Nr. 14. Die Gleichheit 7. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Begründet von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen, unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 7. Juli 1897. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. An die Leserinnen und Leser. Wir kämpfen für unser Recht. der Bewegung. Braun Berlin. Aus Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Wir kämpfen für unser Recht. Das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen ist in Deutschland vielfach noch immer das fodifizirte Unrecht. So in Zur Debatte über meinen Vorschlag. Von Lily Preußen, Bayern und vielen Zaunkönigstaaten, deren buntfarbige Feuilleton: Beatrice Webb. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Gewerkschaftliche ArbeiterinnenOrganisation. Soziale Gesetzgebung.- Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenbewegung. An die Leserinnen und Lefer. Grenzlinien auf der Landkarte uns die Einheitlichkeit unseres ,, weiteren Vaterlandes" so anschaulich wie heiter zu Gemüthe führen. In einer stattlichen Zahl deutscher Einzelstaaten steht das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen im Zeichen der politischen Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts. Den Frauen, die ebenso wenig wie Unmiindige, Schwachsinnige und bürgerlich Ehrlose das Wahlrecht besißen, ist von Rechtswegen die Mitgliedschaft von politischen Vereinen und der Besuch von politischen Vereinsfizungen und Versammlungen untersagt, in mehreren besonders rückständigen Herrgottsvaterländchen der Besuch von öffentlichen Versammlungen überhaupt. Mit der vorliegenden Nummer führen wir eine Umgestaltung der„ Gleichheit" ein. Der für Artikel bestimmte Raum des Blattes soll künftighin beschränkt, der Notizen theil erweitert und bereichert werden. Hier soll möglichst vielseitiges und zuverlässiges Thatsachenmaterial erscheinen über die Arbeits- und Lebensbedingungen der proletarischen Frauen, über den Stand und die Entwicklung der Arbeiterinnenorganisationen im In- und Ausland, über den Stand und die Entwicklung der Frauenbewegung allerwärts, über die Fabrikinspektion 2c. 2c. Besonderen die Masse der Frauen sich bethätigen konnte, innerhalb dere Aufmerksamkeit gedenken wir der sozialen Gesetzgebung zum Schutze der Arbeiterinnen zuzuwenden. Nicht nur was in der Richtung fünftig geschieht, soll hier mit möglichster Genauigkeit und Vollständigkeit verzeichnet werden. Vielmehr beabsichtigen wir unter der Rubrik allmälig auch einen Ueberblick zu geben über die bereits in den verschiedenen Ländern bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zum Schuße der Arbeiterinnen. Auch gewerbegerichtliche Entscheidungen, die von besonderem Interesse für die Arbeiterinnen sind, wird die„ Gleichheit" von nun an bringen. Ein vierzehntägig erscheinendes Blatt kann selbstverständlich feinen Anspruch darauf erheben, stets das Neueste an Thatsachen und Vorgängen zu veröffentlichen. Dagegen wird es unser Bemühen sein, den Notizentheil der„ Gleichheit" so vollständig, reichhaltig und vor Allem so übersichtlich als möglich zu gestalten. So fann er sich allmälig von mangelhaften und verbesserungsbedürftigen Ansätzen heraus zu einem Arsenal entwickeln, in dem unsere agitatorisch und organisatorisch thätigen Genossinnen in Gestalt von Thatsachenmaterial Kugeln für den Kampf finden. So fügt er sich ergänzend zu dem Theile des Inhalts, der die theoretische Schulung der Genossinnen nach wie vor als vornehmste Aufgabe sich angelegen sein läßt. Genossin Braun, deren Vorschlägen" wir manche Anregung zu der begonnenen Neuerung verdanken, hat bereitwilligst eine regelmäßige und umfangreiche Mitarbeiterschaft auch an diesem Theile der„ Gleichheit" zugesagt. Ihre trefflichen, weitreichenden Kenntnisse auf dem Gebiete der Frauenbewegung, der sozialen Gesetzgebung 2c. 2c. und ihre lichtvolle Darstellungsweise werden ganz wesentlich dazu beitragen, daß der Notizentheil der„ Gleichheit" den Leserinnen lieb wird und sich zu dem entwickelt, was er werden soll. Möchte das Beispiel unserer wackeren Genossin Nachahmung finden. Möchten die Genossinnen allerwärts an dem Notizentheil der„ Gleichheit" fleißig mitarbeiten. Hier ist vor Allem auch Gelegenheit geboten für die Stillen im Reiche des Sozialismus, ihre Kräfte und Kenntnisse im Dienste unserer Bewegung zu verwerthen. Wir hoffen, daß die ,, Gleichheit", die ihrem Wesen nach bleibt, was sie bisher gewesen, ihre alten Freunde bewahren und neue Freunde erwerben wird. Die Redaktion. Dieser Stand der Dinge entspricht sozialen Verhältnissen, die bereits in geschichtlicher Ferne liegen oder mehr und mehr in diese gerückt werden. Er ist das Kind gesellschaftlicher Zeiten, in denen die Familie die einzige Gemeinschaft war, innerhalb deren die wirthschaftliche Grundlage ihrer Eristenz ruhte, die einzige Gemeinschaft, die unmittelbar bestimmend in den weiblichen Lebensgang eingriff. Dieser Stand der Dinge steht aber im schroffsten Widerspruch zu den sozialen Verhältnissen, welche die kapitalistische Entwicklung für viele Millionen von Frauen gezeitigt hat. Er ist ein nicht blos frauen, sondern gemeinschädlicher Anachronismus in Tagen, in denen Millionen von Frauen wirthschaftlich von der Familie losgelöst sind, auf dem gesellschaftlichen Markte ihr Brot suchen müssen und unmittelbar unter alle Einflüsse des sozialen Lebens fallen. Die politische Rechtlosigkeit der Frau auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungsrechts schlägt da um in ihre Schußlosigkeit. Wie breit die Schichte der deutschen Frauenwelt ist, welche behufs Vertheidigung ihrer Interessen im„ feindlichen Leben" ein freies, unbeschränktes, gesetzlich gewährleistetes Vereins- und Verfammlungsrecht benöthigt, das sagen uns beredt die trockenen, aber steifnackigen Zahlen der Gewerbeftatistik. Bereits 1882 gab es in Deutschland auf eine weibliche Bevölkerung von etwas über 23 Millionen rund 52 Millionen erwerbsthätiger Frauen und Mädchen. Seit diesem Jahre ist aber ihre Zahl beträchtlich angeschwollen. Sie stieg in der weiteren Landwirthschaft um reichlich 81/2 Prozent; in der engeren Landwirthschaft um 8 Prozent; in Bergbau und Industrie um mehr als 34 Prozent; im Handelsgewerbe um über 94 Prozent; in der nebenberuflichen Hausindustrie um 71 Prozent. Die weitaus meisten der erwerbsthätigen Frauen und Mädchen arbeiten nicht für eigene Rechnung, sie schaffen zu Nuz und Frommen eines Unternehmers, eines Herrn, sie sind Proletarierinnen. Prole= tarierin ist die barhäuptig zur Fabrik eilende Fabriklerin; Proletarierin ist die im eleganten Schleierhut einhertrippelnde Verkäuferin; Proletarierin ist die den Schein, standesgemäßen Auftretens" mit dem Preis heimlicher Entbehrungen zahlende Lehrerin. Proletarierin sein aber das heißt arm sein, heißt wirthschaftlich schwach sein -106 und deshalb der kapitalistischen Ausbeutung anheimfallen. Wo ist die Proletarierin, der Mammonsgewalt nicht Striemen auf die gebeugten, müden Rücken gezeichnet hätte? Härter ja noch als auf dem Arbeiter lastet auf der Arbeiterin des Kapitals Joch. Ihr Proletarierthum zwingt sie als Nichtbefizerin von Produktionsmitteln bei Strafe Verhungerns in die tapitalistische Ausbeutung hinein, und ihr Weibthum treibt durch Bedürfnißlosigkeit, Gehorsam und Fügsamkeit diese Ausbeutung auf die höchste Spitze, giebt ihr die proletarische Frau als zwiefach Schwache preis. Unter dem Zwange der denkbar ungünstigsten Lage schließt mithin die freie Arbeiterin" den freien Arbeitsvertrag" hohnvoller Benennung ab. " Zwiefach nöthig bedarf in der Folge die Proletarierin des Schutzes der Organisation. Die Gewerkschaft bildet innerhalb gewisser Schranken das Gegengewicht gegen die Ohnmacht der Arbeiterin als Glied des Proletariats und als Frau. Tief Tief einschneidend wirkt sie auf die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Lohnstlavinnen ein. Man vergleiche den verhältnißmäßig hohen Verdienst und die Lebenshaltung der Textilarbeiterinnen von Lancashire mit den Hungerlöhnen und der ärmlichen Eristenzweise der sächsischen Spinnerinnen und Weberinnen. Erstere sind seit dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts in die Gewerkschaft einbezogen, wo heute ihre Zahl der hervorragenden Verwendung der Frauenarbeit in der Textilindustrie entsprechend die der männlichen Mitglieder überwiegt. Letztere stehen der übergroßen Majorität nach ihrer Berufsorganisation noch fern. Und wenn in dem vorliegenden Falle die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit der Arbeiterinnen zur Gewerkschaft auch nicht der einzige Grund der unterschiedlichen Arbeitsbedingungen ist, so ist sie doch unbestritten eine der wesentlichsten Ursachen davon. Doppelt begründet und berechtigt ist somit der Anspruch der Proletarierin auf ein freies, unbeschränktes, gesetzlich gewähr= leistetes Vereins- und Versammlungsrecht. Das Gesetz muß dieses ihr Recht sicher stellen gegen die kapitalistischen Nücken und Tücken, durch welche der Arbeitgeber" so oft die Koalitionsfreiheit seiner " Hände" vernichtet. Es muß dieses Recht schützen gegen die frisch- fromme Schneidigkeit und die spitfindige, waghalsige Deutungskunst der Behörden. " Wie aber steht es in Deutschland mit dem Recht der Proletarierin auf Organisation? Wohl zuerkennt das Reichsgesetz der Arbeiterin die Koalitionsfreiheit, aber was sie von rechts her darreicht, das nimmt die Frau Base Vereinsgesetzgebung in vielen Einzelstaaten wieder fort. Ueberall, wo den Frauen als politisch Unmündige die Betheiligung an politischen Organisationen und an politischen Vereinsversammlungen verboten ist, da kann die Arbeiterin sich auch gewerkschaftlich nicht frei organisiren und bethätigen. Kein Gesetz legt die Begriffe wirthschaftlich und politisch fest. Die Behörden entscheiden darüber, ob Organisationen, ob Versamm lungen, an denen Arbeiterinnen sich bethätigen, wirthschaftlichen oder politischen Charakters sind. Und in der Mehrzahl der Fälle destilliren sie mit ebenso viel feinsinnigem Geschick als löblichem Eifer aus jeder Arbeit, mit der Arbeiterinnen sich befassen, den erforderlichen politischen Propfen heraus, um auflösen, verbieten und strafen zu können. So verfiel z. B. die Zahlstelle des Verbands der Schneider und Schneiderinnen zu Nürnberg wegen angeblich" politischer" Bethätigung der Auflösung. So wurde seinerzeit der Arbeiterinnen verein zu Breslau gerichtlich geschlossen und seine Leiterinnen wurden bestraft, weil diese Organisation auf politischem Gebiete gesündigt haben sollte. Und worin bestand die hochnothpeinliche politische Morithat? In einer Vereinssizung war ein Artikel der ,, Gleichheit" vorgelesen worden, der zur Sammlung von Arbeitsordnungen aufforderte! Wir könnten einen reichen Strauß ähnlicher Blüthen polizeilich- juristischer Weisheit und Pflichteifrigkeit Herrn v. d. Necke zu Füßen legen, dafern ihm der Lucanus Zeit und Gelegenheit zu der Begründung einer neuen und sehr dringenden ,, Korrektur" des preußischen Vereinsgesetzes lassen sollte. So lange in vielen deutschen Einzelstaaten die oben angezogene reaktionäre Fassung und die beliebte noch reaktionärere Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts den Frauen gegenüber in Kraft bleibt, so lange besteht auch die Koalitions freiheit breiter Arbeiterinnenschichten Deutschlands nur auf dem Papier. Tausende und Zehntausende von Proletarierinnen werden damit in die Unmöglichkeit versetzt, Dank der Macht einer hinter ihnen stehenden Gesammtheit einen Arbeitsvertrag unter möglichst günstigen Bedingungen einzugehen. Freiestes, unbeschränktes, ge= feßlich gewährleistetes Vereins- und Versammlungsrecht für das weibliche Geschlecht, diese Forderung muß deshalb von allen erhoben werden, welche die Herbeiführung besserer Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen für eine der brennendsten Aufgaben unserer Zeit erachten. Allein nicht nur für den gewerkschaftlichen Kampf auf wirthschaftlichem Gebiete benöthigt die proletarische Frau das freie Vereins- und Versammlungsrecht. Auch behufs Vertheidigung ihrer Interessen im politischen, im öffentlichen Leben. Die Prole= tarierin steht in einem Klassenstaate, der von den Besitzenden beherrscht wird. herrscht wird. Diese bedienen sich ihrer politischen Macht, um die wirthschaftliche Ausbeutung der werkthätigen Masse so vollständig als möglich zu machen und in alle Ewigkeit hinein aufrecht zu erhalten, sie bedienen sich ihrer, um den gesammten Zuschnitt des öffentlichen Lebens den Geldsacksinteressen entsprechend zu gestalten. Jede Berücksichtigung der Bedürfnisse des arbeitenden Volkes muß durch dessen Kampf erzwungen werden. Und die Zustände, die Vorgänge im öffentlichen Leben greifen unmittelbar oder mittelbar in die Eristenz der Proletarierin ein. Die Art und Weise der Besteuerung, ihre Höhe, die Verwendung der durch das Darben der Masse zusammengebrachten Steuermillionen, die Handelspolitik, das Heerwesen, die Arbeiterschutzgesetzgebung 2c. 2c. sind von bestimmendem Einfluß auf das Wohl und Wehe der Frau. Diese muß deshalb mit dem freien Vereinsund Versammlungsrecht die Möglichkeit besißen, auch auf politischem Gebiete ihre Interessen wahren zu können. Wissen und Organi| sation muß sie erst hier mit ihren Brüdern der Frohn und der Armuth zur Macht zusammenschweißen, die ernste Reformen erringt. Und zwar nicht blos Reformen zu Gunsten der dem Kapital zinsenden Masse. Auch alle jene Neuerungen, welche der Grundsatz der sozialen Gleichberechtigung der Geschlechter bedingt, in erster Linie davon die politische Gleichberechtigung der Frau. Denn die Proletarierin bedarf des Verfügungsrechts über ihre Person, sie bedarf der vollen Bürgerrechte, damit sie gleich bewehrt und kampfestüchtig wie der Proletarier für die Befreiung ihrer Klasse zu streiten vermag. Die unbeschränkte Vereins- und Versammlungsfreiheit kann auf die Dauer Millionen von Frauen und Mädchen nicht vorenthalten werden, die ihr Recht auf Grund ihrer Lebensbedingungen fordern. So fußt unser Reformverlangen nicht auf dem Flugsande ideologischer Phrasen von einem vorgeblichen ,, Naturrecht" der Frau als Mensch. Es ist vielmehr fest gegründet auf den granitnen Fels der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzung, die sich getrieben von wirthschaftstechnischen Revolutionen im Schooße der bürgerlichen Gesellschaft vollzogen hat und weiter vollzieht. Es ist fest gegründet auf dem Klasseninteresse des be= freiungssehnsüchtigen Proletariats, das der Jdeen- und Streitgenossenschaft seiner Frauenwelt auf der ganzen Linie des Klassenkampfes nicht entrathen kann. Mit ruhiger Entschlossenheit antworten deshalb die aufgeklärten Proletarierinnen auf allen zopfigen und reaktionären Widerstand gegen ihre Forderung: Wir heischen unser Necht, wir kämpfen für unser Recht. Bus der Bewegung. Von der Agitation. In dem Wahlkreis Höchst- UsingenHomburg Idstein hielt Genossin Steinbach- Hamburg kürzlich eine Reihe sehr erfolgreicher Versammlungen ab. Die Referentin sprach u. a. in Höchst, Homburg, Eschersheim- Heddernheim in sehr gut besuchten Versammlungen, in denen sie die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen und politischen Organisation der Arbeiterklasse darlegte. Die Ausführungen unserer Genossin wurden überall mit begeistertem Beifall aufgenommen, ein Umstand, der zusammen mit dem guten Versammlungsbesuch die besondere Galle der Kreisblätter erregt hat. Die Agitationstour hat den Arbeiterorganisationen eine gute Zahl neuer Mitglieder zugeführt. -107 Für das freie Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen und gegen die preußische Vereinsgesetz novelle agitirte Genoffin Zetkin in mehreren Städten Thüringens. Versammlungen fanden statt in Jena, Apolda, Weimar und Erfurt. Sie waren alle vorzüglich besucht, in Jena und Weimar wohnten ihnen auch zahlreiche bürgerliche Elemente bei, darunter viele Frauen rechtlerinnen. In Apolda, Weimar und Erfurt wurde die bekannte Resolution, das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen und die preußische Vereinsgesetznovelle betreffend, einstimmig angenommen. in Jena mit allen gegen zwei Stimmen. Eine für Ilmenau vorgesehene Versammlung wurde vom fürsichtigen Stadtoberhaupt verboten. Mit diesem Verbot und seiner ebenso gefühlvollen als höheren Begründung beschäftigen wir uns an anderer Stelle. Der Parteitag für Schlesien und Posen, der zu Pfingsten in Langenbiel au tagte, beschloß einem Antrag der Genossin Geiser entsprechend eine rege Agitation unter den wertthätigen Frauen der beiden Provinzen und empfahl die Wahl weiblicher Vertrauenspersonen, deren Adressen bekannt zu geben seien. Er protestirte ferner gegen die preußische Vereinsgesetznovelle und forderte ein freies Vereins- und Versammlungsrecht für Alle, ohne Unterschied des Geschlechts. Des Weiteren erhob er Protest dagegen, daß das bürgerliche Gesetzbuch die Gesinde- Ordnungen nicht abgeschafft habe und ver langte als einfachen Akt der Kultur und Gerechtigkeit die Aufhebung der an Sklaverei gemahnenden Bestimmungen und die Unterstellung der Dienstboten und der ländlichen Arbeiter und Arbeiterinnen unter die Gewerbeordnung. Einwendungen, für mich noch ebenso fest, als früher, nur daß ich, belehrt durch die Kritik der Genossinnen und durch manche praktische Vorschläge, meinen Plan modifizirt habe. Alles, was sich gegen ihn sagen läßt, hat Genossin Zetkin in ihrem Artikel zusammengefaßt; der größte Theil der übrigen gegneri schen Meinungsäußerungen besteht nur in Variationen des bereits von ihr Gesagten. Das erleichtert mir die Antwort, denn ich kann mich wesentlich darauf beschränken, auf die von ihr geäußerten Bedenken einzugehen. Das Women's Industrial Council in London, das mir als Vorbild gedient haben soll, hat mir allerdings schon vor Jahr und Tag die Anregung zur Entwicklung eines ähnlichen Plans gegeben. Ich habe aber, theils in Folge der geringen Erfolge, die ich an der englischen Institution beobachtete, theils wegen der von denen Englands vollständig verschiedenen deutschen Verhältnisse, bald eingesehen, daß solch ein Plan, wenn er in seinem ganzen Umfang ausgeführt werden soll, vom Staat selbst, dem die ausreichenden Mittel und die ausführenden Organe zur Verfügung stehen, in die Hand genommen oder vollständig umgestaltet, und seiner Parteilosigkeit entkleidet werden müßte. Genossin Zetkin stellt nun die Frage auf, ob ein solches Erziehungsprogramm im Interesse einer Bewegung liegt, die einen entschiedenen Parteicharakter trägt. Sie verneint die Frage, weil das ausgesprochen sozialistische Gepräge" dem von mir entwickelten Plane fehle, weil er auch von Frauenrechtlerinnen der verschiedensten Richtungen ausgeführt werden könnte. Gewiß wäre dies möglich, ohne daß es gegen den Plan an sich spräche, aber dadurch, daß wir ihn ausführen, daß wir uns damit ausdrücklich in den Dienst unserer Partei stellen, bekommt er nothwendiger Weise ein ausgesprochen sozialistisches Gepräge". Das Material, das gesammelt werden soll, wird im Interesse unserer Bewegung verwerthet werden; die Veröffentlichungen, die von dem geplanten Zentralpunkt ausgehen sollen, werden für unsere Sache Propaganda machen. Wenn Genossin Zetkin sagt:„ Seinem ganzen Zuschnitte nach ist der von unserer Mitkämpferin entwickelte Vorschlag nicht ein Programm für die Erziehung zum Sozialismus, sondern ein praktisches Arbeitsprogramm auf abgegrenztem Gebiete, durchgeführt von Sozia listinnen und im Interesse der sozialistischen Bewegung" so tann ich ihr nur zustimmen, denn etwas anderes habe ich gar nicht zu schaffen beabsichtigt. Wenn sie aber im Anschluß hieran die Ansicht ausspricht, daß keine Nothwendigkeit zu einer besonderen Organisation für die Erziehung unserer Kerntruppen vorliegt, so muß ich ihr widersprechen. Zwar haben wir in den GewerkDie Polizeigewalt im Kampfe gegen die ,, Umstürzlerinnen" hat in Ilmenau Lorbeeren geerntet. Es wurde dort eine Versammlung verboten, in der Genossin Zetkin über das Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen referiren sollte. In der Begründung der staatsretterischen Maßregel heißt es: Wie Ihnen bekannt, ist die Abhaltung der in den letzten Jahren von Ihnen angemeldeten sozialdemokratischen Versammlungen immer genehmigt worden. Die für den 19. d. M. beabsichtigte Versammlung mußte indessen wie Ihnen zur Ersparung der Annoncirung schon mündlich mitgetheilt wurde in Rücksicht auf die Persönlichkeit der Rednerin, Clara Zetkin, welche bekanntlich in besonders scharfer Weise den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnungen predigt, verboten worden." Der Herr Bürgermeister Eckard ist offenbar ein Gemüthsmensch, der, wenn sein Herz seinen guten Tag hat, den Sozialdemo kraten die Annoncirung einer Versammlung gütigst erspart. Er ist offenbar auch ein äußerst pflichteifriger Mann, der durch sein Walten die Wachsamkeit anderer städtischer Behörden um mehr als Nasenschaften, den Bildungsvereinen und Diskutirklubs, in unserer umlänge schlägt. Denn während Ilmenau vor der besonders scharfen ,, Umsturzpredigt" bewahrt blieb, durfte Genossin Zetkin in anderen Städten des Goetheländele ungehindert„ predigen", sogar in Weimar, das in dem gleichen Verwaltungsbezirk wie Ilmenau liegt. Sollten in diesem Städtchen die bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnungen" auf so besonders schwachen Füßen stehen, daß ein Referat die Wirkung des Posaunenblasens vor Jericho auszuüben vermöchte? Oder sollten daselbst dunkle Punkte" die Frauen als besonders gefährliche Agitatorinnen erscheinen lassen? In Ilmenau wurde nämlich seiner Zeit auch ein Referat der Genossin Steinbach verboten. Bur Debatte über meinen Vorschlag. Wenn Jemand mit einem seit Jahren gehegten Plan, der die Frucht gründlicher Ueberlegungen ist, an die Deffentlichkeit tritt, so muß er von vornherein auf Widerstand gefaßt sein. Die Mehrzahl derer, die seit Langem in den gleichen Bahnen praktisch arbeiten, verlieren nicht nur leicht das objektive Urtheil, den Blick aus der Vogelperspektive über das Feld ihrer Thätigkeit, sie meinen auch gewöhnlich, daß jede Aenderung im Arbeitsplan, jedes Erschließen eines neuen Arbeitsgebietes, eine völlige Umwälzung, ja ein Aufgeben der bisherigen Wirksamkeit bedeutet. Die ablehnende Stellung derer, die sich zu meinem Vorschlag äußerten, entspringt hauptsächlich der erwähnten Annahme. Die Genossinnen sind von der Meinung ausgegangen, daß ich die gesammte Arbeiterinnenbewegung in einen Schraubstock spannen, gewissermaßen umorganisiren wolle, während ich nichts weiter beabsichtige, als eine Stelle zu schaffen, die mit ihrer stillen, theoretischen Arbeit in den Dienst der großen, frei sich entfaltenden Arbeiterinnenbewegung treten soll. Fast möchte ich sagen, meine Gegnerinnen haben aus der Mücke einen Elephanten gemacht. Ich gestehe gern zu, an dem Mißverständniß selbst mit die Schuld zu tragen, da ich meinem, die Diskussion einleitenden Artikel den Titel: ,, Die nächsten Aufgaben der deutschen Arbeiterinnenbewegung", statt „ Eine Aufgabe für die deutsche Arbeiterinnenbewegung" gab. Daß diese Aufgabe vorliegt und gelöst werden muß, steht heute, trotz aller fangreichen Presse und Broschürenliteratur Mittel genug zu solcher Erziehung; wo aber haben unsere mitten in der Agitation stehenden Genossinnen die Zeit, an dem Vereinsleben all dieser Organisationen theilzunehmen, die ganze Presse und Broschürenliteratur zu verfolgen, und sich aus den tausenderlei Anregungen, Eindrücken und Belehrungen die geistigen Waffen selbst zusammen zu stellen, die sie für ihren Kampf nöthig haben? Genossin Zetkin beruft sich auf den Mangel an Muße, um damit gegen meinen Plan zu polemifiren, ich führe dieselbe Thatsache gerade als einen schwerwiegenden Grund für ihn an. Zur näheren Erklärung ein praktisches Beispiel: nehmen wir an, es wird beschlossen über eine bestimmte Frage, sagen wir über die aktuelle des Vereins- und Versammlungsrechts, in öffentlichen Frauenversammlungen Preußens zu referiren. Zwei, drei unserer Agitatorinnen übernehmen diese Aufgabe. Sie wissen aus den Zeitungen und den persönlichen Erfahrungen mancherlei, was sie für ihre Vorträge benutzen können, aber ihr Material bleibt unzulänglich. Lange Zeit zum selbständigen Suchen danach, zum Studium dickleibiger Bücher bleibt ihnen nicht, denn meistens geht es ihnen wie den Soldaten im Felde: die Marschordre kommt knapp vor dem Aufbruch. Um sich aber doch so gut als möglich vorzubereiten, gehen sie zu den Abgeordneten oder den Redakteuren der Partei, um sich von ihnen belehren zu lassen und Material von ihnen zu bekommen. Die Genossen helfen ihnen so gut es geht, aber sie beklagen sich nachher mit Recht über die Störung, die sie, die selbst meist ueberarbeiteten, erdulden müssen; auch haben sie nur selten das gerade für die spezielle Agitation unter den Frauen Wichtigste zur Hand. Haben wir dagegen eine Organisation, die sorgfältig alles sammelt, was auf die soziale, wirthschaftliche, rechtliche und politische Stellung der Frauen, speziell der Arbeiterinnen Bezug hat, deren Bureau jeder Agitatorin offen steht, wo sie in geordneten Rubriken das für sie Nothwendige stets vorfindet und wo außerdem eine Sekretärin anwesend ist, zu deren Aufgaben es gehört, ihr persönlich beizustehen, so spart sie an Zeit, ist nicht auf die Freundlichfeit und ungenügende Hilfe der Genossen angewiesen, und kann sicher sein, wohlausgerüstet in den Kampf zu gehen. Da aber außer ihr, um bei dem Beispiel zu bleiben, noch Andere über dasselbe Thema zu referiren haben, so wird durch die vorgeschlagene Organisation auch noch ein wesentliches Mittel für die erfolgreiche Agitation geschaffen: die Einheitlichkeit� Ohne der Schablonenarbeit im Geringsten das Wort zu reden, halte ich es für nothwendig, daß wichtige Fragen stets von bestimmten Gesichtspunkten aus behandelt und die wesentlichen Momente, die ins Auge zu fassen sind, von allen Referentinnen übereinstimmend hervorgehoben werden. Nehmen wir noch einen anderen Fall: Es ist ein Streik ausgebrochen, an dem die Frauen in hervorragender Weise betheiligt sind. Da es in der betreffenden Gewerkschaft an geeigneten Kräften fehlt, werden Rednerinnen von auswärts berufen. Das nothwendigste Material stellt ihnen zwar die Gewerkschaft zur Verfügung, aber es genügt nicht. Wie gut würde es sein, wenn die Rednerin Beispiele eines Streiks in derselben Industrie zur Hand hätte, wenn sie unsere mangelhafte Schutzgesetzgebung im Vergleich zu der des Auslands kritisiren, wenn sie durch den Hinweis auf die kräftige gewerkschaftliche Organisation in irgend einem anderen Lande, die Solidarität der Streikenden stärken könnte. Wie viel mehr wirken Thatsachen auf Freund und Feind, als gut gemeinte Redensarten, denen Man leicht anmerkt, daß sie nur ein Deckmantel der Unwissenheit sind. In unserem Bureau würde die Agitatorin finden, was sie braucht. Alles in Allem sehen wir, daß die geplante Organisation für unsere im öffentlichen Leben stehenden Kämpferinnen mehr eine Zeitersparniß, als ein Zeitraub sein würde. Eine„überschwängliche Werthschätzung" ihrer Leistungen habe ich nie gehabt und nie ausgedrückt, um so mehr, als ich weiß, daß sie, wenn sie ins Leben tritt, zunächst nur einen bescheidenen Umfang wird haben können. Wenn aber Genossin Zetkin beweisen will, daß sie ganz überflüssig ist, indem sie weiterhin sagt, die soziale Gesetzgebung des In- und Auslandes, deren Sammlung ich vorgeschlagen hatte, könne im„Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik" und in der„Sozialen Praxis" recht gut verfolgt werden, so erwidere ich ihr: Gewiß, aber welche unserer Kämpferinnen hat beide Zeitschriften in all ihren Jahrgängen stets zur Hand und weiß genug Bescheid darin, um sich über bestimmte Fragen selbständig Informationen zu verschaffen? Sind sie dagegen in unserem Bureau für die allgemeine Benützung zugänglich, ist Jemand zur Stelle, der überdies der Suchenden Auskunft ertheilen kann, so werden diese und andere Zeitschristen erst unseren Kämpferinnen nützen können, während sie heute den meisten unter ihnen kaum zu Gesicht kommen. Auch gegen die publizistische Thätigkeit der geplanten Organi- Veatrire Webb/ Beatrice Webb ist das jüngste Kind des„Eisenbahnkönigs" Potter, der, was die Erziehung seiner Kinder betrifft, sehr aufgeklärt gewesen ist. Frau Webb liebt es auch, oft lachend zu betonen, daß sie sehr„frei erzogen" wurde. Die Mutter von Beatrice Webb war eine gebildete Weltdame, der die modernen Ideen nicht fremd waren, wenn sie auch in ihren Anschauungen nicht so weit ging wie ihre Tochter. Beatrice war etwas über zwanzig Jahre, als ihre Mutter starb. Da alle ihre Schwestern verheirathet waren, so fand es ihr Vater ganz selbstverständlich, ihr die Führung des großen, luxuriösen Haushalts, in deni allein fünfzehn Bedienstete angestellt waren, anzuvertrauen; aber das war noch gering gegenüber der Oberaufsicht und der Eintheilung, die er ihr über seine zahlreichen Besitzungen gab! Ihr Vater liebte sie mit einer Zärtlichkeit, die aus Stolz und gleichzeitig einer Schwäche für seine Grillen bestand. Er hatte es zuwege gebracht, ihr eine ganz eigenartige Erziehung zu geben, eine Erziehung, die den Vorstellungen seiner ausgesprochenen Persönlichkeit schmeichelte. Er ließ ihr fast gar keinen theoretischen Unterricht, aber viel praktische Belehrung ertheilen, besonders ließ er sie viel reisen. Er begann damit, als das Mädchen zehn Jahre alt war, er nahm sie mit sich nach Amerika, und da er sah, daß sie sehr klug war, machte er seinen Sekretär aus ihr. Sein Vertrauen in sie war unbegrenzt; er behandelte sie mehr als wäre sie ein junger Bursch, und ließ sie ihre persönlichen Erfahrungen machen, überzeugt, daß sie nie ihre Freiheit mißbrauchen würde. * Mitverfassenil des vorzüglichen Werkes über die englische Gewerkschaftsbewegung:„Geschichte des britischen Trade-Unionismus", Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart. Wir empfehlen unseren Leserinnen dringend das Studium dieses werthvollen Buches. sation wendet sich Genossin Zetkin, indem sie meint, Flugblätter und Broschüren könnten von einzelnen Personen verfaßt werden, ohne daß eine Frauengruppe sie beantragt, und ihre Veröffentlichung und Verbreitung durch die Partei sei sicher, wenn sie der Bewegung von Nutzen sind. An alledem zweifle ich nicht; ich konstatire aber, daß bisher nur verschwindend wenige, speziell für die Agitation unter den Frauen bestimmte Flugblätter erschienen sind, obwohl ihre Noth- wendigkeit nicht bezweifelt werden kann. Es fehlt also den einzelnen Personen, die sie schreiben könnten, an der nöthigen Initiative; es müßte ihnen die Anregung, eventuell sogar der genaue Auftrag erst gegeben werden. Aus der Mitte einer Gruppe von Frauen heraus könnte dies am besten geschehen. Noch wichtiger jedoch erscheint es mir, die Beilagen für Frauen, welche ein Theil unserer Presse in dankenswerther Weise eingeführt ' hat, zu kontrolliren und mit aktuellem Material zu versorge», damit das vielfach werthlose Zeug aus ihren Spalten verschwindet und sie zu einem schätzenswerthen Mittel der Agitation für uns werden. Wenn Genossin Zetkin im Hinblick auf diesen Theil des Planes sagt: „Es handelt sich für uns weit weniger darum, selbst zu leisten, als das was die bürgerliche Welt bietet, im Interesse der Bewegung auszunützen", so hat sie sicher recht;— wo und wann wird aber das alles wirklich so für uns ausgenützt, wie es ausgenützt werden könnte? Wie vieles liegt vergraben in dickleibigen Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften, was, in kleine Münze umgesetzt und durch die Presse unter die Massen gebracht, eine wesentliche Förderung > unserer Sache bedeuten würde. Die Ausführung einiger anderer Punkte meines Planes kann zunächst den Gewerkschaften überhaupt bleiben, so z. B. die Einrichtung von Enquete», wie sie jetzt schon im Gange sind und die Wahl weiblicher Vermittlungspersonen zwischen den Arbeiterinnen und der Fabrikinspektion. Dagegen sollte die Anregung und Einrichtung belehrender Vorträge oder Vortragszyklen von der geplanten Organisation ausgehen. Sehr häufig werden von Gewerkschaften oder Vereinen Vorträge von und für Frauen gewünscht, ohne daß ein besonderes Thema angegeben wird und ohne daß eine besonders wichtige Tagesfrage zur Erörterung drängt. Die Wahl bleibt den Kenntnissen und dem Geschick der Referentinnen überlassen, und es kommt häufig genug vor, daß sie über irgend ein abstraktes Thema sprechen, das nur Wenige fesselt, oder sich in allgemeinen Zeitungsphrasen ergehen, welche die Mehrzahl der Zuhörer langweilen. Je weniger Kräfte unserer Agitation aber zur VerHerbert Spencer, der viel im Hause verkehrte, hatte sie zu ! einer Art Lieblingsschülerin erkoren und behandelte sie auch mehr wie einen Studenten, als wie eine junge Dame. Er entwickelte in ihr ihre Anlage zur kritischen Zergliederung und zur wissenschaftlichen Genauigkeit, er gewöhnte sie, die Dinge aus einem erweiterten Gesichtspunkte zu betrachten und sie ohne Furcht bis in die letzten Konsequenzen zu zergliedern. Neben diesen trockenen Studien waren häufige tolle Abstecher-ins Romantische gemacht, worin sich Jugend und Unabhängigkeit verriethen. Aber überall blickte jene Hartnäckigkeit im Durst nach Wissen hervor, die auch jetzt einen der hervorragenden Züge Beatrice Webbs bilden. Aeußerlich verräth nichts die Engländerin in ihr, dunkle Augen, dunkle Haare und ein wie von südlicher Sonne durchwärmter, goldigbrauner Teint, das ganze Gesicht feurig und lebendig wie das einer Südländerin, sehr rasche Bewegungen, lange, feine, nervöse Hände, die keinen Augenblick unbeweglich bleiben können, eine sehr biegsame Gestalt, dazu ein angenehmes, modulationsfähiges Organ, mit einem Worte eine entzückende Erscheinung. Die Schilderung von einem ihrer romantischen Ausflüge soll hier einen Platz finden. Ein Onkel von Beatrice Webb hatte in seiner Jugend eine schöne Müllerin geheirathet. Die Familie war über diese entsetzliche Mißheirath ganz entrüstet und hatte mit ihm vollständig gebrochen. Der Onkel machte sich aber nichts daraus, lernte, da die Familie ihn enterbt hatte, das Müller- Handwerk und lebte, ohne sich um seine reiche Verwandtschaft zu kümmern, sehr glücklich in seiner Mühle mit seiner Frau und zahlreichen Kindern. Beatrice hatte von dieser Geschichte auf Umwegen gehört, da man in ihrer Familie nie davon Erwähnung that. Nach dem Tode ihrer Mutter machte sie sich, als Bäuerin verkleidet, nur von einer alten Dienerin begleitet, auf, ihre Verwandten zu besuchen: sie kam unter fremdem Namen hin, da sie von ihren Verwandten unter dem ihren nicht aufgenommen worden wäre. Sie wurde ohne Argwohn empfangen und zu dem eben 109 werden. Was war das Resultat? Einige wenige Versammlungen tamen zu Stande, dann schlief das Interesse ein und Niemand kümmerte sich mehr darum. fügung stehen, desto mehr müssen sie in richtiger Weise ausgenützt| stundentag( im Anschluß an die bekannte Reichstagsdebatte) agitirt und vor wirkungsloser Verausgabung behütet werden. Eine kleine Armee, wo jeder einzelne Mann an der richtigen Stelle steht und eiserne Disziplin Alle umfaßt, ist stets einem großen, aber ungeordneten und undisziplinirten Heer überlegen. Darum müssen wir eine Organisation schaffen, welche nicht nur den einzelnen Referentinnen mit Rath und That zur Seite steht, wenn sie eine direkte Aufforderung erhalten, sondern auch Redner und Rednerinnen zur Besprechung bestimmter Themen auffordert, deren Erörterung sich aus bestimmten Gründen als nothwendig erweist. So wären jetzt z. B. Vorträge über die Gesetze der verschiedenen Staaten in Bezug auf die Hausindustrie von großem Nutzen gewesen. Genossin Baader hat mir nun freilich zwischen den Zeilen ihres Artikels zu verstehen gegeben, daß ich die Bildung" ungebührlich hoch anschlage und selbst in einen gewissen Bildungsdünkel verfallen bin, und doch ist gerade sie für mich eines der ersten lebendigen Beispiele dafür gewesen, wie viel Zeit und wie viel Mühe eine sozial demokratische Agitatorin es sich kosten läßt, um sich für die Agitation vorzubereiten, und wie schwer ihr diese Vorbereitung gemacht wird. Um zu erkennen, daß das„ gerügte lückenhafte Wissen" der Proletarierinnen ihren Lebensverhältnissen entspringt, brauchte ich der Bewegung gar nicht, auch nicht erst ganz kurze Zeit" anzugehören, denn diese einfache Wahrheit sah ich und sieht Jeder vom ersten Augenblick an, da ihm für die sozialen Zustände des arbeitenden Volkes die Augen aufgehen. Auch habe ich den Mangel an Kenntnissen nicht gerügt" als einen Fehler, der die Einzelnen etwa in meinen Augen herabsetzte, sondern ich habe ihn nur als eine Thatsache konstatirt und mich bemüht, einen Weg zu finden, um sie zum Vortheil der einzelnen Genossin wie der gesammten Bewegung abzuändern. Dank der polizeilichen Verfolgung und der Auflösung unserer Vereine fehlt es seitdem an Ordnung und Disziplin. Wir gehen nicht mehr, das müssen wir Alle ehrlich gestehen, in gleichem Schritt, in fester Schlachtordnung vor, sondern streben, je nach Laune und Gutdünken, nach allen Richtungen auseinander. Genossin Zetkin hat an einer Wendung in meinem ersten Artikel über das„ Vielanfangen und Wenigvollenden" sichtlich Anstoß genommen. Zur Illustration meines Ausspruches erinnere ich jedoch nur an einige Thatsachen. Wir Alle waren übereingekommen, daß wichtige Tagesfragen als Gegenstand der Referate für Versammlungen in ganz Deutschland festgestellt werden müßten: in diesem Winter und Frühjahr sollte für die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren und für den Achtaufgetragenen Mittagessen eingeladen, das in der großen Küche eingenommen wurde. Noch nie hatte sie sich so unterhalten! Diese bäuerliche Ausschmückung, diese Speisen, die man direkt vom Kochgeschirr auf die Teller legte, der Bauerndialekt, den ihre Verwandten sprachen, bis auf ihre eigene Rolle, die sie spielte, all das schien ihr ein unschäßbares, originelles Erlebniß. Beatrice fehrte wiederholt in die Mühle zurück, ehe sie sich zu erkennen gab. Inzwischen hatte sie Gelegenheit gehabt, ihre Verwandten fennen zu lernen. Sie schäßte ihren Muth bei der Arbeit, sie bewunderte ihre Ausdauer bei der Plage, sie wunderte sich über ihre Gewöhnung an die Armuth. Ihr Herz preßte sich zusammen, wenn sie sie am Abend derart ermattet von dem anstrengenden Tagewerk heimkommen sah, daß sie nicht Kraft zum Sprechen hatten, noch die, ein Buch zu lesen. Sie verglich das Leben der abhezzenden Arbeit ihrer Vettern mit ihrer eigenen Existenz; denn sie beurtheilte sie weit anders als ihre Familie und stellte sie über den Durchschnitt. Im Geheimen war sie von der Feinheit ihres Verstandes wie auch von ihrem moralischen Werth erstaunt. Ihre alterthümliche Sprechweise mit ihren malerischen Wendungen hatte sie tausend interessante und seltsame Dinge gelehrt, die man in der Stadt nicht kennt. Sie kam zu der Schlußfolgerung, daß diese einfachen Menschen aus dem Volke der Wahrheit aller Dinge näher standen, als die künstliche Gesellschaft, der sie in den Londoner Salons begegnete. Inzwischen war ihr Vater vom Schlage gerührt worden, er wurde in einen Kurort geschickt, wohin ihn seine Tochter in der Eigenschaft einer Krantenpflegerin, Verwalterin und Sekretärin begleitete. Während sie dort waren, wurde in London eine mächtige Bewegung, die Arbeitslosen betreffend, gefördert. Alle Zeitungen der Hauptstadt nahmen entweder für oder gegen Partei. Beatrice Webb interessirte sich auch lebhaft für die Frage und wollte ihre Ansicht Allen ins Gesicht sagen und schrieb unter einem Pseudonym einen Offenen Brief" an die„ Pall Mall Gazette", Je ernster der Kampf ist, den wir kämpfen, desto nothwendiger bedürfen wir der Ordnung und der Disziplin, und Beides muß durch eine Organisation geschaffen werden, der wir uns freiwillig unterordnen und zu der mein Plan einen Baustein bildet. Zu den allgemeinen Erwägungen, welche gegen diesen geltend ge macht wurden die Genossinnen Zetkin, Baader, Köhler und Eichhorn urtheilen ziemlich übereinstimmend gehört auch die, daß er eine besondere Frauenbewegung anstatt der allgemeinen, Männer und Frauen umfassenden Arbeiterbewegung zur Voraussetzung und zur Folge habe, und daß alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte im Dienste des Klassenkampfes wirken, und nicht durch staatswissenschaftliche Studien und Hilfsarbeiten in Anspruch genommen werden sollen. Allerdings soll die von mir vorgeschlagene Organisation im Dienste der sozialistischen Frauenbewegung stehen, die zwar eng verbunden ist mit der sozialistischen Arbeiterbewegung, aber doch, vermöge innerer und äußerer Umstände, eine selbständige Existenz beanspruchen muß. Die Agitation unter dem weiblichen Proletariat muß anders eingerichtet werden, als die unter dem männlichen, denn der Gesichtskreis der Arbeiterin ist weit enger, als der des Arbeiters, sie ist weit mehr als er in alten Vorurtheilen befangen, sie wird durch den Kampf ums Dasein körperlich und geistig weit mehr aufgerieben. Dabei steht sie rechtlich mit den Unmündigen auf einer Stufe, und der große Strom des politischen Lebens, der schon den jungen Mann mit sich fortreißt, rauscht an ihr vorbei, als ginge er sie nichts an. Gewiß ist es die Aufgabe der Partei wie Genossin Zettin sagt-, das Proletariat zum Bewußtsein seiner revolutionären Aufgabe zu erziehen und es für ihre Erfüllung zu organisiren. Es handelt sich für mich auch nicht darum, diese Aufgabe durch eine andere ersetzen zu wollen, sondern vielmehr darum, sie in Bezug auf das weibliche Proletariat in praktischer, den inneren und äußeren Verhältnissen Rechnung tragender Weise auszuführen und durch meinen Plan etwas Weniges, aber, wie ich glaube, Werthvolles dazu beizutragen. Gewiß wünsche auch ich, daß alle unsere Kräfte im Dienste des Klassenkampfes wirken sollen, es fragt sich nur, wie sie für diesen Dienst am besten ausgebildet und fähig gemacht werden. Ich bin z. B. der Ansicht, daß eine Agitatorin weit mehr leistet, die sich vor eine praktische Urkunde, wie die eines Mannes, der gewöhnt ist, Hunderte von Arbeitern zu leiten; dieses Schreiben machte ungemeines Aufsehen, ein Aufsehen, von dem sie entzückt war: Es war die Offenbarung ihrer schriftstellerischen Begabung. Aber trotz dieses großen Erfolges dachte sie nicht, daß sie schon genutg wisse. Ganz im Gegentheil war sie der Ueberzeugung, daß nun erst ihr eigentliches Studium und ihre Ausbildung beginne. Während 12 Jahren studirte sie mit eisernem Fleiße das Schriftstellerhandwerk. Sie las die Werke der besten englischen Schriftsteller und bemühte sich, ihr Verfahren zu ergründen. Sie bedeckte unzählige Seiten Papier, und da sie Niemanden hatte, der ihre Versuche kritisirte, so mußte sie die Strenge gegen sich aufs Höchste steigern. Nach achtzehn Monaten langer Arbeit glaubte sie, der Führung des Handwerkszeugs mächtig zu sein, nun fehlte ihr das Material zum Werke, von dem sie träumte. Es waren gründliche Datenstudien über die Lage der Londoner Arbeiter, die sie veröffentlichen wollte; aber dazu mußte sie in die Hauptstadt zurückkehren. Da der Zustand ihres Vaters sich verschlimmert hatte, kamen die verheiratheten Schwestern zu ihm, und so wurde die Gegenwart der Jüngsten um so weniger nothwendig, als die Krankheit Monate, ja noch Jahre dauern konnte. Fräulein Potter besaß ein eigenes großes Vermögen, ste verstand es ausgezeichnet, sich selbst zu schüßen, und so kam der Gedanke, sich in London niederzulassen, und das Leben gleich einem jungen Studenten zu führen, ihr ganz natürlich. Das gab ihr den nöthigen Spielraum, dessen sie bedurfte, für die so sehr schwierigen Forschungen, die sie unternehmen wollte. In der City im Zentrum dieser riesigen Stadt miethete sie in einem sehr einfachen Familienhotel ein möblirtes Zimmer. Niemand wunderte sich, und keiner suchte sich zu erkundigen, wer dieses junge Mädchen sei, denn der Engländer liebt zu sehr seine persönliche Freiheit, um die Anderer durch Neugierde zu stören. Raum in ihrem Heim eingerichtet, machte sich Beatrice mit Be 110 dem Kampf mit dem nöthigen Rüstzeug versieht und an zuverlässiger| Stelle ein umfassendes und geordnetes Material für ihre Referate sich zu eigen machen kann, als eine, die mühsam ein paar Notizen sich zusammenstoppelt und hundertmal wiederholte Zeitungsphrasen abermals wiederholt. Auch meine ich, daß unsere Streiterinnen im Klassenkampf siegreicher vordringen würden, wenn sie in strenger Disziplin, und straff organisirt gemeinsam nach einem vorher bestimmten System arbeiteten, als wenn Jede ihre eigenen Wege geht. Nach alledem soll mein Plan nicht eine gesonderte Frauenbewegung neben der Arbeiterbewegung schaffen, sondern die Frauenbewegung in der Arbeiterbewegung fördern, er soll unsere Kräfte nicht dem Klassenkampf entziehen, sondern sie für ihn erziehen helfen. Noch andere, scheinbar schwerwiegende Gründe sind von den Gegnerinnen meines Planes entwickelt worden. Die meisten sind mit Genossin Zetkin der Ansicht, daß es an Kräften und Mitteln fehlt, um ihn auszuführen. Sie haben sich Alle ein zu großartiges Bild von ihm gemacht, während ich mit einem Anfang im Kleinen schon zufrieden wäre. Bin ich doch auch überzeugt, daß aus einem gut angelegten und ausgeführten, wenn auch zunächst eng umgrenzten Plane, nach und nach auch der größere und umfassendere entstehen würde. Genossin Zetkin schildert im Eingang ihres zweiten Artikels den umfassenderen Plan, zu dessen Ausführung es uns allerdings heute noch am Nöthigsten fehlt. Ich fürchte nicht, daß mein Vorschlag zur„ Spielerei" führt, wenn er sich aus kleinen Anfängen entwickelt. Nur auf diese Weise können wir uns vor dem„ Vielanfangen und Wenigvollenden" bewahren und praktische Erfahrungen sammeln, die dem weiteren Ausbau zu Gute kommen werden. Nehmen wir an, mein Plan trete ins Leben: Welche Kräfte und welche Mittel brauchen wir dann? Genossin Rohrlack hat, wie mir scheint, in ihrem Artikel die beste Antwort darauf gegeben, die ich nur noch zu ergänzen habe. Wir brauchen eine Sekretärin und ein kleines Bureau und zwar zunächst nur in Berlin. Bewährt sich die Einrichtung, so kann sie nach und nach auch in anderen Städten organisirt werden. Vorläufig müßten die auswärtigen Genossinnen durch Korrespondenz an den Vortheilen, die das Bureau bieten kann, theilnehmen. Auch könnte die ,, Gleichheit" als Publikationsorgan benützt werden. Die anzustellende Sekretärin müßte eine gute sozialpolitische Vorbildung haben, Kenntniß der einschlägigen Literatur besitzen und durch ihre lange, erfolgreiche und aufopferungsvolle Thätigkeit in der Partei von vornherein eine autoritative Vertrauensstellung einnehmen. Denn eine in der Partei nicht hinreichend bekannte, wenn auch im geisterung an die Arbeit, und die Jahre von 1886 bis 1890 zählt sie unter die angenehmsten ihres Lebens. Jede Stunde des Tages hatte eine bestimmte Arbeit, die im Voraus firirt war. Der Vormittag und Nachmittag war der Sammlung der praktischen und statistischen Daten in den ärmsten und dichtestbevölkterten Vororten gewidmet. Die Abende waren zum Niederschreiben der gesammelten Daten bestimmt oder aber verbrachte sie die Abende mit Gästen, deren sie oft bei sich sah, es waren die verschiedenartigsten Arbeiter, Tagelöhner, Aufseher, Werkführer, alle Jene mit einem Worte, die ihr irgend ein kleines Steinchen zu ihrem großen Werke liefern konnten. Sie empfing sie sehr einfach und guter Laune bei gewöhnlicher Hausmannskost, nach Tisch zündete sie sich eine Zigarrette an, um ihren Gästen zu beweisen, daß der Tabakrauch sie nicht genire, worauf rasch eine Menge großer Pfeifen sichtbar wurden. Uebrigens sammelte sie nicht allein für sich diese Daten; auch für ihren Cousin, den bekannten Statistiker Charles Booth, in dessen berühmtem Buch„ Life and labour of the people in London" zwei Kapitel, die sich auf die Juden beziehen, aus der Feder Beatrice Webbs stammen. Man muß gestehen, daß sie die Dinge gewissenhaft anfaßte. Sie gab alle eitle und weibliche Gefallsucht auf, und eignete sich eine Tracht an, die ihr am zweckdienlichsten schien. Für lange, für sehr lange, verschloß sie die Gewänder der vornehmen Dame im Schrank! Sie ersetzte sie mit einem schlecht ſizenden Kleid, trug eine sehr ordinäre Müße, zog übertretene Schuhe an. In diesem Aufzug, mit einer demüthigen und unglücklichen Miene, den unordentlich frisirten Haaren, begab sie sich auf die Suche nach einer Stelle als Lehrmädchen bei einem Schneider, da sie die Bekleidungsindustrie ganz speziell studiren wollte. Sie wollte die Lebenshaltung dieser Gewerbetreibenden genau erforschen, vom kleinsten Schneider angefangen, der sich mit seiner Familie in einer Stube abmüht, bis zu dem großen Fabrikanten, der Hunderte von Arbeitern beschäftigt. ( Schluß folgt.) Uebrigen noch so geeignete Persönlichkeit, würde sich das nöthige Ansehen nur schwer verschaffen können und leicht in die Lage kommen, der allgemeine Prügeljunge zu werden. Außer dieser fest angestellten Sekretärin wären die von Genossin Zetkin etwas wegwerfend be= handelten, in„ bürgerlichen Verhältnissen lebenden Sozialistinnen", die bisher hinter der Front" standen, als freiwillige Hilfskräfte heranzuziehen. Manche von ihnen würden gern die Gelegenheit ergreifen, sich nützlich zu machen. Nicht Feigheit und Faulheit sind die Gründe, die sie häufig zurückhielten, auch die Planlosigkeit, der kleinliche Zank und Hader inmitten der Arbeiterinnenbewegung haben sie zurückgeschreckt. Nicht als ob ich ihre Zurückhaltung damit entschuldigen wollte denn an je mehr Schäden eine Sache, die wir zu der unseren gemacht haben, frankt, desto eifriger und hingebungsvoller müssen wir für sie arbeiten, um sie davon zu befreien aber erklären möchte ich sie dadurch. Unter diesen Hilfskräften kann ein großer Theil der Arbeit Lektüre, Auszüge daraus, Uebersehungen, Korrespondenz setzungen, Korrespondenz vertheilt werden. Unsere gewerkschaftliche Literatur, wie unsere Tageszeitungen, sozialwissenschaftliche und Frauenzeitschriften werden dem Bureau sicher gern kostenlos zugesandt werden; selbst das Ausland pflegt nach dieser Richtung freigebig zu sein, so daß das Abonnementsbudget nur gering zu sein braucht. Auch die Bibliothek müssen wir versuchen aus freiwilligen Gaben zusammen zu stellen und für direkte Anschaffungen nur eine fleine Summe in Anschlag bringen. Die Flugblätter, deren Kosten bisher von der Partei getragen worden sind, brauchen auch jetzt nicht unserer Organisation zur Last zu fallen; sie hat nur für ihre gute und zeitgemäße Abfassung zu sorgen, indem unsere Agitatorinnen, welche die sozialen und politischen Vorgänge verfolgen, die Anregung dazu geben und die Sekretärin mit dem im Bureau gesammelten Material den betreffenden Verfasserinnen mit Rath und That beisteht. Ein kleiner Fonds für anderweitige Publikationen müßte natürlich vorhanden sein. Da die großen Ausgaben für Enqueten, wie ich zu Anfang schon bemerkte, in Fortfall kommen können, so wäre damit die Aufzählung der zur Ausführung meines Planes fürs Erste nothwendigen Mittel erschöpft. Trotzdem es sich also um feine unerschwinglichen Summen handelt, ist es mir natürlich nie eingefallen, daß sie etwa von den Arbeiterinnen direkt aufgebracht werden sollten. Ich habe nicht geglaubt, dies besonders betonen zu müssen, denn ich hielt es für selbstverständlich, daß die Schaffung der mate riellen Grundlage für die Ausführung meines Vorschlags nur Sache der Partei sein kann. Genossin Zetkin wendet sich so entschieden gegen diese Auffassung, daß ich mich genöthigt sehe, sie näher zu begründen. Sie sagt, daß, wenn mein Plan für unsere Bewegung von praktischem Werthe wäre, er es für die Arbeiter ebenso wie für die Arbeiterinnen sein müßte. Diese Einsicht aber sei den Führern der als mustergiltig bekannten deutschen Partei noch nicht gekommen, sonst hätten sie ihn längst ausgeführt. Nun ist es, scheint mir, kein Beweis gegen die Güte und Nüglichkeit eines Planes, wenn die Partei ihn nicht ausführte, und es läßt sich wohl darüber streiten, ob die Ausführung eines dem meinen ähnlichen Programms nicht gerade im Interesse der allgemeinen Arbeiterbewegung läge. Die Frage der Errichtung eines sozialstatistischen Bureaus z. B. ist auf den Parteieinsichtiger Führer- ist im Jahre 1890 in Halle für sozialtagen schon wiederholt erörtert worden, und Bebel gewiß ein statistische Untersuchungen eingetreten, selbst wenn sie zehn- und zwanzigtausend Mark und noch mehr Zuschuß benöthigen".„ Ich würde diese Anlage der Gelder für die nußbringendste ansehen, die von der Partei gemacht werden kann", sagte er. Seine Ansicht drang freilich nicht durch; das beweist jedoch nichts, denn nicht jede Ansicht ist deshalb unrichtig, weil sie nicht sofort allgemein anerkannt wird. Jedenfalls scheint mir die Folgerung, die Genossin Zetkin zieht, nicht logisch begründet zu sein, daß, weil mein Programm, oder ein dem ähnliches, sich für die Arbeiter nicht als nothwendig erwiesen hat, es auch für die Arbeiterinnen nicht nothwendig ist, und es falsch von der Partei wäre, Mittel dafür zu bewilligen. Schon oben habe ich auszuführen versucht, daß die Bedingungen, unter denen die Arbeiterinnenbewegung sich ihren Weg bahnt, von denen der Arbeiterbewegung vielfach ganz verschieden sind. Wir können sie nicht über einen Kamm scheeren; unsere Taktik, unsere Agitation müssen nach vielen Richtungen hin andere sein. Die Männer haben ihre durch Schule und Leben anders geartete Erziehung, ihre weitverzweigten Vereine und Organisationen, ihre relativ ungehinsein mögen, tausendmal rechtloser ist die Frau; sie ist unfrei nach derte politische Thätigkeit. So rechtlos sie auch als Arbeitssklaven jeder Richtung hin, auf ihr lasten mit erdrückender Schwere auch noch die häuslichen und die Muttersorgen. Darum ist die Agitation unter den Frauen weit schwieriger, als die unter den Männern und es ist ein äußerst mühseliges Geschäft, diese armen, in des Daseins Elend oft stumpf gewordenen Proletarierinnen aus ihrem gleich giltigen Hinleben aufzurütteln. Unsere Agitatorinnen haben damit eine ungeheure Arbeit auf ihre Schultern genommen. Gelingt es ihnen, aus niedergetretenen armen Frauen aufgeklärte Genossinnen zu machen, so ist ihr Erfolg höher anzuschlagen, als der mancher männlicher Agitatoren; er wird nur geringer geachtet, weil er sich nicht an der Zahl der Wahlstimmen messen läßt. Das männliche Proletariat ist mit Riesenschritten vorwärts gegangen; das weibliche hat trotz aller Anstrengungen einzelner, aufopferungsvoller Frauen nicht gleichen Schritt gehalten, und zwar nicht nur, weil angesichts der weit schwereren Bedingungen die zur Verfügung stehenden Kräfte nicht zahlreich genug waren, sondern auch weil die Unterstützung seitens der Partei und der männlichen Genossen keine ausreichende ist. Sie nehmen die Arbeiterinnenbewegung im Allgemeinen nicht ernst genug, theils weil sie nach außen zu kleinlich erscheint, theils weil sich ihr Fortschritt nicht an positiven, für die allgemeine Bewegung wichtigen Resultaten abmessen läßt und die indirekten Wirkungen ihrer Stagnation oder ihrer Entwicklung viel zu gering angeschlagen werden. Für wie viele unter den Genossen steht der Theil des Erfurter Programms, der sich auf die Gleichberechtigung der Geschlechter bezieht, nicht nur auf dem Papier, sondern ist ihnen zu einem lebendigen Theil ihrer sozialdemokratischen Ueberzeugung geworden, die sie im Verhalten und Handeln des täg lichen Lebens bethätigen? Wohl haben wir allen Grund, stolz zu sein auf unsere Partei, die einzige Deutschlands, welche den Kampf für die Rechte der Frau auf ihre Fahne geschrieben hat und im Parlament stets unsere Sache führt, aber wir haben keinen Grund, die Unterstüßung, die sie unserer internen sozialdemokratischen Arbeiterinnenbewegung bisher hat angedeihen lassen, so hoch anzuschlagen, daß wir aus lauter Bescheidenheit keine Forderungen an sie zu stellen wagen dürfen. Es ist ja nichts Ungeheures, was wir verlangen, wenn wir die Anstellung einer Sekretärin und die Einrichtung eines Bureaus fordern. Mir scheint die Frage wichtig genug, um, nachdem sie hier in so ausgiebiger Weise erörtert worden ist, dem nächsten Parteitag zur Entscheidung vorgelegt zu werden. Wir kommen auch nicht wie Bettler mit ganz leeren Händen, wir bringen der Partei uns selbst und unsere Arbeitskraft. Auch die Genossinnen helfen den Parteisäckel füllen, auch sie stehen mit im Bordertreffen der agitatorischen Kämpfe, auch sie werden, bei Gelegenheit der bevorstehenden Wahlen, der Partei wesentliche Dienste leisten. Angesichts dessen haben wir wohl das Recht, eine Unterstützung von ihr zu verlangen und wir haben die Pflicht, es zu thun, wenn wir den Stand der Arbeiterinnenbewegung vorurtheilslos betrachten und uns ihre große Bedeutung klar zu machen suchen. Es kann bald einmal der Tag kommen, wo das weibliche Proletariat in seiner unaufgeklärten Masse mit Zentnerschwere die Vorwärtsstrebenden zurückhalten wird und sie es bitter bereuen werden, nicht bei Zeiten für die Beflügelung auch ihrer Schritte gesorgt zu haben. Berlin. Notizentheil. ( Von Tily Braun und Klara Betkin.) Lily Braun. 111 Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organisation. Dem ,, Verband der in Buchbindereien, der Papier- und Ledergalanteriewaaren Industrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands" gehörten am Schlusse des Jahres 1896 5433 männliche und 2305 weibliche Mitglieder an. Die Zahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiter des betreffenden Berufs hatte am Schlusse des Vorjahres 3904, die der Arbeiterinnen nur 686 betragen. Die männlichen Mitglieder des Verbandes haben mithin um mehr als 39 Prozent, die weiblichen dagegen um etwas über 236 Prozent zugenommen, ihre Zahl hat sich mehr als verdreifacht. Die meisten weiblichen Mitglieder zählt der Verband in Berlin: 1129; Leipzig: 311; Stuttgart: 262; Altona 195; Hamburg: 186; München: 81; Hannover: 59. Jn 17 weiteren Orten gehörten der Organisation von 1 bis 11 Arbeiterinnen an. An Beiträgen wurden 1896 von den männlichen Mitgliedern 49 123 Mt. aufgebracht oder nach dem durchschnittlichen Jahresstand pro Mitglied 10,52 Mt.= 42 Beitragswochen. Die weiblichen Mitglieder zahlten dagegen an Beiträgen 4723,70 Mt. oder pro Person nach der angegebenen Norm berechnet 3,16 Mt. 31,6 Beitragswochen. An Extrasteuern leisteten die männlichen Mitglieder des Verbandes 9253,20 Mark oder nach der durchschnittlichen Mitgliederzahl des 3. und 4. Quartals berechnet pro Kopf 1,79 Mt.; die von den weiblichen Mitgliedern gezahlten Extrasteuern beliefen sich auf 1437,75 Mt., d. i. 0,70 Mt. pro Kopf nach dem durchschnittlichen Mitgliederstand des 3. und 4. Quartals berechnet. Die materielle Leistungsfähigkeit der Arbeiterinnen steht also bedeutend hinter derjenigen der Arbeiter zurück und muß hinter ihr zurückstehen in Folge der niedrigen Entlohnung der Frauenarbeit. Die vorliegenden Zahlen beweisen einen höchst erfreulichen Fortschritt der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen des Buchbindergewerbes. Dem ,, Verein graphischer Arbeiter und Arbeiterinnen zu Berlin" gehörten am Schlusse des letzten Jahres 1142 männliche und 146 weibliche Mitglieder an. Die Einnahmen und Ausgaben der Organisation balanzirten mit 1359,65 Mt. Soziale Gesetzgebung. Die Verordnung des Bundesrathes, den Schutz der Konfektions- und Wäschearbeiter betreffend, ist am 31. Mai erschienen. Sie dehnt bekanntlich die Bestimmungen der§§ 135-139 und des§ 139b der Gewerbeordnung auf die Werkstätten der Kleiderund Wäschekonfektion aus und legt im Wesentlichen das Folgende fest: Kinder unter 13 Jahren dürfen nur beschäftigt werden, wenn sie nicht mehr zum Besuch der Volksschule verpflichtet sind. Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren darf die Dauer von 6 Stunden täglich nicht überschreiten. Junge Leute zwischen 14 und 16 Jahren dürfen nicht länger als 10 Stunden täglich beschäftigt werden. Beginn, Ende und Pausen der Arbeitszeit sind zu regeln. Arbeiterinnen dürfen nicht in der Nachtzeit von 8½½ Uhr Abends bis 5% Uhr Morgens und am Sonnabend, sowie den Vorabenden von Festtagen nicht nach 5% Uhr Nachmittags beschäftigt werden. Die Beschäftigung von Arbeiterinnen über 16 Jahren darf die Dauer von 11 Stunden täglich, an den Vorabenden der Sonn- und Festtage von 10 Stunden nicht übersteigen. Zwischen den Arbeitsstunden muß den Arbeiterinnen eine mindestens einstündige Mittagspause gewährt werden. Arbeiterinnen über 16 Jahren, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, sind auf ihren Antrag eine halbe Stunde vor der Mittagspause zu entlassen, sofern diese nicht mindestens 11/2 Stunden beträgt. Wöchnerinnen dürfen während 4 Wochen nach ihrer Niederkunft überhaupt nicht und während der folgenden 2 Wochen nur beschäftigt werden, wenn das Zeugniß eines approbirten Arztes dies für zulässig erklärt. Der Verordnung sind so viele Ausnahmebestimmungen angehängt, daß ihre Wirkung zum Schuße der betreffenden Arbeiterschaft eine äußerst geringfügige bleiben muß. Arbeiterinnen über 16 Jahren können an 60 Tagen im Jahre bis zu 13 Stunden beschäftigt werden. Werkstätten, in welchen der Arbeitgeber" ausschließlich zu seiner Familie gehörende Personen beschäftigt, fallen überhaupt nicht unter die Bestimmung der Verordnung. Diese gelten auch nicht für Werkstätten, in denen nur gelegentlich nicht zur Familie gehörige Personen" be schäftigt werden. Weiter sind die gesetzlichen Vorschriften nicht auf Werkstätten ausgedehnt, in welchen die Herstellung oder Verarbeitung von Waaren der Kleider- und Wäschekonfektion nur gelegentlich erfolgt". Endlich hat die Verordnung nur für Werkstätten Geltung, in welchen die Herstellung von Konfektionsartikeln im Großen" erfolgt. Drängen diese Ausnahmebestimmungen nicht die Frage auf: wie viele bleiben der Werkstätten, die gesetzlich geschützt werden sollen und wie werden sie geschützt? Das bischen Konfektionsarbeiterschutz ist offenbar mit zarter Berücksichtigung der Unternehmerinteressen nach der Losung zugeschnitten: Wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß. Das neue Fabrik- und Werkstättengesetz der australischen Kolonie Viktoria bestimmt unter anderen ernsten Sozialreformen auch die Einsetzung von gemischten Kommissionen, die aus Arbeitgebern und Arbeitern bestehen, welche auf Grund des allgemeinen und geheimen Wahlrechts in ihr Amt gewählt werden. Diese Kommissionen oder Arbeitsämter für die verschiedenen Industriezweige sollen über alle das Arbeitsverhältniß betreffenden Fragen berathen und beschließen, u. a. auch über die Lohnhöhe. In mehreren Berufen haben die Kommissionen bereits einen Minimallohn festgelegt, so z. B. für Tischler einen solchen von 45 Schilling( Mark) pro Woche. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Die Zahl der weiblichen Arbeiter in Hessen hat sich nach dem Jahresbericht der Fabrikinspektion für 1896 in den letzten acht Jahren bedeutend vermehrt. In Oberhessen waren im Berichtsjahre in 39 Zigarrenfabriken 596 erwachsene und 86 jugendliche männliche Arbeiter beschäftigt. Die Zahl der hier thätigen erwachsenen weiblichen Arbeiter betrug dagegen 1661 und die der jugendlichen Arbeiterinnen 233. Seit 1888 ist die Zahl der erwachsenen männlichen Arbeiter in den Zigarrenfabriken nur um 90 gestiegen, die der Arbeiterinnen aber um 582. Neben der Ausdehnung der Frauenarbeit fällt besonders der Umstand auf, daß die Fabriken mehr und mehr auf das Land verlegt werden. 1888 befanden sich in Gießen und auf dem Lande je 15 Zigarrenfabriken, 1896 zählte man davon in Gießen 18, auf dem Lande 21. Mit der Verlegung der Zigarrenfabrikation auf das Land wird sicher die Ausdehnung der Hausindustrie und eine noch weiter steigende Verwendung weiblicher Arbeitskräfte Hand in Hand gehen. Der Kapitalist feiert mit den Lippen die heilige Stellung" der Frau, aber vom Profitbegehren getrieben entreißt er die Proletarierin ihren häuslichen Pflichten, um sie als Lohnsklavin in der Fabrik oder daheim auszubeuten. Ueber die Verwendung der Frauen im Fernsprech dienst heißt es in dem amtlichen Bericht der Reichspostverwaltung für 1891-1896:" Die im Jahre 1889 versuchsweise eingeführte Verwendung weiblicher Personen im Fernsprechdienst, wo dauernd eine große Anzahl Beamter gleichzeitig beschäftigt wird, hat sich bewährt und ist weiter ausgedehnt worden. Zuvörderft wurden die vorhandenen Telegraphengehilfinnen im Fernsprechdienst beschäftigt. Der weitere Bedarf wurde alsdann durch Heranziehung wohlerzogener Mädchen oder kinderloser Witwen im Alter von 18-30 Jahren gedeckt. Die Einrichtung hat sich in der bekannten Beschränkung bewährt und nach und nach weiteren Umfang erhalten. Ende März 1896 waren an 15 großen Verkehrsorten 2023 Fernsprechgehilfinnen thätig. Seit drei Jahren werden ältere befähigte Gehilfinnen auch im Aufsichtsdienst beschäftigt." Der Umstand, daß die Frauen im Fernsprechdienst sich durchaus bewährt haben, hat zwar eine steigende Verwendung der Frauenarbeit, aber keine der Bewährung entsprechende Besoldung der Gehilfinnen zur Folge gehabt. Ihre Gehaltsverhältnisse stehen im Zeichen jener schäbigsten Ueberschußwirthschaft, welche für unsere Reichspostverwaltung charakteristisch ist. Für die zunehmende Verwendung der Frauenarbeit im Fernsprechdienst ist ebenso sehr die Billigkeit wie die Brauchbarkeit maßgebend. Der Kapitalistenstaat als Arbeitgeber befolgt die nämlichen Praktiken wie der erste beste Privatunternehmer. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Die elenden Arbeitsbedingungen der Wäscherinnen und Büglerinnen gehen aus den folgenden Angaben hervor. Die Wäscherinnen in Niederrad bei Frankfurt a. M. haben eine Arbeitszeit von 14-16 Stunden und noch länger. Sowohl jugendliche Arbeiterinnen wie verheirathete Frauen müssen tagtäglich so lange arbeiten. Die Mittagpausen dauern meist nur 20 Minuten; zur Frühstück und Vesperzeit wird die Arbeit gewöhnlich nicht unterbrochen. Der Lohn der Wäscherinnen beträgt 1,20-1,40 k.; die Büglerinnen erhalten 1,40-1,70 Mt. Lehrmädchen, welche ein Jahr lang lernen müssen, bekommen in manchen Wäschereien überhaupt keinen Lohn. Die Kost läßt vielfach zu wünschen übrig. Die Wäsche rinnen von Niederrad gedenken sich zu organisiren, um nach dem Beispiel ihrer Isenburger Kameradinnen bessere Arbeitsbedingungen zu erringen. Der färgliche Verdienst der Säumerinnen in der Laubaner Taschentücher Fabrikation erhellt aus den folgenden Angaben des ,, Ronfektionär", eines Unternehmerorgans vom reinsten Wasser:„ Die Löhne für das Säumen der Tücher sind bedeutend herabgedrückt. Sie betrugen vor ca. 15 Jahren noch 25-30 Pf. pro Dutzend. Heute sind sie herunter bis auf 6 Pf. bei einzelnen Sorten und 10 Pf. im Durchschnitt. Was sind die Folgen davon? Wer hat den Schaden? Die Säumerinnen. Diese müssen, um etwas zu verdienen, so angestrengt nähen, daß sie meist bleichsüchtig, unterleibsleidend und schwindsüchtig werden. Und wer hat den Nutzen? Der Fabrikant nicht, der Konsument nicht, der Detailleur nicht viel, nur der Grossist, über dessen Existenzberechtigung sich in Anbetracht der heutigen Kulturverhältnisse streiten läßt, das meiste." Diese Ausführungen machen jeden Kommentar überflüssig. Freilich kennt der„ Konfektionär" die in der Notiz geäußerten Ansichten nicht, sobald es sich um die Arbeitsbedingungen der Konfektionsarbeiterschaft handelt. Dann vertritt das Organ die Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks hat es bewiesen rücksichtslos das rücksichtsloseste Unternehmerinteresse. Den Lurus der Arbeiterfreundlichkeit" gestattet es sich nur, dafern es sich um Nichtkonfektionsarbeiterinnen handelt. Wie doch besagt das alte Sprüchlein:„ Ich bitt' Dich, lieber Florian, verschon' mein Haus, zünd' Nachbars an." " Das Elend der Konfektionsarbeiter illustrirt recht klärlich folgende Stelle des amtlichen Berichts über die Erhebungen der Reichskommission für Arbeiterstatistik." In Berlin kommt es häufiger vor, daß die Kinder des Tags über die Wirthschaft besorgen, und daß die Mutter sich höchstens Sonntags um dieselbe bekümmert. Das ist um so eher möglich, als hier Frühstück, Mittagbrot und Vesper des öfteren nur aus Butterbrot und Kaffee bestehen. Selbst wenn die Arbeiterin verheirathet ist, wird in vielen Fällen erst Abends etwas Ordentliches gefocht, weil die an der Peripherie liegende Wohnung 112 des Arbeiters zu weit von seiner Arbeitsstätte entfernt ist. Aber auch unverheirathete, selbständig wirthschaftende Arbeiterinnen essen oft erst Abends etwas Warmes, weil in der Mittagsstunde die Zeit zu knapp ist. Vielfach beschränkt man sich noch darauf, den früh gefochten Kaffee aufzuwärmen." Also der amtliche Bericht, in dem das offenbare Bemühen waltet, die Mißstände in der Konfektion mit geheimräthlicher Vorsicht zu enthüllen. Jede Zeile der angezogenen Stelle erzählt von bitterer Noth, erzählt von der Zersehung des Familienlebens und der heiligen Stellung" der kapitalistisch ausgebeuteten Frau. Trotzdem wollen sich die Gesetzgeber bei Be fämpfung des Konfektionsarbeiterelends auf weniger als halbe Maßregeln beschränken. Dem in der Konfektion mit Arbeiter- und Arbeiterinnenleben wuchernden Kapital soll der Pelz gewaschen werden, ohne ihn naß zu machen. Das nennt sich deutsche Sozialreform! Einen neuen Vers zum alten Lied vom Arbeiterinnenelend fügt die folgende Thatsache bei: In einer Zigarrenfabrik in Bremen erhalten, wie der„ Tabak- Arbeiter" mittheilt, die Zurichterinnen Strafarbeit, welche nicht zur rechten Zeit am Platze sind. Die Zurichterinnen arbeiten im Afford und der Arbeitsraum wird erst 1/4 Stunde nach der festgesetzten Anfangszeit geöffnet. In der Folge verdiente eine Arbeiterin bei Strafarbeit den ganzen Tag 70 Pf. Die Betreffende hat nicht blos sich selbst, sondern einige Kinder zu ernähren. Die Kunst der mittelalterlichen Kipper und Wipper erscheint als elende Stümperei im Vergleich zu den Kniffen und Pfiffen, mittels deren unsere biederen Kapitalisten Arbeiterinnen aufs Vollständigste ausbeuten. " Frauenbewegung. Mit der Frauenfrage beschäftigte sich der achte EvangelischSoziale Kongreß zu Leipzig in einer Spezialkonferenz, die am 11. Juni stattfand. Merkwürdigerweise oder vielleicht auch nicht sprach über die Frage keine der Damen, welche der EvangelischSozialen Frauengruppe angehören und die Grundsätze des Kongresses vertreten. Vielmehr Frau Dr. juris Rempin, welche für eine Lösung der Frauenfrage nach Stummschem Ideal kämpft und deshalb auch für würdig und wohlgeschickt befunden worden ist, über die Materie in der freifonservativen Post" zu schreiben, dem Organ des scharfmachenden Königs von Saarabien. Die Dame sprach über Die Grenzlinien der Frauenbewegung" und stellte eine Reihe von Leitsätzen auf, die seicht und reaktionär in glücklichem Gemisch sind. So soll z. B. die Frau auf allen Gebieten zur schrankenlosen Konkurrenz mit dem Manne zugelassen werden, allein das aktive und passive allgemeine Wahlrecht soll ihr vorbehalten bleiben und sogar das lokale Wahlrecht wird als ein„ Postulat der Zukunft" bezeichnet. Die Vorsitzende der Konferenz, die kenntnißreiche, treffliche Frau Gnauck- Kühne, trat in scharfer Sachlichkeit den Ausführungen der Referentin entgegen. Ebenso mehrere Frauenrechtlerinnen, die der Konferenz beiwohnten, darunter nicht blos Frau Cauer, als Vertreterin des„ radikalen" Flügels, sondern auch Fräulein Auguste Schmidt, die auf dem äußersten rechten Flügel der deutschen Frauenrechtelei steht. Auch eine Reihe von Herren bekämpften Frau Kempins Ansichten. Wir werden auf das Referat und die anknüpfenden Verhandlungen noch zurückkommen. Ein Frauenkongreß zu Wellington( Neuseeland), der kürzlich tagte, forderte hach der Köln. Zeitung" für die Frauen jedes den Männern bis jetzt zuerkannte Vorrecht, Recht oder Amt. In Neuseeland besitzen bekanntlich die Frauen bereits das volle Wahlrecht, weibliche Bürgermeister giebt es daselbst ebenfalls. * Zum Oberpostmeister wurde in Texas( Nordamerika) eine Frau ernannt. Als Geistliche wurde eine Frau, Mrs. Mitchell, in Idaho ( Nord- Amerika) vom Staate ernannt. Idaho hat bekanntlich kürzlich den Frauen das Stimmrecht gewährt. Ein internationaler Frauenkongres soll im August in Brüssel tagen. Er wird voraussichtlich vor allem seitens der französischen Frauenrechtlerinnen gut beschickt werden. La Ligue féminine du Droit des femmes( Frauenliga für das Frauenrecht) sendet 10 Delegirte. Der Kongreß wird sich u. a. besonders mit der Rechtsstellung der Frau beschäftigen. Das Programm des Kongresses. ist der Gräfin von Flandern, Prinzessin von Hohenzollern, vorgelegt worden. Die Fürstin hat geruht", es in eingehender sachlicher Weise" mit dem Komite zu besprechen. Nun kann es den gutgesinnten Frauenrechtlerinnen nicht fehlen. Die Regierung hat bereits 1000 Frs. für die Kosten des Kongresses bewilligt. Würde sie das auch gethan haben, wenn die Frauenrechtlerinnen weniger thron fromm und gutgesinnt sich nicht um die Protektion einer allerhöchsten Frau" bemüht hätten? Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart.-- Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.