Nr. 1. 11. Jahrgang. 2. H69/ 7 Die Gleichheit. 11 LENTRALSTELLE VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH. DEUTSCHLAND Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Inhalts- Verzeichnik. Stuttgart Mittwoch den 2. Januar 1901. Einladung zum Abonnement.- Soziale Fäulniß. Zur Lage der Arbeiterinnen in Mülhausen i. E. Von A. L. Die Wäschenäherinnen rühren sich! Von A. N. Aus der Bewegung. Feuilleton: Bet' und arbeit'! Von G. Herwegh.( Gedicht.) Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Soziale Gesetzgebung. Frauenbewegung. Adressenverzeichniß. Quittung. Einladung zum Abonnement. Mit der vorliegenden Nummer beginnt der elfte Jahrgang der Gleichheit". " Wie bisher so wird die Gleichheit" auch fernerhin mit aller Energie und Schärfe kämpfen für die volle soziale Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen ver= schwindet mit den jezt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirthschaftliche Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Menschen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara gettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Soziale Fäulnik. Das Ende des Jahres, des Jahrhunderts hat uns einen jener Prozesse gebracht, welche mit wünschenswerthester Klarheit die sittliche Fäulniß und Verworfenheit aufzeigen, die unsere Gesellschaft unter der Hülle der Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit in sich birgt. In geradezu erdrückender Fülle hat der Prozeß Sternberg Bild auf Bild des ekelhaftesten Lasters entrollt, in welchem sich die verkommensten Schichten des Lumpenproletariats und die verkommensten Kreise der oberen Zehntausend in schöner Verständnißinnigkeit ebenbürtig zusammenfinden. Und neben den Typen des wibernatürlichen Wüstlings, der zu allen Schurkereien bereiten Gelegenheitsmacherin, der Dirnen jugendlichsten, ja kindlichen Alters, furz neben den abstoßenden Gestalten Derer, die auf dem Markte der geschlechtlichen Ausschweifung suchend und feilbietend auftreten, ließ er die stattliche Reihe Jener vorüberziehen, die ihr Gewissen und die Wahrheit ebenso schmachvoll verschacherten, wie die Anderen die Möglichkeit zur Befriedigung perverser Neigungen. Kaum eine gesellschaftliche Schichte, die nicht unter den bestochenen Zeugen und den bestechenden Helfershelfern vertreten wäre, welche die Vertheidigung zu Gunsten Sternbergs aufrief. Der progige Großbourgeois wie der solide Kleinbürger und der vereidete Beamte, sie sind in trauter Gemeinschaft mit dem anrüchigen Privatdetektiv, dem versoffenen Dirnenvater und den Prostituirten jeglicher Stufe aufmarschirt, um gegen besseres Wissen den widerlichen Lüftling vor dem Zuchthaus zu retten. Von dem Prozeß quillt ein schier betäubender Geruch weit fortgeschrittener sittlicher Fäulniß und Verwesung empor, einer sittlichen Fäulniß, die sich keineswegs auf das Gebiet des gemeinen, käuflichen Geschlechtsgenusses beschränkt, sondern die die verschiedensten Gebiete unseres sozialen Lebens, die alle Beziehungen von Mensch zu Menschen ergriffen hat und zersetzt. In dieser kapitalistischen Gesellschaft ist alles Waare, alles käuflich, von den dürftigen, unreifen Reizen frankhaft veranlagter, verlotterter Kinder, bis zur Fürsorge der Verwandten, den Achtungsbeweisen der vornehmsten Kreise, dem Wissen und Können der Juristen, dem Eide der Zeugen, der Ehre der Staatsbeamten: so predigt eindringlichst fast jede Episode, jede Thatsache des Prozesses. Jeder sinnliche Genuß, Die Aufhebung dieser Gegensäge kann jedoch nur erfolgen durch den Klassenkampf: die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Und nur ihr, feineswegs aber der bürgerlichen Frauenrechtelei, die zwar zu Gunsten des weiblichen Geschlechts innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft reformiren will, aber grundsäglich eine Revolution der Gesellschaft zu Gunsten der ausgebeuteten Selasse zurückweist. Der charakterisirte Standpunkt, der Standpunkt des Klassenkampfs aber muß in einem Organ für die Interessen der proletarischen Frauen scharf und unzweideutig betont werden. Und dies um so schärfer, je mehr sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen angelegen sein lassen, durch allgemeine humanitäre Phrasen und kleinliche Konzessionen an Reform= jedes sittliche Gut, jeder gesellschaftliche Werth war für Sternbergs forderungen der Arbeiterinnen Quertreiberei unter die proletarische Frauenwelt tragen und sie dem Klassenkampf entziehen zu wollen. Gerade aber die proletarischen Frauen für den Klassenkampf zu schulen, das wird auch in Zukunft die vornehmste Aufgabe der „ Gleichheit" bleiben. Dem Ansturm der Reaktion gegen die sozia listische Bewegung zum Troz; der besonderen Reaktion gegen die tlassenbewußten Proletarierinnen zum Troz! Ihrem alten Programm getreu wird die„ Gleichheit" auch im neuen Jahre rufen zu dem Streit, wo ein Hüben und Drüben nur gilt." Wir hoffen, daß sich das Blatt damit die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien erwerben wird. " " Die Gleichheit" ist im Reichspostzeitungskatalog pro 1901 eingetragen unter Nr. 2978, im württembergischen Katalog unter Nr. 131 und kostet vierteljährlich 55 Pfennig ohne Bestellgeld. Probe: und Agitationsnummern der„ Gleichheit" werden jederzeit gratis abgegeben. Recht zahlreichen neuen Abonnements sieht entgegen Die Redaktion und der Verlag. Gold feil. Die Geheimarchive von Behörden vermochte es sich ebenso zugänglich zu machen, wie die Absteigequartiere der„ Masseusen". Und so ist es nicht die schmußige Persönlichkeit Sternbergs allein, die zusammen mit Dirnen und Supplerinnen als gerichtet aus dem Prozeß hervorgeht. Es sind alle die Käuflichen und Gekauften ohne Unterschied, ob sie wie der Polizeikommissar Thiel dem Strafrichter verfallen sind, oder ob sie verstanden haben, aalglatt zwischen den Maschen des Strafgesetzes hindurchzuschlüpfen, die Sternbergs Gold in Eideshelfer seiner„ Unschuld" verwandelt hat. Es ist vor Allem die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die als Nährmutter der großen, alle menschlichen Beziehungen vergiftenden Käuflichkeit wieder einmal auf der Anklagebank saß und verurtheilt worden ist. Denn der Prozeß Sternberg hat für Jeden, der nicht seinen Kopf vor dem Anblick der Thatsachen in den Sand der Selbsttäuschung vergräbt, lichtvoll das Eine gezeigt: Die enthüllte soziale Fäulniß ist keine zufällige Erscheinung, die einzelnen Personen albibliother Stadtb Mönche gladbach Fonchengle anhaftet, sie ist vielmehr im tiefsten Wesen dieser besten aller Welten begründet, welche dem Millionen- und Mädchenjäger Sternberg alle ihre Annehmlichkeiten in reichster Fülle spendet und mit ihren Härten das schwer frohndende Volk der Arbeit begnadet. Die infamen Schurkereien, deren sich die Schuft, Lump Cie. nach dem Prozeß und in dem Prozeß schuldig gemacht haben, sind nicht krankhafte Auswüchse an einem sonst gesunden sozialen Körper. Sie sind die natürlichen, unabwendbaren Folgen eines in seinem Innersten kranken und vergifteten gesellschaftlichen Organismus. Nicht das macht den Prozeß so bedeutsam, daß er hineinleuchtete in die tiefsten Abgründe sittlicher Verworfenheit, daß er eine buntscheckige Musterkarte von Niedertracht und Gemeinheit jeglicher Art aufblätterte, daß er zeigte, wie die Hallunken nicht blos händevoll, nein scheffelweise zu haben sind. Seine Hauptbedeutung beruht in der Beleuchtung der Thatsache, daß die kapitalistische Gesellschaft der Waarenerzeugung, des Schachers mit allem, was einen Marktwerth erlangen kann, daß die kapitalistische Gesellschaft des prassenden Ueberflusses auf der einen Seite, des darbenden Elends auf der anderen, unter bestimmten Bedingungen mit tödtlicher Sicherheit Hallunken und Hallunkereien erzeugen muß, wie sie die 38tägigen Verhandlungen enthüllt haben. Indem die Ordnung des Kapitalismus die menschliche Arbeitskraft ohne Rücksicht darauf, daß sie untrennbar an das lebendige Menschenthum der Arbeitenden gebunden ist, zur Waare erniedrigt, die wie Kaffee oder Zwiebeln auf dem Markte gehandelt wird, entwürdigt sie auch jede Eigenschaft, jede Wesensäußerung, jede Beziehung des Menschen zur Waare, die verkauft und gekauft werden kann. Auf dem großen kapitalistischen Waarenmarkt ist der Kinderkörper ein ebenso gangbarer Schacherartikel, wie das falsche Zeugniß und der Meineid. Wüstlinge vom Schlage und von den Millionen eines Sternberg können baar zahlend den Einen erwerben, um die überreizten, schlaffen Nerven aufzupeitschen, wie die Anderen, um nur mit dem Aermel am Zuchthaus vorbei zu streifen, statt hinter seine Mauern wandern zu müssen. An Verkäufern der genannten Marktwaaren wird es nicht fehlen, solange das Laster unter Umständen seinen Mann und seine Frau reichlicher nährt, als fleißige Tugend; solange die aus der Armuth geborene Verwahrlosung von Kindern für deren sittliches Verkommen vollendet, was eine krankhafte Veranlagung begonnen, die das furchtbare Erbtheil der höllengleichen Lebensbedingungen ganzer Geschlechter ist; solange mittellose Offiziere und Staatsbeamte durch den Zwang der standesgemäßen Lebenshaltung und die Neigung zu standesgemäßen„harmlosen" Passionen in Schulden gestürzt werden; solange die Gesellschaft von dem Grundsatz beherrscht wird: dion olkt, Geld stinkt nicht. Der Wüstling Sternberg, der meineidige Beamte Thiel, die Kupplerin Fischer, das verkommene Kind Woyda, der lange Zug der Dirnen, die Entlastungszeugen, denen auf einmal jede Erinnerung an früher bekundete Vorgänge abhanden gekommen ist, die gewandten Juristen, die um jeden Preis eine Freisprechung zu erzielen trachten: sie Alle, deren Sein und Thun so unaussprechlich anwidert, sind Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der kapitalistischen Gesellschaft, ihre rechtmäßigen Kinder. Sie kann sie nicht verleugnen und wenn sie sich noch so sehr ob der einzelnen Schandthaten in Krämpfen sittlicher Entrüstung windet. Was die Tugendheuchelei der kapitalistischen Gesellschaft so sorgsam unter allerhand Formeln und Verbrämungen zu verbergen sucht: den Triumph der Schachermoral des„Kauft und Verkauft mit Profit!" über die natürlichsten Empfindungen, über die höchsten Satzungen der Sittlichkeit, über die Gebote der Amtspflicht und Amtsehre, das hat der Prozeß Sternberg in abstoßender Nacktheit enthüllt. Er offenbart greifbar deutlich, daß der Kapitalismus alle menschlichen Beziehungen in geschäftliche Beziehungen auflöst, an Stelle aller idealen Werthe das allzeit geöffnete Portemonnaie setzt. Naive Gemüther mögen hoffen, daß der gefällte strenge Richterspruch über Sternberg und seine Laster, daß die noch folgende harte Ahndung der Korruption in der Beamtenwelt der aufgedeckten sittlichen Fäulniß unseres sozialen Lebens entgegenzuwirken vermögen. Die Erfahrung wird nur zu bald zeigen, daß die Kurpfuscherei von Gesetzestexten und Rechtssprüchen sich als ohnmächtig erweist, den aufgezeigten Uebeln zu wehren. Denn weil diese aus dem innersten Sein der heutigen Ordnung der Dinge selbst herauswachsen, so werden sie auch wieder und wieder auftreten, die Gesellschaft mit dem Pesthauch der Verwesung erfüllend, solange das heutige Regime die Ursachen und die nährenden Kräfte der sozialen Fäulniß schafft. Die Gesellschaft wird erst zur sittlichen Reinheit und Kraft genesen, wenn die befreite Arbeitskraft aufgehört hat, eine Waare zu sein; wenn der todte Besitz nicht länger den lebendigen Menschen knechtet und ausbeutet; wenn Käufer und Verkäufer von Werthen des Lasters und der Korruption nicht mehr durch den übersättigten, zuchthausbebenden Reichthum und die hungrige, verwahrloste Armuth auf den Markt getrieben werden. Der Skandalprozeß Sternberg, der sich den Schmutzaffären Heinze und Tausch- Leckert-Lützow würdig anreiht und die Verhandlungen über die frommen Bankdiebe Sanken und Konsorten stilvoll einleitet, zählt zu den Ereignissen, welche der kapitalistischen Gesellschaft das illkne mens tskel schreiben. Langsam, aber unaufhaltsam zieht das klassenbewußte Proletariat heran, um das gefällte Urtheil zu vollstrecken. Zur Lage der Arbeiterinnen in Mülhausen i. E. Wie überall, wo die kapitalistische Ausbeutung auf den Arbeitenden lastet und ihnen nur dürftige Brocken von den Früchten ihres Mühens läßt, so ist auch in Mülhausen(Elsaß) die Lage der Arbeiterschaft eine überaus traurige. Ungenügende, schlechte Ernährung, ungesunde Wohnungen, Mangel an Reinlichkeit, Alkoholismus, Stumpfsinn und Aberglauben:c., das sind Folgen der Ausbeutung, denen man in Mülhausen auf Schritt und Tritt begegnet. Und wie überall, so ist auch hier die Proletarierin das zwiefach belastete und zwiefach unglückliche Opfer der Verhältnisse. Wenn auch die Löhne in bestimmten Industriezweigen besser sind als in manchen anderen Gegenden, so wird doch einerseits durch die große Kinderzahl, andererseits durch die hohen Preise der Nahrungsmittel und Wohnung(und dieses Jahr der Brennmaterialien) das Leben der Arbeiterfamilien und besonders das der Frauen zu einem sehr schweren, sorgenvollen gestaltet. Dazu kommt, daß die Letzteren in Folge steter Ueberanstrengung beinahe immer kränklich sind. Die Preise der billigsten Nahrungsmittel sind etwa und so weiter. Mag der Verdienst verhältnißmäßig gut scheinen, bei den geltenden Lebensmittelpreisen erweist er sich als ungenügend; die meisten Frauen und Kinder leben von Kartoffeln, Brot und Kaffee. Uebrigens können viele Frauen gar nicht kochen! Die Armuth hat ihnen die Möglichkeit genommen, die Hauswirthschaft zu erlernen. Die Wohnungen sind theuer und schlecht. Eine mir bekannte Familie, bestehend aus Vater und Mutter nebst 7 Kindern, bewohnt für 7,2V Mk. monatlich einen kellerartigen Raum, der 2,17 Meter hoch, 4,08 Meter lang und 3,50 Meter breit ist. Zu diesem„traulichen Heim" gehört noch eine Vertiefung, wo zwei Betten, dicht zusammen geschoben, hinter einem Vorhang stehen! Die 9 Einwohner haben im Ganzen einen Luftraum von 3V Kubikmeter. Die„Küche" der Familie besteht aus einem kleinen Ofen im Hausgang neben der Treppe, die zu einem Dachzimmer führt, das von einer anderen Familie bewohnt wird. Die Zimmerböden liegen etwa 30 Zentimeter unter der Bodenfläche! In dem betreffenden Hause(Walacheistraße), das 26 x 6 Meter Größe hat und 1,90 Meter bis zum Dache mißt, wohnen 12 kinderreiche Familien! In der Tuchmachergaffe, in der Ziegelgasse und in vielen anderen Gassen sind noch zahlreiche derartige und sogar noch schlimmere Wohnungen zu finden. Viele derselben bekommen keine Sonne und andere erinnern an Viehställe! Eine anständige Wohnung von zwei bis drei Zimmern foftet ungefähr 20 Mt. monatlich, bei Weitem nicht alle Arbeiterfamilien können so viel für Miethe ausgeben. Dazu kommt, daß die Arbeiterbevölkerung viel schneller zugenommen hat als die Zahl der Wohnungen. Es besteht in der Folge fortwährende Wohnungsnoth. Auch die Besitzer alter baufälliger Häuser sind sicher, daß dieselben immer überfüllt werden, und sie benüßen oft diese Lage, um die armen Miether schändlich auszubeuten, die nothwendigsten Reparaturen aber zu unterlassen u. s. w. Viele neugebaute Häuser bleiben dagegen leer, weil der Miethzins der Wohnungen für die Mülhauser Lohnverhältnisse viel zu hoch ist. Die von Jean Dollfus gegründeten berühmten Cités- Häuser sind nach und nach ein Gegenstand der Spekulation geworden und entsprechen ihrem ursprünglichen Zwecke nicht mehr. Bei den oben geschilderten Wohnungszuständen ist es der überanstrengten Arbeiterfrau so gut wie unmöglich, Kinder, Leibwäsche und Zimmer sauber zu halten. Zumal wenn sie dem Erwerb nachgehen muß und nur wenig Zeit für die Wirthschaftsführung zur Verfügung hat, reißt durch Schuld der engen, schlechten Wohnung Unordnung und Unsauberkeit ein. Manche Arbeiterfrauen schätzen auch in Folge des Elends, in dem sie von Kindheit an aufgewachsen sind, in Folge vernachlässigter Erziehung die Reinlichkeit und ihren Einfluß auf die Gesundheit nicht hoch genug. Das Unterlassen aus Noth oder Unwissenheit der einfachsten Maßregeln der Hygiene und Reinlichkeit ist von Einfluß auf die große Sterblichkeit der Kinder, die durch die Schwächlichkeit der Eltern, mangelnde Pflege und ungünstige Lebensbedingungen verursacht wird. Die kräftigsten Kleinen bleiben trotz aller ungünstigen Einflüsse am Leben, aber sie wachsen im Schmuße auf, werden selten gebadet und sind später bleichsüchtig, oft schwindsüchtig! Viele Kinder sind von Geburt an strophulös oder rhachitisch. Zahlreiche Kleine sterben im Säuglingsalter, weil ihnen eine gesunde Nahrung fehlt. Die meisten Frauen sind zu schwach und arbeiten zu hart, um ihre Kinder lange stillen zu können und gesunde kräftige Milch zu haben. Die künstliche Nahrung aber ist oft schlecht und wird nicht mit genügender Sorgfalt zubereitet. Sterilisirte Milch ist nicht allgemein im Gebrauch. Wie der Säugling und das Kind zarten Alters, so ist auch die Wöchnerin sehr übel dran. Nach der Niederkunft steht die Frau zu früh auf, besorgt selbst den Haushalt schon am dritten Tage, geht nach acht Tagen aus, arbeitet womöglich in Privathäusern und nimmt nach zwei bis drei Wochen die Fabrikarbeit wieder auf. Kein Wunder, daß sie in der Folge oft ihr Leben lang leidend und siech bleibt. Das Stehen am Webstuhl, das Einathmen des Baumwollstaubes in der Spinnerei, das Sitzen an der Nähmaschine, kurz, alle die Vorrichtungen und Umstände, welche die Gesundheit der Arbeiterinnen schädigen, werden der Wöchnerin, die noch nicht ihre volle Kraft zurückerlangt hat, besonders verderblich. Den Wöchnerinnen zahlen die Krankenkassen der Fabritarbeiterinnen während 18 Tagen die Hälfte ihres Lohnes aus. Der Betrag ist in jedem Falle ganz ungenügend. Viele Frauen sind daher genöthigt, sich an die Wohlthätigkeit zu wenden, die aber auch nicht ausgiebig zu sorgen vermag, davon abgesehen, daß die Proletarierinnen nicht Wohlthaten erbitten, sondern ihr Recht fordern müssen. Krippen sind angesichts der vorhandenen Mißstände dringend nöthige Einrichtungen. Die Stadt Mülhausen aber besitzt deren nur zwei, von denen jede 30 bis 50 Kinder aufnehmen kann. In den Krippen sind katholische Schwestern thätig. Die große Zahl der Arbeiterinnen, die ihre Kinder nicht pflegen können, würde den Bestand von wenigstens 20 Krippen fordern; so wie die Dinge liegen, gehen Schaaren von Kindern körperlich und geistig zu Grunde. Die Kleinkinderschulen, deren 21 vorhanden sind, nehmen die Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren auf. Die Schulen sind zahlreich, aber in den meisten lernen die Kinder leider mehr Katechismus als Dinge, welche sie für das Leben und ihren Beruf vorbereiten. 3 Was die Kleidung anbelangt, so verwendet die Mülhauser Arbeiterin weit mehr darauf als auf die Nahrung. Die Putzsucht spielt leider dabei vielfach eine größere Rolle als höhere Beweggründe. Frauen und Mädchen, die schmutzige Leibwäsche tragen, nicht immer gefämmt und gewaschen sind und in unsauberen Betten schlafen, darben sich vom Munde ab, um einen Spitzenkragen oder einen Federhut anschaffen zu können. Es verdient gewiß alle Sympathie, wenn die Arbeiterinnen aus dem Bedürfniß nach sozialer Gleichberechtigung oder aus Schönheitsgefühl heraus darnach streben, hübsch und geschmackvoll gekleidet und einer„ Dame" ähnlich zu sein. Und wenn Jemand ein Recht darauf hat, sich zu schmücken, so sind es gewiß die hart arbeitenden Frauen und Töchter des werkthätigen Volkes. Aber der öden, äußerlichen Pußsucht ist durch Aufklärung und Erziehung entgegen zu arbeiten. Ganz besonders dann, wenn ihr Mittel geopfert werden, die für Ernährung, für Bildung, gewerkschaftliche Organisation 2c. weit nüßlicher verwendet würden. Werfen wir nun einen Blick auf den Verdienst und die Arbeitszeit der Arbeiterinnen, und zwar zunächst in der Textilindustrie. Mädchen von 17 bis 20 Jahren können täglich 1,40 Mt. verdienen, viele jedoch erreichen den angegebenen Satz nicht. Mädchen und auch Frauen, welche an den" Bambrosch" arbeiten, erzielen allerdings einen höheren Verdienst; 25 oder 28 Mt. in 14 Tagen. Aber es kommt andererseits auch vor, daß Mädchen im Alter von 15 bis 16 Jahren nur 6 Mt. in 14 Tagen erhalten! Mädchen, welche in der„ Carderie"( Wollfabrik) arbeiten, verdienen in 14 Tagen gewöhnlich 20 Mt., es kommt höherer, manchmal aber auch geringerer Verdienst vor. Das Alter der Mädchen beträgt meist 20 Jahre und mehr. In der Fabrik Heilmann erhalten die Arbeiterinnen in 14 Tagen 22 Mt., ihr Verdienst gilt als ein guter. In der Baumwollspinnerei dauert die regelmäßige Arbeitszeit von 6 Uhr früh bis 12 Uhr und von 1 bis 6 Uhr; in der Wollspinnerei von 6 bis 12 und von halb 2 bis 6 Uhr. Bei den Näherinnen in der Kleider- und Wäschekonfektion ist die Arbeitszeit sehr verschieden und dauert gewöhnlich 9 bis 10 Stunden, von 8 bis 12 Uhr Vormittags und von halb 2 bis 7 Uhr Nachmittags. Aber diese Zeit wird sehr oft bedeutend überschritten. Die Ueberstunden werden gering berechnet, je nach dem Lohn. Mädchen von 16 bis 17 Jahren verdienen monatlich 16 Mt., andere Näherinnen, die 20 Jahre und darüber alt sind, bringen es wohl bis auf 38 und 40 Mt., doch ist der Verdienst gewöhnlich geringer. Die erste Arbeiterin( Aufseherin") erhält bis 80 Mt. Eine Arbeiterin, die 38 bis 40 Mt. verdienen will, muß schon etwas Tüchtiges leisten können. Durchschnittlich stellt sich der Lohn der Näherinnen pro Stunde auf etwa 12 bis 14 Pf. Von dem Verdienst wird noch das Krankenfassen und Invaliditätsversicherungsgeld abgezogen, so daß der thatsächliche Taglohn 1,20 Mt. beträgt, und zwar unter der Voraussetzung, daß die Arbeiterin geübt und fleißig ist. Von dem geringen Einkommen müssen die Mädchen Kost, Logis und Kleider bezahlen. Leider sind die Näherinnen nicht organisirt, ein Umstand, der zu den schlechten Lohnverhältnissen beiträgt, ebenso zu dem Unfug der Ueberzeitarbeit. In der guten Geschäftszeit wird zum Beispiel die Arbeitszeit oft bis 12 Uhr Nachts und noch darüber ausgedehnt, ja sie dauert bis 3 und 4 Uhr Morgens. Wer noch einen Funken gesunder Empfindung besitzt, dem muß das Herz weh thun, wenn er diese abgerackerten Menschenkinder spät Nachts mit einer Laterne nach Hause wandern sieht, und wenn er daran denkt, daß sie früh Morgens wieder an die anstrengende Arbeit gehen müssen. Die Arbeitgeber, die sich so gern wegen Diesem und Jenem belobigen, rühmen sich der Ueberzeitarbeit nicht. In einem Geschäft der Altkirchergasse dürfen die Näherinnen in der flauen Zeit Morgens eine halbe Stunde später kommen und Abends eine Stunde früher nach Hause gehen, müssen aber dafür in der flotten Zeit Abends oft bis 12 Uhr arbeiten und bekommen nichts für die Ueberzeitarbeit. Eine solche Ausbeutung lassen sich nur diejenigen bieten, welche nicht weiter denken, als sie eben sehen! Die Lage der Kellnerinnen ist in Mülhausen ebenso schlecht wie in anderen Städten. Manche von ihnen arbeiten von 6 Uhr Morgens bis 2 Uhr in der Nacht und bekommen keinen Lohn, sondern sind auf die Trinkgelder angewiesen. Manchmal wird den Kellnerinnen noch obendrein ungenügende und schlechte, ja sogar efelhafte Rost geboten. In gewissen Waarenhäusern sind als Verkäuferinnen junge Mädchen thätig, von denen viele der Prostitution verfallen müssen, dafern sie nicht Hungers sterben wollen, denn ihr Gehalt beträgt etwa 10 Mt. im Monat, und dabei müssen sie noch elegant gekleidet sein. Noch Vieles wäre über geringen Verdienst, lange Arbeitszeit, ungesunde Arbeitsbedingungen und das armselige, von Sorgen verbitterte Leben der proletarischen Frauen und Mädchen in Mülhausen zu sagen, aber ich muß für heute diesen schon langen Bericht schließen. Mülhausen, Dezember 1900. A. L. Die Wäschenäherinnen rühren sich! Ats im Sommer letzten Jahres die Altplätterinnen in eine Lohnbewegung eintraten und in raschem Anlauf bei geschickter Führung eine bedeutende Verbesserung ihrer Lage errangen, konnte Niemand daran zweifeln, daß andere Arbeiterinnenkategorien dem gegebenen Beispiel bald folgen würden. Und thatsächlich haben sich auch die Arbeiterinnen der Berliner Wäschefabrikation die mit den Altplätterinnen als berufsverwandt in einer Organisation zusammengeschlossen sind alsbald geregt. Die Neuplätterinnen haben( siehe ,, Gleichheit" Nr. 24 von 1900) in öffentlichen und Vereinsversammlungen ihre Arbeitsverhältnisse und die Mittel zu ihrer Besserung erörtert, und nun hat der Verein auch die Wäschenäherinnen zum Streben für günstigere Existenzbedingungen aufgerufen. In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung haben die Wäschenäherinnen ihrer Lage. ins Gesicht gesehen. Das vorzügliche Referat, das Frau Tiez hielt, wirkte in seiner Schlichtheit um so mächtiger, da es nur Thatsachen vorführte, welche auf gewissenhaften Berichten beruhen. Das Aussprechen der Wahrheit übt eine befreiende und reinigende Macht auf Die aus, welche aus Scheu oder aus Gewohnheit ihr gerne ausweichen. Es wäre auch überflüssig, dort durch große Worte Eindruck erzielen zu wollen, wo die einfachen Thatsachen mit so ehernem Tone reden, wo das Bild der Wirklichkeit eindringlicher zu Herz und Verstand spricht, als jede geschwollene Phrase es vermöchte. Die Wäschefabrikation hat sich allmälig derart entwickelt, daß sie mit Recht zu den Großindustrien gezählt wird. Die Arbeiterinnen schaffen in großen Fabritsälen, und zwar zumeist in der vom Gesetz festgelegten Zeit von elf Stunden bei verschiedener Eintheilung der Pausen. Schließt sich Abends das Fabrikthor hinter dem letzten der Arbeiter, dann ist Feierabend. Feierabend! Ein schönes Wort, mit dem ganzen Zauber des Friedens umkleidet, den die Arbeitenden nach mühevoller Tagesarbeit mit Recht ersehnen. Müde, ermattet kehren sie nach Hause zurück, zur Ruhe, zum Feierabend. Wie wenig aber kann die Wäschenäherin von einem Feierabend reden! In einem großen Packet trägt sie Arbeit nach Hause, um nach dem kärglichen Abendessen von Neuem mit der Erwerbsarbeit zu beginnen, um der Tagesarbeit das Nachtwerk hinzuzufügen. Meist muß sie bis 11 Uhr nähen, auf zwei bis dreistündiges Schaffen ist die mit nach Hause genommene Arbeit stets berechnet. Die Berufsthätigkeit der Wäschenäherin zeigt eine Verbindung von Fabrik- und Heimarbeit, deren verderbliche Wirkung auf die Gesundheit nicht ausbleiben kann. Aber keine Wäschenäherin wagt, die Zumuthung der Heimarbeit nach Feierabend zurückzuweisen. Sie müßte befürchten, die Arbeit zu verlieren, wenn sie nicht noch Nachtstunden in den Dienst des Fabrikanten stellte. Aber sogar den Fall gesetzt, daß sie ihren Play behielte, wie sollte sie leben ohne die gesteigerte Einnahme? Ist doch in fast allen Fällen die Ergänzung des Verdienstes durch die Heimarbeit die einzige Möglichkeit für die Wäschenäherin, existiren oder richtiger vegetiren zu können. In der ganzen Wäschenäherei ist mit verschwindenden Ausnahmen die Affordarbeit durchgeführt. Die Akkordarbeit aber wird derart entlohnt, daß in den Fabrikstunden der nothwendigste Lebensunterhalt nur in Ausnahmefällen verdient werden kann. Unwillkürlich fragt man sich angesichts dieser Verhältnisse, warum für die Frauen der elfstündige Arbeitstag eingeführt worden ist? Zum Schutz der Arbeiterin oder vielleicht zum Vortheil des Fabrifanten? Damit die Proletarierin ihre Kräfte nicht vorzeitig aufreibt, oder damit der Fabrikant die Ausgaben für Heizung und Beleuchtung während einiger Stunden spart? Die Wäschefabrikanten sind offenbar der letzteren Meinung. Der Fabrikbetrieb wird geschlossen, aber die Arbeit im Dienst der kapitalistischen Ausbeutung geht munter Bet und arbeit'! Bet' und arbeit'! ruft die Welt, Bete kurz! denn Zeit ist Geld. An die Thüre pocht die Noth Bete kurz! denn Zeit ist Brot. Und du ackerst und du säst, Und du nietest und du nähst, Und du hämmerst und du spinnst Sag, o Volk, was du gewinnst! Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht, Schürfst im Erz- und Kohlenschacht, Füllst des Ueberflusses Horn, Füllst es hoch mit Wein und Korn. Doch wo ist dein Mahl bereit? Doch wo ist dein Feierkleid? Doch wo ist dein warmer Herd? Doch wo ist dein scharfes Schwert? Alles ist dein Werk! o sprich, Alles, aber Nichts für dich! Und von Allem nur allein, Die du schmiedst, die Kette, dein? Kette, die den Leib umstrickt, Die dem Geist die Flügel knickt, Die am Fuß des Kindes schon 4fort. Allerdings im ärmlichen Heim der Arbeiterin, auf ihrer Maschine, beim Schein ihrer Lampe, erwärmt durch ihre Kohlen. Die Heimarbeit nach Feierabend verlängert den Arbeitstag der Wäschenäherin auf die 14 bis 15 Stunden, welche das profitwüthige Kapital beansprucht, um der Arbeiterin so viel Bettelgroschen zu zahlen, daß sie eine armselige Existenz zu fristen vermag. In Folgendem einige Angaben über den Verdienst der Wäschenäherinnen! Bei gut zahlenden Firmen wie Lang& Schmitz oder mehr noch bei Rapphun( für Jordan) erhält die Vorrichterin für das Dutzend Kragen 50 bis 70 Pf., Oberhemden 2,50 bis 6 Mt. Es sei bemerkt, daß alle Wäscheartikel, Kragen, Manschetten, Oberhemden u. s. w. nach dem Dutzend berechnet und bezahlt werden. In anderen Fabriken erhält die Vorrichterin für Kragen nur 38 bis 60 oder 35 bis 50 Pf., ja die Entlohnung sinft noch weit tiefer. Jedes Wäschestück geht weiter durch die Hand der Stepperin oder Singernäherin und die der Knopflocharbeiterin. Für jede Kategorie der Arbeiterinnen stehen andere Tarife in Kraft, so daß es äußerst schwierig ist, einen flaren Ueberblick über die einschlägigen Lohnverhältnisse zu erlangen. Die Durchschnittsziffern für den Wochenverdienst, die ungefähr als Regel gelten können, beruhen auf zahlreichen Umfragen bei ganz zuverlässigen Gewährsmännern und Arbeiterinnen. Bei Kapphun beträgt der Wochenlohn allerdings nach Abzug der Unkosten für die Kragennäherin 13 bis 15 Mt., selbstverständlich unter der Voraussetzung fleißigster Heimarbeit. Aber die nämliche Höhe des Verdienstes wird in den meisten anderen Wäschefabriken durchaus nicht erreicht. Der wöchentliche Durchschnittslohn darf denn auch nicht höher als 9 bis 13 Mt. geschätzt werden. Die erwähnten ,, Unkosten" spielen eine nicht unbedeutende Rolle im Budget der Wäschenäherin. Sie erwachsen durch die Ausgaben für Garn und Nadeln, Del und Seife( für Maschine und Stoff), Ausgaben, die sie aus ihrer Tasche zahlen muß. Bei einer flinken Arbeiterin betragen die Unkosten bis 2,50 Mt. wöchentlich und bedeuten einen ganz empfindlichen Abzug von einem Lohne, der ohnehin kaum zum Leben ausreicht. Daß es einzelne Arbeiterinnen beim Nähen von Serviteurs ( pro Dutzend 1 bis 2,25 Mt.), bei großer Geschicklichkeit zu einem Wochenverdienst von über 20, ja bis 24 Mt. bringen, sei mehr als Merkwürdigkeit erwähnt; ausschlaggebend für die Beurtheilung der Verhältnisse und für den Durchschnittsverdienst ist es nicht. Ausschlaggebend find leider weit mehr diejenigen Löhne, welche noch unter 9 Mt. pro Woche heruntergehen. Die Knopfloch handarbeiterin verdient z. B. 7 bis 8 Mt., die Verrieglerin gar nur 4 bis 7 Mt. Zu den bestgestellten Wäschenäherinnen gehören die Arbeiterinnen an der Knopflochmaschine. Sie verdienen nach Abzug der Unkosten 15,50 Mt. wöchentlich und haben keine Heimarbeit. Aber auch das Einkommen dieser Arbeiterinnen muß als eine Ausnahme gelten. Im Allgemeinen sind die Wäschenäherinnen gegenwärtig so schlecht entlohnt, daß sie ohne Heimarbeit nicht auszukommen vermögen. Aber freilich wirkt gerade die Erhöhung des Einkommens durch die HeimWas ihr hebt ans Sonnenlicht, Schätze sind es für den Wicht; Was ihr webt, es ist der Fluch ins bunte Tuch. Für euch selbst Was ihr baut, kein schützend Dach Hat's für euch und kein Gemach; Was ihr kleidet und beschuht, Tritt auf euch voll Uebermuth. Menschenbienen, die Natur Gab sie euch den Honig nur? Seht die Drohnen um euch her! Habt ihr keinen Stachel mehr? Volk der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Deiner Dränger Schaar erblaßt, Wenn du, müde deiner Last, In die Ecke lehnst den Pflug, Wenn du rufft: es ist genug! Brecht das Doppeljoch entzwei! Brecht die Noth der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Noth! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot! 8. Herwegh. Klirrt o Volk, das ist dein Lohn. - 5 arbeit auf eine Senkung beziehungsweise Niedrighaltung der Entlohnung in der Fabrik hin. Auch die Wäschenäherin will leben, und sie würde ihre Arbeitskraft für die Fabrikarbeit nicht so billig verkaufen, wenn es ihr nicht möglich wäre, ihr Einkommen durch die Heimarbeit nach Feierabend noch ein Weniges zu steigern. Die Heimarbeit giebt den Fabrikanten ein Mittel an die Hand, den Forde rungen nach höherer Entlohnung gleichsam vorzubeugen. Sie täuscht die Wäschenäherinnen über die Niedrigkeit ihrer Entlohnung hinweg und veranlaßt sie, einen höheren Verdienst lediglich durch die schrankenloseste Ausbeutung ihrer Arbeitskraft zu erzielen, statt auf Kosten des reichlichen Profits der Fabrikanten. Dazu kommt, daß die Heimarbeit in verhängnißvoller Weise die schädlichen Einflüsse verschärft, die ohnehin schon die Gesundheit der Näherin untergraben. Das Treten der Maschine führt zu Unterleibsleiden, das stete scharfe Blicken nach dem grellweißen Stoffe greift die Augen an, der Staub der Appretur und der Fäden schädigt die Lunge. In der Frische der Jugend wird sich die Arbeiterin dieser verderblichen Einflüsse faum bewußt; erst wenn sie heirathet, wenn Kinder kommen, und die Mutter der ganzen Kraft für die Ihrigen bedarf, während doch die Berufsarbeit weitergeht, erst dann wird sie mit Schrecken der Einbuße gewahr, die sie an ihrer Gesundheit erlitten hat. Die mancherlei Mißstände, die sehr häufig in großen Fabriken betreffs der Waschräume, Aborte, betreffs Ventilation, Heizung 2c. anzutreffen sind, beweisen, wie unzulänglich die Fabrikinspektion organisirt ist. Bei öfterer oder auch nur bei einer gründlichen Revision könnten sie nicht fortbestehen. Wenn für einen Nähsaal, in dem 150 Personen beschäftigt sind, nur zwei Aborte zur Verfügung stehen, so muß das zu Unzuträglichkeiten führen. Wenn vollends in einer anderen Fabrik die beiden Aborte nicht getrennt sind, so kann das als Verstoß gegen Sitte und Anstand nicht scharf genug verurtheilt werden. Ebenso fordert der Mangel an Ankleideräumen, an Kleiderhaken die Kritik heraus. In der Versammlung tamen geradezu erstaunliche Einzelheiten zu Tage, die beleuchten, daß die Achtung des Unternehmers vor dem Gesetz der Rücksicht auf den Profit weicht. So wurde z. B. mitgetheilt, daß sehr oft die Wäschenäherinnen Sonnabends nicht 52 Uhr Feierabend erhalten, wie es das Gesetz vorschreibt. Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe werden dadurch illusorisch gemacht, daß die Arbeiterinnen oft Arbeit über Sonntag mit nach Hause nehmen müssen, um den Tag des Herrn" zum Tag des Brotherrn zu machen und zu seinem Nutz und Frommen durch Maschinennähen zu heiligen. Bemerkt sei auch, daß die Wäschenäherinnen oft unter schlechter Behandlung seitens mancher Direttricen, unter willkürlich auferlegten Strafgeldern 2c. leiden. Wenn man die Klagen hört, die von unparteiischer Seite bestätigt oder noch verstärkt werden, dann staunt man über die Menge von Ungeseßlichkeiten, die täglich und stündlich von Neuem gegen die Arbeiterinnen begangen werden. Mit Freude nahmen die Näherinnen in der Versammlung das Flugblatt entgegen, das sie darauf verweist, ihre Klagen den weiblichen Vertrauenspersonen der Gewerkschaften mitzutheilen, welche die Beschwerden unter Verschweigung des Namens der Klägerin der Gewerbeaufsicht übermitteln. Natürlich müssen die Beschwerden streng den Thatsachen entsprechen. Zum Schlusse sei noch eines der schlimmsten Kniffe gedacht, mittelst dessen findige Chefs die Wäschenäherinnen zu der äußersten Kraftanstrengung anspornen des Prämiensystems. Die Arbeiterin, die einen Wochenlohn von 20 Mt. erzielt, erhält für jede Mark 5 Pf. Prämie: bei einem wöchentlichen Verdienst von 25 Mt. steigt die Prämie. Eine sehr gute Arbeiterin theilte mit, daß sie einmal versucht habe, die Prämie zu erringen, sie that es nie wieder. Als eine der Aufgeklärten ihres Standes empfand sie, daß ihr die rastlose Hezze bei der Arbeit viel mehr schade, als der erhöhte Verdienst ihr nüßen konnte. Aber die aufgeklärten Wäschenäherinnen sind selten. Und so lassen sich die Aermsten in turzsichtiger Verblendung dazu herbei, einen scheinbaren Vortheil durch unheilbare Schädigung ihrer Gesundheit zu erkaufen, eine Steigerung ihres Verdienstes durch niedrigere Entlohnung ihrer Arbeitskraft. Dieses System des Nebeneinander von Fabrik- und Heimarbeit muß mit allem Nachbruck als das gekennzeichnet werden, was es in Wahrheit ist: eine Bestechung der Armen in ihrer Nothlage zur Schädigung ihrer selbst, ein Raub an dem Einzigen, was sie besitzen: ihrer Gesundheit. Daß viele Berliner Wäschefabrikanten auswärts zu Spottpreisen arbeiten lassen, verschlechtert die Lage der hiesigen Wäschenäherinnen beträchtlich. In Sachsen, in Schlesien, im Zuchthaus sucht sich das Unternehmerthum der Branche billige Hände". In Sachsen wird für das Dutzend Kragen 15 bis 20 Pf. gezahlt, in Jauer 8 Pf., niedriger kann wohl auch die Zuchthausarbeit nicht entlohnt werden. Verständlich aber ist es nach alledem, daß bei einer offiziellen Lohnaufstellung für 39 Berufe im Jahre 1897 die Wäschenäherin mit 486 Mt. an einundzwanzigster, die Knopflochhandarbeiterin mit 354. an achtunddreißigster Stelle aufgezählt ist. Nur noch die Arbeiterin an Strickmaschinen und Rundstühlen mit 338 Mt. übertrumpft die Niedrigkeit ihres Lohnes. Daß ein Durchschnittseinkommen von 486 Mt. die Möglichkeit bietet, anständig und menschenwürdig zu leben, wird Niemand zu behaupten wagen. Die Nothwendigkeit einer Besserung der Verhält= nisse der Wäschenäherinnen drängt sich überzeugend auf. Allerdings wird es schwer genug halten, diese so hart ausgebeutete Arbeiterinnenkategorie zum Ringen um ein kulturwürdiges Dasein zu vermögen. Sind doch die Wäschenäherinnen so gedrückt, daß sie die Möglichkeit einer Hebung ihrer jammervollen Lage durch verstärkten gesetzlichen Schutz und die Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Organisation faum zu hoffen wagen. Da gilt es denn, den aufglimmenden Funken der Erkenntniß, der Hoffnung, des Wollens sorgsam zu hegen und allmälig zur hellen Flamme anzublasen. Ganz besonders muß es sich darum handeln, auch diesen Mühseligen und Beladenen wiederum und wiederum die Segnungen der Gewerkschaft zu predigen. Wer möchte die Aermsten hart tadeln, wenn sie bei ihrem elenden Verdienst davor zurückschrecken, Mitgliedsbeiträge zu entrichten? Wem wäre es unverständlich, daß sie sich bei der langen Frohn im Fabrikbetrieb und daheim im ärmlichen Stübchen nur schwer dazu aufraffen, Versammlungen zu besuchen, am Gewerkschaftsleben theilzunehmen. Und doch fordert gerade ihr Interesse, all diesen ungünstigen Verhältnissen zum Troß für die Gewerkschaft zu steuern und zu wirken. Die Gewerkschaft giebt die Macht, an verbesserten Arbeitsbedingungen zu erringen, was die einzelne Wäschenäherin nicht zu erreichen vermag. Sie sorgt auch dafür, daß den Arbeiterinnen der gesetzlich gewährte Schutz thatsächlich zu Theil, und daß er erweitert wird. Möchten die Wäschenäherinnen aus der Versammlung nicht blos das Gefühl der Erleichterung und Befriedigung heimgebracht haben, welches ein Aussprechen des drückenden Elends gewährt. Möchte vor Allem in ihnen die Erfenntniß lebendig und willensstark geworden sein: Vorwärts zu besseren Arbeits- und Lebensbedingungen, hinein in die Organisation. A. N. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In Berlin und seinen Vororten haben die Genossinnen in den letzten zwei Monaten eine sehr rührige Thätigkeit entfaltet. In Charlottenburg, Weißensee und Schöne= berg referirte Genossin Duncker- Leipzig in sehr gut besuchten Volksversammlungen über das Thema:„ Der Kohlenwucher, die Arbeiterfrauen und die Sozialdemokratie". Ihren Ausfüh rungen, die sich auf ein reiches Thatsachenmaterial stüßten, wurde lebhafter Beifall zu Theil. Die Versammlungen nahmen einstimmig eine Resolution an, welche sich für die Reformen aussprach, mittels deren die Sozialdemokratie die Kohlennoth bekämpfen will. In. Berlin sprach Genossin Duncker in zwei Volksversammlungen( im Elysium, Landsberger Allee, und in den Arminiushallen, Moabit) über„ Das Verbot der industriellen Frauenarbeit ein Aus= nahmegesetz gegen die Arbeiterinnen". In vorzüglichen, sachfundigen Darlegungen entwickelte die Rednerin die Gründe, welche gegen das Verbot der industriellen Frauenarbeit sprechen. Sie stellte dem einschlägigen reaktionären Verlangen die Forderung entgegen: wirksamer gesetzlicher Schutz der Arbeiterinnen. Einstimmig gelangte in beiden Versammlungen die bekannte Resolution der Genosfinnen, den Arbeiterinnenschutz betreffend, zur Annahme. Die Bedeutung der Konsumvereine erörterte Genossin Steinbach- Hamburg in zwei zahlreich besuchten Versammlungen zu Berlin( Rellers Festsäle, Osten und Südosten, Waldemarstraße), sowie in einer ebenfalls gut besuchten Volksversammlung zu Ober- Schönweide. Die an= schaulichen, wirksamen Ausführungen fanden reichen Beifall und haben der Genossenschaftsbewegung neue Anhänger und Anhängerinnen gewonnen. In einer öffentlichen Versammlung der Plätte= rinnen von Charlottenburg hielt Genossin Vogel einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über„ Die Entwicklung der Frau". Ueber die Brotwucherpolitik der Agrarier sprach Genossin Altmann in einer gut besuchten öffentlichen Versammlung zu Wilhelmsdorf. Die Referentin wurde zusammen mit zwei Genossen als Delegirte zur Kreiskonferenz gewählt. Genossin Weyl hielt in einer öffentlichen Gewerkschaftsversammlung ein Referat über das Thema:„ Die Kinder des Proletariats". In einer öffentlichen Parteiversammlung zu Johannisthal behandelte Genossin Mesch die Frage:" Hat die Frau die Pflicht, am proletarischen Klassenkampf theilzunehmen?" Genosse Zubeil referirte in einer öffentlichen Frauenversammlung zu Köpenick, die das Lokal bis auf den letzten Platz füllte, über„ Die Wohnungs- und Kohlennoth". Das Thema:„Warum sollen sich die Frauen im öffentlichen Leben bethatigen?« erörterte Genossin Zepler in einer öffentlichen Frauenversammlung in Schöneberg. Genossinnen nahmen außerdem in vielen Gewerkschaftsversammlungen an den Diskussionen, sowie an praktischen Arbeiten regen Antheil. So z. B. die Genossinnen Reimann, Haberstroh, Ihrer, Buckow und noch Andere. Auf Anregung der Genossinnen sind vom„Verein der Wäsche- und Kravattenbranche" die ersten Schritte in die Wege geleitet worden, um einen paritätischen Arbeitsnachweis für die Altwäscherinnen und Altplätterinnen zu gründen. Nach den verschiedenen Richtungen hin haben die Berliner Genossinnen in der letzten Zeit eine erhebliche Summe nützlicher und erfolgreicher Arbeit geleistet. In Uekendorf-Wattenscheidt bei Essen referirte Genossin Gotthusen-Düsseldorf am LS. November vor einer Versammlung, die namentlich von Seiten der Frauen gut besucht war. Von gegnerischer Seite hatte man offenbar gehofft, dem Versammlungsbesuch dadurch Abbruch zu thun. daß der Wirth wieder, wie schon früher bei der gleichen Gelegenheit, Schankverbot erhalten hatte. Diese Erwartung traf jedoch keineswegs zu. Die Versammlung nahm einen sehr erfolgreichen Verlauf. Die anwesenden Frauen waren offensichtlich von der Ueberzeugung durchdrungen, daß sie Aufklärung über all die Verhältnisse erlangen müssen, welche die Arbeiterklasse und das weibliche Geschlecht bedrücken, und daß es ihre Pflicht ist, für ihre Befreiung aus den Banden der Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen. Die Versammlung wählte Genossin Heusner-Hönnigs- feld, Bezirk Gelsenkirchen, als Vertrauensperson und nahm einstimmig die folgende Resolution an:„In Erwägung, daß die Frauen immer mehr und mehr auf den Arbeitsmarkt getrieben werden, weil ihre Männer nicht genug verdienen, um die Familie anständig ernähren zu können, erachten es die anwesenden Frauen für nothwendig. dafür zu agitiren, daß die Arbeiterinnen den Gewerkschaslsorganisalionen beitreten, damit sie mit ihren Arbeitskollegen zusammen gegen die kapitalistische Ausbeutung kämpfen können. Sie erachten es ferner als die Pflicht der Frauen, daß sie sich in allen politischen Tagesfragen zu informiren und sich Aufklärung über die Ziele der Arbeiterpartei zu verschaffen suchen, als der einzigen Partei, welche die Befreiung beider Geschlechter anstrebt und gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen kämpft." L.(Z. In Porta-Westphalica, Minden und Nienburg sprach Genossin Vogel-Charlottenburg Ansang Dezember in öffentlichen von den organisirten Glasarbeitern einberufenen Versammlungen. Da in der Glasindustrie der genannten Orte Frauenarbeit wenig oder gar nicht in Betracht kommt und die Glasarbeiter sehr gut organisirt sind, so verfolgte die Agitation in der Hauptsache einen anderen Zweck als den, dem Verband neue Mitglieder zuzuführen. Sie sollte die Frauen der organisirten Arbeiter wachrütteln, aufklären und sie von der Nothwendigkeit und dem Segen des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes überzeugen, damit sie diesen Kampf verständnißvoll und opferfreudig fördern, statt daß sie ihn durch Schelten auf den Verband die Versammlungen, Beiträge, das Zeitungslesen zc. hindern. Die drei Versammlungen waren sehr gut besucht, ja überfüllt. Die Frauen waren sehr zahlreich unter den Anwesenden vertreten, in Nienburg machten sie die große Hälfte des Publikums aus, das trotz des sehr schlechten Wetters den geräumigen Saal bis auf den letzten Platz füllte. In Porta-Westphalica hatten viele Leute einen stundenlangen Weg zurückgelegt, um der Versammlung beiwohnen zu können. In Porta-Westphalica wie in Minden beantwortete die Referentin die Frage:„Warum müssen sich die Arbeiter und Arbeiterinnen organisiren?", in Nienburg behandelte sie das Thema:„Arbeiter lernt von Euren Feinden." Ihre Ausführungen wurden überall mit Zustimmung und lebhaftem Beifall aufgenommen. Die Frauen legten insbesondere ein sehr großes Interesse für die Darlegungen an den Tag, die sich auf die indirekten Steuern, Getreidezölle zc. und ihren Einfluß auf die Lage der Arbeiterfamilie bezogen. Wenn das Werk der Aufklärung unter ihnen fortgesetzt und vor Allem auch daheim durch den Mann gefördert wird, werden sie in nicht zu langer Zeit als überzeugte Mitkämpferinnen in unseren Reihen stehen. Die Versammlungen forderten in einer einstimmig angenommenen Resolution das gesetzliche Verbot der Sonntagsarbeit in der Glasindustrie und versprachen den kämpfenden Glasarbeitern von Schauenstein fernere Unterstützung. Dem Verband traten mehrere neue Mitglieder bei. Wir hoffen, daß der ausgestreute Samen der Aufklärung kräftig in die Halme schießt und gute Früchte trägt. gl. In den Hamburger Vororten Eimsbüttel und Rothenburgsort referirte Anfang Dezember 1900 Genossin Steinbach- Hamburg in gut besuchten Frauenversammlungen über das Thema: „Die Frau nicht Haussklav in, sondern Kampfesgenossin." Reicher Beifall bezeugte die Uebereinstimmung der Anwesenden mit den trefflichen Ausführungen der Rednerin. In Eimsbüttel gewann der sozialdemokratische Verein durch die Versammlung L0 neue weibliche Mitglieder, in Rothenburgsort S7. In der ersteren Versammlung fand eine interessante Diskussion statt. In Rothenburgsort schloß die Vorsitzende, Genossin Zieh, die Versammlung mit der Ausforderung, in der gleichen energischen Weise weiter zu agitiren, damit die Frauenbewegung in Hamburg bis zur nächsten Frauenkonferenz einen gehörigen Fortschritt aufweisen könne. I-. In Varel in Oldenburg, Stadt Oldenburg und Delmenhorst sprach Genossin Zietz-Hamburg Anfangs Dezember des verflossenen Jahres. In den beiden erstgenannten Orten fanden Gewerkschaftsversammlungen statt, die überfüllt waren. Nicht nur aus Varel und Oldenburg selbst, sondern auch stundenweit aus der Umgebung waren Besucher herbeigeströmt; auch viel bürgerliches Publikum war anwesend. Die Versammelten folgten den Ausführungen der Referentin mit gespannter Aufmerksamkeit. Die Zustimmung zu den entwickelten Gedanken gelangte nicht nur in reichem Beifall zum Ausdruck, sondern auch dadurch, daß die Gewerkschaften neue Mitglieder gewannen. Lebhafte Zustimmung fand in Delmenhorst das Referat über„Weltpolitik und Chinawirren". Einstimmig nahmen die Versammelten eine Resolution an, welche sich scharf gegen die Politik der gepanzerten Faust im In- und Auslande aussprach. I-. Im Auftrage des„Zentralagitationskomiles für Sachsen" hielt Genossin Kähler-Hamburg vom LS. November bis 9. Dezember letzten Jahres in Sachsen eine stattliche Reihe von öffentlichen Versammlungen zu Gunsten des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes ab.„Die Frau in der Industrie und der Arbeiterinnenschutz", so lautete das Thema, das die Referentin unter lebhaftem Beifall der Versammlungsbesucher behandelte. Es fanden Versammlungen statt in Dresden-Neustadt, Dresden-Altstadt, Pieschen, Pirna, Bautzen, Lübau, Klein-Zschachwitz, Mügeln, Meißen, Potschappel und Grödel. Die Versammlungen waren fast sämmtlich gut und sogar sehr gut besucht, nur in Pirna, Meißen und Potschappel ließ der Besuch zu wünschen übrig. Es ist dies zumal mit Rücksicht auf die große Zahl von Arbeiterinnen bedauerlich, welche in diesen Orten beschäftigt sind. So schaffen z. B. in der Jutespinnerei und-Weberei Meißens allein circa 1000 Arbeiterinnen. Fast in allen Versammlungen wurden der politischen Organisation neue, und zwar besonders weibliche Mitglieder gewonnen. So traten z. B. dem sozialdemokratischen Verein bei: in Dresden-Neustadt LS Personen, in Dresden-Altstadt 33, in Bautzen 18, in Pirna S zc. In Bautzen, wo den Genossen leider nur ein kleines Lokal zur Verfügung steht, hatte die sehr gut besuchte Versammlung auch noch ein anderes Ergebniß. Der Vorsitzende des Gewerkschastskartells wurde mit den Vorarbeiten zur Gründung einer Zahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes beauftragt. Besonders große Begeisterung für die Ziele und Bestrebungen der Sozialdemokratie äußerte sich in den Versammlungen zu Mügeln und Klein- Zschachwitz, in welch letzterem Orte Genosse Liebknecht seine letzte Rede gehalten hat. Am meisten besucht und am interessantesten war die Versammlung in Grödel. Männer und Frauen hatten stundenweite Wege nicht gescheut, um ihr beiwohnen zu können. Die Behörden hatten einen schneidigen Assessor und zwei Gendarmen zur Ueberwachung geschickt. Mehrere Male mußte die Referentin ihren Vortrag unterbrechen, weil dem Herrn Assessor im Saale nicht alles in Ordnung schien. Es konnten sich vielleicht unter das dichtgedrängte Publikum Minderjährige eingeschmuggelt haben, und diese dürfen ja nach sächsischem„Recht" Versammlungen nicht beiwohnen. Trotz der vom amtlichen Pflichteifer verursachten Störungen folgten die Anwesenden den anderthalbstündigen Ausführungen der Genossin Kähler mit gespanntester Aufmerksamkeit. In der Diskussion wurde zwei Genossen das Wort entzogen, weil sie angeblich nicht zur Tagesordnung sprachen. Der eine Genosse schilderte, wie traurig seine Jugend gewesen, und wie er durch die Behandlung seitens der Arbeitgeber zum Nachdenken gekommen sei. Der andere bedrohte die Ordnung in Sachsen dadurch, daß er die Frauen aufforderte, den „Volksfreund" zu lesen. In ihrem Schlußwort beschäftigte sich die Referentin mit der Presse und ihrer Bedeutung für die Aufklärung und Interessenvertretung der Frauen. Der Herr Assessor rückte zwar unruhig auf seinem Stuhle hin und her, doch konnte Genossin Kähler unter jubelndem Beifall ihre Ausführungen beenden, ohne wegen Verletzung des sächsischen„Rechts" mit dem Maulkorb beglückt zu werden. In allen Versammlungen begründete die Referentin in klaren, leicht verständlichen Worten durch einen Ueber- blick über die geschichtliche Entwicklung und durch reiches Thatsachen- material, wie nothwendig es sei, daß die Arbeiterin einen wirksamen gesetzlichen Schutz erlange. Sie erläuterte Punkt für Punkt die For- derungen, welche die Resolution der Genossinnen aufstellt. Die Resolution wurde überall einstimmig angenommen. Als weitere Ergebnisse der stattgefundenen Agitation sind hervorzuheben, daß die Parteiorganisation gegen 200 neue Mitglieder und Sächsische Arbeiterzeitung"," Volfsfreund" und" Gleichheit" neue Abonnenten gewonnen haben. Zum Schlusse sei dem Wunsche Ausbruck gegeben, daß bei späteren Agitationstouren in den einzelnen Orten noch besser vorgearbeitet wird, damit auch in dieser Beziehung gelte: Das Bessere ist des Guten Feind!" W. K. Die liebe Polizei im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Wie die Agitation unter dem weiblichen Proletariat erschwert wird, mag folgender Bericht zeigen. Anfangs November war für Uekendorf- Wattenscheidt bei Essen eine öffentliche Versammlung für Frauen und Männer vorgesehen. Genossin GotthusenDüsseldorf sollte über„ Die Rechtlosigkeit der Frau im heutigen Staatsleben" sprechen, Genosse Langhorst Essen über„ Die Ausweisung der Frauen von unserer letzten Festlichkeit". Der zweite Punkt der Tagesordnung wurde dadurch veranlaßt, daß die Behörden den Frauen die Betheiligung an den Festlichkeiten des„ Bergarbeiterverbandes" untersagen. Selbstredend unter der schönen, alten Begründung, daß der Verband ein„ politischer Verein" sei, und daß seine Festlichkeiten als Vereinssizungen betrachtet werden müßten, denen Frauen nicht beiwohnen dürfen. Aber die pflichteifrigen Behörden wachen nicht nur darüber, daß die Frauen auf Arbeiterfesten nicht politische Walzer tanzen, politisches Bier trinken und politischen Tabakrauch einathmen. Sie sorgen auch dafür, daß die Frauen nicht mit der Erörterung der Frage beschwert werden sollen, ob sie zu Recht oder Unrecht von den Festlichkeiten ausgewiesen werden. Den Frauen wurde nämlich der Zutritt zu der geplanten Versammlung in Uefendorf- Wattenscheidt behördlicherseits verboten, und zwar wegen des zweiten Punktes, der behandelt werden sollte. Des Weiteren untersagten die Behörden dem Wirth des Lokals, wo die Versammlung stattfand, für die Zeit von Nachmittags 3 Uhr bis Abends 11 Uhr den Ausschant geistiger Getränke. Der Mann wußte sich und den Versammlungsbesuchern zu helfen; er tochte ein tüchtiges Stück Ochsenfleisch und servirte Bouillon. Die Frauen, welche sich zur Versammlung eingefunden hatten, aber von ihr ausgeschlossen bleiben mußten, fanden in einem großen Wirthszimmer Unterkunft, wo sie sich unter Ueberwachung von zwei Behelmten ebenfalls an nicht- geistigen Getränken erquicken konnten. Besonderer Aufmerkſamkeit erfreute sich die Referentin. Als sie vor die Thür trat, um frische Luft zu schöpfen, und einige Frauen sich um sie sammelten, waren die wachsamen„ Augen des Gesetzes" sofort zur Stelle. She die ,, beschützten" Frauen sich zerstreuten, hatte Genossin Gotthusen ihnen noch sagen können, daß betreffs der Versammlung gelte: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Versammlung hat denn auch, wie wir an anderer Stelle berichten, Ende November stattgefunden. Der glänzende Verlauf, den sie genommen, hat bewiesen, daß amtseifrige Kniffe die Agitation unter den proletarischen Frauen zwar zu erschweren, aber nicht zu verhindern vermögen. B. G. Notizentheil. ( Von Tily Braun und Klara Betkin.) Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Frauen als Maurerhandlanger. Zu den Beschäftigungsarten, die wir aus Rücksicht auf den schädlichen Einfluß auf den weiblichen Organismus und die Sittlichkeit für Frauen verboten wünschen, gehört unzweifelhaft das Maurerhandwerk, die Beschäftigung als Maurerhandlanger. Nach einer Statistit, aufgenommen vom„ Zentralverband der Maurer Deutschlands", sind in Deutschland 2963 weibliche Maurerhandlanger beschäftigt. Davon 1204 in 43 Orten Sachsens und 1689 in 23 Orten Bayerns. In der Stadt München allein arbeiten 1224 weibliche Maurerhandlanger. Diesen Zahlen gegenüber ist zu beachten, daß die aufgenom mene Statistik auf Vollständigkeit durchaus keinen Anspruch machen fann. Denn der Verband" besitzt noch nicht in allen Orten Anfnüpfungspunkte, und dort, wo solche vorhanden sind, wurden die Bogen nicht immer vollständig oder überhaupt ausgefüllt. Der Bericht giebt 81 Orte an, von wo die Beantwortung der Fragen mangelhaft oder gar nicht einlief. In Wirklichkeit dürfte also die Zahl der beschäftigten weiblichen Handlanger bedeutend größer sein, als nach der Statistik scheint. Daß die weiblichen Handlanger in unserer " 7fapitalistischen Gesellschaft als Lohndrücker ausgespielt werden, versteht sich am Rande. L. Z. Frauen als Arbeiter in der Münze. Seit Januar des letzten Jahres werden in der Hamburger Münze Frauen beschäftigt. Frauenarbeit ist ja billiger als Männerarbeit. Bei zehnstündiger Arbeitszeit erhielten die Arbeiterinnen zunächst einen Lohn von 2,50 Mt. pro Tag. Um die Maschinen besser auszunüßen, wurde später Schichtarbeit eingeführt, und zwei Schichten von Arbeiterinnen wurden eingestellt. Die eine schaffte von Morgens 5 Uhr bis Mittags 1 Uhr, die andere von Mittags 1 Uhr bis Abends 82 Uhr. In der Folge wurde den Arbeiterinnen der Lohn auf 2 Mt. gekürzt und sie mußten sich schriftlich damit einverstanden erklären. Zur Zeit arbeiten in der Hamburger Münze 21 Frauen, wovon 16 zu einem Tagelohn von 2 Mt. Staatsbetriebe sind aber trotz Allem Musterbetriebe. Wer's nicht glaubt, zahlt dem Reichsamt des Innern einen Thaler. L. Z. Frauenarbeit in der Mainzer Industrie. Die Rücksicht auf die niedrige Entlohnung der weiblichen Arbeitskraft, d. h. auf den fetteren tapitalistischen Profit, veranlaßt, daß auch in Mainz wie anderwärts immer mehr Frauen und Mädchen in der Industrie zur Verwendung gelangen. In den Schuhfabriken sind gegen 150 Arbeiterinnen beschäftigt. Die Stepperinnen erhielten früher 15 Mt. Wochenlohn, in Folge der mehr und mehr eingeführten Theilarbeit sant der Verdienst jedoch auf 8 bis 9 Mt., und nur ganz geübte Arbeiterinnen erzielen eine höhere Wocheneinnahme. Mit Vorliebe werden ganz junge Arbeiterinnen neu eingestellt, deren Wochenverdienst 4 bis 5 Mt. beträgt! Etwa 50 Frauen und Mädchen arbeiten in Lederfabriken. Die Arbeiterinnen der Lederfabriken haben im September vorigen Jahres mit ihren Kollegen zusammen tapfer in einem Streit für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. In der Bandagefabrikation werden mehr Arbeiterinnen als Arbeiter beschäf= tigt. In dem größten Betrieb der Branche sind circa 75 weibliche und nur 25 männliche Arbeitskräfte thätig. Die Kleinmeister schaffen in der Regel mit 1 bis 2 Arbeiterinnen. Die Goldwaaren- und Bijouteriebranche weist nur einen Großbetrieb auf, in dem 30 Mädchen arbeiten, die ein Drittel aller beschäftigten Arbeitskräfte ausmachen. Neben 200 Buchdruckereihilfsarbeiterinnen sind nur noch 20 Hilfsarbeiter beschäftigt. In den Buchbindereien schaffen circa 100 weibliche und 50 männliche Arbeiter. Unter den 8 Neuwäschereien, die es in Mainz giebt, befindet sich nur ein Großbetrieb, der 120 Arbeiterinnen verwendet. In den Kleinbetrieben wird mit 1 bis 2 Hilfskräften geschafft. Bei der Wachskerzenfabrikation sind 60 Mädchen thätig. Die Posamentirbranche verwendet 40 Arbeiterinnen, in den Korkfabriken schaffen gegen 50 Mädchen. Eine größere Zahl von Arbeiterinnen, nämlich 200, finden in der Zuckerindustrie Verwendung. Die meisten Frauen und Mädchen werden jedoch in den Militär- Konservenfabriken beschäftigt. Ihre Zahl schwankt mit der Saison, sie ist am größten in der Zeit, wo die Gemüse verarbeitet werden müssen. In den Militär- Konservenfabriken herrscht offensichtlich die Tendenz, die männlichen durch weibliche Arbeiter zu verdrängen. Das Verlöthen der Blechbüchsen ist Frauenarbeit geworden. Während früher mindestens 50 Klempner mit dieser Arbeit beschäftigt waren, sind heute nur noch 2 Klempner thätig, welche die Arbeit der verlöthenden Mädchen überwachen und leiten. Ebenso sind auch die Metzgergesellen durch weibliche Hilfskräfte ersetzt worden. Nur das Schlachten des Viehes geschieht durch Männer, alle Nebenund Folgearbeiten werden von Arbeiterinnen verrichtet. Auch in anderen, als den angeführten Gewerben, werden zahlreiche Arbeiterinnen verwendet. So z. B. in der Tabak- und Zigarrenindustrie. Keine einzige der vorstehenden Arbeiterinnenkategorien erhält einen Lohn, welcher den Leistungen entspricht. Besonders niedrig ist der Verdienst der Frauen und Mädchen in dem Staatsbetrieb. Er beträgt hier nur die Hälfte, ja nur ein Drittel dessen, was die Männer erhielten, welche die nämlichen Arbeiten verrichteten. Der Umstand zeigt deutlich, welcher Beweggrund auf Seiten des Unternehmerthums für die steigende Verwendung weiblicher Arbeitskräfte maßgebend ist. Leider ist nur eine ganz unerhebliche Zahl von den Arbeiterinnen der angeführten Berufe gewerkschaftlich organisirt. Das Gleiche gilt von den Frauen und Mädchen, welche in verschiedenen Industriezweigen als Heimarbeiterinnen thätig sind. Die Gewerkschaften und die Genossinnen müssen mit aller Energie dafür wirken, daß die vielen Hunderte weiblicher Arbeitskräfte, die es im„ goldenen" Mainz giebt, aufgeklärt und organisirt werden. Die vorstehenden Angaben zeigen, daß dies im Interesse der Arbeiterinnen wie der gesammten Arbeiterklasse liegt. E. J. Soziale Gesetzgebung. - 8 Die Bundesrathsverordnung betreffend Sitzgelegenheit für Angestellte in offenen Verkaufsstellen ist endlich am 28. November letzten Jahres erschienen. Die vorgesehenen Bestimmungen sollen erst am 1. April d. J. in Kraft treten. Dem seinerzeit mitgetheilten Entwurf entsprechend öffnet die Bundesrathsverordnung der Umgehung der dürftigen Schutzvorschriften Thür und Thor. Sie schreibt nämlich nicht vor, daß für jede der in Verkaufsstellen und Romptoiren beschäftigten Personen eine Sitzgelegenheit vorhanden sein muß. Statt dieser unzweideutigen Bestimmung fordert sie lediglich eine nach der Zahl dieser Personen ausreichende geeignete Sitzgelegenheit". Daß das dürftige Reförmchen zu Gunsten des Verfaufspersonals so spät und so lendenlahm angehumpelt kommt, darf in der Aera des Zwölftausendmarkbettels nicht verwundern. Frauenbewegung. Mit der Frage einer Erhöhung der Getreidezölle beschäf= tigten sich die radikalen Frauenrechtlerinnen in einer öffentlichen Versammlung zu Berlin. Das Thema:„ Die deutsche Hausfrau und der Brotwucher", wurde von dem Nationalsozialen Herrn v. Gerlach und Frl. Dr. Augspurg behandelt. Der Referent ließ natürlich die Gelegenheit nicht vorübergehen, dem neuen Reichskanzler nationalsozialen Weihrauch zu streuen. Frl. Augspurg wies nach, welches Interesse die Frauen als Hausfrauen, als Erwerbsthätige und als Bürgerinnen daran hätten, daß das Brot nicht vertheuert werde. In der Diskussion vertheidigte ein antisemitischer, agrarischer Heißsporn die Kornzölle im Interesse der deutschen Bauern" so leidenschaftlich, daß es der Vorsitzenden, Frau Cauer, nur mit Mühe gelang, die Versammlung zu einem ruhigen Abschluß zu bringen. Gegen zwei Stimmen gelangte eine Resolution zur Annahme, welche gegen die Erhöhung der Kornzölle, insbesondere aber gegen die Einführung der Doppeltarife protestirt und fordert, daß es bei dem bisherigen Zustand bleibt. Die Resolution soll dem Reichskanzler zugestellt werden. Daß die Frauenrechtlerinnen sich nicht zur Forderung zu erheben vermochten: Aufhebung der Kornzölle, das wird Niemand überraschen, der weiß, wie halb und zaghaft die Bestrebungen und Aktionen der Damen sind. Immerhin bedeutet die Versammlung einen Fortschritt. Zum ersten Male haben die Frauenrechtlerinnen in einer Volksversammlung Stellung zu einer allgemeinen politischen Frage genommen. Der Anfang zur politischen Bethätigung und zur Gewinnung politischen Einflusses ist gemacht. Möchte es nun rasch und kraftvoll vorwärts gehen. Gegen die höhere Mädchenschule haben sich die Berliner radikalen Frauenrechtlerinnen gleichfalls in einer öffentlichen Versammlung gewendet, die hauptsächlich von Lehrern und Lehrerinnen besucht war. Frl. Dr. Augspurg übte in ihrem Vortrag scharfe Kritik an den bestehenden höheren Mädchenschulen, die vor Allem nur gesellschaftliche Allgemeinbildung auf religiös- ethischer Grundlage geben sollen. Behufs Reform des Mädchenschulwesens forderte die Rednerin Zulassung der Frauen zu den Schuldeputationen auf Grund des geltenden Gesetzes vom Jahre 1811- Errichtung höherer Bildungsanstalten für Mädchen durch Gemeinde und Staat, Umgestaltung des Lehrprogramms 2c. Die beiden anderen Vorträge des Abends, gehalten von dem Privatdozenten Bergemann und von Frl. stud. Becker, bewegten sich in der gleichen Richtung. In der Diskussion bemängelte Frl. Hager, eine Volksschullehrerin, mit Recht, daß die Ausführungen sich nur mit der höheren Mädchenschule befaßt hätten, statt mit dem gesammten Unterrichtssystem der heutigen Schule überhaupt. Hauptforderung müsse sein: Einführung der Einheitsschule. Es gelte, eine wirkliche Voltsschule zu schaffen und nicht eine Ausnahmeschule für einzelne Klassen. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche erklärt, daß durchgreifende Reformen" der Mädchenschule nothwendig seien. Nämlich: Ertheilung des Unterrichts mit Ausnahme des Elementarunterrichtsdurch Fachkräfte und Unterstellung der Mädchenschule unter staatliche oder kommunale Verwaltung. Item: Die durchgreifenden Reformen" schrumpfen auf das denkbar bescheidenste Maß zusammen. Die erhobenen Forderungen sind ein sinnenfälliges Beispiel mehr dafür, wie fraftlos und konfus die Frauenrechtelei den Kampf gegen gesellschaftliche Mißstände führt. Südafrikanische Frauen gegen die Kriegsgrenel. Wie dem ,, Vorwärts" aus Kapstadt geschrieben wurde, veranstalteten die Frauen der Kapkolonie eine großartige Demonstration gegen die mordbrennerische Kriegführung der Engländer in Südafrika, wie gegen den südafrikanischen Krieg überhaupt. Mehr als 1500 Frauen holländischer, deutscher und englischer Abstammung versammelten sich unter dem Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Alara Bettin( 8undel) in Stuttgart. Vorsitz der Frau Roos aus Kapstadt dortselbst und faßten folgende Beschlüsse: Erster Beschluß. Beantragt von Frau Koopmans, unterstützt von Fräulein Molteno. Diese Versammlung südafrikanischer Frauen erhebt in feierlicher Weise Protest gegen die Gesangennahme und Deportation schuldloser Frauen und Kinder ohne jegliche vorhergehende Untersuchungen, eine Handlungsweise, die in direktem Widerspruch mit den Gesetzen und Gebräuchen moderner Kriegsführung steht. Zweiter Beschluß. Beantragt von Frau A. B. de Villiers, unterstützt von Frau J. W. Sauer und Frau de Beer. Diese Versammlung erhebt in feierlicher Weise Protest gegen das Niederbrennen, Plündern und Zerstören privaten Eigenthums, wodurch Frauen und Kinder obdachlos und dem Elend preisgegeben werden. Diese Handlungsweise widerspricht der Haager Konferenz, deren Beschlüsse von England unterstützt und unterschrieben sind. Dritter Beschluß. Beantragt von Frau A. J. Steytler, unterstützt von Fräulein van Velden und Fräulein Green. Diese Versammlung verlangt von Neuem, daß diesem ungerechten Kriege ein Ende gesetzt werde und daß die beiden Republiken ihre unbeschränkte Unabhängigkeit behalten. Hierdurch allein kann ein bleibender Frieden in Südafrika hergestellt werden. Vierter Beschluß. Beantragt von Frau Malan, unterstützt von Frau du Plessis. Diese Versammlung beschließt, obige Beschlüsse möglichst weit durch die ganze zivilisirte Welt zu verbreiten. Der Versammlung waren Sympathie- Erklärungen und Begrüßungstelegramme aus allen Theilen der Kapkolonie zugegangen. Adressen der weiblichen Vertrauenspersonen. Frau L. Baumann, Altona, Vorderreihe 1 part. = V = Wengels, Berlin, IV. Kreis, Gr. Frankfurterstr. 133 II. Mesch, Berlin, VI. Kreis, Lychenerstr. 3 v. IV. Aug. Bosse, Bremen, Kornstr. 152. Frln. Anna Vogel, Charlottenburg, Kirchstr. 13 II. Frau Ww. Franz Lehmann, Dresden, Ostra- Allee 19 IV, Dr.-A. Anna Grapp, Düsseldorf, Lorettostr. 11 I. = = = = = = = = M Joh. Stamm, Elbing, Leichnamſtr. 43 a. Louise Ziez, Hamburg, Schwabenstr. 56 IV. W. Kähler, Hamburg- Barmbeck, Marschnerstr. 11 I.( KreisVertrauensperson für den 8. und 10. Holsteiner Wahlkreis.) Heusner, Hönnigsfeld, Hauptstr. 17, Bezirk Gelsenkirchen. E. Wissel, Kiel, Beseler Allee 66 III. Aug. Nowogrotti, Königsberg, Unter Laat 20. Frenzel, Leipzig- Lindenau, Gundorferstr. 19. Treptau, Memel, Friedrich Wilhelmstr. 12/13. Lichtenberg, Ottensen, Am Felde 95 i. K. Elisabeth Flenker, Preez i. Holst., Löbtinerstr. 18. Frida Bugdahn, Rostock, Margarethenstr. 31 II. Ewers, Wandsbeck, Georgstr. 11 III. Minna Krause, Weißensee b. Berlin, Lehderstr. 95 III. In den folgenden Orten ist Neuwahl bis jetzt noch nicht erfolgt, ich gebe daher die mir bekannten Adressen der Vertrauenspersonen vom vorigen Jahre an: Frau Kaiser, Breslau, Kurze Gasse 28 III. = Gregor, Görlitz, Pragerstr. 53. = : = V Marg. Zeise, Köln a. Rh., Perlengraben 59 IV. C. Tröger, Offenbach a. M., Gr. Marktstr. 25. Quitt, Rigdorf b. Berlin, Sobrechtstr. 82 IV. Emma Häckel, Sagan, Brüderstr. 30. Meiling, Schöneberg b. Berlin, Gothenstr. 50. Dttilie Baader, Zentralvertrauensperson, Berlin W., Groß- Görschenstraße 38, zweiter Hof rechts, 3 Tr. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genossinnen gingen bei der Unterzeichneten noch à conto des alten Rechnungsjahres ein: Von den Hamburger Genossinnen durch Genossin Kollau 20 Mt.; Ertrag zweier Tellersammlungen in Hamburg 27 Mt.; von den Bremer Genossinnen durch Genossin Schnusch 12 Mt. 45 Pf.; von Hamburger Genossinnen durch Genossin Zieh 5 Mt. 50 Pf.; von den Leipziger Genossinnen durch Genossin Jäger 42 Mt. 45 Pf. Summa 107 Mt. 40 Pf. Dankend quittirt Ottilie Vaader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin W., Groß- Görschenstr. 38, II. Hof rechts, 3 Tr. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. H.) in Stuttgart.