Nr. 13. Die Gleichheit 7. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 23. Juni 1897. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalt: Die lex Recke. Beschwerde der Arbeiterinnen der Silberkammer des föniglichen Schlosses zu Berlin. Aus der Bewegung. Frauenarbeit in Apotheken. Von Symmachos. Das Frauenstimmrecht in England. Von Lily Braun.- Feuilleton: Die Rückkehr. Von Ginlia Mulazzi. Aus dem Italienischen übersetzt von Jda St.-B. Kleine Nachrichten. Die lex Recke. Im preußischen Abgeordnetenhause sind bis auf Weiteres die Würfel über das Schicksal der lex Recke gefallen. Bis auf Weiteres nur und nicht endgiltig, und dies lediglich Dank der kapitalfrommen Haltung der Nationalliberalen. Die Partei Drehscheibe hat damit wieder einmal ihren Namen glänzend bewährt. Mit Männerlungenkraft hatten die Nationalliberalen ihren festen Willen ausposaunt, das so farg bemessene Vereins- und Versammlungsrecht der Reaktion nicht auszuliefern. Mit Mamelufengehorsam haben sie dagegen in Gestalt der Bestimmungen gegen die Minderjährigen der Reaktion den kleinen Finger gereicht, und ein Theil von ihnen ist sogar bereit, ihr behufs Zustandekommens eines Sozialistengesezes die ganze Hand zu überlassen. Die Nationalliberalen hatten es in der Gewalt, durch strikte Ablehnung aller von der Regierung geforderten Knebelungsmaßregeln die Vereinsgefeßnovelle zu Falle zu bringen. Sie haben diese ihre Macht nicht ausgenußt. Ihnen fällt mithin die schwere Verantwortung zu, nicht nur für die angenommene Beschränkung des bisher allen Preußen verfassungsgemäß verbürgten Rechts, sondern auch für das Fortbestehen der Gefahr, daß der weitere Verlauf der Berathungen weitere reaktionäre Maßregeln zeitigt. Die Nationalliberalen haben allerdings an solch ein Mindestmaß politischer Charakterstärke und mannhaften Eintretens für Volksrechte gewöhnt, daß ihnen ihr Nein gegenüber den schlimmsten Bestimmungen der Vereinsgesegnovelle fast als Verdienst angerechnet werden muß. Gefallen sind in der Folge die Paragraphen des Regierungsentwurfs, welche das Vereins- und Versammlungsrecht überhaupt kurzerhand an die Willkür und das Belieben der Polizei abdankten. Nicht jeder Kuhschnappler Büttel kann, wie es die Reaktion erstrebte, schneidig und auslegungsfroh verfügen, daß die oder jene Versammlung, der oder jener Verein wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, der Sicherheit des Staates und des öffentlichen Friedens" nicht geduldet werden darf. Allein was an freiheitsknebelnden Bestimmungen in der Vereinsgesetznovelle ge= blieben, ist gerade mehr als genug, die schärfste Abwehr der Volksmassen herauszufordern. " Minderjährige dürfen nicht Versammlungen besuchen, welche politische Angelegenheiten erörtern oder berathen sollen; sie dürfen nicht als Mitglieder in Vereine aufgenommen werden, welche bezwecken, politische Gegenstände zu erörtern; sie dürfen endlich nicht theilnehmen an den von solchen Vereinen veranstalteten Versammlungen und Sizungen, in denen politische Angelegenheiten erörtert oder berathen werden sollen. Die Minderjährigen sollen also in Preußen fünftighin im Betreff des Versammlungsrechtes schlechter gestellt werden als die politisch rechtlosen Frauen, denn diese können öffentlichen politischen VersammBuschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. lungen beiwohnen, vorausgesetzt, daß diese nicht von einem politischen Verein ausgehen. Durch die betreffenden Bestimmungen wird Hunderttausenden die Möglichkeit entzogen, sich in politischen Vereinen und Versammlungen aufzuklären, zu schulen und dringende Interessen zu wahren. Mehr noch, diese Bestimmungen seßen Hunderttausende von jugendlichen Arbeitern außer Stand, in vollem Umfange an der gewerkschaftlichen Organisation, am wirthschaftlichen Kampfe für bessere Arbeitsbedingungen theil zu nehmen. Sie liefern damit diese Hunderttausende dem Unternehmerthum zu skrupellosester Ausbeutung aus; sie schädigen damit die Interessen von Millionen, die Interessen der gesammten deutschen Arbeiterklasse. Denn je ge= ringer die Antheilnahme der Minderjährigen am Gewerkschaftsleben ist, um so schärfer und mörderischer vermag der Kapitalist den älteren Arbeitern gegenüber die Schmugkonkurrenz der jugendlichen Arbeitskräfte zuzuspizzen. Die verhängnißvollen Folgen dieses Standes der Dinge für das deutsche Proletariat kann man voll bewerthen, wenn man eins festhält: Berichte von Fabrikinspektoren und statistische Erhebungen erweisen seit Langem, daß die Zahl der jugendlichen Arbeitskräfte in stärkerem Maße steigt, als die Menge der älteren Arbeiter. Zu Zeiten der Krise, wo die Zahl der beschäftigten Industriearbeiter zurückgeht, wo die industrielle Reservearmee be= trächtlich anschwillt: nimmt gewöhnlich die Zahl der jugendlichen Arbeitskräfte zu. Warum das? Etwa weil die Herren Kapitalisten in heißer Liebe entbrannt sind für die schönen Augen einer tüchtigen beruflichen Ausbildung der jungen Leute, weil sie in christlicher Nächstenliebe die Sorgen der proletarischen Eltern mindern möchten? Mit nichtem! Lediglich weil die jugendlichen Arbeiter nicht blos billigere, sondern gewöhnlich auch willigere, fiigsamere Hände" sind als die älteren Kameraden. Als vorzüg liche Mehrer des allerheiligsten kapitalistischen Profits zieht der Unternehmer die jugendlichen den erwachsenen Arbeitern vor. Ihre Arbeitskraft vermag er nicht nur zu den ihm günstigsten Bedingungen auszubeuten, er vermag sie auch zum Zwecke der Lohndrückerei gegen die älteren Arbeiter auszuspielen. Und das Fazit davon? Es ist bekannt: vorzeitig aufgearbeitete, ausgenußte, welke Persönlichkeiten, eine Steigerung des Arbeiterelends. Die Arbeiterklasse hat deshalb von jeher für den besonderen gefeßlichen Schutz der jugendlichen Arbeiter gekämpft. Die Gewerkschaftsbewegung hat deshalb jederzeit ein großes Gewicht darauf gelegt, die jugendlichen Arbeiter zu organisiren, sowohl um diese selbst gegen das Uebermaß kapitalistischer Ausbeutung zu schützen, wie um ihrer Schmußkonkurrenz gegen die älteren Arbeiter die Spize abzubrechen. Die lex Recke dagegen erschwert und ver unmöglicht den Minderjährigen die organisirte Vertheidigung gegen harte Mehrwerthpresserei. Sie erschwert und verunmöglicht es der Arbeiterklasse, durch die Macht der Organisation die Schmutzkonkurrenz zu mindern, die mit der steigenden Verwendung jugendlicher Arbeitskräfte eine immer gefährlichere wird. Nun behaupten zwar die neunmalweisen Thebaner des Nationalliberalismus: nur dem„ Einfluß der politischen Verhebung" soll die Jugend entzogen werden; die Gewerkschaftsbewegung hat teine Schädigung durch die Bestimmungen gegen die Minderjährigen zu befürchten. Die betreffenden Paragraphen setzen ja ausdrücklich fest, daß die Unmündigen sich nur nicht an Vereinen und Versaininlungen betheiligen dürfen, deren Zweck es ist, politische Angelegenheiten zu erörtern. Keine einzige Gewerkschaft wird indeß auf dem Kissen dieser Behauptung schlummern, die entweder der Ausdruck bodenloser Heuchelei oder größter Naivetät ist. Sollte es die nationalliberale Unschuld vom Lande wirklich nicht wissen, daß es noch„Richter", Behörden in Preußen giebt, die mit treffsicherem Amtsinstinkt den hochnotpeinlichen politischen Charakter jeder Versammlung, jedes Vereins, jeder harmlosen proletarischen Aktion wittern, beweisen und ahnden? Wo denn sind die gesetzlichen Bestimmungen und Bürgschaften, welche festsetzen, unter welchen Bedingungen die Erörterung politischer Angelegenheiten der Zweck, die Absicht einer Versammlung, eines Vereins ist? Wo denn sind die gesetzlichen Bestimmungen, die ein festes Kriterium dafür geben, was politische, was wirth- schaftliche Fragen sind? Die Feststellung des einen und des anderen Begriffes ist den Behörden überlassen, zunächst den Polizeibehörden, und die Behörden des Kapitalistenstaats wissen sehr genau, was ihres Amtes ist. Mit welch' verblüffender Leichtigkeit, mit welch' unfehlbarer Tiefgrllndigkeit hat die löbliche Polizei, hat das weise Gericht hier und da schon jetzt in den verschiedensten Fragen das eine Prozentchen politischen Beigeschmacks entdeckt, das den neunundneunzig Prozent wirthschaftlichen Charakterzügen eventuell beigemischt war. In Nürnberg durfte eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen wegen der Betheiligung der Frauen nicht stattfinden. Die Versammlung wollte Stellung nehmen zu dem Konfektionsarbeiterstreik, und dieser Streik war in den Augen des scharfsinnigen Nürnberger Magistrats eine politische Angelegenheit. In Fürth wurde eine Arbeiterinnenversammlung verboten, welche darüber verhandeln und beschließen wollte, ob die Vermittlung des Fabrikinspektors angerufen werden sollte, damit die für Frauen, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, in der Gewerbenovelle fakultativ vorgesehene anderthalbstündige Mittagspause überall eingeführt würde. Die Arbeiterinnen beabsichtigten sich an den Fabrikinspektor zu wenden, dieser wird auf Grund gesetzlicher Bestimmungen vom Staat angestellt, sr�o ist der Fabrikinspektor„eine politische Angelegenheit", und die Versammlung mußte als eine politische verboten werden, von rechtswegen— natürlich. In Hannover, wo der nationalliberale Herr von Bennigsen als Oberpräsident waltet, wurde als„politisch" eine öffentliche Versammlung der Buchbinder und Buchbinderinnen verboten, die sich mit dem Konfektionsarbeiterstreik beschäftigen wollte. In der nämlichen Provinz wurde der Versuch gemacht, eine ganze Reihe von Gewerkschaften zu politischen Organisationen zu stempeln. Wirthschaft- liche und politische Fragen sind heutzutage so innig verquickt — das Wort„wirthschaftspolitisch" kennzeichnet das zur Genüge— daß auch der nicht mit Amtsaugen begabte Laie nicht immer die Grenzlinie zu ziehen vermag, wo eine Angelegenheit aufhört wirth- schaftlich zu sein und anfängt politisch zu werden. Der talentvollen Beweiskraft pflichteifriger Behörden eröffnet sich mithin ein weites Gebiet, dem voraussichtlich nicht durch die Wörtchen„sollen" und„bezwecken" Schranken gezogen werden dürften. So ungerecht und gleichzeitig so unklug ist die Beschränkung der Vereins- und Versammlungsfreiheit der Minderjährigen, daß nicht einmal die Zentrumsleute dafür zu haben waren. In der That, welch' schreiende Ungerechtigkeit! Mit zwanzig Jahren ist der junge Mann reif, für das Vaterland auf dem Schlachtfelde seine gesunden Glieder und sein Leben in die Schanze zu schlagen. Mit einundzwanzig Jahren wird er dagegen erst reif genug befunden, sich über die Interessen des Vaterlands, über die Verhältnisse aufzuklären, welche ihn in die Kaserne bannen, ihn hinauszwingen zum Kampfe, ein Opfer und Thäter im Massenmord. Dazu noch eins: ein Wort aus allerhöchstem Munde soll den Rekruten erklärt haben:„... indem ihr des Königs Rock angezogen habt, seid ihr den anderen Menschen vorgezogen". Dieses „Vorgezogenwerden" äußert sich aber bekanntlich sonderbarer Weise u. a. auch darin, daß dem in Dienst stehenden Soldaten die Ausübung der politischen Rechte entzogen ist, daß er auf eine Stufe gestellt wird mit Frauen, Kindern, Ehrlosen und Schwachsinnigen. Ein Theil der jungen Leute könnte mithin in Folge der Entrechtung der Minderjährigen die Vereins- und Versamm- lungsfreiheit erst vom zweiundzwanzigsten beziehungsweise dreiundzwanzigsten Jahre an ausnutzen. Dies allerdings nur in dem Falle, wo die Betreffenden nicht vorsichtig genug in der Wahl ihrer Eltern gewesen, um als Einjährige dienen zu können. Für diese tritt mit der früheren Beendung der Dienstzeit auch die„polizeiliche" Reife früher ein. Mit einundzwanzig Jahren ist der junge Arbeiter erst reif, sich in Vereinen und Versammlungen mit Fragen zu beschäftigen, für welche das Verständniß aus seinen ureigensten Lebensverhältnissen herauswächst. In sehr jugendlichem Alter ist dagegen der Sprößling eines Fürstengeschlechts reif, nicht blos seine eigenen Angelegenheiten zu verwalten, sondern auch ein Land zu regieren, auf das Wohl und Wehe von Millionen einen bestimmenden Einfluß auszuüben. Mit dreizehn und vierzehn Jahren sind Kinder reif, wie wir bereits in einem früheren Artikel erwähnten, zum Abendmahl zu gehen, die tiefgründigsten Mysterien des Glaubens, die widerspruchsvollsten kirchlichen Dogmen zu erfassen. Mit dreizehn und vierzehn Jahren und noch früher sind Kinder reif, draußen im feindlichen Leben durch mühselige Frohn ein kümmerliches Brot zu erwerben. Und werden die Hunderttausende von erwerbsthätigen Minderjährigen, denen konservative und nationalliberale Reaktionäre innig gesellt ein Lebensrecht entziehen, nicht etwa zur Ausbringung der öffentlichen Lasten herangezogen? Nichts eitler als die Hoffnung der Reaktion, die Entrechtung der Minderjährigen werde der Sozialdemokratie die Jungmannschaft entziehen. Diese wird dem proletarischen Klassenkampf zuwachsen, solange Kinder, noch ehe sie die Schulbank verlassen, in Straße, Fabrik und Werkstatt dem Erwerb nachgehen müssen auf Kosten der Jugendfreude, Gesundheit und Charakterentfaltung! Solange die schwarze Roth proletarische Mütter in die Fabrik peitscht und die Entwicklung der unbetreuten Kleinen daheim, am verlöschten Herd, dem Zufall preisgiebt! Solange an den Nachwuchs des werklhätigen Volkes im dürftigen Heim, bei der harten Arbeit, beim nothreichen Pilgergang durch eine Gesellschaft der Fülle die proletarische Klassenlage in hundertfältiger Gestalt als„aufhetzender Agitator" gegen die heutige Ordnung herantritt, ihm mit der Wucht der Thatsachen zugellt: Du bist ein Enterbter! Die angenommene Maßregel vermehrt diese„aufreizenden" Einflüsse um einen mehr. Sie prägt den jungen Leuten die Bedeutung der Worte ein: Klassengesetz, Klassenrecht, und bewirkt mit der Erbitterung gegen die empfundene Ungerechtigkeit eine um so regere spätere Ausnutzung der Vereins- und Versammlungsfreiheit. Die lex Recke bringt eine Abänderung der geltenden preußischen Verfassung. In der Folge muß die von den Nationalliberalen opportirte Novelle 21 Tage nach der dritten Lesung dem Landtage nochmals zur Berathung vorgelegt werden. Auch im Herrenhaus muß nach der ersten Behandlung nach 21 Tagen eine zweite folgen. Die Vollblutreaktionäre gedenken diese Situation zu erneutem Vorstoß gegen die Volksrechte auszunutzen und eine weitere Verschlimmerung des Vereinsgesetzes durchzudrücken. Daß auf die Nationalliberalen kein Verlaß ist, haben die jüngsten Ereignisse neuerlich bestätigt. lind die Mehrzahl, welche die verböserten Bestimmungen des Regierungsentwurfs ablehnte, ist eine so winzige, daß ein Zufall die Gelüste der Reaktion zu verwirklichen vermag. Das deutsche Proletariat bleibt deshalb auf der Hut, es bleibt im Kampfe. Mit der alten zähen und kraftvollen Entschlossenheit kämpft es im Vordertreffen gegen die lax Recke, gegen die Reaktion. Es weiß, daß es mit dem Vereins- und Versammlungsrecht die Preßfreiheit, das Reichstagswahlrecht schützt.„Hände weg!" tönt sein Ruf laut, vernehmlich durch Deutschlands Gaue, der Reaktion zum Trutz, der Arbeit zum Schutz. Zur Beachtung. Wegen des leidigen Raummangels mußte leider ein Artikel zurückgestellt werden, in welchem unsere Genossin Braun auf die Einwürfe gegen ihr Arbeitsprogramm antwortet. Der Artikel erscheint in nächster Nummer. Die Redaktion der„Gleichheit". Beschwerde der Arbeiterinnen der Silberkammer des königl. Schlosses zu Berlin. Von durchaus vertrauenswürdiger Seite geht uns zur Veröffentlichung das folgende Schriftstück zu, das ein eigenthümliches Licht auf die Bedingungen wirst, unter denen Arbeiterinnen im königlichen Schloß beschäftigt werden. Die Zuschrift lautet: Charlottenburg, den 8. Juni 1397. An die Redaktion der„Gleichheit"! „Zur gefälligen Kenntnißnahme des Organs für die Interessen der Arbeiterinnen folgende Thatsachen, um deren Veröffentlichung ersucht wird. In den Kreisen der Arbeiterinnen der Silberkammer des kgl. Schlosses zu Berlin wird bittere Klage geführt über die Bedingungen, unter denen sie beschäftigt werden. Die effektive Arbeitszeit der Frauen beträgt pro Lohntag 13'/, Stunden, exklusive 2 Stunden Pausen für Frühstück und Mittag. Die Arbeitszeit fängt früh'/-3 Uhr an und dauert bis Nachts 12 Uhr. Der Lohn dafür beträgt täglich 2 Mk. SO Pf. Der Herr, der die Frauen für das Silberwaschen annimmt, erklärt beim Antritt der Arbeit:„Meine Arbeitszeit fängt um' ,8 Uhr früh an und dauert bis 12 Uhr Nachts, wem das nicht gefällt, der kann sich gleich meldender braucht nicht erst anzufangen!" Während der Zentenarfeier dauerte die Arbeit geradezu ununterbrochen Tag und Nacht und doch erhielten die Arbeiterinnen nicht mehr als den sonst für das schwere Silberwaschen üblichen Lohn. Bis vor einiger Zeit bekamen die Frauen außer dem Lohn bei Festlichkeiten etwas zu essen. Neuerdings ist das nicht mehr der Fall, dafür aber ist bei den in Betracht kommenden Gelegenheiten Küchenpolizei angestellt worden. Seitens der in der kgl. Silberkammer beschäftigten Frauen wurde vor einiger Zeit eine Beschwerdeschrift an zuständiger Stelle eingereicht. Leider ist jedoch nicht in der erhofften Weise Abhilfe geschaffen worden. Die Arbeiterinnen sehen sich deshalb veranlaßt, den Weg der Oeffentlichkeit zu beschreiten. Vielleicht bewirkt dieses Vorgehen, daß die zuständige Stelle Notiz von den Beschwerden der Frauen nimmt und nach Recht und Gerechtigkeit Wandel schafft. Außer Abstellung der bereits angedeuteten Mißstände wünschen die Arbeiterinnen dringend noch eins: das Aufhören der unwürdigen Behandlung, die sie seitens einzelner vorgesetzter Personen erdulden müsse». Man bedenke die Länge und Schwere der Arbeit; man bedenke, wie unangenehm und gefährlich die Einathmung des sich verflüchtenden, scharfen Salmiaks ist. Man wird dann wohl verstehen, was die Frauen veranlaßt«, ihrerseits diese„Flucht in die Oeffentlichkeit" zu unternehmen, nämlich die Hoffnung, daß ihre Klagen endlich Gehör finden." Für die Richtigkeit der dargelegten Thatsachen haben eine größere Zahl von Arbeiterinnen der Silberkammer des kgl. Schlosses zu Berlin mit ihren Namen sich verbürgt. Aus leicht begreiflichen Gründen müssen wir es jedoch ablehnen, auch diese Namen der Oeffentlichkeit zu überliefern. Arbeiterinnen sind allerdings keine Minister, die zwischen Morgen und Abend der Lucanus holt, aber aus Lohn und Brot können auch sie entlassen werden. Wenn die mitgetheilten Thatsachen auf Wahrheit beruhen— und unserer Ansicht liegt kein Grund vor, das zu bezweifeln— so ist allerdings Abhilfe dringend geboten. Mißstände müssen sicher eine beträchtliche Höhe erreicht haben, sie müssen außerordentlich schwer empfunden werden, damit im kgl. Schloß beschäftigte Arbeiterinnen sich dazu ausraffen, ihre Leiden und Wünsche in einem ausgesprochen sozialdemokratischen Blatte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Das vorausgesetzte„Wenn" festhaltend, will uns bedünken, daß die ausschlaggebenden Persönlichkeiten im Silberamt keine Ahnung haben von den bekannten Februarerlassen des deutschen Kaisers, den Schutz und die Rechte der Arbeitskräfte betreffend. Zu ihrem Ohr scheint nicht das Kaiserwort von der„heiligen Stellung der Frau" gedrungen zu sein. Wie wäre es sonst möglich, daß im kgl. Schloß zu Berlin Arbeiterinnen unter den skizzirten Bedingungen beschäftigt werden? Wie wäre es sonst möglich, daß Familienmütter— von 16 unseren Gewährsleuten bekannten Arbeiterinnen der Silberkammer sind 15 Frauen— von früh bis Nachts 12 Uhr zu schaffen gezwungen sind und damit selbstverständlich in die bare Unmöglichkeit versetzt werden, die Pflichten der„heiligen Stellung der Frau" als Gattin und Mutter zu erfüllen? Unverbürgten Zeitungsnachrichten zufolge soll die Kaiserin gelegentlich geäußert haben, daß vier X den Wirkungskreis der Frau zeichnen: Kirche, Kinder, Küche und Keller. Daß die Kaiserin j der Kirche fortgesetzt ihre allerhöchste Aufmerksamkeit zuwendet, ist � bekannt. Erst kürzlich meldeten die Blätter, der Kaiser habe erzählt, daß seine Frau aus ihrer eigenen Tasche Mittel zur Verfügung gestellt, damit an zwei Tagen der Woche der Organist in protestantischen Kirchen Berlins spiele. Dies zu dem Zwecke, die Leute auch an den Wochentagen an den Kirchenbesuch zu gewöhnen. Unter anderem sollen auch Frauen von Sozialdemokraten der Kaiserin dafür gedankt haben. Daß die Kaiserin wie der Kirche, so Küche und Keller die persönlichste Aufmerksamkeit zuwende, darf billigerweise nicht vorausgesetzt werden. Ihr liegen ja nicht blos die zahlreichen Repräsentationspflichten ihres hohen Standes ob, sie muß nicht blos heute in Kürassieruniform eine Parade abnehmen, morgen einer Jagd beiwohnen, übermorgen einem Feste prästdiren, der Kreis ihrer Interessen und Bethätigung ist vielmehr beträchtlich erweitert durch die innigste Theilnahme an dem temperamentvollen, vielseitigen und vielgeschäftigen Walten des Kaisers. Aber sollte der Zuschnitt der Arbeitsbedingungen in der königlichen Silberkammer etwa bedingt sein durch den bescheidenen Umfang der Mittel, die im Haushalt des Schlosses zu diesem Zwecke angesetzt sind, so wird sicher eine Vorstellung des Silberamts die Kaiserin bestimmen, für die betreffenden Arbeiterinnen zu thun, was sie für die musikalische und religiöse Erbauung gethan: aus ihrer eigenen Tasche die Mittel für eine dringliche Neuerung auszuwerfen. Wir sind ja mit jener dem beschränkten Unterthanenverstand ziemenden Fertigkeit davon überzeugt, daß es den Arbeiterinnen ein besonderer Hochgenuß ist, 13'/, Stunden täglich unter Salmiakausdünstungen und gegen kargen Lohn Silbergeschirr zu waschen, von dem nicht blos hohe, nein höchste und allerhöchste Herrschaften nahrhaft und lecker schmausten. Allein uns will bedünken, daß auch der Hochgenuß dieses erbaulichen Gedankengangs auf die Länge nicht das Knurren eines leeren Magens befriedigt, tödtliche Müdigkeit verscheucht und grobe Anranzerei als eitel Liebkosung empfinden läßt. Liebhaber des Orakelspiels mögen an der Sternblume grethchenhaft auszupfen, ob wohl Wandel geschaffen wird, oder ob der Gedanke der Sozialreform wie in der deutschen Gesetzgebung so auch im königlichen Schlosse„verstummt" ist. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Eine Agitationstour durch Hannover unternahm vom 8. bis 25. Mai die Genossin Baader-Berlin. Dieselbe sprach in Linden, Limmer, Hannover, Quakenbrück, Bramsche, Osnabrück, Einbeck, Göttingen, Münden, Bovenden, Osterode a. H., Alfeld, Peine, Celle und Lüneburg in zum Theil überfüllten Volksversammlungen über:„Frauenarbeit und Frauenfrage",„Die Gesetzgebung und die Frauen",„Die Bedeutung der politischen Rechte für die Frauen". In der sehr gut besuchten Versammlung in Lüneburg wurde gegen die Novelle zum preußischen Vereins- und Versammlungsgesetz Protest erhoben; eine entsprechende Resolution soll laut Beschluß der Versammlung dem Abgeordnetenhause übermittelt werden. In verschiedenen Städten hatten die Behörden unfreiwillig genug recht tüchtig für den Besuch der Versammlungen seitens der Frauen agitirt. Sie hatten nämlich aus Versammlungen, die einige Wochen früher stattfanden, die Frauen durch den überwachenden Beamten hinausweisen lassen. Die mit dem Hinweise auf das Ungesetzliche dieser Maßregel begründete Beschwerde hatte Erfolg, und so strömten denn in Schaaken die Frauen herbei, als sie hörten, daß eine Frau sprechen sollte. Durch Aufmerksamkeit während des Vortrages und in nachheriger persönlicher Aussprache mit der Referentin bekundeten die weiblichen Versammlungsbesucher, daß sie den sozialistischen Ideen zugänglich und nach Möglichkeit bestrebt sind, die Sache des Proletariats zu fördern, die ihre eigene Sache ist. Nirgends fehlt es an Verhältnissen, welche die Unzufriedenheit der arbeilenden Massen wecken und steigern, Frauen wie Männer zum Nachdenken über ihre Lage anregen und ihnen das Verständniß der sozialistischen Lehren erschließen. So ist z. B. in Alfeld kürzlich der Gemeindeanger verkoppelt worden. Viele der armen Leute sind in der Folge außer Stande, wie bisher ein Stück Vieh aufzuziehen. Sie müssen jetzt das Futter kaufen, das ihnen früher der Gemeindeanger unentgeltlich lieferte. Der Umstand war sicher von Einfluß auf den Versammlungsbesuch in Alfeld. Dieser war ein so zahlreicher, daß nicht nur in dem geräumigen Saale eine dichte Menge sich drängte, sondern daß noch Schaaken von Leuten auf dem Hofe vor den geöffneten Fenstern standen und zuhörten. Eine Anzahl der Anwesenden trat sofort dem Verbände der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter bei. Auch in dem herrlichen Münden versprachen sämmtliche der sehr zahlreich anwesenden Frauen, sich dem genannten Verbände anzuschließen. In Quakenbrück war der Saal um 8 Uhr bereits gänzlich gefüllt, aber nur von Männern. Die Frauen standen in den Hausthüren und warteten darauf, daß eine den Anfang machen und sich in das Lokal wagen sollte. In Quakenbrück waren nämlich die Frauen noch nicht daran gewöhnt, in Versammlungen zu gehen. Die Referentin entschloß sich kurz, einige der zaghaften Frauen zu holen. Kaum war sie mit diesen im Saale verschwunden, so folgten die übrigen Frauen nach. Die betreffende Versammlung war noch dadurch interessant, daß ihr der Bürgermeister und die übrigen Honorationen der Stadt beiwohnten. Einer der bürgerlichen Herren griff in die Diskussion ein und sprach den Frauen die Fähigkeit zur politischen Bethätigung ab. Er wurde von der Referentin und vom Vorsitzenden gebührend abgewiesen. Die werkthätige Bevölkerung von Quakenbrück begreift recht gut, wie begründet die Forderung politischer Rechte für die Frauen ist. Sie weiß aus Erfahrung, daß die Frau tagtäglich für den Erwerb inmitten der Stürme des Lebens kämpfen muß. In der Stadt ist die Bürstenfabrikation zu Hause. Die Männer haben einen geradezu elenden Verdienst. Da müssen denn die Frauen zum Einkommen der Familie beitragen, indem sie ein Stückchen Acker pachten oder auf Tagelohn zum Bauer gehen. In allen Orten der von der Natur so gesegneten Provinz Hannover ist durch die Schuld des Kapitalismus die einst fräftige, stattliche Bevölkerung zu einem armseligen, schwächlichen Proletariat verkümmert. Fabrik wie Landarbeiter empfinden die volle Bitterniß ihrer Klassenlage, empfinden die ganze Schwere der fapitalistischen Ausbeutung und ihre Folgeerscheinungen. Was Wunder da, daß in Hannover, wie überall, wo der Kapitalismus sein Szepter schwingt, der sozialistische Gedanke immer mehr und immer fester Besitz ergreift von den Herzen und Köpfen der Enterbten. Die sozialistische Agitation fällt auf fruchtbaren Boden, die zielbewußte Bewegung der arbeitenden und ausgebeuteten Masse wächst unaufhörlich. In immer größeren Schaaren wenden sich auch die arbeitenden Frauen unserer Partei zu, aufgeklärt nehmen sie Antheil am Kampfe gegen die jetzt herrschende Reaktion, wie gegen den Kapitalismus. 0. B. Der Streik der Wäscherinnen von Neu- Isenburg ist endlich im Wesentlichen zu Gunsten der Arbeiterinnen beendet worden. Schon die siebenwöchentliche Dauer des Ausstands zeugt von der Zähigkeit, mit der von beiden Seiten gekämpft worden ist. Ein Unterschied in der Haltung der Arbeiterinnen und der Arbeitgeber war nur insofern vorhanden, als die Ersteren vom ersten Augenblick des Kampfes an zur Verständigung unter einigermaßen annehmbaren Bedingungen bereit waren, während die Herren fast bis zur letzten Die Rückkehr. Don Ginlia Mulazzi. Aus dem Italienischen überfekt von Ida St.-B. Ein lachender Sommermorgen lag auf den Fluren. Auf Auf der von den Sonnenstrahlen schon vollständig beschienenen Landstraße rollte ein Wägelchen dahin, in welchem zwei Männer saßen. Der Eine zählte wohl schon fünzig Jahre, während der Andere faum über fünfundzwanzig hinaus war. Ihrem Aussehen nach Ihrem Aussehen nach waren es zwei Bauern, zwei ganz gewöhnliche Menschen, welche gewiß von Jedermann unbeachtet geblieben wären, hätte nicht der Jüngere durch eine schreckliche und zugleich Mitleid erregende Eigen thümlichkeit die Blicke auf sich gezogen. Die Aermel seiner Jacke hingen schlaff von den Schultern herunter, wie überflüssige Anhängsel; ja überflüssige, denn sie waren leer. Dem Bedauernswerthen fehlten beide Arme! Er war einer von den ,, aus Afrika Zurückgekommenen". Bei Abba Garima hatte er gekämpft und nun wurde er so seiner Heimath, seiner Familie wiedergegeben. Sprachlos saß er da sein schönes, männliches Antlig trug die Spuren von großen überstandenen Leiden, an deren Stelle nun eine traurige Ergebung in das bittere Schicksal trat. Sein Begleiter suchte durch allerlei Fragen, die er in schlichter, aber liebevoller Weise an ihn richtete, ihn zum Sprechen zu be: wegen. Umsonst, er blieb stumm. Gegen Mittag erreichten sie ein Dorf, wo sie Halt machten, um das Pferd etwas ruhen zu lassen und sich selbst ein wenig zu stärken. Im Dorfe wußte man schon, daß der Verstümmelte hier durchkommen müßte. Alles drängte sich um ihn; mit achtungsvoller Rücksicht hoben sie ihn aus dem Wagen und mit jenen herzlichen Worten, die nur das arme Volk kennt, führten sie ihn in die Wirthschaft. Kaum hatte er sich gesetzt, als eine Frau hereinstürzte, athemlos, das verwirrte Gesicht voll Thränen. Eine 100 Stunde jedes Entgegenkommen zurückwiesen und wie Shylock auf seinem Schein auf der vollständigen Unterwerfung der Wäscherinnen bestanden. Die Wäschereibesizer wollten nicht blos die schier schrankenlose Ausbeutung ihrer Arbeiterinnen aufrecht erhalten, sie erstrebten vor Allem die Zerschmetterung der Organisation. Klar erkannten sie, daß die Organisation die früher in dumpfer Ergebung schanzenden Arbeiterinnen zu entschlossenen Kämpferinnen für bessere Arbeitsbedingungen erzogen hatte, daß sie es war, welche der Lohnbewegung ihre Festigkeit und Ruhe bewahrte. Die Arbeiterinnen dagegen bewertheten die Organisation sehr richtig als das vorzüglichste Bollwerk gegen das kapitalistische Profitbegehren. Sie waren deshalb entschlossen, zu dulden und zu opfern, um den Fortbestand ihres Vereins zu sichern. Das ist gelungen: der Organisation gehören gegenwärtig 185 von den 208 Isenburger Wäscherinnen an. Der Verein hat nicht blos an Mitgliedschaft gewonnen, auch an innerer Kraft, an Selbstvertrauen, an Sympathie seitens der Arbeiterinnen. Der äußere Verlauf des Streiks ist bekannt. In Folgendem die Vereinbarungen, welche vor dem Gewerbegericht als Einigungsamt getroffen worden sind: 1. Die Arbeitszeit einschließlich der Pausen für Frühstück, Mittagessen und Vesper dauert: a) für Wäscherinnen von 7 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends; b) für Büglerinnen vom 1. April bis 30. September von 7 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends, vom 1. Oktober bis 31. März von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends. Verheiratheten Büglerinnen und Wäscherinnen ist es während des ganzen Jahres gestattet, erst um 8 Uhr Morgens mit der Arbeit zu beginnen. 2. Der Arbeitslohn beträgt für erste Arbeiterinnen 1 Mt. 50 Pf. pro Tag, für die anderen Arbeiterinnen nach Vereinbarung. 3. Ueberstunden von 8 Uhr Abends ab werden entsprechend dem Tagelohn der einzelnen Arbeiterinnen besonders vergütet. Wenn die Arbeiterinnen bei Ueberstundenarbeit zwischen 8 und 9 Uhr zu Abend essen, so wird die dafür nöthige Zeit von den zu bezahlenden Ueberstunden nicht in Abzug gebracht. 4. Bezüglich des Essens gilt die seitherige Uebung, doch wird von den Arbeitgebern ausdrücklich erklärt, gutes Essen liefern zu wollen. An Unterstützungsgeldern wurden 2100 Mk. ausgezahlt, 2600 Mt. waren bis jetzt bei der Streitkasse eingegangen. In den nächsten Wochen sind noch Arbeiterinnen zu unterstützen, welche nicht sofort Beschäftigung erlangen konnten, da während des Streits ein Theil der Kundschaft den Isenburger Wäschereien verloren gegangen ist. Nicht genug kann die vorzügliche Haltung der Ausständigen gerühmt werden. In den sieben Wochen, wo bald Versprechungen, bald Drohungen der Wäschereibesitzer die Reihen der " arme Mutter, deren Sohn ebenfalls in Afrifa war, und von dem ihr schon lange jede Nachricht fehlte. Vielleicht würde sie hier von ihrem Beppe" hören? Vielleicht würde ihr hier endlich der Trost zu Theil, daß er noch am Leben und gesund sei? Aber als sie den Verstümmelten erblickte, brach sie von Neuem in Thränen aus, all ihre Hoffnungen wurden durch den einen schrecklichen Gedanken verdrängt, daß es ihrem Sohne nicht besser ergehe, und sie fand nicht mehr Muth, zu sprechen. Unterdessen füllte sich die Gaststube immer mehr. Alle wollten ihn sehen. Die vom Felde heimkehrenden Männer traten mit der Hacke auf der In Schulter ein, die Frauen mit den Kindern im Arn.... ihren Blicken lag unaussprechliches Mitleid, gemischt mit leichtem Schauder; Anfangs getrauten sie sich kaum, sich ihm zu nähern. Man konnte die halblauten Ausrufe der Frauen hören:„ Mein Jesu!", heilige Jungfrau! ein so prächtiger Jüngling, Himmel, stehe ihm bei!" und sie machten das Zeichen des Kreuzes. Die Mütter weinten. Die Männer hätten gern etwas gehört von Afrika, vom Krieg; aber er antwortete nur in gebrochenen, kaum verständlichen Säßen, deutlich nur das eine Wort mehrmals wiederholend:" Entseßlich! entseßlich!" Jene gräßlichen Erinnerungen schienen seine Sinne zu verwirren, denn er verzog sein Gesicht derart, daß er einem Wesen glich, dessen Verstand durch großen Schreck gestört worden ist. Sie drangen deshalb nicht länger mit Fragen auf ihn ein, sondern betrachteten ihn stillschweigend, wie er, über sein Glas gebeugt, den Wein mittels eines Röhrchens trant. Ein junges Mädchen trat schüchtern hervor und hielt mit etwas zitternder Hand ihm das Glas zum Munde.„ Danke!" sagte der Arme, sichtlich gerührt. Ein Junge hob ihm das Taschentuch auf und steckte es ihm wieder in die Tasche. Jeder wollte ihm behilflich sein und in ihrem Eifer schnitten sie ihm das Fleisch und führten es ihm zum Munde, ebenso das Brot. Diese herzliche Behandlung that ihm wohl; über seine Züge glitt ein sanftes Lächeln. Plötzlich sagte er in mehr schmerzhaftem Kämpfenden ins Wanken zu bringen trachteten, hat sich nur eine einzige Streitbrecherin unter ca. 150 Ausständigen gefunden. Greisinnen und junge, kaum der Schule entwachsene Mädchen standen mit gleicher Begeisterung und Opferfreudigkeit im Kampfe. So darbte sich z. B. ein 73 jähriges Mütterchen das nöthigste ab, um fast jede Woche eine Mark an die Streikkasse entrichten zu können. Wer von den Wäscherinnen irgend konnte, der steuerte sein Scherflein für den Kampf bei, manche Ausständigen nahmen keine Unterstützung an, obgleich auch an ihre Thüre die Entbehrung anklopfte. Glänzend bewährte sich im Streik die proletarische Solidarität. Zunächst traten die Isenburger Arbeiter für die Streifenden ein und bald floß diesen Munition für den Kampf von allen Seiten zu. Die Genossinnen insbesondere haben durch den bethätigten Opfermuth ganz wesentlich zum Erfolg des Streits beigetragen. Von den bisher eingelaufenen 2600 Mt. Unterstützungsgeldern find ca. 1300 Mt., die Häfte, von Proletarierinnen aufgebracht worden; 1300 Mt., die nicht vom Ueberfluß gegeben worden sind, welche vielmehr die Armuth sich abgerungen hat. Ehre solcher Opferfreudigkeit! Auch bürgerliche Kreise haben sich der Ausständigen wacker angenommen. So vor allem die Frankfurter Ortsgruppe des deutschen Frauenbildungsvereins, Abtheilung für Rechtsschutz. Das Eintreten der Damen für die Ausständigen blieb nicht ohne Eindruck auf die Wäschereibefizer und trug dazu bei, diese einer Verständigung geneigt zu machen. Der Umstand fiel eben in Betracht, daß die bürgerlichen Damen in ihrer Eigenschaft als Kunden der Unternehmer einen Druck auf diese auszuüben vermochten. Selbstverständlich ist das eine Sachlage, die sich nur ausnahmsweise erneuern fann. Genossin Fürth- Frankfurt hat sich als Vermittlerin bei dem bürgerlichen Frauenverein und als Referentin in einer wichtigen Versammlung um die Sache der Streikenden sehr verdient gemacht. Das Vorgehen und der Erfolg der Isenburger Wäscherinnen hat anregend und ermuthigend auf die Arbeiterinnen der Branche in der ganzen Frankfurter Umgebung eingewirkt. Die Wäscherinnen von Niederrad z. B. beabsichtigen, sich ebenfalls zu organisiren, um mit der Zeit eine Verbesserung ihrer elenden Arbeitsverhältnisse durchzusetzen. Auch in anderen Orten wird eine fleißige Agitation entfaltet, um die Arbeiterinnen der Wäschereien aufzuklären, gewerkschaftlich zusammenzuschließen und günstigeren Existenzverhältnissen entgegen zu führen. Vollste Beachtung, thatkräftige Unterstützung verdienen die Bemühungen der Wäscherinnen und Büglerinnen, sich aus eigener Kraft, durch die Macht der Organisation bessere Arbeitsbedingungen zu erringen. als bitterem Ton:„ Wenn Ihr guten Leute nicht wäret, müßte ich mit dem Munde vom Teller essen, wie ein Thier." Alle schauten sich an. Ja, es war nur zu sehr wahr, wie ein Thier! Die Frauen schauderten und die Männer konnten ihre Verwünschungen nicht mehr unterdrücken:„ Verfluchtes Afrika! Verdammter Krieg!" Bald nachher bestieg der Verstümmelte das Fuhrwerk wieder und setzte seinen Weg fort. Die Sonne stand hoch am Himmel, die ganze Landschaft prangte festlich. Er weidete sich an ihrem Anblick und seine Lunge athmete mit Behagen die heimathliche Luft ein. In dieser lauen, erquickenden Temperatur fühlte er sich wie neu belebt. Das Leben und die Jugend kehrten wieder. Gott! wie war doch sein Vaterland so schön! Wie entzückend dieses Italien im Vergleich zu Afrika! Während er mit Wohlgefallen das frische, junge Grün betrachtete, welches ihn umgab, tauchten vor seinem Geiste wie eine Vision jene wüsten, einsamen Gegenden auf, jene röthlichen Felsen und jenes, alles versengende Licht. Schreckliche Länder! Warum denn wollte Italien sie um jeden Preis besigen? Er konnte und konnte es nicht begreifen. Ihm wurde ganz wirr im Kopfe. In Wirklichkeit fonnte er nicht einmal jene Schwarzen hassen, welche ihm doch so großes Leid angethan hatten. Sie vertheidigten ja nur ihre Heimath gegen diejenigen, welche sie ihnen zu Unrecht entreißen wollten. Sie hatten ihn zwar zu Grunde gerichtet... aber! so wollte es das Schicksal. Welch' ein Strieg! mein Gott, welch' eine Schlächterei! Und wieder tauchte, wie ein Bliz, eine jener Erinnerungen vor ihm auf, die sein geplagtes Gemüth umsonst zu verdrängen suchte: in einem öden, tiefen Gebirgspaß, auf einer engen Bergterrasse tobte der Kampf gegen jene gewandten, wüthenden schwarzen Teufel, Mann gegen Mann, ein verzweifeltes Ringen, eine Szene aus der Hölle. Und was war dann geschehen? Er wußte es nicht, seine Erinnerungen reichten nicht weiter... nur über Eines war er sich klar: er besaß keine Arme mehr. 101 Bleibt in den Kreisen der betreffenden Arbeiterinnen das Gefühl der Solidarität, die Ueberzeugung von dem hohen Werth des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses so lebendig wie unter den tapferen Isenburger Wäscherinnen, so wird der Erfolg nicht ausbleiben. Was in unermüdlicher Geduld und unter zahllosen Opfern gesäet wird, es schießt mit der Zeit üppig in die Halme und trägt reiche Frucht zum Nutzen der betheiligten Arbeiterinnenkreise und zum Nutzen der gesammten Arbeiterklasse. Frauenarbeit in Apotheken. So erfreulich das Eindringen der Frauenarbeit in neue Wirfungskreise ist, die bis jetzt nur den Männern offen standen, weil dadurch die Gleichberechtigung der Frau dem Manne gegenüber zum Ausdruck kommt, so bleibt diese Errungenschaft doch so lange eine fragwürdige, als die Frauenarbeit schlechter bezahlt wird, wie die Männerarbeit. Wenn Frauen heutzutage z. B. als Buchhalterinnen 2c., kurz in vielen Berufen beschäftigt werden, in welchen früher nur Männer thätig waren, so geschieht dies gewiß nicht ihrer schönen Augen wegen, sondern weil die Frauen sich mit einem geringeren Lohne begnügen als die Männer. Die weibliche Berufsthätigkeit auf neuen Gebieten wird deshalb von den bis dahin hier ausschließlich beschäftigten männlichen Arbeitern mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet. Die gewöhnliche Folge derselben ist ja, daß entweder die männlichen Arbeiter entlassen werden, oder daß sie künftighin verhältnißmäßig billiger arbeiten müssen. Zwar hat die zielbewußte sozialdemokratische Bewegung die Forderung aufgestellt: Gleicher Lohn für gleiche Leistung für Frauen wie Männer. Allein bis jetzt ist die Verwirklichung dieser Forderung nur in recht wenigen Fällen durchgesetzt. Eins der Arbeitsfelder, welches in Zukunft auch der Frauenarbeit in Deutschland geöffnet werden soll, ist das Apothekergewerbe. In Krankenhausapotheken arbeiten schon lange Frauen. In der Apotheke des großen Krankenhauses Bethanien in Berlin habe ich z. B. schon vor dreißig Jahren junge Diakonissinnen thätig gesehen, und in Paris habe ich in einer Apotheke neun Monate mit einer älteren Dame zusammen gearbeitet, die zwar hauptsächlich an der Kasse saß, aber auch sonst im Berufe mithalf. Die Diakonissinnen haben allerdings nichts mit dem Publikum zu thun, sondern sie fertigen nur die verschriebenen Arzneien an, zu denen sie die Materialien aus der Hofapotheke geliefert erhalten. Es ist jedoch kein Ah, was wohl seine Mutter sagen würde beim Wiedersehn? Dieser Gedanke durchbohrte sein Herz. Er wandte sich zu seinem Begleiter:„ Wir haben nicht mehr weit, nicht wahr?" Noch ein halbes Stündchen." Also in einer halben Stunde.... Was da sein Mütterchen wohl sagen würde? Arme Frau! Er dachte an all' die Beweise unendlicher Liebe, mit der sie ihn groß gezogen, an ihre Sorgen und die Entbehrungen, die sie seinetwillen ertragen hatte. Und solchen Trost sollte sie dafür ernten! Ihr eigenes Kind in dieser Weise verstümmelt vor sich zu sehen! Sie, die so stolz war auf ihren großen, starken Sohn! Es wird ihr nie wieder vergönnt sein, bei der Rückkehr von der Messe sich mit jenem glücklichen Lächeln auf seinen Arm zu stützen. Und... sie? Einen Augenblick schwebten vor seinen Augen die braunen Haare um die frischen Wangen seiner Jugendgespielin, die er schon in sein Herz geschlossen hatte, bevor er Soldat werden mußte. War er denn jetzt noch ein Mann? Würde er noch im Stande sein, zu arbeiten? Auf den Feldern nicht; ebenso wenig in einer Werkstatt. Den Seinigen mußte er fortan zur Last fallen, das war gewiß. Gott, der Tod wäre für mich besser gewesen!" So saß er in düstere Gedanken versunken, als plötzlich zwei barfüßige Jungen sich mitten auf die Straße stellten und anfingen zu schreien: Er ist's, er ist's!" Fort eilten sie wie der Bliz. Sie hatten ihn erkannt und eilten nun, seine Ankunft in der Heimath anzukündigen. " Sein Körper zitterte vor Aufregung. Er betrachtete sich und schämte sich seiner selbst. Ein unbeschreibliches Gefühl wie Scham über sein Unglück bemächtigte sich seiner." Onkel, zieh doch die Decke etwas mehr über mich", sagte er dann. Dieser schaute ihn erst verwundert an, schien aber bald zu verstehen und deckte ihn zu bis ans Kinn. Er schloß die Augen und träumte. Ja, für Zweifel, daß auch die übrigen Arbeiten, die in den Apotheken vorkommen, sowie der Verkehr mit dem Publikum sehr gut von weiblichen Personen besorgt werden können, wenn sie die nöthige Vorbildung erhalten haben. In Holland werden schon seit Jahren sehr viele Frauen in Apotheken beschäftigt. Die Apothekenbesitzer haben denn auch keine Einwendung gegen. die Beschäftigung von Frauen in ihren Betrieben. Wenn sie besonders betonen, daß die Frauen, denen das gleiche Recht der Ausübung des Berufs wie den Männern zusteht, auch die gleiche Vorbildung wie diese besitzen müssen, so ist das wohl eine selbstverständliche Forderung, deren Berechtigung von Niemand bestritten werden kann. Die Herren Besitzer betonen wohl auch diese Forderung besonders, um darzuthun, daß sie für die gewissenhafte Zubereitung der Arzneien besorgt find. Im Allgemeinen werden ihnen weibliche Gehilfen sehr erwünscht sein. Und um die Einstellung weiblicher Gehilfen wird es sich in erster Linie bei der Zulassung der Frauen zum Apothekergewerbe handeln. Denn wenn eine Apothekerin so vermögend ist, daß sie an den Erwerb einer eigenen Apotheke denken kann, so findet sich wohl sicher ein Apotheker, der sie in den heiligen Stand der Ehe führt, dafern die Dame nicht partout unverheirathet bleiben will. Der Mann bekommt mit ihr nicht nur eine Frau, obendrein eine vermögende Frau, sondern er vermag dank ihrer beruflichen Ausbildung und Thätigkeit einen Gehilfen zu sparen. Die Rücksicht auf die Vermehrung der Gehilfenschaft ist sicher ausschlaggebend dafür, daß die Apothekenbesitzer die Zulassung der Frauen zum pharmazeutischen Gewerbe alles in allem mit Freude be= grüßen. Seitdem in Preußen und in den meisten anderen deutschen Staaten ein großer Theil der verliehenen und alle noch zu verleihenden Apothekenkonzessionen rein persönlich ertheilt werden, hat die Apothekerkarriere für junge Männer nicht mehr den Reiz wie früher. In der Folge ist die Zahl der Gehilfen oft recht knapp. In großen Städten bemerkt man das weniger, weil dahin immer der Zug der jungen Fachgenossen geht. In fleinen Orten und namentlich in den Landapotheken haben dagegen die Besitzer oft viele Mühe, ordentliche Gehilfen zu bekommen und müssen manchmal mit schwerem Herzen etwas tiefer in den Beutel greifen, um sich das nöthige Personal zu sichern. Die Herren hoffen nun, und mit Recht, daß die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe in der Beziehung Wandel schafft. Außerdem sind sie nach dem Stande der Dinge auf anderen Gewerbegebieten überzeugt, daß die Frauen in Betreff des Gehaltes und der Beköstigung noch weniger anspruchsvoll als die männlichen Gehilfen sein werden. einen Moment ließ er sich in jenen Traum wiegen, an den alle die Bedauernswerthen, welche das Unglück fürs Leben gebrandmarkt hat, sich anklammern möchten. Er sah sich gesund, underlegt, im Besize seiner Arme; so kam er an und Alles empfing ihn mit Jubel, die Mutter war glücklich, sie... flüsterte ihm ein" Ja" zu und die Hochzeit wurde gefeiert. Aber plößlich rüttelt er sich auf. In einiger Entfernung auf der Straße war ein schwarzer Punkt zu sehen. Er strengte seine Augen an, um besser zu unterscheiden; es waren Leute, die ihm entgegen famen. Er fühlte etwas wie einen heftigen, inneren Schreck, der ihm das Athmen erschwerte. Er wollte sich stark zeigen, schluckte den Gram hinunter, nahm eine gleichgiltige Miene an und verhielt sich ruhig. Aber die Beklemmung nahm mit jedem Athemzuge zu; es schien, als müßte das Herz ihm zerspringen. Es wurde ihm übel. Mit weit aufgesperrten Augen besah er die schwarze Masse, die immer größer wurde.... Jezt hätte er nie ankommen mögen. Wenn er doch fliehen, sich verbergen, verschwinden könnte! Langsam näherte sich die Menge, ohne einen Ruf, ohne einen Ton, ernst und melancholisch. Als sie nur noch wenige Schritte davon entfernt waren, erkannte er seine Mutter, welche die Arme nach ihm ausstreckte! Sohn! mein Sohn! mein Sohn!" jammerte sie, während die Anderen sie unterstüßten, ohne daß sie es gewahr wurde. Die Menge blieb stehen. Auch das Fuhrwerk machte Halt. Ungestüm richtete sich die große Gestalt auf, und die Decke glitt zu seinen Füßen. Nun fonnten ihn alle sehen. Ein Schrei ertönte. Seine blasse Mutter fiel in Ohnmacht. Er hielt es nicht aus. Da, vor aller Augen stürzten über seine Wangen die Thränen, die er nicht trocknen konnte. In dieser Todtenstille hörte man deutlich das Schluchzen, welches seinen Rumpf erbärmlich schüttelte. 102 Die Gehilfen sehen in der Folge den zukünftigen Kolleginnen nicht mit besonders freundlicher Gesinnung entgegen. Man kann ihnen das nicht verübeln: die Aussicht auf eine Verschlechterung der Lage hat für Niemand etwas Verlockendes, und die Freude über einen Schritt mehr zur Gleichberechtigung der Geschlechter macht elende Erwerbsverhältnisse nicht annehmlicher. In dem Organ der konditionirenden Apotheker wird denn auch heftiger Widerspruch gegen die Einführung der neuen Konkurrenz erhoben, von der die Gehilfen, wie die Verhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft liegen, mit größter Wahrscheinlichkeit eine Herabdrückung ihres Gehalts und ihrer Lebenshaltung erwarten. An das Selbständigwerden können heute die meisten unbemittelten konditionirenden Apotheker in ihrem ganzen Leben nicht denken. Sehr schnell wird es allerdings mit der Zulassung der Frauen zum Apothekergewerbe nicht gehen. Stehen dem weiblichen Geschlecht doch bis jetzt noch äußerst wenige Anstalten zur Vorbildung ( Gymnasien) offen. Immerhin ist es schon jetzt Zeit, darauf hinzuwirken, daß die zukünftigen Apothekergehilfinnen ebenso wie die weiblichen Arbeiter in anderen Berufen sich mit keinem geringeren Arbeitslohn begnügen, als ihn die männlichen Kollegen erhalten. Haben die Letzteren keine Schmutzkonkurrenz seitens der Gehilfinnen zu befürchten, so werden sie dieselben auch nicht schon von vornherein mit feindlichen Augen betrachten. Symmachos. Das Frauenstimmrecht in England. Nach Tily Braun. In feinem Lande Europas darf sich die Frauenbewegung des Umfangs, der Stärke und Erfolge rühmen, wie in England. Die englischen Frauenrechtlerinnen haben die privatrechtliche Emanzipation des weiblichen Geschlechts errungen, sie eröffneten diesem auf dem Gebiete der liberalen Berufe ein weites Thätigkeitsfeld, sie eroberten bereits für die Frauen einen Theil der politischen Rechte. Näher und näher rückt die Stunde, wo in England die letzte siegreiche Schlacht für die volle politische Gleichberechtigung der Geschlechter geschlagen wird. Da ist denn ein Ueberblick über die Entwicklung und den Stand des Kampfes für das Frauenstimmrecht von hohem Interesse, ein Ueberblick, der darthut, daß die englischen Frauenrechtlerinnen in zähem, geduldigem Ringen, in nimmer rastender thatkräftiger Arbeit Schritt für Schritt Boden gewonnen haben. An der Hand eines reichen und übersichtlich zusammengestellten Thatsachenmaterials zeichnet Genossin Brauns trefflicher Artikel im„ Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik"( 10. Band, 3. Heft:„ Das Frauenstimmrecht in England") ein anziehendes und klares Bild des Werdegangs der englischen Bewegung für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Diesem Artikel, den wir unseren Leserinnen als einen werthvollen Beitrag zur Geschichte der Frauenbewegung empfehlen, entnehmen wir Folgendes: Bereits im dreizehnten Jahrhundert sandten die Grundbesitzerinnen aus den alten eingesessenen Familien ihre Vertreter ins Parlament. In der Folgezeit nahm die Betheiligung der Frauen am öffentlichen Leben zu. Ende des sechzehnten Jahrhunderts suchte ihr der berühmte Jurist Sir Edward Coke entgegenzuwirken. Unter Berufung auf das Bibelwort:„ Die Frau soll in der Gemeinde schweigen", wollte er eine Frau nicht einmal als Zeugin vor Gericht vernehmen. Des Weiteren suchte er nachzuweisen, daß das englische Recht nirgends auf eine Gleichberechtigung der männlichen und weiblichen Bürger hindeute. Zum ersten Male tauchte damit die Frage auf, ob im Gesetz das Wort„ man" in der Bedeutung von Mensch oder Mann gebraucht werde. Der Deutung zufolge, welche Coke dem Worte gab, erschien der Ausschluß der Frauen von den Parlaments- und Gemeindewahlen auch ohne besondere gesetzliche Bestimmungen allmälig als etwas Selbstverständliches. Damit ging nicht etwa ein Recht aller Frauen verloren, vielmehr nur ein Privilegium weniger begüterter Damen. Eine der so Entrechteten, Anne Clifford, Gräfin von Dorset, Pembroke und Montgomery, hat sich durch ihren jahrelangen energischen Protest gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte einen Namen erworben. Unter der Regierung Karls II. übte sie in ihrer Eigenschaft als Obersheriff( Highsheriff) der Grafschaft Westmoreland ihr Wahlrecht aus. Ihre Wahl wurde jedoch beanstandet, und die Regierung stellte einen anderen Kandidaten an Stelle des ihren auf. Daraufhin sandte sie an den Staatssekretär die geharnischte Erklärung ab:„ Ein Usurpator hat mich vergewaltigt,* ein König hat mich verachtet, aber ein Unterthan wird mich nicht bebeherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland nicht vertreten." Ihr * Bezieht sich auf Cromwell, unter dessen Proteftorate ihre Schlösser und Burgen niedergebrannt worden waren. Sieg war ein so vollständiger, daß der König die tapfere Frau zu sich einlud. Sie folgte der Einladung nicht, indem sie erklärte:„ Ich müßte Scheuklappen tragen, wie meine Pferde, wollte ich an Karls II. Hofe erscheinen." " Anne Cliffords Vorgehen fand keine Nachahmung. Erst der Kampf um die Grundrechte des englischen Volkes unter Jakob II. weckte unter den Frauen des Bürgerthums Vertheidigerinnen der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Mary Astell wurde Ende des siebzehnten Jahrhunderts ihre erste energische Wortführerin. Die Rolle, welche Frauen zur Zeit der französischen Revolution im politischen Leben spielten, die Thatsache, daß sie ihre Rechte forderten, blieb nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der englischen Frauenbewegung. Es entstanden Vereine nach französischem Muster, und Ende des achtzehnten Jahrhunderts stellte Mary Wollstonekraft in ihrem bahnbrechenden Werke: Vindication of the Rights of Women"( Forderung der Frauenrechte) betreffs der politischen Gleichberechtigung der Frauen die weitgehendsten Forderungen auf. Dieselben wurden in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts in zahlreichen Vereinen verfochten. Die Frauen betheiligten sich in der Folge nicht blos reger am öffentlichen Leben, sie suchten auch und häufig mit Erfolg die ihnen nicht durch ein Gesetz abgesprochenen Rechte auszuüben. Frauen wurden zu Armenpflegern, Armenhausverwaltern, Gefängnißinspektoren gewählt und betheiligten sich hier und da an den Wahlen der Kirchspiele. Als charakteristisch und in der Entwicklung des modernen Lebens begründet, hebt es Lily Braun treffend hervor, daß in der Zeit der beginnenden Chartistenbewegung die politische Gleichberechtigung der Frau nicht mehr lediglich aus ihrem Besitze hergeleitet wurde, vielmehr auch aus ihrer Arbeit. 103 Die Reform des Parlamentswahlrechts von 1832 brachte den Frauen statt der erhofften Bestätigung und Wiederherstellung ihrer alten Rechte die ausdrückliche Beseitigung derselben. Im Gegensatz zu den alten Bestimmungen sprach das neue Gesetz nur von„ male persons", männlichen Personen. Der Kampf um das Frauenstimmrecht wurde nun mit um so größerer Energie fortgeführt. Von tiefgehendem Einfluß auf seine Entwicklung war die amerikanische Frauenbewegung. 1848 fand in New York der erste Frauenkongreß statt, er forderte die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Der Kampf für die Emanzipation der Neger, an dem die Frauen den regsten Antheil nahmen, förderte die amerikanische Frauenbewegung mächtig. Ihre Wellen schlugen nach England hinüber. Mill trat im Juli 1851 in einem Artikel der„ Westminster Review" als Vorkämpfer für die Frauenrechte auf den Plan, sein späteres unsterbliches Werk„ The Subjection of Women"( Die Hörigkeit der Frau) lieferte den Frauenrechtlerinnen ebenso schneidige als wuchtige Waffen. Im Parlament liefen Anträge für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein. 1851 beantragte Lord Brougham, daß in allen Wahlgesetzen der Vereinfachung der Ausdrucksweise wegen" ,, male person" durch„ man" ersetzt werden solle. Sein Antrag wurde angenommen unter Hinzufügung der einschränkenden Erläuterung, daß das Wort„ man" überall dort Frauen einschließen solle, wo nicht besondere Bestimmungen es anders vorschreiben. Der Antrag war derart verklausulirt, daß seine Annahme kaum einen Erfolg der Frauenbewegung bedeutete. In dem gleichen Jahre wurde dem Hause der Lords von dem Earl of Carlisle die erste Massenpetition der Frauen um das Stimmrecht überreicht. Die Konservativen, denen der Earl angehörte, gewannen in der Folge die Sympathie der Frauen. Noch mehr und nachhaltiger war dies der Fall, als der hervorragendste Führer der Partei, Disraeli, der spätere Lord Beaconsfield, 1866 im Unterhause sehr warm für das Frauenstimmrecht eintrat. Die Konservativen erfreuen sich seit jener Zeit der thatfräftigsten Unterstützung eines großen Theiles der englischen Frauenrechtlerinnen. Diese Unterstüßung war nicht zu unterschätzen, weil schon damals die Wahlagitation vielfach in den Händen der Frauen lag, und die Wahl eines Kandidaten hier und da ganz wesentlich von dem Wohlwollen oder der Abgeneigtheit der politischrechtlosen Frauen abhing. Mill ließ sich angelegen sein, das liberale und demokratische Element in der Frauenbewegung zu stärken. Zum Gesetzentwurf der Regierung, die Wahlrechtsreform betreffend, brachte er ein Amendement ein, das den Frauen die gleichen politischen Rechte wie den Männern sichern sollte. Trotz der glänzenden Begründung durch Mill, ward es mit 196 gegen 76 Stimmen abgelehnt. Ebenso ward der Antrag verworfen, das Wort„ man" wieder durch den Ausdruck„ male person" zu ersetzen. Auf Grund dieser Thatsache versuchten die fortgeschrittensten Frauen in Manchester und Salford ihr Recht auf einem anderen Wege zu erlangen. Gegen 7000 Frauen, die als Besitzer oder Miether sich zur Wahl berechtigt glaubten, forderten die Eintragung ihrer Namen in die Wählerlisten. Ein Theil von ihnen hatte Erfolg, die abgewiesene Mehrzahl strengte behufs Durchsetzung ihres Rechts einen Prozeß an. Der Gerichtshof entschied gegen die Frauen. Die Niederlage wirkte ungemein agitatorisch, sie feuerte zum weiteren energischen Kampf an. Frauenstimmrechtsvereine schossen wie Pilze aus der Erde, in immer größeren Massen traten die Frauen in Beschlüssen, Petitionen 2c. für ihre politische Gleichberechtigung ein. Zahlreiche Anträge für das Frauenstimmrecht wurden im Parlament eingebracht und diskutirt, wo die Zahl der Gegner der geforderten Reform stetig abnahm. In dem Kampfe um das Parlamentswahlrecht trat auch der um die Bürgerrechte der Frau in den Stadt, Gemeinde- und Schulverwaltungen. Die Bewegung griff in die Kolonien hinüber, wo der Kampf für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein leichterer war. Die Frauen erhielten in Neuseeland 1893 das aktive Wahlrecht, in Südaustralien 1894 das aktive und passive Parlamentswahlrecht. In England selbst besitzen zur Zeit nur bestimmte Gruppen der weiblichen Bevölkerung das Stimmrecht für den Schulrath, den Gemeindeund Bezirksrath, die Armenpflegschaft, den Stadtrath und Grafschaftsrath. Die Agitation für das Parlamentswahlrecht wird mit Energie und Erfolg weitergeführt. Drei große, politisch von einander geschiedene Organisationen führen in planmäßiger Weise den Kampf: die konservative„ Primrose- Ligue", mit einer Million männlicher und weiblicher Mitglieder; die liberale„ Womens Liberal Federation", deren fast 200000 weibliche Anhänger eine ebenso energische Agitation für die liberale Partei entfalten, wie die Damen der„ Primrose- Ligue" für die Konservativen; die„ Womens Franchise League", deren Mitgliedschaft sich aus Sozialisten und bürgerlich Radikalen zusammensetzt. Die konservative Organisation fordert das Wahlrecht nur für steuerpflichtige Witwen und unverheirathete Frauen. Der liberale Verband verlangt das Stimmrecht auch für die verheiratheten Frauen. Der radikale Flügel der englischen Frauenbewegung kämpft für das aktive und passive Wahlrecht aller Frauen. Die Arbeiterinnen stehen in ihrer Masse dem Kampf für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts theilnahmslos gegenüber. Die Schuld daran mißt Lily Braun den Arbeiterparteien bei, welche von dem Beginn ihrer Entwicklung an die Arbeiterinnen nur für die gewerkschaftliche Organisation zu gewinnen suchte und ihrer politischen Aufklärung so gut wie feine Aufmerksamkeit zuwendeten. An dem Charakter und den Forderungen der drei angeführten großen Stimmrechtsorganisationen weist sie nach, daß es in England keine einheitliche, über den politischen Parteien stehende und von ihnen unabhängige Frauenbewegung giebt. Sehr richtig bemerkt sie:„ Von dem Augenblick an, wo die Frauenbewegung sich ernsthaft mit politischen Fragen beschäftigte, kann von einer einheitlichen Frauenpartei nicht mehr die Rede sein, und die jetzt schon vorhandene Differenzirung wird sich mit der Gewährung politischer Rechte, nach denen zu streben noch den einzigen äußeren Zusammenhalt der Frauenbewegung darstellt, immer entschiedener ausprägen. Die Frauen werden sich den Parteien der Männer anschließen; sie werden in ihnen, soweit es sich um Fragen handelt, die ihr Geschlecht besonders nahe angehen, neue Gesichtspunkte vertreten, aber ebenso wenig wie sie eine Masse im Volke bilden, sondern den verschiedenen Klassen zugehören, werden sie jemals eine Partei für sich darstellen. Bekanntlich wurde im Februar dieses Jahres im englischen Unterhause ein Gesetzentwurf in erster Lesung mit 230 gegen 159 Stimmen angenommen, der einem kleinen Theil der begüterten Frauen das aktive Wahlrecht zum Parlament verleiht. Im Sommer soll dieser Entwurf abermals vor das Plenum kommen. Regierung und Oberhaus stehen ihm ablehnend gegenüber. Daß die politische Gleichberechtigung der Geschlechter in England in nicht zu ferner Zukunft Thatsache werden wird, dürfte nach der bisherigen Entwicklung der einschlägigen Verhältnisse kaum zweifelhaft sein. Diese Erwartung spricht auch aus Genossin Brauns Ausführungen. Gegenüber den stizzirten Fortschritten der Engländerinnen tritt die kümmerliche und schwächliche Entwicklung der deutschen Frauenrechtelei scharf in Erscheinung. Des Weiteren widerlegt der Artikel durch die zusammengefaßten Thatsachen die von den deutschen Frauenrechtlerinnen über den grünen Klee gepriesene Taktik der weisen Selbstbeschränfung und Mäßigung". Er zeigt, daß nur große Ziele große Massen in Bewegung setzen und zur Macht erstarken lassen. Er räumt gründlich auf mit den kolportirten Märchen von dem„ parteilosen" Charakter der englischen Frauenbewegung, jenem Märchen, das ebensosehr in der Unkenntniß der englischen Verhältnisse wurzelt, wie in dem tiefempfundenen Bedürfniß, die Unklarheit der Auffassung und die Schwäche des Handelns, die rückständige Entwicklung der deutschen Frauenrechtelei als besonders verehrungswürdige Tugenden zu verherrlichen. " Kleine Nachrichten. " 104 Die proletarische Frauenbewegung Oesterreichs stand wiederholt im Mittelpunkt der Debatten des letzten Parteitags der österreichischen Sozialdemokratie, der in der Pfingstwoche in Wien tagte. Eine stattliche Zahl von Genossen, und zwar aus allen Theilen des Reichs, betonte die Bedeutung der proletarischen Frauenbewegung und forderte zur thatkräftigsten Unterstützung und Förderung derselben auf. Verschiedentlich wurde darüber geklagt, daß die einzelnen Genossen es hier und da noch am Verständniß für die Arbeiterinnenbewegung fehlen ließen. Dadurch erkläre sich, daß schöne Beschlüsse, welche die Partei fasse, nicht zur Verwirklichung gelangten. Der Parteitag nahm zu dem Gegenstand folgende von dem Genossen Dr. Gzech- Krapka( Brünn) eingebrachte Resolution an:„ Der Parteitag erklärt, es sei nothwendig, daß die Parteigenossen allerorts der Frauenfrage ihre Aufmerksamkeit zuwenden und unter den Frauen eine rege Agitation entfalten." Des Weiteren gelangte nachstehender Antrag des Dr. Czech zur Annahme:„ Der Parteitag verpflichtet die Gesammtparteivertretung, die geeigneten Maßnahmen zur Ausführung dieses Beschlusses zu treffen und über die erzielten Resultate dem nächsten Parteitage Bericht zu erstatten." Eingehend wurde die Frage erörtert, was zu geschehen habe, um die Eristenz unseres Schwesterorgans, der trefflich redigirten Wiener Arbeiterinnen- Zeitung" zu sichern und die weitere Verbreitung des Blattes zu bewirken. Genosse Popp, als Berichterstatter über die„ Presse" der Partei, theilte mit, daß die Arbeiterinnen- Zeitung" in einer Auflage von 3000 Exemplaren hergestellt wird. Das Defizit des Blattes ist für 1896 etwas größer als für 1895, dagegen ist es für das laufende Jahr im Sinfen begriffen. Der Referent beantragte die Ueberführung der„ Arbeiterinnen- Zeitung" in den Verlag der Volksbuchhandlung. Dieser Vorschlag wurde seitens mehrerer Delegirten unterstützt, fand aber im Allgemeinen wenig Anklang. Man fürchtete, daß durch seine Verwirklichung das Blatt der Parteikontrolle entzogen werde. Beantragt wurde auch, die Arbeiterinnen- Zeitung" als Beilage der„ ArbeiterZeitung" erscheinen zu lassen. Zur Begründung des Antrags wird geltend gemacht, daß das Blatt auf diese Weise in weitere Arbeiterinnenkreise Wiens dringe, während es gegenwärtig in der Provinz weit mehr Leserinnen als in der Hauptstadt zähle. In Wien würden kaum etliche Hunderte von Exemplaren der Arbeiterinnen- Zeitung" gelesen, in der Provinz dagegen mehr als 2000. Außerdem werde das Defizit verschwinden, sobald das Blatt als Beilage zur ArbeiterZeitung" erscheine. Nur ein einziger Delegirte befürwortete das Eingehen des Organs der Genossinnen. Alle übrigen Redner zu der Frage waren der Ansicht, daß der Fortbestand der ArbeiterinnenZeitung" eine Nothwendigkeit sei. Genossin Popp- Dworschat, Redakteurin des Blattes, wendete sich persönlich und im Auftrag der Wiener Genossinnen gegen alle Anträge, welche auf eine Umwandlung der„ Arbeiterinnen- Zeitung" abzweckten. In der Form der Beilage zur Arbeiter- Zeitung" verliere sie ihre Bedeutung für die Genossinnen der Provinz und sei lediglich noch für die Frauen der Wiener Genossen da. Die Lage des Blattes sei nicht gar so schlecht, die Auflage im Steigen, das Defizit im Fallen begriffen. Wenn alle Genossen, namentlich die Wiener, ihrer Pflicht entsprechend für die Verbreitung der Zeitung wirkten, so werde sich deren Lage noch günstiger gestalten. Der Parteitag lehnte die Anträge ab, die eine Abänderung des Verlags und der Erscheinungsform der Arbeiterinnen- Zeitung" forderten. Wie es nach den vorliegenden Berichten scheint, war außer unserer verdienstvollen Genossin Popp- Dworschat feine einzige Delegirte auf dem Parteitage anwesend. Wenigstens hat sich außer ihr feine Genossin zu der Frage der Frauenagitation und ,, Arbeiterinnen- Zeitung" geäußert. Der Umstand berührt befremdlich, zumal angesichts des Aufschwungs, den die proletarische Frauenbewegung in Desterreich in kurzer Zeit genommen, und angesichts der Klarheit, die sie jeder Zeit ausgezeichnet hat. " " " " " " Protestversammlung gebracht hat. Freisinnige, wasserstieflerischer und wadenstrümpflerischer Observanz, Ultramontane, Nationalsoziale, ja sogar Nationalliberale haben protestirt gegen den reaktionären Wechselbalg, Vereinsgesetznovelle benamset. Nur die deutschen Frauenrechtlerinnen erhoben nicht ihre Stimme zur Abwehr, sie schwiegen, obgleich die Vereinsgefeßnovelle nach wie vor die Frau als politisch Unmündige behandelt und der Kampf für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts den Kernpunkt jeder ernsten Frauenbewegung ausmacht. Diese Haltung, die weder schön noch neu ist, sticht sinnenfällig ab von den schwungvollen Deklamationen, in denen auf dem Berliner Internationalen Frauenkongreß" der Kampf für das Bürgerrecht der deutschen Frau als dringendste Nothwendigkeit und als Voraussetzung einer kraftvollen Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland bezeichnet wurde. Drei sozialdemokratische Bäuerinnen nahmen als Delegirte an dem Kongreß der Sozialdemokratie Ungarns Theil, der zu Pfingsten in Budapest tagte. Die Bäuerinnen waren aus der großen Landgemeinde Solt, des Pester Komitats, und vertraten organisirte Feldarbeiterinnen. Die eine von ihnen, Marie Kerti, referirte über die Vorfälle am 1. Mai in Solt. Die Gendarmen verhinderten die Arbeiterinnen mit roher Gewalt an der beabsichtigten Feier und warfen Genossin Kerti ins Gemeindegefängniß. In schlichter, ergreifender Weise schilderte die Rednerin die erduldeten Brutalitäten. Als nach ihrer Verhaftung ihre Tochter in den elenden Kotter kam, um den Hausschlüssel zu holen, da Mann und Kinder nicht in die Wohnung konnten, riefen ihr die Gendarmen zu:„ Deine Bankerte sollen nur frepiren."( Bewegung.) Unter lebhaftem Beifall erzählte Genossin Kerti, daß in Solt sechzig Feldarbeiterinnen sich zu einer besonderen Vereinigung zusammengeschlossen hätten. Keine Ver folgungen der Grundherren, feine Unmenschlichkeiten der Schergen würden sie abhalten, treu und fest zur Sozialdemokratie zu stehen. ( Begeisterte Hochrufe.) Es ist wohl das erste Mal, daß Land( Begeisterte Hochrufe.) arbeiterinnen als Vertreterinnen von Landarbeiterinnen auf einem sozialistischen Kongreß gesprochen haben. Der Gedanke des Sozialismus wurzelt überall ein, wo die fleißige Arbeit unter der Ausbeutung durch das Kapital seufzt. * Die Frauenstimmrechts- Bewegung in Amerika hat einen neuen Sieg zu verzeichnen. Der Senat in Washington hat ein Gesetz angenommen, wonach den Frauen die Ausübung des Stimmrechts auf Grund ihres Geschlechts nicht versagt werden soll. * Das einzige weibliche Mitglied des Senats von Utah ( Nordamerika), Mrs. Cannon, hat einen Gesetzentwurf eingereicht, der sich auf den Schutz der weiblichen Handelsangestellten bezieht und obligatorische Einführung von Sitzgelegenheiten, Verkürzung der Arbeitszeit 2c. fordert. Der Entwurf ist nunmehr vom Senat und vom Abgeordnetenhaus angenommen und vom Gouverneur zum Gesetz erhoben worden. Quikkung. Für die streikenden Wäscherinnen in Neu- Isenburg gingen bei der unterzeichneten Vertrauensperson ein: 216 Mf. 10 Pf., darunter von den Genossinnen in Chemnitz 2. und 3. Rate 30 Mt. 69 Pf.; von den Genossinnen in Köln 3. Rate 20 Mt.; durch Genossin Häckel aus Sagan 3 Mt.; aus Meuselwitz durch Genosse Weinpflug 3 Mt. 85 Pf.; auf Liste 3 von den Genossinnen in Königsberg 10 Mt. Gesammtbetrag der bei der unterzeichneten Vertrauensperson bis jetzt eingelaufenen Gelder: 216 Mt. 10 Pf. und 709 Mt. 10 Pf. 925 Mt. 20 Pf. Außerdem liefen für die Streikenden bei der Redaktion der Gleichheit" ein: 430 Mt. 50 Pf. Die Genossinnen brachten mithin für die Ausständigen die Summe von 1355 Mk. 70 Pf. auf. Die Beträge sind dem Vorsitzenden der Lohnkommission der streikenden Wäscherinnen übermittelt worden. " Mit bestem Danke für die bewiesene Opferwilligkeit der GeFrau M. Wengels, Vertrauensperson. Die Redaktion der ,, Gleichheit". An die Genofsinnen. Gegen den Ausschluß der Frauen aus politischen Vereinen und den von solchen Vereinen einberufenen Versammlungen machen ❘nossinnen nun endlich auch die deutschen Frauenrechtlerinnen mobil. Natürlich geschieht ihre Stellungnahme in bekannt zahmer ,,, vernünftiger" Weise. Der Bund der deutschen Frauenvereine" will eine Petition an den Reichstag senden, in der den betreffenden Beschlüssen des preußischen Abgeordnetenhauses entgegengetreten und der Reichstag aufgefordert wird, dahin zu wirken, daß das Vereinswesen durch Reichsgesetz geregelt werde. Die deutschen Frauenrechtlerinnen sollten doch endlich einmal die Werthlosigkeit der Nichts als Petitions Taktik einsehen und den Schwerpunkt ihrer Aktion von Bittgängen auf die Agitation unter den bürgerlichen Frauen verlegen. Es ist bezeichnend, daß die Frauenrechtelei bis jetzt die einzige möchte- gern- fortschrittliche Strömung ist, welche es gelegentlich des Attentats der Reaktion gegen das Vereins- und Versammlungsrecht auch nicht zu einer einzigen Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart. V Im Auftrage der Wäscherinnen von Neu- Isenburg sage ich allen Genossinnen, welche die Ausständigen in ihrem schweren Kampfe so thatkräftig unterstützten, besten Dank. Die Genossinnen allerwärts tönnen überzeugt sein, daß ihre Isenburger Schwestern jederzeit treu und von Solidaritätsgefühl beseelt in Reih und Glied stehen werden, um der Arbeiterklasse bessere Existenzbedingungen in der Gegenwart und volle Befreiung in der Zukunft zu erringen. Gustav Freitag, Vorsitzender der Lohnkommission der Wäscherinnen.