Nr. 25. Die Gleichheit. 8. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 7. Dezember 1898. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. ihrer Vergnügungen ihre Langweile todtzuschlagen- den armen Schwestern und Brüdern zu Liebe. Welcher Edelmuth und welche Bürgerlicher Wohlthätigkeitssport. Die Schutzzeit der Wöchnerinnen. Von Klugheit! Symmachos. Aus der Bewegung. Die Arbeiterfrau an ihren Mann. Nach dem Englischen der Frau Leman Grimstone von Andreas Scheu.( Gedicht.) Feuilleton: Ein geheimnißvoller Besuch. Von Mark Twain. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Weibliche Fabrikinspektoren. Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organisation. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Frauenbewegung. Bürgerlicher Wohlthätigkeitssport. Winterſtürme fegen über das Land und schärfen die Leiden der Darbenden. Die Poesie des Rauhfrostglasts, der wirbelnden Flocken, glitzernden Flußläufe und überschneiten Felder und Dächer vermag das verlorene oder nie besessene Heim nicht zu ersetzen, nicht das von der Noth verlöschte Feuer wieder anzublasen, nicht das Knurren des hungrigen Magens zum Schweigen zu bringen oder die Löcher in den schiefgetretenen Schuhen zusammenzuflicken. Trostloser, hilfsbedürftiger als in den Tagen sommerlicher Witterungsgunst starrt das schmerzensreiche Elend der Viel- zu- Armen gen Himmel. In den Streifen der Reichen und Viel- zu- Reichen aber schlägt in dieser Zeit das Vergnügen seine höchsten Wogen, steigert sich der Genuß zum Schwelgen, die Lust zum Taumel. In toller Hezjagd, welche den Genuß ermüdend, die Freude quälend werden läßt, lösen Bälle, Konzerte, Aufführungen, Kostümfeste, Routs 2c. einander ab. Dort mehr Elend, hier mehr Genuß. Und um das Schluchzen der Aermſten zu ersticken, das mißtönend in die sentimentalen Weisen der Walzer und den Uebermuth der Poltas klingt, um das qualverzogene Antlitz der Noth zu bannen, das der märchenhafte Glanz des elektrischen Lichtes vor den Thoren des Reichthums zeigt, der Wohlthätigkeitssport. Der Wohlthätigkeitssport, jenes Zwittergeschöpf von gutgemeintem, aber kurzsichtigem Mitgefühl und Wohlthun, prickelnder Zerstreuungssucht und widerlichem Schachergeist, das keine frühere Zeit gekannt hat, das ein charakteristischer Wechselbalg der bürgerlichen Gesellschaft ist und ihre Wesenheit unverfälscht wiederspiegelt. Gilt es Waisen zu nähren und zu kleiden; darbenden Schulkindern die Mahlzeit zu reichen, welche die in der Fabrik frohndende Mutter nicht zu bereiten vermag; schwache Witwen und bresthafte Greise zu versorgen; Wasser- und Hagelbeschädigten aufzuhelfen; armen Wöchnerinnen die nöthige Pflege zu sichern; einen Abglanz der Weihnachtsfreude der Reichen in die Hütten der Bedürftigen zu tragen, so lautet die Losung der bürgerlichen Gesellschaft: Wohlthätigkeitssport vor". Soziale Aufgaben der schwierigsten Art wähnt sie mittels der Ausflügelung und Abhaspelung von Vergnügungsprogrammen zu lösen. Das Massenelend, so redet sie sich ein, könne aus der Gesellschaft weggefegt werden durch die rauschenden Schleppen einer Handvoll wohlgeborener oder gar hochwohlgeborener Damen, die unter dem„ gnädigen Protektorat" einer hohen oder allerhöchsten Persönlichkeit zu Wohlthätigkeitszwecken tanzen, mimen, deklamiren, singen oder sonstwie die Kunst mißhandeln. Und die Hauptsache: nicht ohne Lohn für die„ edlen Wohlthäter", die vielleicht nie im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot gegessen haben und essen, die aber geruhen, im Schweiße Gewiß, wir bestreiten die guten Absichten nicht, die viele der Organisatoren und Organisatorinnen jener Wohlthätigkeitsveranstaltungen leiten, welche die bürgerlichen Blätter als„ Triumpf der Großmacht Wohlthun" und soziale Allheilmittel mit der dreisten Aufdringlichkeit von Bedienten anpreisen, deren Handwerk das Klappern im Dienste ihrer Brotherren ist. Es sind dies die wohlmeinenden Absichten jener Spielart guter Menschen aber schlechter sozialer Musikanten, die überzeugt sind, ein ganz besonders unanfechtbares Patent für„ praktisches Wirken im Dienste der Humanität und Kultur" zu besitzen, und die ihren„ idealen Lebenszweck" in den Versuchen erblicken, unter großen Freuden und kleinen Leiden das endlos fluthende Meer des sozialen Elends mit dem Löffel ausschöpfen zu wollen. Mit der Geduld spielender Kinder jagen sie dem Gaukelbild nach, durch das Wirken Einzelner auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit gut zu machen, was die herrschenden Klassen auf dem Gebiete des Wirthschaftslebens durch blindwüthige Ausbeutung fündigen und auf dem Gebiete der sozialen Neform unterlassen. Aber die gute Absicht der Väter und Mütter von Wohlthätigkeitsbazaren und Chrysanthemumfesten in allen Ehren: der Caritas ( Wohlthätigkeit) der Bourgeoisie stellt ihr Thun das vernichtendſte Armuthszeugniß aus. Dem Giapopeia auf das gute Herz der Beſizenden, welches das eigene Gewissen und die Erkenntniß der Enterbten einlullen soll, spottet ihr Werk, sie wissen selbst nicht wie. Was denn besagt im Grunde ihr Beginnen, Wohlthätigkeitszwecke und Vergnügen zu verquicken? Sicherlich nichts anderes als: Ihr, die Ihr im Besitz und Genuß sei, Euer Herz ist verhärtet gegen die Pein der Armuth. Wohlthun um des Wohlthuns wegen ist Euch fremd. Euch bewegt nur der Geist des Schachers, der mit einer Hand giebt, um mit beiden Händen zu nehmen. Wir kennen Eure Schäbigkeit. Und da das Mitgefühl Euch nicht dazu treibt, von Gurem Ueberfluß den Darbenden mitzutheilen, so erlisten wir für diese Brocken Eures Reichthums, indem wir Gure Schwächen ausbeuten, auf Eure Vergnügungssucht spekuliren, Euch das Wohlthun als profitables Geschäft mundgerecht machen. Das Wohlthun als ein lohnendes Geschäft, das ist der Kern des lärmenden Wohlthätigkeitssports, der eine bezeichnende Zeiterscheinung ist. Die bürgerliche Gesellschaft hat der Caritas ihre eigenen Züge aufgeprägt. In der vorkapitalistischen Zeit war das Wohlthun eine Pflicht, deren llebung in der Auffassung wurzelte, daß alles Gut ein Lehen sei, über dessen Verwaltung der Nuznießer Gott, dem eigentlichen Besizer, Rechenschaft schulde. Als Lohn der Wohlthätigkeit ließ man sich an einem Wechsel auf das Jenseits genügen. Wie anders in diesen Zeitläuften ,, bürgerlicher Tugend". Die aufgeklärte Bourgeoisie lächelt über den frommen Wahn, daß sie durch Gottes Gnade im Besitz sei, und gegen die Anerkennung der Wahrheit sträubt sie sich, daß der ausgebeuteten Arbeit Kraft ihr Reichthum und Ueberfluß schafft. Das Wohlthun ist ihr nicht eine Gewissenspflicht, sondern ein Geschäft, das es lohnend zu gestalten gilt. Und den Profit des Geschäfts will die Bourgeoisie nicht erst in jener Welt einstreichen. Dem leidenden Armen die Hoffnung auf die himmlische Entschädigung, dem genießenden Reichen dagegen die Gewißheit des irdischen Gewinnstes seines Wohlthuns! Jedem das Seine! In dem WohlthätigkeitSsport aber findet diese Auffassung ihren schärfsten Ausdruck. In ihm hat die Bourgeoisie mit der feinen Geschäftswitterung des erfahrenen Wucherers eine Form des Gebens ausgeheckt, welche dem einzelnen„Wohlthäter" wie der ganzen Klasse gewinnbringend ist und obendrein das Angenehme mit dem Nützlichen vereinigt. Eine Veranstaltung des Wohlthätigkeitssporls, und ihre Rechnung finden jene modernen Pharisäer, denen der altmodische bescheidene Reklamekniff des Gebens an den Straßenecken nicht genügt, die als„großmüthige Freunde der Armuth" vielmehr auf dem Markte der großen Tagesblätter gepriesen sein wollen. Der„Auch-Volksfreund" fördert den Wohlthätigkeitsbazar, um in diesen bösen Tagen des allgemeinen Wahlrechts mit einem nichtigen Tand etwas Popularität einzuhandeln, vielleicht gar einige Stimmen. Die alternde Kokette überschlägt den Gewinnn an Reizen und Komplimenten, den sie als„bereitwilligst Mitwirkende" von Schneiderinnen und Schminkes Gnaden zu erbeuten vermag. Die„fürsorgliche" Mutter und ihr„verständiges" Töchterlein gelangen zu dem Schluß, daß die treffliche Gelegenheit zur Jagd auf den Mann mit den Mitteln und Unkosten der Betheiligung an einer Wohlthätigkeitsvcranstaltung nicht zu theuer bezahlt ist. Das erforderliche Kostüm ist„gar so berückend", und als„Engel der Barmherzigkeit" kann man freier mit den geistigen und körperlichen Reizen kokettsten, denn als simple Balldame. Der WohlthätigkeitSsport bietet dem geschäftigen Müßiggang ein weites Be- thätigungsfeld, er liefert Vergnügungssüchtigen einen Vorwand, sich selbst gerührt als Tugendhelden zu bewundern; kurz, er ist eine Börse, an der die verschiedensten Werthe— sogar der Kuß einer berühmten Schauspielerin— geschachert werden, welche in der bürgerlichen Gesellschaft käuflich und verkäuflich sind. Sein Lebensnerv ist nicht das christliche Pflichtbewußtsein, nickt das menschliche Mitgefühl, sein Lebensnerv ist der Geist ödesten Pfefferkrämerthums. Und dieweilen die wohlthätigen Herren und Damen ihr Gewinnkonto an Vortheilen und Genuß einkassiren, macht die Bourgeoisie als Klasse ihr Geschäft. Aus dem WohlthätigkeitSsport destillirt sie eines jener Tränklein, mittels deren sie die Arbeiterklasse dem Kapital zins- und tributpflichtig erhalten will. Nachdem sie durch ihre Ausbeutung Elende und Hilfsbedürftige geschaffen, beutet sie Elend und Hilfsbedürftigkeit selbst als Mittel aus, die kapitalistische Auswucherung und Herrschaft zu festigen. Wäre der Gemeinde des Wohlthätigkeitssports thatsächlich und einzig darum zu thun, fremdes Leid zu lindern, schreiende soziale Schäden zu mildern: warum nicht die guten Zwecke direkt fördern, ohne den kostspieligen, zeitraubenden Umweg rauschender Feste und glänzender Vergnügungen, ohne das Tönen der Reklamefanfaren? Praktisch würden die gemeinnützigen Bestrebungen weit besser fahren, wenn ihnen statt der oft recht mageren Ueberschüsse prunkvoller Festlichkeiten die sehr großen Summen überwiesen würden, welche mittelbar und unmittelbar für diese Festlichkeiten verausgabt werden. Gewöhnlich vermag auch eine gefeierte Ballkönigin im Laufe einer Saison nicht soviel Ueberschüsse zu ertanzen, als die Toiletten kosten, mittels welcher sie offenbar in schöner Uneigennützigkeit ihr Herz für die Nothleidenden bekundet. Wenn die einzig waschechten Vertreter des empfindsamen Herzens und des praktischen Thuns die dringende Nothwendigkeit erkennen, in der Gegenwart dem Elend zu steuern, warum nicht der Kampf für soziale Reformen, statt des Tanzes vor der Bundeslade des häßlichsten Krämergeistes? Auch der eifrigste Besucher der Wohlthätigkeitsbazare kann durch Aufkauf sämmtlichen hier feilen geschmackvollen und geschmacklosen Trödels — das Lächeln der Verkäuferinnen inbegriffen— nicht entfernt den Nutzen stiften, wie eine Verkürzung der Arbeitszeit des Proletariats um eine Stunde täglich, eine Aufbesserung des Lohnes um eine Mark wöchentlich. „Wirthschaft, Horatio, Wirthschaft", kann unter Hinweis auf den Wohlthätigkeitssport das Proletariat denen zurufen, welche ihm einschwätzen möchten, auf den Klassenkampf für seine Befreiung zu verzichten und eine winzige Milderung seiner Leiden von einer Anwimmerung des guten Herzens der Besitzenden zu erharren. Der Wohlthätigkeit tanzenden, musizirenden und dekla- mirenden Herren und Damen wegen fühlt es sich der bürgerlichen Gesellschaft nicht einmal zu Danke verpflichtet, geschweige denn, daß es abrüsten könnte. Wie es sich betreffs der Triebfedern des Wohlthätigkeitssports kein X für ein U vormachen läßt, so auch nicht über seine praktische Tragweite. Das Proletariat weiß genau, daß nicht blos der Wohlthätigkeitssport, daß sogar die ernste Wohlthätigkeit darauf hinausläuft, der ausgebeuteten Masse mit der Linken an Hellern zu geben, was ihr mit der Rechten an Thalern genommen worden ist. Es erkennt klar, daß alles Wohlthun in der bürgerlichen Gesellschaft dem Tropfen gleicht, der verdunstet, noch ehe er den heißen Stein des Massenelends berührt hat. Und es weist vor allen Dingen im stolzen Bewußtsein seiner Leistungen zurück, als eine Gnade zu empfangen, was es als ein Recht beanspruchen muß. Nicht als Lumpenproletariat, das sich für Brot und Spiele zu Kulturdünger zerstampfen läßt, steht die Blasse der Enterbten heute auf der Bühne der Geschichte. Vielmehr als Proletariat der Arbeit, das im bewußten Kampfe für sein Recht ringt, Nutznießer und Träger der Kultur zu sein. Dieser Umschwung zeigt die Höhe der geistigsittlichen Entwicklung an, zu der sich das Proletariat aus dem Abgrund seiner Daseinsbedingungen im Kampfe emporgerungen hat. Der Wohlthätigkeitssporlsfex, der dem Proletariat die Brosamen zuwirft, welche von der Tafel seiner Genüsse und Geschäfte fallen, ein Bild des Abstiegs der Besitzenden. Der seiner Menschenwürde, seiner Klassenehre bewußte Proletarier, der die Almosen ausschlägt und für sein Recht kämpft, ein Bild des Aufstiegs der Enterbten aus Nacht zum Licht. Die Schutzzeit der Wöchnerinnen. Von dem Grundsatz ausgehend, daß es Pflicht des Staates ist, die gewerbliche Arbeit dann zu verhindern, wenn durch dieselbe Leben und Gesundheit der Arbeitenden gefährdet wird, ist unter Anderem in Z 137 Absatz 5 der deutschen Gewerbeordnung bestimmt:„Wöchnerinnen dürfen binnen vier Wochen nach ihrer Niederkunft überhaupt nicht und während der folgenden zwei Wochen nur beschäftigt werden, wenn das Zeugniß eines approbirten Arztes dies für zulässig erklärt." — Die Schweiz verlangt sogar durchweg eine Schutzzeit von acht Wochen, Oesterreich, die Niederlande und Belgien eine solche von vier Wochen; andere Staaten, selbst England, haben keine diesbezüglichen Sonderbestimmungen. Die sogenannte Schutzzeit der Wöchnerinnen liegt nicht nur im Interesse der Gesundheit der Frau, sondern ebenso in dem ihres neugeborenen Kindes, dem dadurch wenigstens für diese sechs Wochen eine fortwährende mütterliche Pflege und Wartung und in den meisten Fällen auch mütterliche Brustnahrung gesichert ist. Denn hat die Mutter erst die regelmäßige Fabrikarbeit wieder aufgenoinmen, dann ist es mit der Brustnahrung und der gnten, regelmäßigen Pflege gewöhnlich zu Ende. Das Kind wird im günstigsten Falle den Tag über Verwandten oder Nachbarn anvertraut oder ganz„in die Ziehe" gegeben; die Pflege und Wartung ruht also in der Hand von Personen, die für das Wohlergehen des kleinen Wesens wenig Interesse haben. Geht die Mutter erst wieder in die Fabrik, so kann sie ihrem Kinde nur wenig oder gar nicht mehr die Brust geben, obwohl dieses der Muttermilch noch sehr bedarf. Den Neugeborenen der Zigarrenarbeiterinnen wird sogar die Muttermilch gefährlich, wenn die Frauen nach Wiedereintritt in die Fabrik fortstillen. Or. Etienne in Nancy hat dies eingehend nachgewiesen und gezeigt, daß in diesem Falle das Kind noch eher am Leben bleibt, wenn es künstlich ernährt wird. In jedem Falle ist der Wiedereintritt der Mutter in die Fabrik für das Kind ein schwerer Schlag. Die Folgen lassen in der Regel nicht lange auf sich warten, denn fremde Nahrung kann dem Kinde die Muttermilch nicht ersetzen. Sein Magen ist vor Ablauf von etwa sechs Monaten absolut nicht im Stande, stark stärkemehl- und kasem- haltige künstliche Kindernährmittel zu verdauen. Leider wird häufig von Müttern und Pflegerinnen auch noch zu verwerflichen Mitteln gegriffen, um sich für einige Zeit Ruhe zu verschaffen. Schreiber dieses weiß aus eigener Erfahrung, daß z. B. in manchen Gegenden Rheinheffens, speziell in der Tabakindustriegegend, in den Apotheken Abkochung von Mohnköpfen faßweise verkauft wird. Die Abkochung dient zur„Beruhigung" der Weinen. In anderen Gegenden, wie Schlesien, bedient man sich zu diesem Zwecke des„Beruhigungssafts", der ebenfalls mit Mohnköpfeabkochung zubereitet wird, und in Berlin ist Kümmelschnaps ein beliebtes Mittel, den kleinen Schreihals auf einige Stunden unschädlich zu machen und der Mutter dadurch den Aufenthalt in der Fabrik zu ermöglichen. Daß solche Eingriffe in die kindliche Natur nicht ohne Nachtheile für dieselbe bleiben können, leuchtet wohl Jedem ein, auch ohne daß ihn die hohe Säuglingssterblichkeit daran erinnert. Wie wohlthätig die Schutzzeit der Wöch- nerinnen für das Befinden der Kinder ist, zeigt deutlich folgendes Beispiel. In der Fabrik von Jean Dollfuß in Mülhausen im Elsaß, in welcher 1862 105(1 Arbeiterinnen beschäftigt waren, wurde in dem angeführten Jahre eine sechswöchentliche Schutzzeit für Wöchnerinnen eingeführt. Die Arbeiterinnen erhielten für diese Zeit ihren Lohn fortgezahlt. Der bisherige Prozentsatz der Kindersterblichkeit ging darauf im ersten Jahre von 35 auf 28 herunter, also um zwanzig Prozent und sank sogar in den folgenden Jahren noch weiter. Ebenso wichtig wie für die Entwicklung der Kinder ist die Jnne- haltung der Schutzzeit für das Leben und die Gesundheit der Mutter. Wir wollen das hier etwas eingehender erklären, da Unkenntniß und Nichtberücksichtigung der in Betracht kommenden Umstände vielfach die Ursache langen, oft lebenslangen Siechthums der Frau ist. Auch die Männer und die Arbeitgeber berücksichtigen es vielfach nicht, daß meist eine Zeit von mindestens sechs Wochen den Beckenorganen zu ihrer völligen Rückbildung gelassen werden muß, wenn die Arbeiterin ohne Schädigung ihrer Gesundheit ihre volle Arbeit wieder aufnehmen soll. Was die Rückbildung der Gebärmutter betrifft, so beginnt dieselbe schon während der Geburt und ist in ungefähr sechs bis acht Wochen nach der Entbindung beendet, wenn der Wochenfluß aufgehört hat, und bei nicht stillenden Frauen die Menstruation sich wieder einstellt. Weit langsamer und unvollständiger bildet sich die Scheide zurück. Die vordere Scheidenwand hängt nach der Entbindung schlaff herunter, erst in der dritten und vierten Woche beginnt eine deutliche Verengerung und Faltenbildung in der Scheide, die allmälig weiter schreitet, aber nie die frühere Enge zurückführt. Die Bauchdecken bleiben ebenfalls mehrere Wochen lang schlaff, runzlich und faltig, so daß Wöchnerinnen häufig in Folge der leichteren Ausdehnbarkeit der vorderen Bauchwand allerlei Schädlichkeiten ausgesetzt sind. Bedenken wir nun, daß die Scheide lange Zeit braucht, bis sie sich wieder verengt, daß die Gebärmutter sich verhältnißmäßig langsam zurückbildet, wenn die Wöchnerinnen ihr Kind stillt— was häufig lange fortgesetzt wird, um zu großem Kindersegen vorzubeugen — vergegenwärtigen wir uns auch, daß der ganze Bandapparat der Geschlechtstheile aufgelockert und gedehnt ist, so wird es begreiflich, welche schwere Schädigungen der Gesundheit durch zu frühe Wiederaufnahme der Arbeit und dadurch bedingte zu frühe erhöhte Anstrengung der Bauchpresse verursacht werden. Die Wirkungen davon treten auf in Gestalt von Gebärmuttervorfall, von Abknickung, Umstülpung, Entzündung oder Verlagerung der Gebärmutter, in Gestalt von Brüchen der vorderen Bauchwand mit all den schweren Folgezuständen, die häufig den Anfang endloser Leiden und Beschwerden, sowie völligen Siechthums und gänzlich dauernder Arbeitsunfähigkeit der Frau bilden. Nach dem Vorstehenden wird man es sehr berechrigt finden, daß Z 137 der Gewerbeordnung wenigstens eine vier- bis sechswöchentliche Schutzzeit für Wöchnerinnen bestimmt, und daß die Gewerbeaufsichtsbeamten auf eine strenge Jnnehaltung dieser Bestimmung zu achten suchen. Es ist nur zu bedauern, daß die in der Hausindustrie und im Kleingewerbe beschäftigten Arbeiterinnen nicht ebenfalls der Schutzzeit theilhaftig werden. Leider ist die Kontrolle in den Fabriken, namentlich in großen Städten, recht erschwert. Um das Gesetz zu umgehen, das in ihrem eigensten Interesse erlassen ist, treten viele Arbeiterinnen nach ihrer Entbindung aus ihrer bisherigen Stelle aus und gehen in eine andere Fabrik, da in diesem Falle eine eingehendere Untersuchung nicht verlangt wird. Trotzdem wurden in Preußen im Jahre 1894 27 und im Jahre 1897 7 Fälle von Zuwiderhandlungen gegen dieses Gesetz von der Gewerbeaufsicht ermittelt, und in Sachsen 1895 1 und 1396 6 Fälle. Wohl halten viele Arbeiterinnen die sechswöchentliche Schutzzeit, um nicht bei der früheren Wiederaufnahme der Arbeit eine genauere Untersuchung der inneren Organe durch einen Arzt vornehmen lassen zu müssen. Es gilt dies besonders dann, wenn de» Wöchnerinnen während der Schutzzeit Krankengeld ausgezahlt wird. Allein viele Betriebskrankenkassen wollen davon nichts wissen. Der jedenfalls edle und humane Besitzer einer Tuchfabrik in Neumünster, der fünf Wöchnerinnen schon vier Wochen nach ihrer Entbindung ohne ärztliches Attest wieder beschäftigt hatte, weil seine Betriebskrankenkasse nur für vier Wochen Krankengeld zahlt, meinte,„daß durch längere Unterstützung sich nur die Zahl der Wöchnerinnen vermehren würde." In einer Fabrik im Bezirk Liegnitz fand der Gewerbeinspektor sogar drei Frauen schon drei Wochen nach ihrer Entbindung wieder in Arbeit. Den Umgehungen der gesetzlichen Vorschrift ist nur dadurch wirksam entgegenzuarbeiten, daß alle Krankenkassen ohne Ausnahme verpflichtet werden, den Wöchnerinnen mindestens volle sechs Wochen Krankengeld zu zahlen. Die Krankenkassen können das auch um so eher thun, da eine Wöchnerin bei Einhaltung der sechswöchentlichen, Schutzzeit aller Voraussicht nach in der Folgezeit weniger Krankengeld zu beanspruchen braucht, als eine Frau, die schon vier Wochen nach ihrer Entbindung wieder zu arbeiten anfängt. Bemerkt sei noch, daß für die Zeit der Schwangerschaft meines Wissens nirgends besondere Schutzbestimmungen bestehen, obwohl auch während der Schwangerschaft, besonders in den letzten Monaten, schwere körperliche Anstrengungen, sowie die Hantirung mit Giften, wie Phosphor und Blei, das Leben des Kindes wie das der Mutter bedrohen. Auch in dieser Hinsicht würde die Einführung weiblichen Aufsichtspersonals in den Fabriken und weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten sich gewiß als sehr ersprießlich erweisen. Die schwangeren Arbeiterinnen würden den Geschlechtsgenossinnen sicher viel eher Mittheilung von ihrem Zustande machen und seitens derselben wohl Berücksichtigung durch Zuweisung nicht schädlicher Arbeit finden. Den ausgiebigsten Schutz der Arbeiterin als Mutter durch alle möglichen Mittel zu sichern, ist eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit, eine Aufgabe, deren Lösung im Interesse der Frau, des Kindes, der gesammten Gesellschaft liegt, nicht zum Mindesten aber im Klasseninteresse des Proletariats, das seine Befreiung nur durch ein gesundes, kräftiges Geschlecht erkämpfen kann. L�mmaobos. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In Leipzig und Umgegend hielt Genossin Kähler-Wandsbeck Anfang November mehrere Versammlungen ab, welche die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen stärken sollten. In Plagwitz und Mockau fanden öffentliche Versammlungen der Textilarbeiter statt, in denen die Rednerin das Thema behandelte:„Die Abänderung des Z 152 der Gewerbeordnung und die Folgen für die Arbeiter." Beide Vers ammlungen waren recht gut besucht, zieht man jedoch die große Zahl der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen in dem einen und anderen Orte in Betracht— es mögen wohl 7000 sein— so hätte der Versammlungsbesuch ein noch stärkerer sein müssen. Erfreulicher Weise hat der Verband der Textilarbeiter durch die Versammlungen eine Anzahl neuer Einzelmitglieder gewonnen. In Leipzig sprach Genossin Kühler in einer öffentlichen Versammlung der Schneider und Schneiderinnen über:„Die Erlösung der darbenden Menschheit." An den mit reichem Beifall aufgenommenen Vortrag knüpfte sich eine kurze Debatte. Die Versammlungsbesucher— etwa 300 Männer und Frauen— erklärten sich in einer Resolution mit den Ausführungen der Rednerin einverstanden und verpflichteten sich, neue Mitglieder für den Verband der Schneider und Schneiderinnen zu werben. In Halle waren mehrere Versammlungen für die ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen vorgesehen. Hier hatte nämlich die liebe, die löbliche Polizei dem Verband der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen eine wohlwollende Aufmerksamkeit geschenkt. Die am Orte befindliche Zahlstelle war aufgelöst worden und zwar aus folgenden Gründen, aus denen das„Staatsgefährdende" dieser Organisation klärlich erhellt: Erstens sollte in der Versammlung vom 9. Juli, in welcher über die Abhaltung eines Vereinsvergnügens berathen wurde, gefragt worden sein, ob mit dem Wirthe des Lokals, in dem das Vergnügen stattfinden sollte, eine Vereinbarung dahin getroffen, daß er während des Vergnügens die Bedienung durch organisirte Kellner vornehme» lasse. Zweitens sei in einer Versammlung davon gesprochen worden, daß die älteren Kernmacher in der Formerei von Jacobi nur 35 Pf., die jüngeren aber 36 Pf. Stundenlohn erhalten. Drittens habe in einem Bericht des Verbandsorgans gestanden, in einer Versammlung nach der Reichstagswahl sei ein Hoch auf den sozialdemokratischen Wahlsieg ausgebracht worden. Viertens sei der Verein durch Wahl der Delegirten zum Gewerkschaflskartell mit diesem in unerlaubte Verbindung getreten, und fünftens— Schreck laß nach!— waren vor einer Bereinsversammlung auf die Tische im Vereinszimmer sozialdemokratische Flugblätter gelegt worden.— Die kürzlich einberufene öffentliche Versammlung der Einzelmitglieder des Verbandes verfiel der Auflösung, ebenso wurden zwei Tage darauf zwei öffentliche Versammlungen aufgelöst, und zwar unter Anziehung von Gründen, deren Stichhaltigkeit der ungeberdige„beschränkte Unterthanen- verstand" nicht zu erkennen vermag. Es wurden in der Folge fünf weitere Versammlungen in Aussicht genommen, in denen Genossin Kühler sprechen sollte. Zwei derselben haben bereits stattgefunden, eine in Halle selbst und eine in dem Vororte Giebichenstein. Beide Versammlungen erfreuten sich eines sehr starken Besuches. In Anschluß an Genossin Kühlers Ausführungen über„Die Leiden der ungelernten Arbeiter und die Nothwendigkeit der Organisation" gelangte einstimmig eine Resolution zur Annahme, in der die Anwesenden versprachen, sich der Gewerkschaft anzuschließen und ihre Entwicklung zu fördern. Auch in Halle wird sich erweisen, daß die pflichteifrige Polizei die Arbeiterbewegung zwar zu chikaniren. aber nicht aufzuhalten vermag, daß ihr schneidiges Schalten und Walten die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht entmuthigt. sondern zu regerer Thätigkeit im Dienste ihrer Befreiung anspornt. �V. X. In Berlin* fand am 2. November eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher die Genossinnen Mesch und Haase Bericht erstatten sollten über den Stuttgarter Parteitag. Leider war die Versammlung nur sehr schwach besucht, wohl in Folge des Um- standes. daß am gleichen Abend noch zwei große Versammlungen stattfanden: Bebel sprach über„Attentate und Sozialdemokratie" und Fischer behandelte den„Ausfall der preußischen Landtagswahlen". Genossin Mesch gab einen kurzen Ueberblick über die Verhandlungen des Parteitags. Genossin Haase hatte wegen Krankheit nicht in die Versammlung kommen können. In der Diskussion führte nach dem „Vorwärts" Genossin Rohrlack das Folgende aus: Sie hätte gewünscht, daß die aus Berlin delegirten Genossinnen zum Punkt „Presse" das Wort genommen hätten. Seit einiger Zeit seien nämlich Klagen darüber laut geworden, daß der„Vorwärts" die sozialdemokratische Frauenbewegung nicht hinreichend unterstützt. Die„Post" habe sich in einem Artikel unter Hinweis auf die Debatten unseres Parteitags über die sozialdemokratische Frauenbewegung lustig gemacht und unter Anderem bemerkt, diese Bewegung werde von den Genossen nicht ernst genommen, sondern nur als eine komische Erscheinung betrachtet. Die sozialdemokratischen Frauen würden sich zwar nicht aufregen über das. was bürgerliche Blätter vom Schlage der„Post" über die Bewegung der proletarischen Frauen sagen. Aber die bürgerliche Presse glaube wohl, sie dürfe sich in der von der„Post" beliebten Weise über die sozialdemokratische Frauenbewegung auslassen. weil der„Vorwärts" sich derselben nicht genug annehme. Genossin Gubela hätte gewünscht, daß die Berliner Genossinnen auf dem Parteitag die Angriffe gebührend zurückgewiesen, welchen die Genossinnen Luxemburg und Zetkin ausgesetzt gewesen. Der „Vorwärts" habe seine Schuldigkeit nicht gethan. er habe z. B. einen von einer Gewerkschaft eingesandten Bericht nicht aufgenommen. Solle die Frauenbewegung gedeihen, dann müßten sich die Frauen mehr als bisher den Gewerkschaften anschließen. Genossin Mesch erwiderte, man wisse, daß Genosse Auer gern Kraftausdrücke gebrauche. und ein Eingehen auf den Ton lohne deshalb nicht, den er den Frauen gegenüber auf dem Parteitage angeschlagen habe. Uebrigens hätten sich die Berliner weiblichen Delegirten zum Wort gemeldet, seien aber wegen Schlusses der Debatte nicht mehr zum Wort * Wegen Raummangels verspätet. Ein geheimnihvoller Besuch. Von Mark Twain. Die erste Notiz, welche man von mir nahm, als ich mich jüngst „zur Ruhe setzte", geschah in der Weise, daß ein Herr mich besuchte, welcher behauptete ein Abschätzer zu sein und mit der Abtheilung für innere Staatseinkünfte in Verbindung zu stehen. Ich sagte, ich hätte von seinem Geschäftszweige nie zuvor gehört, allein es freue mich nichtsdestoweniger, ihn zu sehen— ob er nicht Platz nehmen wolle. Er nahm Platz. Ich wußte nicht recht, wovon ich sprechen sollte, und doch fühlte ich, daß Leute, welche es bis zur Würde eines Hausbesitzers gebracht haben, unterhaltend, ungezwungen und gemüthlich in Gesellschaft sein müssen. Und so fragte ich ihn denn in Ermangelung von etwas Anderem, ob er in unserer Nachbarbarschaft seinen Laden eröffnen wolle. Er bejahte. Ich wollte nicht unwissend erscheinen, aber ich hatte gehofft, er werde mir mittheilen, was er zu verkaufen hätte. Ich wagte ihn zu fragen, wie es mit dem Geschäft ginge, und er sagte:„So, so". Dann sagte ich, wir würden gelegentlich mal vorsprechen, und wenn uns sein Geschäft so gut gefiele wie andere, so würden wir ihm unsere Kundschaft zuwenden. Er entgegnete, er glaubte, sein Geschäft würde uns hinreichend gefallen, um uns ganz auf dasselbe zu beschränken— noch niemals sei Jemand, der einmal in geschäftliche Berührung mit ihm gekommen, von ihm fortgegangen, um sich nach einem anderen Vertreter seines Gewerbes umzuthun. Das klang ziemlich selbstgefällig, aber abgesehen von jenem natürlichen Ausdruck der Niederträchtigkeit, der uns Allen eigen ist, sah der Mann recht ehrenwerth aus. gekommen. Genossin Rohrlack meinte, Auer gegenüber dürfe man nicht feinfühlend sein, sonst werde man für dumm gehalten. Die Frauen haben nicht nöthig. die Ungezogenheiten einzelner Männer über sich ergehen zu lassen. Auer habe die Frauenbewegung bis jetzt gar mcht unterstützt. Die Frauen müßten durch ihre Haltung beweisen. daß ihre Bewegung nicht auf dem letzten Loche pfeift, wie die gegnerische Presse behauptet. Wegen des schwachen Versamm- sammlungsbesuches wurde der Bericht und die Neuwahl der Vertrauensperson vertagt. In Friedrichsberg bei Berlin wurde in Anschluß an einen Vortrag der Genossin Mesch ein Bildungsverein für Frauen und Mädchen gegründet, dem sofort siebzehn Mitglieder beitraten. Der Vorstand besteht aus den Genossinnen Krapkat. Kreil und Rodanz. Die Mitgliederversammlungen finden jeden Dienstag nach dem ersten eines Monats statt. Eine bis auf den letzten Platz gefüllte öffentliche Frauenversammlung fand in Schöneberg bei Berlin statt. Genossin Ihrer referirte unter lebhaftem Beifall über:„Die künstliche Fleischver- theuerung und die Ernährung der Arbeiterklasse." Einstimmig wurde die in vorletzter Nummer mitgetheilte Berliner Resolution angenommen. Die bisherige Vertrauensperson der Schöneberger Genossinnen. Genossin Hübner, erstattete darauf Bericht über ihre Thätigkeit. Da sie eine Wiederwahl ablehnte, so wurde an ihre Stelle Genossin Seile als Vertrauensperson gewählt. Zum Zwecke der Ausbreitung des Fabrikarbeiterverbandes sprach Genossin Zietz-Hamburg in der Zeit vom 31. Oktober bis 13. November in folgenden Orlen: Weißenfels, Dessau. Zerbst, Roßlau, Bernburg, Atzendorf, M agdeburg. Alte Neustadt. Neue Neustadt und Sudenburg. Olvenstedt, Gr.-Ottersleben, Egeln. Wernigerode, Osterwieck und Halberstadt. Die Versammlungen waren mit wenigen Ausnahmen gut, zum Theil sogar glänzend besucht. In Dessau verfiel die Versammlung der polizeilichen Auflösung, weil Genossin Zieh angeblich das politische Gebiet betreten hatte, was in Anhalt bekanntlich den„Weibern" verboten ist. Im ersten Augenblick, nachdem der Beamte die Auflösung ausgesprochen. war alles verdutzt. Man hielt die Auflösung für unmöglich, da die Genossin Zietz zugeschriebene Versündigung gegen das Gesetz für Augen ohne Amtsbrille nicht erkennbar war. Allein die Auflösung war bitlerer Ernst. Wie auf Kommando erschienen ein Dutzend Schutzleute, die Schuppenkette herunter gelassen, die Hosen in den Stiefeln, als ginge es zum Kampfe, um„nöthigen Falles den Saal zu säubern". Jedoch der„Liebe Müh" war vergebens. Die Versammlungsbesucher entfernten sich ruhig, höchstens Ich weiß nicht, wie es eigentlich kam, aber nach und nach schienen wir niederzuschmelzen und zusammenzulaufen— in Bezug auf die Unterhaltung nämlich— und dann ging alles so bequem wie ein Uhrwerk. Wir plauderten und plauderten und plauderten— wenigstens that ich das. Und wir lachten und lachten und lachten— wenigstens that er das. Aber während der ganzen Zeit bewahrte ich meine Geistesgegenwart— ich hatte die mir angeborene Verschlagenheit„mit vollem Kopfe", wie die Ingenieure sagen, auf ihn gerichtet. Ich war entschlossen, trotz seiner dunkeln Antworten alles in Bezug auf sein Geschäft herauszubringen— und ich war entschlossen, es aus ihm herauszubringen, ohne daß er vermuthe, was ich vorhabe. Ich gedachte ihn in einer tief, sehr tief angelegten Falle zu fangen. Ich wollte ihm alles in Bezug aus mein eigenes Geschäft erzählen und er würde während dieses verführerischen Ausbruches von Vertrauen natürlich so warm gegen mich werden, daß er sich vergessen und mir alles hinsichtlich seiner Geschäftsanqelegenheiten erzählen würde, bevor er ahne, was ich vorhatte. Mein Lieber, dachte ich, wie wenig weißt du, mit welchem alten Fuchse du es zu thun hast! Ich sagte: „Ich wette, Sie würden nie errathen, was ich in diesem Winter und im letzten Frühjahr mit meinen Vorlesungen verdient habe?" „Nein— glaube nicht, daß ich's könnte, selbst wenn's sich um mein Leben handelte. Warten Sie mal— warten Sie mal. Vielleicht so ungefähr zweitausend Dollars? Aber nein— nein, mein Herr, ich weiß, daß Sie so viel nicht verdient haben können. Sagen wir mal so etwa siebzehnhundert?" „Haha! Ich wußte, daß Sie's nicht errathen können. Meine Einnahmen aus meinen Vorlesungen betrugen im letzten Frühjahr und in diesem Winter vierzehntausendsiebenhundertfünfzig Dollars — was halten Sie davon?" halblaut murrend, daß die prächtige Versammlung gestört war. Da Genossin Zieh noch den 11. November frei hatte, wurde eine zweite Versammlung einberufen, die noch bedeutend stärker besucht war wie die erste. Mindestens 600 Männer und Frauen hatten sich eingefunden, gleichsam Protest erhebend gegen das reaktionäre anhaltische Vereinsgesetz. Die Versammlung konnte glücklich zu Ende geführt werden, in ihr wurden 67 neue Mitglieder, darunter eine ganze Anzahl Frauen, für den Verband gewonnen. Im Ganzen wurden in den Versammlungen dem Verbande 336 neue Mitglieder zugeführt. Der Agitation für die Organisirung der ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen gingen vier Versammlungen voraus, welche der Porzellanarbeiterverband einberufen hatte. Genossin Ziez sprach in Rudolstadt, Kahla, Hermsdorf und Eisenberg S.-A. Diese Versammlungen waren ebenfalls sehr stark besucht, besonders auch von Frauen. Eine Anzahl Personen traten der Organisation der Porzellanarbeiter, Holzarbeiter, Metallarbeiter und Maurer bei. Im Ganzen erhielten die verschiedenen Gewerkschaften einen Zuwachs von 380 Mitgliedern. Die Arbeiterfrau an ihren Mann.* L. Z. ( Nach dem Englischen der Frau Leman Grimstone von Andreas Scheu.) Du nahmst mich, Colin, in dein Haus, in deines Herzens Schrein, Auf daß ich deines Schicksalswegs Gefährtin sollte sein. Und sag' mir, hab' ich je gefehlt der Pflicht, die mich beglückt, Und hab' ich je nach Lust begehrt, wenn dich der Gram bedrückt'? Nein, lieber theilt' ich deinen Schmerz, als eines Andern Lust ,. Denn du bist mir die ganze Welt, mein Himmel deine Brust! Du machst mein Hüttchen zum Palast, die harte Bank zum Thron, Dein Lächeln ist mir Sonnenlicht, Musik ist mir dein Ton! Wenn du erschöpft im Schlafe liegst, betrachte ich dich gern; Dann füllen meine Augen sich, ich rufe zu dem Herrn: ,, Sieh', wie in seiner Tages Frohn die Kräfte ihm vergehn O, wende deinen Blick auf ihn, daß sie ihm neu erſtehn!" Senkt dann auf meine Lider sich der Schlummer, süß und lind, Wie oft wird er von dort verscheucht durch unser liebes Kind! Dann still' ich es an meiner Brust, und wiege es zur Ruh', Ich fühl', es ist ein Theil von dir, ist ruhelos wie du! * ,, Deutsche Arbeiterdichtung", 5. Band, Verlag von Diet Nachf., Stuttgart. „ Na, das ist ganz erstaunlich 197 ganz und gar erstaunlich.| Ich will mir eine Notiz darüber machen. Und Sie sagen, das sei noch nicht alles gewesen?" " Alles? I bewahre! Da war z. B. mein Einkommen von der Buffaloer Extrapost" für vier Monate im Betrage von etwa etwana, was würden Sie zu beiläufig achttausend Dollars sagen?" ,, Sagen! Na, ich würde sagen, ich möchte mich auch mal in einem solchen Ozean von Ueberfluß wälzen. Achttausend! Das will ich mir notiren. Hm, mein Herr und bei alledem muß ich wohl annehmen, daß Sie noch weitere Einkünfte hatten?" " Hahaha! Nun, Sie befinden sich erst, wenn ich mich so ausdrücken darf, in der Vorstadt derselben. Da ist mein Buch: „ Die Harmlosen auf Reisen" Preis 3 Dollars 50 Cents bis 5 Dollars, je nach dem Einband. Und nun hören Sie. Sehen Sie mir in die Augen. Während der letzten fünftehalb Monate haben wir von diesem Buche 95 000 Eremplare verkauft - von den Verkäufen vor dieser Zeit ganz zu geschweigen! 95000! Bedenken Sie! Für jedes Eremplar durchschnittlich etwa vier Dollars. Das beträgt nahezu vierhunderttausend Dollars, mein Lieber. Und davon bekomme ich die Hälfte!" sieben ,, Gerechter Gott! Ich will auch das buchen. Vierzehn fünfzig acht zweihundert. Summa Summarum na, auf Ehre, die Totalsumme beträgt beiläufig zweihundertunddreizehn bis vierzehntausend Dollars. Ist so etwas möglich?" Möglich! Ist ein Irrthum mit unterlaufen, so kann's nur in der Weise geschehen sein, daß ich meine Einnahmen zu niedrig geschätzt habe. Zweihundertvierzehntausend Dollars baar so hoch beläuft sich mein diesjähriges Einkommen, wenn ich zu rechnen verstehe." Ich klage nicht; nur einen Wunsch, nur einen, heg' ich tief, Bevor mich eine höhre Macht von deiner Seite rief. Nicht heisch' ich süßren Liebeston, dein Wort stets lieblich tönt; Noch eine bessere Leibeskost ich bin an Brot gewöhnt; Ich frage nicht nach Putz und Tand, so lang die schlichte Tracht, Die mir geziemt, in deinem Aug' mich schön erscheinen macht! Nein; gieb mir nur ein Theil der Zeit, die du im Klub verbringst, Ein Theil nur von der Wissenschaft, die du dir dort erringſt! Gieb mir ein Stündchen jeder Nacht, die du den Männern giebst, Und mach' mich zur Genossin in der Sache, die du liebst! Lies mir aus deinen Blättern vor, derweil ich sitz' und näh' Bei Tag dent' ich darüber nach, bis ich es ganz versteh'! Dann schreit' ich würdig dir zur Seit' nach einem hohen Ziel, Bin unsrer Kinder Lehrerin in Schulung und im Spiel. Und sind wir auch nicht groß und reich, so sind wir liebumkreist: Und wie mein Herz dein Herz erwärmt, dein Geist wärmt meinen Geist! Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. * Ueber die Zunahme der Frauenarbeit in den Vereinigten Staaten veröffentlicht der Sozialistische Almanach", eine neue, von der sozialistischen Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten herausgegebene Zeitschrift, folgende Zahlen: Industriearbeiterinnen Angestellte im Handel und Verkehr Häusliche Dienste und Landarbeiterinnen Höhere Berufe 1870 329313 10822 1172869 91914 1890 995 188 193238 1907279 311241 Fabrikarbeiterinnen in Hamburg. Nach dem Amtsberichte des Fabrikinspektors für 1897 waren im Hamburger Aufsichtsbezirke 7137 Arbeiterinnen beschäftigt gegen 6070 in 1896; davon waren 4735 über 21, 2235 über 16 bis 21 und 167 unter 16 Jahre alt. Die Arbeiterinnen vermehrten sich um 17 Prozent, die männlichen Arbeiter dagegen nur um 9,9 Prozent, die Gesammtzahl der Arbeiter um 10 Prozent. Die Zahl der Arbeiterinnen stieg demnach beinahe um das mich das höchst unbehagliche Gefühl, daß ich meine Enhüllungen möglicherweise umsonst gemacht haben könnte, abgesehen davon, daß ich, geschmeichelt durch die erstaunten Ausrufe des Fremden, meine Einkünfte um ein Bedeutendes zu hoch angegeben hatte. Aber nein: im letzten Augenblick händigte mir der Herr ein großes Couvert ein, indem er sagte, es enthielte seine Geschäftsanzeigen; ich würde alles vorfinden; es würde ihn glücklich machen, wenn er mich zum Kunden erhielte ja in der That, er würde stolz sein, einen Mann von so ungeheurem Einkommen zum Kunden zn haben; er hätte allerdings geglaubt, es eristirten verschiedene reiche Leute in der Stadt, aber wenn sie in Geschäftsverbindung mit ihm kämen, müßte er entdecken, daß sie kaum genug zum Leben hätten, und es sei wahrhaftig eine so lange, lange Zeit her, daß er einen reichen Mann von Angesicht zu Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen und ihn mit seinen eigenen Händen berührt habe, daß er sich kaum enthalten könne, mich zu umarmen in der That, er würde es als eine große Gunst betrachten, wenn ich ihm gestatten wollte, mich zu umarmen. Das gefiel mir so ausnehmend, daß ich nicht den Versuch machte zu widerstehen, sondern diesem Fremdling mit dem einfältigen Herzen gestattete, mich in seine Arme zu schließen und ein paar beruhigende Thränen meinen Nacken hinunter zu weinen. Dann ging er seine Wege. Sobald er fort war, entfaltete ich seine Geschäftsanzeigen. Vier Minuten lang studirte ich sie aufs Aufmerkſamſte. Dann rief ich die Köchin herein und sagte: " Halten Sie mich, ich falle in Ohnmacht! Lassen Sie Marie die Blechkuchen umwenden." Als ich allmählich wieder zu mir gekommen war, schickte ich nach der Rumfabrik an der Straßenecke und miethete mir einen Da stand der Herr auf, um sich zu empfehlen. Da überkam Künstler, der gegen wöchentliche Ablöhnung des Nachts aufsize Doppelte gegenüber der Zahl der Männer und der gesammten Arbeiterschaft. Das Streben der Unternehmer nach der billigeren weiblichen Arbeitskraft einerseits und die in immer weiteren Kreisen eintretende Nothwendigkeit, die Frauen und Töchter mit zum Erwerb heranzuziehen, erklären die bedeutende Zunahme der Arbeiterinnenzahl in Hamburg. Zu bemerken ist noch, daß die Zahlen sich nur auf Arbeiterinnen beziehen, die in inspektionspflichtigen Betrieben beschäftigt sind. Weibliche Fabrikinspektoren. " 1 dz. Vermehrung der Zahl der weiblichen Fabrikinspektoren in England. In Nummer 21 der„ Gleichheit" theilten wir nach einer Meldung der Sozialen Praxis" eine Aeußerung des Ministers des Innern von England mit. Dieselbe bezog sich auf das Verbot der Verwendung von gelben Phosphor bei der Zündhölzchenfabrikation und auf die Mehreinstellung weiblicher Fabrikinspektoren. Zu letzterem Punkte besagte sie, daß wiederum zwei weibliche Fabrikinspektoren ernannt worden seien und demnächst eine weitere Aufsichtsbeamtin angestellt werden würde. Wir fügten damals der Mittheilung die Bemerkung hinzu, daß wir bezüglich der Mehreinstellung weiblicher Fabrikinspektoren in anderen Blättern feine genaueren Nachrichten gefunden hätten. Erkundigungen, die wir in England einziehen ließen, bestätigen nun, daß die damalige Notiz thatsächlich nicht ganz richtig war. Die Fabrifinspektorin Miß Rose Squire theilt zur Frage freundlichst das Folgende mit: 1. Die Zahl der weiblichen Fabrikinspektoren beträgt jetzt sechs. 2. Die sechste Fabrikinspektorin wurde im September dieses Jahres ernannt. 3. Der Staatssekretär des Innern erklärte in der letzten Session im Unterhause, daß er in Bälde mehr weibliche Fabrikinspektoren anstellen werde. Wenn also auch die seiner Zeit gebrachte Meldung berichtigt werden muß, so bleibt doch die Thatsache bestehen, daß die Zahl der weiblichen Fabrikinspektoren in England auch im letzten Jahre vermehrt worden ist, und daß die Regierung die Anstellung weiterer Gewerbeaufsichtsbeamtinnen vorsieht. Es ist gut, diese Thatsache festzuhalten, da in Deutschland noch immer ab und zu die alte Legende aufgewärmt wird, die Frauen hätten sich in England als Fabrikinspektorinnen nicht bewährt, und die englische Regierung nehme in der Folge von einer Mehreinstellung von weiblichen Gewerbebeamten Abstand. Weibliche Vertrauenspersonen, welche zwischen der Fabrikinspektion und den Arbeiterinnen vermitteln, sind von den Gewerkschaften in Württemberg bis jetzt in folgenden Städten ernannt 198 worden: Stuttgart, Calw, Göppingen, Heidenheim, Ludwigsburg und Reutlingen. In Stuttgart sind drei Frauen mit der Vermittlung betraut, in Göppingen und Reutlingen je zwei, in den übrigen Städten amtirt eine weibliche Vertrauensperson. Gewerkschaftliche Arbeiterinnen- Organisation. Die 10. Generalversammlung des Verbandes der Handschuhmacher, der männliche und weibliche Berufsangehörige umschließt, tagte vom 7.- 12. November in Burg. 15 Delegirte vertraten 42 Orte und 3024 Verbandsmitglieder. Der Rechenschaftsbericht und der Kassenbericht, die sich über vier Jahre erstreckten, zeigten das Gedeihen des Verbandes. Dieser zählte 1895: 2694 männliche und 192 weibliche Mitglieder; 1896: 2752 bezw. 170; 1897: 2844 bezw. 118; 1898: 3029 bezw. 144. Von allen Arbeiterkategorien weisen die Handschuhmacher den größten Prozentsatz organisirter Berufsangehöriger auf, und das an allen Orten. Was im Betreff des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses von den Berufsangehörigen im Allgemeinen gilt, trifft leider auf die Arbeiterinnen nicht zu. Die Bemühungen, sie zu organisiren, hatten nur einen vorübergehenden Erfolg. Der Vorstand führte den Mißerfolg auf zwei Gründe zurück: auf die niedrigen Beiträge der weiblichen Mitglieder und die daraus folgenden geringen Leistungen des Verbandes für sie; auf die geringe Fühlung zwischen Arbeitern und Arbeiterinnen. Die Agitation für die Organisirung der Waschlederhandschuhmacher hatten einen guten Erfolg. Die Auflage des Verbandsorgans ist von 2000 auf 3700 ge= stiegen. Besonders eingehend waren die Berathungen des Verbandstages über den Punkt:„ Das Filialwesen, die Hausarbeit und Ueberzeitarbeit, bezw. Beschlußfassung etwaiger Maßnahmen dazu." Nicht weniger als 30 Redner sprachen zu dem Gegenstande, zu dem auch zahlreiche Anträge vorlagen. Nach einem kurzen Referat des Vorsitzenden Wasner und sehr gründlichen Debatten wurde der von diesem gestellte, folgende Antrag angenommen:„ Die 10. Jahresversammlung des Verbandes der Handschuhmacher Deutschlands erklärt, daß sie die Hausarbeit sowie die Ueberarbeit als die größten und die Arbeiter am meisten schädigenden Uebel unseres Gewerks betrachtet, deren völlige und endgiltige Beseitigung dringend geboten ist. Die Generalversammlung beschließt, daß dies nunmehr in energischer Weise erstrebt werden soll und beauftragt den Verbandsvorstand, alle ihm nothwendig und geeignet scheinenden Maßnahmen zu treffen, denen zu folgen alle Ortsvereine, resp. sämmtliche Mitglieder verpflichtet sind. Ehe diese Maßnahmen getroffen werden, wird der Verbandsvorstand ermächtigt, an den Fabrikantenverein die Anfrage zu stellen, und jenen Fremdling verfluche und mir tagsüber von Zeit zu Zeit gemäß tausend Dollars steuerfrei der einzige lichte Punkt, den einen Puff gäbe, wenn ich an eine schwere Stelle käme. Ach, welch' ein Bösewicht war er! Seine Geschäftsanzeige" war nichts Anderes als ein nichtswürdiger Steuerzettel eine Reihe unverschämter Fragen nach meinen Privatangelegenheiten, welche den besten Theil von vier engsten Druckseiten einnahmenFragen, beiläufig bemerkt, die mit so wunderbarem Scharfsinn ausgeflügelt waren, daß der älteste Mann der Welt nicht herausbringen konnte, worauf die meisten derselben lossteuerten Fragen endlich, welche darauf berechnet waren, den Betroffenen zu nöthigen, etwa das Vierfache seines wirklichen Einkommens anzugeben, wollte er nicht einen falschen Eid schwören. Ich sah mich nach einem Schlupfloch um, aber es schien gar keins vorhanden zu sein. Frage Nr. 1 umfaßte meinen Fall so großmüthig und weitläufig, wie ein Regenschirm einen Ameisenhausen überspannt: , Was waren während des verflossenen Jahres Ihre Einnahmen aus einem Handel, Geschäft oder Beruf, wo immer derselbe auch betrieben wurde?" Und diese Frage wurde von dreizehn anderen von eben so neugierigem Charakter unterſtüßt, von denen die bescheidenste Auskunft darüber forderte, ob ich mich eines Einbruches oder Straßenraubes schuldig gemacht, oder ob ich durch Mordbrennerei oder durch irgend eine sonstige geheime Erwerbsquelle Eigenthum erworben, welches in der Angabe meiner Einnahme gegenüber der Frage Nr. 1 nicht aufgezählt wäre. Es lag klar auf der Hand, daß der Fremde mir dazu verholfen hatte, mich lächerlich zu benehmen. Das lag sehr, sehr klar auf der Hand, und so ging ich aus und miethete mir noch einen Künstler. Indem er meine Eitelkeit gefißelt, hatte der Fremdling mich dazu verführt, mein Einkommen auf zweihundert vierzehntausend Dollars anzugeben. Hiervon waren dem Gesetz ich gewahrte, aber es war nur ein Tropfen im Meere. Nach den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich der Regierung die erschreckliche Summe von zehntausendsechshundertundfünfzig Dollars Einkommensteuer zahlen. " " ( Ich will hier gleich bemerken, daß ich das nicht gethan habe.) Ich kenne einen sehr reichen Mann, dessen Haus ein Palast ist, der eine fönigliche Tafel führt, dessen Ausgaben ungeheuer sind, und der dennoch kein Einkommen hat, wie ich oft an den Steuerzetteln gesehen habe. An diesen wandte ich mich um Rath in meiner Noth. Er nahm meine entseglichen Angaben bezüglich meines Einkommens, setzte sich die Brille auf die Nase, nahm die Feder zur Hand und sieh da! im Handumdrehen war ich arm! Es war das glatteste Ding von der Welt. Er brachte es einfach dadurch zu Stande, daß er in geschickter Weise die Berechnung der ,, Abzüge" redigirte. Er setzte meine Staats-, National- und Kommunalsteuern" zu so und so viel an; meine Verluste durch Schiffbrüche, Feuersbrünste u. s. w." zu so und so viel; meine ,, Verluste beim Verkauf von Grundstücken" beim Veräußern des Viehstandes", bei Zahlungen von Hausmiethe" ,, bei Reparaturen, Verbesserungen, Zinszahlungen" zu so und so viel davon abgesehen, daß ich dadurch, daß mein Gehalt als Beamter bei der Armee, der Flotte, den Steuern u. s. w. der Vereinigten Staaten schon früher besteuert worden", um so und so viel geschädigt worden war. Aus all' diesen Dingen brachte er ganz erstaunliche Abzüge" heraus. Und als er fertig war, händigte er mir das Schriftstück ein und ich sah sofort, daß während des letzten Jahres der wirkliche Gewinn von meinem Einkommen eintausendzweihundertundfünfzig Dollars und vierzig Cents betragen hatte. " " " " " " Nun", sagte er, die tausend Dollars sind steuerfrei, Sie ob dieser geneigt ist, auf dem Wege der Vereinbarung mit dem Verbande die Haus- und Ueberarbeit zu beseitigen." Der Punkt:„ Die Organisation der Arbeiterinnen des Berufs" führte ebenfalls zu ausgedehnten Erörterungen. Mehrere Delegirte machten die Agitation unter den Arbeiterinnen für die schwache Betheiligung der weiblichen Arbeiter an der Gewerkschaft verantwortlich. Andere wieder erblickten die Ursache des geringen Erfolgs in der manufakturmäßigen Produktion, in der Rückständigkeit und der mangelhaften Erziehung der Arbeiterinnen und zum Theil auch in dem abstoßenden Benehmen der Arbeiter den Kolleginnen gegenüber. Einig war man in der Anerkennung der Nothwendigkeit, die Arbeiterinnen des Berufs dem Verbande zuzuführen. Zur Förderung der Arbeiterinnenorganisation wurde beschlossen, daß es die Generalversammlung den Ortsvereinen empfiehlt, durch spezielle Untersuchungen über die Lage der Arbeiterinnen bezüglich der Behandlung, Bezahlung 2c. das Interesse der Arbeiterinnen zu wecken und zu diesem Zwecke vor allen Dingen die Verbandspresse zu benutzen. Der Verbandstag befaßte sich des Weiteren mit einer Reihe von Anträgen, die sich auf die Abänderung des Statuts und des Reglements bezogen. Besonders wichtig waren die Auseinandersetzungen über die eventuelle Erhöhung der Mitgliederbeiträge. Die Erhöhung wurde besonders vom Vorstand warm befürwortet und zwar unter Hinweis auf die bevorstehenden Kämpfe wie auf die Nothwendigkeit, eine Erweiterung der Arbeitslosenunter stützung eintreten zu lassen. Der Vorstand befürwortete insbesondere auch eine Erhöhung der Beiträge der weiblichen Mitglieder, damit der Verband diesen mehr bieten könne. Die Mehrzahl der Delegirten sprachen sich jedoch gegen die vorgeschlagene Erhöhung aus, die von der Generalversammlung denn auch abgelehnt wurde. Abgelehnt wurden auch die Anträge, die den obligatorischen Arbeitsnachweis und die Ausdehnung der Arbeitslosenunterstützung forderten. Einstimmig wurde die Streichung eines Absatzes des Statuts angenommen, der den Ausschluß von Mitgliedern wegen Verbrechens oder gemeinen Vergehens vorsieht. Der Beschluß wurde treffend mit dem Hinweis auf das drohende Zuchthausgesetz begründet. Vom 1. Januar 1899 ab schließt sich der Verband wieder der Generalkommission an. Der eventuell bevorstehende Kampf für die Beseitigung der Haus- und Ueberarbeit wird von großem allgemeinen Interesse sein und hoffentlich Erfolge zeitigen. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Das Kellnerinnenelend ist offiziell bestätigt worden durch die Erhebungen, welche die Reichskommission für Arbeiterhaben jetzt weiter nichts zu thun als hinzugehen, dies Dokument zu beschwören und die Steuer von den zweihundertundfünfzig Dollars und vierzig Cents zu bezahlen." ( Während er diese Rede hielt, mauste ihm sein Söhnchen Willy einen Zweidollarschein aus der Westentasche und verschwand damit, und ich möchte jede Wette eingehen, daß wenn mein Fremdling diesem Jüngelchen morgen seinen Besuch abstattete, er in Bezug auf sein Einkommen eine falsche Angabe machen würde.) " Machen Sie", sagte ich, in dieser Weise für sich selbst immer solche, Abzüge"?" „ Na, das sollt' ich meinen! Ohne diese elf rettenden Klauseln, welche unter dem Titel, Abzüge' figuriren, würde ich jährlich zum Bettler werden, um diese verhaßte, nichtswürdige, räuberische und tyrannische Regierung zu unterstützen." Dieser Herr steht hoch über den allerbesten der soliden Männer der Stadt über den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer Lauterfeit, von unanfechtbarer gesellschaftlicher Fleckenlosigkeit und so beugte ich mich seinem Beispiel. Ich begab mich nach dem Steueramt und trat unter den anklagenden Blicken meines frühern Besuchs vor und beschwor Lüge auf Lüge, Betrug auf Betrug, Gemeinheit auf Gemeinheit, bis meine Seele zolldick mit Meineiden bepanzert und meine Selbstachtung auf immer dahin war. Aber was liegt daran? Es ist weiter nichts als was Tausende der höchstgestellten, reichsten und stolzesten, der geachtetsten, geehrtesten und umworbensten Männer in Amerika jedes Jahr thun. Und deshalb mache ich mir nichts daraus. Ich schäme mich gar nicht, ich werde einfach vor der Hand wenig reden und mich vor feuerfesten Handschuhen in Acht nehmen, damit ich nicht unwiderruflich in gewisse schreckliche Gewohnheiten verfalle. 199 statistik durch die Vernehmung von Auskunftspersonen aus dem Gastund Schankwirthschaftsgewerbe vom 18. bis mit 21. November vorgenommen hat. Prinzipale wie Hilfspersonen aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands waren zur Auskunftsertheilung berufen worden. Zwar bezogen sich die Erhebungen zum bei weitem größten Theile auf die Verhältnisse der Kellner und männlichen Angestellten. Allein die am letzten Erhebungstage erfolgende Vernehmung von Kellne rinnen und weiblichen Angestellten stellte fest, daß die für das männliche Personal ermittelten Thatsachen im Allgemeinen auch für das weibliche Personal gelten, wo dieses vorwiegend im Gastwirthschaftsgewerbe beschäftigt ist. Das Vorhandensein geradezu greulicher Mißstände betreffs der Länge der Arbeitszeit wurde vollauf erwiesen. In den Hotels haben die Kellner einen 19-20 stündigen Dienst. Es wurde betont, daß die Form der Lohnzahlung sehr viel zu der ausgedehnten Arbeitszeit beiträgt. Die Kellner erhalten keinen Zeitlohn, sondern sind darauf angewiesen, den größten Theil ihres Baareinkommens aus den Trinkgeldern zu ziehen. In der Folge können sie erst abrechnen, wenn der letzte Gast fort ist. Bei festen Preisen der Speisen und Getränke mit Einrechnung der Kosten für Bedienung und der Gewährung festen Stundenlohnes für die Kellner könnte in 90 von 100 Fällen die lange Arbeitszeit eingeschränkt werden. Daß eine Aenderung möglich ist, beweisen die Verhältnisse in den Cafés. Der ununterbrochene Betrieb hat zur doppelten Beſetzung der Posten geführt, die Servierkellner stehen im festen Lohne und erhalten fein Trinkgeld, die Arbeitszeit des Hilfspersonals ist hier am kürzesten und regelmäßigsten. Obgleich die Unternehmer behaupteten, daß eine Aufhebung des Trinkgelds unmöglich sei, und daß einzelne Kellner Dank des üblichen Systems ganz folossale Tageseinnahmen erzielten, erklärten die Kellner doch übereinstimmend, das Trinkgelderunwesen als eines der größten Uebel ihres Berufs zu empfinden und eine feste Einnahme dem jetzigen Gnadenlohn vorzuziehen. Die unregelmäßigste Arbeitszeit weisen die Saalgeschäfte auf, hier folgen gelegenlich auf 40stündige Arbeitszeit mehrere Tage der Ruhe oder Arbeitslosigkeit. Die Köche haben einen 14-16 stündigen Arbeitstag, sie klagten über unhygienische Arbeitsräume, Berufskrankheiten, die nicht verwunderlich sind, und Lehrlingszüchterei. Die Unternehmer wollten von einer längeren als siebenstündigen Ruhezeit für das Hilfspersonal nichts wissen. Die Angestellten dagegen erachteten diese Ruhezeit mit Recht als für zu kurz. In allen Zweigen des Gastwirthschaftsgewerbes empfinden die Angestellten das Bedürfniß nach einem vollen Ruhetag. Wie die Aussagen von Kellnerinnen aus Stuttgart und Straßburg aufzeigten, fann ein voller Ruhetag sehr gut gewährt werden. Es braucht blos nach dem Vorbild vieler Wirthschaftsbetriebe in diesen Städten eine überzählige Hilfskraft eingestellt werden, welche bei flottem Geschäftsgange eingreift oder zum Ersatz von Angestellten, die ihren freien Tag haben. Prinzipale und Angestellte verurtheilten in Uebereinstimmung den Stellenwucher, für den krasse Beispiele aus München und Frankfurt a. M. angeführt wurden. Trotz der schreienden Uebel der privaten Stellenvermittlung haben die Gastwirthsinnung und der Wirthsverein letztgenannter Stadt es abgelehnt, sich des Nachweises der organisirten Gehilfenschaft zu bedienen. Der Stellenvermittler ist ein reichlich verzehrender Gast in den Wirthschaften! Wie aus den Aussagen von Kellnerinnen und anderen weiblichen Angestellten hervorging, leiden diese unter den gleichen Uebeln wie ihre Kollegen. Bezüglich der Länge der Arbeitszeit liegen aber vielfach die Verhältnisse für sie insofern noch ungünstiger, als sie Morgens das Puzzen besorgen müssen. Nach der stenographischen Aufnahme der Aussagen soll ein Bericht ausgearbeitet werden, an den Vorschläge der Kommission zum gesetzlichen Schutze des Hilfspersonals im Gastwirthschaftsgewerbe anschließen. Möchten diese Vorschläge nicht lange auf sich warten lassen, nicht allzuschwächlich ausfallen und vor Allem von einer kräftigen gesetzgeberischen Aktion zu Gunsten einer besonders traurig gestellten Arbeiterschichte gefolgt sein. Das deutsche Proletariat ist durch seine Erfahrungen in der Beziehung zum äußersten Mißtrauen berechtigt. Man denke an das Mäuslein des Arbeiterschuzes, das der kreißende Berg der offiziellen Erhebungen, Vorschläge 2c. geboren, man denke, daß wir in der Aera des Unternehmerschutzes und Arbeitertruges leben. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Sozialistische Volksschullehrerinnen in Italien. Nicht wenige italienische Volksschullehrerinnen sind begeisterte Anhängeorganisationen an, welche jetzt fast ausnahmslos der Auflöſung verfallen sind. Besonders in Mailand, in Turin und anderen oberitalienischen Zentren der modernen Industrie zählt die sozialistische Bewegung unter den Volksschullehrerinnen viele Bekennerinnen und rinnen des Sozialismus und gehörten den sozialistischen Arbeiter zwar nicht blos heimliche nach deutschem Muster sondern öffentliche. Innerhalb der von der Reaktion zerschmetterten Arbeiterkammern, Gewerkvereine, Konsumgenossenschaften, wie in den politischen Vereinen waren Lehrerinnen agitatorisch thätig. Mehrere derselben haben in der Aera des Belagerungszustandes ihr Wirken mit Abſegung, Strafversetzung und anderen Maßregelungen büßen müssen. So wurde die Genossin Emilia Marioni, städtische Lehrerin in Turin, wegen sozialistischer Agitation auf drei Monate ihres Amtes enthoben. Und das obgleich sie nachweislich ihre Berufspflichten in vorzüglicher Weise erfüllt hat und die sozialistische Agitation nicht in der Schule trieb. Die gleiche Strafe wegen der gleichen„ Sünde" traf die Genossin Linda Maluati, städtische Lehrerin in Mailand. Ihre sozialistischen Missethaten waren ursprünglich mit der Amtsentsetzung geahndet worden, doch milderte die Provinzialverwaltung die Strafe gnädig ab. Andere Lehrerinnen noch sind gemaßregelt worden. Bis jetzt hat die Reaktion durch ihr Toben die sozialistische Ueberzeugung der italienischen Lehrerinnen nicht erschüttert, sondern nur den Haß gegen ein Regime befestigt, das die Freiheit des Gedankens knebeln will, um die Herrschaftsstellung der Ausbeutenden zu sichern. Frauenbewegung. * 18 weibliche Stationsvorsteher sind von der BaltimoreOhio- Linie angestellt worden. Ihre Stationen sollen sich durch besondere Reinlichkeit und Ordnung auszeichnen. * Kalifornische Frauen haben eine Eisenbahn- Aktiengesellschaft gegründet. Die Gründerinnen sind sämmtlich selbständige Farmer, die zum Theil Goldgruben auf ihrem Grund und Boden entdeckten. Um die Erzeugnisse ihrer Ländereien zu verwerthen, bauen sie jetzt eine sechzig Meilen lange Eisenbahn von Summerville nach Stocktown. * Eine Ironie auf die Gleichberechtigung der Geschlechter ist der Umstand, daß im Parlament von Neuseeland, an dessen Wahlen sich bekanntlich auch die Frauen betheiligen, weibliche Journa listen nicht zugelassen werden! * Eine Sprechhalle für die Interessen der Arbeiterinnen hat die französische, von Frauen geleitete Zeitung„ La Fronde" eingerichtet. Beschwerden einzelner Arbeiterinnen ebenso wie solche, die von Arbeiterinnenvereinen ausgehen, Artikel über ihre wirthschaftliche Lage, ihre Organisation u. s. w., sollen darin Aufnahme finden. Unsere Genossin Frau Aline Valette und Fräulein Marie Bonnevial leiten die neue Rubrik der„ Fronde". Aus den Berichten erfahren wir, daß zwei Frauengewerkschaften, die Blumenmacherinnen und die Schneiderinnen, ihre Bureaus in der Arbeiterbörse haben. Eine dritte Gewerkschaft, die der Wäscherinnen, ist im Entstehen. Das Wahlrecht zu den Handelsgerichten werden die französischen Frauen im Dezember dieses Jahres zum ersten Male ausüben. Fünfzehn Jahre lang ist um dieses Recht gekämpft worden, 1883 mußte die Kammer zum ersten Male Stellung zu der einschlägigen Forderung nehmen, welche von der bekannten energischen Frauenrechtlerin( Maria Deraismes in einer Petition erhoben wurde. Die Forderung wurde damals natürlich abgelehnt, aber sie kehrte wieder und wieder, von immer größeren Kreisen unterstützt, bis sie schließlich die Zustimmung der Kammer und des Senats fand. Am 28. Januar 1898 wurde das Gesetz erlassen, Kraft dessen die Frauen, welche als selbständig Handelstreibende Gewerbesteuer zahlen, unter den gleichen Bedingungen wie die Männer die Handelsrichter wählen. Man sollte meinen, daß die Französinnen das endlich zuerkannte Recht mit größtem Eifer ausüben würden. Den Anzeichen nach scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Von den 50280 Personen, welche sich bis Mitte November in Paris in die ausgelegten Wähler listen eingezeichnet hatten, waren nur rund 3000 Frauen. Diese 3000 sind ein geringer Bruchtheil der sehr zahlreichen Frauen, welche in Paris selbständig einem Handelsgeschäfte vorstehen. Der Kleinhandel vieler Branchen ruht fast ausschließlich in den Händen der Frauen; die Gattinnen sehr vieler Klein- und Mittelbeamten führen selbständig ein Geschäft, um eine„ standesgemäße“ Existenz der Familie zu ermöglichen. Die weiblichen Handelstreibenden stehen also dem Wahlrecht zu den Handelsgerichten noch sehr verständnißlos und lau gegenüber. In der Presse wird deshalb vielfach daran gezweifelt, daß das Wahlrecht auch nur von all den 3000 Frauen ausgeübt werden wird, die sich in die Wählerlisten eintragen ließen. Das materielle Interesse aller Handelstreibenden an der Zusammensetzung der Handelsgerichte wird auch den Frauen nach und nach die Erkenntniß von der Bedeutung des verliehenen Wahlrechts bringen. 200 belgischer Genosse Vandervelde in einem Gesezantrag in der Kammer gefordert. Diesem Antrage zufolge sollen für den Ertrag der Arbeit und die persönlichen Ersparnisse der verheiratheten Frau die Beſtimmungen des Zivilrechts( Artikel 1536 bis 39) über die Gütertrennung Anwendung finden, welches Güterrecht auch immer für die Ehe gilt. Als Ertrag der persönlichen Arbeit und als persönliche Ersparnisse der Frau sollen alle Summen und Werthpapiere gelten, welche von der Frau in einer Sparkasse oder einem ähnlichen Institut eingezahlt worden sind. Der Antrag setzt fest, daß die verheirathete Frau durch alle Rechtsmittel, sogar durch die Berufung auf die allgemeine Meinung, den Nachweis dafür erbringen kann, daß be stimmte Summen oder Werthpapiere von dem Ertrag ihrer Arbeit herkommen oder ihre persönlichen Ersparnisse sind. Der„ Belgische Verein für die Verbesserung des Looses der Frau" unterstützt den Antrag durch eine Petition, welche der Kammer zugehen soll, sowie durch eine lebhafte Agitation in den frauenrechtlerischen Organifationen und der frauenrechtlerischen Presse. Seit Februar 1891 haben der belgischen Kammer Anträge vorgelegen, welche im Wesentlichen mehr oder weniger vollständig die gleichen Forderungen formulirten, die Genosse Vandervelde im Interesse der verheiratheten Frauen erhoben hat. Der sozialistische Antrag wurde bereits im April 1896 eingebracht, gelangte aber noch nicht zur Verhandlung und wird erst in letzter Zeit durch eine kräftigere Agitation unterstützt. Die Befürworter der Reform verweisen zur Begründung ihrer Forderung besonders auf die veränderten wirthschaftlichen Verhältnisse, welche auch die verheirathete Frau zur Erwerbsarbeit zwingen, ferner auf die Nothwendigkeit, im Interesse der Kinder, der Familie den Ertrag der Arbeit und die Ersparnisse der verheiratheten Frau gegen die Vergeudung durch einen trunksüchtigen, liederlichen Mann sicher zu stellen. In der Alles in Allem ganz verdienstlichen frauenrechtlerischen Agitation für die Forderung laufen leider gar manche Uebertreibungen und falsche Auffassungen unter. So erblickt z. B. die eine frauenrechtlerische Organisation die Ursache der modernen Erwerbsarbeit der Frau lediglich in der Trunksucht der Männer 2c. Hoffentlich haben die Bemühungen zur Durchsetzung der geforderten Reform Erfolg. Der Frauen- Leseklub zu Kopenhagen feierte dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum. Seine Entwickelung und sein Wirken zeigt, was Energie und Ausdauer zu leisten vermögen. Die königliche Bibliothek wie die Unversitätsbibliothek zu Kopenhagen waren den Frauen nur schwer zugänglich, in den Leseklub des„ Athenäum" werden Frauen nicht aufgenommen. In der Folge beschloß eine energische Dame, Kristine Petersen, einen Frauen- Leseklub zu gründen. Die Organisation tam 1873 zu Stande, sie zählte etwa 70 Mitglieder und die eröffnete Bibliothek umfaßte 1000 Bücher. Dem Klub gehören jetzt mehr als 1100 Mitglieder an, seine Bibliothek enthält 16000 Bände. 1896 gab der Klub 49750 Bände aus, während die tönigliche Bibliothek nur 12000 und die Universitätsbibliothef 22000 Bände auslieh. Der Klub verfügt über einen Vortragssaal, an die hier gehaltenen Referate schließt sich freie Diskussion. Auch die Errichtung des Vortragssaales ist der Anregung von Kristine Petersen zu danken. Eine Stenographin und Maschinenschreiberin ist dem Oberbürgermeister von Cannstatt beigegeben worden. Die Dame ist damit als städtische Beamtin angestellt. * 195 weibliche Studenten absolviren dieses Jahr ihre Studien an der medizinischen Hochschule für Frauen in London. Unter ihnen befindet sich eine Indierin, Fräulein Sorabji, deren Schwester in Amerika Jura studirte. Die Erhöhung des Schuhalters der Mädchen gegen Verführung auf 18 Jahre ist im Staate Kolumbia durch Gesetz beschlossen worden. Die Entschuldigung des Verführers, er habe das Alter der Verführten nicht gekannt, hat fünftig nach dem Gesetze feine Geltung mehr. Die amerikanischen Frauenrechtlerinnen be= trachten die Annahme des Gesetzes als einen großen Erfolg ihrer Agitation. Quittung. Für den Agitationsfonds gingen bei der Unterzeichneten ein: 50 Mt. durch Genossin Ihrer; 5 Mt. von den Genossinen in Gera3wößen. Summa 55 Mt. Dankend quittirt November 1898. Frau M. Wengels Vertrauensperson. Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. Das Verfügungsrecht der verheiratheten Frau über den Ertrag ihrer Arbeit und ihre Ersparnisse hat unser Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Eißner) in Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. H.) in Stuttgart.