10. Jahrgang. 1p SleilM Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. ZVilhelm Liebknecht f Ein Verlust, so schwer, so schmerzlich, daß er noch fast unfaßbar erscheint, hat die deutsche Sozialdemokratie, die deutsche Arbeiterklasse, das internationale Sozialistenheer getroffen. Wilhelm Liebknecht wurde durch einen jähen, aber schmerzlosen Tod vom Kampfplatz gerissen. Ein mildes Schicksal hat ihm, dem stets Jugendfrischen und Kampfesfrohen, die Qual eines langsamen Siechthnms in müder Greisenhafiigkeit erspart. In voller Rüstigkeit, Arbeitspläne entwerfend, von Kampfesstim- mnng beseelt schied er, der sich stolz„einen Soldaten der Revolution" genannt, einem Krieger gleich aus dem Leben, den der Tod von der Walstatt ruft. Ein noch so gedrängter Ueberblick über Liebknechts Leben und Wirken im Dienste der sozialistischen Idee geben zu wollen, hieße die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung schreiben, hieße wichtige Kapitel aus der Geschichte der inter- nationalen Arbeiterbewegung aufrollen. In seiner Person ver- körpert sich ein bedeutsames und glorreiches Stück des modernen proletarischen Emanzipationskampfes. Von der bürgerlichen Revolution die Freiheit, Gleichheit, Biüderlichkeit alles Dessen hoffend, was Menschenantlitz trägt, nahm er an den revolutionären Kämpfen von 1849 thätigen Antheil. Seinen Idealismus büßte er mit langen Jahren des Exils in London, mit langen Jahren der schwärzesten Sorge. Umfassende Studien, befruchtet und vertieft durch den Verkehr mit Marx und Engels, ließen hier seine bürgerlich revolutionäre zu einer sozialistisch revolutionären Ueberzeugung ausrufen. Als er 1862 ins Vaterland zurückkehrte, war er von der Erkenntniß durchdrungen, daß das Proletariat seine Befreiung nicht im Kampfe mit der Bourgeoisie erringen könne, vielmehr im Kampfe gegen diese ertrotzen, daß es als selb- ständige politische Klassenpartei die Schlachten seines Eman- zipationsringens schlagen müsse. Er gehörte zu den Begründern der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Er war ihr glänzender, unermüdlichster Agitator in Wort und Schrift. Er zählte zu ihren hervorragendsten parlamentarischen Vertretern. Er war ihr sturmerprobter Führer. In den Zeiten der inneren Gäh- rung und Entwicklung wie in den Tagen des heißesten Kampfes mit der Reaktion hat er für die Partei gleicherweise Un» schätzbares geleistet. Es giebt kein Gebiet des Parteilebens, auf dem sich du glänzende Publizist, der hinreißende Redner, der kraftvolle Politiker nicht erfolgreich bethätigt hat. Was er in den Anfängen der sozialistischen Bewegung gewirkt, was er unter dem schmachvollen Ausnahmegesetz für diese gewesen, das allein würde schon hinreichen, ihm in der Geschichte der Sozialdemokratie unsterblichen Ruhm zu sichern. Aber nicht das deutsche Proletariat allein trauert an seiner Bahre. Die Sozialisten aller Länder haben mit ihm einen der Ihrigen verloren. Er war es besonders, der die internationalen Beziehungen zwischen der sozialistischen, der Arbeiterbewegung aller Länder pflegte und förderte. Sein Wissen von dem proletarischen Klassenleben im Ausland, seine Freundschaft mit den sozialistischen Führern jeder Nationall- tär, seine Sprachkenntnisse befähigten ihn wie keinen Zweiten, die Bande der internalionalen Solidarität im Proletariat fester und fester zu knüpfen. In Frankreich. England, Italien, den Vereinigten Staaten, überall wo sich Proletarier zum Evangelium von der Befreiung der Arbeit bekennen, wird Liebknecht als Verkörperung der deutschen Sozialdemokratie, als Verkörperung des Gedankens des internationalen Sozia- lismns verehrt und geliebt. Er war der internationale Sozia- list pur excellence, er gehörte dem Proletariat aller Länder. Aufs Tiefste ergriffen treten die deutschen Genossinnen, die deutschen Proletarierinnen an sein Grab. Sie haben in Liebknecht nicht blos den kühnen, begeisterten Veitheidiger ihrer Klasseninteressen verloren, sondern auch den überzeugten, thalkräftigen Vorkämpfer für die Gleichberechtigung ihres Ge- schlechtes. Wieder und wieder hat er das hohe Lied von der sozialen Befreiung der Frau verkündet, unablässig hat er in den eigenen Reihen wie den Massen gegenüber an die Roth- wendigkeit gemahnt, die Frau als aufgeklärte, gleichberechtigte Mitkämpferin zum Streit, zur Arbeit für eine neue Gesell- schaft zu rufen. Wann und wo immer das Vorurtheil gegen das weibliche Geschlecht sein Haupt erhob, mit den wohlfeilen Geschossen platter Witze, die Frau in die alte Beschränktheit zurückzuscheuchen versuchte: da trat Liebknecht von großen geschichtlichen Gesichtspunkten aus, ein Apostel des historischen Werdens und der freien Entwicklung jeder Persönlichkeit, jeden Btenschenthums mit jugendlichem Feuer für die Würde und Rechte der Frauen ein. Aller Arbeitslasten ungeachtet war er jederzeit bereit, die prolctariscke Frauenbewegung mit Rath und That zu fördern, sein reiches Wissen, seine große Erfahrung, seine machtvolle Beredtsamkeit in ihren Dienst zu stellen. Nie riefen die Genossinnen ihn vergebens, nie versagte er der Einzelnen von uns seinen freundschaftlichen Rath, seine freundschaftliche Hilfe, mochte es sich um Parteiangelegen- Helten oder um das persönliche Leben handeln. Ein zuver- lässiger, treuer Freund ist uns Allen geschieden, rin Meister und Lebrer unserer Kinder, der diesen— und das werden wir Mütter ihm nie vergessen— das Vorbild eines ganzen, reichen, selbstlosen, opferfreudigen Lebens im Dienste der höchsten Ideale gegeben. Möchte die Verehrung, welche die Genossinnen, die Proletarierinnen dem thenren Tobten zollen, Derjenigen ein Trost sein, welche in bescheidener Stille mit ihm getreulich lange Jahre alle Lasten des schweren Kampfes getragen hat. Was die Sozialdemokratie, was wir Alle an Liebknecht verlieren, bemißt sich nicht nur an Dem, was er gekonnt, was er geleistet und gewirkt. Es muß auch nach Dem bewerthet werden, was er gewesen. Seine Persönlichkeit hängt aufs Innigste mit seinem Werke zusammen. Eine großzügige, un- endlich vielseitige Persönlichkeit schritt er uns voran, den Blick unverwandt und unbeirrt über des Tages kleine Geschehnisse 130 " " und Sorgen hinweg auf das große Ziel der geschichtlichen Entwicklung gerichtet. Der verschrieene starre Dogmatiker" war bereit ,,, bierundzwanzig Mal am Tage die Politik zu ändern", wenn die Thatsachen ihm eine andere Ueberzeugung aufdrängten. Der vielgeschmähte, finstere Fanatiker" war persönlich von fast kindlicher Weichheit und Liebenswürdigkeit. Bei Meinungsverschiedenheiten ließ auch der schärfste Waffengang mit Gesinnungsgenossen in seiner großmüthigen Seele feine Spur von Groll und Erbitterung zurück. Hinterlist war ihm so fremd, wie kleinliche Empfindsamkeit. Wer ihm in persönlicher Freundschaft verbunden war, für den trat er unter allen Umständen ein, und um so lieber und nachdrücklicher, je schwieriger und opferheischender die Vertheidigung der Freundesinteressen war. Ein so treubesorgter Schüßer der Seinen er war, so hoch er die Freuden eines innigen, geistig harmonisch gestimmten Familienlebens bewerthete: zögerte er doch nie eine Minute, die Interessen der Familie, ja deren Eristenz aufs Spiel zu sehen, wenn es die heilige Ueberzeugung galt. Im Kampfe für seine Ideale dünkte ihm die größte Anstrengung ein Genuß, das schwerste Opfer als etwas Selbstverständliches. Der Gefahr der Schlacht, der Verfolgung spottete er ebenso, wie den Lockungen der Reaktion. Von einer unglaublichen Bedürfnißlosigkeit, in seinen Lebensgewohnheiten einfach wie ein Spartaner, trug er in heiterer Zufriedenheit die Doppellaft des sorgenbeschwerten Kampfes für die Existenz, des verfolgungsreichen Kampfes für seine Ueberzeugung. Der Reichthum seines inneren Lebens warf einen verklärenden Schimmer über die größte Dürftigkeit, über die bittersten Leiden. Was die Kultur an Geisteswerken, an Kunstschäßen geschaffen, war ihm eine Quelle tiefsten Genusses Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Wilhelm Liebknecht+ Inhalts- Verzeichniß. Aufruf des Parteivorstandes. Aufruf der Vertrauensperson. Die Thätigkeit der Funktionärinnen der bayerischen Fabrikinspektion. Aus der Bewegung. von Henrik Pontoppidan. Feuilleton: Ane- Mette Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren. Frauenstimmrecht. Dienstbotenfrage. Frauenbewegung. Parteigenossen! Parteigenoffinnen! Laut Beschluß des vorjährigen Parteitags findet der diesjährige in Mainz statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Montag, den 17. September, Morgens 9 Uhr, nach Mainz in die Stadthalle Mainz" ein. " Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Montag, den 17. September, und die folgenden Tage: 1. Konstituirung des Parteitags. Wahl des Bureaus. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Mandate. 2. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 3. Bericht der Kontrolleure. Berichterstatter: H. Meister. 4. Bericht über die parlamentarische Thätigkeit. Berichterstatter: P. Singer. 5. Die Organisation der Partei. Berichterstatter: J. Auer. 6. Maifeier. Berichterstatter: Th. Meßner. 7. Die Weltpolitik. Berichterstatter:? wie das, was die Natur bot, deren Schönheiten und Wunder er in den einfachsten und größten Offenbarungen leidenschaftlich bewunderte. Von unvergleichlicher Zuversicht in die Macht und den Sieg der sozialistischen Idee beseelt, konnte er Millionen zum selbständigen politischen Leben wecken. Die unbeugsame Stärke seiner Ueberzeugung, seines unversiegbaren Muthes war ein Granit, an dem in den tobenden Stürmen der Reaktion der Muth und die Kampfesausdauer von Zehntausenden und Zehntausenden sicheren Halt gefunden hat. Die reichsten Geistes gaben spendete er mit fast verschwenderischer Unbekümmertheit und mit glühendem Herzen. Seine scharfe Logik überzeugte, seine flammende Begeisterung riß fort. In seinen Worten, seinen Thaten lebte seine ganze große, reine Persönlichkeit und wirkte auf die sozialistischen Kämpfer, die proletarischen Massen. Er wurde nicht blos gehört, beachtet, bewundert, gefeiert, sondern auch geliebt. Sein Tod wird von Hunderttausenden als ein persönlicher Verlust, ein persönliches Leid empfunden. Eine große, ganze Natur, deren Grundton der reinste Idealismus war, ist mit seinem Tode dem Loose aller Staubgeborenen verfallen. Wir Alle werden ihn bitter vermissen. Es wird langer Zeit bedürfen, ehe die Wunde weniger brennend schmerzt, die sein Scheiden seinen persönlichen Freunden schlägt und nicht so bald wird sich die Lücke schließen, die sein Scheiden in die Reihen der Partei reißt. In dem Herzen des deutschen Proletariats, in der Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung bleibt seinem Werke und seiner Person ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz. ,, Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, Ihr werdet selten seines Gleichen sehen." 8. Die Verkehrs- und Handelspolitik. Berichterstatter: R. Calwer. 9. Die Tattit der Partei bei den Landtagswahlen. Berichterstatter: A. Bebel. 10. Anträge zum Programm. 11. Sonstige Anträge. Für Sonntag, den 16. September, ist seitens der Parteigenossen in Mainz eine Empfangs- und Begrüßungsfeier vorgesehen. Dieselbe findet Abends von 7 Uhr ab in der ,, Stadthalle Mainz" statt. Die Adresse des Lokalkomites iſt: Valentin Liebmann, Mainz, Boppstr. 14. Für die Quartierbeschaffung haben die Mainzer Genossen einen besonderen Ausschuß eingesetzt. Delegirte, die in Bezug auf Wohnung 2c. besondere Wünsche haben, wollen sich an foxgende Adresse wenden: Heinrich Zeeh, Schriftsezer, Mainz, Breitenbacherstr. 21. Parteigenossen! Parteigenossinnen! Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Vorarbeiten zu treffen, insbesondere die Wahl von Delegirten und die Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens den 3. September in den Händen des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30 sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz 2 der Parteiorganisation im Vorwärts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage für den Parteitag Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen und Genossinnen bes dürfen der Gegenzeichnung des Vertrauensmannes oder des Vorstandes der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Berathung gelangen sollen. Die Parteigenossen und Genofsinnen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Lokalkomite rechtzeitig Mittheilung zu machen. 131 Mandatsformulare, mit deren Versendung am 27. Auguft und Opferfreudigkeit dafür zu wirken, daß die einberufene Bebegonnen wird, sind durch das Parteibureau, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30, zu beziehen. " Die Genossen und Genoffinnen, welche Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige, den Anträgen beigegebene Motive weder im Vorwärts" noch in der dem Parteitag vorzulegenden gedruckten Vorlage Aufnahme finden können. Die Genossen und Genossinnen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitag entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen vertreten zu lassen; außerdem empfiehlt es sich, wichtige Anträge vor dem Zusammentritt des Parteitags in der Presse zu erörtern. Die Motive aber in die Parteitagsvorlage aufzunehmen, verbietet sich aus räumlichen Rücksichten und der damit verknüpften unvermeidlichen Wiederholungen willen. Berlin, den 6. August 1900. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. Genoffinnen! Die Vorschläge der Berliner Genossinnen in Nr. 8 der ,, Gleichheit", eine Besprechung der Genossinnen in Mainz betreffend, haben allerwärts Zustimmung gefunden. Auf Grund der eingegangenen Meinungsäußerungen haben die Berliner Genossinnen eine Kommission eingesetzt, welche in Verbindung mit der Unterzeichneten die Vorarbeiten für die Besprechung der vorgeschlagenen Richtungslinien gemäß in die Wege geleitet hat. Die Besprechung der Genossinnen wird " Sonnabend, den 15. September, Morgens 9 Uhr, in Mainz, in der Stadthalle Mainz", eröffnet, so daß die Berathungen bis zum Zusammentritt des Parteitags beendet sind und diesem etwaige Beschlüsse als Anträge vorgelegt werden können. Als provisorische Tagesordnung ist festgesezt: 1. Der Ausbau des Systems der Vertrauenspersonen. 2. a) Die Agitation unter dem weiblichen Proletariat. b) Die Agitation für den geseglichen Arbeiterinnenschuß. 3. Die Bildungsvereine für Frauen und Mädchen. 4. Allgemeines. Die Unterzeichnete ersucht die Genossinnen im ganzen Reiche, sich durch Entsendung von Delegirten an der Besprechung zu betheiligen und in nächster Zeit die betreffenden Wahlen vorzunehmen. Dort, wo in den öffentlichen Parteiversammlungen weibliche Delegirte zum Parteitag in Mainz gewählt werden, haben die Genossinnen zu veranlassen, daß die Gewählten gleichzeitig auch das Mandat erhalten, der Besprechung der Genossinnen beizuwohren. Genossinnen und Genossen von Orten, in denen es nicht möglich ist, eine Delegirte zu der Besprechung zu entsenden, bezw. einer Delegirten zum Parteitag das Mandat zu übertragen, fönnen sich selbstverständlich durch Genossen vertreten lassen. Mit berathender, jedoch nicht beschließender Stimme, können sich außerdem an der Besprechung Genossinnen und Genossen betheiligen, denen die Förderung der proletarischen Frauenbewegung am Herzen liegt, die aber kein Mandat besißen. Die zu der Besprechung delegirten Genoffinnen und Genossen haben ihre Deleghung möglichst bald der Unterzeichneten mitzutheilen. Derselben sind auch Anträge einzusenden, welche sich auf die Besprechung beziehen, und die noch vorher zur Kenntniß der Genossinnen gebracht werden sollen. Die bereits eingegangenen Anträge werden in nächster Nummer der„ Gleichheit" veröffentlicht. Für Quartierbeschaffung wird der Ausschuß der Mainzer Genossen sorgen, der mit der betreffenden Aufgabe für den Parteitag betraut ist. Genossinnen! Angesichts der großen Wichtigkeit, welche der angesetzten Besprechung für die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung zukommt, ist es Eure Pflicht, mit aller Energie sprechung zahlreich beschickt wird und daß insbesondere Genossinnen und Genossen an ihr theilnehmen, die an den einzelnen Orten innerhalb der proletarischen Frauenbewegung praktisch thätig sind. Genossinnen, beweist, daß Ihr Eurer Pflicht gerecht zu werden versteht! Mit sozialdemokratischem Gruß Den 10. August 1900. Im Auftrag der Kommission: Ottilie Baader, Vertrauensperson. Berlin 0, Straußbergerstraße 28, 4 Tr. Die Arbeiterpresse wird um Abdruckt gebeten. Die Thätigkeit der beiden Funktionärinnen der bayerischen Fabrikinspektion im Jahre 1899. Leider enthält der jüngste Berichtsband der bayerischen Fabrikinspektion wiederum keinen zusammenhängenden Bericht der beiden Funktionärinnen über ihre Thätigkeit, so daß man sich aus den acht Einzelberichten die zum Theil sehr kurzen einschlägigen Notizen zusammenklauben muß, die natürlich keine erschöpfende Uebersicht über das geben, was die beiden Beamtinnen gethan und unterlassen haben. Theilen die sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten die Auffassung, daß die beiden Damen gesondert, beziehungsweise selbständig berichten sollten, so gelingt es ihnen vielleicht durch eine bezügliche Anregung im Landtag, die uns zweckmäßig dünkende Aenderung herbeizuführen. Nach der kurzen zusammenfassenden Uebersicht über die Revisionsthätigkeit der Funktionärinnen, welche in der Einleitung zu der ge= sammten Berichterstattung gegeben ist, und die bereits in Nr. 5 dieses Blattes erwähnt wurde, führten die Beamtinnen insgesammt 857 Revisionen aus und verwandten hierauf, sowie auf die Abhaltung auswärtiger Sprechstunden, 133 Reisetage. Neben den Fabriken mit ausschließlich oder vorwiegend weiblicher Arbeiterschaft wurden von ihnen auch Handwerksbetriebe besucht, namentlich solche des Bekleidungs und Reinigungsgewerbes, sowie einige Betriebe der Hausindustrie. Die von den Assistentinnen gelegentlich der Revisionen erhobenen 819 Beanstandungen bezogen sich auf ungeseßliche Arbeitszeit( 117), ungeeignete Beschäftigung jugendlicher oder weiblicher Personen( 21), Fehlen von Schutzvorrichtungen( 28), Uebertretung formeller Vorschriften( 390) und hygienische und sittliche Mißstände ( 263). Die Beanstandungen letzterer Art betrafen mangelhafte Ventilation und Staubbeseitigung in 89 Fällen, Unreinlichkeit in Arbeitsräumen in 32, baulich nicht entsprechende Abortanlagen in 21, ungenügende Garderobe- und Wascheinrichtungen in 28, sonstige Mängel in der Einrichtung der Arbeitsräume in 43, gesundheitswidrige Beschäftigungs.veise und ungesunde Schlafräume in 24, nicht nach Geschlechtern getrennte oder nicht entsprechend abgeschlossene Aborte, Arbeits-, Ankleide- und Schlafräume in 26, ungeeignete Aufsicht in 6. Fällen. Diese 819 Beanstandungen stellen einen ganzen Musterkoffer voll Mißstände aller Art dar, zu denen natürlich noch eine das vielfache dieser Zahl ausmachende Summe von Beanstandungen hinzutritt, welche die männlichen Fabrikinspektoren erheben. Die Gesammtmasse der Mißstände läßt erkennen, wie unbefriedigend die Arbeitsverhältnisse ganz abgesehen von den Lohnverhältnissen in einem sehr großen Theile der revisionspflichtigen Betriebe noch immer sind, und in welchem Maße zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen unter dem Mangel an Gesetzessinn und sozialem Pflichtbewußtsein der Unternehmer leiden müssen. Aufsichtsbezirken läßt sich aus den Einzelberichten Folgendes entUeber die Thätigkeit der Funktionärinnen in den verschiedenen nehmen. In Oberbayern revidirte die in München wohnhafte Funktionärin 65 Fabrit und 213 Handwerksbetriebe, davon 11 zweimal, so daß die gesammte Zahl ihrer Revisionen 289 betrug, unter denen sich 4 Nachtrevisionen befanden. Für auswärtige Besichti gungen", wie Herr Inspektor Pöllath sagt, hat die Funktionärin 8 Reisetage aufgewandt. Die Revisionen wurden vorgenommen in industrie, 5 der chemischen Industrie, 2 der Industrie der forstwirth7 Betrieben der Industrie der Erden und Steine, in 2 der Metallschaftlichen Nebenprodukte, 19 der Textil, 20 der Papier, 1 der Lederindustrie, 9 der Industrie der Holz- und Schnitzstoffe, 24 der Nahrungs- und Genußmittel-, 198 der Bekleidungs- und Reinigungsindustrie und in 2 Betrieben der polygraphischen Gewerbe. Dieses Verzeichniß der revidirten Betriebe zeigt, daß die Funktionärin alle Industriegruppen berücksichtigt hat. Zu Beanstandungen hatte sie in 475 Fällen Veranlassung, die mehr als die Hälfte aller in ganz Bayern erhobenen Beanstandungen ausmachen. In 293 Fällen handelte es sich allerdings nur um die Uebertretung for meller Vorschriften, in 128 dagegen um hygienische und sittliche Mißstände, in 27 um gesetzwidrige Arbeitszeit, in 11 um ungeeignete Beschäftigung jugendlicher oder weiblicher Personen und in 16 um das Fehlen von Schutzvorrichtungen. Auch im innern Dienste fand die Funktionärin entsprechende Verwendung. In hervorragendem Maße nahmen die Erhebungen über die Fabrikarbeit verheiratheter Frauen ihre Thätigkeit in Anspruch. Diese Erhebungen trugen besonders dazu bei, die Arbeiterinnen mit der Aufsichtsbeamtin bekannter zu machen, wodurch diese manchen Einblick in die Verhältnisse der Arbeiterinnen erhielt. Weitere Erhebungen, zunächst mehr informatorischen Charakters, betrafen die wirthschaftliche und soziale Lage von Heimarbeiterinnen verschiedener Industriezweige. Endlich hat die Funktionärin eine Reihe von Wohl fahrtseinrichtungen für Arbeiter, Arbeiterinnen und Arbeiterkinder besichtigt, doch erfährt man leider nicht, was sie gesehen und wie sie das Gesehene beurtheilt. Die Haltung der Unternehmer gelegentlich der Revisionen seitens der Beamtin hat nach dem Bericht im großen Ganzen wenig zu wünschen übrig gelassen. Das heißt doch wohl, daß sie in manchen Fällen hätte besser sein können. Die Arbeiterinnen haben in Ermangelung des nöthigen Verständnisses für die Aufgaben des weiblichen Inspektionsbeamten bei den Befragungen noch vielfach eine gewisse Gleichgiltigkeit verrathen". Diese Gleichgiltigkeit ist keine besondere Eigenthümlichkeit der Arbeiterinnen, sondern wird auch von zahlreichen männlichen Arbeitern an den Tag gelegt. Ihre Ursache ist der Mangel an sozialer Schulung, die zu bieten eine wichtige Aufgabe der Arbeiterorganisationen und der Arbeiterpresse ist. Wenig Anklang fanden die für jeden ersten und dritten Samstag bezw. Sonntag im Monat, von 6 bis 7 Uhr Abends bezw. 11 bis 12 Uhr Vormittags angesetzten Sprechstunden der Hilfsbeamtin, die nur von zwei Personen besucht waren. Außerhalb dieser Sprechstunden wurden zehn, größtentheils begründete Beschwerden und ein Ersuchen um Auskunftsertheilung an die Funktionärin gerichtet. ,, Es ist zu wünschen", wird dazu im Bericht bemerkt, daß sich die Inanspruchnahme der Letzteren seitens der Arbeiterinnen mit der Zeit steigere. Auch ohne dies erweist sich aber die bisherige Thätigkeit des weiblichen Aufsichtsbeamten als eine ersprießliche." In Niederbayern führte die Funktionärin an 11 Tagen 27 Revisionen aus, und zwar in 26 Fabriken und in 1 Handwerksbetrieb. Hierbei wurden 60 Beanstandungen erhoben und den zuständigen Ane- Mette.* Von Henrik Pontoppidan. Der Weg, der vom Dorfe Lillelunde nach Westen führt, schlängelt sich zunächst eine kleine Viertelmeile weit durch flaches und fruchtbares Land mit vereinzelten Gehöften und grünen Aeckern. Dann flettert er mühsam an einem mächtigen, holprigen und unfruchtbaren Höhenrücken empor, der ziemlich jäh aus der Ebene emporsteigt, und erreicht zunächst in mehreren großen Krümmungen seinen höchsten Punkt, wo die alte, für die Ewigkeit gebaute Feldsteinhütte mit ihrem mauerumzogenen Friedhof einsam und frei liegt. Ste liegt dort oben auf dem kahlen Gipfel zwischen Fuchshöhlen und Lerchenneſtern und läßt ihre täglichen Morgen- und Abendgesänge mit einer flaren, einschmeichelnden Stimme erklingen, die bei stillem Wetter bis an die Ebene hinabreicht. Wenn aber von den Leuten in Lillelunde einer seine lezte, langsame Kirchenfahrt durch die Hohlwege hinauf zurücklegt, fallen stärkere erzdröhnende Stimmen ein.... eine große( zu 4 Mark 8 Schilling) für Bauern und wohlhabendere Handwerker, und eine kleinere ( à eine alte Reichsmünze), die mit ihren etwas heiseren Tönen Häusler und besiẞlose Insassen begleitet, wenn sie zu ihren Vätern bescheiden den Berg hinauffahren garnicht zu reden von jenen armen Stümpern, die gleichsam von hinten herum in die Ewigkeit hinübergeschafft werden, ohne andere Musik als das Amen des Pastors und die drei hohlen Klänge, wenn die Erde auf den dünnen Sargdeckel fällt. Der Friedhof selbst ist öde *„ Aus ländlichen Hütten", Dorfbilder. Berlin 1896, B. Heymanns Verlag. 132 Bezirkspolizeibehörden übermittelt. Die Aufnahme war von Seite der Arbeitgeber eine zufriedenstellende und bot die Vornahme der Revisionen feine nennenswerthen Schwierigkeiten." Erhebungen bezüglich der Fabrikarbeit verheiratheter Frauen nahm die Funktionärin in 17 Betrieben mit 173 Frauen vor. In der Oberpfalz führte die Beamtin an 15 Reisetagen 22 Revisionen aus, 11 in Fabrik- und 11 in Gewerbebetrieben. Sie traf hier zehn Anordnungen in Bezug auf Ventilation und Beschaffenheit der Arbeitsräume, 16 Mal beanstandete sie die Ueberschreitung der zulässigen Arbeitszeit für jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen, je einmal ungeeignete Beschäftigung und mangelhafte Einrichtung eines Schlafraums für Arbeiterinnen; sie veranlaßte ferner die Beschaffung von Arbeitsbüchern, Aushängen und Verzeichnissen. Die je auf den 4. Sonntag der Monate Februar, April, Juni, August, Oktober und Dezember angesetzten Sprechstunden der Funktionärin wurden leider nur von einer stellesuchenden Frau besucht, dagegen sind bei den in Regensburg wie auswärts stattgefundenen Inspektionen die Funktionärin wie die Inspektoren ziemlich häufig von Arbeitern und Arbeiterinnen in Anspruch genommen worden.„ Das Vertrauen der Arbeiter zu den Aufsichtsbeamten ist entschieden im Zunehmen", wird dazu bemerkt, es ist auch zu beobachten, daß das Verständniß für die Aufgaben der Aufsichtsbeamten bei den Arbeitern wächst und mit ihm ein gewisses Entgegenkommen zum besseren beiderseitigen Einvernehmen." Dagegen werden der Funktionärin im Allgemeinen zur Zeit noch wenig Sympathien entgegengebracht. Der Bericht äußert die Erwartung, daß bei der Art des Vorgehens der Funktionärin die alten Vorurtheile schwinden und die Arbeiterinnen Vertrauen zu ihr gewinnen werden. Im schwäbischen Aufsichtsbezirk nahm die Münchner Funktionärin an 31 Reisetagen 69 Revisionen vor, die zu 102 Beanstandungen Anlaß gaben, wovon 50 hygienische und sittliche Mißstände betrafen. Die Sprechstunde der Beamtin wurde nur von zwei Personen besucht. In diesem Aufsichtsbezirk scheinen die Unternehmer von der Anstellung der Beamtin nicht entzückt zu sein. Der Fabrikinspektor illustrirt und erklärt diese Abneigung sehr zur Ehre der Funktionärin durch den Satz: Wie bei den männlichen Aufsichtsbeamten bedingt auch hier das Ergebniß der Inspektionen das Verhältniß zu den Arbeitgebern." Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß die Beamtin ihre Aufgabe ernst erfaßt und sich nicht durch die Sympathien oder Antipathien der Unternehmer beeinflussen läßt. Ueber die Aufnahme der Beamtin seitens der Arbeiterinnen liegen in diesem Bezirk keine Beobachtungen vor. " Die zweite, in Nürnberg wohnhafte Funktionärin, nahm in Mittelfranken an 10 ganzen und 16 halben Reisetagen 336 Revisionen vor, im Verhältniß zu den wenigen Tagen eine riesig große und unwirthlich vom Westwind aufgewühlt, der sich hier ungehindert auf die Gräber wirft. Aber um den Gipfel herum dehnen sich vor den Augen meilenweit Land und Föhrde, und im Westen - dort, wo steil und wild der Abhang herabfällt schaut der Blick über eine große, eingedämmte, nun ganz zugewachsene Bucht oder einen„ Garten", mit hohem Rohr und dichtem Schilf angefüllt. Im späten Herbst schwimmen hier über der mächtigen Fläche die wunderherrlichsten Töne von Gelb, Roth und Orange, und zur Abendzeit, wenn dort drüben weit hinter den blauen Hügeln die Sonne untergeht, steigt ein nahezu sinnbetäubender Lärm von Vogelschreien empor, von Enten, Wasserläufern, Störchen, Kibizen, Gänsen.... ein Wirrwar von Hunderten von Stimmen, der wie ein Höllenkonzert hier in den paradiesischen Frieden der öden Höhe hinaufdringt. An einem sehr warmen Sommertag saß hier oben eine mittelalte Frau vor der Kirchenthür unter einem alten Hollunderbusch, in dessen dünnem, blauen Schatten sie vor der Sonne Schuß gesucht hatte, die sengend ihre Strahlen auf die Gräber herabsandte. In einem Trauerhut und schwarzem Umschlagetuch saß sie und stüßte das lange vorspringende Kinn in der Höhlung einer knöchernen, torfbraunen, von Arbeit mißhandelten Hand, während fie, tief in Gedanken versunken, über die Föhrde hinausblickte. " Es war eine Frau, die in der ganzen Gegend von Jung und Alt gekannt und gewöhnlich mit dem sonderbaren. Namen Niels Nilens Braut" bezeichnet wurde, Woher sie eigentlich stammte, wem sie ursprünglich angehörte und wie sie in Wirklichfeit hieß, hatte man nahezu vergessen; denn sowohl ihren Namen als ihre Berühmtheit verdankte sie ausschließlich ihrem vor vier Jahren verstorbenen Mann Niels Nilen, der obwohl er nur ein armer Fischer gewesen war, der noch dazu bitterwenig fischte Zahl. Ihre Thätigkeit würde noch umfassender gewesen sein, wenn sie nicht wegen Krankheit während zehn Wochen ihre dienstliche Thätigkeit hätte unterbrechen müssen. In Folge der Revision durch die Funktionärin sind in 116 Fällen wiederholte Besichtigungen von Betrieben nothwendig geworden. Besucht wurden von ihr 204 Fabriken, wovon 23 ausschließlich weibliche Arbeiter beschäftigten, 174 vorwiegend Arbeiterinnen, 7 hauptsächlich männliche Arbeiter. ,, Die Aufnahme der Funktionärin bei den Arbeitgebern und Arbeitern war eine durchaus freundliche." Anordnungen wurden in 39 Fällen getroffen. Die von der Beamtin jeden Sonntag abgehaltene Sprech stunde wurde nicht benüßt, auch sind sonst keine besonderen Beschwerden an dieselbe gelangt. In Oberfranken wurden von der Beamtin an 24 Tagen 76 Revisionen ausgeführt, und zwar in 6 Fabriken mit ausschließlich weiblicher Arbeiterschaft( 272 Arbeiterinnen) und in 60 Fabriken mit 6252 Arbeiterinnen und 5390 Arbeitern. Bei den Besichtigungen wurden 30 Beanstandungen erhoben. Die Aufnahme der Funktionärin war sowohl seitens der Unternehmer wie der Arbeiter keine ungünstige. Eine Inanspruchnahme durch Arbeiterinnen gelegentlich der Revisionen oder in den Sprechstunden ist nicht vorgekommen. ,, Im Allgemeinen ist der Eindruck gewonnen worden, daß die Arbeiterinnen sich dem weiblichen Aufsichtsbeamten gegenüber noch ziemlich zurückhaltend benehmen. Mit der Zeit wird das wohl besser werden." Auf den unterfränkischen Aufsichtsbezirk verwandte die Assistentin nur 6 Reisetage, an denen sie 23 Revisionen vornahm.„ Die Revisionsthätigkeit der Funktionärin hat sich bewährt", urtheilt der Fabrikinspektor. Besucht hat sie 1 Tamenschneiderin, 1 Brausebonbonund 1 Kartonnagefabrik, 2 Wäschereien, 2 Schuhfabriken, 2 Betriebe für Herstellung pharmazeutischer Artikel, 3 Kunstwolle- und Lumpensortiranstalten und 11 Bigarrenfabriken. Der unterfränkische Inspektor bestätigt die Schwierigkeit für die Arbeiter, in den Betrieben mit den kontrollirenden Aufsichtsbeamten zu sprechen. Er war näm lich in einigen Fällen genöthigt," Arbeitgeber wegen Ungehaltenseins über die im Betrieb erfolgte Rücksprache mit Arbeitern... zurechtzuweisen". Dieses„ Ungehaltensein" beweist das böse Gewissen der ,, ungehaltenen" Unternehmer, das volle Bewußtsein von den unbefriedigenden Zuständen in ihren Betrieben und die beständige Furcht, daß davon„ Unberufene" Kenntniß erhalten und das„ Fabrikidyll" unliebsam gestört werden könnte. Arbeiter und Arbeiterinnen aber, die in den Verdacht kommen, an dieser Störung schuld" zu sein, fliegen sofort und ohne jede Rücksicht aus der Fabrit auf die Straße. Im pfälzischen Aufsichtsbezirk führte die Funktionärin 39 Revisionen aus, und zwar in 9 Schuhfabrifen, 8 Spinnereien und Webereien, 7 Wäschefabriken und Nähereien, 4 Zigarrenfabriken, 2 Kunstwollefabriken bezw. Lumpenfortiranstalten, 1 Puppenfabrik, 1 fich einen Namen erworben hatte, der ihn sicher noch lange überleben würde. Um das zu erklären, wird es nothwendig aber nicht ausreichend sein, mitzutheilen, daß Niels Nilen trant. Denn diese Eigenschaft theilte er mit jedem unbescholtenen Lillelunder, der über das Konfirmationsalter hinaus war. Auf alle Fälle muß hinzugefügt werden, daß Niels Nilen so gut wie ganz und ausschließlich von Branntwein lebte, ja, daß sein kleiner zusammengeschrumpfter, vom Spiritus gleichsam durchbrannter Körper zuletzt gewöhnliche menschliche Nahrung gar nicht mehr annehmen wollte, so daß es erbarmungswürdig anzusehen war, mit welchen Anshengungen er selbst die kleinste Brotkrume durch seine zusammengeschnürte Kehle herabpreßte. Erwägt man nun, daß er nichtsdestowenigec ein pfiffiger Kopf mit allzeit schlagfertiger Zunge und einem nicht umzubringenden Galgenhumor war und daß er noch nach seinem Tode den man fann sagen: wissenschaftlichen- Triumph erlebte, daß der Distriktsarzt entzückt und äußerst vorsichtig seinen kleinen, zähen, beinahe kugelförmigen Magen herausschnitt, der darauf wie ein seltener und kostbarer Schatz in Spiritus gesteckt und später unter allgemeiner Bewunderung auf einer großen Aerzteversammlung in Kopenhagen vorgezeigt wurde: dann wird man sicher nicht länger darüber staunen, daß er von den Lillelundern wie eine Art Kirchspielsheiliger verehrt wurde, wie ein lokaler Heros, dessen verschiedene wundersame Thaten, Flüche und Schlag worte noch immer zum bewundernden Gedächtniß aufbewahrt wurden. Nun waren sie aber wirklich auch einzig und unerreicht, die Massen von gebrannten Getränken aller Art, die täglich durch seine Rehle laufen konnten und es war beinahe unglaublich, was er an List und Kniffen ersinnen konnte, um in ihren Besitz zu gelangen. Unter Anderem hatte er sich eine eigene, unwiderstehliche Methode angeeignet, mittels welcher er für den ersten Schnaps 133 Bürstenfabrik, 1 Korkstöpselfabrik, 1 Maßstabfabrik, 1 Munitionsfabrik, 1 Metallwaarenfabrik, 1 Zuckerraffinerie, 1 Zündholzfabrik und 1 Ziegelei. Als unpraktisch muß das Verfahren der Assistentin bezeichnet werden, anläßlich der Revisionen in den Betrieben Sprechgelegenheit zu bieten. Aus dem Bericht ist nicht zu ersehen, ob sie damit Erfolg hatte; wahrscheinlich ist aber die Gelegenheit nicht be= nügt worden, denn unter der Kontrolle von Aufsehern oder Fabrifanten selbst mit der Aufsichtsbeamtin Fabrikzustände zu besprechen, ist, wie wir oben gezeigt haben, für Arbeiterinnen wie Arbeiter nicht rathsam. Daher ist auch der schweizerische Fabrikinspektor Dr. Schuler auf Grund seiner reichen Erfahrungen schon vor Jahren dazu gelangt, auf die Befragung von Arbeitern bei den Betriebsrevisionen gänzlich zu verzichten. Zu diesem Entschluß werden voraussichtlich auch die bayerischen Fabrikinspektionsassistentinnen gelangen. Erwähnt sei noch, daß im pfälzischen Aufsichtsbezirk die Funktionärin bei Näherinnen einmal schlechte Luft und Unordnung bemängeln mußte, ein andermal, daß in der Arbeitsstube auch ein Bett aufgestellt war. Ein abschließendes Urtheil über die Thätigkeit der beiden bayerischen Fabritinspektionsfunktionärinnen läßt sich auf Grund der im allgemeinen Bericht zerstreuten Notizen über ihr Wirken nicht gewinnen. Dagegen gewährt das vorliegende Material immerhin einigen Einblick in die Art, wie die beiden Beamtinnen ihre Thätigkeit auffassen und ausüben, und diese erscheint durchaus nicht unbefriedigend. Man fann gewiß nicht annehmen, daß die männlichen Fabrikinspektoren aus purer Höflichkeit und Galanterie und ohne Berechtigung ihren Gehilfinnen das beste Zeugniß ausstellen. Nach diesem Zeugniß aber darf der Versuch der Mitarbeit der Frauen an der Fabrikinspektion heute schon als gelungen bezeichnet werden. D. Z. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Auftrag des württembergischen Agitationsfomites der Textilarbeiter unternahm Genossin TrögerOffenbach vom 13. bis 25. Juli eine Agitationstour durch Württemberg, die den Verband der genannten Arbeiterkategorie fräftigen und erweitern sollte. Versammlungen fanden statt in Bietigheim, Balingen, Truchtelfingen, Ebingen, Bezingen, Reutlingen, Göppingen, Groß- Eislingen, Steinheim und Hall. In der ziemlich gut besuchten Versammlung zu Bietigheim wurden der Organisation nicht blos neue Mitglieder gewonnen, sondern auch solche schon organisirte Arbeiter und Arbeiterinnen aufs Neue an den Verband gefesselt, die demselben wegen der beschlossenen Beitragserhöhung den Rücken gekehrt hatten. Obgleich die Textilarbeiter" " " flötete", für den zweiten frähte", für den dritten ,, weinte" u. s. w. Für einen halben Quart hüpfte er in der Stube umher wie eine Elster, für einen ganzen aß er eine Laus; und wenn er in den Höfen mit Fischen, die Andere gefangen hatten, hausiren ging, war es hauptsächlich, um sich auf diese Weise das Eine, was Noth thut" wie er es selbst offenherzig und mit einer demüthigen Geberde nannte Geberde nannte zu erwerben. Aber kam die Trinklust einmal ernstlich über ihn, war dieser Weg ihm zu beschwerlich und langsam, dann riß er buchstäblich den eigenen Kindern den letzten Lappen vom Leibe und plünderte das Haus, um seiner Begierde zu fröhnen. An solchen Tagen sah man ihn gewöhnlich in den Dörfern des Kirchspiels umherschlendern Dörfern des Kirchspiels umherschlendern bald mit einem alten Stuhl, einer Kaffeemühle, einem Hemd seiner Frau, einer Bratpfanne, einem Baar Kinderholzschuhe oder Kinderwäsche, alles Dinge, die er seinem Heim gestohlen hatte und die er nun unter viel spaßigem Geschwäß und Gestikuliren auf den verschiedenen Höfen feilbot... immer zum selben Preis von 9 Dere das Stück, weil dies nämlich im Laden des Krämers den Preis für ein Quart Branntwein ausmachte. Erst wenn er sich auf diese Weise mitunter mehrere Tage und Nächte- herumgetrieben hatte und sich kaum mehr auf den Beinen erhalten und aus den Augen sehen konnte, raffte er sich mit einer Kraftanstrengung auf, strich sich mit der wunderlich fleinen, welfen Hand über die große warzige, dunkelrothe Nase, die wie eine ungeheure Erdbeere mitten in dem blauvioletten Gesicht thronte und sagte hichsend zu der schreienden Jugend, die ihm gewöhnlich durch die Straßen folgte: " Nun, gute Nacht, Leute! Jetzt gehe ich heim zu meiner Braut." ( Fortsetzung folgt.) schaft von Balingen erst kürzlich Dank der Organisation eine Ver- besserung ihrer Arbeitsbedingungen errungen hat, war es hier nicht möglich, dem Verband neue Mitglieder zuzuführen. Erfolgreicher waren die Bemühungen in Truchtelfingen, wo die Textilarbeiter und-Arbeiterinnen bisher jeder Organisation ermangelten. Im An- schluß an die Versammlung traten dem Verband dort soviel Mit- glieder bei, daß eine Zahlstelle gegründet werden kann. Ein Lehrer, welcher der Versammlung beiwohnte, widerrieth den Anwesenden d n Anschluß an den Verband und befürwortete die Gründung ein r Lokalorganisation. Zu Gunsten einer Lokalorganisation führte er on, daß eine solche die Verhältnisse der Arbeiter am Orte besser der r- theilen könne als die ferne Verbandsleitung, ferner daß die Arbeiter bei einer Lokalorganisation genau die Verwendung der Gelder zu kontrolliren vermöchten. Gegen den Verband wendete er noch ein, daß man nicht wisse,„was hinter ihm eigentlich noch stecke". Ge- nossin Tröger erwiderte dem Herrn, daß die Ziele des Verbandes in breitester Oeffentlichkeit bekannt seien. Er vertheidige die Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen gegen die Ausbeutung des über- mächtigen Kapitals; er erstrebe die wirthschaftliche Hebung der Lage der Arbeitenden in der Gegenwart und damit eine größere Antheil- nähme derselben an den Errungenschaften der Kultur. Angesichrs der heutigen wirthschastlichen Verhältnisse und der Macht der Unter- nehiner ermangelten die kleinen Lokalorganisationen der Kraft, die Arbeitende» wirksam schützen zu können, da müsse zur Wahrung von deren Interessen der zentralisirte Verband eingreifen. Die aller Orten gewählten Revisoren, welche die Kassenverhältnisse zu prüfen haben und für etwaige Schäden derselben mit haftbar sind, bieten den Ver- bandsmitgliedern allerwärts Bürgschaft, daß die Verbandsgelder richtig verwendet werden. Die Referentin nahm den Eindruck mit fort, daß die Mitglieder der neugegründeten Zahlstelle sich in der Werthschätzung des Verbandes nicht beirren lassen werden. Während der Versammlungsbesuch in Ebingen zu wünschen übrig ließ, war der in Betzingen zufriedenstellend, auch traten hier dem Verband neue Mitglieder bei. In Reutlingen, wo es Hunderte von Textil- arbeiter und-Arbeiterinnen giebt, war die Versammlung leider nur schwach besucht. Hier, wie in anderen Orten, war nicht genügend unter den Indifferenten agitirl worden. Will man diese zum Ver- sammlungsbesuch veranlassen, so genügt es nicht,'daß eine betreffende Annonce ein- bis zweimal in der Zeitung erscheint, die oft gar nicht gelesen wird. Es müssen vielmehr Laufzettel verbreitet und in der Rühe der Fabriken Plakate angeschlagen werden. Ferner ist es Pflicht jedes Verbandsmitgliedes, unter den Kameraden und Kamera- binnen eine rührige Agitation für den Besuch der Versammlung zu entfalten. Die Versammlung in Göppingen erfreute sich eines guten Besuchs, war von schöner Begeisterung! getragen und führte dem Verband 20 Mitglieder zu. In Groß-Eislingen wohnten der Versammlung nur organisirte Arbeiter bei, in Stein he im und Hall war die Versammlung gut besucht, jedoch in der Hauptsache von Nichttextilarbeitern. Immerhin gewann der Verband in Hall neue Mitglieder, auch schloffen sich mehrere Anwesende der Organi- sation der»ichtgewerblichen Arbeiter an. Hoffen wir, daß die Agi- tationstour das Ihrige dazu beigetragen hat, die Kreise der würt- tcmbergischen Textilarbeiter und-Arbeiterinnen mit der Ueberzeugung zu durchdringen, daß sie ein Recht auf eine menschenwürdige, kultur- würdige Existenz haben, und daß der Verband für dieses ihr gutes Recht käinpfl. Das Bild des angenehmen Lebens, das Die führen, welche nicht arbeiten, sondern die Proletarier für sich frohnden lassen; das Bewußtsein der Dürftigkeit, des Elends, in dem die Arbei- tenden nicht leben, nein vegetiren, muß die männlichen und weiblichen Lohnsklaven de» Textilindustrie der Organisation zuführen, welche ihre schwache Kraft stärkt und die Macht verleiht, dem protzigen Unternehmerthum bessere Arbeilsbedingungeu abzutrotzen. C. T. Bon der Agitation. Im Auftrag des Tabakarbeiterver- bandes sprach Genossin Zieh in öffentlichen Versammlungen in Duisburg und Köln, die beide sehr gut besucht waren, leider jedoch sehr wenig von Frauen, die in der Tabakindustrie thätig sind. In Aachen mußte die geplante Versammlung für die Tabakarbeite- rinnen ausfallen. Der Kartellvorsitzende war nämlich der Meinung, die Versammlung lohne sich nicht, weil der hier gegründeten Zahl- stelle nur noch einige Mitglieder angehören, und weil er in der Folge die Einberufung einfach unterlassen hatte. Hoffentlich wird die von den Genossen gewünschte Hausagitation wieder Leben in die Orga- nisation der Aachener Tabakarbeiterschast bringen. I-. Z. Am 16. Juli fand in Köln eine gut besuchte Frauenversammlung statt, in der Genossin Zietz über das Thema referirte:„Die Frauen in der Industrie". Die Versammlung nahm des Weileren Stellung zu der vorgeschlagene» Besprechung der Genossinnen zu Mainz. Genossin Zeise wurde einstimmig als Delegirte zu derselben gewählt. In Duisburg fand eine gut besuchte Volksversammlung mit der- selben Tagesordnung statt. Hier wurde zwar von der Entsendung einer eigenen Vertreterin nach Mainz abgesehen, jedoch zeigten die Frauen ein lebhaftes Interesse für die Sache, äußerten ihre Ansichten und Wünsche der Referentin gegenüber und baten dieselbe, sie mitzuvertreten. In der Versammlung zu Düren, wo erst seit kurzem ein Lokal zur Verfügung steht, schloß sich an den Vortrag eine lebhafte Diskussion an. Das war jedenfalls nicht nach dem Geschmack des über- wachenden Beamten, denn um 11 Uhr trat er an den Vorstandstisch heran und erklärte, daß er, da die Versammlung einen so erregten Charakter angenommen hätte, unbedingt die Polizeistunde in An- wendung bringen werde, falls man weiter debatlire. Wenn jedoch die Referentin jetzt das Schlußwort spreche, so daß die Versammlung zu einem„ruhigen" Schlüsse komme, wolle er es nicht so genau nehmen. Da Niemand mehr in die Rednerliste eingezeichnet war, erhielt Genossin Zietz das Schlußwort. Ruhig, aber nachdrücklich ver- bat sie sich die Einmischung des Beamten in die Geschäftsordnung. Sie erklärte ihm, daß erstens die Polizeistunde die Versammlung absolut nichts angehe. Der Beamte könne dem Wirth nach Anbruch der Polizeistunde die Verabreichung von Getränken untersagen, er dürfe aber nicht die Verhandlungen der Versammlung stören. Zweitens kümmere es den Beamten nicht, wenn die Versammlung einen er- regten Charakter annehme. Daß dies geschehen, bestritt die Referentin übrigens entschieden. Für ordnungsgemäßen Verlaus habe nicht der Beamte, sondern der Vorsitzende zu sorgen, und jede Einmischung und Bevormundung müßte die Versammlung entschieden zurückweisen. Erfreulicherweise waren eine stattliche Anzahl Frauen in der Ver- sammlung anwesend, die versprachen, von jetzt ab fleißige Versamm- lungsbesucherinnen zu werden. L. Z. Im Auftrag des Textilarbeiterverbandes sprach Genossin Zietz in zwei öffentlichen Versammlungen in Haan und Hückes- wagen. Im letzteren Orte betheiligte sich der Kaplan an der Dis- kussion, der der Referentin in allem Recht gab, auch die Anwesenden energisch aufforderte, sich zu organisiren, aber--- im christlichen Arbeiterverein. Tie sogenannten freien Organisationen würden von Sozialdemokraten geleitel, behauptete der Herr, der sich des Wei- teren in Verleumdungen und Schimpfereien auf die Sozialdemokraten erging, daß man die Geduld der Anwesenden bewundern mußte, die bis zum Schluß sich vollständig ruhig verhielten. In ihrer Entgeg- nung konstatirte Genossin Zietz zunächst, daß nicht sie die Politik in die Debatte hineingetragen habe, sondern der Herr Kaplan. Jetzt, wo es geschehen, müsse sie allerdings darauf antworten. Punkt für Punkt wurde nun dem„Verkünder der christlichen Nächstenliebe" die aufgetischten Unwahrheiten widerlegt. Zum Schluß forderte die Red- nerin die Anwesenden auf, mit aller Kraft für den deutschen Textil- arbeilerverband einzutreten. Dem Herrn Kaplan bemerkte sie, daß ihrer Meinung nach es nicht nur sein Recht, sondern sogar seine Pflicht als Geistlicher sei, für Stärkung und Ausbreitung des reli- giöse» Gedankens einzutreten. Aber der Gewerkschaftsbewegung solle er die Religion fern halten. Da hätten wir nicht zu fragen, wenn wir Mitglieder werben� bist du Katholik, Protestant, Jude, oder Dissi- dent, sondern nur: bist du ein ehrlicher Kerl, eine ehrliche Frau, wollt ihr mit ganzer Kraft an der Erkämpfung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen theilnehmen. Im wirthschastlichen Kampfe heiße die Losung nicht, hier Christ und dort Nichtchrist, sondern hier Arbeit- geber und dort Arbeiter, und wer eine andere Parole ausgebe, sei der Arbeiter schlimmster Feind, weil er Uneinigkeit unter sie trage nnd damit ihre Kraft schwäche. Ein wahrer Beifallssturm erhob sich nach diesen Ausführungen und zeigte dem Herrn Kaplan, daß er gründlich Fiasko gemacht hatte. Eine Anzahl neuer Mitglieder ließen sich den Abend in den Verband aufnehmen und versprachen, durch mündliche Agitation noch weitere Mitkämpfer zu erwerben. L. Z. Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Wäsche- und Kra- vattenbranchc zu Berlin beschäftigten sich in einer gut besuchten Versammlung mit„Werth und Nutzen der Gewerbegerichte". Genosse Jahn, der über das Thema referirte, betonte besonders die schreiende Ungerechtigkeit, daß die Arbeiterinnen weder Gewerbe- richter wählen, noch selbst als solche fungiren können. Die Versamm- lung stellte sechs Kandidaten zu den bevorstehenden Gewerbegcrichls- wählen auf. Schließlich besprachen die Genossinnen Baar, Hill und Hoffmann die Verhältnisse der Plätterinnen. Eine neue Plättmaschine, welche neuerdings mehr angewendet wird, soll nach der Drohung der Plätlstubenbesitzer die Plätterinnen„kirre machen". Des Weitere» wurde konstatirt, daß die vereinbarte Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit noch nicht überall eingehalten wird, obgleich eine kürzlich stattgefundene Versammlung der Meister und Meiste- rinnen die von dem Gewerbegericht getroffenen Vereinbarungen an- 135 erkannt und fünf Mitglieder für die Kontrollkommission ernannt hat.| Genosse Trinks verwies treffend darauf, daß nur eine starke Drganisation das Mittel sei, die strikte Respektirung der errungenen Vortheile zu erzielen. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Gegen das Vorgehen des Bürgermeisters zu Plaue i. Th., der Genossin Zieß gegenüber gezeigt hatte, daß Jemand Gemeindeoberhaupt und dabei ein recht unerzogener Mensch sein kann, hatte diese Beschwerde beim Landrathsamt Arnstadt eingelegt Sie erhielt darauf folgenden ablehnenden Bescheid: Auf Ihre am 18. Juni d. J. bei mir eingegangene Beschwerde, ohne Datum, über das Verhalten des Bürgermeisters Weber und des fürstlichen Gendarmen Erdmann in Plaue Ihnen gegenüber bei Ihrer Anwesenheit daselbst am 15. Juni d. J., eröffne ich Ihnen hiermit, daß ich der Beschwerde keine weitere Folge gebe. Zur Forderung Ihrer Legitimation war der Bürgermeister Weber als Polizeibehörde des Ortes und in seiner Unterstützung der fürstliche Gendarm Erdmann vollständig berechtigt. Denn nach § 3 des Bundesgesetzes über das Paßwesen vom 12. Oktober 1867 bleiben Bundesangehörige verpflichtet, sich auf amtliches Erfordern über ihre Person genügend auszuweisen. Daß der Bürgermeister, Weber den Ausdruck„ Mensch" gebraucht haben soll, bestreitet er ganz entschieden, und ich habe keine Veranlassung, Ihrer Behauptung mehr Glauben zu schenken. Er giebt aber zu, als er auf den Saal kam, den Wirth mit den Worten angesprochen zu haben:„ Herr Uhlworm, ist das Frauenzimmer aus Hamburg hier, die heute Abend hier sprechen wollte?" Das Kränkende, was man in dem Ausdruck " Frauenzimmer" finden kann, erachte ich durch Ihr verletzendes Auftreten dem Bürgermeister gegenüber für kompensirt. In keiner Weise kann ich finden, daß der fürstliche Gendarm Erdmann Ihnen gegenüber seine Befugnisse überschritten hätte. Ihre Sistirung will der fürstliche Gendarm Erdmann unterlassen haben, weil er wußte, daß ich in Dienstgeschäften verreist war. Ich stelle Ihnen anheim, dem Mitunterzeichner Ihrer Beschwerde von Vorstehendem Kenntniß zu geben." Genossin Zietz wird nun ihr Recht durch eine Beschwerde beim Ministerium suchen. Notizentheil. ( Von Lily Braun und Klara Belkin.) Weibliche Fabrikinspektoren. Als Assistentin der badischen Fabrikinspektion wurde Fräulein Dr. Richthofen vorerst provisorisch ernannt. Fräulein Dr. Richthofen besitzt eine vollständig abgeschlossene wissenschaftliche Bildung und hat ihren akademischen Grad durch das Studium der Volks: wirthschaft erlangt. Sie ist die erste der in Deutschland zur Gewerbeaufsicht herangezogenen Frauen, die zur Ausübung ihrer Amtsthätigfeit eine höhere Berufsbildung mitbringt. Frauenstimmrecht. Die belgischen Sozialisten und das Frauenwahlrecht. Die sozialistische Arbeiterpartei Belgiens hat beschlossen, gelegentlich ihrer Kampagne für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht mit aller Energie auch für das Frauenstimmrecht zu kämpfen. Die erste Anregung dazu gab Genosse Vandervelde in einer Ver sammlung, die von mehr als 3000 Personen besucht war. Ein minutenlanger Beifallssturm durchbrauste den weiten, dicht gefüllten Versammlungssaal des„ Maison du Peuple" zu Brüssel, als Vandervelde erklärte, die Sozialisten müßten der Forderung des allge= meinen Wahlrechtes ihren wahren, vollständigen Sinn dadurch geben, daß sie nicht nur die politische Emanzipation des arbeitenden Mannes, sondern auch die des weiblichen Geschlechtes verlangten. In einer folgenden Sitzung des Generalrathes der sozialistischen Arbeiterpartei stellte dieser Erklärung entsprechend Genosse Vandervelde den Antrag, daß bei der Aktion der Partei für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht dieses sowohl für die Frauen wie für die Männer zu fordern und zu erkämpfen sei. Der Antrag wurde zunächst von mehreren Mitgliedern des Generalrathes bekämpft. Diese betonten nachdrücklich, daß sie im Prinzip durchaus für das Frauenwahlrecht seien, doch sprächen ihrer Ansicht nach Zweckmäßigkeitsgründe gegen seine Einführung. Die politische Schulung des weiblichen Geschlechtes sei unzulänglich, um nicht zu sagen gleich Null. Die überwältigende Mehrzahl der Frauen stünde vollständig unter dem Einfluß der katholischen Geistlichkeit und ihre Stimmen würden von dieser zu reaktionären Zwecken ausgenügt werden. Das allgemeine Stimmrecht sei für die Sozialisten nicht Selbstzweck, nur Mittel zum Zweck, um die Verwirklichung der sozialistischen Ziele herbeizuführen. Man dürfe die Zukunft der Partei nicht preisgeben, die Herrschaft des Sozialismus nicht verzögern, indem man den Frauen eine ungeheure politische Macht verleihe, noch ehe sie die erforderliche politische Reife erlangt hätten. Es waren besonders die Abgeordneten für Brüssel, Vandervelde und Delporte, welche diesen Erwägungen entgegentraten. Sie führten aus, daß die nämlichen Zweckmäßigkeitsgründe gegen das Frauenstimmrecht seiner Zeit von den bürgerlichen Liberalen gegen das Stimmrecht der Arbeiter geltend gemacht worden seien. Gewiß müsse man unter Umständen damit rechnen, daß in der ersten Zeit nach Einführung des Frauenstimmrechtes die Erfolge der Sozialisten etwas verlangsamt würden. Dafür aber würden dieselben binnen Kurzem reich entschädigt werden. Mit der wachsenden politischen Aufklärung und Schulung der Frauen werde der Sozialismus sich rascher ausbreiten, immer größere Kreise erfassen, immer glänzendere Siege erringen. Glaube man etwa, daß gegenwärtig die Frauen ohne jeden Einfluß auf die Wahlergebnisse seien? Dann irre man sich gewaltig. Wie oft hätten nicht gerade die Sozialisten in der Wahlzeit den starken Einfluß der Frauen unliebsam fühlen müssen. Eine unwiderstehliche Strömung der Wählermassen schien ihnen den Sieg zu sichern. Und siehe, am Wahltag triumphirte trotz Allem der klerikale Gegner. Warum das? Weil die politisch unaufgeklärte Frau ihren Einfluß auf den Mann, den Bruder, den Sohn geltend gemacht hatte. Gerade der Besitz des Wahlrechtes werde die Frauen dem Klerikalismus entreißen. Denn er zwinge die Arbeiterpartei, der politischen Aufklärung und Schulung der Frauenmassen die gleiche Sorgfalt, die gleiche Aufmerksamkeit, den gleichen Kraftaufwand zu widmen, wie der politischen Erziehung der Männer. Die Frauen würden der Belehrung nicht unzugänglicher sein als die Männer, besonders wenn die Belehrung anknüpfe an solche Fragen, die die ureigensten Interessen des weiblichen Geschlechtes berührten, wie die Frage der Prostitution, des Militarismus, der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung, der Schule 2c. 2c. Wie könnten gegenüber der sozialen Frage gerade die Frauen indifferent und unbelehrbar bleiben, sie, die als Arbeiterinnen, Gattinnen, Mütter, mit allen Fibern ihres Wesens noch schwerer unter der Last des sozialen Unrechtes leiden, als ihre Brüder der Frohn und des Elendes? Gerade die Frauen würden begeisterte, leidenschaftliche Bekennerinnen des Sozialismus werden und seine Lehren opferfreudig durch die Welt tragen, wie sie früher so viel zur Ausbreitung des Christenthums beigetragen haben. Die zündenden Ausführungen Vanderveldes und Del= portes verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Generalrath der Arbeiterpartei beschloß einstimmig, die Kampagne für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht auf die Einführung des Frauenstimm rechtes auszudehnen. Als erster praktischer Schritt zur Verwirklichung der beschlossenen Forderung wird die sozialistische Fraktion bei dem Wiederzusammentritt der Kammern im November einen Antrag einbringen, der das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu den Provinzial- und zu den Gemeinderäthen für alle Männer und Frauen fordert, welche 21 Jahre alt sind. Bei der Agitation, welche die belgischen Sozialisten für Einführung des allgemeinen Wahlrechtes führen, wird überall mit aller Energie die Forderung des Frauenstimmrechtes, ihre Begründung und ihre Bedeutung betont. Ein Bravo unseren belgischen Genossen für ihre grundsächlich ebenso richtige als praktisch weitausschauende Haltung. Die jährliche Festversammlung der Frauenstimmrechtsvereine von New- England fand neulich in Boston statt. Aus den Berichten über die Thätigkeit und die Erfolge der einzelnen Organisationen ging hervor, daß die Forderung des Frauenstimmrechtes in allen sechs Staaten, welche zusammen als New- England bezeichnet werden Main, New- Hampshire, Vermont, Massachusetts, RhodeIsland und Connecticut an Boden gewinnt. Bezeichnend ist es, daß ein höherer Beamter der Regierung an den Verhandlungen Theil nahm und mit warmen Worten für das Frauenwahlrecht eintrat. Den Vorsitz führte am ersten Verhandlungstag die 81 jährige Mrs. Julie Ward Howe, eine der treuesten amerikanischen Vorkämpferinnen der Frauenrechte, am zweiten Tage die Theologin Anna Garlin Spencer. Ueber die Erfahrungen mit dem Frauenstimmrecht in Idaho berichtet der Gouverneur dieses Staates, Frank Steunenberg, in einer amerikanischen Zeitschrift. In Idaho besitzen die Frauen das aktive und passive Wahlrecht seit 1896. Wahlen, die auf Grund der gleichen politischen Rechte für beide Bei den ersten Geschlechter stattfanden, wurden drei Frauen in die gesetzgebenden Körperschaften und eine Frau in die Schulbehörde gewählt. Der Gouverneur betont in seinem Artikel, daß Kandidatinnen, welche unterliegen, nur ihrer Parteirichtung wegen nicht gewählt werden, keineswegs aber wegen ihres Geschlechtes. Seitdem die Frauen wählen, hat sich der Ton in den Wahllokalen gehoben, die Zahl der Betrunkenen, welche durch Skandal vielfach die Wahlen störten, hat sich vermindert. Bei der Wahl im Jahre 1898 gaben etwa 40000 Wähler ihre Stimmen ab, 40 Prozent davon entfielen auf die Frauen. In den größeren Städten betheiligen sich die Frauen reger an den Wahlen, als in den kleinen Städten oder auf dem Lande. Stellungnahme der republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten zur Frage des Frauenstimmrechtes. Dem Komite der republikanischen Partei, welche das Programm gelegentlich der bevorstehenden Präsidentenwahl ausarbeitete, lagen verschie dene Eingaben und Resolutionen frauenrechtlerischer Organisationen vor, welche forderten, daß in das Programm unter anderen Reformen zu Gunsten der gesetzlichen Gleichstellung der Geschlechter auch das Frauenstimmrecht aufgenommenen werden sollte. Das Verlangen wurde auch durch eine Delegation der Frauenrechtlerinnen begründet, fand aber feine Berücksichtigung. Damit hat sich die republikanische Partei indirekt gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen. Dienstbotenfrage. In Dienstbotenbewegung in Berlin. Eine neuerliche Versammlung weiblicher Dienstboten hat Mitte Juli in Berlin getagt. Sie war von etwa 400 Personen besucht, der Mehrzahl nach Dienstmädchen. Zur Tagesordnung," Wie kann die Dienstbotenkalamität beseitigt werden?", sprachen als Referenten die Herren Perlmann und v. Gerlach. Herr Redakteur Perlmann führte aus, daß dem seit Jahren herrschenden Dienstbotenmangel nur entgegengewirkt werden könne durch eine allgemeine Besserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Hausgehilfinnen. Die vernünftigen Hausfrauen hätten deshalb allen Grund, die Bewegung der Mädchen nicht zu hindern. Die Dienstbotenbewegung Die Dienstbotenbewegung fönne als letzter Theil der Frauenbewegung betrachtet werden. Es wären Berührungspunkte zwischen den Zielen der Frauenvereine und denen der Dienstbotenorganisationen vorhanden. In Holland gehörten denn auch die Letzteren dem Bunde der Frauenvereine an. Deutschland und hauptsächlich in Berlin schienen jedoch die Frauenrechtlerinnen der Dienstbotenbewegung gegenüber auf dem Standpunkt zu stehen: O rühret, rühret nicht daran". Der Referent ver trat des Weiteren die Ansicht, daß die Wünsche der Dienstmädchen zu zwingenden Bedingungen formulirt werden müßten, deren hauptsächlichste seien: Gute Behandlung, gute Kost, gute Schlafgelegenheit, Abschaffung der Dienstbücher und Einführung besonderer Zeugnisse, Abschaffung der Gesindeordnung, Regelung der Arbeitsvermittlung, mehr freie Zeit. Die Nothwendigkeit dieser Forderungen wies er an einer Reihe von Thatsachen nach, die ihm als Redakteur der Hausgehilfin" bekannt geworden sind. Herr Perlmann betonte dabei, daß die gesetzlichen und polizeilichen Vorschriften bezüglich der Schlafräume vielfach bewußt übertreten werden, und daß in Streitfällen zwischen Herrschaften und Dienstboten die Polizei durchaus nicht immer einen unparteiischen Spruch fällt. Der Redner schloß mit einer warmen Aufforderung zum Anschluß an die Organisation und zur Agitation für sie. Wenn die Hausfrauen die gröbsten Mißstände beseitigten, unter denen die Dienstboten litten, so würde die Organisation eine Friedensgesellschaft sein, wenn nicht, dann gelte es, den Kampf ums Recht aufnehmen.( Reicher Beifall.) Herr v. Gerlach war ebenfalls der Ansicht, daß die Noth um Dienstboten erst mit der Noth der Dienstboten verschwinden werde. In treffenden Ausführungen bekämpfte er die mittelalterlichen Geist athmende Gesindeordnung, sowie das Ausnahmegesetz von 1854. Es sei empörend, daß eine entehrende Bestimmung, wie die des Züchtigungsrechtes, noch fortbestehe, auch wenn sie in den großen Städten vielleicht praktisch nicht mehr die frühere Bedeutung habe. Uebrigens ließen sich Behörden, wie zum Beispiel der Regierungspräsident v. Heydebrandt in Breslau, angelegen sein, durch Verfügung darauf aufmerksam zu machen, daß trotz des Bürgerlichen Gesetzbuches weiter geprügelt werden dürfe. Die Vossische Zeitung" brachte einen Aufruf, der den nämlichen Geist athmet, und der von Hausfrauen herrühren soll. In diesem Aufruf wurde zur häufigen Anwendung des Ausnahmeftrafgesetzes von 1854 angereizt und verlangt, daß alle Untugenden der Mädchen ins Dienstbuch geschrieben werden sollten. Die Dienstboten müßten selbst auf dem Posten sein und dafür sorgen, daß sie aus Stiefkindern rechte Kinder des Staats würden.( Stürmischer Beifall.) Der Bodenreformer Herr Damaschke, redete dem Zusammenwirken der organisirten Dienstboten mit den wohlwollenden Hausfrauen das Wort. Er anerkannte die vorhandenen Mißstände, wollte aber nichts von der Anwendung des freien Arbeitsvertrags" auf das Dienstverhältniß wissen. Zwischen Hausgenossen dürften nicht kalte Paragraphen das " 136 Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel) in Stuttgart. Bindeglied bilden. Sehr vernünftig, logisch und wirksam sprachen zwei Dienstmädchen. Die eine Rednerin stellte die Ansicht einer einsichtsvollen Hausfrau dem Benehmen einer Frau Meier gegenüber, welche ihr Dienstmädchen schlechter behandelt habe, als den häßlichsten Hund. Des Weiteren charakterisirte sie die Ziele und das Wirken des„ Hilfsvereins weiblicher Hausangestellten", dessen Mitglied sie ist. Diese Organisation wolle Mißstände beseitigen, erziehe aber auch ihre Mitglieder zur Pflichttreue. Er erstrebte u. A. die Schaffung eines Heims für altersschwache und kranke Hausgehilfinnen. Die christlichen Heime seien nicht empfehlenswerth. In einem solchen sei es vorgekommen, daß ein Mädchen mit einem offenen Fuße en Fahrstuhl bedienen mußte, weil es fein Geld für die Kost hatte. Die zweite Rednerin wies in trefflichen Worten nach, daß gewissenlose und unfähige Dienstherrinnen die meiste Schuld daran tragen, daß viele Dienstmädchen sich anderen Berufen zuwendeten, noch ehe sie den Haushalt gründlich erlernt hätten. Wer die Verhältnisse kenne, der müsse es wunderbar finden, daß man in den Zeugnissen noch nie unter" Austrittsgrund" gelesen habe:„ Weil sie nicht satt wurde"," weil sie nicht auf dem Hängeboden schlafen wollte", ,, weil sie sich die Belästigungen des Hausherrn oder des Haussohnes nicht gefallen ließ". Die Ausführungen beider Rednerinnen wurden wiederholt von Zustimmungsrufen unterbrochen und fanden am Schluß stürmischen Beifall. Nachdem noch Rektor Buchholz der Bewegung seine Sympathie versichert und Herr v. Gerlach ein Schlußwort gesprochen hatte, forderte die Versammlung in einer Resolution, daß die ungerechten, veralteten Bestimmungen, das Gesinde betreffend, aufgehoben und durch moderne Vorschriften auf dem Wege der Reichsgesetzgebung ersetzt werden. Frauenbewegung. Eine Resolution zu Gunsten des Frauenstimmrechtes in Schulangelegenheiten wurde von einer zahlreich besuchten Jahresversammlung der Demokraten in Albuquerque( Mexiko) angenommen. In den subalternen Aemtern der Stadtverwaltung zu St. Franzisko können Frauen angestellt werden, wenn sie die vorgeschriebenen Konkurrenzprüfungen bestanden haben. An der Prüfung für einen der einschlägigen Posten betheiligten sich fürzlich dreißig Frauen und nur sieben Männer. Der Posten wurde auf Grund des Ausfalls der Prüfung mit einer Frau besetzt. Die geringe Zahl der Männer, welche sich um die subalternen Aemter der Stadtverwaltung bewerben, scheint dafür zu sprechen, daß die betreffenden Posten keine große Anziehungskraft für die Männer besitzen, das heißt wahrscheinlich niedrig gelohnt und sozial wenig einflußreich sind. Zwei im Maschinenfach ausgebildete Schwedinnen wurden auf Kosten der Regierung zur Weltausstellung nach Paris geschickt, um dort die Maschinenabtheilung zu studiren. Die Jahresversammlung der englischen liberalen Frauenrechtlerinnen hat in letzter Zeit in London unter dem Vorsitz von Lady Carlisle getagt. Sie beschäftigte sich u. A. auch mit der Frage des gesetzlichen Schutzes der Kinder- und Frauenarbeit. Es gelangte eine Resolution zur Annahme, welche fordert, daß die Altersgrenze für die Beschäftigung von Kindern in Fabriken auf vierzehn Jahre erhöht werde. Zur Frage des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes standen sich zwei Resolutionen gegenüber. Die eine davon forderte ausgedehnte Schutzbestimmungen zu Gunsten der Arbeiterinnen und erblickt in ihnen einen Segen. Die andere Resolution dagegen erklärt, daß ,, Gesetze, welche nicht Frauen und Männergleichmäßig schüßen, sondern nur die Frauenarbeit beschränken, ein Schaden für die Lage der Arbeiterinnen sind". Die Debatte über die strittige Frage war sehr hihig und zeigte, daß die Mehrzahl der bürgerlich liberalen Frauenrechtlerinnen in England kein Verständniß für die Lage der Arbeiterinnen besitzt, daß aber in ihrer Mitte eine einsichtsvollere Minderheit vorhanden ist. Die Resolution, welche den Arbeiterinnenschutz verwirft, wurde mit 329 gegen 240 Stimmen angenommen, also mit einer Majorität von 89 Stimmen. Der Kongreß stimmte u. A. auch einer Resolution zu, welche sich gegen den Krieg in Südafrika erklärt. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genossinnen gingen bei der Unterzeichneten ein: Genossin H. A. 10 Mt.; Genossinnen aus Görlit 11 Mt. 10 Pf. Summa 21 Mt. 10 Pf. Dankend quittirt Ottilie Baader, Vertrauensperson, Berlin O., Straußbergerstraße 28, 4 Tr. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.