Nr. 15. Die Gleichheit. 8. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.. Stuttgart Mittwoch, den 20. Juli 1898. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Was haben die Proletarierinnen von dem neuen Reichstag zu erwarten? Dringende Aufgaben. Von H. F.- Anna Kulischoff. Feuilleton: Frauenleben im Transvaal. Von O. Kalt- Reuleaux. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Soziale Gesetzgebung. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Frauenbewegung. Was haben Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara gettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Nichts weniger als erfreulich sind unter diesem Gesichtswinkel die Aussichten, welche sich dem weiblichen Proletariat betreffs des gesetzgeberischen Wirkens für die nächsten fünf Jahre eröffnen. Die Parteien fehren im großen Ganzen in der alten Stärke aus dem Wahlkampf in den Reichstag zurück. Wohl haben die Kartellparteien eine kleine Schwächung erfahren, aber nicht blos die Linke hat davon profitirt am meisten die Sozialdemokratie sondern auch das reaktionäre Zentrum. Praktisch fällt die unbedeutende Machtverschiebung zu Gunsten der Opposition so gut wie gar nicht ins Gewicht. Gewiß, daß durch den Ausfall der Wahlen die Proletarierinnen von dem der Vorstoß des Kartells, d. h. der unter dem Segen der Staatsneuen Reichstag zu erwarten? Wollte das weibliche Proletariat die Aussichten auf eine allseitige Hebung seiner Lage nach den Schlagworten und Verheißungen bewerthen, welche im Wahlkampf gar reichlich von den Lippen der bürgerlichen Politiker geträufelt sind, es müßte wähnen, ihm winke ein goldenes Zeitalter in nächster Zukunft. Nationalmiserable und ochsengräfliche Kandidaten, bürgerliche Demokraten, Antisemiten und ultramontane Schwärmer für Beschränkung der Schulpflicht und des Unterrichtsstoffs und Erhöhung der Getreidezölle, sie alle versicherten um die Wette eins: nicht im Interesse einer beſtimmten Partei und eines kleinen Gesellschaftsklüngels würden sie den gesetzgeberischen Einfluß aufwenden, vielmehr einzig und allein zum Wohle der Allgemeinheit und zur Förderung einer höheren Kulturentwicklung. Müßte die thatsächliche Verwirklichung so lieblich tönender Versprechungen nicht auch den Proletarierinnen frommen? Man sollte es meinen! Mag ihnen die heutige Gesellschaftsordnung noch so gebieterisch, erbarmungslos eine Pariaſtellung anweisen: Glieder der Allgemeinheit sind sie ja doch; hervorragend nügliche Glieder der Allgemeinheit, die durch ihr Schaffen und Mühen das Fundament des Gesellschaftsbaues legen helfen und durch die Vorgänge innerhalb der Allgemeinheit in Mitleidenschaft gezogen werden. Und heißt es nicht den Kulturfortschritt machtvoll fördern, wenn den Proletarierinnen, ihnen, den zwiefach Bebürdeten und zwiefach Rechtlosen, der Aufstieg zu einer höheren Stufe der Entwicklung der Persönlichkeit ermöglicht wird durch zeitgemäße Reformen, welche die Geschlechtssklaverei des weiblichen Geschlechts und die Klassensklaverei der besiglosen Masse mindern? Aber freilich als Frauen sind es die Proletarierinnen gewöhnt, daß die bürgerlichen Politiker sie der Allgemeinheit zuzählen, wenn es sich darum handelt, Lasten aufzubürden; daß dagegen die nämlichen Herren sie aus der Allgemeinheit ausscheiden, wenn es gilt, Rechte zu verleihen und Reformen festzulegen. Und als Besizlose, Ausgebeutete wissen sie längst, daß die stürmische Liebe der bürgerlichen Welt für eine höhere Kulturentwicklung vor der Rücksicht auf die kapitalistische Ausbeutungsfreiheit und die Machtstellung des Geldsacks Kehrt macht und in ein Häufchen Heuchelei zusammenbricht. Nicht nach den wohlgedrechselten Phrasen der bürgerlichen Hinz und Kunz bemessen deshalb die proletarischen Frauen ihre Aussichten auf Reformen, die im Interesse des weiblichen Geschlechts und im Interesse der Arbeiterklasse liegen. Vielmehr nach der Stärke und dem Machtverhältniß der verschiedenen politischen Parteien, welche die verschiedenen Schichten der Gesellschaft und ihre Interessen vertreten. gewalten geeinten großen Schlot- und Krautjunker zurückgeworfen worden ist. Denn bedeutsamer als die paar verlorenen Mandate dieses bösartigsten politischen Ausbeuterklüngels ist die erdrückende Zahl der Stimmen, die auf die Kandidaten seiner Gegner entfallen ist, vor Allem aber auf die Kandidaten seiner entschiedensten Gegnerin, der Sozialdemokratie. Das Sinnen und Trachten des Kartells nach ungeheuerlicher Mehrbelastung und Entrechtung der Massen kann sich also nicht einmal mehr mit dem Schein decken, der Ausdruck einer starken nationalen Strömung zu sein. Aber dürfte demnach auch der schlimmsten Rückwärtserei gewehrt sein, so ist doch auch bei dem Stärkeverhältniß der Parteien ein entschiedenes Vorwärts ausgeschlossen. Das Zentrum ist Trumpf im Reichstag, ist die ausschlaggebende, die regierende Partei. Das besagt genug. Bereits im letzten Reichstage hat das Zentrum als Regierungspartei bewiesen, welches Maßes von Verrath an Voltsinteressen es fähig ist, mit welcher Nichtachtung, ja Gegnerschaft es den dringendsten Zeitforderungen zum Schuße der Arbeiterklasse gegenüber steht. Was es in diesen beiden Richtungen vor den Wahlen begonnen, unmittelbar vor der Generalabrechnung mit den Massen, das wird es voraussichtlich nach den Wahlen vollenden, wo mit den Mandaten seine äußere Machtstellung für fünf Jahre gesichert ist. Und das Zentrum wäre nicht Zentrum, wenn es diese seine Machtstellung nicht außerdem nüßen würde, um seiner tödtlichen Feindschaft gegen die kritische Vernunft, die freie Forschung die Zügel schießen zu lassen; um nach Knebelung der Freiheit der Wissenschaft und Kunst zu trachten und jeden Kulturfortschritt zu hemmen, der die Entwicklung der Persönlichkeit und der Gesellschaft über die Ideale der katholischen Kirche hinaushebt. Die Vorkämpfer eines entschiedenen, politischen und sozialen Vorwärtsschreitens werden deshalb voraussichtlich in den nächsten Jahren vollauf zu thun haben, die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens sich breitmachenden reaktionären Gelüfte abzuwehren. Angesichts der Schwäche und Feigheit des liberalen Bürgerthums und der Halbheit und Lauheit der demokratischen Parteien dürften Vorſtöße für eine energische fortschrittliche Aktion der Reichsgesetzgebung kaum auf Erfolg rechnen. Es versteht sich am Rande, daß diese Situation so ungünstig wie möglich ist für die Erzielung der einschneidenden Reformen, welche für die Proletarierin die Ketten der Geschlechtssklaverei und die Ketten der Klassensklaverei zu leichtern vermöchten. Zehn gegen eins ist zu wetten, daß der neue Reichstag den nämlichen Faden, nur eine andere Nummer spinnen wird, wie sein Vorgänger, be= treffs all der Forderungen, die im Interesse der Proletarierin als Frau und Angehörige der Arbeiterklasse in brennender Dringlichkeit herauswachsen aus der revolutionirten Thätigkeit und Stellung des weiblichen Geschlechts und aus dem Verhältniß zwischen Kapital und Arbeit. Auf der Bank der Gesetzgeber sitzt alles in Allem die nämliche reaktionäre Majorität— wenn auch durch Peter statt durch Paul vertreten— die durch ihre Behandlung oder richtiger Mißhandlung der Fraueninteressen gelegentlich der Berathungen des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs mangelnde Einsicht und mangelnden guten Willen für die einschlägigen zeitgemäßen Reformen erwies. Ausschlaggebend im neuen Reichstage ist die nämliche reaktionäre Majorität, welche bisher der wohl begründeten Forderung der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter nichts Anderes entgegenzusetzen wußte, als die rührseligen platten Gemeinplätze des bezopften Spießbürgers, die geschmacklosen billigen Spöttereien des Alllagswivbolds oder aber die Unkenrufe und Verdächtigungen der geschworenen Feinde jedes geschichtlichen Fortschritts. Zum Narren werden würde die Proletarierin, wollte sie hoffen und harren auf die Sicherung ihres Rechts als Person, auf die Zuerkennung ihres Rechts als Staatsbürgerin durch die neueinziehende Reichstagsmehrheit. Es mögen sich innerhalb der bürgerlichen Parteien einzelne Herren finden, die bereit sind zu kleinen Konzessiönchen an„Damenforderungen"— besonders im Betreff höherer Bildung und Be- rufsthätigkeit— zu augenscheinlich ist ja die steigende materielle und geistig-sittliche Roth weiter bürgerlicher Frauenkreise, die nach sicherem und standesgemäßem Lebensunterhalt und nach höherem Lebensinhalt verlangen. Allein abgesehen von der sozialdemokratischen Partei wird es nicht einmal eine stattliche Minderheit geben, welche im neuen Reichstag für die volle soziale Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt. So wird die Stellung der Proletarierin als Person nach dem alten Spruche zugeschnitten bleiben:„Er(der Mann) soll Dein Herr sein". Ihre Stellung als Staatsbürgerin aber wird nach wie vor die einer Unmündigen sein, deren„Recht" die Rechtlosigkeit ist. Vergebens wird auch in den nächsten fünf Jahren die Sprache verhallen, welche die Berufsstatistik betreffs der Nothwendigkeit der sozialen Emanzipation der Frau redet. Aber freilich: nicht blos die Konkurrenzfnrcht der besitzenden Männerwelt vor der im Wettbewerb auf dem Gebiete der liberalen Berufe erscheinenden Frau; nicht blos die Klassenfurcht der Besitzenden vor der politisch mündigen Proletarierin ist im Bunde mit Vorurtheil und Beschränktheit für diesen Stand der Dinge verantwortlich. Mitschuldige ist in Deutschland die bürgerliche Frauen- rechtelei, die sich bis heute gegen die Erkenntniß der geschichtlichen Binsenwahrheit sträubt, daß eine herrschende Klasse nie freiwillig auf ihre Vorrechtstellung verzichtet, sich nie die Preisgabe derselben durch Bitten und Ueberredung abschmeicheln läßt. Die Klassenherrschaft des Mannes über die Frau kann nur durch einen Kampf gebrochen werden, vor dessen Inangriffnahme die deutsche Frauen- rechtelei bis jetzt zurückgeschreckt ist. Unsagbar kindlich ist es, von den herrschenden Männern die Zuerkennung von Rechten zu erwarten, für deren Erringung die Frauen selbst nicht in Masse in den Kampf treten. Was aber kann die Proletarierin als Besitzlose und Ausgebeutete von dem neuen Reichstag erwarten? Aller Wahrscheinlichkeit nach ein silbernes Nixchen und ein goldenes Nautchen. Wohl darf sie in Folge des Ausfalls der Wahlen eins hoffen: der Brei der Meuchelung des Koalitionsrechts dürfte kaum so heiß gegessen werden, als ihn Herr v. Posadowskp nach Stummschen Rezepten sofort nach Zusammentritt des neuen Reichstags zu kochen verhieß. Es ist dies von besonderer Wichtigkeit für die Proletarierin, die als Arbeiterin meist unter ungünstigen Bedingungen für kärglichen Lohn frohndet und behufs Vertheidigung ihrer Interessen gegen das Ausbeuterthum den Rückhalt einer starken Gewerkschasts- organisation noch dringender bedarf, als selbst der Mann. Allein die Aussichten auf eine organische Weiterführung des gesetzlichen Arbeiterschutzes schrumpfen angesichts der neuen Reichstagsmajorität auf Null zusammen. Konservative und Nationalliberale sind von vornherein geschworene Feinde des gesetzlichen Arbeiterschutzes. Die bürgerlichen Demokraten sind seine Gegner oder besten Falles seine sehr lauen Freunde. Und das ausschlaggebende Zentrum hat bisher zwar scheffelweise arbeiterfreundliche Versicherungen ausgetheilt, aber nur löffelweise sozialreformlerische Thaten folgen lassen. Mögen sich die Proletarierinnen der überaus schäbigen Haltung dieser Partei bei Beralhung des sozialdemokratischen Antrags auf Einführung des Achtstundentags erinnern! Da war der harmlose Antrag Hitze den Herren nicht einmal harmlos genug, da mußte das Vorgehen des Zentrums durch den Antrag Hertling zu vollster Bedeutungslosigkeit plus vollendete Heuchelei herabgewürdigt werden. Das Zentrum ist in höchstem Maße verantwortlich dafür, daß die von der Gewerbeordnung bereits 1890/91 vorgesehene Ausdehnung der Bestimmungen über die Beschäftigung der Kinder, jugendlichen Arbeiter und der Arbeiterinnen und über die Gewerbeaufsicht auf Werkstätten ohne elementare Kraft bis heute unterblieben ist. Gerade dort, wo die Kinder, die jungen Leute und Arbeiterinnen in der Regel am härtesten ausgebeutet werden— in den handwerksmäßigen Betrieben und in der Hausindustrie— da ermangeln sie in der Folge des nöthigen Schutzes. Das Zentrum hat seinen großen parlamentarischen Einfluß nicht einmal gebraucht, um die Schutzbedürftigsten der Schutzbedürftigen, die Kinder, genügend gegen das Uebermaß der kapitalistischen Ausbeutung zu sichern. Mehr noch, es hat sein gerüttelt und geschüttelt Maß Schuld daran, daß die Schutzgesetzgebung zu Gunsten der proletarischen Kleinen vor der Hausindustrie und der Landwirthschaft Halt gemacht hat. Während es nicht für den wirksamen Schutz der Arbeiterinnen kämpfte, brachte es dagegen den utopistisch-reaktionären Antrag ein, den verheiratheten Frauen die Fabrikarbeit zu verbieten. Auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung wird die neue Reichstagsmajorität das kapitalistenfreundliche Regierungsprogramm nicht verbessern, sondern eher verbösern. Die so nölhige Reform der Unfallversicherung unterbleibt sicherlich, nachdem der Chor der Mark- und Thalermillionäre von Ausbeutungsgnaden sittlich entrüstet über die dem Kapital angeblich aufgebürdeten starken Lasten gejammert hat. Die Jnvaliditäts- und Altersversicherung wird nicht den proletarischen Interessen entsprechend reformirt werden, vielmehr nach den Herzenswünschen der begehrlichen Herren Agrarier. Von dem dringenden Ausbau der Krankenversicherung ist seitens der Regierung nicht einmal die Rede, und die bürgerliche Majorität wird schwerlich zu einem Vorgehen anspornen oder die Initiative ergreifen. Nichts weniger als reformeifrige Thaten des Reichstags hat mithin die Proletarierin auch bezüglich der Versicherungsgesetze zu erwarten, an denen sie als Arbeiterin doch unmittelbar interessirt ist oder mittelbar, als Gattin, Mutter, Tochter oder Schwester von Arbeitern. Dafür eröffnen sich ihr andere Perspektiven. Ihre männlichen Angehörigen werden sicherlich noch mehr als bisher zur Blutsteuer herangezogen werden. Die Reichstagsmajorität wird in Sachen des Militarismus und Marinismus der Regierung über den Stock springen. Da bleibt es dann auch nicht aus, daß die Proletarierin und ihre Familie höher als bisher mit Gutsteueru belastet werden. Die konservativ-nationalliberal-ultramontane Majorität wird sicherlich die Besitzenden nicht zwingen, die Kosten für neue Militär- und Marinevorlagen„auf den Altar des Vaterlands" niederzulegen. Das beweist klärlich die Haltung der Ordnungsparteien, insbesondere aber die Haltung des maßgebenden Zentrums, gelegentlich des sozialdemokratischen Antrags, die für Durchführung des letzten Marinegesetzes nöthigen Hunderte von Millionen durch eine Reichseinkommensteuer aufzubringen. Gewiß kann die Proletarierin einer festen Ueberzeugung sein: die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten werden allzeit pflichttreu auf Posten stehen, um die Rechte und Interessen des weiblichen Geschlechts und des arbeitenden Volkes zu vertheidigen. Aber in welchem Maße ihr Kampf Erfolg hat, das hängt in letzter Instanz nicht ab von der Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag, auch nicht von dem mehr oder minder großen Geschick ihres Vorgehens und der größeren oder geringeren Ueber- zeugungskraft ihrer Argumente, so wenig die Bedeutung all dieser Faktoren unterschätzt werden darf. Für den siegreichen Kampf ist vielmehr in erster Linie maßgebend der Umfang, die Geschlossenheit und Reife der revolutionären Masse, die hinter den sozialdemokratischen Parlamentariern steht. Die Macht dieser revolutionären Masse durch Agitation und Organisation zu stärken muß deshalb die Aufgabe aller Proletarierinnen sein, welche als Frauen und als Besizlose durchgreifende Reformen erstreben. Reformen nicht zum Zwecke eines faulen Friedens mit der bürgerlichen Klassenund Geschlechtsherrschaft, vielmehr behufs eines schärferen und energischeren Kampfes für die höhere Stultur der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Dringende Aufgaben. Die Wahlschlacht ist geschlagen. Wir dürfen mit ihrem Ergebniß zufrieden sein, wenn es auch nicht alle ausschweifendsten Hoffnungen erfüllt hat. Wie konnte es zu solchen übertriebenen Erwartungen kommen? Oder vielmehr, wie kommt es, daß die Wirklichkeit hinter ihnen zurückblieb? Wir sind stolz darauf, die Partei der Selbstprüfung und Selbstbesonnenheit zu sein. Es ist deshalb eine selbstverständliche Pflicht, die Wahlen unter dem Gesichtspunkt fühlkritischer Erwägung an uns vorüberziehen zu lassen. Da dürfen wir denn ruhig sagen, daß neben dem Mehr an Stimmen, das uns von selbst aus der natürlichen Bevölkerungszunahme erwächst, es vor allen Dingen die siegende Kraft unserer Sache ist, die allüberall den Boden für uns bereitet und an bestrittenen Punkten die ganze Macht unserer Ideen entfaltet. Aus welchen Lagern aber haben wir Anhänger gewonnen, und wie weit sind wir in seither noch unzugängliches Gebiet eingedrungen? Daß wir Gefolgsleute aus den uns politisch am nächsten stehenden Kreisen an uns gezogen haben, ist nur natürlich. Für ganze Schichten geht der Weg zur Sozialdemokratie durch den bürgerlichen Liberalismus und Radikalismus. Daß aber unsere Erfolge so vorwiegend auf Kosten der liberalen Parteien errungen wurden, und daß es diesen nicht gelang, sich aus eigener innerer Kraft durch Zuzug von rechts für diese Verluste schadlos zu halten, das giebt zu schweren Bedenken Anlaß. Und das macht deutlicher wie je, daß heute„ ein Hüben, ein Drüben nur gilt!" Wenn dem aber so ist, wenn der Untergang, die völlige Zerreibung der liberalen Parteien in ihrer jetzigen Gestalt nur noch als eine Frage der Zeit erscheint, dann ist es geboten, jetzt schon die wichtigsten nunmehrigen Gegner ins Auge zu fassen. Es sind ihrer zwei, sie heißen: Agrarierthum und Zentrum. Wir haben auch hinsichtlich des Kampfes gegen sie keinen Anlaß, unzufrieden zu sein. Wir haben in manchen agrarischen Bezirk Bresche gelegt, und in Oberschlesien haben wir gegen das Zentrum Wahlerfolge zu verzeichnen, die ans Fabelhafte grenzen. Immerhin: Wie ist es möglich, daß die Reaktion die Herrschaft noch in Gebieten behaupten kann, die naturnothwendig heute schon in unserem Besitz sein müßten? Die Antwort ist die alte: Hier fehlt die Landagitation! Die ununterbrochene, unermüdliche Aufklärung in wirthschaftlicher und politischer Beziehung. Jene Arbeit, die immer und immer wieder neu einsetzt, von immer neuen Seiten zu gewinnen und zu überzeugen sucht. Hier fehlt es an Leuten, die diese Arbeit zu leisten im Stande sind. Von und für Industriearbeiter, das ist noch viel zu ausschließlich das Kennzeichnende unserer Bewegung. Will sie nicht verflachen, will sie vor allen Dingen im bisherigen Tempo voranschreiten, dann muß sie umgestaltet werden in eine Bewegung von und für alle Arbeitenden, dann muß sie intensiver als bisher den Landarbeiter und kleinen Bauer in den Kreis ihrer Agitation einbeziehen. Der Breslauer Parteitag hat den Ausbau des Agrarprogramms in nebelhafte Fernen gerückt:* Der Ausgang der heurigen Wahlen legt die Verpflichtung auf, das Halbvergessene hervorzuholen und * Sehr im Gegensatz zu unserer geschätzten Mitarbeiterin sind wir der Ansicht, daß die Wahlergebnisse in Bayern und in Ostpreußen beweiskräftig dargethan haben, wie richtig der Breslauer Parteitag handelte, als er die vorgelegten utopistisch- kleinbürgerlichen Agrarforderungen verwarf. Ob die Formulirung eines revolutionären Bauernprogramms zum Zwecke der Gewinnung des kleinen Grundbesitzes möglich ist, ist eine andere Frage, deren Beantwortung die Sozialdemokratie vielleicht eines Tages näher treten muß. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß wir einstweilen auf die Agitation unter den Kleinbauern verzichten sollen. Im Gegentheil, der Ausfall der Wahlen in Württemberg und anderwärts zeigt, daß diese Agitation auch ohne Agrarprogramm möglich ist und erfolgreich sein fann. Die Sozialdemokratie vertritt eben die Interessen des Kleinbauern als Staatsbürger wirksamer und ehrlicher, wie jede andere Partei. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, dem Kleinbauern nahe zu kommen, sein Interesse zu gewinnen und ihn zum Verständniß des Sozialismus zu erziehen. Das Schwergewicht unserer Landagitation ist aber jedenfalls auf die Aufklärung und Organisation des ländlichen Proletariats zu legen. Das Landproletariat aber gewinnen wir durch Vertretung seiner Klasseninteressen auf Grund eines revolutionären Programms, das auf dem Boden des Klassenkampfes steht. Die Redaktion der„ Gleichheit". 115 zweckentsprechend auszugestalten, wie auch die, die zu propagandistischer Thätigkeit auf diesem Gebiet geeigneten Leute unter allen Umständen zu finden oder zu erziehen. Ist der Kampf gegen das reaktionäre Agrarierthum nothwendig, so ist auch ein anderer Vorstoß geradezu unerläßlich. Das Zentrum ist ( mit 104 Mandaten) verstärkt aus den Wahlen hervorgegangen. Es ist die einzige Partei, die im ersten Wahlgange 86 Size glatt ge= nommen hat. Dies selbe Zentrum, das im Lauf einer Legislaturperiode einen Verrath nach dem anderen begeht, dessen Grundsatz es ist, keine Grundsätze zu haben! Wie kommt das? Erklärt sich dieser Erfolg aus der Fähigkeit des Zentrums, aktuell zu sein, sich auch in sozialen Dingen der Zeitströmung anzupassen? Da werden Gesellen- und Lehrlingsvereine gegründet, da giebt es Heime und materielle Zuwendungen, Klosterschulen, Krippen, Ziehkinderanstalten und was dergleichen mehr ist. Da werden in vielen tausend Exemplaren kleine Schriften verbreitet, in denen zu lesen steht, was das Zentrum für den Bauer", für den ,, Arbeiter" gethan hat. Wichtig indeß, wie diese agitatorischen Hilfsmittel sind, für sich allein wären sie nicht ausreichend, die heutige Machtstellung des Zentrums zu erklären. Es kommt ein Anderes hinzu. In den meisten ländlichen Gebieten ist das Zentrum identisch mit der Kirche. Der Geistliche ist dort der gegebene Freiwerber des Zentrums, und wer bedenkt, wie sehr es die katholische Kirche versteht, das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft von der Wiege bis zum Grabe in ein Netz religiöser Beziehungen einzuhüllen, der weiß, was das be= deutet. Die Anekdote der Wahlnummer des Simplicissimus: Der Pater auf der Kanzel:„ Beeinflussen will ich euch nicht, aber wer den Bauernbündler wählt, kommt um die ewige Seligkeit!" enthält einen bitteren Kern, aber sie zeigt uns auch den Weg, den wir zu gehen haben. Die Verquickung von Religion und Politik, die Umwandlung des sozialen: Du sollst! in ein firchliches: Du mußt! die Rückständigkeit und das Dunkel, das sind die Bundesgenossen des Zentrums. Wie soll man dagegen ankämpfen? Wie die Aufklärung in die Reihen Jener tragen, für die der Pater nicht nur der Stellvertreter Gottes, sondern zugleich die höchste Autorität in politischen und wirthschaftlichen Fragen ist? In öffentlichen Versammlungen dem entgegenzutreten ist allein nicht hinreichend. An die Quellen der Zentrumsmacht, an Schule, Beichtstuhl und Kanzel, kann man nicht heran. Da bleibt nur Eines übrig: Den Zentrumshelden auf Schritt und Tritt in ihrer öffentlichen, insonderheit ihrer parlamentarischen Wirksamkeit nachzugehen, festzunageln, wann und zu welchem Ende immer sie einen ihrer beliebten Kuhhändel inszeniren, und solche Thatsachen, handlich zusammengestellt und genügend erläutert, in das katholische Land hinausgelangen zu lassen. Und unermüdlich und immer und immer wieder muß sich daran die Aufklärung von Mann zu Mann reihen, die Aufklärung darüber, daß die Religion mit dem Wirthschaftsleben nichts zu thun hat und der Stimmzettel nichts mit der ewigen Seligkeit. Im Namen der wahren Religion, die Privatsache, die eigenste Sache eines Jeden ist und sein muß, Kampf gegen den Religionsschacher! Eine wichtigste Aufgabe in diesem Kampfe ist der Frau vor behalten. An sie, besonders aber an die zielbewußten Genossinnen ergeht deshalb die Aufforderung, auf dem Posten zu sein. Die Frau ist im Allgemeinen konservativ. Von tausend Kleinlichen Rücksichten weltlicher und kirchlicher Art erfüllt, von beschränktem Familienegoismus und der Angst um die soziale und wirthschaftliche Position des Mannes verblendet, hemmt sie leicht die Entwicklung und Kampfesthätigkeit des Mannes und wird zur mächtigsten Stütze der Reaktion. Hier also gilt es anzusetzen. Gelingt es, die Frauen in den bisherigen Bezirken der Zentrumsherrschaft zu gewinnen, sie von der Haltlosigfeit ihrer heutigen Anschauungsweise zu überzeugen und das Licht der Aufklärung in politischen und wirthschaftlichen Dingen unter fie zu tragen, dann ist es vorbei mit der Macht der Dunkelmänner und die Religion ist die private Sache eines Jeden. Und dann wird die Sozialdemokratie, geboren aus der wirthschaftlichen Nothwendigkeit und aufgeblüht im Lichte der Aufklärung und Wissenschaftlichkeit, siegreich sein im Kampfe gegen jene Mächte, deren Lebensodem das Dunkel und die Rückständigkeit sind. H. F. Anna Kulischoff. Fast zur selben Zeit, wo das deutsche Proletariat auf dem Felde des Wahlkampfes seinem Feinde, der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, eine entscheidende Schlacht lieferte, ihn mit einem Kugelregen von mehr als zwei Millionen sozialdemokratischer Stimmzettel überschüttete, da fügte sich in der Geschichte des italienischen Prole tariats Blatt an Blatt, bedeckt mit den blutigen und gewaltthätigen Zeichen des Klassenhasses und der Klassenrache der Besitzenden. In Neapel, Turin, in Mailand und anderwärts begannen die Kriegsgerichte zu funktioniren, und mit ihren Verurtheilungen zu langen Jahren Gefängniß und Kerker— Kerker und Gefängniß in Italien! d. h. unter wahrhaft mörderischen Bedingungen— überlieferten sie Dutzende und Aberdutzende von Leben dem Tode durch die trockene Guillotine. Noch heute dauert ihr unheilvolles Werk weiter. Die der Arm der schäbigsten und brutalsten Klassenjustiz traf und trifft, es sind nicht blos arme Teufel, Verzweifelte und Hungernde, welche das grausigste Elend revoltirend in die Straße trieb, zum Sturm gegen kommunale Steuergebäude und Häuser berüchtigter Wucherer und Aussauger anpeitschte, zu Stock und Stein greifen ließ wider die mit den modernsten Mordgewehren bewaffnete Soldateska. Es sind vielmehr auch Republikaner, die sich nach zwanzigjährigem Schlafe daran erinnerten, daß das von revolutionären Strömungen emporgetragene savoyische Herrschergeschlecht das geeinte Italien nicht der Freiheit und der höheren Kultur entgegengeführt hat, daß es sich dagegen als Träger der schlimmsten Reaktion erwies; als Hort der widerlichsten Korruption auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens; als Förderer einer wahnwitzigen, Volksgut und Volksblut vergeudenden Großstaatspolitik. Es sind Anhänger der klerikalen Partei, welche von der Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes träumt. Es sind vor allem bekannte Sozialistenführer, Agitatoren mit Wort und Schrift, Organisatoren, welche in selbstloser Hingebung für die Aufklärung und den Zusammenschluß des arbeitenden Volkes in Stadt und Land, in Fabriken und Werkstätten, in Gruben und auf dem Felde wirkten. Im schärfsten Gegensatz zu der Theorie und den Aposteln einer Politik der Revolten und Attentate hatten sie die Ausgebeuteten und Leidenden für ihre Besserstellung in der Gegenwart und für ihre Befreiung in der Zukunft auf den planmäßigen Klassenkampf mittels der Gewerkschaftsorganisation und des Stimmzettels verwiesen. Wo immer die Noth und der Zorn des Volkes in elementaren Ausbrüchen emporgeloht waren, da hatten sie, den Kampf auf dem Boden der gesetzlichen Verhältnisse predigend, zur Ruhe gemahnt. Trotzdem sind es gerade die Sozialisten und in erster Linie die Sozialisten, die als Anstifter und Rädelsführer der Hungerrevolten der letzten Monate verhaftet, angeklagt und verurtheilt wurden und werden. Gleichzeitig wurden nicht nur alle sozialistischen oder revolutionären Gruppen aufgelöst und verboten und Frauenleben im Transvaal. Scharf ist der Gegensatz zwischen dem Leben der Boeren- frauen und jenem der Angelsächsinnen in Südafrika. Welten trennen die Anschauungen der beiden weiblichen Gruppen, die seit der Entdeckung des Goldes im Freistaate Transvaal, im Jahre 1886, nebeneinander wirken, ohne sich zu verstehen und einander zu schätzen. Beider Lebensanschauungen und Lebensverhältnisse sind das Er- gebniß verschiedener Vorbedingungen, deren Einwirkung noch fortdauert, obwohl die ursprünglichen Zustände eine gänzliche Umgestaltung erfuhren. Der Boer ist der Nachkomme der ursprünglichen niederländischen Ansiedler am Kap der guten Hoffnung, welche die niederländische Regierung nach ihrer Niederlassung sich selbst überließ, und die zur Führung einer recht wilden Lebenshaltung ge- nöthigt waren. Ihren Lebensunterhalt mußten die Einwanderer durch Jagd sich anfänglich erbeuten, und so kam es, daß die Jagdlust und die Kampfeslust gegen die eingeborenen Stämme, denen man den Bodensitz mit Gewalt entriß, sich unter den Männern von Generation zu Generation forterbten und stets tiefere Wurzeln im Volke schlugen. Die unterjochten Stämme der Hottentotten und Kaffern wurden als Leibeigene zur Hut der Herden und zur Bestellung der Getreideäcker und Obst-, sowie Gemüsegärten verwendet; die Boeren selbst beschränkten ihre Thätigkeit auf Ueber- wachung der Arbeit, auf Herbeischaffung von Wildpret für die Küche und Vertheidigung des eigenen Herdes gegen feindliche Angriffe. Den Frauen der ersten Ansiedler, sowie der später das Boerenelement verstärkenden Schweizer und Waldenser, lagen die Haushaltungspflichten ob, sie kochten die Nahrung, halfen den Leibeigenen in den Gärten, bereiteten Butter und Käse und verfertigten die Kleidung für die gesammte Familie aus der Wolle der Schafe. Sehr sanft war und ist noch heute die Behandlung des Ehegatten der Frau gegenüber nicht; derselbe schreckt vor körperlicher Züchtigung nicht zurück und ist zu Mißhandlungen vor Allem ihre thätigsten Mitglieder verhaftet und vor die Gerichte geschleppt. Alle Organisationen des werkthätigen Volkes überhaupt— Gewerkschaften, Arbeiterkammern, Konsumvereine zc.— traf vielmehr das gleiche Schicksal. Die sozialistische und Arbeiterpresse wurde zum Theil verboten, zum Theil durch Prozesse, Konfiskationen in unerhörter Weise gemaßregelt. Mittels des„weißen Schreckens" wollten die herrschenden Gewalten der hungernden Masse den Mund stopfen, gleichzeitig aber und vor Allem die erstarkende organisirte und zielklare sozialistische Arbeiterbewegung zerschmettern. Die größte Wuth der Reaktion kehrte sich deshalb auch gegen das Mailänder Proletariat, seine Organisation und seine Führer. Gegen das Mailänder Proletariat, das als festgefügte, wohlgeschulte Kerntruppe den Mittelpunkt der modernen sozialistischen Bewegung in Italien bildet, wie Mailand selbst der Mittelpunkt der modernen Großindustrie des Landes ist. Von den zahlreichen Opfern der Kriegsgerichte hat wohl kaum eines die Sympathie so weiter Kreise erregt, wie unsere Genossin Frau vr. Anna Kulischoff, die wegen vorgeblicher Aufreizung zu gewaltthätigem Aufstande zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt wurde. Die Klassenjustiz hat in ihr eine selten hochsinnige und bedeutende Frau getroffen, gleich hervorragend an Gemüth, Geist, Wissen, Willen und Idealismus. Anna Kulischoff gehört zu jener geistig-sittlichen Elite von Russinnen, welche in den siebziger Jahren— sehr unähnlich den westeuropäischen Frauenrechtlerinnen und ihnen an Kenntnissen, geschichtlicher Einsicht und vor Allem an opferbereitem Idealismus bei Weitem überlegen— den Kampf für die Befreiung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung des arbeitenden Volkes mit ebenso großer Energie wie Hingabe führten. Anna Kulischoff mußte Ueberzeugung und Thun büßen. Sie war vor etwa zwanzig Jahren als blutjunges Ding gezwungen, sich den Verfolgungen der zaristischen Schergen durch die Flucht ins Ausland zu entziehen. Sie ging nach Italien, wo sie zuerst ihre Ausbildung als Ingenieur vollenden wollte, sich aber späterhin dem Studium der Medizin zuwendete. Mit leidenschaftlichem Eifer studirte Anna neben ihren Berufsfächern noch Sprachen, Geschichte, Nationalökonomie; mit den wichtigsten Erzeugnissen der internationalen sozialistischen Literatur machte sie sich vertraut. Gleichzeitig nahm sie lebhaften Antheil an der jungen sozialrevolutionären Bewegung in Italien, die damals einen mehr anarchistischen Charakter trug. Der Bourgeois, der die Sozialisten ob ihres Internationalismus„vaterlandslose Gesellen" schilt, geneigt, wenn er dem ihm so theuren Wachholderbranntwein stärker als gewöhnlich zugesprochen hat. Als sehr strenge Kalvinistin, die an dem Worte:„Du bist des Mannes Magd!" glaubenstreu festhält, erträgt die Boerenfrau alles Ungemach ohne Murren als etwas Selbstverständliches und wird in dieser Anschauung auch nicht irre durch die Vorhaltungen ihrer angelsächsischen Nachbarinnen. Sie hat sich allmälig in das Gefühl der Unterwürfigkeit hineingelebt und spricht von ihrem Manne Dritten gegenüber blos als „Mynheer". Hundertmal habe ich bei den Ackerbau treibenden Boeren der nördlichen Bezirke gespeist, wo der Mann das gesammte Mobiliar aus dem einheimischen Gelbholz eigenhändig roh zusammengezimmert hatte, und häufig wiederum bei hohen Staatsbeamten zu Pretoria: überall fand ich die Sitte, daß nicht Dienerschaft, sondern die Frau und Töchter des Hauses bei Tisch aufwarteten und sich selbst erst zur Mahlzeit hinsetzten und die Gerichte kalt verzehrten, nachdem die„Herren der Schöpfung" sich gesättigt erhoben hatten, um zur Tasse Kaffee und zur Flasche Drakensteiner Wein zu greifen. Die Tagesarbeit verläuft für die Boerenfrauen des Landes etwa folgendermaßen: Morgens bei Dämmerung erheben sie sich vom Lager, kochen Kaffee und bereiten das Frühstück: eigen- gebackenes Schwarzbrot, kaltes Wildpret oder sonstiges Fleisch, � frische Butter, Eier, Honig oder Obstkonserven. Dann weckt man die Männer, die nach dem Frühstück das Fortführen der Herden durch die Farbigen überwachen, die Feldarbeit bestimmen und dann, die Pfeife ohne Unterlaß im Munde, den zottigen Gaul besteigen und die Büchse über die Kruppe, auf der Hochebene bis zur Mittagszeit umherreiten. Die Frauen haben dann ihre Hausarbeit schon beendet und sitzen bis zur einbrechenden Nacht am Webstuhle, einen alten, vorsintfluthlichen Zangelstuhl. Nach dem warmen und substantiellen Mittagessen und einem stärkenden Schlafe sind die Boeren gegen Abend heimgekehrt und strecken sich nach dem Abendbrote zur Ruhe. Die harte Arbeit, welche schon Generationen von Boeren- hält es offenbar aus waschechtem Patriotismus mit dem Grundsatz: n�Ibi Kens, iki patria-; ins Kapitalistische übersetzt:„Wo ich ausbeuten kann, da ist mein Vaterland." Als Bekennerin des internationalen Sozialismus handelte dagegen Anna Kulischoff der Ueber- zeugung gemäß: Wo ich für meine Ideale, für die Befreiung des ausgebeuteten Volkes aus Noth, Knechtschaft und Unbildung kämpfen und opfern kann, da ist mein Vaterland. Was das junge Mädchen sich in dieser Hinsicht gelobt, die reife Frau hat es in treuester Pflichterfüllung gehalten. Anna Kulischoff hat jederzeit ihre ganze reiche und kraftvolle Persönlichkeit für den Befreiungskampf des italienischen Proletariats eingesetzt. Sie selbst hat sich damit zur Bürgerin des Landes geschlagen, das ihr als Urkunde ihrer Bürgerschaft die Märtyrerkrone gereicht. Unter harten inneren und äußeren Kämpfen ging Anna ihren vielseitigen Studien nach, wirkte sie für ihre Ideale. Sie hatte sich mit Andrea Costa verheirathet, einem sehr talentvollen Manne, der sich mit der Zeit aus einem Führer der damals unklaren anarchisteln- den Bewegung zu einem der trefflichsten Führer der jetzigen ausgesprochen sozialdemokratischen Partei in Italien entwickelt hat. Die Ehe war aus Ueberzeugung eine freie. Für Anna war die in den revolutionären russischen Kreisen jener Zeit vorherrschende Auffassung maßgebend, daß die Momente, welche der Ehe eine sittliche Kraft verleihen, nicht durch eine äußere Formel geschaffen und erhalten werden können; daß die thatsächlich eine geistig-sittliche Einheit darstellende Ehe keiner äußeren Formel für ihre Weihe und ihren Bestand bedarf; und daß schließlich die heutigen Ehegesetze der Gattin eine so unterbürtige Stellung anweisen, daß eine freie, nach Gleichberechtigung strebende Frau sich im Interesse ihrer Würde ihnen nicht unterwerfen kann. Die Verbindung der beiden hochbegabten Menschen war keine glückliche. Sie förderte die Entwicklung der Individualitäten nicht, sondern drohte sie zu hemmen. So ward die Ehe gelöst, der ein Töchterchen entsprossen: Andrema. Zu den Schmerzen, unter denen die Erkenntniß reiste und Entschlüsse gesaßt und durchgeführt wurden, gesellte sich die materielle Noth. Anna Kulischoffs Ehe war„frei" von dem Charakter der Versorgungsanstalt und des schmutzigen Schachergeschäfts, der die Ehe vieler bürgerlicher Damen zur Prostitution herabwürdigt. Auch als Frau und Mutter wahrte Anna ihre wirthschaftliche Selbständigkeit, stand sie auf eigenen Füßen. Und die Mittel, über welche sie verfügte, waren knapp. Trotzdem galt es damit nicht blos Unterhalt stauen verrichtet haben, hat diese zu kräftigen Hünengestalten mit außerordentlich starker Muskulatur gemacht, was allerdings blos in Folge der ausreichenden, sehr kräftigen Beköstigung möglich war. Geistig stehen die Frauen und auch die Männer des Boerenvolkes auf ziemlich niedriger Stufe, weshalb auch die Unmoralität der Zurücksetzung des weiblichen Geschlechts nicht zum Bewußtsein dringt. Die verhältnißmäßig unabhängige und scheinbar gleichberechtigte Stellung der britischen Frauen betrachten die Boerenweiber gewissermaßen als eine verwerfliche Extravaganz, ungefähr so, wie manche prüde Deutsche eine Radlerin. Die Frau des Generals Junbert entgegnete der Gattin des britischen Vertreters Sir Drummond Hay mit einer gewissen Verachtung:„Was einer Engländerin be- hagt, würde einer Boerenfrau nicht geziemend erscheinen!" Noch Jahrzehnte werden verstreichen und wirthschaftliche Umwälzungen um sich greifen müssen, bevor eine Aenderung in der Lebensstellung der Boerenfrau und in deren Daseinsbegriffen sich vollziehen. Die diametral entgegengesetzte Stellung der angelsächsischen Frau ist das Produkt wirthschaftlich günstiger, wie die der Boerin das wirthschaftlich ungünstiger Zustände. Die Erwerbsverhältnisse der in der Gold- und sonstigen Industrie Transvaals beschäftigten Leute— und nur auf dem Gebiete der Industrie und des Handels schaffen Engländer, Deutsche und andere Europäer— sind dermaßen lukrative, daß Jedermann ausreichende Einkünfte für sich und seine Familie hat. Es ist aber nicht das Selbstbewußtsein der Frau, ihr Würdegefühl, das sie zur energischen Geltendmachung ihrer Rechte, ihrer Gleichberechtigung mit dem Manne in der Familie und Gesellschaft antreibt. Ihre freie soziale Stellung resultirt vielmehr wesentlich mit aus dem Wunsche des Mannes, sich ein anmuthendes Heim zu verschaffen, das er ohne das Walten der Frauenhand nicht erhalten kann. Jeder noch so egoistische Mann wird trachten, seine Gattin und Tochter der gewerblichen Arbeit zu entziehen, sei es auch nur, um seine Häuslichkeit angenehmer zu gestalten, und aus demselben Grunde wird er suchen, die Lebensgefährtin sich geistig ebenbürtig zu machen, um einen Gedanken- und Studium bestreiten, sondern auch die Opfer, welche die Bewegung erheischte, insbesondere darunter die Ausgaben, die dadurch erwuchsen, daß der Kampf und die Verfolgungen Costa und vielfach auch seine junge Gattin von Ort zu Ort hetzten. Dazu die in den revolutionären Kreisen in hohem Maße geübte Solidarität, die stets bereit war, mit den Mehrbedürftigen auch das Letzte zu theilen; späterhin die Ausgaben für den Unterhalt und die Erziehung des Kindes. Die eifrige Studentin und leidenschaftliche Revolutionärin lernte, durch die Nothwendigkeit geschult, besser sparen und wirthschaften wie manches gedrillte Nichts-als-Aschenputtel. Sie führte den bescheidenen Haushalt selbst, nähte für sich und das Kind und— verdiente noch durch literarische Arbeiten. Da traf denn sehr oft der grauende Morgen die Ueberfleißige noch vollauf beschäftigt. Die Hausarbeit machte ihr tägliches Recht geltend, das Brotstudium durfte nicht vernachlässigt werden— galt es doch der Mutter eine sichere Existenz zu schaffen, welche die gute Erziehung des Kindes ermöglichte— und die Bethäti- gung in der Bewegung sollte nicht leiden. In jenen Jahren ist durch anhaltende Ueberanstrengungen und viele Entbehrungen der Grund zu dem tückischen Leiden— der Knochentuberkulose— gelegt worden, das an unserer Genossin Lebenskraft zehrt. Anna Kulischoff ließ sich später als Aerztin in Mailand nieder. Die Begabung, Gewissenhaftigkeit und Aufopferung, die sie in ihrem Beruf bewies, verschafften ihr bald eine sehr ausgedehnte Praxis in allen Kreisen der Bevölkerung. Als Aerztin erfreute sie sich sowohl bei den Armen und Aermsten, und gerade bei ihnen, des höchsten Ansehens und der größten Beliebtheit, wie auch bei der Bourgeoisie und Aristokratie. Frau Dr. Kulischoff hatte sich zum zweiten Male verheirathet, ihren Grundsätzen entsprechend abermals in freier Ehe, und zwar mit Filippo Turati, unstreitig dem bedeutendsten politischen Führer der italienischen Sozialistenpartei. Es ist kennzeichnend für die hohe Achtung, die unsere Genossin errungen hatte, aber auch für die schöne Vorurtheilslosigkeit der bürgerlichen Welt Mailands, daß auch in streng konservativen Kreisen die Ehe der Frau Kulischoff als eine vollgiltige und moralisch unantastbare geschätzt wurde. Anna— der jede Unklarheit und Unwahrheit in den Tod zuwider ist— pflegte in jenen Kreisen Grüße„an ihren Mann" mit den Worten zurückzuweisen:„Sie wissen doch, daß nach Ihrem Gesetz Herr Turati nicht mein Mann ist." Darauf wurde ihr stets dem Sinne nach das Eine erwidert:„Aber Ihrem Glauben nach ist er. Ihr Mann, und wir austausch zu ermöglichen. Dadurch ist die erste Anspornung zur geistigen Fortbildung der Frau gegeben, und diese muß noth- gedrungen zu allen übrigen Folgerungen führen, sobald das Weib logisch sortdenkt und vor Schlüssen nicht zurückschreckt. Die angedeuteten Umstände sind allenthalben in überseeischen Ländern von Einfluß auf die Stellung der Frauen gewesen, und ebenso auch in Südafrika unter der wohlhabenden angelsächsischen Bevölkerung. Die britische Arbeiterfrau verrichtet ihre Haushaltungsarbeiten mit Hilfe einer farbigen Dienerin, welcher alle gröberen Dienstleistungen zufallen, und interessirt sich in sehr reger Weise für alle sozialen und politischen Angelegenheiten, welche die Allgemeinheit beschäftigen. Sie betrachtet diese Angelegenheiten aber durch die rosagefärbte Brille der wohlhabenderen Klasse, ungefähr in ähnlicher Weise, wie die modernen, bürgerlichen Frauenrechtlerinnen dies thun. Politische Rechte sind der Frau in Transvaal vorenthalten, denn die Macht liegt in den Händen der intoleranten Boeren, welche die Erwerbung des Bürgerrechts Ausländern ungemein erschweren. Sozial dagegen kann die Frau sich sehr frei nach Gutdünken bewegen und ist nicht der herben Kritik einer vorurtheils- vollen Menge ausgesetzt. Die persönliche Freiheit der angelsächsischen Frauen bethätigt sich leider weniger in Wissensdrang und Verbreitung von Aufklärung unter ihren Mitschwestern, als in der Entfaltung von großartigem Luxus und kostspieligen Lebensgewohnheiten. Die Damenklubs dienen nicht ernsten Diskussionen, sondern vielfach lediglich als Rauch- und Spielzimmer, in denen es zum guten Ton gehört, Liqueure und andere alkoholische Getränke zu vertilgen. Der Aufwand, den die Frauen jetzt machen, wird selbst in diesem Lande schon allmälig zum Ehehinderniß und giebt zu recht unliebsamen Erscheinungen Anlaß. Der Einfluß der Britin auf die Boerenfrau würde ein größerer und heilvollerer sein, richtete erstere ihre agitatorische Thätigkeit auf ein ernstes, dem Boerencharakter anheimelndes Feld, fröhnte sie nicht so oft der Frivolität. ____ O. Kalt-Reuleaux. 118 wissen, daß Ihr Glaube Ihnen heilig ist." Es entspricht dieser| Werthung, daß der offizielle Vertheidiger unserer Genossin vor dem Kriegsgericht, ein Lieutenant, es in schärfster Form als eine unwürdige Beleidigung und Verdächtigung einer edlen Frau" zurückwies, als der Staatsanwalt offenbar im Banne des Prostitutionsgeistes stehend, der die bürgerliche Auffassung von den Beziehungen der Geschlechter beherrscht von Andreina als der vorgeblichen Tochter Costas" sprach. Hand in Hand mit der aufreibenden Berufsthätigkeit Anna Kulischoffs ging ein nie rastendes Wirken für die sozialistische Bewegung, und zwar vorwiegend für deren innere Entwicklung, Klärung, Vertiefung und Festigung. Mit ihrem Gatten zusammen schuf und leitete sie das wissenschaftliche Organ der italienischen Sozialisten,„ La Critica Sociale". Jahre lang haben die Beiden die größten materiellen Opfer gebracht von den Opfern an Zeit und Kraft abgesehen um das Erscheinen der Zeitschrift zu ermöglichen, und auch jetzt konnte sich dieselbe nur halten, weil Filippo und Anna alle Redaktions- und Expeditionsarbeiten selbst besorgten und noch einen sehr großen Theil der veröffentlichten Artikel selbst verfaßten. Die„ Critica Sociale" hat unter den schwierigsten inneren und äußeren Umständen mit rühmenswerther Klarheit und Festigkeit den modernen wissenschaftlichen Sozialismus vertreten. Es ist ganz wesentlich mit ihr Verdienst, wenn heutigen Tages in der industriell hochentwickelten Lombardei die sozialistische Arbeiterbewegung theoretisch und praktisch auf dem Boden steht, in dem die deutsche Sozialdemokratie wurzelt, und wenn die Prinzipien und die Taktik der lombardischen Kerntruppe mehr und mehr maßgebend für die sozialrevolutionären Strömungen von ganz Italien. werden. Denn die„ Critica" hat in unablässiger und oft recht harter Arbeit ungeheuer viel dazu beigetragen, daß der Generalstab der sozialistischen Armee des Landes aus anarchistelnd- kleinbürgerlichen Ideologen zu überzeugten und flaren Anhängern des wissenschaftlichen Sozialismus erzogen worden ist. Unserer Genossin Kulischoff aber fällt ihr reichlich Theil an diesem Verdienst zu. Die Redaktion der„ Critica", ihre Haltung beruhte auf dem innigsten geistigen 3usammenarbeiten von Filippo und Anna. Frau Kulischoff zeichnete nur ganz ausnahmsweise einen Artikel mit ihrem Namen. Aber jeder Artikel, den Turati schrieb oder der„ von der Redaktion" veröffentlicht wurde, war die Frucht der gemeinsamen Ueberlegung und Berathung, sehr oft auch der gemeinsamen Abfassung. So innig und ergänzend griff das Denken und Arbeiten der Gatten ineinander, so fest fügte es sich zur geistigen Einheit zusammen, daß es meist unmöglich ist, festzustellen, was das persönliche Werk des Einen oder des Anderen ist. Mehrere Umstände befähigten Frau Kulischoff ganz vorzüglich, die innere Entwicklung der italienischen Sozialistenpartei mächtig zu fördern. Sie besaß treffliche Sprachkenntnisse. Außer der Sprache ihrer Heimath und der ihres Adoptivvaterlandes beherrschte sie trefflich das Französische, Deutsche und Englische. Dazu eignete ihr ein gediegenes, geschichtliches und nationalökonomisches Wissen, sie war mit der sozialistischen Literatur der verschiedenen Länder aufs Beste vertraut und verfolgte aufmerksam nicht blos die einschlägigen wissenschaftlichen Erscheinungen, sondern auch die innere und äußere Entwicklung des proletarischen Klassenkampfs in allen Kulturstaaten. Eine besonders eingehende und liebevolle Beachtung widmete sie der deutschen Bewegung, für welche sie die größte Hochachtung und Bewunderung hegte. Frau Kulischoff hat zusammen mit Turati und einigen Anderen sehr viel dazu beigetragen, der deutschen Sozialdemokratie das Verständniß und die Sympathie der Italiener zu gewinnen, und sie als Musterpartei des Klassenkampfs erscheinen zu lassen. Keine Kleinigkeit, wenn man des romanischen Nationalcharakters der Leute, jenseits der Berge" gedenkt, der so weit von deutscher Eigenart abweicht, dazu der rückständigen wirthschaftlichen Entwicklung des Landes, die zusammen mit dem nationalen Wesen die Hinneigung zu Kleinbürgerlich- ideologischer Revolutionsromantik begünstigen muß. Auch innerhalb der Parteiorganisation wirkte Anna Kulischoff unmittelbar und mittelbar für Klärung und Zusammenschluß. Mancher wichtige Beschluß der Partei über Prinzipien und Tattit ist auf ihre Anregung oder ihren Einfluß zurückzuführen; ihrer energischen Initiative ist die Jnangriffnahme mehr als einer Aktion zu danken. Die Schärfe und Unbeugsamkeit, mit der sie ihre Ueberzeugung auch gegenüber den Parteigenossen vertrat, schufen ihr manche offene und heimliche Gegnerschaft. Ihre durch Wissen verstärkte geistige Ueberlegenheit, die scharfe echt russische Logik ihrer Beweisführung, ihr frischer Spott, der sich zur beißenden Jronie steigern konnte, und der sich besonders oft über die Ritter der ideologisch rührseligen Revolutionsphrase ergoß: machten sie zu einer gefürchteten Gegnerin. Die Lauterkeit ihres Charakters und ihres Strebens zwang jedoch auch dem Gegner volle Hochachtung ab. Zahlreiche italienische Genossen sind durch den Verkehr im gastfreien Hause am Mailänder Domplatz im besten Sinne des Wortes die Schüler von Frau Kulischoff gewesen. Mit unerschöpflicher Liebenswürdigkeit, ohne jede schulmeisterliche Pedanterie und Ueberhebung theilte sie von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Erfahrung mit, zu ernsten Studien anregend, unklare Schwärmerei zum flaren Erfassen des wissenschaftlichen Sozialismus läuternd, zu einem steten Vorwärts und Aufwärts der Entwicklung und Bethätigung aneifernd. Das Schwergewicht von Anna Kulischoffs Wirken in der sozialistischen Bewegung liegt unstreitig nach Innen. Aber auch als Agitatorin in Wort und Schrift hat sie sich bethätigt. Ihr agitatorisches Wirken, das besonders in die letzten Jahre fällt, galt in erster Linie den proletarischen Frauen. Ihr trauriges Loos zu erleichtern durch die Gewerkschaftsorganisation und durch eine wirksame Schutzgesetzgebung, sie zu zielbewußten Kämpferinnen im Klassenstreit zu erziehen: das war das Ziel, das Anna Kulischoff in dieser Beziehung erstrebte. Die färglich entlohnten Spinnerinnen und Weberinnen der Lombardei; die bis aufs Blut ausgesaugten Reisarbeiterinnen der Poebene; die verhungernden Strohflechterinnen von Florenz: sie alle, die in trostloser Verzweiflung dem Kapital frohnden, fanden in unserer Genossin eine mitfühlende, kundige und energische Sachwalterin. In Mailand wirkte Frau Kulischoff unablässig für die Erweiterung und den Ausbau der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenorganisation, welche der Arbeiterkammer angegliedert war. Ueber die von ihr eingeleitete Aktion zu Gunsten des gesetzlichen Arbeiterinnen- und Kinderschutzes hat die Gleichheit" seinerzeit berichtet. Nur wenig Männer haben in Italien gleichviel wie Anna Kulischoff für die sozialistische Bewegung geleistet. Es war deshalb nicht ein Akt der Höflichkeit gegen die Frau, es war der Ausdruck der Anerkennung, welche der erprobten Kämpferin geschuldet ist, als 1893 der internationale Kongreß zu Zürich in seiner letzten Sitzung die Genossin Kulischoff zur Vorsitzenden bestimmte. " Kein Wunder, daß die vielseitige und anstrengende Thätigkeit die Entwicklung der Krankheit begünstigte, die sich Frau Kulischoff in der Studierzeit geholt. Vor etwa drei Jahren war unsere Genossin gezwungen, ihre ärztliche Praxis aufzugeben, weil die Knochentuberkulose die fast völlige Gebrauchsunfähigkeit der einen Hand herbeigeführt hatte. Mit verdoppeltem Eifer wirkte die edle Frau seither für die sozialistische Idee. Das Bild von Anna Kulischoffs Persönlichkeit wäre unvollständig ohne einige Striche, welche die Frau und Mutter charakterisiren. Nichts in Frau Kulischoffs Wesen und Lebenshaltung entsprach der gruseligen, traditionellen Spießbürgervorstellung von der kämpfenden Politikerin, der„ Petroleuse". Nur die Zigarette, die weder bei der Unterhaltung, noch bei der Arbeit ausging, erinnerte an die typische „ Nihilistin". Als treffliche Hauswirthin waltete Frau Anna in dem eleganten, mit geläutertem künstlerischen Geschmack eingerichteten Heim, wo alles jederzeit blizblank und in schönster Ordnung war. Mit größter Pünktlichkeit ging unsere Genossin ihren vielseitigen Geschäften nach.„ Ordnung und gute Zeiteintheilung verlängern den Tag um die Hälfte", pflegte sie zu sagen. Ihrer Tochter war Frau Kulischoff die verständigste und liebevollste der Mütter. Mit größter Gewissenhaftigkeit überwachte sie die körperliche, geistige und sittliche Entwicklung ihrer Andreïna, eines begabten, ideal veranlagten Mädchens, das in schwärmerischer Verehrung an der Mutter wie an dem Stiefvater hängt. Die Mutter nahm ebenso lebhaften Antheil an den Freundschaften und Freuden der Tochter, wie an ihren Studien, ihrer Lektüre, ihren Schulaufgaben. Eine tiefe und innige Harmonie verbindet die Gatten, die in gegenseitiger Förderung und miteinander strebten, arbeiteten und kämpften. Was die Liebe, die Wahlverwandtschaft des Geistes und Charakters zusammengeführt, das schmiedete die Gemeinsamkeit der Ideale zu einer unlösbaren sittlich schönen Einheit zusammen. Es giebt wenig Ehen, die sich an wahrhaft sittlichem Gehalt neben die Ehe stellen dürfen, welche die Frau geführt, von der die moralisch unsauberen Landsfnechte der bürgerlichen Presse als von„ Turatis Maitresse" sprachen. Wir schreiben von Frau Kulischoff in der Vergangenheit, fast wie von einer theueren Todten, denn die italienische Klassenjustiz hat sie für zwei Jahre zu einer lebendig Begrabenen gemacht, ja höchst wahrscheinlich zu einer Gemordeten. Das bösartige Leiden, das an unserer Genossin Lebensmark zehrt, verwandelt die zweijährige Gefängnißstrafe so gut wie in ein Todesurtheil. Unter den günstigsten Bedingungen verschlechterte sich der Zustand der Kranken im Winter regelmäßig in besorgnißerregender Weise. Welchen mörderischen Einfluß muß da nicht der Aufenthalt in dem falten, düsteren, sonnenlosen Kerker ausüben? Aber nicht die körperlichen Leiden und die Qualen der Haft sind es, die Frau Kulischoff die schwerste Pein schaffen. Es ist der die Seele der Mutter wie ein Schwert durchbohrende Gedanke an die zurückgelassene Tochter, die gerade während der Untersuchungs - 119 haft ihr Abiturium erfolgreich bestanden hat. Es ist der Gedanke, daß auch Turati im Kerker schmachtet, verwundet während seines Versuchs, die Masse zu beruhigen und sehr krank; es ist die Erinnerung an all die Freunde, die ebenfalls den Schergen verfallen sind; es ist der Schmerz um die getroffene Bewegung und das leidende italienische Volk. Welche Seelengröße, welche Charakterfestigkeit gehört nicht dazu, unter diesen Umständen die Verurtheilung mit so ruhiger Fassung und Würde entgegenzunehmen, wie Frau Kulischoff sie entgegennahm! Als sich am Schlusse der Verhandlungen die im Zuhörerraum anwesende Andreïna schluchzend der Mutter an die Brust warf, ihr Antlitz mit Thränen und Küssen bedeckend, war unsere Genossin stark genug, der Tochter Trost und Muth zuzusprechen. Frau Kulischoffs Verurtheilung erweist sich sinnenfällig als ein Att rohester Klassenrache. Es lag auch nicht der Schatten eines Beweises dafür vor, daß die edle Frau das Volk zu gewaltthätigem Widerstand gegen die blutigen Provokationen des Militärs aufgereizt hatte. Mehr noch: ein angesehener Professor der Medizin, der unsere Genossin behandelte, sagte aus, daß diese in Folge ihrer Krankheit gänzlich außer Stande gewesen sei, an den Tagen des Aufstandes und schon längere Zeit vorher auszugehen oder irgend welche Agitation zu betreiben. Die erhobene Anklage klang wie ein Spott auf die Thätigkeit, welche Frau Kulischoff seit langen Jahren in der sozia listischen Bewegung entfaltet hat. Wir haben gezeigt, in welch hervorragendem Maße es gerade ihr zu danken ist, daß die italienische Bewegung aus den Bahnen der Anarchisterei, der Putschmacherei und des Verschwörerthums in die des Kampfes auf gesetzlichem Boden und mit gesetzlichen Mitteln eingelenkt ist. Aber die Klassenjustiz wollte ihr Opfer haben, sie wollte die hochsinnige, opferfreudige Sozialistin, die geist und charakterstarke Rämpferin treffen, und sie hat sie getroffen. In manchen Blättern, auch in befreundeten, hieß es, daß die Mailänder Standrichter schmachvoller Weise ein frankes, schwaches Weib verurtheilt hätten. Ein frankes Weib ja, ein schwaches Weib nun und nimmermehr. Frau Kulischoff gehört zum Geschlecht der edlen russischen Revolutionärinnen, die vor den Tribunalen nichts begehrten, als das gleiche Loos, das ihren männlichen Kameraden fiel. Als klarblickende, kühne Kämpferin hat sie gelebt und gewirkt, als Kämpferin ist sie mitten in der Schlacht von einer Kugel ereilt worden. Was ihr gebührt, ist nicht rührseliges Mitleid mit dem Weibe, sondern Hochachtung und Sympathie für die überzeugungstreue, opferfreudige und starke Rämpferin. Rampfesgefahr hat sie muthvoll gewollt und bestanden, Kampfesehre sei ihr Theil. Notizentheil. ( Von Tily Braun und Klara Betkin.) Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Die Zahl der preußischen Fabrikarbeiterinnen über 16 Jahre betrug nach dem Jahresbericht der preußischen Fabrikinspektoren für 1897: 337504, um 19019 mehr wie im Vorjahr. Es waren davon beschäftigt: in der Textilindustrie rund 142000; in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie 52064; in der Gruppe Bekleidung und Reinigung 37000; in der Papier- und Lederindustrie 24000; in der Industrie der Steine und Erden 23000; in der Metallverarbeitung 17500. Unter den verschiedenen Berufsgruppen beschäftigten Bergbau, Hütten- und Salinenwesen die geringste Zahl von Arbeiterinnen, nämlich etwa 5000. Die Zahl der fächsischen Fabrikarbeiterinnen über 16 Jahre stellte sich für 1897 nach dem letzten Bericht der Fabrikinspektoren auf 142792 von 481 074 Arbeitskräften überhaupt, welche der Gewerbeaufsicht unterstehen. Soziale Gesetzgebung. Gesetzlicher Arbeiterinnenschutz in der Schweiz. Der Kanton Neuenburg hat ein Gesetz zum Schuße der Lehrlinge und ein solches zum Schuße der Arbeiterinnen; ersteres bestimmt eine zehn-, das andere eine elfstündige tägliche Arbeitszeit. Die Durchführung beider Gesetze sollen lokale Aufsichtskommissionen, die aus Vertretern der Arbeiter und Unternehmer gebildet sind, und auch die Gemeindebehörden überwachen, außerdem ist für das Lehrlingswesen ein kantonaler Inspektor vorhanden. Es scheint aber, daß die Durchführung beider Gesetze zu wünschen übrig läßt, da der Inspektor in jüngster Zeit einen Appell in Form eines offenen Briefes an die„ Damen des Kantons" erlassen hat, in welchem er sie bittet, gegen die Ueberanstrengung der Lehrtöchter und der jungen Arbeiterinnen in den Läden und Ateliers der Mode- und Konfektionsgeschäfte zu kämpfen. Es ist notorisch, sagt er, daß viele junge Töchter über ihre Kräfte hinaus in Anspruch genommen werden, und daß viele Geschäfte die Aufsichtsbehörden zu täuschen suchen und die von ihren Familien schlecht geschützten armen Kinder zwingen, über alle Gebühr lange im Laden oder im Atelier zu bleiben. Die Damen mögen darum, bittet der Inspektor des Lehrlingswesens, ihre Kommissionen in den Geschäften nicht in später Stunde besorgen, ihre Aufträge fürder so zeitig geben, daß keine Ueberstürzung mehr eintritt, und Gesetzesübertretungen der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, die ihnen bekannt werden, zur Anzeige bringen. Wenn wir dann einmal", schließt der Appell, zur Ehre des Kantons sagen können, daß die Gesetze zum Schutze der Lehrtöchter und der Arbeiterinnen treulich gehalten werden, so werden wir uns dessen erinnern, daß den Damen des Kantons der schönste Theil dieses Fortschrittes zu verdanken ist." Es ist recht schön von dem Inspektor, daß er auch diesen Weg betreten hat, um die Durchführung beider Gesetze zu fördern, aber das Vorgehen erscheint doch naiv, wenn man erwägt, daß die Damen die Frauen und Töchter von Fabrikanten, Fabriktheilhabern, von Kaufleuten 2c. sind, die das Fabrikgeset mißachten und die kaufmännischen Angestellten täglich 14 bis 16 Stunden ausbeuten. Die besten Mittel zur wirklichen Durchführung des gesetzlichen Arbeiterschutzes sind eine ausgedehnte und lebhafte Arbeiterbewegung, zahlreiche und starke Organisationen, namentlich auch der Arbeiterinnen Arbeiterkommissionen zur Ueberwachung der Gesetze und genügende sowie tüchtige staatliche Aufsichtsorgane. Dadurch können dann die gefühlvollen Damen wie Herren der Bourgeoisie zur Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften erzogen werden. D. Z. Das Gesetz, betreffend die Fabrikation von PhosphorZündhölzchen, welches der Schweizer Nationalrath fürzlich erledigt hat, stellt Gesundheit und Leben vieler Arbeiterinnen und Arbeiter sicher. Es bestimmt, daß die Fabrikation von Zündhölzchen jeder Art ohne Rücksicht auf die Arbeiterzahl und die Ausdehnung des Betriebs unter das Fabrikgesetz fällt. Ferner bedarf es zur Zündhölzchenfabrikation der Bewilligung der Kantonsregierung; diese Bewilligung darf aber erst nach der eingeholten Zustimmung des eidgenössischen Industriedepartements in Bern, resp. des Bundesraths ertheilt werden. Letzterer hat betreffs der Zündhölzchenfabrikation die Bestimmungen aufzustellen, welche mit Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeitskräfte und der Konsumenten erforderlich sind. Verboten ist endlich die Fabrikation, Einfuhr, Ausfuhr und der Verkauf von Zündhölzchen mit gelbem Phosphor. Die letztere Bestimmung ist jedenfalls die wichtigste des ganzen Gesetzes. Veranlaßt wurde dasselbe durch die geradezu entsetzlichen Verheerungen, welche die Phosphor- Nekrose unter den Arbeitern und Arbeiterinnen der Zündhölzchenindustrie anrichtete. Den vorliegenden schweren Mißständen war bisher um so schwerer beizukommen, als in der Schweiz die Heimarbeit für die Zündhölzchenfabrikation eine große Rolle spielt. Die Gewerbeordnungsnovelle, betreffend bestimmte Reformen in der Konfektions- und Wäschebranche, welche die Regierung am 18. Mai 1897 im Reichstag eingebracht hat, soll in der nächsten Session wieder vorgelegt werden. Die Novelle verlangte bekanntlich Vollmachten für den Bundesrath, die Einführung von Lohnbüchern oder Arbeitszetteln anzuordnen, das Verbot zu erlassen, Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern, welche in der Fabrik oder Werkstatt über sechs Stunden beschäftigt sind, Arbeit mit nach Hause zu geben und die Krankenversicherungspflicht auch für Hausarbeiter einzuführen. Wie die„ Nationalliberale Korrespondenz" wissen will, soll die Vorlage mit Rücksicht auf die Verhältnisse in der Konfektionsbranche ergänzt werden. Eine Ergänzung der geplanten dürftigen Schutzbestimmungen ist allerdings dringend geboten, denn die Reförmchen, welche die Regierung beantragte, blieben sehr weit hinter den durchaus berechtigten und sehr bescheidenen Forderungen der Konfektionsarbeiterschaft zurück. Aber freilich: der Weg von einer arbeiterfreundlich angehauchten Absicht der Regierung bis zu einer wirklich durchgreifenden arbeiterfreundlichen Maßregel ist weit und der Einfluß des profitgierigen Unternehmerthums ist groß! Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die Betheiligung der österreichischen Arbeiterinnen an den Gewerbegerichtswahlen widerlegt glänzend, was seitens der Gegner wider die Zuerkennung des Wahlrechts zu den betreffenden Körperschaften an die Frauen vorgebracht worden ist. In Desterreich besitzen die Arbeiterinnen, dafern sie zwanzig Jahre alt und mindestens ein Jahr im Lande beschäftigt sind, das aktive Wahlrecht zu den Gewerbegerichten unter den gleichen Bedingungen wie die Arbeiter. Das passive Wahlrecht ist ihnen allerdings vorenthalten: sie können nicht zu Mitgliedern der Gewerbegerichte gewählt werden. Am 26. Juni fanden in Reichenberg die Wahlen zu dem errichteten Gewerbegerichte statt. Die Betheiligung der Arbeiterinnen an diesen Wahlen war trok verschiedener ungünstiger Umstände eine sehr rege. Es wurde nämlich von 10 Uhr Vormittags bis 2 Uhr Nachmittags gewählt, also in einer Zeit, wo die Arbeiterinnen die Pause in ihrer Berufsthätigkeit zu dringenden Hausgeschäften nüßen müssen. Dazu kam, daß der weitaus größte Theil der Wahlberechtigten außerhalb Reichenbergs wohnt und ein bis zwei Stunden zum Wahlorte zu gehen hatte. Trotzdem warteten schon vor 10 Uhr Hunderte von Arbeiterinnen auf die Eröffnung der Wahllokale. Von den ihr Stimmrecht ausübendenden Wählern der einen Sektion waren gute zwei Drittel Arbeiterinnen. Hunderte von Arbeiterinnen mußten wieder nach Hause gehen, ohne gewählt zu haben, weil es ihnen unmöglich war, stundenlang zu warten. Dichte Schaaren von Frauen und Mädchen standen fest eingeteilt vor dem Eingang zu den Wahllokalen. In Brünn, wo gleichfalls die Wahlen zu dem Gewerbegerichte stattfanden, stimmten ebenfalls die Arbeiterinnen in großer Zahl ab. Mit rothen Nelken geschmückt zogen sie in Schaaren zur Wahlurne. In Wien, wo die Wahlen noch nicht erfolgt sind, wird seitens der Genossinnen eine rührige Agitation entfaltet, damit die Masse der Arbeiterinnen Gebrauch von dem Wahlrecht macht. Die bis jetzt in Desterreich vorliegenden Erfahrungen zeigen, wie unstichhaltig das Gerede ist, die Arbeiterinnen würden das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten nicht zu schäßen wissen und nicht gebrauchen. Diese Er fahrungen vermehren die Gründe, mit denen die deutschen Genossinnen ihre Forderung stützen: Her mit dem Wahlrecht für die Gewerbegerichte. Frauenbewegung. In Sachen des medizinischen Studiums und der ärztlichen Berufsthätigkeit der Frauen hat jüngst der 26. Deutsche Aerztetag in Wiesbaden einen Beschluß gefaßt, der in seiner Vorsintfluthlichkeit sich würdig den bekannten Auslassungen im preußischen Abgeordnetenhause anreiht, diese aber in der Hervorkehrung gehässiger und eigennütziger Motive weit übertrifft. Man hat dort zur Frage mit allen gegen eine Stimme folgende Thesen angenommen und sich mit den entsprechenden Ausführungen des Referenten einverstanden erklärt: I. Wenn vorläufig die Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf auf Grund der gleichen Bedingungen, wie beim Mann, nur gestattet, aber nicht( z. B. durch staatliche Mädchengymnasien) erleichtert wird, so ist zunächst kaum ein stärkerer Zudrang der Frauen und deshalb weder besonderer Nutzen noch Schaden zu erwarten. II. Wenn aber auf Grund weiterer Zugeständnisse und bisher nicht übersehbarer Verhältnisse ein größerer Zudrang entstehen würde, so wird 1. fein erheblicher Nußen für die Kranken, 2. mehr Schaden als Nutzen für die Frauen selbst, 3. mindestens kein Nußen für die deutschen Hochschulen und die Wissenschaft, 4. eine Minderung des ärztlichen Ansehens, 5. keine Förderung des allgemeinen Wohles zu erwarten sein. Aus diesen Gründen ist es nicht zweckmäßig, gerade mit der Medizin den ersten Versuch einer Zulassung der Frauen zu den gelehrten Berufsarten zu machen. Speziell vom Standpunkt der ärztlichen Standesvertretung aus ist mindestens eine gleichzeitige Zulassung zu allen gelehrten Berufszweigen zu verlangen." In den Erläuterungen zu diesen Thesen wußte der Herr Referent, Professor Penzoldt- Erlangen, wieder einmal gar erbaulich davon zu reden, daß sich aus der Zulassung der Frauen zum medizinischen Studium und zur ärztlichen Praxis, weder ein besonderer Nutzen für die Kranken, noch für die Frauen selbst, noch für die Wissenschaft konstatiren lasse". Den Anforderungen des ärztlichen Berufes an körperlichen Leistungen, geistiger Energie und Verantwortung werde die Frau nicht genügen fönnen. Die Thätigkeit der Aerztinnen werde deshalb zu einer Minderung des ärztlichen Ansehens führen. Dagegen sei es angezeigt, einen höheren Heilgehilfenstand zu schaffen, zu dem die medizinisch ausgebildeten Frauen zuzulassen seien. Auch der Beruf als Apothekerin, Hebamme und Zahnärztin könne dem weiblichen Geschlecht offen stehen. Die Wohlfahrt des Volkes verlange weniger geistreiche und gebildete, als gesunde und gute Frauen. Die Frau in Küche und Haus werde dem Arzte immer sympathischer sein, als die Medizinstudirende. Zwei Kongreßtheilnehmer, Sachs- Breslau und Reich- Breslau, formulirten drei Thesen, in denen sie gleiche Vorbildung, Ausbildung und Prüfung für männliche wie weibliche Aerzte forderten. Diese Thesen, die an und für sich als selbstverständlich und gerecht erscheinen, zeigen ihre gegen die Frauen gerichtete Tendenz, wenn man eines festhält: in Deutschland fehlen entweder ganz oder zum größten Theile die Vorbedingungen, welche es den Frauen ermöglichen, diesen Forde rungen zu genügen. Frauen werden z. B. nicht zum medizinischen Staatsexamen zugelassen. Herr Professor Dr. Penzer- Berlin trat für 120 Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. die Ablehnung aller Thesen und für freie Bahn für Frau und Mann ein. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man immer wieder darthun, daß die Frau für kaum einen anderen Beruf so viel Eignung besitzt, wie für den des Arztes. Eine stattliche Anzahl von Aerztinnen hat das übrigens in den verschiedensten Ländern glänzend bewiesen. Wahrlich, wem gegenüber der in Wiesbaden wiederum beliebten einseitigen und kurzsichtigen Behandlung der Frage, dem Hervorkehren des plattesten Interessenstandpunktes und der blassen Furcht vor dem Wettbewerb der Frau, einer Furcht, die sich unter der heuchlerischen Maske der Besorgniß für die Gesundheit, die Weiblichkeit, das allgemeine Glück des Weibes versteckt, die Augen nicht darüber aufgehen, was die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen von ihren männlichen Klassengenossen zu erwarten haben, dem kann nicht geholfen werden. Die Zeit des Petitionirens, außer etwa zu demonstrativen Zwecken, ist vorüber. Es gilt für alle Frauen, im Kampfe der Parteien klar und unzweideutig Stellung zu nehmen und im Kampfe sich ihre Rechte zu erringen. H. F. Wie man in Rußland über den zopfigen und eigennützigen Beschluß des Wiesbadener Aerztetags in Sachen des medizi nischen Frauenstudiums urtheilt, das erhellt aus folgenden Aeußerungen der„ Now. Wremja". Das Blatt schreibt:„ Mit lebhaftem Interesse haben die russischen Aerzte von Anfang an das medizinische Studium der Frauen verfolgt, und es bedarf kaum noch der Aufzählung derjenigen Koryphäen der Medizin, die selbst für das Frauenstudium eingetreten sind. Die Frauenärztinnen haben sich durch bescheidene Ansprüche und durch einen ungemein pflichttreuen Umgang mit den Kranken, wozu sie ganz besonders prädestinirt zu sein scheinen, in der Praxis glänzend bewährt. Die Opferfreudigkeit der weiblichen Aerzte ist keineswegs geringer als die der männlichen; dafür bieten ihre Leistungen im Kriege Beweise, denen Niemand die vollste Werthschätzung versagen konnte. Auch innerhalb ihrer großstädtischen Wirksamkeit während verheerender Epidemien haben die Aerztinnen in den verworfensten Spelunken eine sympathische, ja menschlich rührende Mühewaltung entfaltet, so daß es eine schreiende Ungerechtigkeit wäre, den Nutzen der frauenärztlichen Thätigkeit in Frage zu stellen. Wer das versucht, will sich auf gewisse französische Theorien und nicht auf die überzeugende Praxis stützen! Um so überraschender aber ist das Resultat der Verhandlungen auf dem Wiesbadener Aerztetag betreffs Zulassung der Frauen zum Studium der Medizin! Die Presse hat überall ihre Verwunderung zum Ausbruch gebracht über die von berufener Seite vertretene Meinung über eine der wichtigsten Fragen. Frauen und Kinder fordern dringend die Hilfeleistung weiblicher Aerzte, und wer sie als nuzlos kennzeichnet, urtheilt zum mindesten leichtfertig. Der ganze Protest der Aerzte gegen das medizinische Studium der Frauen ist lediglich der Furcht vor der Konkurrenz zuzuschreiben. Die deutschen Aerzte sind augenscheinlich bemüht, die Stufe der medizinischen Frauenbildung herabzudrücken und den Frauen nur die untergeordneten Rollen der Massagistinnen, Hebammen und der barmherzigen Schwestern zuzuerkennen." Die besitzende und gebildete Männerwelt Deutschlands erweist sich rückständiger wie die betreffenden Kreise im„ barbarischen Rußland". Welche beschämende Thatsache! Weibliche Aufsicht über die von der Stadt Stuttgart in Pflege gegebenen Mädchen soll eingeführt werden. Die Anregung dazu ist auf die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zurückzuführen, die im Herbste letzten Jahres in Stuttgart tagte. Frl. Mellien- Berlin hielt damals über die Verwendung von Frauen bei der Fürsorge für jugendliche weibliche Gefangene und in Pflege gegebene Mädchen einen Vortrag, der wohl höherer sozialer Gesichtspunkte ermangelte, aber die Frage an und für sich", innerhalb eines beschränkten Rahmens trefflich behandelte. Die Stuttgarter Stadtgemeinde hat nun der gegebenen Anregung entsprechend beschlossen, dem Stuttgarter Frauenverein zur Versorgung verwahrloster Kinder die Kontrolle und Aufsicht über die in Anstalten und bei Privatpersonen untergebrachten sittlich gefährdeten Mädchen zu übertragen. Die Armenpfleger, denen diese Aufgabe bisher zugewiesen war, waren nicht immer im Stande, ihr mit Erfolg gerecht zu werden. Die Heranziehung der Frauen zu dem neuen öffentlichen Wirkungskreise soll also einem dringenden Bedürfniß abhelfen. Die Aufsicht des Frauenvereins erstreckt sich über einige Hundert sittlich gefährdeter Kinder. Die Zulassung der Frauen zur Ausübung der Advokatur im Kanton Zürich wurde am 3. Juli in der Volksabstimmung mit 21717 gegen 20046 Stimmen angenommen. Das ganze Gesetz, die Neuregelung der rechtsanwaltlichen Praxis betreffend, gelangte mit 24283 gegen 17595 Stimmen zur Annahme. Bekanntlich wurde über § 5 des Gesetzes, der die Advokatur der Frauen vorsieht, getrennt abgestimmt. Drud und Verlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. H.) in Stuttgart.