K. Jahrgang. " Vir GltiUeil. Zeitsckzrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Die„Gleichheit" erscheint alle 74 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nr. 3033) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 8b Pf. Jahres-Abounement Mk. 2.60. Stuttgart Mittwoch, den HS. April ! Zuschriften an die Nedaktion der„Gleichheit" sind zu richten � an Fr. Klara Zetkin(Eißner), Stuttgart, Rothebühl- >. Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach-Straße 12. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Jnhalts-Verzeichnis?. Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik.— Aus dem Bericht der badischen Fabrikinspektion für 1893. Von D. Zinner.— Aus der Bewegung.— Feuilleton: Eine Dichterin der Freiheit. Von Klara Zetkin.(Schluß.) Notizenthcil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspcktoren. — Soziale Gesetzgebung.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.— Fraucnstimnirecht.— Frauenbewegung. Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik. Die von Freund und Feind mit gleicher Spannung erwartete Schrift Bernsteins zur Kritik der sozialdemokratischen Theorie und Taktik ist kürzlich erschienen.* Was die Freunde befürchtet, was die Feinde erhofft, das bestätigt sie mit wünschenswerthester Klarheit: die vollzogene Schwenkung des Verfassers nach rechts hin. Wo Bernstein auf Grund seiner jetzigen Ueberzeugung steht, darüber können sich nach der Veröffentlichung seiner Schrift nur Die täuschen, die aus Liebhaberei oder Beruf die Blinden spielen wollen. Was dagegen die Gründe anbelangt, welche die Preisgabe des alten Standpunkts, die Richtigkeit der veränderten Auffassung stützen sollen, so bleibt die Schrift erheblich hinter den Ansprüchen zurück, die man billiger Weise an einen Mann von der Fähigkeit, dem Wissen und der Gewissenhaftigkeit Bernsteins stellen durfte. Sic ist in dieser Hinsicht geradezu dürftig und enthält weder neue beweiskräftige Thatsachen, noch neue beweiskräftige Gedankengänge. Was Bernstein gegen die Marx-Engelssche Geschichlsauffassung einwendet, was gegen die darauf beruhende Ausfaffnng von den geschichtlichen Kräften, die mit Naturnothwendigkeit zum Sozialismus führen müssen, was in der Folge gegen die prinzipielle Grundlage des sozialdemokratischen Programms und bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Partei: das alles ist von bürgerlichen Sozial- reformlern. Ethikern, Kathedersozialisten ic. wiederholt gesagt worden, zum Theil präziser und besser gesagt worden, als es in der vorliegenden Schrift geschieht. Nun ist das gewiß an und für sich noch kein Beweis für die Unrichtigkeit der Bernsteinschen Kritik und Auffassung. Aber die in Betracht kommenden Gründe, die bisher von bürgerlicher Seite geltend gemacht worden sind, um die marristische Auffassung zu bekämpfen und die deutsche Sozialdemokratie von dem Wege des Klassenkampfs zur Eroberung der politischen Macht abzudrängen und in die sanften Bahnen ausschließlicher Reformlerei zu weisen, sind recht ausgiebig widerlegt worden. Und zwar nicht blos von den besten sozialistischen Theoretikern, darunter Bernstein selbst, sondern auch und vor Allem von den Thatsachen. Die Entwicklung unseres wirthschaftlichen und politischen Lebens bestätigt im großen Ganzen geradezu glänzend die Marx-Engelssche Theorie des geschichtlichen Werdegangs zur sozialistischen Gesellschaft. Die zehnmal widerlegten Ansichten gewinnen dadurch nichts an beweisender Kraft, daß mit ihnen zur Abwechslung ein Mann auswartet, der bisher einer der angesehensten Vorkämpfer für die Theorie von *„Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Ausgaben der Sozialdemokratie", von Ed. Bernstein. Stuttgart, Verlag von I. H. W. Dietz Nachf., Preis der billigen Ausgabe 1 Mk. Marx und Engels gewesen und im Vordertreffen des Klassenkampfs gestanden ist. Wenn Bernstein heute verbrennt, was er früher angebetet, und anbetet, was er früher verbrannt hat, so ist dieser Umstand allein wahrlich nicht hinreichend, das Anbetnngs- oder Verbrennungswürdig zu begründen, wie bürgerliche Blätter frohlockend ausposaunen. Er spricht nur für eins: dafür, daß Bernstein heute Thatsachen und Theorien mit einem anderen Maßstab mißt als früher, und zwar mit einem Maßstab, der uns durchaus falsch dünkt. Der von Marx und Engels begründete moderne Wissenschaft- schaftliche Sozialismus ist sicher nicht ein schwächliches Treibhans- pflänzchen, das den leisesten Lufthauch freier Kritik fürchten muß. Aber was Bernsteins Schrift bringt, ist in der Hauptsache nicht eine kritische Sichtung, Weiterführung und Vertiefung der einschlägigen Theorien, es ist vielmehr die unzweideutige Preisgabe der prinzipiellen Auffassung, in der das sozialdemokratische Programm gründet. Bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Bewegung aber enthalten des Verfassers Ausführungen nicht blos die Mahnung, jede Gelegenheit zu positiver Reformarbeit zu ergreifen, den Hinweis auf richtigere Bewerthung und bessere Nutzung des und jenen Wirkungsgebiets, sondern sie gipfeln in dem An- rathen einer entschiedenen Frontänderung, in dem Befürworten einer Mauserung der Sozialdemokratie aus der revolutionären Partei des klassenbewußten Proletariats zu einer demokratischsozialistischen Reformpartei. lieber den anregenden und zutreffenden Einzelheiten diese Hauptzüge der Bernsteinschen Schrift übersehen, hieße ihre Bedeutung nicht voll würdigen. Berufenere werden sich an anderer Stelle mit des Verfassers Einwänden gegen die materialistische Geschichtsanffassung, die Dialektik und die Werththeorie auseinandersetzen. Bereits hat Kautskh in der„Neuen Zeit" durch eine treffliche Arbeit eine Artikelserie eingeleitet, in welcher er die aufgeworfenen Streitpunkte be- j handelt. Unseres Erachtens hat Bernstein bezüglich dieser Materien einen donquichottischen Kampf gegen Windmühlenflügel aufgenommen. Das Bedürfniß nach einer wissenschaftlichen Möchte-gern-Rechtfertigung seines veränderten Standpunkts läßt vor seinen Blicken Auffassungen und Thatsachen in ganz wundersam phantastischen und verzerrten Formen auftauchen und treibt seine Beweisführung zu den absonderlichsten Purzelbäumen. So kämpft er gegen eine materialistische Geschichtsauffassung, welche die geschichtliche Entwicklung als einen sich mechanisch vollziehenden Prozeß begreift, und die in ihrer äußersten Konsequenz zum„Quietismus" führen müßte, zu dem Glauben an die alleinseligmachende Kraft der wirthschaftlichen Entwicklung und den Verzicht auf jede proletarische Aktion zur Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse. So läßt er den lächerlichen Popanz des„Blanquismus" von Marx und Engels aufmarschiren, der nach ihm bis heute noch in der„revolutionären Phraseologie" der deutschen Sozialdemokratie nachspuken soll. Mit dem Eifer des Neubekehrten bemüht er sich, bei Marx und Engels eine Entwicklung zur Verschwommenheit und Zerfahrenheit nachzuweisen und in der Folge Widersprüche zu sich selbst. Aber diese Widersprüche werden mittels von Haarspaltereien und Unterstellungen aus einzelnen Worten und dem Zusammenhang gerissenen Sätzen zusammengeklaubt. Sie sind nur ein Wiederschein der Widersprüche, in die sich Bernstein bei der vergeblichen Liebesmüh verstrickt, seine jetzige Ueberzeugung eines bürgerlichen Sozialreformlers mit seiner alten sozialistischen Auffassung zu- sammenzuflicken. Wir verweisen unsere Leserinnen und Leser auf die ausführlichen Auseinandersetzungen über die aufgerollten Fragen in der„Neuen Zeit", der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung", der„Leipziger Volkszeitung":c. Wir begnügen uns, in einem folgenden Artikel die Hauptpunkte zu erörtern, in denen sich Bernstein gegen die theoretischen Grundlagen des Sozialismus und gegen die sozialdemokratische Taktik wendet. Diese Punkte sind der entschiedene Nachweis für das vollzogene Abschwenken in das bürgerliche Lager. Bernstein setzt an die Stelle der Wissenschaft die lltopie, er läßt die Gründe für die Verwirklichung des Sozialismus als einer wirthschaftlichen Nothwendigkeit fallen und sucht das Proletariat mit dem frommen Glauben zu trösten, daß der Sozialismus eine sittliche, eine kulturelle Nothwendigkeit sei. Er weist den Gedanken an den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirthschafts- und Gesellschaftsordnung als eine der unerläßlichen Voraussetzungen für die sozialistische Gesellschaft zurück und hofft auf eine allmälige, stückweise Einschmuggelung des Sozialismus in die kapitalistische Gesellschaft durch soziale Reformen, Gewerkschaften, Konsumvereine, Produltivgenossenschaften. Genau betrachtet erweist sich die von ihm ins Auge gefaßte allmälige Sozialisirung nicht als ein Mittel zur Zertrümmerung des Kapitalismus, sondern als Mittel zu seiner Befestigung durch die Verbürgerlichung des Proletariats. Mit ethisch-demokratischem Gruseln schiebt Bernstein den proletarischen Klassenkampf bei Seite und trägt dessen geschichtliche Mission auf das„Rechtsbewußtsein" über, auf den steigenden Einfluß der„Ethik" und des„Allgemeininteresses" innerhalb der ausbeutenden und herrschenden Klassen. Statt des Kampfes wider die Bourgeoisie predigt er die Aussöhnung mit ihr im Zeichen des„Liberalismus", das heißt, er vertröstet das Proletariat mit dem Schaugericht einer abstrakten Formel, statt ihm die Nothwendigkeit des festen Zu- greifens nach dem sicheren Brot seiner wirthschaftlichen Befreiung einzuschärfen. Nachdem er den Klassenkampf verpönt hat, verflüchtigen sich unter seiner fingerfertigen Beweisführung die Klassen selbst. Das Proletariat wird in Personen und Gruppen aufgelöst, die von Interessengegensätzen beherrscht sind und kaum je unter den Hut eines gemeinsamen Klasseninteresses gebracht werden können. Auch die Bourgeoisie erscheint lediglich als buntes Zusammengewürfel von verschiedenen Interessengruppen, die zusammengehalten rverden durch den Druck von oben oder die Furcht vor dem unten drohenden revolutionären Gespenst, die Furcht vor der„Freßlegende" des kämpfenden Proletariats. Bernstein fordert eine dieser Auffassung entsprechende Umänderung der sozialdemokratischen Taktik. Für ihn freilich beschränkt sich diese Umänderung blos auf eine andere, richtigere Etikettirung der Partei und auf die Entwöhnung von der lasterhaften„revolutionären Phraseologie", dem leidigen Erbstück des „Blanquismus" von Marx und Engels. Die Mauserung, die er selbst durchgemacht hat, dichtet er nämlich auch der Sozialdemokratie an. Nach seiner Ansicht hat sich dieselbe bereits thatsächlich zu einer„demokratisch-sozialistischen Reformpartei" entwickelt, und es handelt sich für sie nur darum, das Bischen moralischen Wage- muth aufzubringen, um unbeirrt durch das Geschrei der Fanatiker des„Gewaltkollers"„zu scheinen, was sie ist". Die Entdeckung, daß die Sozialdemokratie eine nichts- als-reformlerische Partei ist, mußte Bernstein leicht fallen. Er begreift nämlich das Wort Revolution in dem allervulgärsten Polizeisinne und findet deshalb in dem Wirken der Sozialdemokratie nicht die geringste revolutionäre Spur. Daß er trotzdem den warnenden Schulmeisterfinger erhebt und ganz ernsthaft den Gebrauch des für zartnervige Ohren schreckhaften Wortes revolutionär widerräth, bekundet einen geradezu abergläubischen Respekt vor dessen bindender und lösender Kraft. Die Partei verbanne das Wort revolutionär aus ihrer Sprache, meint Bernstein, und es erstehen den proletarischen Interessen kräftige Vertheidiger und Förderer in Gestalt der brünstig nach Bethätigung schreienden„Ethik" der besitzenden Klassen, in Gestalt des diese durchglühenden„Allgemeininteresses". An Stelle des proletarischen Klassenkampfs gegen die Bourgeoisie zur Eroberung der politischen Macht tritt nun die Reformarbeit auf dem Gebiet der Gesetzgebung, des Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens, der Gemeindeverwaltung rc. im Bunde mit dem anständig und gerecht denkenden Theil der Bourgeoisie zum Zwecke der Demo- kratisirung der Gesellschaft. Auf den friedlichen Wellen dieser Demokratisirung gleitet die geschichtliche Entwicklung zu dem Sozialismus hinüber. Selbstverständlich zu einem Sozialismus, der auch den herrschenden Klassen mit harmloser Freundlichkeit entgegenlächelt. Denn offenbar hat Bernstein mit der„Freßlegende" auch die charakteristischen Merkmale des Sozialismus zum alten Eisen geworfen: die Ueberführung der Produktionsmittel aus dem Privateigenthnm in den Gesellschaftsbesitz, die Beseitigung der Waarenproduktion und der freien Konkurrenz. Er erklärt den Sozialismus als„die Bewegung zu oder den Zustand der genossenschaftlichen Gesellschaftsordnung". Wie andere Begriffe, so verliert auch der des Sozialismus bei ihm seine scharf umrissene geschichtliche Bedeutung und wird zu einem verschwommenen, nebelhaften, vieldeutigen, alles- und nichtssagenden Etwas, zu dem sich heutigen Tags jeder leidlich anständige und gutmüthige Mensch bekennen kann, ohne deshalb befürchten zu müssen, salonunfähig oder gar„gerichtsnotorisch" zu werden. Die von Bernstein angepriesene Theorie und Taktik ist die Theorie und Taktik all der bürgerlichen Elemente, die ihr Zelt an der Grenze des geschichtlichen Kampfplatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufgeschlagen haben. Wollte die Sozialdemokratie sich diese Theorie und Taktik zu eigen machen, sie müßte aufhören, sie selbst zu sein, sie müßte mit Nationalsozialen. Reformlern jeder Schaltirung, doktrinären Liberalen und bürgerlichen Demokraten den Bruderschmatz tauschen und sich mit ihnen zu einem großen Reformlerkuddelmuddel vermengen. Es mag dies das Ideal der sozialen und politischen Parteichen und Gruppen sein, die so gern den feurigen Renner der Sozialdemokratie mit etwas Reformhabcr kapitalfromm machen möchten, um ihn vor ihren eigenen, nicht vonr Flecke kommenden Karren zu spannen. Es mag dies als holder Traum die guten Leute und schlechten Musikanten nmgaukeln, die sich zum Nachweis ihres verfeinerten Empfindens und Denkens wider die materialistische Geschichtsauffassung und den Klassenkampf sträuben und an der Lösung der sozialen Frage durch geistreichelnde „ethisch-psychologisch-literarische" Debatten„arbeiten". Es wäre der Selbstmord der Sozialdemokratie als einer politischen Partei, als der Partei des klassenbewußten, revolutionären Proletariats. Durch die ihr augesonnene Frontänderung würde sie zwar ihre Gegner nicht versöhnen und entwaffnen, wohl aber das Vertrauen und die Gefolgschaft der proletarischen Massen verlieren. Wenn Bernsteins Schrift ein großes Verdienst unbestritten beanspruchen darf, so ist es das, klar zu zeigen, wohin die in der Partei vorhandenen possibilistischen Strömungen führen müssen und dadurch eine kräftige Aktion hervorrufen nicht etwa für die Verwischung des grundsätzlichen Charakters der Sozialdemokratie und die Taktik der Nur-praktischen-Reformarbeit, sondern gegen die Verbannung ihrer Grundsätze in den Silberschrein und gegen die Taktik der Kompromisselei mit der bürgerlichen Gesellschaft. Aus dem Bericht der Vadischen Fadrikinspelttwn für 1893. Der neue Jahresbericht der Badischen Fabrikinspektio» steht in sozialpolitischer Beziehung auf der Höhe seiner Vorgänger. Die objektive und verständnißvolle Art, init welcher der Chefinspektor, Herr Or. Wörishoffer, soziale Erscheinungen beobachtet und bcurtheilt, sticht ivohlthuend ab von den wüsten Hetzereien des Unternehmerthums und seiner gistgeschwollenen Handlanger, die nach dem Zuchthaus für ehrliche Arbeiter schreien, wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser. Gleich im Anfang des Berichts wird die erfreuliche Mittheilung gemacht, daß das Fabrikinspektorat durch Anstellung eines Beamten und die in Aussicht stehende Ernennung zweier Assistentinnen erweitert werden soll. Die vorgesehene Vermehrung der Gewerbeaufsichtsbeamten entspricht einem Beschluß des Landtags, dagegen sind andere Forderungen desselben zur Reform des Fabrikinspektorats noch nicht berücksichtigt worden. Der Landtag beschloß nämlich auf die Initiative der sozialdemokratischen Abgeordneten hin, die Regierung zu ersuchen, die Frage der Dezentralisation der Fabrikinspektion zu prüfen und in dieser Hinsicht vorzugehen, wenn alle der Gewerbeordnung unter- worfenen Anlagen der Gewerbeaufsicht unterstellt sein werden; ferner zwei Assistentinnen anzustellen und die hierfür nöthigen Mittel bereits im Budget für 1899 vorzusehen, und endlich„der durch die Beisitzer der Gewerbegerichle und durch die Krankenkassenvorstände repräsen- tirlen Arbeiterschaft ein Vorschlagsrecht bei Besetzung von Stellen nicht akademisch gebildeter Beamten einzuräumen". Wohl unter dem Einfluß dieser Landtagsbeschlüsse, welche auch die Zustimmung der Regierung fanden, hat Dr. Wörishoffer seine noch im vorjährigen Bericht gegen weibliche Aufsichtsbeamte geltend gemachten Bedenken etwas zurücktreten lassen. Grundsätzlich hat er sich allerdings nie gegen die Neuerung ausgesprochen, wie er im vorliegenden Bericht feststellt.„Wohl aber sind wir der Ansicht gewesen", heißt es daselbst,„daß die Verhältnisse noch nicht genügend geklärt seien, um bei einem solchen Vorgehen einen Mißerfolg so vollkommen als möglich auszuschließen, was gerade in diesem Falle mit allen Mitteln vermieden werden sollte. Bei der Neuheit der Sache wird wohl kaum jetzt schon eine deutliche Vorstellung gemacht werden können, wie sich die Thätigkeit eines weiblichen Beamten gestalten wird. Im Allgemeinen kann man in dieser Sache auf zweierlei Weise vorgehen. Entweder stellt man, was die am meisten verbreitete Ansicht zu sein scheint, vertrauenswürdige Personen etwa von der Qualität der besten Aufseherinnen und Werkmeisterinnen an, denen dann der Vollzug eines Theiles der Arbeiterschutzgesetze mit Beziehung auf die Arbeiterinnen zufallen würde. Oder man faßt die Sache von einem etwas weiteren Gesichtspunkt auf und kommt dann zu der Anstellung gut gebildeter, zu selbständiger geistiger Thätigkeit befähigter Damen." vr. Wörishoffer führt dann weiter aus, daß den früheren Aufseherinnen als Gewerbebeamtinnen hinsichtlich der Revision der gewerblichen Anlagen und der damit zusammenhängenden Geschäfte— soweit nicht die betreffenden Arbeilen wegen der Natur der Sache von männlichen Beamten vorgenommen werden müssen— ungefähr die gleichen Aufgaben obliegen würden, wie diesen. Die Folge davon wäre, daß solche weibliche Aufsichtspersonen nur routinenmäßige Geschäfte und von diesen nur einen Theil zu besorgen hätten, daß sie aber schon bei den auf die Neuanlagen und dergleichen bezüglichen Obliegenheiten, abgesehen von besonderen Fällen, nicht mitwirken könnten. Da aber alle die Pflichten, welche die weiblichen Beamten hiernach zu erfüllen hätten, bisher von den männlichen Beamten mitbesorgt worden seien, so wäre zu befürchten, daß die Thätigkeit der Hilfsinspektorinnen als überflüssig erscheinen könnte, und daß in der Folge die ganze Institution diskreditirt würde.„Wir möchten", wird im Bericht gesagt,„daher diesen Weg, wenigstens für den Anfang, nicht empfehle». Daß die weiblichen Aufsichtspersonen sich rasch eine Vertrauensstellung bei den Arbeiterinnen erringen würden, nehmen wir aus den in früheren Jahresberichten eingehend besprochenen Gründen nicht an. Von dieser Seite ist daher eine Befestigung ihrer Stellung nur dann zu erwarten, wenn sie während einer Reihe von Jahren eine besondere Thätigkeit im Interesse der weiblichen Arbeiterschaft im Ganze» entfallen könnte». Es könnte sich so eine Vertrauensstellung gegenüber der letzteren herausbilden, welche bei dem Besuche gewerblicher Anlagen sicher nicht entsteht und wegen der Mangelhaftigkeit des damit zusammenhängenden persönlichen Verkehrs auch gar nicht entstehen kann." Andererseits ist aber nach Or. Wörishoffer zu bedenken, daß die Frauenarbeit im Lause der industriellen Entwicklung eine außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat und fortschreitend immer mehr gewinnt, daß viele Arten gewerblicher Arbeit gerade auf den weiblichen Organismus eine schädigende Einwirkung ausüben, und daß die Frauenarbeit im Ganzen auf das Familienleben und den ganzen Kulturzustand der betreffenden Klassen eine» großen Einfluß hat.„Unter diesen Verhältnissen kann mit Recht ein Organ für zweckmäßig gehalten werden, welches die besonderen Interessen der weiblichen Arbeiterschaft wahrzunehmen geeignet ist, welches ferner alle die genannten Verhältnisse sorgfältig studirt und befähigt ist, die Ergebnisse aller dieser Wahrnehmungen und Studien in einer der Bedeutung der Sache entsprechenden Weise zur Darstellung zu bringen. Auch wenn man hinsichtlich der ganzen Ausgestaltung der Sache sich im Einzelnen kein deutliches Bild im Voraus machen kann, folgt daraus eigentlich nicht, daß man die Ausfüllung der bezeichneten Lücke unterlassen sollte. Dieses Organ könnte selbstverständlich nur eine Frau sein, nicht aber eine weibliche Aufsichtsperson mit den oben kurz angedeuteten Aufgaben, sondern eine Frau von genügender wissenschaftlicher Bildung und Befähigung, um die Bedürfnisse des Arbeiterschutzes speziell von der Seite des Schutzes für die Arbeiterinnen zu erfassen und dienstlich zu verwer- then. Eine solche Beamtin wird aber auch die gewerblichen Anlagen mit namhafter Verwendung von Arbeiterinnen zu besuchen und die dabei sich ergebenden Geschäfte zu erledigen haben. Die Besorgung dieser Geschäfte wird aber nicht ihre einzige Aufgabe sein." Fängt man die Sache derart an, meint schließlich Dr. Wörishoffer, so kann mit einiger Wahrscheinlichkeit erwartet werden, daß eine solche Institution sich nach und nach zu einem nützlichen und wichtigen Theile der Gewerbeaussicht auswächst. Je nach den dabei gemachten Erfahrungen ist es dann durchaus nicht ausgeschlossen, später auch eine oder die andere Beamtin der erstgenannten Art anzustellen, ähnlich wie dies auch hinsichtlich der männlichen Beamten geschehen ist. Diese Auffassung scheint uns beachtenswerth, denn sie schließt u. A. auch die Mitwirkung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten aus dem Arbeiterstande ein. Der behördlichen Aufsicht waren im Jahre 1398 in Baden 6771 Betriebe(1897: 6575) mit 135973(1897: 173794) Arbeitern unterstellt, darunter 54039(51579) Arbeiterinnen. Die Betriebe vermehrten sich demnach um 196, die Gesammtzahl der Arbeiter nahm um 12184 zu, die Zahl der Arbeiterinnen um 2460. Auf die einzelnen Jndustriegruppen vertheilten und vermehrten sich im Vergleich zu 1897 die Arbeilerinnen folgendermaßen: I«W 18»? Mit Ausnahme der chemischen Industrie und der Lederindustrie, wo eine Abnahme der Arbeiterinnen um 136 resp. 78 stattgefunden hat, ist in allen anderen Industrien eine Erhöhung der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte eingetreten. Dieselbe ist am erheblichsten in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie 1386, sodann in der Industrie der Erden und Steine 167, in der Metallindustrie 221, Papierindustrie 180, Bekleidungsindustrie 153 u. s. w. Von den Arbeiterinnen der Genußmittel-:c. Industrie entfallen 22941 allein auf die Tabak- und Zigarrenfabrikation, von jenen der Metallindustrie allein 4584 auf die Bijouterieindustrie. Bemerkenswerth für die große Bedeutung der Fabrikarbeit der Frauen ist ihre erheblich stärkere Vertretung als die der männlichen Arbeiter in der Textilindustrie, sowie in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie. In der ersteren machen die Frauen 58,63, in der anderen 55,01 Prozent aus. Auch in der Bekleidungsindustrie stellt das weibliche Geschlecht mit 51,59 Prozent mehr als die Hälfte der Gesammtarbeiterschaft. Von 1892 bis 1893, also im Zeilraum von sechs Jahren, vermehrte sich die Zahl der Arbeiterinnen in den der behördlichen Aufsicht unterstellten Betrieben in Baden von 41491 auf 54039, oder um 12 548; relativ ist allerdings ihr Antheil an der gesammten Arbeiterzahl in diesem Zeitraum von 32,9 auf 29,06 Prozent zurückgegangen. Auf die verschiedenen Altersklassen vertheilten sich die Arb'eile- rinnen im Jahre 1398 wie folgt: Arbeiterinnen unter 14 Jahren gab es 239; von 14 und 15 Jahren 6887; von 16 bis 20 Jahren 16147; von 21 bis 50 Jahren 28499 und über 51 Jahre alt waren 2267 weibliche Arbeitskräfte. Die meisten Arbeiterinnen gehören demnach der allerdings auch umfangreichsten Altersklasse von 21 bis 50 Jahren an. Die Zahl der Betriebsanlagen, in denen jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt werden, stieg von 2536 in 1897 auf 2676 im Jahre 1898, und die Zahl derjenigen, wo Arbeiterinnen von 16 und mehr Jahren thätig sind, von 1963 auf 2036. Die Frauenarbeit hat demnach im Vorjahre eine erhebliche Ausdehnung erfahren und ist zum Theil, wie der Bericht mittheilt, eingeführt bezw. ausgedehnt worden, um den Forderungen der Arbeiter entgegenzuwirken und niedrigere Arbeitslöhne herbeizuführen. So wurden in einer Mannheimer Metallwaarenfabrik, wo den Arbeiterinnen der Stücklohn für das Putzen der Fahrradlaternen von 5 auf 3'/, Pfg. reduzirt wurde und sie in Folge dessen in den Streik eintraten, dem sich aus Solidarität auch die männlichen Arbeiter anschlössen, an Stelle der Letzteren Streikbrecherinnen eingestellt. Dieselben wurden auf Spengler arbeit eingelernt und„nach Kurzem verfügte die Fabrik über zwanzig geübte Spenglerinnen."„Die Fabrik", ist in dem Bericht weiter zu lesen,„giebt ihre Leistungen in manchen schwierigen Arbeiten als besser an als die ihrer männlichen Kollegen. Die Löhne der letzteren erhalten sie aber nicht, sondern die Fabrik erzielt durch ihre Verwendung an den Löhnen einen Ertra gewinn von etwa 25 Prozent." Eine solche Verwendung von Frauenarbeit, welche die ganze Arbeiterklasse schädigt, ist sehr bedauerlich und läßt die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen um so nothwendiger erscheinen. Wie schon in früheren Jahresberichten, so wird auch in dem vorliegenden aufs Neue betont, daß in mehreren Industriezweigen mit vorherrschender Frauenarbeit das Aussehen der Arbeiterinnen etwa schon vom 3». Lebensjahre an ein augenfällig ungünstigeres wird.„Da in der verflossenen Zeitperiode Verbesserungen in der Lage der jugendlichen Arbeiter sowie auch der Arbeiterinnen stattgefunden haben, wurde aus der genannten Wahrnehmung geschlossen, daß für erwachsene Arbeiterinnen in manchen Industriezweigen auch die reduzirte Arbeitszeit von elf Stunden noch zu lang ist, und daß sie zu einem vorzeitigen Verbrauch des vorhandenen Kapitals an Gesundheit führt. Den ungünstigen Einflüssen der gewerblichen Arbeit wird von einem gewissen, verhältnißmäßig frühen Lebensalter an nicht mehr durch die im übrigen eingetretene Verbesserung ihrer Lage das Gleichgewicht gehalten. Es findet vielmehr eine sich allmälig summirende auch äußerlich erkennbare Unterbilanz statt." Als indirekter Beweis für die Richtigkeit dieser Darlegungen wird die Thatsache angeführt, daß die Zigarrenarbeiterinnen, deren Arbeit eine keineswegs gesunde ist, ziemlich weit über das 30. Jahr hinaus verhältnißmäßig blühend aussehen, wenn sie, wie dies in den Landorten geschieht, im Frühling, Sommer und Herbst die Fabrik- thätigkeit mit der Landarbeit vertauschen können. Der Bericht bestätigt also, wie dringend nöthig für die Arbeiterinnen eine erhebliche Verkürzung der Arbeitszeit ist, sollen nicht weite Volkskreise dem Verkommen anheimfallen. Für Ueberzeitarbeit der Arbeiterinnen erhielten 290 Anlagen 7«>3 behördliche Bewilligungen, die 178462(1397: 135016) Ueber- stunden umfaßten und 11321 Arbeiterinnen betrafen, so daß jede derselben durchschnittlich im Jahre 15�/- Ueberstunoen leisten mußte. Nur in 3 Fällen— von 293— wiesen die Behörden die Ueberstunden- gesuche ab. Weiter wurde 13 Betrieben Ueberzeitarbeit für den Samstag für 104 Arbeiterinnen gestattet. Uebertretungen der Vorschriften betreffend den Schutz der jugendlichen Arbeiterschaft wurden in 114 Anlagen festgestellt und deshalb 29 Personen bestraft; solche betreffend den Schutz der Arbeiterinnen in 69 Anlagen, es erfolgte deswegen eine Bestrafung von Eine Dichterin der Freiheit. Von Klara Zetkin. (Schluß.) Zusamiiieil mit dem Sehnsuchtslaut des Weibes nach Liebesund Mutterglück tönt durch Klara Müllers Gedichte der Eni- pörungsruf des Menschen, auf dessen Blüthendrang der tödtliche Frost des Vorurtheils, der gesellschaftlichen Einrichtungen, vor Allem aber der Armuth fällt. Gewiß ist das„Ewig Weibliche" etwas ewig Menschliches im Leben der Frau, aber es ist nicht der einzige, der ganze Inhalt ihrer Persönlichkeit. Die Verfasserin„dürstet nach dem Born der Wahrhen", aber sie kann nicht wie sie will nach diesem Born wandern und ihren Durst löschen. Die Roth weist sie gebieterisch in die ausgetretenen Bahnen einer engen Berufsbildung und hält sie später mit„drückenden Ketten am Arm" an dem„klappernden Webstuhl" der Brot- frohn gefesselt. Die Seele träumt von ihrem freien Entfalten und Wirken„einen stolzen Sonnentraum", in reifer Kraft will sie der Menschheit Herrliches geben, nicht spurlos soll ihr Sein und Thun vorübertreiben. Aber im„öden Dünensand" des Muß kleinlicher Alltagsaufgaben verweht das Ringen, dem Leben die Verwirklichung des Sonnentraums abzuzwingen. Nach der Freude des Wagens leint die Verfasserin die Bitlerniß des Entsagens kennen: „Seinc Bliithen hat jeder Strauch, Früchte der Baum getragen. Du nur, ringender Mcnschcngeisi, Mußt entsagen— entsagen!" In der Ilmgebung kein Verständniß, kein Mitgefühl für das Suchen und Fehlen, für das Kämpfen, llnterliegeit, Wiederei heben und rastlose Vorwäitshasteil und Vorwärtslasten. Nur das dünkelhafte Achselzucken der Pharisäer, die Gott dafür danken, nicht zu 18 Personen. Zwischen der Zahl der Uebertretungen und der Zahl der Bestrafungen besteht ein arges Mißverhältniß, welches dadurch noch schlimmer wird, daß die Strafen meist so gering ausfallen, daß die Gesetzesverletzung noch rentabel bleibt. Den Arbeitern gegenüber bethätigt bekanntlich keine Behörde Nachsicht und Milde. Erwähnenswerth ist noch, daß die bundesräthliche Verordnung betreffend den Schutz der Arbeiterinnen in Konfektions- und Wäschegeschäften nur sehr wenige Betriebe und Konfektionsgeschäfte erfaßt hat, und daß somit die ganze bezügliche Staatsaktion so gut wie wirkungslos geblieben ist. Daß man mit solcher„Sozialreform" nicht vom Flecke kommt, hat die Sozialdemokratie von Anfang an treffend nachgewiesen; nun bestätigen die Thatsachen allenthalben ihre diesbezüglichen Voraussagen. Recht interessante Betrachtungen enthält der Bericht wieder über die Arbeiterbewegung, über die Entwicklung der Gewerkschaften und den Verlauf von Versammlungen, sowie über die Haltung der Arbeiter bei Lohnbewegungen. Die gewissenlosen, brutale» Scharfmacher erfahre» hierbei indirekt eine gründliche Abfuhr. Auf diesen Theil des Berichts werde» wir noch zurückkommen. D. Zinner. Aus der Bewegung. Polizei und Juristerei im Kampfe gegen die proletarischen Frauen/ Die Anwesenheit von Frauen in einer Volksversammlung mußte in Köpenick wieder einmal als Grund zu der Auflösung der Versammlung herhalten. Genosse Bebel sollte hier Ende Februar in einer Volksversammlung spreche». Kaum hatte er seinen Vortrag begonnen, so theilte der Vorsitzende mit, der überwachende Polizeiwachtmeister habe soeben erklärt, daß er die Versammlung auflösen müsse, wenn die anwesenden Frauen nicht aus dem Saale entfernt würden. Der Vorsitzende protestirte gegen das Verlangen, zu dem die Polizei kein Recht habe. Genosse Bebel schloß sich yiesem Protest an. Er betonte, daß das Gesetz die Anwesenheit von Frauen in Volksversammlungen gestattet und nur ihre Mitgliedschaft in politischen Vereinen, sowie ihre Anwesenheit in solchen Vereinsversammlungen verbietet. Die Versammlung möge über die Forderung der Polizei abstimmen, sie werde sich derselben hoffentlich nicht fügen. Führe die Polizei ihre Drohung aus, so sei dies ein ungesetzlicher Akt, gegen den die entsprechenden Mittel ergriffen werden würden. * Wegen Raummangels verspätet. sein wie diese Wahnwitzigen, die das Brot neben sich liegen lassen, um nach den schinimernden Sternen am Himmel zu greifen. Nur die Entrüstung der„satten Tugend und zahlungsfähigen Moral" über das kühne Unterfangen eines armen Mädchens, sein eigenes Leben leben zu wollen, die konventionelle Heuchelei preiszugeben, nm etliche Strahlen persönlichen Glücks zu erhaschen. Die kleine Verfehlung zur„Sünde" gestempelt, das beste Streben als„Narre- thei" verschrien. Da verschließt sich der heiß nach Sympathie verlangende Sinn, und von Fremden ungewußt, tief im Innern nur quillt die brennende Thläne und jauchzt die stürmische Lust. Klara Müller hat auf das Leistandenwerden durch Die verzichten müssen, die um sie stehen. So sagt sie: „lind nimmer soll vor ihnen sich Mein Haupt erbarmenheischend neigen; Ich hab's gewollt, und kann es jetzt: Ter Welt ein lachend Antlitz zeigen." Selbst dem Slarken bleiben die Slnuden nicht erspart, in denen er der Schwäche seinen Tiibut zollen muß. So erzählen auch Klara Müllers Verse von schweren Sliinmungcn, in denen der Flug des Gedankens erlahmt,„farblos die Lieder kranken". Die Dichterin klagt: „Mcin Herz ward müde, stumpf mein Sinn, Zu stumpf für einen Gluthgcdanken." Vor des Daseins Jammer flüchtet sie in den Schlaf, möchte sie in den Tod flüchten. Denn: „Schlaf ist Vergesse», ist die Befreiung Von all' den lastenden, quälenden Sorgen Um des Daseins traurige Narrheit, Um der Zukunft lichtloses Dunkel, Um das eine, selige Glück. Aber Eines noch dünkt mich süßer: Nicht das Vergessen nur,— das Vergehen! Die Versammlung beschloß mit allen gegen drei Stimmen, die Frauen nicht auszuschließe». Darauf erhob sich der Wachtmeister, erklärte die Versammlung für geschlossen und forderte die Anwesenden auf, den Saal zu verlassen. Ein Sturm der Entrüstung antwortete ihm, langsam leerte sich ver Saal. Nichts illustrirt deutlicher als diese Versammlungsauflösung die in Preußen herrschende Polizeiallmacht und Polizeiwillkür. Es vergeht kaum eine Woche, wo in Berlin und anderen Orten nicht Hunderte von Frauen, manchmal Tausende, Volksversammlungen beiwohnen. In nächster Nähe von Berlin, in Köpenick, wird eine Versammlung wegen der Anwesenheit von Frauen aufgelöst. Und das dem Gesetz entgegen, jedenfalls lediglich, weil es den Köpenicker Behörden beliebt, Staalsretter spielen zu wollen. Das gesetzlich gewährleistete Recht einer ganzen Ortsbevölkerung vernichtet. weil überängstliche und übereifrige Beamte das Gesetz nicht kennen oder nicht kennen wollen. Wir leben im Lande der vollendetsten Rechtsgarantien. Ein Minister hat es gesagt, und folglich muß es allen Thatsachen zum Trotz für den beschränkten Unterthanenverstand wahr sein. Ein Tanzvergnügen gewerkschaftlich organisirter Arbeiter wurde wieder einmal durch behördliche Weisheit zu einer Vereinsversammlung eines politischen Vereins gestempelt, an der Frauen nicht theil- nehmen dürfen. Am 4. September 1897 wollte die Verwaltungsstelle Luckenwalde des Metallarbeiterverbandes ein Tanzvergnügen abhalte». Es wurde von der Polizeibehörde mit der Begründung verboten, daß es sich um eine Vereinsversammlung einer politischen Organisation handle, die wegen der vorauszusehenden Anwesenheit von Frauen nicht gestattet werden könne, Der Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle führte vergeblich Beschwerde beim Regierungspräsidenten und beim Oberpräsidenlen. Die Regierungsvertreter traten der Ansicht der Polizei bei. Der politische Charakter der gewerkschaftlichen Organisation wurde durch Aeußerungen aus Verbandsversammlungen und öffentlichen Versammlungen„nachgewiesen". Die Arbeiter klagten beim Oberverwaltungsgericht. Dieses hat nun kürzlich die Klage abgewiesen, ohne Gründe zu veröffentlichen. Auch das Oberverwaltungsgericht scheint demnach pflichtschuldigst den staatsgefährlichen Charakter des Tanzvergnügens, die umstürzlerische Wirkung der Walzer und Galopps entdeckt zu haben! Glücklich der Staat, der so scharfsinnige und sindefrohe Behörden hat. Einen neuen Grund für die Auflösung von Versammlungen hat im Lande Bliemchens ein biederer Ueberwachender gefunden:„das Auflehnen der Behörden". Genossin Zieh-Hamburg sprach kürzlich in Hartha über„Moderne Sklaverei". Nach dem Vortrag forderte Nicht das Ausruhen,— nein, die Ruhe! Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen, Aber das Süßeste ist der Tod." Aber solche müde Stimmungen ziehen nur vorübergehend durch ihre Seele und vermögen die Lebensfrische und Strebensfrcude so wenig zu ertödten, wie eine über den Himmel huschende Wolke der Sonne Leuchlkraft auslöscht. Kraftvoll schüttelt die Dichterin„die bleichen Schemen" ab,„die das Blut aus ihren Adern trinken", und so klingen die erlittenen Leiden nicht in wehmüthig greinender Resignation aus, sondern in einem trotzigen„Aufschrei" des Hasses wider das Beugen, des Bedauerns über die dahin vegetirten Jahre, des festen Willens zu leben: „Ach, dies Leben tobtet mich: Grau in Grau in weiten Fernen,— Essen, Trinken, Schlafenszeit, Beugen lernen, Beugen lernen! Und ich Hab' es ja gelernt, Nicht gewagt, das Haupt zu heben, Habe Jahre vegetirt..... Herr mein Gott, jetzt will ich leben! Das Leben, das glühend begehrte menschenwürdige Leben sucht unsere Dichterin nicht gleich so vielen Zeitgenossen in feiger, poetisch verklärter Weltflucht. Die Kunst ist ihr kein Narkotikum, das von den Kämpfen unserer Tage in das Reich einer traumseligen Schönheit entrückt, Klara Müller trägt vielniehr den Kämpfes- geHall der Zeit in ihre Kunst hinein. Trotz ihrer staiken Eigenart oder richtiger gerade wegen ihrer starken, aber gesunden Eigenart Philosophirt und dichtet sie sich den„Hcrdenthiercn" gegenüber nicht in den Verachtungswinkel hinein, in dem so viele derer hocken, welche sich„Ilebermenschen" nennen, weil sie Untcrknirpse sie alle nichtorganisirten Arbeiter und Arbeiterinnen auf, ihrer Gewerkschaft beizutreten und wollte selbst im Saale herumgehen, um Mitglieder für den Hilssarbeiterverband einzeichnen zu lassen. Der Vorsitzende wollte im Hinblick darauf die Versammlung um zehn Minuten vertagen. Der Ueberwachende erklärte jedoch, dies nicht gestatten, sondern die Versammlung schließen zu wolle», falls sie nicht weiter verhandle. Ein Genosse äußerte seine Verwunderung über diese Erklärung, da nicht gegen die Tagesordnung verstoßen worden sei, und das Gesetz nicht vorschreibe, daß während einer Versammlung ununterbrochen gesprochen werde» müsse. Da erhob sich der Ueberwachende und löste die Versammlung mit der feierlichen Erklärung auf:„Die Versammlung ist geschlossen wegen Auflehnen der Behörde." Sollte das gemißhandelte Deutsch des gebildeten Ueberwachenden vielleicht doch den wirklichen Grund der Bersammlungsauflösung ver- rathen haben, sollten in Sachsen vielleicht auch noch andere Versammlungen in Folge von„Auslehnen der Behörden" verboten und aufgelöst worden sein? Notizentlzeil. (von lilp Sraun und Alar» Artki».> Weibliche Fabrikinspcktoren. ttcbcr die weiblichen Pcrtrauenspcrsonc», welche die Gewerkschaften in mehreren Städten Württembergs zur Uebermittlung von Beschwerde» der Arbeiterinnen an die Gewerbeinspektion aufgestellt hat, äußert sich der letzte„Jahresbericht des Gewerbeaufsichtsbeamten" anerkennend. Es heißt daselbst:„In Bezug auf die weiblichen Vertrauenspersonen ist hervorzuheben, daß es der organisirten Arbeiterschaft ungeachtet der vielen Schwierigkeiten gelungen ist, der Mehrzahl nach geeignete Persönlichkeiten für den Beruf zu gewinnen. Es wurden ausschließlich Frauen und Mütter zu diesem Amte gewählt, einmal wegen des so nothwendigen Rückhalts, den diese an ihrem Manne finden, dann aber auch von dem Gesichtspunkt aus, daß die Bedürfnisse der Frau als Mutter nur solche Frauen gründlich zu beurtheilen im Stande sind, die selbst Kinder zu pflegen und zu erziehen haben." Nach dieser Aeußerung stehen die württembergischen Gewerbeinspektoren den von Gewerkschaften aufgestellten weiblichen Vertrauenspersonen vorurtheilslos und wohlwollend gegenüber, sie verschanzen sich nicht hinter bureau- kratischem Formelwerk, um den Verkehr mit ihnen abzuweisen bezw. sind.„Geschöpf zu Geschöpfen treibt sie ihr Heiz", und nicht in stolzer, unnahbarer Einsanikeit strebt sie hinaus aus der Enge, „nach blühenden Weiten",„nach sonnigen Borden",„ans ragende Berge", vielmehr in Gemeinschaft mit der Masse, die gleich ihr sich aus der Knechtschaft zur Freiheit eniporringen möchte. „Hinaus möcht' ich zichn auf die lärmcnden Gasscn, Ein Tropfe» versinken im Meere der Massen, Der eigenen Pulse Anschwellen und Schwinden Erschauernd als Herzschlag der Menschheit empfinden. Hinaus, nur hinaus!" Die gleißenden bürge>lichen Flitter ihrer Existenz haben sie nicht blind gemacht für den unter der scheinenden Hülle verborgenen proletarischen Kern. Klara Müller empfindet nicht nur mit dem Proletariat, sie empfindet als Prolctarierin, deren stolze Individualität die Härte des Beugenlerncns erfahren hat. Ihr persönliches Weh zittert in den Versen nach, in denen sie vom Leid der Arbeiterklasse singt. In jedem Stück Proletarierschicksal, das des Lebens Fluth an ihr vorübertreibt, findet sie ein Stück ihres eigenen Looses wieder. Daher die Wärme und Ilnniittelbarkeit des Empfindens und der Darstellung, und die tendenziöse Wirkung ohne gesuchte tendenziöse Absichtlichkeit. „Ich ging mit dir durch alles Elends Tiefen, Geknechtet Volk, durch einen Pfuhl der Schmach: Die Stimmen hört' ich, die nach Freiheit riefe», Und meine Seele hallte zitternd nach. Ich schlief mit dir in deiner Armulh Hütten. In die kein Mondlicht mild verklärend scheint, All' deinen Jannner Hab' ich durchgelittcn, All' deine Thräneu Hab' ich mitgeweinl!" Nur wer unfrei unter Unfreien fremdem Reichthum gcfrohn- det hat, kann wie Klaia Müller vom„Fabrikausgang" ein packendes zu beschränken, wie dies offenbar der Gewerbeinspektor für Berlin für seine Amtspflicht zu erachten scheint. Beachtenswerlh ist, daß nach dem Urtheil der Gewerbeaufsichtsbeamten nur verheiratheten Frauen die Aufgabe» der Vertrauenspersonen zugewiesen werden können, wegen des nöthigen Rückhalts, den sie am Manne finden. Es geht daraus hervor, daß alleinstehende Arbeiterinnen aus Furcht vor der Rache der Unternehmer, aus Furcht vor Maßregelung und Brotlosigkeit das Amt nicht übernehmen, nicht wagen dürfen, den gesetzlich zuerkannten Schutz in die Wirklichkeit überzuführen. Der „Jahresbericht" sagt denn auch betreffs des Verkehrs der Arbeiterschaft mit den Gewerbeaufsichtsbeamten:„Stach den allgemeinen Wahrnehmungen wird der Verkehr der Arbeiter mit dem Gewerbeinspektor außerhalb der Fabrik von den Industriellen nicht gerne gesehe». Die Aufsichtsbeamten sind deshalb auch schon in die Wohnungen der Arbeiter gegangen und nur selten und bei besonders passender Gelegenheit findet die Zusammenkunft im Gasthaus statt, weil bei den Arbeiter» immer noch die Furcht vorherrscht, in Gesellschaft des Geiverbeinspektors gesehen und denunzirt zu werden." Ist schon die Furcht der Arbeiter so groß, wie der Bericht meldet, so begreift sich, um wie viel größer die Scheu der meist rückständigen und an Fügsamkeit gewöhnten Arbeiterinnen ist, nicht blos die eigenen Beschwerden der Gewerbeinspektion zu übermitteln, sondern die Beschwerden der Arbeitsschwestern zu sammeln und der zuständigen Stelle zu übergeben.— Was die im Etat für Württemberg vorgesehene Anstellung einer Assistentin der Gewerbeinspektion anbelangt, so hat der„Jahresbericht" die von der Regierung gegebene Begründung übernommen. Den seinerzeit von uns mitgetheillen Aeußerungen der Regierung fügt er»och hinzu:„Wir glauben, daß die Assistentin auch den Verkehr mit den weiblichen Vertrauenspersonen für die Ge- werbeinspeklion nutzbringend gestalten könnte. Eventuell könnte ihre beaussichtigende Thätigkeit auch für die Hausindustrie nutzbringend verwendet werden." Ucbcr die Thätigkeit der zwei Zlssistcntinncn der Fabrik- inspcktion für das Grosihcrzogthnm Sachsen-Weimar enthält der soeben veröffentlichte Jahresbericht für 1898 einige Angaben. Die zwei Assistentinnen, die bereits im vorige» Jahre eingeführt worden sind, betheiligten sich im Berichtsjahre an der Revision von 59 Anlagen, in denen Arbeiterinnen beschäftigt waren. Stur in drei Fällen wurden den Beamtinnen Miltheilungen über Mißstände gemacht, obgleich die Damen wiederholt Erkundigungen einzogen und auch persönliche Beziehungen mit älteren Arbeiterinnen unterhielten. Stach dem Urtheil der Assistentinnen waren die Verhältnisse in den Bild zeichnen, das nicht blos mit dem Auge geschaut, das mit der Seele empfunden ist, das blitzscharf, Gerechtigkeitsgefühl und Grimm wachrüttelnd, den Gegensatz zeigt zwischen dem trostlosen Dasein der ausgebeuteten Proletarier und der prunkvollen Existenz ihrer kapitalistischen„Brotherren". Das Glockenzeichen hat Sklavenrast kündend durch de» Arbeitssaal gegellt, und kreischend geht das Thor der Fabrik: „Da drängt's hcrvor wie flügellahme Brut, Da wächst und wogt des Elends graue Fluth: Mit bangem Blick die blasse Mutler hier— Zu Hause weint der Säugling schon nach ihr. Das Mädel dort, Chrysanihemui» am Hut, In flacher Brust crlog'nc Licbesgluth,— Das srcch vertraut dem nächsten Burschen nickt,— Der Mann, der stieren Auges vor sich blickt,— Und nun der Greis, der matt nach Hause wankt Und für den Hungerlohn dem Schöpscr dankt..... Des SandcS Mark, der Großstadt Kraft und Gliuh Verschlingt des Elends uferlose Fluth. Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer Zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavcnhccr, Zu kurzer Rast, daß schlafgcstärkl die Kraft Beim nächsten Morgengrau'n aufs Neue schafft. Mit frischer Gier, mit nie gestillter Wuth Trinkt die Maschine ihres Herzens Blut. Vorüber zieh», in seltsam scheuer Hast, Sie an der Arbeitsherren Prunkpalast: Den Tisch, der dort vor Ueberfülle bricht, Sie deckten ihn, doch ihnen blüht er nicht....." Rlora Müller fühlt jedoch nicht»nr mit deni leidenden Proletariat, sie weiß sich eins mit dem kämpfenden Proletariat. Wohl sieht sie die Enterbten in ihrer Schmach, aber auch in ihrer sittübrigen Betrieben sowohl in sanitärer wie in sittlicher Hinsicht normal und zufriedenstellend, auch der Verdienst der Arbeiterinnen soll nach dem Jahresbericht ei» guter gewesen sein. Soziale Gesetzgebung. Tie gesetzlichen Vorschriften für die Vadengcschaftr in Anstralien. Von Seite der deutschen Handelsgehilfen wird seit Jahren für eine gesetzliche Regelung der Arbeitsverhältnisse im Handelsgewerbe gekämpft. Allein Dank dem Umstand, daß in Deutschland wohl der Zuchthauskurs mit Volldampf vorausfährt, die arbeiterfreundliche Sozialpolitik aber im Schneckentempo fortschleicht, war ihr Kampf bisher erfolglos. Zwar hat sich der Minister für Sozialreform und mit ihm der Bundesrath neuerdings aufgerafft und einen Gesetzentwurf, betreffend den Schutz der Handlungsgehilsen und Lehrlinge in offenen Verkaufsstellen, ausgearbeitet. Aber der beantragte Schutz ist mit seiner täglich zehnstündigen Ruhe und vierzehnstündigen Arbeitszeit sehr mager ausgefallen, und die lohnarbeitenden Handelsangestellten müßten eine krankhafte Bescheidenheit besitzen, wenn sie davon befriedigt sein würden. Daß es sich betreffs des gesetzlichen Schutzes auch im Handelsgewerbe nicht um ein Nichtkönnen, sondern um ein Nichtwollen der Unternehmer wie der Regierung handelt, zeigt die bezügliche Gesetzgebung in den australischen Kolonien Viktoria und Neuseeland. Die hier aufgestellten Gesetzesvorschristen betreffen Sitzgelegenheit für das Ladenpersonal, die Dauer der täglichen Arbeitszeit, die Freigabe eines halben Tages und zwar eines Nachmittags in jeder Woche u. s. w. Sie sind für die weiblichen Angestellten von besonderem Interesse, da diese bekanntlich unter manchen der in Frage kommenden Mißstände besonders schwer leiden. In Bezug aus die Sitzgelegenheit sagt das Gesetz von Viktoria: Jeder Ladenbesitzer hat für alle in seinem Laden beschäftigten Personen passende Sitzgelegenheiten und zwar für je drei Personen einen Sitz beizustellen; diese Sitzgelegenheiten müssen für die Benutzung der Personen, für welche sie beschafft sind, bequem gelegen sein. Jeder Ladenbesitzer muß allen in seinem Laden beschäftigten Personen gestatten, diese Sitzgelegenheiten zu allen passenden Zeiten während des Tages zu benutzen. Ueber die tägliche Arbeitszeit wird bestimmt: Vorbehaltlich der folgenden Ausnahmen dürfen Personen unter 1« Jahren, sowie Frauen und Mädchen in keinem Laden oder bei keiner Arbeit in Verbindung mit einem Laden länger als 52 Stunden in einer Woche oder neun Stunden im Tage(in beiden Fällen mit Ausschluß der Essenspausen) lichen Erhebung im Kampfe für ihre Befreiung. Sie findet nicht blos den Weg in schmutzige Gassen, wo „An der erkalteten Feuerstelle Hockt die Verzweiflung und stiert und lacht Hellaus in eisiger Wintcrsnacht." Sie belauscht auch wie: „Aus nackten, rosigen Füßchcn schleicht Ein scheues Hoffen, ein Neujahrstraum Sich in den unwirthbaren Raum Und küßt des Darbenden blasse Lippen Und läßt sie aus Schalen voll Manna nippen; Und träufelt Trost in des Schlafenden Ohren: „Es wird eine neue Zeit geboren!"" „Es wird eine neue Zeit geboren", das ist der feste, freudige Glaube, der kraflspendend die Welt der Arbeit durchdringt, der in hellen Glnthen Klara Müllers Gedichte durchloht. „Es geht ein Brausen durch die Luft Wie eines starken Sturmes Wehen: Aus Trümmern tausendjähr'gcn Wahns Will eine neue Welt erstehen." Eine Welt der Freiheit und Gerechtigkeit, wo„die Erde Platz hat, der Himmel Luft für Millionen", Ivo jeder nach Entfaltung drängende Keim Wärme und Licht empfängt, wo Jedem freies Menschenthum zufällt als sein Recht und„nicht als Bettlergabe, aus Erbarmen". Aber nicht unter den sanften Harmonien von Friedensschalmeien schreitet die Menschheit dem hehren Ziele entgegen, der Ruf der Schlachthörner und das Getöse wildtobenden Kampfes umHallen ihren Weg. Wie die Lieder Herweghs, der„eisernen Lerche", so künden Klara Müllers Gedichte;„Der Messias kommt mit Schwerterklang." Hier flehen nicht demüthig Bittende um Gnade und - »nethweise gegen Lohn beschäfligt werden. An einem Tage in jeder Woche darf jedoch die Zeit der Beschäftigung II Stunde» dauern, und wenn in einer Woche ein öffentlicher Feiertag auf einen anderen Tag als auf den Samstag fällt, so darf die Zeit der Beschäftigung in dieser Woche an zwei Tagen je 11 Stunde» betragen, wenn der Laden an dem öffentlichen Feiertage geschlossen bleibt. Mit schriftlicher Bewilligung des Chefinspektors dürfen Personen unter 1l> Jahren, sowie Frauen und Mädchen in einem Laden oder bei einer Arbeit in Verbindung mit einem Laden an jedem Tage durch höchstens drei Stunden über die gewöhnliche Arbeitszeit beschäftigt werden, jedoch mit dem Vorbehalt, daß die Gesammtzahl der Tage in jedem Jahre, während deren eine solche Person(Frau oder Mädchen) in irgend einem Laden oder in Verbindung mit einem Laden derart beschäftigt wird, nicht mehr als 40 betragen darf. Personen unter 1l> Jahren, sowie Frauen und Mädchen dürfen ohne eine wenigstens halbstündige Essenspause nicht länger als fünf Stunden ununterbrochen beschäftigt werden. Alle Läden, mit Ausnahme der Apotheken, staffeehäuser, Konditoreien, Speisehäuser, Fisch- uud Auslernläden, Obst- und Gemüseläden. Restaurationen, Tabakläde». Buchhandlungen uud Zeilungsläden und mit Ausnahme jener Läden, welche auf Grund besonderer, kraft dieses Gesetzes erlassener Verordnungen des Stachts offen gehalten werden dürfen, müssen an Samstagen um 10 Uhr und an allen Wochentagen um 7 Uhr Abends geschlossen werden. An dem, einem öffentlichen Feiertag unmitlelbar vorhergehenden Wochentag dürfen sie jedoch bis 10 Uhr Abends offen bleiben. Jeder Besitzer eines Ladens muß jeder in seinem Laden beschäftigten Person in jeder Woche an irgend einem Wochentage nach 1 Uhr Nachmittags einen halben Tag thatsächlich freigeben. Zum Zwecke der Durchführung der Bestimmungen des Fabrik- und Ladengesetzes, welche sich auf Läden beziehen, besitzt jeder Gewerbeinspektor das Recht, jeden Laden zu allen angemessenen Zeiten zu betrete» und entweder allein oder in Gegenwart des Besitzers jede beschäftigte Person bezüglich der durch diese Bestinimungen geregelten Verhältnisse zu befragen. Die Uebertretung dieser Bestimmungen wird mit 20 bis 400 Mk. bestraft. Irgend welche Schädigungen scheint das Gesetz für das Handelsgewerbe resp. die Ladengeschäste nicht verursacht zu haben, es dürften sich dabei vielmehr die Angestellten und die Prinzipale ganz wohl befinden. Aehnliche gesetzliche Vorschriften bestehen in der Kolonie Neuseeland, nur ist hier, noch weitergehend wie in Viktoria, für die Angestellten in Kontoren und Banken der Bureauschluß auf S Uhr Schonung, bewußte Streiter kämpfen für ihr Recht, wollen für die, „die in Frohn»nd Joch lange den trutzigen Nacken gebeugt haben", nun„der Zukunft Krone erringen". „Und glühend stürmen sie zum Streit, Laut gellend tönt die Schlachttronipcte, Hoch über ihren Häuptern flammt Des neuen Tages Morgcnrölhe. Aus Kelten schmieden sie den Stahl, Von Herzblut roth die Banner wehen"... Klara Müller, die mit dem Volke der Arbeit gefrohndet und gelitten, in ohnmächtigem Grimme die Faust geballt, gesellt sich lichttrnnken, freudejauchzend zu den Kämpfenden. Nicht eine müßige Zuschauerin will sie hinter der Front stehen. Sind auch Jahre seit dem ersten Stammeln ihrer Seele nach Freiheit verrauscht und haben Schnee auf ihren Scheitel fallen lassen, in ihrem Inneren schafft und wirkt noch Jugendkraft, die kein Schmerz brechen, keine Enttäuschung abstumpfen konnte. Und so ringt sich angesichts der Kämpfer der leidenschaftliche Wunsch aus ihrem Herzen: „Mich aber laßt mit nackter Brust In ihren ersten Reihen stehen." Eine im Ringen wider das Einzelschicksal sturmerprobte Kämpferin,„das Schwert der siegenden Vernunft schwingend", eine Kämpferin vor Allem mit der Waffe, die ihr der„Erhörung Fei" gegeben, mit der Gabe des Liedes. Das Schwerste, was die Dichterin erduldet, das Beste, ivas sie erstrebt, tönen in der Sehnsucht zusammen, dem Volke„eine Stimme der Freiheit" zu sein. Diese Sehnsucht ist der Dichterin ei füllt worden. Eine Stimme der Freiheit rufen ihre Verse den Säumigen und Schläfrigen machtvoll entgegen:„Genug der Knechtschaft und genug der Qnalen"; eine Stimme der Freiheit laben und stärken sie den Mnth, die Begeisterung der Kämpfenden. Nachmittags an den ersten fünf Wochentagen und aus 1 Uhr Mittags am Samstag festgesetzt. Mit diesen und anderen Arbeiterschutz- vorschriften sind die beiden australischen Kolonie» vorbildlich geworden für die Sozialpolitik aller Länder. Sie sind gewissermaßen sozialpolitische Versuchsfelder und auf die in Viktoria und Neuseeland geschaffenen Schutzgesetze, auf die hier gewonnenen Erfahrungen können sich Arbeiter und Angestellte berufen, um viele der landläufigen Einwände gegen ihre einschlägigen Forderungen zu entkräften. Was in Australien möglich, ist in Europa gewiß nicht unmöglich. D. Zinner. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Welch' ei» Zammerleben Arbeiterinnen der Luxuspapicr- branchc führen, kann man aus den enorm niedrigen Löhnen schließen, welche in einer Berliner Fabrik gezahlt werden, die als Spezialität Orden und Pappfignren herstellt. Von den in dieser Fabrik beschäftigten 50 Arbeiterinnen erhalten nur acht ihren Lohn wöchentlich. Derselbe schwankt zwischen i» und k 4 Mk. Die übrigen 42 werden, wie Beamte, monatlich entlohnt. Für 34 über 10 Jahre alte Arbeiterinnen stellt sich der Verdienst auf Ä7 bis Zii Mk., für acht junge Mädchen unter 16 Jahren aber nur auf l.? bis kkz Mk, wohlgemerkt für einen Monat. Der Minimallohn beträgt also pro Tag durchschnittlich 50 Pf., der Höchstverdienst aber etwas über eine Mark. Bei diesem wahrhaft großartigen Verdienst halten die Arbeiterinnen selbst noch kleines Handwerkszeug, wie Scheere, Pinsel, Pincetle. Man muß sich fragen, wie es möglich ist, daß bei den hohen Mieths- und Lebensmittelpreisen Menschen mit so Wenigem auskommen. Die Lebenshaltung der betreffenden Arbeiterinnen ist denn auch dem kärglichen Einkommen entsprechend kärglich. Was insbesondere ihre Nahrung anbelangt, so besteht sie im Allgemeinen aus Kartoffeln und Tunke, nebst Gerstenkaffee. Und trotz der größten Entbehrungen reicht der Verdienst nicht immer zur Bestreitung aller Ausgaben aus. Die Arbeiterinnen mögen noch so gewissenhaft rechnen und den Groschen zehnmal umdrehen, bevor er ausgegeben wird, es giebt ein Defizit. Kommt dann die Eine oder Andere, um vom Fabrikanten Vorschuß zu erbitten, so wird sie angefahren und der Unwirthschaftlichkeit beschuldigt. Wahrlich bei solchen Verhältnissen braucht der Unternehmer den Mädchen nicht erst zu sagen:„Geht Abends auf die Straße, um einen Nebenverdienst zu finden". Die paar Bettelpfennige für schwere Arbeit, fälschlich Arbeitslohn genannt, treiben auch ohne derartigen zynischen Rath dem Laster manches Mädchen in die Arme, das ohne helfende Familie dasteht. Warum aber wird den weitaus meisten Arbeiterinnen in dem betreffenden Betrieb der Lohn monatlich statt wöchentlich ausgezahlt? Schämt der Fabrikant sich etwa der Geringfügigkeit desselben? Sicher nicht. In Folge der monatlichen Auszahlung spart er jedoch einen Buchhalter und verwerthet anderseits den Arbeitslohn unverzinst als prositheckendes Betriebskapital. Für die Arbeilerinnen liegt der Nachtheil des Auszahlungsmodus auf der Hand. Der Monatslohn, so gering er ist, verschleiert ihnen die Niedrigkeit des Verdienstes, die erst dann zum Bewußtsein kommt, wenn Schulden auf Schulden aufgelaufen sind.— Arbeiterinnen, die Ihr unter den gleichen oder ähnlichen Bedingungen srohndet, der Weg zu Eurer Rettung ist nicht die Straße, sondern die gewerkschaftliche Organisation. Schließt Euch dieser zahlreich an, und Nolh und Verzweiflung werden Euch nicht in die Schmach hinabstoßen, das Bewußtsein Eurer Menschenwürde wird Euch vielmehr in den Kampf treiben für Verbesserung Eurer Arbeitsbedingungen und Eurer Lebensverhältnisse. Die Macht der Organisation aber wird Euch zum Siege führen. t). L. Wie wenig Rücksicht die kapitalistische Ausbeutung auf die Gesundheit der Arbeiteriunc», auf Reinlichkeit und Titte kennt, dafür liefern die Zustände in einer Liqueurfabrik im Südwesten von Berlin ein beredtes Beispiel. Die Arbeitsräume der Fabrik liegen im Keller und sind so dunkel, daß den ganzen Tag über bei Licht gearbeitet werden muß. Die Luft ist geschwängert mit den Ausdünstungen der fabrizirten Liqueure, insbesondere mit dem Dunst, der bei der Fabrikation von Sherry-Brandy entsteht. Ventilationseinrichtungen sind nicht vorhanden. Die Mädchen, welche hauptsächlich mit dem Füllen von Flaschen beschäftigt sind, leiden in der Folge dieser Umstände beständig an Kopfschmerz. Der Raum, welcher als Garderobe dient, ist so feucht und lustlos, daß die während der Arbeitszeit hier aufbewahrten Kleider bald einen starken Modergeruch annehmen. Ein einziger, im Hofe gelegener Abort muß von all den Arbeitern und Arbeiterinnen benutzt werden, die im Hause beschäftigt sind, und ihre Zahl ist recht ansehnlich. Das Wort„schmutzig" drückt kaum genügend den Zustand aus, in dem er sich befindet, außerdem kommt es in Folge der Benutzung durch beide Geschlechter zu Szenen, die zumal das Anstandsgefühl der Arbeite- rinnen tief verletzen. Die Arbeitszeit in der Liquenrfabrik dauert von Morgens 7'/' bis Abends 8 Uhr bei t'/� stündiger Mittagspause. Die Arbeiterinnen verdienen in diesem Paradiese zarter Rücksichtnahme auf Gesundheit, Reinlichkeit und Anstand wöchentlich U bis 10 Mk. Fällen die mitgetheilten Mißstände, fällen die angegebenen Hungerlöhne nicht das härteste Verdammungsurtheil über die kapitalistische Ausbeutung, aber auch über die„verdammte Be- dürfnißlosigkeit" der Arbeiterinnen, die sich mit diesen Greueln in sklavischer Ergebung abfinden, statt organisirt für ihre Beseitigung zu kämpfen? l,. Frauenstimmrecht. Daß sich das Frauenstimmrecht in Colorado bewährt hat, dafür spricht folgende Resolution, welche das Parlament des Staates mit gegen 3 Stimmen zur Erinnerung an die vor fünf Jahren eingeführte Neuerung angenommen hat: „In Erwägung, daß gleiches Wahlrecht für beide Geschlechter seit fünf Jahren in Colorado besteht, während welcher Zeit die Frauen es ebenso allgemein ausgeübt habeil, als die Männer, und zwar mit dem Erfolg, daß für öffentliche Aemter geeignetere Kandidaten gewählt wurden, die Wahlmethode verbessert, die Gesetzgebung vervollkommnet, die allgemeine Bildung gehoben, das politische Ver- antwortlichkeitsgefühl in Folge des weiblichen Einflusses stärker entwickelt worden ist, beschließt das Unterhaus, daß im Hinblick auf diese Resultate die politische Gleichstellung der Frauen jedem Staate und jedem Territorium der nordamerikanischen Union als eine gesetzgeberische Maßnahme empfohlen werde, die geeignet ist, eine höhere und bessere soziale Ordnung herbeizuführen." Eine beglaubigte Kopie dieser Resolution ist durch den Gouverneur von Colorado allen Staaten der Union und der gesammten Presse zugestellt worden. Bekanntlich besitzen die Frauen in Colorado nicht blos das aktive, sondern auch das passive Wahlrecht, und das Parlament zählt mehrere weibliche Mitglieder, dafern wir nicht irren 5. Die vorstehende Resolution wirft recht kräftig die Vorurtheile über den Haufen, die betreffs des Frauenstimmrechts und seiner gruseligen Folgen noch immer unter der Nachtmütze des Spießbürgers wohnen. Das Frauenstimmrecht zu de» Kominunalwahlcn des Staates New?1ork legt ein Gesetzentwurf fest, der zur Berathung steht. Da die Aussichten für die Annahme des Entwurfs ziemlich günstige sind, haben die Gegner des Frauenstimmrechts eine rege Agitation entfaltet, um den verhaßten Fortschritt möglichst zu vereiteln. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß eine nicht eben schwache Gruppe amerikanischer Frauenrechtlerinnen gegen die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ist und an der erwähnten Agitation hervorragenden Antheil nimmt. Frauenrechtlerinnen dieser reaktionären Schattirung gehören u. A. auch dem Exe- kulivkomite der„Antisuffragists"(Gegner des Frauenstimmrechts) an, das die Agitation wider die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts leitet. Sechs weibliche Mitglieder des Komites erschienen vor der Kommission des Senats, die sich mit dem angeführten Gesetzentwurf zu beschäftigen hat, und überreichten ihr eine Petition gegen das Frauenstimmrecht. Vor der nämlichen Kommission fand kürzlich eine Art Konferenz statt, i» der die Anhänger wie die Gegner des Frauenstimmrechts ihren Standpunkt begründeten.— Ein anderer in New Jork zur Berathung kommender Gesetzentwurf fordert, daß im Erziehungsrath mindestens eine Frau Sitz und Stimme haben müsse. Auch gegen diesen Antrag richtet sich die Agitation der Gegner des Frauenstimmrechts. Frauenbewegung. * Eine austergcwöhnlichc Koususionsräthin scheint die Frauenrechtlerin Fräulein Anna Bernau aus Minden zu sein. Nach einem Bericht der Bromberger Zeitung referirte sie über die soziale Hilfsarbeit der Frau in einer Reihe von Vorträgen. Im Eingang ihres ersten Vortrags definirte sie den Begriff„Sozialismus" und erklärte als seine Hauptpflichten„vorhandene Noth zu lindern" und „der Noth vorzubeugen". Nun wisse» wir's: wenn man Suppen vertheilt, oder Strümpfe für arme Kinder strickt, so ist das— Sozialismus, und wenn man Wärmehallen und Asyle gründet, so ist das gleichfalls— Sozialismus! Wir möchten die junge Dame doch noch an das alte Sprichwort erinnern:„Wer lehrt, muß vorerst lernen!" Eine gründliche Abfuhr hat die medizinische Fakultät der Universität Halle den Klinikern zu Theil werden lasse», die durch den in letzter Nummer mitgetheilten Aufruf gegen die Zulassung der Frauen zu den klinischen Vorlesungen Protest erhoben halten. Die Fakultät mißbilligte das Vorgehen der sittlichkeitsbeflissenen Veronlwortlich liir dte Redaktion: Ar.«lara Zetkin t» S>u»aai Herren in hohem Grade und stellte fest, daß die erhobenen Beschwerden zum Theil auf Mißverständniß, zum Theil auf tendenziösen Entstellungen beruhe». Sie bezeichnete die Behauptung als eine Erdreistung,„daß in die Stätte ehrlichen Strebens mit den Frauen der Zynismus eingezogen sei". Die Fakultät erklärte gegenüber dieser Behauptung,„daß durch die Theilnahme der studirenden Frauen am klinischen Unterricht die Sitte und Ordnung in den klinischen Hör- sälen und Anstalten nicht im Geringsten gestört, daß die Sittlichkeit und der wissenschaftliche Ernst des Unterrichts in keiner Beziehung benachtheiligt worden ist." Sie wies deshalb die betreffenden Be hauptungen als eine Verunglimpfung der Hallenser klinischen Anstalten und ihrer Leiter auf das Entschiedenste zurück. Die Fakultät würde gegen die Verfasser des Aufrufs disziplinarisch eingeschritten sein, wenn sie nicht angenommen hätte, daß sich dieselben der Bedeutung und Tragweite ihres Vorgehens nicht bewußt gewesen sind. Auf gut Deutsch besagt diese Erklärung, daß die Kliniker als dumme Jungen gehandelt haben. Eine Koufcrcnz von Frauciircchtlcrinnen und Abgeordneten des Rcichötagö und deck prcnstischcn Landtags hat Anfang März in Berlin getagt. Einberufen war dieselbe von den Vorständen der beiden Organisationen: Frauenwohl-Berlin und Frauenbildung-Frauenstudium-Berlin. Zweck der Tagung sollte sein, eine direkte und offizielle Fühlung der sogenannten„radikalen" Frauenrechtlerinnen mit den Volksvertretern anzubahnen, um wichtige Fragen einer gemeinsamen Berathung zu unterwerfen. Als solche Fragen waren für die Tagesordnung vorgesehen: das Vereinsgesetz. das Frauenstudium, die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren, die Stellung der weiblichen Staatsbeamten. Es ist kennzeichnend für den Umschwung, der sich bezüglich der Beurtheilung der Frauenbewegung vollzieht, daß die Konferenz im Reichstagsgebäude stattfand, daß ihr Vertreter fast aller Parteien beiwohnten— wenn auch nur ei« kleiner Prozentsatz der geladenen 800 Abgeordneten erschienen war— und daß fast alle politischen Tagesblätter sich mit ihr beschäftigten. Vor noch weniger als zehn Jahren wären diese drei Umstände unmöglich gewesen. Nur das Zentrum und die Sozialdemokratie waren nicht auf der Konferenz vertreten. Die eine und die andere Partei selbstverständlich aus sehr verschiedenen Gründen. Das Zentrum hatte offenbar auch nicht durch das geringste Zuge- ständniß wider seinen Grundsatz verstoßen wollen:„Das Weib schweige in der Gemeinde." Die Sozialdemokraten hatten aber jedenfalls ihre Anwesenheit für überflüssig erachtet, weil ihr Eintreten für alle Forderungen zur Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eine bekannte Thatsache ist und insbesondere über ihre Stellungnahme zu den Fragen der Tagesordnung kein Zweifel obwalten konnte. Was die Frauen zu den einschlägigen Materien fordern, das haben die Sozialdemokraten wiederHoll und lange allein verlangt. Nach der „Frauenbewegung" vom l. April war die Diskussion eine sehr lebhafte, so daß bis 11 Uhr nur die beiden ersten Punkte der Tagesordnung erledigt waren. Die Verhandlungen wurden deshalb vertagt und sollen durch eine zweite Konferenz zu Ende geführt werden, an der eine noch regere Betheiligung der Parlamentarier seitens der Frauenrechtlerinnen erwartet wird. Wir begrüßen das frauenrechlle- rische Vorgehen als einen winzigen Fortschritt in der Richtung der politischen Bethätigung. Die stattgefundene Konferenz aber drängt zwei Fragen auf: Würde auch Proletarierinnen ein Saal des Reichstagsgebäudes zu einer Konferenz überlassen worden sein? Wir erinnern uns, daß seinerzeit den Berliner Arbeiterinnen die Schulsäle zu Versammlungen versagt worden sind. Würden Polizei und Staatsanwaltschaft ruhig zuschauen, wenn die Vorstände von Arbeiterinnenvereinen an einer Konferenz theilnähmen, die sich mit Fragen beschäftigt, welche politisch sind, bezw. auf das Gebiet des politischen Lebens übergreifen? Wir erinnern uns der Lappalien, die ohne viel Witz und mit desto größerem Behagen zu hochnothpeinlichen politischen Morithaten um-definirt wurden, um den politischen Charakter von Arbeilerinnenorganisationen, ja von bloßen Kommissionen und Komites zu erweisen. Uns liegt gewiß nichts ferner, als der Frauen- rechtlerei Büttelei und Juristerei auf den Hals zu Hetzen. Jedennoch seien die vorliegenden Thatsachcn konstalirt als weitere Beweise dafür, daß wenn Zwei dasselbe thun, es nicht dasselbe ist, und daß Proletarierinnen nicht recht sein darf, was bürgerlichen Damen billig sein kann. Ouiltung. Für den Agitationsfonds gingen ein: durch Genossin Baader 2 Mk. 71 Pf. Dankend quittirt Frau M. Wengcls, Vertrauensperson. Berlin 0, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr. .— Drult und Verla» von I. H. W. Diel, Nachs.