Nr. 1. Die Gleichheit. 9. Jahrgang. Hqzf 2 9 DES VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH DEUTSCHLAND Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3033) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den 4. Januar 1899. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Einladung zum Abonnement. Bewegung. Berlin. I. ( Gedicht.) Nur Etappe, nicht Endziel. Aus der Die Frauenfrage im Alterthum. Von Lily Braun in Feuilleton: Die Stimme der Freiheit. Von J. H. Mackay. Morgenwanderung. Von Cäsar Flaischlen. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Soziale Fürsorge für Familienrecht. Frauenbewegung. Kinder und Mütter. Einladung zum Abonnement. Mit der vorliegenden Nummer beginnt der neunte Jahrgang der„ Gleichheit". Wie bisher so wird die„ Gleichheit" auch fernerhin mit aller Energie und Schärfe kämpfen für die volle soziale Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen verschwindet mit den jezt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirthschaftliche Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Menschen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Aufhebung dieser Gegensäße kann jedoch nur erfolgen durch den Klassenkampf: die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Und nur ihr, feineswegs aber der bürgerlichen Frauenrechtelei, die zwar zu Gunsten des weiblichen Geschlechts innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft reformiren will, aber grundsäßlich eine Revolution der Gesellschaft zu Gunsten der ausgebeuteten Klasse zurückweist. Der charakterisirte Standpunkt, der Standpunkt des Klassenkampfs aber muß in einem Organ für die Interessen der proletarischen Frauen scharf und unzweideutig betont werden. Und dies um so schärfer, je mehr sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen angelegen sein lassen, durch allgemeine humanitäre Phrasen und kleinliche Konzessionen an Reformforderungen der Arbeiterinnen Quertreiberei unter die proletarische Frauenwelt tragen und sie dem Klassenkampf entziehen zu wollen. Gerade aber die proletarischen Frauen für den Klassenkampf zu schulen, das wird auch in Zukunft die vornehmste Aufgabe der ,, Gleichheit" bleiben. Dem Ansturm der Reaktion gegen die sozialistische Bewegung zum Troz; der besonderen Reaktion gegen die tlassenbewußten Proletarierinnen zum Troß! Ihrem alten Programm getreu wird die„ Gleichheit" auch im neu n Jahre rufen zu dem Streit, wo ein Hüben und Drüben nur gt." Wir hoffen, daß sich das Blatt damit die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien erwerben wird. Redaktion und Verlag werden wie bisher Alles aufbieten, was in ihren Kräften steht, damit die„ Gleichheit" ihrer Aufgabe gerecht wird. " Die Gleichheit" ist im Reichspostzeitungskatalog pro 1899 eingetragen unter Nr. 3033, im württembergischen Katalog unter Nr. 125 und kostet vierteljährlich 55 Pfennig ohne Bestellgeld. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Probe: und Agitationsnummern der„ Gleichheit" werden jederzeit gratis abgegeben. Recht zahlreichen neuen Abonnements sieht entgegen Die Redaktion und der Verlag. Nur Etappe, nicht Endziel. Es wogt und zittert eine tiefe, schwere Sehnsucht durch die zeitgenössische Kulturwelt, eine tiefe, schwere Sehnsucht, wie sie zehrender keine Zeit gekannt: das glühende Verlangen breiter, unterdrückter Massen nach vollem Menschenthum, nach einem ungehemmten Entfalten, Aufblühen und Ausreifen der Persönlichkeit. Von Vielen unbewußt in der unruhigen, tastenden und hastenden Seele getragen, mehr geahnt und empfunden, als klar bewußt erkannt, ist diese Sehnsucht eine der treibenden Kräfte der sozialen Kämpfe unserer Tage, giebt sie ihnen einen großen Theil ihres ideellen und idealen Gehalts. Es gilt die sozialen Schranken zu schleifen, welche die Herrschaft einer Klasse über eine andere klasse begründen und damit der großen Mehrzahl der Beherrschten die Möglichkeit des Aufstiegs zum Vollmenschenthum vorenthalten. Daher Klassenkampf des Proletariats gegen den Kapitalismus, damit keinem Arbeitenden, ohne Unterschied des Geschlechts, des Berufs, der Nation durch die Klassenlage der soziale Untergrund entzogen bleibe, auf dem die starke, freie Persönlichkeit erwächst. Daher Klassenkampf des sozial unterbürtigen weiblichen Geschlechts gegen die sozial herrschende Männerwelt, auf daß keiner Frau durch ihre Geschlechtszugehörigkeit die freie Bahn für Entwicklung und Ausleben verlegt werde. Denn treibend, stachelnd, alte Ideale fortfegend und auf neue Ziele deutend schwingt das Sehnen nach ungehindertem, kraftvollem Flügelschlag der Persönlichkeit heute auch in der Frauenwelt. Aber freilich: so berechtigt und unvermeidlich auch unter diesem Gesichtswinkel der Kampf für die soziale Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ist, so viel er dazu beiträgt, soziale Ketten zu sprengen, welche die Weibpersönlichkeit in ihrem Sein und Thun an ein Prokrustesbett bannen: durch die Verwirklichung der frauenrechtlerischen Forderungen allein wird die Frauenfrage nicht endgiltig gelöst; nicht vermag die soziale Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts allein die gesellschaftlichen Vorbedingungen zu schaffen für die Entwicklung und das Wirken der Frau als eines weiblichen Vollmenschen. Wir sehen davon ab, daß die Frau des werkthätigen Volkes in ihrer Eigenschaft als Proletarierin, als kapitalistisch Ausgebeutete, ihr volles Menschenthum nur durch die Zerschmetterung der Herrschaft des Kapitals zu gewinnen vermag. Wir fassen vielmehr nur die Lage der Frau als Frau ins Auge. " Gewiß, daß der Berufsarbeit der Frau eine ungeheure wirthschaftliche und geschichtliche Bedeutung innewohnt, daß sie dem weiblichen Geschlecht die Pforte erschließt, die zum Staatsbürgerthum, zur sozialen Gleichberechtigung führt. Gewiß, daß sie schlummernden Fähigkeiten das Wachet und Wirkt" zuruft, eine Fülle ungenüßter, verkümmernder, in falsche Entwicklungsbahnen gelenkte geistige und sittliche Kräfte zur gesunden Entfaltung und Bethätigung bringt. Aber trotz alledem verbürgt die Berufs= thätigkeit unter der kapitalistischen Ordnung den weitaus meisten Frauen nicht ein harmonisches Ausleben ihrer ganzen Persönlich keit. Mehr noch, sie stellt sich vielfach gerade einem solchen harmonischen Ausleben als unübersteigliches Hinderniß in den Weg. In der übergroßen Mehrzahl der Fälle wird durch das „Hinaus-ins-feindliche-Leben" die Frau nur von der öden Einseitigkeit des eng beschränkten Nichts-als-Hausfrauenthums erlöst, um der nicht weniger öden Einseitigkeit der Nichts-als-Berufs- sklaverei überliefert zu werden. Die Berufsthätigkeit fesselt heutzutage im Allgemeinen die Fähigkeit und Thätigkeit der Person an ein immer enger um- zirkeltcs Feld. Auf dem Gebiet der Handarbeit wie der Kopfarbeit wird für die große Menge die Universalität, das in allen Zweigen Beschlagensein, das Beherrschen eines Ganzen, einer Vielheit und ihrer Zusammenhänge mehr und mehr verdrängt durch die Spezialität, das sich Beschränken auf die Einzelheit, das Kleine. Und Hand in Hand mit der Verengung der Berufssphäre geht das immer ausschließlichere Aufgesaugtwerden der Person durch den Beruf. Was in dieser Hinsicht in der Welt des Proletariats die erbarmungslose kapitalistische Ausbeutung der Arbeitskraft bewirkt, das bedingt in der bürgerlichen Welt die wilde Hetzjagd der kapitalistischen Konkurrenz. Dem Beruf wird nicht nur, was dem Beruf gebührt, sondern ein Mehr auf Kosten des allgemein Menschlichen, nur zu oft das Beste, ja Alles, was die Person ist und was sie kann. Der Beruf ist nicht mehr um des Menschen willen da, vielmehr der Mensch um des Berufs willen. Die nieisten berufsthätigen Frauen können sich diesem Stande der Dinge nicht entziehen, der ihr Sein und Thun mit Einseitigkeit und Verkümmerung schlägt. Für die proletarische Frau wandelt sich die Berufsarbeit unter der Fuchtel der kapitalistischen Ausbeutung in die drückendste Berufssklaverei. Diese hebt der Proletarierin Menschenthum auf und läßt sie nur noch als„Hand" weitervegetiren; sie verschlingt die Persönlichkeit mit ihren Gaben, mit ihrem Sehnen, Wünschen, Wollen und Ringen; den Rechten und Pflichten der Frau begegnet sie mit der gleichen mißachtenden Rücksichtslosigkeit. Sie zehrt der Prolctarierin Nerven- und Muskelkraft bis zum letzten Fünkchen auf, sie beansprucht die letzte Minute ihrer Zeit. Die Berufsarbeit führt die proletarische Frau aus der Enge des ärmlichen Haushalts in den Zwang und die Beschränktheit des kapitalistischen Betriebs, aber mit Nichten in eine Welt der freien allseitigen Entwicklung, des freien, allseitigen Wirkens. Nicht das ungekannte und doch gesuchte Land des Vollmenschenthums erschließt sie ihr, sie schlägt vielmehr ihr Menschenthum ans Kreuz der Lohnsklaverei. Aber auch die erwerbsthätige bürgerliche Frau muß erfahren, daß die Berufswelt, die sie erobert, nicht eine Welt des freien, harmonischen Ausreifens und Auslebens der Persönlichkeit ist. Sie sehnte sich vielleicht danach, im Studium„die Brüste zu fassen, an denen Himmel und Erde hängt", sie muß sich jedoch damit begnügen, eine zunstmäßige Gelehrsamkeit, ein durchschnittliches Berufskönnen zu gewinnen, gerade genug, um mit Ehren ein Examen zu bestehen. Als Wissende träumte sie zu wirken und zu schaffen, allein sie ist gezwungen, handwerksmäßig, in alten Geleisen trabend, einer herkömmlichen Schablone entsprechend einen Beruf auszuüben. Zu einem schönen Kunstwerk gedachte sie ihre Existenz zu gestalten, doch siehe: während sie auf der einen Seite reichen neuen Lebensinhalt aufbaut und ausbaut, wird ihr an der anderen Seite vom besten Lebensinhalt entrissen, fortgespült, verschlungen von den grauen Wogen der Alltagsberufspflicht. Dem Vollmenschen in ihr wollte sie ein Werde zurufen, aber nur der Typus der liberalen Berufsthätigen erstand. Denn auch ih:e Berufsarbeit vermag sich den barbarischen Gesetzen des Kampfes Aller wider Alle um die Existenz nicht zu entziehen. Sicher, daß auch der Mann unter dem heutigen Berufsleben leidet, daß auch Seiten seines Wesens unter seinem Einflüsse verkrüppeln. Aber die weibliche Eigenart und die weiblichen Sonderaufgaben bedingen es, daß das Frauenleben durch die gekennzeichneten Tendenzen weit tiefer und verhängnißvoller getroffen wird. Denn der Frau fällt in Folge ihres Zusammenhangs mit dem Kinde ein besonderer Kreis von Pflichten zu, und die Erfüllung dieser Pflichten wird um so schwieriger, sie ist ernstlich gefährdet, je umfassender die Berufsarbeit die Kräfte der Frau beansprucht, je mehr sie unter dem Stachel der kapitalistischen Ausbeutung und Konkurrenz die ganze Persönlichkeit in ihren Dienst zwingt. Das proletarische Familienleben beweist das schlagend, weil die Berufsarbeit der Proletarierin der brutalsten Ausbeutung anheimfällt. Oberflächliche Frauenrechtelei bestreitet zwar, daß das Pflichtgebiet der Frau als Mutter und Gattin durch die Berufsarbeit bedroht wird. Sie verweist auf die Thatsache, daß die Revolution des Wirthschaftslebens die Frau des größten Theils der wirth- schaftlichen Obliegenheiten im Hause enthoben hat. Das stimmt, berechtigt aber nicht alle die Schlußfolgerungen, die an die Thatsache geknüpft werden. Das Ideal für die Leistungen der Frau als Mutter und Gattin liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Die Einengung des wirthschaftlichcn Thätigkeits- feldes der Frau im Hause geht Hand in Hand niit einer bedeutenden Erweiterung und Vertiefung ihres geistig-sittlichen Pflichtgebiets daselbst. Je reicher, vielseitiger, sich selbst bewußt, persönlicher der moderne Mensch ist; je mannigfaltiger, verwickelter, unsicherer, veränderlicher die sozialen Bedingungen sind, in denen er lebt und webt, um so höhere geistige und sittliche Anforderungen stellt das Zusammenleben mit dem Manne, stellt die Erziehung des Kindes an die Frau. Es genügt nicht länger, daß sie als vielgetreue Magd dienend zum Manne emporblickt, sie muß als Gefährtin in der vollsten Bedeutung des Wortes neben ihm stehen und mit ihm vorwärts schreiten. Die gewissenhafte, liebevolle Hüterin und Pflegerin des Kindes muß der bewußten, planmäßig handelnden Erzieherin weichen, die Menschen formt, nach ihrem Bilde, ein kühn trotziges Geschlecht von Freien, Starken und Strebenden. Da genügen denn für das Walten der Frau in der Familie nicht die Brosamen der Persönlichkeit, welche die wirthschaftliche Thätigkeit von ihrem Tische fallen läßt. In schweren inneren und äußeren Kämpfen prallen deshalb die Berufspflichten und die Familienpflichten aufeinander. Es sei denn, daß für die Frau die Berusfthätigkeit eine neue Form des geschäftigen Müßiggangs ist, daß sie die Mutterschaft als einen Zufall, einen verhaßten Unfall auffaßt. Es sei denn, daß sie als Berufsthätige wie als Weib Befriedigung daran findet, jämmerlich zu stümpern, statt als bewußt Schaffende ganzes Werk zu thun. In schwerzensreichen Konflikten müssen gerade die besten Frauen tagtäglich eine neue Antwort auf die alte Frage suchen: was schulde ich der Familie, was dem Berufe, der Welt? Und mögen sie sich.Gemllth und Geist blutig ringen in dem Bestreben nach einem Ausgleich, einem harmonischen Neben- und Miteinander der beiden Pflichtkreise: nicht immer können sie„dem Kaiser geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Wenn es gleich ist, als ob ein Schwert durch ihre Seele dränge, sie müssen sich nur zu oft dem harten Gebote des Entweder— Oder beugen. Fremd und daheim in der Welt des Hauses, fremd und daheim im Hause der Welt, von innerer Unrast verzehrt suchen sie in glühendem Verlangen und bilterer Qual das Land der Sehnsucht, wo der Mensch in der Frau nicht im Nur-Aschenputtel- thum verkümmert, wo das Weib in ihr nicht in der Nur-Berufs- sklaverei verdorrt, das Land, wo sie als weiblicher Vollmensch sich zu entwickeln und zu bethätigen, zu genießen und zu schaffen vermag. Jedennoch: mag die Berufsarbeit der um volles Menschenthum ringenden Frau nicht alles halten, was sie von ihr erhoffte, nicht kann es sich darum handeln, von den neuen Uebeln zu den alten Leiden zurückzuflüchten, aus Furcht vor den neuen Schranken sich an der alten Beschränkung festzuklammern. Denn die Berufsarbeit ist die Grundlage für die soziale Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, wie diese ihrerseits eine Vorbedingung ist für die Entwicklung der Frau zur freien Persönlichkeit. Und nicht der Berufsarbeit an und für sich haften diese Uebel an, sie sind vielmehr nur ihre Begleiterscheinungen in der kapitalistischen Ordnung. So lange das tobte Kapital über den lebendigen Menschen herrscht, der Besitz gleichsam die Person todtschlägt, die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und die Konkurrenz zum Zwecke höchsten Profits des Einzelnen treibende Kräfte im Wirthschaftsleben sind: so lange, aber auch nur so lange muß sich die Berufsarbeit aus einer Dienerin der Frau in ihre Herrin verwandeln. Selbst unfrei und versflavt muß sie die Arbeitende als Unfreie in Fesseln schlagen, ihr Sein und Thun in enge Schranken bannen. Nur in einer Gesellschaft der befreiten Arbeit fann die Frau sich zur harmonischen Persönlichkeit entwickeln und als harmonische Vollnatur ausleben. Sicherlich auch hier nicht ohne heißes Ringen und Kämpfen um Klarheit über die Grenze ihrer Bethätigung in Haus und Welt. Aber ohne daß ihre Kämpfe unter dem Zwange brutaler äußerer Nothwendigkeiten stattfinden und durch sie entschieden werden. Will die Frau ohne Unterschied der Klassenstellung durch die Berufsarbeit nicht blos ihre soziale Gleichberechtigung erringen, sondern ein Mehr erobern: volles, freies Menschenthum, einen reichen, tiefen und harmonischen Lebensinhalt, so muß deshalb zum Kampfe für ihre soziale Befreiung durch die Arbeit der Kampf treten für die Befreiung der Arbeit selbst. So schließt sich der Ring. Die letzte Schlacht für das volle Menschthum des gesammten weiblichen Geschlechts wird nicht auf dem Gebiete der Frauenrechtelei geschlagen, sondern im proletarischen Klassenkampf gegen die Herrschaft des Kapitals. Nur Etappe, nicht Endziel ist für die den höchsten Idealen zustrebende Frau der Kampf für die soziale Gleichberechtigung der Geschlechter. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Zur Förderung der politischen Organisation des Proletariats unternahm Genossin Zieß- Hamburg in der Zeit vom 19. November bis 13. Dezember eine Agitationstour durch die Provinz Hannover. Versammlungen fanden statt in Gelle, Peine, Han nover, Linden, Limmer, Sarstedt, Alfeld, Einbeck, Oste= rode, Goslar, Göttingen, Münden, Hameln, Bramsche, Quartenbrück, Nienburg( Weser), Walsrode, Hildesheim, Moritzberg und Bockenim. Die Referentin sprach über die Themata: „ Wer ist der Feind der Arbeiterklasse?"" Die Ursachen des proletarischen Klassenkampfes"," Der Kampf um die Volksrechte" und Die Gesetzgebung und das Volk". Die Versammlungen waren durchweg gut, zum Theil sogar sehr gut besucht, besonders auch von Frauen. " Die Stimme der Freiheit. Hus„ Sturm" von 1. H. Mackay. Ich rufe euch, die ihr in Noth und Grauen Geboren seid und lebt: Ihr sollt mich schauen! Ich rufe, Mann, dich, der mit eherner Kraft Verhungernd Glück und Glanz dem Reichen schafft Laß ab die Hand vom Werk! Dich ruft mein Schrei: Erwache! Folge mir! und du bist frei! Und du, der du mich einst so heiß begehrt, Du hast im Dienst der Lügner dich verzehrt: Ich rufe dich sei mein! Von morgen an Bist unter Freien du ein freier Mann!" Und dich, du Weib, du siehst in Noth und Gram Die Kinder sterben weißt du, wie es fam? Weil Hunger euch und Elend festgebannt, Griff sie des Todes immer gier'ge Hand! Ich will es stürzen, jenes feile Gold, Dem ihr verkauft seid, folget mir und wollt! Ich rufe nach euch Allen, die gebückt Am Schein des Glückes ihr vorbei euch drückt! Warum habt ihr gelitten, daß verbannt Ich flüchtend irren muß von Land zu Land? Ach, ihr verstießet euer eigenes Glück Ich will bei euch sein: auf, ruft mich zurück! Bei euch, die ich geliebt! Gebt Liebe mir, Haß euren Feinden, und ich bin bei dir Mein Volk, das ewig bis zum heut'gen Tag In Schmerz und Knechtschaft tief entwürdigt lag! Ich rufe heute dich zum letzten Mal: Ermanne dich! Nach allzu langer Qual Nimm in die Hand die Fahne, die mein Zeichen, Laß flattern sie, und Alle werden weichen, Die dich und mich gebannt, verfolgt, entehrt Und zu euch wieder sich mein Antlitz kehrt Wenn über meinem Volk Ihr sie entrollt, 3 An mehreren Orten meldeten sich eine ganze Anzahl Personen zum Beitritt zur Organisation, sowie zum Abonnement auf die Arbeiterpresse. Ueberall folgten die Anwesenden mit gespannter Aufmertsamkeit den Ausführungen. Besondere Freude bereitete es jedoch zu beobachten, wie die Frauen mehr und mehr nicht nur mit Aufmerksamkeit, sondern auch mit Verständniß den Vorträgen folgten, wie allerlei Zwischenrufe bekundeten. In Göttingen, wo eine Anzahl Studenten in der Versammlung anwesend waren, trat einer derselben der Genossin Ziez entgegen, und zwar wegen ihrer Stellungnahme zum Militarismus und Marinismus. Unter großem Beifall der Versammelten legte Genossin Zietz die Gründe klar, die uns zu dieser Stellungnahme veranlassen. In Bockenim trat ein konfuser freisinniger Konservenfabrikant als Gegner auf: Ihm wurde von Genossin Zietz und einigen Genossen am Orte gebührend heimgeleuchtet. L. Z. Die Frauenfrage im Alterthum." Don Lily Braun in Berlin. I. Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert wird, einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor Allem eine Geschichte der Kriege und daher eine der Männer, die wir unserem Gedächtniß haben einprägen müssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volkes und seiner geistigen Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der Geschichtsschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den Feldzugsberichten nur von dem Heerführer als dem Sieger spricht, ihm allein Lorbeeren weiht und Denkmäler baut, und die Tausende, die eigentlich die Schlachten 1 Aus dem„ Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik"( 13. Band, 1. und 2. Heft) mit Bewilligung der Verfasserin. Dann bin ich bei euch! Zaudert nicht und wollt! Was zögert ihr? Ich will euch Alles geben: Glück und Gerechtigkeit, Frieden und Leben. Nur wollt! Ruft mich und morgen bin ich da! Was habt ihr zu verlieren? Ich bin nah Und stehe wartend schon seid ihr bewehrt? Ist euer Herz gestählt, gezückt das Schwert? Tod oder Leben gilt es zu gewinnen Was laßt ihr nutzlos Tag auf Tag verrinnen? Tod ist das Leben, das bis jetzt euch brach, Und Leben ist das Glück, das ich versprach! Doch ch' ihr nicht die fluchbeladne Welt, Die cuch betrog, bis auf den Grund gefällt, Kann ich nicht kommen! Hört ihr, wie sie tollt, Indessen ihr verschmachtet? Auf und wollt! Morgenwanderung.* Don Cäsar Flaischlen. Und sie zogen aus, als zu einem Mörder, mit Stangen und Schwertern, ihn zu fahen; Hohepriester, Schriftgelehrte und Pharisäer... ( Und er saß täglich im Tempel bei ihnen und lehrete fie!) Nach Matthäi 26, 45. mich dünkt: es war immer so! zu Zeiten Sokrates' wie zu Zeiten Jesu, zu Zeiten Galilei's wie zu Zeiten Luthers!.. Jost Seyfried. Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang Mai. Ein mächtiger Thaufturm hatte sich erhoben und wogte seine Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein * Aus„ Von Alltag und Sonne", Gedichte in Prosa von Cäsar Flaischlen. Verlag von F. Fontane& Co., Berlin. Wir empfehlen das Buch angelegentlich zur Lektüre. schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das Volk, der Träger der Menschheitsgeschichte über denjenigen fast vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der Begabung, weithin sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende ökonomische Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem Sklavenverhältniß, und während auf der einen Seite die Unterschiede zwischen Reichthum und Armuth sich verschärften, wurde andererseits eine gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus; das zum Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. Als es anfing, sich bemerkbar zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man begann, sein Leben, Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast unerschöpflichen Reichthum neuer Erkenntniß in sich birgt. Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen. Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem Punkte, sich ihre wirthschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu erkämpfen. Nur für denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der weiß, welch langen, mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkte zurücklegen mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht hinausreichende Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und sie muß bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die richtigen Mittel zu ihrer Lösung zu finden. Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich, soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden verlassen und uns auf Grund gelehrter For= schungen ein Bild des Lebens der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persönlichen Daseins. Er war zunächst großer Osterchoral donnerte er über die Gräber und rief zur Auferstehung. Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem Rütteln; jahrhundert- alte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr zerknickte, was dürr und morsch war und zu schwach und kraftlos, aufzuleben. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt Stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie ver= löschenwollende Lichter die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolfen, die er lachend, wie Flaum, über uns dahinfegte, als freue er sich, einmal aufräumen zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden und verfroch sich hinter zusammenstiebende Wolfenfeßen. Die Erde bebte unter seinem Donner.. aber es war nicht das Beben der Furcht .. es war das Beben der Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht. Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel und die fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit phantastisch- gespenstischem Leben. Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte, standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie vom Schlafe aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrieen von den Giebeln. Es pfiff und heulte. Thüren und Fenster sprangen auf und schlugen. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf, drohend, wie wenn... Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel, und die Weiber beteten: Der jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott behüt uns!... Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird nur endlich Frühling! Frühling! und wenn's noch so tobt! Frühling! ja!... 4 | durch die Natur ihres Geschlechts selbst begründet. Die Mutterschaft beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie schußbedürftig, obgleich was wir berechtigt sind anzunehmen die Geschlechtsfunttionen weit weniger als heute mit pathologischen Erscheinungen( Krankheitserscheinungen) sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte in Folge seiner völligen Unselbständigkeit der mütterlichen Fürsorge und während der Mann in welcher Periode der Menschheitsentwicklung immer- ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen Trieben folgen konnte, war es das erste, dem Menschen zum Bewußtsein kommende Naturgesetz, daß die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die Frau im Vergleich zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und Leiden auf, die Niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich. Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die erste Erhellung moralischer Finsterniß. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede Erhebung und Gesittung aus. Denn nicht der Bund zwischen Mann und Weib war, wie uns Viele glauben machen wollen, die erste unumstößliche Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.2 Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste Mysterium( Geheimniß), das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologien fast aller Völker finden wir daher die Spuren göttlicher Verehrung des weiblichen Prinzips in der Natur. In der Göttin Isis beteten die Egypter die fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnißvoller Tempel in Sais stand, war die Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von der Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte Geheimniß des Alls. leber Odin, den Göttervater und alle Götter der Germanen stehen die Schicksalsgöttinnen, die Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank der höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu Theil. 1 Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10. 2 Vgl. K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirthschaft. Tübingen 1898, S. 13. Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Thauſturm in die Brust wogen.. wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehen!.. und sangen und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn' entgegen! Sonn' entgegen! Frühlingssonn' entgegen! Das war es ja auch! Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen in uns trieb uns ihr entgegen.. mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens! Ein paar, die Furcht überkam und denen unheimlich wurde vor all den lebendig werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, da sie.., sich nicht erfälten wollten in dem sinnlosen Wetter', und verloren sich zurück in ihren trübseligen Alltag. Wir andern aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren jauchzenden Frühlingssturm und ließen uns, aufschauernd, sein Evangelium in die Seele donnern. Das Evangelium des Morgenwerden. Weit hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst, und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde Erfüllung unserer Sehnsucht. Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in den donnernden Sturm und er trug es weiter über die Berge und von den Bergen in die Thäler und jauchzend rief es uns das Echo zurück. Wir famen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und die Nuhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem thörichten Gesange. Der Morgen fäme von selber, ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch Nacht und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas Heiliges! Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven(ursprünglichen) Religion, sondern auch dem primitiven Recht zu Grunde. Für das natürliche, durch keinerlei Klügeleien beirrte Rechtsbewußtsein war das Kind Eigenthum der Mutter, die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen Völkern eine Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen läßt. Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar Vorkämpfer der Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie(Mutterrecht) das goldene Zeitalter der Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechts preisen, das verlorene Paradies, das wieder gefunden werden muß. Wer dagegen die Forschungen Morgans, Bachofens und Anderer nüchtern prüft, vor dessen Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung als ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er findet keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine„Oberherrschaft" nach unseren Begriffen ausgeübt hatZ Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Thierreich losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutze vor den wilden und stärkeren Thieren vermuthlich aufgehalten hat, zur Erde herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen und kämpfen, giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehend aber sobald sie Kinder gezeugt hat, ist sie an diese gebunden. Dadurch entsteht zugleich ' Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart 1887, II. Bd., S. 23 fs. � Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1834, S. 2 ff. Ja: die Leute!! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der der Frühling kommt, von dem sie doch träumen und nach dem sie sich sehnen! Es war immer Heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen und erklommen einen Hügelzug, der ins Thal auslief und von dem sich eine freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmälig auch gelegt, als ob er sich genug damit gelhan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe, wie das Weiße Segel eines am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast etwas frostig geworden. Kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Thalbreiten zu unseren Füßen lag alles in schmutzigem Nebel, wie todt, und an den Abhängen krochen und kletterten scheue Dunstflüge herum. Vor uns.. jenseits, überm Thal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich nach und nach mit leisem Roth überhauchenden Grund des Himmels hinter ihm ab. Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln.. schwarze Gestalten, Menschen, richtige Menschen, nur infolge der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Lili- puter, zwerghaft, wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie einem all dergleichen vorkommen muß, wenn man etwas nur sieht und nicht auch hört. So närrisch, wie einem Tauben vielleicht das ganze Leben, das ganze Treiben der Welt erscheinen mag. Als ob wir in einem Marionettentheater säßen und einer niedlichen Pantomime zusähen. Der helle Himmel hinter dem Gebirg bildete den weißen Vorhang und wie in einem Schattenspiel hoben sich die kleinen schwarzen Kerlchen, gleich zierlich putzigen Silhouetten, mit allen Bewegungen scharf gegen den lichten Hintergrund ab. Ein richtiges Schattenspiel... der Nacht! Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir die erste Arbeitstheilung, die Frau baut das schützende Dach für sich und ihren hilflosen Säugling; in die Felle der Thiere, die der Mann erlegt, hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und gewinnt dadurch die Anregung, schließlich auch für sich ein deckendes und wärmendes Kleidungsstück zu schaffen. Sie muß, wenn die Nahrungsguelle in ihrer Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des Wildes, der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Körner und Früchte, die sie selbst findet, und gewinnt schließlich die Fertigkeit, sie für den Gebrauch anzupflanzen.' Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald als den Zufluchtsort an, wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch anziehender wurde die Hütte für den Mann und noch wichtiger die Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schätzen lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligthum— ein echtes Geschenk des Himmels— gehütet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst in weit späterer Zeit erworben wurde. Die natürliche Hüterin und Bewahrerin des Feuers war die Frau." Und so war es nicht der dem Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib und Kind,— Gefühle, die nur die Produkte(Ergebnisse) einer höheren Kultur sein können—, welche ihn an den häuslichen Herd immer wieder zurückzogen, sondern lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse. Von einer Ehe in unserem Sinne war natürlich keine Rede; dem regellosen Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in der die einzelnen Generationen sich nicht mehr mit einander vermischten. Bei der geringen numerischen Ausdch- ' Vgl. Bücher, a. a. O., S. 14 u. 37. " Vgl. Julius Lippert, a. a. O., Bd. I S. 251 ff. u. Bd. II S. 28. schien, und als unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es in seinem Schutze den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her. Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer sein mußten, und es begann an allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit. Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgruud gesprengt und riesige Pflöcke darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die großen Leitern, die sie hinaufgeschleppt hatten. Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer Heller und Heller, wie brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je Heller es wurde, um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und Gearbeite der kleinen Schatten- kerlchen. Ich unterschied nun eine ganze Armee von Lanzknechten mit Piken und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein getheilt. Auf einer etwas tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen aufgefahren, als gelte es... Gott weiß was für eine Völkerschlacht. Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft und die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so lang und schwer, daß es ihrer immer ein ganzes Häuflein zugleich bedurfte, sie zu regieren. Allmälig aber ahnte mir, was das Alles bedeuten möchte. Ich lachte. Mein, Mütterchen! Die Welt geht noch lange nicht unter! Keine Sorge! Es wird nur endlich.. Frühling!' ,Gott sei Dank!' nung, die die Menschheit ursprünglich gehabt haben muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der Familie nicht auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von selbst auslöste, sobald sie durch ihre Größe im Bereich des mütterlichen Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwägerschaftsverbände(Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine höhere sittliche Erkenntniß zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte der Natur: Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die Moral einer jeden Zeit. Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratbete sozusagen alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen Treue war beiden Geschlechtern fremd. In Folge dessen wurde ein väterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehörten ausschließlich der Mutter, die sie geboren hatte und deren Stamm. Der Mann führte das Weib nicht wie ein persönliches Eigenthum in sein Haus, sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische Werthschätzung der Frau zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche Differenz(Verschiedenheit) der Geschlechter und auf wirthschastliche Ursachen, er hatte auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das Arbeitsgebiet der Frau allein auf das Haus zu beschränken sei. Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit der Zunahme der Bebauung des Bodens,— lauter Arbeitsarten, die im Bereiche des ursprünglichen Hauswesens lagen und daher hauptsächlich der Frau zufielen—, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er selbst war, je dichter sich die Erde bevölkerte, immer mehr m Kämpfen mir den Nachbarn oder mit den Volksstämmcn, durch deren Land er als Nomade zog, verwickelt. Zunächst waren es nur Kämpfe um die tägliche Nah- Es wird nur endlich Tag! Nach so langer, dumpfer Nacht! Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs... und es brauste wie Orgelklang durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend! Kühle Schauer zitterten durch die Luft, während der Himmel drüben sich mit rothen Feuern übergluthete, und unsere Schatten- männchen, gleich tagscheuen dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und gestikulirender hin und her rannten. Da: Ein blendender Blitz.. Und mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonncnball über die graue Kammlinie und strahlte ein loderndes Hallelujah über die Welt. Tag! Tag! Tag! Und Frühling! Frühling! Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen. Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster Geschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu zwingen. Wir lachten. Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und Leitern und Ketten. Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was es war, Nebel? Wie blauer Rauch jedoch zerrannen sie vor ihrem Licht.. Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig, unbeirrt und unbekümmert und blendete immer lichter in die Welt. Was wollten ihr diese Fliegen! rung, um die Jagdgründe; als er es aber verstand, die Thiers nicht nur zu erlegen, sondern zu zähmen und zu züchten, da kämpfte er für den Schutz und um die Vergrößerung seines Besitzes. In früheren Perioden, wo er nichts besaß, als was er täglich gebrauchte, hatte er den gefangenen Feind entweder getödtet, oder als Gleichen und Freien in seine Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besaß, als er gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskräfte in seinem Dienste, daher machte er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigenthums die Sklaverei. Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen mußte, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin geworden. Notizentheil. (von lily Sraun und Nlar» Zetkin.) Weibliche Fabrikinspektoren. Für die Anstellung einer Assistentin der Fabrikinspektion in Reust j. L. erklärte sich Mitte Dezember letzten Jahres der Landtag des Fürstenthums. Mit acht gegen sieben Stimmen nahm es einen sozialdemokratischen Antrag a». laut dessen er das Ministerium ersucht, eine Vorlage einzubringen, welche die Anstellung einer Assistentin der Fabrikinspektion festsetzt. Genosse Vetterlein begründete den Antrag eindringlich unter Hinweis auf den Umfang der Frauenarbeit in der Industrie des Landes und die gesundheitlichen und sittlichen Mißstände, denen die Arbeiterinnen ausgesetzt sind. Des Weiteren verwies er vor Allem auf das Vorgehen von Hessen und Bayern und auf die in England gemachten Erfahrungen, die Thätig- keit der Fabrikinspektorinnen betreffend. Nach ihm trat auch der bürgerliche Abgeordnete Kalb für den Antrag ein. Der Regierungsvertreter Staatsrath von Hinüber, erklärte der Forderung nicht grundsätzlich entgegen zu stehen. Dagegen hatte er gegen ihre Verwirklichung. zumal in naher Zukunft, manches Wenn und Aber einzuwenden. Er berief sich u. a. darauf, daß in Deutschland zur Zeit noch keine Erfahrungen über die Thätigkeit der Fabrikinspektorinnen Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn freilich, wie Spinnwebfaden... sie auszulöschen und über den Horizont hinunterzuspritzen. Es zischte ein wenig, das war alles. Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm. Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn Kinderpistölchen abgeschossen würden. Die Lanzknechte hatten mit ihren Donnerbüchsen losgelegt und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe. Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die Sonne empor, höher und höher. Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergescheudert und von den Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen. Da— mit einem Male— war es doch, als ob sie siegten. Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig Minuten übersponnen hatten. Sie war gefangen. Ihr Aufathmen und Höherdrängen spulte nur ein paar zu kurze Ketten ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und straffer, hielten aber.. und es gab einen sekundenlangen Stillstand. Die schwarzen Männlein hatten gewonnen. Und schon zerrten sie wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf und schon fuhren sie allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen, zitternden Ruck that, der goldene Lichtwellen über das Thal warf. Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an Ketten, Klammern. Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, vorliegen. Des Weiteren machte er geltend, daß die zwischen der Gewerbeaufsicht und den Arbeiterinnen vermittelnde Thätigkeit weiblicher Vertrauenspersonen keine günstigen Ergebnisse gezeitigt hat. Er sei deshalb im Unklaren, welche Instruktion eine Assistentin erhalten müsse. Auch wäre es nöthig abzuwarten, bis genügend vorgebildete Frauen für das neue Amt vorhanden seien. Genosse Vetterlein erwiderte darauf, daß die Bedenken gegen die Heranziehung einer Frau zur Fabrikinspektion überwunden werden würden. Das Fürstenthum brauche nicht abzuwarten, bis andere Bundesstaaten die Vortheile der geforderten Neuerung erprobt hätten, es könne seinerseits mit einem guten Beispiel vorangehen. Es fehle nicht an Frauen, die Dank ihrer Kenntnisse und Erfahrungen für das Amt der Assistentin ge= eignet seien. Uebrigens sorge der Kursus für die Vorbildung von Fabrikinspektorinnen in Berlin für die sachgemäße Schulung weiblicher Gewerbebeamten. Daß die Thätigkeit der weiblichen Vertrauenspersonen wenig Erfolg hatte, sei nicht verwunderlich. Ihnen fehlt jede Autorität den Unternehmern gegenüber, sie können mithin auch die Interessen der Arbeiterinnen nicht wirksam schützen. Und doch sei ein wirksamer Schutz der Arbeiterinnen dringend nöthig. Für ihn spreche schon der Umfang, in welchem die Krankenkassen durch die Krankheiten ihrer weiblichen Mitglieder belastet werden, nicht minder aber Vorkommnisse, die schwere sittliche Uebel enthüllen, unter denen die Arbeiterinnen leiden. Nachdem auch der Abgeordnete Kalb nochmals für die Forderung eingetreten war und die Ausbildung der Fabrikinspektorinnen auf dem Gebiet der Gewerbeordnung, Volkswirthschaft und Hygiene befürwortet hatte, wurde der Antrag angenommen. Wie in allen Landtagen, wo die Frage der weiblichen Gewerbeaufsicht zur Debatte stand, ist die Sozialdemokratie die eifrigste Vorkämpferin für die Neuerung gewesen. Es sei dies wiederwollen wir höflich sagen holt ausdrücklich hervorgehoben, um der Vergeßlichkeit bürgerlicher Frauenrechtlerinnen abzuhelfen, welche die zaghaften Fortschritte in der Richtung ausschließlich auf ihre Rechnung und die der bürgerlichen Parteien setzen. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. * Sitzen der Verkäuferinnen. Von 160 Geschäftsinhabern Nürnbergs haben sich 135 bereit erklärt, ein von 700 Personen unterschriebenes Gesuch anzunehmen und ihren weiblichen Angestellten das Sizzen zu gestatten. Stangen und Hafen riß durch, wie Baumwollfaden, schnellte hoch und die ganze Soldatesfa purzelte jählings über den Haufen und follerte in die Abgründe oder flog mitsammt ihren Ketten und Leitern und mitsammt der ganzen schönen Verankerung kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und rieselte es über den Berg und putte ihn sauber.... Wir lachten. Es war grausam.. aber wir lachten: wie diese Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Ein Theil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu retten. Es sah aus wie schwarze, in rothe Feuer hüpfende Teufelchen! Die anderen aber trug die Sonne höher, bis in der steigenden Gluth auch die letzten Ketten schmolzen, die ihr noch überhingen und eine um die andere in den Abgrund klirrte und hinter dem Gebirg zu Stücken und Staub zersplitterte.... Arme Schattenmännlein! doch warum wagtet ihr euch an die Sonne! Und frei und makellos glomm sie in die Höhe, in schweigender Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich und loderte den Tag ins Thal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem Frühling die Erfüllung. Die Menschen drunten schliefen noch. Gleich scheuen Verbrechern aber flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und Schlüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel.. Und wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs und es war ein Lied der Freude und ein Lied des Sieges! * * * Leis aber frug ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne aufgehe?! 7 Hungerlöhne der Arbeiterinnen scheinen nach dem, was uns berichtet wird, in der Kaffeerösterei der Firma Zunz sel. Wwe. Berlin üblich zu sein. In dem Betrieb sind ca. 24 junge Mädchen mit dem Verwiegen und Verpacken des Kaffees beschäftigt. Bei Einstellung neuer Arbeiterinnen wird ausdrücklich betont, daß nur anständige Mädchen berücksichtigt werden können. Wie aber die Mädchen bei den gezahlten Löhnen anständig bleiben können, falls sie nicht zu Hause Rückhalt haben, das ist dem nichtkapitalistischen Verstand unerfindlich. Die Arbeiterinnen erhalten nämlich in den ersten vier Wochen nach ihrer Einstellung einen wöchentlichen Lohn von 7 Mark! Der Verdienst steigt später, aber selbst manche Arbeiterinnen, die mehrere Jahre in der Rösterei beschäftigt sind, müssen sich noch mit einem wöchentlichen Verdienst von 8 und 9 Mark begnügen. Die Arbeitszeit dauert von früh halb 8 Uhr bis Abends 6 Uhr, aber diese Dauer wird keineswegs immer eingehalten. Ueberstunden sind häufig und zwar bis 7, 8, ja bis 9 Uhr. Und wenn unser Gewährsmann, dem wir schon manche zuverlässige Mittheilung verdanken, recht berichtet, so erachtet es die anständige Firma, die auf anständiges Personal hält, für anständig, im Allgemeinen diese Ueberstunden nicht zu entlohnen. Nur neulich wurde sie ihrer anständigen Gepflogenheit untreu. Nach einer Inspektion des Gewerbeaufsichtsbeamten wurden die Ueberstunden in einer Woche mit à 20 Pf. vergütet, für die der zweiten Woche 1 Mt. und 1 Mt. 20 Pf. über den üblichen Verdienst ausgezahlt. Aber auch zwei Schwalben machen noch keinen Sommer. In der folgenden Zeit mußten die Arbeiterinnen wieder unbezahlte Ueberstunden leisten. Außer über fargen Lohn und ausgedehnte Arbeitszeit klagen die Mädchen vielfach über ungebührliche Antreiberei und über die Heranziehung zu Arbeiten, die wie das Klosetreinigen ihrer Ansicht nach von einer besonderen Scheuerfrau verrichtet werden sollten. Die Berufsarbeit selbst ist keine leichte, und die Arbeiterinnen sehen alle bleich und blutarm aus, was ebenso sehr eine Folge der ausgedehnten Arbeitszeit sein dürfte, wie der schlechten Ernährung, die bei einem Wochenverdienst von 7-9 Mt. unvermeidlich ist. Welche ärmliche Lebenshaltung auf Grund dieses Einkommens geführt werden muß, kann Jeder an den Fingern abzählen, der mit großstädtischen Verhältnissen einigermaßen vertraut ist. Wenn der Firma Zunz sel. Wwe. thatsächlich so viel an anständigem Personal gelegen ist, so sollte sie in erster Linie das Ihrige thun, um nur sattes Personal zu verwenden. Aber freilich: dem Unternehmerthum ist Anstand und Sittlichkeit ihrer Arbeitskräfte wohl eine feine äußerliche Zucht, aber recht würdig und wohlgeschickt ist doch nur das Herauswirthschaften hohen Profits aus möglichst niedrig entlohnten Arbeiterinnen. Soziale Fürsorge für Kinder und Mütter. " Die Schulspeisung armer Kinder in Dänemark ist von den Sozialdemokraten im Follething beantragt worden. Der Antrag wurde durch den Genossen Christensen begründet. Nach dem Vorwärts" führte der Redner aus, daß hungernde Kinder keine aufmerksamen Schüler sein können. Die großen Anforderungen für Schulzwecke tragen in der Folge nicht ihren vollen Nugen. Der Redner verwies darauf, daß in anderen Ländern die Speisung armer Schulkinder zum Theil schon durchgeführt sei. In Christiania z. B. giebt die Gemeinde jährlich 50 000 kronen dafür aus. In Kopenhagen steht für den gleichen Zweck nur die unzureichende Summe von 20000 bis 30000 Kronen zur Verfügung. Nirgends bestehen genügende Einrichtungen für die Speisung der hungernden Schulfinder, in vielen Orten geschieht in der Beziehung überhaupt gar nichts. In Dänemark giebt es 50 000 bedürftige Freischulkinder. Sie zu speisen würde eine Aufwendung von 800000 Kronen erfordern, die zur Hälfte von den Kommunen, zur Hälfte vom Staat getragen werden soll. Kopenhagen hätte für Schulfantinen jährlich 60000 Kronen zu verausgaben, Landgemeinden hätten etwa 320 Kronen aufzuwenden. Der Antrag wurde einer Kommission überwiesen. Familienrecht. * Ein neues Ehescheidungsgesetz in Neuseeland ist kürzlich von beiden Häusern des Parlaments angenommen worden. E3 enthält folgende Bestimmungen: Jede verheirathete Person, die zwei Jahre in der Kolonie wohnt, kann die Lösung ihrer Ehe beantragen. Als Gründe dafür gelten: Ehebruch, böswillige Verlassung, Trunkenheit, Mißhandlung, Vernachlässigung ehelicher und häuslicher Pflichten, Gefängnißstrafe bis zu sieben Jahren. Das Gesetz gilt für beide Geschlechter gleichmäßig, und hat dem Einfluß der stimmberech= tigten Frauen Neuseelands seine Entstehung zu verdanken. Durch sie ist noch ein anderer Gesetzentwurf vorbereitet worden, der demnächst zur Verhandlung kommen wird. Er behandelt einen wichtigen Theil des Familienrechts, indem er nicht nur zwischen Eheleuten völlige Gütertrennung fordert, sondern auch eine Bestimmung enthält, wonach die Hälfte des männlichen Einkommens der Ehefrau gesetzlich zum Zwecke der Führung des Haushalts zugesprochen wird und ihr das Recht zusteht, seine Einzahlung in der Bank auf ihren Namen zu beanspruchen. Ist statt des Ehegatten die Ehefrau allein im Besitz eines regelmäßigen Einkommens, so hat der Mann dasselbe Recht daran. Frauenbewegung. Das Wahlrecht zu den Handelsgerichten haben die französischen Frauen auf Grund des Gesetzes vom 23. Januar 1898 Anfang Dezember letzten Jahres zum ersten Male ausgeübt. Nach den vorliegenden Berichten war die Wahlbetheiligung der Frauen eine sehr geringe. Es war dies nach dem zu erwarten, was wir über den geringen Eifer der Pariserinnen berichteten, sich in die Wählerliste eintragen zu lassen. In Marseille, Rouen und anderen Städten waren allen Handelsfrauen Bogen zugegangen, auf Grund deren Ausfüllung sie in die Wählerlisten eingetragen wurden. Nur eine sehr kleine Anzahl von Frauen hat jedoch die Bogen ausgefüllt und noch geringer war die Zahl der weiblichen Wähler in der Provinz. Was die ca. 3000 Pariserinnen anbetrifft, die ihre Einzeichnung in die Wählerliste verlangt hatten, so vertheilen sie sich sehr ungleich auf die einzelnen Stadttheile. In dem Stadtviertel, wo die Zentralmarkthallen gelegen sind, hatten sich die meisten Frauen einzeichnen lassen: gegen 2000. Im Stadtviertel des" Temple", einem Hauptsitz des Klein- und Trödelhandels, rund 350. Dagegen wiesen die Wählerlisten vieler anderer Stadttheile nur 9, 5 oder auch gar keinen weiblichen Namen auf. Nach einer Notiz sollen nur 452 Pariser Handelsfrauen das Wahlrecht ausgeübt haben. Natürlich verfehlen die Gegner des Frauenstimmrechts nicht, aus der geringen Zahl der Wählerinnen den Schluß zu ziehen, daß die Frauen das Wahlrecht gar nicht wollen. Sehr mit Unrecht. Denn auch nur ein kleiner Theil der wahlberechtigten Männer ist bei den letzten Handelskammerwahlen in Frankreich zur Urne gegangen. So betheiligten sich z. B. in Paris noch nicht einmal ein Viertel der wahlberechtigten Männer an den Wahlen. In Saint- Lô wählten von 68 eingeschriebenen Frauen 11, von 338 männlichen Wählern 93. Die aufgeworfene Frage, ob auch Wählerinnen dem Wahlbureau angehören und präſi diren können, ist zum Theil zu Gunsten der Frauen entschieden worden. Die Verwaltung bestimmte, daß der Vorsitz des Wahlbureaus immer von dem Bürgermeister oder dessen Vertreter geführt werden soll. Die Mitglieder des Wahlbureaus werden ohne Unterschied des Geschlechts durch die beiden ältesten und die beiden jüngsten Wähler gestellt, die im Augenblick der Eröffnung der Wahl im Lokal anwesend sind. In Fontainebleau bestand das Wahlbureau aus vier Frauen. * Kurse zur Ausbildung weiblicher Zeichner für Fabriken und Eisenbahnverwaltungen sind im vorigen November in Petersburg eröffnet worden. * Zur Frauenfrage in Italien. Für den besten italienischen Aufsatz ist kürzlich in den Lehrerseminaren eine Konkurrenz ausgeschrieben worden, an der sich fünfzig Damen und nur fünf Herrn betheiligten. Die Frauen siegten auf der ganzen Linie über die sich so spärlich einfindenden Männer, von denen keiner prämiirt wurde. Die drei Medaillen fielen Damen zu. * Ein Frauenklub besteht bekanntlich in Berlin seit etwa einem Jahre. In seinen eleganten Räumen finden sich allabendlich die vornehmsten und reichsten Damen zusammen, zumeist solche, deren Ehemänner gleichfalls ihre Abende im Klub hinter den Spieltischen zuzubringen pflegen. Die Besucherinnen sind also keineswegs, emanzipirte" Frauen. Radikale Blätter und Bücher sind aus dem Lesezimmer streng verbannt, ebenso wie radikale Frauen, falls sie auf den thörichten Gedanken kommen sollten, Einlaß zu begehren, nicht zugeLassen werden. Die Unterhaltung besteht in Klatsch und amüsanter Lektüre, vor allem aber im Kartenspiel! So wird die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter dort gelöst: Wie der Mann, so läßt nun auch die Frau die Goldstücke durch die Finger rollen. * Die erste englische Architektin, Miß Ethel Mary Charles, ist, nachdem sie alle Prüfungen glänzend bestanden hat, zum Mitglied des Königlichen Instituts der Architekten ernannt worden. In die Schulkommission zu Kopenhagen ist in letztem Herbst zum ersten Male eine Frau gewählt worden. Bis jetzt war den Frauen jede direkte Antheilnahme an der Schulverwaltung verwehrt. 8 Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. * Was die englische Heilsarmee auf dem Gebiete der Hilfsthätigkeit für Frauen im letzten Jahre geleistet, berichtete Mrs. Booth kürzlich in London. Das Thätigkeitsfeld der Heilsarmee mußte im letzten Berichtsjahre beträchtlich erweitert werden. Die Organisation unterhält jetzt in London 17 Rettungshäuser für Frauen und Mädchen, ein Asyl für dem Trunk ergebener Frauen; ein Wöchnerinnenheim; ein Asyl für entlassene weibliche Strafgefangene; neun Arbeiterinnenheime; drei Herbergen für Obdachlose und drei Nachtasyle. Im Berichtsjahre traten in diese Rettungshäuser 1518 Frauen und Mädchen neu ein und 452 kehrten in sie zurück. Jm Ganzen unterhält die Heilsarmee 68 Rettungshäuser, welche pro Jahr durchschnittlich 4000 Frauen Zuflucht gewähren. Bis jetzt haben hier 18000 Frauen Aufnahme gefunden und zwar Frauen aus allen Klassen der Gesellschaft, wie Mrs. Booth betonte. Die Heilsarmee verausgabte zu Zwecken der Hilfsthätigkeit für Frauen 19508 Pfund, das ist 390160 Mt. 7483 Pfund( 149 660 Mt.) wurden durch Beiträge beigesteuert; 12 024 Pfund( 240 480 Mt.) dagegen wurden durch den Ertrag der Arbeit der unterstützten Frauen aufgebracht. Als Dozentin der Mathematik an der Universität Cincinnati wurde Miß Florence Lawles angestellt. Sie ist die erste Frau, welche an der Universität Mathematik lehrt und hat kürzlich an der nämlichen Hochschule ein glänzendes Examen bestanden. 6 Studentinnen der Medizin meist in diesem Semester die Universität Halle auf, welche die Frauen zu den anatomischen Kursen zuläßt. In Berlin dagegen wurde es 5 Studentinnen der Medizin nicht gestattet, an einem anatomischen Präparirkursus theilzunehmen. In Halle studiren außer den 5 Medizinerinnen noch 5 Damen, welche sich der Philosophie widmen. 6 der Hallenser Studentinnen sind Deutsche, 3 Amerikanerinnen, England und Dänemark sind durch je eine studirende Dame vertreten. 10 Aerztinnen und 30 Aerzte sendete die russische Regierung zur Verhütung der Pesteinschleppung in das Samarkandgebiet. Zur Reifeprüfung als Pharmazeutinnen und zur Erwerbung des Doktortitels läßt die Universität Montpellier die Frauen neuerlich zu. Damit erhalten die Frauen in Frankreich das Recht, den Beruf als Apothekerinnen unbeschränkt auszuüben. * Ein Frauengewerbeverein wurde kürzlich in Wien gegründet. Er soll alle selbständig gewerbetreibenden Frauen umfassen, deren es gegenwärtig 17504 giebt. Das Programm des Vereins ist praktisch und verhältnißmäßig radikal, sodaß seine Nachahmung in Berlin einen großen Fortschritt der Frauenbewegung bedeuten würde. Das Programm enthält u. A. die nachstehenden Punkte: Erlangung des Wahlrechts in den Gemeinderath und Bezirksausschuß, in die Handels- und Gewerbekammer und des passiven Wahlrechts für die Erwerbs- und Personaleinkommensteuer- Kommissionen; Einflußnahme auf die Errichtung und Förderung gewerblicher Vorbereitungs- und Fachschulen für Mädchen; Erschließung des höheren gewerblichen Unterrichts durch Errichtung von Parallelkursen für Mädchen an den bestehenden Anstalten, insbesondere der Handelsakademie, der f. t. Lehranstalt für Textilindustrie und der k. t. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Die Vereinigung soll sich überall einsetzen, wo praktische Fraueninteressen, wie zum Beispiel in der Approvisionirungsfrage, in Betracht kommen. * Als erste Doktorin an der Berliner Universität hat am 15. Dezember Fräulein Elsa Neumann ihr Examen bestanden. Sie hat vor ihren Universitätsstudien weder ein Gymnasium besucht, noch ihr Abiturienteneɣamen gemacht, auf Grund ihrer guten Zeugnisse wurde sie trotzdem zur Doktorprüfung zugelassen und daher den starren reaktionären Geist der Berliner Universität glücklich besiegt. Ihr Hauptfach ist Physik, daneben studirte sie Chemie und Mathematit. Im Januar wird ihre Promotion stattfinden. * Das Doktoregamen hat Fräulein Paula Röpcke, eine Hannoveranerin, mit höchster Auszeichnung in Bern bestanden. Sie widmete sich hauptsächlich naturwissenschaftlichen Studien. * Ueber die Frauenfrage hat sich der Budapester Aerzteverein ausgesprochen. Ein Mitglied hatte einen weiblichen Arzt, Gräfin Vilma Hugonay, zur Aufnahme als Mitglied vorgeschlagen. Darüber kam es zu einer lebhaften Debatte, die, trotz der energischen Haltung der Gegner, schließlich damit endete, daß die Gleichberechtigung der Geschlechter durch die Aufnahme der Kollegin mit 91 gegen 44 Stimmen anerkannt wurde. * Ein Studentinnenverein hat sich nach dem Vorbild des Berliner Vereins unter Leitung von Fräulein Dr. von Possaner in Wien gebildet. Zur Zeit studiren 75 Frauen an der dortigen Universität. Druck und Verlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b.H.) in Stuttgart.