Nr. 4. Die Gleichheit. 11. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 13. Februar 1901. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Für das tägliche Brot. a. b- n. Inhalts- Verzeichniß. Zur Lage der Arbeiterinnen in Frankreich. Von Aus der Bewegung. Feuilleton: Weib und Kind. Von O. W. Payer. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Vertehrswesens. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Soziale Fürsorge für Mütter und Kinder. FrauenSozialistische Frauenbewegung im Auslande. stimmrecht. Frauenbewegung. Vermischtes. Adressen der weiblichen Vertrauenspersonen. Für das tägliche Brot. Wem wohl drängt sich in drückenderer Schwere die Sorge ums tägliche Brot auf, als der Arbeiterfrau, der Arbeiterin? Der Arbeiterfrau, an die täglich, stündlich die Aufgabe herantritt, mit knappem und knappstem Wirthschaftsgelde den Tisch für die Familie zu bestellen, an dem gewöhnlich nicht wenige, oft aber sogar sehr viele Hungrige fizen! Der Arbeiterin, die mit kargem Lohn, wohl auch mit wahren Bettelgroschen ihres Leibes Nahrung und Nothdurft bestreiten muß! Im Haushalt der Einen wie der Anderen aber spielt das Brot die wichtigste Rolle. Brot ist für die proletarische Hausmutter und die Ihrigen, ist für die Arbeiterin der Stab des Lebens", um mit den Engländern zu reden, das Hauptnahrungsmittel, dem an Bedeutung kein anderes gleich tommt. Die Näherin oder Fabriklerin, die Morgens, Mittags oder Abends ihre Schmalzstulle" in Zichorienbrühe„ stippt", welche sich trügerisch unter dem Namen Kaffee einführt; die Arbeiterfrau, die nach berühmten Rezepten bürgerlicher Auch- Arbeiter freunde aus Knochen, Kartoffeln und Gemüseabfällen„ kräftige Rost" bereitet: ste tönnen sich ja nur einen winzigen Verbrauch von Fleisch, Butter, Eiern, Milch 2c. gestatten. " " Brotvertheuerung in Aussicht! Wie furchtbar muß deshalb nicht dieser Ruf Millionen deutscher Proletarierinnen in die Ohren gellen. Gin Heer finsterer Plagen wälzt sich gegen sie mit dem Steigen der Brotpreise heran. Brotvertheuerung in Aussicht! Und warum? Weil eine Erhöhung der Getreidezölle die Preise der Botfrucht in die Höhe treiben soll. Also will es das Krautjunkerthum, und der Wille dieses je und je voltsgefährlichen Klüngels scheint in Deutschland das höchste Gesez. Stramm wie ein Unteroffizier ist die Regierung den Wünschen der schreienden Agrarierfippe von Ostelbien und anderwärts eingeschwenkt. Nach den Erklärungen des plauderfrohen Bülow ist kein Zweifel, daß sie bereit ist, den Hunger des Volkes den beutegierigen Großgrundbesizern zur gründlichsten Ausplünde rung auszuliefern. Schon jetzt ist, Dank des geltenden Zolles von 3 Mt. 50 Pf. auf den Doppelzentner Roggen und Weizen, jeder Laib Brot, jedes Kaffeebrötchen, das die Proletarierin eintauft, wesentlich vertheuert. Deutschland baut nicht genug Brotgetreide, um den Bedarf seiner Bevölkerung zu decken, und der durch den Zoll künstlich in die Höhe geschraubte Preis des eingeführten Auslandkornes treibt den Preis der einheimischen Frucht in die Höhe. Nach amtlichen Berechnungen stellt sich in Deutschland der Getreideverbrauch pro Person jährlich im Durchschnitt auf 200 Stilo, für eine fünftöpfige Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Familie also auf 1000 Stilo oder eine Tonne. Diese Zahlen besagen, daß die Jßenplize und Röckerize vermittelst des durch den Zoll vertheuerten Brotes jeder Arbeiterin durchschnittlich im Jahre 7 Mt. abknöpfen. In den meisten Fällen sogar noch mehr, und gerade der Aermsten noch mehr. Denn je ärmlicher der Verdienst ist, den die Arbeiterin nach harten Werkeltagen heimbringt, um so weniger vermag sie mit ihrem„ Schlemmerlohn" sich eine ordentliche Mahlzeit, eine genügende Portion Fleisch zu vergönnen, um so größer ist ihr Verbrauch an Brot. Die Arbeiterfrau aber, die für eine fünfköpfige Familie wirthschaftet, muß den Herren Ochsengrafen und ihren Erwerbsgenossen" in Folge des vertheuerten Brotes nicht weniger als 35 Mt. durchschnittlich steuern. Und auch ihre unfreiwillige Liebesgabe" ist um so höher, je armseliger der Küchenzettel der Familie ausfallen muß. " Jede Erhöhung des Getreidezolls aber bedeutet eine weitere Bertheuerung des Brotes. Noch wissen wir nicht, wie hoch die Steigerung des Zolles sein wird, mit welcher die Regierung den begehrlichen Nachkommen der raubenden und reutenden Stegreifritter den Mund zu stopfen gedenkt. Aber aus all den Rebensarten von genügend";" angemessen" 2c., die dehnbar wie Kautschuk sind, darf man sicher annehmen, daß sie recht ansehnlich sein wird. Was die fürstlichen und gräflichen Brotwucherer als„ genügend" und angemessen" erachten, das haben ihre Preßkulis und politischen Sachwalter seit Langem verkündet. Einen Zoll von 7 und 8 Mt. fordern Die, welche sich als die Bescheidenen" aufspielen, einen Zoll von 10 Mt. Jene, welche einen noch robuſteren Appetit nach fetten Profiten verspüren. Und wenn auch die agrarischen Bäume nicht bis in den Himmel des verlangten Hungerzolls wachsen, so ist doch jede Erhöhung über den geltenden Satz von 3,50 Mt. hinaus, ja die Aufrechthaltung dieses Sazes selbst, ein Raub, ein Verbrechen an den Volksmassen. " Legen wir die angeführten amtlichen Zahlen über den durchschnittlichen Getreideverbrauch zu Grunde, so würde bei einer Erhöhung des Roggen- und Weizenzolls auf 5 Mt. für den Doppelzentner der jährliche Brotbedarf der Arbeiterin im Durchschnitt um 10 Mt. vertheuert, bei einem Zoll von 6 Mt. um 12 Mr., bei einem solchen von 7 Mt. um 14 M., ein 8 Mt.- Saß steigerte ihre Ausgabe um 16 Mt. Die Hausmutter einer Proletarierfamilie von 5 Personen müßte im Durchschnitt dem erhöhten Zollsage entsprechend 50, 60, 70 und 80 Mt. jährlich mehr für Brot aufwenden, als es ohne den Zoll der Fall wäre. Welchen Jammer dieſe trockenen Zahlen in sich schließen, kann man nur ermessen, wenn man ihnen das Einkommen der Arbeiterin, der proletarischen Familie gegenüberstellt. Nach einer Erhebung des Berliner Magistrats( S. Nr. 2 der„ Gleichheit") hatten 1898 von 39 Arbeiterinnenkategorien 14 einen Jahresver dienst von unter 500 Mt., ja 4 davon unter 400 mt. In Halle verdienen nach dem Bericht des Gewerkschaftskartells die Tertil arbeiterinnen im Minimum 250, im Maximum 450 Mt., im Durchschnitt 300 Mt. jährlich; die Holzarbeiterinnen erzielen Wochenlöhne von 6 Mt. bis 10 Mt. 60 Pf. Leipart berechnet in seiner sehr sorgfältigen Studie„ Die Lage der Arbeiter in Stuttgart" den durchschnittlichen Wochenverdienst einer ledigen Arbeiterin in dieser Stadt mit 9 Mt. 8 Pf. Das jährliche Durchschnittseintommen eines verheiratheten Berufsarbeiters beträgt nach der gleichen Quelle in Stuttgart 1187 Mt. Daß dieses Einkommen für Zehntausende deutscher Arbeiterfamilien ein unerreichbares Glück" ist, " 1 weist die Einkommenstatistik aus. In Preußen z. B. hatten nach. derselben 70 Prozent der Bevölkerung ein Jahreseinkommen unter 900 Mt., 67,4 Prozent des sächsischen Volkes mußten sich mit einem jährlichen Einkommen von unter 300 bis 800 Mt. begnügen. Schon die Mehrausgabe für Brot, welche der gegenwärtige Zoll der Arbeiterin, der Arbeiterfamilie aufbürdet, wird bitter empfunden. Zumal gegenwärtig, wo in vielen Gewerben schlechter Geschäftsgang einen gesunkenen, unregelmäßigen Verdienst, wohl gar Arbeitslosigkeit gebracht hat; wo andererseits gestiegene Preise für Wohnung, Kohlen und andere wichtige Lebensbedürfnisse die Wirthschaftsführung für die Proletarierin geradezu qualvoll erschweren. Wie oft zog nicht im Laufe dieses Winters die Arbeiterin zögernd und bedauernd die Hand wieder zurück, die sich instinktiv nach mehr Brot ausgestreckt hatte. Der Magen mahnte: Nimm und iß!" Der Verstand erklärte:" Genug oder du mußt morgen hungern." Wie mancher Seufzer stieg nicht in den lezten Monaten aus schmerzzerissenem Mutter herzen empor, wenn die mit gesundem Appetit gesegnete Kinderschaar wieder und wieder Brot verlangte. Wie bedächtig, sorgsam zirkelte die Hausfrau nicht jede Schnitte ab, damit sie ja nicht zu groß ausfalle. Und gab es hier und da nicht bereits Tage, wo die Kinder bittend die Hand ausstreckten, ohne auch nur eine Kruste erhalten zu können! " Nun soll der Brotpreis fünstig noch mehr steigen. Aber von einer Erhöhung des Lohnes der Arbeiterin, des Einkommens der Arbeiterfamilie verlautet nichts. Wie wird sich da die Lage der Arbeiterin, der Arbeiterfrau gestalten? Ach wahrlich, man braucht nicht Prophet zu sein in Israel, um es zu wissen. Dort, wo schon jezt eine fulturwidrige Sparsamkeit herrschen muß eine eine Sparsamkeit, welche die Gesundheit untergräbt, den Geistesflug hemmt, jede Freude tödtet da zieht dann das bitterste Darben ein, die schwärzeste Noth. Dort, wo jezt schon nur saure Wochen fallen, teine frohen Feste, wo die zehrende Sorge am häuslichen Herd oder im Dachfämmerchen hockt, da läßt sich nun der Hunger als ständiger Gast nieder. Das Brot vertheuert! Es muß auf den bescheidensten Genuß verzichtet werden, ja die Befriedigung manches dringenden Bedürfnisses muß unterbleiben. Wie könnte die Arbeiterin daran denken, ihr fadenscheiniges Kattunfähnchen zu ersetzen, wenn sie mehr zum Bäcker tragen muß, als seither. Ist es nicht ein Traum, an die Anschaffung neuer Schuhe für die Kinder zu denken, wenn die Ausgaben für Brot einen so hohen Posten des Wirthschaftsgeldes verschlingt? Das Brot vertheuert! Es verschlechtert sich die Lebenshaltung der Arbeiterin, der proletarischen Familie. An Stelle des Brotes tritt immer mehr die Kartoffel, um den Hunger zu täuschen; das billigste Rindfleisch, das ab und zu als„ Lurus" auf den Tisch kam, wird durch Hering, durch Pferdefleisch oder gar durch Braten von einem heimlich eingefangenen Karo ersezt. Und trotz allem die Sorgen, die riesengroß anschwellenden, erdrückenden Sorgen! Und warum, Arbeiterin, Arbeiterfrau, Euch diese Noth, Euch diese Pein? Damit eine handvoll reicher und sehr reicher Großgrundbesizer ihren Profit mehren. Pfennigweise wird Euch und den Euren Mark um Wark aus dem dünnleibigen Portemonnaie genommen, auf daß den edlen Vätern jugendlicher Harmloser" mitsammt den Ihrigen eine standesgemäße" Lebenshaltung ge= sichert set. " Denn sie lügen, die da behaupten, daß ein angemessener" oder genügender" Getreidezoll nöthig sei, um die deutsche Landwirthschaft zu retten, um den nothleidenden Kleinbauern aufzuhelfen. Hervorragende Vertreter der Wissenschaft haben jederzeit und erst kürzlich wieder erklärt, daß der Getreidezoll die Noth der Landwirthschaft nicht beseitigt, vielmehr umgekehrt manche ihrer Ursachen steigert. Einem rothen Umstürzler gleich bekannte Reichsfanzler Caprivi, daß der Getreidezoll die Brotesser zu Gunsten der großen Schloß- und Grundherren drückend belaste, ohne daß er dem Kleinbäuerlein zum Vortheil gereiche. Gewiß, sein Zeugniß ward als das eines Mannes ohne Ar und Halm" verlästert. Aber der gegangen gewordene Hohenlohe, der in fast allen großen europäischen Staaten sehr viele Are und Halme sein eigen nennt, der sicherlich zu den größten„ Getreidebauern" zählt, gab, Ziffern in der Hand, die nämliche Thatsache zu. Der Getreidezoll profitirt nur 24 Prozent der Bodenbesizer, die zusammen über fast zwei " 26 Drittel der gesammten Anbaufläche verfügen. Und je größer thr Besiz ist, um so reichere Beute wirft der Zoll in ihren Geldsack. Der arme Konrad" aber geht leer aus. " Wie könnte denn auch der Getreidezoll die von Steuereretutor und Hypothekengläubigern bedrängten Kleinbauern aus ihrem Elend reißen? Sind doch etwas mehr als drei Viertel aller landwirth. schaftlichen Betriebe so klein, daß ihre Eigenthümer fein Getreide zu Markte bringen können, ja daß sehr viele von ihnen noch Getreide und Brot für den Bedarf der Familie kaufen müssen. Legt die Brottheuerung den Ersteren mithin auch nicht einen blutigen Heller in die Tasche, so nimmt sie den Anderen so gut wie den übrigen Brotkäufern noch den letzten Groschen heraus. Damit nicht genug! genug! Was der Kleinbauer an Gemüse und Obst erbaut, was er an Milch und Eiern verkaufen kann: das findet nur schlechten Absatz, wenn der Masse der kleinen Leute das Brot vertheuert ist. So bleibt den Proletarierinnen nicht einmal der Trost, daß ihre Pein zum Rettungsanker für einen anderen Nothleidenden wird. Allerdings können sie sich dafür an dem erhebenden Be wußtsein laben, daß irgend welche Herren mit einem Raubthier im Wappen Dank der gestiegenen Getreidepreise bei ihrem Champagnerfrühstück nicht zu fnausern, den kleinen süßen Mädeln vom Ballet" nicht die Erfüllung einer tollen Laune zu versagen brauchen. Wie leicht hungert es sich in diesem Bewußtsein! Wie leicht findet sich Dank seiner die Mutter mit ihrem Golgatha ab: dem Anblick der Entbehrungen ihrer Kinder! " Und sind etwa mit der Brottheuerung und ihren furchtbaren Folgen die„ Segnungen" erschöpft, welche der erhöhte Getreidezoll für die proletarischen Frauen heraufbeschwört? Keineswegs. Der Brotfrage fügen die agrarischen Wuchergelüfte die Lohnfrage hinzu. Das Deutsche Reich steht am Vorabend der Erneuerung seiner Handelsverträge. Arbeiterinnen wie Arbeiter frauen haben das höchste Interesse an den Bestimmungen derselben. Was sie festjezen ist ja von wesentlichem Einfluß auf den Geschäftsgang, die Entwicklung der Industrie. Was bedeutet das aber anderes, als daß dies von Einfluß ist auf den Lohn, den die Arbeiterin erhält oder sich erkämpfen müß, auf den Verdienst, den der Mann erzielt und die Höhe des Wirthschaftsgeldes, das er am Lohntag heimbringt. Nun ist Eines sicher. Erschwert das Deutsche Reich durch hohe Zölle den Zutritt fremden Getreides, so üben die davon betroffenen Länder Vergeltung, indem sie ihrerseits hohe Zölle auf die Einfuhr deutscher Industrieerzeugnisse legen. Die deutschen Proletarierinnen haben bereits erfahren, wie theuer auch sie dann die Zeche bezahlen müssen. Gingen nicht Tausende und Tausende von Ausgebeuteten ihrer Arbeit verlustig, sant nicht der Lohn von Zehntausenden, als die zarte Rücksicht auf das„ deutsche Schwein" durch hohe Zölle die Einfuhr von amerikanischem Fleisch, Speck 2c. hemmte, und die Amerikaner durch die Mac Kinley- Bill und andere Zollmaßregeln Rache an der deutschen Industrie nahmen? So stürmt, entfesselt und gehegt von den raffgierigen Junkern und Junkergenossen Arm in Arm mit dem Gespenst der Brottheuerung das Gespenst des sinkenden Einkommens, ja des Verfiechens des Erwerbs dräuend den Proletarierinnen entgegen. Arbeiterin, vertheidige Dein Stück Brot, vertheidige Deinen Lohn! Gedenke, wie schmal und trocken das Erstere, wie färglich bemessen der Lestere iſt. Arbeiterfrau, wehre Dich um das Brot Deiner Kinder, wehre Dich um den Verdienst Deiner Angehörigen! Erinnere Dich, wie oft sie entbehren müssen; der Bettelgroschen, die sie sich erarbeiten. Stelle den beutelüsternen Volksausplünderern sie sich erarbeiten. Deine Losung entgegen: Keine Erhöhung der Getreidezölle! Fort mit allen Zöllen und Abgaben auf Getreide und Lebensmittel! Günstige, langfristige Handelsverträge! Schon ruft die Sozialdemokratie die wertthätigen Massen zum Protest, zur Vertheidigung ihrer Lebensinteressen. In den Kampf wider den Brotwucher! In den Kampf für das tägliche Brot! Bur Tage der Arbeiterinnen in Frankreich. Die Noth und das Elend der Arbeiter sind international, überall wirken die gleichen Mächte der Ausbeutung auf der Grundlage der tapitalistischen Ausbeutung. Freie staatliche Einrichtungen ändern hieran nichts. In der französischen Republit, wo auf jedem staat 27 lichen Gebäude, selbst auf den Gefängnissen, die drei schönen, aber noch immer inhaltlosen Worte ,, Liberté, Egalité, Fraternité"( Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit) stehen, haben die Arbeiter ebenso unter dem Joche des Kapitalismus zu leiden, wie in den Fabriken des Zarenreichs oder bei uns, im„ Musterlande der Sozialreform". Wie richtig diese Anschauung ist, lehrt uns eine Betrachtung französischer Arbeiterinnenverhältnisse, die auf Grund eines jüngst erschienenen, durch die Fülle seiner Materialien werthvollen Buches* möglich ist. Man zählte 1891 in Frankreich 468773 Arbeiterinnen im Bergbau und in der Großindustrie( 36 Prozent der beschäftigten Personen), 821 662 Arbeiterinnen in der Klein- und Hausindustrie( 44 Prozent der Beschäftigten), 1244965( 29 Prozent) in der Landwirthschaft, dem Wein- und Gartenbau und verwandten Berufen, somit im Ganzen 2535400 Lohnarbeiterinnen gegenüber 4788737 Lohnarbeitern; auf je 1000 Arbeiter beider Geschlechter tamen somit 346 Arbeiterinnen. Hierzu kommen noch die zahlreichen in den Berufen des Handels thätigen Frauen und Mädchen. Genau so wie bei uns beobachtet man in Frankreich einen steigenden Antheil der Frauenarbeit an der Produktion und im Handel. Das Kapital hat überall den gleichen Nußen der Frauenarbeit für sich entdeckt, bei oft gleicher Leistungsfähigkeit, häufig größerer Genauigkeit, übertriebener Gefügigkeit, erheblichere Billigkeit als die Mannesarbeit. Für Diejenigen, die sich viel Nutzen von der Verstaatlichung innerhalb unserer Wirthschaftsordnung versprechen, mag es nicht uninteressant sein, daß die französische Staatsgewalt nur im Interesse der Ersparung Männerarbeit durch Frauenarbeit ersetzt hat. 1891 kamen im französischen Postund Telegraphendienst auf 22700 definitiv Angestellte beider Geschlechter 9000 Schalterbeamtinnen und daneben fast ebenso viele nicht definitiv angestellte Beamtinnen; diese erhalten 640 bis 1440 Mt. im Jahre für eine Arbeit, die Männern mit 960 bis 3200 Mk. entschädigt wurde. Dieses System hat so gut gefallen, daß man sich 1894 entschloß, in den Pariser Postämtern die Hälfte des Dienstes von Mädchen und Frauen versehen zu lassen. Die Telephonistinnen verdienen nach einer mehrmonatlichen Lehrzeit, während welcher fie auf jede Entschädigung verzichten müssen, 640 Mt. Jahresgehalt für eine der ungesundesten, nervenzerstörenden, in überhitzten Räumen zu leistende Arbeit. Fürchterlich leiden die Arbeiterinnen, die den Zucker in Stücke zu theilen haben. Man braucht nur ihre Hände zu betrachten! Ihre Fingernägel sind zur Hälfte zerfressen, das letzte Glied des Fingers ist durch die Abreibung der Haut und durch die Abnutzung halbflach gequetscht, oft sieht man gar nichts vom Finger, sondern nur einen blutenden, mit einem Stück Leinwand umhüllten Stummel; trotz ihrer schweren Arbeit haben diese Arbeiterinnen keine Schwielen, der Zucker raspelt alles ab. Für 2 Mt. bis 2,16 Mt. arbeiten diese Frauen ohne Unterbrechung zwölf Stunden, gebogen über die Zuckerbrech maschine, oder die Zuckerstange unter die Säge hinstoßend, oder 16 Kilogramm schwere Zuckerfisten schleppend. Eine Arbeiterin hat im Tage 700 bis 8C0 solche Risten je 25 Meter zu schleppen. Männer würden in Paris für eine Arbeit dieser Art 40 Pf. pro Stunde erhalten und schwer für diesen Lohn zu finden sein, die Arbeiterinnen speist man mit 16 Pf. pro Stunde ab. In der eigentlichen Zuckerfabrikation müssen sie zur Nachtzeit Runkelrüben verladen, sie werden den Männern bei dieser Arbeit vorgezogen, weil sie sich anstelliger zeigen und trotz Straßenschmutz und Regen ihre Arbeit fortsetzen; diese Arbeiterinnen erhalten einen Tagelohn von 1,60 bis 1,80 mf., während die Männer, die weniger leisten, 3,20 bis 3,60 Mt. erhalten. Ebenso ist das Verhältniß in der Spinnerei, die Arbeiterinnen erhalten 1,80 bis 2 Mt., die Männer dagegen 3,20 bis 3,60 Mt. In der Feilenindustrie von Cosne, einem Orte zwischen Paris und Lyon, arbeiten Frauen 15 bis 16 Stunden für einen Tagelohn von 1 bis 1,20 Mt., obgleich die Arbeit außerordentlich ungesund ist; im Hospital des Ortes liegen fast stets an Schwindsucht erkrankte Feilenhauerinnen. Für eine bestimmte Theilarbeit in der Schuhmacherei von Angers erhielten bis vor wenigen Jahren die Arbeiter 36 Pf. pro Stück, jetzt wird dieselbe Arbeit von Frauen für 25 Pf. ausgeführt. Je nach ihrer Geschicklichkeit verdient eine Verfertigerin von Todtenkränzen in Paris 48 bis 96 Pf. in einem Tage von zwölf Arbeitsstunden. Die Korsett und Fächerarbeiterinnen in Nemours erhielten im Monat bei zwölfstündiger Arbeitszeit 15,20 bis 28 Mt., das heißt im Durchschnitt einen Stundenlohn von 6% Pf. Aber selbst dieser Stundenlohn wurde noch tiefer herabgedrückt; am 21. Juli 1894 wurde den Arbeiterinnen ein Lohntarif aufgezwängt, der die Entlohnung der Arbeitsstunde auf nicht ganz 32/3 Pf. pro Stunde herabdrückte. Diese Bettellöhne sind aber nicht Ausnahmefälle, erklärt doch der energischste Gegner des Sozialismus in Frankreich, Leroy Beaulieu, der Führer * Pelloutier, Fernand et Maurice, La vie ouvrière en France ( Das Arbeiterleben in Frankreich). Paris 1900, C. Reinwald. 344 S. der französischen Manchesterleute, daß im Innern Frankreichs 200 000 Arbeiterinnen täglich weniger als 40 Pf. verdienen! Wie können nun die auf sich allein angewiesenen Arbeiterinnen bei diesen niedrigen Löhnen auch nur vegetiren? Selbst in Paris giebt es Arbeiterinnen, welche tagaus, tagein nichts anderes zu Mittag essen als um 8 Pf. Kartoffeln und zu Abend eine magere Gemüsesuppe; eine Pariser Hemdennäherin gab täglich von ihrem Arbeitslohn von 1 Mt. für die Ernährung 60 bis 72 Pf. aus, und zwar 16 Pf. für ein Pfund Brot, 8 Pf. für Milch, 20 Pf. für Fleisch, 8 Pf. für Wein, 4 Pf. für Kohle, 8 Pf. für Gemüse und ebenso viel für Butter. Sicherlich sehr bescheiden! Aber wie müssen erst die Arbeiterinnen sich nähren, die glücklich wären, wenn sie so viel Tagelohn hätten, als die Pariser Hemdennäherin für ihre Ernährung ausgiebt; leider wissen wir über die Lebenshaltung der Ausgebeutetsten am allerwenigsten. Leider ist nur ein verschwindend kleiner Theil der Arbeiterinnen, nur wenige Tausende, organisirt. 1893 gab es wenigstens blos 114 die neben Gewerkschaften- nicht einmal der zehnte Theil aller männlichen auch weibliche Mitglieder aufgenommen hatten. In Lyon, wo 150 Gewerkschaften bestehen, haben blos neun auch Arbeiterinnen zu Mitgliedern, in Bordeau nur fünf und in Toulouse nur drei, selbst in Paris giebt es unter 262 Gewerkschaften nur elf mit männlichen und weiblichen Mitgliedern, daneben acht, die nur aus Frauen bestehen; in diesen waren 821 Arbeiterinnen organisirt, ein verschwindend kleiner Bruchtheil der Arbeiterschaft. Was den französischen Arbeiterinnen, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, fehlt, das ist das Klassengefühl, die Erkenntniß, daß ihre Nothlage nicht ein persönliches Unglück, sondern eine Folge unserer wirthschaftlichen Organisation ist, daß lediglich auf dem Wege des politischen Kampfes und der gewerkschaftlichen Organisation diese jammervolle Ausbeutung, unter der sie hoffnungslos seufzen, eingeengt und abgeschafft werden kann. Aus der Bewegung. a. b- n. Von der Agitation. In Berlin fanden im Kösliner Hof und in den großen Festsälen von Keller zwei Volksversammlungen statt, die von den Vertrauenspersonen der Genossinnen einberufen und bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Genossin Zetkin sprach unter lebhafter Zustimmung der Versammelten über das Thema: ,, Was fordern die Hausfrauen und Mütter von der Gemeinde?" Sie zeigte, welche kommunalen Reformen nöthig geworden sind, um die Führung des Haushalts zu vereinfachen und zu erleichtern, um die Schwangere und Wöchnerin, sowie den Säugling zu schüßen, um die häusliche Erziehung des Kindes durch öffentliche Einrichtungen zu ergänzen. Eine unerläßliche Vorbedingung dafür, daß die Gemeinde alle ihre Aufgaben den Massen gegenüber erfülle, sei die Erringung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts, ohne jede einschränkende Klausel, für alle Gemeindeeinwohner ohne Unterschied des Geschlechts. Nur das kämpfende Proletariat werde auch auf dem Gebiet des kommunellen Lebens der herrschenden Gesellschaft die nöthigen Reformen abringen. Als Arbeiterin, als Hausfrau und Mutter werde die Proletarierin durch ihre Interessen gezwungen, an diesem Kampfe theilzunehmen. Die Diskussion, an der sich Genosse Stadtverordneter Hinze, Genossin Gubela 2c. betheiligten, brachte in beiden Versammlungen zustimmende Ausführungen. In Kellers Festsälen forderte Genossin Wengels, im Kösliner Hof Genossin Mesch die Anwesenden, besonders aber die Frauen, mit kraftvollen Worten zum Eintritt in die gewerkschaftliche Organisation und zum Kampfe in den Reihen der Sozialdemokratie auf. In Schöneberg fand eine gut besuchte Versammlung statt, in der nach einem Vortrag des Genossen Zubeil Genossin Meiling ihren Bericht als Vertrauensperson gab. Zum Zwecke der Agitation wurden von ihr im letzten Jahre 100,55 Mt. vereinnahmt und 91,51 Mt. verausgabt. Als Vertrauensperson für Schöneberg wurde Genossin Meiling gewählt, als Revisorinnen die Genossinnen Selle und Schulz. Das Amt der Vertrauensperson für den Kreis Teltow Beestow Charlottenburg wurde Genossin Thiel übertragen. In der Diskussion sprachen die Genossinnen Menze und Röntsch. Von den Organisationen. In Mülhausen i. E. hat sich eine Gruppe proletarischer Frauen zusammengeschlossen und seitens der Behörden die Genehmigung als Verein erhalten, die auf Grund des Gesetzes vom 10. April 1834 und Artikel 291 des französischen Strafgesetzbuchs nöthig ist. Der Verein bezeichnet seinen Zweck in § 1 seines gebilligten Statuts wie folgt: Frauen und Mädchen jeden Standes durch praktische Anleitung in den verschiedenen Handfertigkeiten, sowie durch populäre Vorträge zu belehren, die allgemeine Gesundheitspflege zu fördern, bei Krankheiten und Unfällen nach Kräften zu helfen und zu unterstützen. Das Bestreben des Vereins geht hauptsächlich dahin, seine Mitglieder zu befähigen, daß sie den häuslichen, wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen genügen." Die Behörden haben vom Verein nur eine Stempelgebühr von 5 Mt., statt der sonst üblichen 20 Mt. gefordert. Sie haben die Organisation damit als eine Einrichtung zu Wohlthätigkeits- und wissenschaftlichen Zwecken anerkannt. Das Eintrittsgeld ist auf 30 Pf. festgesetzt, der monatliche Beitrag auf 20 Pf. Mitglied kann jede Frau und jedes Mädchen vom sechzehnten Jahre ab werden. Das Zustandekommen der Organisation ist um so freudiger zu begrüßen, als in Mülhausen die verschiedensten Umstände zusammenwirken, um es den Proletarierinnen zu erschweren, ihre wirthschaftliche und geistig- sittliche Lage zu verbessern. Von Herzen wünschen wir dem Verein eine fräftige Entwicklung. Notizentheil. ( Von Tily Braun und Klara Betkin.) Weibliche Fabrifinspektoren. Eine Beschwerdekommission der organisirten Arbeite: rinnen von Leipzig, welche Klagen der Arbeiterinnen über ungesetzliche Arbeitsbedingungen der Fabrikinspektion übermittelt, soll gegründet werden. Der Kommission soll außer der angeführten noch eine andere Aufgabe zufallen: nämlich die, durch Flugblätter und Versammlungen die Arbeiterinnen über die sie betreffenden Bestim mungen der Gewerbeordnung aufzuklären. d. z. Die Anstellung von Frauen als Gewerbeinspektorinnen in der Schweiz fordert der schweizerische Gemeinnüßige Frauenverein in einer Eingabe, die er an die 25 Kantonsregierungen gerichtet hat. In der Eingabe wird darauf hingewiesen, daß Kinder jeden Alters zur Hausindustrie herangezogen werden, daß die Arbeitskräfte in vielen Kleinbetrieben noch jeglichen gesetzlichen Schutzes entbehren, und daß dadurch nicht nur die individuelle Gesundheit gefährdet wird, sondern der moralische, ökonomische und auch gesundheitliche Ruin weiterer Kreise die Folge dieser Ausbeutung ist. Wenn auch bei dem Großbetrieb der Fabriken Uebergriffe und Eingriffe in die persönliche Freiheit des Arbeiters vorkommen fönnen, so sind im Allgemeinen da, wo das eidgenössische Ste " 1 " Weib und Kind. Don D. W. Payer. Hören Sie' mal, Mann, Sie lassen den Kopf hängen, als ob - Sie sind doch Metallarbeiter? man kennt es Ihnen an als ob Sie an schönen Sonntagen den Amboß im Schädelkasten trügen." „ Das geht Sie gar nichts an, ich bin gar nicht aufgelegt, mit einem dahergelaufenen Studenterl zu spaßen." " Lassen Sie um Gotteswillen Ihre Fäuste unten, sonst fall' ich in Ohnmacht. Wir laufen heut' alle daher im Wiener Wald, weil ein herrlicher, schöner Sonntag ist, der einem die Mucken und Grillen aus dem Schädel treibt und auch Ihnen den Amboß herausblasen wird. Sind Sie arbeitslos?" " Nein! Aber was geht Sie das an! Lassen Sie mich mit Ihren Studentenwißen!" " Freund, daraus wird nichts. Ich bin kein Feind des Hammers. Sind Sie ein Freund des Buches? Ja? Dann verstehen wir uns ja! Das Buch und der Hammer, Die schließen Allianz, Vorbei ist der Jammer Und los geht der Tanz." „ Hören Sie, der Vers gefällt mir, woher haben Sie ihn? Die Studenten kriegen doch immer gleich alles zu lesen." " So, jezt wird er warm! Also kommen Sie. Arm in Arm, so fordern wir den Hermannskogel in die Schranken. Aber warum sind Sie so niedergeschlagen?" " Weil ich verheirathet bin." " Ujeh! Pfeift der Wind aus dem Loche? Unglückliche Ehe, dummen Streich gemacht, modernes Drama! Also so etwas giebt es da drunten auch?" „ Ich verstehe Sie gar nicht!" 28 " Fabrikgesetz oder wo kantonale Arbeiterinnenschutzgesetze zur Anwendung kommen, diese Fälle seltener, dank einer energischen und wohlwollenden Fabritinspektion, wie wir sie in unserem Lande beſizen. Große Uebelſtände bestehen aber da, wo ein gutes Gesetz mangelhaft gehandhabt wird, oder wo kein staatlicher Schutz in Kraft besteht, wie in Familienbetrieben und kleineren Geschäften, insbesondere bei Modistinnen, Weißnäherinnen, Schneiderinnen, Glätterinnen in Ladengeschäften und namentlich im Wirthschaftsgewerbe. Da sind diese Hilfskräfte schutzlos... Ebenso schutzlos sind die in der Hausindustrie beschäftigten Kinder", die namentlich zur Strohflechterei, zu Hilfsarbeiten in der Stickerei oder Webereiindustrie und anderen Gewerben angehalten werden. Die Folgen davon sind nicht nur häufige akute Krankheiten, deren Bekämpfung durch den Arzt vielleicht den materiellen Nußen aus der früheren Zeit in Frage stellt, sondern ein Niedergang unserer Volkskraft. Der in seinem Wachsthum durch den Entzug freier Bewegung und frischer Luft gehemmte Körper, der durch ununterbrochene, oft einförmige Arbeit geschwächte Geist, sie werden schließlich zu einer nur früppelhaften Entwicklung gelangen." Im Namen der Menschlichkeit rufen wir für diese Unglücklichen den Schutz des Staates, der Gemeinden an; wir rufen ihn an im Hinblick auf die moralischen und wirthschaftlichen Gefahren für unser Land. Weil es sich meistens um Frauen und Kinder handelt, denen direkt geholfen werden soll, halten wir es für gerechtfertigt, daß zur Bekämpfung der Mißstände auch Frauen herbeigezogen werden. Sie werden in manchen Fällen, wo es nicht nur Gerechtigkeitsliebe bedarf, mit Klugheit eingreifen, sie werden in speziell weiblichen Berufen mit Sachkenntniß urtheilen und eher auf die Kleinigkeiten eintreten, aus denen die Umstände ja meistens zusammengesetzt sind. Sie werden leichter hinter allerlei Schliche kommen und auch das Vertrauen der Arbeiterin eher gewinnen. Wir rufen also der weiblichen Gewerbeinspektion in der Schweiz. Es ist nicht nur ein Akt der Billigkeit, wenn die weibliche Bevölkerung unseres Landes, welche ja in vorherrschender Weise in den Industrien beschäftigt ist, auch weibliche Schußaufsichtsorgane besitzt, sondern eine auch für die Allgemeinheit erfolgreiche Maßregel, wenn Frauen an dieser Seite des öffentlichen Lebens partizipiren. In den Ländern, wo Gewerbeinspektorinnen Verwendung finden, hat man von deren Wirksamkeit sehr gute Resultate." Die Eingabe schließt mit den Worten: Wollen Sie, hochgeachtete Herren, diesen unseren Vorschlag prüfen und in Ihnen geeignet scheinender Weise die weiteren Schritte in dieser Angelegenheit vornehmen. Um eins aber bitten wir inständig: Lassen Sie die Sache nicht ruhen!" Die Herren Kantonsminister bethätigen leider in " " Man Nicht verstehen? So? Gut, folgt die Verdeutschung. liebt sie, man heirathet sie. Sie will versorgt sein, sie will auch einen Mann haben wie alle ihre Freundinnen, oder wenigstens einen, der als Mann gilt. Die Ehe ist geschlossen, der Bock ist geschossen. Nun kommt der Moment: der" Richtige" stellt sich ein, der Hausfreund. Man nennt solche Verhältnisse bei uns dreieckige" Verhältnisse nach meiner Meinung ist bei dem Ausdruck ein„ ei" zu viel. Ist es so?" " „ Mein lieber Herr, Sie sind aber schon ganz auf dem Holzweg. So was kenne ich nicht und wenn sich einmal ein Dreieck aufthäte, so nimmt man einfach den Hammer und schlägt es wieder flach. Ich habe ganz andere Sorgen." " Na also, legen Sie los." Was fümmert Sie das alles. Sie sind doch kein angehender Beichtvater. Aber ich seh' schon, ich frieg' Sie nicht fort. Das mit der Versorgung, das ist bei uns nicht ganz so, wissen Sie, wenn ich Sie recht verstanden habe. Zwar die Mädeln heirathen alle, um verheirathet zu sein, um einen Mann zu haben, weil es ja„ so" nichts ist. Was Ihr da mit der„ Liebe" treibt, das sind nur Faren. Kann man sich gut sein, so nimmt man sich. Hat man den ersten Wirbel hinter sich, so geht die Geschichte schon weiter. Man hat doch immer so wenig Zeit, man ist todtmüd, und die viele Arbeit! Uebrigens am Gernhaben hat's bei uns nie gefehlt." " Sie Glücklicher! Und da redet er noch! Wissen Sie nicht: Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar?" " Sie haben die Verse nur so im Aermel. Der erste war aber richtiger. Die kleine Hütte das ist es eben! Das ist die Lüge. Ich frag' mich immer, wozu ich meine Frau geheirathet habe. " „ Wozu?" " Ja, wenn Sie meine Frau als Mädel gekannt hätten! Sie war im Dienst bei einer guten Herrschaft! Wie rothe Backen sie gehabt dieser Angelegenheit wie in anderen sozialen Dingen äußerst wenig Initiative. Ohne das energische Vorwärtsdrängen der sozialdemofratischen Vertreter in den gesetzgebenden Körperschaften und Behörden dürften kaum ernste Fortschritte zu erhoffen sein. Leider erweist die Erfahrung, daß auch im öffentlichen Leben der Schweiz die reformfeindlichen fapitalistischen Interessen vielfach einen stärkeren Einfluß ausüben, als die Rücksichten auf die Bedürfnisse der Arbeiterklasse. Einen Theil der Schuld daran trägt die Rückständigkeit und Gleichgiltigkeit des arbeitenden Volkes selbst. Möchte es ermachen, lernen und handeln! Franenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Am Arbeiterinnen in revisionspflichtigen Betrieben. 1. Dezember 1899 waren im Deutschen Reiche in den der Gewerbeaufsicht unterstellten Betrieben 899 983 Arbeiterinnen beschäftigt. Darunter befanden sich 2911 unter 14 Jahren und 98 664 im Alter von 14 bis 16 Jahren, während 297387 im Alter zwischen 16 und 21 Jahren standen, so daß fast die Hälfte aller in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiterinnen noch unmündig war. Die überwiegende Anzahl der Arbeiterinnen, nämlich 393 739, war in der Textilindustrie beschäftigt; sodann in der Nahrungs- und Genußmittelbranche 129 642 und 94 666 bei Bekleidung und Reinigung. Jedoch, wie diese Zahlen nicht die Gesammtzahl der gewerblich thätigen Arbeiterinnen darstellen, so darf man auch die Zahlen aus den einzelnen Industriegruppen nicht ohne Weiteres als ein Beweis für die Vertheilung der weiblichen Arbeit auf die verschiedenen Industriezweige überhaupt ansehen. Ihr Antheil an dem Gewerbe der Bekleidigung und Reinigung z. B. wird in Wirklichkeit viel höher sein als er hier erscheint, da gerade diese Gewerbe in viel geringerem Maße der Gewerbeaufsicht unterstellt sind, wie etwa die Textilindustrie. In Gewerben, wo die Arbeit vielfach den weiblichen Organismus in besonders hohem Grade schädigt, sind übrigens auch beträcht liche Mengen Arbeiterinnen beschäftigt. So in der Gruppe Bergbau, Hütten und Salinenwesen, und Torfgräberei 16 380. Unter ihnen sind 14 Arbeiterinnen unter 14 Jahren und 1264 im Alter von 14 bis 16 Jahren. In der Industrie der Steine und Erden fanden sich 59 256 Arbeiterinnen, von denen 296 unter 14 Jahren und 6407 14 bis 16 Jahre alt waren. Bei der Metallverarbeitung waren 48 038 Arbeiterinnen beschäftigt, davon 181 unter 14 und 7078 von 14 bis 16 Jahren. 20 968 Arbeiterinnen wurden bei der Herstellung von hat, wie sie rund war und gut ausgesehen hat! Wie die Gesund heit selber! Und wissen Sie die Herrschaft selber hat es gesagt die Herrschaft selber hat es gesagt ihr ganzes Leben hätte sie dort bleiben können!" " Mann, sind Sie bei gesunden Sinnen?" " Wozu hab' ich sie geheirathet? 1 Wenn sie nicht so brav wäre, thät es mir nicht so leid um sie! Ich hab' eine Frau gebraucht. Bei uns ist es nicht so, wir brauchen die Weiber. Das hab' ich mir immer gedacht! Aber die Unordnung die theure Gasthauskost daheim nichts und wenn man fortgeht, daheim nichts und wenn man fortgeht, das unruhige, schlechte Leben die Kammer verstaubt, die Oefen falt, so leer und öd alles wir brauchen die Frauen, wir müssen sie haben! Und dann, wenn man alt wird, und man hat nicht die Kinder, die einen erhalten- man kann frei verrecken wie ein Hund! Ihr versteht ja das alles nicht!" " " So schauen wir die Dinge allerdings nicht an." Und dann fie! Ich hab' mir gleich gedacht, das wird eine gute Mutter für ihre Kinder und eine gute Hausfrau sein, und so hab' ich sie halt geheirathet!" ,, Aha, doch ohne sie zu lieben!" " Aber was reden Sie denn immer zusammen? Natürlich hab ich sie riesig gern gehabt! Sie hat mir doch gepaßt in Allem, so sauber und brav war sie. Aber das ist's eben." " Ja, hören Sie..." Freilich, das eben. So sauber, so gesund! Und dann sind die Kinder gekommen, eines nach dem anderen, bis ihrer acht waren, zwei find gestorben. Das nimmt eine arme Frau her, davon tönnen Sie sich gar keine Vorstellung machen!" " Ja, ja, das kann ich mir denken." " Und dann die schwere Eristenz, die wir gehabt haben! Eine Zeit in Arbeit und dann wieder arbeitslos. So ist es fortges gangen! Es hat sich nicht anders machen lassen... mein Ehrenwort, Herr, mein Ehrenwort!... es ist absolut nicht anders 29 | Maschinen und Werkzeugen verwendet, dazu noch 1742 jugendliche. Auch in der chemischen Industrie, sowie bei Pech, Fett, Del-, Seifen-, Firnißsiederei 2c. waren noch eine erhebliche Anzahl, nämlich 25 827 Arbeiterinnen thätig, und es befanden sich unter ihnen 31 Kinder unter 14 Jahren und 2444 Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Zahlen beweisen, in welchem Umfange und mit welcher Rücksichtslosigkeit das Kapital sich die Arbeitskraft der Frau dienstbar macht. Die Anstellung gebildeter Frauen als Vorsteherinnen und Leiterinnen von Waschanstalten wird in England in letzter Zeit vielfach befürwortet. In London, Liverpool und Birmingham wurde eine Erhebung vorgenommen über die Bedingungen der be= treffenden Berufsthätigkeit. Wie ,, Women's Employment" mittheilt, ist in den Wäschereien der drei Orte die Nachfrage nach geschickten Leiterinnen groß, ihr Lohn erreicht den höchsten Durchschnitt für Frauenarbeit. In allen Berichten wird betont, daß die Leiterinnen bezw. Direttricen der Waschanstalten eine gute Schulung besitzen müssen, wie auch Tatt, Organisationstalent und Geschäftskenntniß. Eine gute Gesundheit ist ebenfalls erforderlich, falls die Berufsthätigfeit dauernd mit Erfolg betrieben werden soll. Die lange Arbeitszeit und die meist ungünstigen sanitären Zustände in den Wäschereien schrecken ohne Zweifel manche Dame( um den gewohnten Ausdruck für gebildete Frau zu gebrauchen) davon ab, einen Erwerb zu er greifen, der lohnend ist. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. m. h. Hungerlöhne in der Textilindustrie. In der Textilfabrik von Fameling& Stöver Nachfolger in Varel i. D., wo besonders die schweren Bettinletts gewebt werden, sind in dem letzten Jahre bedeutende Lohnreduktionen vorgenommen worden, so daß man mit Fug und Recht von dort üblichen Hungerlöhnen reden fann. Zunächst traten die Lohnverminderungen auf als Folge der neu eingeführten Art der Berechnung des Quantums, das fertiggestellt wurde. Die Arbeiterinnen, die sich in die neue Art der Berechnung nicht hineinfinden konnten, fühlten instinktiv, daß sie dabei Schaden litten, und legten die Arbeit nieder. Da sie aber leider unorganisirt waren, so verlief die Bewegung im Sande. Zu der versteckten Herabsetzung des Lohnes kamen dann noch offene Abzüge, ferner wurde auch schlechteres Material geliefert. Eine Arbeiterin, die früher an einem Webstuhl schaffte, jetzt aber zwei, drei, mitunter sogar vier bedient, verdiente früher in 14 Tagen 7 bis 8 Mt. mehr als gegenwärtig. So wird für ein gegangen... sie hätt' sich's auch nicht nehmen lassen... sie ist in die Arbeit gegangen, damit doch die armen Würmer was zu essen haben. Und so ist es nacheinander gekommen: Erst sind die rothen Wangen verschwunden, dann die glänzenden Augen trüb und die Lider roth geworden. Von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr magerer und schwächer! Elf Jahre sind wir verheirathet, dreißig Jahre ist sie alt und beinahe nichts mehr da von ihr!" " ,, Das ist ja immer so, das macht ja die Ehe zu einem gefährlichen Institut. Die Schönheit schwindet und dann! Jezt gefällt sie Ihnen nicht mehr, wie?" " Mit Ihnen kann man nicht reden. Wofür halten Sie mich denn? Glauben Sie denn, ich bin auch ein junger, dummer Lecker, wie Sie sind?... Was ich mir schon für Vorwürfe gemacht habe! Schau, sag' ich mir oft, Du richtest das arme Frauenzimmer ganz zu Grund'. Mit der Arbeit, mit den Kindern, mit der Wirthschaft reibt sie sich ganz auf! Und für was, frag' ich, für was? Im Anfang, wie wir geheirathet haben, habe ich heimlich immer Geld für sie bei Seite gelegt man kann ja nie wissen, was aus einem wird und sie eines Tages damit überraschen wollen. Im Dienst, hätte ich gesagt, hättest Du's nicht so schwer gehabt als bei mir, und alle Monate von den paar Gulden Lohn etwas zurücklegen können. Das kannst Du freilich jezt bei mir nicht. Dafür habe ich Dir einige Gulden zusammengelegt, daß es Dich nicht verdrießt. Aber kaum waren die paar Gulden da, und wieder kommt etwas dazwischen; man muß sie herausnehmen! Was hab' ich ihr in den elf Jahren für Freude machen fönnen? Gar nichts; nicht einmal ein rechtschaffenes Kleid. Sie sagt freilich: Die armen Kinder, die sind meine Freud'! Aber Herr, das ist eine bittere, zitternde Freude! und an den Kindern hängt ihr halbes Leben. Und für was das alles? Ich weiß nicht, ob wir die Kinderln fortbringen werden. Das Lezte ist gar so schwach! Und meine Frau hustet und will es doch nicht von " Stück„ Zwirnneffel" in der Länge von 100 Yards 1,70 Mt. bezahlt, früher 2 Mt. für ein Stück von 80 Yards. Für ein Stück„ Shirting" von 96 Yards lohnt es 1 Mt, früher für 80 Yards 1,20 Mt. Für ein Stück„ Percha", wofür früher 4,50 Mt. gezahlt wurden, giebt es jetzt nur noch 3,25 Mt. Da außerdem bei dem schlechten Material, das der Fabrikant bedeutend billiger ersteht als das frühere gute, sehr häufig Fäden reißen, muß auch fortwährend geknotet werden, wodurch sehr viel Zeit geraubt und der Verdienst geschmälert wird. Bei angestrengter, 11 stündiger täglicher Arbeitszeit bringen es die Arbeiterinnen höchstens auf einen Verdienst von 15 bis 21 Mt. in 14 Tagen. Vierzehntägige Lohnzahlung ist außerdem Usus. Man sieht: Lange Ketten, Kurzer Lohn! Schlechten Schuß, Den haben sie schon. L. Z. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in der Metallindustrie von Solingen und Umgegend. In Solingen und Um gegend find zahlreiche Frauen in der Korsettstangen und Schlüsselfabritation thätig. In Solingen werden in einer Fabrit für Korsettstangen mehr als 300 Frauen und Mädchen beschäftigt, die einen überaus fargen Lohn erhalten und außerdem noch durch die Art der Entlohnung( Akkord) zu äußerst intensiver Arbeit angepeitscht werden. Die Arbeit in dieser Fabrik vollzieht sich folgendermaßen: Eine Metallbandrolle wird zunächst zu Stäben verarbeitet, ,, abgehauen" heißt der technische Ausdruck. Die hierzu benutzte Maschine wird mit dem Fuße in Bewegung gesetzt, mit der Hand wird dann das Bandeisen unter die Stanze geleitet und Stück für Stück abgehauen. Für diese schwere Arbeit giebt es pro Groß der Stäbe 3 Pf. Für 3 Pf. muß also die Arbeiterin 144 Mal die Maschine mit dem Fuße in Bewegung setzen und 144 Mal das Bandeisen mit der Hand nachziehen. Dann heißt es die kleinen gelben Messingkappen, die unten und oben an den fertigen Stangen sißen, aufsetzen. Die Kappen selbst werden von Männern gemacht, die Arbeiterin hat dieselben nur ,, aufzusetzen" und festzukneifen. Hierfür erhält sie pro Groß 5 Pf. Darauf werden bei den Schlußstangen für den vorderen Theil des Korsetts die Schilder aufgesetzt, also auf der einen Seite die Haken und auf der anderen Seite die Desen; für das Aufsetzen von hundert Paar giebt es 5 Pf. Eine andere Arbeiterin steckt die Nieten ein, womit die Schilder befestigt werden, pro Schild 2 bis 3 Nieten. Diese Arbeit wird ebenfalls pro hundert Paar mit 5 Pf. entlohnt. Das Feststanzen besorgen dann Männer. Die gewöhnlichen Stangen werden darauf lackirt, die besseren mit dünnem Stoff beklebt. Letztere Arbeit der Brust weggeben. Was hab' ich mir mit den Kindern schon für Vorwürfe gemacht. Aber sagen Sie's, Sie sind doch ein studirter Mensch, sagen Sie's: Soll denn ein armer Mensch gar keine Freud' haben, soll er denn nicht einmal das Recht haben auf Kinder, die ihm, wenn er einmal stirbt, die Augen zudrücken? Sagen Sie's: Giebt es denn ein Geschöpf auf Gottes Welt, das nicht ein Nest und seine Jungen hat? Und dann: Braucht denn der Mann nicht ein Weib und das Weib einen Mann? Oder gilt das für die ärmere Klasse nicht? Was muß man alles leiden deshalb, weil man Kinder hat! Ist es denn möglich, daß das auch schon Unrecht ist, weil ein Jeder schreit: Wozu habt Ihr denn so viel Kinder? Soweit sollten wir doch schon sein, daß der Mann sich nicht zu schämen braucht, wenn er Weib und Kind hat, daß der Mann ein Recht auf ein Weib und ein Recht auf Kinder hat? " Meine arme, arme Nani! Mir stößt es das Herz ab, wenn ich sie bei der Nacht oft Viertelstundenlang husten höre, wenn ich fie frag':" Nani, ist Dir schon leichter?" und sie sagt:„ Es ist schon vorüber, schlaf' nur, Du mußt morgen zeitlich auf!" Heirathet man denn ein Weib, damit man's zeitlich ins Grab bringt? Ein so junges, blühendes Ding, das sie war, Herr, ich glaub' immer, ich bin schuld, ich habe sie umgebracht..." ,, Aber, aber, was sind Sie für ein dummer, für ein prächtiger Mensch! Kommen Sie, lassen Sie sich umarmen! Kommen Sie, das muß ins Buch! Das ist eine andere Liebe, als die bei uns! Wirklich, Ihr seid ein anderes Volt! Wir müssen Euch erst entdecken und mit Euch zusammenwachsen: Das Buch und der Hammer, Die schließen Allianz.. Dann werden wir wieder lieben lernen und Ihr Euer Recht erlangen, das Recht auf Weib und Kinder!" 30 wird im Tagelohn gemacht, und zwar wird ein Lohn bezahlt von 1,50 Mt. bis 2 Mt. bei zehnstündiger Arbeitszeit. Das Lackiren ist Affordarbeit. Es werden 50 bis 100 Stangen in einen Korb gepackt, ähnlich einem Vogelkäfig; die Stangen müssen sorgfältig nebeneinander gesteckt werden und durch Drähte getrennt sein, damit sie nicht aneinander fleben. Korb und Stangen werden dann in einen Bottich mit Lack getaucht, zum Abtrocknen auf ein Brett gestellt und nachher im Ofen geglüht. Das Glühen ist wieder Männerarbeit. Für das Lackiren erhalten die Frauen für 2400 Stangen 75 Pf. Man kann sich vorstellen, mit welcher fieberhafter Eile die Frauen den Tag über thätig sein müssen, um es bei solchen Akkordsätzen auf 1,75 Mt. bis 2 Mt. zu bringen. Für das Packen sind Taglöhnerinnen angestellt, die es auf 6 bis 12 Mt. die Woche bringen. Da die Arbeit im Stehen verrichtet werden muß, wirkt sie um so nachtheiliger auf den Organismus. Abgesehen von dem Abhauen ist die Arbeit an sich leicht; aber den ganzen Tag stramm stehen, dann in fieberhafter Gile immer dieselben Handgriffe machen, das wirkt äußerst nervenzerrüttend, ermüdend und abstumpfend. Noch schlimmer sind wohl die Arbeiterinnen in der Schlüsselfabrikation daran. Die Frauen haben die Schlüssel zu bohren. Bisher wurde das meistens von Männern gemacht, die je einen Schlüssel einschraubten und durch Treten denselben dem Bohrer nahe brachten, der durch Dampf getrieben wird. Jetzt werden jedoch die Schlüssel dem Bohrer mechanisch zugeführt, nicht mehr einzeln, Schlüssel für Schlüssel, sondern je fünf Schlüssel zur gleichen Zeit, und das machen Frauen. Sie haben nichts weiter zu thun. als fünf Schlüssel nebeneinander in die auf einem Brett befindlichen Löcher zu stecken, wenn gebohrt, wieder herauszuheben und durch neue zu ersetzen. Diese an sich leichte Arbeit hat sich als ungemein ge= sundheitsschädlich erwiesen. Eine dabei beschäftigte Frau hat mehrere Male hintereinander eine Fehl= geburt gehabt, bis der Arzt ihr bei erneuter Schwangerschaft die Arbeit verbot. Eine andere Frau hatte zuerst Stechen im Rücken, in den Beinen, dann Schwindelanfälle und wurde schließlich irre, sie erhielt erst nach jahrelanger Schonung ihren Verstand wieder. Man denke sich auch, daß die Frau täglich 11 Stunden lang auf demselben Flecke vor der Maschine zu stehen hat, um mit fieberhafter Gile immer dieselbe Verrichtung zu machen, immer fünf Schlüssel einzustecken und auszuheben. Man stelle sich vor, wie sie permanent den Oberkörper in einer schaukelnden Bewegung von links nach rechts halten muß. Dazu noch das nervenzerrüttende Geräusch des Bohrens. Man sieht, wie eine an sich leichte Arbeit dennoch eminent gesundheitsschädlich wirkt, falls sie zu lange ausgedehnt und zu intensiv betrieben wird. Dringend noth ist also die Verwirklichung der Forderung:„ Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden täglich. Und zugleich mit der Gesetzgebung muß die gewerkschaftliche Organisation den Ausgebeuteten und in ihrer Lebenstraft Bedrohten bessere Arbeitsbedingungen erringen. L. Z. Tödtliche Unglücksfälle bei Personen weiblichen Geschlechtes wurden in der Schweiz festgestellt im Jahre 1896: 359 ( 1385 bei Männern), 1897: 419( 1393 bei Männern), 1898: 423 ( 1377 bei den Männern). Man ersieht hieraus, daß die Zahl der Unglücksfälle beim weiblichen Geschlechte weit rascher steigt als beim männlichen, wohl eine Folge der immer mehr Frauen benützenden Induſtrie. b- n. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Der Verein aller Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäscheund Kravattenbranche von Berlin hielt am 28. Januar seine Generalversammlung ab. Nach dem Jahresbericht ist die Zahl seiner Mitglieder von 204 auf 637 gestiegen. Der Zuwachs ist der intenfiven Agitation und der Einführung der Krankenunterstützung zu danken. Vier öffentliche Versammlungen galten der Lohnbewegung der Altplätterinnen, die mit einem vortheilhaften Vergleich vor dem Einigungsamt des Gewerbegerichts endete. Zwei Agitationsversammlungen wendeten sich an die Wäscherinnen und Neuplätterinnen. Der Verein hatte im letzten Vierteljahre eine Einnahme von 1363,90 Mt., eine Ausgabe von 905,40 Mt. Die Jahresbilanz ergab eine Mehreinnahme von 1886,69 Mt.; der Kassenbestand betrug am 31. Dezember 3544,95 Mt. Die Generalversammlung beschloß, für die Wäscherinnen und Altplätterinnen einen paritätischen Arbeitsnachweis zu gründen, wenn die schwebenden Verhandlungen es gestatten. Ferner, statt eines Fachorgans ein vorliegendes Flugblatt regelmäßig zu vertheilen. Dem Vorstand gehören 4 Frauen an: Frl. Wilke, Frl. Burghard, Frau Rosenstengel und Frl. Brandenburg. Der Allgemeine Arbeiter- und Arbeiterinnenverein Berlin weist nach seinem letzten Jahresbericht einen Rassenbestand von 308,95 Mt. nach. Angaben über den Mitgliederbestand liegen uns nicht vor. Soziale Fürsorge für Kinder und Mütter. Die Berathung von Maßregeln zur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit in Berlin beantragten die Sozialdemo fraten in der Stadtverordnetenversammlung. Der Antrag wurde von Genosse Dr. Freudenberg trefflich begründet. Seine Ausführungen und Vorschläge deckten sich mit den einschlägigen Stellen des Referats auf der Gemeindevertreterkonferenz, das wir in Nr. 2 des Blattes veröffentlicht haben. Der Magistratsvertreter Stadtrath Dr. Straßmann bekämpfte den Antrag, den er offenbar nicht verstanden hatte, da er ihn nur auf die Waisensäuglinge bezog. Für den Antrag traten dagegen die bürgerlichen Stadtverordneten Kalisch und Friedemann ein. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß, dem Antrage gemäß den Magistrat zu ersuchen, mit ihr in gemischter Deputation über Maßregeln zur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit in Berlin zu berathen. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. 31 Der dritte Kongreß der sozialistischen Frauen- und Arbeiterinnenvereine Belgiens hat am 20. Januar in Gent unter zahlreicher Betheiligung getagt und seine Arbeiten erfolgreich erledigt. Wie die„ Cahiers féministes" berichten, wohnten dem Kongreß ungefähr 100 Delegirte bei, beträchtlich mehr als dem letzten Kongreß zu Brüssel. Den Vorsitz führte Genossin Paule Gil. Ueber den Militarismus referirte Genosse Voltaert und Genossin Gatti de Gamond. Im Anschluß an ihre trefflichen Ausführungen erflärte sich der Kongreß für folgende Maßnahmen: 1. Am Gestellungstag geleiten die Mütter ihre Söhne aufs Rathhaus. 2. Die Frauenorganisationen veranstalten an diesem Tage öffentliche Manifestationen gegen den Militarismus. 3. Die„ Jungen Garden" und die Frauenorganisationen veranstalten alljährlich gemeinsam eine große nationale Manifestation. 4. Die gesammte Bevölkerung wird aufgefordert, gegen das bestehende Militärsystem zu petitioniren. Eine längere Diskussion entspann sich über die Organisation der Frauen und die Agitation unter ihnen. Genosse Beerblock schlug vor, daß in jeder Versammlung eine Frau das Wort nehmen solle, um durch ihr Beispiel wie durch ihre Worte Männer wie Frauen von der Nothwendigkeit der Aufklärung und Organisirung der Arbeiterinnen zu überzeugen. Genossin Gatti de Gamond wies nach, daß die Genossen die Frauen in ihrem agitatorischen und organisatorischen Wirken unterstützen müßten. Es sei ihre Pflicht, Frau und Töchter den Organisationen zuzuführen. Die Genossen Anseele und Vandervelde befürworteten eine systematisch betriebene Agitation und beantragten die Herausgabe eines Frauenblattes in französischer Sprache. Der Kongreß stimmte diesem Antrag zu. Genossin Denis referirte über die Nachforschung nach der Vaterschaft und forderte entsprechende gesetzliche Maßregeln, um das Recht der ledigen Mutter wie ihres Kindes zu sichern. Die Frage der Gewerbe- und Haushaltungsschulen für Mädchen behandelte Genossin Mali. Sie führte aus, daß die betreffenden Anstalten eine unerläßliche Ergänzung des obligatorischen Schulunterrichts seien. Den Gesetzentwurf einer Unfallversicherung unterzog Genossin Janssens einer scharfen Kritit. Genossin Denis begründete in einem sorgfältig ausgearbeiteten Referat die Nothwendigkeit, den Frauen das Wahlrecht zu den Gewerbeschiedsgerichten zu verleihen. Die Frage des Frauenwahlrechts wurde von Genossin Gatti de Gamond und einer anderen Brüsseler Delegirtin erörtert. Genosse Vandervelde betonte, daß das Programm der sozialistischen Arbeiterpartei auf wirthschaftlichem, rechtlichem und politischem Gebiet die Gleichberechtigung der Geschlechter fordere. Die Frauen müßten darüber wachen, daß die Praxis in der Partei stets dem Programm entspräche. Der von Genossin Gatti de Gamond begründete Entwurf der Organisation eines Landesverbandes aller sozialistischen Frauenvereine wurde einstimmig angenommen. Der Verband ist der sozialistischen Arbeiterpartei angegliedert und anerkennt deren Programm und Prinzipien. Sein Zweck ist, durch die Eroberung gleicher wirthschaftlicher, privatrechtlicher und politischer Rechte für beide Geschlechter für die materielle und moralische Hebung der Frau zu wirken. Um diesen Zweck zu erreichen, setzt er die Frauenorganisationen untereinander in Verbindung, sorgt für ihre einheitliche Aftion und fördert die Organisationsbestrebungen im ganzen Lande. Er nimmt ferner durch Delegirte an allen Kongressen und Versammlungen der Arbeiterpartei Theil und vertritt hier die Interessen der Frauen. Er bekämpft die Gesetze und Verwaltungsmaßregeln, welche die Frauen außerhalb des gemeinen Rechtes stellen. Der Verband wird von einem Generalrath geleitet, der seinen Sitz in Brüssel hat und aus sieben Delegirten dieser Stadt, sowie aus den Delegirten der Provinzialvereine besteht. Die Delegirten, Frauen oder Männer, und ihre Stellvertreter, werden von den Bezirks- oder Kreisverbänden gewählt. Der Generalrath erwählt aus seiner Mitte eine Schriftführerin und eine Kassirerin. Alle drei Monate tritt er zu einer regelmäßigen Sigung zusammen, außergewöhnliche Sigungen finden nach Bedarf statt. Der Generalrath führt die Beschlüsse des Kongresses aus, leitet die Agitation und prüft auftauchende Fragen. Alle Frauenorganisationen, welche dem Landesverband beitreten, zahlen pro Jahr und Mitglied einen Beitrag von 20 Centimes. Die Genossinnen, denen es gelungen ist, unter großen Schwierigkeiten und Opfern in Belgien die Anfänge einer sozialistischen Frauenbewegung ins Leben zu rufen, werden gewiß der gegründeten Organisation eine gesunde, kräftige Entwicklung sichern. Frauenstimmrecht. Das gleiche aktive und passive politische Recht für beide Geschlechter fordern die Hamburger Sozialdemokraten in dem Aktionsprogramm, das sie zu den bevorstehenden Bürgerschaftswahlen aufgestellt haben. Ihr Programm enthält nämlich unter Anderem folgende Punkte: Allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht( aktiv und passiv) zur Bürgerschaft für alle großjährigen Staatsangehörigen. Beseitigung der Grundeigenthums und Notabelnvertretung und Wahl der gesammten Bürgerschaftsmitglieder aus allgemeinen Wahlen in obigem Sinne. Einführung eines Proportionalwahlsystems. Vornahme der Wahlen an einem Sonntag oder gesetzlichen Ruhetag.... Direkte Antheilnahme der Bevölkerung an der Gesetzgebung durch Ausübung des Vorschlags und Verwerfungsrechts. Das Vorschlags bezw. Verwerfungsrecht durch Volksabstimmung tritt in Kraft, wenn es von einem Zehntel der stimmberechtigten Staatsangehörigen verlangt wird. Ist zwischen Senat und Bürgerschaft eine Einigung über Gesetzesvorlagen oder sonstige Maßnahmen nicht zu erzielen, so entscheidet die Voltsabstimmung, ohne daß es eines besonderen Antrags bedürfte. Die vorstehenden Forderungen beruhen auf einer wirklich demokratischen Auffassung und nicht auf einer reaktionären Karikatur derselben, wie die in voriger Nummer des Blattes fritisirte Petition der radikalen Frauenrechtlerinnen, das Gemeindewahlrecht betreffend. Die Einführung des Frauenstimmrechts im Staate Vittoria soll neuerlich beantragt werden. Von den neugewählten Abgeordneten des Unterhauses sind 66 für, 29 gegen die Reform. Die Annahme des diesbezüglichen Gesezentwurfes im Unterhaus ist damit zwar gesichert, jedoch noch nicht die Einführung der Neuerung selbst. Jm Oberhaus ist eine Majorität gegen das Frauenwahlrecht vorhanden, die bereits im vorigen Jahre die Reform zu Fall brachte ( siehe Nr. 25 der„ Gleichheit" 1900). Die Regierung befürwortet nach wie vor das Frauenstimmrecht. Das Gemeindewahlrecht der steuerzahlenden Frauen im Staate Vermont( Vereinigte Staaten) wurde vom Senat mit einer Majorität von nur zwei Stimmen abgelehnt. Im Jahre 1899, wo der Senat zur gleichen Frage Stellung nehmen mußte, war die Majorität der Gegner des Frauenstimmrechts eine weit größere. Der Verein für das Stimmrecht der holländischen Frauen hielt kürzlich in Dortrecht seine 7. jährliche Generalversammlung unter dem Vorsitz von Frau Verluys- Poelmann ab. Elf Zweigvereine waren vertreten. Die Berichte meldeten von recht erfreulichen Fortschritten der Bewegung zu Gunsten des Frauenstimmrechts. Die Einführung des Frauenstimmrechts in Neu- SüdWales wurde vom Premierminister beantragt. Das Unterhaus verhandelte vom 16. bis 28. November über die geforderte Reform und erklärte sich schließlich mit 22 gegen 19 Stimmen gegen dieselbe. Betheiligung der Frauen an der Wahl des Präsidenten der nordamerikanischen Union. Bei der letzten Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten stimmten dort, wo die Frauen das politische Wahlrecht besitzen- es sind dies die Staaten Colorado, Idaho, Wyoming und Utah fast ebenso viel Frauen als Männer ab. Es zeigt dies, wie unbegründet das Gerede ist, die Frauen wünschten das Stimmrecht nicht und würden es nicht benützen. Zu Gunsten des Frauenwahlrechts sprach sich der Premierminister der englischen Kolonie Queensland( Australien) aus. Für die Einführung des politischen Frauenwahlrechts in England wird seitens der Frauenrechtlerinnen rege agitirt. Zwei frauenrechtlerische Organisationen, von denen die eine im Lager der Liberalen, die andere in dem der Unionisten steht, haben beschlossen, während der Parlamentssession gemeinsam für das Frauenstimmrecht zu kämpfen. In Liverpool, Bristol, Warwick, Cambridge und Wandsworth haben kürzlich große Frauenversammlungen stattgefunden, welche das Parlamentswahlrecht für das weibliche Geschlecht forderten. Auf der Jahresversammlung des Nationalverbandes der Frauenstimm rechtsvereine", die Mitte Dezember in Liverpool stattfand, wurde auf Grund von Umfragen 2c. erklärt, daß 274 Mitglieder des Unterhauses Freunde des Frauenwahlrechts seien. Leider aber, so hieß es weiter, strebte verhältnißmäßig eine kleinere Anzahl von Frauen nach der politischen Gleichberechtigung. Die günstigen Resultate des Frauenwahlrechts in Colorado wurden in einer Kundgebung dargelegt, die zur Antwort auf die Behauptung veröffentlicht ward, das Frauenstimmrecht sei eine schädliche Spielart des allgemeinen Wahlrechts. Die Kundgebung trägt die Unterschriften des Gouverneurs, drei ehemaliger Gouverneure, des obersten Richters, aller Richter des Ober- Staatsgerichtshofes, des Denver- Gerichtshofes und des Appellationsgerichts, des Staatsschulinspektors, der Rektoren des staatlichen Kolleges und der Staatsuniversität, des Bürgermeisters von Denver, aller Abgeordneten und Senatoren, vieler hervorragender Geistlichen und der Vorsitzenden von dreizehn Frauenvereinen. Von beiden gefeßgebenden Körperschaften des Staates wurde außerdem eine Resolution angenommen, die ausdrücklich erklärt, daß nur Gutes über die Wirkung des Frauenstimmrechts zu berichten sei. Frauenbewegung. Für die Betheiligung der Frauen an der Armen- und Waisenpflege hat sich der dritte allgemeine preußische Städtetag ausgesprochen, der Ende Januar in Berlin tagte, und auf dem 111 Städte durch 916 Delegirte vertreten waren. Der erichterstatter über die Frage, Stadtrath Dr. Münsterberg- Berlin, befürwortete eindringlich die Heranziehung der Frauen zur Armenund Waisenpflege. Die Thätigkeit der Frauen auf diesem Gebiet sei nicht nur nothwendig, sondern geradezu unersetzbar. Die christliche Diakonie habe stets das weibliche Geschlecht in ganz hervorragendem Maße und zwar mit vollem Erfolg in den Dienst ihres Wirkens gezogen. Der Deutsche Verein für Armenpflege und Wohlthätigkeit lasse die Mitthätigkeit der Frau zu. In Berlin hätten sich die Armenpfleger gegen die Mitarbeit der Frauen gesträubt. Sie erklärten: die Frauen seien ein destruktives Element in der Armenpflege, sie hätten wohl ein Herz für die Armen, seien aber zu gutmüthig und ermangelten des Verständnisses für die Verwendung öffentlicher Gelder. Die Erfahrung habe dort, wo die Frauen zur Armenpflege zugelassen sind, das Unbegründete dieses Vorwurfes erwiesen. Die Errichtung von Wohlthätigkeitsvereinen in allen Stadtbezirken habe die Armentommissionsvorsteher von der Nothwendigkeit überzeugt, die Frauen in der Armenpflege zu verwenden. Das Berliner Armenpflegewesen sei deshalb in der Neuorganisation begriffen. Der Mitberichterstatter, Stadtrath Krause Posen, schloß sich im Allgemeinen den Ausführungen Dr. Münsterbergs an. Frauen im Schulrath. Der dritte Schulrath des siebenten Be zirks in Budapest ergänzte sich in seiner letzten Ausschußsizung mit einer zwölfgliedrigen Frauenkommission. Aufgabe derselben ist vor Allem die Aufsicht über die dem Schulrath unterstellten Kinder= gärten. Frauen in öffentlichen Aemtern im Staate Illinois. Deffentliche Aemter von großer Bedeutung sind in Illinois Frauen anvertraut. Drei Frauen gehören dem akademischen Senat der Universität Illinois an; eine Frau ist Mitglied des Sanitätsraths; eine Frau fungirt als Kommissionär der öffentlichen Wohlthätigkeit, eine andere als Universitätsbibliothekarin. Am Lehrinstitut für Frauen ist einer der Direktoren eine Frau. Fabrikinspektorinnen sind fünf angestellt, als Vorsteherinnen des Soldatenwitwenheims sind vier, als Vorsteherinnen des Heims für jugendliche Verbrecherinnen drei Frauen thätig. In allen größeren Städten fißen Frauen im Schulrath. 400 Apothekerinnen zählt man in den Vereinigten Staaten. Frauen, die das Apothekergewerbe selbständig betreiben wollen, müssen ein dreijähriges Studium an einem pharmazeutischen Kollege absolviren und ein Jahr als Gehilfinnen in einer Apotheke thätig sein. d. z. Die Wahl von Frauen in die Armenbehörden befürwortet eine Eingabe des Gemeinnüßigen Frauenvereins der Schweiz, die den fünfundzwanzig Kantonsregierungen eingereicht worden ist. Während die Eingabe des Vereins, die Anstellung von Fabrikinspektorinnen betreffend, viel soziales Verständniß offenbart, 32 tritt dagegen in dem Gesuch über die Heranziehung der Frauen zur Armenpflege theilweise zu aufdringlich das Klasseninteresse der Bourgeoisfrauen hervor. Einleitend weist die Eingabe darauf hin, daß bezüglich der Mitwirkung der Frauen im Armenwesen in der Schweiz befriedigende Erfahrungen vorliegen. Die Frau eigne sich sehr gut zur Thätigkeit auf diesem Gebiet, weil hier nicht allein der kühle Verstand, sondern auch das warme Herz in Frage kommt. Wie oft, wird weiter ausgeführt, geht eine wirksame Hilfe für die Bedrängten am Bureaukratismus, an der Formenreiterei der Armenbehörden in die Brüche, wenn der richtige Augenblick verpaßt wurde.„ Säßen Frauen in Armen- und Waisenbehörden", so heißt es dann weiter, ,, so könnte auch wieder eine weit größere Anzahl von Mädchen dem Dienstbotenberuf und dadurch ihrem zukünftigen Frauenberuf zugeführt werden. Damit würde nicht nur der Dienstbotennoth gesteuert, sondern auch die wirthschaftliche Lage der unteren Klassen gefördert. Der Beruf des Dienstmädchens hat vor allen gewerblichen Berufen am meisten Aussicht auf ein ökonomisch sorgenloses Leben, auf sichere Ersparnisse und ist zugleich die beste Vorbereitung auf ein geordnetes Familienleben, welches, von Vielen gepflegt, eine Quelle des Wohlstandes eines Landes werden kann. Dies wäre nur eine, wenn auch die bedeutendste Errungenschaft, welche aus der Wahl der Frauen in Armenpflegen und Waisenbehörden resultiren könnte." Der wörtlich wiedergegebene Passus der Eingabe ist charakteristisch, er zeigt, warum die Frauen beziehungsweise die Bourgeoisfrauen in die Armenbehörden hinein wollen. Sie möchten die Mitgliedschaft in diesen Behörden zur Wahrnehmung ihrer eigenen persönlichen Interessen mißbrauchen und dafür sorgen, daß stets Ueberfluß auf dem„ Dienstbotenmarkt" vorhanden und die bestehende„ Leutenoth" beseitigt werde. Diese fleinlichen, selbstsüchtigen Beweggründe werden zweifellos feinen Sozialdemokraten veranlassen, für die Forderung auch nur einen Finger zu rühren. Aber es handelt sich denn doch noch um etwas Anderes, als um die selbstsüchtigen Beweggründe bürgerlicher Damen. Es handelt sich um die Sache selbst, um eine Forderung der Gerechtigkeit, der Gleichberechtigung der Geschlechter. Und deshalb werden die sozialdemokratischen Vertreter in den Behörden für diese Forderung eintreten, trotz der die schärfste Verurtheilung herausfordernden Begründung durch spießbürgerlich- engherzige Bourgeoisdamen. Vermischtes. Die Eheschließungen hat das schweizerische statistische Amt nach den Monaten geschieden und dabei herausgefunden, daß im Jahre 1898, für das soeben die Zahlen veröffentlicht wurden, am meisten Ghen im Mai( 3421), dann im Oktober( 3021) geschlossen wurden; es folgten hierauf der November( 2684) und der April ( 2640), eine dritte Gruppe bilden die Monate Februar( 2015), Juni ( 1955) und September( 1928), den Schluß bilden die Monate Juli ( 1629), März( 1483), Auguſt( 1481), Dezember( 1433) und Januar ( 1424). b- n. Die Zahl der Ehescheidungen in der Schweiz ist bei einigen nicht erheblichen Schwankungen in der Zeit von 1888 bis 1898 gestiegen. 1888 zählte man auf je 100000 bestehende Ehen 179, 1889 184, 1890 186, 1891 184, 1892 183, 1893 186, 1894 191, 1895 182, 1896 213, 1897 201, 1898 199 gerichtlich getrennte Ehen. In dieser Periode wird die niedrigste Zahl der Ehescheidungen im Jahre 1888 fonstatirt, wo 841, die höchste Zahl im Jahre 1896, wo 1058 Ehen geschieden wurden, dann folgte 1898 mit 1018 und 1897 mit 1011 geschiedenen Ehen. Als Ursachen der Ehescheidungen wurde für das Jahr 1898 angegeben in 416 Fällen beiderseitiges Verlangen und Verhältnisse, die mit dem Wesen der Ehe unverträglich sind, in 112 Fällen Ehebruch, in 199 Nachstellung nach dem Leben, schwere Mißhandlung oder tiefe Ehrenkränkung, in 39 Fällen Verurtheilungen zu entehrenden Strafen, bei 61 Ghen böswillige Verlassung, in 19 längere und unheilbare Geisteskrankheit und endlich in 265 Fällen sonstige tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses. b- n. Adressen der weiblichen Vertrauenspersonen. Als Vertrauenspersonen wurden kürzlich gewählt: Frau Werner, Pankow, Berlinerstraße 78 v. III, Frau Meiling, Schöneberg, Gothenstraße 50, Hof III, Frau Thiel, Tempelhof, Friedrich- Wilhelmstraße 17. Genossin Thiel ist Kreisvertrauensperson für den Kreis Teltow- BeeskowStarkow. Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin W., Groß- Görschenstr. 38, II. Hof rechts, 3 Tr. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Betkin( Bundel) in Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.