Nr. 19. Dir Gleichheit. 8. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) Stuttgart vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Mittwoch, den 14. September Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. 1898. Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen. II. -Zur Dienstbotenfrage. Eine Erwiderung. Von Wally Zepler. Aus der holländischen Frauenbewegung. Von X. Y. Z. Das freie Wort. Von John Henry Mackay.( Gedicht.) Feuilleton: Die Geschichte vom unartigen kleinen Jungen. Skizze von Mark Twain. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Weibliche Fabrifinspektoren. Frauenarbeit auf dem ArbeitsGebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. bedingungen der Arbeiterinnen.- Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung. Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Drganisirung der Arbeiterinnen. II. Eine gemeinsame Wurzel ist es, aus welcher die verschiedenen Verhältnisse und Eigenschaften emporsprossen, welche die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen besonders schwierig ge= stalten. Es ist das Weibthum der Arbeiterin. Die Rolle, welche die Familie bisher für den Lebensunterhalt und Lebensinhalt der Frau gespielt hat und theilweise noch spielt; die unterbürtige Stellung, welche die Frau in der Familie und im sozialen Leben lange Zeitläufte hindurch einnahm und zum Theil noch einnimmt: wirken zusammen, um auf Seiten der Arbeiterinnen bestimmte Eigenschaften und Verhältnisse zu entwickeln, welche als geradezu organisationsfeindlich bezeichnet werden müssen. ,, Weil die Arbeiterin eine Frau ist", so lautet wieder und wieder die Antwort auf die Frage nach den Ursachen, welche sich dem ge= werkschaftlichen Zusammenschluß der erwerbsthätigen Proletarierinnen entgegenstemmen. Manche der organisationsfeindlichen Eigenschaften und Umstände, welche in dem Frausein der Arbeiterin ihre lezte Wurzel haben, wirken in der Richtung, die Arbeiterin organi= sationsunlustig zu halten; anderen dagegen ist die Tendenz eigen, die Arbeiterin direkt organisationsunfähig zu machen. Die Rücksicht auf die Familie ist einer der stärksten Anreize, welche den Arbeiter der Organisation zuführen. Auf Seiten der Arbeiterin ist dagegen der Hinblick auf die Familie gerade ein ganz wesentlicher Grund für das Fernbleiben von der Organisation. Der Arbeiter ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es seine Pflicht als Mann ist, für den Unterhalt der Familie aufzukommen oder wenigstens den größten Theil von deren Existenzkosten zu decken. Er empfindet die Nothwendigkeit, durch Arbeit für den Markt der Familie zu geben. In der Arbeiterin lebt dagegen vielfach noch die Auffassung, daß sie als Frau in der Familie ihren Unterhalt oder mindestens einen Theil desselben finden müsse. Sie rechnet mit der Hoffnung, für Leistungen im Hause von der Familie zu empfangen. Gewiß, daß heutigen Tags in Hunderttausenden von Fällen diese Auffassung sowohl des Arbeiters wie der Arbeiterin nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die wirthschaftliche Entwicklung sezt mit jedem Tage mehr Männer außer Stand, die Eristenz der Familie sichern zu können; sie zwingt mit jedem Tage mehr Frauen, ihren Unterhalt zu erwerben, dafern nicht auch wenigstens zeitweilig den der Familie. Allein die Auffassung der breiten Massen humpelt nur langsam hinter den veränderten wirthschaftlichen Verhältnissen drein. Troß der Predigt der Thatsachen betrachten deshalb zahlreiche Arbeiterinnen, wenn nicht die meisten, Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara gettin( Eißner), Stuttgart, NothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. die Berufsarbeit als einen Nothbehelf, zu dem sie nur vorübergehend oder nebenbei ihre Zuflucht nehmen. Die ledige Arbeiterin lebt in der Hoffnung, durch die Verheirathung in so günstige Verhältnisse zu kommen, daß sie der industriellen Frohn für einen Unternehmer enthoben wird. Der verheiratheten Proletarierin liegen aber daheim so zahlreiche Aufgaben ob, daß sie in der Regel nur durch das Muß der materiellen Noth dazu getrieben wird, zeitweilig oder nebenbei dem Erwerb nachzugehen und es im Interesse von Mann und Kindern freudig begrüßt, wenn der Verdienst des Mannes es ermöglicht, daß sie sich ganz den häuslichen Pflichten zu widmen vermag. " Die proletarischen Mädchen und Frauen werden eben nicht wie zahlreiche bürgerliche Damen durch den in der Familie mangelnden Pflichtkreis und Lebensinhalt zur Berufsarbeit gedrängt, sondern im Allgemeinen lediglich durch das mangelnde Brot. Ihr Heim ist nicht ein bürgerliches Puppenheim, in welchem die Frau als Dekorationsstück, als Lurusmöbel ihren Plaz hat, in welchem sie lebt und webt, wie die Lilien auf dem Felde wachsen, ohne zu spinnen und zu arbeiten". Das proletarische Heim weist vielmehr troß seiner Enge oder richtiger gerade wegen seiner Dürftigkeit der Frau ein ausgedehntes, meist ein übermäßig ausgedehntes Thätigkeitsfeld zu. Ihr häusliches Wirken findet deshalb auch von Seiten des Mannes eine ganz andere achtungsvolle Bewerthung, als die Respräsentationsrolle der bürgerlichen Dame. Nicht der Efel vor dem geschäftigen Müßiggange ist es mithin, welcher die proletarische Frau zur Berufsarbeit treibt. Ebenso wenig der Drang, durch ernstes berufliches Wirken die Gleichwerthigkeit mit dem Manne nachzuweisen, eine geachtete Stellung in der Familie und der Gesellschaft zu erringen. " Die Andererseits erscheint der proletarischen Frau nicht wie der bürgerlichen Dame die Berufsarbeit in der Gloriole der Befreierin von der wirthschaftlichen Abhängigkeit vom Manne, vielmehr be= lastet mit dem Fluche der kapitalistischen Ausbeutung, als schlimmere Form der wirthschaftlichen Knechtung, nämlich der Knechtung durch einen fremden Ausbeuter. Die unter der kapitalistischen Fuchtel frohndende Arbeiterin spürt herzlich wenig von der Ehre, der Würde der freien und befreienden Berufsarbeit", von der Freude am Schaffen. In der Regel ist eben ihre Berufsthätigkeit weder eine freigewollte, noch der Art nach eine freigewählte, vielmehr nach der einen und anderen Richtung hin eine aufgezwungene. Proletarierin wird nicht Berufsarbeiterin, weil sie in der Ausübung des Berufs eine innere Befriedigung sucht, sondern weil sie Brot erwerben muß. Sie kann nicht den Beruf ergreifen, auf den Veranlagung und Neigung hinweisen, sie muß auf dem Gebiete thätig sein, wo sie die meiste Aussicht hat, ohne besondere Vorbildung und bei möglichst kurzer Lernzeit ihren Unterhalt zu finden. Nicht die Würde und den Segen der Arbeit lernt sie bei ihrer Berufsthätigkeit kennen, fie erfährt die durch ihr Weibthum verstärkte Sklaverei der fapitalistisch ausgebeuteten Lohnarbeit. Nicht die Freude am Wirken und Schaffen empfindet sie, sie muß die Qual kosten der sich im ewigen Einerlei wiederholenden mechanischen Handgriffe, welche den besten Theil der Lebenskraft aufzehren, Nerven und Muskeln überspannen und erschöpfen; die Qual des Schuftens, des in nervöser Ueberreizung Draufloshaftens, gespornt von tapitalistischen Antreibern oder von der bitteren Noth. Da ist es denn erklärlich, daß die Masse der Arbeiterinnen die Berufsarbeit nicht als eine dauernde Lebensaufgabe bewerthet, sondern als einen zeitweiligen unvermeidlichen Nothbehelf, dem die Einzelne zu entgehen trachtet. In dieser Bewerthung wurzelt aber ein sehr großer Theil der Organisationsunluft, welche die meisten Arbeiterinnen abseits von der Gewerkschaft hält. Weil den Arbeiterinnen das flare Bewußtsein ihrer dauernden Berufsarbeiterschaft fehlt, so finden sie sich selbst mit den erbärmlichsten Arbeitsbedingungen als mit einem vorübergehenden Uebel leichter ab, als wie die Arbeiter. In der Folge keimt nur schwer die Erkenntniß empor von der Nothwendigkeit, durch die Macht der Gewerkschaft gegen das ausbeutende Kapital um gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Und weil diese Erkenntniß so rückständig ist, so schwer einwurzelt, find die meisten Arbeiterinnen unlustig, die Opfer an Mitteln und Zeit zu bringen, welche das Gewerkschaftsleben fordert, um sie mit 3ins und Zinseszins zurückzuerstatten. Ein anderer Umstand wirkt im weiblichen Proletariat in der gleichen Richtung. Breite Schichten von Proletarierinnen sind nicht als volle Berufsarbeiterinnen thätig. Der Schwerpunkt ihrer Eristenz und ihres Wirkens ruht noch in der Familie und nicht in der Erwerbsthätigkeit, die nur nebenbei"," zwischendrein", ,, gelegentlich" getrieben wird, um ein gewünschtes Möbel- oder Kleidungsstück anzuschaffen, einen vorübergehenden Nothstand abzuwehren, eine behaglichere Lebensführung zu ermöglichen 2c. Die leidige Hausindustrie ist es, welche für diese Art der Erwerbsthätigkeit den breitesten Spielraum bietet und gerade in der Verwendung der Halb-, Viertels- und Gelegenheitsarbeiterinnen ein wirksames Mittel besißt, die Löhne niedrig zu halten und zu senken. Diesen Halb-, Viertels- und Gelegenheitsarbeiterinnen mangelt aber der großen Mehrzahl nach aus naheliegenden Gründen das Bewußtsein ihrer Lohnarbeiterschaft so gut wie vollständig. Sie fühlen und denken in der Hauptsache lediglich als Frauen, nicht als Proletarierinnen, nicht als Lohnarbeiterinnen. In ihrem rückständigen Empfinden und Erfassen werden sie wesentlich durch eins gestärkt und erhalten: durch die Isolirtheit, in der sie daheim dem Erwerb nachgehen, statt in der Fabrit, wo vielerlei Umstände und Einflüsse das Solidaritätsgefühl wecken, das Klassenbewußtsein klären und damit zur gewerkschaftlichen Organisation drängen. Die gekennzeichneten Verhältnisse züchten förmlich eine tiefe, unausrottbare Organisationsunlust der Frauen und Mädchen. Nirgends fällt des= halb der Einfluß noch anderer Umstände vorausgesetzt, auf die wir später zu sprechen kommen die Agitation für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß auf so unfruchtbaren, steinigen Boden, als unter den betreffenden Arbeiterinnenschichten. In der Beziehung Wandel herbeizuführen, Boden, Luft und Licht für den Organisationsgedanken zu schaffen, dazu bedarf es nicht blos des jähesten, ge= duldigsten Propagandawerks, da muß vielmehr eine Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse vorausgehen. Daß die Segnungen der Organisation von der Masse der Arbeiterinnen nur sehr langsam erkannt werden, daß nur sehr langsam die Unlust zur Organisation schwindet, dazu trägt ein weiterer Thatbestand in hervorragendem Maße bei. Für die meisten verheiratheten Arbeiter werden durch die Familie die bitteren Wirkungen von Lohnsenkungen, Arbeitslosigkeit, Krankheit 2c. aufs Schärffte zugespißt. In Tausenden von Fällen dagegen werden durch die Familie die traurigen Folgen jener Momente für die Arbeiterin gemildert. Die Arbeiterin ist im Allgemeinen zu geringeren materiellen Leistungen an die Familie verpflichtet, als der Mann, sie findet noch vielfach innerhalb gewisser Grenzen eine Stüße an ihr. Ihre häuslichen Leistungen erleichtern und ermöglichen das Letztere ebenso sehr, wie die ihr als„ bedürfnißloser Frau" eignende Fähigkeit, sich frumm zu legen", die weibliche Genügsamkeit bis zum härtesten Dulden und Entbehren zu steigern. Die weibliche Bedürfnißlosigkeit steht übrigens bekanntlich nicht blos in den Tagen besonderer Ungunst dem Anschluß der Arbeiterin an die Gewerkschaft hindernd im Wege. Sie ist jederzeit ein ganz wesentliches Hemmniß für die Entwicklung und Befestigung der Erkenntniß, daß die Arbeiterinnen der gewerkschaftlichen Organisation noch dringender bedürfen, als sogar die Arbeiter. Die unterbürdige Stellung der Frau in der Familie und der Gesellschaft hat diese verdammte Bedürfnißlosigkeit" großgezogen und nährt sie noch heute, und das Kapital beutet sie aus. Der Unternehmer schäßt es als eine fostbare Tugend der Arbeiterinnen, 146 daß sie so kulturwidrig bescheiden und anspruchslos" sind, mit weit weniger ihren Unterhalt bestreiten, als ihre Brüder der Frohn. Diese Genügsamkeit ist ja die Quelle fetter fapitalistischer Profite. Die Arbeiterinnen rauchen nicht und besuchen kein Wirthshaus; die„ Bildungslaster" des Zeitungslesens und Versammlungsbesuches haften ihnen nicht an; sie sind gewöhnt, den Genuß von Fleisch als Lurus und jede Minute der Muße als eine Verlegung der Pflicht des Arbeitsthieres zu betrachten. Sie lassen sich deshalb die schmachvollsten Arbeitsbedingungen bieten; sie verstehen nicht die Sprache ihrer färglichen Lebensverhältnisse, die mit überzeugender Wucht mahnen: Organisirt Euch, damit Ihr wider den Stachel der kapitalistischen Ausbeutung zu löfen, damit Ihr zu einer höheren Lebenshaltung, zu einer höheren Kultur emporzuſteigen vermögt. " Die Organisationsunlust der Arbeiterinnen wird noch durch eine andere echt weibliche" Eigenschaft gefördert, die aus der nämlichen Wurzel wie die Bedürfnißlosigkeit entspringt und ebenfalls von Kapitalisten und Spießbürgern als tugendsame Zier über den grünen Klee gepriesen wird. Es ist dies die Unterwürfigkeit, die Schmiegsamkeit der Arbeiterinnen, ihre Gewöhnung an das Gebot des Magdthums!„ Das Weib diene und sei stille." Die Arbeiterin unterwirft sich so leicht dem Willen der Unternehmer, sie findet sich mit den von ihnen geübten Kniffen und Pfiffen der Ausbeutung so widerstandslos ab, weil sie als Frau vielfach von frühester Jugend an an Unterwerfung unter den männlichen Willen gewöhnt ist und in der Fabrik in dem Kapitaliſten ihren unumschränkten Herrn erblickt, wie daheim in dem Manne. Sie empfindet deshalb keine Neigung, von ihrer Sklavenrast, ihrem Hungerlohn zu nehmen, um der Gewerkschaft anzugehören und durch deren Macht der kapitalistischen Ausbeutung energischen Widerstand entgegenzusetzen. Allgemein anerkannt ist, wie ungemein erschwert die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen wird in Folge von Eigenschaften, die unter sich in innigem Zusammenhang stehen und ihre Erklärung finden in der unterbürtigen Stellung der Frau, ihrem Abseitsstehen vom öffentlichen Leben, ihrem einseitigen Wirken im Haus und für die Familie. Lange Zeiträume hindurch ist die Familie die einzige Gemeinschaft gewesen, mit welcher die Frau sich unmittelbar in Zusammenhang fühlte, und auf die sie Einfluß ausüben konnte. Die Frau geht deshalb auch in unseren Tagen mit ihrem Interesse, ihrem Empfinden und Denken meist nicht über den Familienkreis hinaus, sie ermangelt des Bürgersinns, m diesen Ausdruck zu gebrauchen. Sie Als Frau fehlt es der Arbeiterin an jenem regen Interesse für die Allgemeinheit, das unwiderstehlich dazu treibt, nach klaren Einblick in das gesellschaftliche Leben zu streben. Als Frau übersieht die Arbeiterin die hunderterlei groben und feinen Zusammenhänge, welche ihre eigene Eristenz mit der Allgemeinheit, ganz besonders aber mit ihrer Klasse verknüpfen; die Wechselbeziehungen, welche zwischen der Gesellschaft und der Familie bestehen. wird sich nicht bewußt, daß für ihr Wohl und Wehe die Lage ihrer Klassenschwestern und Klassenbrüder mit von entscheidender Bedeutung ist, und daß ihr eigenes Sein und Thun die Verhältnisse ihrer Klassengenossen beeinflußt. Das vielfältige Ungemach ihrer Arbeitsund Lebensbedingungen empfindet sie nur als persönliches Mißgeschick, nicht als Ausfluß der proletarischen Klassenlage. Wohl regt sich der Klasseninstinkt in der Masse der Lohnsklavinnen, allein noch ist er nicht zum klaren Klassenbewußtsein entwickelt. In der Folge empfinden die Arbeiterinnen kein kräftiges Solidaritätsgefühl und noch weiter ab liegt ihnen die Bethätigung desselben. Den Wenigsten von ihnen ist deshalb die Nothwendigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses und gewerkschaftlichen Kampfes flar. Die Verpflichtungen, welche die Zugehörigkeit zur Organisation auferlegt- Mitgliedsbeiträge, Unterſtügungsgelder, Versammlungsbesuch, Lesen des Fachblatts 2c. besuch, Lesen des Fachblatts 2c. erscheinen ihnen als überflüssige Aufwendungen, wenn nicht gar als Verlegung der Pflichten gegen die Familie. Sie rechnen nur die augenblicklichen Opfer nach, welche die Gewerkschaftsbewegung fordert, sie übersehen dagegen die dauernden Vortheile, welche diese Bewegung der Arbeiterklasse und damit jedem einzelnen Gliede derselben mittelbar oder unmittelbar schafft. Blind für die materiellen Segnungen der Organisation fehlt ihnen für deren große ideelle Bedeutung jedes Verständniß. Blickt die Proletarierin aus den gekennzeichneten Gründen schon scheelen Auges auf die Zugehörigkeit des Mannes zur Gewerkschaft, so erscheint ihr die eigene Betheiligung am Ge= werkschaftsleben als etwas ganz Unfaßbares, das ihrem hergebrachten Empfinden und Denken aufs Schroffste widerstreitet. Auch in Folge der rückständigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts steht deshalb die Masse der Arbeiterinnen gleichgiltig, widerwillig und unluftig den Bestrebungen gegenüber, die weibliche Lohnarbeiterschaft in die Gewerkschaften einzubeziehen. Aber troß alledem: mag die Organisationsunlust der Arbeiterinnen noch so groß, noch so tief gewurzelt sein, sie ist nicht unüberwindlich, sie muß mit der Zeit vor einer unermüdlichen, zielflaren Agitation weichen. Denn im wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Leben sind Kräfte witsam, welche jenen Eigenschaften und Umständen entgegenarbeiten, in denen die Organisationsunlust der Arbeiterinnen wurzelt, die darauf hindrängen, daß auch die erwerbsthätige Proletarierin sich von der widerstandslos billig und willig Frohndenden zur o: ganisirten Kämpferin auf wirthschaftlichem Gebiete erhebt. In einem folgenden Artikel werden wir uns mit den Umständen befassen, deren Tendenz ist, die Arbeiterinnen organisationsunfähig zu machen, um zum Schluß zu erörtern, wie sowohl Organisationsunlust, wie Organisationsunfähigkeit zu bekämpfen ist. Bur Dienstbotenfrage. Eine Erwiderung. Nummer 17 dieses Blattes enthielt einen Artikel über die Dienstbotenfrage. Die Verfasserin der Arbeit schickte voraus, daß sie nicht Sozialdemokratin sei; sie hätte diese Bemerkung unstreitig sparen können; man vermochte sich auch ohnedies nicht über ihren bürgerlichen Standpunkt zu täuschen. Zwar zweifle ich gar nicht daran, daß die Dame von den allerbesten Motiven geleitet wurde; alles, was sie sagt, zeugt ja von Wohlwollen und humanem Urtheil in Bezug auf die Dienstboten; um so merkwürdiger und krasser mußte den Leser die ganze Auffassung der Schreiberin berühren, die zwischen den Zeilen liegt, dieses versteckte Klassenbewußtsein der„ Dame", die ihre Mitschwestern zu freundlicher Nachsicht mahnt, weil wir ja Alle nur fündige Menschen seien, und die da glaubt, mit einem freundlichen Wort die bitteren Gegensätze ausgleichen zu können, die hier wie überall in der sozialen Welt schneidend hervortreten. Da fehlte ja nur noch die Medaille nach fünfundzwanzigjähriger treuer Arbeit und das idyllische Bild der edlen Herrschaft und des dankbaren Gefindes aus der Hausfrauenzeitung wäre fertig. " Nein, leider liegt die Sache doch wesentlich anders. Die Behauptung, daß die Mädchen, zumal in den Städten, heutzutage gar so„ begehrlich" geworden, ist gewiß nicht völlig aus der Luft gegriffen; unsere deutschen Hausfrauen wissen ganz genau, warum sie sich so gerne Dienstboten aus Posen oder Pommern verschreiben, die „ das Arbeiten noch gewöhnt sind", und noch keine Ansprüche" machen; sie wissen es eben so gut wie unsere Landjunker, die ja bekanntlich auch ein Faible( eine Vorliebe) für ostelbische Landarbeiter besitzen. Das Verhältniß zwischen Herrschaft und Gesinde ist nicht deshalb schwieriger geworden, weil die Herrschaft heutzutage schlechter ist die Frauen werden im Durchschnitt gewiß nicht zänkischer sein als früher sondern es ist besonders in den großen Städten schwieriger geworden, weil eben dort auch den Dienstboten die Erfenntniß ihrer Macht langsam aufzudämmern beginnt. Allerdings noch nicht mit irgend einem klaren Bewußtsein, sondern nur durch eine sehr einfache Art von Erfahrung. Frau Zehdnicker findet es 3. B., entgegen den Ansichten vieler Damen, ganz begreiflich, wenn Mädchen sich vor Antritt des Dienstes nach Einzelheiten der Stellung erkundigen; es handelt sich aber gar nicht darum, ob das„ unverschämt" ist oder nicht; es handelt sich vielmehr darum, daß die starke Nachfrage gegenüber dem schwächeren Angebot die Damen zwingt, ihre Entrüstung über diese Unverschämtheit ruhig hinunterzuschlucken, oder ihr doch nur im nächsten Kaffeeklatsch beredten Ausdruck zu geben. Sie würden sich hüten, die moralischen Lehren edler Menschenfreundinnen zu befolgen, wenn dieser Zwang nicht bestände, derselbe 3wang, der sie nöthigt, in mancher anderen Beziehung den Wünschen ihrer Dienstboten Rechnung zu tragen. Sie wissen eben sehr wohl, daß ein einigermaßen tüchtiges Mädchen sehr viel leichter eine neue Stellung erhält, als sie eine brauchbare Vertreterin finden, und ebenso hat die Erfahrung dies die Mädchen gelehrt; darum genieren sie sich durchaus nicht, wenn sie glauben, etwas leisten zu können, Forderungen an Lohnaufbesserung, anständige Wohnräume u. s. w. zu stellen, darum gehen sie zuweilen sogar so weit, Besuche bei sich empfangen 147 zu wollen oder gar einen Bräutigam zu haben, was in den Augen vieler Damen bekanntlich der Gipfelpunkt der Frechheit ist. Die Klagen der Frauen über die wachsende Unzufriedenheit des Gesindes ist ein hübsches Seitenstück zu der Entrüstung der Fabrikanten über die durch die Sozialdemokratie aufgewiegelten Arbeiter. Nur daß bei den Dienstboten ganz gewiß die Sozialdemokratie rein von allem Vorwurfe dasteht, die Sache sich also in den Augen der Damen höchst wahrscheinlich nur durch die wachsende Verderbtheit der menschlichen Natur erklären läßt. Aber allen Moralpredigerinnen gegenüber, die die Schuld nur der Herrschaft in die Schuhe schieben wollen, behaupte ich, daß die Thatsache dieser Unzufriedenheit selbst ganz richtig ist, genau so richtig wie bei den Arbeitern. Gerade so wie dort steigern sich die Anſprüche der Dienstboten auch sicherlich mit dem Erreichten, und es ist sehr wohl möglich, daß die schreckliche Zeit" heranbricht, wo die Köchinnen eines Tages erklären, sie wünschten nicht länger als bis 8 Uhr Abends zu arbeiten und dann spazieren zu gehen. In Amerika soll man nicht allzuweit von der Verwirklichung dieses Zukunftsbildes entfernt sein. In Australien soll es zum Theil schon verwirklicht sein. Nun ist es ja selbstverständlich, daß noch genug Dienstverhältnisse auch in den Städten vorliegen, auf die die Ausführungen der Frau Zehdnicker sehr wohl passen mögen. Es giebt natürlich ganz genau so verschiedene humane Hausfrauen, wie es verschiedene humane Fabrikanten giebt und zu jeder Zeit gegeben hat, und es ist auch ganz sicher, daß gerade die am meisten über ihr Personal zu klagen haben, die am wenigsten Vernunft und Rücksicht walten lassen. Auch haben die Gerichtsverhandlungen ja sogar in Berlin zahlreiche Fälle bekannt gemacht, in denen selbst die brutalste körperliche Mißhandlung von Dienstboten stattfand, ohne daß die Mädchen auch nur wagten, die Stellung zu verlassen. Diese letzteren Fälle bezogen sich aber fast ausschließlich auf sehr junge, vom Lande zugezogene Mädchen, die gänzlich allein und rathlos den Verhältnissen gegenüberstanden. Meistens werden die gar zu schlechten Stellungen rasch genug durch häufigen Wechsel der Dienstboten bekannt. Jedenfalls aber kann es sich bei einer Betrachtung der Dienstbotenfrage im Allgemeinen doch nur darum handeln, festzustellen, ob sich die Ansprüche des häuslichen Dienstpersonals im Durchschnitt gesteigert haben. Das aber ist mindestens für die großen Städte sehr wahrscheinlich. Nun hat die Verfasserin des Artikels andeutungsweise auf eine Erscheinung hingewiesen, die wirklich enorm auffällig ist; auch hat sie ganz richtig deren Ursachen entwickelt. Die in Berlin aufgewachsenen Mädchen ziehen es fast stets vor, in die Fabriken zu gehen, anstatt sich dem Gesindedienst zu widmen. Der Zuzug der häuslichen Hilfsarbeiterinnen findet größtentheils vom Lande her statt. Es ist aber keine Frage, daß die Arbeit in der Fabrik meist erschöpfender ist, oft unter schlechteren Luft-, Temperatur- und Raumverhältnissen geleistet werden muß, und vor Allem durch die ungenügende Bezahlung fast nie eine so ausgiebige Ernährung ermöglicht, wie sie dem Dienstmädchen durchschnittlich in der Familie gewährt wird. Frau zehdnicker weist richtig darauf hin, daß allen diesen Nachtheilen der Fabrikbeschäftigung der einzige Vorzug geregelter Arbeitszeit und freier Verfügung über die Abendstunden gegenübersteht, und daß dieser Vorzug demnach stark genug sein müsse, alles Andere aufzuwiegen. Jedenfalls ist es ein erfreuliches Zeichen eines ununterdrückbaren Freiheitssinnes, daß die Mädchen physische Entbehrungen der so oft entwürdigenden Sklaverei des häuslichen Dienstes vorziehen, denn thatsächlich liegt hier der Krebsschaden des Gesindedienstes. Wenn eine Agitation unter dem weiblichen Dienstpersonal überhaupt schon möglich und an der Zeit wäre, sie müßte damit beginnen, eine wenn auch noch so geringe, gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit im häuslichen Dienste anzustreben. Aber in einer Zeit, wo die Gesindeordnung noch zu Recht besteht, die häusliche Dienerschaft also gesetzlich noch eine Menschenklasse zweiter Ordnung darstellt, ist die Mög= lichkeit einer solchen Agitation natürlich noch in weite Ferne gerückt. Nun liegt aber noch ein weiterer Umstand, vor, der gerade den häuslichen Dienst zu einer Quelle fortgesetzter Differenzen machen muß. Das Verhältniß der Herrschaft zum Gesinde ist eigentlich das einzige, das die sozial verschiedenst gestellten Klassen in eine ununterbrochene und nahe Berührung miteinander bringt. Der Fabrikarbeiter, die Arbeiterin wie der Bauer auf dem Lande leben unter Ihresgleichen. Sie stehen in keiner direkten Verbindung mit ihrem Brotherrn, den sie höchstens geschäftlich kennen lernen, dessen Privatleben ihnen aber etwas genau so Fernes ist, wie eben überhaupt dem Arbeiter die Existenz jener anderen Welt des Bürgerthums und wie umgekehrt dem Bürgerlichen die Existenz des Arbeiters. Das Dienstmädchen dagegen lebt in der Familie ihres Brotherrn. Unmittelbar und unvermittelt treten die schroffsten Gegensätze hier einander gegenüber. Oft genug sieht das Mädchen die gnädige Frau ein Leben wahrhaft paradiesischer Faulheit führen, ein Leben ununterbrochenen Genusses, während sie zu ebenso ununterbrochener Arbeit angehalten wird; sie muß im Winter die Dame des Hauses Abend für Abend zur Gesellschaft schmücken und ihr wird aufs Strengste anbefohlen, an den knappen Ausgangstagen nur ja Punkt 10 Uhr Abends zu Hause zu sein; sie muß sich mit den Kindern herumplagen, während die Mutter nervöse Anfälle bekommt, wenn sie eine halbe Stunde gezwungen ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Kurz, es gehört weder starke Intelligenz noch übermäßige Begehrlichkeit dazu, daß das Mädchen gerade in den besseren Haushaltungen soziale Vergleiche anstellt und ganz von selbst zu einer Art von instinktivem Klassenbewußtsein erwacht, indem sie sich sehr natürlich mit ihren Beschwerden an Jhresgleichen wendet und sich durch ihre Kolleginnen„ aufheben" läßt. So lange die bürgerliche Frau das Leben und die Arbeit ihres Gesindes in der Wirthschaft noch direkt theilte, wie das noch heutzutage auf dem Lande vielfach der Fall ist, so lange ihre Lebensführung sich noch nicht wesentlich von der ihres Dienstpersonals unterschied, trat dieser Gegensatz auch sehr viel weniger kraẞ hervor. Heute ist er eines von den ewig mahnenden Zeichen des Verfalls unserer Gesellschaft, deren wirthschaftliche Auflösung sich vielleicht nirgends deutlicher fundgiebt als in dem kleinen Organismus der Familie. Denn der Einzelne, in diesem Fall die einzelne Hausfrau, mag noch so human gesinnt sein, sie mag noch so sehr die Widersinnigkeit ihres Herrschaftsverhältnisses gegenüber dem Dienstpersonal begreifen, sie steht dennoch unter einem Zwange, der ihr nur die Wahl läßt, gänzlich die Fesseln ihrer bürgerlichen Lebensführung zu durchbrechen oder aber den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf zu lassen. Denn will sie nicht selbst ihre Zeit zur Erledigung der häuslichen Arbeiten verwenden und das ist, abgesehen von allen Klassenhemmnissen, bekanntlich nicht Jedermanns Geschmack so muß sie sich dem allgemeinen Brauche fügen, und, um sich und ihrer Familie die Möglichkeit eines vernünftigen Daseins zu schaffen, eine, zwei oder mehr Personen der Knechtschaft des häuslichen Dienstes unterwerfen. Die ganze sinnlose Kraftvergeudung, die soziale Unvernunft dieser Wirthschaftsführung wird dabei noch jeder denkenden Frau die Leitung des kleinen Haushalts zu einer absolut unbefriedigenden Thätigkeit machen. Und abgesehen von alledem liegt es für eine große Zahl von Frauen noch nicht einmal in der Möglichkeit, ihrem Dienstpersonal auch nur in Bezug auf Zeit und Maß der Arbeit Erleichterungen zu verschaffen. Die materielle Nothlage, die stets neue Schichten des Gelehrtenproletariats, der fleinen Kaufmannschaft u. s. w. zu äußerster Sparsamkeit in der Lebensführung zwingt, bringt eben auch eine größere Inanspruch nahme des Dienstpersonals, das heißt gewöhnlich des einen verfüg148 baren Dienstmädchens mit sich, da eben möglichst alle Arbeit im Hause geleistet werden muß. Die Frage der Dienstbotennoth wird also mit moralischen Ergüssen nicht aus der Welt geschafft werden; sie wird sich mit der Zeit höchstens mahnender und beunruhigender gestalten als eine von den hundert unlösbaren„ Fragen" unserer Wirthschaftsordnung, die auch in das Frauenleben eingreifen und die Denkenden unter uns Frauen endlich zur Heeresfolge des Sozialismus führen müssen. Wally zepler. Aus der holländischen Frauenbewegung. Es herrscht jetzt ein reges Leben unter den holländischen Frauen. Durch die„ Nationale Ausstellung für Frauenarbeit", von deren Eröffnung die„ Gleichheit" schon berichtete, hat die bürgerliche Frauenbewegung einen nicht unbedeutenden Aufschwung genommen. Entschieden darf man von einem äußerlichen Erfolg der Ausstellung sprechen, der größer ist als sogar die Damen selbst sich träumen ließen, welche an der Vorbereitung des Unternehmens arbeiteten. Die Ausstellung an und für sich giebt ein ziemlich gelungenes Bild von dem Charakter der hiesigen bürgerlichen Frauenbewegung, in welcher sich alle Nuancirungen der denkenden und fortgeschrittenen Frauen zusammenfinden. Neben der Dame aus der großen Welt, die mehr noch aus Zeitvertreib als aus Ueberzeugung mitkämpft für eine Vermehrung der Frauenrechte, stehen die waschechten Frauenrechtlerinnen, die sich nach französischem Beispiel mit Vorliebe Feministen nennen. Geht man noch ein paar Schritte weiter, so findet man neben diesen viele sozialistisch angehauchte Damen. Werden sie alle, die so verschiedenen gesellschaftlichen Schichten angehören und so verschiedenartige Interessen haben, schwesterlich zusammen weiter arbeiten? Es ist kaum zu erwarten und im Interesse einer gesunden Entwicklung der Bewegung nicht zu wünschen. Wahrscheinlich wird die Ausstellung in die Frauenbewegung mehr Klarheit bringen. Sie muß, so sollte man meinen, die denkenden Frauen wenigstens anregen, ihre noch mangelhaften Kenntnisse auf sozialem Gebiete zu vervollständigen und nach größerer und flarerer Einsicht in die schwierigen Probleme zu streben, welche mit der Frauenfrage verknüpft sind. Bis jetzt fehlt es der großen Mehrheit der kampfestüchtigen Frauenrechtlerinnen an dem richtigen Verständniß für die große Bedeutung des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit, und sie übersehen nur noch zu häufig den engen Zusammenhang zwischen Frauenfrage und Arbeiterfrage. Deshalb erblicken und bekämpfen sie oft nur die Folgen sozialer Uebel und nicht ihre Ursachen. Die Geschichte vom unartigen kleinen Jungen. tniete er nicht von ganz allein nieder und versprach nicht, nie Skizze von Mark Twain. Es war einmal ein böser fleiner Knabe, der hieß Jim obgleich böse kleine Knaben fast immer Jakob heißen, wie ihr finden werdet, wen ihr in den Sonntagsschulbüchern left. Es war sonderbar, aber wahr, daß dieser Jim hieß. Er hatte auch keine kranke Mutter eine kranke Mutter, die fromm war und die Verzehrung hatte, die sich gern ins Grab gelegt und ausgeruht hätte, wenn nicht die große Liebe zu ihrem Sohne sie abgehalten hätte und die Angst, die Welt möchte hart und falt gegen ihn sein, wenn sie fort wäre. Die meisten bösen Knaben in den Sonntagsbüchern heißen Jakob und haben kranke Mütter, die sie lehren, zu sagen:„ Müde bin ich, geh' zur Ruh'" 2c. und sie in den Schlaf singen mit süßen klagenden Stimmen und sie zur Gutenacht füssen und am Bett niederknieen und weinen. Aber bei diesem Knaben war's anders. Er hieß Jim, und seiner Mutter fehlte gar nichts sie hatte weder Verzehrung noch sonst etwas Derartiges. Sie war eher derb zu nennen, auch war sie nicht fromm; außerdem ängstigte sie sich nicht um Jim. Wenn er seinen Hals brechen sollte, meinte sie, wäre das kein großer Verlust. Sie puffte ihn immer ins Bett und füßte ihn nie zur Gutenacht; im Gegentheil, sie gab ihm Ohrfeigen beim Fortgehen. Einstmals stahl dieser böse Knabe die Schlüssel zur Speisekammer, schlüpfte hinein und verhalf sich zu etwas Marmelade. Dann füllte er das Gefäß wieder mit Theer, so daß seine Mutter den Unterschied nicht merken konnte; aber wunderbarerweise kam kein schreckliches Gefühl über ihn, und nichts schien ihm zuzuflüstern: „ Ist es recht, daß ich meiner Mutter nicht gehorche? Ist es nicht eine Sünde? Wohin kommen die bösen kleinen Knaben, die ihrer lieben, gütigen Mutter die Marmelade wegessen?" Und dann wieder bös sein zu wollen, und stand nicht auf mit leichtem, glücklichem Herzen und ging nicht und erzählte seiner Mutter alles und bat sie um Verzeihung und wurde nicht von ihr gesegnet mit Thränen des Stolzes und Dantes in den Augen. Nein so machen es alle anderen bösen Knaben in den Büchern; aber mit Jim war es sonderbarerweise anders. Er aß die Marmelade und und sagte in seiner sündigen, gewöhnlichen Art, sie wäre famos, und er that den Theer hinein und sagte, das wäre auch famos, und lachte, indem er bemerkte,„ daß die Alte schön schnauben würde", wenn sie es entdeckte; und als sie es entdeckte, leugnete er alles, und sie bläute ihn tüchtig durch, und das Weinen verrichtete er selber. Alles war sonderbar an diesem Knaben alles schlug anders für ihn aus als für die bösen Jakobe in den Büchern. Einstmals kletterte er auf Pächter Acorns Apfelbaum, um Aepfel zu stehlen, und der Ast brach nicht, Jim fiel nicht herunter und brach nicht den Arm und wurde nicht von des Pächters großem Hund zerrissen, um dann wochenlang krank im Bett zu liegen und zu bereuen und gut zu werden. Onein! er stahl so viel Aepfel, wie er wollte, und kam wohlbehalten unten an; dem Hund war er ganz gewachsen, den schlug er derb mit einem Ziegelstein, als er ihn zerreißen wollte. Es war sehr sonderbar- nichts der= gleichen geschah je in jenen milden, kleinen Büchern mit marmorirten Rücken und mit Bildern von Männern mit Schwalbenschwanzröcken, glockenförmigen Hüten und kurzen Beinkleidern und Frauen mit turzen Taillen und ohne Neifröcke. Nichts dergleichen steht in irgend einem Sonntagsschulbuch. Einmal stahl er dem Schullehrer das Federmesser, und als ihm angst wurde, daß es herauskommen könnte, steckte er es in Georg Wilsons Müze der armen Witwe Wilson Sohn, der Musterknabe, der beste kleine Junge des Dorfes, der immer seiner Mit Ausdauer und Verständniß treten dagegen die holländischen Frauenrechtlerinnen ein für die Rechtsforderungen des weiblichen Geschlechts. Männer von Einfluß stehen ihnen dabei zur Seite, darunter bekannte Parlamentarier. Hätten wir in unseren Kammern nicht eine so langsam arbeitende gesetzgebende Maschinerie, schon längst wären die das weibliche Geschlecht am meisten erniedrigenden Paragraphen aus dem bürgerlichen Gesetzbuch verschwunden. Ganz flar begreifen die für ihre Befreiung kämpfenden holländischen Frauen, daß ihnen erst volle Gerechtigkeit widerfahren wird, wenn sie selbst als politisch Vollberechtigte Hand ans Werk legen können. Die Fortgeschrittenen unter den Frauenrechtlerinnen fordern schon lange das Wahlrecht für das weibliche Geschlecht und gründeten zu dem Zweck den Verein für das Frauenwahlrecht". Die vornehmste Arbeit dieser Organisation besteht bis jetzt nur darin, Propaganda für das Frauenwahlrecht zu machen und zwar in erster Linie unter den Frauen selbst. Die schüchternen unter den zum Bewußtsein ihrer sozialen gesetzlichen und politischen Abhängigkeit erwachten Frauen schrecken noch zurück vor der folgerichtigsten aller frauenrechtlerischen Forderungen: der Forderung des Wahlrechts. " 1 In letzter Zeit haben sich besonders die Damen der Ausstellung bemüht, auch die Arbeiterinnen in ihre Bewegung hineinzuziehen. Ihre Bemühungen werden wenig Erfolg haben. Die Damen übersehen vollständig, daß die Arbeiterinnen noch ganz andere Interessen zu verfolgen haben als die bürgerlichen Frauen. In ihrem Wohlwollen den Arbeiterinnen gegenüber erweisen sich die Damen gewiß als sehr gute Menschen, aber sie sind schlechte Musikanten. So wenig verstehen sie von der Arbeiterinnenfrage, daß die meisten von ihnen von dem gesetzlichen Arbeiterinnenschutz gar nichts wissen wollen. Ihre Auffassung in dieser Beziehung dreht sich um einen rein äußerlichen, mechanischen Gleichheitsbegriff und ist rein manchesterlich. Auf dem„ Kongreß zur Erörterung der sozialen Lage der Frau" hat man von sozialdemokratischer Seite nicht versäumt, ganz genau auseinanderzusetzen, worin der Unterschied zwischen der bürgerlichen Frauenfrage und der Arbeiterinnenfrage besteht und begründet ist, Es würde mich sehr wundern, wenn der Gedankenaustausch auf diesem Kongreß die Bewegung nicht nur einen tüchtigen Schritt förderte, und Einzelne der besten Frauenrechtlerinnen zu der Erkenntniß brächte, daß es einen edleren Kampf giebt, als den für die Forderungen, welche die Bildung und die Berufsthätigkeit der bürgerlichen Frauen betreffen. Es werden Versuche gemacht, alle Frauenvereine in einen einzigen Bund zusammenzuschließen, damit alle Kräfte künftig zusammenwirken, wenn es gilt, gemeinschaftliche Interessen in der Deffentlich Mutter gehorchte und nie die Unwahrheit sagte und die Sonntagsschule zärtlich liebte. Und als das Messer aus der Müße fiel und der bekümmerte Lehrer ihn des Diebstahls bezichtigte und eben im Begriffe war, die Ruthe auf seine zitternden Schultern niederfallen zu lassen, erschien nicht plötzlich in ihrer Mitte ein weißhaariger, unmöglicher Friedensrichter und stellte sich in Positur und rief:„ Schone diesen edlen Knaben dort steht der feige Bösewicht! Ich ging an der Schulthür vorüber, als die Schule aus war und, selbst ungesehen, sah ich ihn den Diebstahl begehen!" Und dann wurde Jim nicht geschlagen, und der ehrwürdige Friedens richter hielt der in Thränen zerfließenden Schule keine Predigt und nahm Georg nicht bei der Hand und sagte, solch ein Knabe verdiene, erhöht zu werden, und ließ ihn nicht zu sich kommen und nicht bei sich wohnen und die Amtsstube ausfegen und Feuer anmachen und Botengänge besorgen und Holz spalten und Jura studiren und seiner Frau im Hause helfen und alle übrige Zeit zum Spielen verwenden und vierzig Gent den Monat verdienen und glücklich sein. Nein; das würde in den Büchern so geschehen sein, aber bei Jim war's anders. Kein nörgelnder alter Klotz von Friedensrichter kam herein, um Unfrieden zu stiften, und so wurde der Musterknabe Georg durchgeprügelt, und Jim freute sich darüber, weil Jim, wie ihr wißt, Wusterknaben haßte. Er sagte, er wäre, wüthend auf diese Memmen". So roh drückte sich dieser böse, verwahrloste Stnabe aus. Aber das Wunderbarste, was Jim begegnete, war das eine Mal Bootfahren am Sonntag, wobei er nicht ertrank, und das andere Mal Fischen auch am Sonntag, wobei ihn das Gewitter erwischte und der Bliz ihn doch nicht erschlug. Wahrhaftig, ihr tönnt alle Sonntagsschulbücher von jetzt bis nächste Weihnachten durchstudiren, ohne irgend etwas Aehnliches anzutreffen. D, ihr würdet finden, daß alle bösen Knaben, welche am Sonntag Boot 149 keit durch energische Forderungen zu vertreten. Die gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen von Amsterdam, Näherinnen und Diamantschneiderinnen, haben das Ersuchen um Anschluß an den Bund abgelehnt, weil ihnen wie sie zutreffend erklärten die Arbeite rinnenbewegung über die Frauenbewegung geht. Auf der Ausstellung findet man eine Abtheilung, wo, soweit es möglich war, alles vereinigt ist, wodurch der Wohlthätigkeitssinn früher und jetzt versucht, das menschliche Elend zu mildern Auf einem großen Tische die Arbeiter sprechen von ihm als von der Martertafel in demselben Saale sind eine Anzahl Schürzen, Höschen, Röcke, Kinderkleidchen, Hemden und dergleichen ausgestellt mit Angabe der den Näherinnen dafür ausbezahlten Löhne. Obgleich Jeder, der etwas von den wahren Verhältnissen unter dieser Schichte von Arbeiterinnen erfahren hat, schon längst weiß, wie scheußlich die Smeater ihre Opfer ausbeuten, und obgleich auch das Publikum, wenn es nur nicht so gewissenlos gleichgiltig wäre, sich über das Näherinnenelend aufklären könnte, verdient die Veröffentlichung dieser schändlichen Hungerlöhne Anerkennung. Nur schade, daß das Komite, welches diese Abtheilung organisirte, nicht zugleich mit den ausbezahlten Löhnen auch die Namen der ausbeutenden Arbeitgeber bekannt gab. Vielleicht daß auch so die trockenen Zahlen der schaulustigen Menge ins Gewissen reden und sie aufmerksam machen, wie es kommt, daß sie so billig einkauft. X, Y, Z. Amsterdam, September 1898. Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organisation. Ein Dienstbotenkongreß fand am Sonntag den 21. August im Haag( Holland) statt. Man hatte für den Kongreß den Sonntag gewählt, damit den Dienstboten selbst Gelegenheit gegeben wäre, zu Worte zu kommen, und es verdient wohl gleich einer Hervorhebung, daß eine der bemerkenswerthesten Reden auf dem Kongreß, dem besonders am Nachmittag viele Dienstboten anwohnten, von einem Dienstmädchen gehalten wurde. Uns liegt nur der Bericht eines bürgerlichen Blattes, des„ Neuen Wiener Tagblattes" vor, dem wir Folgendes entnehmen: Fräulein Cornelie Huygens, die Präsidentin des Kongresses, eröffnete die Sigung mit der Besprechung einer Rede, welche vor fahren, ohne Ausnahme ertrinken und alle bösen Knaben, die vom Gewitter überrascht werden, wenn sie Sonntags fischen, vom Bliz erschlagen werden. Boote mit bösen Knaben tippen Sonntags immer um, und es wittert immer, wenn böse Knaben Sonntags fischen gehen. Wie Jim dem entging, wird mir stets ein Gefischen gehen. das muß des heimniß bleiben. Dieser Jim war verzaubert Räthsels Lösung sein. Nichts konnte ihn verlegen. Er gab selbst dem Elefanten in der Menagerie eine Prise Tabat, und der Elefant Er um schlug ihm mit seinem Nüssel nicht den Schädel ein. kreiste den Speiseschrank nach Pfefferminzessenz und irrte sich nicht und trank nicht Scheidewasser. Er stahl seines Vaters Flinte und ging Sonntags jagen und schoß sich nicht drei oder vier Finger ab. Seine kleine Schwester schlug er in Zorn mit der Faust auf die Schläfe, und sie siechte nicht elend dahin in langen Sommertagen und starb nicht mit füßen Worten der Vergebung auf den Lippen, die die Angst seines brechenden Herzens verdoppelten. Nein, sie überlebte es. Schließlich lief er davon und ging zur See, und er kam nicht zurück und sah sich traurig und allein in der Welt, fand nicht seine Lieben auf dem stillen Kirchhof schlummernd und das weinumrankte Heim seiner Kindheit zusammengestürzt und zerfallen. Ach nein! er kam heim, betrunken wie ein Stadtpfeifer und ging zuerst auf die Polizeiwache. Er wuchs auf und heirathete und gründete eine große Familie und zerschmetterte ihnen allen eines Abends den Schädel und wurde wohlhabend durch alle Arten von Betrug und Schurkerei; jetzt ist er der verteufeltste Schurke seiner Heimath und ist allgemein geachtet und gehört zur obersten Behörde. Wie du siehst, gab es nie einen bösen Jakob in den Sonntagsschulbüchern, der solch fortgesetztes Glück hatte wie dieser sündige Jim mit dem verzauberten Leben. ist Kurzem Herr D. de Clercq über die Vereinfachung der Haushaltung gehalten hatte. Diese Vereinfachung wird nun wirklich wenn sie einmal realisirt werden sollte einer Revolution am häuslichen Herde gleichkommen und vieles Leidige an der Dienstbotenfrage mit einem Schlage aus der Welt schaffen. Heute- sagt Herr de Clercq und manche geplagte Hausfrau wird ihm seufzend zustimmen so ein Haushalt eine Tretmühle von täglich wiederkehrenden kleinen Sorgen. Nur die Einführung der Kooperation in den häuslichen Betrieb kann diese Sorgen mindern. Deshalb: Vertheilung und zugleich Zentralisirung der Arbeit. Da sind vor Allem zwei recht große von den„ kleinen Sorgen", die wegfallen, sobald dieses Programin durchgeführt wird. Zentralküchen und Zentralwäschelokale sollen in Zukunft eine ungeheure Entlastung bringen. Es sprach sodann Frau Rutgers- Hoitsema, welche auseinandersetzte, wie wichtig es wäre, die Arbeitszeiten und die freien Stunden der Dienstboten zu regeln. Die Hausfrauen, sagte die Rednerin, haben recht: die Mädchen sind im Allgemeinen unfähig und ungebildet. Aber auch die Dienstboten haben recht, über Mangel an Freiheit zu klagen. Die Rednerin behandelte auch die Abschaffung der Haube, welche durch viele Dienstmädchen verachtet wird, weil sie darin das Symbol der Dienstbarkeit sehen. Fräulein Elise Haightoa, ebenso wie die Damen Drucker und Schook- Haver, warnten vor Uebertreibung; das Leben der Dienstmädchen sei in den meisten Fällen nicht so beklagenswerth, als der sorgenvolle Lebenskampf der Fabrikarbeiterinnen. Fräulein Auwerda, die selbst Dienstmädchen und Vorsitzende des Fachvereins Allen voor Elkander( Alle für einander) ist, forderte die Abschaffung des Trinkgeldes und Lohnverbesserung. Mit schlagenden Beispielen wies sie nach, wie demoralisirend das Empfangen von Trinkgeld, das eigentlich nichts mehr als ein Almosen, auf den Charakter wirke, und wie nöthig es sei, das alte Trinkgeldsystem abzuschaffen und dafür den Lohn zu erhöhen. Darauf sprach sie für monatliche Auszahlung des Lohnes, anstatt der in Holland üblichen Vierteljahrszahlung und flagte über ungenügende Nahrung, schlechte Schlafgelegenheit, ungeregelte Zahlung 2c. In ernster Weise tadelte sie das Schenken von alten reichbesetzten Kleidern an die jungen Dienstmädchen. Die Rede fand großen Beifall. Es folgte ihr ein sehr lehrreicher Vortrag über das Trinkgeldsystem in Hotels von Fräulein Tappenbeck, einer jungen Dame von deutscher Geburt, Vorsteherin des„, Huis Ter Duyn" zu Noordwyk, welches wegen seiner guten Leitung in Holland sehr geschätzt ist. Sie schloß sich den Ausführungen des Fräuleins Auwerda an und bezeichnete das Trinkgeldsystem als einen Nachtheil für das reisende Publikum, den Gasthosbesitzer und das Personal. Man sollte statt dessen festen Lohn oder Antheil am Gewinn und eine Tage einführen, das heißt einen für alle Gäste gleichen Betrag in Prozenten, der zum Nutzen des Personals auf die Rechnung geschrieben wird. Am Nachmittag sprach Frau A. S. Tydemann- Verschoor, Vorſteherin der Koch- und Haushaltungsschule im Haag, über Facherziehung der Dienstboten. Sie führte aus: Die Dienstboten müssen sich die Kenntnisse, die man von ihnen verlangt, durch Facherziehung aneignen. Man errichte am liebsten von Staatswegen- Schulen zur Erziehung der Dienstboten, besser gesagt„ Hausbeamten". Nur solche Frauen sollen diese Schulen besuchen, welche Anlage und Lust für das Fach haben. Gesundheits- und Ernährungslehre, Kenntnisse von Grundstoffen für Kleidung und Nahrung, Buchführung gehören schon in die höheren Klassen der Elementarschulen für Knaben und Mädchen. Die Bewegung für Verbesserung des Looses der Dienstboten soll von diesen selbst ausgehen; sie müßten durch ein Fachblatt sich verbinden. Ihr Wahlspruch soll sein:" Vor allem Fähigkeiten und Kenntnisse, dann mehr Rechte." Die Rede wurde enthusiastisch applaudirt und war von einer lebhaften Debatte gefolgt, in welcher man unter Anderem ausführte, die Hausfrauen widerstrebten der Entwicklung der Dienstboten. Der Kongreß der deutschen Schneider und Schneiderinnen und im Anschluß daran der fünfte Verbandstag des deutschen Schneider- und Schneiderinnenverbands fanden in Mannheim vom 22. bis 28. August statt. An dem Kongreß nahmen 36 Delegirte aus 40 Orten theil, sie vertraten ca. 20 000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Im Mittelpunkt der Kongreßarbeiten standen sehr eingehende Verhandlungen über das Vorgehen, um die Verhältnisse in der Konfektionsindustrie zu bessern. Genossin Baader, welche Bericht über die Thätigkeit der Fünferkommission erstattete, vertrat den Standpunkt, daß die Hausindustrie sowohl bekämpft werden müsse durch ausgedehnten gesetzlichen Arbeiterschuß wie durch den gewerkschaftlichen Kampf für die Einführung von Betriebswerkstätten. Sie betonte die hervorragende Wichtigkeit, welche eine gesetzliche Regelung der Arbeitsverhältnisse gerade für die Arbeiterschaft der Konfektions150 industrie habe. Durch gesetzlichen Schutz müsse diese Arbeiterschaft erst aus dem tiefsten Elend gehoben und organisationsfähig gemacht werden. Allein was die gesetzgebenden Gewalten bis jetzt zum Schuße der Konfektionsarbeiter und Arbeiterinnen geschaffen, sei durchaus unzulänglich und werde unzulänglich durchgeführt. Gegen den Standpunkt der Referentin wandte sich vor Allem Seeger- Leipzig, welcher von der Gesetzgebung so gut wie nichts hoffte und den Schwerpunkt des Vorgehens auf den Kampf für die Errichtung von Betriebswerkstätten gelegt wissen möchte. Die sehr große Mehrzahl der Delegirten theilte jedoch die von Genossin Baader vertretene Auffassung. Nachdem der Kongreß die Auflösung der Fünferkommission beschlossen, gelangte folgende Resolution zur Annahme:„ Der am 22. und 25. August d. J. in Mannheim tagende Kongreß der Schneider und Schneiderinnen Deutschlands erklärt: Die vom Bundesrath am 31. Mai 1897 erlassene Verordnung, welche die Arbeiter und Arbeiterinnen der Kleider und Wäschekonfektion den§§ 135-139 der Gewerbeordnung unterstellt, hat sich als verfehlt erwiesen. Häufig sind die durch Verordnung betroffenen Arbeiter aus den Werkstätten entfernt und zur Heimarbeit getrieben worden. Der Kongreß erwartet, daß endlich Regierung und Gesetzgebung die schon lange versprochene Beseitigung der schreiendsten Uebelstände in der Schneiderei, Wäscheund Kleiderkonfektionsindustrie herbeiführt. Um einen wirksamen Schutz der Arbeiter und Arbeiterinnen genannter Kategorie zu erzielen, hält der Kongreß die Durchführung der auf dem Eisenacher Kongreß( siehe Protokoll Seite 26-27) aufgestellten Forderungen für nothwendig. Ferner haben die Kollegen und Kolleginnen für die Beseitigung der Heimarbeit und Errichtung von Betriebswerkstätten seitens der Unternehmer, wie für Einführung fester Lohntarise mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu wirken." Zum Punkt Presse" wurden eine Anzahl Wünsche und Anregungen geäußert, welche darauf abzweckten, die Fachzeitung" zu einer immer schneidigeren Waffe der Arbeiterschaft zu machen. Vom 1. Januar 1899 ab soll das Blatt in etwas kleinerem Format, aber achtseitig erscheinen. Zur Frage der internationalen Beziehungen zwischen den organisirten Berufsgenossen referirte Stühmer. Er zeigte, wie nothwendig die Anbahnung einer internationalen Fühlung sei, daß aber eine festere Ausgestaltung der internationalen Beziehungen eine Voraussetzung habe, die zur Zeit noch nicht in genügendem Maße vorhanden sei: eine feste nationale Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen des Schneidergewerbes. Der Kongreß erklärte sich diesen Ausführungen entsprechend dafür, daß das Provisorium der Genossin Zetkin als internationaler Sekretärin bestehen bleibt. Er bewilligte des Weitern die Mittel für die Ausgabe eines Fragebogens über die Lage der Arbeiterschaft des Gewerbes und den Stand der Organisationen in allen Ländern. Zur Frage des Jnnungsgesetzes nahm der Kongreß im Anschluß an ein Referat Holzhäußers folgende Resolution an:" Der allgemeine deutsche Schneiderund Schneiderinnenkongreß muß das Innungsgesetz als durchaus verfehlt bezeichnen. Das Gesetz ist keineswegs geeignet, den handwerksmäßigen Betrieb neu zu beleben oder gar die wirthschaftliche Existenzfähigkeit des Handwerkes zu sichern. Trotzdem empfiehlt der Kongreß den Kollegen allerorts die Betheiligung an allen Wahlen zu den Innungen und den Unterkörperschaften in der Voraussetzung, dadurch das Interesse der Berufsangehörigen in jeder Weise im Sinne der Arbeiterbewegung zu wahren und zu fördern." Der nächste Kongreß findet in zwei Jahren statt.- Die Verhandlungen des Verbandstages wurden durch den Thätigkeitsbericht des Vorstandes eingeleitet. Aus demselben erhellt, daß in den beiden Geschäftsjahren 1896/97 und 1897/98 die Einnahmen sich auf 156480 Mt. beliefen, die Ausgaben auf 106734 Mt. Die Kasse weist einen Baarbestand von 49745 Mt. auf. Dem Verband gehören rund 10000 Mitglieder an, die sich auf 220 Orte verbreiten und durch 25 Delegirte vertreten waren. In ausführlichen Debatten wurde die Frage der Einführung der Arbeitslosen- Unterstützung erörtert. Mit 18 gegen 7 Stimmen wurde dieselbe zur Zeit abgelehnt, doch gelangte eine Resolution zur Annahme, nach welcher der Vorstand statistisches Material sammeln und den einzelnen Zahlstellen rechtzeitig zustellen soll, damit der nächste Verbandstag über die Frage entscheiden könne. Fast einstimmig wurde der wöchentliche Beitrag der männlichen Mitglieder von 15 auf 20 Pf. und derjenige der weiblichen von 5 auf 10 Pf. erhöht. Statt der wenig erfolgreichen größeren Agitationstouren soll fünftighin die Agitation am Orte mit größerem Nachdruck betrieben werden. Der Vorstand soll erwägen, ob nicht einige Verbandsmitglieder in Ost-, Westpreußen, Posen und auch anderwärts zum Zwecke der Agitation anzusiedeln und eventuell aus der Verbandskasse dauernd zu unterstützen seien. Der Sitz des Vorstands wurde von Flensburg nach Stuttgart verlegt, es erfolgte die Wiederwahl des bisherigen Vorstands mit Ausnahme des Kassiers Mahlke, der es ablehnte, nach Stuttgart überzusiedeln. Der Verbandstag beschloß ein neues Streifreglement und eine Neuregelung des Unterstützungswesens. Der Verbandstag wurde mit einem Hoch auf die deutsche Schneiderbewegung geschlossen. W. K. Ein christlich- sozialer Textilarbeiterinnenverband wurde kürzlich in Aachen gegründet. Näheres über die neue Organisation konnten wir bis jetzt nicht erfahren, doch vermuthen wir, daß die Gründung von katholischer Seite ausgegangen ist und in erster Linie den Zweck verfolgt, die zahlreichen Textilarbeiterinnen des Rheinlands von dem Anschluß an den Verband der deutschen Textilarbeiter abzuhalten. Dieser Verband steht ja auf dem Boden des Klassenkampfes und den christlichen Sozialpolitikern ist es darum zu thun, durch harmonieduselige Organisationen dafür zu sorgen, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht durch energische und zielbewußte Forderungen die Verdauungsseligkeit ihrer Ausbeuter stören. Jedenfalls verdient aber die Thatsache Beachtung, daß man von jener Seite her die Organisirung der Arbeiterinnen in die Hand zu nehmen beginnt. Die Thatsache zeigt einmal, daß man auch in jenen Kreisen mit der Frau als Berufsarbeiterin rechnen und ihr auf Grund ihrer Berufsarbeiterschaft eine neue soziale Bewegungsfreiheit zuerkennen muß. Die Thatsache zeigt ferner, daß man die sozialistische Agitation unter den Arbeiterinnen fürchtet und die Nothwendigkeit empfindet, ihr entgegen zu wirken. Weibliche Fabrikinspektoren. Die Anstellung von zwei Assistentinnen der Fabrikinspektion in Hessen ist nun erfolgt. Für den Bezirk Offenbach ist Fräulein Geist als Assistentin ernannt worden, für den Bezirk Mainz Fräulein Schumann aus Mainz. Fräulein Schumann war bisher als Schneiderin thätig. Ueber die Persönlichkeit des Fräulein Geist haben wir bereits in letzter Nummer berichtet. Beiden Damen wird große Energie nachgerühmt und genaues Vertrautsein mit den Verhältnissen der Arbeiterinnen ihrer Bezirke, also Eigenschaften, die von wesentlicher Bedeutung für die erfolgreiche Erfüllung ihrer Amtspflichten sind. Es ist anerkennenswerth, daß die hessische Regierung sich schließlich bei der Wahl der Assistentinnen nicht von den Gesichtspunkten der bureaukratischen Schablone leiten ließ, vielmehr von praktischen Erwägungen, die dafür sprachen, die Assistentinnen aus den Kreisen der weiblichen Arbeiterschaft selbst zu entnehmen. Kursus zur Vorbildung von weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten in Berlin. Auf Veranlassung des Bundes deutscher Frauenvereine ist in den Sommermonaten in Berlin der zweite Kursus zur Vorbildung von weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten abgehalten worden. Der Unterricht umfaßte die Gewerbeordnung, insbesondere die Arbeiterschutzgesetze, ferner eine Einführung in die Technik des Aktenwesens und Gewerbehygiene. Er wurde von einem Dozenten der Nationalökonomie, einem Beamten des Gewerbegerichts der Stadt Berlin und einem Privatdozenten der Hygiene ertheilt. Für die Vorträge über Hygiene stand das hygienische Institut der Universität zur Verfügung, wodurch es ermöglicht wurde, daß die Theilnehmerinnen sich im Experimentiren übten. Die Theilnehme rinnen gehörten den verschiedenartigsten Berufszweigen an; der Unterricht wurde am Abend ertheilt( von 8 bis 10 resp. 11 Uhr). Die Unterrichtsstunden wurden durchweg regelmäßig besucht. Der Unterricht war unentgeltlich; um das Gelernte zu befestigen und zu vertiefen, tursiren unter den Theilnehmerinnen eine Anzahl von Büchern, die der einschlägigen Literatur angehören. Wir werden in nächster Nummer das Programm des Kursus ausführlich wiedergeben. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. * Ueber die Zunahme der Frauenarbeit, ihre Ursachen und ihre Folgen sprach sich der Arbeitskommissär der Vereinigten Staaten, Carroll D. Wright, kürzlich in einer angesehenen englischen Zeitschrift aus. Er behauptet, daß die Zunahme der Frauenarbeit im großen Ganzen nicht eine Abnahme der Männerarbeit zur Folge habe, sondern meist selbst die Folge der Abnahme der Kinderarbeit sei. Er versucht an statistischen Beispielen nachzuweisen, daß die Frauen überall an Stelle der durch Gesetze von der Arbeit ausgeschlossenen Kinder treten. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. * Die Frage der Frauenlöhne wurde im Londoner Graf schaftsrath kürzlich lebhaft debattirt. Es war beschlossen worden, 151 eine Anzahl weiblicher Abschreiber und Stenographen mit einem Anfangsgehalt von 20 Mark pro Woche anzustellen. Sämmtliche Arbeitervertreter erklärten, der Neuerung nicht eher zustimmen zu wollen, bis das Gehalt der Frauen ebenso hoch firirt werde, wie das der männlichen Angestellten, d. h. auf ca. 33 Mart wöchentlich. Ihr Antrag wurde mit 67 gegen 36 Stimmen abgelehnt und schließlich ein Vermittlungsvorschlag angenommen, wonach das Gehalt weiblicher Angestellten„ mindestens 20 Mark" betragen soll. * Frauenstimmrecht. Frauenrechte in der Lokal- Verwaltung Irlands. Das englische Parlament hat soeben ein Gesetz angenommen, das die Lokalverwaltung Irlands neu regelt. Die Jrländerinnen sind dadurch rechtlich günstiger gestellt als die Engländerinnen. Sie besitzen das aktive Wahlrecht für den Grafschaftsrath, das aktive und passive Wahlrecht für die ländliche Gemeindeverwaltung und können außerdem die Armenpfleger wählen und als solche gewählt werden. Mit Recht begrüßen die englischen Vorkämpfer der Frauenbewegung die Annahme dieses Gesetzes als einen großen Sieg ihrer Sache. * Eine Volksabstimmung über das Frauenstimmrecht wird im November im Staate Washington stattfinden. Der Antrag fordert, daß der Verfassung ein Amendement beigefügt werde, durch das den Frauen unter denselben Bedingungen wie den Männern politische Rechte gewährleistet werden. * Neue Aussichten für das Frauenstimmrecht in NeuSüdwales. Der Gouverneur der englischen Kolonie Neu- Südwales, früher ein Gegner der Frauenbewegung, hat sich der dortigen Frauenstimmrechts- Liga nunmehr als überzeugter Anhänger angeschlossen und für die nächste Session des Parlaments seine energische Unterstützung ihrer Bestrebungen in Aussicht gestellt. * Das kommunale Wahlrecht ist in Montreal, Kanada, auf Witwen und unverheirathete Frauen, die ein steuerpflichtiges Besitzthum haben, ausgedehnt worden. * Eine Petition für Ausdehnung des Stimmrechts auf alle 21 Jahre alte Personen ohne Unterschied des Geschlechts ist vom Hause der Abgeordneten in der englischen Kolonie Tasmania ( Australien) mit 20 gegen 8 Stimmen angenommen worden. Voraussichtlich wird das Oberhaus jedoch die Neuerung, wie schon drei Mal vorher, zurückweisen. * Für die Theilnahme der Frauen am öffentlichen Leben sprach sich 1775, nach dem nordamerikanischen Befreiungskrieg, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, John Adams, aus. Er schrieb seiner Frau:„ Deine Mutter hat einen klaren Verstand, ein sicheres Urtheil, ein mitfühlendes Herz... Aber sind ihre Talente und Tugenden nicht zu ausschließlich dem privaten, häuslichen Leben gewidmet? Meiner Ansicht nach sollten solche Kräfte der Gesammtheit nutzbar gemacht werden. Wären die Fähigkeiten und Tugenden der Frauen immer zugleich in den Dienst öffentlichen Wohles und politischer Freiheit gestellt, ganze Nationen und Geschlechter wären vor Elend und Untergang behütet worden." * Der Gouverneur von Kolorado und das Frauenstimmrecht. Der„ Kongreß der Federation der nordamerikanischen Frauenklubs" fand in diesem Sommer in Denver, der Hauptstadt Kolorados statt, jenes Staates, der das aktive und passive Frauenstimmrecht eingeführt hat. Hunderte von Delegirten der Klubs kleiner Vereine zum Zwecke der Bildung die 220000 Mitglieder vertraten, strömten bei dieser Gelegenheit zusammen. Viele unter ihnen gehören zu den schärfsten Widersachern des Frauenstimmrechts. Um so größer war das Erstaunen, als das Oberhaupt des Staates, Gouverneur Alva Adams, seine Begrüßung zu einer Agitationsrede ersten Ranges für die Gleichstellung der Geschlechter gestaltete.„ Wir wünschen, daß unsere Gesetze, unsere Häuser, unsere Schulen, unsere sämmtlichen Einrichtungen von allen denen geprüft werden möchten, die an der glänzenden Wirkung der Theilnahme des weiblichen Geschlechts an den Staatsgeschäften zweifeln"; sagte er.„ Ueberzeugen Sie sich, so lange Sie hier sind, selbst. Unser Unterrichtsminister ist eine Frau; fein Posten wird besser verwaltet, als der ihre. Die Hälfte der Schulinspektoren und fast alle Lehrer sind weiblichen Geschlechts; trotzdem können wir unser Schulwesen den besten der Vereinigten Staaten zur Seite stellen. Kommen Sie in unsere Familien und Sie werden weniger schlecht erzogene Kinder, weniger unordentliche Haushalte finden, als in den Staaten, die das Frauenstimmrecht nicht kennen. Ich begreife nicht, wie ein ehrlicher, gerechter Mann dem Weibe, das ihn geboren, und dem, das seine Kinder gebar und heranzieht, frei ins Auge sehen, und ihr die Rechte, die er selbst besitzt, verweigern kann.... Noch viele Ketten des Vorurtheils und der Rechtlosigkeit wird die Frau zerbrechen, aber ihre Weiblichkeit wird sie niemals verlieren.... So stolz wir auch auf die Vergangenheit unserer Republik sind, die Zukunft wird sich unter der Mitarbeit der Frauen weit schöner gestalten.... Die Sphäre der Frau beschränkt sich nicht länger auf das Waschfaß, den Rochtopf und den Salon; die ganze Welt mit all ihren Pflichten und Rechten gehört ihr. Im Namen dieser Frauen heiße ich Sie in einem Staate willkommen, der das Wort„ Mann" aus seinen Gesetzen und das Wort„ gehorche" aus seinen Trauungsformeln gestrichen hat." Diese Rede und mehr noch die Einrichtungen Kolorados sollen Gegnerinnen zu Vorkämpferinnen des Frauenstimmrechts gemacht haben. * Zum Lobe des Frauenstimmrechts in Süd- Australien führte Mr. Cockburn, der Generalagent der Kolonie, außer den in der vorigen Nummer der„ Gleichheit" mitgetheilten Umständen noch das Nachstehende an. Die Wahlhandlung geht in Folge der Theilnahme der Frauen sehr anständig und ruhig vor sich. Die weiblichen Wähler üben ihr Recht mit großem Ernst aus. Antheilnahme am politischen Leben schädigt in nichts die Weiblichkeit der Frauen. " In Das Referendum mit Frauenstimmrecht in Kommunalangelegenheiten hat in Frankreich in den letzten Jahren wiederholt über streitige Fragen im Gemeindeleben entschieden. Bagnols( Departement Gard) konnte der Gemeinderath nicht zu einem Beschlusse betreffs der Verlegung des Getreidemarktes kommen. Er bestimmte deshalb, daß die Entscheidung durch ein Referendum sämmtlicher Gemeindemitglieder fallen sollte. Die Frauen wurden ausdrücklich zur Ausübung des Stimmrechts aufgefordert. Es hieß in der betreffenden Bekanntmachung:„ Es erfolgt die Austheilung von Wählerkarten und Stimmzetteln an alle Gemeinderathswähler, an Witwen, Verheirathete und ledige Frauen, sowie an alle nicht Ortsangesessene, welche Steuern in der Gemeinde entrichten. Jedermann ist aufgefordert, zur Urne zu kommen. Keine Stimmenthaltung!" Die Frauen von Bagnols nahmen in großer Zahl an der Abstimmung theil und bestimmten auch viele fäumige Männer, ihr Wahlrecht auszuüben. Der Gemeinderath zu Bordeaux ließ durch ein Referendum über die Länge der Arbeitszeit und die Höhe des Lohnes der städtischen Arbeiter entscheiden. Frauen und Männer gingen zur Wahlurne. In Fougères ( Departement Calvados) führte der Gemeinderath durch ein Referendum die Entscheidung über die Frage herbei, ob beim Kriegsministerium um eine Vergrößerung der Garnison einzukommen sei oder nicht. Alle Steuerzahlenden sollten an der Abstimmung theilnehmen, auch die Frauen, welche Steuern entrichteten, wie betont wurde. 243 Frauen machten von ihrem Stimmrecht Gebrauch und stimmten gegen die Vergrößerung der Garnison. Ihr Votum war ausschlaggebend für die Erledigung der Angelegenheit. Als es sich in Marseille darum handelte, über die eventuelle Erweiterung einer städtischen Subvention( Unterstützung) an das„ Grand Théâtre" ( Große Theater) zu entscheiden, sollten Frauen wie Männer am Referendum theilnehmen. Noch in anderen Gemeinden haben vorkommenden Falles gelegentlich eines Referendums die Frauen so gut wie die Männer das Stimmrecht ausgeübt. Die Gemeinden sind nirgends in der Folge geschädigt worden, dagegen wird mehrfach betont, daß die Frauen einen klugen Gebrauch von ihrem Stimmrecht gemacht und dadurch zur Herbeiführung von Entscheidungen beigetragen hätten, welche im kommunalen Interesse lagen. Frauenbewegung. * Ein internationaler Frauenkongreß wird nächstes Jahr im Juni in London zusammentreten. Einberufer ist der internationale Frauenbund, der aus verschiedenen nationalen Frauenverbänden besteht. Bekanntlich gehört auch der Bund deutscher Frauenvereine dazu, der vor ungefähr vier Jahren bei Gelegenheit seiner Gründung durch den Mund der Vorsitzenden erklärte, daß selbstverständlich die sozialdemokratischen Arbeiterinnenvereine zur Betheiligung nicht herangezogen werden könnten. Die ganze vorhergehende Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung hätte es den Arbeiterinnenvereinen auch ohne diese Erklärung nicht einfallen lassen, sich mit ihr bei dieser Gelegenheit zu verbrüdern. Gegenüber den vielen schönen Reden von den„ armen Schwestern", die voraussichtlich von Seiten unserer Frauenrechtlerinnen auf dem kommenden Londoner Kongreß gehalten werden, ist es jedoch nicht überflüssig, unsere Genossinnen jenseits des Wassers bei Zeiten über den thatsächlichen Sachverhalt aufzuklären. 152 * Die meisten Frauen in öffentlichen Aemtern sind in dem nordamerikanischen Staate Kansas zu finden. Zwanzig Prozent aller Schulinspektoren, fünf Prozent aller Standesbeamten sind Frauen, dazu kommt ein weiblicher Bibliothekar, verschiedene weibliche Bürgermeister und sogar eine Anzahl weiblicher Polizisten. Ein Mädchengymnasium soll in Hannover errichtet wer den. Es hat sich ein Ausschuß gebildet, welcher die nöthigen Vorarbeiten erledigt. Schulen für Krankenpflegerinnen sind in Japan errichtet worden. Wie es heißt, sollen die Japanerinnen treffliche Krankenpflegerinnen sein. Auch Frauen aus den wohlhabenden Kreisen bilden sich neuerdings an den Schulen für die Krankenpflege aus. * Einen weiblichen Arzt hat die Londoner Schulverwaltung angestellt. Der ersten Schulärztin dürfte bald eine zweite folgen, da das Arbeitsgebiet Beaufsichtigung des Gesundheitszustands der Kinder in den Volksschulen ein sehr ausgedehntes ist. Die Frauenbewegung hat in Brasilien gute Fortschritte gemacht. In Rio de Janeiro praktiziren sechs weibliche Aerzte, die sämmtlich ihr Doktorexamen an der medizinischen Fakultät der Hauptstadt des Landes bestanden haben. Eine der Damen, Sennora Anna Machado, hat außerdem noch den Doktorhut an der Univerfität zu Philadelphia erworben. Zahlreiche talentvolle Frauen haben sich der Rechtswissenschaft gewidmet. Am bekanntesten davon sind Dr. Maria Coelho, welche Leiterin eines wissenschaftlichen Instituts ist, Dr. Delmira Cosla und Dr. Maria Fragosa da Silva, letztere beide gesuchte Rechtsanwälte. An der Universität St. Paul und der medizinischen und juristischen Fakultät von Rio de Janeiro studiren je zehn Damen. Die gleiche Zahl von Studentinnen weist die Apothekerschule zu Ouro Preto im Staate Minas auf. Auf literarischem Gebiet sind zahlreiche Frauen mit Erfolg thätig. Die Dichterinnen Zalma Rolino, Revocata de Mello und Procelia d'Almeida erfreuen sich großer Beliebtheit, ebenso die Romanschriftstellerinnen Julia d'Almeida und Josephina d'Azevedo. Zwei von Frauen gegründete Zeitschriften kämpfen für die Rechte des weiblichen Geschlechts; die eine,„ A Familia", verfolgt sehr gemäßigte Tendenzen, die andere,„ A Mensaglira", fordert dagegen die volle soziale Gleichberechtigung der Frauen. Das freie Wort. Ihr könnt das Wort verbieten Ihr tödtet nicht den Geist, Der über Eurer Lüge, freist! Ein kühner Adler Ihr könnt das Wort verbieten, Doch rollen wird sein Schall Hin über Eure Häupter In dumpfem Widerhall! So lange wird es rufen Zur That die schlaffe Zeit, Wie nach der trägen Mutter Das Kind verlangend schreit, Bis auf den höchsten Höhen Bis in dem tiefsten Schacht Der Mensch zum geist'gen Kampfe .Sich aufrafft und erwacht. Hei, wie die Steine fallen, Von Eurer festen Burg! Durch die gestürzten Mauern Glänzt schon das Frühlicht durch! Und wenn auch Mancher sterbend An Eurer Lüge sinft, Sich auf den leeren Posten Ein neuer Kämpfer schwingt! Ihr mögt das Wort verbieten Ich sehe seinen Geist, Wie er ein kühner Adler Ob Eurer Schande kreist! Dann steigt auf todten Trümmern Die neue Zeit empor, Und Allen leiht sie freundlich Ihr immer offnes Ohr! Dann werden Tage kommen Wo nicht mehr fort und fort Das Wort der bangen Sehnsucht Auf durst'gen Lippen dorrt. Wo keiner Frevel nennen Die kühne Wahrheit darf, Wenn sie den Fluch der Lüge Beleuchtet grell und scharf! Dann sind wir endlich Sieger, Und Euch, Euch bleibt die Schmach, Die auf dem Weg der Freiheit, Ein trüber Schatten, lag! Noch ist in Euren Händen Die rohe dumpfe Macht, Die jedes freien Wortes In Hochmuthsdünkel lacht! Noch könnt Ihr es verbieten, Das Wort doch schon sein Geist Hoch über Eurer Lüge, Ein freier Adler Quittung. freist! John Henry Mackay. Dreißig Mark für den Agitationsfonds von den Kölner Genofsinnen erhalten zu haben bescheinigt dankend Frau M. Wengels, Vertrauensperson. Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.