Nr. SSI. Abomnments-Zedtngungen: «bonnemenl»-Pret« pränumerando: vterteljährl. z.Z0 Mk., monatl. l.IVMd. wöchentlich 28 Psg. frei tnZ Hau«. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntag«» Nummer mit illustrirter Sonntag«- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Psg- Post- Abonnement: 3.30 Marl pro Quartal. Eingetragen tn der Post- Zettung«- PretZItste für löst? unter Dr. 7487. Unter«reuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da« übrige Ausland 3 Marl pro Mona«. 14. Jahrg. SrschrUil täglich«uster»anlag«. Vevliner Volksvlalk. Ate Inftrttons-Geblllfr beträgt für die fechSgefpaltene«olonel- «eile oder deren Raum«0 Pfg.. für verein«- und PerfammlungS-Anzeigen, sowie ArbettSmarlt 20 Pfg. Inserats für die nächste Nummer müssen bt« « Uhr nachmittag« tn der Erpedition abgegeben werde». Die Erpedition ist an Wochentagen bi« 7 Uhr abend«, gn Sonn- und Festtagen bt« o Uhr vormittag« geösfnet. Jlrrnlprrchrr:»ml I, Dr. 1608, Telegramm-Adresse: «»»sialdrmokral vrrltu". Dentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschtands. HiedaiUio«: SW. 19. Weuly-Straße 2. Dienstag, den 14. Dezember l89'7. HJpcditiott: 8V. 19, Wenty-Straße 0; LLttch stebvtr Jahren. Vom 4, Februar 1890 bis zum 11. und 13. Dezember 1897 ist eine gar kurze Spanne Zeit für die Entwicklung eines Staaten wesens. Zjm vollsten Frieden find für uns diese Jahre verflossen und auch im Leben der Parteien, wie in der wirthschaftlichen Entwickelung hat sich in dieser kurzen Spanne der Zeit nichts ereignet, was irgendwie das Staatsgebäilde erschüttern konnte, was Meinungsänderiingen der Staatsnlänner erzivingen mußte. Die Männer, die den Kaiser vor dem 4. Februar berathen haben, die nachher Reichskanzler, Staatssekretäre uild Minister waren, werden sich kaum das Zeugniß ausstellen lassen wollen, daß sie eine grundstürzcnde Aendernng in der Parteikonstellation oder gar in der Welt ailschauung der Arbeiterklasse erivartet haben. Gerade Herr v. Berlepsch, der ja als Ansführer der kaiserlichen Erlasse vom 4. Febrar 1890 zur Leitung des Handelsministeriums und vor allem zur Vertretung dieser Politik im Bundes rathe und Reichstag berufen wurde, hat in den letzten Woaicn mehrfach Anlaß genommen, zu betonen, daß er aitch heute die Politik jener Tage für die einzig richtige halte. Und doch tönt schon seit langem eine andere Sprache vom Bundcsraths tische als am 4. Februar 1890 ans den Spalten des„Reichs Anzeigers"; aber immer suchte man doch noch irgend eine Planke, und sei es auch nur eine zollbreite, von der Brücke zn erhalten, die von der faktisch ausgeübten Sozialpolitik zll der nie förmlich verleugneten der kaiserlichen Erlasse vom 4. Fe- brnar 1890 führt. Nlin scheint aber jede Rücksicht gefallen zu sein. Schon früher kehrte man sich am Bundesrathstische, wo doch nur die ausgesuchtesten Monarchisten sitzen, rncht nach der für solche Leute doch heilige Maxime:„An einem Kaiserworte soll man nicht dreh'n noch deuteln". Man geht jetzt viel iveiter, man schweigt die Kaiserworte todt, nian redet im Namen der kaiserl. Regierung so, als ob nicht am 4. Februar 1890 der Kaiser im Gegensatze zu dem damaligcit Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten, als seine ureigenste Politik jene sozialpolitischen Grundsätze niedergelegt hätte, als ob damals der deutsche Kaiser und der König von Preußen nicht ohne jeden Vorbehalt dem deutschen Volke ei» noch nicht eingelöstes Versprechen gegeben hätte, als ob damals nicht in der feierlichsten Weise durch unsere diploniatischcn Vertreter bei den fremden Regierungen der kaiserliche Wille notifizirt worden wäre. Den naiven, den öffentlichen Angelegenheiten fern stehenden Bürger muß es doch noch merkwürdig berühren, daß diejenigen, welche Deutschlands Ehre, Deutschlands Ansehen, unseren guten Namen so oft in den Mund nehmen, so gänz- lich gleichgiltig bleiben, wenn die feierlichste, dem Jnlande wie dem Auslände gegebene Versprechung des Repräsentanten des Deutschen Reiches und Preußens unerfüllt der Vergessenheit überantwortet wird.... Und Berlepsch ging und Bötticher folgte ihm, Herr Hinz- pcter, an dessen Antheil an der Fassung der Erlasse man all- gemciil glaubt, weilt schon lange fern von Berlin. Freilich, die Erlasse bestehen iveiter, die feierliche Kundgebung, welche sie ans der Welt schafft, ist— wir bedauern dies ans mehrfachen Gründen— nicht erschienen. Damals, kurz nach dem 4. Februar 1890, begeisterte sich Krethi und Plethi in der Bourgeoisie für die Erlasse des Kaisers; wie ein Donnerschlag werden dieselben die deutsche Sozialdemokratie treffen, durch dieselben werden ihr die Lebcnselemente entzogen werden, so verkündete die nationalliberale Presse im Chor mit der klerikalen und konservativen. Wir aber sind stärker denn je; die kaiser- lichen Erlasse haben uns, als jedermann verpflichtet war, ihre Durchführung für selbstverständlich zu halten— dies zeigen die Wahlen vom Jahre 1890— nichts geschadet, und das Unter- lassen ihrer Durchführung, ihr Todschweigen schadet sicher, aber ebenso sicher ist es, daß dies nicht uns schadet. Herr v. Berlepsch vertritt nicht mehr die Sozialpolitik Preußens, Herr v. Bötticher ist nicht mehr Chef des Reichs- amtes des Innern und Generalbevollmächtigter des Reichskanzlers, Herr v. Rotteuburg ist schon lange nicht mehr Chef der Rcichskominission für Arbeiterstatistik, an stelle dieser„Hand- langer eines höheren Willens" sind nun andere getreten, die sich durch Reminiszenzen an den ominösen 4. Februar 1890 gar nicht mehr gebunden fühlen. Der Graf von Posadowsky, dessen höchster Ehrgeiz zu sein scheint, Herrn v. Miqnel in dem Entgegenkommen an die Agrarier zu über- flngcln, der nicht wie Berlepsch ans dem hoch- industriellen Westen, sondern ans dem Großgrundbesitzer-Dorado des Ostens nach Berlin kam, ist heute verantivortlich für die Aus- sührnng und Fortbildung der ihm innerlich fremden Sozialgesetzgebung; der von Herrn v. Stunun empfohlene Brefeld leitet das preußische Handelsministerium und ein Geheimrath ans dem niemals arbciterfreundlich gewesenen Eisenbahnministerium ist der Nachfolger der Rottenburg und Lohmann im Vorsitze der Reichskommission für Arbeiterslatistik. Aber nicht nur die Männer haben gewechselt, auch die Grundsätze. Vergessen sind alle Versprechungen, nicht blas die vom 4. Februar 1890. Heute noch ist das sicherlich das Untcrnchmerthnm in der Ansbeutungsfrciheit der Arbeiter fast gar nicht beschränkende Arbcitcrschntz- Gesetz vom 1. Juni 1891 für ganze Kategorien von Arbeitern, so z. B. für die Ziegelei- Arbeiter, noch nicht ausgeführt; selbst ein Posadowsky muß zugestehen, daß die Anssührnng des Gesetzes schon wegen der ungenügenden Zahl von Anssichtsbeamteu im Argen liegt. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, der Bäckergesellen nicht empfängt, begreift es den Bäckermeistern gegenüber nicht, daß ein Bnndcsrathsbeschlnß, wie die— Bäckereiverordnung zu stände konimen konnte. Das den Konfektionsarbeitern in feierlichster Weise versprochene Schutzgesetz, das dem Reichstage in seiner letzten Session vorgelegt, aber von ihm nicht dnrchberathen wurde, ist dem Parlamente diesmal nicht einmal vorgelegt worden. Selbst vor den Nationallibcralen müssen die Herren am Bundesraths- tische erröthen, denn selbst diese mit dem Kapitalismus und der Großindustrie am meisten verwachsene Partei giebt sich wenigstens den Schein, als hätte sie eine Weiter- entwickelung der sozialen Gesetzgebung für erforderlich. Graf Posadowsky glaubt freilich mit dem Hinweis ans die Ar- beiterversichernngs- Gesetzgebung, wie weiland Fürst Bismarck, die unbequemen Mahner an die sozialen Pflichten des Reiches zurückweisen zu können. Trotz seines ausfälligen Mangels an sozialpolitischer Bildung dürfte er doch folgenden Satz kennen: „Neben dem weiteren Ausbau der?>rdeilervcrsicheiungs-Gesetze sind die bestehenden Vorschriften der Gcwerbcgcsetze über die Ver- hällnisie der Fabiikarbeiler einer Prüfung zu unterziehen, tu» aus diese»! Gebiet den Klagen und Wünschen, soioeit sie berechtigt sind, gerecht zu werden." Der�Herr Staatssekretär des Reichsamts des Innern kann sich wahrlich nicht damit ausreden, daß durch das ja eingestandener- maßen nicht zu befriedigender Durchführung gelangte Gesetz vom Jahre 1891 diesem Willen des Kaisers entsprochen wurde. Er frage nicht sozialdemokratische Arbeiter, er lese die Aenßernngen und Beschlüsse der Vertreter der katholisch oder evangelisch organisirtcn Arbeiter auf dem iutcruationalen Arbeiterschutz-Kongresse zu Zürich, er lese die Petitionen der sanstmüthigen Hirsch-Duncker'schen Arbeiter, und er wird sehen, daß man„Klagen und Wünschen, soweit sie berechtigt sind" noch lange nicht gerecht geworden ist. In demselben vom Kaiser gezeichneten und seinen persönlichen Willen aussprechen den Erlasse heißt es nach der eben angeführten Stelle: „Es sei die Ausgabe der Staatsgewalt, die Zeitdauer und Art der Arbeit so zu regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit. die Gebole der Sitllichleit, die wirthsctinftlickc» Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung ge wahrt bleiben." Graf Posadowsky mag eine andere Lektüre den Proto- kollen der Rcichskommission für Arbciterstatistik oder den Berichten der Fabrik-Anfsichisbeamten vorziehen; aber sein erst kürzlich erhöhtes Gehalt scheint zu der Forderung zu berechtigen, daß er sich auch um diese Dinge lümmere, sowie daß er den Stand der Arbeiterschntz-Gesetz- gebung sich vor Augen halte. Thut er dies, dann wird er erfahren, daß im Gegensatz zu Oesterreich und der Schweiz die Zeitdauer und Art der Arbeit für die an Zahl größte Schicht der Arbeiter, die er- wachsenen Mäuiier und die nicht in Fabriken beschäftigten industriellen Arbeiterinnen, noch immer nicht geregelt ist, und eine schon flüchtige Durchsicht der ihm empfohlenen, zu seiner Beruhigung mit dem Reichsadler gezeichneten Schriften wird ihn belehren, daß de» Rücksichten auf die Gesundheit, die Sittlichkeit und die wirthschaftlichen Bo dürsnissc der Arbeiter noch lange nicht genug Augenmerk gc- schenkt ivird. Ans die wuchtigen Angriffe eincs Bebel weiß Herr v. Posadowsky nur die sonderliche Ausflucht, daß ihm und seinen 5?ollegcn die Forderungen der sozialen Frage viel zu ernst seien, sie wollen sie nur in langsamer Kulturarbeit fördern. Wie mag sich da der Regisseur hinter den Konlissen, der König Stumm, gefreut haben, als diese Worte gefallen waren. Dem König Stumm freilich liegt nur daran, daß seine und der anderen Groß industriellen Selbstherrlichkcit durch staatliche Eingriffe in das Arbeitsverhältniß nicht geschmälert werde. Eine andere Aufgabe fällt freilich dem Reichskanzler und seinen Staats- sckretären zu, sie sollen andere Gesichtspunkte haben, wie die Großindustriellen, sie sollen andere Ziele des Ehrgeizes haben, als die Direktoren und die Ingenieure der Slnmm'schen Werke, deren Stellung, Einkommen und Forlkommen von dem Eifer abhängt, mit dem sie den Intentionen des Wcrkbesitzers entsprechen. Im ganzen Lande wird man die Worte des Staats- sckretärs als einen rednerischen Lufthieb eiuschätzen, auf viel Glanben an den Ernst seiner Worte wird er nicht gestoßen sein. Und in seiner heutigen Rede hat er sich schon gründlich rektifizirt. Heute waren ihm die Forderungen der sozialen �srage nicht mehr viel zu ernst, nein, heute erachtete er wie die asker, Delbrück, Michaelis ehedem und wie heute die wenigen noch existircnden Engen Richter die Berüsichtignng dieser Forde- rnng als ei» Einschlagen der Wege zum Polizei-Zwangsstaat. Es ist merkwürdig, daß die Herren, die als Agrarier so sehr über das elende Manchesterthui» fluchen und höhnen, zu diesen längst widerlegten Lehren zurückkehren, wenn es sich um die ihnen so am Herzen liegende Abweisung sozialpoliti- scher Forderungen handelt. Und diese Furcht vor dem Polizei- staate! Nichts merkwürdiger bei einem ehemaligen Landesdirektor von Posen, bei einem feudalen Grasen und aktiven preußischen Staalsministcr und Staatssekretär des Reichs! Hatte Graf Posadowsky Bedenken gegen den Polizeistaat, als die Isx Recke eingebracht wurde, ivird er eine Spur solcher Be- denken gezeigt haben, als die Umsturzvorlage dem Bundes- rathe vorlag, wird er solche Bedenken äußern, wenn man an die Zerstörung des Koalitionsrechtes der Arbeiter gehen wird? Von 1890 bis 1897 hatten wir eine lange Periode er- frenlichsten wirthschaftlichen Aufschwunges,>der KapitaSnius hatte kolossale Gewinne, nie gehoffte Erfolge zu verzeichnen, es war eine Zeitepoche, wo das Unter, lehmerthnm ohne jeden Schaden für die Industrie sich aus einen vernünftigen Arbeiterschntz einrichten konnte. Man läßt diese Zeit verstreichen, und kommt die unvermeidliche Epoche der Krisen, dann wird man mit Berufung auf den niedrigen Stand unserer Industrie den Ausbau der Arbeiterschntz- Gesetzgebung für unmöglich erklären. Man mag in Regiernngskreiscn sehr erfreut sein, daß man sich»in die Erfüllung von Versprechungen� herum-. drückt, man wird erfreut sein, den Beifall jener zu finden, mit denen man sich im Offizicrskasino, im Salon, beim Hofball und auf der Rennbahn trifft, man vergißt aber ganz, daß man die Arbeiter immer mehr verbittert, daß man die Kluft, die das Proletariat von den übrigen Gesellschaftsklassen trennt, nur vertieft, daß man weite Kreise des Volkes in ihrem festgewurzelten Mißtranen bestärkt, daß man die letzten gläubigen und hoffenden Proletarier in unsere Reihen treibt. Wir bedauern es anfs tiefste, wenn man die Lage der Arbeiter in der heutigen Wirthschaftsordnnng nicht zu bessern sucht, wenn man dem Proletariat gegenüber eingegangene Ver- pflichtungen nicht erfüllt.... Aber wir wissen anch, daß diese Politik die Machtentfaltnng der Arbeiterklasse fördert und ihren schließlichen Sieg erleichtert. Z�olififche MebevZrrfzk» Berlin, 13. Dezember. Aus dem Reichstage. Scchsnnddreißig Stunden Zeit hat der Staatssekretär Graf v. Posadowsky zur Vor- bcrcitung seiner Autwort auf die Rede B e b e l's vom letzten Sonnabend gehabt und man durfte wohl darauf gefaßt sein, wie der Herr Minister diese Pause ausgenützt haben wird, nm an unserem Wortführer die angekündigte Ver- nichtnng zu vollziehen. Gleich zu Beginn der heutigen Sitzung erhob sich denn auch der Herr Graf, um die angc- kündigte Strafpredigt loszulaffen, deren Stichworte er sich auf einen mächtigen Bogen weißen Papicres notirt hatte. Be- sonders ans der rechten Seite schien nian ein„reinigendes Gewitter" zu erwarten; aber diese Erwartung wurde arg ge- täuscht. Da haben die Herren von Stumm, von Kar- d o r f f und wie sie sonst heißen, die Herren Sozialisten- verlilger, doch gelegentlich schon ganz anders los- gewettert, ohne daß sie dazu irgend welche Vorbereitung noth- ivcndig hatten. Zwar suchte der Herr Minister heute sehr den Schneidigen herauszubeißen, wie sich denn die neuen Minister alle befleißigen, einen möglichst schneidigen Ton anzuschlagen— das scheint jetzt Mode zu werden— aber was er sachlich gegen unsere Partei vorzubringen wußte, hielt sich ungefähr auf dem Niveau der Hülle'schen Flugblätter gegen die Sozialdemokratie, deren Einpsehlnng durch das Reichsamt des Innern der Herr Minister anch offiziell zugestand. Im übrigen behandelte der Redner die Arbeiterfrage ganz im Sinne und Geiste des Herrn v. Stumm, sogar die Redewendung von den„nn- oewnßteu Mitläufern" der Sozialdemokratie hatte er von diesem seinem Vorbilde entlehnt. Wie wenig der Herr Graf seiner Aufgabe gewachsen war, dafür spricht wohl am besten die Thatsache, daß weder aus den Reihen des Zentrums noch selbst von den Nationalliberalen ein Beifallsruf laut wurde, als er seine Rede schloß. Nach dem Staatssekretär des Innern kam der sächsische Bundesrathsbevollmächtigte Graf Hohcnthal, um ebenfalls sich mit der Bebel'schen Rede zu beschäftigen. Da später der Handelsminister dasselbe that, so haben bisher sechs Mit- glieder des Bundcsraths sich bemüht, um den Eindruck der Rede unseres Genossen abzuwehren. Ein Beweis, wie dieselbe gesessen hat. Uebrigens wird Bebel die Antwort nicht schuldig bleiben, so weit eine solche überhaupt noth- wendig ist. Nachdem der Pole Dziembowsky(Pomian) in längerer Rede die Schmerzen seiner Landsleute vorgetragen, erhielt Engen Richter das Wort. Wir glauben dem frei- sinnigen Führer nicht Unrccht zu thun, wenn wir sagen, daß wir schon bessere Elatreden von ihm gehört haben, wie seine heutige. Zwei Umstände scheinen da mit Schuld zu sein: einmal die That- fache, daß derselbe Redner gelegentlich der Flottcndebatte bereits eine Reihe von Frägen berühren mußte, welche auch mit dem Etat zusammen hängen, und dann schien der Redner heute anch körperlich nicht so disponirt gewesen zu sein, daß das an ihm gewohnte Tenipcrament hätte zur Geltung kommen können. Trotzdem fehlte es der Rede nicht an trefflichen Parlicn und besonders der Schluß, wo er die resignirte Stimmung, in der sich wohl der Herr Reichskanzler befindet, schilderte, wurde mit stürmischer Heiterkeit aufgenommen. Kurz vor 5 Uhr nahm noch Herr v. Kardorff das Wort, um über die sozialdemokratische Pest, die Roth der Laudwirthschast, die Handelsverträge, Doppelwährung, Vieh- scnchcu und der Himmel weiß was sonst noch, über eine Stunde das Haus zu übermüden. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung.— Eine reichSgcsetzliche Aufhebung des Verbots des snverbindnngtretcns von Vereinen ist bekanntlich durch die -tellung des Z e n t r u m s und der N a t i o n a l l i b e r a l e n verhindert worden. Beide Parteien stimniten am 27. Juni 1896 Legen den Antrag der sozialdemokratischen Fraktion: „Die lcmdcsgesehlichen Vorschriften, welche das Jnverbindung. treten von Vereine», welche politische Zwecke verfolge», verbieten. werden anfgehob«».- Jene Parteien entschnldigten ihre Abstimmung später mit der glaubhaften Behauptung: sie hätten dem nach ihrer Ansicht rm Namen der verbündeten Regierungen abgegebenen Ver« sprechen deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe Glauben geschenkt, daß die Aufhebung des Verbote? seitens der in be- tracht kommenden zwölf Laudesregierungen erfolgen würde und zwar ohne daß irgendwelche Kompensationen reaktionärer Art daran geknüpft würden werden. So ist es infolge der Vertrauensseligkeit jener Parteien geschehen, daß in Preußen durch die lox Recke der Versuch einer völligen Knebelung des Vereins- und Versammlungs- wesens gemacht werden konnte und daß sich jetzt ähnliches in Sachsen wiederholen zu sollen scheint. Nun hat der Reichskanzler am Sonnabend und Montag im Reichstage Erklärungen abgegeben, nach denen an eine als- baldige Annahme des Nothvereinsgesetzes durch den Bnndesrath nicht zu denken ist, nach denen vielmehr die Wiederkehr eines Gesetzentwurfes nach Art der lex Recke im preußischen Ab- geordnetenhaus in Aussicht steht. Unsere Parteigenossen in der Kommission zur Vor- bernthuug über den Gesetzentwurf detreffend die freiwillige Ge- richtsbarkeit haben jetzt in diesem zur Ergänzung des Bürger- lichcn Gesetzbuches vorgelegten Entwurf von neuem Auf- Hebung des landesgesetzlichen Verbots des Jnverbindungtretens ge st eilt. Dadurch wird dem Zentrum und den NationaNiberalen bald Gelegenheit gegeben sein, den begangeneu Fehler wieder gut zu niachen. Oder werden diese Parteien durch Winkelzüge und AuS- flüchte sich jetzt ihrer Pflicht entziehen?— DaS Reichs-Marine-Amt und die Werftarbeiter. Der neue Herr Staatssekretär ist sehr für das Wohl der auf den„kaiserlichen Werften" beschäftigten Proletarier besorgt. Nicht als ob er eine Beseitigung der mannigfaltigen Mißstände, unter denen jene Arbeiter leben nnd leiden, in Angriff ge- nommen hätte; zu solchem nebensächlichen Zweck ist er ja auch nicht berufen, er hat nur die eine große Aufgabe, die große Flotte„durchzubringen". Immerhin findet er und sein Marine-Amt Zeit, auch etwas für die Werftarbeiter zu thun. Was das ist, geht ans nachfolgendem Schriftstück hervor, das letzthin unter den Meistern und Werkführern der kaiserlichen Wersten zirkulirt hat. Das Schriftstück ist zwar nicht für >ins bestimnit, aber da eS den Eifer des Marine-Amts für daS Wohlergehen der in seinen Betrieben beschäftigten Arbeiter beweist, wollen wir es wörtlich wiedergeben: Berlin, den 2S. Nov. 1SS7. Der Staatssekretär deS Reichs-Marine-AmtS. Der kaiserl. Werft theile ich mit, daß vom 4. Dezember ei» neues Blatt.„Der Werft- nnd Hafenbote. Vaterländische Zeitung für Angehörige von Werst- und Hafenbetrieben und verwandten BerufSzweigen" erscheinen wird. DieseS Blatt hat sich zur Aufgabe gestellt, die Interessen der Arbeiter der deutschen Schiffsban-Jndttstrie im allgemeinen und der kaiserl. Marine im besondere» auf dem Boden der de- stehende» Gesellschaslsordnung und vaterländischen Besinnung zu vertreten. DaS Erscheinen elneS solchen Blattes Ist mir sehr gelegen und kann ich ihm nur die weiteste Berbreilmig wünsche», so lange sich der Inhalt ans den vorbezeichneten Grundlinien bewegt...... Das Blatt ist ferner dadurch zu unterstützen. daß anS dem Bereiche der kaiserl. Werft dem Blatte Aachrichte» zugeführt werden, die Interesse für die Leser deS Blalles haben und deren Verbreitung auf der kaiserl. Werst erwünscht erscheint. In dem Annonoeniheil sollen solche Annoncen Aufnahme finde», die für Arbeiter Interesse haben. Dahin gehören nainent- lich auch den Arbeilsnmrkt belreffende Anzeigen. Derartige Annoncen dem Blatte zuzuwenden, ist erwünscht. Während die siir das Blatt bestimmten Nachrichten»nd Mi!- theilungen unmittelbar an den Redakteur, Herrn Bahr, Berlin SV?., Schützenstr. 11/12, zu richten find, empfiehlt es sich, das Blatt nicht unmittelbar von der Post zu bestellen, sondern durch die örtlichen Expeditionen, damit diesen die Expedilionsgebühr zu- gewendet wird. Ebenso werde» eventuelle Annoncen bei der Expedition auszugeben sei».......... In Vertretung deS Staatssekretärs: gez. Sack, An die kaiserliche Werft zu Klei. So betreibt das Reichs-Mariue-Amt ein« Reklame für eiue Zeitung. Das geht denn doch noch über die amtliche Empfehlung der Pastor Hülle'schen Schriften. So wird vom Reichs-Marine-Amt für eine Zeitung Reklame gemacht, die einen geradezu anreißerischen Charakter annimmt. So will man die Werftarbeiter durch beranuteu sanften Druck seitens ihrer Vorgesetzten zur Unterstützung und zum Lesen eines Blattes zwingen, welches die„Interessen der Arbeiter" vom Standpunkt„der bestehenden Gesellschaftsordnung und vaterländischen Gesinnung" vertreten soll. Was dies bedeutet, weiß man zur genüge; die Werftarbeiter sollen beschwätzt »verde», daß neue Schisssbauten ihnen Arbeit geben, daß sie also nur Abgeordnete in das Parlament wählen,»velche Schiffs- bauten beivillige». Die Werftarbeiter in Kiel und Wilhelmshaven haben, ob- ivohl ihnen solche sanften Melodien schon immer gesungen wurden, sozialdemokratisch gewählt. Trotz der„Autorität" des Marine- Amtes, trotz des Zwanges, d«n man, mit König Stumm ivett- eifernd, die Werftarbeiter unterwerfen will,»verden diese die Hoffnungen des Herrn Tirpitz nicht erfüllen. Welche Stimmung unter den„kaiserl. Werftarbeitern" gegenüber dem Flotten- gesetz herrscht, zeigt ein kleiner Bericht über zivei Versamm- lungen in Ellerbeck und Gaarden jenseits des Kieler Hafens. der uns heute zugebt: In beiden Versammlungen sprach der stieichstags-Abgeordnete Legten über die M a r i n e v o r l a g e. Einige„Mariue- Enthnstasten von Kummerfeld", einer Kolonie deS von der kaiserl. Werft protcgirte»„Arbeiter-BauvcreinS". versuchten für die Marinevorlage Propaganda zu machen, konnte» jedoch nichts er- reichen und fast einstimmig fand in beiden Versammlungen die Annahme einer Resolution statt des Jnhalls. daß die Versammelten sich vollständig mit dem Verhalten Legien's in der Marine» vorläge einverstanden erklären und für seine Wiederwahl eintreten werden." Herr Tirpitz wird also noch viel zu thun haben, bis die Arbeiter der kaiserlichen Werften seinen Wünsche»» und Ver- heißungen Glauben schenke»».— Ueber die Ziickerpriimlen äußerte sich der Reichs-Schatz- selretär am Freitag i» setner EtatSrede. Sein« Miithetlungen kamen wohl für niemanden unerivartet, der mit einiger Aufmerksamkeit den öffentlichen Vorgängen in Deutschland ,u folgen gewohnt ist. Freilich müssen wir gleich hinzufügen nnd der Schatzsekretär betonte da? auch selber: der Glaube an die inier- nationale Einigung der Interessenten zur Abschaffung aller Ziickerprämie» ist, besonders infolge der Hallung Frankreichs, kein sehr starker; wir sind daher stets für die Zulässigkcit auch eines isolirten Borgeheus Deutschlands auf diesem Gebiete eingetrele». Ans der anderen Seit« haben wir seit mehr wie einem Jahre wiederholt darauf hingewiesen, daß einige neue Faktoren stärker wie früher auf eine günstige Enlscheidnng hindränge». Als der Dingley-Tarif noch seiner parlamenlarischen Erledigung harrte und die englische Untersuchungskonimissio» ihr Uriheil über die Gefährdung des englische» KolonialznckerS noch nicht abgegeben hatte, war bereits deutlich wahrzunehmen, daß schon dnrch die näher rückende Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von Gegenmaßregeln der Einfuhrländer„aus dem Kontinent die Bewegung für eine inier- nationale Abschaffung der Prämien mächtig gefördert" worden fei; „unsere Absatzmärkte drohen mit verschärfter Absperrugn, es ist kein Wunder, daß die Stimmung unter den Subventiouirten selber umzuschlagen beginnt und daß gerade in diese» Kreisen vielfach bereits die internationale Abschaffung der Prämien gefordert wird". Als dann der Dingley-Tarif wirklich Gesetz wurde, erfuhr diese günstige Stimmung vorübergehend»«»«* Rückschlag, weniger in den Kreisen der eigentlichen Zuckerindustrie, sondern vielmehr unter unseren Bollblut- Agrariern. Wenn man einen V o r w a n d z» einem Zollkriege suchte, so war die Auferlegung eines Zucker- Znfchlagszolles seitens Amerika's allerdings der denlbar beste, denn es haben selbst amerikanische Präsidenten und Kaminern aiurkaniit, daß es sich dabei„m eine Verletzung und einen Bruch des be- stehende», bindenden Meistbegünstigungsvertrages Handelle. Ueber diese rechtlich-formelle Veurtheilung der Frage ist unseres Wissens auch niemals eine Meinungsverschiedenheit in Deutschland aufgetaucht. Wir haben jedoch sofort hervorgehoben, daß gegenüber anderen Dingley-Zölle» der Zuckerzoll materiell so ziemlich der allerharmioseste sei. Unsere Stellung unter de» kon- kurrirende» Prämie, iländer» hatte sich gegen früher sogar verbessert, weil an stelle des vordem gleichen Zuschlagszolles eine Abstufung getreten war, bei der Denlschtand nut seiner kleinsten Prämie auch de» kleinste» Zuschlag zahlt:„DaS wissen unsere Zuckerindustriellen auch ganz genau, sie haben es selber oft genug zugestanden; wenn sie daher jetzt über„prohibitive" Zölle schreien, so speknliren sie dabei anf sehr unschuldig« Gemüther.... Unser« Zuckerindustriellen fürchten offenbar nicht die amerikanischen Zuckerzölle an sich, sonder» ihre mehr mittelbar- Wirkung auf die ganze Präinienpolilik.... WennEnglandauch noch denEpure» der Vereinigten Staaten folgen sollte, unsere» Segen hätte es dazu. Wir würden die Zuckerprämien endlich los werdeii." I» de» letzten Monaten ist in der That in Versamn, lungen sowohl von Landwirlhen wie von Zuckerindustriellen die Zucker- Prämie mehr nnd mehr als eine überlebte und schädliche Einrichtung behandelt worden. Der eifrigste Förderer deS Znckerkartclls schrieb im Oktober, wahrhaftig nicht kanipslnstig:„Die deutsche Zucker- industrie kann dann von der Gesetzgebung die Abschaffung der Prämie verlangen und dafür die Voriheile eintauschen, die in der zuschlagsfreien' Ausfuhr ihrer Erzengnisse»ach Nordamerika liegen. Wir können auch verrathen, daß dieser Punkt in den Vor- verhandlnngen, die zwischen den Vertretern aller Landestheile über daS Kartell stattfanden, eine erhebliche Rolle gespielt hat." Und sogar der konservative Parteitag für die Provinz Brandenburg Hai vor acht Tagen»nler der Führung des Bündlersührers Ring und des„Kreuz-Z«iiu»gs"-Ci>ess Kropalschek„eine Heilung der Schäden unserer Rohzuckerindnstrie nur in Abschaffung der Prämie» auf inter- Rationalem Wege" gesehen. Man steht, die MiliheilnngdeS NelchS-Echatzsekretärs entspricht heute bereits den Anschauungen eines einflußreichen TheileS der Jnter- essenten selber. Wir hoffen, daß sie sich erfüllen wird, wiederholen aber, daß nnseres ErachlenS das Scheitern einer internationalen Verständigung das. Borgehen auf diesem Gebiete nicht zum Slill- stand bringen darf. Weiter heben wir nochmals hervor, daß ein Zucker kar tell zur Hebung des JnlandpreiseS und zur E»b- ventioniruna der Ausfuhr genau so schlimm ist wie die heutige Gesetzgebung. Mit der Aufhebung der Prämien hat die Regierung also ihre Pflicht gegen die Konsmneuten noch lange nicht erfüllt, wen» sie gesetzliche Bestiminnngen aufrecht erhält, die geradezu einen Nährboden jür Kartellbtsirebmigen bilden müsse».— Tie Protrfibcweg«»g gegen die Vernichtung deS Vcrrniercchts zieht in Sachsen immer wettere Kreise. Es wird uns aus Dresden dazu berichtet: „Zahlreiche Protestversaniinlnnge» gegen die geplanl« Ver- schlechierung des Vereins- und Bersanimlnngsrechls weiden in allen Landestheile» abgehalten. Am Sonntag erhob die arbeilende Bevölkerung in Chemnitz, Zwickau, Löban, Radcberg, Werdan, Loschwitz und andere» Orlen ihre» Protest gegen die Absichten der ReaklionSparUien. Eine größere Akilon durch Verbreitung eines Flugblattes über ganz Sachsen ist in Vorbereitung."— Kuiser-ApcrvuS. Die auffälligen Worte, welche der Kaiser über die inneren Angelegenheiten Ungarn? gegen- über den, Grafen Zichy nach ungarischen Blättermeldnugeii gemacht haben soll, werden bisher nicht dementirt. Dieselben scheinen danach doch auf Richtigkeit zu beruhen; auch der „Pcster Lloyd" behandelt die Aeußeruugeu des Kaisers, an die wir erst nicht glauben konnten, mit vollen« Ernst, und Wiener Zeitungen widmen denselben ganze Leitartikel. In den österreichischen und uligarischen Blättern wird dazu noch einiges andere aus der Unterhaltung des Kaisers mit dem Grafen Zichy mitgetheilt. Da soll der Kaiser in dem Ee- spräche, das von einem Dinge zum anderen flog, auch auf die ihm jetzt sehr am Herzen liegende China- Angelegenheit zu sprechen gekommen sein und soll scherzend zu dem Grafen, der eine Reise nach China zu utiteruthmen im Begriffe steht, ge- sagt haben: „Wenn Sie noch China kommen, dann gehen Sie zu meinem Bruder Heinrich, der wird bis dahin schon zum Kaiser von China ansgerufe» sein. Zwei Kompagnien deutsche Soldaten haben genügt, die Chinesen ohne Schwertstreich in die Flucht zu jagen." Weitti dem„Sohn des HimmelS" dieser Scherz überbracht wird, so dürfte er doch einige ernste Falten ziehen. Chinesische Mandarinen werden erstaunt hören, daß man im glücklichen Europa asiatische Kaiserlhrone für sicher und fest genug hält, um solche Scherze ertragen hu könne». Aber auch aus literarische Angelegenheiten kam daS Ge spräch. Der Kaiser meinte: „A propos! Da lese ich eine kuriose Nachricht In den Blättern. Man sagt, der ungarische Kultusminister habe Lessing's„Nathan" in de» Schulen verboten. Das ist«nver- ständlich." Und als Graf Zichy erklärte, keine Kenntniß von der Sache zu haben, die auch recht unglaubwürdig klinge, gab sich der Kaiser zufrieden. Es ist recht erfreulich, wenn dem Kaiser das Verbot des„Nathan" in den Schulen geradezu unverständlich erscheint. Aber dann, so sollte man meinen, müßte es noch viel unverständlicher erscheinen, wenn in Deutschland sogar die Aufführung literarischer Werke verboten wurde und noch verboten wird, die vielleicht späteren Generationen als nicht univttrdige Nachfolge deS Lessing'schen Werkes erscheinen. Wie würde»vohl Lessing,»venu er heut' lebt« und dichtete, vor der Polizeizenfur bestehen! Es giebt in Dentschla»»d deS Unverständlichen gar viel. Man muß nicht erst nach Ungarn gehen, um solches zu finden!— „Die freie Geistesarbeit und das freie unabhängige Schriftstellerthum" hat bei einem Bankett, das am Sonntag zur Feier von Karl Frenzel's 7V. Geburtstage abgehalten wurde, kein anderer als der Kultusminister Dr. Bosse hoch- leben lassen. Weiter that der Herr Minister bei dieser Ge- legenheit den merk»vürdigen Ausspruch, die Regierung schätze und respektire aufs höchste die Freiheit und Unabhängigkeit wie der Wissenschaft so auch des Schriftstellers.„Frenzel sei zum Professor ernannt worden, doch müsse jeder Schatten des Verdachts energisch zurückgewiesen werden, als hätte die Regierung durch die Verleihuitg des Professor- titels an den Gefeierten seine Freiheit und Unabhängig« keit zu alteriren und ihn sich dienstbar zu machen beabsichtigt. Diese Verleihung sei»nchts anderes als die Anerkennung der Meisterschaft und der Ausdruck der Dankbarkeit für das, was Frenz«! zum geistigen Kapital der Nation beigetragen hätte." Zu dieser königlich preußischen Freiheits- und Unabhängig« keitsÄede bemerkt der vor einigen Jahren gleichfalls aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages zum Professor ernannte Fest- reportcr der„Vosschen Zeitung" L. P i e t s ch mit wonnigem Entzücken, daß d»e alten tobten Herren Minister, v. Wittgen- stein, v. Rochow, v. Raumer und der selige Metternich, sich hätten im Grabe umdrehen müssen, wenn diese Rede eines preußischen Ministers an ihre Geisterohren gedrungen wäre. Minder harmlose Leute als Professor L. Pietsch»verde» um die gestörte Grabesruhe der tobten Reaktionsminister nicht besonders besorgt sein. Es hat selten einem preußischen Minister an schönen Worten gefehlt,»venu sie nichts kosteten, nnd der Tölpel unter ihnen soll erst kommen, der im Namen der Freiheit und Unabhängigkeit des Sei st es nicht die tollste Reaktion s- arbeit vollbrächte. Das war immer so preußische Art. Warum soll nicht auch Herr Dr. Bosse sich solcher Dekorations- stücke bedienen? Plötzensee bleibt darum doch eine feste Burg und das kunstvoll iuterpretirte Strafgesetz bietet stets gute Wehr und Waffen, um einen Schriftsteller, der die Geistes- freiheit anders als im kultusministeriellen Polizeisinn ausfaßt, auf Monate und Jahre unschädlich zu machen!— Ueber den englischen Maschinenbaiter-Streik wird morgen, Dienstag, die Entscheidung gesprochen werden. Im Westminster Hotel zu London versammeln sich die Vertreter der beiden Parteien und es wird von der Haltung der Unter- nehmer abhängen, ob diese Zusammenkunft zu»vetteren Ver- Handlungen über die Bedingungen eines loyalen Friedens führen soll oder ob die Konferenz alsbald nach ihrer Eröffnung sofort»vieder abgebrochen werden wird. Halten die Fabrikanten an ihrem„Ultimatum" fest, dann»viirden die Arbeitervertreter die Konserenz sofort ver- lassen. Geschieht dies, dann dürfte ein Kampf entbrennen, noch weit gewaltiger als der bisherige. Denn wie eS den Anschein hat, fassen die englischen Gewerkschaften daS Vorgehen der Fabrikanten als eine Kriegserklärung auf, ge« richtet gege»» den Trade-UnioniSmuS über« Haupt. Schon die Sonnabend-Nummer der„Daily Chronicle" weiß von zahlreichen Kundgebungen der Gewerk« schaften zu gunsten der Maschinenbauer zu berichten. S» erklärten die Londoner Buchdrucker, die Gewerkschaft der Gas« arbeiter und mehrere Branchen deS Textilarbeiter-VerbandeS auf daS in unserer SonntagSnummer im Auszug wieder- gegebene Rundschreiben des Generalsekretärs BarneS, daß sie bereit seien, in den Kanipf für die Vertheidigung des Gewetck« schastsprinzips mit einzutreten. Auch die Resultate der Abstimmungen in den einzelnen Lokalvereinen des Metallarbeiter-Verbandes beginnen bekannt zu werden. Danach scheint die Abstimmung unter ungewöhnlich großer Bctheilignng vor sich zu gehen ui»d die Annahme, daß die Bedingungen der Unternehnier mit überwältigender� Mehrheit vo»» den Arbeitern verworfen würden, »vird dnrch die bis jetzt bekannt gewordenen Ergebnisse voll- kommen bestätigt. Es sei beinerkt, daß die Abstimmung durch Suniinzettel, den jedes einzelne Mitglied selbst abgiebt, vor« genommen»vird, sodaß jede Beeinflussung nach der einen oder anderen Seite hin ausgeschlossen ist. So hat der Ziveigverein W o o l w i ch des Maschinenbauer-Verbandes mit 1343 gegen nur 3 Stimmen, der Zweigverein in B o l t o n mit 1SS4 gege» 4 Stimmen die Bedingungen der Unternehmer verworfen. Sidney und Beatrice Webb, die Historiker der englischen Geiverkschaftsbeivegung, äußern sich über die Bor« schläge der Unternehmer in einem Brief an„Daily Chronicle" ivie folgt: „Wenn das, was die Unternehmer in ihren„letzten Entschlüssen" niedergelegt habe», anfrechl erhallen bleibe» soll, dann steht jedem einjelncn derselbe» zu, die Arbeilsbedingungen— Loh», Arbeitszeit, Ueberzeitiubeit— mit jedem seiner Arbeiter individuell festzusetzen. Es kommt nicht darauf an. waS der eine oder der ander« der Unter« nehmer sich unter den Bestimmungen vorstellt.�wie er sie zu handhaben gedenkt, sondern darauf kommt es an, wie skupellos« Fabrikanten sie auslegen können. „9! ach unserer Meinung ist daS Ullimatnm gleichbedeutend mit der vollständigen Verneinung deS geiverkichasilichen Prinzips. WaS auch immer den Maschinenbauern schließlich geschieht, gegenwärtig ist es eine Sache der säinnttlichen Geiverkschasle». Keine andere Gemerkschaft wird sicher sein, daß, so lange nicht die von den Maschinensabrikante» gestellten Bedingungen vo» den Gewerkschafle» in ihrer Gesaminiheit zurückgewiesen sind, nicht auch ihr ähnliche Znmttthmigen gemacht»verde». „Sollte es nicht möglich sein, daß die großen Geiverkschaften z» einer Konferenz zusainmentreten, sei es in London, sei es in Manchester, um den Fehdehandschuh, den die Unternehmer ihnen hingeivorfcn haben, aufzuheben? „Dieselben würden sich garnicht mit der Frage de» Achtstunden- tageS oder mit sonstivelche» Einzeiheiten deS gegenwärtigen Kampfes zu befassen haben. Die Regelung der Details mag Sache der Maschinenbauer und deren Prinzipale bleiben. Eine solche Konferenz hätte nur dar ans zu sehen, wie die r e ch t m ä ß i g e n F u n k t i o n e n der Gewerkschaften aufrecht erhalte» werde» können. Eine formelle Erklärung über diesen Punkt, über diesen Punkt allein, muß von seilen der großen Arbciter-Unionen erfolge». Geschieht dies, so wird daS Land vielleicht bewahrt vor langen in» d» st r i e l l e n Kämpfen, die andernfalls leicht hervorgerufen wurden durch das Bestreben der Unternehmer anderer Gewerde, die Arbeiierverbände ihres Berufs zu derselben Ohnmacht herabzudrücken, wie es jetzt die Maschinen-Jndnstriellen versuchen.— •« • Deutsches Reich. — Unangenehmes für die Agrarier. Die„Deutsche Wein-Zeitung", das offizielle Publikalionsorgan für die Bekannt- machungen der EpedilivnS-, Speicherei- und Kellerei-BernfSgenossen- fchaft, untersucht i» ihrer letzten Nummer die Wirkung der Handels- Verträge auf den deulsche» Weinverkehr. Ter Arlikel schließt mit solgendem Satze: „Nach alledem glauben wir heut«»veitern Ausführungen für die Ansicht, daß die Handelsverträge der deutschen Wein Produktion im allgemeinen nicht von Nach- tficil sind, enthoben zu fein und hoffen, daß diese Auslassnn., zur Bekmstigung unserer Anffaffnng in weiteren Kreisen beiträgt.— — Vom Börsenkrieg. Die HandelZkammern sind von de» Ol'erprnsidsnlen ersucht ivorde», sich gutachtlich über Vorschläge, betresseud PreiLiloiirungen für Getreide zu äußern.— — Herrn Dr. Lieber und den Flotleusreunden deS Zen> truiuS gewidmet! Aebuliche Zuschriften erhielten wir in den letzten Tage» zahlreiche, besonder» aus dem Rheinland: „Dw ultramontane„Köln. Volks-Zeitung" spricht ihren Aerger darüber aus, daß der„Vorwärts" die Zentrumspartei wegen ihrer Stellungnahme zum Flottengesetz mit„I u d a s" bezeichnet hat. Wir Katholiken Kölns verdoppeln, verhundert- und vertausendfachen diese Bezeichnung. Ja. JudaS ist die richtige Bezeichnung für Leute, die so ihr Wort zu brechen bereit sind. Kardialen Gruß. Im Auftrage vieler Katholiken....' Herr L-eber erhält in dieser Zuschrift noch einige Benennungen so kräftiger Art, daß wir sie hier haben auslassen müssen,— — Vom Nord-Oftsee-Kanal. Aus Kiel wird uns geschrieben: Der Kreuzer I. Kl.„Deutschland", das Flaggschiff der 2. Division des ostasiatischen Geschivaders ist zur Vervollständigung seiner Ausrüstung in Kiel eingetroffen. Die Fahrt durch den Nord« Ostsee- Kanal, die schon in 8—9 Stunden gemacht worden ist, hat 19'/, Stunden gedauert. Nicht weniger wie sechs Mal hat die„Deutschland" festgesessen. Hier in Kiel hat„Deutschland" sofort dos Trockendock aufsuchen müssen, weil das Schiff am Boden au Backbordseile mehrere Platten eingebeult hat, davon zwei Stück derartig, daß das Wasser in den Doppelboden des Schiffes dringt. Schon vergangene Nacht und auch in den folgenden Nächten wird an dem Schiffe nun auch auf der hiesige» kaiserl. Werst— das Schiff hat eben erst die Wilhelms- bavener Werst verlassen— gearbeitet, um möglichst das Schiff zum festgesetzten Tag der Ausreise(lb. Dezember) auch klar zu haben. Geht die Rückfahrt des Schiffes unter denselben ungünstige» Ver- hättnissen von statten. dann fängt die Fahrt gut au. Die Schuld des Auslaufens des Schiffes wird dem großen Tiefgang deffelben— 7.7 M e t e r— beigemessen. Nach unserer Meinung ist der Kanal 9 Meter tief, oder ist er etwa flacher?— — Im Landes-Eisenbahnrath erklärte auf eine An- frage der Unterftaatssekretär Fleck, daß die Mittheilungen der Presse über eine allgemeine Eise» bah n-Tarifresorm voll- kommen irrig seien. Vom Reichs-Eisenbahnamte sei nur bei den Staatsbahnverwaltunge» angeregt worden, die Tarife für das ganze Reich möglichst einheitlich zu gestalten. Die Sache befindet sich aber noch im allerersten Stadium der Erwägungen.— — Behördliche Bekämpfung deS Kontraktbruchs. Nach dem Vorgang der Regierungspräsidenten zu Magde- bürg und Erfurt hat auch der Herr Regierungspräsident zu Merse- bürg die Behörden angewiesen, zwecks Ermittelung unbekannter Aufenthaltsorte von kontraktbrüchrgen Personen, ungesäumt einen öffentliche» Aufruf in dem Regierungs- Amtsblatte und in den Publikations-Organen für den KreiS zu veranlassen. Also ein Steckbrief gegen Arbeiter, die versuchen, ihren Peinigern zu entrinnen, die das Joch der Großgrundbesitzer und Zuckerbarone nicht ertragen können. Auch ein Stück„Arbeiter- freundlichkeit"!— — Die Aechtung der welfischen Bewegung wird in Braunsckweig fortgesetzt. Wie berichtet wird, soll dem Recht«. anwall v. D a e h n e, Vorfitzender der„Vaterländischen Vereinigung" in Braunschweig, vom Bezirkskommando anHeim gegeben sein, in seiner Eigenschaft als Olfizier des Beurlaubtenstandes seine Eni- lassung nachzusuchen. Nach unserer Ansicht fehlt für die Berechtigung dieser Maßnahmen, die jetzt wiederholt in Anwendung gekommen sind, jede gesetzlich« Grundlage. Oder will man sagen, die weifische Ge�nnun� sei unvereinbar mit den Aufgaben eines preußischen «ttnehe», 11. Dez.(Gig. ver.) Genosse S e g i tz ist heute in die Kammer eingetreten.— In Fortsetzung der General-Diskusfion über die BodenzinSvorlage vertrat heut« unser Freund E h r h a r t in trefflicher Rede den Standpunkt der sozialdemokratischen Gruppe mit großem Geschick. Er konstatirte vor allem den Widerspruch in der Haltung des Finanzministers zwischen einst und jetzt. Vor vier Jahren noch habe der Minister die Abschaffung der Bodeuzinse als unmöglich und ungerecht bezeichnet. Damals sei man flch auch im Finanzausschüsse über die Bodenzinfe durchaus nicht klar gewesen und habe man deshalb den bezüglichen Antrag Dr. Ratzinger's glatt abgemurkst. Jetzt aber möchte das Zentrum alter Gepflogenheit gemäß das Verdienst ganz für sich in Anspruch nehmen. Die Trieb- fever sei aber in Wirklichkeit die BauernbundS-Bewegung gewesen, denn erst durch die bauernbündlerische Agitation im Lande sei die Frag« in Fluß gekommen. Die Regierungsvorlage habe sich auf die Beschlüsse deS letzten Landtags gestützt, der Ausschußantrag gehe aber von ganz anderen Gesichtspunkten aus. De» nothleidenden Bauern wird die Borlage wenig nützen, den größten Vorthetl werden vielmehr die größten Grundbesitzer haben.(Fürst Thurn und TariS gewinnt z. B. ca. 60 000 M.) Die Ablösung soll bis zu einem bestimmten Termine festgesetzt und die Ueberschüsse zur Tilgung verwandt werden, alS ob immer in der Ueberschuß- wirthschast fortgeivurstelt werden soll.(Glocke deS Präsidenten.) Von den schweren staatsrechtlichen Bedenken wegen der Berfassnngs- änderung höre man kein Wort mehr. ES fehl« auch jede Klarhett darüber, ob unter den Privatbodenzinsen, die auf de» Staat übernommen werden solle», auch solche find, die zu unrecht bestehen. Die Vorlage sei so ganz anders ausgefallen, alS man ursprünglich annahm und fordere des- halb zu schwere» Bedenken heraus, über die wegzugehen, mit der Abgeordnetenpflicht nicht vereinbar ist. Wenn der Minister nicht eine Lösung sindet, die eine gerechtere Vertheilung ermöglicht, wen» insbesondere die reichen Großgrundbesitzer zu gunsten der noth- leidenden Bauern von dieser Nothstandsvorlage nicht ausgeschlossen werden, dann ist fie unannehmbar und wir machen daher unsere Abstimmung gerade von dieser Bedingung abhängig.(Bravo bei den Bauernbündlern und Sozialdemokraten.)— Ans Baden, 12. Dezember.(Eig. Ber.) Die Kammerdebatten der letzten Tage wirbeln im ganzen Land erheblich Staub auf; wenn man gegenwärtig die nationalliberalen und»ltramonlanen Blätter zur Hand nimmt, da»» hat man den Eindruck, als ob man vordem Beginn einer neuen Kultnrkampfperiode stände. Die verbindlichen Forme» werde» fallen gelassen und anstatt sich gegenseitig mit vergifteten Liebenswürdigkeiten zu diene», rede» die Organe der beiden große» Parteien des„Mnsterlandes" Fraktur. Die national- liberale» Blätter nennen die Kasfirung der Wahl vo» Lörrach-Land einen Gewallstrcich, reden von Wacker, dem Zentrnmssührer, als einein„frechen Priester", wogegen der Wacker'sche„Beobachter". ivelchen Herr Fieser mit Bezug auf das päpstliche Leiborgau in Rom de» Osservatore badenico nannte, de» Führer der Nationalliberalen in zwei Leitartikeln als Orlando kurioso behandelt und ihn einen „brutalen Kameraden" und ein„parlamentarisches Slauhbein erster Güte" nennt..Der dritte Unbelheiligle, der sich bei dieser kultur- kämpferischen Rauferei srent, ist natürlich die Sozialdemokratie, und es ist hundert gegen eins z» Ivetten, daß den Mitgliedern der sozial- demokralischen Fraktion angesichls des Fieser-Wacker'schen Rededuells im Karlsruher lliondell— wie man den badischen Landtag nennt— die Heine'sche» Verse ins Gedächtniß kamen: Und es will uns schier bednnken, Daß sie alle beide stinken. Nicht ohne Hnmor ist die Art und Weise, wie sowohl die nalionalliberalen wie die klerikalen Blätter die Haltung der Sozial- demokiaien und speziell die Rede unseres Genossen Adolf Geck de- sprechen, nämlich durchaus günstig. Der klerikale„Beobachter" freut sich darüber, daß Geck Herrn Fieser auf seine Einladung hin, k la 3! übt gegen das Zenirum loszuziehen, in nicht niißznverstehender Weise abgewunken hat, und die nationalliberale„Badische LandeSzeitung erkennt ebenso freudig an. daß Geck be- tonte, die Sozialdemokraten seien nicht mit einem fertigen Urtheil in die Verhandlungen getreten, sie wollten nicht durch eine Wahl- kassation Erfolge haben, die ihnen in offener Feldschlacht versagt geblieben seinen, und vor allem sei es ihnen nicht darum zu thun, Rache für Nonnenweier zu nehmen, wo vor zwei Jahren die Wahl des Demokraten Heimburger durch die Nationalliberalen kassirt worden sei. Geck hatte den Standpunkt der sozialdemokratischen Fraktion dahin präsizirt, daß sie überall, wo eine der beliebten„Eisen- lobriaden", d. h. die Verwendung des Einflusses der Beamten im Wahlkampf, entdeckt würde, rücksichtslos für Kassiruug der Wahl stimmen würde, um doch einmal mit den Gepflogenheiten des„Wahl- meisters" Eisenlohr endgiltig Schluß zu machen. Zu der Anklage, welche die„Neue Badisch« Schulzeitung" gegen die Direktion des Meersburg er Lehrerseminars wegen schwerer, dort herrschender Mißstände, Prügelstrafen, Ausbeutung der Seminaristen u. s. w. erhoben hat, erklärt die Direktion des Instituts, daß jene Anfchuldign-gen zum theil unwahr, zum theit übertrieben feien. Etwas scheint also doch nicht in Ordnung zu sein. Wird die«ingeleitete amtliche Unter- suchung hierüber Klarheit verschaffen?— RuS Hessen, 11. Dezember.(Eig. Ber.) Landtag. Zu Beginn der Sitzung wurde das Mandat des Abg. Weidner(Schotten- Laubach) wegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl einiger Wahl- männer kassirt. Sodann kamen eine Reihe von Interpellationen wegen Bahnangelegenheiten zur Verhandlung. Von allen Seiten wurden Klagelieder angestimmt über die Verkehrsstockungen, Verspätungen und sonstigen Mißstände, die seit der Uebersührung der hessischen Bahnen in die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft aller Orten sich zeigen und den Unwillen der gesammten Bevölkerung erregen. Insbesondere brachten die antisemitischen Abgg. Köhler, Bahr und Schmalbach eine grobe Zahl von Beschwerde» vor. Am empfindlichsten scheint ihr„hessisches Nationalgesühl" durch den vertragswidrigen schwarz-weißen Anstrich der Barrieren, sowie durch preußische Knöpfe an den Uniformen hessischer Be. amten und ähnliche äußerliche Verletzungen der aus- bedungenen Hoheitsrechte gekränkt worden zu sein. Darüber kann man lächeln. Der berechtigte Kern aber, der darin steckt, ist der gesunde Widerwille des hesstfchen Volkes gegen die mit der preußischen Eisenbahn- Oberhoheit sich immer fühlbarer machende Verprenßung unseres Verkehrswesens, die i» sehr vieler Hinsicht nichts weniger als einen Kulturfortschritt für uns bedeutet. — In Beantwortung der Interpellation deS Abg. Schmitt wegen der Verwendung von Militäranwärtern im ttom- munaldienste. erklärte die Regierung, im Buiidesrathe auf möglichste Einschränkung hiuwirkenlzu wollen. Die Besprechung wurde verlagt. Ebenso die Besprechung der Interpellation der Abgg. Haas und David wegen Herbeiführung eines einheitlichen Laden- schlusses an Sonntagen. Auch die Verhandlung über den sozial- demokratischen Antrag ans Errichtung einer Landes-Lungen- h e i l a n ft a l t wurde wegen zu knapper Zeit ans Ersuchen Ulrich's verlagt. Auf die Anfrage der sozialdemokratischen Abgeordneten wegen der seinerzeit vom Finanzminifter Miqucl in der Budget- kommission des preußischen Abgeordnetenhauses gemacht"» Mit- theilnng betr. Oberau sficht des Frankfurter Polizei- vräsidenten über die politische Polizei„fast durch ganz Süddeutschland" erklärte der Staatsminister Finger, daß für Hessen dem Frankfurter Polizeipräsidenten keinerlei AufsichtSbefngnisse zuständen. Nach dieser erfreulichen Miltheilung erübrigte sich eine länger« Debelle. Abg. David wies nochmals kurz aus jene M>tthe"ung Miqnel'S als die Beranloflmig zu unserer Interpellation hin; er freue sich zu hören, daß Hessen nicht zu dcn unter preußischer Pol'z-ianssicht stehenden süddeutschen Staaten gehöre. Vielleicht geben unsere Genoffen im bayerischen. badifchen und württembergischen Landtage nunmehr weiter nach, um festzustellen, waS zu dem Miqnel'schen„fast ganz Eüddentsch- land" gehört.— Die Kammer vertagte sich sodann biS Anfang Januar.— Etraßbeerg i. 9., 11. Dezem�r.(Eig. Ber.) Wie ich Ihnen seinerzeit miltheilte, ist die am 81. Oktober und 1. November d. I. stattgehabte Landeskonferenz der Sozialdemokratie Elsaß-Lothringens durch das Eindringen der Polizei widei rechtlich unter- krochen und in ihren Verhandlungen gestört worden. Der eindringende Kommissar blieb auch dann noch im Versaminlimgsram» anwesend, nachdem er den Charakter der Konferenz als gesetzlich erlaubte Privatvereiuigmig festgestellt und koustalirl hatte, daß jeder Theilnehmer im Besitze einer schriftlichen Einladung zu der Ver- samniliiug war. In Ausführung eines Beschlusses der Lank>es- konferenz, die nach eingeholter Entscheidung der Polizeidirektion ihre Verhandlungen ruhig ohne Ueberivnchnng hatte fortsetzen können. wurde gegen den betr. Polizeikommiffar feiten? deS Versamnilmigs- bnreauS eine Denunziation wegen Vergehens gegen den tz 342 deS Reichs-Strasgesetzbuches(Hausfriedensbruch, verübt durch einen Beamten in Ausübung seines Amtes) bei der kaiserl. Staats- anwaltschast eingereicht, auf welche nunmehr der folgende E n t- scheid eingetroffen ist: Straßburg t. E.. 2. Dezember 1897, Mit Bezugnahme auf Ihre Anzeige vom 29. Novbr. d. I. gegen Polizeikommtssar Noack oder dessen Vorgesetzten wegen Hausfriedensbruchs theile ich Ihnen mit, daß ich die Verfolgung der Sache ablehne. Zunächst muß es alS ausgeschlossen gelten, daß dem Bean- zeigten(!) daS Bewußtsein tnnegewohnt habe, das Eintrete» sei ein widerrechtliches und es mangle an der Befugniß zum aufforderiingswidrigen Verweilen. Abgesebe» davon ist aber die Anwendbarkeit der ßg 125 und 842 R.- Str.- G.- B. schon deshalb ausgeschlossen, weil der von Ihnen unter andern Mitgliedern Ihrer Partei benutzte Raum in der Wirth- schaff Schwab weder als Wohnung noch als GeschäflSräiime oder befriedetes Befitzthnm der Versammelten anzusehen ist. Der kaiserl. Erste Staatsanwalt: (gez.) H ü n t e n. Durch diese seltsame Entscheidung bleibt also im Lande der „wiedergewonnenen Brüder" das Vorgehen eines Polizeibeainlen ungesühnt, daS von der vorgesetzten Behörde selbst als gegen die Landesgesetze verstoßend anerkannt wurde. Der Herr Staats- anwalt wird unseren Genossen wohl den Versuch gestatten, durch eine Beschwerde bei seiner vorgesetzten Behörde eine Korrektur dieser eigenthümlichen Ausfassung herbeizuführen.— Oesterreich. Prag, 18. Dezember. Anläßlich der letzten Exzesse wurden weitere B-rhastungen vorgenommen; durch das Strafgericht wurden noch mehrere Personen, die an den Ausschreitungen theilgenommen hatten, abgeurtheilt. Unter dem Verdacht, die Massen zur Plünderung und anderen Exzessen aufgefordert zu haben, ist hier eine Anzahl angesehener czechischer Bürger verhaftet worden.— In Chrudim zogen die Theilnehmer an der Versammlung eines politischen Vereins, welche von der Behörde aufgelöst worden war, durch die Straßen und schlugen die Fenster in mehreren Gebäuden«in. Die Gendarmerie stellte die Ruhe wieder her und ermittelte die Namen einiger Theil- nehmer an den Exzessen.— Lemberg, 18. Dezember. Die Demonstrationen für den Grasen Badeni sollen so lange und in jsteigendem Maße in ganz Galizien fortgesetzt werden, bis ihr Zweck, die Wiedereinsetzung Badeni's zum Stallhalter von Galizien, erreicht sein wird. Wenn Badeni, so sagt ein Mitglied des Parlaments au? Ost-Galizien, wieder unser Statt- Halter ist, dann kann Baron Gautsch da? Haus auflösen, so oft er will; wir fürchten keine Neuwahlen. Ja. einen rücksichtslosen, brutalen, lediglich daS Interesse der Schlachla im Auge habenden Wahlmacher und Statthalter wie de» Badeni wünschen stch die Herren. Die Wahlen in der fünften Kurie haben aber gezeigt, daß die Politik des Polenklubs nicht die de? polnischen und ruthenischen Volkes in Galizien ist. Sollte die Echlachta demonstriren wollen, o wird sie blos VolkSkundgebungen hervorrufen, die die Schwäche ihrer Position, den Egoismus ihrer Politik aufdecken.— Ungarn» Budapest, 18. Dezember. Von den gestern hier abgehaltenen acht sozialdemokratischen Arbefferversammluiigen, in welchen in schärfster Weise gegen das gegenwärtig im Abgeordnetenhause zur Verhandlung stehende Gesetz, betreffend den Rechtsschutz der land- wirthschastlichen Arbeiter, Stellung genommen wurde, wurden drei polizeilich aufgelöst. Nachmittags fand«in großer Arbeiterkorso statt, welcher durch die Polizei mit blanker Waffe gesprengt werden mußte. Ueber 100 Verhaftungen wurden vorgenommen und zahl- reiche Personen verwundet. Am Abend fand in der Andrassystraße eine große Arbeiterdemonstration statt, bei welcher fortgesetzt die Rufe ertönten:„Abzug Banffy! Abzug Dasanyi!" Schließlich wurden noch 08 Berhaftungen vorgenommen.— Budapest, 11. Dezember. Der Finanzausschuß des Abgeordnetenhauses erledigte heute Abend den Gesetz- entwurf betreffend die selbständige provisorische Regelung des Zoll- und Handelsbündnisses und der Bank- frage mit Oesterreich. Im Namen der Nationalpartei brachte der Abg. Gullner einen Abänderungsantrag ein, nach welchem in dem Gesetzentivurfe ausgesprochen werden soll, daß die Ver- fügung aus dem Verordnungswege, welchen die Borlage der Regie- rund einräumt, falls die wirthschaftliche Reziprozität mit Oesterreich vor Ablauf eines Jabres aufhört, dem Parlament binnen vierzehn Tagen und falls das Parlament nicht versammelt sei, demselben gleich nach seinein Ziisammeiitritt zur Genehmigung vorzulegen sei; auch dürfe diese Verfügung keineswegs länger, als bis zum 31. Dezember 1898 in kraft bleiben. Der Ministerpräsident Baron Banffy erklärte, er nehme diese Abänderung an, da sie im Sinne der Regierungsvorlage sei. Koloman Tisza und der Finanzminister v. Luiacs hoben hervor, ein selbständiges Zollgebiet und eine selbständige Notenbank würden die beiden Staaten schwer schädigen und sie seien nur für den äußersten Nothfall ins Auge zu fassen. Für die Borlage stimmten die Mitglieder der liberalen Partei, der Nationalpartei und der Volkspartei; dagegen stimmte die äußerste Linke.— Frankreich. Paris, 13. Dezember. Der jüngst anS Rom zurückgekehrte Akademiker Brunetiöre beabsichtigt dem„Gaulois" zufolge, die Leitung der„Revue des Deux MondeS" aufzugeben und ins politische Leben einzutreten. Er werde angeblich die Führung der katholischen Partei in Paris übernehmen.— PariS, 12. Dezember. Nach einer Meldung des„Figaro" werden der Handelsminister und der Finanzminister im Parlament eine Borlage eiiibringe», betreffend Schaffung eines natio» nalen Amtes für best auswärtigen Handel. Dieses Amt soll dazu bestimmt sein, den Handeltreibenden geeignete Aus- kimste zur Erhöhung der Ausfuhr zukommen zu lassen.— England. — Eine irische sozialistisch- republikanisch« Partei hat sich gebildet und erläßt in der neuesten Nummer der Londoner„Justice" einen Aufruf an die Iren, sich ihr anzuschließen. Jeder Ire, gleichviel wo er wohnt, kann Mitglied werden gegen einen Jahresbeitrag von 1 Shilling. Sekretär der Partei ist O'Buen in Dublin.— Italien. Rom, 13. Dezember. Die Meimingsverschiedenheil zwischen di Rudiiii und Zauardelli wurde hervorgerufen durch die Frage des Unterstaatssekretärs des Innern. Di Riidini derief alsdann den Minisierralh und schlug ihm vor, daß sämmtliche Minister ihre Portefeuilles behalten und nur an stelle des Kriegsministers Pelloux San Maizano und an stelle des Ministers für öffenlliche Arbeite» Prineiti Pavoncelli trete. Enicciardini lehnte indessen ab und daher begab sich di Rudiui zum König, um ihn über den Stand der An« gelegenheit zu unterrichten. Dem„Messaggero" zufolge ist Zanar« belli von seinem Abkommen mit di Rudiui infolge der gegnerischen Haltung Giolitti's und Cavallotli's zurückgetreten. Das Blatt hält euie Kabiiietsbildung mit Visconti Venosta und Brin für möglich.— Spanien. — General Weyler, der jetzt in Madrid eingetroffen ist, bemüht sich nach Kläffen, an der spanischen Regierung, die ihn von Kuba abberufen hat. Rache zu nehineii, indem er dem liberalen Kabinel möglichst viele Schiviengleiten bereitet. Er erklärte einem Berichterstatter gegenüber, die Kiindgebiliigen, deren Gegenstand er sei, seien ein Beweis für den in Spanien stets lebendigen Patriotismus. Mit bezng auf Kuba und die Botschaft Mac Kiiilcy's erklärte Weyler, Canovns habe seinerzeit dem Kabinet in Washington zu verstehen gegeben, daß Krieg bis aufs äußerste, Zerstörung der Hilfs- quelle» der Aiifständischeii, Veieinigling der Landleute in den Slädlen und Vasolgniig der Freibeuter bis zur vollständigen Unleriverfliiig der Anfsiändischen und ohne einer Intervention der Vereinigten Stanlen znzilstiiiime», die besten Mittel zur Pazi» fizirnng der Insel seien. Die Vereinigte» Staaten hätten hier» gegen keinen Einspruch erhoben Heute, wo man ein anderes System befolge, beleidigten die Vereinigten Staaten Spanien und seine Armee. Er(Weyler) sei enlschlossen, zu verlangen, daß die Regierung di« Note CanovaS' an die Veieiniglen Staate» veröffentliche, gegen die Botschaft Mac Kinley's Einspruch erhebe, Spanien und der Armee ? gegenüber de» Angriffen der Vereinigten Staaten Genugthnung ver- chaffe und die Androhung einer Intervention zurückiveise. Weyler hofft bei seinem Vorgehen die Unterstützung aller konservativen Elemente zu finden. Ueber die Demonstration beim Empfange Wcyler'S in Madrid meldet eine Depesche von gestern: „Ans dem Bahnhof crivarieten ihn die Generale Azearraga und Borrcro sowie eine Anzahl Republikaner, Carlisten, Konservative und Romerille». Bei Anknnfl des Zuges ivnrden zahlreiche Hoch- rufe aiikgebracht. Weyler ivurde auf die Schultern gehoben und bis zum Alisgana des Bntmhoses getragen, wo er seine» Wagen de- stieg. Es hatten sich nur wenige Neugierige eingefunden, die sich vollkommen thcilnahmlos verhielten; während der Fahrt ereignete sich kein Zwischenfall. Etwa hundert Neugierige, die vor WeylerS Hanse Aufstellung genommen hatten. ginge» bald auseinander. Einige karlistische und republikanische Abgeordnete und Romero Nobledo begleiteten de» General in seine Wohnung. Aus den zahlreichen, von den Kolonial-KriegSschau» pläh en eingetroffenen Nachrichten heben ivir die folgenden hervor: Eine Depesche ans Havana meldet, die Aufständischen in dem östlichen Theile von Kuba hätten sich nach Madrid gewandt, um Mittheiliingen über de» Umfang deS AntonomiedekretS. Diese Nackiricht würde, wenn sie richtig ist, bestätigen, daß die Aussländischen zur Herbeiführung des Friedens geneigt seien. Während der letzten zehn Tage halten die Aufständischen auf Kuba einen Verlust von 113 Todte» und 88 Gefangenen; 348 Aufständische unterwarfen stch. Die Spanier hatten 14 Todte und 121 Verwundete. Rivas Rivera, der Nachfolger MnceoS, ist als Gefangener an Bord cineS Schisses gebracht worden, um nach Cadix geschafft zu werden. Amtlich wird von den Philippinen gemeldet: Die spanische» Triipvcn bemächtigten sich der Minuyas-Berge; sie hatten dabei 3 Todte und 22 Verwundete; die Verluste der Aufständischen sind beträchtlich.- Rnstland. Petersburg, 12. Dezember. Wie der„Regierungsbote" meldet. hat der Minister des Innern den Blättern„St. Petersburger Zeitung",„Mirowyje Otgoloski",„Narod" und„Syn Otjetschestwo" den Druck von Privat-Aiuioiicen wieder gestattet, denselben hinacge» dem„Petersburgski Listock" entzogen.— — Studentenunruhen und Stube ntenverhaf» tunge» in verschiedenen Städten Rußlands. Der Aufruf, in welchem die Warschauer Studenten das unwürdige Verhalten von sechs Professoren bei Gelegenheit der Jnangriff. nähme deS Baues deS Denkmals von Murawjew gegeißelt haben, wurde— mit einem reaktionären Kommentar versehen— in der S Dieser Kommentar hat aber die Zeitung nicht vor ihm„Verwarnung seitens der Re- gieruug beivahrt.— Unruhen haben auch slailgefunden «n de» Universitäten Odessa und Kiew. Anlaß zu Nuhestörungen rn dieser letztere» Stadl soll dadurch gegeben worden sei», daß die Gendarmen eine» Studenten während eines Verhörs, welchem er unter- zogen wurde, thätlich uiißhandelt habe». In Moskau hat das Komilee des geheimen Studeulenbundes einen Aufrns a» die Studenten gerichtet, in ivelchem es zur Vernnslallmig von„Unruhen" aufsorderl. Der Aufruf hat aus die Studenten keinen große» Eindruck gemacht jedoch gab er Anlaß zu einem behördlichen Einschreite» gegen die Studeiiteiv I» der Nacht vom 19 aus de» 29. November sind gegen 39 Sliidenteii verHaftel worden. Haussiichulige» und AerHaslungen find auch in den solgende» Nächten vorgenommen worden. Alle be finden sich bis jetzt noch in der Haft und wurden angeklagt, einer Studentenorganisatioii angehört zu haben. Unter den Verhaftelen be- fiuden sich Studenlen, ivelche prinzipielle Gegner von„Stiidenlenuliruhe»" sind. Tie Verhandlung gegen die Studenten ivird in einem un gewöhnlich raschen Tempo geführt. Die Akten sollen aus der Moskauer Sicherheitsabtheilung— unter Umgehung aller Zwischen- instanzen— direkt dem Ministerium des Innern eingesandt werde». Die Moskauer Behörden scheinen die ganze Sache aufgebauscht zu haben, um noch zu dem diesjährigen Weihnachtssesle Gratifikationen sur ihre Rührigkeil zu erzielen.— Asien. — Ein Kanal durch Malakka. Das Pariser Blatt „Laiiterue" veröffentlicht einen Bericht des Abgcordiiele» Rouauet an den König von Sic» in über die Bildung einer französisch-engli scheu Gesellschaft zur Erbauung eines Schiffsahrts-ttanals durch die Halb- insel Malakka.— Amerika. Rio de Janciro, 12. Dezember. Die Regierung hat durch ein Dekret verfügt, daß das Kriegsrecht bis zuin 31 Januar ISSö in Geltung bleibe» soll.—_ Pa vf ei- Ut a rfiindjf en» I» der Quittung dcS PartcikassircrS» die in der Sonntags- mnnuier des„Vorwärts" veröffemlicht ist, muß es bei der Position „Wedding und Oranienburger Vorstadt" heißen: Polarlicht 229 M. (nicht 2,29.) Als RcichötagSkaudidat für den 8. wlirltembergischen Wahl- kreis F r e u d e n st n d t- H o r b ist der Parteigenosse G. Reichel aus Stuttgart aufgestellt. Im II. sächsische» Kreise W u r z e n- O s cb a tz- G r i m m a kandidirt der Parteigenosse R. Lipinski aus Leipzig. Bei der Irtzten Wahl wurde» i» diesem Kreise für Thiele(Soz.) 7164, für Hauffe(kons.) 19 996, ferner 1799»atioualliberale»»d freisinnige Sliinnien abgegeben. Der Partcigcnossc v. Vollinav laborirt, wie die„Münchener Post" millheilt, schon seil einigen Wochen an einein Jnfluenza-Anfall. Sein Befinde» hat sich durch eine?lgitalio»srcise leider derart ver- schlimuiert, daß er für einige Zeit außer stand gesetzt ist, sich an den Landlagsarbeiten zu betheiligen. Ju Nctv-Bork erscheint von jetzt an ei» sozialistisches Blatt in. italicutscher Sprache. Es führt den Titel„II Proletario" und wird aller 1s Tage herausgegeben. Polizeiliches, Gerichtliches ic. — Zwei Volksversammlungen in Zivickan i. S, die ans vorigen Sonntag eiubcrufen waren und den Zweck hatten, Protest einzulegen gegen die von den Konservativen verlangte Verschlechte- rung des ohnehin höchst fragwürdigen sächsischen Vereins- und Versammlungsrechts, sind vom Stadtrath ans grnnd von Z 5 des Gesetzes verboten worden. Mit Hilfe dieses Paragraphen, der das Verbot solcher Versamiiilnngen vorschreibt, die den Ziveck haben, Gesetzesübertretungen oder iivfillliche Handlungen zu begehen, dazu aufzufordern oder doch dazu geneigt zn machen, läßt sich, bei einiger Phantasie, ja jede beliebige Versanimlung jeder beliebigen Partei, eiuschliesilich jeuer der 5koiiservative»� verhindern; charakteristisch ist es aber für die Zustände Sachsens, daß man sogar nicht davor zurückschreckt, jene Versammlunge» aus grnnd des Z 5 zu verbieleu, die lediglich bezivcckcn, den Landtag zn be- stimuien, daß er eine RcgicriiilgSvorlage(nämlich die betreffend Nnfhebnng des Verbots der Verbindung politischer Vereine) ohne Verschlechterung annehme. Wegen des Verbots der beide» Versamnilungen herrscht unter den Arbeitern Zwickau's begreislicheriveise eine äußerst starke Erregung. — Der Parteigenosse Schöpflin, Redakteur der„Volks- stimme" in Burgstädt in S.> hat das Gefängnis!»ach Börbüßung der einuionatigen Strafe verlassen, die ihm wegen Beleidigung des Mitliveidaer Stadlraths auferlegt war. — Dr. Adler, Redakteur der Wiener„Arbeiter- Zeitung", hat in einer Verfaiiunlnug des sozialdemokratischen Wahlvereirs in der Josefstadt am 8. November eine Rede gehalten, worin er sagte:„Badem steht an der Spitze vo» Verbrechern und man muß eine solche verbrecherische Negierung hassen." Ter über- wachende Polizeikonnuissar dennnzirte ihn wegen dieser Acußerung des„Verbrechens der Ausreizung zn Haß und Verachtung gegen die Staatsverwaltung". Die Staatsanivallschaft fand sich aber nicht veranlaßt, die Auffässnug des noch sehr grüne» Bcamtcn zu theilen und meinte: Besser eine sichere Ehrcubcleidiguug, als die schönste Aufreizung zu Haß und Verachtung, die aber vor die Ge- sch ivorenen niuß.'Es wurde also nach ben-ähiter Praxis vor- gegangen und Dr.'Adler wegen Beleidigung von Behörden vor das Bezirksgericht gestellt. Dort machte er alle Austrengung, um zu ver- hindern, daß er seinen» ordentlichen Richter, in diesem Falle dem Schivnrgericht, enlzogcn werde, und stellte gleich zu Beginn der Berhandluiig fest, daß er nuverholen dem Haß und der Verachtiiiig gegen die.Regierung Badeni Ausdruck gegeben habe. Er habe in seiner Rede die Sünden dieser Regierung aus- führlich dargelegt, und schließlich wörtlich resuniirt:„Die Negicrung, an deren Spitze Badeni steht, hat sich somit einer Reihe von Ver- brechen schuldig gemacht." Nu» erfolgte eine Mahnung des Re- gierungsverlreters, worauf er fortfuhr:„Ja. ohne Ziveifel, jeder, der die Thalen Badeni's kennt, muß Haß und Verachtung gegen diese Regierung empfinden." Sowohl der Polizeikouzipist ivie der Vorfitzende der Bersaminlung als Zeugen bestätigten, daß Dr. Adler sich im wesentlichen so ausgedrückt halle, ivie er sagte. Der Ver- treter der Slaatsauivaltschasc aber erklärte, daß diese i» de» in- kriminirlen Worten keine Nusreizung finden könne, und fügte hinzu:„Warum sie das nicht kau», weiß ich nicht, sie hat es aber jedenfalls genau a u S g e l ü s t e l l und ihre Meinung ist für mich maßgebend." Der Richter that der Staatsanwaltschaft denn mich den Gefallen, die vom Verlhcidiger verlangte Verweisung der Sache vor die Geschworenen abzulehnen, indem er vorgab, er könne den Akt nicht zurückleiten, da die Slaatsamvallschast die Unter- suchung in Beziehung aus das Verbrechen der Älusreiziiiig eingestellt habe. Die Geschworenen hätten Dr. Adler selbstverständlich frei- gesprochen, denn daß die von ihm gegebene Charaklerislik des inzwischen zum Teufel gejagten Badeni'sche» Regiments zutrifft, darüber ist alle Welt einig. Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht war also eine großartige Komödie. Sie endete damit, daß Dr. Adler wegen Beleidigmig von Behörden zu einer durch einmaliges Fasten verschärste» vierzehntägigen Arrest. strafe verurtheill wurde. Dr. Adler hat gegen das Urlheil Be- rufuiig angemeldet._ Geme Pciliii und ttmgcbuiig. Für die ausgesperrte» cliglischen Maschinenbauer gingen bei der B e r l i Ii e r G e w e r k s ch a s t s k o u, in i s s i on folgende Beträge ein: Drechslerwerkstatt von Jahner, Bülowitrab? 6,—. Tischlerei Hülsenbeck, Kroll u. Ko.. Königsbergcrstr. 8 20,70. Steinsetzer Berlins(aus Listen) durch Grabitz 10,50. Bilderrahnienmacher Berlins(auf Listen, darunter Bilder- rahnieusabrik Brückner, Rittcrstraße 15,40»nd d. Löwenthal 2.90) 18,30. Arbeiter der Nähniaschinciifabrik und Fahrradsabril Gebr. Nothmanii— Rixdort 10,—. Möbelpolirer von F. it. Treue, Kienerstr. 44 10.—. Tavezir« von Flatow n, Priemer 15,— Kürschner Berlins 3. Rate 50- Maschinisten und Heizer Berlins durch H. H(aus Listen) 32, SO. Tapezirerwerkstatt Dittmar Spandauerstraße 7,80. Arbeiter der Schirinsabri! Gembecki, Alexaudrinenstr 22 10,— Tonnen- b rüder in der alten Patzenhoier Tonne. Reichenbergerstraße, 2. Rate 6,40 Rothe Hütte im Saarrevier, 2. Rate 15,50. Walther in Straßburg i, Elsaß 20,—. Bon den an Luch- und Schnelldruckpresten beschäftiglen Arbeiterinnen Berlins. 2. Rate 40,25 Möbeltischlerei Böhm. Weberstr. 52, 3. Rate b,50. Arbeiter und Arbeiterinnen der Buchbinderet Max Babing 10,—. Maler Berlins(aus Liften) durch Link(darunter Werkstatt A. Schwarz von den Renners I.SO, und Werkstatt Gademann und Kellner 6,60)— 13,60, Musik- inilrumenten-Arbetter Berlins durch Arendt(aus Listen) 139,40, darunter Fabrik Hirschfeldt, 4 Rate 10,80, Fabrik Bechstein, Reicheubergerstr. 18,— Fabrik Fürstenberg 6.50. Fabrik Hohne n. Sätt nebst zwei Budikern 5,95. Fabrik Pieisicr 10,90, Fabrik Senil 6,50. Fabrik Wagner 16,20. Fabrik Millionen- lchulze Blumenstr. 14,20. Fabrik Schmidt, Martannenvlatz 4,—. Fabrik Klingln ann 12,65, Fabrik Hocf u. Ko. 7.50. Fabrik Laurinat, 6. Rate 17,25, Fabrik Seidel 9,85.) Arbeiter-Radfahrvcrein„Falke" in Rrxdors 7,70. Ge- sannncll im Lokal von Emil Riebe, Schliemannstr. 48 9.10. Lackirer Berlins d Rth laus Listen) 61,85 Tapezirerversammlung, Filiale Süd, am 9. Dez. 6,05 Brauer Berlins d Preuß 55,02,(darunter Schloßbrauerei Schöneberg 9,40, Brauerei Pichelsdorf 14,90, Brauerei Hohen-Schönhaulen 28,72, Braueret Möwes 2,—.) Klaviaturfabril von Buch holz, 7. Rate 15,70. Ge- selliger Berein.Hoffnung" im hohen Norden 10.—. Weitere Beiträge niiilmt das Gewerkschastsbureau(R. Millarg, Annenstr. 16, 1 Tr.) entgegen. Deutsches Zleich. Der Streik in der Met, er'scheu Schuhfabrik in Bremen dauert unverändert sort. Von den Slreikenden sind bis letzt ca. 20 Mann abgereist; nächste Woche folgen weitere nach, und es ist nicht ausgeschlossen, daß, wenn der Betrieb wieder ausgenommen wird, die Zahl der Zivicker bis auf einige zusammengeschmolzen sein ivird. Durch die Zurückiveisuug der Verhandlungeu liegt für die Streikenden jetzt kein Grund vor, abermals solche anzubahnen, und ist der Streik dadurch zu einer Machlfrage geworden. Ter Kampf der Metallarbeiter in T o r g e l o w. denen in übemüthiger Weise von feilen der Fabrikanten zngemuthet wurde. ihr Koalitionsrecht anfzugebe», wird mit Energie und Ausdauer von den Arbeitern fortgesetzt. Im Ausstand befinden sich noch 241 Mann. Vor einigen Tage» fand in P a s e w a l k eine gut' besuchte Ver saminlung statt, die insofern recht interessant verlief, als ein ans Stettin erschienenes Mitglied des Gewerkvereins erklärte, daß. wen» die Ausführungen des Referenten M a f s a t s ch zittrnfen, er zugebe, daß das Verhalten der Mitglieder seiner Gewerkschaft in diesem Streik eutfchiedeu verurtheilt werden müsse. Die Versammlung hatte auch insofern einen guten Zweck erfüllt, als i» einem dortige» Lokalblältchen in der schäbigsten Weise die Ursache des Streiks entstellt wurde»»d natürlich die Fabrikanten als die unschuldigen Lämmer geschildert wurden. Dieses Truggebilde zerstörte der Redner in treffender Weise und fand in ver Versammlung lebhafte Zu- stimmung. Katholische Arbeitervereine. Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Soeben lese ich in Ihrem Blatte von der Maßnahme der Pauliunsdruckerei in Trier, keine Mitglieder des Buchdrucker- Verbandes zu beschäftigen. Es ist bemerkenswerth. daß in genannter Druckerei auch ein„GewerkschaftSblatl", nämlich das Organ des ultrainontaneu Verbandes Deutscher Eisenbahn-Handwerker gedruckt ivird. Es ist das dasselbe Blatt, welches sich im Januar d. I. einen recht heftige» Ausfall gegen den Verband der Eisenbahner Deutsch- lands leistete. Was es mit der Arbeiterfreundlichkeit der Herren Kaplane jc. auf sich hat, läßt folgende Stelle aus diesem„Geiverkschafls- blalt" erkennen:„Die höchst beklagensiverthen Mißerfolge, die nusäg- liche Roth und viele» Eutbehrungeu. sowie die greuzenlose Er- bilterilug, welche sowohl der Streik der Bergarbeiter im Saar- und Ruhrgebict, als auch derjenige der Hafenarbeiter und Seeleute i» Hamburg verursachtc» und welche allein nur auf die v e r w e r f- liche ii Hetzereien sozialdemokratischer Agitation zurückzuführen sind, müssen uns eine Mahuung sein, derartige Pro- pagauda mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen."— Es ivird wohl dieser„Arbeiter"orga»isatioii, die sich rühmt über 20 009 Mit- glieder zn zählen, davon angeblich ca. 399 allein in Berlin, schwer- lich einfalle», Solidarität gegen de» Buchdruckerverband zu Üben »nd ihr Blatt da druck,» lassen, wo die Arbeiterrechte respektirt werde». Das Lübecker GcwcrkschaftSkartcll hat beschlossen, die Generalkommissioii der Gewcrkfchasie» Deutschlands zn ersuchen, die örtlichen Gewerkschastskarlelle Deutschlands in allen Parteiblätleru zu veranlassen, über die Handhabung det Unternehmeriiachweise ein- gehende Erhebungen auzuslelle» und das Ergebn iß dieser Erhebiinge» zu bearbeiten. Ter Pktein der Hanibnrgcr Stauer hat folgendes Zirkular verschickt: Hamburg, den 3. Dezbr. 1897. P. P. Nachstehend geben wir Ihnen die Namen von 23 Schauer- leule» bekannt, ivelche in den Betrieben der Herren C. Tiede- mann, Eugen Ccllicr, C. Niecken und E. Petzky plötzlich am Tage die Arbeit niedergelegt haben unter der Begründung, mit„Streik- brechern" nicht mehr' länger zusammen beschäftigt sein zu wolle». Um den belreffeudeu die Folge» ihres Vorgehens, welches uns viele Unannehmlichkeiten bereitete, recht fühlbar vor Augen zn führen, und um weiteren derartigen Fallen vorzubeugen, er- suchen wir Sie hiermit höflichst, die i»!>Icde sichenden Leute in Ihrem Betriebe nicht einzustelle», sofern sie bei Ihne» um Be- schäsiigimg nachfragen solllcn. Hochachtungsvoll Der Verein der Stauer vo» Hamburg-Allona von 1336." (Folgen die Name» von 23 Schauerleute».) Damit wäre» die schwarzen Listen auch bei den Stauern zu Ehren gekommen und die großkapitalistischen Allüren von den kleinen Gernegröße» nachgeahmt. Es wird ihnen nur nichls nütze», da die Arbeiter durch solche Einschüchterungsversuche auch nicht gefügig werde». Die städtische:» Arbeiter der Gasanstalt in Cannstatt haben auf ihr Gesuch nnsiaudslos eine Lohnzulage von 29 Pf. pro Tag erhalten und die 24 slündige Wechselschicht ist i» eine ISstündige nmgewandell. Mttkevnvhinvv-Vovbiittdv. Ter Verband deutscher Jndnstricllcu beschloß unter Vorsitz des Herr Körting- Hannover, der Gesannntvorstand möge darauf hinwirken, daß die einzelnen Verbände der Melallindnstrie Arbeits- nachweisstellen errichten und in Berlin eine Zentralstelle geschaffen werde, ivelche die Zwecke des Unternehmens durch Sammlungen statistischcn Materials nud Auskunfterlheiliiug fördern sollen. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Institut, das die schwarze» Listen ivirkmigsvoll haudhabeu soll und bei Streits nach dein betreffenden Ort Arbeitskräste senden wird. Für die Arbeiter»vieder ein An» sporn, in der Organisation ihre Kräfte zu sammeln. Ter Verein deutscher Düiigcrfabrikanten hat an den Biindesralh eine Pelitiou gerichtet, in der verlangt wird, daß die von inländischen Düngersabriken zur Herstellung von Säcken verwendete Packleimvand ans Inte oder Manilahanf sowie die diese» gleichstehenden Spinnstoffen(Flachs ausgenomme») u»Ier Kontrolle der Berwenduug zollfrei eiugcsührt werde». Soztale;?. Bestrafungen ans grnnd der soziale» Gesetze. In den so- genannten sozialen Gesetzen, wie dem Arbeiterschntzgesetz und den Arbeiterversichernngs- Gesetzen, sind bekannllich auch Strafen für Uebcrtrctungeu der betreffenden Gesetze ausgesetzt, welche Straf- audrohimgen sich weseullich gegen die Unternehmer richte». Das kaiserliche st a t i st i s ch e Amt veröffentlicht nun kriminalstatistische Zahlen,»voraus zu ersehen ist, ivie sich die Verfehlungen gegen jene Gesetze im Deutschen Reiche gestaltet habe», oder richtiger: wie viel Bestrafungen wegen solcher Verfehlungen in den letzten Jahre,» erfolgt find,— denn der Versehlungen find»attWich auf diesen, Gebiet weit, weit mehr, als die erfolgenden Anzeigen und schließ« ltchen Verurtheilungen. Leider muß nun konstatirt werden, daß auf der ganze» Ante eine Tendenz zur fortwährenden Steigerung jener Strasthaten«or« Händen, zu sein scheint. So wurden aus gnmd des Z 146 Ziffer 1 der Gewerbe« Ordnung, der die Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften betreffend die Löhnung der Arbeiter mit Strafe bedroht, verurtheilt 1891: 66, 1392: 53, 1893: 103, 1894: 113, 1895: 122 und 1896: 66. Sehr bedeutend ist die Steigerung der Bergehen gegen§ 146 Ziffer 2, worin die Zuwider« Handlungen gegen die Vorschriften über Beschäftigung von Ar« b e i l e r i n n e n und jugendlichen Arbeitern mit Strafe bedroht werden. Es wurden oauach verurtheilt 1891: 355 Per« sonen, 1392: 345, 1893: 741, 1394: 391. 1395: 637 und 1396: 935. Die durch ß 146 Ziffer 3 mit Strafe bedrohte Eintragung eines Merkmals m das Arbeitsbuch führt« zu Verurtheilungen in den genannten sechs Jahren 14. 13. 15. 19, 14 und 6 mal. Auffallend groß waren sowohl die absoluten Zahlen, wie auch die Steigerung der Verfehlungen gegen die Sonntagsruhe-Bestimmungen für die Industrie und das Handelsgewerbe, welche Verfehlungen durch Z 146a der Gewerbe- Ordnung mit Strafe bedroht werde». Wegen dieser Delikt« erfolgten Verurtheilungen 1392: 1599, 1893: 4864, 1394: 5696, 1895: 6723 und 1896: 3179. Außerordentlich zahlreich waren auch die Verurtheilungen aus gruud des Z 147 der Gewerbe- Ordnung, durch den Zuwiderhandlungen gegen die Konzessionspflicht, sowie gegen behördliche Anordmmge» betreffs der Stcherheitsvorrichtungen bei gewerblichen Anlagen be- droht werden. Es»vurden verurtheilt I39l: 5236, 1392: 5559, 1393: 5964, 1894: 7336, 1895: 8399 und 1896: 9232 Personen. Auch die bedeutende Steigerung dieser Zuividerhandlunge», bei denen es sich, soweit die Sicherheilsvorrichlungeu i» Frage kommen, meist um Kopf»nd Kragen der Arbeiter handelt, ist sehr bezeichnend. Was die Verurtheilungen auf grund der A r b e i t e r v e r s i ch e- rungs-Gesetze anbetrifft, so bedrohen die ZZ 82 und 82a des Krankenverstcherungs-GesetzeS Vergehen der Arbeit- geber, wie vorsätzliche Zuvielanrechnung von Versichernugsbeitrag des Arbeiters bei der Lohnzahlung, gesetzwidriges Unierlassen der Lohnabzüge und der Abführung an die berechtigten Kassen. Ans- schließung des Gesetzes durch Vertrag k. Wegen solcher Vergehen wurden verurtheilt 1391: 31, 1392: 29. 1893: 35. 1394: 143. 1695: 94, 1896: 99 Personen. Wege» Hinterziehung ab- gezogener Krankenkasse»- Beiträge wurden ans grnnd des § 82b des Krankenversicherungs- Gesetzes bestraft 1893: 14, 1894: 179, 1895: 231 und 1896: 188 Personen. Ver- gehen gegen die§ß 147 bis 151 des I n v a l i d i t ä t s- und A l t e r s v e r s i ch e r»» g s- G e s e tz e s, die mit Strafe bedrohen die Ausschließung des Gesetzes durch Vertrag, wissentliche Zuviel- anrechnung an Markenbetrag durch den Unternehmer, widerrechtliche Vorenthaltnng der Quitluiigskarte. wissentliche Verwendung falscher Marken, endlich unzulässige Eintragungen und Vermerke in den Quitlnngskarten, führten zu Verurtheilungen: 1391: 91. 1892: 246, 1393: 297, 1394: 311, 1895; 278 nnd 1896; 269 mal. Der§ 154 desselben Gesetzes bedroht die Fälschung von Ver- sicherungsmarken und das Feilhalten bereits verwendeter Marken. Diese Delikte, an denen der Natur der Sache»ach auch Arbeiter betheiligt sein können, hatten Verurtheilungen im Gefolqe 1891: 1. 1892: 19. 1693: 59. 1394: 59, 1895: 91 und 1896: 32. Zum Schluß seien noch die Zahlen der in» Dentschen Reich erfolgten Verurtheilnnge» ans grund des Z 153 der Gewerbe- Ordnung wiedergegeben. Nach diesem Paragraph werden Arbeiter bestraft, die durch Anwendung körperlichen Zwanges, durch Drohungen, Ehrverletzung oder durch verrufSerklärung andere zur Theilnahme an Streiks und dergleichen zu bestimmen suchen. Verurtheilungen deswegen erfolgten 1891: 117, 1392:74. 1393:38, 1894:47, 1895:9» und 1896: 252. Da« Fallen der Ziffer» in den ersten Jahren und das Steigen derselben >395 und 1896 hängt zweifellos mit der»virthschaftlichen Kon- jniiklur zusammen. Die ungünstige WirthschaftSlage der erste« Jahre dieses Jahrzehnts bot den Arbeitern wenig Gelegenheit zu Streiks. Mit den in Folge der wirthschastlichen Besserung in den Jahren 1895 und 1396 zahlreicher erfolgenden Streiks wuchs dann natürlich auch die Gelegenheit, gegen den§ 153 zu verstoßen. Wie»othtvcndig zur AnSfiihrung von Arbeiterfchntz- Gesetzen die Mitwirkung der Arbeiter selbst ist. dafür wurde jüngst in der Schweiz wieder ein Beweis geliefert. In den Jahren 1889 und 1831 gestattete der Bnndesrath einigen Seiden- spinnereien im Kanton Tessin als Uebergangsstadium zur neuen, durch das Fabrikgesetz geschaffenen Ordnung die Beschäftigung von Kindern vom 12. Altersjahre an, während das Gesetz das 14. Alters» jähr vorschreibt. Diese provisorisch nestattet« AuS- nähme war in Vergessenheit g e r at h e n. Erst die seit einem Jahre im Kanton Tessin erstandenen Arbeiterorgani« s a t i o n e n machlen die Behörden dadurch aufmerksam, daß ent« gegen den Vorschriften des Fabrikgesetzes die Kinder vom 12. Alters- jähre an beschäftigt wurden und daß eS auch sonst in diesem Kanton schlecht mit der Ausführung des Gesetzes steht. Der BundeSrath beeilte sich, die 17 Jahre währende Ausnahmebewilligung aufzuheben nnd die Tesstner Kanlonsregierung traf die entsprechenden Ber- sügtingeii. Rrbeiter-Rifiko. In den Bergwerke» von E p i n a e in Frankreich ereignete sich ei» schreckliches Unglück. Beim Einfahren in den Schacht kippte der Fahrkastcn, ivorin sich 5 Bergleui« be- fanden, ans bisher noch unaufgeklärter Ursache um. 3 Bergleute slüizle» 299 Meter tief hinunter und waren ans der Stelle todl. Die beiden anderen hatten Geistesgegenwart genug, sich an die Reltungsleiler anzuklammern, und entgingen so dem Tode. DepeMen und letzte UlÄcheichkew« Karlsruhe. 13. Dezember.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer stellte Abgeordneter Hng namens der Budgetkom Mission an die großherzogliche Regierung die Anfrage, ob die Gerüchte, welche eine Gefährdmig der Selbständigkeit Badens auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens in sich schließen, begründet sind. Minister v. Brauer erwiderte, daß mit Prenße» wegen Uebernahme der Main-Neckarbahn Ver- handlmige» nicht slattgefnnde» hätten. Ebensowenig hätten Ver» Handlungen stattgefunden betreffend die badischen Bahnen. Die zroßherzogliche Regierung habe nicht die Ülbsicht, die Selbständia- 'eit der großherzoglichen Slaalsbahne» m irgendwelcher Form ans- zugeben. Budapest, 13. Dezember.(W. T. B.) DaS AbgeordneteiihauS berieth heule die Vorlage betreffend Regelung des Verhältnisses der landwirthlchaftlichen Arbeiter und?Irbcitgeber. Graf Alexander Karoly» sprach sich für die Vorlage aus und empfahl die Einführung vo» Schiedsgerichten und Erstreckung der Wirksamkeit der Kredil» genossenschasten gegen die Auswncherniig der. Kleingrnndbesitzer. Stefan Kokovszky brachte eine» Beschlnßanlrag ein, die Regierung möge einen dringlichen Gesetzeniwurf betreffend die obligatorische Arbeilerversicherung vorlegen. Baron Harkanyi begrüßte die Vor- läge, welche geeignet fei, dem Umsichgreifen von Echniiterstreikci» Einhalt zn thun. Die Berathmig wird morgen fortgesetzt. Prag, 13. Dez.(W. T. B) Am 9. Dezember wurde während der Abeudvorstelluiig im kgl. deutsche» Laudeslheater gegen Schluß des drillen ZIktes von Sicherheiisorgane» an der der Nniversität gegenüber- liegenden Ansgangsthür eine ans einer Blechbüchse bestehende Lombe gesunde». Dieselbe war an der Klinke der Thür befestigt; m» Boden befand sich eine schmale ca. l cm lauge Blechhttlse. durch welche die Lunte geführt war. Letztere bramile zur Zeit der Auffindnng und wurde von den Sicherheitsorganen ausgelöscht. Nach Aussage von Sach« verständigen war dieBombe geeignet, iliiFalledcrExplosioubedcuicudcn Schaden herbeizuführen. Das zahlreich im Theater anwesende Piiblikiim halte von dem Vorfall keine Keunliiiß. Selbstverständlich wurde» sofort die strengsten Bcwachimgsmnbnahiiicn bei beiden deutsche» Theatern eingeführt, so daß einer Wiederholung ähnlicher Vorfälle vorgebeugt zu sein scheint. Verantwortlicher Redakteur: Rngnst Jacobe« in Berlin Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Dnick and Berlaa von Max Babing in Berlin. Hierzu S Beilagen n.«nterhaltungeblatt. Jt. 291. Ii 1. KtilW d« Dmillts" Mm KÄMM. DikNßllS, fi- DkjkMdtt 1897. Noichskag. s. Sitzung vom Montag. Vitt ig. De,«mb»r.» vhr. Fiirst Hohinloh«. Graf Ttrpiy, v. Thiel mann, 91m Tische deS BimdesrathS Posado ivsky, v. Gohier, v. B ü 1 o w. Die erst- Beralhung deS E t a t S wird fortgesetzt. Staatssekretär des Innern Graf PosadoivSky i Der Abgeordnete Bebet hat stch so von seinem Gegenstände fortreißen laue», daß es nicht leicht sein wird. auf alle seine Angriffe zu erwidern. Auf die Hauptpilnkte kann ich ihm aber die Aiitivorl nicht schuldig bleibe». Er hat es so dargestellt. als wenn alle ilnsere Ausgaben für die Landesverlheidignng nur den besitzenden Klasse» zu gute kämen und hat auf die indirekten Steuer» bingewiesen, die hauptsächlich von den Arbeitern aufgebracht werden. I» einer Beziehung muß ich ihm beipflichle» Man muß mit der stärkeren Belastung der nothwendigen Berbrauchsgegenstände vor- sichtig sein. Aber die Arbeiter haben unter der bis« herige» Zollpolitik doch nicht gelitten. Di» Preise der nolhivendige» Verbranchsgigenstände sind ausnahmslos gesunken, die Löhne aber stnd gestiegen. Ist denn die Armee nur zum Schutze der Reichen da? Hat den» der Arbeiter bei unS kein Vaterland? Auch der Arbeiter ist»ach Sprache, Geburt und Hei- inaih«in Deutscher. Wenn man sich die Sache aber so vorstellt, baß die Arbeiterklasse ganz außerhalb des jetzige» Staates steht, dann mußten die Arbeiter konsequenter Weise von der allgemeinen Wehrpflicht befreit werde», wie sie schon jetzt von den diretren Steuern befreit stnd. Dann aber wäre auch die Ausrechterhaltung des allgemeine» Wahlrechts unmöglich.(Sehr richtig! rechts.) Führen wir eine» unglücklichen Krieg, so wird Handel und Wandel gestört, die Industrie liegt brach. Wie sollen dann die Arbeiter leben? Die besitzende Klasse kann zusehe», nicht aber der Arbeiter, der von der Hand in den Mund lebt. Bebel hat dann weiter«ine Exkursion aus das landwirlhschaflliche Gebiet unternommen. Er hat u»S in Aussicht gestellt, daß die Sozial- demokratie in den Einzellandlagen für Kanäle. Eiseubahnbaute», Landrtmelioratio»«» zu ftinnnen bereit wäre. Ich bedanre nur, daß Herr Bebel hier im Reichstage nicht beim Wort genommen werden kann. Ich fragt aber, was nützen Eisenbahnen, Kanäle»nd Meliorationen, wenn die Landwtrthschaft ein Gewerbe geivorde» ist, das nicht mehr gewinnbringend ist.(Sehr richtig! rechts.) Herr Bebel hat ferner auf dt« Möglichkeit einer Krists hingewiesen und er hat davor gewarnt, aus die jetzigen Einnahme» künftig« AnSgaben zu begründen. Ich will ihn» nur wirthschafls- politisch antworten. Allerdings ist«S möglich, daß wir eine» rapiden Rückgang, ein» Handelskrise erleben. Ihre Wirkung aber wäre, daß huttderttausendr von Arbeitern aufs Pflaster geworfen werden. Wie außerordentlich gefährlich ist es da. zu sehr den Zu- zug der Arbeiter vom platten Lande zn den Städten zu degünstigen. Schon jetzt sind im Osten die Landwirthe ge- zwunge», um nicht die heimische Scholle brach liegen zn lassen, große Masten von Ausländer» heranzuziehen. Natürlich ist keine Red« davon, die Freizügigkeit aufzuheben und die Arbeiter in ihrer Möglichkeit, Erwerb zu finden, zu beschränken. Aber wenn der Land- wirthschaft gerathen wird, den Abzug der Landarbeiter dadurch zu verhindern, daß sie ihre Lebenshaltung erhöhen, so ist das ein sehr guter Rath, aber um das zu können, muß die Landwirthschaft doch in einem gesunden und blühenden Zustande fein.(Sehr richtig! rechts.) Der Abg. Richter hat mir bei anderer Gelegenheit vor- geworfen, ich fei ein Hochschutzzöllner und der wirthschaftliche Ans- schuß t heile dies« Ansicht. Auch der Abg. Richter ist im gewisten Eiune Schutzzölluer, denn ich glaube nicht, daß er den Muth haben würde, den Freihandel bei uns glatt durchzuführen, jetzt, wo sich die anderen Staaten mit Cchntzzollmauern umgebe» habe». Dafür kann die Regierung doch nicht Vorwürfe erwarten, daß sie sich früh- zeitig auf die Handelsverträge vorbereitet. Handelsverträge sind ein zweiseitiges Geschäft, und wir wollen dafür sorgen, daß wir die beste Bilanz für uns haben und daß eine Mittellinie gefunden wird, die allen Erwerbszweige» das Leben garantirt, und verhindert. daß gewisse ErwerbSzweige geschädigt werden zu gunften dritter Per- sonen.(Sehr richtig rechts und bei den Nationallibralen.) Herr Bebel hat ferner auf die technische» Fortschrille im SchistS- bau bingewiesen. Wenn es so wäre, wie er sagt, müßten wir überhaupt auf jede Flotte verzichte». Aber die neuen Schiffe werde» ebenso gebaut werden, wie es dein jedesmaligen Stande der Technik bei ihrer Bauzeit entspricht. Bebet hat anerkannt, daß Deutschland bis zu einem gewisten Grave einer Flott« bedarf. Warum hat er und feine Freunde dann nicht beim Ausbau der Flotte mitgearbeitet, als es sich darum handelte, sie aus de» gegenwärtigen Zustand zu bringen?(Sehr richtig! rechts.) Jetzt ist es leicht, sich auf de» lauckator temxoris acti(Lobredner der guten alten Zeit) aufzuspielen. Bebel hat es so dargestellt, als wenn Deutschland von England, Rußland und dem Panamerikanis- muS vollkommen eingesackt würde. Wenn er damit Recht hätte, was zerbrechen wir uns da den Kopf wegen neuer Handelsverträge. Ich ziehe aber eine andere Konsequenz aus dieser mögliche» Ent- Wickelung der Weltmächte. Wir müssen gerade deshalb schon letzt neue Handelsgebiete aufsuchen und dem Handel erhöhten Schutz ge- währen.(Sehr richtig! bei den Rationalliberalen.) Bebel hat weiter schwere Beschuldigungen gegen Regierungen der Einzelftaatc» erhoben und gedroht, den Reichstag zu einer Art R e v i s i o n s i n st a n z für die Maßnahmen der E i» z e 1 st a a t e n z u mache n. Ich hoffe, daß ihm die Majorität hierin nicht folgen wird. Es wäre doch sehr bedenklich, die Kompetenzen in dieser Art zu verwischen.(Abg. Singer: Bismarck wollte das Umgekehrte.) Bebel hat es so dar- gestellt, daß eigentlich in Preußen für die Schule nichts geschehe und der e>i g h e r z i g st e F i s k a 1 i s m u S herrsche. Im Jahre 1871 betrug der preußische Kultusetat 4'/s Millionen; im Jahre 1S78 öl Millionen, im Jahre 1897 aber 12S Millionen und für das Jahr 1398/99 wird er 186 Millionen betragen. (Hört! hört! rechts und in der Mitte.) Für da? gewerbliche UnterrichtSwesen leistete Preußen an die Kommunen 1890 1,8 Milt., 1897/98 aber 8 Mill.(Hört! hört!) Bebel sagte, für die Ueber- schwemmten würde nichts gethan. Es sind aber aus Privatmitteln 2 Ntill, aus Staats- und Provinzialmilteln aber weitere 2 Mill. aufgebracht worden. Bon betheiligter Stelle ist diese Summe als ausreichend zur Linderung der ersten Roth bezeichnet worden. Zu weit mit Unterstützungen zu gehen, ist sehr gefährlich. Man reizt damit vollkomme» unberechtigte Begehrlichkeit. Die dauernden Schäden der Ueberfchiveminung sind jetzt abgeschätzt und dem Landtage wird eine Vorlage zugehen, die die Bewilligung der Mittel zum Ausgleich der Schäden der Ueberschwemmung verlaugt. Das Leitmotiv der Bebel'schen Rede� war der Satz: Die Arbeiter finden bei uns keine genügende Berücksichtigung. Und das sagt Bebel in der Boltsvertretung eines Reiches, das für die soziale Gesetzgebung in einer Weise gesorgt hat, wie noch kein Staat der Welt.(Lachen bei den Sozialdemolralen.) Keinem Staate der Welt ist es gelungen, uns das nachzlimachen, was wir für die Arbeiter geldau haben.(Lachen bei den Sozial- demokraten. Hört! Hört! rechts.) Seit Bestehen der sozial- politischen Gesetzgebung habe» die Arbeitgeber fast eine Milliarde hierfür aufgebracht. Täglich wird für diese Zwecke rund eine Million zum besten der Arbeiter ausgegeben.(Hört! hört!) Deutschland ist seit 25 Jahren ein reiches Land, um so mehr haben die reichen Klassen die Pflicht, von ihrem Ueberfluß für die arbeitenden Klassen abzugeben. Die besitzende» Klassen beschweren sich auch nicht über die materiellen Opfer,(Widerspruch b. d. Soz.) fondern über die drückenden persönlichen Arbeiisleistungen in den öffentlich-rechtlichen Funktionen, die sie zur Durchführung der sozialpolitischen Gesetzgebung übernehmen mußten. Für die Arbeiter ist auch insofern gesorgt, als die Einzelstaaten die arbeitenden Klassen von den direkten Stenern befreit haben. Bebel behauptete, die K o m- Mission für A r b e i t e r st a t i st i k wurde nur immer kurz vor Zusammentritt deS Reichstages zusammenbcrufen und fristete ein Scheinleben. Sie hat aber im Jahre 1694 dreimal ge- tagt, und zwar 6, 4 und 11 Tage, 1895 wegen der schweren Er- krankung ihres Vorsitzenden zweimal, 1896 viermal und l397 dreimal, und zwar im ganzen 6 Tage. An die beendete Erhebung über die Müller werden sich Erhebungen über die Lage der Zlngestellten in der Gastwirlhschast und in der Binnenschiffsahrt anschließen. Ich selber habe bei den verbündeten Regierungen eine Enquete über die gewerbliche Beschäftigung schulpslichliger Kinder angeregt, und auch damit wird die Kommission besaßt werden. Natürlich folgen aus solche Enqueten nicht sofort Gesetze. Ersi muß die Ueberzeugung vorhanden sein, daß wirklich dringende Mißstände bestehen, bevor eingegriffen wird. Sozialpolitische Maßregeln auf diesem Gebiete haben ihre Grenze. Wir können nicht alle Erwerbs- zweige polizeilich regeln. Eine„Zuvielregiererei" aus diesem Gebiete fällt schließlich dem deutschen Volke auf die Nerven.(Sehr richtig!) Wird der Bogen überspannt, so spielen schließlich Arbeiter und Unternehmer unter einer Decke, um die Gesetze zn umgehen. Zunächst muß für strenge Durchführung der bestehenden Gesetze gesorgt werden. Ich habe daher auch den Wunsch, daß die Einzel- staaten in größerem Um fange als bisher Ge- w e r b e- I n s p e k t o r e n e i» st e 1 1 l e n. Ein zu schneller Gang der Gesetzgebung, dem die Bevölkerung nicht folgen kann, ist ver- hängnißvoll. Dies Uebermaß von Gesetzen bewirkt auch, daß inner- halb und außerhalb dieses hohen Hauses das lebhasle Interesse an den Parlamentsverhandlnngen nachläßt. Der Abgeordnete Bebel Hai ferner über die Folge» der Kon- f e k t i o n 8- Verordnung gesprochen: sie hätte die bisherigen Fabrikarbeiter in die Hansindustrie hineingetrieben. Wenn das wahr.ist. was folgt daraus? Vom Standpunkt des Abg. Bebel müßte man doch sagen. daß man sehr vorsichtig mit solchen Ver ordnunge» sein muß. Ich glaube freilich nicht, daß er recht hat, sondern, daß die Verordnung sehr günstig gewirkt hat. Soweit kann doch die Gesetzgebung nicht gehen, daß wir kontrolliren sollen, was in den einzelnen Familien vorgeht; dann hätten wir wirklich den Ge fängnißstaal fertig. Bebel's Bemerkung, daß dir Bäcker undFleischer»ach der Statistik in ihrer Zahl nicht zurückgegangen stnd, ist deshalb nicht begründet, weil die Verordnung noch nicht ergangen war, als die Brolstniistik aufgenommen wurde und ein Erfolg ans ihr noch gar nicht hervorgehen konnte. Fleischer und Bäcker arbeiten für den lokalen Bedarf und deshalb hat die Konzentration zum Groß gewerbe hier ihre natürlichen Grenzen.— Wir sollten uns überhaupt im Reichstag beschränken, nicht fort während neue sozialpolitische Gesetze geben, sondern die vorhandenen weiter ausbauen und in ihrem Wirkungskreise ausdehnen. Das ist eine Riesen- arbeit. Das AlterS- und Jnvaliditätsgesetz zum Beil spiel hat den Fehler, daß es ihm an einem selbständigen lokalen linterbau mangelt und die ganze Ausführung dem Staat Übertrage» ist. Hier könnte man lotale Instanzen einrichten, die mit den lokalen Arbeitgebern»nd Arbeitnehmern in fortwährender Verbinbrnig stünden und dadurch manche Schivtengkeilen und Härten deS Gesetzes beseitigen könnten. Aber dazu ist eine Organtsation nöthig, die außerordentliche Mittel erfordert. Der Abg. Bebel ist dann auf das bestehende K o a l i I i o n s verbot zu sprechen gekommen. Ich glaube, wenn in irgend einem Lande es weniger nöthig ist, eine solche Arbeiter koalilion zuzulassen, so ist eS das in Teutschland; in dem Lande, in dem das allgemeine Wahlrecht besteht, werden schon durch die Schwerkraft der Thalfachen, weit die Arbeiter die große Masse der Wähler bilden, die Interessen der Arbeiter immer«ine lebhafte und wirlfame Unterstützung finden. Eine Vertretung der Interessen der Arbeiter i» Koalitionen ist deshalb nicht so n o t h w e n d i g wie in anderen Staaten.(Zuruf bei den Sozialdemo- kratcn: Donnerwetter!) Von dieser Uerzeugung abzugehen, werde» wir unS schwer verstehen können, so lange die S o z i a I d e m o k r a t i e von solchen politischen und ivirthschaftspolitischeu Phantasten geleitet wird wie gegenwärtig. Ein Theil von ihnen i st bereits davon zurückgekomnien.(Sehr richtig!) Bebel selber hat doch auf dein Hamburger Parteitag gesagt: Vom Profil raucht der Schornstein(Große Heiterkeit links), und hat darauf hin gewiesen, daß mit Ausnahme des Hamburger Unternehmens alle Partei-Unleriiehmiiiigen gescheitert sind. Das kann ja auch nicht anders sein. Das LebenSprinzip alles ForifchrittS ist der mensch liche Egoismus, sich selber eine bessere Situation zu schaffen als die anderen Menschen sie haben. Wen» Sic diesen Lebens typns nehmen, dann stockt aller menschliche Fortschritt.— Wen» wir den Arbeiterkoalitioiien skeptisch gegenüber stehen, so denken wir auch an die Enlivickelung in England. Wohin die Streiker kommen, das sehen Sie auch daran, daß sie verlangt haben, es sollten keine neue», Arbeiter sparende Maschinen angeschafft werde». Daß wir solche A r b e i t e r k o a 1 i l i o n e n, die zum großen T h e 1 1 nichts sein würden a 1 s S t r e i t e r v e r e t n e, bei n n s nicht zu haben wünschen, können Sie n n S nicht übel»eh in e n.(Hört, hört! links.) Ich komme nunmehr zum Fall Hülle, dessen Schriften ich empfohlen habe. Daß ich diese in den ersten 14 Tagen nach der Uebernahnie des neuen Ressorts habe lesen können, wird kein Mensch gegtanbt haben. Ich habe ja anch nicht ihre Anschaffung angeordnet, sondern, nnr empfohlen. Man kann überhaupt in einer solchen Schrift nicht die Verantwortung für jeden Passus übernehmen. Man hält siäh vielmehr an die Tendenzen. Ans grnnd einiger Zitate habe ich wohl Stellen gesunden, die nicht richtig sind, aber die Schriften stehen' in ihrer Gesamintheit auf sittlichem, christlichem und monarchischen Boden. Den Vorstehern der Institute ist es voll- konimci, überlassen, eine taktvolle Auswahl vorzunehmeu. Die An- griffe gegen mich verwechseln die Masse der Arbeiter mit der Sozialdemokratie. Gott sei Dank giebt es noch eine große 91»zahl Arbeiter, die treue Anhänger der Monarchie sind und die Absicht haben, im Schatten der Kirche zn sterben.(Widerspruch bei de» Sozialdemokraten. Beifall rechts.) Nach dem Aufgebot von An- griffen gegen Hülle muß ich doch annehmen, daß er ein bedentender Mann»nd gefährlicher Gegner der Sozialdemokratie ist.(Lachen bei dcii Sozialdemokraten. Sehr richtig! rechts.) Bebel hat serner gesagt, die kleine Landwirthschaft soll durch das Schweinc-Einfiihrverbot geschädigt sei«. Das bestreite ich auf das allerentschiedenste. Das Schwein ist das Hausthier des kleinen Mannes, ein Verbot der Einfuhr kommt also in erster Linie ihm zu gute. Mir werden nicht daran denken, es aufzuheben, so lange die Gefahr besteht, daß Krankheiten eingeführt werden.(Bravo! rechts.) Ein Ausspruch Bebel's hat mich sehr überrascht: wenn man die Zustände des Mittelalters wieder herbeiführen könnte, dann würde die Sozialdemokratie verschwinden. Ich hätte nicht geglaubt, daß Bebel die Zünfte. Banernrcchte, Hörigkeit u. s. w. als Ideal aus- stellen kann!(Widerspruch und Lachen bei den Sozialdemokralen.) Gorade durch die Arbeitstheilung, daß erst durch hundert einzelne Manipulatioiie» das fertige Fabrikat entsteht, ist eine so billige Produktion möglich. Bebel müßte eigentlich zn der Forderung der englischen Streiker kommen. daß arbeitsparende Maschinen nicht mehr eingeführt werden.(Heiterkeit links.) Ich kann den Herren Sozialdemokraten versichern: wir werden uns in Anerkennung der sittlichen Aufgaben des Staates bemühen, das Wohl der Arbeiterklasse weiter zu fördern, soweit es sich»in berechtige Forderungen für die sittliche und körperliche Gesundheit I im liwraiTi Tri der Arbeiter handelt. Aber weder durch die Agitation der Sozialdemokraten, noch durch die Lehr- Meinung einer mißbräuchlichen A» s d e h n u n g des StaalsbegrisfeS werden wir uns bewegen lassen, alle Erwerbszweige polizeilich zu regle mentiren und schließlich einen Poltzeistaat herbeizu» führen, in dem die Arbeiter sich nicht ivohler fühlen als bisher, in dem aber die b e s> tz e n d e n K 1 a s s e» sich z« b e w u ß t e n Gegnern deS Staates herausbilden.(Betfall rechts.) Sächsischer Bevollmächligier Graf Hohcuthal: Wenn ich auf die Aussührnngen des Abg. Bebel eingehe, so geschieht dies ledig« lich ans Achtung vor diesem hohen Hause, die es mir verbietet. An- griffe aus meine Regierung ruhig hinzunehmen. Herr Bebel hat behauptet, daß die sächsische Regierung bei der Wasserkatastrophe nicht mit genügender Energie für die Geschädigte» eingetrete» sei. Demgegenüber bemerke ich, daß die Hochfliilh Ende Juli und Anfang August geivesen ist, und daß meine Regierung noch»n August eine Million zur Verfügung grsleltt hat, dann»» September einen weiteren erhebliche» Beitrag, und im Oktober wieder eine Million. Was die nächstjährige Aussaat anlaugt, jo ist dieselbe keineswegs, wie Herr Bebel meint, in Frage gestellt; die erforderlichen Mittel stnd vieluichr bereils bewilligt, ihrer Auszahlung steht jetzt nichts mehr tm Wege. Ich will hier Gelegenheit»ehmen, der opferwilligen Unterstützung zu gedenken, die»ns aus allen Theilen des Deutscheu Reiches zu theil geivorde» ist. tm speziellen des planmäßigen Bor- geHeus der Stadt Berlin.(Zuruf de» �ibg. Singer: 91 u f Antrag der Sozialdemokraten Beivcgung und Heiterkeit. Redner etivas verwirrt): Ja, das Gpr, das von der Sozialdemo- krali« kommt, nehmen wir gern an. WÜL das Verernsgesetz betrifft, so hat die sächsische Regierung dii. einfache Aushebnng des Koalitionsverbotes beim Landtag beantt�gt. Zu den in Ver Zweiten Kainmer dazu eingebrachten 9l»lräge» hat meine Regierung noch nicht Stellung genommen; sie ivird sich bemühe», der Vorlage zur 91n- nähme zn verhelfen. Sollte ihr das nicht gelingen, so wird sie es bedauern, aber nicht ändern können. Sie wird sich aber durch keine Rede»»nd Broschüre» des 9>bg. Bebel davon abhalten lassen, den Staalsgesetzen auch gegenüber den Sozialdemokrale» 9lchtuiig zu verschaffen.(Beifall rechts.) Abg. v. Tzieml-owöktf-Poinian(Pole) sbei der sortgesetzten Unruhe im Hanse schwer veiständlichj wendet sich gegen die Praktiken der 9lnsiedel>:i>gskoi»in>ss!o», die gegen die preußische Verfassung, gegen das gleiche Recht für alle verstoßen. Besonders tjjillkürlichfei' die Handhabung des Renlengcsetzes, die polnischen Bauern die Er- iverbilng von Grundstücken ilumöglich inache.(Der Präsident bittet Redner, nicht zn sehr ans preußische 91i>nelegcnheiten einzugehen.) Er rügt die Verdeutschung der polnischen Ortsnamen und die Partei- tichleit der LandeSjilstizverwalluua; so z. B. brachte die „Danziger Zeitung" die Nachricht, daß ein Pole eine» politischen Mord begangen hätte; obgleich die Unlersuchung die Unrtchligkeit dieser Behanptnng ergab, ivurde der betreffende Redakteur doch frei- gesprochen mit der Begründung, daß er ein Interesse daran haben müsse, all' das zur Sprache z» bringen, was aus die Beziehungen des Polciilhiiins zum Deulschthum Sireislichler werfen könne. End- lich gehl Redner auf die p o 1 e n f i i» d 1 i ch e Handhabung des preußischen Vereinsgesetzes ein und bringt ver- schiedeue Spezialbeschwerden vor. In der Behandlung der polnischen Bevölkerung besteht der Grundsatz: G e r m a n i s a t i o n geht vor Recht! Das wird in der Behandlung der Beamten, die einmal polnisch gesprochen haben, gezeigt, das ver- künden die Zeittiugen täglich, so daß allmalig ver Be- völkermig die Ueberzeugung suggertrt wird, die Polen stünde» außerhalb der Gesetze. Ei» Beispiel dafür: In Oslrowo werde» zwei Gtzmuasiasteu, die auf der Straße polnisch »üleinander spreche», von einem Manne mit einem Stocke geprügelt mit dem Ausruf:„Euch Polacken kann man hauen, Ihr seid keine Preußen nicht. Euch gegenüber gelten keine Gesetze!" Das kenn- zeichnet die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Pole», daß nia» sich da alles erlauben dürfe. Es existtrt eine amtliche polnische Korrespondenz, die im geheimen Berlage erscheint. Da werden alle polnische» Preßsttmine» übersetzt für die Behörden. Jch� habe diese gesehen und die Ueberzeugung gewonnen, daß da stets das gefunden wird, was an unreifen Zeitungsprodnkten irgendwo vorkommt, und dann znsaiiimeiigestelll wird, tun Siimmnng zu machen. Ein»nerlri-rter Terrorisuius gegenüber der polnische» Bevölkerung sott großgezogen werden. Dieser kann einmal sehr gefährlich werden. Ich richte daher an alle Mitglieder diesks Hauses, denen der Grundsatz: Lnum cuique!(Jedem das Seine!) nicht eine bloße Phrase ist, die Bitte, uns in unsercin Kampf um Gleichberechtiamig beiziistehen. Ich habe Vertrauen auf die Macht der öffentlichen Meinung. Trotz der Verletzung unserer Rechte, trotz des Druckes, der auf uns lastet, werden wir aus dem Boden des Rechts verbleiben und nicht um Haaresbreite davon abiveichen. 9lher gerade deswegen verlangen wir auch, daß u»3 volles Recht und Ge- rechligkeil zn theil werde!(Beifall bei den Polen.) Preiljnicher Handelsniinisler Brefeld: Auch ich muß aus die vorgestrige Rede des Abg Bebet zlirückkomnitn. Er hat der preußischen Staatsregierung Verstöße gegen Reichsgesetze vorgeworfen, als er von dem Boplott der streikenven Bergarbeiter dnrch die Ver- waltung des Saarreviers sprach. Der 91>issta»d hat im September 1898 stattgesniiden. Es ging dabei nicht ohne große Unruhe ab, es wurden Revolverschiiffe abgegeben, es kam sogar ein Pnlverattentat vor. Die Nieverlegnng der 9lrbcit war ohne Kündigung erfolgt, es handelte stch also nili Konlraktbrnch. Die Arbeiter hatten sogar nitterlassen, vorher der Behörde von ihren Forderungen Mitlheitiing zn machen. Erst nachher haben sie sich untereinander über ihre Fordernugen verständigt. Der 91nssta»d war also ein im höchsten Grade frivoler.(Sehr richtig! rechts). Der größte Theil der 91r- bester wurde trotzdem wieder in 91rbelt genominen, nur ein kleiner Theil wurde ausgeschieden: diejenigen, die sich besonders agitatorisch bemerkbar gemacht halte» und bei der Leitung des Streiks betheiligt waren. Diese wurden auch noch nicht ein- für allemal ausgeschieden. sonder» es wurde noch eine eingehende Uittersuchnng eingeleitet. DaS Ergebniß der Untersiichnng war, daß noch ein großer Theil dieser vorläufig 9lusgeschiedencn wieder ein« gestellt wurde und nur einige hundert(Ruf links: nnr einige hundert ist gut!) blieben dauernd ansgeschlosseu: Die Anstifter und Hetzer.(Sehr richtig! rechlS.) Die Verordnung ist nicht von mir. sondern von meinem Amts- Vorgänger ergange», de» Herr Bebel als Ilassischen Zengen für die Änslegung des den Arbeitern gesetzlich gewährleisteten KoalitionS- rechtes angerufen hat. Mein 9linlsvorgänger mußte wohl in diesem Falle anderer Meinung sein alS es Herr Bebel ist und ich billige seine 9knord»uiig vollkommen und werde sie ausrecht erhalten. (Sehr richtig rechts.) Dcr9I»ssta»d war, wie gesagt, unter Kontrakt» briirh erfolgt und ohne daß den Behörde» die Forderungen der 91rbeiler mitgelheilt worden wäre». Wenn wir nun diejenigen, die ihre Arbeitsgenossen aufgehetzt und verführt haben, wieder eingestellt hätten, so würden wir ja das Gleiche noch ciinnal riskiren. Die Leute hätten noch einmal zn einem solch frivolen Streik gehetzt.(Sehr richtig! rechts.) Bedenken Sie doch die Folge» eines allgemeinen Ausstandes der Grubenarbeiter. Da hört der Eisenbahnverkehr anf, die Industrie steht still, es ist vorbei mit der Belenchtung der Städte, der Heizung der Wohnungen und Krankenhäuser. Die 409 9Igitatoreii sind nicht eingestellt worden und bleiben ausgeschlossen. Sie sind zwcisellos m r n d e r w e r t h i g e Arbeiter, denn sie habe» ihre M i n d e r w e r t h i g k e r t dnrch das Anstiften des Streiks d o k u m e n t i r t. Sie mußten sich um andere Arbeit»»»sehen und sind wohl auch in Privalbetrieben bej den dortigen Privat-Eisenbahnen und in der Industrie untergekommen. Der 9lbg. Bebel sprach dann noch von den hohen Unfallziffern im preußische» Bergbau und warf der Bergbauverwaltung Unzu» län�lichkeit vor. Auch dieser Vorwurf ist durchnuZ uubercchtigt. Wem, mun von Unfällen im Bergbau hört, stellt man sich als Ur- fache stets die Schlagwetter vor. Die Schlagwetler-Uufälle bilden aber nur den kleinsten Theil der Unfälle. Die meisten Unfälle ge- schehen dadurch, daß sich Kohleustiicke ablösen und de» Arbeitern auf den Kopf fallen. Sehr häufig ist dabei die Unvorsichtig- keit der Arbeiter selbst schuld. Natürlich werden diese Unfälle ,»>» so gefährlicher, je höher die Kohlenflötze sind, je höher also die Kohlenstücke herunterfallen. Gegenüber den belgischen Unfallsziffern sind unsere Unfallziffern sehr niedrige, obwohl vre belgische» Flöhe niedriger sind. Zur hohen Zahl der Unfälle trug auch der Umstand bei, daß bei uns die Zahl der Bergleute sehr stark zugenommen hat, also verhältnißmäpig junge und noch«n- erfahrene Leute beschäftigt sind. Die Verwaltung aber ist eifrig bemüht, alles zu lhun. was zur Abhilfe geeignet ist. sie ist nach dieser Richtung auch erfolgreich lhälig. Ich habe diese Mittheilungen gemacht, um der Beunruhigung in Arbeiter- Kreise», die die Rede Bebel's hervorrufen könnte, vorzubeugen. Die preußische Bergverwaltung»st der Aufgabe, die sie zu erfüllen hat. gewachsen und verdient im vollsten Maße das hohe Ansehe», welches sie im Inn- und Auslände genießt.(Beifall rechts) Abg. Richter(frs. Vp): Ob die letzte» Ausführungen des Ministers berechtigt waren, kann ich so ohne weiteres nicht beur- tbeile». Dagegen halte ich einige Beschwerden des polnischen Redners für gerechtfertigt. Auch wir müssen uns über die Maßregelung des Oberlehrers beklagen, die deshalb erfolgt ist, weil er sich der Stimme bei der Landtagsivahl enthalten hat und dadurch den Sieg des polnischen Kandidaten herbeigejührt hat. Wir sehen in dieser Maßregelung eine schwere Bedrohung der Wahlsreiheit aller Beamten.(Sehr richtig! links) Doch scheint uns die Sache besser ins preußische Abgeordnelenhaus zu gehören. Was die Aus- sührungen des Grafen Posadowsky anlangt, so waren sie ja in der Hauptsache Erwiderungen auf Angriffe des Abg. Bebel, die dieser von seinem speziellen Parteistandpunkt erhoben hatte, aber sie geben auch mir zu einigen allgemciucu Bemerkungen Veranlassung. Es hat uns im hohen Grade befremdet, daß seitens des R e i ch s a m t s des Innern die Empfehlung gewisser Schriften an die Berussgenosse uschasten erfolgt ist. Es ist mir nicht ganz klar geivorde», ob der Herr Staatssekretär eine Art Reue über die erfolgte Enipfehlung enipfnnde» hat oder sie rechtfertigen ivollte. Als mildernden Unistand führte er au daß es ja nur Empfehlungen gewesen seien. Ja, schlimmer wäre es gewesen, hätten Sie den Bezug bei Ordnungsstrafe angeordnet.(Heiterkeit.) Wir halten die Sache für einen integrirenden Theil der osfiziöse» P r e ß m a s ch i n e r i e. Die Mittel der Beruss- genosscnschaften werden für die osfiziöse Preßwirthschast ver- wendet. es wird sozusagen ein stiller Reptilien- f o n d s errichtet. Der Herr Staatssekretär warnte davor, allzu viele komplizirte Gesetze zu mache». Schade, daß ihn» diese Erkenntniß nicht vor dem so sehr koniplizirten Hand- wcrks-Organisationsgesetze und dem Börsengesetze gekonnueu ist. (Sehr gut! links.) Die Einbringung des Rösickc'schen Nothgesetzes, worüber sozusagen eine communis opinis(allge»>ci»e Ueberejnstjui»nl»g herrschte, hatte nichts geschadet. Durch Behinderung des Arbeiters i» der Koalitionsfreiheit verweisen Sie den Arbeiter darauf, alle Siegelung seiner Wünsche durch die Gesetzgebung zu erwarten und bringen ihn vym Wege der Selbsthilfe ab. Mit Selbsthilfe kann aber»mnches viel besser und schneller erreicht werden, as durch komplizirte Polizeigesetze, und zur Selbst- h i l s e gehört auch der Streik. Er mag oft unberechtigt fein, in vielen Fällen i st er berechtigt und n o t h- wendig. Eine Hinderung drängt den Arbeiter nur aus die Bah», von der Staalshilfe alles zu erwarten. Graf Posadowsky sprach von dem Zuzug der Arbeiter vom Lande nach den Städte». Dieser Zuzug wird vielfach übertrieben, von einer Entvölkerung des Landes ist gar keine Rede, es hat sich statistisch mir heransgestellt, daß die Zunahme der Bevölkerung auf dem Lande nicht ganz so groß ist wie in den Städten. Die Landwirlhe beschäftigen weniger St, beiler, nicht wegen der zu niedrigen Gelreidcpreise. Denn es wird genau soviel Getreide wie früher gebaut, und die Frage der Höhe der Preise ist eine Frage der Reute, nicht des Lohnes. Nein, die landivirlhschastlichen Maschine» haben einen Theil der Arbeiter entbehrlich gemacht(Ruf rechts: Sie verstehen ja von der Landnnrlhschnft nichts!) Wir verstehen soviel davon, daß wir Ihnen sogar die ungünstigen Wirkungen des Zuckerstcuergesetzes siir die Landwirth- schaft voraus sagen konnten.(Große Heiterkeit.) Die Arbeiter gehe» fort, weil ds ihnen so schwer gemacht wird, eigenen Besitz zu er- iverbe». Kämen sie nicht in der heimische» Industrie unter, so ginge» sie»ach Amerika. Was Bebel über die schlechten Schulverhällnisse gesagt hat. ,st durchaus richtig. Es ist auch keine sozialdemokratische Entdeckung, daß jetzt alle Kulturanfgabcn unter den Mililärausgade» leiden. Bei den Ueberschüssen der Eisenbahnen legen die Unfälle die Frag« nahe, ob sie nicht auf Kosten der Sicherheit erzielt wurden. Das Urtheil über die Vorgänge in China muß ich uns vorbehalten. Wie ich höre, sollen uns nähere Aufklärungen leider auch nicht gegeben werden. Die Verhältnisse sind für uns ganz unübersehbar. znnial sie sich von Woche zu Woche anders gestalten. Wir wissen nicht, ob eliva der Ansang mit der Aufrollung der großen chinesischen Frage gemacht und der Aufforderung des Prof. Knackfuß gehorcht wird:„Völler Europas, wahrt Eure heiligsten Güter!"(Große Heiterkeit.) In einer Beziehung stimme ich Herrn v. Leipziger zu, in seinem Urtheil über die Ausfchnu'ickung des Innern des Reichstages. Es kommt mir so vor, als seien wir nicht mehr Herren im eigenen Hanse, als sprächen hier Instanzen mit, die die Sache eigentlich nichts angeht.(Zustimmung links.) Die Beschluß- fassling über die innere Ausschmückung ist»ur Sache des Vorstandes des Hauses. Vis zetzl habe ich im Reichstage noch keine Aus- schmückung gesehen, die irgend eine Andeutung auf den eigentlichen Ziveck dieses Gebäudes darstellt.(Sehr gut! links.) Wenn man es absichtlich hätte unterlassen wolle», hätte uian es nicht anders machen können. Es wäre gut. wenn uns der Vorstand über die Lage der Dinge in einer Denkschrift»nlerrichle» wollte. Nun zu dem, worin ich nicht mit den» Abg. v. Leipziger über- einstimme. Das sind natürlich seine agrarischen Anschauungen. Leider ist Graf Posadowsky seiner herabsetzenden Kritik der Handels- vertrüge nicht entgegentrelen. Statt dessen hören ivir. daß er den Agrariern innner weiter entgegenkommt und ihnen speziell die Aus- rechterhaltung der Grenzsperre gegen Vieheinfuhr zusichert. Die Grenzsperre aber führt nicht nur eine Theuerung der Fleischpreise herbei, wir hören jetzt auch Klage» aus landwirlhschastlichen Kreise» .über das Einfuhrverbot holländischer Milchkühe. Herr von Leipziger erklärte sich mit der Aufhebung des Getreide- Terminhandels einverstanden. Aber a» maßgebender Stelle scheint mau doch nicht ganz znsriede» zn sei» mit der jetzigen Art der Preis- notirunge». Sie entbehren des allgemeinen Vertrauens, weis sie von einem Interessentenkreise, von den Landwirthen ansgehen, die a» hohen Preise» interessirt sind. Unter den, jetzigen Zustande leiden die Käufer, zumal die tedaueriiswerlhen Proviantämter. Durch das Verbot des Terminhandels wird der internationale Ausgleich der Vorräthe und Preise erschwert. Wenn Deutschland eine reichere. Getreideernte hat, als die übrige Well. sind hier die Preise niedriger, als anderswo. Jetzt»>ird init Vortheil deutscher Weizen in Paris verkauft trotz des sranzösischen Schutzzolles. Sluch die Preisbewegung ans den, Gclreideinarlle ist durchaus nicht stetiger geworden Herr v. Leipziger fordert die Aufhebung der gemischten Transitläger und Zollkredite. Aber die Regierung hat hier schon alles gethan: es giebt nur wenige Transit- läger, die dort, wo sie bestehen, nothwendig sind. Der Gewinn durch Zollkredit ist sehr gering, l'/s Pfennig auf den Doppelzentner. Wenn die Herren(nach rechts) bereit sind, für die Beseitigung dieser„Liebesgabe an die Getreidehändler" auf alle ihre Liebesgaben zu verzichten, könnten wir vielleicht ei» Geschäft mache».(Heiterkeit.) Herr v. Leipziger hat dem Reichs- kanzler vorgeworfen, daß er der Resolution des Reichstages in Sachen des Bimetallismus keine Folge geleistet hat. Nachdem Balfour sie schmählich in Stich gelaffen, thäten die Bimelallisten wirklich an, beste», sich hier ganz still in die Büsche zu schlagen. (Große Heiterkeit). Leider hat die Bebel'sche Red« den Grafen Posadowsky so ausschließlich gefesselt, daß er auch gegen die bimetallistischen Angrisse den Reichskanzler vollkommen ungedeckt gelassen hat.(Erneute Heiterkeit links). Alle möglichen Elemente sind in den Ausschuß zur Vorberalhung der Handelsverträge, nur von Arbeitnehmer» ist garnicht die Rede, und die müssen doch alles ausessen, was dort gekocht wird. Da läuft die Berufung in diesem Ausschuß doch darauf hinaus, daß sman den Bock zum Gärtner setze» will, und das nennt man eine Vorbereitung der Handelsverträge!(Sehr richtig!) Da möchte ich mir eine Anfrage an die Regierung erlauben. Wie steht es mit der Wiederanknüpfung der Meistbegünstignngsverlräge mit England? England hat sie ge- kündigt, aber erklärt, daß es bereit sei, neue aus der Grundlage der bisherigen zu niachen. Da England auch für die s Kolonien dazu bereit ist, wäre es selbstverständlich, daß man möglichst bald zu der alten sichere» Grundlage zurückkehrt i denn eher kann man sich doch nicht weiter an die Kolonie» wenden, um in diesen eine Differenzirung der Zölle zu erzielen.— Die vom Herrn Siaalssekrelär angekündigte Neuerung im Zollsystem ist m ihrem Werthe sehr fraglich. Eine Schwierigkeit war doch nur dadurch entstanden, daß man in ganz überraschender Weise zu neuen Zollsätzen herangezogen worden ist. Soll sich der Kausmann über die Zollsätze einzuführender Waaren erst vorher vergewissern, dann kann doch inzwischen sich die ganze Geschäfls- koujunkiur verschieben. Warum sollen denn nicht dft Berichte darüber selbständig erscheine» können. Ich verstehe nicht, warum man sich dagegen sträubt, klar festzustellen, was der Sin» der Gesetze ist.— Es hat mich sehr gefreut, daß der Herr Staats- sekretär die Zuckersteuer, dieses Kind des Herrn Posadowsky. als ein niißratheues Kind bezeichnete.(Heiterkeit.) Die Erwartungen wären nicht eingetroffen, gestand er. Wir haben gar keine anderen Erwarlinigen gehegt; das ivar»ur eine Frage des volksivirthschafl- liche» Einmaleins. Es freut mich ferner, daß er trotz neunmaligen Scheiterns von neuein in die Verhandlungen über die internalionale Regelung der Fragen der Zuckereinfuhr muthig eintritt, ai'ch, daß er an dein amerikauischen Vorgehen eine gute Seite entdeckt. Bis- her hieß es immer: eine solche Kriegserklärung müsse mit Kündigung oder Bruch des Vertrages beantwortet werden. Nach meiner Ausichl wäre es ganz gut. wen» noch ei» zweiter Hecht, der englische, in den Karpfenteich käme. Ganz mit recht meint er a»ch, die Vorschläge von seilen der Juleressenten seien nichts iverlh. Sie lause» in der That nur darauf hi»ans, daß niaii die Liebesgabe aus eine» kleinere» Kreis verlheilen möchte.(Sehr ivahr! links.) Auch könnte der Konsum von Zucker»och eine große Zukunft habe», wen» ma» den Zoll beseitigte, wenn man so vor allem das Einmachen von Früchten, Konserven erleichterte. Ich möchte auch den Herrn Staatssekretär bitten, daß er scharf auspaßt auf die Kartelle, die jetzt die Ziickerinteressenlen vorbereiten. Die sind gefährlicher als die Pc- lroleumkartelle und sie sind nur durch die Gesetzgebung, de» Aus- schluß der Einfuhr u. f. w., möglich. Ich bedaure ferner, daß ma» dem Bau der Bahn i Süd- >v e st a s r i k a nicht die richtige Würdigung hat zu theil werden lassen. Die Art, wie dieser in Angriff genonimen worden ist, ist ein direkter Bruch unseres Etatsrechtes.(Sehr richtig! links.) Dies ist geschehen ohne vorherige Zilstinniiung der Volksvertretung. Im Frühjahr wurde uns noch erklärt, der Ba»-in er Maulesel- Bahn würde dort kostenlos für das Reich von einer Privatgesellschaft geplant. Alle Verträge ivaren bis auf de» letzt«» Schnörkel serlig. Jm Juni wird diesen Leuten nun erklärt: Wir brauchen Euch nicht länger, gebt uns Eure Vorarbeiten für billiges Geld, wir bann, eine Reichsbahn! Auch in kolonialen Kreise» wird dieses Vorgehe» als bedenklich angesehen. Es giebt wenig Leute, die bereit sind, ihr Geld in Afrika anzulegen. Wie sie sich nun einmal finden, können sie garnicht schlechter behandelt werden als diese hier. Sie habe» auch bestritten, daß die Sieichs-Effenbahn früher hergestellt werden würde als ihre Maulesel- bah». Dazu komme» die geringere» Koste» der HerstelluugS- und Betriebsart In einem Laude, wo es kein Holz, kein Wasser, keine Mineralien giebt, was. soll da eine Eisenbahn? Ich komme zu dem P o st e l a t Es wäre für den neuen Staats- sekretär eine so dankbare, bequeme Gelegeuheit gewesen, sich mit der Erfüllung von Wünschen, die von allen Theile» dieses Hauses gehegt werden, einzuführen. Nu» ivill man die Posttaxe- Frage mit einer Erweiterung des Postrcgals, der Unterdrückung von Privatgcsell- schaste» verquicken. Das hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten. Die 60 Privatgesellschaften in Deutschland haben das Verdienst, den Pfennig-Taris in den Städten für Briefe eingeführt zu habe». Merkwürdige Art von Idealismus, die de» letzten Rest von Verkehrs- srciheit beseitigt! Und dann bedenke» Sie, daß lausende von Personen in bezug ans ihre Existenz ins Unglück gestürzt würde», die bei de» Privatgesellschaften angestellt sind! I» betreff der Repräseulatiousgelder für den Reichstag bin ich der Meinung, daß, wenn man an einer sichtbaren Spitze ansängt, sich weitere Ansprüche bei den Slaatsininistcrn geltend macheu löunle». Der Herr Staatssekretär ineint, daß ich mit ihm in bezug aus die Behandlung der Ueberschüffe einverstanden sei» würde. Es handelt sich sür inich aber nicht darum, den Miquel'scheu Aulomalen ins Leben zurückzurufen, sonder» die lieber- schlisse ans dem Jahre I89S aus das Jahr ISllS selbst zu verwenden zur Verminderung der Anleihe». Was die Fiuanzlage im allgemeinen betrifft, so gereicht es»ur äußerlich zur Genugthuung, daß sie nicht gar zu eigenartig ist. Ich ninß aber doch dem Abg. Fritzen bei- stimmen i» dem. was er von der Verschlechterung der Finanzlage sprach. Wir habe» allerdings Ueberschüffe, brauchen aber doch für den Etat eine Anleihe von insgesannut 55 Millionen; diese Uelerschüsse brauchten nur einmal ansznbleibe». und wir sind wieder beim reinen Defizit angelangt. Man hat die Aufwendungen für die Marine auch durch die große» Eiunahmen zu rechtfertigen gesucht, mit denen ma» doch etwas au- sauge» müsse Ja, darüber braucht sich doch die Rcgieriuig keine Sorge zn machen, daß das Geld eliva übrig bleibt. Wird es nicht sür die Marine ausgegeben, so wird man es eben für clivns anderes ausgebe», wenn nicht für öffentliche, so für private Zwecke; damit befördert man doch genau so die Industrie ii»d die Beschäftigung von Arbeitern, wie bei der öffeiitliche» Verwendung. Es ist das überhaupt ei» Mißstand in unserem Finanzwesen, daß die einmal beivilligte» Steuern fortlaufen, daß wir cS nicht in der Hand habe», sie von Jahr zu Jahr »ach dem Bedärsniß zu bemessen; das führt dahin, daß nia« immer neue Steuern braucht. Direkte Steuer» so zu bcmcsse». daß »ur die leislungsfähigen Schultern getroffen werde», scheint schwierig; aber es wäre sehr gut, wenn die Lasten der Flolteuvermehrung den Floltenschwärinern selbst auferlegt würde». Manche der Konnnerzic». rälhe, die in ihrem nationalen Enthusiasmus sür die Flollenverineh- rung keine Grenze finden konnten, würden dann wohl ein ganz anderes Gesicht»lachen(Beifall). Wo soll denn das Geld herkomme»? Die Matriknlar-Beiträge: das wäre nun die nächste Forderung. Wenn aber diese Steigerung der Matrikular-Beitrnge durch direkte Stenern aufgebracht werden sollte, dann ivürdc sie eine allgemeine Entrüstnng hervorrufe», dann ivürde sie eine Schädigung der Kultur- interessen bedeuten n. s. f.(Beifall links.) Ich komme nun zn der Forderung der Aushebung des Koalilions Verbotes sür politische Vereine. Zu diesem Punkte hat der Reichskanzler selbst das Wort ergriffe»; er hat seine vorjährige Rede vorgelesen und behauptet, mau dürfe ans ihr nicht die Schlüsse ziehe», die wir ans ihr gezogen: von einem Bruch eines Versprechens sei gar keine Rede. Ich habe de» stenographischen Bericht seiner vorjährigen Rede mir nochmal durchgelesen und habe gesunde», daß er einen Satz sortgclassc» hat, und der war gerade der schönste.(Heiterkeit.) Der Reichskanzler sagte»änilich damals, er zweifle nicht data», daß das Verbot aufgehoben werde» ivürde, und zwar werde dies nnter allen llmständcu vor dem Inkrafttreten des Bürgerliche» Gesetz- buches erfolgen.(Hört! hört! Beivegung.) Vorgestern aber sagte er, daß er wohl wünsche, aber nicht die Hoff- nung habe, die Aufhebung durchzusetzen.(Hört! hört!) Da kann man nicht mehr sagen: Bei den Diplomaten ist die Sprache dazu da, die Gedanken zu verbergen sondern: D i e D i p l o» niaten haben die Sprache, um das gerade Gegen- theilvon de in züsage»., was s i e i n n e r l i ch d e n k e n. (Hört! Hört!) Ans Herrn Haußmann beruft sich der Reichskanzler, auch eine» Mann von der jetzt so beliebten vorgeschrittene» Opposition.(Heiterkeit.) Herr Haußmann hat ihm damals aber gerade sein Mißtrauen ausgedrückt, und jetzt beruft er sich ans ihn dafür, wie recht er mit seinem Mißtrauen hatte.(Heiterkeit). Das Zentrum schenkte Vertrauen und zog daher de» Antrag zum Bürger- lichen Gesetzbuch zurück. Herr Lieder sprach damals am 13. Mai von einem Wort, unter ehrlichen Männern abgegeben(Heiterkeil), einem Versprechen in feierlicher Stunde(hört! hört!) und sagte dann:„Meine politische« Freunde haben, dem Versprechen des Reichs- kanzlers vertrauend, vertrauend trotz aller Warnungen von sozialdemo- kralischer Seite(hört! hört!) auf die Aufrechterhaltung des Antrages ver- zichlet. Wir sind im guten Rechte, wen» wir die Einlösung des. jetzt von uns so verstandenen Versprechens(hört! hört!) nunmehr verlangen." Man soll in öffentliche» Dinge» offen zu einander reden? Wenn ich mir denke, daß der Herr Reichskanzler einmal ganz offen, ohne nach einer anderen Seile Rücksicht zu nehmen, sprechen könnte, so würde er vielleicht zn uns sagen:„Die Sache ist ja wirklich schlimm, das muß ich zugeben, aber ich bin ein schwacher Mensch, viel schwächer als sie glauben. Ich habe genug zu thun, um eine gefährliche Entwickelung zu hindern, aber positiv vermag ich nichls, selbst nicht, wenn ich mein Wort gegeben habe, es zu lhun: das beiveist die Mililär-Stiasprozeß-Ordnung, der Umstand, daß sie sich so von modernen Anschauungen entfernt, die ich als maßgebend bezeichnet habe. Und ivie viel Mühe hat es mir gekostet, auch nur diese Militär-Strasprozeß-Ordnung bis an die Schwelle des Reichstags zu bringen! Da stand ia schon der bekannte Herr ans Altona hinter der Thüre! Und es wäre vielleicht auch nicht möglich gewesen, wen» nicht das Flotlengesetz wäre. So habe ich mir sagen»lüssen. daß wenn ich ganz mit leeren Hände» konime, dann an eine Stimmung für das Flottengesetz von vornherein nicht zu denken iväre." Und dann würde der Herr Reichskanzler weiter sagen:„Wenn ich das Flottengesetz dnrchgebracht habe, dann habe ich meine Schuldigkeit gethan, dann kann ich gehen, dann iverde ich mich überall wohler sühlen. aiis»leinen Gütern, als in Berlin in der Wilhelmstraße und im Reichstag." So ivürde der Herr Reichskanzler offeu sprechen, in der bescheidenen Weise, die ihn ziert, uns die Situalion darlegen. Wen» aber die Situation so ist. so fordert sie auch. sich in keiner Weise durch Rücksichten oder gar durch Vertrauen aus irgend eine Person bestimmen zu lassen oder durchirgendivelche, noch so feierlich abgegebene Erklärungen.(Lebhafter Beifall.) Wenn eine solche Situation vorhanden ist, dann ist pur unverständlich, wie eine große Partei, die in der Wahrung der Rechte des Reichstags stets mit uns jusaiiunengestande» hat, so leicht zu einer Bindung des Elatsrechts wie beim Flottengesetz sich bestimmen läßt. Wir halten n»s verpflichtet, bei dem bescheidenen Maß von Siechte», das der Reichstag hat. in dieser Situation insbesondere nichts von ihnen aufzugeben, sondern sie unverändert zu wahren.(Lebhafter Beifall.) Unterstaatssekretär, Direktor der Kolonialabtheilung, Freiherr v. Rtchthofc»: Der Bau der s ü d w e st a s r i k a n i s ch e n. Eisenbahn>var sür uns eine Nothwendigkeit. Als im Juni' die Rachrichi von der Verbreitung der Rinderpest, der in einzelnen Distrikten bis zu SS pCt. des Viehslandes erlag, zu uns kam. e»t- stand für uns die Frage: könne» wir eine Verproviantirung der Schutztruppe im Inner» ermögliche» oder müssen wir mangels jeder Zufuhr die Administration nach der Küste verlege», was gleich- bedeutend wäre mit einer völligen Ausgabe des eroberten Schutz- gcbieles. Ein privates Komitee, au das wir uns wandten, konnte uns den rechtzeitigen Bau der Bahn nicht garantiren. Mit Hilfe der Eisenbahubrigadc ermöglichte» wir es schon. Mitte November den schwierigeren Theil der Strecke dem Berkehr zn übergeben. Die Rinderpest in den Schutzgebieten ist zum Stehen gebracht worden. Das finanzielle Resultat der Lage wird ein gutes sein. Das Kapital wird sich nicht blos verzinse», sondern auch amortisire». Die Eisendah» wird als Pionier dienen und das Beispiel von Rodefia, wo sich die Ortschaften wie Schwämme an die Bahnlinie ansetze», zeigt uns den Weg, aus dem wir weiter vorzugehen haben. Ich hege die Hoffnung, der Bahnbau wird auch von Richter und seineu Freunden in der Kommissio» gutgeheißen werden und daß ich dem ganzen Reichstag dafür im Namen der südwestasrikanischen Kolonie»»leine» Dank iverde ausspreche» können.(Beifall rechts.) Reichslauzler Fürst Hohenlohe: Der Abg. Richter hat Recht. Ich habe gesagt: Ich zweifle nicht, daß das Koalitionsverbot sür die Vereine bis zu», Jahre 1900. dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, aufgehoben werden ivird. Diese Hoffnung hege ich auch heute noch. Ich hoffe, daß es bis z»i» Jahre 1900 zwischen der preußischen Regierung und dem preiißischen Landtag zu einer Ver- stä»digu»g über die künftige Gestallung des Vereiusgesetzes lomineu wird. Abg. v. Kardorff(Rp.): Ich freue mich, daß ich wenigstens in ein ein Punkte n»l dem Abg. Richter einverstanden bin. Auch ich wünsche, daß eine aus dem Reichslage gewählte Koinmission über die Ausschmückung unseres Rcichstagsgebäudes»iitzuberalhen hat. Die plötzliche Erhöhung des Gehalts de? Reichskanzlers mag ja einigerinaße» auffallend sein Aber ist es nicht ein nnwürdiger Zustand, daß der deutsche Sieichskanzler ein geringeres Gehalt bezieht, alS die denlschen Gesandten an fremden Höse» Zudem ist doch der Fall denkbar, daß zukünftige Reichs- kanzler sich nicht in so güustigeu privaten Vcrmögensverhältnisseu bcsiiide», ivie die bisherigen. Die B e l r i e b s u n s ä l l e ans den Bahnen gehören mehr in den preiißischen Landtag, da meist preußische Bahnen dabei in bctrachl kommen. Das Reichs-Eisenbahnamt möchte ich aber bitte» zn nntersnchcn, ob die Gehälter des technischen Personals, welches so große Verant- ivortnng zn trage» hat, mit den an sie gestellten An- sorderunge» übereinstimmen. Das scheint mir besonders bei den Zugsührer» und Bremsern nicht ganz der Fall zu sei». Die Erledigung der F l o t t e» s r n g e sehe ich seit der Rede des Abg. Fritzen nicht mehr so optimistisch a», wie nach der Rede des Abg. Lieber. Die gesetzliche Festlegung des Planes Halle ich sür durchaus nothwendig. Nun einige Benierknngeu zu den Ans- führungeil dcS Abg. Bebel. Ich habe immer eine gewisse Achtung vor ihm gehabt, daß er als Autodidakt ohne die gewöhnlichen iviffcn- schafllichcu Grundlagen so viele Kenuluiffe erworben hat. Nach der letzte» Rede aber habe ich allerdings die Ueberzeugung gewouucn, daß diese Kenntnisse zienilich kranS und ungeordnet in sciuei» Kopse nebeneinander wohne». Sonst hätte er nicht zu der Vehanptnng kommen können, daß die Flotte dem Arbeiter so gut wie nichls nütze. Ich ineine, gerade das Gegentheil ist der Fall. An geordnete» Staalszusläuden hat der Arbeiter ei» höheres Interesse als die anderen Klaffen. Der Arbeiter ist vielmehr ans eine gute eine parteiische Jnsliz angewiesen als diese Klassen, er ist vielmehr ans ,»>- unbestechliche Verwaltung angewiese».(Lachen linls. Ruf: Jawohl. gute unparteiische Justiz!) Und ebenso ist es bei der Vertheidignng des Landes. Bei Revolutioueu und Kriegen sind es stets die Ar- heiler, die die größten Opfer zn bringe» habe». Zivischcu Herrn Bebel's Wcllanschauuug und der meinige» besieht ei» direkter Gegensatz. Er glaubt, die Welt ist eine Maschine. Ich aber glaiibe an einen lebendigen Gott. Da ist eine Verständignng schwer möglich.— Mit dem Abg. Bebel bin ich darin einverstanden. daß die Hilfe bei den Ueberschwen»»»ngeu i» Schlesien zu lange hat aus sich ivarlen lasse». Ich habe eine Broschüre des Korbmachergesellen Fischer gelesen(Aha! links) und weiß freilich nicht, in ivieiveit seine Angaben richtig sind. Aber wep» sich»ur der 10. Tbcil dessen bewahrheitet, was da über die Führer der Sozialdemokralie ge- schrieben steht, so wird der Tag nicht mehr ferne sein, wo eS der deutsche Arbeiter müde sein wird, sich von diesen Herren am Narren- seile herum führ«» zu lasse».(Sehr richtig! rechts. Lachen links.) Herr Nichter hat das Börsengesetz einen Schlag i»S Wasser genannt und gesagt, die Preise des Getreides scicu im Ausland jetzt höher als im Inland. Das ist nicht ganz richtig. Ich werde bei der ziveile» Lesung eine Resolulioti vorlege», die ein teuibtrleS Saniflcfeb von der Regierung noch in dieser Session ver> langt. Der hohe Bankdiskont ist eine Folge unserir herrliche» Handelsvertrags- und Wahrungspolitik.(Lachen links.) Der tranzösische Landmirth genießt doppelt so hohe Getreidesteuern, Vieh- zolle, die geradez» prohibitiv wirken, und hohe Prämien. Deshalb erholt pch auch die französische Landwirthschaft in ganz erstaunlicher Meise. Da steht auch«in Agrarier, Meline, an der Spitze der Regierung, dem gegenüber Herr v. Plötz ei» zitzendes Kind ist. (Große Heiterkeit.) Den Sozialdemokraten ist Herr Meline freilich sehr nnangenehin(Bebel: Ach. er ist uns sehr gleichgiltig!). hat er doch in einer geivältigen Rede die kollektivistischen Phantastereien a» die Wand gedrückl. Und Meline hat den Bimetallismus als Hilse für die Landwirthschaft bezeichnet. Der englische Minister Balfonr hat freilich in der Währungsfrage den Rückzug angetreten, er hat vor de» Spekulanten der Londoner City de» tiessten Bückling gemacht. Ich freu- mich, daß es kein deutscher Minister ivar. Die Londoner Börse beherrscht die ganze Welt, wir haben sie durch unsere Goldwährung dazu gemacht. Sie hat es verstanden, die Werthrelation zwischen Silber und Gold in den ver- schiede»«» Ländern verschieden zu gestalte», um die Remonetisirung des Silbers zu verhindern. Aber Aimnka hat die Wichligkeil der Währuugsfrage begriffe», und sie wird nicht sterbe». Die Krisis in der Landwirthschaft ist durch die Goldwährung verschuldet. Der Abfluß der Bevölkerung vom platten Lande ist unbestreitbar, was auch Herr Richter behaupten mag. Daher rührt die Slavisirmig rtiib Polonisirnng des ganzen Ostens. An der ganzen Grenze findet ein dauernder Rückgang der deutsche» Bevölkerung statt. Wir müssen jetzt froh sein, iven» wir nur Polen als Arbeiter echalten. Rur wenn der Landwirthschaft geHolsen wird, kann sie die deutschen Arbeiter halten. Wober kommen denn jetzt die Rowdies, die die Straßen der Großstadt un- sicher machen? Da sollte die Polizei eingreifen und alle die, die k ei n e ständige Arbeit haben, wieder aufs Land befördern. Wie will nun die Regierung der Landwirthschaft helfen? Vom Antrag Kanitz, vom Bime- tallismus will sie nichts wissen. Bleiben nur hohe Schutzzölle übrig. Die Industrie würde sie uns bewillige», denn sie würde durch er- döhleu Absatz bei der ländlichen Bevölkerung entschädigt werde». Hoffentlich kommt ein künftiger Reichstag, wo Landwirthschaft und Industrie Hand in Hand gehen.(Lachen links.) Kehre» wir wieder zu der allen Wirlhschaftspolitik des Fürsten Bismarck zurück. (Bravo! rechts.) Die Weiterberathung wird aus Dienstag 1 Uhr vertagt. Schluß 53/< Uhr._ NttVlamenkarisiltzes. Dein Reichstage ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Bender un gen des Gerichtsverfassungs-Gesetzes und der Strafprozeß-Ordnung, zugegangen. Die vor- geschlagene» Abweichungen von der bisherige» Fassung sind zum größten Theil den Vorschlägen der Kommisston für die zweite Lesung des Bürgerliche» Gesetzbuches oder den Anlagen zu den Entwürfen eines Gesetzes über die Zwangsversteigerung und die Zwangs- Verwaltung, einer Grundbuchordnung n»d eines Handelsgesetzbuches entnommen. Wahlprüfnnaen. Von den Ablheilungen des Reichstages wurden heule die Mandate der neugewählten Herren Haas«(driller Königsberg, an stelle des verstorbene» Abg. Schultze gewähll. Sozial- demokrat) und Dr. Heim(S. Oberpfalz, an stelle des verstorbenen Abg. Lehner gewählt, Zentrum) für gillig erklärt. Klalmles. Sozialdemokratischer Wahlvcrriu für den 6. Berliner Reichstags Wahlkreis. Die Parteigeuoffe» in Moabil, in der Oranienburger Vorstadt und auf dem Wedding werde» ganz be- sonders aus die heute in ihren Sladttheilen slatlfindeudeu Ver- sa m mlu n ge» ausmerksam gemacht und ersucht, für regen Besuch zu sorgen. Siehe auch Inserat. Ter Arbeiter Sängerbnud hatte am Sonnabend Abend zur Feier seines siebenten Suftuugssestes eine» Liederabend veranstallet, ein Ereigniß, das trotz der für bescheidenere Festlichkeiten recht ungelegenen Weihnachtszeit den geräumigen Saal der Brauerei Friedrichshain bis auf den letzten Platz gefüllt halte. Das Konzert- Programm war mit gutem Geschmack zusammengestellt. Weber, Beethoven. Mendelssohn, Wagner figurirten im instrumentalen Theil, der von der 4l> Mau» starken Kapelle des Herr» Graß mit Präzision ausgesührt wurde. Die ans eine stattliche Anzahl von Vereine» verlheilleu Gesangsvorlräge kamen gleichfalls durchweg gut zu Gehör, und ebenso wurden einige Solo-Nummern von Frau Kamilla Blobel sowie von de» Herren E. Severin und Richard Blobel mit luustlerischem Verständniß vorgetragen. Der Abend läßt den Wunsch rege werden, daß der Arbeiter-Sängerbund uns i» diesem Winter»och mehrfach mit ähnlichen Konzerten erfreue. Vielleicht lasse» sich dann auch einige kleine Fehler vermeiden, die diesmal sich bemerkbar machten. Wir meinen zunächst, daß das stattliche, aus 21 Rümmer» vertheilte Programm etwas flotter als am Sonnabend abgewickelt werden könnte. Beknnnllich will die Jugend auch ihr Siecht haben, und ihre Hoffnung, das Tanzbeitt schwingen zu könne». sollte erst sehr spät in Ersülluug gehen. Dan» will uns bedünken, daß der Arbeiter Sängerbund seiner an � der Spitze des Nouzcrtprograunns ausgesprochenen Bitte, jede Störung während der Vorträge zu vermeiden, künstig etwas energischeren Nachdruck geben könnte. Eine Störung wenigstens für den Theil des Publikums, der am Sonnabend de» Saal besucht hatte, um ein Konzert zu höre», war zunächst das Seidelgeklapper der Kellucr. Diese Herren servirle» ivährend der Vorträge flott daraus los und betrachteten anscheinend jedes Pianissimo als einen Anreiz, um so eifriger ihres Amtes zu walte». Wenn wir nicht irre», haben bereits einige Arbeiter-Gesangvereine, so die„Typographia", in ihre» Konzerten derartige Unannehmlichkeiten dadurch gründlich beseitigt, daß sie, wie dies sich bei jedem künstlerischen Genuß so schickt, ivährend der Vorträge überhaupt keine Kellner in deu Saal ließett. Wir meinen, daß eine solche Maßregel auch von» Arbeiter- SKiigerbnud durchgeführt werden könnte. Ebenso häßlich war es, daß dem Publikum ivährend der Vorträge allerhand Handels- artikel, wie Bilder, Gratulalionskarten, Kalender«. s. w. zum Kauf augeboten wurden. Ist es einmal erforderlich. was wir dahingestellt sein lassen wollen, gerade in einem jkonzert ein Arbeilerpublikum daran z» erinnern, daß es sein Heim zu schmücken und fein Lesebedürfniß zu befriedigen habe, so könnte dies»nseres Erachtens während der Pausen zur vollen Ge- nüge geschehen. Würde außerdem hinfort dafür gesorgt werden, daß die Abfertigung an der Garderobe etwas lebendiger von statten ginge, so wären einige kleine Widerwärtigkeiten beseitigt, die an sich gewiß harmloser Ralur sind und von manchem garnicht einmal als so etwas Zlrges empfiniden werden, die aber doch in dem Falle, wo einer größeren Menge ei» künstlerischer Genuß bereitet werde» soll, doch als unstallhast bezeichnet werden müssen. TaS Berliner Gclvcrbegericht hat 1896/97 erheblich m ehr Prozesse als I89Ü/9Ü zu erledige» gehabt. 1895/96 war die Zahl der Prozesse geringer gewesen als 1894/95. Der Bericht pro 1895/96 hatte das daraus erklärt, daß das Publikum, wie über- Haupt mit den sozialpolitische» Gesetzen, so auch mit dem über die Gewerbegerichte immer mehr vertraut geworden sei,— niit dem Gewerbegerichtsgeseh nicht nur durch die Belehrung der Parteien vor Gericht, sondern auch durch die Berichterstattung der Beisitzer«nd der Presse. Der Bericht pro 1896/97 konstatirt (wie schon in Nr. 233 mitgetheilt wurde) einen weiteren Fortschritt der Gesetzeskenntniß, dessen vermindernder Einfluß auf die Zahl der gewerblichen Streitigkeiten nur deshalb nicht zum Ausdruck gekommen sei, weil die G e w e r b e a u s st e l l u n g direkt und indirekt zu zahlreichen Prozessen beim Ge- werbegericht geführt habe. Unter den direkt durch die Ausstellung veranlaßten Streitigkeiten hebt der Bericht besonders hervor die bekannte Behandlung der für den„Vergnügungspark" und für„Kairo"«ngagirten bayerischen Kellnerinnen und Araber, der englischen Kutscher der„Mailcoach"- Gesellschaft, der Italiener n. s. w. Manche der infolge des geringen Besuches in ihren Erwarlungen getäuschten Unternehmer suchte», als sie an den Pachtverträgen nicht rütteln konnten, die aus weiter Ferne geholte», fast ausnahmslos für die ganze Aus- stellungszeit engagirten. aber nun überflüssig gewordenen Angestellten schleunigst wieder loszuwerden, wobei sie sich, wie der Bericht sagt,„nicht immer innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen bewegten".— Die Zahl der Klagen, die 1896/97(bezw. 1895/96) überhaupt beim Gewerbe- gericht eingingen, war 13249(11 794), ungerechnet 326(292)»»- vollständige oder nicht vor dieses Gericht gehörige. Da 377(98) noch vorm 1. Termin erledigt wurden, so blieben für die Siecht- sprechuug 12 872(11 696) Prozesse. Von diesen wurden erledigt durch Vergleich 6123(5282), Verzicht 1(3), Zurücknahme 2742(2447). Anerkenutuißurtheil 53(76), Versäumnißurlheil 1174(1211), andere Eudurtheile 2255(2254), von letzlere» mit Beweisausnahme 1419(1463), ohne Beweisaufnahme 836(851). Noch unerledigt blieben 519(429). Es kamen auf: Kam m e r 1 Schneiderei, Näherei 2687(2681) Prozesse, II Textil-, Leder-, Puhiudustrie 955 (891). III Baugewerbe 2693(1871), IV Holz-, Schuitzstoffe 1225 (1682), V Metalle 1296(896), VI Nahrung. Beherbergung. Erquicknng 2171(1924), VII Handel. Verkehr 1523(1357), VIII Allgemein 928(997). Der Streitgegenstand war: rückständiger Lohn in 7488(6816) Prozessen, Entschädigung wegen unberechtigter Ent- lassung in 5293(4512), Ausstellung eincs Arbeitszeugnisses in 277 (239), Krankenversichcrungsbeitrag in 12(14), Lchrverhältniß in 59(64), Kouveutionalstrase in 22(19), Schadenersatz in 826(133), Herausgabe von Arbeitsbüchern, Handwerkszeug u. s. w. in 405(277), Wieberansnahme der Arbeit in 19(Borjahr-Bericht keine Angabe), H.rausgabe von Kautionen in 53(keine Angabe), sind zusammen 13 964(12 174) Fälle.(Die Differenz gegen die oben angegebenen 12 872(11 696) Prozesse erklärt sich daraus, daß in vielen gleichzeitig mehrere Ansprüche geltend gemacht ivurden) Geldan spräche kamen in 13 696(11 613) Prozessen in Frage, bis 26 M. in 6654(5434). 26-56 in 4525(4216). 56-166 in 1847(1452), über 166 in 676(466). Die geringste Klagesumme war 56(5) Pjg., die höchste 3713(2296) Mark. Die Zeitdauer bis zur Erledigung war nnler 1 Woche bei 2254 Prozessen, 1-2 bei 6542, 2—3 bei 2496. 3—4 bei 966, über 4 bei 686.(Ter Vorjahr-Bcricht brachte hierüber keine Angaben.) Von den 13 249 (11 794) Klagen gingen 12 696(11463) von Arbeitnehmern, darunter 2542(2493) von weiblichen, und nur 559(386) von A r- b e i t g e b e r n aus. Wo der Prozeß nicht durch Vergleich ec. be- endet wurde, sondern es zum Urlheil kam, wurde» die Arbeitnehmer in S5>/z(82'/.,) pCt. die Arbeitgeber in 63>/z(49) pCt. a b- gewiesen. Hierzu bemerkte der Vorjahr-Bericht:„Aus dieser Thatsachc ist klar ersichtlich, daß die mitunter geHörle Ansicht, beim Gewerbegericht bekommen die Arbeiter mehr Siecht wie die Arbeit- geber, eine durch und durch irrige ist." Zum Gesinde-Bclohnnugs- und linket stiitinngS- Fondö sind 1396/97(bezw. 1895,96) von den Dienilbotcu 35 556(37 936) Mark gezahlt worden, also 1396/97 um 2436 M. weniger als 1895/96. Diese Summe setzt sich bekanntlich zusammen aus de» 56 Pfennig- Beiträge», die in Berlin jedes Dienstmädchen bei Antritt ihres erste» Dienstes oder bei einem Dicuslwcchsel zu zahle» hat. Der Rück- gang der B e i t r a g s s u m m e wird diesmal im Bericht pro 1896/97 zum theil darauf zurückgesührt, daß nach einer Entscheidung des Handelsministcrs und des Ministers des Innern die Hausdiener, Köchinnen und ähnliche Angestellte der Restaurateur«». s. w., soweit sie nicht im privaten Hausdienst thätig sind, künftig als Gewerbe- gehilseu anzusehen sind. also der Gesinde-Ordnung nicht mehr unterstehen. Alle diese Personen, deren Zahl in Berlin ziemlich groß ist, haben bisher zu dem Fonds beilragen müssen, ohne jetzt noch ans eine Unterstützung daraus rechnen zu dürfen. Di« Ausgaben aus de»» Fonds zu guusten des„Gesindes" stellten sich 1896/97(bezw 1895/96) aus 31 516(29 378'/s) M. für das Gesindehospital und 17 587(16 SOi'Ji) M. für Unterstützungen Die letzlere Summe, die an 169(168) alte, invalide gewordene Dienstboten gezahlt wurde, nennt der letzte Bericht„beträchtlich". In das Hospital wurden 6(9) Personen aufgenommen. Es war Ende Mär, 1897(bezw. 1896) von 167(116) Hospitalilinnen besetzt. Daß die Dienstboten den größten Theil der für sie gemachte» Aufwendungen selber ans- bringen, darauf haben wir früher wiederholt hingewiesen. Sie habe» trotzdem nur bei sogenannter guter Führung eine» Anspruch aus Uulerstütznng aus dem Fonds. Es ist daS«ine Ungerechtigkeit, die ma» nur verstehen kann, wenn man an die Stellung in der Gesellschaft denkt, die die Gesinde-Ordnung den Dienstboten anweist. Schliessung einer Markthalle. Der Verkehr in der Maikt- halle Xll(Gesundbrunnen, Grünthnlerstr. 3/4 und Badstr. 10/IOn) geht, trotz der ganz bedeutenden Ermäßigung des Siaudgeldes, immer mehr und mehr zurück, so daß die städtische Markthallen- Deputation heute nuter Vorsitz des Stadlraths Schäfer beschlossen hat, beim Magistrat in Vorschlag zu bringen, mit Beginn des neuen Etalsjahres die Anstalt zu schließe». Ferner beschloß die Depntalio». die durch das Ausscheiden deS Markthalle»- Inspektors Bankenstein erledigte Stelle des Inspektors der Markthalle V(iviagdeburger Platz) und X(Arminius-Platz) nicht wieder zn besetzen. Bon, Kampf gegen de» Strasscnhandel. Auf eine an den Oberpräsidenten de» Provinz Brandenburg wegen Beseitigung des Slraßenhandels vor den Marlihallen gerichtete Petition ist dem Hansbesitzei-Verein im Norden Berlins nunmehr folgende Antwort zugegangen:„Ans das Gesuch vom 36. Oktober erwidere ich, daß dem Strnßenhandel in der Nähe der Markthallen durch Erlaß einer Polizeiverordnnng entgegengetreten werden soll, durch welche das Halten v o n F u h r w e r k». s. w. auf einzelnen, die Markthallen n m g e b e» d e n Straßen mit Gegenständen des Wochenmarkt-Verkehrs im verkehrspolizeilichen Interesse verbeten wird. Wegen der hierzu»othwendigen Einversiäudniß-Erklärung des dortigen Magistrat? sind die erforderlichen Verhandlungen von dem dortigen Polizeipräsidenten eingeleitet. Die Erklärung der Zn- stimmiing des Magistrats steht»och aus." Somit scheint einen» wesentlichen Theil des Straßenhandcls da? letzte Stündlein geschlagen zu haben. Ob damit aber irgend jemandem und vor allem den Hausbesitzern geholfen wird, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist nur das«ine, daß einer Anzahl der ärmsten Handelsleute durch diese Maßnahme die Existenz untergraben wird. Die Anfsangung der mittleren und kleineren Brauerei- betriebe in der Umgebung von Berlin durch die hiesigen Groß- braiiereien macht immer weitere Fortschritte. So ist jetzt die bisher den Erben des Fabrikbesitzers Karl Simon aus Charlottenbnrg ge- hörig gewesene Echloßbranerei zu F ii r st e n w a 1 d e a. d. Spree i» den Besitz der Aktien-Brauereigesellschast Friedrichshöhe vormals Patzenhofer übergegangen. Der Kanlpreis soll etivas über eine halbe Million Mark betragen. Di« gedachte Gesellschaft beabsichtigt ebenso wie die Schulheiß-Bralierei-Aktiengesellschasl, in der Hauptsache ihren Mälzercibetrieb nach Fürstenwalde zu verlegen. Der Saal des Schloßbrauerei-Ausschanks ist jetzt das einzig« Versammlungslokal unserer Fürsteuwaldcr Parteigenossen. Hoffentlich sind sie auf den, Posten, damit ihnen dasselbe unter der neuen Besitzerin erhalten bleibt. Die tversainnilnug, welche sich mit der Frage der akadeniischen Ehreugerichtsbeivegung befassen soll, findet nicht am heutigen Dienstag, sondern morgen, Mittwoch Abend, in de» Viktoria- Sälen statt. Am vorgestrigen„fikbernen Sonntag" hatte das sonnige Wetter«ine zahlreiche Menschenmenge ans die Beine gebracht, die sich namenllich in der Leipzigerftraße und Friedrichftrnße dicht zu- sammendräugte. Zum großen Theil waren es natürlich Arbeiter niit ihren Kindern. Die Kleinen sollten wenigstens deu Anblick der Herrlichkeiten genießen, von denen ihnen am Weihnachtstische nur ein ganz bescheidenes Theil, in gar vielen Fällen allerdings auch gar nichts zn eigen gehören wird. Vielfach wurde am Sonntag auch schon eingekailft. Freilich war der Umsatz nicht überall gleich befriedigend. Die kleinen Budeninhaber am Belle- Allianceplatz klagten über schlechte Geschäfte; die großen Bazare waren von einem kauflustigen Publikum derart übersnllt, daß der neue Wertheim'sche Waarenpalast in der Leipzigerstraße infolge des beinahe lebens- gefährlichen Zudranges bereits nm 6 Uhr geschlossen werden mußte. Die Binsenwahrheit, daß der Kleinbetrieb sich für immer überlebt hat, wird wohl niemals im Jahre deutlicher offenbar, als an den „silbernen" und„goldenen" Sonntagen. Der Präsident dcö Landgerichts II, Geh. Oberjustizrath Paunier, ist gestern Nachmittag im Alter von 76 Jahren gestorben. Gegen die Verlegung deS Personenverkehrs vom Nord- bahnhose nach dem Stcttiuer Vahnhof hatten die Eigenthümer Prill, Stöckle und der Vuchdruckereibesitzer Mitsching in einer von mehreren tausend Interessenten unterzeichneten Petition an den Minister der öffentlichen Arbeiten Protest eingelegt und gebeten, die geplante Verlegung des Personenverkehrs wenigstens nicht in vollem Umfange durchsühren, sondern einen Theil des Vorortverkehrs der Nordbahn sowie der Cremmener Bahn daselbst belassen zu wollen. Wie wir hören, hat der Eisenbahn-Minister die Potenten unter Hinweis auf die Erlasse vom 4. Mai 1395 und vom 17. Dezember 1896. welche die für die Verlegung des Personenverkehrs maß- gebenden Gründe enthalten, abschlägig beschieden. Nach Mitthcilnng der Obcr-Postdircktio» werden des Weih nachtsverkehrs wegen am Sonntag den 19. Dezember bei allen Postanstalten in Berlin die Packet-Annahme- und Aus- gabestelle», sowie am ersten Weihuachlsseiertage die Packet- Ausgabestellen zn derselben Zeit wie an den Wochentagen für de» Verlehr mit dem Publikum geöffnet sein. Am zweiten Feiertage werden die Schalter allgemein wie an den Sonntagen geöffnet sein. „Mit mir ist's alle", erklärte am Sonntag Nachmillag um 2 Uhr der 44 Jahre alte Kutscher Willenborn, als er die Destillation von Seeslow in der Waßmanustrabc verließ, in der er eine Zeit lang sehr niedergeschlagen dagesessen Halle. Wittenborn diente seit 17 Jahren als Kutscher bei dem Gioßböllchermeister Dietert in der Waßmannstraße 24. Er litt seil Jahren an nervösen Kopfschmerzeu und war noch vor vier Wochen süuf Tage lang im städtischen Krankenhaus am Friedrichshain. Die Aussichtslosigkeit, jemals Heilung zu finden, hat ihn wohl ver- anlaßt, Hand an sich zu lege», iltls am Sonntag Abend>>»! 6 Uhr ein Arbeilsgenosse v» ihm nach Hause kam, fand er Witteuborn, den Kops auf die linke Hand gestützt, ans einem Häckselsack sitzen. Nachdem er Licht gemacht hatte, gewahrte er, daß der Mann einen Strick uni seinen Hals geschluiigcn und an einem Haken hinter sich befestigt und sich so in sitzender Stellung erhängt halte. Wittenborn hinterläßt eine Frau mit drei Kinder». Ter Pniid der Vcrlincr Grundbcsitzervcreine hat an den Magistrat die dringende Bitte gerichtet, die Prämie für die Er- greisung der Urheber der jetzt so häufig vorkommenden Dach- st u h l b r ä u d e auf 266 M. zu erhöhen. Der Bund ist der Ansicht, daß die Brände aus vorsätzliche Brandstisluug zuriick- zusühren seien. Schwer verbrannt hat sich am Montag der Hausdiener Paul Neudrck in der Bttchdrnckerei von Elsner in der Oranienstr. 141. Der junge Mann machte sich unbefugt an der Zenlralheiznng zu schaffen, mit deren Einrichtungen er nicht vertraut ist. Er wäre bei lebendigem Leibe verbrannt, weun nicht zn seinem Glück im letzten Aiigcublick ein Retter gekommen wäre. Durch Vermittelung der Rclliingsgesellschafl wurde er mit schwere» Brandwunden dem Krankenhaus am Uiban zugeführt, nachdem ihm ein Arzt einen Ver- band angelegt Halle. Einen Sclbstniordvcrsttch machte am Sonntag Nachmittag 4 Uhr ein Berliner aus dem Schöneberger Bahnhof. Man fand den- selben in der Retirade des BahnhosS, wo er sich mittels Revolvers einen Schuß in die linke Schläfe beigebracht hatte. Es war der ledige 26 Jahre alte Kaufuiann Martin Leppin, wohnhast bei seineu Elter» Kirchbachstraße 12. parterre. Gäuimlliche Seiten des bei ihm vorgefundenen Mililärpasses waren durchstriche», bis ans die letzte, aus der die Worte standen:„Marti» Leppen habe» allergnädigft geruht, zu sterben." Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich. Durch den theiltveise» Einsturz eiueö Schutzdaches sind Montag Mittag 3 Personen zu Ecdaden gekommen. Das Haus Liuienslr. 247 wird zur Zeit uiedergerisseu und mußte aus diesem Grunde daselbst ein sog. Schutzgerüst angelegt werden, welches in Rücksicht auf die geringe Breite der Straße an den Fenstern deS zweiten Stockes befestigt wurde, ohne daß Stützbalken von der Straße aus zur Verwendung gelaugeu konnten. Das bei der An- bringung des Schutzgerüstes verivendete Holz war jedoch zum theil morsch. Als gestern Miltaggege» l Uhrdiebeidcu ArbcilcrNeumaun und WölfertdaLGcrüst betraten, um dieuolhwcudigeBesestigung von einigen Breiter» vorzuuehmen, brachen einige der Stützen und Bretter und Balken— etwa 8 Meter des Gerüstes— stürzten in die Tiefe. Nenmaun, der ituler deu Holzsplittern buchstäblich begraben war, erlitt Brüche an beide» Füßen, Wölfert eine» Bruch deS rechten llulerscheukels und anscheinend innere Verletzungen. Beide mußten niillels Lück'scher Transporlwagen nach dem Krankenhanse Friedrichs- Hain geschafft werden. Die Frau eines Arbeiters aus der Prenzlauer Allee ivnrdc durch herabstiuzende Balken getroffen und zu Boden geworse»: sie erlitt Kontusionen am Kopfe und am rechten Fuße. kouule sich jedoch nach Feststellnug ihrer Personalien allein nach ihrer Wohnung begeben. Arbcltcrrisiko. Auf dem Pferdeeisenbahn-Depot Ackerflr. S/4 wird zur Zeit ei» Stall abgerissen. Beim Abbruch einer Mauer stürzte gestern Nachmittag 3'/- Uhr der Slrbciter Jiedlitz vom ersten Stock in die Tiefe und erlitt einen schwere»» Schädelbruch. Der Ver- uuglückte»vurdc ins HedwigskrnukenhauS gebracht. Wen die Schuld an dem Unglück trifft, steht noch dahin. Tie Sehnsucht nach den Vrcttcrn bat einem jungen Manne so»veit den Kopf verdreh», daß er vorgestern Morgen Hand an sich legte. Der 21)ährige Schlosser Fritz Stichler, der seit den» 1. Oktober bei der Näherin Witlive Marter i» der Hochslr. 42 wohnte und in der Maschinenfabrik und Eisengießerei von Fesca». Komp. in der Chaussecstraße arbeitete» ivar etivas schwärmerisch angelegt»nd spielte viel auf Liebhabcrbühne». Mehr und mehr drückte eS ihn nieder, daß ihm sein Vater, ein Elsenbahn- Schaffner, nicht die Mittel geivährc» konnte, sich zum Schauspieler auszubilden. Geistig ivohl nicht ganz gesund mehr, legte er am Sonnabend plötzlich seine Arbeit nieder. Als ihm vorgestern Morgen um 73/« Uhr seine Wirthin de» Kaffee bringen wollte, fand sie Richter als Leiche auf einem Stuhle sitzen. Er hatte sich durch eine» Schuß in die rechte Schläfe gelödtct Der Revolver lag auf dem Fußboden. An feine Wirthin hinterließ der junge Mann einen flüchtig geschriebenen, schiver zu enträlhselnden Brief, aus dem hervorgeht, daß ungestillte Sehnsucht »ach der Bühne ihn in de» Tod getrieben hat. Durch Umfallen eines Geldschrankes ereignete sich geflern Morgen in der Arnheiiu'sche» Fabrik, Lothringerstr. 46, ein schiverer Unfall. 15 Arbeiter»varen damit beschäftigt, eine» viele Zentner schtvere» Schrank die Treppe hinnnterzuschaffe», als sie die Äeivalt über die große Last verloren. Der Schrank legt« sich zur Seile, kam da»» ins Rolle»» und fiel auf den 15jährigen Schlosserlehrling Karl Fiebig. Da es nicht»»öglich»var, den jungen Mann unter dein Schrank sofort hervorzuholen, rief man die Feuerwehr zur Hilfe. AIS die Befreiung geglückt war. stellte der zur stelle geholte Arzt fest, daß der Verunglückte zivei doppelte Beinbrüche, eine Arm- Verletzung und ei»« Anzahl Kontusionc» erlitten hatte. Innere Ver- letzungen schienen glücklicheriveise nicht vorhanden zu sei». Der Lehrling,»velcher bei Beivußlseiii»var. wurde mittels Kopp'schen Krankeuivagens nach dem jüdischen Kraukeuhallse in der Auguststraße gebracht. Seine» Verletzungen erlegen ist der 59 Jahre alte Handel?- mann Davidson aus der Grenadierstr. 37. der vor einigen Tage» in der Oranienburgerstraße in dein Augenblicke. alS er von einem Pferde- babuwagen abstieg und nach den» Bürgersteig gehe»»vollte, von einem Postivegen überfahren und schiver verletzt in ei» Krankenhaus ge» bracht»vnrde. Er hatte mehrere Rippenbrüche und eine schiver« Verletzung der Liliioe erlitten. Fenerbcricht. Comitng Nncht, kurz nach 12 Uhr ging O r a» i e» st r a ß e 141 ei» größerer Posten Papier im Keller in Flamme» ans. Um 3 Uhr hatte K ö p n i ck e r st r a ß e 144 in einer Lampensahril eine Holzivand Feuer gesange», wodurch dem Hause beträchtlicher Schaden zugefügt wurde. Eine Stunde später erfolgte A l e x a n d e r st r a ß e 30 ein Schaufensterbrand. Mittags II Uhr mußte Hagelsbergerstraße 33 ein Kellerbrand abgelöscht werden, der verschiedene Holzverschläge zerstörte. Nachmittags ö Uhr brannte A l t o u a e r st r a ß e 7 in einem Schaufenster Chnslbanm- schmuck. Bald nach ö Uhr wurde die Wehr nach Alexander- st r a ß e S3 gerufen, wo Schaldecke und Ballenlage vom Feuer er- griffen waren. Montag Nacht 12'/zUhr«rsolgt« Alarm nach Neue K ö n i g st r a h« 7S. Hier halte'ein Bett Feuer gefangen, das auch noch verschiedene Möbelstücke ergriff, durch die schnell herbei gerufene Wehr aber bald beseitigt wurde. Kurz nach 2 Uhr war Cophienstr. 12 in einer Destillation Feuer ausgebrochen, das die Mehr längere Zeit beschäftigte. Der angerichtete Schaden ist erheblich, da ein großer Theil der Wirthschast vernichtet wurde. Zur selben Zeit mußte Kleine A n d r e a s st r. 4 in einer Tischlerei ein Feuer abgelöscht werden, das ebenfalls bedeutenden Schade» verursachte. Kurz vorher war die Wehr nach Lothringer st r. 14 gerufen, wo ein Junge unter einen zu transportirenden Geldschranl gerathen war und derartige Vcr- letznngen davongetragen hatte, daß er ins jüdische Krankenhaus geschafst werden mußte. SlbendS 5 Uhr erfolgte Alarm nach Oranienstr. bv. Hier halt« die2Kjährige Verkäuferin Augnste Smollig schwere Brand- wunden an Armen und Händen erlitten. Sie war im Begriff, eine voll- gefüllte Spiritnsflasche in ein Regal zu stellen, als dieselbe in ihrer vberen Hälfte durch nnvorsichtiges Anstoßen ei» Loch bekam, wobei der ausfließende Spiritus stich theils über daS Regal, theils über ihre Hände ergoß und dabei mit der Flamme eines Gaskochers in Be- rühruttg kam, so daß im Nn der gesanunte ausgeflossene Spiritus in Flammen stand. Um größeres Unglück zn verhindern, suchte die S. die gefährliche Spiritnsflasche vom Regal zu eiilfernen, wobei sie sich gefährliche Brandwunden zuzog. Die Samariter der alarmirte» Fencrivehr leisteten der Verunglückten die erste Hilfe. Theater. Im Deutschen Theater wird Hermann Müller, der von seinem rnssischcn Gastspiel zurückgekehrt ist, am Mittwoch wieder die Rolle des Nickeirnann in der„ B c r s u n k e n e n Glocke" übetuchnien.— „Wilhelm Tell" ist die nächste greivorsielliing des Schiller- Theaters. Sie findet Mittwoch Nackimittag 3 Uhr statt. Die gesarniiiten Plätze des Hauses sind der Stadtbehörde überwiesen. DaS hübsche Weihuachtsniarlt- Blld, das in Anzeiigrubet s„Heim g sunden" im Schiller-Theater soviel Anklang gefunden hat, beabsichtigt die Direktion noch in anderer Weise auf die Bühne zu bringen, es soll der Kindervorstellmig deS„Verwunschenen Prinzen", die demnächst bevorsteht, eingeftigt werden als besondere Anziehung und Freude für die kleinen Theaterbesiichcr. Orgelkonzert. Für den Orgelvortrag von Otto Dienel in derMarten- kirche am Mittwoch, den 15. Dezember, mittags 12 Uhr, haben Frl. Hanna Kuschel, Mrs. Emilv Milton, Herr Karl Rachä und Herr Nob. Schwiessel- uiaiin ihre Mitwirkung zugesagt. Der Eintritt ist frei. SlnS de»« Nachbarorte». Beschämende Schiilzustände in Köpenick. Nach einem von der Schulkominisston an die Köpenicker Stadlverordiieten-Versanini- lung erstatteten Berichte besteht nämlich die neue Gemeindeschule ans It> Klassen mit nur 1 Hauptlehrer und 14 Lehrer». Die Klassen aber weisen die Zahl von 77, ja 80 Schülern auf. Dem- zufolge hat sich die Stadtverordiicieii-Versamiiilung nnii in der letzten Sitzung mit der Schulfrage beschäftigt und demnächst die Neuschaffung einer Hauptschullehrerstelle und zweier Volksschullehrer- stellen beschlossen. Ob damit aber die Uebersüllung der Klasse» beseitigt werden wird, dürste doch sehr zweiselhast sein. In der Lcicheuhaflc ans den» Treptower Friedhofe scheinen recht bedenkliche Zustände zu herrschen. Als sich zur Beerdigung des Glasarbeiters Schnorre am Gonnlag, de» ö. d. M., die Leid- tragenden eingefnnden hatten, bemerkten sie, daß Kopf und Hände der i» der Halle aufgebahrten Leiche mit Lappen bedeckt waren. Nach Entfernung derselben sah man au der rechten Schläfe der Leiche ei» tiefes vom Auge bis zum Ohr reichendes Loch, welches augenscheinlich von Ratten hineingesresseii war. Ein Finger der rechten Hand war gleichfalls zur Hälft« abgenagt. Ans Befragen erklärte der Todlengräber, daß die Leiche bei ihrer Einlieseruiig unversehrt war. Der Leichnnin muß also, während er im Keller der Leichen- halle stand, von Ratten benagt worden sein. Man kann sich denken, daß der Anblick der ans diese Weise verstümmelleii Leiche bei den Leidtragenden peinliches und schmerzliches Aussehen erregle. Hoffentlich wird maii nniiinehr au zuständiger Stelle dafür Sorge trage», daß sich derartige höchst nnliebsame Ereignisse nicht wieder- holen. Mutterliebe. Der ArbeiiSbnrsche P. Krüger in Schöneberg hatte sich als 14 jähriger Knabe einer siUlichen Verirrnng schuldig gemacht und war dafür in die Besserungsaustall zu Wabern bei Kassel gebrachl worden. Hier entsprang er vor ungefähr vier Wochen. Er ging zu Fuß nach seiner in Schöueberg wohnenden Mutter, die ihn trotz der rührigen polizeilichen Nachforschungen verborgen z» halten wußte. Gestern Morgen wurde er jedoch in aller Frühe ent- deckt. Aus einem Briefe ergab sich, daß der Unglückliche eine» Rc- volver gekauft hatte, mit de», er stch in Südende erschießen wollte. Krüger, d» jetzt 18 Jahre zählt, wurde dem Polizeipräsidium zu- geführt. Priigclpiidagogik. Aus Spandan wird uns berichtet: Auch hier soll kürzlich eine gröbliche Schülerniißhaudliing durch einen Lehrer vorgekommen sein. Der sechsjährige, durch Krank- heit zurückgebliebene Sohn des Maurers Huck wurde durch seinen Klassenlehrer mit einein Rohrftock geschlagen, wobei er nach nach dem ärztlichen Attest mehrere Verletzungen am Gesäß erhielt. so daß beim Gehen das rechte Bei» steif ist. Der Vater hat gegen den Lehrer Slrafanlrag gestellt. In Spanda» wird jetzt mit aller Kraft an Muttitioiiskasteii gearbeitet, die nach China geschickt werden solle». Die Arbeit wird an Privalmelster vergeben. Merkwürdigerweise haben diese Herren sich an die königlichen Direklionen um Arbeitskräfte gewandt, ob- gleich i» Berlin genug arbeitslose Klempner vorhanden sein werden. Das FeuerwerkSlaboralvrium hat 13 Mann zu diesen Arbeiten beurlaubt. Ju der Artillerictvcrkstatt zu Spandau besteht eine Einrich- tniig, nnter welcher die Arbeiter der Nachitour recht zu leiden haben. Dieselben haben nach llstündiger Arbeilszeit morgens um 6 Uhr Feierabend. Wenn LöhuungStag ist, wird den Lenten der Lohn jedoch nicht nach Beendigung der Schicht ansgezahll; vielmehr müssen sie zu diesem Zweck« zwischen g und 11 Uhr vormittags nochmals zur Fabrik zurückkehre». Das geschieht in allen Fällen auf Kosten des Körpers. Legt man stch zur Ruhe, so ist die Unterbrechung nach ziveistündiger Dauer in hohem Grade schädlich; hält man sich so lange im Wirlhshans auf, so wirkt das Biertrinken aus nüchternem Magen erst recht gesahrlich. Sollte es nicht möglich sein, der in betracht kommenden Arbeilerkategorie den Loh» gleich nach Beeudi- guiig der Schicht auszuzahlen?_ Gevichks-ÄettunK. Tie Verhaudlniigen über die Vorgänge t» der Bodcl- schwiugh'schen Anstalt, die am Sonnabend vor der Strafkammer in Bielefeld begannen, brachten an diesem Tage noch wenig Beachtens- werlhes. Der Angeklagte P a ß l e r berichtete über ein Gespräch, das er intt dem Anstallsbrnder Schnitzer geführt habe. Dieser redete ihm zn. Hern Bodelschwingh zn malen, e§ käme aber daraus an,«den wahre» Charakter des Pastors v. Bodelschivingh zum Ausdruck zu bringen. ES handelt sich um das Grausame, das Kalle in seinem Gesicht, den Mann iialurgetrcu zu malen, der im stände sei, mit kaltem Blute hinterrücks einen Menschen niederzustechen."— Der als Zeuge vernommene Pastor Bodelschwingh be- streitet fast alle Behauptungen der Broschüre; wenn die Anschuldigmigcn wahr wären, gehöre er ja inS Zucht- Hans. Zeuge Dr. med. Huchzermeye« giebt zu. daß aiiSnahmiveise Butter statt Margarine verabfolgt worden sei. Daß schmutzige Kranke oder Kranke mit offenen Wunden mit anderen Kranken zusammen gebadet werden, sei unwahr. Dagegen sei«S richtig, daß iveiin das warme Wasser knapp sei. Kranke mehrfach znsammeii baden muffen; dies geschehe doch aber in öffentlichen Anstalten auch.— Auf Befragen des An- geklaglen Paßler giebt der Zeuge zu, daß gegen Epileptiker Stacheldraht angewandt werde. Aus sanilären Gründen werden Kraule in Jsolirzellen gesperrt, als Strasiuittel werde die Jsolirung aber niemals angewandt. Ob Wärter in einzelnen Fällen die Jsolirung als Strasmittel an- Bewendet, wisse er nicht; es sei nicht möglich, für alle Hand- ungen des WärlerpersonalS die Verantwortung zu übernehmen.— Verlheidiger Justiz- Ratb Bock: Ist dem Herrn Zeugen be- kaniil, daß in dem offenen Teiche der Anstalt Kranke er- trunken sind, weil man diese unbeaufsichtigt hat an da? Wasser gehen lassen?— Zeuge: DaS ist nur allerdings bekannt. daskommt doch aber in allen Anstalten vor.— Pastor S i e b o l d: Stoßen und Schlagen der Kranken fei dem Wärterpersonal a»ss sireiigste verboten. Ebenso sei jeder Zwang den Kranken gegenüber verboten. Ruf Befragen deS Angellagte» Paßler giebt Pastor Siebold zu, daß im Vorstand« der Anstalt allerdings zwei leibliche Brüder«nd zwei Echwägersleute sitzen.— Pastor Rah ii stellt entschieden in Abrede, den Ausdruck„elende Regierung", oder Kaiser Wilhelm I. sei erst in feinen letzten Lebensjahren kirchlich gesinnt worden, gebraucht und gepredigt zu haben, daß es Hexen gebe.— Amtmann v. d. Goltz: Er sei eineS Sonntags vormittags einmal durch daS Slnstallsvlertel gegangen und habe ein furchtbares Geschrei gehört. Bei näherer Untersiichniig habe er gesehen, wie eine Wärterin eine Franensperson gewaltsam in eine Zelle zerrte.'Auf sein Befragen sei ihm gesagt worden: es geschiehe dies wegen Ungezogenheit. Er wisse aber nicht, ob die Wärterin oder die Kranke dies gesagt habe.— Dr. Hnchzermeyer: Dieser Fall sei ihm bekannt, die betreffende Kranke sei damals in die Jsolirzelle gesperrt worden, weil sie geivnltthätig wurde.— Hier wird gegen S'/., Uhr abends die Verhandlung ans Montag, vormittags 9 Uhr, verlagt. Aus der Verhandlung am Montag sei folgende Episode er- wähnt: Es wird nochmals Amtmann v. d. Goltz über den von diesem am Sonnabend Abend bekundeten Fall, betreffs Ein sperr nng einer Frauensperson in eine Zelle, vernommeii. Dieser bekundet, daß die FrauenSperson in eine Zivangsjacke gelegt war. Er habe keine Uniersnchung an gestellt, ob die Einsperriing u. s. w. mit recht vorgenommen werde. Er habe den Fall nur deShalb zur Anzeige gebracht, weil die Prozedur am Sonntag während des Gottesdienstes stattfand und durch das furchtbare Geschrei die Sonn- tagsruhe gestört wurde. Auf weiteres Befragen be kündet der Zeuge noch: er sei nicht blos Amtmann, sondern auch Standesbeamter. Es fei ihm einmal der Tod eines Kindes von dem Vorstande der Anstalt gemeldet worden. Es fei zur Zeit das Gerücht verbreitet gewesen, daß das Kind keines natürlichen Todes gestorben fei. Er habe je- doch keine Veranlassung gehabt, deshalb nähere Unlcrsiichnngen an- zustelle».— Angekl. Paßler: Tischler Nedermann wird bekunden, daß das Kind in eine Wanne gesetzt wurde, dt« mit kochendem Wasser angesüllt war. DaS Kind ist dadurch verbrüht worden »nd nn den erlittenen Wunde» gestorben.— ES wird beschlossen, den Tischler Nedcnnann als Zengen zn laden.— Pastor Siebold bekundet ans Befragen: Es sind mir allerdings, seitdem ich die Aufsicht über alle Hänfer habe, verschiedene Klagen von Kranken über schlechte Behandlung seilens der Brüder zugegangen. Ich habe stets jede einzelne Beschwerde geprüft niid in den meisten Fällen gefunden, daß die Beschwerde grundlos war. In einem einzigen Falle stellte ich fest, daß ein Bruder einen Kranken geschlagen hatte. Ich veranlaßle infolge dessen die Enttassung dieses Bruders.— Angekl. Paßler: Ist dein Herrn Pastor erinnerlich, daß Bruder Klein, obwohl er einen Kranken geschlagen hatte, nicht entlassen, sondern nach Wilhelmsdors versetzt wurde.— Zeuge: Klein war kein Bruder, er gehörte nur einmal probeweise kurze Zeit der Brüder- schast an. Dieser wurde, nachdem Klagen über ihn ciiigelaufen waren, nach der Kolonie Wilhelmsdorf versetzt, woselbst er eine ganz untergeordnete Stellung hat. Unter der Anklage der vorsätzliche» Beibringung von Gift, in der Absicht einen anderen an der Gesund- Keit zu beschädigen, stand gestern die 24jährige Kellnerin Panline 20 in kl er vor dem Schwurgericht des Landgerichls I. Der Sachverhalt, welcher der Anklage zu gründe liegt, ist kurz folgender: Die Angeklagte war im September dieses Jahres zugleich mit der Kellnerin Corlin in der Schaiikwirthschajt des Fräulein Cisari in der Fürstenivaldersiraße bedienstett Es kam zwischen de» beide» Kolleginnen häufig zu Zank und Streit. Am 3. September d. I. hatte Fräulein Cisari für sich und ihre beiden Kellneriniien Brüh- flippen gekocht, sie genoffen jeder erst eine Taffe, dem Rest setzte Fräulein Cisari Eierinideln zn n»d gab die Suppe zn Mittag. Die Kellnerinnen pflegten daS Essen in der Stube einzniiehmen, die sich neben dem Schankzimmer befand. Zuerst begab sich die Kellnerin Eöilin hinein, um zn effen. Sie nahm ihren gewohnten Platz ei» und genoß einig- Löffel von der Suppe. Da sie ihr aber zu Heist war und gleichzeitig ei» Gast kam, verließ sie den Tisch und begab sich wieder in das Schanklokal. Nun ging die Angeklagte ins Nebenziinmer um zu effen. Zlnch sie kam nach wenigen Augenblicken wieder heraus mit dem Bemerlen. daß die Suppe noch zu heiß sei. Stach einiger Zeit ging dann die Cörlin ins Zimmer, iiiii weiter zu speisen. Sie Halle einige Löffel voll Suppe zu sich geiiommen, als sie aufsprang und die Worte ausstieß:„Nnn wollt Ihr mich wohl gar ver- gifte»!" Sie klagt« über heftiges Brennen im Halse und wurde von«inein plötzlichen Nnivohlsein befallen, das sich zunächst durch Erbrechen äußerie. Die Angeklagte war äußerst blaß und erregt, sie begab sich mit einelii gerade anwesenden Gast in das Neben- zimnier und probirle die Suppe der Cörli». Sie schluckte den In- halt des Löffels aber nicht herunter, sondern eilte ins Kloset. wo sie die Suppe wieder ausspie. Inzwischen wand sich die Cörlin in Schmerzen. Es wurde ei» Arzt geholt, der sofort die»othwendige» Gegenmittel anwendete. Als es nicht gelang, der Kranke» den Magen auszupninpen, wurde» ihr Brechmittel gegeben. Nach einigen Stunden war die Cörlin soweit wieder hergestellt, daß sie in einer Droschke nach ihrer Wohnung fahren konnte. Die Angeklagte war bereits verhaftet worden. Sie behauplele bei allen Vernehmimgcn ihre Unschuld und war auch trotz aller Ermahiiiingen des Vorsitzenden, Landgerichtsdirektors Kaller, im Verhandlungstermine nicht zu einem Geständnisse zn bewegen. Die Geschworenen erkannten ans schuldig, worauf der Staats- anwalt gegen die Slngeklngte eine Zuchthaus st rase von drei Jahren und S jährigen Ehrverlust beantragte. Das Urihcil lautete ans zwei Jahre sechs Monate Zuchthaus und sünfjährigen Ehrverlust. Die Angeklagte erklärte mit ruhiger Stimme, daß sie eine Strafe nicht a»»ehi»e, da sie völlig nn- schuldig sei. Der Iicbc»öu>iirdige Herr Rosenberg. Vor einiger Zeit ging die Nachricht durch die Zeilnnge», daß dcr Kaufmann Rudolf Rosenberg, Charlollenbnrg. vom Schöffengericht freigesprochen worden sei von der Anklage, eine Angestellte dadurch beleidigt zu haben, daß er diese wider ihren Willen geküßt, mit Kosenamen belegt und um- gefaßt habe. Auf die Berufung des Staalsanwalls hin, wurde die ganze Verhandlung gestern vor der Slrafkamiiier des Landgerichts II wiederholt. Das Gericht stellte fest, daß der Angeklagte die Be- leidigte, welche im Bureau allein in einem kleinen Raum arbeitete, aufgesucht hatte, um ein Gespräch mit ihr anzu- knüpfen. Bei dieser Gelegenheit wollte ihm die Beleidigte ein ihr von deinsclbeu vor wenig Tagen geliehenes Darlehen zurück- erstatten. Der Angeklagte weigerte sich durchaus, das Geld zurück- znnchiucn, redete ihr zu, dasselbe zu behalten und wurde mit einem Male liebenswürdig, indem er die sich sträubende Buchhalterin»in- faßte und küßte. Trotz aller Bemühungen gelang es dem An- geklagten nicht, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zn erschüttern. Bei der Verkünduiig betonte der Vorsitzende ausdrücklich, daß derartige Fälle öfter vorkämen und hohe Strafe erforderten. In anbetracht der bisherigen Unbescholleuheit des Angeklagten wurde von einer Freiheilsstrafe abgesehen und aus die vom Staalsanwalt beantragte Geldstrafe von 309 M. erkannt. Ter Kaufuiami Moritz B ü t o w rniS Nixdorf stand vor der zweiten Strafkauuner des Landgerichls II unter der Bejchulsignng, seine noch im jugendlichen Aller befindlichen fünf Ladenmainsclls durch mündliche und thäiliche Beleidigungen wiederholt schwer ge- kränkt zu haben. Vier von den beleidigten Mädchen haben Anzeige bei der Staalsanwalischaft erstattet. Die Verhandlung fand nnler Ausschluß der Oeffenllichkeit statt und endete mit dcr Berurtheilung des Angeklagten wegen Beleidigung in vier Fällen zu drei Monaten G e f ä u g n i ß. Gegen seine Ausweisung anS Berlin, die der Polizeipräsident auf grund des% Ii Nummer 2 des Gesetzes vom 31. De- zeuiber 1842 verfügt hatte, machte der Kaufinanii I. u. a. gellend, er sei nicht wegen eines Verbrechens, sondern wegen mehrerer Vergehen bestraft worden. Der tz 2 Nummer 2 des angewaiidlen Gesetzes spreche aber nur von solchen für die öffenttiche Sicherheit oder Moralität gefährlichen Menschen, die mit Zuchthaus oder wegen eines Verbrechens zn irgend einer anderen Strafe verurlheilt worden seien. Außerdem verwies I. darauf, daß er sich seit seiner Be- strafung drei Jahre tadellos geführt habe. Der Oberprästdeiit und das Ober-Verwaltungsgericht erhielten aber die Ausweisung auf- recht. Den Einwand des Ausgewiesenen, seine Strafen wegen Ver- stoßes gegen die Konkursordnung und wegen Belrnges seien nur Vergehen im strafrechtlichen Sinne, erklärte das Gericht für hin- fällig. Nicht die hentigen strafrechllichen Begriffe von Vergehen und Verbrechen seien maßgebend, sondern die Terminologie de? Gesetzes vom 31. Dezember 1842. Danach seien aber unter Verbrechen auch Vergehen im heutigen Sinne zu verstehen. Traurige Sittenzuständ«. Die Baumeister Bolzinann'schen Eheleuie, Eduard und Wilhelmine Bolzmann aus Paickoiv standen gestern vor der zweiten Strafkammer am Landgericht II. Die Angeklagten haben vier Kinder, zwei Mädchen von 20 und 17 Jahren und zwei Knaben von 13 und 7 Jahren. Sie schliefen mit den vier Kindern in einem einzigen Wohnräume und dennoch duldeten sie, daß die beiden Mädchen in demselben Naiime gewerbsmäßigen Verkehr mit Männern führten, zn welchem die Eltern ihre Töchter ans purem Eigennutz zwangen. Das Urtheil lautete für den Ehemann Bolzmann auf zwei Jahre Zuchthaus und für die noch schwerer verantwortliche Ehe- srau und Mutter auf»w et und«in halbes Jahr Zuchthaus. Vevssnnnlungvn. Eine öffentliche Holzarbeiter-Versammlung, einberufen vom Vertrauensinann der Möbelpolirer, beschäftigte sich am Sonnlag mit den in Sachen des Eberhard'scheu Streik? vor dem Einignngsamt aelrosfenen Vereinbarnugen und deren Ausführung durch den FabrikanUn Eberhard. In den Eiiiigungsbedingungen ist unier andern ieslgesetzt, daß von den seinerzeit streikenden Arbeitern zwanzig innerhalb einer Woche und vierzehn nach Möglichkeit und Bedarf wieder eingestellt werden sollen. Wie es scheint, wird seitens der Bctheiliglen diese Verpflichliing nur auf die Tischer, welche damals in den Streik eintraten, bezogen. Die Möbelpolirer sind dagegen der M-iming, daß auch ihre Kollegen, 17 an der Zahl, die sich im Streik mit den Tischlern solidarisch erklärten, vor den« Eiiiigmigsamt aber nicht vertreten waren, auf die Wiedereiiistellung ein Recht haben, und zwar ans grund der Eiiiigniigsbedinaungen, welche nicht ausdrücklich von wiedereinzustellenden Tischlern, sondern schlechthin von Arbeitern sprechen. In der Versamiiiliing führte der Möbelpolirer Schulz als Referent anS, daß er Herrn Eberhard um WiedereinstellungderPolirer ersucht, aber den Bescheid erhalten habe, es sei augenblicklich kein Bedarf an Polirern vorhanden. Dann habe Schulz aber erfahren, daß Eberhard einige fremde Polirer eingestellt hatte, ob- gleich noch 17 der am Streik betheiligt gewesenen Polirer be« fchästigungslos waren. Nun habe er dem inzwischen gebildeten Arbeileransschuß der Eberhard'scheu Fabrik die Angelegenheit nnter- breitet. A r e n d, Mitglied deS genannten AusschiiffeZ, bekundete. er habe wegen der Polirer mit Eberhard»nterhandelt, dieser Hab« auch die Wiedereiiistellung derselben nach Bedarf»»gesagt, aber noch ehe dies« Zusage erfüllt werden konnte, sei im„Vor- wärls" die Einladung zu der gegenwärtigen Versammlung ai,»oiicirt'worden; infolge dessen habe dann Herr Eberhard von dem Arbeileransschuß die Veröffenilichniig einer Erklärung verlangt, deS Inhalts, daß Eberhard die Eiiiigiingsbediiigungcu erfüllt habe, dies« Erklärung ist auch im„Vorwärts" veröffentlicht. Arend bemerkte am Schluß seiner AuSftihrnngen, daß Eberhard die schriftlich nieder- gelegten Einiguiigsbediiigungen bis jetzt gehalten hnbe. LLaS die mündlichen Abmachungen betreffe, so könne er darüber nichts sagen. A h r e n s, einer der Arbeitnehmer-Beisitzer am Einigungsamt, wies nnler andern» daraus hin, daß Eberhard bei den Verhandlniigen des Einignngsamls ausdrücklich erklärt habe, an dem Verlangen nach WiebereinsteNuiig der Polirer solle die Einigung nicht scheitern. Glocke rügte es, daß seitens der Möbelpolirer eine öffenttiche tolzarbeiter-Versaminlung behufs Stellnngiiahme zu der vorliegenden treitfrage einberufen worden ist. Die Regelung dieses Falles, wie überhaupt aller einen Streik betreffenden Angelegenheiten gehöre in die betheiligle Organisation. Der Redner wies weiter darauf hin, daß er in der Vertrauensiiiäiiiier-Versaminluiig, welche über An- nähme oder'Ablehnung der EiniguiigSbedingnngen zn beschließen halte, ausdrücklich betont habe, daß maii diese Bedingunge» nicht annehmen könne, wenn man auf der Wiedereiiistellung der Polirer bestehe. Die anwesenden Polirer hätten sich aber damit ein- verstanden erklärt, daß die Einigung angenommen werde, ohne Rücksicht auf die Polirer. Im iveiteren Verlans der anSgedehnlen Debatte machten inehrere Redner de» Tischlern, resp. dem Holz- arbeiler-Verband den Vorwurf, daß dieselben sowohl i» der vor- liegenden wie auch bei anderen Gelegenheiten die Solidarität mit den Möbelpolirern nicht i» ivünscheusiverthcr Weise beliindet hätten. Glocke und andere traten diesen Ans- führungen entgegen. Die Berfamnilnng. die sich tiizwischen stark gelichtet hatte und schließlich noch elwa 200 Personen zählle, be- schloß, den Arbeileransschuß der Eberhard'scheu Fabrik zu be- austragen, daß er energisch ans WiedereinsteUnng der Polirer hin- ivirke. Ferner wurde folgende Nesolntion angenommen: Die Versamliilniig erblickt in der Nichteiiiftestnilg der am Streik bctheiligt geivesene» Polirer ein Nichtinnehallen der Vereiiibarnnge» vor dem Einiglingsamt seitens des Herrn Eberhard; sie erwartet die Wieder- «instellnng der Polirer und ist der Ansicht, daß, wenn dies nicht ge- schieht, Herr Eberhard die Vereinbarungen nicht halte» will. Briefkasten der Vedaklion. llktr dllten, b«t I«der einiraki« eine vhlssre izwet Buchstabe» oder eine gabt» anzugede»,»»ter der die Aimvoa«riheil« werden so». Tie juristische Tprcchstiinbe sindet an, Montag. Freitag nnb Sonnabend von« bis 8«Ihr abends statt. Berichtigung. In der Sonntags-Nummer hat der Trnckfehlertenfet die südafrikanische Stadt Johannesburg nach Südameiika verlegt, was hiermit berichtigend erwähnt sei. - Bodiker 33. Dcr Ehemann muh sich an einen Anwalt in London wenden, falls nicht etwa fein hiesiger Wolmsth geblieben ist. Daun kann er auch hier klagen.- F. P. P. 10. I. Die Sachen kSnUen allerdiiigS ge- pfändet werden. Die Eheffa» kann dann aber JnWvciittonöttage erheben — E. S. N0. Eine bestinunte Taxe exfftirt nicht. 6 bis 15 M. werden für de« Beisland bei der Eiilbinduiig, cumi 2 M. für jrdcil Mang für an- gemessen erachtet.- F. L. Ja.- B. B. 00. Wenden Sie sich an die Posidireklioii.— H. I. 41. Di« Ehescheidungsklage hat Ansaht aiif Erfolg Für die Miethssvideruug haften im vorliegenden Falle die«ncheu der Ehesrau Wlt«eri,„aSl>berflcht k'»iii 13. Tczembcr 1KV7, 8 Ikhr morgciiS. Wctter-Proguose für Dienstag, 14. Dezember>8t»<. Zeitweise auskläreud, vorwiegend trübe init Niederschlägen»nd ziemUch frische» südwestlichen Winde»; Temperatiir wenig veränderl, B e r t i u e r W e l l« r b n r e a». Verantwortlicher Redakteur: August Jurobey i» Berliu. Für de» Jnserateutheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Utax Bading in Berit». Dr. 291. i4. mm. 2. Keilage Ks„Wmrts" Kttliner WlksdlM. mnimmmi VevsÄntinsnnAett. ?cr Verbiiud aller»in Handel und Transport beschäftigten Hilfsarbeiter hielt->m Dienstag, den 7. d. M., in den Arininhalle» seine regelmäßige Mitglicder-Versannnlung ab. Nach einige» geschästlickjen Millheilnngen durch den Vorsitzenden, aus denen besonders hervorzuheben ist. daß sich in, Monat November 74 neue Milglieder in den Verband aufnehmen ließe» und derselbe Monat mit einem Kassenüberschnß von 500 M. abschloß, referirte Dr. W eyl über das Thema:„Ist die Lungenschwindsucht heilbar?". 21» den Vortrag knüpfte sich eine längere Diskussion und Frage- stellung au den Referenten. Sodann überwies die Versammlung dem Verlranensman» von Deutschland 50 M. für die Maschinen- bauer Englands. Nachdem noch Kamp als Berliner Vertrauensmann bekannt gegeben, daß auch er durch die Listen, welche er verausgabt, instand gesetzt sei, in de» nächsten Tagen ca. 00 M. an die Ma- schinenbauer Englands abführen zu können, wurde die Versammlung geschlossen. Im Verein der Plätterinnen sprach in der letzten Ver« saininlung Frau No h rla ck über„Zlberglauben". Nach kurzer Dis- kussio» fanden eine Reihe Frage» und Vereinsangelegenheilen ihre Erledigung. den>« Dezember,„f....... � DlSlussto» über„Faust" von Soelhe. Gas |tt/. Uhr. Itnter den Linde». OrpheuS in der Unterwelt. Anfang 7Vz Uhr. Ecutral. Berliner Fahrten. Anfang 7V, Uhr. Thalia. Bitte recht freundlich. Hierauf Berlin über Alles. Anfang 7r/,uhr. Luisen. Fröhliche Weihnacht. An- fang 8 Uhr. Friedrich. WilhelmslädllscheS. Das Käthchcn von Heilbronn. Anfang 8 Uhr. Ostend. Leben und Lieben. An- fang 8 Uhr. Alexauderplaü. Die Verführerin. Anfang 8 Uhr. Urania. Taubenstraste 48—49 Naturkundl. Ausstellung v. 10 Uhr vonnittags ab. Abends 8 Uhr Wiffetischaftl. Theater. Jnvalidcnftrastc 57/62. Täglich (außer Sonntags und Mitttvochö) abends 3 Uhr: Wissenschaftliche Vorträge. Reichshalle». Spezialitäten. An- fang 7'/, Uhr. American. Spezialitäten. Anfang 8 Uhr. Apollo. Spezialitäten. Ans. 7»/, Uhr. «een-Palast. Spezialitäten. lassage- Panoptiknm. Wiener Tanz- und Operetten-Besellschaft. (Wallner-Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: Heim- gefunden. Mittwoch, nachm. 3 Uhr: Frei-Vor- stellung: Wilhelm Tel». Abends 8 Uhr: Heimg'funden. Donnerstag, abends 8 Uhr: Heim g'fnnden._ Ostend-Theater. 9t. Sraiikfnrterflr.lZZ. Dir.«. Weist. Zum 20. Male: Leben und Lieben. Volksstück mit Gesang in 8 Akten von O. Klein. Musik vo» G. Wanda. Ans. 8 Uhr. Im Tunnel von 7 Uhr ab: — Frei-Konzert.— Sonntag, zum 1. Male: Christin- che». Weihnachtsmärchen mit Gesang von Günther Brauer. Cklrtnll-IIiegtei' Alte Jakobstr. 30, Direktion Richard Cchnlta. Dienstag, den 14. Dezember 1397, EibU Tliomaa a. G. Zum 101. Male: BeHinei« kaknten. Burleske«»sstattungSposse mit Gesang und Tanz in 8 Bilden, von Julius Freund und Wilhelm Maiinstäd t. Musik von Jnl. EinödShofer. Anfang V-8 Uhr. Morgen und folgende Tage: Ber- liner Fahrten. Iiuisen-VIiester 34. Reichenbergerstraste 34. Abends 8 Uhr: itWm Weihnacht. Zaubermärcheu mit Musik iu 5 Bildern von L. Ottomeyer. Musik von Fritz Krause. 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Sozialdemokratischer Wahlverelu fiir den zweiten Reichstags-Wahlkreis. Dienstag, de» 14. Dezember, abends pünktlich 8V- Ufjr, bei Herrn Härtens, Friedrichstrafte 236: MG" Bersammlnng.'HW TageS-Orbnung: 2Zg/g 1, Die Begehrlichkeit der Junker in Ost-lbien. Referent Reichstags- Abgeordneter Rechtsanwalt Hnnse(Königsberg). 2. Diskussion. Gäste willkommen._ Der Torstand. Achtung! IV. Wahlkreis, Dienstag, den 14. Dezember. avendS«>/, Uhr. im' BereinShause „�Ud-Dst", Waldemarstraft« 7St Achtung l (Südosten). 5 z y Wlltll 4• tf• Große Mitglieder-Uersommlnng. SCageS-D"'-"...... 1. Die Militürftrafgefeft-Nobl neter Genosse Förster. 2. Diskussion. 9V Die Mitglieder werden a sannnlüng zu ers „Urania" am Z. 244/1 T a g e S- O r d n n n Nobelle. Referent: Reichstags-Nbgeorb -------------- 3. BercinsattgelegenHelte». itglieder werde» aufgefordert, zahlreich in dieser Ver meinen. In dieser Versammlung werden die BilletS zur !eihnachtsfeiertag ausgegeben. ver Vorstand. „ Sozialdemokratischer Wahiverein für den 6. Berliner Reichstags- Wahlkreis. Dienstag, den 14. Dezember, abends 8'/, Uhr: VevImmnUmgen. Kr Nailitnburgtt Vorstadt und Wedding i»„Milbrodt'S Festsälei»", Müllerstraste Nr. 7: Tages-Ordnung: 1. Die Nothwendigkeit politischer Organisation. Referent Reichstags- Abgeordneter Vorth ein*. 2. Diskussion. 3. VeretnSaMelegenheiten. Wet Für Moabit-WD im Moabiter Klubhaus. Bcnssclftraste Nr. 0. T a g e S- O r d ii n n g: 1. Vortrag des ReichStaas-Abgeordnelcn Max Echippel. 2. DIs- kusston. 8. BereinSangelegenheiten. 247/8 Zahlreiches Erscheinen erwartet_ Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Bcrliu.) Morgen. Mittwoch, IS. Dezember, abends 8V« Uhr. bei volin. «euthstr.»0-21» Bertrauenswänuer-Versammluttg summtlichev Veztvke tt. Vvnnchen. Tages-Orbnung: Unsere Stellung bei Streiks und Differenzen in solche» Be. trieben, in denen Mitglieder verschiedener Organisationen be- schaftigt sind. Ausgabe der Swtistik-Fragebogen. BV Kollegen, wir erwarten, baß nicht nur alle bisher vertreten gewesenen Wcrkstellen ihren Dertranensmann entsenden, sondern auch die Kollegen aller derjenigen WerlstcNen, welche bisher verabsäumt haben, Dele- girte zu entsenden, ausgefordert werden, solch- zu dieser Versammlung zu schicken, dmn nur durch Bethetligung aller Kollegen an der aufzunehmenden Stattstil über Lohn- und Arbeitsverhältnisse in unserem Gewerbe kann die- selb« für uns von Nutzen sein. btv. Die Obmänner der Bezirks- und«ranchenlommissionen '"> daft je et« Listenführer um 8 Uhr werde» ersucht zu veranlaifen., t» der Versammlung anwesend ist. vi« Ortsverwaltiinff. SraHtü-BttsgMlW her PerlmttarbMtt a« Donnerstag, 1«. Dezember, abends 7V- Uhr, bei«ellttnlnw, Köpniiterstr. 68. Tagesordnung: 1. Die Lage der Permuttarbeiter Berlins und wie können wir am besten unsere Interessen vertreten. Referent Kollege T o st. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes und Brnnchenangelegenheiten. Verein äer Arapliitjeken Arbeiter unä Arbeiterinnen v6ut8ebllln. IIa der, Berlin G., Prinzcnstr. 37. Versandtgeschäft gesundheitl. RahrungS- und Genußmittel. Berkaiifsstellen: s. u.«W. LengSfeld, Bergmannstr. 14; Mader, Prinzcnstr. 37 n. 83; Braun, Kottbnser Danim 5; Cuvrystr. 46 im Restaurant. T. u. TW. Kranse, Ackerstr. 83/84; Schtvan, Reiiiickendorfcrstr. 23a; Puhl, Bruniicn- straße 165; Auguststraße 58, im Backwaaren- Geschäft; Werner, Alt» Moabit 15. O., SO. u. TO. Schmidt, Petersburaerstr. 85; Rausch, Große Frankfurterstraße 65; Behl, Maricnburgerstraße 36; Neumann, Blinnenstr. 21a. C. u. W. Henke, Spandauer Brücke 1a; Marzahn, Potsdanrerstr. 16; Lulaw Neue Winterfeldtstr. 47; Genossensch.„Hülfe", Brüderstraße 41/42. Eharlotteubnrgi Siesle, Wrolmanstraße iL. Schöneberg z Ntemann, Colonnenstr. 1. 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Zahlstelle Rixdorf. Den Mitgliedern hiermit zur Nach- richt, daß am 11. d. M. unser Kamerad Sdusrd Richnow verstorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 15. d. M., nachmittags 2t/z Uhr, vom Neuen Rixdorfer Kirchhof aus statt. Um zahlreiche Bctheiligung ersucht 255/9 Der Vorstand. Durch Ausdehnung meines Verlags, tnsbes. d. Uebcmahme d. Kommist.- Verlags der Freirelig. Gemeinde u. der Dr. Br. Willesschcn Schriften bin ich gezwungen, mein eingeführtes CigarrengefchiLft. Blnmcnstr. 14, pro 1. April zu Tcrkaufcn. Nd.Hossmann('sVerl.)Fspr. VII. 3928. Berliner Möbel-Halle(Norden) («,.».,) 12«, Ack-rstr. 120.; EmPschle zn WT' Weihnachtsprilsenten:__ Ranchtinche, Cigarrensplndcn, Konsole, Etagferen, ISchlrnistHnder, Handtnchhalter, TUhtlsche, Säulen, Bluiucntische, Klavicrsesscl, Bancrntlschc, Teppiche etc. in reichhaltiger Auswahl zu billigen Preisen. Mir 1« Mark liefere Stoff zu einem ff. 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