Nr. 22. Die Gleichheit. 769 8. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 26. Oktober 1898. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen. III. Ein Frauenkongreß in Hamburg. Stimmungsbilder und Eindrücke von Brutus. Aus der Bewegung. Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und Trikotkonfektion. Von Gertrud Dyhrenfurth. Besprochen von Henr. Fürth. Resolutionen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Stuttgart. Mene Tekel. Von Ernst Klaar.( Gedicht.) Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren. Frauenbewegung. Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Drganisirung der Arbeiterinnen. III. Die sehr langsamen und kleinen Fortschritte der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen werden schon erklärlich durch die früher erörterten Umstände, welche eine gewisse Organisationsunluft bedingen. Aber noch bei Weitem hemmender als sie wirken dem Anschluß der erwerbsthätigen Proletarierinnen an die Gewerkschaften Verhältnisse entgegen, welchen die Tendenz innewohnt, die Arbeiterinnen geradezu organisationsunfähig zu machen. Es sind dies im Wesentlichen die übermäßige Belastung mit Arbeit und die niedrige Entlohnung. Auch diese Hindernisse wurzeln in legter Linie in dem Weibthum der Arbeiterinnen, das unter der Herrschaft der kapitalistischen Ordnung zur Vorbedingung wird für den höchstmöglichen Grad der Ausbeutung und damit der Unfreiheit und des Gebundenseins der Persönlichkeit. Ungünstige soziale Verhältnisse, die auf der Arbeiterin als Frau lasten und ungünstige soziale Verhältnisse, welche sie als Proletarierin niederdrücken, wirken zusammen, um für die Massen der industriell thätigen Frauen und Mädchen äußerst wichtige Voraussegungen der gewerkschaftlichen Organisationsfähigkeit zu zerstören. Von ausschlaggebendem Einfluß ist da zunächst das llebermaß und die Vielseitigkeit der Pflichtleistungen, welche der Proletarierin obliegen, die dem Erwerb nachzugehen gezwungen ist. Der Arbeiter dafern er nicht in der aufs Höchste versklavenden Hausindustrie frohndet- hat im Allgemeinen nach Feierabend etliche Stunden frei, in denen er ruhen fann, die er seiner Bildung, dem Vereins- und Versammlungsleben zu widmen vermag. Er hat nur ein wirthschaftliches Thätigkeitsfeld: seinen Beruf. Den Theil seiner Zeit und Kraft, welcher der fapitalistischen Ausbeutung entzogen bleibt, kann er als Staatsbürger öffentlichen Angelegen heiten, kann er als kämpfender Proletarier dem Ringen gegen den Kapitalismus widmen. Die bürgerliche Dame ihrerseits ist durch die Entwicklung unseres Wirthschaftslebens den früheren wirthschaftlichen Leistungen der Frau in der Familie ganz oder zum größten Theil enthoben. Soweit die ehemaligen häuslichen Verrichtungen nicht aus dem Heim verlegt und besondere Berufsarbeiten geworden sind, liegen sie in der Hauptsache Miethspersonen ob. Die Rolle der Hausfrau beschränkt sich meist auf die Leitung und Ueberwachung des Haushalts, hier und da sogar nur auf den geschäftigen Müßiggang und die Drangsalirung der Dienstboten. Telephon und Telegraph 2c., das Nichtvorhandensein der Nothwendig feit, mit jedem Pfennig rechnen zu müssen, vereinfachen die HausBuschristen an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlEtraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. geschäfte in bürgerlichen Streisen immer mehr. In Hunderten und Tausenden von Fällen hat die bürgerliche Frau in der Folge in der Familie kein wirthschaftliches Thätigkeitsfeld oder wenigstens feins, das ihre volle Kraft in Anspruch nimmt. Es ist ihr deshalb möglich, sich an allgemeinen Bestrebungen zu betheiligen, ohne ein lebermaß an Charakterstärke und Opfermuth aufwenden zu müssen. Diejenigen bürgerlichen Frauen, welche durch ihre materielle Lage und ihre Berufsarbeit in das Proletariat der Kopfarbeit gedrängt werden, erfreuen sich allerdings nicht der gleichen Bewegungsfreiheit, die Enge ihrer Eristenz bebürdet vielmehr sie, wie die Proletarierinnen der Handarbeit, mit beruflichen und mit häuslichen Pflichten. Aber immerhin ist für sehr zahlreiche erwerbsthätige bürgerliche Frauen nur der Zwang des Wirfens auf einem Gebiete vorhanden: auf dem der Berufsarbeit. Dank eines bürgerlichen Einkommens und anderer Umstände noch ist es ihnen möglich, die Hausarbeiten bezahlten Hilfskräften zu übertragen. Ganz anders liegen die Verhältnisse für die Arbeiterin, zumal für die verheirathete Arbeiterin Ihre Bewegungsfreiheit im öffentlichen Leben und damit die Möglichkeit ihrer vollen Betheiligung am Gewerkschaftsleben ist nicht so groß wie die des Arbeiters, ist nicht so groß wie die der bürgerlichen Frau. Die Dürftigkeit der proletarischen Existenz zwingt die ums Brot arbeitende Proletarierin auf zwei Gebieten wirthschaftlich thätig zu sein: in der Industrie und im Hause. Sie ist die moderne Lohnsflavin geworden, aber gleichzeitig die Hausstlavin geblieben. Die Nothwendigkeit, das Einkommen der Familie zu vergrößern, wirthschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, treibt sie in Fabrik und Werkstatt, fesselt sie als Heimarbeiterin an die Erwerbsarbeit. Aber ihr Verdienst bemißt sich nicht nach ihren Wünschen, ja nicht einmal nach ihren Bedürfnissen. Er ist dent Gesezen der fapitalistischen Ordnung unterworfen und sichert ihr, der zwiefach Widerstandslosen gegenüber der Geldsacksgewalt, wenig mehr als die nackte Eristenz, während ihr Schaffen kraft der nämlichen Geseze dem Unternehmer reichen Profit zuwirft. Sie ist deshalb außer Stande, für die dem Hause, der Familie entzogene Kraft Ersatz zu zahlen, sondern muß neben der Erwerbsarbeit noch den häuslichen Verrichtungen obliegen. Der Arbeitstag der erwerbenden Proletarierin hat deshalb thatsächlich keine Grenzen; er beginnt lange vor der Berufsarbeit und endet lange nach ihr, tief in der Nacht. In vollem Umfange gilt das für die verheirathete Arbeiterin, die noch ehe der Tag graut, Nachts und Sonntags den Haushaltungsgeschäften nachgehen, fochen, scheuern, waschen, ausbessern muß, womöglich auch die neue Kleidung und Wäsche für sich und die Kinder anzufertigen gezwungen ist. Die Hauswirthschaftliche Rührigkeit, Tüchtigkeit der Frau ist ja von allergrößter Bedeutung für die proletarische Familie. Aber auch die ledige Arbeiterin ist nach Feierabend nicht etwa völlig frei. Ist sie für ihre Eristenz lediglich auf ihren Verdienst angewiesen, so bedingt dessen Knappheit, daß sie den größten Theil der für ihre Lebenshaltung nöthigen häuslichen und weiblichen" Arbeiten selbst verrichtet; vielfach muß sie noch bedacht sein, durch Arbeit für die ,, Logiswirthin", durch Serviren in Restaurants, durch Heimarbeit ein paar Pfennige zu verdienen. Besitzt sie aber noch einen Rück halt an der Familie, so fällt ihr in der Regel auch ihr Theil an den Hausgeschäften zu. Wir sehen für den Augenblick davon ab, daß der Proletarierin Zeit und Kraft bleiben muß oder wenigstens bleiben müßte für die Pflege der geistig- sittlichen Seite des Familienlebens. Wir rechnen mit der traurigen Thatsache, daß die kapitalistische Ausbeutung die proletarische Familie mehr und mehr in eine bloße Tisch- und Schlafgenossenschaft verwandelt, oft in eine Schlafgenossenschaft allein. In der Folge muß sich die Frau in der proletarischen Familie mit ihrem Wirken fast ganz auf wirthschaftliche Aufgaben beschränken; sie ist der Haupt sache nach Haushälterin; Mutter und Gattin, Erzieherin und Lebensgefährtin dagegen nur nebenbei, nach der äußeren Seite hin, soweit es die Noth des Lebens zuläßt. Diese Umstände muß man vor allem in Betracht ziehen, wenn man die vollen Schwierigkeiten ermessen will, welche sich der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen entgegenstellen. Denn diese Umstände vernichten für breite Massen der erwerbs: thätigen Frauen und Mädchen unerläßliche Vorbedingungen der Zugehörigkeit zur Gewerkschaft, des dauernden, inneren und innigen Zusammenhang mit ihr. 170 zeugung von der Bedeutung der Gewerkschaft abgeht, die zum steten Wirken für deren Entwicklung treibt, insbesondere aber zur werbenden Agitation unter den Arbeitsgenossinnen und Genossen. Gewiß, daß es Arbeiterinnen gibt, die ungeachtet der Bebürdung mit Zwangsleistungen für den Kapitalismus und mit Pflichtleistungen für die Familie vorzügliche Gewerkschaftlerinnen sind, Muße und Kraft gefunden haben, sich zu schulen und die nicht blos als gleichwerthige, sondern als hervorragende Mitglieder einer Organisation in Reih und Glied stehen. Aber diese Arbeiterinnen machen nur eine Handvoll von den Massen aus, die es gewerkschaftlich zu organisiren gilt. Und sie stellen bezüglich ihres Dranges nach geistiger Entwicklung, bezüglich ihrer Willensstärke und Opferfreudigkeit Ausnahmen dar, die weit eher das überschwenglichste Lob verdienen, als jene Fürstinnen und vornehme Damen, die eine feile Geschichtsklitterung als„ Zierden ihres Geschlechts" besingt. Gewiß, daß es auch Tausende von Arbeiterinnen giebt, die troß der zwiefachen Ansprüche an ihr Leistungsvermögen gewerkder erwerbsthätigen proletarischen Frauenwelt an und kommen der Mehrzahl nach doch nicht über die äußere Zugehörigkeit zur G.werkschaft hinaus. Woher soll die für den Erwerb frohndende, im Hause wirthschaftlich organisirt sind. Aber diese Tausende gehören der Elite schaftende Proletarierin die Zeit nehmen, eine regelmäßige Besucherin der gewerkschaftlichen Versammlungen zu sein? Woher die nöthige förperliche und geistige Kraft und Frische, die Energie und Stärke des Charakters, über ihre Lage nachzudenken, in Presse und Versammlungen Belehrung über die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung zu suchen? Jede Minute ihrer Zeit, jedes Fünfchen ihrer Kraft wird von unabweisbaren Aufgaben in Anspruch genommen. Von zwei Seiten her mit Pflichten belastet, hezt sie von Arbeit zu Arbeit; müde, abgerackert, vielleicht von erfahrener Unbill erbittert, von schweren Sorgen geängstet, kehrt sie Abends in das äimliche Heim zurück, wo ihrer statt der Ruhe ein zweiter Arbeitstag wartet. Der aufs äußerste Abgearbeiteten Der aufs äußerste Abgearbeiteten bleibt im Allgemeinen nicht jener Ueberschuß von Zeit, geistiger Kraft und Charakterstärke, der für die verständige und treue Betheiligung an der gewerkschaftlichen Bewegung unerläßlich ist. Dieser Thatbestand ist eine der wesentlichsten Ursachen davon, daß die Arbeiterinnenmassen der Organisation fernbleiben. Er erklärt aber auch mehr als die weibliche Unbeständigkeit und Nückständigkeit" allein, warum die heute für die Gewerkschaft gewonnenen weiblichen Mitglieder vielfach morgen schon wieder fahnenflüchtig werden, warum die organisirten Arbeiterinnen in den Gewerkschaftsversammlungen nur vereinzelt, ausnahmsweise, seltenen Zugvögeln gleich, anzutreffen sind. Der Druck der kapitalistischen Ausbeutung läßt die Arbeiterin nach einem Weg ausschauen, der aus ihrem Elend zu lichteren Daseinsbedingungen führt. Sie ermöglicht es daher trotz aller ungünstigen Verhältnisse, hier und da einmal einer Agitationsversammlung beizuwohnen, wo sie die frohe Botschaft von den Segnungen der Organisation hört. Begeistert und überzeugt schließt sie sich der Gewerkschaft an, zumal in Zeiten wirthschaftlicher Kämpfe. Aber die Ueberbürdung mit Arbeiten sezt sie außer Stand, regelmäßig die Gewerkschaftsversammlungen zu besuchen, sie verliert deshalb die Fühlung mit der Organisation. Die entfachte Begeisterung erlischt allmälig wie eine Lampe, der das Del aus= gegangen ist. Denn das eigentliche Leben, die innere und äußere Entwicklung der Gewerkschaft bleibt der Arbeiterin fremd, sie nimmt feinen thätigen Antheil daran, sie verwächst nicht geistig damit. In der Folge ist ihr im Allgemeinen die Neigung eigenthümlich, die Gewerkschaft lediglich unter dem Gesichtswinkel einzelner Ereignisse, einzelner Lohnkämpfe 2c. und deren Ausgang zu betrachten. Gs mangelt ihr der klare Blick für das, was diese im Laufe der Zeit und dauernd für die wirthschaftliche Hebung der Arbeiterklasse leistet, welch hohe erzieherische Wirkung sie auf ihre Mitglieder ausübt, mit einem Worte, welch hohe kulturelle Bedeutung ihr innewohnt. Das Unterbleiben des Versammlungsbesuchs führt zu einem Ausbleiben der tieferen gewerkschaftlichen Schulung. Und weil dem so ist, so genügt oft ein Zufall, die der Organisation beigetretenen weiblichen Mitglieder zum Austritt zu bestimmen. Und weil dem so ist, so bleiben recht viele der organisirten Arbeiterinnen laue Gewerkschaftlerinnen, die ihre Pflicht der Organisation gegenüber mit Zahlung der Mitgliedsbeiträge erfüllt wähnen, denen aber jene durch Schulung gefestete klare und begeisterte ueberUnter den Ausnahmen, unter der Elite der Arbeiterinnen jedoch da fluthet das gewaltige Meer der Lohnsklavinnen, die noch ohne Erfenntniß vom Nußen und der Nothwendigkeit der Gewerf schaft sind. Was die Organisationsfähigkeit dieser Massen anbe= trifft, so dürfen wir uns nicht auf das verlassen, was da sein sollte, wir müssen vielmehr mit dem rechnen, was da ist. Wir dürfen sie also weder bewerthen nach den Leistungen der einzelnen glänzenden Ausnahmen, noch nach der Haltung der Arbeiterinnenelite. Wir müssen vielmehr die Thatsache im Auge behalten, daß das Uebermaß der von der Proletarierin geforderten Pflichtleistungen die Masse der Arbeiterinnen so vollständig versflavt, daß ihnen die materielle Vorbedingung fehlt, rathende und thatende Mitglieder der Gewerkschaft zu sein. Diese Thatsache muß festgehalten werden, nicht etwa zu dem Zwecke, den Eifer für die gewerkschaftliche Agitation zu lähmen, vielmehr um vor Enttäuschungen zu bewahren, wenn die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften so langsam erfolgt. Sie muß aber auch vor allem festgehalten werden, um Mittel und Wege zu finden, der Organisationsunfähigkeit der Arbeiterinnenmassen entgegenzuwirken. Das vorzüglichste Mittel zu ihrer Befämpfung ist der gefeßliche Arbeiterinnenschuß, sind soziale Reformen, welche im Interesse der gesammten Arbeiter klasse liegen. Wir werden das noch ausführlich nachweisen. Zum Schlusse nur noch die Bemerkung, daß eine so vorzügliche Kennerin und beredte Vorfämpferin der Gewerkschaftsbewegung wie Beatrice Webb mit uns in dem geseßlichen Arbeiterinnenschuß die wesentlichste Vorbedingung für die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnenmassen erblickt. Es ist kein Zufall, es ist in den thatsächlichen Verhältnissen begründet, daß die Kategorie der englischen Arbeiterinnen, die sich am längsten des gesetzlichen Schußes gegen die kapitalistische Ausbeutung erfreut, nämlich die Tertilarbeiterinnen, in der gewerkschaftlichen Organisation in einer Stärke vertreten ist, wie keine andere Arbeiterinnenschichte. Von den mehr als 100 000 gewerkschaftlich organisirten englischen Arbeiterinnen sind mehr als 90 000 Tertilarbeiterinnen. Angesichts der durch die gekennzeichneten Verhältnisse bedingten Organisationsunfähigkeit der breiten Arbeiterinnenmassen darf die Losung also feineswegs heißen: Verzicht auf die gewerkschaftliche Agitation. Sie muß vielmehr durch die Parole ergänzt werden: Her mit dem gesetzlichen Arbeiterinnenschuß, um eine unerläßlichen Vorbedingung für den dauernden Erfolg der gewerkschaftlichen Agitation zu schaffen. Ein Frauenkongreh in Hamburg. Stimmungsbilder und Eindrücke von Brutus. Wenn man den bürgerlichen Zeitungen glauben will, die aus Sensationshascherei aus jeder Mücke einen Elephanten machen, so stand unsere gute, alte, freie" Hansastadt in den Tagen vom 2. bis 5. Oktober im Zeichen der Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine", ein Sammelsurium von bürgerlichen Frauen vereinen aller Schattirungen, hielt seine dritte Generalversammlung ab. auf der. abgesehen von der Berathung neuer Satzungen, allerlei Fragen behandelt wurden, die auch für einen Nichtbourgeois von Interesse sind. Das proletarische Frauenelement fehlte natürlich bei diese» Berathungen gänzlich. Auch nicht eine einzige Arbeiterin befand sich in der Versammlung; sie würde auch wohl sehr schlecht zwischen die eleganten Toiletten gepaßt haben, in denen ihre Geschlechtsgenossinnen umherstolzirten. Ueberhaupt stand„das Volk" der ganzen Veranstaltung gleichgiltig gegenüber, ein Beweis, daß es sein Heil von einer anderen Seite erwartet. Ebenso kümmerte sich die Hamburger Bourgeoisie den Teufel um die Tagung. Die Theil- nahme an den Verhandlungen seitens des Publikums war deshalb für eine Stadt wie Hamburg eine äußerst bescheidene, nur die Abends stattfindenden öffentlichen Versammlungen, für die eine ungeheure Reklame gemacht worden war, erfreuten sich eines gute» Besuches. Aber auch hier fehlten die Proletarierinnen gänzlich, und so konnte ein mir bekannter Rechtsanwalt nach Schluß der letzten Versammlung wehmüthig ausrufen:„Wo bleibt das Volk?" Wie bekannt, hat der„Bund deutscher Frauenvereine" vor einigen Jahren den Anschluß resp. die Aufnahme solcher Vereine rundweg abgelehnt, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Dieser Beschluß ist bezeichnend für den Geist, der in der Organisation lebt und für die Auffassung, die ihn beherrscht. Nebenbei sei bemerkt, daß dieser Beschluß durchaus überflüssig war. Keiner proletarischen Frauenorganisalion wäre es eingefallen, dein frauenrechllerischen Bunde beizutreten, der nicht einmal zielklar und energisch für die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung eintritt, sondern in der Hauptsache nur das sogenannte„gemeinnützige Wirken" des weiblichen Geschlechts zu fördern strebt. Der Charakter und die ungemein engen und halben Ziele des Bundes bedingen es, daß auf der Generalversammlung jeder Versuch, wirthschaftliche Fragen bewußterweise in den Vordergrund zu schieben, von der großen Majorität schnell erstickt wurde. Die Ueberschätzung der Wohlthätigkeitsbestrebungen, das häufige Hervorheben des Einflusses moralischer und geistiger Bestrebungen auf die Besserung der sozialen Verhältnisse, das behagliche Verweilen bei der Schilderung der„Frauenideale". das scheue Zurückweichen vor den Fragen des praktischen Lebens, das pharisäische Mitleid mit dem geistigen und materiellen Elend„unserer Schwestern aus dem Arbeiterstande", das selbstgefällige Pochen auf Besitz und Bildung, das sich in der bis zum Ueberdruß gebrauchten Phrase:„Wir gebildeten Frauen, wir Frauen aus den besseren Ständen!" äußerte— alle diese Umstände charakterisiren den Geist des Frauentages zur Genüge. Jedoch soll nicht verschwiegen werden, daß ein kleines Häuslein der Theilnehmerinnen manch kräftigen Anlauf nahm, um einen modernen Zug in die Verhandlungen zu bringen. Dadurch erschien aber der Standpunkt der„alten Perücken" nur in viel grellerer Beleuchtung. Beiläufig bemerkt giebt es keinen tragikomischeren Anblick, als ein„modernes Weib", das mit allen seinen Fasern in der bürgerlichen Weltanschauung wurzelt, das aus seinem weiblichen Instinkt heraus die alten Schranken niederreißen will, als Mitglied der besitzende» Klasse dagegen am Alther- gebrachten hängt und für die Erhaltung der bestehenden Weltordnung eintritt. Der klaffende Zwiespalt zwischen dem Wille» zur Emanzipation und dem inneren Zwange zum Konservativismus zeigt sich nirgends deutlicher, als auf einem Kongreß bürgerlicher Frauen---- Doch wir wollen zur Erläuterung des Gesagten einzelne Episoden herausheben. Der Begrüßungsabend fand natürlich im„Hamburger Hof", dem feinsten Hotel Hamburgs statt. Als Vertreter der Behörden war eigenthümlicherweise der Chef der Hamburger Polizei, Senator Hachmann, erschienen. Er sagte den anwesenden Damen die hergebrachten Schmeicheleien, goß aber sofort etwas Wasser in den Wein der Begeisterung, indem er Zweifel äußerte, ob die Pläne der Frauenbewegung sieghafte Lebenskrast in sich trügen. Der Redner erging sich dann in den üblichen Betrachtungen über die Stellung der Frau zu dem Manne und den Aufgaben der Jetztzeit. Seine Rede machte den Eindruck, als ob er es kunstvoll vermeiden wolle, von autoritativer Stelle aus irgendwelche Hoffnungen rege zu machen; sie war ein Meisterwerk in ihrer Art, mit vielen schönen Worten wenig oder gar nichts zu sagen. Kein Wunder, denn in einer Stadt, die die weit überwiegende Mehrzahl ihrer männlichen Bewohner von der Theilnahme an der Verwaltung und Gesetzgebung hartnäckig fernhält, hat die Gleichberechtigung der Geschlechter wenig Aussicht auf Erfüllung. Es gilt in dieser Beziehung einen ernsten Kampf zu führen, Höflichkeitsphrasen haben keinen Zweck— das werden die verständigen Frauen an diesem Abend wohl gefühlt habe». Die Vorsitzende der Hamburger Ortsgruppe des Deutschen Frauenvereins, Fräulein Helene Bonfort, hob in ihrer Begrüßungsrede das Wagniß hervor, einen Frauenkongreß nach Hamburg einzuladen.„Man wußte in Hamburg gar nichts von der Frauenbewegung im Allgemeinen und deren prinzipiellen Sinn; man wollte hier am Orte nichts von dergleichen wissen!" Diese Worte der Rednerin mögen auf die bürgerlichen Frauen zutreffen, auf die Proletarierinnen treffen sie ganz entschieden nicht zu. Es ist ja bekannt, daß seit Jahren in Hamburg Frauenversammlungen abgehalten werden und Frauenagitation betrieben worden ist und zwar seitens der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften. Es ist in Hamburg eine proletarische Frauenbewegung vorhanden, mehrere Frauen sind in hervorragender Weise als Rednerinnen thätig, an allen Kämpfe» der Arbeiterklasse nahmen und nehmen Proletarierinnen Antheil, und die Zeitungen, auch die bürgerlichen, berichten fortlaufend darüber. Wenn die bürgerlichen,„gebildeten" Frauen nichts davon wissen, so ist das traurig genug und stellt ihrem Interesse an öffentlichen Angelegenheiten eben kein günstiges Zeugniß aus. Uebrigens wäre der anwesende Polizeisenator Hachmann wohl in der Lage gewesen, über die Frauenbewegung in Hamburg Aufklärung zu geben und der Rednerin zu sagen, daß die proletarischen Frauen Hamburgs ihr Ziel weiter stecken, als für wohlthätige Zwecke den Klingelbeutel im Lande herumgehen zu lassen. Auch der Präsident der Bürgerschaft, Siegmund Hinrichsen, nahm in ein einer Rede zu der Frauenbewegung Stellung. Er sprach von der„Gleichberechtigung beider Geschlechter" und von der„durchaus berechtigten Forderung der freien Bahn für alle Menschen, also auch für die Frauen"; er behauptete, daß in Hamburg in diesen Fragen keine„Geheimrathsmeinung" herrsche, sondern ein„frischer Seewind" wehe. Er gab seiner Ueberzeugung Ausdruck,„daß die Frau, die aus der Vereinigung von Anmuth und Schönheit hervorgegangen sei, durchaus diese Eigenschaften resp. ihre edle Weiblichkeit nicht einzubüßen brauche, wenn sie in den Kampf des Lebens hinaustreten müsse." Zum Beweise hierfür wies er auf die versammelten Damen hin. Ob der Redner wohl den„Kampf des Lebens" kennt, in den die Frau des arbeitenden Volkes hinaus muß, ob er je in den Arbeitervierteln»ach„Anmuth, Schönheit und edler Weiblichkeit" gesucht hat? Statt Kritik an den schönrednerischen Floskeln zu üben, sprach die Vorsitzende des Bundes, Fräulein Auguste Schmidt aus Leipzig, den konventionelle» Dank für die verschiedenen Begrüßungen aus. Die Rednerin hob hervor, daß die deutsche Frauenbewegung nicht die Absicht habe, dem weiblichen Geschlecht Gebiete zu erschließe», die man ihm mit Recht vorenthalte, sondern daß sie es als ihre Hauptausgabe betrachte, für das Allgemeinwohl zu arbeiten; der ureigenste Beruf der Frau sei, zu erziehen.„Wir wollen uns diesen Beruf nicht nehmen lassen, sondern Volkserzieherinnen werden, ein Beruf, den man uns vorenthalten möchte. Wir wollen vor Allem neben der weiblichen Jugend auch unsere männliche Jugend erziehen, weit über das Alter hinaus, in dem man sie als bereits reif zu bezeichnen pflegt.(Lebhafter Beifall.) Den Weg dazu hat man uns zu zeigen; wir haben ihn nicht zu suchen. Erzieherinnen wollen wir sein und deshalb die Hand ausstrecken nach Allem, was die Frauen edel, einsichtig, weitsehend und gut macht, daß sie nicht mehr ihr eigenes Interesse, sondern das Allgemeinwohl voransetzen. Da sei Gott vor, daß wir nehmen wollen, was uns nicht zusteht. Unser Glück beruht in der Arbeit für das allgemeine Wohl, für das Ideale, für die deutsche Frau." Diese Ausführungen zeichnen gewiß ein schönes Ideal, aber sie sormuliren keineswegs die Ziele einer Frauenbewegung, die ernst genommen sein will. Etwas anders klang am Montag Morgen die Rede, womit die Vorsitzende den Frauentag eröffnete. Sie wies auf die Nothwendig- keit eines festere» Zusammenschlusses hin und auf die Aufgabe des diesmaligen Kongresses, durch die Berathung und Annahme von bindende» Statuten alle Mißverständnisse und Unklarheiten zu beseitige». Sie sagte:„Bei einem Bunde, der aus so wesentlich verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt ist, muß um so fester das alle» zu dem Bunde gehörigen Vereine Gemeinsame hervorgehoben werden: Dieses Gemeinsame richtet sich auf die immer größere Ausbreitung der Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts und gründliche Vorbildung zu derselben, auch die Entfaltung der Frau zur freien Persönlichkeit und ihre Mitwirkung im sozialen Lebe». An welcher dieser Aufgaben sich die einzelnen Frauenvereine auch betheiligen, sie wirken mit für die großen Ziele, für welche der Bund deutscher Frauenvereine gearbeitet. Und hier weise ich auf die Schrift von Anna Simson: ,Was der Bund will und was er nicht will' hin. Rednerin charakterisirte hierauf die Aufgabe des.Bundes' und die der Einzelvereine. Die Vereinsgruppen beruhen auf vollständiger Gleichheit der Bestrebungen mit meist lokaler Färbung, während die Bundesvereine nicht durch solche Gemeinsamkeit verbunden werden und daher sich bisweilen schroff von den erstgenannten Gruppen unterscheiden. Gleichzeitig besteht die Hauptaufgabe des Bundes in dem Heranziehen der Einzelvereine zur bewußten Mitarbeit an den größer und allgemeiner gesteckten Zielen des Bundes. Damit nun der Bund nach oben und nach unten an Ausdehnung gewinne, muß er besonders die Vereine der Arbeiterinnen heranziehen, muß er sich erweisen als ein Ergebniß be= wußter Einsicht und festen Willens, und zwar muß jeder Verein gegen den Widerspruch gewappnet sein, den er in seiner Arbeit zuweilen auch der staatlichen und städtischen Behörden erfährt. Wehe dem Vereine, der sich durch äußere Mißbilligung zurückhalten läßt von Dem, was er gewollt. Wenn das alte Wort, viel Feind, viel Ehr auch für uns gilt, so dürfen wir diese Art der Ehre doch nur im äußersten Falle ertrozen. Luise Otto- Peters, die kühne Achtundvierzigerin, hielt es als Vorsitzende des großen Allgemeinen deutschen Frauenvereins doch für ihre Pflicht, so zu handeln, daß sie am Ende ihres Lebens sagen durfte: Unser Verein hat nie einen Schritt zurück gethan. So werde die Freiheit der Entschließung unsere Begleiterin. Die wahre Freiheit ist nicht Gesezlosigkeit, sondern fügt sich dem inneren Gesetz der Erkenntniß. Wehe unserem Geschlecht, daß man bis jetzt den herrlichen Begriff der Freiheit in Verbindung mit Frauen und Mädchen in erniedrigender Weise angewandt hat. Und zur Wahrhaftigkeit und inneren Freiheit trete die warme Menschenliebe, durch welche unser Thun seine höchste Weihe empfängt. Dazu ist die Frau berufen, den warmen Hauch hingebender und ausgleichender Liebe, welche alle Selbstüberhebung und Herrschsucht ausschließt, der sozialen Arbeit mitzutheilen. Das reine mütterliche Empfinden, zu dem auch die kinderlosen Frauen berufen sind, sei unsere beste Waffe im Kampf um unsere Rechte. Mit Wahrhaftigkeit, Freiheit und Menschenliebe wollen wir arbeiten an der Erweckung der nachfolgenden Generation!" Sodann schritt man zur Statutenberathung, wozu ein Entwurf des Vorstandes und verschiedene Anträge des Berliner Vereins " Frauenwohl" vorlagen. Letztere hatten eine wesentlich radikalere Färbung, insofern sie die wirthschaftliche Seite der Frauenfrage stärker hervorheben. Sie wurden von Fräulein Dr. Augspurg begründet, fanden aber augenscheinlich nicht die Billigung der übergroßen Mehrzahl der Delegirten; sie wurden denn auch späterhin abgelehnt. Sogleich in der ersten Sigung machten sich zwei Strömungen bemerkbar: Die der„ Alten" erblickt die Aufgabe der Frauen in den gemeinnützigen Bestrebungen", und hält Wohlthätigkeitspflege, Hebung der Sittlichkeit, Förderung der Mäßigkeit und bessere Erziehung für Mittel, das Elend aus der Welt zu schaffen. Die Absicht der betreffenden Damen und Vereine mag ja die beste sein, aber da sie die wirthschaftlichen Triebkräfte im Volksleben verkennen oder bewußter Weise übersehen, handeln sie nach der Art von Leuten, die den Pelz waschen wollen ohne ihn naß zu machen. Die" Jungen" dagegen beginnen nach dem sozialen Untergrund der Erscheinungen zu spähen, weil sie instinktiv fühlen, daß das Uebel tiefer liegt und die empfohlenen Palliativmittelchen nur Pflaster auf häßliche Wunden bedeuten. Ein flares Verständniß für die sozialen Erscheinungen und die geschichtliche Entwicklung wird auch auf Seite der„ Jungen" nicht bethätigt. Immerhin aber bedeutet ihre Richtung innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung Deutschlands einen Fortschritt. Mir scheint es nur eine Frage der Zeit, daß es zwischen den beiden Richtungen zu einem Bruch kommt, der Funke des Zwiespalts glimmt schon unter der Asche. Außer den Verhandlungen der Generalversammlung fanden mehrere Sitzungen von Kommissionen statt, in denen über die Thätigkeit dieser Körperschaften Bericht erstattet wurde. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß jedesmal rührende Eintracht herrschte, wenn allgemeine Fragen zur Behandlung standen, wie z. B. Sittlichkeits-, Erziehungs- und Mäßigkeitsbestrebungen, weil dann vorwiegend Gefühlspolitik getrieben wurde. Dagegen traten bei der Erörterung von wirthschaftlichen Fragen im engeren Sinne die Gegensätze zwischen der älteren und neueren Richtung der Frauenbewegung zu Tage. So kam es u. A. zu einer scharfen Debatte über den Antrag des Fräulein Dr. Elvira Castner aus Berlin, der Frauenbund möge die Förderung der praktischen Erwerbsthätigkeit und wirthschaftlichen Selbständigkeit gebildeter Frauen in sein Programm aufnehmen". Es wurde gegen die Forderung eingewendet, daß man nicht blos, gebildete" Frauen in ihrem diesbezüglichen Streben unterstützen müsse, sondern auch die„ ungebildeten" Arbeiterinnen. Lange debattirte man hin und her, ohne sich über die Grenzlinie zwischen den Begriffen„ ge= bildet" und„ ungebildet" überhaupt klar zu werden, abgesehen davon, daß die kapitalistische Ausbeutung verteufelt wenig danach fragt, ob es sich um gebildete oder ungebildete Frauen handelt. Die Antragstellerin und ihre Freundinnen hielten krampfhaft an dem Worte gebildet" fest, wurden aber schließlich überstimmt. Am schlimmsten erging es der durch Frau Minna Cauer aus Berlin geleiteten Kom172 mission für Organisation der Handlungsgehilfinnen. Frau Cauer beklagte sich darüber, daß man seitens des Vorstandes das Wort " Organisation" gestrichen habe, so daß nur eine„ Kommission für Handlungsgehilfinnen" übrig geblieben sei, womit Niemand etwas anfangen könne. Sie fragte deshalb an, ob man überhaupt das Drängen der Handlungsgehilfinnen nach Organisation unterstützen wolle oder nicht. Die Antwort fiel sehr unbestimmt aus, und die Kommission dürfte wohl als eingeschlafen zu betrachten sein, ein Beweis, daß der Deutsche Frauenbund die Organisation der weiblichen Arbeiter nicht fördern will oder ihr wenigstens gleichgiltig gegenüber steht Es ist ja auch viel leichter, gegen die Unmoral der Männer, die Trinksitten u. s. w. loszudonnern, als gegen die kapitalistische Ausbeutung zu kämpfen, sei es sogar in der allerschwächlichsten Form, wie es der Hilfsverein für weibliche Handelsangestellte in Berlin thut. Am ungetrübtesten war der Eindruck, den ich von der„ Kommission für weibliche Gewerbeinspektion" gewonnen habe. Hier hielt an Stelle der erkrankten Frau Schwerin Fräulein Alice Salomon aus Berlin das einleitende Referat, das sich durch Sachkenntniß und soziales Empfinden vor vielen anderen auszeichnete. Die Referentin berichtete über die in Berlin und München abgehaltenen Kurse zur Ausbildung von Gewerbeinspektorinnen. Ein Vorgang verdient noch erwähnt zu werden, weil er ein eigenthümliches Licht auf den Ideenkreis mancher bürgerlichen Frauen wirft. Bei dem Antrag des Berliner Hausfrauenvereins, die Friedensbestrebungen in das Arbeitsgebiet des Bundes aufzunehmen, hielt eine Delegirte, die zweite Vorsitzende des preußischen Volksschullehrerinnenvereins, eine„ patriotische" Rede, die jedem Kriegervereinler zum Ruhme gereicht haben würde. Die Rednerin sprach sich gegen eine Friedensresolution und für ein starkes Heer" aus, das die Vorbedingung eines gesicherten Friedens sei. Sie fand bezeichnender Weise für ihre Worte reichen Beifall unter den Zuhörerinnen. " In den öffentlichen Abendversammlungen sprach u. A. Frau Marie Stritt aus Dresden über die Mängel des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches; Frau Elise Berg aus Ansbach hielt ein sehr belehrendes Referat über Kostkinder und Generalvormundschaft, das jedoch den vornehmen Damen im Saale wenig zu interessiren schien, die wohl auch dem Vortrag von Fräulein Helene Lange aus Berlin, Pietätswerke", nur geringes Verständniß entgegenbrachten. Ein größeres Interesse erregte ein Referat von Frau Julie Eichholz aus Hamburg über die„ Sprechstelle für Rechtsschutz in Hamburg". Die Einrichtung besteht seit ungefähr einem halben Jahre. In den Sprechstunden, die jeden Dienstagabend für Frauen aller Stände unentgeltlich abgehalten werden, meldeten sich über 500 Auskunftheischende, d. h. ungefähr 5 bis 12 an jedem Abend, einige Male steigerte sich die Besuchsziffer sogar bis auf 17 Personen. Die Art der Fälle vertheilten sich folgendermaßen: 101 Ghestreitigkeiten, 68 Alimentationsforderungen, 32 Testaments- und Erbschaftsangelegenheiten, 105 Schuldforderungen, 55 Miethsachen, 44 Lohnstreitigkeiten, 29 Beleidigungsflagen, 65 vermischte Fälle. Hiervon konnten in 289 Fällen außergerichtliche Schritte eingeleitet werden, von denen 165 von günstigem Erfolg gekrönt waren. Am ohnmächtigsten erwies sich der gute Wille da, wo das Gesetz direkt entgegenstand, d. h. in vermögensrechtlicher Hinsicht, wo dem Manne das Recht zusteht, das von der Frau sauer Erworbene an sich zu nehmen und zu vergeuden. Die„ Sprechstelle" erwies sich ferner vielen Frauen dadurch nüßlich, daß hier Kontrakte, Eingaben und Gesuche an Behörden 2c. abgefaßt wurden. Des Weiteren wurden Vorschläge zum Entwurf einer neuen Dienstbotenordnung ausgearbeitet, die sämmtlich vom Bürgerschaftsausschuß angenommen worden sind. Um die Frauen über die geltenden Rechtsbegriffe zu belehren, veranlaßte man zwei Juristen, Vorträge über Zivil- und Strafrecht zu halten. Man ließ sich angelegen sein, Kenntniß der Bestimmungen des neuen bürgerlichen Rechts zu verbreiten, welche sich auf die Stellung der Frau beziehen. Den größten Beifall der Zuhörerinnen errang das Referat von Fräulein Helene Bonfort über" Frauenarbeit und Wohlfahrtseinrichtungen in Hamburg". Ich habe selten einen Vortrag gehört, der so einseitig gehalten war und so offenkundig auf den Lokalpatriotismus spekulirt, wie dieses Referat. Die Rednerin führte ein Bild von Hamburg vor, welches nur Lichtseiten zeigte. Schade, daß keine armen Leute anwesend waren, ihnen hätte ja das Herz im Leibe lachen müssen, wenn sie erfahren hätten, in welch umfassender Weise man für sie in Hamburg sorgt. Ein Hamburger Armer erscheint nach dem gehaltenen Referat als eine beneidenswerthe Persönlichkeit; von der Wiege bis zum Sarge wird er von der hamburgischen Wohlthätigkeit beschirmt. Die Referentin ließ die sämmtlichen Wohlthätigfeitseinrichtungen Hamburgs Revue passiren, nicht einmal die Wohlthat" vergaß sie, daß seitens einer Stiftung ein paar Mal während der Wintermonate an arme Schulmädchen Leberthran gratis verab reicht wird. Rühmend erwähnte sie auch die sogenannten Stifte, worin alte Leute ihren Lebensabend verbringen und herrlich wie im Paradies leben. Mir fiel leider hierbei cine telle aus einem Gedicht ein, das sich in Hamburg einer großen Beliebtheit erfreut und das eine Frau Schludermeiern" also sprechen läßt: " Ich kenn' Senater Hütentüt, Er fauft mir ins Etift, des is gewiß, Weil mich der Mann gewogen is." Einem offenkundigen Geheimniß zufolge soll die„ Gewogenheit" bei der Hamburger Wohlthätigkeit eine hervorragende Rolle spielen. Es war fomisch anzuschauen, mit welch selbstzufriedener Miene die Bourgeoisdamen dem Vortrag lauschten, in dem erhebenden Bewußt sein, daß für die armen Leute in Hamburg so wunderbar schön gesorgt ist. Und doch grinst in der reichen Hansastadt grauenhaftes Elend aller Art aus jedem Winkel hervor. Davon sagte Fräulein Bonfort nichts, sie hätte ja sonst die Illusion ihrer Zuhörerinnen zerstört; auch davon sprach sie kein Wort, daß selbst die beste Wohlthätigkeit immer nur ein jämmerlicher Nothbehelf ist, und daß die modernen Armen keine Wohlthaten erbetteln, sondern ihr Recht verlangen. Dieser Vortrag war so recht bezeichnend für den Charakter des Deutschen Frauenbundes und kann als Miniaturbild der ganzen Verhandlungen gelten. Die bürgerlichen Frauen wollen der ausgebeuteten Masse mit Wohlthaten helfen und dem Elend Schönheitspflästerchen auf die Wange kleben, aber das Elend herzhaft an der Wurzel angreifen und aus der Welt schaffen, das wollen sie nicht und das können sie nicht weil sie als Angehörige der Bourgeoisie an der tapitalistischen Ordnung festhalten und mit ihrer Auffassung, ihren Zielen nicht über den Rahmen der heutigen Gesellschaft hinausgehen. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Auf der Rückreise vom Stuttgarter Parteitag sprach Genossin Kähler- Wandsbeck in der Rheinpfalz in folgenden Orten: Ludwigshafen, Speyer, Pirmasens, Frankenthal und Kaiserslautern. Die Rednerin behandelte das Thema:„ Welches Interesse haben die Frauen am wirthschaftlichen und politischen Kampfe der Männer?" Bisher war es dem weiblichen Geschlecht in Bayern durch gesetzliche Bestimmungen verwehrt, an Volksversammlungen theilzunehmen, vor Kurzem sind nun diese Schranken gefallen. Die abgehaltenen Versammlungen geben Zeugniß davon, daß in den Frauenkreisen das Interesse am öffentlichen Leben immer reger wird. Der Besuch der Versammlungen war überall ein sehr guter, in einzelnen Orten bestand das Publikum zu Zweidrittel aus Frauen. Die Referentin wies in eineinviertelstündigem Vortrage die Nothwendigkeit nach, daß auch die Frauen dem öffentlichen Leben ihr Interesse zuwenden und an den Kämpfen unserer Zeit theilnehmen. Sie zeigte, daß die Frau heute mit Pflichten mannigfachster Art überlastet ist, jedoch nur winzige Rechte ihr eigen nennt und daß sie am meisten bei einer Umgestaltung unserer gesellschaftlichen Ordnung zu gewinnen hat. Das Interesse der Proletarierinnen wie der Arbeiterklasse fordert, daß auch die Erstere für Befreiung des Proletariats Schulter an Schulter mit den Männern fämpft. Reicher Beifall bewies, daß die Versammelten der Rednerin beistimmten. Gegner meldeten sich nicht zum Worte, obgleich in einigen Versammlungen solche anwesend waren. Seitens der Frauen wurde gewünscht daß recht häufig derartige Versammlungen stattfinden möchten. Langsam aber sicher bahnen sich die Ideen der Sozialdemokratie auch unter der proletarischen Frauenwelt ihren W. K. Weg. Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzenund Trikotkonfektion. Von Gertrud Dyhrenfurth. Besprochen von Henr. Fürth. I. Scharfer Verstand hat hier im Verein mit methodischer Gründlichkeit eine tüchtige Arbeit geleistet, der die Reichhaltigkeit, wie auch die Verarbeitungsweise des gesammelten Materials einen ehrenvollen Platz sichern wird. Das warme Herz und das eindringende Verständniß der Verfasserin für die Lage der beobachteten Arbeiterinnenklasse haben die Arbeit ganz wesentlich gefördert. Das Material ist durch persönliche Erforschung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse. 173 der einzelnen Arbeiterinnen gewonnen worden. Und zwar auf Grund eines sehr ins Einzelne gehenden Fragebogens, der indeß den zu Befragenden nicht vorgelegt wurde, sondern lediglich gleichsam als Leitfaden für den Fragesteller diente. Die übersichtliche und klare Darstellung der Produktionsverhältnisse in der Berliner Wäschekonfektion und ihrer Arbeitsweise mit Zwischenmeisterthum und Heimarbeit fügt dem bereits bekannten Bilde wesentliche neue Züge nicht hinzu.* Die menschliche Arbeitsfraft billiger als Dampf und Elektrizität: Darum neben hochentwickelter Technik Beibehaltung der rückständigsten Arbeitsweise, der Heimarbeit, die neben der motorischen Kraft dem Unternehmer auch noch die Werkstattmiethe, Beheizung 2c. spart. Wie viel billiger diese rückständige Betriebsweise für den Unternehmer ist, das erhellt schon aus einem Umstand. Die Arbeiterinnen der Konfektion rekrutiren sich vorwiegend aus den Reihen der ver= heiratheten Frauen, die nur einen Nebenverdienst suchen, also sich mit niedrigen Löhnen begnügen und in der Lage sind, eine Werkstatt zu erstellen, das heißt ihre eigene Wohnung, bezw. das, was ,, Wohnung" genannt wird. Das enthebt den Unternehmer der Verpflichtung, selbst für geräumige, gesundheitlich einwandfreie Werkstätten zu sorgen. Und das bedeutet für ihn neben der Ersparniß eine wesentliche Herabminderung des geschäftlichen Risikos. Er fann sein Geschäft dem jeweiligen Geschäftsgang entsprechend ausdehnen oder einschränken. Arbeiterinnen stehen ihm stets in beliebiger Anzahl zur Verfügung, den Nutzen des guten Geschäftsganges wird er also stets einheimsen, den Schaden des schlechten seelenruhig auf die Arbeiterinnen überwälzen. Ferner ist der Unternehmer der Verpflichtung enthoben, für Unfälle, für Invaliditäts- und Altersversicherung aufzukommen. Seit dem Inkrafttreten der Versicherungsgesetze hat die Heimarbeit beträchtlich zugenommen. Und endlich. Wie viel angenehmer ist es für den Unternehmer, mit zerstreut lebenden Arbeitskräften zu thun zu haben, denen jedes Gemeinschaftsempfinden fremd ist, da sie nichts von einander wissen und einander unterbieten, um nur ja die Arbeit nicht zu verlieren. Besonders die Vereinzelung, der völlige Mangel an Solidaritätsgefühl sichert die Macht des Unternehmers. Er erhält in der Folge Arbeitskräfte, die billig sind, so billig, daß alleinstehende, ausschließlich auf den eigenen Erwerb angewiesene Mädchen und Frauen durch die schlechten Erwerbsverhältnisse in der Konfektion dazu gedrängt werden, sich eine lohnendere Beschäftigung zu suchen. Am wenigsten fähig und geneigt, mit der Arbeit zu wechseln, sind die Familienmütter aus Gleichgiltigkeit, wenn sie durch die Einnahme des Mannes sicher gestellt sind, aus Furcht, den Unterhalt der Jhrigen aufs Spiel zu setzen, in den Fällen, wo diese ganz von ihnen abhängig sind."( S. 23.) So waren denn von 239 befragten Arbeiterinnen 131 verheirathet und ( was für die Art der Arbeit bezeichnend ist) von 204 Antwortenden waren 75 ungelernte Arbeiterinnen. Es handelte sich also bei diesen 75 um Ehefrauen, die vielleicht gedient, vor der Verheirathung aber jedenfalls keine eigentliche Arbeit gelernt hatten. Die Noth, manchmal wohl auch nur der Wunsch, etwas zu der Einnahme des Mannes hinzu zu verdienen, hatte sie zur Erwerbsthätigkeit getrieben. Unter welchen Bedingungen leben und arbeiten die meisten dieser Frauen? Die Broschüre bringt auch zur Beantwortung dieser Frage nichts Neues, nur die erneute, traurige Bestätigung der kläglichsten Wohnungsverhältnisse und Lebenshaltung. Von 196 Arbeiterinnen, die ohne fremde Hilfe arbeiteten, benutten 35 den Arbeitsraum zum Wohnen, Schlafen und Kochen, 72 zum Wohnen und Schlafen, 27 zum Schlafen und Kochen, 49 zum Kochen. Ist die Stube an Schlafgänger abvermiethet oder durch die eigene Familie in Beschlag genommen, so steht die Nähmaschine zwischen Kochherd, Vorräthen, Betten und eingeweichter Wäsche in der Küche."" Inmitten des unbeschreiblichen häuslichen Chaos die Frauen an der Maschine. Das Arbeitsmaterial liegt auf den Betten zerstreut und wird aufs Aengstlichste vor Unsauberkeit geschützt. Aber die Luft mit allem was sich ihr mittheilt, wenn in einem Raume gesunde und kranke Menschen Tag und Nacht athmen, sich reinigen, ihre Speisen zubereiten, die Ueberreste und die gebrauchte Wäsche aufbewahren diese Luft ist von den Waaren nicht abzuschließen." Sie heftet sich sammt jeweiligem Ungeziefer den abzuliefernden Waaren an. Wie gefährlich das ist, liegt auf der Hand. G. Dyhrenfurth berichtet z. B., daß eine Frau in einer Kochstube, in der ihre drei Kinder Diphtheritis durchgemacht haben, sieben Arbeiterinnen beschäftigt." Den Wohnungszuständen entspricht die Arbeitszeit, entsprechen die Löhne. Auch hier bewahrheitet sich wiederum der alte Satz: Je widerstandsunfähiger die Arbeitskräfte, um so länger ihre Arbeits* Wir erinnern an das gleichfalls der Schmollerschen Sammlung angehörende: Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner Wäscheindustrie" von Dr. J. Feig. zeit, je länger ihre Arbeitszeit, um so geringer ihr Lohn! In den verpesteten Arbeitshöhlen sigt die Frau an der Maschine. Unentwegt. Vom grauenden Tag bis tief hinein in die Nacht. Sie nimmt sich nicht Zeit, die Kinder zu reinigen oder die Wohnung aufzuräumen. Sie sorgt nicht oder nur schlecht für die Verköstigung der Familie. " Das anspruchsvolle Jüngste hatte eine Mutter in ein Holzkistchen gepfercht, in dem es nicht zu Schaden kommen, aber auch sich nicht bewegen konnte." Eine andere erklärte völlig stumpf und apathisch: „ Ich kann das Kind nicht aufheben, wenn es vom Stühlchen fällt, ich darf mich nicht von der Maschine fortrühren." Zur Arbeitsmaschine geworden, von der Erwerbsthätigkeit derart in Anspruch genommen, daß weder Zeit noch Kraft bleibt für die Aufgaben als Mutter, Pflegerin, Erzieherin, schuftet die Frau darauf los, schuftet sie ohn' Unterlaß. Nicht die kleinste Pause darf sie sich gestatten, die geringste Abhaltung könnte ihr einen der für die Erhaltung der Familie so unerläßlichen Pfennige fosten! Und das nennt sich " Heimarbeit!" Was kann die Heimarbeiterin bei ihrer Hezzarbeit verdienen? Lassen wir wiederum die Broschüre reden. Wer da glaubte, in Bezug auf Niedrigkeit der Löhne nichts Neues mehr erfahren zu können, wird sich traurig enttäuscht finden. Stundenlöhne von 10-15 Pf., ein Wochenverdienst von 7 9 Mt. sind hier als günstig anzusehen, denn es giebt auch Stundenlöhne von 4 Pf. und dementsprechend Wochenverdienste von 2-3 Mt. " Die Knopflocharbeiterinnen der Trifotkonfektion erhalten vom Zwischenmeister, in Folge des Ueberangebots von billigem Arbeitspersonal, für das Dutzend Taillen, das ist für 144-168 Knopflöcher, 70, 80, 90 Pf. und 1 Mt., für die best ausgeführten Sachen bis 1,50 Mt. Die Auslagen für Garn und Seide betragen zwischen 7-25 Pf. pro Dutzend," welcher Betrag also auch noch von dem fargen Verdienst in Abzug zu bringen ist. Der Nettoverdienst der Trikotarbeiterinnen beläuft sich bei zehnstündiger Arbeitszeit auf 0,83-1,35 Mt. pro Tag, das heißt 8-13 Pf. für die Stunde.( Siehe Tabelle S. 52.) Die Soutachenäherinnen bekommen, gleichviel ob das Muster ein schwieriges ist oder nicht", für 100 Meter Bemühung 90 Pf., in besseren Geschäften, für die mit Seide genäht werden muß, für 100 Meter 2 Mt. In beiden Fällen muß der Faden von den Arbeitenden bezahlt werden, welche außerdem auch die Muster zu beschaffen haben, was eine weitere Ausgabe bis zu 30 Mt. für die Saison bedeutet. In der Unterrockbranche sind die Löhne noch niedriger. Hier kommen die früher erwähnten Stundenlöhne von noch nicht 4 Pf. vor, ein sogenannter Nettoverdienst, von dem indeß die etwaigen Ausgaben für Pferdebahn und Beleuchtung bei Nachtarbeit noch nicht in Abzug gebracht sind. Das sind allerdings Löhne, die der Zwischenmeister zahlt, während die Theilarbeiterinnen der Werkstätten es bei 10-11 stündiger Arbeit auf 9-12 Mt. brachten, weniger eingearbeitete Mädchen auf 7-9 Mt., die sogenannten Gar nirerinnen sogar auf 13-14 Mt. Wiederum eine Thatsache, die gegen Zwischenmeisterthum und Heimarbeit und für Werkstättenarbeit spricht. In der Schürzenkonfektion erreichten von 70 Antwortenden 26 ein wöchentliches Einkommen von 7 Mt., 44 Arbeiterinnen blieben jedoch mit ihrem Verdienst unter diesem Satz und zwar zum Theil beträchtlich. Die Löhne in der Blusenkonfektion schwanken zwischen 5 und 17 Mt. pro Woche. Die höheren Lohnsätze werden natürlich nur von einer verschwindenden Minderzahl besonders geübter Arbeiterinnen erreicht. Dagegen verdienen die Knopflocharbeiterinnen dieses Arbeitszweiges pro Tag nur 50-75 Pf. bei 11-12stündiger Arbeit. Dem Verdienst entspricht die Lebenshaltung. Sie bleibt fast durchweg unterhalb der Grenze dessen, was als äußerste Lebensnothdurft zu bezeichnen ist. Bei einem Wochenbudget von 6,25 Mt. muß die Betreffende der Ersparniß halber ihr Zimmer mit einer anderen Person theilen; von irgend welcher Fleischkost ist nicht die Rede. Diese Ernährung muß bei der anstrengenden Arbeit und sitzenden Lebensweise als ungenügend bezeichnet werden." Um die übrigen Ausgaben für den Haushalt zu decken, Schuhe und Kleidung zu beschaffen, muß jedoch selbst diese Ernährungsweise noch verschlechtert und die Nahrung so beschränkt werden, daß sie auch quantitativ nicht mehr ausreicht. ,, Erst bei einem Verdienst von 9 Mt. an läßt sich eine dürftige Existenz ermöglichen, bei der wenigstens das physische Leben nicht zurückgeht.( Das heißt zu deutsch, bei der die Arbeiterin nicht langsam verhungert. H. F.) Doch um in ehrenwerther Weise auszukommen, bedarf es einer ungemein verständigen Ordnung der Bedürfnisse und eines Verzichtleistens auf jeden Genuß und jeden Schmuck des Daseins." Wir werden noch sehen, was alles 174 unter dieser verständigen Anordnung" und diesem Verzichtleisten verstanden ist. Zu alledem kommt ein anderes. Die von uns gekennzeichneten Löhne beziehen sich fast durchweg auf die flotte Saison. In der stillen Zeit bleibt der Verdienst entweder ganz aus oder wird be= trächtlich herabgemindert. Die angeführten Einkommensverhältnisse gestatten also feineswegs einen Rückschluß auf den Jahresverdienst der Arbeiterinnen, der meist noch ungünstiger ausfällt, als es nach den Angaben erscheint. In der Schürzen-, Blusen- und Unterrockkonfektion hatten die unregelmäßig Beschäftigten( es ist dies etwa die Hälfte aller Arbeitenden) 6 Monate volle Arbeit, knapp 3 Monate halbe, knapp 3 Monate keine Arbeit. In der Trifotkonfektion hatte„ die Hälfte der Arbeitenden immer etwas, doch nie genügend zu thun; der andere Theil hatte nur während 2/ 2-4/ 2 Monaten volle Arbeit". Wie diese Unglücklichen während der übrigen Zeit ihr Dasein fristen, ob und welche Beschäftigung sie finden, das kümmert den Unternehmer nicht. Er hat ihre Adresse, er weiß, daß sie zu seiner Verfügung sind, das genügt ihm. Ist es doch gerade", wie G. Dyhrenfurth sehr richtig bemerkt, die völlig verantwortungslose Disposition über die Arbeitsfräfte, die die Beschäftigung Hausindustrieller so vortheilhaft macht." Wie anders sieht die Sache aus, sobald man sie vom Standpunkt der Interessen der Arbeitenden betrachtet. Da treten die verhängnißvollen Folgen dieser unheilvollen Produktionsweise klar in Erscheinung. Während der Saison verläuft der Arbeitsprozeß in einer ständigen, Leib und Seele in gleicher Weise zerrüttenden Hezze. Immer die Angst, den Anforderungen des Arbeitgebers nicht genügen zu können, immer die Hoffnung, durch verdoppelte Anstrengung, durch Ueberanspannung aller Kräfte ein paar Pfennige mehr herausschlagen zu können! Und dabei das Gespenst der Sorge, das mitten in dieses fieberhafte Hasten seine Schatten wirft, die Gewißheit, in wenig Wochen die Ruhe in ihrer ganzen Ausdehnung kosten zu dürfen, die Ruhe und den Hunger! Resolutionen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Stuttgart. 4. Resolution über die preußischen Landtagswahlen. Die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen unter dem Dreiklassenwahlsystem kann nicht wie die an den Reichstagswahlen als eine Heerschau betrachtet werden, als ein Mittel, durch die Zählung unserer Stimmen einen moralischen Erfolg zu erreichen, sondern nur als ein Mittel, bestimmte praktische Erfolge zu erzielen, namentlich die Abwendung der Gefahr, daß die frasseste Reaktion die Mehrheit im Landtag erlangt. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, erklärt der Parteitag, daß die Betheiligung an den Landtagswahlen nicht in allen Wahlfreisen geboten ist, umsoweniger als bei der Kürze der Zeit, die uns von den preußischen Landtagswahlen trennt, nicht daran gedacht werden fann, die in dieser Frage jetzt weit auseinandergehenden Meinungen innerhalb der Partei einander so zu nähern, daß ein einheitliches Vorgehen der Gesammtpartei möglich ist. Unter diesen Umständen überläßt es der Parteitag den Genossen der einzelnen Wahlkreise, über die Frage der Betheiligung zu entscheiden. Wird in einem Wahlkreis die Betheiligung beschlossen, so werden, falls es sich dabei um eine Unterstützung bürgerlicher Oppositionskandidaten handelt, die Kandidaten sich verpflichten müssen, für den Fall ihrer Wahl in den Landtag für die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts, wie solches für die Wahlen zum Reichstag besteht, auch für die Wahlen zum Landtag einzutreten und im Landtag alle Maßnahmen entschieden zu bekämpfen, die geeignet sind, die bestehenden Volksrechte im Einzelstaat weiter zu schmälern oder zu beseitigen. Die zu dem Punkte preußische Landtagswahlen gestellten Anträge sind durch die Annahme dieser Resolution erledigt. 5. Resolution zum Bergarbeiterschutz. Die ständig an Intensität zunehmende großkapitalistische Gewinnung der Erdschätze( Kohlen, Erze, Salze 2c.) hat für die dabei betheiligten Arbeiter eine außerordentliche Zunahme der Unfallsgefahr zur Folge. Seitdem die deutschen Bundesstaaten, von der Mitte bis zum letzten Drittel dieses Jahrhunderts an, allmälig das Direktionsprinzip( Leitung der Gewinnungsarbeiten im Bergbau nur durch staatliche Betriebsbeamte, und Anlegung und Ablegung der Arbeiter staatlicherseits) aufgaben, also den Grubenbetrieb für das Privatkapital freimachten, nimmt auch die Zahl der im Betrieb ge 1865 1892 tödteten und verletzten Bergarbeiter rapide zu, wie die amtlichen Statistiken lehren. Die heute im Sinne der verschiedenen deutschen Berggesetze( z. B. der§§ 198 und 199 des Allgemeinen Preußischen Berggesetzes vom 24. Juni gehandhabte Beaufsichtigung der Bergwerke durch die staatlichen Kontrollbeamten hat die Zunahme der Betriebsunfälle nicht hindern tönnen. Unsere heutige Berginspektion. ist, wie die in den letzten Jahren sich häufenden Massenunglücke im deutschen Bergbau und die dabei ans Tageslicht gebrachte Unzulänglichkeit der geübten Kontrolle flar erwiesen, nicht in der Lage, den Bergmannsstand vor zunehmender Lebensgefahr zu schützen. Auch die Ergebnisse der Krankheitsstatistit( Knappschafts- und Pensionsfassenberichte) der Bergleute lassen erkennen, daß eine energische Aenderung des heute herrschenden Ausbeutungssystems in der heimischen Grubenindustrie im Interesse der Knappen dringend nöthig ist. In Anerkennung dieser durch die öffentliche Kritik besonders im letzten Jahrfünft als unanfechtbar bewiesenen Thatsachen erklärt der Parteitag: Eine gründliche Reform der Berggesetzgebung in Deutschland ist eine dringende Nothwendigkeit, damit Leben und Gesundheit der Bergleute nach Möglichkeit geschützt sind. Grundlinien dieser Reform sollen sein: 1. Festsetzung einer Arbeitszeit von höchstens 8 Stunden, Ginund Ausfahrt eingeschlossen. Ueberschichten, welche nicht zur Fortführung des Betriebes nöthig, sind zu verbieten. Wo die Temperatur in den Grubenräumen+ 28° Celsius übersteigt, muß die Schichtdauer auf 6 Stunden ermäßigt werden. 2. Abschaffung des Affordsystems für unterirdische Arbeiten. 3. Männlichen Arbeitern unter 18 Jahren ist die unterirdische und Frauen überhaupt jede Grubenarbeit zu verbieten. 4. Vermehrung der Grubenkontrolleure aus den Reihen der Bergarbeiter; auf höchstens tausend Mann der Belegschaft soll ein Arbeiterinspektor kommen. Diese Hilfsinspektoren sind von den Arbeitern zu wählen und vom Staate zu bezahlen. 5. Für mit Schlagwetter Gasen behaftete Grubenräume sind dafür vorgebildete Wetterbeamte anzustellen. 175 Europas die Verderblichkeit der militärischen Rüstungen anerkannt wird mögen auch politische Hintergedanken gewichtigster Natur zum Ausspruch dieser Erkenntniß beigetragen haben- und daß es hiernach erst recht Aufgabe der Sozialdemokratie und speziell ihrer Vertreter in den Parlamenten sein muß, diese Ansicht durch ihre Thätigkeit in immer weitere Kreise zu verbreiten und energischen Widerstand jedem Versuch zu leisten, die militärischen Rüstungen zu verstärken. Nach Ansicht des Parteitags wahren die Völker ihre„ heiligsten Güter" am sichersten, wenn sie den Bestrebungen der Sozialdemokratie auf Völkerfrieden, Völkerfreiheit und Völkerwohlfahrt durch kräftige Förderung des sozialen Fortschritts im Sinne der Aufhebung der Klassengegensätze und der Hebung des Wissens und der Bildung auf allen Gebieten sich anschließen, die stehenden Heere beseitigen und für Schlichtung etwaiger internationaler Streitigkeiten denselben Weg betreten, den in jedem Kulturstaat die Bürger in Streitfällen betreten müssen, den Weg gerichtlicher Entscheidung. Denn so lange noch christlich sich nennende Regierungen und herrschende Klassen nur menschenmordende Kriege mit ihrem Gefolge von Jammer, Elend und allgemeinem Verderben als Weg zur Schlichtung von internationalen Streitigkeiten betrachten, ist unsere sich christlich nennende Zivilisation der blutigste Hohn und die stärkste Blasphemie auf die religiösen Lehren, die in Schulen, Kirchen und Kasernen gepredigt werden, ein Zeichen der Tartüfferie, die eine der moralischen Grundlagen der gegenwärtigen Gesellschaft geworden ist. 7. Resolution, betreffend die reaktionäre Schreckensherrschaft in Italien und Ungarn und die Versuche einer reaktionären Ausnutzung des Meuchelmords der Kaiserin von Oesterreich.* Die im Laufe des letzten Jahres seitens der ungarischen und der italienischen Regierung gegen die Anhänger der Sozialdemokratie und anderer oppositioneller Richtungen verübten Maßregelungen und Gewaltstreiche fordern durch ihre Grausamkeit und Gemeinheit die Entrüstung aller rechtlich Denkenden heraus. Die sogenannten Rechtsnormen, die hierbei gegen die unglücklichen Opfer in Anwendung kamen die brutale Polizeigewalt in Ungarn, die Farce der Militärgerichte in Italien-, kennzeichnen die beiden Staaten als Halbbarbarenstaaten und ihre herrschenden 6. Errichtung zweckentsprechender Waschanstalten( Einzelbrause- Klassen, unter deren Beifallsgeheul die Gewaltatte vollzogen wurden, bäder) und Mannschaftsstuben( Kauen). Der Parteitag beauftragt die Reichstagsfraktion, den Erlaß eines deutschen Berggesetzes im Sinne dieser Forderungen zu beantragen. So lange aber eine reichsgesetzliche Regelung des Bergarbeiterschutzes nicht eingetreten ist, sollen die sozialistischen Abgeordneten der bergbautreibenden Bundesstaaten in den respektiven Landtagen eine Reform der Landesberggesetzgebung in obigem Sinne herbeizuführen suchen. 6. Resolution, die Frage der Abrüstung betreffend. Der Parteitag erklärt: Der Parteitag begrüßt den Abrüstungsvorschlag des Kaisers von Rußland an sämmtliche Regierungen als eine Bekräftigung dafür, daß die entschiedene Opposition, die bis jetzt die Sozialdemokratie aller Länder den an Wahnsinn grenzenden militärischen Rüstungen entgegensetzt, ihre volle Berechtigung hat. Die Sozialdemokratie ist mit dem Kaiser von Rußland darin einverstanden, daß die finanziellen Lasten, die diese unsinnigen Rüstungen den Völkern auferlegen, die Volkswohlfahrt in der Wurzel treffen und die geistigen und physischen Kräfte der Völfer in unproduktiver Weise aufzehren". Der Parteitag fonstatirt aber ausdrücklich, daß diese völkerverderbenden Rüstungen ausschließlich das Produkt des Ehrgeizes, der Eroberungs- und Herrschsucht der leitenden Klassen sind; daß die stehenden Heere eingestandenermaßen als Werkzeuge für die Unterdrückung der Völker und zur Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft dienen und daß bisher es Rußland mit in erster Linie war, das auf diesem Wege voranging, wie denn auch das russische Volk noch gegenwärtig das einzige Kulturvolk Europas ist, das selbst der ersten Anfänge zur Selbstregierung entbehrt. Der Parteitag ist deshalb der Meinung, daß, soll der Vorschlag des Kaisers von Rußland ernst genommen werden, es nothwendig ist, daß die russische Regierung im eigenen Lande mit gutem Beispiel vorangeht, weitere Rüstungen einstellt, die grausame Verfolgung politisch Andersdenkender aufhebt und dem russischen Volke diejenigen Rechte und Freiheiten gewährt, ohne die kein Volk seine Kulturmission erfüllen kann. Im Uebrigen betrachtet der Parteitag das Vorgehen des russischen Raisers als ein Zeichen, daß selbst in den autokratischsten Kreisen als bar jeden Menschlichkeitsgefühls. Die Schuld dieser Klassen wird schon bewiesen durch die in jeder Beziehung entsetzlichen Zustände der unteren Volksschichten in Ungarn und Italien, Zustände, die das arbeitende Volk zur Massenflucht aus einem Vaterland nöthigen, das nur Elend und Noth, grausame Unterdrückung und Ausbeutung in den scheußlichsten Formen für sie übrig hat, und halbverthierte Messerstecher und Attentäter wie Luccheni erzeugt. Diese Zustände sind ein abschreckendes Beispiel für ein jedes Kulturland, denn sie zeigen, was eine raubgierige und unterdrückungssüchtige Aristokratie und Bourgeoisie aus einem fleißigen Volke und einem fruchtbaren Lande zu machen vermögen. Der Parteitag lenkt die Aufmerksamkeit aller ehrlichen Leute auf diese Zustände. Der Parteitag erklärt ferner: Die Versuche, den Meuchelmord an der Kaiserin von Desterreich gegen die Sozialdemokratie auszunußen, um Ausnahmegesetze oder sonstige reaktionäre Maßregeln zu rechtfertigen, betrachtet der Parteitag als ein Attentat auf die kümmerlichen Rechte und Freiheiten des arbeitenden Volkes. Keine Partei hat mehr als die Sozialdemokratie die Anschauung als falsch und verderblich bekämpft, daß der Mord, begangen an Personen in einflußreichen politischen Stellungen, irgend eine Verbesserung der bestehenden Zustände herbeiführen könne. Nicht die einzelne Person bestimmt den Gang der Dinge, sondern die herrschenden Klassen, gestützt auf ihre Machtmittel und ihren Einfluß. Wenn trotzdem gewisse Leute versuchen, den Meuchelmord an der österreichischen Kaiserin in dem angedeuteten Sinne zu verwerthen, so nur weil sie durch Gewaltmaßregeln gegen das arbeitende Volk ihre niedrigen, selbstsüchtigen Klasseninteressen fördern und ihren brennenden Haß gegen das Streben der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen, menschenwürdige soziale und politische Zustände herbeizuführen, befriedigen wollen. Der Parteitag spricht den Vertretern dieser arbeiterfeindlichen Bestrebungen die ihnen gebührende Verachtung aus. * In letzter Nummer irrthümlich in einer früheren Fassung mitgetheilt. Mene Tekel. So spricht die Macht: Thut euch zusammen zur letzten Schlacht! Es wankt und zittert die Herrschaft der Drohnen, Es wollen die Armen nicht mehr frohnen, Wir dürfen, um uns zu retten, nicht schonen; Thut euch zusammen der Tag ist erwacht, So spricht die Macht. So spricht die Noth: Wir anerkennen kein Gebot! Uns schreckt kein Kerker, uns schreckt kein Eisen, Wir haben nichts zu brocken, zu beißen, Wir können daher nur die Zähne weisen, Und fürchten weder Gott, noch Tod, So spricht die Noth. So spricht die Zeit: Mein Banner weht im Winde weit! Geschärft sind Sichel und Sense zum Schnitte, Ich harre der Mäher cherner Tritte, Schon bäumt sich mein Roß zum entscheidenden Ritte, Es weht mein Banner ich bin bereit! So spricht die Zeit. Ernst Klaar( Süddeutscher Postillon). Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Weibliche Fabrikinspektoren. Die erste Fabrikinspektorin in den Niederlanden soll 1899 angestellt werden. Der Minister für Handel und Industrie hat in das Budget für 1899 eine Kreditforderung eingesetzt, um neben zwei neuen Assistenten der Gewerbeaufsicht auch eine Fabrikinspektorin anzustellen. Für Letztere sind die amtlichen Funktionen als Assistentin vorgesehen. Daß man die Frau für die Aufgaben der Fabrikinspektion befähigt erachtet, ist in einem Lande nur recht und billig, wo ein kaum dem Backfischalter entwachsenes Mädchen für„ reif" gilt, als Königin ein Bolt zu regieren. Frauenbewegung. Eine trene, warme Freundin der Frauensache und der Interessen des arbeitenden Volkes ist Anfang Oktober in Stutt gart verstorben: Frau Emilie Gerok. Die Verstorbene stand nicht in unserem Lager, sie gehörte der evangelisch- sozialen Richtung der bürgerlichen Frauenbewegung an, unterschied sich aber von vielen ihrer Gesinnungsgenossinnen sehr vortheilhaft durch eine wahrhaft demokratische Denfart. Unablässig ließ sie sich angelegen sein, die Thätigkeit der bürgerlichen Frauen von der einseitigen Pflege einseitiger Wohlthätigkeit auf das Wirkungsfeld der sozialen Reformarbeit überzuleiten. Was sie als recht erkannte, dem lebte sie nach, unbekümmert um Anerkennung von unten und die Mißbilligung von oben nicht scheuend, eine gerade, klare Natur, in Wort und That, ,, furchtlos und treu" nach echter Schwabenart. Ihr letztes Wirken in der Deffentlichkeit hat den Interessen der Arbeiterinnen gegolten. Obgleich bereits das tückische Leiden an ihr zehrte, dem sie erlegen ist, ließ sie die Rücksicht auf Schonung, Pflege außer Acht, um sich an der von der Generalfommission veranlaßten Erhebung zu betheiligen, welche die Lage der Arbeiterinnen verschiedener Gewerbe klarstellen soll. Und wie hat sie mitgearbeitet! Mit der vollen Energie einer Gesunden, mit der ganzen Pflichttreue der Ueberzeugung. Erst die äußerste Verschlimmerung ihrer Krankheit riß sie aus den Reihen der Mitarbeiterinnen, und noch auf ihrem Schmerzenslager quälte sie der Gedanke, für eine Arbeit mitverantwortlich zu sein, an deren Abschluß sie nicht mehr Theil nehmen konnte. Ehre dem Andenken der Frau, die ihrer Ueberzeugung entsprechend mit warmem Herzen und rastlosem Eifer das Ihre dazu beigetragen hat, dem weiblichen Geschlecht und der Arbeiterklasse den Aufstieg zur Freiheit und vollen Entwicklung zu erleichtern. Die Zulassung weiblicher Aerzte zur Kassenpraxis im Prinzip und die sofortige Anstellung der Dr. med. Gräfin Geldern forderten die weiblichen kaufmännischen Angestellten in München in einer sehr gut besuchten Versammlung, die von dem Handelsgehilfinnenverein 176 Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. einberufen worden war. Die Forderung ist auch von dem kaufmännischen Verein für weibliche Angestellte sympathisch begrüßt worden. Die Ortsfrankenkasse III. München ist es, die über das Gesuch zu entscheiden hat. Eine Hochschule der Land- und Gartenkultur für Frauen will die bekannte englische Frauenrechtlerin, Lady Warwick, errichten. Lady Warwick hat des Weiteren die Absicht, kleine Besitzungen anzukaufen, die von Frauen bewirthschaftet werden sollen, welche auf der geplanten Hochschule ihre Ausbildung erhalten haben. Die Zulassung der Frauen zu den Approbationsprüfungen als Aerztinnen fordert der neue Volksschullehrerinnenverein Berlin" in einer Petition an den Kultusminister. Die Organisation glaubt auf das Entgegenkommen des Ministers rechnen zu dürfen, da dieser in der Sigung des Abgeordnetenhauses vom 30. April des Jahres das Vorhandensein tüchtiger weiblicher Aerzte als wünschenswerth" anerkannt hat. Eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung der Neuen Hebriden und der Freundschaftsinseln, zwei Inselgruppen der Südsee, will eine Schottin, Miß Hastle, unternehmen. Der Schwerpunkt der Expedition soll auf wissenschaftliche Sammlungen und meteorologische Beobachtungen gelegt werden. Fünfzehn Frauen haben sich bereits zur Betheiligung an der Forschungsreise gemeldet. Frauenärzte im Alterthum. Der weibliche Arzt ist nicht ein Geschöpf der Neuzeit; das ergiebt sich aus einer Notiz, welche die ,, Münchn. Mediz. Wochenschrift." dem New- Yorker Mediz. Journ." entnimmt: Etwa 300 v. Chr. besuchte eine junge Athenerin Namens Agnodice als Mann verkleidet die medizinische Schule ihrer Vaterstadt gegen das schon damals bestehende Verbot des Frauenstudiums und erfreute sich in der Folge eines bedeutenden Zulaufs. Als ihr Geheimniß bekannt und sie wegen Gesetzesüberschreitung gerichtlich belangt wurde, gelang es der stürmischen Agitation ihrer Mitbürgerinnen, die Verurtheilung zu hintertreiben und eine Aufhebung des Gesetzes durchzusetzen. Im Mittelalter erwarb eine Anzahl von Frauen den Doktorgrad, hauptsächlich an den maurischen Universitäten Spaniens. Trotula von Rugiero, welche im 11. Jahrhundert in Salerno prattizirte, erfreute sich eines europäischen Ruses. Im 14. Jahrhundert besaß Dorothea Locchi nicht nur den Doktortitel, sondern wirkte auch als Professor der Medizin an der Universität Bologna. Seitdem haben noch zwei weitere Professoren der medizinischen Fakultät zu Bologna dozirt: Anna Mongolini als Anatom und Maria delle Donna als Geburtshelferin( 1799). Nach Edikten von 1311 und 1352 zu urtheilen, scheinen auch in Frankreich weibliche Chirurgen nicht selten gewesen zu sein. Ueber den Einfluß der höheren Entwicklung und der gleichberechtigten sozialen Stellung der Frau auf die Verbesserung der Rasse hat sich kürzlich wieder der berühmte englische Gelehrte Alfred Russel Wallace mit aller Bestimmtheit ausgesprochen. Seiner Ansicht nach wird die wirthschaftliche und unabhängige Stellung des weiblichen Geschlechts die körperliche und geistige Verbesserung der Rasse ganz wesentlich fördern, weil sie es der Frau ermöglicht, ihren Gatten frei zu wählen. Wenn die Frau nicht mehr aus Rücksicht auf ihre wirthschaftliche Versorgung eine Ehe zu schließen braucht, so können körperlich oder geistig krüppelhafte Männer sich nicht länger Frauen kaufen und ihre Gebrechen auf ihre Nachkommen übertragen. Dank der Emanzipation der Frau wird sich also eine Art Auslese vollziehen, welche zur Fortpflanzung nur der körperlich und geistigsittlich Gesunden führt. Russell Wallace hat mit seiner Auffassung sicherlich recht, aber nicht die bürgerliche Frauenbewegung, sondern nur der Befreiungskampf des Proletariats vermag die Vorbedingungen dafür zu schaffen, daß allen Frauen eine wirthschaftlich unabhängige Stellung und eine allseitige Entwicklung der Persönlichkeit gesichert ist. * Einen weiblichen Laternenanzünder hat ein schottisches Städtchen ernannt und damit einen neuen Beruf den Frauen eröffnet, der zur„ Erleuchtung" gewiß viel beitragen wird. Quittung. Für den Agitationsfonds gingen bei der Unterzeichneten ein: 10 Mt. 5 Pf. von den Memeler Genossinnen; 38 Mt. 80 Pf. von den Berliner Genossinnen als Ueberschuß einer Uraniavorstellung, Summa: 48 Mt. 85 Pf. Dankend quittirt Frau M. Wengels Vertrauensperson. Berlin 0, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b.H.) in Stuttgart.