbeiten innerhalb der Bewegung regelmäßig theilnehmen können, daß die vorhandenen Kräfte nicht einmal zur Bewältigung unserer Hauptaufgabe ausreichen. Die beliebte Praxis des Vereinsgesetzes hat es dahin gebracht, daß wir gegenwärtig in Preuße» und anderen Ländern kaum noch Kommissionen und Frauenbildungsvereine haben, deren Leitung und Arbeiten Kräfte beanspruchen. Trotzdem mangelt es an Genossinnen, welche die Agitation betreiben. Am fühlbarsten macht sich das in der Gewerkschaftsbewegung. Besonders innerhalb der einzelnen Organisationen fehlt es in den meisten Orten an einer größeren Zahl aufgeklärter und geschulter weiblicher Kräfte, welche eine stetige Agitation von Arbeiterin zu Arbeiterin führen, in den Sitzungen und Versammlungen der Fachvereine u. s. w. jederzeit die für die Arbeiterinnen wichtigen Seiten einer Frage herauskehren, ihre Interessen vertreten und durch ihre Betheiligung am gewerkschaftlichen Leben die noch gleichgiltige und schüchterne Masse ihrer Kameradinnen wachrütteln und zur regen gewerkschaftlichen Bethätigung anspornen. In den Gewerkschaften liegt meiner Meinung nach das Feld, wo die verfügbaren weiblichen Kräfte vor allem und mit aller Energie sich be- thätigen müssen. Hier ist es, wo wir eine planmäßige innere Wirksamkeit zu entfalten haben, um die durch die Agitation gewonnenen Proletarierinnen zu bewußten und geschulten Streitcrinnen für den Klassenkampf des Proletariats zu erziehen. Die uns nach dieser Richtung hin zufallenden Verpflichtungen lassen keine Kräfte übrig, um das Programm der Genossin Braun zu verwirklichen, das alles in allem doch nur Nebenaufgaben aufstellt. Was die Mittel anbelangt, die für Durchführung des Vorschlags nöthig wären, so erinnere ich nur an Genossin Brauns eigene Ausführungen, daß uns zur Förderung unserer Bewegung keine Erbschaften, keine Geschenke u. s. w. zufallen, daß die Proletarierinnen zu diesem Zwecke Groschen um Groschen zusammentragen, oft vom Munde absparen müssen. Wenn man weiß, welcher Opfer es bedarf, um z. B. die Agitation in einem Orte einzuleiten, die hier in Fluß gekommene Frauenbewegung durch die eine und andere öffentliche Versammlung zu fräftigen und zu fördern, dann leuchtet einem die Unmöglichkeit ein, daß Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen die Mittel aufbringen, welche für die Arbeiten der vorgeschlagenen Gruppen erforderlich sind. Gewiß ist die Opferwilligkeit der Proletarierinnen noch stets mit neuen Aufgaben und Pflichten gestiegen. Aber wollten sich unsere Genossinnen noch mehr als bisher vom Nöthigsten abdarben, so müßten die aufgebrachten reichlicheren Mittel für dringendere und näherliegende. Zwecke verwendet werden, als für Arbeiten, die sicherlich nützlich sind, die aber nicht zu unseren Hauptaufgaben zählen, welche wir zuerst und mit aller Energie zu fördern haben. Berlin. Marie Greifenberg. Aus der Bewegung. Der Streik der Wäscherinnen in Neu- Isenburg dauert fort. Die Wäschereibesitzer zeigten sich bisher wohl geneigt, die Löhne aufzubessern, dagegen wollen sie von einer Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit absolut nichts wissen. Die Ausständigen halten aber gerade an dieser Forderung fest, denn schwerer als alle anderen Mißstände ihres Erwerbslebens lastet die unmenschlich lange Arbeitsdauer auf ihnen. Sie untergräbt nicht blos die Gesundheit der Wäscherinnen und stellt ihrem Bildungsdrang unübersteigliche Schranfen entgegen, sondern sie ruinirt vor allem das Familienleben so gut wie vollständig. Trotz der Sorge und Noth, die mit dem Ausstand in manches arme Heim eingezogen ist, wird dieser doch fast als eine Wohlthat empfunden, weil er die Frau, die Mutter der Familie zurückgiebt. Den seit Ausbruch des Kampfes im Streik stehenden Wäscherinnen haben sich noch einige Arbeiterinnen angeschlossen, die bisher weitergeschafft hatten. Die Gesammtzahl der Ausständigen beträgt jetzt 138. Erfreulicherweise hat während des Kampfes die Organisation an Mitgliedern gewonnen, so daß sie deren jetzt 188 zählt. Es giebt nun in Neu- Isenburg nur noch zwanzig unorgani sirte Wäscherinnen. Am 3. Mai trat das von den Arbeiterinnen angerufene Gewerbegericht als Einigungsamt zusammen. Es ist bezeichnend für den Prozenhochmuth der Unternehmer, daß dieselben feinen Vertreter zu der Sigung entsendet hatten. Der Vorsitzende, Herr Kreisrath Haas, meinte dazu, die Arbeitgeber müßten sich wohl im Unrecht fühlen, denn sonst wären sie doch zu den Verhandlungen erschienen. Eine zweite Sigung ist für das Ende der Woche in Aussicht genommen. Die Wäschereibesitzer waren überzeugt, daß die Wäscherinnen, von der Noth gezwungen, bereits in den ersten Tagen des Mai die Arbeit bedingungslos wieder aufnehmen würden. Dies war nicht der Fall, denn das bitterste Elend ist bis jetzt Dank der Organisation und der thatkräftigen Unterstüßung der Arbeiterschaft von Isenburg und Umgegend abgewehrt worden. Die Unternehmer gerathen dagegen in immer schwerere Unannehmlichkeiten. Die kleine Zahl der zum Ersatz eingestellten ungeübten Arbeiterinnen vermag die Arbeit nicht zu bewältigen. Die Kundschaft ließ sich bis jetzt von Woche zu Woche vertrösten, nun ist ihr jedoch die Geduld gerissen, sie dringt auf Ablieferung der Wäsche. Geradezu bewundernswerth entschlossen, opferfreudig und einmüthig ist die Haltung der Ausfändigen. Obgleich der Kampf bereits mehr als drei Wochen währt, haben die Unternehmer auch nicht eine einzige Streitbrecherin gefunden. Wenn den Arbeiterinnen die nöthige Unterstützung zu Theil wird, um noch kurze Zeit im Kampfe auszuhalten, so ist ihr Sieg gewiß. Wir sind überzeugt, daß weitere Kreise der deutschen Arbeiterwelt, daß insbesondere die Genossinnen es an Beweisen thatkräftigen Soli-. daritätsgefühls mit den wackeren Streiterinnen nicht fehlen lassen werden. Die Wäscherinnen zählen, zumal in Folge ihrer ungeregelten Arbeitszeit, nicht blos zu den schlechtest gestellten Arbeiterinnenarten, sondern im Allgemeinen auch zu denen, die dem Gedanken von einer Besserung ihrer Erwerbsverhältnisse und von der Nothwendigkeit der Organisation am schwersten zugänglich sind. Umsomehr Anerkennung und Sympathie verdient es, daß die Neu- Isenburger Wäscherinnen sich aufrafften, organisirten und für bessere Arbeitsbedingungen ringen. Moralischer und materieller Beistand muß dafür sorgen, daß die von den Unternehmern beabsichtigte Sprengung des Wäscherinnenvereins vereitelt werde, damit das, was zum Zwecke der Organisirung und Schulung der Arbeiterinnen unter großen Opfern geschaffen wurde, 75 sich kräftig und gesund weiter zu entwickeln vermag. Der Sieg der ausständigen Wäscherinnen bedeutet nicht blos menschenwürdigere Existenzverhältnisse für besonders schamlos ausgebeutete Proletarierinnen, er bedeutet eine Kräftigung des Organisationsgedankens und des klassenbewußten Lebens innerhalb einer Arbeiterinnenkategorie, die grenzenloses Elend in stumpfsinniger Ergebung zu ertragen schien, statt in fester Geschlossenheit dagegen anzukämpfen. " Polizei und Staatsanwalt im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Die Breslauer Behörden zeichnen sich schon seit längerer Zeit durch ihr ebenso schneidiges als tiefgründiges Vorgehen gegen die Genossinnen aus. Ihre neueste Kraftleistung im Wettrennen um die Palme der Staatsretterei stellt ein anhängig gemachter großer Sozialistenprozeß dar, der sich natürlich um die angebliche Uebertretung des gebenedeieten preußischen Vereinsgesetzes dreht. Das nöthige Beweismaterial für die vereinsgefeßlichen Sünden der Genossinnen zusammenzubringen, hat der Breslauer Polizei eine Heidenmühe gemacht. Eine Haussuchung, die zu dem Zwecke auf Antrag der Staatsanwaltschaft anfangs März in den Redaktionsräumen der„ Volkswacht", sowie bei den Genossinnen Geiser und Kayser stattfand, blieb ohne jeden Erfolg. Sie ergab auch nicht das geringste Beweischen dafür, daß der vor vier Jahren durch gerichtliches Urtheil aufgelöste Frauenverein weiter bestehe. Trotzdem lebt die Staatsanwaltschaft der frohen Hoffnung, die Existenz des im Gehirn pflichteifriger Beamten herumsputenden Vereins nachweisen zu können. Hauptangeschuldigte sind unsere Genossinnen Geiser und Kayser, die in öffentlicher Volksversammlung gewählten weiblichen Vertrauenspersonen. Sie haben sich nach der Ansicht der Gesetzeswächter volle fünf Jahre hindurch in dreifacher Hinsicht strafbar gemacht. Erstens sollen sie die Ziele des am 9. Dezember 1892 durch Urtheil des Breslauer Schöffengerichts aufgelösten Allgemeinen Arbeiterinnenvereins" dem gerichtlichen Verbote zuwider unausgesetzt zu erreichen gesucht haben durch eine heimliche Fortsetzung dieses Vereins, deren Spuren in einer den Genossinnen völlig unbefannten sozialdemokratischen Frauenagitations Vereinigung" zu Tage getreten wären. Zweitens werden die Missethäterinnen bezichtigt, in den nicht existirenden geheimnißvollen Verein Frauen aufgenommen zu haben. Drittens liegt ihnen zur Last, sie hätten eine gesetzeswidrige enge Verbindung mit dem sozialdemokratischen Verein für Breslau und Umgegend unterhalten. Als Zeugen für die verschiedenen Vergehen werden mehr als ein Dutzend Polizeibeamte, Polizeiund Kriminalkommissarien, Schutzleute und außerdem zahlreiche Frauen vor Gericht aufmarschiren. Vermuthlich wird die Anklage sich noch auf eine beträchtliche Zahl von Frauen ausdehnen, die seiner Zeit dem aufgelösten Arbeiterinnenverein angehört haben. Die Verhand lungen versprechen interessant zu werden. Wahrscheinlich führen sie den staunenden Laien wieder einmal zu Gemüthe, welch fühner, sinniger und minniger Leistungen auf dem Gebiete der Gesetzesauslegung und Thatendeutung strebsame Juristen fähig sind, wenn es sich darum handelt, aufgeklärten Proletarierinnen den Kampf für die Befreiung ihrer Klasse zu erschweren. Zu den schönsten Erwartungen in dieser Richtung berechtigt unserer Ansicht die Entscheidung des Polizeipräsidiums von Breslau in der folgenden Angelegenheit. Wie wir seiner Zeit mittheilten, war am 24. Januar eine öffentliche Versammlung für Frauen und Männer, in der Genossin GreifenbergBerlin sprechen sollte, unmittelbar nach der Eröffnung ohne jeden ersichtlichen Grund aufgelöst worden. Die Vorsitzende der Versammlung, Genossin Geiser, hatte dagegen sofort beim Polizeipräsidium Beschwerde geführt. Daraufhin erhielt sie erst nach einem Monat Bescheid, Und zwar erklärte der Polizeipräsident Bienko die Auflösung der Versammlung auf Grund der§§ 8 und 16 des preußischen Vereinsgesetzes für gerechtfertigt; ferner theilte es mit, daß wegen Uebertretung der beiden Paragraphen das, strafgesetzliche Verfahren" eingeleitet sei.§ 8 und§ 16 des preußischen Vereinsgesetzes handeln von politischen Vereinen. Offenbar ist also die hochweise Polizei der unmaßgeblichen Ansicht, daß die betreffende Versammlung von irgendwelchem politischen Verein ausgegangen war. Bewiesen hat sie diese ihre Ansicht allerdings nicht, sie könnte sie auch nicht beweisen, denn es liegt auch nicht der Schatten eines Thatbestandes vor. Der Findigkeit der Breslauer Behörden hält ihre Schneidigkeit die Wage. Bekanntlich wurde in Breslau eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen aufgelöst, weil die Referentin, Genossin Greifenberg, der Lebenshaltung eines armen Arbeiters die sorgfältige Pflege gegenüberstellte, welche einem Luruspferde oder einem Schoßhündchen zu Theil wird. Die gegen Auflösung der Versammlung erhobene Beschwerde wurde mit der Begründung zurückgewiesen, das Vorgehen des überwachenden Polizeibeamten sei begründet gewesen, weil die Referentin gegen§ 130 des Strafgesetzbuches verstoßen habe, so daß gegen sie das Strafverfahren eingeleitet sei. Genossin Greifenberg soll also durch ihre Aeußerung verschiedene Gesellschaftsklassen gegen einander zu Haß und Gewalt 76 hinein von Völkerfrieden und allgemeiner Volksbeglückung, der Mann, der für diese Ideale arbeitet, weiß, daß er auf einem ganz bestimmten Wege Schritt vor Schritt vorwärts gehen, hunderterlei Hemmnisse mühsam forträumen und viele Feinde, die ihn zurückhalten oder ihm entgegentreten, überwinden muß. thätigkeiten aufgereizt haben. Diese Auffassung steht im Widerspruch| beweist, wie jung sie noch ist; der Jüngling schwärmt ins Blaue zu dem Sinn des an anderen schlesischen Orten unbeanstandet abgehaltenen Referats. Genossin Greifenberg bezweckte, die Arbeiterinnen für den Anschluß an die Gewerkschaftsorganisation zu gewinnen. Jm Gegensatz zu den Lehren der Geschichte sind die Breslauer Behörden der Ansicht, durch polizeiliche Schärfe und jesuitische Klügelei eine Bewegung aufhalten zu können, die wie die der proletarischen Frauen mit Naturnothwendigkeit aus den sozialen Verhältnissen emporwächst. Ihrer harrt die bitterste Enttäuschung. Warum kann die Frauenbewegung nicht unabhängig bleiben? Alle Bewegungen, die von wohlmeinenden bürgerlichen Ideologen ausgingen, wurden, bei ihrer ersten Entstehung, feierlich als„ parteilose" proklamirt. Der schöne, unter edeldenkenden Menschen auch ausführbare Gedanke, daß Angehörige verschiedener religiöser, politischer und philosophischer Richtungen sich im persönlichen Verkehr über diese Differenzen hinwegsehen, und den sachlichen Gegner nicht als einen persönlichen verfolgen und verunglimpfen sollen, wurde in einem sentimentalen Ueberschwang der Gefühle verallgemeinert, indem man erklärte, daß sachliche Gegner in ihrer öffentlichen Thätigkeit, sofern sie nur humane Gesinnungen haben, gemeinsame Sache machen könnten. Im praktischen Leben unerfahrene Schwärmer sind oft im Stande gewesen, an dieser Meinung lange festzuhalten. Der schroffe Charakter, den das Parteileben leicht annimmt, die Härten, die es häufig für das persönliche Leben des Einzelnen mit sich bringt, die Schranken, die es selbst zwischen einander Nahestehenden aufzurichten vermag, sind die Ursache, warum weiche, milde Naturen es vollständig verdammen; stehen sie dabei selbst außerhalb jedes politischen Meinungstampfes, so liegt keinerlei Veranlassung vor, sie ihres Standpunktes wegen anzugreifen. Bewegen sie sich jedoch mitten in diesem Kampf, nehmen sie Stellung zu den Fragen der inneren und äußeren Politik und behaupten sie dabei dennoch parteilos zu sein, so liegt die Verpflichtung vor, diesen Irrthum aufzudecken, der geeignet ist, in untlaren Köpfen Konfusion hervorzurufen. Auch die Frauenbewegung soll, wie viele ihrer Trägerinnen aus dem bürgerlichen Lager ebenso naiv wie enthusiastisch erklären, parteilos sein; sie soll über den Parteien" stehen. Schon diese Erklärung " Gevatter Tod. Don Henrik Pontoppidan.* Draußen im Osten, hinter dem langen zusammengesunkenen Wallgraben, der die Grenze zwischen der Gemeindeweide und den eigentlichen Dorfländereien bildete, lag ein kleines hübsches Käthnerhäuschen mit grünen Fensterrahmen, weinlaubgeschmücktem Giebel und Bienenkörben die Gartenhecke entlang. Einsam und traurig lag es auf der grauen steinigen Erde, die sich nach der Föhrde zu schräg abdachte. Aber in dem kleinen zierlich angelegten Garten vor dem Häuschen stand ein prangender Flor der feinsten und seltensten Blumen. Namentlich im Sommer, wenn die Ranken und Schlinggewächse hoch auf das Strohdach hinaufkletterten und wenn auf den kleinen Zwergbäumen, deren Zweige sich unter ihrer Last zur Erde bogen, die Früchte zwischen dem Laube reiften, sah es inmitten der mageren, trostlosen Dede bezaubernd aus eine tropische Dase, ein tausendfarbiger Blumenforb, der seinen feinen flüchtigen Wohlgeruch in den bittersalzen Athem des Meeres hinaussandte. Es war in Wirklichkeit erstaunlich, was man auf dem kleinen Fleckchen Erde alles hervorgebracht und durch sorgsame liebevolle Pflege zur Blüthe gebracht hatte. Und an manchem stillen Sommerabend, wenn die Sonne sich zum Untergehen rüstete, kamen einzeln oder paarweise die Dorfbewohner mit Pfeife oder Strickstrumpf heraus, um sich am Anblick des hervorgezauberten Reichthums zu erfreuen.„ Das Paradies der Käthnersleute" hieß es wohl auch gewöhnlich in der Leute Mund; ja es gab wohl Manchen, der nahe daran war, zu glauben, daß auf der Stätte in Wirklichkeit ein besonderer Segen ruhe. Die Käthnersleute selbst wußten freilich von einem solchen nichts. Acht Jahre waren es her, seitdem sie von der Gegend jenseits der Föhrde mit zwei rothangestrichenen Truhen, einem Spinn* ,, Aus ländlichen Hütten." B. Heymanns Verlag, Berlin C., Niederwallstraße 13. Die bürgerliche Frauenbewegung soll aber nicht nur parteilos sein, sie soll es bleiben. Man fürchtet, sie könne ihren idealen Charakter verlieren, wenn sie sich bestimmten Parteien anschließt und verkündet feierlich, sie sei zu groß für eine Partei". Etwas von den Folgen der mit der jahrhundertelangen rechtlichen und politischen Unterdrückung der Frau Hand in Hand gehenden Verhimmelung des weiblichen Geschlechts spricht aus diesen Ansichten. Die Gegner der Frauenemanzipation kämpfen fast immer im Namen der Würde, der Reinheit und Hoheit der Frau; ihre Wortführerinnen gleichen ihnen, indem sie in seltsamer Ueberhebung auch der„ neuen Frau" und der von ihr getragenen Bewegung ein Piedestal unter die Füße zu schieben suchen, von dem sie bei Leibe nicht in das Gewühl des öffentlichen Lebens hinabsteigen darf. Als Beispiel wird, wie das Sitte ist, seitdem einige Führerinnen der bürgerlichen Frauenbewegung einmal fünf Wochen in England zum Zweck„ sozialer Studien" zubrachten- ich war, nebenbei gesagt, damals auch dabei, bin aber zu ganz anderen Resultaten gekommen auf die britische Frauenbewegung hingewiesen, von der man steif und fest behauptet, sie sei parteilos. An der Hand der geschichtlichen Entwicklung dieser Bewegung läßt sich nun aber besonders deutlich nachweisen, wie sie sich, je mehr sie an Bedeutung zunahm, in immer entschiedenere politische Richtungen spaltete. Von dem Augenblick an, wo sie aus dem Stadium der Aufstellung und Vertheidigung bloßer Theorien zu ihrer Umsetzung in die Praxis überging, begann der Streit über die Mittel und Wege, die zu diesem Zweck einzuschlagen sind. Solange die Frauenbewegung eine fast ausschließlich akademische war, d. h. sich nur die Eröffnung der Universitäten und die Zulassung zu höheren Berufen zum Ziele setzte, blieb sie natürlich auch den politischen Fehden fern; sobald sie jedoch umfassender wurde, und infolge der rapiden wirthschaftlichen Entwicklung die sozialen Fragen in den Kreis ihrer Bestrebungen aufgenommen werden mußten, trat sie mit auf den politischen Kampfplatz. Es giebt heute in England konservative, liberale und sozialistische Frauenvereine aller Schattirungen, die sich untereinander scharf bekämpfen; wenn ein Deutscher dies etwa leugrad und dem Inhalt eines Ehebetts herübergekommen waren. Und in dieser ganzen Zeit hatten sie sich beständig von den Menschen ihrer Umgebung fern gehalten. Von Morgen bis Abend hatte man sie unbekümmert ihrer Arbeit nachgehen sehen, entweder draußen auf dem Felde hinter ihrem weißen, langbärtigen Gaul oder im Garten mit Gärtnermesser und Spaten. Aber noch nie hatten sie sich unter die Bevölkerung gemischt, obschon diese häufig genug versucht hatte, eine Annäherung herbeizuführen. Selbst in der Kirche, wo sie regelmäßig zu den drei hohen Festzeiten des Jahres erschienen, setzten sie sich zusammen in einem der hintersten Stühle hin und hielten einander getreulich an der Hand, während ihr Blick unverwandt auf dem Prediger ruhte; und wenn der Küster das letzte Wort des Vaterunsers gesprochen, erhoben sie sich schweigend und waren schon weit über die Sandhügel hinaus, ehe die Schaar der übrigen Kirchengänger aus dem Portal herausgekommen war. Er war eine ziemlich kleine zusammengefrochene und überarbeitete Gestalt, mit jener allzugroßen rechten Schulter und der im Ganzen etwas schiefen Figur, die Leuten eigen sind, deren Leben ein einziges mühsames Arbeiten war. Der Ausdruck in seinen großen, fahlen, treuherzigen Augen deutete auf einen etwas verkrüppelten Verstand und in der That mußte auch immer die Frau einspringen, wenn etwas Ernstes oder Verwickeltes abgemacht werden sollte. Sie war ein großes und gesundes Bauernfrauenzimmer von der Art, die nun im Aussterben begriffen ist. Gewiß: Mangel und frühe Leiden hatten ihre Wangen gehöhlt und das Leben hatte eine gewisse scheue Vorsicht in ihren Blick gelegt. Aber ihre ganze Haltung zeugte von einem derben und festen Muth, den noch nichts ganz zu brechen vermocht hatte. Es lag über ihrem großen, durch intelligente Augen erhellten Gesicht eine ruhige Selbstsicherheit, die gleichsam mit unerschrockenem Blick das Leben zu messen schien, wie einen Gegner, den man nicht mehr fürchtet. Man erzählte sich, daß es ihnen seiner Zeit sehr schwer geworden wäre, zusammen zu kommen und man verstand, daß sie darum jetzt sich um so fester und unzertrennlicher aneinander anschlossen. »en will, so ist sein Jrrthum auf Zweierlei zurückzuführen: er sieht nämlich, daß politische Gegnerinnen in England einander im geselligen Verkehr freundlich begegnen und sich im öffentlichen Kampf höflich gegeneinander benehmen, ein Schauspiel, das er freilich in Deutschland nicht genießen kann, und er erfährt, daß alle Frauenvereine ohne Unterschied die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes fordern, während ihm, als einem oberflächlichen Beobachter, die Thatsache unbekannt bleibt, daß sie auch in dieser Forderung sehr verschiedenartig vorgehen. Ist es doch sehr häufig vorgekommen, daß z. B. von den radikalen Frauenvereinen Petitionen gegen einen Gesetzentwurf zu Gunsten des Frauenstimmrechts dem Parlament eingereicht wurden, weil der betreffende Entwurf nur den besitzenden oder den unverheiratheten Frauen das Stimmrecht zuerkannte. Je mehr die englische Frauenbewegung fortschritt, je umfassendere Rechte sie für die Frauen zu erkämpfen suchte, desto mehr sah sie sich auf die Unterstützung der Männer, die allein politische Rechte und damit politischen Einfluß besitzen, angewiesen. Und da die denkende Frau, wenn sie für sich politische Rechte fordert, es nicht thut, weil sie ein unklares, schwärmerisches Gefühl für allgemeine Gerechtigkeit, Gleichheit der Geschlechter u. dergl. hat, sondern weil sie durch diese Rechte für eine Sache, die ihr am Herzen liegt, eintreten, weil sie die Lösung irgend welcher Fragen der inneren und äußeren Politik in ihrem Sinn herbeiführen will, so wird sie sich selbstverständlich der Partei anschließen, die gleiche Ziele verfolgt, wird diese Partei unterstützen und in ihrer Mitte für die Frauenemanzipation Propaganda machen. Die englischen Frauen haben, dank der langen parlamentarischen Entwicklung ihres Vaterlandes, schon früh über politische und soziale Fragen denken gelernt, und sind, obwohl sie politische Rechte noch nicht besitzen, zu einer einflußreichen Macht geworden, da die politische Agitation vor den Wahlen zum großen Theil in ihren Händen liegt. Wir sind in Deutschland nicht so weit, daher ist es begreiflich, wenn manche kurzsichtige Frauen sich leicht einreden lassen, noch dazu, wenn es von den Führerinnen der Frauenbewegung geschieht, daß die Parteilosigkeit ein idealer Zustand ist, der erhalten und gefördert werden soll. Thatsächlich war die deutsche bürgerliche Frauenbewegung bis vor wenigen Jahren parteilos; sie war eben, wie früher die englische, in ihrem theoretisch-akademischen Stadium. Wer näher zusieht, erkennt aber schon heute, wo sie sich mit der sozialen Frage zu beschäftigen anfängt, die beginnenden Spaltungen: Da ist die radikal-liberale, die christlich-soziale und die von dieser sich schon leise Ursprünglich waren sie wohl ein paar verlassene, aus öffentlichen Mitteln unterhaltene Kinder, denen erst in einer billigen und elenden Gemeindepflege vom Leben übel mitgespielt ivorden war und die dann später— von einander getrennt, aber von demselben Gedanken beseelt und demselben Ziele zustrebend— in erbärmlichen Dienstverhältnissen unter allerlei Ausschuß aus den großen Höfen Roth und Elend hatten kennen lernen... bis sie nach nahezu zwanzigjähriger Sklavenarbeit und mühsamer Sparsamkeit es nun endlich soweit gebracht hatten, daß sie Jedem gerecht werden und noch dazu die kleine Landstelle, die sie in diesen Jahren besessen hatten, durch die erste kleine Abzahlung entlasten konnten. Aber damals war es eine Höhle des Elends gewesen, in die sie einzogen, mit verfallenen Mauern und vernachlässigten Ländereien. Nun— nach Verlauf von kaum acht Jahren— war nicht nur die ganze Kaufsumme mit Zins und Zinseszins voll ausbezahlt und Grund und Boden zehnfältig verbessert, ja im Werth bis zum Dreifachen gestiegen, sondern in der benachbarten Stadt wollte man sogar wissen, daß die glücklichen Menschen am letzten Terminstag eine nicht unbedeutende Einlage in die Sparkasse hatten machen können. Aber auch das war nicht ohne die unglaublichsten Selbstkasteiungen erreicht worden. Jeden Tag, jede Stunde in all diesen Jahren hatten sie mit Nägeln und Zähnen dem Ziel entgegengearbeitet, dessen Erfüllung der große gemeinschaftliche Traum und die heimliche Hoffnung ihrer Jugendjahre gewesen war: Freie Leute auf freier Erde zu werden. Ihre kleine, grüngemalte Thür war die erste gewesen, die sich vor dem Morgengrauen geöffnet, die letzte, die sich mit dem Einbruch der Nacht wieder geschlossen hatte. In der Mittagshitze, wenn Andere schliefen, in Regen oder Sturm, immer waren sie im Feld oder Garten beschäftigt, ohne zu ruhen, ohne zu rasten... lasen Steine, pflanzten Hecken, beschäftigten sich mit ihren Blumen oder sahen nach den Bienenkörben. Ja, inmitten des strengsten und dunkelsten Winters konnte man regelmäßig jeden Morgen um abbröckelnde konservativ-soziale Richtung, ganz abgesehen von der konservativ-akademischen, die sich nach wie vor auf den Kampf um die Zulassung zu den Universitäten und den höheren Berufen beschränkt und nur nebenbei etwas in Wohlthätigkeit macht. Diese Spaltungen treten um so deutlicher hervor, als sie stets zugleich in persönlichen Zwistig- keiten einen häßlichen Ausdruck finden. Sie werden sich natürlich immer mehr vertiefen. Die leitenden Persönlichkeiten selbst weisen ihre weibliche Gefolgschaft auf die Nothwendigkeit hin, sich mit sozialen und politischen Fragen zu beschäftigen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist aber kein Mittel zur Aufrechterhaltung der allgemeinen parteilosen Harmonieduselei, sondern zu ihrer Vernichtung. Angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen forderte die„Frauenbewegung" sogar vor einiger Zeit ihre Leserinnen aus, sich den Wahlvereinen anzuschließen. Dieser Aufforderung liegt doch wohl die Ansicht zu Grunde, daß die Frauen, die ihr folgen sollen, überhaupt eine eigene politische Meinung haben, den» es kann ihnen doch kaum eine so charakter- und gesinnungslose Handlungsweise zu- gemuthet werde», daß sie für Parteien, die vielleicht eine oder die andere Forderung der Frauenbewegung zu unterstützen versprechen, agiliren sollen, ohne mit ihren übrigen Grundsätzen einverstanden zu sein. Der Widerspruch zwischen der feierlichen Proklamirung der „parteilosen" Frauenbewegung auf der einen Seite und der Aufforderung an die Frauen, politisch Stellung zu nehmen, auf der anderen, konnte natürlich nicht übersehen werden. Man glaubte ihn mit der Bemerkung abthun zu können:„Daß die einzelne Frau eine Parteistellung annehmen kann, welche sie will und mag, daß die Frauenbewegung jedoch niemals Parteipolitik treiben darf." Ja, ist denn die Frauenbewegung ein abstraktes Ding, das außerhalb der Frauenwelt irgendwo herumschwebt?! Oder soll es sich mit der politischen Ueberzeugung ebenso verhalten, wie mit der kirchliche» Frömmigkeit, die man nur Sonn- und Feiertags mit dem Festkleid aus dem Schrank Holl, um sie Alltags wieder sorgfältig zu verschließen? Je mehr die Frauen, die Trägerinnen der Frauenbewegung, politisch reif werde», und sich verschiedenen Parteien anschließen, desto sicherer wird auch die Bewegung selbst in verschiedene politische Richtungen zerfallen. Es müßte denn von den Päpstinnen der bürgerlichen Frauenbewegung ein Edikt erlassen werden, das allen Frauen, die eine selbständige politische Meinung haben, untersagt, sich mit der Frauenfrage zu beschästigen! Zweifellos würden sich genug Frauen 4 Uhr den rothen Lichtschein aus ihren Fenstern auf den Schnee hinausleuchten sehen. Dann saßen sie drinnen in der kleinen niedrigen Stube mit stillem, nie ermüdendem Eifer und nutzten die Zeit bis Tagesanbruch. Ane— so hieß die Frau— spann oder kardcde, während Simon Strohmatten flocht oder Holzschuhe schnitzte. Und am Abend, wenn der kurze Tag zu Ende war, nahmen sie ihre Arbeit ruhig da wieder auf, Ivo sie am Morgen aufgehört hatten und lasen zuletzt bei dem dünnen Talglichte ein halbes Kapitel aus der Bibel, ehe sie im Alkoven Ruhe suchten. Im Sommer dagegen war es der Garten, der ihre müßigen Stunden in Anspruch nahm. Hier wurde jedem Zoll Erde die gewissenhafteste und peinlichste Pflege zu Theil. Hier wimmelte es von kleinen interessanten Einrichtungen, die Simon mit einer gewissen mechanischen Fertigkeit, die bei Leuten mit schwachem Verstand nicht ungewöhnlich ist, zusammengesetzt hatte und die den Zweck verfolgten, entweder kleine schwächliche Bäume vor dem Wind zu schützen, die Vögel von den Beeren zu verscheuchen oder eine kleine Blume der Sonne theilhastig werden zu lassen. Aber alles— Strohmatten, Holzschuhe, Honig, Blume», Früchte, bis hinab zu der unbedeutendsten Beere— wurde gewissenhaft gesammelt und an jedem Sonnabend von Ane auf dem Markt der nächsten Stadt zu Geld gemacht. Und so wurde der rothe gehäkelte Beutel, der im Stroh des Bettes versteckt lag, immer schwerer, und wenn er am Terminstag geleert wurde, gestaltete sich die Abzahlung immer erfolgreicher. So lebten sie sechs Jahre hindurch ohne Kinder. Aber im siebenten Jahre gebar Ane eine Tochter, die sie nach dem Tage der Geburt Eulalia nannten. Im Jahre darauf schien es ihr, als sollte sie wieder Mutter werden. Aber wie die Zeit verrann, stellte es sich zu ihrer Verwunderung heraus, daß sie sich geirrt haben mußte. Diese Entdeckung, die ihr früher eine Erleichterung bedeutet hätte, wurde ihr jetzt zu einer Enttäuschung. Nun da sie durch harten Kampf etwas errungen hatten, wünschte sie sich eine Kinderschaar, um mit ihnen ihr Glück zu theilen. Ja, die der Bourgeoisie finden, die sich enthusiastisch dieser Bestimmung fügen, und sich ,,, über den Parteien" stehend, nur der Arbeit für die Lösung der Frauenfrage zu widmen versprechen würden. Mitten in dieser Arbeit würden die Ernsten unter ihnen bald einsehen, daß die Lösung der Frauenfrage von der Lösung vieler anderer Fragen bedingt wird, daß sie in innigem Zusammenhang mit den allgemeinen wirthschaftlichen und politischen Zuständen steht und daß von einer wirksamen Arbeit im Interesse der Frauenbewegung nur dann die Rede sein kann, wenn sie mit der Arbeit im Interesse der sozialen Bewegung Hand in Hand geht. Im Gegensatz zur deutschen bürgerlichen Frauenbewegung ist die deutsche Arbeiterinnenbewegung längst zu diesem Resultat ge= kommen, und zwar weniger auf Grund eines theoretischen Gedankengangs, als auf Grund praktischer Erfahrung. Die männlichen Berufe", um deren Eroberung die Frauen der Bourgeoisie kämpfen, stehen den Proletarierinnen offen; die Frauenfrage aber ist durch diesen Umstand ihrer Lösung nicht näher gebracht worden, denn die Arbeit im selben Joch mit dem Mann bedeutet keine Befreiung, sondern eine nur noch tiefere Versklavung der Frau. Im Konkurrenztampf mit dem stärkeren Geschlecht muß das schwächere unterliegen, bis Beide einsehen lernen, daß es in ihrem gegenseitigen Interesse liegt, nicht gegeneinander, sondern miteinander gegen den gemeinsamen Feind, die kapitalistische Gesellschaftsordnung, zu kämpfen. Die Frauenbewegung ist nicht zu groß für eine Partei", sondern ihre Förderung ist vielmehr nur im Rahmen einer Partei möglich und zwar, nach unserer Einsicht, im Rahmen der sozialdemokratischen. Wie, kann man mir von bürgerlicher Seite einwerfen, können wir unsere Ziele die Eröffnung der Universitäten, die Zulassung zu den höheren Berufen, ja selbst die rechtliche und politische Gleichstellung mit dem Mann nicht auch mit Hilfe anderer Parteien erreichen? Gewiß kann das geschehen, wenn die bürgerlichen Parteien sich überhaupt nach vorwärts entwickeln sollten, aber wir bestreiten, daß mit der Erreichung dieser Ziele die Frauenfrage gelöst ist. Mit der Zulassung zu den Universitäten und den höheren Berufen wird der heftige Konkurrenzkampf zwischen Mann und Weib, der im Proletariat bestanden hat und auch noch besteht, in der Bourgeoisie entfacht werden; mit der Gewährung politischer Rechte werden die Parteien aller Schattirungen, zunächst vor allem die konservativen, numerisch zunehmen, ohne daß zu Anfang ein merklicher, oder etwa gar ein hervorragend reformirender Einfluß des weiblichen Elements betrogene Hoffnung würde ihr sogar ernste Sorge bereitet haben, wenn nicht ein anderes, noch mehr bedeutungsvolles Ereigniß gerade in dieser Zeit alles Andere in den Schatten gestellt hätte. Der Zeitpunkt der letzten Abbezahlung war nämlich eingetreten. Die glückliche Stunde, von der sie so lange geträumt und der sie mit so langsamer Mühe entgegen gesteuert hatten, war endlich da. Mit einem sonderbaren, weihevollen Hochgefühl sahen Beide den Tag sich nähern. Es war, als könnten sie noch immer nicht glauben, daß er wirklich eingetroffen war. In der Nacht vorher war ihr Gemüth so bewegt, daß sie keine Ruhe fanden, und schon zwei Stunden vor Tagesanbruch war Simon aus dem Bett und stand fir und fertig im besten Sonntagsanzug, um nach der Stadt zu gehen. Mit rothgeränderten Augen bewegte sich Ane unruhig in der Stube umher und legte hier und da noch eine letzte Hand an seinen Anzug; und als sie den letzten Schimmer seines funkelneuen Sonntagsrockes, in dessen geräumiger Innentasche die zweihundert Kronen gut und sicher eingenäht waren, hinter den Kieshügeln hatte verschwinden sehen, legte sie sich über die schlafende fleine Eulalia und brach einen Augenblick in erschütterndes Weinen aus. Noch am Nachmittag, als Simon endlich zurückkam und mit einem Kopfnicken andeutete, daß es nun vollbracht sei, lag etwas Fremdartiges in ihrem Wesen, beinahe wie eine leise Niedergeschlagenheit oder Leere. Ane hatte, um dem Tag einen festlichen Anstrich zu geben, den Tisch mit gebratenem Hering und Sauerfohl gedeckt; aber feiner fonnte es zu einem richtigen Appetit bringen und gesprochen wurde nur wenig. Nach Tisch gingen sie zusammen in den Garten hinaus, wo Alles in duftender Blüthe stand. Darauf wanderten sie über das Feld hinaus, besahen den Roggen, freuten sich über die Kuh, die sich's im Klee wohl sein ließ, und über die Schafe auf dem Hügel. Bolle, das langbärtige Pferd, stand auch hier; und hinter dem Rücken ihres Mannes, gleichsam als schäme sie sich ihrer Verschwendung, holte Ane ein Stück Brot aus der Tasche und steckte es dem Thiere zu. ( Fortsetzung folgt.) 78 zu spüren sein wird. Der furchtbare Gegensatz zwischen Arm und Reich, die Ausbeutung gerade des weiblichen Proletariats und seine, das weibliche Geschlecht aufs Tiefste erniedrigende Folge, die Prostitution, werden nach wie vor bestehen. Fragen tiefgehender Natur, wie die der Gestaltung der Beziehungen der Geschlechter zu einander, werden noch ungelöst sein. Aber, befreit von den Fesseln bürgerlicher und politischer Rechtlosigkeit, werden die Frauen dann erst in eine wirklich lebendige Frauenbewegung eintreten, die durchaus politisch sein wird. Uns ist es nicht zweifelhaft, welche Partei schließlich als Siegerin aus dem Kampfe hervorgehen muß. Es ist diejenige, welche schon jetzt nicht nur für alle auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung durchführbaren Forderungen der Frauenbewegung eintritt, sondern die zu gleicher Zeit für die völlige Lösung der Frauenfrage die Wege ebnet. Viele unter uns Frauen sind durch ihre eingehende Beschäftigung mit der Frauenfrage zu den Ueberzeugungen dieser Partei selbständig gelangt, ehe sie noch wußten, daß sie damit in das Lager der Sozialdemokratie traten. Ihre Zahl ist in stetem Wachsthum begriffen und jede Einzelne ist ein lebendiger Beweis gegen die irrthümliche Auffassung von der„ unabhängigen"," parteilosen" Frauenbewegung. Soll sie wirklich eine Bewegung sein, so muß sie von dem ihr künstlich gebauten Piedestal herunter mitten in das bewegte öffentliche Leben der Gegenwart, wo die Gegner im Kampf ihre Kräfte messen und der Lebensfähige Sieger bleibt. Berlin. Lily Braun. Frauen im Betriebe der preußischen Staatseisenbahn- Verwaltung. Seit mehr als zwanzig Jahren sind sowohl im Betriebe der Reichspostverwaltung als der preußischen Staatseisenbahnverwaltung weibliche Arbeitskräfte beschäftigt. Während der erstgenannte Betrieb seinen weiblichen Angestellten im Jahre 1892 die Beamtenqualität verlieh, hat sich die Eisenbahnverwaltung bisher nicht dazu verstanden, eine so selbstverständliche und durchaus berechtigte Maßregel zu ergreifen. Es besteht auch, wie die jüngsten Etatsberathungen ergeben haben, vorläufig keine Aussicht, daß in absehbarer Zeit eine Aenderung dieses unwürdigen Zustandes herbeigeführt wird. Die Zahl der von der Staatseisenbahnverwaltung in selbständigen Stellungen Fahrkartendienst, Abfertigungsdienst, Bureaudienst und Telegraphendienst beschäftigten Damen beläuft sich nach Angabe des Geh. Oberregierungsraths Gerlach gegenwärtig auf 236; dazu kommt eine sehr geringe Zahl weiblicher Gehilfen in unselbständigen Stellungen, meist Töchter von Beamten, welche lediglich in den Funktionen des Mannes aushilfsweise Dienst thun. Des Weiteren sind über 3000 Schrankenwärterinnen angestellt, d. h. solche Personen, welche die Schranken zu bewachen und zu bedienen haben, die das Publikum beim Herannahen eines Zuges von dem Uebergang über die Bahn abhalten sollen. Bereits im Jahre 1873 hat das preußische Staatsministerium die Frage der Anstellung weiblicher Kräfte erörtert und sich mit der Beschäftigung von Frauen einverstanden erklärt, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ihnen der Charakter von Staatsbeamten nicht beigelegt werden dürfe. Maßgebend hierfür war einmal die Befürchtung, daß die Frauen dem Publikum gegenüber nicht die nöthige Autorität(!) besitzen würden und sodann der Zweifel, ob weibliche Beamte ihre Amtspflichten mit Erfolg erfüllen könnten. Da nun nach den gesetzlichen Vorschriften nur den etatsmäßigen Beamten ein Anspruch auf Pension aus der Staatskasse zusteht, so haben die weiblichen Angestellten, nicht genug damit, daß sie schlechter entlohnt werden als ihre männlichen Kollegen, auch im Falle der Arbeitsunfähigkeit kein Recht auf den Bezug einer Pension; sie erhalten nur in Bedürftigkeitsfällen aus den vorhandenen Dispositionsfonds Gnadenpensionen oder laufende Unterstützungen. Wenn sie im Dienste des Staates ihre Kräfte geopfert haben, so werden sie mithin auf den Weg der Gnade und Bettelei verwiesen. Wenn man ferner bedenkt, wieviel für die weiblichen Angestellten auf einen günstigen Bericht ihrer Vorgesetzten ankommt, da ihnen im Falle eines ungünstigen Urtheils von vornherein jede Aussicht auf Erfüllung ihres Gesuches genommen ist, so kann man sich leicht vorstellen, welchen Versuchungen die Damen ausgesetzt sind. Sind auch diesbezügliche konkrete Fälle bisher nicht in die Deffentlichkeit gedrungen, so liegt doch die Vermuthung, daß aus den geschilderten Verhältnissen Mißstände erwachsen, für Jeden äußerst nahe, der mit den Dingen dieser Welt nur einigermaßen vertraut ist. Rechtlichen Anspruch haben die Frauen einzig und allein auf die Summe, welche sie als Mitglieder der Arbeiterpensionskasse der Staatseisenbahnverwaltung beziehen, und die nach zweiunddreißigjähriger Dienstzeit die ungeheure Höhe von 300 Mark jährlich er reicht, während die Reichstelegraphengehilfinnen nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit 900 Mark Pension beziehen. Konnte der oben erwähnte Staatsministerialbeschluß allenfalls begreiflich erscheinen zu einer Zeit, wo die Verwaltung noch feine Erfahrungen betreffs der Amtsführung der Frauen gesammelt hatte, so ist es geradezu unglaublich, daß heute, nachdem fast ein Vierteljahrhundert mit der Anstellung weiblicher Arbeitskräfte vergangen ist, noch dieselben Gesichtspunkte maßgebend sein sollen. Haben sich die Frauen im Eisenbahndienst bewährt, so darf ihnen der Staat nicht länger ein ihnen zustehendes Recht vorenthalten; haben sie sich nicht bewährt, hat die Erfahrung gezeigt, daß sie für das Amt unbrauchbar sind, so darf der Staat sie logischerweise nicht weiter beschäftigen. Daß die Eisenbahnverwaltung etwa nur aus Mitleid diese ganzen Jahre über weibliche Kräfte verwendete, wird wohl im Ernst Niemand glauben. Aber gerade in dem Umstand, daß die Frauen seit so langer Zeit beschäftigt, und daß immer neue weibliche Kräfte eingestellt werden, liegt doch der beste Beweis dafür, daß die weiblichen Angestellten nicht so ganz untauglich sein können. Wenn ihnen trotzdem nicht die Beamtenqualität verliehen wird, so drängt sich einem unwillkürlich die Vermuthung auf, daß die Eisenbahnverwaltung sich auf den echt kapitalistischen Standpunkt möglichst großer Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft gegen mög lichst geringe Entschädigung stellt. Die preußische Staatseisenbahnverwaltung hat ja längst auf den Ruhm verzichtet, in erster Linie Kulturzwecken zu dienen; sie erblickt ihre Hauptaufgabe in der Erzielung recht hoher Ueberschüsse, damit dem Staate für die Erfüllung agrarischer Gelüste, für den Militarismus und andere fulturwidrige Zwecke die genügenden Mittel zu Gebote stehen. Deshalb widersetzt sie sich seit Jahren jeder auch noch so geringen Reform und deshalb hütet sie sich auch wohlweislich, ihren weiblichen Angestellten eine menschenwürdige Existenz zu gewährleisten. Gerade jetzt, wo dem Landtage der Besoldungsplan vorliegt, wäre eine günstige Gelegenheit zur Abhilfe gegeben. Aber leider beziehen sich die vorgesehenen Ausbesserungen nur auf die höheren und mittleren Beamten, und die niederen Angestellten, namentlich die schlecht entlohnten Unterbeamten der Eisenbahn, gehen wieder einmal leer aus, sie werden auf die Zukunft vertröstet. Den weiblichen Angestellten jedoch bleibt nicht einmal dieser süße Trost, ihnen wird jede Hoffnung auf Besserung ihrer Berufsverhältnisse rundweg abge= schnitten. Das beweist die Auskunft des Eisenbahnministers in der Budgetkommission, und noch deutlicher die Rede des Regierungsvertreters in der Plenarsizung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 13. März. In derselben erklärte der Herr rundweg, daß die Eisenbahnverwaltung bisher Anstand genommen hat, dem Staatsministerium Anträge auf Aenderung der Anstellungsverhältnisse der Frauen zu unterbreiten, weil sie ein Bedürfniß dazu nicht anerfennen könne. 79 Bei der demnächst stattfindenden dritten Lesung des preußischen Staatshaushaltsetats wird die ganze Angelegenheit voraussichtlich noch einmal zur Sprache gebracht werden, aber dafür, daß die Debatte nicht über einige Phrasen der Fürsprecher der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen hinauskommt, bürgt schon die Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses. Die Arbeiterklasse, mag es sich um Opfer des Privat- oder des Staatskapitals, mag es sich um männ liche oder um weibliche Arbeiter handeln, hat von diesem auf Grund des„ elendesten aller Wahlsysteme" zusammengesetzten Parlament, von dieser Vertretung des Großgrundbesitzes auf der einen und der industriellen Geldsacksinteressen auf der anderen Seite nichts zu erwarten. Eine gründliche Besserung der Arbeitsbedingungen der weiblichen Bahnangestellten ist in der heutigen Gesellschaftsordnung in Deutschland so gut wie ausgeschlossen, wenigstens auf so lange, als die Arbeiterklasse im Staate nicht eine größere, ausschlaggebende Macht geworden ist. Sie liegt in um so weiterer Ferne, als jeder Versuch einer Organisation der im Eisenbahnbetrieb beschäftigten Frauen zum Zwecke der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen von oben herab im Keim unterdrückt werden würde. P. H. Arbeitslos. Groß, braun, zerlumpt, kein Hemde hatt' er an, Lastträger, Schmied, Soldat Aus seinem kräft'gen Bau man schließen kann; So machte er die Thür erbleichend auf, Ein arbeitsloser Mann. Er sprach: Ich bin gesund, gebt Arbeit mir, Ich scheue keine Müh'n Mein Arm ist eisern. Fremd bin ich noch hier, Und bittend seit zwei Monden schon umsonst Klopf' ich an jede Thür. Wer ihm die Antwort gab, weiß ich nicht mehr, Es war ein kurzes Nein. Im düstern Schreck verzog das Antlitz er, Und rauhen Tones drang ihm aus der Brust Ein Seufzer, lang und schwer. Er sprach: An eure lieben Todten denkt, Laßt mich nicht von euch gehn. Ach, das Verstoßen den so furchtbar kränkt, Der Hunger hat. Habt Mitleid doch mit mir An cure Todten denkt!... Und weiter sprach er: Wenn an Gott ihr glaubt, Laßt mich nicht von euch gehn. Wer hat das Recht auf Arbeit mir geraubt? Ein Fluch ist's, wenn man den verläßt, der fällt, Indeß an Gott man glaubt!... Wer ihm die Antwort gab, weiß ich nicht mehr, Ein schüchtern schwaches Nein. Es schien als schwankt' im Augenblicke er Und ging dann stumm gesenkten Haupts davon, Sich schleppend müd und schwer. Verzaubert folgt' ihm eine ganze Weile Mein Blick und sah ihn ziehn Auf stein'ger Straße, müd und ohne Eile. Die Junisonne sandte auf sein Haupt Die brennend heißen Pfeile. Er schwand doch wie im Traume noch betrachtet' Jch den Verzweiflungslauf. Unnütz die Kraft, der starke Arm verachtet; Stets vorwärts, vorwärts, schmutzig und zerlumpt, Verstoßen und verschmachtet. Durch Städt' und Dörfer sah ich ihn so gehen, Den stolzen Bettelmann, Umsonst ließ Wundenmal und Dornen sehen Er seines Elends!... bis er niedersank, Den Tod sich zu erflehen!... Und mit gesenktem Haupte, bleich vor Schmerzen, Verzeihung, murmelt' ich; Was von Jahrhunderten nicht auszumerzen An Irrthümern, die Neu und Scham der Welt, Lag schwer auf meinem Herzen. Ada Negri. Aus:„ Stürme", Deutsch von Hedwig Jahn. Verlag von Alexander Dunder, Berlin. Kleine Nachrichten. Eine Ausstellung von Reform- Frauenkleidung fand Ende April in Berlin statt. Veranstaltet war dieselbe von dem„ Verein für Verbesserung der Frauenkleidung", über dessen Wirken in der ,, Gleichheit" wiederholt berichtet wurde. Der Verein bezweckt be= kanntlich, die weibliche Kleidung den Forderungen der Hygiene, Bequemlichkeit und Schönheit gemäß umzugestalten. Mehrere große Berliner Konfektionsfirmen sind seinen Bestrebungen dadurch entgegengekommen, daß sie Muster reformirter Ober- und Unterkleidung anfertigten. Die Ausstellung sollte einen Ueberblick über das bisher Geschaffene bieten und gleichzeitig in weiteren Kreisen für den Gedanken einer Reform der Frauenkleidung Propaganda machen. Die ausgestellten Reform- Kleidungsstücke stellen unserer Ansicht nach einen recht zaghaften und kleinen Vorstoß zur Verwirklichung der Vereinszwecke dar. Nach jeder Richtung hin leiden sie unter dem allzu ängstlichen Anlehnen an die Form, das Aussehen der heutigen Frauenkleidung. Man sucht deren Uebelstände einzuschränken, aber nicht durch radikale Neuerungen vollständig zu beseitigen. Aerzte und Hygienifer vor allem haben deshalb auch an der Reformkleidung genug zu tadeln. Wer sich dagegen mit der bloßen Milderung besonders scharf hervortretender Nachtheile der heutigen Frauenkleidung begnügt, der wird auf der Ausstellung manche interessante und lobenswerthe Reform konstatirt finden. Sehr zahlreich sind die Versuche, das Korset zu reformiren, einen den Körperformen und-Bewegungen entsprechenden Ersatz für das seit langem von der ärztlichen Wissenschaft verurtheilte Kleidungsstück zu schaffen. Besondere Aufmerkſamfeit wird ferner der Herstellung zweckmäßiger Unterkleider zugewendet. An die Stelle der ungesunden Unterröcke sollen mehr oder minder praktische Beinkleider( Hemdhosen 2c.) treten. Da dieselben jedoch fast durchgängig so zugeschnitten sind, daß sie das Aussehen von Röcken haben- als recht ungeheuerlich erschienen uns sehr weite Hosen mit " einem breiten Volant garnirt- so erfüllen sie ihren Zweck recht unvollkommen. Betreffs der Oberkleidung geht das Streben dahin, die Last der Röcke von den Hüften auf die Schultern zu verlegen, was durch entsprechende Knöpfvorrichtungen, Träger 2c. geschehen soll. Auch Reformhüte, Schuhe, Strümpfe 2c. sind angefertigt worden und waren ausgestellt. Unter den ausgestellten Kleidern befanden sich manche recht geschmackvolle und verhältnißmäßig praktische Kostüme. In der Frauenbewegung" hieß es, daß die Ausstellung für die gesammte Frauenwelt von Interesse sei". Und gewiß wäre der Besuch derselben auch für die proletarischen Frauen lehrreich und anregend gewesen. Leider aber waren für diese die Thore der Ausstellung so gut wie verschlossen, und das in Folge des erhobenen verhältnißmäßig hohen Eintrittsgeldes. Es wäre dies verständlich, wenn den Veranstaltern durch die Ausstellung besonders hohe Unkosten erwachsen wären. Dies ist jedoch kaum anzunehmen, denn zu den Ausstellern gehörten fast durchweg nur große, weltbekannte Häuser, wie Herzog, Gerson, Jordan u. A. m., die mittels der Reformkleidung gute Geschäfte zu machen gedenken, für welche die Ausstellung eine prächtige Reklame war, und die deshalb die Bestrebungen des Vereins" unterstützen. In Folge des mitgetheilten Umstandes beschränkte sich die propagandistische Wirkung der Ausstellung fast ausschließlich auf die Kreise der bürgerlichen Frauenwelt. Sollten die Veranstalterinnen des Unternehmens etwa gar der Ansicht sein, daß die gesammte Frauen welt" nur aus der Handvoll zahlungsfähiger Damen besteht? Ob der Verein für Reform der Frauenkleidung" einen nachhaltigen und weitreichenden Einfluß ausüben wird, ist eine sehr offene Frage. Die gleichen Bestrebungen englischer und amerikanischer Frauenrechtlerinnen sind bis jetzt im großen Ganzen so gut wie erfolglos geblieben. Trachten und Moden hängen wesentlich von einer ganzen Reihe wirthschaftlicher und sozialer Umstände ab, an denen die Einsicht und der Wille kleiner Kreise nichts oder wenig zu ändern vermag. Jedenfalls finden die Bestrebungen für Reform der Frauenfleidung in unseren Tagen einen sehr wichtigen Bundesgenossen an dem mehr und mehr überhandnehmenden Radfahrsport der Damen. Dieser wird allem Anschein nach mehr zur Verbesserung der weiblichen Kleidung beitragen, als die frauenrechtlerische Aftion. F. H. Die Arbeitsbedingungen der Berliner Posamentenarbeiterinnen werden in ihrer Verbesserungsbedürftigkeit durch die folgenden Thatsachen beleuchtet, die eine seitens der Agita ionskommission vorgenommene Erhebung ergab. Von den 38 ausgegebenen Fragebogen, die 21 Fragen enthalten, gelangten 26 zurück, sie enthalten Angaben über die Arbeitsbedingungen von 399 Arbeiterinnen. Der Wochenverdienst derselben schwankt zwischen 7, 8 und bis zu 12 Mark, nur selten beträgt er mehr. Der Lohn der 217 Arbeiter, welche die Fragebogen beantworteten, beträgt pro Woche von 15-24 Mt., in einzelnen Fällen 25-30 Mt. Die Arbeitszeit stellt sich auf 9-10 Stunden täglich. Die sanitären Einrichtungen der Betriebe werden häufig als ungenügend bezeichnet. Es fehlt an guter Ventilation und an Sauberfeit in den mit Staub geschwängerten Arbeitsräumen. Getrennte Ankleideräume für Arbeiter und Arbeiterinnen sind des Defteren nicht vorhanden. Entgegen den gesetzlichen Vorschriften werden Arbeiterinnen hier und da des Sonnabends über die Zeit von 126 Uhr hinaus beschäftigt. Die Behandlung der Arbeiterinnen seitens der Werkführer und Fabrikanten wird bei einigen Firmen als schlecht bezeichnet. Recht eindringlich predigen die konstatirten Mißstände die für die Arbeiterinnen vorliegende Nothwendigkeit, sich gewerkschaftlich zu organisiren. Die gewerkschaftliche Organisation verleiht ihnen die Macht, bessere Arbeitsbedingungen und die stritte Durchführung der gesetzlichen Schutzvorschriften zu erzwingen. Weibliche Pharmazenten. Die Frage der Zulassung der Frauen zum Studium der Pharmacie, bezw. zum Apothekerberus, ist im preußischen Kultusministerium eingehend erörtert worden. Die Berufsthätigkeit der Frauen wird voraussichtlich nach dieser Richtung hin erweitert werden. In Ländern, wie Belgien, in denen Frauen zum Studium der Pharmacie zugelassen sind, haben diese bewiesen, daß sie als Apothekerinnen ebenso Tüchtiges leisten wie die Männer. * Das erste weibliche Mitglied der Parlamentskommission der englischen Gewerkschaften ist Miß Margaret Irwin, die sich als Mitglied der Regierungskommission zur Untersuchung der Lage " der Arbeiterinnen, sowie als Gewerkschaftssekretärin in der englischen Arbeiterschaft viel Vertrauen erworben hat. Sie wurde auf dem Gewerkschaftskongreß zu Glasgow mit großer Stimmenmehrheit in die Parlamentskommission gewählt, und ist die erste Frau, die in dieser Kommission Sitz und Stimme erhalten hat. Ihre Wahl bedeutet einen entschiedenen Fortschritt der mit der Arbeiterbewegung zusammenhängenden Frauenbewegung. * Eine Frau als Vorsitzende einer wissenschaftlichen Vereinigung. Zum Präsidenten einer bedeutenden wissenschaftlichen 80 Vereinigung, der Ostenglischen Medizinischen Gesellschaft, ist ein weiblicher Arzt, Mrs. Garrett Anderson, gewählt worden. * Zur Direktorin des Claybury- Krankenhauses wurde vom englischen Grafschaftsrath Miß Sinclair ernannt, nachdem ihre Vorgängerin, Miß Lomson, von der englischen Regierung an das Gouvernementshospital zu Madras berufen wurde. Armenpflegerinnen dürfen nach dem Armenpflegergesetz von 1896 nun auch in Irland gewählt werden. Bei der ersten nöthigen Ersatzwahl wurde das neue Recht ausgenutzt, Miß Martin wurde im Bezirk Lisbellaw als erste Armenpflegerin Jrlands gewählt. Für das laufende Jahr stehen Neuwahlen bevor, aus denen voraussichtlich eine größere Anzahl von Frauen als Armenpflegerinnen hervorgehen werden. * Als Fabrikinspektorin in der englischen Kolonie NeuSüdwales wurde Miß A. J. Duncan ernannt, die bisher Sanitätsinspektorin in London war. Sie ist der erste weibliche Fabritinspektor in dieser Kolonie. * Ueber die Fortschritte der Frauenbewegung in Finnland bringt das Handbuch des Finnländischen Frauenvereins einige interessante Daten. Die Universität Helsingfors wurde im letzten Jahre von 200 weiblichen Studenten besucht, welche meist in den einheimischen Gymnasien ihre Vorstudien gemacht hatten. Für die Munizipalwahlen besitzen die Frauen das aktive Wahlrecht, während sie für die Schulaufsichtsräthe, die Verwaltungen der Armenhäuser und die Armenpfleger auch das passive besitzen. Von den 80 Armenhäusern haben 52 weibliche Direktoren. In der Armenpflege sind 217 weibliche Pfleger thätig. Und das Alles in dem kleinen Finnland, das noch dazu unter russischer Herrschaft steht! * Weibliche Bürgermeister in Kansas. In Kansas( Nordamerika), wo die Frauen schon seit zehn Jahren das munizipale Wahlrecht besitzen, haben fünfzehn Frauen in dieser Zeit das Amt eines Bürgermeisters bekleidet. * Ein Gesetz zu Gunsten des Frauenstimmrechts ist vom Senat von Kansas( Nordamerika) angenommen worden und liegt nunmehr dem Abgeordnetenhause vor. Dasselbe hat ein besonderes Komite ernannt, welches die bisher den Frauen zuerkannten politischen Rechte und ihre Folgen für das Staats- und Gesellschaftsleben untersuchen soll. * Ueber ein Frauenstimmrechtsgesetz wird in Süd- Dakota und Washington im November 1898 voraussichtlich eine Volksabstimmung stattfinden. Miß Susan B. Anthony, die älteste Vorkämpferin der amerikanischen Frauenbewegung, hat wenig Hoffnung in Bezug auf das Resultat, weil besonders in Süd- Dakota zahlreiche Ausländer, vor allem Russen, wohnen, die bei der letzten Abstimmung im Jahre 1890 durch ihre 30 000 Stimmen den Ausschlag gegen das Frauenstimmrechtsgesetz gaben. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Kalifornien, wo die gesetzgebende Körperschaft im Jahre 1895 ein Gesetz zu Gunsten der politischen Rechte des weiblichen Geschlechts annahm, die Voltsabstimmung jedoch es wieder zu Fall brachte, weil die sozial und intellektuell tiefstehenden chinesischen Einwanderer dagegen stimmten. * Ein weiblicher Universitätsprofessor in China. Als Professor der englischen Sprache ist Miß Katharina Mullikin an die Pekinger Universität berufen worden. Darnach ist in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter der deutsche Zopf immer noch größer als der chinesische. Quittung. Für die streifenden Wäscherinnen in Neu- Isenburg gingen folgende Beträge ein und wurden dem Vorsitzenden der Lohnkommission überwiesen: G. E. 2 Mt. 50 Pf., K. K. 1 Mt., Frau Hrzf. 100 Mr., Dr. Bl. 20 Mt., Julius 6 Mt., Dr. Fr. 3 Mt., Paulchen 5 Mk. A. St. 1 Mt. 50 Pf., 3. 1 Mk., durch Fr. Grüzmüller 10 Mt. Zusammen 150 Mt. Die Redaktion der„, Gleichheit". Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Anfragen, Zuschriften, Sendungen 2c. sind von nun an zu richten an die Vertrauensperson Frau M. Wengels Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Gißner) in Stuttgart.. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.