Nr. 12. Die Gleichheit 7. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) viertelfährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 9. Juni 1897. Nachdruck gauzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalt: Resolution, das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen betreffend. Deutsche Sozialreform. Kritische Bemerkungen zu Genoffin Brauns Vorschlag. X. Von Martha Rohrlack- Berlin. Aus der Bewegung. Das Stillen. Von einer Aerztin. Feuilleton: Gevatter Tod. Von Henrik Pontoppidan.( Fortsetzung und Schluß.)- Prometheus.( Gedicht.) Von Goethe. Kleine Nachrichten. Resolution, das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen betreffend. In Erwägung: daß die Proletarierin als Arbeiterin des freien Vereins- und Versammlungsrechts bedarf, um durch die Macht der Organisation bessere Arbeitsbedingungen zu erringen; daß die Prole tarierin als Frau des freien Vereins- und Versammlungsrechts bedarf, um ihre politische Gleichberechtigung zu erkämpfen; daß die Proletarierin als Angehörige der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse das freie Vereins- und Versammlungsrecht bedarf, um auf politischem Gebiete zusammen mit dem Manne ihrer Klasse für ihre volle Befreiung zu streiten; in weiterer Erwägung: daß es ein schreiendes Unrecht ist, der Frau mit dem unbeschränkten Vereins- und Versammlungsrecht auf politischem Gebiete die Möglichkeit vorzuenthalten, ihre Interessen im öffentlichen Leben genügend wahren zu können, während sie doch so gut wie der Mann unmittelbar und mittelbar zur Aufbringung aller staatlichen und gesellschaftlichen Lasten herangezogen wird; in endlicher Erwägung: daß die Frau als Mutter die Möglichkeit besitzen muß, sich in politischen Vereinen und Versammlungen aufzuklären, damit sie ihre Kinder zu freien, pflichttreuen Bürgern des Gemeinwesens und zu Kämpfern für die freiheitliche Entwicklung zu erziehen vermag; fordern die am. und Mädchen: in . versammelten Frauen Ein unbeschränktes, gesetzlich gewährleistetes Vereins- und Versammlungsrecht für Alle, ohne Unterschied des Geschlechts, das Gesinde und die Landarbeiterschaft inbegriffen. Mit aller Energie protestiren sie gegen die preußische Vereinsgesegnovelle als gegen ein schmähliches Attentat auf die kümmerlichen politischen Freiheiten des Volkes. Diese Novelle trägt den berechtigten Interessen der Frauen feine Rechnung, sondern behandelt sie als Unmündige. Sie zweckt darauf ab, der Proletarierin wie ihrer Klasse den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und Freiheit zu erschweren. Sie erhebt die Willkür zum Gesetz und bedroht das allgemeine Wahlrecht. Die Versammelten erklären es deshalb für die Pflicht der Proletarierinnen, energisch für die Vereitelung des verfassungswidrigen und gemeinschädlichen Vorstoßes der junkerlich- preußischen Reaktion zu kämpfen. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Deutsche Sozialreform. Wie zuversichtlich, wie triumphirend hoffnungsfreudig klopfte nicht voriges Jahr das Herz der matt und vielfarbig schillernden Sozialreformler bürgerlicher Observanz. Der denkwürdige Streit " Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. der Konfektionsarbeiter und Arbeiterinnen hatte so grelle Schlaglichter auf das Elend proletarischer Frohn und proletarischer Lebenshaltung geworfen, daß selbst in gut bürgerlichen Kreisen ein Funken Mitgefühls emporblißte, daß allen bürgerlichen Parteien voran sogar die Nationalliberalen, die politischen Sachwalter des industriellen Großkapitals, zu Gunsten der betreffenden Arbeiterschichte ein bescheiden Maß gefeßlichen Schußes forderten. Das„ gute Herz", die, wohlwollende Einsicht" der bürgerlichen Welt, sie hatten sich glänzend als sozialreformatorisch treibende Mächte ersten Ranges bewährt; sie hatten die sozialistische Ansicht zerschmettert, daß auch betreffs der dringlichsten Gegenwartsreformen das Proletariat sein vornehmstes Vertrauen in die eigene Kraft, in den Kampf von Klasse zu Klasse sezen müsse. So und so ähnlich zwitscherte es in den überschwänglichsten Tönen im bürgerlichen Blätterwalde. Ein absichtliches Verkennen der edelsten Gefühle, eine neidgeborene Lästerung der besten Absichten ward es gescholten, daß die Sozialdemokratie so im Reichstag wie in der Presse und in Versamm= lungen unter Hinweis auf die bitteren Lehren der Vergangenheit Zweifel an dem ehrlichen Wollen der Einen, an der Kraft des Vollbringens der Anderen bekundete. Die Zukunft, so frohlockte nicht bloß der breite Troß der vulgären kapitalistischen Klopffechter, so frohlockte auch das Fähnlein der guten Menschen und schlechten Musikanten, werde diese Zweifel gründlich Lügen strafen. Mehr als 365 Mal hat sich die Sonne geneigt, seitdem die bürgerliche Welt ihren brennenden Reformeifer für die dem Ver= elenden preisgegebene Konfektionsarbeiterschaft in gar rührenden Worten von den empfindsam geschürzten Lippen tropfen ließ. Die Zukunft ist Gegenwart geworden, Vieltausende bleichsüchtiger, freudloser Näherinnen, Schaaren hohlwangiger, sorgengebeugter Arbeiter haben ihr entgegengearbeitet, gedarbt, gehofft in tagtäglich sich erneuernder Qual. Wie löst die Gegenwart die Verheißungen der Vergangenheit ein? Nicht eilig fürwahr hatten es die bürgerlichen Gewalten, die versicherte Sympathie für die Konfektionsarbeiterschaft aus Worten in Thaten umzusetzen. Wohl erklärte der nationalliberale Reichstagsabgeordnete von Heyl in der Sizung vom 12. Februar 1896, ,, daß wenn man die Enquete von 1887 genau und gründlich durchsieht, man zu der Ueberzeugung kommen muß, daß eine sofortige gesetzgeberische Hilfe nothwendig ist". Troß dieses Zeugnisses aus gewiß unverdächtigem Munde und dieses Hinweises auf ein gewiß unverdächtiges Thatsachenmaterial ward die gesetzgeberische Hilfe hinter den Abschluß einer neuerlichen Erhebung seitens der Reichskommission für Arbeiterstatistik vertagt. Und erst in den allerletzten Wochen setzten die zaghaften Anläufe ein, der krassen Ausbeutung der Konfektionsarbeiterschaft durch die Gesetzgebung thatsächlich etwelche Schranken zu ziehen. Die Reichsregierung legte dem Parlament einen Gesezentwurf vor, welcher durch eine Erweiterung der Gewerbeordnung und durch Abänderung des Krankenkassengesetzes die Lage der in der Hausindustrie beschäftigten Arbeiterschaft etwas günstiger gestalten soll. Des Weiteren hat der Bundesrath durch Verordnung die Bestimmungen der§§ 135-138, 139-139b auf die Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion ausgedehnt. Wenn die ausschlaggebenden Gewalten in Sachen der nöthigen gesetzlichen Hilfe mithin langsam, wie„ Gottes Mühlen" mahlten, so mahlten sie doch nichts weniger als„ trefflich klein"; was sie durch„Langmuth versäumt", das holten sie nicht durch den„Zorn" gründlicher Reformvorschläge wieder ein. Weit bleibt das, was verordnet und geplant ist, hinter den berechtigten und bescheidenen Forderungen der Konfektionsarbeiterschaft zurück. Den zahlreichen, vielgestaltigen Uebervortheilungen, welchen Arbeiter und Arbeiterinnen bei den Lohnberechnungen ausgesetzt sind, soll vorgebeugt werden durch die Einführung von Lohnbüchern oder Arbeitszetteln, welche vor Ilebernahme des einzelnen Auftrags Klarheit über die Lohnverhältnisse geben. Nicht berücksichtigt ist der vom badischen Fabrikinspektor vr. Wörishoffer in der Kommission formulirte Antrag, die geltenden Akkordlöhne in den Werkstätten und in den Räumen der Konfektionäre, wo Arbeiter verkehren, durch Aushängen von Tarifen bekannt zu geben. Nicht berücksichtigt ist die Forderung der Arbeiterschaft, die Meister zu verpflichten, auf den Arbeitszetteln die Löhne anzugeben, die sie selbst von den Unternehmern erhalten. Es fehlt die Verpflichtung der Unternehmer und Zwischenmeister, eventuell gelieferte Zuthaten und Werkzeuge den Arbeitern nicht höher als zum Selbstkostenpreis anzurechnen. Es mangelt vor allem das Verbot von Lohnabzügen ohne die Entscheidung eines einzusetzenden Spezialschiedsgerichts. Kurz, der Entwurf sieht gerade jene Maßregeln nicht vor, welche nach der Meinung der Konfektionsarbeiterschaft den wirksamsten Schutz gegen Uebervortheilung bei der Lohnberechnung bieten. Und doch hat der amtliche Bericht die in dieser Hinsicht vorhandenen schweren Mißstände unumwunden anerkannt. Keine Vorsorge trifft der Entwurf, um Arbeiter und Arbeiterinnen gegen Zeitversäumniß, d. h. einen Ausfall an Verdienst beim Abholen und Liefern von Arbeit sicher zu stellen. Mit kühler Nichtachtung geht er an den einschlägigen Aussagen von Auskunftspersonen, geht er an den Feststellungen des Berliner Gewerbegerichts vorüber, laut deren der wöchentliche Zeitverlust von 29 Zwischenmeistern der Herren- und Knabenkonfektion insgesammt 119 Stunden betrug, also 7 Stunden pro Woche und Person, im einzelnen Falle 3— 2t) Stunden: 99 Heimarbeiterinnen der Branche gingen mit Abholen und Liefern 589 Stunden verloren, das ist 6 Stunden pro Person und Woche, im einzelnen Falle 2—18 Stunden. Welch' köstliche Poeten müssen nicht die Verfasser der Begründung des Entwurfs sein, welche mit den angezogenen Ziffern die Behauptung reimen:„Es können auch die über Verzögerungen bei der Empfangnahme und Ablieferung der Arbeit erhobenen Beschwerden nach dem Ergebniß der Erhebungen nicht als begründet erachtet werden." Daß die Löhne in der Kleider- und Wäschekonfektion„vielfach außerordentlich niedrig" sind, das giebt die Begründung zu und findet es„beklagenswerth". Trotzdem legt der Entwurf nicht jenen durchgreifenden gesetzlichen Schutz der Konfektionsarbeiterschaft fest— insbesondere durch Regelung der Heimarbeit—, welche mittelbar auf eine Hebung des Verdienstes hinwirken. Ferner enthält er kein Sterbenswörtchen davon, daß wie in England Staat und Kommune in den einschlägigen Liefernngsverträgen erträgliche Arbeitsbedingungen auch bezüglich der Entlohnung festsetzen sollen. Das Verbot, Werkstättenarbeitern Arbeit zur Fertigstellung mit nach Hause zu geben, fordert die Konfektionsarbeiterschaft. Der Entwurf begnügt sich in der Richtung mit einer weniger als halben Maßregel. An Stelle der gesetzlichen Festlegung soll das Belieben des Bundesraths treten, und die männlichen Arbeiter bleiben von vornherein auch des dürftigsten Schutzes nach der Seite hin beraubt. Die betreffende Bestimmung besagt nämlich, der Bundesrath kann für bestimmte Gewerbe anordnen, daß Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern, welche täglich mehr als 6 Stunden in einem Betriebe beschäftigt sind, keine Arbeit zur Fertigstellung mit nach Hause gegeben werden darf. Der schwächlichen Haltung der Kommission entsprechend enthält der Entwurf keinerlei Vorschriften bezüglich des für Frauen so gesundheitsschädlichen Maschinennähens, bezüglich der Verwendung der höchst ungesunden Kohlenbügeleisen, der sanitären Beschaffenheit der Arbeitsräume, des Schutzes des Publikums gegen ansteckende Krankheiten, die erwiesenermaßen durch in verseuchten Räumen hergestellte Konfektionsartikel weiter verbreitet werden können. Nicht einmal der Werkstättenarbeit gegenüber schwingt sich die Vorlage zur Bekämpfung der in der angedeuteten Richtung liegenden Uebel auf, und doch lassen die Erhebungen dieselben scharf genug hervortreten. Das verhängnißvollste sozialreformlerische Defizit des Entwurfs bildet jedoch das Fehlen jeglicher Bestimmungen zur Regelung der eigentlichen Heimarbeit. Eine bedeutsame Milderung der schreienden llebel, unter denen die Konfektionsarbeiterschaft leidet, hat eine Voraussetzung: ein weitreichendes, aber engmaschiges Netz von gesetzlichen Vorschriften, die Heimarbeit betreffend. In einer Reihe von ausländischen Staaten, wo die Gesetzgebung weit über die für Deutschland verordneten und beabsichtigten Reformen hinausreicht, hat die Erfahrung klärlich bestätigt, daß der Kampf gegen das Konfektionsarbeiterelend so gut wie wirkungslos ist, so lange die Heimarbeit für die Gesetzgebung ein Rührmichnichtan bleibt. Trotzdem hat der Entwurf der deutschen Regierung vor der Heimarbeit Halt gemacht. Gewiß muß die Regierung zugeben, daß die Beschaffenheit der Werkränme der Heimarbeiter„zu erheblichen Bedenken" Veranlassung giebt. Nichtsdestoweniger soll keine gesetzliche Vorschrift ans Einschränkung der vorhandenen greulichen Mißstände hinzuwirken suchen,„weil die Geltendmachung der von gesundheitlichem Standpunkt an die Beschaffenheit der Arbeitsräume zu stellenden Anforderungen einem Verbot der Heimarbeit nahezu gleich käme, gegen welches die ernstesten Bedenken bestehen." Wohl wird bestätigt, daß„nicht mit Unrecht über die übermäßige Dauer der Arbeitszeit Beschwerde geführt worden." Jedennoch sieht der Entwurf ab von einer Beschränkung der Arbeitszeit der Heimarbeiter und-Arbeiterinnen, theils aus„prinzipiellen Gesichtspunkten", theils „mit Rücksicht auf die außerordentlichen Schwierigkeiten, die einer wirksamen Kontrolle entgegenstehen." Es fiel den neunmalweisen Vätern des Entwurfs nicht ein, darauf hinzuwirken, diese außerordentlichen Schwierigkeiten ein Weniges zu vermindern. Und doch hatten nicht blos die Konfektionsarbeiter, es hatten sogar die kapital- fürchtigen, profitfrommen Nationalliberalen ein Mittel hierzu genannt: die Schaffung eines besonderen Jnspektionsstabes— hauptsächlich aus weiblichen Beamten bestehend— für die Hausindustrie und Heimarbeit. Als Fortschritt ist es zu begrüßen, daß der Entwurf den Arbeitgeber auch dort zur Leistung von Beiträgen für die Krankenversicherung heranziehen will, wo der Arbeiter nur indirekt, durch Vermittlung des Zwischenmeisters von ihm beschäftigt wird. Aber leider tritt bezüglich der Ausdehnung der Versicherungspflicht gegen Krankheit auf die Hausgewerbetreibenden wieder das Belieben des Bundesraths an Stelle des gesetzlichen Muß. Der Bundesrath kann die betreffenden Vorschriften auf Kategorien der Hausindustrie ausdehnen, er kann aber auch die Ausübung dieser seiner Befugnisse bleiben lassen. Als knickerigste Abschlagszahlung an die Interessen und Forderungen der Konfektionsarbeiterschaft charakterisiren sich die angeordneten und geplanten gesetzlichen Bestimmungen in ihrer Ge- sammtheit. Als winziger Fortschritt, erzwungen durch den Kampf der Arbeiterklasse, erzwungen vor allem durch das Ringen der in der Konfektion thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen selbst. Und wie viele von den spärlichen Reformvorschlägen der Regierung sich zum Gesetz verdichten werden; daß und inwieweit die schüchternen Ansätze zur Bekämpfung des Konfektionsarbeiterelends sich auswachsen; das hängt ganz wesentlich ab von dem weiteren zähen Streit der betheiligten Arbeiterschichten, von dem ferneren Eintreten des Proletariats für den gesetzlichen Schutz der am härtesten Ausgebeuteten seiner Töchter und Söhne. Die Verhandlungen des Reichstags über den Regierungsentwurf— der einer vierzehngliedrigen Kommission überwiesen wurde— zeigten klärlich die Geneigtheit aller bürgerlichen Parteien, noch mehr Wasser in den ohnehin schon getauften und schwachen Wein der neuesten Sozialreform zu schütten. Wie Märzenschnee vor der Sonne, so ist der Reformwagemuth der bürgerlichen Politiker zerschmolzen. Am meisten bangt offenbar den Nationalliberalen vor der eigenen betheuerten„Arbeiterfreundlichkeit" des Vorjahres.„Prinzipiell" stehen sie noch„unentwegt" auf dem Boden ihrer Anträge, aber schon erwägen die Redner und die Preßorgane der Partei Drehscheibe das„praktische" Wenn und Aber von Vorschlägen, die nicht einmal an die eigenen Forderungen des vorigen Jahres heranreichen! So bestätigt der Kampf für die Aufrichtung gesetzlicher Schranken gegen das lieber- " maß kapitalistischer Ausbeutung das Fiasko der Hoffnungen jener wolkenwandelnden Sozialreformler, welche im Zeichen des„ Mitgefühls und der Einsicht aller Gutgesinnten und Klarblickenden" gegen die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus zu Felde ziehen. So zeichnet der Konfektionsarbeiterschutz einerseits, das geplante Knebelgesetz wider das Vereins- und Versammlungsrecht anderseits ein getreuliches Bild der deutschen Sozialreform in der Aera Stumm. Kritische Bemerkungen zu Genoffin Brauns Vorschlag. X. In der Kritik über die Braunschen Vorschläge hat sich nach meiner Auffassung die Gegnerschaft derselben recht sehr verrannt. Das scheint seine Ursache darin zu haben, daß man den Vorschlag so, wie er gemacht wurde, hinnahm, ohne das heute schon praktisch Durchführbare von dem zur Zeit noch nicht Erreichbaren zu trennen und demgemäß Abänderungsvorschläge zu machen. Dazu kommen auch noch Mißverständnisse. So spricht Genossin Zetkin in Nr. 6 der ,, Gleichheit" von einem Programm, welches die Gegner unserer Bestrebungen ruhig ebenfalls hinnehmen könnten. Da Genossin Zettin aber selbst auch sagt, daß es ein Erziehungsprogramm sei, so frage ich: Ja, welchen Grund haben wir denn, eine gute Methode zu verwerfen, die sich Gegner ebenfalls aneignen könnten, resp. eingeführt haben?" Ich halte es für überflüssig, nach dieser Seite hin noch mehr auszuführen. Wir benüßen die besten Methoden, ohne auf die Gegner zu blicken. Prinzipielle Bedenken giebt es hier nicht. Nun die praktische Seite. So, wie der Braunsche Vorschlag gemacht ist, unabgeändert, ist er praktisch undurchführbar, und zwar wegen Geldund Personenmangel. Aber deswegen nun behaupten zu wollen, es sei überflüssig, in der Richtung eine Verbesserung der heutigen Zustände anzustreben, kommt einer Verkennung der bestehenden Verhältnisse gleich. Seien wir doch offen und ehrlich. Es fehlen uns Streiterinnen, und den uns zur Verfügung stehenden Streiterinnen fehlen Waffen. Deshalb nun, weil wir noch nicht die Möglichkeit sehen, Streiterinnen ausbilden zu können, sollen wir darauf verzichten, den vorhandenen, allerdings wenigen Streiterinnen Waffen zu liefern? Das käme, die Möglichkeit vorausgesetzt, auf eine Schädigung unserer Bewegung durch uns selbst heraus. Gevatter Tod. Von Henrik Pontoppidan. ( Fortsetzung und Schluß.) In einer mondhellen Nacht um 3 Uhr fuhren sie über die eisbedeckte Föhrde und legten die vier Meilen bis Kopenhagen zurück. Der Gedanke, daß von einer ernstlichen Gefahr die Rede sein könnte, war ihnen früher nie gekommen. Wenn sie von solchen Dingen dem Distriktsarzt gegenüber ein leises Wort hatten an= deutungsweise fallen lassen, antwortete er immer in seiner gewöhnlichen humorvollen Weise, indem er die Zigarre aus dem Munde nahm und ihnen die Hände auf die Schultern legte: ,, Liebe Freunde", sagte er, was ist gefährlich? Man kann an einem Nadelstich sterben und mit einem Säbelhieb leben. Also, meine lieben Freunde-guten Morgen!" Aber als sie nun in dem großen Wartesaal des berühmten Professors standen und den Kreis von Noth und Elend sahen, der hier an den Wänden plazirt war oder mit wackligen Tritten zitternd über den Teppich der Diele schlich, wurden sie von einer plötzlichen Angst befallen. Die seltsame Stille in dem großen Raum, die bleichen gespannten Gesichter, die Luft, die wie in einem Hospital mit Karbol geschwängert war, alles erweckte in ihnen mit einemmal Vorstellungen von Tod und Verwesung. Sie hatten sich wie gewöhnlich in einen Winkel zurückgezogen, wo sie stumm bei einander standen und sich die Hände hielten, während ihre Blicke sich jedesmal begegneten, wenn die Thür zur Stube des Professors sich öffnete und ein bleicher Schatten heraus- oder hineinglitt. Aber da endlich ihre eigene Nummer von einem Diener aufgerufen wurde und sie selbst in der Thür standen im Begriff hineinzugehen, packte plößlich Ane, von jäher Angst erfaßt, Simons Arm, wie um ihn zurückzuhalten. 91 Den Braunschen Vorschlag will ich also zunächst derart beschränkt wissen, daß zunächst nur die Lieferung von Waffen" in Betracht kommt. Sehen wir uns nach dieser Richtung die Braunschen Vorschläge, vor Allem aber die bestehenden Zustände selbst an. Die Frauenbewegung hat einen Wirkungskreis, der den der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften umfaßt. Sie soll politisch und wirthschaftlich aufklärend, revolutionirend wirken. Die Anforderungen, die in Folge dessen an die Streiterinnen gestellt werden, sind überaus hohe. Wer will nun leugnen, daß es, um das Ganze zu übersehen, das heißt alles zu verstehen, sich über das Ganze der Bewegung sowie über einzelne Fragen ein Urtheil zu bilden, einer vollen Arbeitskraft bedarf? Wer alles überschauen will, kann nicht mehr erwerbsthätig sein, ja kaum einem kleinen Haushalt vorstehen! Wer will auf der anderen Seite bestreiten, daß ein Auszug, sagen wir aus der„ Gleichheit", dem„ Vorwärts", den Gewerkschaftsblättern, der„ Neuen Zeit" 2c. zur Information vollkommen genügt? Wer kann denn noch alle die Blätter lesen? Die wenigsten der Streiterinnen doch nur, die im Haushalt oder erwerbsthätigen gar nicht. Dazu kommt als das Wichtigste das Studium derjenigen Fragen, die in der Partei und Gewerkschaftspresse nicht ausführlich behandelt werden können, wozu es nöthig wäre, das„ Archiv", die„ Soziale Praxis", die Berichte der Fabrikinspektoren, die Gewerbegerichtserkenntnisse, die Entscheidungen des Reichsversicherungsamts 2c. zu lesen. Wer soll das leisten? Eine Streiterin, die noch anderweitig thätig ist? Das ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Das Wort von der„ Lieferung der Waffen" will ich also dahin verstanden wissen, daß den Streiterinnen alles Wichtige in den angedeuteten Fragen sofort( innerhalb weniger Stunden) zur Verfügung steht. Wer je öffentlich thätig gewesen ist, muß den Nutzen einer solchen Einrichtung anerkennen. Es handelt sich aber um noch Eines dabei. Das nöthige Material soll nicht nur gesichtet sein, sondern es muß in gedrängter Kürze das bringen, was die Streiterinnen brauchen. Damit ist nun angedeutet, in welchem Sinne ich die Braunschen Vorschläge umgemodelt wissen will. Gehen wir nun der Sache näher auf den Grund. Was ist nöthig, um den angedeuteten Vorschlag in der Praxis durchzuführen? Es muß eine besoldete Sekretärin angestellt werden. Diese hat die Aufgabe: 1. Die wissenschaftlichen Organe, wie„ Soziale Praxis",„ Neue Zeit"," Archiv", die hervorragenden Partei- und Gewerkschaftsblätter durchzusehen. Bitte sehr treten Sie näher und schließen Sie die Thür" rief der Professor, ein kleines, geschwindes Männchen mit weißem Haar und weißer Halsbinde, das mitten im Zimmer auf dem Teppich stand und ein kleines chirurgisches Instrument mit seinem Taschenmesser puzzte. ,, Und Ihnen fehlt?" fragte er darauf gleich, als die Thür geschlossen war, indem er unter den dunklen buschigen Brauen ihnen einen schnellen forschenden Blick zuſandte. Da Simon unter Aufgebot aller seiner geistigen Kräfte die Ursache ihres Besuches umständlich erklärt und beschrieben hatte, steckte der Professor, der bisher seine Stellung nicht verändert hatte, resolut sein Taschentuch in die hintere Rocktasche und zeigte mit einer Handbewegung auf ein kleines Zimmer im Hintergrund, indem er kurz die Patientin bat, hineinzugehen und sich dort auszukleiden. „ Ich werde gleich bei Ihnen sein", fügte er hinzu und gab dem blanken kleinen Instrument einen legten Strich mit dem Zeigefinger, ehe er es in ein Etui steckte, das auf dem Tisch stand. Ane sah fragend auf Simon; sie war blutroth geworden. Aber da dieser nach kurzem Bedenken nickte, ging sie langsam über die Diele und verschwand in der Thür im Hintergrund. Es wurde einen Augenblick ganz still im Zimmer. Der Professor sing an, in einigen unbeschriebenen Formularen zu blättern, hier und da eine Aufzeichnung machend. Aber als er plößlich Kehrt machte und ohne ein Wort zu sagen zu Ane hineinging und die Thür hinter sich schloß, gab es einen wunderlichen Ruck in Simons Körper. Er machte einen halben Schritt vorwärts, griff krampfhaft mit der Hand an eine Stuhllehne und lauschte athemlos. Von der Straße klangen die Schritte der Fußgänger, das Gerassel der Wagen und die schrillen Stimmen der Marktfrauen zu ihm herauf. Aber da drinnen vor ihm war alles still. Nur ab und zu ein gedämpftes Rasseln von Instrumenten. Er fühlte, wie 2. Mit dem Ausschuß der Partei, der Generalfommission der Gewerkschaften, allen Gewerkschaftsvorständen in Verbindung zu treten, besonders von den letzteren die Flugschriften und vorhandenen Statistiken einzufordern. 3. Die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, die Entscheidungen der Gewerbegerichte und des Reichsversicherungsamtes zu sammeln. 4. Eventuell internationale Verbindungen anzuknüpfen. 5. Das gesammelte Material zu sichten, nach Möglichkeit in furzen Auszügen bereit zu halten und auf Erfordern den„ Streiterinnen" zur Verfügung zu stellen. Das ist zweifellos eine sehr schwere Aufgabe, und vor Allem eine umfangreiche Arbeit, denn die Arbeit soll ja nicht für Berlin allein geleistet, es soll die Verbindung mit ganz Deutschland hergestellt werden. Es wird, das sehe ich wohl ein, die Kraft einer Person nicht ausreichen, es giebt aber eine ganze Reihe Parteigenossinnen in Berlin, die der Sekretärin ihre Dienste für einige Stunden pro Woche und vielleicht mehrmals in der Woche abwechselnd zur Verfügung stellen. Es sind darunter jene Genossinnen zu verstehen, welche nicht selbst auftreten wollen oder können. Da müßten von wichtigen Sachen hettographische Abzüge gemacht werden, um den Streiterinnen gleichzeitig das Material geben zu können 2c., auch werden selbstverständlich die Streiterinnen mit ihrem Rath in praktisch erprobten Fragen der Sekretärin hilfreich zur Seite stehen. Selbst aber angenommen, daß die Hilfskräfte nicht so zahlreich zur Verfügung stehen, so kann man aus kleinen Anfängen Besseres entwickeln. Es kann mit dem Wichtigsten begonnen werden, spätere Ausdehnung bleibt vorbehalten. Auch darüber bin ich mir klar, daß im ersten Jahre der Thätigkeit von den Diensten der Sekretärin nicht gar so viel zu verspüren sein wird, sondern daß eine gewisse Karenzzeit dazu gehört, die Wirksamkeit zu einer ersprießlichen zu gestalten. Es werden erst die Vorarbeiten, die verschiedenen praktischen Erfahrungen gemacht werden müssen, ehe von einer erfolgreichen Thätigkeit zu sprechen ist. Nun der Kostenpunkt. Es kann sich wesentlich nur um ein Gehalt, einige Abonnements-( Partei- und Gewerkschaftsblätter werden der Sekretärin zweifellos gratis überwiesen) und Porto-, sowie sonstige kleinere Ausgaben handeln. Da nun die überzeugten Genofsinnen mit mir gewiß die Ueberzeugung theilen, daß es nur eine große proletarische Bewegung giebt, und feine gesonderte ,, Frauenbewegung", so müßte selbstverständlich aus den Mitteln der allgemeinen Bewegung 92 resp. der Parteitasse die Deckung dieser Ausgaben bestritten werden. Daß der Ausschuß unserer Partei dieser Forderung ganz sich verschließen wird, ist wohl nicht anzunehmen, denn schon im Jahre 1891 wurde die Frage, Anstellung einer Sekretärin, im engeren Kreise von Genossinnen diskutirt, wobei Genosse Auer( gesprächsweise) zu dem Plane seine Zustimmung aussprach. Jetzt ist es an der Zeit, der Frage praktisch näher zu treten. So vereinfacht also erscheint mir der Braunsche Vorschlag sehr gut durchführbar, und bleibt es offen, aus der Ausführung meines Vorschlages in Jahren das entwickeln zu können, was Genossin Braun vorschlug. Nach meinem Dafürhalten konnten nur völliges Mißverstehen oder Verkennen des Werthes, der dem Braunschen Vorschlag zu Grunde liegt, die Genossinnen Kähler- Wandsbeck, Jäger- Leipzig und Baader Berlin dazu veranlassen, so kleinliche Bedenken dagegen zu Felde zu führen. Martha Rohrlack- Berlin. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In einer imposanten Versammlung protestirten die Berliner Genossinnen am 25. Mai gegen den Entwurf zum preußischen Vereinsgesetz und formulirten ihre Forderung, das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend. Obgleich erst wenige Tage vorher 14 glänzend besuchte Protestversammlungen der Genossen stattgefunden hatten, obgleich am nämlichen Abend eine hochinteressante Versammlung tagte, in welcher die Stellung der studirten Schichten zur Sozialdemokratie erörtert wurde, war doch der weite Saal der Brauerei Lips, Friedrichshain, bis auf den letzten Platz gefüllt. Die mehr als 3000 Versammlungsbesucher waren fast ausschließlich Frauen und Mädchen, der weitaus überwiegenden Mehrzahl nach Proletarierinnen, es wurden in der Versammlung nur etwa 150 Männer gezählt. Die Berliner Genossinnen bewiesen durch ihr zahlreiches Aufgebot, daß sie ihrer Interessen und Pflichten bewußt sind, und daß sie an erster Stelle stehen, wenn es den Kampf für ihr Recht und ihre Befreiung gilt. Genossin Zetkin referirte. Aus der Klassenlage der proletarischen Frauen wies sie die Nothwendigkeit des Besitzes eines unbeschränkten Vereins- und Versammlungsrechts nach und seine Bedeutung für den gewerkschaftlichen und politischen Kampf. Die reaktionäre Fassung und die noch reaktionärere Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts den Frauen gegenüber in den meisten deutschen Herrgottsvaterländchen und zumal in Preußen, Der Professor blieb eine Weile stehen, den Rücken gegen das Fensterkreuz gestützt und fiel auf einige Augenblicke in tiefes Nachdenken. " Der nächste", rief er dann und stellte sich wieder mitten auf den Teppich, um zum Empfang bereit zu sein. Unten auf der Straße stand Polle, der Langbärtige, und wartete mit dem Fuhrwerk, um Ane und Simon nach Hause zu bringen. Sie stiegen schweigend auf ihre Size und erst, als sie weit aus der Stadt heraus waren, fand Simon den Muth zum Reden. seine Beine bleischwer wurden. Ein falter, prickelnder Schweiß trat ihm auf die Stirne. Allmälig begann die Stube mit Gemälden, Büchern, Teppichen und Fenstern um ihn herum zu tanzen und da er zulegt glaubte, von drinnen einen kleinen, unterdrückten Schrei zu hören, mußte er sich auf einen Stuhl sezen, um nicht zu fallen. Endlich kam der Professor wieder heraus. Anscheinend ohne von Simon, der sich schnell erhoben hatte, Notiz zu nehmen, ging er hin, um in einem Winkel des Zimmers hinter einem Teppich sich die Hände zu waschen. Aber als er darauf, sich in einem Handtuch abtrocknend, in der Stube auf und ab ging, sandte er ihm dann und wann unter den gesenkten Brauen einen schnellen, forschenden Blick zu, ohne daß dieser es merkte. Simon wagte sie anzusehen. nicht zu fragen. Er ließ nur wieder und immer wieder die Finger durch das warme Haar gleiten, während sein Blick unruhig und rathlos in der Stube umherschweifte. Endlich kam Ane. Und jetzt war jede Erklärung überflüssig. Sie war bleich wie eine Leiche, die Zähne klapperten ihr im Munde und sie wich seinen Augen aus. " 1 Es steht wohl nicht zum Besten", fragte er dann, aber ohne ,, Nein", flüsterte sie kaum hörbar. Er gab dem Pferde einen kleinen Schlag. ,, Es ist vielleicht ganz schlecht?" " Ja." Obschon er die Antworten erwartet hatte, ging doch bei jeder derselben ein Stich durch seine ganze Seele. Seine Lippen zitterten und er wagte nicht weiter zu forschen. Aber als sie soweit hinausSimon that einen wackelnden Schritt vorwärts, mit der Hand tamen, daß sie über die Föhrde hinweg die grünen Fensterrahmen in der inneren Brusttasche. ,, Wie... viel....?" stammelte er. ,, Acht Kronen", antwortete der Professor aus der Tiefe der Fensternische heraus mit einer Stimme, in der man nur schwer das tiefe Mitleid spürte, das in dem Blick lag, mit dem er sie unverwandt betrachtete, während er äußerlich nur mit seinen Fingernägeln beschäftigt schien. Simon tastete unbeholfen mit den dicken Fingern seiner zitternden Hand in der Brieftasche und zählte das Geld auf. "! Wenn Sie nur über wenig Mittel verfügen, kostet es nichts", sagte darauf sehr leise der Doktor. Aber Simon schüttelte den Kopf, und sie gingen. ihrer Kathe und die Bienenkörbe an der Gartenhecke sehen konnten, brach Ane in Weinen aus. Und als sie ihr Heim erreicht und die fremde Frau, die während ihrer Abwesenheit Eulalia gehütet hatte, ihnen mit dem Kind auf dem Arme entgegentrat, drückte sie dasselbe mit so ungewohnter Heftigkeit an sich, daß Simon jetzt alles verstand. * * Es war der Tod. Langsam, aber unaufhaltsam würde er kommen und sie ohne Erbarmen in das große Dunkel mit hinübernehmen.- In den ersten Stunden nach ihrer Heimkehr gingen sie umher, ohne einen Gedanken fassen zu können, gleichsam betäubt von dem Schlag. unterzog sie einer sehr scharfen Kritik. Ebenso den Entwurf zum preußischen Vereinsgesetz, den frechen Vorstoß der preußisch- junterlichen Reaktion gegen die Grundrechte des Volkes. Die Frauen, so führte sie aus, hätten ein hervorragendes Interesse daran, daß dieser Entwurf nicht Gesetz werde. Denn weit davon entfernt, ihren Interessen Rechnung zu tragen, halte es ihnen gegenüber altes, schreiendes Unrecht fest. Des Weiteren würden die Genossinnen am ersten und am härtesten unter den Tücken des verböserten Gesetzes leiden müssen. Ihre Machtlosigkeit als Frau werde noch mehr als in der Vergangenheit dazu ausgenützt werden, ihre Betheiligung an der für die Proletarierinnen so besonders wichtigen Gewerkschaftsbewegung und am politischen Leben lahmzulegen. Die Sozialdemokratie sei die vornehmste und zuverlässigste Vorkämpferin gegen die Reaktion. Flammender Protest gegen das geplante Attentat, energischen Kampf gegen die Reaktion im preußischen Landtag, das sei ihre Antwort auf den versuchten Umsturz von oben. Die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen scheine deshalb geboten, um den Hort der schlimmsten Rückwärtserei zu zerstören, das gleiche, allgemeine und direkte Wahlrecht zu dem Landtage zu erringen und die Fahne des Proletariats in diesem Bollwerk der Junterherrschaft aufzupflanzen. An jedem Kampfe der Sozialdemokratie theilzunehmen sei heiligste Pflicht der Proletarierinnen, die ihre politischen Rechte, die ihre volle Befrei ung erstreben. In Anschluß an die mit begeisterten Zustimmungsfundgebungen aufgenommenen Ausführungen nahm die Versammlung einstimmig eine Resolution an, welche im Wesentlichen der an anderer Stelle veröffentlichten Resolution entspricht. Sie beschloß, diese Resolution dem preußischen Abgeordnetenhause und der sozialdemo kratischen Reichstagsfraktion zuzustellen. Hoffentlich entspricht der Verlauf der Agitation für das freie Vereins- und Versammlungsrecht des weiblichen Geschlechts dem glänzenden Anfange in Berlin. Der Streik der Wäscherinnen in Neu- Isenburg hat noch nicht sein Ende erreicht. Die Hartnäckigkeit, mit welcher die Unternehmer sich gegen eine Verständigung bis jetzt sträubten, ist ebenso groß, wie der Muth und die Begeisterung, mit welcher die Rämpfenden die Opfer des Ausstandes tragen. In letzter Zeit scheint indeß die Möglichkeit einer Einigung der Parteien nahe zu liegen. Die elende Lage der Wäscherinnen, die Berechtigung ihres Kampfes hat thatsächlich die Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, Abtheilung Rechtsschutz für Frauen, zum Eintreten für die Streifenden veranlaßt. Sie veröffentlichte einen Aufruf ,, an die Einwohner Frankfurts", welcher die Situation klar legt und zumal ,, die schroff ablehnende Haltung der Unternehmer gegenüber bescheiAber da Eulalia zu Bett gebracht war und alles um sie her ruhig wurde, setzten sie sich zusammen auf die Bank am Tisch, um die Sache ruhig zu besprechen. Ane erzählte genau und umständlich alles wieder, was der Professor ihr von der wahrscheinlichen Ursache und dem Beginn der Krankheit erzählt hatte. Ueber den weiteren Verlauf und namentlich über die Gefährlichkeit derselben hatte er erst nichts Bestimmtes sagen wollen; aber da sie in ihn drängte und reinen und klaren Bescheid verlangte, hatte er zuletzt zu verstehen gegeben, daß sie jede Hoffnung fahren lassen müsse. Schon nach Verlauf von wenigen Monaten würde ihr Zustand aller Wahrscheinlichkeit nach unhaltbar werden. Er hatte hinzugefügt, daß sie sich dann zur Operation in das Kreiskrankenhaus legen könnte; aber auf ihr Verlangen hatte er dann wiederum erklärt, daß das Resultat seiner Anschauung nach kaum zweifelhaft sein könnte. Da Ane auf diese Weise ihr Herz vor Simon erleichtert hatte, war es ihr, als würde ihr etwas ruhiger und schon im Laufe von einigen Tagen gewann sie ihre Fassung ganz wieder. Nur ein sonderbarer, fieberhafter Eifer kam über sie, der sie früh und spät im Hause umhertrieb, im Keller und auf dem Boden, obschon sie sich bald nur noch unter Beschwerden bewegen konnte. Sie sah ein, daß sie sich ernstlich zusammennehmen müsse und nicht die Hände in den Schooß legen dürfe in der kurzen Zeit, die ihr noch übrig blieb. Es war so vieles auszurichten, so viel Versäumtes einzuholen, wenn sie alles so hinterlassen sollte, wie sie wünschte. Sie gönnte sich zuletzt kaum die nothwendige Ruhe, saß bis tief in die Nacht hinein und besserte an Simons und Eulalias Zeug, flickte ihr Linnen, zählte ihr eigenes Zeug und legte es Stück für Stück in Schubladen und Truhen zurecht, so daß Jeder das Seinige finden konnte, wenn sie nicht mehr bei ihnen sein würde. Indessen ging es ganz so, wie der Professor vorhergesagt hatte. 93 denen und gerechtfertigten Forderungen" hervorhebt. Im Namen der Humanität und Gerechtigkeit", heißt es in ihm ,,, richten wir deshalb an alle edeldenkenden Bewohner Frankfurts die dringende Bitte, den Wäscherinnen die Erreichung ihrer gerechten Forderungen durch Zuwendung von Geldmitteln zu ermöglichen und ferner ihren Einfluß auf die Wäschereibesitzer zu einem den Arbeiterinnen günstigen Sinne geltend zu machen". Außer der Expedition der Kleinen Presse" erklärten sich zehn bekannte und bürgerlich sehr angesehene Damen zum Empfang von Gaben für die Streifenden bereit; nach wenigen Tagen wurden von der Sammelstelle aus 300 Mt. nach Neu- Isenburg gesendet. Eine von der Ortsgruppe einberufene öffentliche Versammlung beschloß nach einem Referat von Genossin Fürth, daß eine aus sechs Unternehmern, sechs Arbeiterinnen und dem Bürgermeister Pons von Neu- Isenburg als Vorsitzenden bestehende Kom mission die Angelegenheit untersuchen solle. Nicht zur Abstimmung, aber als„ Warnung" zu mehrmaliger Verlesung kam eine Resolution. des Inhalts, daß die Frankfurter Frauen die Streifenden durch materielle Hilfe und nöthigenfalls durch Entziehung der Aufträge gegenüber den Wäschereibesitzern unterstützen wollen. Die eingesetzte Kommission hielt im Saale der Bürgermeisterei eine Sitzung ab, in der die Unternehmer das Zugeständniß machten, daß das Gewerbegericht als Einigungsamt angerufen werden solle. Wahrscheinlich tritt dasselbe noch im Laufe dieser Woche zusammen. Wochenlangen Rampfes, wochenlanger Entbehrungen hat es bedurft, damit die Wäschereibesitzer endlich einem Vorschlag zustimmten, den die Streitenden dem Rathe der Parteigenossen folgend bereits im Anfange des Konflikts gemacht. Diese bloße Thatsache illustrirt die protzige und trotzige Zähigkeit, mit der die Unternehmer ihr Herrenrecht auf unbeschränkte Ausbeutung vertheidigen. Dank der thatkräftigen Hilfe aus proletarischen Kreisen, Dank auch der Unterstützung gerechtdenkender bürgerlicher Elemente, wurde den Streifenden das Aushalten bis jetzt möglich. Ein erfolgreicher Ausgang ihres Ringens scheint nun näher gerückt als je. Aber soll den tapferen Frauen nicht noch in letzter Minute die Frucht ihres Aufraffens und Ringens entrissen werden, so ist ihre weitere Unterstützung nöthig, bis der Kampf für beendet erklärt ist. Wir sind überzeugt, daß es nur dieses Hinweises bedarf, um die Genossinnen anzueifern, ihr geradezu glänzend bewiesenes Solidaritätsgefühl weiter zu bethätigen, bis die Nachricht von dem Siege der Streifenden den besten Dank für die bekundete Opferfreudigkeit sagt. Ohne eigentliche Schmerzen zu haben, war es Ane, als läge irgendwo inwendig in ihr ein schwerer Klumpen Blei, der von Tag zu Tag wuchs. Ihr Magen schwoll an wie bei einer schwangeren Frau und die Kniee wurden schwach und wankend. Aber nie kam eine Klage über ihre Lippen. Als sie erst mit dem Gedanken an den Tod vertraut geworden war, schickte sie sich darein wie in etwas, das sich nun einmal nicht ändern ließ. Nur an einem Tage in der ersten Frühjahrssonne, als sie eine Runde durch den Garten riskirte und die sprossenden Knospen und jungen Sprößlinge sah, an deren Pracht sie sich nun nie mehr erfreuen sollte, gingen ihr die großen Augen über, aber sie weinte nicht. Zuletzt schwanden ihre Kräfte mit reißender Schnelligkeit. Sie troch ganz zusammen wie alte Leute, ihr Angesicht wurde aufgedunsen und die Beine so dick und schwach, daß sie sich nur mit Mühe und Noth an die Wände gestüßt vorwärts schleppen konnte. Aber bis zum letzten Augenblicke ordnete sie alles mit eigener Hand, in der Küche sowohl als in der Stube, ohne fremde Hilfe hereinlassen zu wollen, so lange sie noch im Hause war. Endlich an einem Abend im Mai, sant sie schwer auf einem Stuhl in der Stube zusammen, drückte die Hand in die Seite und sagte: " Jeßt, Simon... jezt glaube ich, ich muß mich legen." Ein wenig später erhob sich Simon von seinem Plaz am Tischende und ging hinaus, um alles für die Abreise am nächsten Morgen zu ordnen. Draußen im Stall drehte der Langbärtige gleichsam verwundert den Kopf nach ihm um. Aber er stolperte auch dreimal über die Forke und vergaß zuletzt den Stallleuchter unter der Decke, als er hinausging. Nur einmal im Laufe der Nacht warf sich Ane in Angst in Simons Arme. Sonst lagen sie Beide ruhig und schweigend und hielten einander nur bei der Hand. Sie hatten sich über alles ausgesprochen. Sie waren über eine Frau im Dorfe einig geworden, die im Hause ihr Stell Das Stillen. Alle neugeborenen Säugethiere erhalten die erste Nahrung von der Mutter. Nur beim Menschen ist dieses Naturgesetz umgestoßen. Aber nicht etwa weil die Natur dem Menschen als jüngsten und bestgeliebten Sohn etwas Neues an Stelle ihrer ersten Einrichtung geboten hätte, sondern weil der Mensch ohne Sinn und Verstand sich von der Natur abgewendet hat. So ist es dahin gekommen, daß er in Bezug auf die menschlichsten Dinge heute meist tiefer steht als Kuh oder Affe. Nirgends sieht man das deutlicher, als wenn die Frauen ihre Kinder stillen sollen. Neulich sagte eine Frau zu mir:„ Das Stillen ist nicht mehr modern." Sie. war keine Modedame, sondern eine einfache und liebevolle Mutter, die alles für ihr Kind that. Sie war nur durch das Gerede Anderer dermaßen an ihrer ersten Mutterpflicht irre geworden, daß sie das Stillen aufgab, obwohl sie sehr wohl im Stande gewesen wäre, ihr Kind zu ernähren. Leider ist es nur zu wahr, daß das Stillen nicht mehr modern ist, aber der Grund liegt selten im Nichtwollen, sondern meist im Nichtkönnen. Die wenigsten Frauen können, weil sie keine Zeit haben, oder weil sie hungern, und wie soll man ein Kind ernähren, wenn man selbst nicht ernährt ist. Und diese Noth mit dem„ Stillen", auch unter den wohlfituirten Frauen, welche häufig aus Unverstand ebenso hungern wie ihre ärmeren Schwestern aus Mangel, hat zu solchen Verbesserungen der künstlichen Ernährung geführt, daß auch Frauen, die stillen könnten, es oft nicht thun, weil sie nun meinen, die Kunst habe die Natur überflügelt, und das Kind gedeihe an der Soxhletflasche besser als an der Mutterbruſt. Das ist nicht der Fall. Es ist allerdings möglich, ein Kind mit Thiermilch aufzuziehen, und viele Kinder, welche vom ersten Tage an keine andere Nahrung bekamen, wachsen gesund und kräftig heran, aber dennoch kann die Thiermilch die Frauenmilch niemals vollkommen ersetzen. Das hat zwei Gründe. Erstens ist die Milch der verschiedenen Thierarten nicht gleich und für jedes Säugethier ist die Milch der eigenen Art die naturgemäße Nahrung. Aber die Verschiedenheit zwischen Frauen-, Kuhund Ziegenmilch ist nicht groß und kommt nur bei schwächlichen Kindern in Betracht. Zweitens aber ist die Milch einer anderen Thierart niemals vollständig rein zu bekommen, weil sie ja nicht direkt aus der Brust in den Mund des Säuglings gelangt, sondern durch Melken und vertreter sein sollte und Ane hatte ihm gesagt, wo alles zu finden war und wie er sich damit verhalten sollte. Mitten in der Nacht kehrte sie sich einmal zu ihm und rief ihn flüsternd: " Simon „ Nein schläfst Du?" Ane." " Ich habe vergessen, Dir zu sagen, daß Eulalias rothe Strümpfe... die neuen, weißt Du... sie liegen oben auf dem Laken in der Truhe... sie dürfen nicht in Sodawasser gewaschen werden kannst Du das erinnern?" " Das soll ich wohl, Ane." " Ja, dann ist da nichts mehr." Früh am Morgen hatte Simon Polle vor den Wagen gespannt, der sie in das Kreiskrankenhaus fahren sollte. Die fremde Frau kam und begann gleich mütterlich mit Eulalia zu liebfosen, die in einem Winkel mit dem Finger im Munde stand und offenbar gar nicht wußte, was hier vor sich ging. Ane saß vollständig angekleidet und in einen dicken Mantel gewickelt auf einem Stuhl mitten in der Stube und ließ den Blick umherirren, um nun von alledem Abschied zu nehmen. Sie war ruhig und gefaßt bis sie sich von dem Kinde trennen mußte. Da mußte Simon und die fremde Frau sie zuletzt fortführen und in den Wagen hinaufheben. Aber noch lange, lange konnte sie das Kind hören, wie es nach ihr schrie. Am dritten Tage darauf kam Simon zurück. Er hatte ein Grabkreuz mit und einen langen, schwarzen Sarg, in dem Ane lag. Am Sonntag darauf wurde sie droben auf dem Kirchhofe begraben. Mehrere von den Dorfbewohnern begleiteten sie zur lezten Ruhe und der Pastor sprach warm über die schönen Worte der heiligen Schrift: Die Gnade des Herrn ist über alle Maßen. 94 Umgießen aus einem Gefäß in das andere mit der Luft in Berührung tommt und verschiedentlichen Verunreinigungen ausgesetzt ist. Diese Unreinheit der Kuhmilch ist der praktisch größte und wichtigste Unterschied zwischen ihr und der Muttermilch. Mit der Unreinheit der Milch meine ich nicht Beimengungen, welche mit Auge oder Nase zu erkennen sind, sondern die unsichtbaren Pilze, welche sich in jeder Milch einfinden, sobald sie die Brust verlassen hat, und sich unglaublich schnell darin vermehren. Diese Pilze, welche innerhalb der gewöhnlichen Grenzen älteren Kindern und Erwachsenen nichts anhaben, kann der Säugling nicht vertragen. Er wird magen- und darmkrank davon, und vom Magen und Darm aus kann die Erkrankung auch auf andere Körpertheile übergreifen. Weitaus die meisten Kinder, welche in den ersten Lebensmonaten sterben, werden durch weiter nichts als pilzhaltige Milch ums Leben gebracht, und noch mehr, welche die erste Erkrankung überstehen, werden durch sie derart geschwächt, daß sie sich nie wieder kräftigen, sondern nach einigen elenden Jahren an einer anderen Krankheit rasch oder nach langem Siechthum zu Grunde gehen. Nun kann man manches thun, um die Verunreinigung der Milch mit Pilzen zu verhüten, und die Pilze, die schon darin sind, zu vernichten. Aber bis jetzt hat man das Ziel, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, nur höchst unvollkommen erreicht. Die Verhütung zumal ist durch unsere heutigen Einrichtungen gänzlich unmöglich gemacht. Man bedenke nur, was nöthig wäre, um wirklich reine Milch zu erhalten. Kuheuter und Hände des Melkers müßten vor jedem Melfen sorgfältig gereinigt werden, die Milch müßte für den Transport in peinlich gesäuberte Kannen hineingemolken und in diesen dem Empfänger zugestellt werden. Ebenso sauber müßten die Haushaltungsgefäße für die Milch sein, von der Luft abgeschlossen und kühl aufbewahrt. Und endlich dürfte die Milchwirthschaft nicht weit vom Kreis der Abnehmer entfernt sein, um jeden Zeitverlust zwischen Melken und Genuß zu vermeiden. Vergleicht man damit den wirklichen Vorgang bei der Milchversorgung, so sieht man im Geiste die Pilze wimmeln, die bei jedem Schritt in die Milch hineinpraktizirt werden, von dem schmutzigen Stall, von dem mit Mistfrusten bedeckten Euter, von den Händen der Viehmagd, vom wedelnden Kuhschwanz, von den nur zu oft sehr ungenügend gereinigten Kannen, von dem zweifelhaften Wasser, mit dem die Milch verdünnt wird, vom Küchenkrug, von der unsauberen Saugflasche und dem noch unsaubereren Saughütchen. Und selbst wo es nach heutigen. Reinlichkeitsbegriffen mit all diesen Gelegenheiten zur Verunreinigung gut bestellt ist, wird offenbar immer noch ein Eindringen von Pilzen in die Milch stattfinden, weil die Vorsichtsmaßregeln eben doch ungenügend sind. Dazu kommt in der Stadt die Entfernung der Abnehmer von der Milchwirthschaft. Je länger die Pause zwischen Melken und Genuß, je größer die Zahl der sich inzwischen ins Ungeheuerliche vermehrenden Pilze, je unreiner demnach die Milch. Es ist aber feine Seltenheit, daß die Milch stundenweit hergefahren wird und durch diesen Zeitverlust wesentlich verschlechtert zum Genuß gelangt. Fast ebenso wichtig ist ein kühler Aufbewahrungsort für die Milch, da die Pilzvermehrung in der Wärme viel rascher von Statten geht. In wie vielen Arbeiterwohnungen aber ist ein solcher fühler Ort vorhanden? Eine pilzfreie Milch ist darum heute nur als seltene Ausnahme zu erhalten, und wir sind darauf angewiesen, die Pilze nachträglich zu vernichten. Auch dies ist äußerst schwer vollständig zu erreichen. Durch Kochen und noch besser durch ein zweistündiges Erhitzen auf 80° R. fann man allerdings eine Milch herstellen, welche für gewöhnlich vom Kind gut vertragen wird, aber auch diese ist immer noch unreiner als die direkt aus der Brust entnommene Frauenmilch. Also selbst bei denkbar bester Milch und sorgfältigster Behand lung bleibt die Thiermilch an Bekömmlichkeit für das Kind wesentlich hinter der Frauenmilch zurück; wie viel mehr bei mittelmäßiger oder gar schlechter Milch und nachlässiger Behandlung. Das Leben der Kinder in den ersten sechs Monaten hängt in erster Linie davon ab, ob sie mit der Flasche oder an der Brust ernährt werden. Bei der letzten Volkszählung hat man in Berlin Untersuchungen über die Sterblichkeit von Kindern unter einem Jahre angestellt. Es zeigte sich Folgendes: Von 1000 Brustkindern starben. Flaschenkindern V = 16, 218! Es handelte sich hauptsächlich um Arbeiterfrauen, deren Milch ebenso wenig wie ihr eigener Gesundheitszustand voraussichtlich prima Qualität war. Aber sie war rein, und die Kinder vertrugen sie, während die unreine Kuhmilch sie vergiftete. In dem letzten Viertel unseres Jahrhunderts ist die Lehre von der Milch zu einer ganzen Wissenschaft herangewachsen. Die Werke darüber würden eine Bibliothek füllen. Wir kennen die Krankheiten der Milch, wir wissen wie sie entstehen und was dazu gehört, um gute Milch zu erhalten. Das ist von großer Bedeutung, denn die Milch ist eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel und auch für Sänglinge bei Krankheit, Milchmangel oder Tod der Mutter unentbehrlich. Wir wissen auch, daß die Kuhmilch dem Neugeborenen die Muttermilch nicht voll ersetzen kann und daß die Kindersterblichkeit in erster Linie durch das Fehlen von Muttermilch verschuldet wird. Man darf wohl sagen, daß alles praktisch Wichtige über die Milch und die Säuglingsernährung bereits ergründet worden ist, aber was hilft uns eine Erkenntniß, die nicht zur That werden kann? Und sie kann es nicht, trotz aller Professoren und Philanthropen und Großgrundbesitzer, trotz aller Wissenschaft und gemeinnütziger Bestrebungen. Rathlos steht man vor der elementaren Aufgabe, welche die Natur vor so viel tausend Jahren so schön gelöst hat, die kleinen Kinder zu ernähren. Und der Ausfluß aller Mühen ist nur die im Lichte der Praxis wahrhaft grausige Thatsache: Unsere Zeit vermag dem Kind weder die Mutterbrust noch eine gesunde Kuhmilch zu geben. Habe ich nöthig, das erst noch zu begründen? zu beschreiben, wie es bei der Arbeiterfrau mit dem Stillen bestellt ist? zu erzählen von der mageren, abgehetzten Mutter, die nicht einmal für sich satt zu essen hat oder auswärts schaffen muß, und das Kind überhaupt nicht säugen kann? oder nun gar von der Flaschenernährung in einer Arbeiterfamilie? Nirgends gute Milch zu haben, nirgends ein kühles Eckchen, um sie aufzubewahren, kein richtiges Geschirr, oft keine Wasserleitung, keine Zeit zu der peinlichen Sauberkeit, die allein die Gefahr beschwören kann? Das Alles ist den Leserinnen der„ Gleichheit" nur allzu bekannt. Unsere Gegner lieben es, uns vorzuwerfen, daß wir die Familie zerstören wollen. Die grauenhafte Zerstörung, die sie und ihre Gesellschaftsordnung in der Familie anrichten, zeigt sich nirgends furchtbarer als bei den neugeborenen Kindern. Das Heiligste, was wir Menschen kennen, das Verhältniß zwischen Mutter und Kind, haben sie kalt und frech mit Füßen getreten. Man lernt wohl philosophisch und nachsichtig viele Eigenschaften und Handlungsweisen als unvermeidliches Ergebniß des Klassenstandpunktes verstehen und menschlich verzeihen. Aber wo die Kinder in Betracht kommen, hören Philosophie und Nachsicht auf. Die Erwachsenen müssen wohl auch leiden- übergenug, aber sie begreifen wenigstens warum und wissen sich schließlich zu helfen, so oder so. Aber die kleinen Kinder können sich nicht helfen, sie werden langsam zu Tode gequält, nachdem man sie um die Muttermilch, die Mutterpflege und jede andere kindliche Freude betrogen hat durch Krankheiten, die sie voraussichtlich nie befallen hätten, wenn sie ihre naturgemäße Nahrung, eine reichliche und kräftige Muttermilch, erhalten hätten. In unserem Zeitalter ist viel Schmachvolles geschehen, aber nichts, was einen so glühenden Haß, einen so unerbittlichen Vernichtungskampf entzündet, wie der moderne Kindermord. Und in diesem Kampfe werden die Mütter des Volkes nicht fehlen, dessen mögen unsere Herren Gegner gewiß sein. Und wenn er ausgekämpft ist und diese unaussprechlich miserable Gesellschaftsordnung zu Grabe getragen, werden wir die Familie, die jetzt auf die Maschinenräder geflochten wird, zum neuen Leben erwecken. Wir werden dem Kind die Mutter zurückgeben, aber nicht mehr die Mutter von heute, müde, hungrig, schwach, unwissend, sondern eine Mutter, die werth ist, die Söhne einer neuen Zeit zu säugen und zu erziehen. Dann erst wird die Frage der Kinderernährung gelöst und die schwerste Schuld unserer Zeit getilgt. Eine Aerztin. Prometheus. Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolfendunst, Und übe, dem Knaben gleich, Der Disteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöh'n; Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn, Und darbtet, wären Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Thoren. Da ich ein Kind war, Nicht wußte wo aus noch ein, Kehrt' ich mein verirrtes Auge Und meine Hütte, die du nicht gebaut, Zur Sonne, als wenn drüber wär' Und meinen Herd, Um dessen Gluth Du mich beneidest. Ich kenne nichts Aermeres Unter der Sonn' als euch Götter! Ihr nähret fümmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch Eure Majestät, Ein Ohr, zu hören meine Klage, Ein Herz, wie mein's, Sich des Bedrängten zu erbarmen. Wer half mir Wider der Titanen Uebermuth? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet Heilig glühend Herz? 95 Und glühtest jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben? Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Thränen gestillet Je des Geängsteten? Wähntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten fliehen, Weil nicht alle Blüthenträume reiften? Hier sitz' ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, Hat nicht mich zum Manne geschmiedet zu leiden, zu weinen, Die allmächtige Zeit Und das ewige Schicksal Meine Herrn und deine? Zu genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Wie ich! Kleine Nachrichten. Goethe. Das freie Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen forderte der Freifinnige Rickert im preußischen Landtage. Gelegentlich der dritten Lesung der schmählichen Vereinsgefeßnovelle brachte er einen Antrag ein, den Ausschluß der Frauen von politischen Vereinen aufzuheben. In der Begründung dieser Forderung führte er aus, daß die preußische Gesetzgebung sich durch den Ausschluß der Frauen von politischen Vereinen und deren Versammlungen in Widerspruch zu sich selbst setze. Denn da nach Artikel 21 der Verfassung Wahlvereine den Beschränkungen des§ 8 des Vereinsgesetzes nicht unterliegen, so sind die Frauen zur Theilnahme an den Wahlvereinen berechtigt, die doch sicherlich politischen Charakters sind. Des Weiterenbetonte Rickert sehr richtig, daß der Ausschluß der Frauen von politischen Vereinen für die Arbeiterinnen zum großen Theil die vom Reiche zugesicherte Koalitionsfreiheit illusorisch mache. Eine Koalitionsfreiheit beim Fortbestehen der betreffenden Bestimmung sei ein Unding. Fürst Bismarck habe die Zukunft Deutschlands ausdrücklich von der Stellung der Frauen zur Politik abhängig gemacht. Wenn die Frauen sich für das Vaterland interessiren sollen, so sei es sehr wenig angebracht, die veralteten und unzeitgemäßen Bestimmungen des Gesetzes bezüglich ihrer weiter bestehen zu lassen. Für den Antrag stimmten nur die Freisinnigen; in holdem Verein mit den Konservativen brachten ihn Nationalliberale und Ultramontane zu Fall. Der Zopf der Herren wurde mit der Redensart gedeckt, die Aufhebung des Verbots des Inverbindungtretens der politischen Vereine dürfe nicht mit anderen Fragen verquickt werden. In der Folge unterblieb das gang und gäbe Philistergeschmuse von„ Weiblichkeit",„ Lieblichkeit"," Naturberuf der Frau" u. a. m. Nur der evangelisch- soziale Herr Stöcker erklärte sich gegen das freie Vereinsrecht der Frauen, damit diese sich nicht zu„ berufsmäßigen Politikerinnen" entwickeln. Interessant war die Erklärung des Regierungsvertreters, des als Mußvertheidigers der Vereinsgesegnovelle bekannt, wenn auch nicht berühmt gewordenen Geheimraths von Philippsborn. Nach dem Reichsrecht", so sagte er, dürfen die Frauen an Wahlvereinen nicht theilnehmen, weil sie liegt die Sache nicht ganz so klar, aber die Regierung hat nicht wahlberechtigt sind. Für die preußischen Wahlvereine immer angenommen, daß auch in Preußen Wahlvereine nur aus Wahlberechtigten bestehen dürfen." Mit anderen Worten: dort wo der Text des Gesetzes sehr wohl eine freiheitliche Praxis des Vereinsrechts zuläßt, bestimmt das Belieben der Regierung eine reaktionäre Auslegung und Handhabung. Die Regierung„ nimmt immer an" in solchen Fällen, und zwar das, was ihr in den Kram paßt. Es wirkt recht klärend, diese alte politische Kinderweisheit wieder einmal aus offiziellem Munde und an offizieller Stätte bestätigt zu hören. Der Dreiklassenwahl- Landtag denkt natürlich nicht daran, eine prinzipielle Entscheidung darüber herbeizuführen, was maßgebend sein soll: der Gesetzestert oder die Annahme der Regierung. Der Männermuth treibt ihn umsoweniger, als es sich ja„ nur“ um Frauen und ihr Recht handelt! Was die übrigen Ausführungen des Herrn Geheimbderaths anbelangt, so hatte er wirklich nicht nöthig, sich den Kopf der Frauen darüber zu zerbrechen, daß es ihr Jdeal doch wohl nicht sei, sich mit Politik zu beschäftigen." Sein Gerede war auch so schon langweilig und seicht genug. Die proletarischen Frauen gehen über derartigen Bimbam und derartige Entscheidungen zur Tagesordnung über: dem Kampfe für das freie Vereins- und Versammlungsrecht für Alle, ohne Unterschied des Geschlechts. " Wie geistige Lohnsklavinnen bezahlt werden, das erhellt klärlich aus der folgenden Annonce, die im„ Häuslichen Rathgeber"( Nr. 7) enthalten ist. Sie lautet:„ Fräulein mit schöner Handschrift, die im Stande ist, selbständig zu korrespondiren, für ein größeres Bureau gesucht. Anfangsgehalt Mt. 45 pro Monat. Selbstgeschriebene Offerten sub Schöneberg 25 a. d. Expedition des„ Häusl. Rathgeber", Berlin W. 30, Elscholzstr. 19." Kommentar überflüssig. Die ersten weiblichen Hörer wohnen in diesem Halbjahr den Vorlesungen der Universitäten Königsberg und Erlangen bei. In Königsberg besuchen acht Damen die Vorlesungen über Reformationsgeschichte; in Erlangen nehmen zwei Volksschullehrerinnen und eine Sprachlehrerin an den Uebungen im Seminar für romanischenglische Sprachen theil. Gegen die gleichberechtigte Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium in Preußen erklärte sich die Unterrichtskommission des preußischen Abgeordnetenhauses, indem sie über eine diesbezügliche Petition des Berliner Frauenvereins zur Tagesordnung überging. Frauen als Schildermalerinnen sind in Berlin in letzter Zeit thätig. Gleich ihren männlichen Kollegen tragen die Malerinnen graue Leinwandkittel zum Schuße gegen Farbentropfen, der Kopf ist mit einer Art Kapuze bedeckt. Sehr beachtenswerth ist die Gewandtheit und Sicherheit, mit der die jungen Handwerkerinnen sich auf den Leitern und Gerüstbrettern bewegen. Die meisten von ihnen sollen sich während ihrer Lehrzeit auch fleißig im Turnen geübt haben, um allen Anforderungen ihres Berufes gewachsen zu sein. Nach den übereinstimmenden Urtheilen von Fachleuten verdient die Fähigkeit und Zuverlässigkeit der Malerinnen volle Anerkennung. Es wird ihnen besonders gewissenhaftes und sauberes Arbeiten und wie den seit Kurzem in der Stuben- und Dekorationsmalerei beschäftigten Frauen ein lebhaft entwickelter Schönheitssinn nachgerühmt. * Die Frauenrechts Liga in Paris, ein radikaler und sehr thätiger Verein, hat an sämmtliche Syndikate( Gewerkschaften) Frankreichs Fragebogen folgenden Inhalts vertheilen lassen: 1. Sind Frauen in Ihrer Industrie beschäftigt? 2. Sind sie Mitglied Ihres Syndikats? 3. Falls sie es sind, können Sie uns mittheilen, ob die Mitgliedschaft der Frauen Ihnen vortheilhaft erscheint oder nicht? 4. Falls Frauen Ihrem Syndikat nicht beitreten können, welches sind Ihre Gründe für ihren Ausschluß?" Die Antworten, die zum Theil in befriedigender Ausführlichkeit schon eingelaufen sind, sollen bearbeitet und veröffentlicht werden. * Sechshundert weibliche Aerzte praktiziren in Rußland; viele von ihnen sind in großen Fabriken, an denen hauptsächlich Frauen beschäftigt sind, angestellt, wo ihre Wirksamkeit eine besonders segensreiche ist. Und wir Deutschen pflegen unseren östlichen Nachbarn achselzuckend als" Barbaren" anzusehen! Eine Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes fordert der„ Bund der Frauengenossenschaften" in England auf Grund einer stattgefundenen Enquete. Er verlangt einen Marimalarbeitstag, wie er für die Tertilarbeiterinnen besteht, für die in den übrigen Gewerben beschäftigten Frauen und Mädchen. Ferner eine Beschränkung der Ueberstunden mit dem Ziel absoluten Verbots derselben. Schließlich eine Vermehrung der weiblichen Fabrifinspektoren und Ausdehnung der Arbeitsschutzgesetzgebung auf die Heimarbeit. Das passive Wahlrecht für das„ House of Keys" besitzen die steuerzahlenden Frauen auf der Insel Man seit dem Jahre 1881. Die an der Nordwestküste Schottlands gelegene Insel hat 54000 Einwohner keltischer Abstammung, die ihre eigene Verfassung und Verwaltung bisher festgehalten haben. Die Insel Man steht unter englischer Oberhoheit, welche ein Gouverneur repräsentirt. * Ein Reformgesetz, das passive Wahlrecht der Frauen betreffend, soll dem Parlament von Neu- Seeland vorgelegt werden. Bekanntlich besitzen die Frauen in Neu- Seeland bereits das aktive Wahlrecht. * Eine starke Bewegung zu Gunsten der Selbständigkeit der englischen Kolonien Australiens tritt in den Vordergrund des inneren politischen Lebens dieser Länder. Ihre Führer sehen als Ziel die Gründung der Vereinigten Staaten von Australien" vor sich. Da die Frauenbewegung dort eine sehr vorgeschrittene ist in Südaustralien hat das weibliche Geschlecht z. B. dieselben politischen Rechte wie das männliche so wird jetzt schon eifrig agitirt, daß der fünftige Staatenbund von vorn herein die Frauen als gleichberechtigte Bürger ansieht. * Die Gegner des Frauenstimmrechts versuchen, dieses auf alle Weise lächerlich zu machen. So haben fürzlich einige amerikanische Blätter die Nachricht gebracht, und deutsche haben sich beeilt, sie kritiklos zu kolportiren, daß in Colorado, wo die Frauen die volle politische Gleichberechtigung besitzen und drei weibliche Abgeordnete dem Parlament angehören, ein Gesetzentwurf angenommen worden sei, wonach die Frauen zum Militärdienst herangezogen werden sollten. Das uns vorliegende neue Militärgesetz von Colorado lautet dagegen: „ Jeder gesunde männliche Bürger........ im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, ist der Militärpflicht unterworfen." Der 96 Gouverneur von Colorado, Adams, schreibt dazu:„ Dieses Gesetz ist angenommen und von mir unterzeichnet worden. Im Entwurf fehlt das Wort, männlich, es wurde aber sofort, noch vor der Annahme im Parlament, eingefügt." Dieser erste, gar nicht diskutirte Entwurf ist also die Basis all des weitverbreiteten Unsinns. Die Riesenwäscherei von Pullman- City( Nordamerika), der bekannten Schöpfung des berühmten und berüchtigten Waggonfabrikanten, bildet ein Seitenstück zu der kürzlich an dieser Stelle geschil= derten Londoner Riesenwäscherei. In der Waschanstalt von PullmanCity wird sämmtliche Wäsche gewaschen, die in den Schlaf- und Luruswaggons der Pullman- Kompagnie im Gebrauch ist. Die Menge derselben ist beträchtlich, denn in den Pullman- Waggons werden täglich Betttücher und Kissenüberzüge gewechselt, und dies auch für die Reisenden, die mehrere Nächte hindurch fahren. Die Wäscherei ist in einem Gebäude installirt, das 45 Meter lang und 27 Meter breit ist, Dampfheizung und elektrische Beleuchtung hat. Das nöthige Wasser wird direkt aus dem Michigansee in den Betrieb geleitet. Das Waschen, Spülen, Trocknen, Stärken, Plätten geschieht auf mechanischem Wege. Mittels Riesenmaschinen wird die Wäsche in heißem Seifenwasser gewaschen, darauf mehrmals mit heißem und kaltem Wasser gespült und gebläut. Die betreffenden Verrichtungen bean spruchen im Ganzen eine halbe Stunde Zeit. Jede Waschfrau kann in einer Stunde 400 Betttücher waschen, pro Tag werden in der Anstalt 45-48000 Betttücher, Ueberzüge und Handtücher gewaschen. Die gespülte Wäsche wird durch eine Reihe von acht Zylindern hindurchgezogen, welche das Wasser ausdrücken und die Stücke in vollständig getrocknetem Zustande zurückgeben. Das Plätten der Bettwäsche geschieht mittels großer Zylinder, die mit Dampf geheizt werden. Die fertige Wäsche wird von Pullman- City aus nach Chicago in großen Körben gesendet, von denen jeder 200 Betttücher oder 1000 Handtücher oder 1000 Rissenüberzüge enthält. In der Dampfplätterei sind 70 Frauen und 20 Maschinenmeister beschäftigt. Im zweiten Stockwerk des Gebäudes werden die Hemden und Leinenanzüge gestärkt, welche das Dienstpersonal der Pullman- Waggons trägt. Jede der hier aufgestellten 5 Stärfemaschinen kann in einer Stunde 75 Hemden und 1000 kleinere Wäschestücke stärken. Die technische Entwicklung nimmt der Hausfrau, dem Einzelhaushalt eine wirthschaftliche Aufgabe nach der anderen ab, macht sie mit Ersparniß von Zeit, Kraft und Kosten zur Sache der Großindustrie und schafft damit Vorbedingungen für die Befreiung des weiblichen Geschlechts. Quittung. Für die streifenden Wäscherinnen in Neu- Isenburg liefen bei der Unterzeichneten bis jetzt ein: 709 Mt. 10 Pf., darunter von den Genossinnen in Erfurt 16 Mt.; gesammelt beim Gewerkschaftsfest zu Roburg durch Genosse Mampelt 17 Mt. 10 Pf.; von den Genossinnen und Genossen in Gera 15 Mt.; von den Genossinnen in Chemnitz 20 Mk.; von den Genossinnen und Genossen in Köln 40 Mt. Frau M. Wengels, Vertrauensperson. Der Redaktion der„ Gleichheit" gingen zu: Herr Bosch 2 Mt.; zwei sozialdemokratische Kunstmaler 2 Mt.; Arbeiterinnenverein Dresden durch Genossin Schmidt 2. und 3. Rate zusammen 100 Mt.; vom Gewerkschaftskartell Altenburg durch Genosse Metzschke 50 Mt.; K. R. 1 Mt.; 2. K. 2 Mt. 50 Pf.; von den Stötterizer Genossinnen durch Genossin Pöllnitz 3 Mt. Summa 160 Mt. 50 Pf. Zusammen mit den in Nr. 10 und Nr. 11 quittirten 270 Mt. 430 Mt. 50 Pf. Die Beträge sind dem Vorsitzenden der Lohnkommission der streifenden Wäscherinnen übermittelt worden. Weitere Gaben werden von Genossin Wengels und der Redaktion der„ Gleichheit" entgegengenommen. Die Redaktion der„, Gleichheit“. Zur Beachtung. Seitens der Unterzeichneten gelangen Listen zur SammInng von Geldern für die Agitation unter den proletarischen Frauen zur Ausgabe. Die Genossinnen allerorten werden dringend ersucht, sich solche Listen kommen zu lassen und fleißig für Aufbringung von Mitteln zu wirken. Frau M. Wengels Vertrauensperson. Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Drud und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.