Nr. 12. Die Gleichheit. 8. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 8. Juni 1898. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Wider den Brotwucher! Aus der Bewegung. Ueber Kleider. Feuilleton: Die Reinen. Von Dorothee Goebeler.( Fortsetzung.) Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Weibliche Fabrifinspektoren. Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen. Frauenbewegung. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Wider den Brotwucher! „ Wie theuer ist das Brot, und wie bald ist ein Laib aufgegessen!" Welche proletarische Hausfrau und Mutter hat nicht schon diesen Seufzer ausgestoßen und dabei bekümmert die hungerigen Mägen überzählt, die an ihrem Tische tagtäglich gefüllt sein wollen. Ganz besonders aber in den letzten Wochen muß die bange Sorge ihr wieder und wieder den Ausruf abgepreßt haben. Die Brot- und Mehlpreise sind gewaltig in die Höhe gegangen, um 2, fast 3 Pf. für das Pfund. In Chemnitz ist z. B. der Preis für den Sechspfundlaib Brot von 62 auf 68 Pf. gestiegen; in Aachen kostete der Vierpfänder vor etwa anderthalb Monaten 32 Pf., jetzt dagegen kommt er auf 40 bis 42 Pf. zu stehen; in Breslau wird das vierpfündige Schwarzbrot mit 47 statt mit 31 Pf. bezahlt, das Weißbrot gleichen Gewichts mit 50 statt mit 33 Pf. 2c. Wo der Preis des Brotes nicht gestiegen ist, hat sich das Gewicht bedeutend verringert. So wiegt z. B. in Leipzig das Sechsgroschenbrot" nur noch 42 statt 6 Pfund. Aus anderen Orten wird die gleiche Thatsache gemeldet. Die Semmeln und Weißbrötchen haben überall an Gewicht abgenommen und sind ihrer Größe nach mehr als zierlich geworden. Die wißigen Berliner haben den winzigen Brötchen bezeichnender Weise den Namen„ Kanißbrötchen" beigelegt. Hier und da berichten die Zeitungen von einer Verschlechterung des Gebäcks: minderwerthige Mehlsorten werden dem besseren beigemischt. Kurz, überall Klagen, daß der Käufer für das gleiche Geld wie früher weniger Brot der Menge oder dem Nährwerth nach erhält. Und der Grund der Erscheinung, die sich nicht auf Deutschland allein beschränkt? Die Getreidepreise sind bedeutend gestiegen. Der Doppelzentner Weizen, der früher 158 Mt. im Preise stand, toftete in einem gegebenen Augenblick 240, 246, ja 248 Mt.; der Preis des Doppelzentner Roggen ist von 109 auf 178 Mt. in die Höhe gegangen. Der spanisch- amerikanische Krieg ist es, der den augenblicklichen Anstoß zum Anziehen der Getreidepreise gegeben hat, die vermehrte Nachfrage nach Getreide und Mehl behufs Verproviantirung der Truppen wurde von den Spekulanten ausgenüßt. Allein das Jobberthum vermochte nur Kapital aus der von dem Kriege geschaffenen Situation zu schlagen, weil die Lage auf dem Getreideweltmarkt dies ermöglichte. In Folge vorangegangener Mißernten in Rußland und Indien und anderer Umstände noch sind verhältnißmäßig wenig Getreidevorräthe vorhanden. Es mußte des halb ein anhaltendes Steigen der Getreidepreise bewirken, als schlaue Spekulanten in Amerika große Mengen von Brotfrucht auffauften und zurückhielten, ohne daß noch vorhandene bedeutende Vorräthe davon auf den Markt geworfen werden und einen Preisdruck ausüben konnten. Klar, offensichtlich erhärten die einschlägigen Verhältnisse, wie die Vorgänge des politischen, des allgemeinen wirthschaftlichen Lebens Einfluß ausübend, in die Eristenz der Frau Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. eingreifen, wie dringend in der Folge deren Pflicht ist, sich um politische Angelegenheiten zu kümmern, wie unabweisbar ihr Recht, als vollberechtigte Staatsbürgerin an der Gestaltung der öffenlichen Verhältnisse mitwirken zu können. Aber nicht die augenblicklich entfesselte, reiche Profite einsäckelnde Spekulation allein ist es, die der deutschen Proletarierin und ihren Angehörigen das Brot vertheuert und sie zum härteren Entbehren zwingt. Schwerer als sie belastet seit Jahren der Getreidezoll das Budget der Armen, der kleinen Leute. Bereits 1879 eingeführt kaum daß die deutsche Arbeiterklasse durch das Sozialistengesetz gefnebelt worden ist es mit verständnißinniger Sorge für den Geldbeutel der schreienden, strohdächerflickenden Junker wiederholt erhöht worden. Von 1887-1891 betrug er sogar per Doppelzentner Weizen und Roggen den stattlichen Sazz von 5 Mr. und trieb den Brotpreis entsprechend in die Höhe. In dem leßtgenannten Jahre wurde er auf 3,50 Mr. herabgesetzt, so daß ihm zur Folge diese ganzen Jahre über das Kilo Brot ,, blos" noch um 4 Pf. vertheuert worden ist. Denn es ist eine unbestreitbare Thatsache: der Zoll treibt um seinen Betrag nicht nur den Preis für das eingeführte ausländische Getreide in die Höhe, er vertheuert vielmehr auch die inländische Brotfrucht und damit Mehl und Brot um die entsprechende Summe. Die deutschen Brotesser müssen mithin nicht nur als Zollträger an den Staat die Millionen entrichten, welche der Zoll in die Kassen des Fiskus leitet, sondern sie müssen auch den Getreideproduzenten Hunderte und das sind in erster Linie die Großgrundbesitzer Aberhunderte von Millionen mehr für das inländische Getreide bezahlen. Gerade weil dem so ist, ist ja die Einführung und Festlegung möglichst hoher Getreidezölle dem deutschen Junkerthum ein Ziel aufs Innigste zu wünschen. Im Interesse der nothleidenden Kleinbauern, so deklamiren mit dem Augenaufschlag frommer Nächstenliebe die erb- und schloßgesessenen Herren Ochsengrafen. In Wirklichkeit aber nur im Interesse der Großgrundbesizer, welche genug Ackerboden ihr eigen nennen, um große Mengen Körnerfrucht auf den Markt bringen zu können. Das Kleinbäuerlein hat keinen Nußen, dagegen vielfach nur Schaden von den hohen Getreidepreisen. Der Ernteertrag, den es von seinem Aeckerchen einheimſt, ist so gering, daß er oft nicht den Bedarf der Familie deckt. Diese Thatsache haben wieder und wieder nicht blos die„ umstürzlerischen" Sozialdemokraten nachgewiesen, sie wurde seiner Zeit als durchaus richtig von dem damaligen Reichskanzler Caprivi anerkannt. Freilich, das Zeugniß des Mannes ohne Ar und ohne Halm", dem kein fühlendes Herz für die Noth der Champagner bedürftigen Edelsten und Besten in der Brust schlug, wurde von den Herren Agrariern als verdächtig erklärt. Ihn, wie den Herrn von Marschall, der sich um das Zustandekommen der Handelsverträge so verdient gemacht, holte zur Strafe für die Unbotmäßigkeit gegen der Krautjunker Wünsche der Lucanus. Jedennoch wurde der angeführte Standpunkt vollauf bestätigt durch die Ausführungen, die im März 1895 gelegentlich der Berathung des ersten Antrags Kaniz der jeßige Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, zur Sache machte. Und Fürst Hohenlohe nennt gar viele Are und Halme sein eigen, nicht blos in Deutschland, auch in schöner Bethätigung der Internationalität im Lande des Erbfeindes im Westen, im Lande des Erbfreundes im Osten, dazu in Böhmen und Ungarn. Nicht weniger als 280 Millionen Mark rund ziehen jährlich, Dank dem Getreidezoll, die Großgrundbesizer aus den Taschen der deutschen Brotesser, denn um diesen Betrag wird die Menge des auf den Markt gebrachten inländischen Getreides in Folge des Zolles vertheuert. 280 Millionen Mark, die Reichen und Reichsten zufließen und aus dem Säckel der Armen und Aermsten entnommen werden. Entnommen werden Pfennig für Pfennig, indem das nothwendigste Lebensmittel, indem jeder Bissen Brot vertheuert wird. Merke Dir das, deutsche Proletarierin, Frau des Handwerkers, fleinen Kaufmanns, Beamten 2c., die Ihr allesammt nicht blos mit dem Groschen, sondern mit dem Pfennig rechnen müßt, unter harten Sorgen wirthschaftet und Vieles entbehrt! Gewiß, eine Vertheuerung des Kilo Brotes um 4 Pf. ist eine Mehrausgabe, welche die mit Hilfe ihres gewandten Stubenmädchens" und der" perfekten Köchin" ihren Ruhm als gute deutsche Hausfrau" erwerbende Dame nicht schreckt und belastet, in deren Haushalt das Brot nur als nebensächliche Zukost vorkommt, weil Fleisch, Geflügel, Butter, Eier, Gemüse 2c. in mehr als zureichender Menge verzehrt werden können. Die jährliche Mehr belastung der fünfköpfigen Familie um 30,40 Mt. in Folge des vertheuerten Brotes, fann Familienväter und Mütter kalt lassen, die oft den zehnfachen, ja hundertfachen Betrag der Laune eines Augenblicks zu opfern vermögen. Wie anders liegen aber die Verhältnisse für die Arbeiterin, für die Frau in der Familie des Arbeiters, des kleinen Mannes. Das Kilo Brot 4 Pf. theurer, und die Arbeiterin, die sich mit einem Tagesverdienst von 1,50 Mt., ja von 1 Mt., von 90 oder gar 60 Pf. begnügen muß, sie ist gezwungen, sich das Stück trockenen Brotes schmäler zu schneiden, das sie in die Zichorienbrühe taucht. Durch minderwerthige Nahrung muß sie ihren Hunger stillen oder richtiger täuschen. Die Nothwendigkeit tritt an sie heran, mit den Ausgaben für das enge Bodenkämmerchen, für die dürftige Kleidung, Wäsche 2c. noch mehr als sonst zu sparen, von der Unmöglichkeit, einmal ein paar Pfennige für ein Vergnügen, eine Zerstreuung 2c. zu verausgaben, gar nicht erst zu reden. Und die Hausfrau in der Familie des Proletariers, des kleinen Mannes, wie sieht sie nicht in Folge der höheren Brotpreise ihre Sorgen wachsen, ihre Lebensverhältnisse sich verschlechtern. Gar knapp bemessen, meist allzu knapp, ist das Wirthschaftsgeld, das der Mann wöchentlich in ihre Hand legt.„ Nun sieh zu, Mutter, daß Du damit auskommst", meint er. Eine Aufgabe, die leichter gestellt als gelöst ist! Da fällt eine jährliche Mehr ausgabe von 30,40 Mt. für fünf Stöpfe recht schwer ins Gewicht. 30,40 Mt. ist ein ganzes Kapital für die 70 Prozent der preußischen Bevölkerung, die ein Jahreseinkommen von unter 900 Mt. besitzen, für die 67,4 Prozent der sächsischen Bevölkerung, die jährlich unter 300 bis 800 Mt. vereinnahmen. 30,40 Mt. ist eine stattliche Summe nicht blos für die weitaus meisten Proletarier, sondern auch für den Haushalt zahlreicher Handwerker, Kaufleute, Lehrer, Subalternbeamten 2c. Für die betreffenden Kreise ist das Brot, um mit den Engländern zu reden, der Stab des Lebens", das Hauptnahrungsmittel. Denn hier, wo Schmalhans Küchenmeister ist, kann die Hausfrau nicht genügend Fleisch, Butter, Eier, Speck 2c. auftischen. Sie spürt es bei dem starken Brotbedarf der Familie empfindlich, wenn der Preis des Brotes höher und höher steigt, wenn Groschen um Groschen mehr dafür ausgegeben werden muß. Hohe Brotpreise, und der Magen des hart schaffenden Mannes, der im Wachsen begriffenen Kinder fordert doch sein Necht! Das Mehr, das täglich, wöchentlich zum Bäcker getragen werden muß, gilt es an anderen Ausgaben zu sparen. Und da das geringe Einkommen meist von vornherein zum Sparen am Ueberflüssigen zwingt, so muß am Nöthigen gedarbt werden. Die Brotpreise ziehen an, die Anschaffung der Schuhe muß unterbleiben, deren das Töchterchen so dringend bedarf. Man darf nicht an den Ankauf nöthiger Wäsche denken, Fleisch, Butter 2c. kommen in noch winzigeren Portionen als sonst auf den Tisch, dagegen muß der Hunger mehr und mehr mit Kartoffeln gestillt werden, es erscheint gelegentlich ein Braten von Hottehü auf dem Küchenzettel. Vielleicht kommt die Familie gar mit der Miethe in Rückstand, die Frau muß Dies und Das auf Borg nehmen, den Weg zum Leihhaus finden. Und trotz allem lernt die Mutter möglicher 90 Weise noch Tage kennen, wo sie blutenden Herzens die Bitte des Kindes um mehr Brot, mehr Nahrung abweisen muß. Mag die Frau der werkthätigen Masse als Arbeiterin selbst ein färgliches Einkommen erwerben, mag sie als Hausfrau mit dem bescheidenen Verdienst des Mannes wirthschaften: sie hat ein Lebensinteresse daran, daß das Brot nicht durch Getreidezölle vertheuert wird. Die gegenwärtigen Nothstandspreise müssen ihr das klar zum Bewußtsein bringen, müssen ihr offensichtlich zeigen, daß der Kapitalistenstaat einzig im Interesse der Besitzenden handelt, insbesondere aber zu Nutz und Frommen der junkerlichen Nimmersatte, wenn er durch Getreidezölle die Preise für Mehl und Brot künstlich in die Höhe schraubt. Angesichts der in Folge des spanisch- amerikanischen Krieges gestiegenen Brotpreise wäre es Pflicht einer voltsfreundlichen Negierung und wirklich ernster Volksvertreter gewesen, durch Aufhebung der Getreidezölle die eine große Ursache der hohen Brotpreise zu beseitigen. Die Sozialdemokratie hat diese Maßregel beantragt, sie hat kein Gehör für ihre Forderung gefunden. Agrarisch ist Trumpf in der Regierung und in der bürgerlichen Majorität. Bei der Einen und der Anderen kann die Frau des werkthätigen Volkes sich bedanken, wenn gegenwärtig ihre Sorgen wachsen, ihre Entbehrungen steigen. Von der Begreift die Frau des Volkes ihr Interesse in der Frage der Getreidezölle, so muß sie auch ihre Pflicht erkennen, gegen die Politik und die Politiker des Brotwuchers zu kämpfen. Die Be= gehrlichkeit der edlen Nachfahren der reutenden und raubenden Stegreifritter will sich nicht einmal mit den gesicherten Millionen aus dem Hunger des Volkes begnügen. Die Herren schreien nach höheren Liebesgaben aus dem Säckel der Armen. Die Aufhebung der Handelsverträge und die dann mögliche Einführung höherer Getreidezölle soll der deutschen Arbeiterfamilie das Brot jährlich statt um 30,40 Mt., um 70 bis 80 Mt. vertheuern. eventuellen Annahme des Antrags Kaniz, dem zu Folge der Staat das Getreide zu Wucherpreisen von den Junkern kaufen und an die Konsumenten verkaufen soll, hoffen die Edelsten und Besten noch reichlicheren Gewinn. Einen Raubzug größten Stils auf die Taschen des armen Mannes, der armen Frau planen sie, und um ihn zu ermöglichen, sollen die Reichstagswahlen der„ Politik der Sammlung" zum Triumpfe verhelfen, sollen sie eine Kartellmajorität in das deutsche Parlament bringen. Eine Kartellmajorität, welche zunächst die politischen Rechte des deutschen Volkes knebelt und meuchelt, und dann den Säckel der wehrlosen, stummen Masse den Agrariern und Agrariergenossen zur Plünderung ausliefert. Jeder Frau des arbeitenden Volkes, sei auf der Hut! Thue Deine Pflicht, trage das Deinige dazu bei, daß die Beutepolitiker, daß Konservative, Nationalliberale und Zentrümler, die auf der Bank der Schutzöllner ſizen, eine gründliche Niederlage erleiden. Biete Deinen Einfluß auf, damit die Sozialdemokratie einen glänzenden Sieg erficht, denn sie ist die energischste Gegnerin der Politik des Brotwuchers, die energischste Vorkämpferin für die Beseitigung aller Zölle und Abgaben auf nothwendige Lebensbedürfnisse. von der Sozialdemokratie eroberte Reichstagssiz, jeder Zuwachs an sozialdemokratischen Stimmen ist ein wuchtiger Schlag auf die raffgierigen Finger, die in Deinen Beutel fassen und noch tiefer und tiefer hineinfassen wollen. Vertheidige Dein Brot, das Brot Deines Mannes, vor allem das Brot Deiner Kinder. Wider den Brotwucher, das sei eine der Losungen, unter der Du für den Sieg der Sozialdemokratie streitest! Aus der Bewegung. Von der Agitation. In drei Versammlungen in verschiedenen Stadttheilen von Berlin, sowie in Versammlungen zu Weißensee, Charlottenburg, Köpenick und Reinickendorf nahmen die proletarischen Frauen der Reichshauptstadt und Umgegend Stellung zu den bevorstehenden Reichstagswahlen. Zur Tagesordnung aller Versammlungen,„ Die Reichstagswahlen und die Interessen der Frauen", referirten die Genossinnen Braun, Haase, Rohrlack und Zetkin. Die Ausführungen der Rednerinnen brachten den Nachweis, daß in Deutschland nur die Sozialdemokratie ihrem Programm entsprechend jederzeit rückhaltslos für die volle soziale Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt und die Interessen der Proletarierin als Arbeiterin, als Frau und Mutter wirksam vertheidigt. Unter begeisterter Zustimmung der Versammelten klangen sie in der Aufforderung aus, daß die politisch rechtlosen Frauen von ihrem Einfluß Gebrauch machen und energisch und opferfreudig für den Sieg der Sozialdemokratie bei den bevorstehenden Wahlen wirken müßten. Einstimmig gelangte in allen Versammlungen, die gut besucht waren, und zwar überwiegend von Frauen, die nachstehende Resolution zur Annahme:„Wir erkennen es, angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen, als die Pflicht eines Jeden, einerlei ob Mann oder Weib, durch Wort oder Schrift, durch persönliche oder private oder durch öffentliche Agitation für die sozialdemokratische Partei alle Kräfte einzusetzen. Wir kämpfen mit ihr gegen Junkerthum und gegen Kapitalismus, gegen Brotwucherer und Schutzzöllner. gegen ufernlose Flottenpläne und Milliarden verschlingende Armeeforderungen, gegen Geschlechtsrecht und Klassenrecht. Weder die Drohungen noch die Macht unserer Gegner können uns einschüchtern oder zerschmettern, sie stärken nur unseren Opfermuth, unsere Einigkeit und unsere Kraft. Wir verspreche», am Tage der Wahl unsere Schuldigkeit zu thun, ein Jeder an seiner Stelle, damit nicht nur die politische Macht unserer Partei gestärkt werde, sondern auch der endgiltige Sieg unserer Partei nicht mehr fern sei." In Dresden hielt der Arbeiterinnen- Bildungsverein eine öffentliche Versammlung ab, die ebenfalls Stellung zu den Reichstagswahlen nahm. Der Referent, Genosse Zimmermann, beleuchtete kritisch die Thätigkeit des letzten Reichstags mit besonderer Berücksichtigung der Interessen und Forderungen der Frauen. Er zeigte, daß die bürgerliche Majorität des Reichstags bisher weder die Interessen der Frau, noch die der Arbeiterin wirksam vertreten habe, und daß einzig und allein die Sozialdemokratie zum Wohle der arbeitenden Frau gegen Klassenherrschaft und Geschlechtsherrschaft energisch kämpfe. Nach dem Grundsatz„Ohne Rechte keine Pflichten" bekämpfe sie de» unhaltbaren Zustand, daß die mit verantwortungsreichen Aufgaben aller Art bebürdete Frau, die in Millionen von Fällen ihr Brot unter den gleich schweren Umständen erwerben muß, wie der Mann, politisch diesem nicht gleichberechtigt ist. In Folge dieser schreienden Ungerechtigkeit kann die deutsche Frau nicht unmittelbaren Autheil an den Reichstagswahlen nehmen. Wohl aber vermag sie mittelbar einen bedeutenden Einfluß auf die Gestaltung der Wahlen auszuüben. Diesen Einfluß muß eine Jede gebrauchen, um das Ihrige beizutragen zum Siege der Sozialdemokratie. An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag knüpfte eine kurze Debatte an, die sich im Rahmen der Ausführungen des Referenten bewegte.— In Leipzig fand eine große öffentliche Versammlung statt, in welcher die Genossinnen sich mit den bevorstehenden Reichstagswahlen beschäftigten. Genossin Zetkin referirte über„Die Interessen der Frauen und die Reichstagswahlen". Die sehr gut besuchte Versammlung, welche wiederholt begeisterte Zustimmung zu den Ausführungen der Referentin bekundete, nahm mit allen gegen eine Stimme eine Resolution an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, dafür einzutreten, daß bei den kommenden Reichstagswahlen die Macht der reaktionären Mehrheit gebrochen werde und die sozialdemokratischen Abgeordneten noch in stärkerer Zahl in den Reichstag einziehen.— In Dresden, Mittweida, Limbach. Bielefeld, Hellingskrug, Herford und Minden in Westfalen fanden öffentliche Versammlungen statt, in denen Genossin Zetkin über die bevorstehenden Reichstagswahlen referirte. Die Versammlungen waren sehr gut besucht und zahlreiche Frauen wohnten ihnen bei.— In Schleswig-Holstein hielt Genossin Ihrer eine große Zahl von öffentlichen Versammlungen ab, ein ausführlicher Bericht über ihre Agitationstour folgt in nächster Nummer. Den meisten sozialdemokratischen Versammlungen, die allerorten zum Zwecke der Wahlagitation stattfinden, wohnen Frauen bei. Kurz, die Genossinnen, die proletarischen Frauen beweisen überall im Gegensatz zu den Frauenrechtlerinnen und bürgerlichen Damen durch die That, daß sie einen bewußten und energischen Antheil am Wahlkampfe nehmen. Ueber Kleider. Bekanntlich haben die nackten Wilden, welche den Körper zuerst I bedeckten, nicht die Absicht gehabt, sich vor der Witterung zu schützen, und noch viel weniger handelten sie aus Schamgefühl, sondern sie wollten sich ganz einfach schmücken. Die erste Kleidung war zum Schmuck, und erst viel später und in ganz anderen Breitegraden wurde sie zum Schutz getragen. Auch heute, und selbst in unserem nördlichen Klima, und trotz aller physiologischen Einsicht, welche wir inzwischen über die Bedeutung der Kleider erworben haben, trägt sie immer noch den Stempel ihrer Entstehung. Sie dient dem Schmuck zwar nicht mehr allein, aber doch in einein Grade, der oft alle anderen Bestimmungen der ! Kleidung zurückdrängt. Nun ist es naturgemäß, durch seine äußere Erscheinung gefallen zu wollen, und so lange der Mensch Mensch ist, wird es wohl so bleiben. Gegen diesen Zweck der Kleidung, sofern ihm Wichtigeres nicht geopfert wird, wäre vernünftigerweise kein Wort zu verlieren. Es fragt sich nur: Wird ihm Wichtigeres geopfert? und: Wird er durch unsere heutige Kleidung überhaupt erreicht? Bei der Kleidung giebt es zwei Dinge, welche, wie uns die Wissenschaft gelehrt hat und eigentlich schon Jeder auch ohne Wissenschaft sich selber sagen könnte, wichtiger sind als ihr Aussehen, und das sind Schutz und Bequemlichkeit. Die Kleidung soll uns schützen vor zu viel Wärmeabgabe in der Kälte und zu viel Wärmeaufnahme in der Hitze; sie soll die Bewegungen des Körpers als Ganzes, also das freie Muskelspiel, und die Bewegungen im Körper, also die Athmung, den Blutkreislauf, die Magenfüllung, nirgends behindern; und sie soll unserer Beschäftigung angemessen sein. Genügt sie nun diesen Anforderungen? Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir zwischen Männer- und Frauenkleidung unterscheiden. Im Allgemeinen darf man wohl sagen, daß Männer, welche nicht in den allerdürftigsten Verhältnissen leben und nicht gezwungen sind, irgend eine unhygienische Uniform oder eine affenmäßige Livröe zu tragen, die Möglichkeit haben, sich recht zweckmäßig zu kleide». Es giebt freilich noch Unvollkommenheiten im alltäglichen und noch mehr im fest- tägigen Männergewand, wie der steife Halskragen, die lange Hose, die schwarze Farbe, aber das sind noch kleine Uebel im Vergleich zu denen, die wir bei der Frauenkleidung finden, und wo es den Männern um wirkliche Körperleistungen zu thun ist, haben sie sich eine Kleidung ausgearbeitet, welche an Zweckmäßigkeit und zugleich an Schönheit wenig oder gar nichts zu wünschen übrig läßt. Man betrachte nur den Ruderer, mit einer einzigen Schicht Flanell bekleidet, mit einer Wollmütze und leichten Halbschuhen; oder den Alpinisten, im Wollhemd, Kniehose und Lodenjuppe, mit Filzhut, langen Wollstrümpfen und festen, genagelten Schnürstiefeln. Das sind in der That ideale Kostüme, welche genau so viel Schutz gewähren, als für die betreffende Leistung noth thut, den Körper nirgends beeinträchtigen und gerade darum so kleidsam sind, weil sie die Körperformen so wenig verhüllen. Kümmern wir uns also vorläufig um die Männer nicht; was an ihrer Kleidung reformbedürftig ist, werden sie ohne große Schwierigkeiten reformiren, vielleicht sogar noch im kapitalistischen Zeitalter. Wenden wir uns lieber zu der Frauenkleidung, wo nicht nur eine Reform, sondern eine ganze Revolution nöthig wäre, um nur die großen Uebel zu beseitigen. Das Schlimmste an der Frauenkleidung ist, daß es überhaupt eine giebt. Und es giebt eine besondere Frauenkleidung nur deshalb, weil die Frau geknechtet ist und nur so lange, als sie geknechtet bleibt. Die freie Frau wird sehr bald mit dem Kleiderelend aufräumen. Denn es ist ein Elend. An unserer Frauenkleidung ist kaum weniger als Alles, wie es nicht sein sollte. Hier finden wir weder Schutz noch Bequemlichkeit. Unzweckmäßigkeit ist ihre Losung, selbst wo die Frau nicht durch Sitte oder Gesetz gebunden ist. Man muß sich immer von Neuem wundern, wie eine so unrationelle und lästige Zusammenstellung von Bedeckungen von der äußersten bis zur innersten zu Stande kam und sich erhielt. Sie war nur möglich durch die Herabwürdigung der Frau zum bloßen Geschlechtswesen, das von dem Leben und Arbeiten der Welt abseits stand, denn in der Frauenkleidung ist nur das Geschlecht der Trägerin berücksichtigt. Das Ganze ist darauf angelegt, die Geschlechtscharaktere zu betonen, einerseits durch ein unnatürliches Hervordrängen von Busen und Hüften durch die Tailleneinschnürung, andererseits durch allerhand Verzierungen, welche die Frau zum Genußwesen stempeln wie Guirlanden das Opferlamm. Wie die sonstigen Anforderungen an die Kleidung dabei fahren, ist gleichgiltig. Wir haben also zunächst ein Korset, welches, es mag beschaffen sein wie es will, ein gesundheitsschädigendes Kleidungsstück ist und bleibt. Wir haben ferner den Kleiderrock, resp.-Röcke, von dem genau dasselbe gilt, und wir haben eine Unmenge äußeren.Tand, in Form von wetterscheuem Besatz(von den wetterscheuen Kleiderstoffen nicht erst zu reden), Hutgarnituren, Schleiern, Spitzen und Bändern, welche indirekt nicht minder schädlich sind. Diese Dinge sind ein verderblicher Dreibund, um die Frau lahm zu legen, sie ihrer Beweglichkeit zu berauben, die richtige Entfaltung und Funk- tionirung ihrer Organe zu verhindern. Im Korset kann sie weder genügend athmen, noch essen, noch ihren Rumpf allseitig bewegen; der Rock erschwert die Bewegungen der Beine und schließt viele Bewegungen, wie Turnen, Reiten, Klettern vollständig aus; der Rock und der weibliche Zierrath zusammen halten die Frau zu Haus, wenn sie ins Freie gehört. Denn das Alles wird schmutzig und naß und verdorben; schon ein bischen Straßenfeuchtigkeit macht das Gehen zu einer Plage, statt daß es ein Vergnügen wäre; die Frau kann nicht einmal aus einem Pferdebahnwagen aussteigen, noch eine Treppe hinuntergehen, ohne sich zu beschmutzen. Giebt es ein hilfloseres Bild als das. welche eine Frau bei Regenwetter auf der Straße bietet? Die rechte Hand hält einen Regenschirm, nicht etwa weil der Körper unter ein Paar Regentropfen leiden würde, sondern um die Straußfeder oder die künstlichen Blumen oder den Gazeschleier oder den Sammtbesatz des Hutes zu schützen. Die linke Hand hält den Kleiderrock von hinten, weil er sonst gar zu naß und schmutzig würde. Und. wenn es die Frau einigermaßen erschwingen kann, sind beide Hände noch in zarten Handschuhen gehüllt, in denen sie sich gar nicht getraut, eine nasse Thürklinke anzufassen, und die Füße stecken in leichten Stiefeln, welche die Nässe ebenso wenig vertragen. Das ist eine Kleidung, welche für die Verhältnisse einer modernen Frau so paßt, wie die Faust auss Auge. Das Ganze ist ein Ausdruck von Schwäche, von einem hohlen Kopf, von Mangel an Selbständigkeit und Schlagfertigkeit, von Untauglichkeit für das Leben im Allgemeinen, lauter schöne weibliche Eigenschaften, denen zum guten Theil durch Kniehosen und Lodenanzüge abzuhelfen wäre. Denn überlegen wir einen Augenblick, was diese Kleidungsfesseln, welche das kleine Mädchen oft schon vor der Schulzeit zu tragen beginnt, für die Entwicklung des Weibes bedeutet. Nichts Anderes als Hemmung auf der ganzen Linie im Körper und Verstand. Wie soll aus dem Mädchen was werden, wenn es in allen Uebungen zurückgehalten wird nnd zwar an erster Stelle durch die Kleider zurückgehalten wird? Und wie beim Mädchen, so auch bei der erwachsenen Frau. Durch ihre Kleider schon, ganz abgesehen von allen anderen Ursachen, ist sie verdammt, das Leben nur halb zu leben und die Folgen fallen schwer auf sie und auf den Mann. Und dieses ganze, ungeheure Opfer einem Schönheitsgötzen zu Liebe, der, aus Bruchstücken alter Ueberlieferungen aus allen Ländern und Zeiten, wo es ein versklavtes weibliches Geschlecht gegeben hat. zusammengeflickt, so hohl und thönern und demimondemäßig und abscheulich ist, wie. die wahre Schönheitsgöttin verehrungswürdig. Haben wir denn jeden edleren Geschmack abgeschworen, daß wir an all diesem weiblichen Kleidertrödel, diesem Wirrwarr von impertinenten Nichtigkeiten, dieser Abwesenheit aller reinen Formen und Linien. Die Keinen. Von Dvrotlzre Goebeler. (Nachdruck nur mit Erlaubniß der Verfasserin gestattet.) (Fortsetzung.) Als sie indessen Abends daheim in ihrem bescheidenen Zimmerchen stand und die langen schwarzen Haare zur Nacht ordnete, murmelte sie noch einmal:„Was für schöne Augen Sie haben." Dann lachte sie hell auf:„Dummheiten!" Aber Nachts im Traume war es ihr noch, als sähe sie Richard Dernburgs schönes Gesicht, und als hörte sie seine weiche, zärtliche Stimme:„Lassen Sie uns gute Freunde sein." Auch am anderen Morgen verließ die glückliche Stimmung sie nicht. Sie eilte nach dem Geschäft in einem Gefühl unbestimmter Hoffnungsseligkeit, ihr war, als müßte ihr der Tag noch irgend eine große Freude bringen. Je weiter indessen die Stunden fortschritten, desto mehr entschwand ihre Fröhlichkeit. Die Welt schien ihr wieder ebenso nüchtern wie immer. Als sie Abends nach Hause ging, ertappte sie sich auf einem mühsam unterdrückten Schluchzen, und in der Nacht lag sie wach und weinte in ihre Kissen. Worüber? Sie sagte sich leise:„lieber meine Verlassenheit." Sie hatte Richard Dernburg an diesem Tage nicht gesehen. Auch am nächsten blieb er unsichtbar. Erst gegen Abend kam er in den Raum, wo sie die Rosenblätter färben und krösen ließ. Der junge Chef gab einem Lehrling einen Auftrag. Er beachtete Helene fast gar nicht. Trotzdem konnte diese es sich nicht versagen, hin und wieder verstohlen zu ihm hinüber zu schauen, und da—. Nur eine Sekunde waren sich ihre Augen begegnet, aber wieviel lag nicht in dem Blick! Helenes Wangen erglühten; als wäre sie auf einem Verbrechen ertappt worden, so neigte sie sich tiefer über die Arbeit, allein ihr Herz lachte, und die Welt war wieder voll Sonne. Am folgenden Tage fehlte Richard Dernburg im Geschäft. Westhoff erzählte ihr, daß er für den Sommer die Villa seines verstorbenen Vaters in Wannsee bezogen habe und höchst wahr- diesen unglaublichen Farbendisharmonien Gefallen finden können? Man schaue sich die Leute an, die für Geld sich jedes beliebige künstlerische Gewand verschaffen könnten. Gerade auf sie paßt die vorhergehende Beschreibung. Und dann schaue man sich die Leute an. die sich nur in einfachen, schlichten aber gerade darum wohllhuend wirkenden Gewändern kleiden könnten. Sie wissen nichts Besseres zu thun, als es den ersten, in schlechterem Material, nachzumachen. Das Resultat ist„der Gipfel der Geschmacklosigkeit", welche uns auf allen Wegen begegnet. Freilich, die ganze Kleiderfrage und ganz besonders die Frage der weiblichen Kleidung, ist ein Theil der sozialen Frage, und sie wird ebenso wenig für sich gelöst wie die anderen Theilfragen alle. Nicht nur die Rückständigkeit der Frauen ist schuld an ihrer Kleidung, sondern die sehr materiellen Interessen des Heeres von Fabrikanten. Zwischenhändlern und Schneidern beiderlei Geschlechts, welche von der Mode leben und bei Einfachheit und Beständigkeit der Mode ihre Rechnung nimmermehr finden würden. Auch besteht nur für den kleinsten Bruchtheil der Frauen die Möglichkeit, sich einigermaßen nach eigenem Gutdünken zu kleiden. Von dem gesetzlichen Verbot. Männerkleider zu tragen, wolle» wir gar nicht erst sprechen. Das soziale Gesetz ist ebenso bindend und geht viel weiter ins Detail. Die Frauen müssen sich kleiden wie der Arbeilgeber will und die meisten Frauen leben in Verhältnissen, welche ihnen den Luxus einer individuellen Kleidung nicht gestatten. Erst der Sozialismus wird uns von unserer Kleidersklaverei, wie von jeder anderen Form von Sklaverei befreien. Dennoch ist es keineswegs müßig, sich heute schon mit der Kleiderfrage zu befassen. Auch auf diesem Gebiet, wie auf allen anderen, muß dem Sozialismus vorgearbeitet werden. In manchen Dingen ist es uns auch heute möglich, schlechte Gewohnheiten abzulegen und bessere an ihre Stelle einzuführen. Keine Mutter z. B. ist gezwungen, der Tochter ein Korset anzulegen, und eine große Anzahl Frauen ist ebenso wenig gezwungen, selbst ein Korset zu tragen. Verbreitete sich unter Prolelarierfrauen die Ansicht, daß ein Korsel ein naturwidriges, gesundheitsschädliches, schönheitverletzendes Kleidungsstück sei. welches keine halbwegs vernünftige und sich selbst achtende Frau freiwillig tragen dürfte, so wäre damit die Beseitigung des Korsets um ein gut Stück näher gebracht. Und selbst wo wir uns einer überlieferten, schlechte» Gewohnheit vorläufig weiter unterwerfen scheinlich jetzt seltener kommen werde. Sie nahm die Kunde hin ohne eine Miene zu verziehen, und doch hatte sie Mühe, die aufsteigenden Thränen zu unterdrücken. Was ihr nur war, sie wußte es nicht. Aergerlich stürzte sie sich in die Arbeit, wurde aber schon nach wenigen Stunden von einem Lehrling zu Westhoff gerufen. „Haben Sie Garnituren in Chrysanthemum fertig, Fräulein Burkhard?" „Eine ganze Auswahl." „Das ist gut. Suchen Sie doch mal einige recht elegante Sachen heraus. Der Herr hat eben angeklingelt. Sie müssen sofort nach Wannsee hinaus. Die Saldernschen Damen sind dort und möchten Blumen auswählen." Lenens Herz, das eben noch so stürmisch geschlagen, schien plötzlich still zu stehen.„Saldern— Salvern?" Sie wiederholte den Namen fast tonlos. Der Prokurist nickte geschäftig:„Jawohl, Frau von Saldern und ihre Tochter— ach so. Sie wissen das ja nicht, weil die Damen in den letzten Jahren im Süden waren— Frau von Saldern ist doch eine Stiefschwester vom verstorbenen Herrn und Blanche, ich meine das gnädige Fräulein, soll ja die zukünftige Frau von Herrn Richard sein. Aber was ist Ihnen denn?" „Nichts." Lene hatte sich schon wieder gefaßt.„Ein Schwindel nur— es ist so heiß heute. Könnte— könnte nicht Fräulein Werner hinausfahren?" „Der Herr hat ausdrücklich gewünscht, daß Sie kommen. Wird es geh'n?" „O ja—" sie nickte mechanisch. Wie Helene zur Bahn und dann hinaus an ihr Ziel kam, sie wußte es nicht. In all den vergangenen Jahren war es ihr einziges Sinnen und Sehnen gewesen, die Jugendgespielin einmal wieder zu sehen, ihr zu sagen:„Sieh, das bin ich nun. In redlicher Arbeit habe ich den Schmutz meiner Jugend von mir abgestreift, und Du, die mir als Vorbild alles Guten und Reinen vorgeschwebt. Du hast mir dazu verholfen." Nun, wo die Gelegenheit endlich gekommen, zitterte sie wie vor einem großen Unglück. müssen, wo wir praktisch wenig oder nichts vermögen, ist mit der bloßen theoretischen Erkenntniß immer schon viel gewonnen. Beruhen doch alle bisherigen Siege des sozialistischen Gedankens auf einer solchen theoretischen Erkenntniß. Wenn die Proletarierfrauen z. B. zu der Ueberzeugung gelangten, daß der Frauenrock eine ihrer festesten und drückendsten Ketten darstellt, wenn sie ihn theoretisch verwerfen und sich für die Kniehose erklären würden, so wäre mit dieser For derung das Schicksal des Frauenrocks besiegelt. Was allgemein verurtheilt wird, hält sich nicht lange. Darum ist es gut, wenn wir uns jetzt schon darüber klar werden, wie unsere Kleidung beschaffen sein muß, wenn die Zweckmäßigkeit, die Bequemlichkeit und die Schönheit zu ihrem Rechte kommen sollen. Eine Aerztin. Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Ueber die Verwendung der Frauen im schwedischen Postdienst liegt ein ausführlicher Bericht vor, den die schwedische Generalpostdirektion auf Ersuchen um Auskunft dem deutschen Staatssekretär des Reichspostamts zugehen ließ. Darnach sind bei den schwedischen Postanstalten etwa 400 weibliche Angestellte beschäftigt. Die Mehrzahl derselben fungiren als Vorsteherinnen von Poststationen und beziehen außer gewissen Nebeneinkünften ein Höchstgehalt von 600 Kronen( 672 Mt.) jährlich. Die übrigen Beamtinnen sind an den ordentlichen Postanstalten angestellt und zwar 2 als Postmeister, 20 als Postexpediteure und 144 als Hilfsarbeiter. Die beiden weiblichen Postmeister, die einer Postanstalt niederer Klasse vorstehen, haben ein Einkommen von 1800 Kronen( 2016 Mk.) und zwei nach fünf- bezw. zehnjähriger Amtsthätigkeit fällig werdende Alterszulagen von je 400 Kronen( 448 ME)., sowie etwa 700 Kronen ( 784 Mt.) Nebeneinkommen. Die weiblichen Posterpediteure beziehen 1600 Kronen( 1792 Mt.) Gehalt, gleichfalls zwei Alterszulagen und etwa 300 Kronen( 336 Mt.) Nebeneinnahmen. Das Gehalt der weiblichen Hilfsarbeiter beträgt 750 Kronen( 840 Mk.) und steigt bis Gegen vier Uhr Nachmittags traf ste in Wannsee ein. Sie hatte schon öfter in der Dernburgschen Villa zu thun gehabt, und so schlug sie sofort, die lebhafte Chaussee vermeidend, einen der näheren und stilleren Waldpfade ein. * * Wie ich mich freue, daß Sie gekommen sind!" Helene blieb stehen und starrte den Sprecher an, es war wirklich Richard Dernburg, der jetzt vollends aus dem Gebüsch heraustrat und ihr mit strahlendem Lächeln beide Hände entgegenstreckte. In seinen Augen leuchtete wieder jenes zärtliche Feuer, das sie schon im Geschäft mit stummer Wonne erfüllt hatte. Ohne ihre Erwiderung abzuwarten, nahm er ihr die Startons mit den Blumen aus der Hand. ,, Und damit haben Sie sich nun ganz umsonst getragen. Meine Tante ist ist nämlich nicht gekommen hat abgesagt noch im legten Augenblick." " Sie blieb stehen:" Aber dann kann ich ja wieder umkehren, der Zug fährt in einer halben Stunde." " So? Und Sie meinen, daß ich das erlauben werde? Nichts da, mein Fräulein, Sie bleiben hier und sind für's Erste mein Gast. Ich befehle Ihnen heut einen Feiertag. Hören Sie, ich, Ihr Chef, befehle es Ihnen, und nun treten Sie näher." Er schritt ihr voran die Verandastufen zur Villa empor. Sie folgte ihm wie im Traume. Wie im Traume litt sie es auch, daß er ihr Hut und Schirm abnahm und beides dem herbeieilenden Diener übergab. Erst als er ihr einen der zierlichen Gartenstühle hinschob und sie zum Sißen einlud, fiel ihr ein, daß sie auch wohl endlich etwas sagen müsse, und so wies sie auf die Rosen, die die Marmorbalustrade in üppigster Fülle umrankten: Sehen Sie, das können wir doch nicht nach„ Wie schön! machen. Wie zart der rosa Sammet flaum auf den Blättern liegt. Die dunkelrothen sind eigentlich noch schöner." „ Ich finde, daß die schönste Rose-- Sie selber sind." Helene entzog ihm ihre Hände und wollte auffahren, allein im selben Moment erschien der Diener und präsentirte den Kaffee. 93 1350 Kronen( 1512 M.). Ein Unterschied hinsichtlich der Obliegenheiten der männlichen und weiblichen Postbeamten eristirt nicht, da gegen können die männlichen Postexpediteure ein um 200 Kronen ( 224 Mk.) höheres Gehalt als ihre Kolleginnen erreichen. Den Dienst eines Postmeisters oder Postexpediteurs können nur unverheirathete oder verwitwete Frauen bekleiden, die verheiratheten müssen sich mit der Stellung als Hilfsarbeiterinnen begnügen. Nach dem Bericht der schwedischen Generalpostdirektion ist die Arbeit der Frauen ihrer Qualität nach derjenigen der Männer gleich. Nur scheinen die Frauen, besonders in jüngeren Jahren, ihren Beruf blos als vorübergehend zu betrachten und somit nicht das volle Interesse mitzubringen, das für den Postdienst erforderlich ist. Auch für Stellungen, mit denen die Leitung eines größeren Personals vorhanden ist, sollen sie sich nach dem Bericht nicht eignen. Ferner behauptet dieser, daß die Frauen im Allgemeinen nicht in dem gleichen Grade wie die Männer fähig seien, in zweifelhaften Fällen an der Hand der einschlägigen Bestimmungen die richtigen Maßregeln zu ergreifen. Zum Theil werden indeß diese Nachtheile durch den Ordnungssinn und die Hingabe der Frauen an die Arbeit aufgewogen. Was die Quantität der Arbeit anbelangt, so sollen nach dem Bericht die Postbeamtinnen weniger leisten als ihre Kollegen, und dies weil sie nicht die gleiche physische Kraft und Fähigkeit besäßen, Anstrengungen zu ertragen. Schon in den ersten Jahren der Berufsthätigkeit soll sich deutlich eine Ungleichheit zwischen der quantitativen Arbeitsleistung der Frauen und Männer zeigen. Die Ungleichheit soll mit den Jahren zu Ungunsten der Frauen wachsen, deren Arbeitstüchtigkeit, wie ausgeführt wird, in der Regel schneller als diejenige des Mannes abnimmt und schon vor dem fünfzigsten Jahre beträchtlich verringert ist. Die schwedische Generalpoſtdirektion ist der Ansicht, daß eine Amtsthätigkeit, die schwerere Arbeiten fordert, so der Dienst bei den Eisenbahnposten, für die Frauen nicht geeignet ist. Dagegen anerkennt sie, daß die Leistungen der Beamtinnen im Allgemeinen zufriedenstellend sind, wenn es sich um verhältnißmäßig leichtere Verrichtungen handelt. Dennoch scheint es ihr nicht angebracht, die Frauen in größerem Umfange als bisher zu den betreffenden Stellungen heranzuziehen, weil dieselben solchen Postbeamten überlassen bleiben sollen, die nach langer und anstrengender Dienstzeit aus Billigkeitsrücksichten Anspruch auf leichtere Beschäftigung erheben können. Es versteht sich am Rande, daß der Bericht der schwedischen Generalpostdirektion seitens der Sie nahmen ihn beinahe schweigend, kaum daß Helene dem jungen Manne auf seine Fragen Antwort zu geben wagte. Auch als er ihr später den weitläufigen Park zeigte, blieb sie einfilbig. Sie stiegen hinab zu den Ufern des kleinen Wannsee und setzten sich auf die Steinbank am Ufer. Plätschernd brach sich das Wasser zu ihren Füßen, fern im Walde sang eine Meise, sonst rings kein Laut. Plöglich legte er den Arm um ihre Schulter: Zürnen Sie mir, Helene?" Sie fühlte, wie seine Berührung sie bis in das innerste Mark erschauern ließ, und doch vermochte sie nicht, ihm zu wehren, sie war wie gelähmt. „ Ich habe Sie belogen, Helene, mit den Blumen heut. Meine Tante hatte gar nicht die Absicht zu kommen, ich wollte nichts als Sie bei mir sehen ich verging fast vor Sehnsucht nach Ihnen. Zürnen Sie mir?" Es war ihr, als müßte sie sich von ihm losreißen, und doch nein!" brachte sie nichts hervor, als ein zitterndes" Nein Er zog sie noch fester an sich." Ich wußte es, Helene, Du haft mich ja lieb, Helene, ebenso lieb, wie ich Dich. In Deinen Augen hab' ich's gelesen. Oder las ich falsch? Sage doch, las ich falsch?" " Nein nein" und als wäre mit dem zögernden Geständniß wieder Klarheit in ihre verworrenen Gefühle gekommen, schlang sie die Arme um seinen Hals und barg das erglühende Gesicht an seiner Brust:„ Ich liebe Dich ich liebe Dich." Und ihre Lippen fanden sich im ersten Ruß. Dann stieß sie ihn plößlich von sich und brach in ein krampfdas darf haftes Schluchzen aus: Aber das ist ja Wahnsinn ja niemals niemals sein." " ,, Und warum nicht, Lieb?" " Weilweil Blanche von Saldern, o Gott, nein Westhoff sagt sie sie ist doch Deine Deine Braut!" Er zog sie wieder zu sich heran:" Ist das Alles, Lieb?" Sie nichte unter Thränen. " Thörin Du!" Er drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Gegner der Frauenrechte als gewichtiges Argument gegen die Forderung der sozialen Gleichberechtigung der Geschlechter ausgeschlachtet worden ist. Aber erstens ist der offizielle Charakter des Berichts noch kein Beweis für seine vollständige Objektivität. Wir erinnern daran, wie wenig der Wahrheit, den thatsächlichen Verhältnissen der Bericht entsprach, der seiner Zeit dem preußischen Handelsminister v. Berlepsch über die Leistungen der englischen Fabrikinspektorinnen erstattet worden ist. Und zweitens beweist es gar nichts gegen die Forderung der sozialen Gleichberechtigung der Geschlechter, wenn der Bericht in allen seinen Einzelheiten völlig zutreffend sein sollte. Die soziale Gleich stellung von Frau und Mann hat nicht eine sozusagen mathematische Gleichheit der Geschlechter zur Voraussetzung, sondern ihre Gleich werthigkeit, die sich je nach der individuellen Veranlagung auf den gleichen oder auf verschiedenen Gebieten gesellschaftlich nothwendiger und nüßlicher Arbeit bethätigen kann. Weibliche Fabrikinspektoren. Unterrichtskurse für die Heranbildung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten werden in Berlin vom„ Bund deutscher. Frauenvereine" zum zweiten Male eingerichtet. Das Unterrichtsgebiet wird Arbeiterinnenschutzgesetzgebung und Gewerbehygiene umfassen. Die Vorträge beginnen am 2. Juni. Dieselben finden Abends von 8-10 Uhr statt. Nähere Auskunft ertheilt schriftlich Frau Jeanette Schwerin, Berlin C, An der Schleuse 13 I. Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen. Die Zulassung der Frauen zu öffentlichen Versammlungen und zu gewissen politischen Vereinen ist von der Kammer der Reichsräthe beschlossen worden. Sie nahm das Vereinsgesetz in der Fassung der Abgeordnetenkammer an und lehnte die Ausschußanträge ab, welche das Vereinsrecht der Frauen beschränken wollten. Die Reform des bayerischen Vereins- und Versammlungsrechts kann damit als gesichert gelten. Sie beseitigt nicht blos das Verbot gegen das Inverbindungtreten der Vereine, sondern mildert auch die politische Ausnahmestellung des weiblichen Geschlechts ganz wesentlich. Also ist es nicht wahr?" Statt aller Antwort füßte er sie von Neuem. Und wieder saßen sie und hielten sich fest umschlungen.... Er ließ sie nicht fort, bevor sie nicht mit ihm zu Nacht gespeist. Er wollte sie am Abend selbst nach dem Bahnhof hinüberrudern. Es mochte schon zehn Uhr sein, als sie Arm in Arm zur Haltestelle hinunter gingen. Lene war wieder still geworden. Der schwere Wein, den Richard Dernburg ihr wieder und immer wieder eingeschenkt, erfüllte sie mit einer traumseligen Müdigkeit. Sie war so glücklich, so glücklich! die ganze Welt versank vor diesem Glücke. Sie hatten sich im Boote nebeneinander gesezt und ließen sich treiben. Die Nacht war still und schwül. Ueber den Hügeln der Stolper Heide ging der Vollmond auf und warf zitternde Lichter über den See. Im Buschwerk am Ufer glühten die Leucht käferchen. Müde streckte Lene die Hand aus:„ Ist das nicht wie im Paradiese?" ,, Und dennoch willst Du fort?" " " Muß ich nicht?" Er beugte sich zu ihr: ,, Bleib hier." " Das geht doch nicht." " Wenn Du nur willst, bleib hier. Nur bis morgen." Sie erröthete trotz der Dunkelheit:„ Es geht doch aber wirklich nicht, denke die Leute-" " Er riß sie in seine Arme und erstickte sie fast mit Küssen: Was gehen uns denn die Leute an? Bin ich Dir nicht mehr als die Leute? Bleib hier bleib hier nur einen Tag." Und Lenes Blut war jung und heiß, sie liebte Richard so sehr, und sie blieb. Nur bis morgen nur einen Tag. Aber an den einen Tag reihte sich ein zweiter und an den zweiten ein dritter und Woche auf Woche verrann! ( Fortsetzung folgt.) 94 Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Handlungsgehilfinnen und Gewerbeinspektion. Die Lage der weiblichen Angestellten im Handelsgewerbe wird von Tag zu Tag schlechter, so daß immer weitere Kreise derselben ihre Aufmerksamkeit zuwenden und auf Einführung von Schußgefeßen dringen. So hat sich auch im vorigen Jahre der badische Fabrikinspektor mit den Verhältnissen im Handelsgewerbe beschäftigt; sein Bericht enthält folgende Auslassungen:„ Von mehreren Seiten wird auch auf die Ueberanstrengung in Bazaren und Ladengeschäften und auf die aus dieser Ursache auftretenden Gesundheitsschädigungen hingewiesen. Obgleich diese Verhältnisse aus den Untersuchungen der Kommission für Arbeiterstatistik über die Arbeitszeiten in den offenen Ladengeschäften hinreichend bekannt geworden sind, so sollen doch an dieser Stelle die uns zugegangenen Aeußerungen theilweise wiedergegeben werden, da die Berichterstatter einen gewissen Nachdruck auf sie legten. In manchen Geschäften würden die Mädchen zeitweise bis 11 und 12 Uhr Nachts zurückgehalten, um den Laden wieder in Ordnung zu bringen. Die ohnehin in diesem Alter zu Bleichsucht neigenden Mädchen erkrankten dann um so leichter an diesem Uebel. Sie hätten auch öfter wegen des Stehens während des ganzen Tages geschwollene, schmerzhafte Füße. Eine Ortskrankenkasse theilt mit, daß in den in dieser Beziehung hinlänglich bekannten Kurzwaarengeschäften und in Damenkleidergeschäften die Mädchen Abends nach Schluß des Ladens noch bis 10, 11 Uhr und theils noch bis über Mitternacht zum Arbeiten angehalten würden. Dagegen seien die jungen Mädchen so gering bezahlt, daß sie ihr Leben absolut nicht zu fristen vermöchten. Die Zahl der an Anämie und Chlorose leidenden Mädchen sei eine ungewöhnlich hohe. Die Kasse habe z. B. im Monat Juni des Jahres 1897 für 18 bei einer einzelnen Firma beschäftigte Personen aus nur einer Apotheke( in den anderen wurde es noch nicht festgestellt) 44 Rezepte, darunter 19 Flaschen Eisenwein, gegen Blutarmuth und Bleichsucht angerechnet erhalten. Auch einige Bezirksärzte weisen auf diese Ueberanstrengungen hin, ohne indessen Gesundheitsschädigungen ausdrücklich zu konstatiren." Deutlicher kann doch der Beweis für die Nothwendigkeit von Schutzgesetzen und Aufſichtsbeamten im Handelsgewerbe wahrlich nicht erbracht werden. W. S. Die Lage der Handlungsgehilfinnen wird durch die folgende Mittheilung der Ortskrankenkasse III in München für das faufmännische Personal recht hell beleuchtet und in ihrer Reformbedürftigkeit gezeigt. Sie lautet:„ Das auffallend häufige, fast typische Krankheitsbild unserer weiblichen Versicherten: Bleichsucht, Blutarmuth, nervöse Erschöpfung und in der weiteren Entwicklung Tuberkulose u. s. w. ist zum größten Theil auf Schädlichkeiten des Berufs zurückzuführen. Eine Umfrage bei unseren Kassenärzten, zu denen die namhaftesten Münchener Mediziner gehören, hat Folgendes ergeben: Ohne Zweifel ist die jetzige Arbeitszeit in sämmtlichen kaufmännischen Geschäften eine zu lange; sie erstreckt sich für die halbwüchsigen, schwächlichen Mädchen nicht selten auf 12 Stunden und ist unterbrochen nur durch eine einstündige Mittagspause. Diese furze Pauſe reicht oft nur knapp hin, den weiten Weg nach Hause und zurück in der äußeren Stadt zu machen und dazwischen ein heißes den Mädchen das Mittagessen im Geschäft selbst zu verab= Essen rasch zu schlingen. Nicht minder verwerflich ist die Uebung, reichen, es entbehren die Betreffenden hierbei für den ganzen Tag der frischen Luft und Bewegung und die Mittagspause wird thatsächlich illusorisch. Geradezu grausam ist das in mehreren Geschäften bestehende Verbot, im Laufe des Vormittags oder Nachmittags einen kleinen Imbiß einzunehmen, wie eine Tasse Milch, ein belegtes Brot u. s. m. Sehr häufig erlischt das Hungergefühl, wenn es nicht zur rechten Zeit befriedigt wird; dazu ist die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme bei dem Abends übermüdet nach Hause Kommenden eine sehr geringe, es fehlt überhaupt die Lust zu essen. Es ist daher zu wünschen, daß die Arbeitszeit auf 10 oder 9 Stunden mit Mittagspause von 12 bis 2 Uhr beschränkt, daß allwöchentlich ein freier Nachmittag gewährt, bezw. der Sonntag freigegeben werde. Die Sitzgelegenheit, welche trotz der energischen Agitation noch verhältnißmäßig wenig gewährt ist, sollte möglichst verallgemeinert werden. Außerordentlich schädlich ist der Aufenthalt in staubigen, schlechtventilirten Räumen. Wir wissen wohl, daß der Geschäftsherr selbst den Aufenthalt mit den Angestellten zu theilen hat, daß mit der Waare und dem Verkehr des Publikums Staubentwicklung verbunden ist, aber man darf wohl verlangen, daß zum Wenigsten der Fußboden etwa in der Mittagspause feucht gewischt wird. Ein vielbeschäftigter Arzt schreibt uns: ,, Bei dem weiblichen kaufmännischen Personale( Ladnerinnen) pflegen sich schlechte Luft, anhaltendes Stehen und bestän= diger geistiger, anstrengender Verkehr mit dem Publikum mit übermäßiger Dauer der Arbeitszeit zu vereinigen und Bleichsucht, Tuberkulose und nervöse Erschöpfung in den höchsten Graden hervorzurufen." Dazu kommt, daß hie und da Gehilfinnen, die sich unwohl fühlen oder häufiger den Arzt konsultiren sollen, die erforderliche Zeit hiezu nicht erhalten, oder in so unfreundlicher Weise bewilligt erhalten, daß sie lieber gar nicht fragen. Diese Thatsache hat einen humanen Arzt sogar veranlaßt, derartige Patienten auf die Zeit nach Schluß des Geschäftes, also außerhalb seiner Sprechstunde, zu be handeln. Dazu kommt, daß nicht selten seitens des Geschäftsherrn dem Angestellten der Arzt vorgeschrieben wird, was auf Abmachungen zweifelhafter Art hindeutet. Die Verwaltung der Ortskrankenkasse III richtet an alle, die es angeht, die dringende Bitte, diesen Schädlichkeiten abzuhelfen! Besonders gilt dies größeren Geschäften, denen das zahlreichere Personal Schichtenwechsel und Arbeitstheilung gestattet. Es bedarf keines Wortes darüber, daß hier nicht nur das finanzielle Interesse der Kasse, sondern auch das eigene der Arbeitgeber in Frage kommt, da sie die Kosten der ärztlichen Behandlung u. s. w. in Form ihrer Beiträge aufzubringen haben. Den Kassen ist leider eine vorbeugende ärztliche Behandlung, ein Eingreifen in dem Moment, da aus Blutarmuth und körperlicher Schwäche eine Krankheit bezw. die Krankheit die Tuberfulose sich zu entwickeln droht, gesetzlich noch nicht gestattet; die Vorbeugung kann aber auch wirksam und dauernd nur durch eine den hygienischen Anforderungen entsprechende Arbeitsweise gefordert werden. Das Publikum, das willig Tausende zur Errichtung der Volksheilstätten jährlich beisteuert, sollte sich mit mindestens derselben Wärme und Energie auf die Forderung vereinigen, daß die Ursachen jener an der Volksgesundheit zehrenden Massenfrankheit nach Möglichkeit behoben werden. Wir meinen, daß hiermit auch eine der ernstesten, Frauenfragen zur Lösung käme." Frauenbewegung. Eine Protestversammlung der Frauenrechtlerinnen gegen die Stellungnahme des preußischen Kultusministers und des Abgeordnetenhauses zum Frauenstudium fand in Berlin am 18. Mai statt. Dieselbe erfreute sich eines glänzenden Besuchs: der weite Saal war lange vor Eröffnung der Versammlung überfüllt. Zustimmungsadressen wurden geschickt von den Münchener Kunstschülerinnen, von dem internationalen Studentinnenverein zu Zürich, von vielen bekannten auswärtigen Frauenrechtlerinnen, so von Frau Simson- Breslau und Fräulein Dr. Schirmacher- Paris. Zur Tagesordnung sprachen Frau Cauer, Fräulein Erdmann, Fräulein stud. Helene Stöcker, Frau Stritt Dresden, Fräulein Dr. juris Anita Augspurg. Sämmtliche Rednerinnen wendeten sich scharf und energisch gegen den Beschluß des preußischen Kultusministers, das beabsichtigte städtische Mädchengymnasium zu Breslau betreffend, sowie gegen seine Haltung und die des preußischen Abgeordnetenhauses in Sachen des Frauenstudiums überhaupt. Ihre Ausführungen wurden oft von stürmischem Beifall und begeisterten Zustimmungsfundgebungen unterbrochen. Als freiwilliger Regierungskommissar führte sich Professor Dr. Hollinger ein. Er sprach von dem bekannten deutsch- professoralen Standpunkt des Einerseits und Andererseits zur Frage, erklärte ein Anhänger des Frauenstudiums zu sein, aber entschieden die Art und Weise zu mißbilligen, in welcher die Rednerinnen den Minister mitsammt dem Landtag behandelt hätten. Mit großem Fleiß und heißem Bemühen, aber erfolglos, versuchte er dem Publikum einzureden, die Frauenfrage habe im preußischen Abgeordnetenhause eine würdige und ernste Behandlung erfahren. Nachdem es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Vorsitzenden, Frau Cauer, gekommen, gelangte die folgende Resolution zur Annahme: " Die Frauen haben ein Recht auf öffentliche Bildungsanstalten. Sie dürfen, gestützt auf die Verfassung, Zulassung zu jeder Art von wissenschaftlicher Bildung beanspruchen, nicht im Gnadenweg individueller Erlaubniß, sondern als allgemeines Recht, nicht durch das Mittel minderwerthiger oder privater Anstalten, sondern durch Eröffnung vollwerthiger, staatlicher und kommunaler Bildungsstätten. Die Frauen verlangen von den Abgeordneten des Reiches und des Landes, daß sie sich als Vertreter des ganzes Volkes und nicht nur einer Hälfte desselben betrachten, daß sie demgemäß die berechtigten Forderungen der Frauen an den Staat in gebührend nachdrücklicher, vor allem 95 aber in würdiger Form zum Ausdruck bringen." Wir erachten es nicht blos als das gute Recht der Frauenrechtlerinnen, sondern als ihre Pflicht, in Sachen des Frauenstudiums energisch in Aktion zu treten. Ihr schneidiges Vorgehen gegen die Haltung des Ministers und des Abgeordnetenhauses in der vorliegenden Frage hat gewiß unseren Beifall. Aber es drängt uns auch einen Vergleich und eine Schlußfolgerung auf. Wie sehr, wie so sehr sticht nicht die im Kampfe um ein Mädchengymnasium entfaltete Energie ab von der ängstlich Gleichberechtigung der Frau betreffend. Die Energie hier, die Unschlappen Haltung, den Kampf für die Erringung der politischen thätigkeit da, läßt eins flar erkennen: die deutsche Frauenrechtelei ist ihrem Wesen nach bis jetzt noch ,, Damenbewegung" und nicht Kampfesbewegung für die Eroberung der vollen sozialen Gleichstellung des Geschlechts. Die dritte Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine soll vom 3. bis 5. Oktober in Hamburg tagen. Die Herausgabe einer Frauen- Tageszeitung wird für Berlin geplant. Die Redaktion soll ausschließlich von bekannten Frauenrechtlerinnen geleitet werden; Frauen nur sollen den Stab der Mitarbeiter bilden. Das Blatt soll nicht nur die Ziele der Frauenbewegung vertreten, sondern allen Ereignissen des öffentlichen, polilischen, wissenschaftlichen, fünstlerischen, tommerziellen Lebens 2c. seine Aufmerksamkeit zuwenden. Kurz, es soll nicht blos den Kampf für die frauenrechtlerischen Forderungen führen, über die Entwicklung der Frauenbewegung orientiren, sondern auch allen Anforderungen entsprechen, die man an eine moderne Tageszeitung stellt.„ La Fronde", das Pariser Frauen- Tageblatt, macht auch in Deutschland Schule. Die Zahl der studirenden Frauen in Berlin beträgt nach den amtlichen Listen bis jetzt in diesem Semester 123. 88 der Studentinnen sind Deutsche( darunter 65 Preußinnen), 15 Russinnen, 12 Amerikanerinnen, 4 Desterreicherinnen. Aus Ungarn, England, Schweden und Norwegen stammt je eine studirende Frau. Die meisten Damen studiren Philosophie und Philologie, 10 studiren Naturwissenschaften, 6 Nationalökonomie, 1 Chemie und Physik. 4 Deutsche widmen sich dem Studium der Medizin und 3 dem der Theologie. Die juristische Fakultät zählt 3 Hörerinnen für Staatswissenschaften und 2 für Rechtswissenschaft. Das Mädchengymnasium zu Karlsruhe soll aus einer privaten in eine städtische Anstalt verwandelt werden. Das 1893 durch den Frauenbildungsverein" Reform" ins Leben gerufene Unternehmen zeigte in Folge des Zusammenwirkens verschiedener Umstände keine gedeihliche Entwicklung. Eine Krisis innerhalb der Reform" führte zur Gründung eines neuen Frauenbildungsvereins, der den Karlsruher Stadtrath ersuchte, die Stadtgemeinde möge das Mädchengymnasium in ihre Verwaltung übernehmen. Von Seiten der Gründer geschah nichts, um die Wiedereröffnung der Anstalt mit Beginn des Schuljahres 1897/98 zu ermöglichen. Die Vorsitzende der„ Reform", Frau Kettler- Hannover, richtete vielmehr an das Lehrerpersonal die Weisung, den Unterricht nicht zu beginnen. Der Stadtrath beschloß angesichts dieser Lage, das Mädchengymnaſium vorerst bis Ostern 1898 in seine Verwaltung zu übernehmen und bis dahin durch eine Kommission einen Reorganisationsplan der Anstalt ausarbeiten zu lassen, welcher deren Umwandlung aus einer privaten in eine städtische Schule vorsieht. Den Vorschlägen der Kommission entsprechend hat nun der Stadtrath eine Reorganisation des Mädchengymnasiums auf folgender Grundlage beschlossen: Das Gymnasium soll an die bestehende Mädchenmittelschule angegliedert werden. Dadurch wird die rechtliche Grundlage für die Anstellung ständiger Lehrkräfte geschaffen und die Bestellung eines besonderen Direktors überflüssig; weiter kann ein Theil des Unterrichts für beide Theile gemeinsam ertheilt werden. Der Oberschulrath hat sich mit der Verbindung von Gymnasium und Mittelschule einverstanden erklärt. Mädchen, welche die dritte Klasse der höheren Mädchenschule mit Vorschule absolvirten, sollen nun in Karlsruhe die Möglichkeit haben, durchschnittlich nach zurückgelegtem zwölften Lebensjahre statt des weiteren Lehrgangs der Mädchenschule ( Klasse 4-1) einen Lehrgang mit ähnlichem Bildungsziel zu durchlaufen, wie die Knabengymnasien es verfolgen. Der Lehrgang wird der gleiche sein, der dem Reformgymnasium für Knaben zu Grunde liegt. Er legt vor Allem Werth auf die Ausbildung in den klassischen Sprachen( Latein und Griechisch), sodann aber auch auf die deutsche und französische Sprache, Geschichte, Literatur, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Lehrgang umfaßt sechs Schuljahre. Die Mädchen, welche die Oberprima mit Erfolg besuchen, werden zur Maturitätsprüfung zugelassen. * Ein Frauengewerbeverein. Die selbständig gewerbetreibenden Frauen Wiens es giebt deren nicht weniger als 17500 wollen sich organisiren. Ein Komite erläßt einen Aufruf, in dem die Gründung eines Frauengewerbevereins vorgeschlagen wird, der jeder Standesangehörigen Schutz und Förderung ihrer Interessen sichern soll. Alle selbständig gewerbetreibenden Frauen, denen ihr eigenes und das Wohl ihres Standes am Herzen liegt, werden aufgefordert, sich dieser Vereinigung anzuschließen, deren Programm in folgenden Säßen enthalten ist: Erlangung des Wahlrechts in den Gemeinderath und Bezirksausschuß, in die Handels- und Gewerbekammer und des passiven Wahlrechts für die Erwerb- und PersonaleinkommensteuerKommissionen. Betheiligung an der Leitung der gewerblichen Genossenschaften durch gesetzliche Sicherstellung einer der weiblichen Mitgliederzahl entsprechenden Anzahl von Ausschußmandaten für weibliche Mitglieder. Errichtung von Auskunftsbureaus für gewerbetreibende Frauen, Einflußnahme auf die Errichtung und Förderung gewerblicher Vorbereitungs- und Fachschulen für Mädchen im Rahmen der Gewerbegenossenschaften und auf Unterbringung und gewerbliche Ausbildung der weiblichen Lehrlinge. Erschließung des höheren gewerblichen Unterrichts durch Errichtung von Parallelkursen für Mädchen an den bestehenden Anstalten, insbesondere der Handelsakademie, der Lehranstalt für Textilindustrie und der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Jede Theilnahme an politischen oder nationalen Rämpfen ist ausgeschlossen. Indem der Verein die Theilnahme am politischen Leben ausschließt, verurtheilt er sich von vornherein zur Schwäche und theilweisen Erfolglosigkeit. Die meisten der angestrebten Ziele können nur auf dem Wege des politischen Kampfes erreicht werden. * Die Frauenliga für die internationale Abrüstung, deren Vorsitzende die Fürstin Wiszniewska in Paris ist, bereitet anläßlich der im Jahre 1900 bevorstehenden Weltausstellung einen internationalen Kongreß vor. * Die letzte Jahresversammlung der ,, Women's Local Government Society" tagte neulich in London. Der Zweck der Organisation ist, dafür zu wirken, daß das aktive und passive Wahlrecht der Frauen zu allen Körperschaften der kommunalen Verwaltung auf weitere Frauenkreise ausgedehnt und gesichert wird. Nach dem gegebenen Thätigkeitsbericht kann sie für das letzte Jahr auf schöne Fortschritte zurückblicken. Es stieg die Zahl der Mitglieder nicht unbeträchtlich, und der Einfluß der Organisation nahm zu. Die Vorfizzende, Lady Cavendish, hob hervor, daß man trotz aller Erfolge noch am Anfange des Werkes stehe, den Frauen volle Staatsbürgerrechte zu erringen. Zu bedauern sei, daß die Frauen selbst vielfach noch lässig und lau im Kampfe für ihre Rechte seien. So gebe es noch immer Gegenden, in denen es schwer halte, weibliche Kandidaten für die Armen, Schul- und Distriktsräthe zu finden. * Die höhere Bildung und Berufsthätigkeit der Frauen in Rußland betreffend, enthält der letzte Bericht interessante Daten, den die„ Gesellschaft zur gegenseitigen Unterstützung der Absolventinnen der höheren Kurse für Frauen" jedes Jahr veröffentlicht. Die früheren Bestushewschen Kurse wurden in 13 Jahren von 1346 Frauen absolvirt. Von 717 derselben liegen Angaben über die Art der Berufsthätigkeit vor. Die überwiegende Mehrzahl der Frauen, 495, erwählte den pädagogischen Beruf. Nur 141 davon oder 28 Prozent sind als Vorsteherinnen und Lehrerinnen an Gymnasien für Mädchen, Instituten 2c. materiell günstig gestellt. 200 von den übrigen 354 Pädagoginnen sind an städtischen Schulen, 56 als Dorfschullehrerinnen und 98 als Hauslehrerinnen thätig. Ihre Einkommensverhältnisse sind bescheidene, zum Theil sogar dürftige. Von den 222 Frauen, die sich anderen Berufen zuwendeten, sind 49 als Aerztinnen, Zahnärztinnen und Hebammen thätig, 12 sind an gelehrten Anstalten angestellt und 10 haben sich der Landwirthschaft gewidmet. Nur diese 71 studirten Frauen von den 222 in Frage kommenden leben in einigermaßen gesicherten materiellen Verhältnissen. Der Rest von 151 erwirbt als Uebersetzerinnen, Romptoristinnen 2c. ein Brot, das in der Mehrzahl der Fälle ebenso ungenügend als unsicher ist. In der Gesellschaft des Privateigenthums schafft die höhere Bildung und Berufsthätigfeit der Frau nicht die Grundlage für eine gesicherte, kulturwürdige Existenz, sie trägt vielmehr wesentlich dazu bei, daß das Proletariat der Kopfarbeit anschwillt. Uebrigens geben die vorstehenden Daten bei Weitem kein vollständiges Bild von dem Umfange, in dem die Russinnen sich höhere Bildung aneignen und liberale Berufe ausüben. Außer den Bestushewschen Kursen bestanden und bestehen andere höhere Kurse und Bildungsanstalten für das weibliche Geschlecht, und viele Hunderte von Russinnen studiren bekanntlich an westeuropäischen Universitäten, wo sie sehr oft die Mehrzahl der studirenden Damen ausmachen. Erweiterung der Rechtsstellung der russischen Aerztinnen. Ein kürzlich veröffentlichtes Gesetz verleiht den Aerztinnen die Rechte, 96 die mit der Thätigkeit im Staatsdienste verbunden sind. In Deutschland stehen die Aerztinnen bekanntlich vor dem Gesetz noch immer auf einer Stufe mit kurirenden Schäfern ,,, weisen Frauen" und Quacksalbern. * Um die Bildung der armen Petersburger Bevölkerung macht sich eine reiche Aristokratin hochverdient, die Gräfin Wera Derwies. Sie hat in den ärmsten Vierteln der Stadt ein großes Gebäude errichten lassen, in dem das Volk Belehrung und Zerstreuung finden soll. In einem großen Saale, der gegen 600 Personen faßt, finden volksthümliche Vorträge über wissenschaftliche Themata statt und zwar zum Zwecke leichteren Verständnisses in Verbindung mit Experimenten und Lichtbildern. Ein bis zweimal in der Woche werden in dem Saale Volkskonzerte gegeben. In einem zweiten Raume werden weibliche Handarbeiten gelehrt. Ein dritter Saal enthält eine größere Anzahl von Klavieren, auf denen die unbemittelten Schüler und Schülerinnen des Konservatoriums und anderer Musikschulen üben können. Das große Bibliothekzimmer enthält eine stattliche Anzahl von Büchern, die nicht nur in den Lesesälen benüßt, sondern gegen Sicherheit auch mit nach Hause genommen werden können. Im zweiten Stock des Hauses befinden sich Ateliers für Maler und Bildhauer. In zwei Sälen arbeiten die Schüler und Schülerinnen unter der Leitung anerkannter Meister. Alle Räume sind elektrisch beleuchtet und mit Luftheizung versehen. Der Besuch des Instituts ist vollständig kostenlos. Ein internationaler Verein von Journalistinnen und Schriftstellerinnen ist kürzlich in Washington gegründet worden. Die Gründung wurde von dem Kongreß der amerikanischen Journalistinnen angeregt, der in Washington getagt hat. Der Verein verfolgt den Zweck, Beziehungen herzustellen zwischen den Frauen, welche für Tageszeitungen und Wochenschriften arbeiten, und denen, welche als Herausgeber oder Illustratoren thätig sind. Der Sitz des Vereins ist Washington. Ein Geschäftshaus für Frauen soll in St. Louis in den Vereinigten Staaten errichtet werden. Die einzelnen Läden und Bureaus sollen an Geschäftsinhaberinnen und andere erwerbsthätige Frauen vermiethet werden. Man will Modistinnen, Puhmacherinnen, Schneiderinnen, Friseurinnen, Maschinenschreiberinnen, Journalistinnen, weibliche Aerzte und Rechtsanwälte veranlassen, in dem Gebäude sich niederzulassen, bezw. zu wohnen. * Die Frauenfrage in Japan. Das frühere aufgelöste japanische Parlament, dessen Neuwahl eben stattfand, hatte sich wiederholt mit der Frauenfrage beschäftigt, die auch jetzt wieder auf die Tagesordnung kommt. Während eine Gruppe von Abgeordneten den Antrag gestellt hatte, der Staat solle die von privater Seite vorbereitete Frauenuniversität aus öffentlichen Mitteln errichten und den Frauen alle gelehrten Berufe öffnen, wurde von den Gegnern der Frauenbewegung beantragt, es solle für alle Mädchen im Alter bis zu 18 Jahren ein obligatorischer Religionsunterricht eingeführt werden. Dieser Antrag der Alt- Japaner wurde damit begründet, daß„ die Frauen Japans gegenwärtig von sehr gefährlichen Neuerungsgelüften befallen seien und dadurch allem fremdländischen Wesen das Eindringen nach Japan erleichterten." Der gewünschte Religionsunterricht solle daher in dem heranwachsenden Frauengeschlecht die Ehrfurcht vor den heimischen ererbten Sitten wieder erwecken. Beide entgegengesetzten Anträge wurden von der Mehrheit des Parlaments abgelehnt. Gegen den letzteren, den der Alt- Japaner, wandte sich auch der berühmte japanische Staatsmann, Staatsminister Marquis Ito, in sehr bemerkenswerther Weise. Er sagte:„ Das japanische Volk hat vor allen Völkern Asiens in kultureller Hinsicht gerade deshalb einen großen Vorsprung gewonnen, weil es sich geistig aus den beengenden Banden der alten, alles hemmenden Schinto- Religion loslöste. Auf dem Grundsay, daß die religiösen Ueberzeugungen die Privatangelegenheit des Einzelnen seien und keinerlei Fortschritt, feinerlei Abweichen von dem alten Brauche verboten ist, beruht der gesammte Kulturfortschritt Japans. Der beantragte Religionsunterricht für Mädchen würde daher einen Rückschritt bedeuten, da er die Erregung des Hasses gegen die europäische Kultur bezweckt. Der Staat hat aber nur die Pflicht, die Jugend zur Gesetzlichkeit und Sittlichkeit zu erziehen, und hat die Pflege religiöser Glaubenslehren den Einzelnen zu überlassen." Wir haben in Deutschland noch nie einen Staatsminister so vernünftig und vorurtheilslos über Frauenbestrebungen, Religionsunterricht und Neuerungen reden hören, als es der japanische Marquis gethan. In Deuschland ist es eben nicht staatsmännische Einsicht, die über die auftauchenden Zeit- und Streitfragen urtheilt und entscheidet, vielmehr polizeigeistige Beschränktheit. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. 5.) in Stuttgart.