Nr. 15. Die Gleichheit. 10. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3122) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 18. Juli 1900. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Reaktionäres Geschwister. Luise Zietz- Hamburg. und Wäscherinnen. von Arnim. Beiträge zum Kapitel„ Heimarbeit". Von Die Bewegung der Berliner Plätterinnen Aus der Bewegung. Feuilleton: Bettina Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. endet. Die Pachtungen und Eroberungen, das Gerede von der ,, Auftheilung" Chinas, das diftatorische Auftreten der Mächte, die da wähnten, wie in einem eroberten Lande schalten und walten zu können: all das mußte die glimmende Empörung zu helllodernden Flammen anblasen. Nichts thörichter und ungerechter, als sich im Namen aller Kulturgüter" darüber zu entrüsten, daß der " Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren. Kapitalismus dort Sturm erntet, wo er Wind gesäet hat. Dienstbotenfrage.- Frauenbewegung. Reaktionäres Geschwister. Die Weltpolitik der gepanzerten Faust, die Weltpolitik der goldenen Internationale des Kapitalismus beginnt in China ihre Früchte zu zeitigen. Mögen die Tendenznachrichten jener Blätter noch so übertrieben sein, welche in Berichten über die entsetzlichsten Greuel schwelgen und flotten- und mordfroh zum furchtbarsten Rachekrieg hegen; mag die fanatische und die Massen fanatisirende Sette der Borer in Auflehnung gegen die chinesische Regierung oder im geheimen Einverständniß mit ihr dem Vordringen fremd= ländischer Religion, fremdländischer Kultur und Barbarei ein Ziel sezen wollen: an dem Ernst und der geschichtlichen Bedeutung der Situation wird dadurch nichts geändert. Eine mächtige, von den breitesten Volksschichten getragene Bewegung hat sich im Reiche der himmlischen Mitte mit aller Energie dem weiteren Vorwärts der weißen Teufel" entgegengeworfen und ringt mit der Kraft der Verzweiflung, die Macht der Fremden zu brechen, ihren Einfluß zu verdrängen, China den Chinesen und ihrer alt eingewurzelten nationalen Kultur zu erhalten. " Es hat der Kampf begonnen nicht etwa um die Erschließung, vielmehr um die Auftheilung des letzten großen Gebiets, das der Kapitalismus seiner Ausbeutung und Herrschaft unterwerfen will. Darum auch lauert hinter der Aktion der vereinigten Mächte gegen China die Möglichkeit der schwersten Konflikte der Mächte untereinander, die Möglichkeit des Weltkriegs und des Weltkrachs. In schwaz schweifigen Phrasen, deren Sinnlositeit nur von ihrer Niedertracht und Rohheit übertroffen wird, suchen die bürgerlichen Blätter für den Krieg bald die Schreckensthat, bald jenes Unterfangen der Chinesen verantwortlich zu machen, die„ barbarisch" genug sind, ihre nationale Freiheit und Kultur vertheidigen zu wollen, und„ zivilisirt" genug, die Treffsicherheit Kruppscher Mordwerkzeuge und die Vorzüglichkeit des Unterrichts deutscher Offiziere an deutschen Soldaten zu er= proben. Mit der unvergleichlichen Unverfrorenheit dumm drauf loslügender Lakaien sezen sie die Wirkung an Stelle der Ursache. Der revolutionäre Kapitalismus hat in China seit Jahren den Boden für eine blutige Voltserhebung vorbereitet und eine Saat von Haß, Verachtung, Feindseligkeit gegen die Träger europäischer Kultur ausgestreut, die üppig in die Halme geschossen ist. In ungezügelter Profitgier hat er die wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Landes umgewälzt und zersetzt; durch die Einführung moderner Erzeugnisse und Einrichtungen, durch den Bau von Eisenbahnen 2c. ganze Schichten der Bevölkerung ihres Brotes beraubt, die religiösen, sittlichen, nationalen Ueberzeugungen gröblich verlegt. Es war ihm keineswegs darum zu thun, die Chinesen langsam und sicher von der Ueberlegenheit der modernen Kultur zu überzeugen, er wollte sie sich so rasch als möglich ausbeutungspflichtig unterwerfen. Was er begonnen, das hat die Politik des abenteuerlichen und gewaltthätigen Evangeliumkurses schnell vollDie Weltpolitik der Staaten, die gegenwärtig äußerlich noch einig zusammenstehen, um das Allerheiligste der bürgerlichen Weltordnung, den kapitalistischen Profit gegen die gemeinsame Gefahr zu schüßen, ist nicht auf Frieden, freiheitliche Entwicklung, Gleichberechtigung aller Nationen gerichtet, sondern auf Eroberung, Ge walt, Unterdrückung, Absperrung gegeneinander. Sinnenfällig beweist das eine Thatsache. Während man die Ermordung des deutschen Gesandten und die Niedermezelung von Missionären betriebsam mit dem Geschäftssinn erfahrener Händler ausschlachtet, um das Recht auf eine Nache zu begründen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat", überliefert man seelenruhig viele Tausende von Fremden der schwersten Bedrängniß, vielleicht dem Tode, indem man sich weigert, Japan das Mandat zur Wiederherstellung der Ordnung in China zu übertragen, d. h. ihm eine hervorragende Machtstellung und seinen Antheil an der Beute zu sichern. Diese reaktionäre Weltpolitik der Eroberung und Abgrenzung von Machtgebieten der einzelnen kapitalistischen Staaten ist ein sicheres Anzeichen, daß die bürgerliche Gesellschaftsordnung sich auf dem absteigenden Aste ihrer Entwicklung bewegt, daß sie unfähig wird, die vom Kapitalismus entfesselten riesigen Produktivkräfte zu leiten und zu höherer Entfaltung zu führen. Sie geht deshalb Hand in Hand mit einer ebenso reaktionären Sozialpolitit, mit der sie im innigsten ursächlichen Zusammenhang steht. Das wahnwißige Vorwärts, Bolldampf voraus, einer phantastischen Weltpolitik der Eroberung von Pläzen an der Sonne", ber erträumten Weltreichsgründungen und das erbärmliche Rückwärts der Sozialpolitit des Zuchthauskurses, der Brot- nnd Fleischvertheuerung, der reformlerischen Unfruchtbarkeit, sind rechtmäßige Geschwister. Die in der fapitalistischen Gesellschaftsordnung enthaltenen Gegensäße haben sich ausgewachsen und drängen zur Lösung. Dafür spricht die chronische Ueberproduktion; dafür spricht der sich immer schärfer zuspißende proletarische Klassenkampf. Die bürgerliche Welt und ihr Staat weiß aber auf das Drängen und Ringen der Arbeiterklasse nach einem Aufwärts zur Kultur nur eine Antwort: Niederbüttelung, Unterwerfung der arbeitenden Klasse unter die Ausbeutung und Herrschaft der Kapitalistenklasse. Diese Politik der geganzerten Faust statt der offenen Hand gegen das Proletariat muß zwei Folgen zeitigen. Je härter, rücksichtsloser die Bestzenden die Besißlosen unter der Fuchtel halten, je weniger sie ihnen durch eine vernünftige Sozialpolitik einen Antheil an Wohlstand und Kultur sichern, einen um so gewaltigeren Umfang muß die Ueberproduktion annehmen, die im Wesen des Kapitalismus, in seinem Ausdehnungsbedürfniß begründet ist. Je mehr die kapitalistische Uebermacht bestrebt ist, die Proletarier auf das Niveau lebendiger Arbeitsmaschinen herabzudrücken, ihnen die Entwicklung ihres Menschenthums vorzuenthalten, um so leistungsunfähiger muß die Arbeiterklasse werden, um so mehr muß die Industrie der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt ermangeln. Derweilen im Lande viele Zehntausende der Volksgenossen ihre Lebensbedürfnisse nicht in einer Weise zu befriedigen vermögen, welche dem Stande der Kultur entspricht, gilt es nun für die herrschende Kapitalistenklasse, nicht blos einen ausländischen Markt für die überschüssigen Erzeugnisse zu suchen, welche die Arbeiter zum größten Theile wohl verbrauchen, jedoch nicht bezahlen könnten, sondern zugleich einen Markt, der gegen die Konkurrenz der Kapitalisten anderer Nationen abgesperrt ist. So muß die Sozialpolitik der gepanzerten Faust gegen die Arbeiterklasse zur Weltpolitik der gepanzerten Faust gegenüber dem Auslande führen. Die Kosten der Einen wie der Anderen aber trägt die arbeitende Masse. Interesse und Pflicht gebieten deshalb den Proletarierinnen, mit aller Energie das reaktionäre Geschwister zu befämpfen: die Weltpolitik der Eroberung und Gewalt nach außen, die Sozialpolitik der Gewalt und Unterdrückung nach innen. Mit dem gesammten Proletariat zusammen fämpfen sie um hohen Preis: nicht blos um die nöthige Reform der Gegenwartspolitik, sondern um Höheres, um die sozialistische Gesellschaft, die allein ihnen die volle Befreiung bringt. Beiträge zum Kapitel„ Heimarbeit“. Von Touise Biek- Hamburg. Heimarbeit! Welch trauten Klang hat dies Wort für den Uneingeweihten, mit den sozialen und ökonomischen Verhältnissen der Heimarbeiter nicht Vertrauten. Seinem geistigen Auge zeigt sich das Bild einer im trauten Heim versammelten Familie, deren Glieder unter Lachen und Scherzen bei einem angenehmen Hand- in- Hand- Arbeiten den Tag verbringen, die von keinem Aufseher angefahren, von keiner Fabrikglocke zur Arbeit gerufen, ihre eigenen Herren sind und sich ihr Thun einrichten nach Belieben. Wie ganz anders die Wirklichkeit! Wieviel Elend, Noth, Hunger, Entbehrung, Krankheit, Erschöpfung, Muthlosigkeit, ja Verzweiflung ist für den Wissenden mit dem Worte Heimarbeit verknüpft. " 1 Wie oft ist nicht ein elendes, niedriges, dumpfes, feuchtes Loch nicht selten eine wahre Pesthöhle das vielgepriesene Heim", das nicht nur als Wohn-, Schlaf-, Koch- und Waschraum benutzt wird, sondern häufig auch noch als Werkstatt. Die glückliche" Familie besteht aus schlechtgekleideten, schlecht genährten, oft halbverhungerten Menschen, die vom Kinde zartesten Alters an bis zum hinfälligen Greis dem nimmersatten Vampyr Kapital unausgesetzt frohnden müssen. 3war treibt sie nicht die Sklavenpeitsche des Aufsehers, nicht der Fabrikglocke eherner Mund an die Arbeit, wohl aber ist in dem " Heim" der Hunger Autokrat. Unerbittlich läßt er seine Geißelhiebe niedersausen auf den Rücken von Jung und Alt, alle zu rastlosem Schaffen antreibend. Die kostbare Zeit, welche den Heimarbeitern und Arbeiterinnen mit dem Holen und Liefern der Waaren verloren geht, muß durch intensiveres und längeres Arbeiten in der Nacht wieder eingeholt werden. Die bedeutend niedrigere Entlohnung gegenüber den Fabrikarbeitern derselben Branche( die meistens auch kaum den Hunger abwehren können) wird zum weiteren Antrieb, Raubbau an der eigenen Kraft zu treiben. Die Ersparniß, die der reiche Fabrikant bei Beschäftigung von Heimarbeitern an Licht, Feuerung, Miethe, Beiträgen für die Krankenkassen, für Alters- und Invalidenversicherung macht, holt er buchstäblich aus den Taschen der Ausgebeuteten. Bei solch entsetzlichem Drucke, fortwährend bedroht von Noth, Hunger und den im Gefolge einherschreitenden Krankheiten, wird die ganze Kraft, das ganze Denken dieser Armen, Abgequälten von dem Streben absorbirt, möglichst viel zu schaffen, um das aus allen Ecken grinsende Elend etwas abzuwehren. Wie oft, ach, wie oft, ist diesen armen Sklaven des Mammons die Hoffnung und damit auch die Kraft geschwunden, durch energischen Widerstand der entsetzlichen, schamlosen Ausbeutung, deren Opfer sie sind, ein Halt zu gebieten. Das Elend hat ihnen mit den Knochen auch das Hirn gemürbt und der Kraft des Wollens beraubt. Und der„ christliche" Arbeitgeber? Ei, der bietet seinen ganzen Einfluß auf, damit diese Aermsten in ihrem Heim" unbehelligt durch eine schützende Gesetzgebung bleiben. Das Haus ist„ heilig", da hat tein uniformirter Schutzengel, kein Gewerbeinspektor etwas zu schaffen, denn da herrscht nicht etwa der Hausherr oder die Hausfrau unumschränkt, wohl aber er, der Arbeitgeber. Der gesetzliche Schutz und die Aufsicht soll Halt machen vor dem„ Heim", aber beileibe nicht die Ausbeutung. Das wäre doch noch besser, wenn der Arbeitgeber, der in überfließender Nächstenliebe den Leuten Arbeit mit nach Hause gegeben, auch hier die so lästigen Beschränkungen der„ Arbeiterschutzbestimmungen" respektiren solle. Fleiß ist doch die erste Tugend 114 des Menschen, und wenn seine Heimarbeiter diese in so hohem Maße besitzen, daß sie die Nächte nicht einmal von der Arbeit zu bringen sind, um so besser für sie. Den Kindern hat man, ergriffen von „ Humanitätsduselei", die Fabrikarbeit überhaupt verboten, und doch ist Kinderarbeit so profitreich. Welches Glück, daß die Heimarbeit die Beschäftigung von Kindern in größtem Umfange ermöglicht. Was fümmerts den Kapitalisten, wenn den Kleinen die Jugend geraubt wird, die köstliche, sorglose Zeit des Frohsinns, des Spieles, wenn sie durch das frühzeitige Einspannen ins Joch Schaden leiden an Körper und Geist, es sind ja nicht seine Kinder. Ein düsteres Bild entrollt sich unserem Auge überall, wo wir Heimarbeit antreffen. Die nachfolgenden Beispiele mögen das beweisen. Heimarbeit in der Schieferindustrie. In Reuß j. L. und einem Theile Oberfrankens findet man Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Schieferindustrie beschäftigt, theils im Bruch, theils in der Fabrik, theils als Heimarbeiterinnen. Den Heimarbeitern fällt das Schaben und Liniren der Tafeln zu. In Huckekörben, welche den Rücken schwer belasten, schleppen die Arbeiterinnen den zugeschnittenen Schiefer von der Fabrik nach Haus und, nachdem er bearbeitet worden, wieder zur Fabrik. 1-2 Schock Tafeln trägt so eine Frau nach den oft ziemlich hoch gelegenen Wohnungen, die ganze Gegend ist nämlich bergig. Für das Schaben und Abreiben von einem Schock Tafeln in der Größe der gewöhnlichen Schultafeln, giebt es 25 Pf. Bei diesem Lohne müssen sich die Arbeiterinnen nicht nur den Meißel selber kaufen, sondern auch selbst schärfen, und geschärft muß er oft werden, wenn die Arbeit flott von statten gehen soll. Die meisten Frauen haben drei bis vier Meißel, um nicht immerfort am Schleifstein stehen zu müssen. Aus der eigenen Tasche müssen sie auch den Sandstein zahlen, mit dem der Schiefer abgerieben und glatt gemacht wird, nachdem er geschabt worden ist. Ist das Schaben und Reiben besorgt, so müssen die Tafeln im warmen Wasser gewaschen und getrocknet werden. Fragt man eine Frau, wieviel sie die Woche bei ihrer Arbeit verdient, so erhält man zunächst ausweichende Antworten. Die Armen schämen sich zu sagen, welch Bettelpfennige sie verdienen. Erst wenn man selbst Zahlen nennt, an denen sie erkennen, daß man eine Ahnung von der Niedrigkeit ihres Verdienstes hat, thauen sie auf und klagen, daß 2,50 bis 3 Mt. pro Woche schon eine hohe Entlohnung sei. Wollen sie so viel verdienen, so dürfen sie sich nicht umschauen. Die Auslagen für Sandstein, Meißel und Feuerung sind bei dem angegebenen Sage nicht einmal in Rechnung gebracht. Bei der Bewerthung des Hungerlohns ist außerdem zu beachten, daß die Arbeit eine außerordentlich gesundheitsschädliche ist. Nicht nur wegen der gebückten Haltung, in der gearbeitet werden muß, vielmehr ganz be= sonders wegen des starken Staubes, der sich entwickelt und die Luft erfüllt, Menschen und Möbel in kurzer Zeit mit einer grauen Schicht überzieht und in großen Mengen in die Lunge dringt. Lungenkrankheiten jeder Art sind daher bei den Arbeiterinnen nichts Seltenes. Wenn auch nicht so ungesund wie das Schaben und Abreiben, so doch ebenso schlecht entlohnt ist das Liniren. Für das Liniren von einem Schock Tafeln der angegebenen Größe wird 35 bis 40 Pf. gezahlt. Beim Liniren müssen die Tafeln erst auf der einen Seite geleimt werden. Nachdem sie getrocknet sind, rigt die Arbeiterin mit einem Eisengriffel die Linien ein und trägt mit einem Schwamm die rothe Farbe auf. Wenn dieselbe getrocknet ist, so wird der Leim mit warmem Wasser abgewaschen und die Tafel abermals getrocknet. Hierauf wird die zweite Seite in derselben Weise bearbeitet. Die Tafeln müssen vorher geleimt, oder wie die Arbeiterinnen der Gegend sagen, geschwärzt" werden, damit die rothe Farbe nur in den gezogenen Linien haften bleibt. Die Arbeiterinnen müssen Leim, Farbe, Eisengriffel, Lineal und Schwamm selbst halten. Es wurde mir versichert, daß beim Liniren von zehn Schock Tafeln die Arbeiterin 1 Mt. 40 Pf. bis 1 Mt. 50 Pf. Auslagen habe, so daß sich ihr wirklicher Verdienst auf 2 Mt. 10 Pf. bis 2 Mt. 50 Pf. stellt. Eine schmachvolle Auswucherung der weiblichen Arbeitskraft. Da keine Wasserleitung vorhanden ist, muß das für die Arbeit nöthige Wasser, und es gehört sehr viel dazu, auf dem Rücken herbeigeschafft werden, was einen Zeitverlust und eine Erschwerung der Arbeitsmühen bedeutet. Viel Zeit geht ferner mit dem Holen und Abliefern des Schiefers verloren. Das Trocknen der Tafeln bereitet viel Unannehmlichkeiten, weil es der Familie an Plaz fehlt. Gestelle werden voller Tafeln gesetzt, der Fußboden wird damit belegt, die Fensterbänke werden damit bedeckt, kurzum die ganze Wohnung, die übrigens meistens nur aus einem, höchstens zwei Räumen besteht, wird als Trockenraum in Anspruch genommen. Arbeitet der Mann in der Fabrik, so setzt er sich nach Feierabend daheim wieder an die Arbeit und schanzt bis spät in die Nacht hinein. Und der Gesammtverdienst, den die Heimarbeit der Familie bringt? Wenn fünf, sechs und noch mehr Kinder da sind, die schon mit Preisgabe der Nachtruhe mit frohnden können, so beträgt er für die ganze Woche gewöhnlich nicht mehr als 6 bis 7 Mt. Thränenden Auges versicherte mir eine Frau, obgleich mein Mann und ich den Tag und bis spät in die Nacht hinein arbeiten, reicht's nicht weiter als bis zum trockenen Brot. Wenn wir uns Sonntags etwas Fleisch gönnen können, sind wir froh." Heimarbeit in der Dütenfabrikation. Die Firma H. Gerson, Stralsund, läßt sämmtliche Düten von Heimarbeiterinnen anfertigen. Seit kurzer Zeit wird denselben das Material gebracht, und die fertige Waare wird abgeholt. Früher mußten die Arbeiterinnen das selbst besorgen. Die Arbeiterinnen haben das Papier nach eingehändigten Mustern zuzuschneiden, zu fleben den Kleister müssen sie kaufen- die fertigen Düten am Bindfaden aufzureihen und sie zu verpacken. Die Lohnsätze dafür sind die folgenden: Für einen Zentner weißes Papier, das zu Vier- bis Sechspfunddüten verarbeitet wird, erhalten die Arbeiterinnen 4 Mt.; werden Ein- und Zweipfunddüten hergestellt, 5 Mk.; 1/4 und 1/ 2- Pfunddüten 6 Mf.; für die Verarbeitung eines Zentners grauen, blauen oder braunen Papiers beträgt der Lohn nur 2 Mt. bis 2 Mt. 50 Pf. Eine geschickte, eingeübte Arbeiterin, die früher in einer Spielfartenfabrik thätig war, fonnte bei täglich 10-12stündigem Schaffen einen Wochenverdienst von 6 bis 8 Mt. erzielen. Aber die Betreffende arbeitet unter verhältnißmäßig günstigen Umständen. Sie hat ihre Mutter bei sich, die ihr die Wirthschaft besorgt, auch mitunter mit Hand bei der Arbeit anlegt. Eine andere Arbeiterin, die ihven Haushalt und Kinder selbst versorgen muß, und die deshalb meistens erst in den Abend- und Nachtstunden für den Erwerb arbeitet, brachte es wöchentlich auf 2 Mt. 50 Pf. bis 3 Mt. Die Herstellung der übrigen Dütensorten wird nach dem Tausend bezahlt. Für 1000 Zigarrendüten giebt es 50 Pf. Die erstgenannte Arbeiterin erklärte, 2500 bis 3000 davon täglich fertigstellen zu können. Das Kleben eines Tausend Hutbeutel stellt die Tagesarbeit einer guten Arbeiterin und einen Verdienst von 1 Mk. dar. Von den noch größeren Kranzdüten fann eine tüchtige Arbeiterin zirka 500 täglich kleben, für 1000 werden 2 Mt. 50 Pf. be= zahlt. Der Lohn für das Tausend Schlipsdüten beträgt 2 Mt. 75 Pf., 1000 bis 2000 können davon täglich angefertigt werden. Am meisten verdienen noch die Arbeiterinnen bei der Herstellung der sogenannten Klosettdüten, die zwar nur mit 40 Pf. pro 1000 entlohnt werden, aber auch leicht anzufertigen sind, so daß 4000 an einem Tage geliefert werden können. Voraussetzung für die angegebenen Leistungen ist stets, daß die Arbeiterin geschickt und eingeübt ist und ungestört ihre 10 bis 12 Stunden täglich schuftet. Am unangenehmsten sind die Samendüten zu arbeiten. Die Anfertigung dieser kleinen Dingerchen ist so schwierig, daß das Kleben von 2000 eine tüchtige Tagesarbeit darstellt. Das Tausend Samendüten wird mit 40 Pf. entlohnt. Sehr schlecht verdienen die Arbeiterinnen auch bei der Herstellung der doppelten Kaffeedüten, obgleich für das Tausend 3 Mt. bezahlt wird. Die Arbeit ist nämlich sehr zeitraubend, weil die Düten dreimal geklebt werden müssen. Wenn die Seitenwände zweimal geklebt worden sind, so kommen die Düten zum Drucker, der den Namen der betreffenden Firma darauf druckt, darauf wandern sie wieder zur Kleberin, die nun den Boden klebt. Die zuerst genannte Arbeiterin verdient bei dieser Arbeit wöchentlich 4 Mt. 50 Pf. bis 5 Mt. Der Höchstverdienst, den eine geschickte Arbeiterin pro Woche erzielt, beträgt 9 Mt. 60 Pf. Bei Arbeiterinnen, die nicht sehr geschickt sind, oder ihren Haushalt mitbesorgen müssen, schwankt der Verdienst zwischen 2 Mt. 50 Pf. bis 5 und 6 Mt. die Woche. Arme Witwen, die Kinder zu ernähren haben, kleben in der Regel die gröberen Dütensorten, damit die Kinder mitarbeiten können und der Verdienst dadurch etwas steigt. Aber mehr als trockenes Brot, Kartoffeln und Zichorienbrühe bringt die Arbeit auch in diesem Falle nicht ein. Heimarbeit in der Bernstein industrie. In der Nähe der alten preußischen Krönungsstadt Königs berg liegt der Ort Palmnicken, früher ein elendes Fischernest, das erst durch die Gewinnung des Bernsteins sich zu seiner jetzigen Bedeutung entwickelt hat. Der Bernstein kommt hier in großen Mengen und seltenen Stücken vor. Die Herren Stantin und Becker, letzterer früher ein armer Hausirer, sind durch die Gewinnung des Bernsteins Millionäre geworden. Der Bernstein wurde früher gefischt, später bergmännisch gewonnen, was auch heute noch der Fall ist. In Königsberg wird der rohe Bernstein verarbeitet. Der betreffende Betrieb ist seit kurzer Zeit durch Kauf an den Fiskus übergegangen. Wenn die in diesem Erwerbszweig beschäftigten Heimarbeiterinnen gehofft haben sollten, im„ Königlichen Bernsteinwerk" besser bezahlt 115 zu werden, als früher im Stantin und Beckerschen Betrieb, so sind sie gewaltig enttäuscht worden. Das genaue Gegentheil ist eingetreten. Die Heimarbeiterinnen erhalten in der Regel 2 bis 21/2 Pfund Bernstein mit nach Hause, den sie zu schaben und zu säubern haben. Die einzelnen Stücke werden mit der linken Hand gegen die Brust gepreßt und mit einem Messer von dem anhaftenden Schmutz gesäubert, der meist steinhart ist. Dabei muß die Arbeiterin sorgfältig Acht auf diesen Abfall geben, da derselbe wieder mit abzuliefern ist, um später zu Siegellack verarbeitet zu werden. Für das Schaben und Säubern der größeren Stücke Bernstein,„ Dickplatten" genannt, giebt es 40 Pf. pro 100 Gramm. Früher bei Stantin und Becker wurde für das gleiche Quantum 50 Pf. gezahlt. Der preußische Staat bewährte sich als kapitalistischer Musterbetriebsinhaber", er übte die höchste aller kapitalistischen Tugenden: Sparsamkeit auf Kosten der ausgebeuteten Arbeitskräfte. Um 2 bis 22 Pfund Dickplatten fertigzustellen, muß eine Arbeiterin 4 bis 5 Tage arbeiten, den Tag zu 12 bis 14 Stunden gerechnet. Die kleineren Stücke Bernstein sind bedeutend schlechter zu bearbeiten als die Dickplatten, da sie oft so klein sind, daß man sie kaum zwischen den Fingern halten kann. Stücke von der Größe einer Perle sind die Regel unter der Sorte, die man„ Knüppel 2 und 3" nennt. Für das Schaben und Säubern dieser kleinen Stücke wird pro 100 Gramm 50 Pf. gezahlt, doch kann eine Arbeiterin in weniger als 6 Tagen nicht 2 bis 21/2 Pfund fertigstellen. Ihr Wochenverdienst beträgt also 6 Mt. bis 6 Mt. 50 Pf., vorausgesetzt, daß der abzuliefernde Bernstein unbeanstandet abgenommen wird. Wird bei der Abnahme auch nur das kleinste dunkle Pünktchen entdeckt, so müssen die Arbeiterinnen das betreffende Stück nacharbeiten. Zu dem Zwecke wird der Bernstein in flares Wasser gelegt und die Arbeit mit dem Messer beginnt aufs Neue, sie nimmt nicht selten noch einen ganzen Tag in Anspruch, wird aber mit feinem Pfennig vergütet. Zwei junge Mädchen klagten mir: ,, Oft thut uns des Abends die Brust von dem strammen Gegendrücken so weh, daß wir des Nachts nicht schlafen können vor Schmerzen. Und wir haben es noch gut, da wir bei den Eltern sind. Wir können eher einmal aufhören, falls wir gar zu müde und abgespannt sind. Viele unserer Kolleginnen aber, die gänzlich auf sich selbst angewiesen sind, und nicht nur Kost und Logis, sondern auch Kleider, Schuhe u. s. w. baar bezahlen müssen, sind gezwungen, manche Nacht durchzuarbeiten oder auf die Straße zu gehen!" Heimarbeit in der Lebensmittelindustrie. Daß Kaffee im Hause verlesen wird und unter welchen Verhältnissen, ist an dieser Stelle früher schon einmal geschildert worden. Heute ein Beispiel dafür, wie viel Heimarbeiterinnen verdienen, welche Erbsen und Bohnen verlesen. Die Firma Paul Noste in Königsberg beschäftigt eine Reihe von Heimarbeiterinnen. Für das Verlesen von Erbsen erhalten dieselben pro Zentner 70 Pf. Unter Umständen, wenn gar zu viel Schmutz dazwischen war, haben die Arbeiterinnen auf wiederholtes Drängen 90 Pf. bis 1 Mt. erhalten. Das Verlesen eines Zentners Bohnen wird gar nur mit 50 Pf. entlohnt. Für die angegebenen Sätze müssen die Arbeiterinnen die Waare abholen und zurückliefern, wobei sie die Zentnersäcke auf dem Rücken zwei Treppen herab resp. hinaufzuschleppen haben. Ob die Gesundheit der Frauen in der gröblichsten Weise unter dieser Ueberbürdung leidet, wer fragt darnach? Haben die Arbeiterinnen die verlesene Waare glücklich nach oben geschafft, so müssen sie nicht selten einen halben Tag auf die Abnahme warten. Wehe ihnen, wenn man unter dem Abzuliefernden noch eine schwarze Erbse oder Bohne findet. Der Sack wird dann umgestürzt, und die Arbeiterin muß seinen Inhalt auf dem Boden nochmals verlesen. ,, Mit meinen Kindern zusammen kann ich im besten Falle 2 bis 212 Zentner pro Tag verlesen," erklärte mir eine Frau. Oft schickt mir meine Nachbarin ihre Kleine zum Helfen herüber, weil unsere Noth ihr leid thut. Wenn wenigstens das lange Warten und das Nachlesen nicht wäre. Ist man noch so fleißig gewesen, hat des Nachts faum ein paar Stunden geschlafen, am Tage die ganze Hausarbeit liegen lassen, um ein paar Pfennige mehr zu erarbeiten, so wird durch das Warten und Nachlesen ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht." Die Frau war ohne Abendbrot in eine Versammlung gekommen, in der ich sprach.„ Der Verdienst reiche nicht so weit", gab sie als Grund dafür an. Ein Blick auf ihr Aussehen bestätigte ihr Elend, sie war so ausgemergelt und schwach, daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. Aehnliche, entsetzliche Bilder entrollen sich überall unserem Auge, wenn wir die Heimarbeit, einerlei in welcher Industrie, betrachten. Um so bedauerlicher ist es, daß bis dato die Gesetzgebung stets vor der Heimarbeit Halt gemacht hat Gerade die Heimarbeiter und Arbeiterinnen bedürfen am allernothwendigsten eines wirksamen Arbeiterschutzes. So lange in dieser Domäne der schlimmsten Ausbeutung nicht durch die Gesetzgebung Wandel geschafft wird, ist auch an eine wirksame Selbsthilfe der Ausgebeuteten durch die Macht der Organisation nicht zu denken. Das entsetzliche Elend hat ihre Widerstandsfraft meist total gebrochen, ihre Jsolirtheit verhindert das Sichaussprechen, Berathen, Zusammenschließen. Und wenn sie doch einmal emporgerüttelt werden, erschrecken sie vor der großen Zahl ihrer Konkurrenten, die in dem Maße zunehmen, als dem Unternehmer die winzigen Arbeiterschutzbestimmungen für den Fabrikbetrieb unbequem werden, und er sich derselben durch Beschäftigung von Heimarbeitern entzieht. Deshalb her mit dem Arbeiterschutz für die Hausindustrie und Heimarbeit. Die Bewegung der Berliner Plätterinnen und Wäscherinnen. Die alte Waschfrau", die trotz weißer Haare gesund und zufrieden am Waschfaß steht, ist in Poesie und Prosa von den bürgerlichen Sängern der„ Genügsamkeit" oft genug als Verkörperung dieser Tugend gepriesen worden, die den Habenichtsen dringend anempfohlen wird, weil sie den Besitzenden so bequem und einträglich ist. Die ,, junge Blätterin" und das„ Waschmädchen" aber wurden und werden gefeiert als reizende, billige Liebchen flotter, lebenslustiger Bürgersöhne, denen die frischen, sauberen Proletarierinnen zur Kurzweil eines Verhältnisses" gerade gut genug dünken. " Wie wenig stimmen die thatsächlichen Lebensverhältnisse der Wäscherinnen und Plätterinnen zu dem Bilde von der alten, aber noch rüstigen Frau, die zufrieden und heiter bei freudig gethaner Arbeit ihrem Ende entgegensieht. Wie wenig stimmen die thatsächlichen Verhältnisse zu dem Bild von dem jungen, rothwangigen, übermüthigen Ding, das unter Lachen und Scherzen fast, wie zum Spiel, am Plättbrett oder am Waschsaß steht. Die„ alte Waschfrau" ist in der Regel ein von Rheumatismus, Krampfadern, Hals- und Lungenleiden geplagtes Weib, und den jungen Plätterinnen und Wäscherinnen" sind nur zu oft die Kennzeichen der Blutarmuth, Bleichsucht und Tuberkulose ins Antlitz geprägt. Schwere Sorgen um des Lebens Nothdurft beladen die Einen wie die Anderen. Bei harter Frohnarbeit, die oft in halbdunklen Kellerräumen und Hinterhäusern von Früh bis Abends bei künstlichem Licht verrichtet werden muß, inmitten von ungesundem Dampf und Brodem, in einer überhigten Atmosphäre, die von den Ausdünstungen der feuchten Wäsche geschwängert ist; bei niedrigen Löhnen, die kaum zur Fristung der armseligen Existenz ausreichen: geht Frische, Gesundheit und Frohsinn bald zum Teufel, und Genügsamkeit und Zufriedenheit wären unter solchen Umständen keine Tugenden, sondern verhängnißvolle Laster. Bettina von Arnim. Herr von Goethe hatte am 23. April 1807 einen seltsamen Besuch. Ein junges dreiundzwanzigjähriges Wesen, halb Weib halb Kind, durch ein Billet Wielands empfohlen, dem Alten von Weimar aber schon längst bekannt aus den Mittheilungen seiner Mutter, der Frau Rath, auch Mutter Aja genannt im Freundeskreis ihres genialen Sohnes, fißt auf einem Sopha vor dem Alten". Der erzählt ihr dies und das, auch vom Tode der Herzogin Amalia, von dem sie, seine Besucherin, wohl in den Zeitungen gelesen habe. ,, Ach, ich lese die Zeitungen nicht!"-„„ So! Ich habe ge= glaubt, alles interessire Sie, was in Weimar vorgehe!"", Nein, nichts interessirt mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in den Zeitungen zu blättern."-" Sie sind ein freundlich Kind."" Lange Pause. Da springt sie vom Sopha auf Da springt sie vom Sopha auf -und fliegt ihm an den Hals. " Katharina Elisabeth( daher Bettina) Ludovika Magdalena Brentano ist geboren am 4. April 1785 zu Frankfurt am Main in dem Kauf und Handelshause, das goldener Kopf genannt worden war von seinem Begründer Pietro Antonio Brentano und in der Sandgasse noch heute vorhanden ist. Mit zweien ihrer Schwestern lebte sie vier Jahre bis 1798 in der Klosterpension zu Frizlar, dann abwechselnd wieder in Frankfurt und Offenbach bei ihrer Großmutter Sophie von Laroche, die mit Wieland, Herder, Goethe und den meisten anderen Geistesgrößen der Zeit Verbindungen hatte. Mit den jüngeren dichterischen Talenten verband sie ihr Bruder Klemens Brentano und Karoline von Günderode. 116 Wer die Arbeitsbedingungen der Plätterinnen und Wäscherinnen fennt, wer da weiß, wie schwer ihre Arbeit ist, wie höchst gesundheitsschädlich die Umstände, unter denen sie meist verrichtet wird, wie lange ihr Arbeitstag, der sich oft zur Arbeitsnacht ausdehnt, wie färglich ihr Lohn, der muß es deshalb mit aufrichtiger Freude begrüßen, daß die Berliner Plätterinnen und Wäscherinnen in eine Bewegung für bessere Arbeitsbedingungen eingetreten sind. Der erste Mahnruf zum Streben nach einer Hebung der Lage ertönte aus Charlottenburg. Die„ Gleichheit" brachte den Bericht über jene Versammlung der Plätterinnen, welche glänzend verlief und zur Gründung eines lokalen Vereins führte, der sich erfreulich weiter entwickelt. Dem Beispiel der kleinen Schwesterstadt ist Berlin gefolgt. Der sehr tüchtige und thatkräftige Leiter des Vereins der Wäsche- und Kravattenbranche" rief die nahe verwandten Gewerbe der Plätterinnen und Wäscherinnen zur gewerkschaftlichen Arbeit auf. Und die Gerufenen tamen. In hellen Haufen eilten sie herbei, als hätten sie nur des erlösenden Wortes geharrt, das sie aus ihrer Vereinzelung rufen, in die allgemeine Bewegung der kämpfenden Arbeiterklasse einreihen sollte. Plötzlich wurde es den Plätterinnen und Wäscherinnen bewußt, daß es ihr eigenes Wohl und Wehe sei, um das es sich handle. Daß sie so spät zu dieser Erkenntniß erwachten, ist nicht wunderbar. Greifen ja häufig auch die besser für den Kampf gerüsteten Männer nicht eher zu dem Mittel der Selbstvertheidigung, der Koalition, als bis ihnen die äußerste Noth die Waffe in die Hand drückt. Wie viel schwerer noch fällt der erste Schritt den Frauen, den geduldigen Seelen, welche meinen, daß eine Last, die ohne Murren so lange geschleppt wurde, auch weiter getragen werden wüsse. Eine zweite Anregung zu einer Bewegung für bessere Arbeitsbedingungen fand, nachdem die dumpfe Ergebung erschüttert worden war, guten Boden. Die zunehmende Preissteigerung im neuen Jahre, namentlich für Kohlen und Koats, veranlaßte die Inhaber der Plättstuben, einen neuen, höheren Tarif zu vereinbaren, der zu Pfingsten veröffentlicht wurde und seitdem im Kundenverkehr gilt. Nun wollte es den Plätterinnen nicht in den Kopf, daß nur die Meister für die Preissteigerung schadlos gehalten werden sollten und nicht auch sie, die doch jeden Pfennig Mehrausgabe so schwer empfinden. In einer sehr gut besuchten und gutgestimmten Versammlung der Neuplätterinnen wurde die Sachlage erörtert und der Beschluß gefaßt, eine Versammlung der Altplätterinnen( so genannt, weil sie alte, d. h. gebrauchte Wäsche plätten, im Gegensatz zu den Neuplätterinnen, welche für die Wäschefabriken arbeiten) einzuberufen. Daß für die Versammlung einer der größten Säle Berlins gewählt wurde, erschien als Wagniß, da die Plätterinnen bis dahin jeder Organisation entbehrten. Erfreulicherweise erwies sich der Saal nur eben groß genug, um die Menge derer zu fassen, welche herbeieilten, um ihre eigene Versammlung zu besuchen, ihre eigenen Beschwerden vorgebracht zu hören. Man sah es Vielen an, man hörte es aus Als diese lettere, ihre Herzensfreundin, sich in Folge einer unglücklichen Liebesgeschichte 1806 erdolcht hatte, suchte Bettina Goethes Mutter auf, schloß mit dieser innige Freundschaft und errichtete, wie der jüngeren Freundin, auch dieser in ihren Schriften das herrlichste Denkmal und das echte Charakterbild dieser wunders baren Frau. Im März 1811 vermählte sich Bettina mit Achim von Arnim, dem Freunde ihres Bruders Klemens, und ebenso wie dieser der romantischen Dichtergruppe angehörig. " " Gemeinlich verbindet man mit den Worten romantisch" und Romantik" die Vorstellung von reaktionär- katholischem Wesen: das ist bei Bettina und ihrem Gatten Achim von Arnim durchaus nicht der Fall. Der letztere war glühend begeistert für Deutschlands Erhebung und Einigung, trat dafür in Kleists Abendblättern", im Rheinischen Merkur" von Görres und in dem von ihm selbst geleiteten ,, Preußischen Correspondenten" warm ein, wodurch er sich den Eintritt in den preußischen Staatsdienst verschloß, so lange Hardenberg die Geschäfte leitete. Beim Ausbruch des Freiheitskriegs" trat er in den Berliner Landsturm ein, dessen spätere Aufhebung er dem König gegenüber freimüthig als verfehlte Maßregel tadelte; 1817 begrüßte er die Jubelfeier der Reformation mit einer literarischen Gabe( Predigten des Mathesius). " Vier Zwanzig Jahre lebte Bettina mit Arnim in glücklicher Ehe in Berlin und auf dem Landgut zu Wiechersdorf. Söhnen und drei Töchtern hat sie das Leben geschenkt. Am 21. Januar 1831 verlor sie ihren Gatten durch einen schnellen sanften Tod. 1832 starb auch ihr Abgott Goethe, dem fie wesentlich geholfen hatte bei Abfassung seiner Selbstbiographie manchem Munde, daß eine Versammlung zum ersten Mal aufgesucht worden war. Nichts hatte bisher den meisten Plätterinnen und Wäscherinnen ferner gelegen, als Agitation, Vereinswesen und ähn liche„ gefährliche Dinge". Aber auch die Gleichgiltigsten lassen sich aufrütteln und wachrufen, wenn ihre Lage immer dringender Abhilfe und Besserung heischt. Mit großer Erregung und hochgespannter Aufmerksamkeit folgten die Versammelten den Worten der Referentin, Frau Jhrer, und ihre große, persönliche Antheilnahme verrieth sich sowohl in dem stürmischen Beifall zu dem Referat, als bei den Ausführungen der Gegner in dem gleich stürmischen Widerspruch. Die bisherigen Löhne der Plätterinnen müssen durch ihre Niedrigkeit Staunen und Entrüstung erregen. Sie stellen sich, wie folgt: Für das Dutzend Oberhemden 75 Pf., das Duhend Westen gleichfalls 75 Pf., das Dutzend Chemisetten 30 Pf., das Dußend Paar Manschetten 30 Pf., das Dutzend Kragen 20 Pf. Die Löhne bleiben sich im Allgemeinen gleich. Für Damenblousen( Oberhemd) ist dagegen die Entlohnung sehr wechselnd, sie steigt von 15 Pf. für 2 Stück ein Preis, der leider nicht selten ist, auf 25 Pf., für 2 Blusen, ja zuweilen auch für 1 Bluse allein. In jedem Falle ist es die Hälfte des Preises, den die Kundschaft zahlt, den die Plätterinnen als Lohn erhalten. 117 Der Sachlage entsprechend wurden behufs Besserung der Arbeitsbedingungen des Gewerbes von den Versammelten drei Forderungen aufgestellt: höherer Lohn, kürzere Arbeitszeit und Unterstellung der Arbeitsstuben unter die Fabrikinspektion. Wie die ,, Gleichheit" bereits berichtete, wurde eine fünfzehngliedrige Kommission gewählt, deren Aufgabe es war, einen Lohntarif auszuarbeiten, die Forderungen betreffs Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit zu formuliren und diesbezügliche Vorschläge einer zweiten Versammlung der Wäscherinnen und Plätterinnen vorzulegen, die 14 Tage nach der ersten, am 26. Juni, stattfinden sollte. Diese Versammlung ist nun vorüber. Wie ihre Vorgängerin, so erfreute auch sie sich eines massenhaften Besuches seitens der Plätterinnen und Wäscherinnen. Ein Hauch von Energie und fester, willensflarer Entschlossenheit wehte durch den großen, dichtgefüllten Saal. Die Kommission legte den Versammelten folgenden Entwurf der aufgestellten Forderungen vor. Oberhemden 1. Entlohnung: Akkordlohn für Plätterinnen. do. gestickt oder Falten . Westen Kragen Manschetten Chemisetts pro Dutzend- Paar 0,60 Mr. pro Dutzend 1,20 V V . 1,50 . . pro Stück 0,20 . pro Dutzend 0,30 pro Dutzend 0,60 0,75 0,50 • pro Stück 0,25 0,30 Pro Woche Pro Woche . 21 Mt. Wochenlohn für Wäscherinnen. 21 Mt. · lord = = mit Tollen Wochenlohn für Plätterinnen. Wenn die Dürftigkeit des Lohnes eine annehmbare Wocheneinnahme nicht immer ausschließt, so liegt die Erklärung dafür in der übermäßig lang ausgedehnten Arbeitszeit, der charakteristischen und so verhängnißvollen Begleiterscheinung der Hausindustrie. Die Arbeiterschutzgesetze, welche die Arbeitszeit in den Fabrifen etwas gekürzt und do. gestickt oder Falten. geregelt haben, haben leider vor den handwerksmäßigen und hausindustriellen Betrieben Halt gemacht. In der Folge haben die Plätte- Damen- Oberhemden. do. nur fleine rinnen und Wäscherinnen, die vielfach in den allerungesündeſten do. Arbeitsstuben und Arbeitsräumen, unter ohnehin schon schlechten sanitären Verhältnissen schaffen, ungemessen lange Arbeitszeit. In Berlin sind Arbeitswochen von 92 Stunden keine Seltenheit, in Charlottenburg fann es gar passiren, daß die Plätterinnen sich 100 Stunden wöchentlich abrackern müssen. Fast in allen Plättstuben gilt die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag als ein regelrechter Arbeitstag. Wenn die Arbeit bis Nachts 2 Uhr und länger gedauert hat, so kommt es obendrein wohl noch vor, daß die Meisterin am nächsten Morgen heftig über die Langschläferei und Unpünktlichkeit der Arbeiterinnen schilt. Wenn Wäscherinnen und Plätterinnen von Hause aus auch noch so robust sind, schon nach wenigen Jahren stellen sich allerhand Berufskrankheiten ein: Kopf- und Magenleiden bei den Plätterinnen; Blutarmuth, Rheumatismus bei den Wäscherinnen, Krampfadern, Unterleibsleiden, geschwollene Füße, Krankheiten der Athmungsorgane und Schwindsucht bei den einen und anderen. Lange Arbeitszeit, schwere Arbeitsleistungen, ungesunde Arbeitsräume und dürftige Er nährung in Folge des färglichen Verdienstes wirken zusammen, um im Laufe weniger Jahre auch die festeste Gesundheit zu zerrütten. ,, Dichtung und Wahrheit" und mit dem sie zahlreiche Briefe gewechselt hatte. Auf dieser Grundlage ihre Briefe waren ihr aus Goethes Nachlaß zurückgegeben worden schrieb sie ihr epochemachendes Buch:„ Goethes Briefwechsel mit einem Kinde"( sie betrachtete sich als Goethes geistiges Kind), das lange für eine romantische Schwindelei galt.* Freilich mischt auch sie Dichtung mit Wahrheit, bezieht notorisch an andere Damen gerichtete Gedichte auf das ,, Kind", also auf sich: aber sie beabsichtigte gar nicht ein Geschichtswerk, sondern ein Kunstwerk zu Ehren des großen Freundes zu schaffen. Und das ist ihr prächtig gelungen. Mit dem Erscheinen des Buches( 1835) war die geniale Frau auch die berühmteste Frau Deutschlands. Jakob Grimm erklärte, daß diese sprach- und gedankengewaltigen Briefe mit der Zeit einen integrirenden( unentbehrlichen) Theil der Werke Goethes bilden würden. Wilhelm Grimm meinte, das Buch müsse alle Menschen beglücken, denen der Staub nicht fingerdick auf der Seele size. Der feinsinnige Freiherr von Meuse bach sagte voraus, daß dieses Buch Mühe haben werde, sich der Unsterblichkeit zu entziehen. Von der Berechtigung dieser Urtheile kann sich jedermann überzeugen; haben wir doch eine spottbillige Ausgabe desselben in Reclams Universalbibliothek( Nr. 2691 bis 2695). Mit Hilfe der Brüder Grimm besorgte Bettina eine Gesammtausgabe der Werte ihres Gatten. 1840 schuf sie das Denkmal * Dieser Jrrthum, den auch ich auf Gervinus Autorität lange theilte, ist jetzt glänzend durch Reinhold Steig beseitigt. = = = V mit Kost 15 Mt., pro Tag 2,50 Mt. II. Arbeitszeit. Sommer: von 7-7 Uhr. Pausen: 8-9, 12-1, 41/ 2-5 Uhr. Winter: von 8-8 Uhr. Pausen: 9-10, 12-1, 4-5 Uhr. In jedem Punkt der Forderungen äußerten Arbeiterinnen wie Meister und Meisterinnen ihre Meinung. Erstere nahmen jeden einzelnen Punkt einstimmig an, letztere stimmten nicht mit. Sie hatten in der Zwischenzeit selbst einen Lohntarif ausgearbeitet, welcher den Arbeiterinnen eine Lohnerhöhung von 25 bis 30 Prozent bot. Vor Pfingsten, als die Meister die Kundenpreise erhöhten, hätte dieser Tarif vielleicht Aussicht gehabt, von den Arbeiterinnen angenommen zu werden. Jetzt kam er zu spät. Plätterinnen und Wäscherinnen erklärten der Konzession der Meister gegenüber um so eifriger und ihrer Freundin Karoline von Günderode, 1844 ein ähnliches Gedächtnißbuch für ihren eben verstorbenen Bruder Klemens Bren1841 erschien das„ Königsbuch", von dem weiterhin ausführlicher die Rede sein soll; 1848 der Briefwechsel mit Philipp Nathusius und anderen jungen Leuten, an deren volksfreundliche, voltsfördernde künftige Thätigkeit Bettina glaubte. 1853 erschienen die als zweiter Theil des Königsbuchs gedachten„ Gespräche mit Dämonen". Dem Kultus ihrer geliebten Todten, der Kunst, Literatur und Musik, dem Umgang mit allen in ihren Gesichtskreis gelangenden bedeutenden Menschen war der Rest ihres Lebens gewidmet; vor Allem aber glühte ihr Herz für die Armen und Elenden des Volkes, wovon vornehmlich ihre staatssozialistischen Gespräche und Erzählungen der Frau Rath, Goethes Mutter, Zeugniß ablegen, zu deren näherer Betrachtung ich mich nun wende. ,, Dies Buch gehört dem König", steht auf dem ersten Blatte des merkwürdigen Werkes. des merkwürdigen Werkes. Fünf" Aussprüche der Frau Rath" stehen wörtlich gleichlautend am Anfang und am Ende des Buches, von denen einer die Grundtendenz klar zu erkennen giebt. Er lautet: " Freiheit allein bringt Geist, Geist allein bringt Freiheit!" In der That ist das Königsbuch voll von Freiheitsgeist. Die echt goethesche Volksliebe, die Achtung und Anerkennung der schlichten und doch erhabenen Tugenden jenes ehrwürdigen Theiles der Nation, den wir Volk nennen"( Herders Ausspruch), die glühende Sehnsucht, allen Armen, Mühseligen und Beladenen zu helfen, sie zu befreien, aufzuklären und zu beglücken, durchweht wie ein feuriger Odem das ganze herrliche Werkchen. ( Schluß folgt.) " energischer, an ihren eigenen Forderungen'festzuhalten, als sie großes Gewicht auf die Verkürzung der Arbeitszeit legen. Sie wollen sich nicht länger mit dem Mißstand abfinden, daß Abends die Arbeit nicht endet, daß sie erst spät»ach Mitternacht todtmüde, wie zer- schlagen dem armseligen Heim zuwandern. Sie haben sich darauf besonnen, daß sie nicht bloß Wasch- und Plättmaschinen sind, sondern lebendige Menschen, mit einem Recht auf Gesundheit. Muße, Bildung. Familienglück und Erholung. Tüchtige Arbeit muß nicht nur tüchtigen Lohn beanspruchen, vielmehr auch tüchtige Ruhe zur Stärkung und Erfrischung von Körper und Geist. Von der Erkenntniß durchdrungen, daß nur ein einheitliches. planmäßiges Handeln, das von einer festen Organisation geleitet wird und an ihr einen Rückhalt findet, der eingeleiteten Bewegung zu Erfolgen zu verhelfen vermag, nahmen die Versammellen folgende Resolution an:„Die heute, 26. Juni, in Kellers Festsälen tagende, von ca. 1500 Personen besuchte Versammlung der Alt-Plätterinnen und Wäscherinnen in Berlin erklärt, daß nur durch festes Zusammen- halten ein planmäßiges Arbeiten möglich ist und verpflichtet sich, der Organisation aller Arbeiter und Arbeiterinnen von der Wäsche- und Kravattenbranche beizutreten." Nachdem die Versammlung entschieden hatte, gingen Lohn- kommission und Organisation freudig an die ihnen zugefallene Auf- gäbe, den Arbeiterinnen möglichst auf dem Wege gütlicher Berhand- lung bessere Arbeitsbedingungen zu schaffe». Vom 27. Juni an konnten alle Wäscherinnen und Plätterinnen im Bureau der Lohnkommission Tarifzettel mit den aufgestellten Forderungen erhalten. Diese Zettelsollten den Meistern und Meisterinnen vorgelegt werden, die sich bis zum 7. Juli durch Unterschrift zur Einhaltung der geforderten Arbeits- bedingungen zu verpflichten hatten. War bis zum Ablauf der fest- gesetzten Bedenkzeit die Unterschrift nicht erfolgt, der Tarif also ab- gewiesen, so galt vom 30. Juni ab die Kündigung des Arbeitsver- hältnisses seitens der Arbeiterinnen. Durch die letztere Bestimmung wurde die lltägige Kündigung gewahrt. Die Plätterinnen und Wäsche- rinnen sind der erhaltenen Losung gemäß vorgegangen. Nur ein kleiner Theil der Unternehmer hat die Forderungen bewilligt. Die Verhandlungen zwischen der Lohnkommission und einer Kommission der Unternehmer haben zu keiner Verständigung geführt. Um einen friedlichen Verlauf der Bewegung zu sichern, haben nun die Plätte- rinnen und Wäscherinnen auf Vorschlag der Lohnkommission das Eini- gungsamt des Gewerbeschiedsgerichts angerufen. Die Inhaber der Wäschereien und Plättestuben sind dem Vorschlage beigetreten. Die Wäscherinnen und Plätterinnen haben in einer Versammlung die Lage erörtert und über die weiterhin zu unternehmenden Schritte beschlossen. Ihre Vertretung vor dem Einigungsamt wurde Genossin Ihrer, vier Plätterinnen und dem Vorsitzenden der Organisation. Genossen Trinks, übertragen. Die Verhandlungen vor dem Einigungsamt beginnen am 13. Juli. Wir wünschen ihnen besten Erfolg. Nach den Berichten der Lohnkommission ist die Situation den Arbeiterinnen günstig. Es mehrt sich die Zahl der Meister, welche die Forderungen bewilligen. Der Arbeitsnachweis des„Vereins der Wäsche- und Kravattenbranche" kann der Nachfrage nach Arbeite- rinnen zu den neuen Bedingungen nicht genügen. Die Stimmung unter den Plätterinnen und Wäscherinnen ist vorzüglich. Die Organi- sation ist entschlossen, ihnen mit Rath und Thal kraftvoll zur Seite zu stehen. Die Lohnkommission erklärt es in der Folge für ein schändliches Manöver, daß sogenannte„parteilose" Blätter, wie „Lokalanzeiger" und„Morgenpost", verkünden, die Bewegung werde im Sande verlaufen. Ueberall, wo Arbeiterinnen und Arbeiter am eigenen Leibe er- fahren, was Ausgebeutetwerden bedeutet, da wird man auch von ganzem Herzen mit den Plätterinnen und Wäscherinnen sympathi- siren. welche sich nach einer menschenwürdigeren Existenz sehnen. Aus dem Vcrständniß für ihr trauriges Loos, aus der Sympathie für ihre so gerechtfertigten Bestrebungen wird im Falle der Roth, im Falle des Kampfes treue, opferfreudige Hilfsbereitschaft erwachsen. Der Verlauf und der Ausgang der in Fluß gekommenen Bewegung ist in der Hauptsache von den Wäscherinnen und Plätterinnen selbst abhängig. Erlischt ihr Wille nach günstigeren Arbeitsbedingungen nicht einem Strohfeuer gleich, halten sie vielmehr mit Festigkeit. Ausdauer und vor allem mit unerschütterlicher Einmüthigkeit fest. was sie mit hochflammender Begeisterung als Ziel erkoren, so können Erfolge nicht ausbleiben. Die Wäscherinnen und Plätterinnen von Neu-Isenburg haben ihren Berliner Schwestern der Frohn und des Leidens durch einen lange Wochen dauernden Kampf schon vor Jahren gezeigt, welche Siege durch Einigkeit, Ausdauer und treues Festhalten an der Organisation errungen werden können. Die Lohn- erhöhung bei kürzerer Arbeitszeit, welche die Wäscherinnen und Plätterinnen der Pariser Vororte erst kürzlich ihren Unternehmern abAetrotzt haben, beweist das Gleiche. In England haben die Wäsche- rinnen und Plätterinnen ihrer Agitation und Organisation eine Reihe werthvoller gesetzlicher Schutzmaßregeln zu verdanken, welche bessere sanitäre Verhältnisse in den Wäschereien geschaffen haben. Wenn die Wäscherinnen und Plätterinnen im Verlaufe ihrer Bewegung erkennen lernten, daß es für sie nicht gilt schweigend zu leiden und zu dulden, vielmehr agitirend, kämpfend für Besserung zu wirken. wenn sie sich von der Bedeutung des Zusammenhalts überzeugen und die Wichtigkeit der gewerkschaftlichen Organisation erfassen, so ist das ein Gewinn, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der Hinblick auf die gegenwärtig erhobenen Forderungen, die Rücksicht auf weitere Verbesserung der Lage und auf eine dauernde Sicherung der errungenen Vortheile, aber auch das heiße Begehren nach Auf- klärung, nach dem Wirken in einer Gemeinsamkeit, nach dem Empor der Persönlichkeit aus der Enge und dem Dunkel einer nothbelasteten Existenz, aus der Kälte der Vereinsamung, kurz das Streben nach einer Antheilnahme an allen materiellen und geistigen Errungen- schaften der Kultur, predigt den Plätterinnen und Wäscherinnen ein- dringlich: Organisirt Euch! Aus der Bewegung. Von der Zlgitation. Im Auftrag der Generalkommission und des Tabakarbeiterverbandes sprach Genossin Z ietz- Hamburg vom 10. Juni bis 1. Juli in einer Reihe öffentlicher Gewerkschaftsversamm- lungen. welche in folgenden Orten stattfanden: Frankenhausen. Langewiesen. Geschwenda bezw. Gräfenroda. Älrnstadt. Kahla. Lehesten. Hof, Kösen, Osterfeld, Weißenfels, Raum- bürg und Merseburg. In Frankenhausen, wo vor einiger Zeit die Knopfarbeiter durch ihr einiges Zusammenstehen einen schönen Sieg errungen haben, wo auch eine gute Organisation der Tabak- arbeiter und-Arbeiterinnen vorhanden ist. war die Versammlung gut besucht. Leider dürfen nach Schwarzburg-Rudolstädter Versammlungs- recht keine Minderjährigen an öffentlichen Versammlungen theil- nehmen, und doch thäre es diesen so noth, etwas mehr in das Wesen der Arbeiterbewegung eingeführt zu werden. Die Lohnsätze der Heim- arbeiter und-Arbeiterinnen sind zum großen Theile gar zu traurig. In Langewiesen(Schwarzburg-Sondershausen) war die Versamm- lung die erste, in welcher eine Frau sprach. Unter den zahlreich Er- schienene» befanden sich denn auch zum ersten Male einige Dutzend Frauen, die alle mit sichtlichem Interesse den Ausführungen folgten und zum Schlüsse erklärten, von jetzt ab regelmäßig die Versammlungen besuchen zu wollen. In Geschwenda war es dem Einfluß des Bürgermeisters gelungen, den Wirth zur Zurücknahme seiner Zusage betreffs des Lokals zu bewegen. So waren wir also obdachlos. Wenn der Ortsgewaltige jedoch gehofft hatte, dadurch die Versammlung zu hintertreiben, so hatte er sich arg verrechnet. Als gegen 9 Uhr die Versammlungsbesucher in großer Zahl beieinander waren, hieß es „Abmarsch ins Gothaische, nach dem nahegelegenen Gräfenroda". Im Gothaischen brauchen Versammlungen in geschlossenen Räumen nicht angemeldet zu werden. Bald marschirten Männlein und Weib- lein bei herrlichem Mondenschein bergauf und bergab ins„Ausland". wo sie im„Felsenkeller" zu Gräfenroda gastliche Aufnahme fanden. Bis auf den letzten Platz war das Lokal besetzt. Wer beim Ab- marsche vielleicht noch unschlüssig gewesen war, ob er mitgehen solle. der war vom Gendarmen dazu getrieben worden. Dieser jagte nämlich die Leute vor dem Lokal in Geschwenda mit den Worten auseinander: „Das wäre noch schöner, wenn hier ein Straßenauflauf entstände". Als wir nun in Gräfenroda die prächtige Versammlung und die be- geisterte Stimmung der Besucher sahen, dachten wir unwillkürlich: Es leben unsere Freunde, die Feinde! Der schöne Abend wird den Genossen und Genossinnen sicher noch recht lange im Gedächtniß bleiben. Eine gut besuchte Versammlung fand in Arnstadt statt, wo den verschiedensten Organisationen eine ganze Anzahl neuer Mit- glieder zugeführt wurde. Am anderen Tage sollte im Rathhaussaale zu Plaue eine Versammlung stattfinden. Jedoch es hieß: der Ver- trauensmann von Plaue denkt, und der Bürgermeister lenkt. Zu- nächst hatte der Gendarm des Ortes versucht, den Wirth zu bestimmen, wortbrüchig zu werden und das zugesagte Lokal zu verweigern. Der Wirth erklärte jedoch, falls die Gemeinde ihm die Hälfte der Pacht erlasse, werde künftighin keine Arbeiterversammlung mehr bei ihm stattfinden; geschehe das nicht, so müsse er sehen, wie er durchkomme. Daraufhin verbot der Bürgermeister kurzerhand die Versammlung. Die„Gleichheit" hat bereits in letzter Nummer über das Verbot. seine Begründung und die folgenden Chikanirungen und Flegeleien berichtet, denen Genossin Zietz seitens des Bürgermeisters ausgesetzt war. Ob wohl der Ortsgewaltige allen Ernstes glaubt, durch der- artige Maßnahmen und Chikanen den„Umsturz" vom Miniatur- ländchen fernhalten zu können? Die Erbitterung der Leute, welche der Versammlung beiwohnen wollten, war groß, und der Herr Bürger- meister wird erfahren, daß diese Erbitterung sich umsetzt in eine stärkere Betheiligung an der Arbeiterbewegung. Die Versammlung in Kahla war sehr stark besucht, sie führte den einzelnen Organisationen neue Mitglieder zu, und es wurde der Grund gelegt für eine Bahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes. In Lehesten wies die Versammlung ebenfalls einen prächtigen Besuch auf, erfreulicherweise waren auch die Frauen recht stark in ihr vertreten. In Lehesten wohnen viele hundert Schieferarbeiter, von denen nicht ein einziger organisirt ist. Das Bedürfniß nach der Organisation ist wohl vorhanden, doch ist die Furcht vor Maßregelungen allzu groß. An dem Tage der Versammlung fanden sich eine stattliche Anzahl von Personen zusammen, die unter der Leitung des dortigen Vertrauensmannes den Anschluß der Schieferarbeiter an den Bergarbeiter- oder an den Fabrikarbeiterverband herbeiführen werden. In Nordhalben wurde uns in letzter Stunde der Saal abgetrieben, ja der Wirth gewährte der„ Hegerin" nicht einmal Quartier, so daß Genoffin Zieh noch des Abends spät nach Geroldsgrün pilgern mußte. In einer gutbesuchten Versammlung in Hof wurden dem Textilarbeiterverbande neue Mitglieder zugeführt. Die Textilarbeiter und -Arbeiterinnen der Stadt sind in eine lebhafte Bewegung für den Zehnstundentag und die Abschaffung des Prämiensystems eingetreten. In Elsterberg wo viele männliche und weibliche Textilarbeiter und Tabatarbeiter beschäftigt sind, wurde die Versammlung verboten, weil angeblich sich das Lokal nicht eigne. In Naumburg a. S., wo besonders die weiblichen Fabrikarbeiter so elendiglich entlohnt werden, gelang es, eine Zahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes zu gründen, der auch sofort einige Frauen beitraten. In Kösen, Osterfeld, Weißenfels und Merseburg waren die Versammlungen recht gut besucht. Den verschiedenen Organisationen wurden in all diesen Orten neue Mitglieder gewonnen. Ist durch die„ liebevolle Fürsorge" einzelner Behörden auch eine Anzahl Versammlungen hintertrieben worden, so hat doch auch die stattgefundene Agitationstour ihr gut Theil zur Ausbreitung und Kräftigung der Arbeiterbewegung beigetragen. L. Z. In Schwiebus fand am 16. Juni eine von Frauen gut besuchte Versammlung statt. Genossin Vogel- Charlottenburg referirte über„ 3weck und Nußen der gewerkschaftlichen Organi= sation" und fand lebhaften Beifall der aufmerksam den Ausführungen folgenden Versammelten. Leider schlossen sich dem Verbande der Textilarbeiter nur drei neue Mitglieder an, so daß in Schwiebus jetzt insgesammt 15 Textilarbeiter und Arbeiterinnen, organisirt sind. Es ist dies eine erschreckend kleine Zahl, denn in der Textilindustrie des Orts find gegen 2000 bis 3000 Personen beschäftigt, wovon die Mehrzahl aus Frauen besteht. Daß die Betheiligung der Schwie buser Textilarbeiterschaft an der gewerkschaftlichen Organisation eine so winzige ist, erklärt sich zum Theile aus dem sehr niedrigen Verdienst, über den wir in nächster Nummer berichten werden. Er bedingt eine jämmerliche Lebenshaltung und damit dumpfen Sinn. trotz allem muß die vorhandene Gleichgiltigkeit gegen die Gewerkschaft gebrochen werden. Auch in Schwiebus müssen die Textilarbeiter und Arbeiterinnen organisirt für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Der Verlauf, den die letzte Versammlung nahm, berechtigt zu der Hoffnung, daß dies in absehbarer Zeit geschehen wird, daß insbesondere auch die Arbeiterinnen mehr und mehr ihre Pflicht erkennen, sich aufzuklären und der Gewerkschaft anzuschließen. A. V. Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Betkin.) Weibliche Fabrikinspektoren. Aber Weibliche Vertrauenspersonen für die Gewerbeaufsicht in Sachsen. Nach einem Beschluß des Ministerium des Innern sind in Sachsen vom 1. Juli an weibliche Vertrauenspersonen der Gewerbeaufsicht bestellt worden. Den Vertrauenspersonen soll es obliegen, Beschwerden, welche die Arbeiterinnen dem männlichen Aufsichtsbeamten nicht anvertrauen mögen, entgegenzunehmen und den Kreishauptmannschaften zu übermitteln. Wie groß die Zahl der ernannten Vertrauenspersonen ist, in welchen Bezirken sie wirken sollen, wer sie sind, und welche Bürgschaften sie für verständige und pflichteisrige Erfüllung der übertragenen Aufgaben aufweisen: darüber fehlen jegliche Anhaltspunkte. Nicht einmal die bürgerlichen Blätter, welche die Neuerung meldeten, wissen über diese sehr wichtigen Fragen etwas zu berichten, geschweige denn, daß die zuständigen Amtsstellen geruht hätten, die Arbeiterpresse genau zu informiren. Und doch wäre diese Informirung von sehr wesentlicher Bedeutung dafür, daß die Arbeiterinnen, die an der Einrichtung das stärkste Interesse haben, rasch über dieselbe 119 " unterrichtet würden und sich ihrer bedienen könnten. Die Aufstellung weiblicher Vertrauenspersonen ist das einzige Konzessiönchen, zu dem sich die sächsische Regierung an die Forderung der Arbeiterinnen verstanden hat, Frauen zur Gewerbeaufsicht heranzuziehen. Die „ Soziale Praxis" irrt sich, wenn sie in Nr. 39 annimmt, daß im letzten sächsischen Etat Mittel bewilligt worden wären, um versuchsweise zwei weibliche Hilfskräfte der Fabritinspektion anzustellen, und daß also neben den weiblichen Vertrauenspersonen noch Assistentinnen der Gewerbeaufsicht funktioniren würden. Durchaus unbegründet ist mithin auch ihre wohlwollende Vermuthung, auf Seiten der Regierung scheine die Absicht vorzuliegen, auf Grund von Erfahrungen zu ermitteln, welcher Weg am besten zum Ziele führt die Heranziehung weiblicher Beamter oder Vertrauenspersonen". Wer das Wesen und die Thaten der sächsischen Regierung fennt, der weiß, daß sie bis jetzt ebenso ängstlich als erfolgreich auch den leisesten Schein gemieden hat, als liege ihrerseits je die Absicht vor, zu Gunsten der Arbeiterinnen und Arbeiter auch nur die bescheidenste Reform durchzuführen. Unterdrückungsmaßregeln und abermals Unterdrückungsmaßregeln, aber nicht Reformen, das ist es, was sie dem Proletariat noch jeder Zeit geboten hat. Es heißt deshalb wirklich den Gipfel jener vernebelten weltfremden Phantastik erklimmen, in welcher die Berlepscherei athmet und lebt, wenn man der sächsischen Regierung die Absicht anfabulirt, sie wolle auf dem Weg der Erfahrung erproben, welche Maßregel am geeignetsten sei, die Interessen der Arbeiterinnen zu wahren. Wie denn liegen die Dinge? Im Frühjahr 1899 erklärte allerdings der sächsische Bevollmächtigte im Reichstage, offenbar in einem Anfalle voreiliger Scham, seine Regierung sei der Frage der Anstellung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten ,, näher getreten". Daß dieses Nähertreten" aber kaum ein Viertelschrittchen nach vorwärts bedeutete, lehrte der Etat. In diesen wurden ganze 2000 Mark eingestellt für die Honorirung weiblicher Vertrauenspersonen, welche bestimmt sind, Beschwerden und Mittheilungen von Arbeiterinnen entgegen zu nehmen, welche sich scheuen, mit den Beamten der Gewerbeinspektion unmittelbar ins Benehmen zu treten". Es ist also gar keine Rede von der Anstellung fest be= soldeter Hilfsbeamtinnen mit bestimmten Machtbefugnissen zur Kontrolle der Betriebe, in denen Arbeiterinnen beschäftigt sind; mit bestimmt vorgeschriebenem Pflichtkreis, die Wahrung der Gesetze und der Rechte der Arbeiterinnen betreffend. Das Unzulängliche wird obendrein noch so ungenügend als möglich gethan. Für die Honorirung der Vertrauenspersonen sind 2000 Mark ausgeworfen, und in Sachsen giebt es 13 Fabritinspektionsbezirke, denen im letzten Jahre 168833 Arbeiterinnen unterstellt waren. Auf den einzelnen Inspektionsbezirk entfällt durchschnittlich eine Aufwendung von rund 154 Mart, um eine bessere Durchführung der gesetzlichen Schutzvorschriften zu Gunsten der Arbeiterinnen zu gewährleisten. Dazu kommt noch Eins. Die aufzustellenden weiblichen Vertrauenspersonen sollen nicht einmal mit der Gewerbeaufsicht in Verbindung stehen, sondern mit der Kreishauptmannschaft. Man mag die Neuerung drehen und wenden wie man will, sie erweist sich als eine grobe Karikatur auf die Thätigfeit weiblicher Fabrikinspektoren und Hilfsbeamten. Vertrauenspersonen der Arbeiterinnen aufzustellen ist nicht Sache der Regierung oder der städtischen Behörden- in Chemnitz soll der Rath beschlossen haben, eine ihm geeignet dünkende Frau für den Posten in Vorschlag zu bringen, sondern lediglich Sache der Arbeiterinnen selbst und ihrer berufenen und bewährten wirthschaftlichen Interessenvertretung, der Gewerkschaft. Pflicht der sächsischen Regierung ist es dagegen, weibliche Gewerbeaufsichtsbeamten anzustellen, denen bestimmte Verpflichtungen obliegen und bestimmte Vollmachten dem Unternehmerthum gegenüber eignen. Was ihres Amtes nicht ist, da sollte die Regierung ihren Vorwitz lassen und dafür thun, was das Amt heischt. Ueber die Anstellung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten in der Schweiz haben sich fürzlich die schweizerischen Fabrikinspektoren in einem Gutachten an den Bundesrath geäußert. Es heißt darin, daß die Mithilfe der Frauen bei der Inspektion unter Umständen erwünscht und nothwendig sei. Die Ausdehnung der Arbeiterschutzgesetzgebung werde mit der Zeit die Heranziehung der Frauen zur Fabrikinspektion nothwendig machen, zumal dann, wenn Arbeiterschutz und Gewerbeaufsicht auf die Hausindustrie ausgedehnt würden. Das Gutachten bedeutet einen Fortschritt in der Auffassung der Fabrikinspektoren über die strittige Frage. Noch im vorigen Jahre hatten sie sich in einem Gutachten gegen die Berufsthätigkeit der Frau auf dem Gebiete der Gewerbeaufsicht erklärt. In der Presse waren sie ob dieses ihres Standpunkts als„ 3öpfe" scharf kritisirt worden. In dem kürzlich erschienenen Bericht der schweizerischen Fabrikinspektion für die Jahre 1898 und 1899 sucht der Fabrifinspektor Herr Rauschenbach diese Kritik zurückzuweisen. Was er zur Recht fertigung des früheren Gutachtens der Fabrikinspektoren sagt, scheint uns wenig beweiskräftig. Herr Rauschenbach ist übrigens kein grund sätzlicher Gegner der Heranziehung von Frauen zur Gewerbeaufsicht. Er befürwortet die Anstellung kantonaler Aufsichtsbeamtinnen. Wenn die Frau aber geeignet ist, den Pflichten der kantonalen Gewerbeaufsicht zu genügen, weshalb soll sie da außer Stande sein, die Aufgaben der eidgenössischen Fabrikinspektion zu erfüllen? Dienstbotenfrage. Die Berliner Dienstbotenbewegung. Nach langer Pause fand am 29. Juni in Berlin wieder eine öffentliche, interessante Versammlung der Dienstboten statt. Der große Saal des„ Königshofs" war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Die meisten Versammelten gehörten dem„ dienenden Stande" an, nur hier und da fielen anwesende Herrschaften" auf. Privatdozent Dr. Stillich, der, wie wir seinerzeit mittheilten, zum Zwecke einer Enquete über die Lage der Dienstboten in Berlin eine größere Anzahl von Fragebogen versandt hat, referirte über die Gründe seiner Untersuchung und die Aufnahme, welche sie in der Deffentlichkeit gefunden habe. Als im vorigen Jahre die Dienstbotenbewegung in Fluß fam, wurden die bittersten Klagen über ungesunde Schlafräume, übermäßig lange Arbeitszeit, unwürdige Behandlung der Dienenden 2c. erhoben. Die Gegner der Bewegung behaupteten, diese Klagen seien übertrieben und unwahr. Redner gewann damals sofort die Ueberzeugung, daß die Bewegung ohne ein feststehendes Thatsachenmaterial niemals zielbewußt werde vorgehen können und beschritt deshalb den zur Erlangung eines solchen einzig gangbaren Weg: er sandte Dienenden und Herrschaften Fragebogen, deren Beantwortung zunächst nur einmal Aufschluß über die elementarsten Lebensbedingungen der Berliner Dienstboten geben sollte. Aber welche Aufnahme fand dieses rein sachliche und unparteiische Vorgehen bei Presse und Publikum! Sämmtliche Berliner Parteiblätter von den extremst konservativen bis zu den liberalsten , freisinnigen" verdammten mit verblüffender Einmüthigkeit die Bestrebungen des Herrn Dr. Stillich. Mit Entstellungen und Lügen, wie z. B. die Fragebogen seien charakteristischer Weise nur den Dienenden zugesandt worden, wurde der Kampf begonnen, mit den nichtigsten Einwänden fortgeführt: zur Vertheidigung der bestehenden Zustände wurde von den Kapitalistenblättern immer wieder auf die eigenartigen Verhältnisse auf dem Lande hingewiesen, während sich doch die Enquete ausdrücklich nur auf Berlin bezog und überhaupt das ländliche Gesinde in die Bewegung der städtischen Dienstboten gar nicht einbezogen werden soll und kann. Daß das Unternehmen alsbald als ein„ rein sozialdemokratisches" verschrieen wurde, braucht eigentlich gar nicht besonders erwähnt zu werden. Nicht weniger ungünstige Aufnahme fand die Umfrage bei den Hausfrauen. Man sollte es kaum für möglich halten, zu welch niedrigen Mitteln Frauen gebildeter Stände greifen können, wenn sie sich in ihren heiligsten Rechten" angegriffen wähnen, Herr Dr. Stillich wurde mit einer Fluth anonymer Briefe überschüttet. die die unfläthigsten Beleidigungen seiner Person enthielten. Einzelne Fragebogen wurden ihm in beschmiertem Zustande, natürlich nicht ausgefüllt, unfrankirt zurückgesandt! Redner führt die Unfähigkeit dieser Frauen, soziale Fragen objektiv zu behandeln, auf die schlechte Erziehung in unseren höheren Töchterschulen zurück, deren Lehrplan sich den modernen Verhältnissen noch in keiner Weise angepaßt hat. Die reichen Damen arbeiten selbst nicht, und deshalb fehlt ihnen jede vernünftige Schäßung des Werthes der Arbeit. Die Frauen des Mittelstands aber kennen die Verhältnisse im übrigen gewerblichen Leben nicht und haben feinen Maßstab für den Werth der häuslichen Arbeit, weil ihre eigene Thätigkeit im Haushalt nie eine Geldbewerthung gefunden hat. Im letzten Grunde erklärt sich der Haß der Hausfrauen gegen die Dienstbotenbewegung dadurch, daß es sich um einen Klassenkampf handle, um einen absoluten Interessengegensatz zwischen Herrschaften und Dienenden. Jm größten Gegensatz zum Verhalten der Hausfrauen stand das der Dienstboten. Sie haben sich eifrig bemüht, zuverlässiges, wahrheitsgetreues Material zu beschaffen. Von den 60000 Dienstboten, die es in Berlin giebt, hat nicht ein einziger anonyme Verdächtigungen gegen die Herrschaft vorgebracht. Von den Angestellten haben die am zahlreichsten die Fragebogen ausgefüllt, welche sich in verhältnißmäßig guten Stellungen befinden. Die im Mittelstand dienenden Mädchen, welche die jämmerlichsten Arbeitsbedingungen hätten, seien offenbar zu gedrückt, um sich zum Interesse für die allgemeinen Angelegenheiten ihres Standes aufzuschwingen. Vielfach haben auch die Herrschaften einen brutalen Druck ausgeübt, um die Beantwor tung der Fragebogen seitens Dienender zu verhindern. Eine Reihe von Briefen, die der Referent erhielt, beweisen das erwachende Verständniß der Dienstboten für ihre Lage. Dr. Stillich wird das Re120 sultat seiner Umfrage nach gründlicher wissenschaftlicher Bearbeitung am Schlusse des Jahres der Oeffentlichkeit übergeben. Nach den oft von lebhaftem Beifall unterbrochenen Ausführungen folgte ein zweiter Vortrag von Herrn v. Gerlach. Dieser betonte, daß sich gegen die Feststellung der Thatsachen nur sträube, wer die Wahrheit zu fürchten habe. Als eine unerhörte Beleidigung wies er die Behauptung der „ Vossischen Zeitung" zurück, des eingefleischtesten Kapitalistenblatts:„ Die Mehrheit der Berliner Dienstmädchen ist schlecht." Zwecks Hebung der Lage der Dienenden forderte er vor allem Beseitigung der vorweltlichen Gesindeordnung von 1810, Abschaffung der Dienstbücher, die durch Verordnung seit 1896 obligatorisch ein. geführt worden sind, bessere Regelung und Eintheilung der Arbeit und Freigabe von mindestens einem halben Tag in jeder Woche. Diese Forderungen könnten nur erreicht werden durch Organisation der Dienenden und ernsten Kampf um ihre Rechte. Im Interesse der Hausfrauen läge es, der Bewegung durch Entgegenkommen, durch Erfüllung der berechtigten Forderungen die Spize abzubrechen. Für die Angestellten aber müsse es gelten: Vorwärts auf der begonnenen Bahn! Stärkung der Organisation, dann kann der Erfolg nicht fehlen. Die Redezeit in der Diskussion wurde auf 10 Minuten beschränkt, da die Wortmeldungen sehr zahlreich waren. Nur Perlmann, der Leiter einer Fachzeitung der Hausangestellten, erklärte, daß die vorjährige Bewegung schwere Schäden der Dienstver hältnisse enthüllt hätte. Die Bewegung sei nothwendig und müsse sich vor jeder Harmonieduselei hüten. Es existire feine Interessengemeinschaft zwischen Herrschaften und Dienenden. Der einzige Weg zur Besserstellung der Letzteren sei: Organisation. Im ferneren Ver laufe der Diskussion forderten mehrere Angestellte die Anwesenden zum Anschluß an die beiden bestehenden Vereine auf: den Hilfsverein für weibliches Hauspersonal" und den Verein für Dienst herrschaften und Dienstangestellte." Die erstgenannte Organisation umschließt nur Dienstboten und steht mehr auf dem radikalen Standpunkt des Kampfes um die Forderungen der Dienenden, die zweite steht mehr auf dem Standpunkt des gütlichen Uebereinkommens. Ihr Vorstand besteht aus der gleichen Anzahl Herrschaften und Dienstboten. Der Verein besitzt einen für Mitglieder unentgeltlichen Stellennachweis, eine Hilfskasse für die Hausangestellten, er fördert die berufliche Ausbildung der Dienenden durch Veranstaltung abendlicher Lehrkurse, er bildet bei Streitigkeiten ein Schiedsgericht und pflegt schließlich edle Geselligkeit. Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um das„ Wie" eines erfolgreichen Vorgehens der Dienstboten. Es sprachen Redner für wie gegen eine Kampfesbewegung, aber alle in durchaus sachlicher, würdiger Weise. Noch ehe die Rednerliste erschöpft war, wurde ein Schlußantrag und die folgende Resolution angenommen, letztere einstimmig:„ Die im Königshof" am 29. Juni tagende stark besuchte, öffentliche Volksversammlung erklärt, daß die unerhörten, gesetzlichen Ausnahmebestimmungen, unter denen das Gesinde leidet, die Beseitigung der bestehenden Gesindeordnungen erheischen. Dies Ziel kann nur durch die Organisation der Dienstboten erreicht werden. Pflicht eines jeden Dienstboten ist es, sich einer Organisation anzuschließen." Frauenbewegung. Die erste Aerztin Schwedens, Fräulein Stecksén, errang fürzlich mit großem Erfolg die akademischen Würden. Die Gründung eines Frauenmuseums in Petersburg erstreben die Frauenvereine dieser Stadt. Das Museum soll zeigen, welchen Einfluß die Frau auf die Entwicklung der Industrie, Kunst und Wissenschaft ausgeübt und was sie auf diesen Gebieten ge= schaffen hat. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genofsinnen gingen bei der Unterzeichneten ein: Genossin M. Kt. 3 Mt.; Genossinnen aus Königsberg 3 Mt. 15 Pf.; Chemnizer Genossinnen durch Genossin Riemann 34 Mt. 15 Pf. Summa 40 Mr. 30 Pf. Dankend quittirt Ottilie Baader, Vertrauensperson, Berlin O., Straußbergerstraße 28, 4 Tr. Aufforderung. Genossinnen, welche Anträge, die vorgschlagene Besprechung in Mainz betreffend, stellen wollen, werden um baldigste Einsendung derselben ersucht. Ottilie Baader, Vertrauensperson, Berlin O., Straußbergerstraße 28, 4 Tr. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel) in Stuttgart.- Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b.H.) in Stuttgart.