Nr. 24. Die Gleichheit 9. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3033) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 22. November 1899. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Der gesetzliche Arbeiterinnenschutz eine Vorbedingung für die höhere Entwidlung und die Befreiung der Proletarierin. I. Gesetzlicher Schutz Arbeitsfür Wäscherinnen und Plätterinnen. Von Helene Simon. lohn und Arbeitszeit des Berliner Proletariats. Von F. H.( Schluß.) -Drei Kongresse bürgerlicher Frauenrechtlerinnen. Aus der Be wegung. Feuilleton: Ebbe. Novelle von Adele Gerhard.( Fortsetzung und Schluß.) Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrifinspektoren. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Frauenstimmrecht. Frauenbewegung. Der gesetzliche Arbeiterinnenschuk eine Vorbedingung für die höhere Entwicklung und die Befreiung der Proletarierin. I. Der geschichtliche Werdegang hat die Frau in eine neue Welt geführt, ihr neue, vielseitige, schwierige Aufgaben gestellt. Der weibliche Wirkungsfreis in der Familie hat sich vertieft, die Frau hat im öffentlichen und Staatsleben Interessen zu vertheidigen, Rechte zu wahren oder zu erkämpfen, Pflichten zu erfüllen. Immer mehr drängen die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie lebt und arbeitet, zur Bethätigung auf allen Gebieten des sozialen Lebens. Soll die Frau fich diesen höheren Ansprüchen gewachsen zeigen, so ist eine reichere und tiefere Entwicklung ihrer Persönlichkeit unerläßlich. Für die breitesten Schichten der Frauenwelt, für die dem Stapital frohndenden und zinsenden Proletarierinnen ist der gesez liche Arbeiterinnenschutz eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, ja eine unbedingte Voraussetzung, daß ihre Kräfte und Gaben sich freier zu entfalten vermögen, daß sie als gesunde, starte Persönlichkeiten in der Familie und in der Welt gebend und empfangend ihr Theil Kulturarbeit leisten. Allerdings bewerthet die orthodore Frauenrechtelei in England, Frankreich, Belgien und anderwärts den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz durchaus anders und durchaus verfehrt. Sie erblickt in ihm nur einen von„ männlichen Gesetzgebern" schlau ausgeklügelten Kniff, die Frau in wirthschaftlicher und sozialer Knechtschaft vom Manne zu halten, ihr mit der auf ihre Erwerbsarbeit gegründeten öfonomischen Selbständigkeit die persönliche Freiheit der Entwicklung und Bethätigung zu rauben. Der internationale Frauenkongreß zu London hat dies erst neuerlich wieder bestätigt. Die deutschen Frauenrechtlerinnen haben in der Frage zwar feine einheitlich verneinende Stellung eingenommen, jedoch noch weniger von dem Eintreten für die Anstellung von Fabrikinspektorinnen abgesehen eine entschieden fordernde auf Grund eines beſtimmten Programms. Jedenfalls ist es charakteristisch, daß Frau Marie Stritt, die sich vom Radikalismus zu recht zahmer Mäßigung durchgemausert hat, in einem Artikel über den internationalen Frauenfongreß* vor dem ſeichten frauenrechtlerisch- kapitalistischen Gerede in London mit einer frititlosen Hochachtung fnirt, die sich selbst als rechtmäßiges Kind völliger Unwissenheit in der Materie legitimirt. Und doch bildet gerade die Rücksicht auf die Entwicklung der Proletarierin zu einer * Der internationale Frauenkongreß in London", in„ Die Frau", August 1899. " Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Bettin( Bundel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. starken Persönlichkeit, zur Kämpferin für Recht und Freiheit ein bedeutsames Glied in der Kette der Gründe, welche mit zwingender Logik für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz sprechen. Die Proletarierin kann nur als kapitalistisch Ausgebeutete einer Berufsarbeit nachgehen. Ihre Erwerbsthätigkeit verwandelt sie zwar dem Manne und der Familie gegenüber aus einer wirthschaftlich Abhängigen in eine wirthschaftlich Freie, unterwirft sie aber gleichzeitig als Lohnsflavin dem Unternehmer. Ihre Berufsarbeit muß deshalb in erster Linie dem kapitalistischen Profit dienen, sie wird nicht von der Rücksicht auf die Entwicklung und Bethätigung ihrer Persönlichkeit beherrscht. Unbeschränkte Freiheit der Arbeit bedeutet für die Proletarierin in Wahrheit nichts anderes, als unbeschränktes Ausgebeutetwerden auf Grund unbeschränkter Ausbeutungsmacht des Kapitalisten. Statt größerer Freiheit der Person bringt sie ihr die ärgste Sklaverei, die schonungsloseste, kulturfeindlichste Vernichtung des Menschlichen, des Persönlichen, das an ihrer vertauften Arbeitskraft hängt. Giebt es ein erschütternderes, herzzerreißenderes Bild der Unfreiheit, der in den Staub getretenen Persönlichkeit als das der Proletarierin, die von der Noth an die Maschine gefesselt, in die Werkstatt gebannt, oft unter ungesunden Bedingungen, bei gefährlichen Beschäftigungen Stunde auf Stunde eines schier endlosen Arbeitstags, nicht selten einer halben oder ganzen Arbeitsnacht bei eintöniger Verrichtung verbringt, einem Automaten gleich ihr Pensum abhaspelnd, Intelligenz, Kraft, Wille von der mechanischen Leistung verzehrt; keine freie Arbeiterin, die in fröhlichem Schöpfungsdrang wirkt, eine gedrückte Lohnsklavin, die widerwillig oder in stumpfsinniger Ergebung dem Zwange gehorcht. Damit nicht genug. Die Niedrigkeit ihres Verdienstes, die Dürftigkeit des proletarischen Familieneinkommens schließen es aus, daß die Proletarierin wie die bürgerliche Dame Dank des Wirkens von Köchin, Stuben- und Kindermädchen einen wohlfeilen Ruf als gute Hausfrau und treffliche Mutter erntet. Zu der Frohn ums Brot fügen sich vor Tage, in der Mittagspause, des Abends, ja Nachts und an den Feiertagen die häuslichen Arbeiten in langer Reihe. Was die proletarische Familie an bescheidenem Heimleben und Heimglück befigt; was der Manndaheim an Ordnung, Sauberfeit und Bequemlichkeit findet, was den Kindern an Pflege und Mutterſorge zu Theil wird: es ist der Proletarier in eigenstes Wert, sie hat es ihrem ermatteten, abgearbeiteten Körper, ihrem müden, versorgten Hirn, dem verhärmten Gemüth abgerungen. Und nun treten an die zwiefach Bebürdete und leberbürdete neue, dringliche Aufgaben heran, Aufgaben, die sie innerhalb der Gemeinschaft ihrer Klaffe, die sie im öffentlichen Leben erfüllen muß. In ihren Erwerbs- und Eristenzverhältnissen, in der Familie, in Gemeinde und Staat werden ihre Interessen von Thatsachen auf Thatsachen berührt, die ihr predigen: Lerne! Erkenne! Wolle! Handle! Weil der fapitalistische Brotherr zu Nuz und Frommen seines Profits Beſchlag auf den besten Theil ihrer Straft legt, rücksichtslos mit der Gesundheit die Wurzeln starken geistigen Lebens, die Wurzeln der Willenskraft vernichtet, vermag die Prole= tarierin trotz Anspannung aller Energie nicht immer der Familie zu geben, was der Familie sein sollte. Wie soll sie, die als Mutter und Gattin nicht den nächstliegenden alten Pflichten ge= nügen kann, ihre Persönlichkeit so weiten, kräftigen, mit höherem Schwung und tieferem Gehalt erfüllen, mit besserer Bildung ausrüsten, daß sie als Kämpferin für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und für die Befreiung der Arbeiterklasse die weitfassenden neuen Aufgaben zu erfüllen im Stande ist? Gewiß, daß es Tausende von Proletarierinnen giebt, deren heißes Drängen nach einem Empor des Seins, nach einem reicheren, vielseitigeren Wirken auch der bleierne Druck der sozialen Ungunst nicht zu er sticken vermag. Unter Opfern und Schmerzen sonder Zahl und Namen haben sie gelernt, sich selbst, die Zeit und ihre Aufgaben zu verstehen, streben sie darnach, die Fesseln der Geschlechtssklaverei abzustreifen, die Ketten der Klassensklaverei zu brechen. Aber das Helden- und Märtyrerthum dieser Minderzahl darf nicht über die Thatsache hinwegtäuschen, daß Hunderttausende, ja Millionen von Proletarierinnen faum zum vollen Bewußtsein ihrer Persönlichkeit gelangen können, daß ihnen erst recht jede Möglichkeit zu höherer Entwicklung und reicherer Bethätigung fehlt, weil die kapitalistische Ausbeutung sie mit einem Uebermaß von Arbeitslasten bebürdet. Und an diesem Punkte setzt der gesetzliche Arbeiterinnenschutz refor mirend ein und erweist sich wie wir in dem folgenden Artikel zeigen werden als ein vorzügliches, ja als ein unentbehrliches Mittel, um das Persönlichkeitsbewußtsein bei der Masse der proletarischen Frauen zu wecken und zu heben, um diese aus demüthigen Trägerinnen sozialer Doppelfnechtschaft zu klarblickenden, willensstarten Freiheitskämpferinnen zu verwandeln. Gesetzlicher Schuk für Wäscherinnen und Plätterinnen. Von Helene Simon. Bei der hochwichtigen Agitation für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, in welche die proletarische Frauenbewegung auf Grund des Beschlusses vom Parteitag jetzt eintritt, möchte ich an Arbeiterinnenfategorien erinnern, die bisher außerhalb allen Schutzes stehen: die Wäscherinnen und Plätterinnen in Betrieben, in denen feine Dampfkraft verwendet wird. Gerade in Folge einer Agitation, die weite Voltskreise zu ergreifen verstand, gelang es in England 1895, diesen Arbeiterinnen einen, wenn auch durchaus unzulänglichen Schuß zu verschaffen. Nicht ganz mehr so ungehindert wie früher dürfen sie alle Stunden, die Gott geschaffen hat" in Dampf und Gluth auf durchnäßtem Boden oder in hermetisch verschlossenen Räumen arbeiten. Es ist fast unglaublich, daß der prächtig durchgeführte Streit der Wäscherinnen in Isenburg so einzig in seiner Art geblieben ist. Unzählige Male habe ich in Berlin zu späten Abendstunden im Souterrain eleganter und ärmlicher Häuser, in den Vierteln des vornehmen Westens und des proletarischen Ostens blasse, abgemüdete Frauen, alte Frauen und vielfach sehr junge bleichsüchtig aussehende Mädchen beim Plätten beobachtet, so nahe und so lange, daß mich die Unternehmerin zuweilen mehr oder weniger höflich gefragt hat, ob ich Maulaffen feil halte, oder mir ähnliche Zärtlichkeiten auf gut Berlinisch sagte. In Karlsruhe werden vielfach, wie auch in anderen Theilen Deutschlands und vor Allem in der Schweiz von Wäschereiunternehmern Waschstellen an einzelne Frauen vermiethet. In zwei großen Wäschereien fand ich Folgendes: Die eigentliche Dampfwäscherei untersteht als Fabrikbetrieb dem Titel VII der Gewerbeordnung. Ein großer Theil der Räumlichkeiten, den die Unternehmer an einzelne Waschfrauen vermiethen, die allein oder mit 1 bis 2 Gehilfinnen thätig sind, ist vogelfrei. In der Fabrik war für ausreichende Ventilation vor Allem dafür gesorgt, daß das Wasser in richtiger Weise abfloß, so daß die Frauen auf trockenem Boden standen. In der Miethsfabrik war das anders: ein dampfender Raum, in dem mir beim Eintritt der Athem stockte; glühende, nasse Luft, die mir Gesicht und Kleider sofort durchfeuchtete. Die alte Wäscherin, der ich den Eintritt in einer der Wäschereien verdankte, kam mir entgegen, um mich einen möglichst trockenen Weg durch den langgestreckten mit Waschzubern verstellten Raum bis zu ihrem Stande zu führen. Da arbeitete sie mit einer ebenfalls grauhaarigen Gehilfin an einer Stelle, zu der das Wasser wie in einem Tümpel zusammenlief und ihr über die Knöchel in die Holzschuhe spritzte. ,, Daher habe sie wohl das Reißen", meinte sie. Die Frauen in der Miethsfabrik arbeiten in der Regel nur(!) zwei Stunden länger als die in der Fabrik. Hat die oben erwähnte Wäscherin ihr Theil gewaschen, dann packt sie es mit der Gehilfin auf einen Ziehkarren und beide fahren die Wäsche nach der drei Viertelstunden entfernten Stadtwohnung, wo zwei Töchter auf dem vierten Stock in niedrigen, Luftlosen Stuben von früh bis spät plätten. Ueber die Arbeitsbedingungen der betreffenden Kategorie von Wäscherinnen und Plätterinnen liegt mir noch weiteres Material vor, das ich gesichtet verarbeiten wollte. Als ich jedoch in der letzten Nummer der„ Gleichheit" die Artikel, betreffend die Agitation für 186 den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, las, da stiegen die oben erwähnten und andere Bilder so quälend vor mir auf, daß ich mir erschien wie jener Reiter in der Wüste, der, als ein Verschmachtender ihn um Hilfe anflehte, zuerst sein Pferd absattelte. Bis er damit fertig, war der Verschmachtende todt. Alle Hochachtung vor gewissenhaften und umfangreichen Enqueten aber die Frage ist hier so spruchreif, ja so überreif" so gut wie auf anderen Gebieten, daß es nicht mehr gilt,„ erst zu enquetiren, sondern endlich zu handeln". Was unterscheidet denn die Wäscherin und Plätterin von den Hausindustriellen in anderen Gewerben? Doch höchstens, daß die gesundheitlichen Verhältnisse, unter denen sie arbeitet, noch schmählichere sind! Ich hoffe in einem folgenden Artikel noch einiges zu dieser Frage beizubringen. Einstweilen bitte ich diejenigen, die in die Agitation für die große Frage des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes eintreten, die Wäscherinnen und Plätterinnen nicht zu vergessen. Arbeitslohn und Arbeitszeit des Berliner Proletariats. ( Schluß.) Hirschberg giebt den Normallohn der Arbeiterinnen in Berlin für Mai 1885 auf 10 bis 11 Mt. pro Woche an, aber auch 7 bis 8 Mt. tamen häufig vor, namentlich in der Handschuhindustrie, die Löhne in der Bekleidungsindustrie standen damals höher. Die höchsten Löhne wurden in der Plätterei gezahlt. Besonders geübte Plätterinnen für neue Wäsche verdienten 100 bis 125 Mt. im Monat. Allerdings erhalten die Mädchen während ihrer Lehrzeit keinen Lohn, sondern müssen Lehrgeld zahlen und sich auch zur Arbeit einige Jahre verpflichten. Aber der Verdienst der Plätterinnen ist nur schöne Ausnahme. Kartonnagearbeiterinnen erhielten bei 10stündiger Arbeit nur 5 bis 7 Mt. pro Woche. 37 Prozent der übrigen Arbeiterinnen der Papierindustrie mußten mit Löhnen von 9 bis 12 Mt. auskommen. Daß solche Hungergroschen die Arbeiterinnen oft der Prostitution in die Arme treiben, ist eine bekannte Thatsache, die sogar von„ wohlwollenden" Bourgeois beklagt" wird, die das„ nothwendige Uebel" gerade nicht als„ Sicherheitsventil" für ihre Begierden brauchen. Es drängt sich die Frage auf, wie ist es möglich, daß die Arbeiterinnen sich mit Löhnen begnügen, welche sie zu einem freudlosen, entbehrungsreichen Vegetiren zwingen, ja dem Hunger und Laster ausliefern? Die von der kapitalistischen Ausbeutung bedingte Auflösung der proletarischen Familie giebt die Antwort darauf. Viele Tausende von proletarischen Mädchen sind von frühester Jugend an für ihren Lebensunterhalt auf sich selbst angewiesen, sie sind gezwungen, um jeden Preis einen Erwerb zu finden, und so lange sie nicht organisirt sind, müssen sie die Arbeit so gut wie bedingungslos annehmen. Leben aber die Mädchen noch in dem armseligen elterlichen Haushalt, so besteht für sie der Zwang des„ Mitverdienens", und die Löhne, mit denen sie sich in diesem Falle zufrieden geben, sind um so schlechter. Eine durchschnittliche Dauer der Arbeitszeit in Berlin ist kaum anzugeben, da der Arbeitstag in den verschiedenen Industrien verschieden lang ist. In vielen Betrieben ist die 10 bis 11 stündige Arbeitszeit die Regel, in manchen Gewerben kommt ein ,, Arbeitstag" von 22 Stunden vor. Einige Fabriten haben den Versuch gemacht, die achtstündige Arbeitszeit einzuführen. Freese schreibt, daß in 8 Stunden nicht weniger, sondern mehr als früher bei 9- bis 14ſtündiger Arbeit verdient worden sei. So verdienten 1885/87 Näherinnen bei 9 bis 14 stündiger Arbeit 11,37 Mt. wöchentlich, 1890/91 bei 9 Stunden Arbeit 13,15 Mt., 1893 bei 8 Stunden Arbeit 14,66 Mt., 1895 bei 8 Stunden Arbeit 12,35 Mt. Eine genügend ausgeruhte Arbeitskraft leistet eben mehr, als eine stetig ausgenußte, angespannte und überanstrengte. Mit der verkürzten Arbeitszeit zusammen ist fast allgemein in den betreffenden Betrieben der Stücklohn eingeführt worden. Auch über die Lage der Berliner Dienstboten enthält Hirschbergs Buch manches schätzenswerthe Material. In den letzten Jahrzehnten sind die Löhne der Dienstboten nicht unwesentlich gestiegen. Im Jahre 1858 wurden Löhne von 60 Mt. im Minimum, 90 bis 120 im Mittel und 150 Mt. für gute Köchinnen gezahlt. Hierzu kam noch ein Weihnachtsgeschenk von 15 bis 30 Mt. Die gegenwärtig gezahlten Löhne betragen dagegen: Mädchen für Alles Kindermädchen. Hausmädchen Köchin.. Amme. Niedrigster Mittlerer Höchster Lohn in Mark. 135 165 240 105 150 180 • 150 180 210 . 180 210 300 . 240 300 360 - 187 Wohnung und Kost sind auf etwa 1 Mt. pro Tag, Weihnachtsgeschenke auf 20 Prozent des Lohnes zu veranschlagen, so daß im Durchschnitt das jährliche Einkommen einschließlich anderer Zuwendungen an Wäsche, Trinkgeld 2c. auf ca. 600 Mt. gerechnet werden kann. Bei Ammen, deren Bedarf jährlich auf etwa 1000 ge= schätzt wird, ebenso bei besonders tüchtigen Köchinnen werden weit höhere Löhne als die angegebenen gezahlt. Materiell sind also die Dienstmädchen im Allgemeinen besser gestellt, als viele Arbeiterinnen. Obdach und Kost ist ihnen gesichert, wenn auch die Kost in manchen Familen sehr viel zu wünschen übrig läßt, nicht in genügender Menge und noch öfter in äußerst fragwürdiger Güte verabfolgt wird und der berüchtigte Hängeboden" sicherlich der verrufenen Schlafstelle nicht vorzuziehen ist. Aber was die Dienstmädchen günstigen Falls materiell vor den Arbeiterinnen voraus haben, daß wird wett gemacht durch das hohe Maß ihrer persönlichen Unfreiheit. Da das Dienstmädchen jederzeit zur Verfügung der„ Herrschaft" stehen muß, so ergiebt sich eine Art ununterbrochener Arbeitszeit. Selbst die übliche Bedingung eines freien Sonntagsnachmittags alle 14 Tage wird nicht immer innegehalten. Dank der preußischen Gesindeordnung, welche die Abhängigkeit und Unfreiheit des Dienstmädchens zur entwürdigenden Hörigkeit steigert, fann eine böswillige oder unverständige Herrschaft die Lage des Dienstmädchens zu einer ganz unerträglichen machen. Da nach der Gesindeordnung die Herrschaft im Falle einer Erkrankung des Dienstboten für diesen sorgen muß, so hat sich in Berlin ein Verein gebildet, der gegen einen Jahresbeitrag von 6 Mt. den Herrschaften diese Sorge namentlich bei Krankenhauspflege abnimmt. Während diese Versorgung die Krankenversicherung ersetzen soll, sind die Dienstboten in die Invaliditäts- und Altersversicherung einbezogen. Außerdem hat sich ein Privatfonds mit beträchtlichem Vermögen die Unterstützung alter Dienstboten zur Aufgabe gemacht. Der im Jahre 1826 aus Beiträgen der Dienstboten gegründete Fonds vertheilte vom Jahre 1830 ab Prämien, die seit dem Jahre 1864 durch monatliche Unterstützungen bis zu 12 Mt. ersetzt wurden. Längere Dienstzeit ist die wesentliche Bedingung dafür, daß ein alter Dienstbote mit dem Betrag von 12 Mt. monatlich begnadet wird. Da als Beitrag der Dienstboten zu diesem Fonds bei Antritt bezw. bei jedem Wechsel der Stellung 50 Pf. erhoben werden, so läßt sich aus den jährlichen Beiträgen der Stellenwechsel ersehen. Der Stellenwechsel der Dienstboten betrug demnach im Minimum pro Kopf und Jahr 1861 1,68; 1871 1,56; 1882 0,80; 1895 1,24; und der Dienstbote war durchschnittlich je 7,1; 7,7; 14,8; 9,7 Monate in seiner Stellung. Die durchschnittliche Dauer ist also sehr gering für ein Thätigkeitsverhältniß, welches gerade erst durch ein längeres Zusammenleben von Arbeitnehmer und Arbeitgeber werthvoll zu werden pflegt. Die früher vielleicht mehr vorhanden gewesenen patriarchalischen Beziehungen zwischen„ Herrschaft" und„ Gesinde" sind in neuerer Zeit so ziemlich verschwunden. = Von wesentlichem Einfluß auf die kurze Dauer der Dienstver hältnisse ist das Gesinde und das Ammenvermiethungswesen. Die Zahl der konzessionirten Gesindevermiether stieg von 8 im Jahre 1870 rapid auf 464 im Jahre 1880. Dabei hatte sich der Mißbrauch eingebürgert, daß diese Vermiether die Stellensuchenden, welche von auswärts tamen, namentlich die Ammen mit ihren Kindern, in Wohnung und Kost nahmen, sie schlecht verpflegten, ausbeuteten und vielfach zur Prostitution verleiteten. Seit 1879 wurden diese Zustände mit Erfolg polizeilich bekämpft. Am Stellenwechsel der Dienstboten, ebenso an der Heranziehung auswärtiger Mädchen, die ihrer Vorbildung nach gänzlich ungenügend für Berlin sind, haben die Inhaber dieser Gesindebureaus ein lebhaftes Interesse der Gebühren wegen, die sie für jede Stellenvermittlung erhalten, und die 3 Mt., größtentheils 5 oder 6 Mt. betragen, für besonders gute Stellen aber auch 30 und 50 Mt. ausmachen. Daß in Berlin die weiblichen Dienstboten in sittlicher Beziehung stark gefährdet sind, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Hoch ist die Zahl der unehelichen Geburten unter den Dienstmädchen, und auch die Prostituirten rekrutiren sich zu einem großen Theil aus den weiblichen Dienstboten. Neuere Statistiken fehlen leider hierüber; eine Statistik von 1873, welche sich auf 2224 Prostituirte erstreckte, ergab folgende Ziffern: Gesinde Fabrikarbeiterinnen 35,7 16,0 Hausindustrie und Ladengeschäfte.. 42,0 Aufwartung in Verkaufslokalen.. 6,3 Also über ein Drittel der Prostituirten bestand aus früheren Dienstmädchen. Auf 1000 damals vorhandenen Dienstboten kamen 17, auf 1000 Arbeiterinnen nur 13 Prostituirte. Schuld an dem sittlichen Verfall vieler Dienstmädchen trägt jedenfalls in hohem Maße das Stellenvermittlungswesen, die Verführung zur Annahme ungeeigneter Stellungen( als Kellnerinnen 2c.), die Unkenntniß der zuziehenden, meist jungen Mädchen mit den Berliner Verhältnissen und die völlige Vereinsamung fern von der Heimath, von Verwandten und Freunden, in einer unbekannten Großstadt. Dazu kommt eine demoralisirte und demoralisirende Umgebung, in gar manchem Falle die Vergewaltigung oder Verführung durch den Dienstherrn oder seine Söhne, schließlich schreckt nicht gerade die hohe soziale Stellung", deren sich unter den Dienstboten die Ammen erfreuen. Der starke Zuzug von Dienstboten( 1895: 43 238) ist durchaus nicht auffallend, sondern durch die Verhältnisse bedingt. Das größte der Berliner Stellenvermittlungsbureaus vermittelte 1892 nicht weniger als 62 000 Stellen gegen eine Gebühr von je 1 Mk. von beiden Theilen. Der Arbeitsumfang der gemeinnüßigen Vereine für Stellenvermittlung ist nicht groß, obgleich dieselben in Bezug auf Unterkunft und Unterweisung manches Gute leisten. Der Thätigkeit der Vereine fehlt die Einheitlichkeit, auch wird sie durch den altfränkischen Brauch gehemmt, religiöse Bestrebungen mit realen Dingen zu verquicken. Daß die mittelalterliche Gesindeordnung fallen muß, wenn die Lage der Dienstboten sich bessern soll, liegt auf der Hand. Aber ihre Beseitigung allein genügt nicht. Die Dienstboten müssen ihre Gleichstellung mit den gewerblichen Arbeitern und Arbeiterinnen erlangen. Die Koalitionsfreiheit, die sie in kleinen Theilen Deutschlands schon besitzen, muß ihnen in allen Bundesstaaten zuerkannt werden, ebenso muß ihnen gesetzlicher Schutz wider eine übermäßige Ausnutzung ihrer Arbeitskraft zu Theil werden. Die Entwicklung der Verhältnisse zeigt offenbar die Tendenz, die Dienstboten in häusliche Tagarbeiter und Tagarbeiterinnen zu verwandeln. Anzeichen dafür sind der häufige Stellenwechsel, die kurzen Kündi gungsfristen, die kürzere Arbeitszeit 2c. Auch die freie Kost und noch mehr die Wohnung wird jetzt schon häufig von der Herrschaft abgelöst. Von großem Einfluß auf diese Wandlungen ist der wirthschaftliche Verfall des Mittelstandes, die Wohnungsnoth in den Städten, eine Reihe technischer Erfindungen, welche allmälig den Haushalt revolutioniren 2c. Haben sich die Verhältnisse erst in dieser Richtung weiterentwickelt, so wird das von der Familie losgelöste Dienstmädchen oder was sie dann ist, die Hausarbeiterin, von selbst auf das Gebiet des ausgesprochenen Klassenkampfes gedrängt. Die Schichten der Arbeiterinnen aber, welche heute schon im Stande sind, das Solidaritätsgefühl zu pflegen und vereint ein Dasein zu erkämpfen, welches der Kulturmenschen wenigstens einigermaßen würdig ist, sollten sich ohne Säumen zusammenschließen, um in festen Reihen an der Seite der Männer, mit der zähen Ausdauer und der opfermüthigen Begeisterung, welche das Weib vor Allem auszeichnet, zu kämpfen für eine neue, schöne, große Zukunft, deren erste Morgenröthe bereits in die soziale Finsterniß des fapitalistischen Klassenstaats hineinleuchtet. F. H. Drei Kongresse bürgerlicher Frauenrechtlerinnen. Im Oktober haben drei Kongresse bürgerlicher Frauenrechtlerinnen getagt, auf denen sich diese und zwar gemäßigte" wie ,, radikale" mehr als sonst mit der Frage sozialer Reformen, mit Abschnitten der Arbeiterinnenfrage befaßt haben. " In Königsberg fand die zwanzigste Generalversammlung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins" statt und in Anschluß daran ein öffentlicher Frauentag. Der Allgemeine deutsche Frauenverein" repräsentirt den rechten Flügel der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung; im Punkte des Kampfes für Frauenrechte zeichnet er sich durch die größte Halbheit und Schwäche aus, im Punkte sozialer Reformthätigkeit durch Rückständigkeit der Auffassung. Die Königsberger Verhandlungen sprechen nun dafür, daß sich innerhalb der Organisation ein kleiner schüchterner Fortschritt zu einer geklärteren Auffassung über soziale Verhältnisse, Schäden und Aufgaben zu vollziehen beginnt. Der Allgemeine deutsche Frauenverein" hat sein Gebiet sozialer Hilfsarbeit erweitert, die Fürsorge für entlassene weibliche Strafgefangene, die bessere Regelung des Kostkinderwesens ( Pflege unehelicher Kinder) in den Bereich seiner Thätigkeit eingezogen. Was zu diesen beiden Materien, was über Rechtsschutzvereine, Vereine für Hauspflege, Volksunterhaltungsabende und Arbeiterinnenheime geredet wurde, war in den Einzelheiten oft recht gut und treffend, im Ganzen aber seicht und ließ das Verständniß für die tieferen sozialen Zusammenhänge vermissen. Immerhin zeigt sich gegen früher eine richtigere Bewerthung der Wohlfahrtseinrichtungen, die nicht mehr als Allerweltsheilmittel gegen gesellschaftliche Schäden, als Mittel zur Lösung der sozialen Frage über das Schellendaus gepriesen wurden. Wie mangelhaft die Erkenntniß sozialer Erscheinungen trotz des Schrittchens nach Vorwärts noch ist, bewies das Referat über die Sittlichkeitsfrage und die Haltung in der Frage des Arbeiterinnenschutzes. Ueber die Sittlichkeitsfrage sprach Frau Bieber-Böhm mit der gleichen Einseitigkeit und Unkenntniß wie seit Jahren, ohne daß ihre Ausführungen ein Wort der Kritik und Ergänzung hervorriefen. Zur Frage des Arbeiterinnenschutzes hatte Frau Eichholz im Namen der Ortsgruppe Hamburg folgenden Dringlichkeitsantrag eingebracht:„Der.Allgemeine deutsche Frauenvcrein' wolle beschließen, dem Reichstag eine Petition zu überreichen, welche dahin geht, bei der voraussichtlich im November stattfindenden zweiten Lesung der Gewerbenovelle die Paragraphen 135—139 auch auf die Hausindustrie und Heimarbeit anwendbar zu machen. Ferner wolle der.Allgemeine deutsche Frauenverein' die anderen großen Frauenvereine Deutschlands zur Unterschrift möglichst schnell heranzuziehen suchen." Hier, wo es galt, für die Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten, die Heimarbeiter einmal einzutreten, versagte der oft betheuerte Reformeifer der Damen. Dem Antrag von Frau Stritt entsprechend schob man die Angelegenheit von dem„Allgemeinen deutschen Frauenverein" auf den„Bund" ab. Das treffliche Referat, das Fräulein Salomon über Arbeiterinnenschutz hielt, kann nicht dem„Allgemeinen deutschen Frauenverein" zugute gerechnet werden, sondern ist der Vorstoß einer einzelnen besser unterrichteten Persönlichkeit, welche die gemäßigten Frauenrechtlerinnen zu einer einsichtigen und energischen Stellungnahme auf dem Gebiet der sozialen Reform drängen möchte. Fräulein Salomon wies nach, wie nothwendig der Schutz der Arbeiterinnen durch die Gesetzgebung und durch die gewerkschaftliche Organisation ist. Nur durch die eigene Kraft, so betonte sie, werden die Arbeiterinnen vermittelst der Staatshilfe und der Selbsthilfe bessere Arbeitsbedingungen erringen, aber die bürgerlichen Frauen können sie in ihren Bestrebungen förder» und sollten sogar vor der materiellen Unterstützung von Streiks nicht zurückschrecken. Einen geradezu niederdrückend schwächlichen Eindruck machten die Verhandlungen über die Aktion des Vereins zu Gunsten der Frauenrechte, dem eigentlichen Wirkungsgebiet jeder ernsten Frauen bewegung. Mit der Organisation von Gymnasialkursen für Mädchen, Petitionen für Zulassung der Frau zu den Universitätsstudien und liberalen Berufen, mit der Forderung obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen, und Petitionen für Reform des Familienrechts im neuen Bürgerlichen Gesetzbuch ist im Wesentlichen erschöpft, was der„Allgemeine deutsche Frauenverein" auf diesem Gebiet that und zu thun gedenkt. Wohl wurde die Hoffnung geäußert, daß in absehbarer Zukunft den Frauen das kommunale Wahlrecht zuerkannt werden würde, von einem Kampfe für die Eroberung dieses Rechtes war jedoch keine Rede. Bezeichnender Weise klangen die Königsberger Verhandlungen nicht in der Forderung der vollen Bürgerrechte für das weibliche Geschlecht aus, vielmehr in einer pastoral-salbungsvollen Rede von Helene Lange über„Weltanschauung"; es war dies die Rede einer schöngeistigen Schulmeisterin, die vor„höheren Ebbe. Von Adele Gerhard. (Fortsetzung und Schluß.) Martin war des Zusammenseins müde. Er setzte seine Abreise auf den folgenden Morgen fest. Ueber Helgoland wollte er nach Hamburg, später zurück nach England. Vergebens versuchte Ludolf ihn zu halten, Edgar machte aus seiner Freude keinen Hehl. Zornig strich Martin den Nachmittag in der Sonnengluth in den Dünen umher. Mit einem Male sah er im Innern der Insel zwischen zwei Hügeln Alice ausgestreckt ruhen. Ein großer rother Schirm wölbte sich schützend gegen die sengenden Strahlen am Kopfende ihres Lagers, ein türkischer Shawl war unter ihr ausgebreitet. Dicht neben Alice kauerte Edgar in dem dünnen Dünengras und redete eifrig auf sie ein. Die Umrisse der beiden Gestalten zeichneten sich deutlich in der ungedämpften Luft. Martin blickte auf das Paar. Edgar, ganz Leben, ganz Verlangen, mit heißen, blauen Augen und geröthetem Gesicht— Alice mit gesenkten Lidern vor sich hinschauend, keinen Widerschein seiner Wünsche in den unbewegten Zügen. Die stille, warme Luft trug unverständliche Laute an Martins Ohr. Mit einem Mal neigte sich Edgar näher und berührte das runde Frauenkinn. Sie bog den Kopf zurück, mehr belästigt als erzürnt. Ruhig hob sie den Shawl von der Erde und schritt die Dünen hinab. Mit einem Sprunge hatte Edgar sie eingeholt. Töchtern" philosophirt und nicht die Rede einer Kämpferin für Frauenrechte. Die„Delegirtenversammlung der Bereine Frauenwohl" führte in Berlin die Vertreterinnen der„radikalen" Richtung in der bürgerlichen Frauenbewegung zusammen. Hauptzweck der Tagung war, die radikalen Elemente, Vereine wie Einzelpersonen, in einer festen Organisation zusammen zu fassen, welche innerhalb des „Bundes deutscher Frauenvereine" eine fortschrittliche Strömung durchsetzen soll, die für die letzten grundsätzlichen Ziele der Frauenbewegung eintritt. Die Organisation soll ein Gegengewicht sei» gegen den Einfluß des„Allgemeinen deutschen Frauenvereins" gegen seine Taktik der allzu„weisen Mäßigung"; sie soll den„Bund" vorwärts treiben, nicht ihn sprengen. Daß die Gründung des geplanten „Verbandes fortschrittlicher Frauenvereine" zu Stande gekommen, ist als ein erfreulicher Erfolg zu begrüßen, ebenso daß die Frage der politischen Rechte des weiblichen Geschlechts, insbesondere des Frauenstimmrechts in das Programm aufgenommen wurde. Den unzweideutigen Stempel der„Damenbewegung" trägt der Programmpunkt, welcher die Gründung von Mädchengymnasien und Mädchenrealschulen — die wir für nöthig und recht nützlich halten— als„eine der dringendsten Aufgaben des Staates und der Städte" erklärt. Wie unklar und unreif das soziale Verständniß auch der radikalen Frauenrechtlerinnen noch ist, das tritt in Erscheinung, sobald sie das eigentliche frauenrechtlerische Gebiet verlassen und sich anderen sozialen Problemen zuwenden. Die Programmpunkte, wie die Ver Handlungen und Beschlüsse, welche sich auf die Sittlichkeits- und Arbeiterinnenfrage beziehen, bestätigen das durchaus. Was zur Sittlichkeitsfrage geredet wurde, erhob sich im großen Ganzen nur herzlich wenig über das niedrige Niveau der gewöhnlichen Bieber-Böhmiade. Allerdings führte Pfarrer Hoffet die niedrigen Löhne der Arbeiterinnen als eine der Ursachen der Prostitution an— und zwar als eine Ursache, die durch die„christliche Liebe" bekämpft werden müsse— und Fräulein Poppritz verbreitete sich über das Kapitel, über den Zusammenhang zwischen wirthschaftlichem Elend und sittlichem Verfall in warmen Worten, die von Verständniß zeugten. Aber dieses Verständniß blieb ohne Einfluß auf die Gesammtauffaffung der Sittlichkeitsfrage. Für sie triumphirte der seichte Standpunkt der Abolilio- nistenbewegung, welche wähnt, die Prostitution vor Allem durch staatliches Verbot aus der Welt schaffen zu können, sowie durch den Kampf gegen die doppelte Moral für Mann und Frau. Um das Laster„auszurotten" empfahlen Redner und Rednerinnen: Jünglingsvereine, Naturheilmethode, Antialkoholbewegung, Kirchenbesuch. Rauchverbot rc. Kaplan Dasbach konnte sogar die reaktionärsten Bestimmungen der lex Heinze über Kunst und Literatur anpreisen und Pfarrer Hoffet übertrumpfte ihn womöglich noch mit mittelalterlichen Forderungen. Nur die einzig wirksamen Mittel, um die Prostitution „Sie duldet wahrhaftig seine Unterhaltung", dachte Martin empört. Unversehens trat er zwischen den Hügeln auf sie zu. Edgar verfärbte sich.„Du hier, Martin? Ich glaubte. Du träumtest im Strandkorb." „Aber ich habe mir erlaubt, zu wachen und in den Dünen zu promeniren. Du zürnst hoffentlich nicht darüber!" „Ich bitte Dich!" Edgars Blick ward unruhig. Martin wandte sich zu Alice. Ihre Haltung war stolz. Trotzig und herausfordernd begegneten ihm ihre Augen. 1-» -t- Martin stand in Abschiedsstimmung an der See. Erstes Morgenlicht lag über ihr. Ihre reine, frische Schönheit faßte seine erregbaren Sinne. Er blickte in den blauen Himmelsdom. Entlastet, fast geheiligt fühlte er sich. Doppelt widrig fand er den Schmutz der Erde. „Koste es, was es wolle! Alice wird die Wahrheit vor meiner Abreise von mir hören. Es ist meine Pflicht." Er wollte sich zurückwenden, als er seine Schwägerin in einiger Entfernung gewahrte. Mit gewohnter Gleichgiltigkeit erwiderte sie seinen Gruß. „Ludolf und Edgar suchten Dich, um Dir das Abschieds- geleite zu geben. Sie warten jetzt an der Dampfbootstation." „Und Du", fragte er mit einem plötzlichen Argwohn,„ich kann Dich nicht mehr sprechen?" Die Erregung in seinen Zügen fiel ihr auf. Ein entschlossener Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Hast Du mir etwas zu sagen? Ich kann Dich begleiten." „Ich möchte Dich allerdings um diese letzte halbe Stunde bitten", brachte er hervor.„Ich habe eine Frage an Dich." 189 einzudämmen, erwähnte Niemand: gesetzlichen Arbeiterinnenschutz;| gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen; volle Koalitions freiheit für alle Lohnarbeitenden, die Dienstboten einbegriffen; Abschaffung der Gesindeordnungen; ernste soziale Reformen auf der ganzen Linie. Die Delegirtenversammlung nahm denn auch folgende Resolution an: ,, Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine erflärt im Sinne der Fédération abolitionniste internationale, bei den gesetzgebenden Körperschaften und städtischen Behörden für die Aufhebung der staat lichen Reglementirung der Prostitution zu wirken und bessere Schutzgesetze für Minderjährige zu beantragen und die öffentlichen Häuser, sowie jede Lokalisirung der Prostitution zu verbieten. Er wird aber auch bemüht sein, soziale und gesetzliche Reformen herbeizuführen, welche die Jugend des Volkes vor sittlichem Niedergang schützen." Des Weiteren erklärt das Programm, in welchem die Sittlichkeitsfrage bezeichnender Weise an erster Stelle steht, daß der Verband für die Lösung der Sittlichkeitsfrage wirken werde durch die Gründung örtlicher Vereine und durch Bekämpfung der doppelten Moral. Die Behandlung der Arbeiterinnenfrage zeigt das gleiche Gemisch von guten Absichten, Verständniß- und Rathlosigkeit, großen Sympathiebetheuerungen an die Adresse der Proletarierinnen und schwachen Anläufen zu kleinen Thaten in ihrem Interesse, welches für die radifalen Frauenrechtlerinnen von jeher charakteristisch gewesen ist. Im Programm des" Verbands" heißt es zur Frage:„ Der Verband lehnt jede Trennung der bürgerlichen Frau von der Arbeiterin entschieden ab. Er wird aufrichtig bestrebt sein, die Arbeiterinnen für seine Ortsvereine zu gewinnen und so eine gemeinsame Arbeit im Interesse des Arbeiterinnenstandes( sic!) zu ermöglichen." Damit wird ein Rattenkönig von Jrrungen und Wirrungen der Auffassung und schönen Verheißungen an Stelle bestimmt formulirter Forderungen zu Gunsten der Arbeiterinnen gesetzt. Im Anschluß an die Verhandlungen über die Arbeiterinnenfrage gelangte eine Resolution zur Annahme, welche einen Versuch darstellt, ein bestimmtes einschlägiges Aktionsprogramm zu schaffen. Die Vereine Frauenwohl" sollen sich theoretisch und praktisch mit der Arbeiterinnenfrage beschäftigen und zu diesem Zwecke eine Kommission einsetzen, welche die nöthigen Schritte thut, um Verständniß für diese Frage herbei zuführen durch Vorträge und Einrichtung von Kursen über Gewerkvereine, Gewerkschaften, Arbeiterschutzgesetze, Art und Weise Enqueten zu unternehmen 2c." Des Weiteren soll die Kommission unter Hinzuziehung von Arbeiterinnen als gleichberechtigter Mitglieder,„ Organisationen der in jeder Stadt vorhandenen Arbeiterinnen in den einzelnen Berufen" anbahnen. Was dieses Programm den Arbeiterinnen bietet ist blutwenig. Im Wesentlichen ist es mit Rücksicht auf die Belehrung der Frauenrechtlerinnen selbst über die Arbeiterinnenfrage zugeschnitten. Gewiß ein guter, ein löblicher Zweck. Sollte er erSie nichte. " Gern." Ruhig wandte sie sich mit ihm zu dem Strandweg, der zu der Landungsbrücke führte. " Wollen wir nicht einen Augenblick Plaz nehmen? Die Zeit genügt." " Sie setzte sich mit ihm auf eine einsame Bank am Meere. „ Nun?" Martin schaute auf den breiten, weißen Strand, über dem die Sonne tanzte mit einem Lichte, das keine Wärme, und einer Helligkeit, die keine Freude gab. Er begriff nicht, daß er vor wenigen Minuten das Meer schön gefunden hatte. Leer, häßlich, unfruchtbar erschien ihm die reinliche Sandfläche. Ein Gefühl kalten Unbehagens ging durch seinen Körper. " reicht werden, und sollten die Damen um Frau Cauer aufhören, sich durch ihre Unkenntniß auf sozialem Gebiet zu kompromittiren, so würden wir das als einen anerkennenswerthen Fortschritt betrachten. Wenn dagegen der radikale Verband die Gründung von Nur- Frauengewerkvereinen" vorsieht, so läßt er sich in seiner Herzensunschuld auf ein Experiment ein, das durch die Erfahrungen in England längst verurtheilt worden ist. Miß Routledge scheint auf dem internationalen Frauenkongreß in Berlin für die Damen in den Wind gesprochen zu haben. Daß in den Organisationen der Geist oder richtiger Ungeist der Harmonieduselei walten soll, dafür sprechen die Verhandlungen, dafür spricht der Charakter und die Geschichte des „ Hilfsvereins für kaufmännische Angestellte" in Berlin. Den Kampf für die volle Koalitionsfreiheit aller Lohnarbeitenden sieht das Programm im Zeitalter des Zuchthauskurses nicht vor; ebensowenig das Wirken für einen durchgreifenden gesetzlichen Arbeiterinnenschutz. Was es bietet und was es nicht bietet ist charakteristisch dafür, daß die Arbeiterinnen eine kraftvolle Vertretung ihrer Interessen auch von den radikalen Frauenrechtlerinnen nicht zu erwarten haben.* Die Verhandlungen über die Arbeiterinnenfrage waren ein Durcheinander von richtigen und falschen Einzelheiten, die der Zusammenfassung unter leitenden großen Gesichtspunkten ermangelten. Das Referat der Frau Zerbst rollte nicht die Frage in ihrer Gesammtheit auf, sondern brachte nur einzelne Angaben über die Frauenarbeit in der Hausindustrie. Ueber die einschlägigen Verhältnisse sprach die Referentin als Arbeiterin sachgemäß, zog aber nicht die richtigen Konsequenzen aus den Thatsachen. Nicht durch den Kampf gegen das Unternehmerthum, sondern durch von bürgerlichen Damen beschüßte und geleithammelte Organisationen werden nach ihr die Arbeiterinnen bessere Arbeitsbedingungen erringen. Ein Fräulein Auerbach empfahl als Mittel zur Lösung der Arbeiterinnenfrage, die jungen Proletarierinnen sollen Dienstmädchen und nicht Arbeiterinnen werden! Pfarrer Hoffet hatte ein anderes wundersames Rezept in petto: Die bürgerlichen Damen sollen die Arbeitgeber boykottiren, welche den Arbeiterinnen schlechte Löhne zahlen! Einen blühenden Blödsinn leistete sich Frl. Lischnewska in ihrem Referat über die Stellung und die Aufgaben des Verbandes", in welchem sie übrigens für Forderungen eintrat, die leider nicht in dem Programm der radikalen Organisation enthalten sind: für Koalitionsfreiheit, gesetzlich- sanitären Schuh, weibliche Fabrikinspektoren, Wohnungsreform, gleichen Lohn bei gleicher Leistung, " * Was die den Arbeiterinnen angebotene Hilfe" anbelangt, so sei bemerkt, daß die Damen um Frau Cauer mit ihren Beschlüssen den Thaten nichtradikaler Frauenrechtlerinnen nachhinken. Wir erinnern an das unsererseits bei aller Kritik anerkannte Wirken von Frau Gnaud- Kühne, Fräulein Dyrhenfurth, Frau Schwerin. Und weiter: vom Beschluß zu Thaten ist ein weiter Weg. über den schönen Frauenleib- ,, ästhetische dégoûts. Aber soweit es mir paßt, kannst Du auf alles vorbereitet sein." Martin sah die Entschlossenheit in ihrem Gesicht. „ Ich werde mit Ludolf sprechen." " " Du sagst ihm nichts Neues. Weißt Du, was er für mich ist?" Sie blies über ihre zitternde Hand. „ Eine Null, ein Nichts." Sie hatte sich erhoben. Wie betäubt schritt Martin neben ihr den Strandweg. Plötzlich stand sie stille. Du bist fertig, nicht wahr?" Er nickte stumm. ,, Aber ich bin nicht fertig", stieß sie heiser hervor.„ Mit welchem Rechte darfst Du mich fragen? Du, der Du Ludolfs Nun", wiederholte er grollend, weißt Du wirklich nicht, Jugendsünden kanntest? Ihr mich zur Rechenschaft ziehen! Ihr, was ich von Dir will?" " 1 Natürlich weiß ich's. Ich soll diesen schönen, dummen Jungen laufen lassen und Ludolfs ehrbare Gattin bleiben. Ein köstlicher Einfall." Das Blut stieg Martin ins Gesicht. " Warum köstlich?" „ Meinst Du etwa, er sei der Erste? Er ist nicht der Erste und er wird auch nicht der Letzte sein." Mit jähem Ekel blickte Martin sie an. Eine maßlose Bitterfeit trat in ihr Gesicht. ,, Beruhige Dich, die Ehre Eures Namens bleibt unangetastet. Ich habe nun einmal fühles Blut und" ein Schauer ging die Ihr mich in diesen Schmutz gestoßen!" Er blickte in ihr verzerrtes Gesicht. ,, Alice, glaube mir, ich wußte sehr wenig von Ludolf." 11 Du wußtest sehr wenig? Wußtest Du nicht, daß ich nach meiner Heirath jahrelang frank war und durch wen ich's wurde?" Er zuckte zusammen. Ein unheimlicher, einst niedergezwungener Verdacht trat ihm als Gewißheit entgegen. Alice! " Ludolf." Ich hatte nicht die geringste Sicherheit über " Sicherheit?" rief sie empört, genügte die Möglichkeit nicht? Wie durftest Du Ludolf heirathen lassen?" Martin senkte die Augen. " Fortbildungsschulen für Mädchen. Um nachzuweisen, daß der Verband zwar radikal, aber nicht mit dem Umsturzbazillus behaftet sei, erklärte sie feierlich:„ Wir bekennen gern, daß wir Sozialisten sind; aber der Verhetzung der einzelnen Volksklassen, den Träumen des Kommunismus und dem Streben nach gewaltsamen Umsturz der kulturellen Einrichtungen, die in mehr als tausendjähriger Arbeit mühevoll geworden sind, haben wir niemals das Wort geredet." Es genügt, diese Mischung gedankenloser Konfusionsmeierei und tendenziöser Entstellung anzunageln, sie wiederlegen hieß ihr eine unverdiente Ehre erweisen. Die radikalen Frauenrechtlerinnen befaßten sich noch mit der Frage der kommunalen Aemter, der kommunalen Arbeitsnachweise für Arbeiterinnen und Dienstboten und der Fürsorge für weibliche Gefangene. Fräulein Augsburgs Ausführungen entsprechend gelangte zur ersteren Frage folgende Resolution zur Annahme:„ Die hier versammelten Delegirten Deutscher Frauenvereine erklären, daß es wünschenswerth sei, daß sich die praktischen Bethätigungen der Frauenvereine vorwiegend auf die Betheiligung der Frauen an den Arbeiten der kommunalen und staatlichen Verwaltung und nicht nur auf die Gründung privater, gemeinnütziger Veranstaltungen zu richten habe. Sie befürworten, allerorts in den Vereinen auf Einstellung von Frauenkräften, vorerst in der Armen- und Waisenpflege, in der Schulverwaltung, dem Gefängnißwesen, in der Gewerbeinspektion und bei den Gewerbegerichten hinzuarbeiten, andererseits aber auch, sich die tüchtige Vor- und Durchbildung geeigneter weiblicher Kräfte zur Uebernahme solcher öffentlichen Aemter angelegen sein zu lassen." Zur Frage des Arbeitsnachweises ersuchte man den Magistrat von Berlin, nach dem Muster der weiblichen Abtheilung des Münchener Arbeitsnachweises eine den lokalen Verhältnissen entsprechende städtische Einrichtung zu treffen. Als Mittel zur Fürsorge für weibliche Gefangene trat die Referentin für Folgendes ein: Trennung der jugendlichen von den älteren Gefangenen; Ausscheidung der verdorbenen Elemente; weibliche Angestellte und Aerzte; Elementarunterricht durch Frauen; Anstellung von Werkmeisterinnen; Pflege des religiösen Gefühls 2c. Die bayerischen Frauenrechtlerinnen traten zu ihrem ersten Tage in München zusammen. Die bayerische Frauenbewegung als Ganzes ist noch zu jungen Datums, um zutreffend darüber urtheilen zu können, ob sie auf dem rechten oder linken Flügel der deutschen Frauenrechtlerei steht. Jedenfalls können wir zur Charakterisirung der in ihr vorhandenen Tendenzen einen guten Punkt verzeichnen: in Sachen der Reform des Familienrechts haben die bayerischen Frauenrechtlerinnen die besten und weitestgehenden Forderungen gestellt. Ihre erste Tagung unterschied sich von anderen frauenrechtlerischen Kongressen wesentlich dadurch, daß die Behandlung eigentlich frauenrechtlerischer Fragen bei Weitem hinter die Erörterung sozialer ,, Vergiß nicht, wie wenig ich mich um dies alles kümmerte. Im Kampfe um meine Ideen-" Sie unterbrach ihn verächtlich. ,, Deine Ideen! Ideen, die Dir erlaubten, einen gierigen Wüstling ein junges Mädchen an der Pforte des Lebens zerstören zu lassen!" " Aber, Alice!" sprach er schmerzlich, wie konnte ich ahnen, daß alles so käme. Hast Du nicht selbst gewählt? Man war genügend über Ludolf unterrichtet." Sie blickte ihn groß an. " Gewählt! Was denkt sich denn ein junges Mädchen unter einem verlebten Menschen, was unter den leis geflüsterten Abenteuern? All dies Versteckte, Heimliche soll ja schön sein. Da ist Niemand, der da ehrlich spricht:, Aber, meine Gnädige, besehen Sie sich die Verhältnisse bei Licht! Sind das weiße Blüthen? Ist das Flieder oder Jasmin? Das ist ja Schmuz, ganz ge meiner Schmug! Und dieser Kerl mit seinen Lackstiefeln aus Brüssel und seinem Smoking nach dem neuesten Schnitte- ist das etwa ein Kavalier? nein, das ist ein Lump, ein ganz solider Lump, dessen Bewunderung Sie anwidern müßte."" Die Stimme der Frau brach. Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Erschüttert beugte sich Martin über sie. , Alice, noch ist nicht alles verloren! Du bist jung. Du mußt Dich zur Scheidung entschließen." Sie schaute auf. Er erschrat vor dem leeren Blicke. " Scheidung? Was sollte sie mir heute? Vor Jahren, wie ich als Bettler erwachte, habe ich sie leidenschaftlich ersehnt. Da190 Reformarbeit und sozialer Hilfsarbeit zurücktrat. Besondere Anerkennung verdient es, daß die betreffenden Verhandlungen sich um Einzelfragen drehten, enge Theilausschnitte des sozialen Problems erörterten. In der Folge wurden verschiedene Gegenstände recht sachgemäß, wenn auch oft unter einem beschränkten Gesichtswinkel behandelt, und es ergaben sich bestimmte Fingerzeige für praktisches Wirken, statt daß die Damen sich an schönen Gemeinpläßen und unfruchtbaren Verheißungen berauschten. Das Gesagte gilt von den Verhandlungen über„ Die Mädchenhorte"," Die Reform des Ziehfinderwesens"," Die Thätigkeit der Frauen an städtischen Arbeitsnachweisen". Das Referat der Vorsitzenden der zwei Münchener Vereine für weibliche Angestellte, Fräulein Troyler und Fräulein Moestl:„ Die Organisation der Handlungsgehilfinnen", hielt sich auf dem Boden der Harmonieduselei. Es erfuhr jedoch durch die Diskussion die nöthige Korrektur. Besonders treffend wies ein Verwaltungsbeamter der Münchener Ortskrankenkasse III, Herr Sick, nach, daß die Organisation der Gehilfinnen sich nicht von Rücksichten auf die Interessen der Prinzipale leiten lassen dürfe, sondern mit allem Nachdruck die Interessen der Gehilfinnen vertreten müsse; ferner daß die Handelsangestellten ohne Unterschied des Geschlechts für die Hebung ihrer Lage zu kämpfen haben. Professor Quidde erklärte ohne Umschweife, daß nur Kampfesorganisationen die Lage der Gehilfinnen verbessern tönnten. Die überzeugende Kraft dieser Ausführungen wurde wirksam durch sehr reiches Material unterstützt, das Herr Sick und Fräulein Stahl über Gehalt, Arbeitszeit 2c. der Gehilfinnen beibrachten. Hochinteressant und trefflich war der Vortrag von Dr. Brendel über„ Die Lage der weiblichen Angestellten im Gastwirthsgewerbe", das an reichem Thatsachenmaterial ein erschütterndes Bild sozialen Elends zeichnete und energisch gesetzliche Maßregeln zum Schutze der Kellnerinnen forderte. Die Debatten über die Materie hielten sich durchweg auf der Höhe des Vortrags. Rechtsanwalt Bernstein betonte, daß der Staat die unabweisbare Pflicht habe, zu Gunsten der Kellnerinnen einzugreifen, wenn anders er ein Rechtsstaat sein wolle. Die Gutachten der Unternehmer im Gastwirthsgewerbe bezeichnete er als den„ brutalsten Ausdruck des wirthschaftlichen Egoismus und der schnöden Selbstsucht". Neben dem gesetzlichen Schuhe forderte er gewerkschaftliche Organisation der Kellnerinnen mit Hilfe der Frauen. Dr. Cohen führte sehr richtig aus, daß durch gesetzlichen Schutz die Kellnerinnen erst soweit gehoben werden müßten, um sich gewerkschaftlich organisiren zu können. Der Frauentag nahm einstimmig folgende Resolution an: ,, Der Allgemeine Bayerische Frauentag befürwortet die Durchführung folgender Maßregeln: 1. Jm Gast- und Schankwirthschaftsgewerbe soll die tägliche Arbeitszeit 14 Stunden nicht übersteigen; in bestimmten seltenen Ausnahmefällen hat immer für die verlängerte mals hieß man mich stille sein, den Skandal vermeiden. Ich fand mich in die Welt, wie sie ist." ,, Aber Du sollst nicht! Du darfst nicht untergehen. Ein reiches Leben kann sich Dir aufthun." Unmöglich! Für mich lebt kein Morgen. Auch meine Seele ist vergiftet worden." Ihre Augen blickten mit müder Hoffnungslosigkeit auf die zurückspielende See. Alles ist in mir zerstört Glaube, Wärme, selbst die Sehnsucht. Nur der Haß ist mir geblieben." Martin sagte nichts mehr. Er sah, wie sie ihren Schritt beschleunigte, sah, wie die Dampfbootstation vor ihnen auftauchte. Halb im Traume reichte er Ludolf und Edgar die Hand. ,, Wo Du nur bleibst! Es ist die höchste Zeit, man läutet schon." Ja, man läutete. Martin riß dem Träger den Koffer aus der Hand. Dann trat er noch einmal zu seiner Schwägerin. Seine Augen suchten die ihren mit stummer Bitte. " Alice, darf ich Dir von Hamburg schreiben?" Sie schüttelte den Kopf. ,, Bitte nein", sagte sie entschieden, ich hasse unnüße Worte, und ich weiß, wir haben uns nichts mehr zu sagen." Ihre feinen Finger glitten aus den seinen, ihr Gesicht nahm den alten kalten Ausdruck an. Er sah noch die schöne Gestalt seitwärts am Strande stehen, als sich die„ Prinzeß Heinrich" in Bewegung setzte. Dann erblickte er nichts mehr von ihr als ihren langen Schleier, der wie ein schlanker grauer Vogel in der Morgenluft flatterte. Er glaubte ihn immer noch auf der wogenden See zu sehen, als schon das rothe Niff von Helgoland vor ihm aufstieg. - 191 Arbeitszeit eine verlängerte Ruhezeit sich anzuschließen. 2. Den Arbeitnehmern ist eine tägliche ununterbrochene Ruhezeit( Mindestruhezeit) von mindestens acht Stunden zu gewähren, Frauen zwischen 18 und 20 Jahren, sowie männlichen Arbeitern zwischen 15 und 20 Jahren eine solche von mindestens zehn Stunden. 3. Männliche Personen unter 15 Jahren und weibliche Personen unter 18 Jahren dürfen nicht beschäftigt werden. 4. An Sonntagen beginnt die Arbeit nicht vor 11 Uhr Vormittags oder hört für die am Morgen doch Beschäftigten um 11 Uhr Vormittags auf. 5. Anstatt des entgangenen Sonntagsruhetags ist für jeden Arbeiter ein bestimmter voller Ruhetag in der Woche festzusetzen. 6. Der Arbeitgeber hat für geeignete gesunde Schlafräume zu sorgen. Die Mindestanforderungen an Luftraum, Lichtzutritt u. s. w. sind gesetzlich festzustellen. 7. Es ist den Arbeitnehmern Gelegenheit zu geben, sich in dienstfreien Augenblicken zu setzen. 8. Inspektoren, in Großstädten auch Inspektorinnen, haben die Durchführung der gesetzlichen Bestimmungen zu überwachen. 9. Die gemeindlichen Arbeitsnachweise und die Verbindungen unter ihnen sind kräftig zu fördern. 10. Die Bildung von KellnerinnenVereinigungen zur Wahrnehmung ihrer Berufsinteressen ist zu fördern." Referat und Debatten über die„ Dienstbotenfrage" waren sehr schwache Leistungen, in welchen das instinktive Klassenempfinden der Frauenrechtlerinnen als Besitzende zum Ausdruck kam; die Frauen rechtlerin, die Sozialreformlerin mußte der bourgeoisen Hausfrau weichen. Die Gedanken der Damen kreisten in der Hauptsache um den Dienstbotenmangel; um Mittel und Wege, gebildetere Elemente zu den häuslichen Diensten heranzuziehen; um die Empfehlung einer Lehrzeit für Dienstmädchen 2c. Das Dienstbotenelend schien ihnen Das Dienstbotenelend schien ihnen unbekannt zu sein. Nachträglich traten im Arbeiterinnenheim" auf Anregung von Frau Dr. Naue eine Anzahl von Damen zur weiteren Erörterung der Frage zusammen, für welche offenbar ebenfalls die angeführten Gesichtspunkte maßgebend gewesen sind. Es wurde die Gründung eines Komites beschlossen, das die Hebung des Dienstbotenwesens durch Schaffung einer Gelegenheit für Lehrzeit fördern soll. Wie man sieht, ein Beschluß, der zunächst vom Interesse der Damen diftirt ist. Der Vollständigkeit wegen sei noch angeführt, daß der Frauentag auch über„ Fortbildungsschulen für Mädchen",„ Krankenpflege" und„ Die Stellung der Frau im Familienrecht des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs" verhandelt hat. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Monat September unternahm die Genossin Greifenberg im Auftrag des Agitationskomites der organisirten Textilarbeiter eine Agitationstour durch Sachsen und hielt in folgenden Orten Versammlungen ab: Plauen i. V., Delsnih, Adorf, Auerbach i. V., Rußdorf, Reichenbach i. V, Mylau, Elsterberg, Glauchau, Gablenz, Schneeberg, Kirchberg, Werdau, Frankenberg, Leisnig, Hainichen, Mittwaida, Lichtenstein, Gelenau, Freiberg, Großenhain, Neugersdorf, Dresden, Kamenz, Großschönau, Kappel und Meerane. Die Tagesordnung lautete:„ Die wirthschaftliche Lage der Textilarbeiter und Arbeiterinnen, und wie ist dieselbe zu verbessern", ferner: ,, Die Aufgaben der modernen Arbeiterorganisationen". Die Versammlungen waren, abgesehen von einigen Ausnahmen, sehr gut besucht. Insbesondere waren in ihnen die Frauen und Mädchen stark vertreten. Der Umstand zeigt, daß auch die Arbeiterinnen immer mehr erkennen, daß sie sich aufklären und organisiren müssen, wenn sie ihre Lebenslage verbessern wollen. Immer weniger glauben sie das von den Herren Fabrikanten gepredigte Märchen, daß der Verdienst steigt, wenn auch noch die Nacht für die Erwerbsarbeit zu Hilfe genommen wird. Sie beginnen einzusehen, daß dadurch die Löhne nur noch tiefer gedrückt werden und die Gesundheit verloren geht. Statt sich widerstandslos ungemessen lange Stunden ausbeuten zu lassen, fordern sie deshalb eine Herabsetzung ihrer Arbeitszeit, überhaupt einen ausgiebigen gesetzlichen Schuß, und sehen ein, welche hohe Bedeutung die traftvolle Vertretung ihrer Interessen durch die Gewerkschaft besitzt. Durch ihr zahlreiches Erscheinen in den Versammlungen befundeten Arbeiterinnen und Arbeiter, daß sie zum Klassenbewußtsein erwachen und sich aus eigener Kraft eine bessere Zukunft erkämpfen wollen. Diese Erkenntniß findet in der Thatsache ihren Klarsten Ausdruck, daß die Agitationstour dem Verband der Textilarbeiter und Arbeiterinnen eine stattliche Zahl neuer Mitglieder gewonnen hat. M. G. In einer Reihe von Volksversammlungen sprach Genossin Zieh während der Zeit vom 25. Oktober bis 5. November in der Provinz Sachsen, sowie in Sachsen- Altenburg. Versammlungen fanden statt in Wittenberg, Bitterfeld, Halle a. S., Trotha, Giebichenstein, Ammendorf, Nietleben, Weißenfels, Schönebeck und Altenburg. Fast ausnahmslos waren dieselben gut, zum Theil waren sie sogar glänzend besucht. Besonders stark war der Besuch in Altenburg, wo das Waldschlößchen bis auf den letzten Platz gefüllt war, ferner in Schönebeck, wo im Stadtpark reichlich 800 Personen erschienen waren. Ebenfalls überfüllt war das Lokal in Nietleben, leider mußte hier die Versammlung um 10 Uhr geschlossen. werden, da der Wirth um 10 Uhr Polizeistunde hatte. Vergeblich machte Genossin Zieß den überwachenden Beamten darauf aufmerksam, daß wir laut Reichsgerichtsentscheidung uns darum nicht zu fümmern haben, daß er dem Wirth höchstens von 10 Uhr ab das Schänken verbieten könne. Der Beamte drohte, daß er die Versammlung auflösen werde, falls nicht ihr Schluß unsererseits erfolge. Alles, was man von dem Gestrengen erreichte, war, daß Genossin Zieh die Zeit gelassen wurde, ihr Referat mit einigen Schlußsäßen zu beenden. Selbstverständlich ist Beschwerde eingereicht worden. Ebenfalls stark besucht war die Versammlung im Bellevue zu Halle. Erfreulicher Weise waren in allen Orten die Frauen stark vertreten. In Nietleben hatten die Frauen sogar sämmtliche Vorarbeiten zu der Versammlung gemacht, wie Anmeldung bei der Polizei, Vertheilung der Handzettel u. s. w. In Ammendorf betheiligte sich auch eine Frau an der Diskussion. In schlichten, aber ergreifenden Worten forderte sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf, das Gehörte nun auch zu be herzigen und darnach zu handeln. Mit Recht wurde ihr reicher Beifall zu Theil. Es ist sicher der schönste Lohn der Referentin, wenn sie sieht, daß die Zuhörer mit Interesse und Verständniß ihren Ausführungen folgen. Ebenso erfreulich sind natürlich die greifbaren Erfolge der Agitationsarbeit. Als Ergebniß dieser Agitationstour ist zu verzeichnen die Gewinnung von 170 neuen Mitkämpfern für die verschiedenen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen, L. Z. wie die einiger Abonnenten für die Arbeiterpresse. Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Weibliche Fabrikinspektoren. Als Assistentin der Fabrikinspektion in Württemberg ist Frau Marie Grünau ernannt worden. Frau Grünau ist Witwe, wohnt in Stuttgart und war zuletzt Maschinenschreiberin in der württembergischen Kammer der Standesherren, dem Hause der„ geborenen" Gesetzgeber. Ihr verstorbener Mann war zuerst Inspektor der großen Pulverfabrik von Rottweil die Herrn v. Dudenhofer, einem berühmten württembergischen„ Scharfmacher" gehört dann Direktor der Pulverfabrik in Para in Brasilien. Die Dame ist weder in den Kreisen der Frauenrechtlerinnen bekannt, die sich mit„ Wohlfahrtseinrichtungen" befassen, noch in denen der Arbeiterinnen. Es liegen, wie allgemein behauptet wird, keinerlei Leistungen ihrerseits vor, die einen Rückschluß zulassen auf ihr Vertrautsein mit den Arbeiterinnenverhältnissen und ihre Befähigung für das neugeschaffene Amt. Allzu kühn und wenig stichhaltig dünkt uns die Annahme, daß sie als Frau ihres Mannes, zumal durch den Aufenthalt in Brasilien die nöthige Einsicht in die Arbeits- und Eristenzbedingungen der württembergischen Arbeiterinnen gewonnen und sich ein Mindestmaß praktischer und wissenschaftlicher Vorbildung für die Thätigkeit als Assistentin der Fabrikinspektion erworben habe. So erscheint ihre Ernennung als einer jener wundersamen Fälle, in denen die Regierung Vorsehung lenkt, ohne daß der profane Unterthanenverstand plausible Gründe für das Wie des Lenkens zu erdenken vermag. Es wäre natürlich müßiges Beginnen, darüber zu prophezeien, ob Frau Grünau ihrem Amt mit Erfolg vorstehen wird oder nicht. Das ist, wie die Dinge liegen, wesentlich Sache der Persönlichkeit. Jedennoch das Eine wissen wir schon jetzt, ohne Prophet zu sein in Israel: wenn die Assistentin sich nicht bewährt, so werden reaktionäre Elemente„ den mißlungenen Versuch" als Beweis dafür ausschlachten, daß die Frau für die Pflichten der Gewerbeaufsicht nicht geeignet ist, und daß der Boden für die Thätigkeit weiblicher Fabrikinspektoren fehlt. Gerade weil dem so ist, hätte die Regierung unseres Erachtens mehr Garantien für die Befähigung zu dem Amte fordern sollen, als, soweit bekannt, Frau Grünaus Vergangenheit sie bietet. Der eine Schwabenstreich in Sachen der Fabrikinspektion -die Aufstellung von barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen als Vertrauenspersonen genügt vollauf. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Arbeiterinnenelend in Gera. Eine bekannte Geraer Firma für Wäschekonfektion zahlt den beschäftigten Heimarbeiterinnen für das Nähen eines Männerhemds aus Barchent 15 Pf., für das Nähen eines Frauenhemds oder einer Jacke 10 Pf. Die Arbeiterinnen müssen den Zwirn aus der eigenen Tasche zahlen, auch 192 rungen der Frauenrechtlerinnen fast einstimmig mit 17 Stimmen bei 18 Mitgliedern ab. Für die Forderungen der Frauen trat fein einziges Mitglied des Lokalkomites ein, da ein Herr sich der Abstimmung enthielt. Die Gemeinderathswahlreform für Niederösterreich- Wien ausgenommen welche allen steuerzahlenden verheiratheten Frauen das aktive Wahlrecht zuerkennt, hat die Sanktion der Regierung nicht erhalten. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß für den vierten Wahlkörper, der alle Einwohner umfassen soll, die Personaleinkommensteuer zahlen und seit mindestens fünf Jahren in einer Gemeinde seßhaft sind, in vielen Kommunen keine Wähler vorhanden sind. Die Thatsache zeigt genügend deutlich, mit welcher Leichtfertigkeit die Christlich- Sozialen" das niederträchtig reaktionäre Machwerk, Wahlreform benamset, zusammengestoppelt haben. " Frauenbewegung. die Nähmaschine selbst erstellen, so daß ihnen die Kosten für Nadeln,| Bestrebungen durch die Frauen geworben, lehnte jedoch die FordeSchmieröl, Abnutzung zufallen. Zieht man die in der Folge erforderlichen Auslagen ab, so verbleibt den Aermsten ein Wochenverdienst von 4 Mt. 50 Pf., von dem von rechtswegen noch die Ausgaben für Beleuchtung und Beheizung während der Arbeitszeit abgezogen werden müßten. Ein anderes Konfektionsgeschäft lohnt das Nähen von einem Paar starker englischer Lederhosen mit 35 Pf., noch im Vorjahr betrug der Lohn dafür 45 Pf. Die Hosennäherinnen kommen mit ihrem Verdienst nur ausnahmsweise über 5 Mk. pro Woche hinaus. Die Ausnäherinnen fehlerhafter Webwaaren verdienen oft kaum 4-5 Mt. wöchentlich, und diese Bettelgroschen werden noch obendrein den Webern vom Lohne abgezogen. Nur selten tragen die Spulerinnen und Zwirnerinnen einen Wochenverdienst von 9-10 Mt. heim, gewöhnlich müssen sie sich mit 6-8 Mt. begnügen. Der Lohn der angeführten Arbeiterinnenkategorien ist so niedrig, daß der mit den Existenzkosten am Orte Vertraute weiß, wie entbehrungsreich und freudenarm, wie fulturwidrig dürftig die Lebenshaltung ist, die mit den angegebenen Pfennigen bestritten werden muß. Und doch werden manche der Arbeiterinnen noch um ihren hohen" Verdienst von Männern, Familienvätern beneidet! Ein verheiratheter Weber verdiente z. B. in der Zeit vom 31. Juli bis 23. September 43 Mt. 70 Pf. Davon gingen ab 3 Mt. 28 Pf. für die Kranken und Invaliditätsversicherung, so daß der Mann in 53 Tagen 40 Mt. 42 Pf. verdient hatte. Eine solche Entlohnung macht es begreiflich, daß in Gera die verheiratheten Frauen immer mehr zum Mitverdienen in der Fabrik oder als Heimarbeiterinnen gezwungen sind, und daß auch die Kinder daheim oft bis spät Nachts dem Erwerb nachgehen müssen. Die Verhältnisse, wie sie sich in Gera in der Textil- und Konfektionsindustrie herausgebildet haben, wo die Arbeit rückständiger, unorganisirter Frauen und Mädchen eine ausschlaggebende Rolle spielt, fordern eindringlich wirksamen gesetzlichen Schutz der Arbeitskräfte gegen die kapitalistische Ausbeutungsgewalt, sprechen insbesondere eindringlich für den ausgiebigen Schutz der Arbeiterinnen. Ein Blick auf die fahlen, nervös verzogenen Gesichter der Lohnsklavinnen, auf ihre abgearbeiteten Gestalten, auf die kümmerlich entwickelten Kinder, deren Mütter sie sind, rechtfertigt die einschlägigen Forderungen genügend. A. D. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Ein Verein zur Wahrung der Interessen der Näherinnen von Posen ist im Entstehen begriffen. Die Initiative zur Gründung der Organisation geht nicht von den Arbeiterinnen aus, sondern von Damen„ der gebildeten und besitzenden Kreise", welche die Ausbeutung der Näherinnen durch die Konfektionsfirmen einschränken wollen. Solange nicht beweiskräftige Thaten des Vereins vorliegen, zweifeln wir daran, daß die Damen mit aller Energie gegen die Ausbeutung der Näherinnen ankämpfen werden. Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Mit der Frage der Organisation der Handlungsgehilfinnen beschäftigte sich der vierte Delegirtentag des Vereins deutscher Kaufleute". Er beschloß, die Organisation der weiblichen Handelsangestellten sei durch den Verein mit allen Kräften zu fördern. Der Generalrath soll praktische Vorschläge zur Lösung dieser Aufgabe durch Ausarbeitung eines Statuts 2c. machen. Der Bund holländischer Näherinnen hat nach seinem ersten Jahresbericht vier Zweigvereine gegründet und giebt ein eigenes, vielgelesenes Fachorgan heraus. Er vertheidigte die Interessen der Arbeiterinnen gegenüber einigen großen Firmen mit Kraft, Geschick und Erfolg. Gegenwärtig kämpft er gegen die übermäßig lange Arbeitszeit im Gewerbe und veröffentlicht regelmäßig die Namen der Geschäfte, welche die Näherinnen über den gesetzlichen Arbeitstag hinaus bis tief in die Nacht beschäftigen. Der Bund" ist energisch dafür eingetreten, daß die Arbeitskammer, Abtheilung für Konfektion, das gewählte weibliche Mitglied, Frau Voos, zuläßt. Den Anschluß an den frauenrechtlerischen Bund niederländischer Frauenvereine" hat die Generalversammlung der organisirten Näherinnen als zwecklos abgelehnt. " Frauenstimmrecht. Das Frauenstimmrecht sollte das„ Amsterdamer Lokalfomite für Einführung des allgemeinen Stimmrechts in Holland" in sein Aktionsprogramm aufnehmen und bei seiner Agitation berücksichtigen. Der Verein für Frauenstimmrecht" und der Freie Frauenverein" in Amsterdam ließen durch je zwei Delegirte diese Forderung in einer Sigung des Lokalkomites vertreten. Dieses hatte zwar sehr eifrig um die Unterstüßung seiner " Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Alara Bettin( Bundel) in Stuttgart. Zur Frage des Frauenstudiums äußerten sich zwei Professoren der Universität Wien anerkennenswerth vorurtheilslos. Professor Wiesner erklärte in seinem Bericht über die Universitätsverhältnisse im abgelaufenen Studienjahre:„ Der Ernst und die Hingebung, womit die ordentlichen Hörerinnen an der philosophischen Fakultät ihren Studien oblagen, und die vielfach zu Tage getretenen vorzüglichen Studienerfolge werden wohl für die beiden anderen Fakultäten die Veranlassung bilden, auch ihrerseits die Zulassung ordentlicher Hörerinnen in Erwägung zu ziehen." Der Mediziner von Töply richtete bei der Eröffnung seiner Vorlesungen über die Geschichte der Medizin folgende Worte an die anwesenden Frauen:„ Es gereicht mir zur größten Freude, Hörerinnen der Medizin hier begrüßen zu können. Ich halte es für die größte Errungenschaft des zur Neige gehenden Jahrhunderts, daß Frauen sich dem Studium der Medizin zugewendet haben. Wer sich dem schwierigen Beruf, der leidenden Menschheit beizustehen, gewidmet hat, den werden wir begrüßen, er sei Mann oder Weib." " Einen Zyklus von wissenschaftlichen Kollegien zum Zwecke öffentlicher Belehrung haben die„ Mädchen- und Frauengruppen. für soziale Hilfsarbeit in Berlin" organisirt, deren Vorsitzende an Stelle der verstorbenen Frau Schwerin Fräulein Alice Salomon ist. Zunächst hält Privatdozent Dr. Preuß acht staatswissenschaftliche Vorträge über das Thema:„ Der moderne Staat". Der ersten Vorlesung wohnten nur eine kleine Zahl von Hörerinnen bei. Die Zahl der Hörerinnen an der Universität Berlin betrug im Winter 1898-99 nicht weniger als 241 gegen 193 im Wintersemester des Vorjahrs. Im Sommer 1899 zählte die Universität 186 Hörerinnen gegen 169 in Sommer 1898. D. Z. Weibliche Studenten in der Schweiz. Die sieben schweizerischen Universitäten und Akademien zählten im Wintersemester 1898/99 4438 Frequentanten, wovon 3589 eingeschriebene Studenten, 849 Zuhörer und wovon 937 weiblichen Geschlechts waren. Auf die einzelnen Universitäten vertheilen sich letztere wie folgt: Genf 292, Zürich 231, Bern 172, Lausanne 130, Neuenburg 52, Basel 35 und Freiburg 25. Die Fakultäten hatten daran folgenden Antheil: Die Philosophie mit 562, Medizin mit 234, Jurisprudenz mit 10 und die Theologie mit 1 Besucherinnen. Nach dem Heimathland vertheilten sie sich wie folgt: 335 stammten aus Rußland, 82 aus der Schweiz, 53 aus Deutschland, 25 aus Bulgarien, 17 aus Asien, 9 aus Desterreich, je 7 aus Serbien und Nordamerika, 6 aus Ungarn, 4 aus Rumänien, je 3 aus England und Holland und je 1 aus Italien, Norwegen und Afrika. Diese Zahlen betreffen jedoch nur die 555 eingeschriebenen Studentinnen; über die Nationalität der 382 Zuhörerinnen werden keine Mittheilungen gemacht. Von den 53 deutschen Damen waren 38 in Zürich, 9 in Genf, 5 in Bern und 1 in Lausanne. Auf die Fakultäten vertheilten sie sich mit 30 auf die Medizin, 21 auf die Philosophie und 2 auf die Jurisprudenz. D. Z. Doktorinnen der Medizin in der Schweiz. An der Universität Zürich erhielt die Russin Fräulein Elisabeth Wuhrhaft die Würde eines Doktors der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe, ebenso Fräulein Anna Köttgen von Liestal( Kanton Baselland, Schweiz). DZ. Der erste weibliche Advokat in der Schweiz hat sich jüngst nach bestandenem Advokaturexamen vor dem zürcherischen Obergericht in Zürich habilitirt: Fräulein Dr. jur. A. Mackenroth. Die Dame ist bereits zum ersten Male in einem Zivilprozeß vor dem zürcherischen Handelsgericht aufgetreten, doch wird nicht gemeldet, mit welchem Erfolg. DZ. Zum Doktor der Philosophie brachte es an der Universität in Zürich Fräulein Marie Baum von Danzig. Druck und Berlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.