Nr. 12. Die Gleichheit. 11. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 5. Juni 1901. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Vordringen der Frauen in die Berufe der Männer. Von a. br. Zur Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie.- Arbeiterinnenschutz in der Hausindustrie. Von M. Kt. - Aus der Bewegung: a) Von der Agitation. b) Bericht der Vertrauensperson für Dresden. Feuilleton: Eine wahre Geschichte. Wort für Wort wiederholt, wie ich sie gehört habe. Von Mark Twain.( Schluß.) Notizentheil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Gewerkschaftliche Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Weibliche Fabrifinspektoren. FrauenFrauen stimmrecht. Frauenbewegung. Verschiedenes. Vordringen der Frauen in die Berufe der Männer. Eine neue Aera gewerblicher Frauenarbeit hub bekanntlich an mit der Erfindung und Anwendung der Arbeitsmaschinen in der englischen Textilindustrie. Von da ab eroberten sich die Prole= tarierinnen dank ihrer Gefügigkeit, ihrer Widerstandsunfähigkeit gegen sozialen Druck, dank ihres Eifers und ihrer unermüdlichkeit im Dienste des Kapitals ein Industriegebiet nach dem anderen. Kaum ein Fortschritt ist in der Technik oder in der Organisation unserer Industriebetriebe zu verzeichnen, der nicht auch gesteigerte Verwendung weiblicher Arbeitskräfte ermöglicht und zur Folge gehabt hätte. Noch immer ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen, noch immer steigt die Zahl der verwendeten Frauen in der Industrie, insbesondere auch in der deutschen Industrie, und immer geringer wird die Zahl der Betriebe, die Frauen noch nicht verwenden. Eine Durchsicht der fünf Bände Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten und Bergbehörden für das Jahr 1899 bestätigt dies unzweideutig. Hier stoßen wir auf eine Reihe Beobachtungen der Fabrikinspektoren, die wir unseren Leserinnen nicht vorenthalten dürfen, da sie Beweise für das unaufhaltsame Bordringen der Frauenarbeit sind. Theils wurden dieser überhaupt neue Berufe erschlossen, theils trat die Verwendung weiblicher Arbeitskräfte in einzelnen Berufen auf, wo sie in den betreffenden Landestheilen bisher unbekannt war. Der Gewerbeinspektor in Thorn schreibt darüber:" Es fehlt nicht an Versuchen, Arbeiterinnen in bisher den männlichen Arbeitern vorbehaltenen Arbeitsgebieten zu verwenden. So sind z. B. in einer Thorner Zeitungsdruckerei drei Arbeiterinnen als Seßer lehrlinge angenommen, davon eine jugendliche und zwei über 16 Jahre alt. Auch in der Schuhfabrikation haben die Arbeiterinnen ausgedehnte Verwendung gefunden. Bis auf das Zurichten und Stanzen werden fast alle Arbeiten theilweise von Arbeiterinnen ausgeführt." Der Gewerberath für den Regierungsbezirk Arnsberg begnügte sich, auf die vor sich gehende Entwicklung mit folgender Bemerkung hinzuweisen:" In einigen Gegenden, wo es an männlichen Arbeitskräften mangelt, aber weibliche noch zu haben sind, werden gewisse, vordem von Männern ausgeführte Arbeiten mehr und mehr von Frauen verrichtet." Aehnlich äußern sich die Gewerberäthe für die Regierungsbezirke Wiesbaden und Koblenz. Der Beamte für Wiesbaden erwähnt ausdrücklich als Beispiel neuer Betriebe, in denen Frauen zur Arbeit herangezogen werden, die wenig für sie geeignet ist, die& maillirabtheilung einer Eisengießerei und eine Metallprägeanstalt. Der Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Gewerberath für Koblenz hat neu beobachtet die Beschäftigung von Frauen in einem Walzwerk mit Paketiren von Schrot und ebenso wie der Aufsichtsbeamte für Oberbayern in einer Schraubenfabrik an den Gewindeschneid- und Frais= bänken. Er fand ferner, daß in einigen Steinbrüchen die Frauen von Steinbrucharbeitern als Schrotschlägerinnen thätig waren. Sehr interessant ist die Beobachtung aus dem Inspektionsbezirk Essen:„ daß ein Unternehmer, der Handschniße= reien für seine Möbelfabrik bisher in der königlichen Strafanstalt zu Werden hatte anfertigen lassen, seit Januar 1899 diese Arbeit nunmehr in seinen eigenen Fabrikräumen von freien erwachsenen und jugendlichen Arbeiterinnen, im Ganzen 30, ausführen läßt." Welcher Segen ist doch für das Unternehmerthum geschickte und fügsame weibliche Arbeitskraft, selbst mit der ZuchtHausarbeit vermag sie erfolgreich zu konkurriren! " Der Fabrikinspektor für die bayerische Pfalz konstatirt ebenfalls das Vordringen der Frauenarbeit in neue Industrien und Betriebe seines Aufsichtsbezirkes. Er sagt:„ Es finden sich stets noch Betriebe mit mehr oder weniger Arbeiterinnen, in welchen die Beschäftigung solcher vordem nicht gebräuchlich war. So fanden sich im Berichtsjahr in je drei Betrieben der Industrie der Steine und Erden, der Gruppe Metallverarbeitung und der chemischen Industrie, in welchen noch im vorigen Berichtsjahr keine Arbeiterinnen beschäftigt waren, solche, wenn auch nur in geringer Bahl, neu eingestellt. Unter Anderem wurde in einer zweiten Eisengießerei im Berichtsjahr mit der Beschäftigung von zunächst drei Arbeiterinnen und zwar wie in der ersten Gießerei zur Herstellung kleiner Kernstücke begonnen." Dem Bericht für das Großherzogthum Baden entnehmen wir zur Frage die folgende Stelle:" Im Berichtsjahr wurde wieder eine neue Art der Beschäftigung von Arbeiterinnen wahrgenommen. Eine Thonofenfabrik hat den Versuch gemacht, das Formen von Ofentacheln anstatt von Männern, von Arbeiterinnen vornehmen zu lassen. Da der Versuch als gelungen angesehen wird, ist bei dieser Thätigkeit schon eine ziemliche Zahl von Arbeitern durch weibliche Personen ersetzt. Noch vor wenigen Jahren war in diesem Betrieb überhaupt keine Arbeiterin beschäftigt." Endlich sei aus dem reichsländischen Inspektorenbericht die nachstehende Thatsache erwähnt:„ In der Pappwaarenfabrik in Forbach befindet sich die Knopffabrikation jetzt ausschließlich in den Händen von Arbeiterinnen." Die angeführten Daten genügen wohl, um für den Zeitraum 201 eines Jahres das Vordringen der Frauenarbeit und die Verdrängung der Männerarbeit zu kennzeichnen. Möchten doch diese Thatsachen Arbeitern und Arbeiterinnen die dringende Nothwendigkeit klar machen, im Interesse der gesammten Arbeiterschaft die Proletarierinnen gewerkschaftlich zu organisiren, sie mit den Ideen der modernen Arbeiterbewegung bekannt zu machen, sie zu erfüllen mit Klassenbewußtsein und Solidaritätsgefühl. a. br. Bur Tage der Arbeiterinnen in der Berliner Blumen-, Blätter- und Pukfedernindustrie. Wie zahlreich sind nicht Die, welche den prächtigen, oft sehr geschmackvollen Blumenschmuck, die phantasiereichen Federgarnituren unserer Damenhüte bewundern; welche sich an den herrlichen fünftlichen Blüthen ergötzen, die Ball- und Gesellschaftstoiletten verschönen, als Zimmerzier und zu anderen Zwecken verwendet werden. Und des wie klein ist die Zahl Derer, die bei der bunten, glänzenden Pracht. die sich manchmal fast neben die Natur stellen darf, der fleißigen. geschickten Finger gedenken, die von Geschmack und Uebung regiert die zierlichen Gewinde und stolzen Arrangements geschaffen haben. Der Geist, welcher eine Gesellschaft beherrscht, die auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gegründet ist, bringt es mit sich, daß die Meisten die Erzeugnisse der Arbeit benützen und genießen, ohne sich um das Laos Derjenigen zu kümmern. deren Werk diese Erzeugnisse sind. So klettern auch die Gedanken der Wenigsten von dem Blumen- und Federnschmuck, der ihrem Auge schmeichelt, zu der Frage hinüber: Unter welchen Bedingungen arbeiten und leben die Frauen und Mädchen, welche in der Blumenindustrie und verwandten Berufen ihr Brot suchen? Nur zu leicht neigt der Uneingeweihte dem Wahne zu. daß zwischen den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Blumenarbeiterinnen und der Schönheit der Waaren, die sie erzeugen, eine gewisse Harmonie bestehen müsse. Er sieht blühende, rosenwangige Mädchen und junge Frauen vor sich, die in hellen, freundlichen Räumen unter heiterem Geplauder und frischem Lachen Blatt an Blatt, Blüthe an Blüthe fügen. Die Wirklichkeit kennt so lichte Bilder nicht, wenigstens nicht soweit es sich um die eigentlichen Berufsarbeiterinnen handelt, die nicht nebenbei für ihren Putz schaffen, sondern ihres Lebensnothdurft erringen müssen. Was sie anbelangt, so meldet die Wirklichkeit von Hungerlöhnen und durcharbeiteten Nachtstunden, wo die müden Augen, die kraftlosen, zitternden Hände kaum noch dem Willen gehorchen können, der da sagt:„noch dürft ihr nicht ruhe», denn noch sind die nöthigen Groschen für Fristung der Existenz nicht erzielt". Sie meldet von sauren Wochen des Schuftens und Schanzens, auf die keine frohen Feste folgen, von peinvollen Sorgen in den Tagen der Sauren- gurkenzeit, von ärmlicher Behausung, dürftiger Nahrung, vorzeitigem Verbrauch von Gesundheit und Lebenskraft und Hunderterlei anderem Ungemach. In den Fabriken und Werkstätten der deutschen Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie waren 189S gegen 19000 Arbeiterinnen und 1000 Arbeiter beschäftigt. Dazu kommen noch während der flotten Saison 20000 bis 25000 Heimarbeiterinnen. Die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter, welche in den circa 100 Fabriken und Geschäften der Berliner Blumen- und Blätterindustrie thätig sind, beträgt mehr als 2000. In der Saison wurden außerdem in Berlin etwa 600 bis 300 Heimarbeiterinnen beschäftigt. Die weiblichen Arbeitskräfte bilden 90 Prozent der Gesammtarbeiterschaft, die gegen 3000 Personen beträgt. In der Straußen- und Phantasiefedernfabrikation sind etwa je 1000 Personen in Berlin selbst beschäftigt, in der letzteren Branche außerdem noch gegen 4000 in den Vororten. Abgesehen von etwa 200 Männern sind die Arbeitskräfte in der Putzfedernindustrie durch- gehends weibliche.' Die meisten der Arbeiterinnen in Fabriken und Werkstätten sind junge Mädchen. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Töchter von kleinen Beamten und Handwerkern. Dieselben betrachten die Arbeit als eine„Nebenbeschäftigung", weil sie nur einen Zuschuß zu ihren Existenzkosten zu erwerben brauchen, etwa was sie für elegantere'Kleidung, für Vergnügungen w. bedürfe». Sie fühlen sich in der Folge auch nicht als Arbeiterinnen. An Stelle des proletarischen Klassenbewußtseins besitzen sie bürgerlichen Standesdünkel, und der wird genügend dadurch gewahrt, daß sie per„Fräulein" angesprochen werden, und daß ihnen kein„Lohn", sondern ein„Gehalt" ausgezahlt wird. Der Wettbewerb dieser „Damen", der sich zur schmählichsten Schmutzkonkurrenz steigert, übt einen verhängnißvollen Einfluß auf die Niedrigkeit der Entlohnung in der Blumenindustrie und den verwandten Berufen aus und damit auf die ungünstige Gestaltung der Arbeitsbedingungen überhaupt. Das Gleiche gilt von der Rolle der Heimarbeiterinnen, welche der Mehrzahl nach verheirathete Frauen sind. Die Thatsache verdient Beachtung, daß in den letzten Jahren die Zahl der verheirathete» Heimarbeiterinnen beträchtlich gestiegen ist, welche in der Berliner Blumen- und Blätterindustrie dem Erwerb nachgehen. Sie sollte— wie viele ihresgleichen— Denen zu denken geben, welche so über- schwänglich vom wirtbschastlichen Ausschwung der Arbeiterklasse singen und sagen. Ist nun die Arbeitszeit der Blumen-, Blätter- und Federnarbeiterinnen eine derartige, daß neben der Arbeit auch Gesundheit, Bildungstrieb, Erholungsbedürfniß, Familienleben zc. zu ihrem Rechte kommen? Wir werden es sehen. Soweit die Betriebe in Betracht kommen, welche den gesetzlichen Schutzvorschriften und der Gewerbeaufsicht unterstehen, beträgt die Arbeitszeit elf, ja in einzelnen Geschäften nur zehn Stunden. Allein diese Arbeitszeit besteht für die '„Die Hausindustrie der Frauen in Berlin"(„Hausindustrie und Heimarbeit in Deutschland und Oesterreich", 2. Band, Schriften des Vereins für Sozialpolitik). meisten der betreffenden Arbeiterinnen nur auf dem Papier. Zur Fabrik- und Werkstattarbeit tritt die Heimarbeit. Weiße Raben sind die vereinzelten Glücklichen, die nicht durch die Kärglichkeit des Verdienstes gezwungen sind, nach Feierabend noch Arbeit mit nach Hause zu nehmen und hier noch zwei, vier, ja sechs Stunden zu frohnden. Nicht trauliche Ruhe umfängt also Diejenigen daheim, die abgerackert aus der Fabrik kommen, es erwartet sie vielmehr ein zweiter Arbeitstag, der sich in Zeiten des flotten Geschäftsganges bis tief in die Nacht erstreckt. Was fragt der Chef danach, der durch niedrigen Lohn die Arbeiterin zu diesem Wüthen gegen ihre Gesundheit zwingt. sie aber trotz geleisteter nächtlicher Heimarbeit am nächsten Morgen bei Strafe rechtzeitig im Betrieb erwartet? Daß die Heimarbeiterinnen erst recht keine festbegrenzte, geregelte Arbeitszeit haben, ist selbstverständlich. Wenn in der Saison die Bestellungen drängen, rasch größere Mengen von Fabrikaten nach neuen Mustern verlangt werden, so ist ihr Arbeitstag thatsächlich oft ein unbeschränkter. Man vergesse dabei nicht, daß die meisten Heimarbeiterinnen verheirathet sind und neben der Erwerbsarbeit den Pflichten als Mutter und Hausfrau nachkommen sollen, nachkommen müssen. An den Erzeugnissen ihrer kunstfertigen Hände, an den paar Mark, die sie verdienen, an dem reichen Profit des Arbeitgebers hängt„Blut und warmes Menschenleben", hängt die vorzeitig hingeopferte Lebenskraft, die verlorene Behaglichkeit des Heims, die vernachlässigte Pflege und Erziehung der Kinder! Die Hausarbeit, welche in der Blumenindustrie und den verwandten Berufen entweder allein oder in Verbindung mit der Fabrikarbeit auftritt, zeitigt übrigens noch andere furchtbare Nebel: die schonungslose Ausbeutung der jugendlichen Arbeitskräfte, ja der Kinder. Kaum der Schule entwachsene Mädchen, die noch mitten in der Entwicklung stehen und nicht selten blutarm und schwächlich sind, trachten darnach, durch Arbeit daheim nach Feierabend den kargen Verdienst zu steigern. Kinder, die kaum in der Schule eingetreten sind, müssen rastlos die Fingerchen beim„Fädeln" und anderen Verrichtungen regen, und dies hier und da noch in späte» Abendstunden. Die Arbeit der Mutter wird so lächerlich gering entlohnt, daß es gilt, um jeden Preis ihre Einnahme zu vergrößern, deren die Familie nicht zu ent- rathen vermag. Den meisten Arbeiterinnen der Blumen-, Blätter und Putzfedernindustrie mangelt noch die Erkenntniß, daß der Lohn um so liefer sinkt, je ausgedehnter die Arbeitszeil ist, daß dagegen ein kurzer Arbeitstag mit hoher Entlohnung Hand in Hand geht. Durch Ausdehnung ihrer Arbeitsstunden und durch Anspannung ihrer Kinder ermöglichen sie nur dem Unternehmerthum, den Entgelt für ihre Leistungen immer niedriger zu bemessen. So wird die scheinbare Verbesserung ihrer Lage in Wirklichkeit zu einer Verschlechterung derselben, die einzig und allein dem ausbeutenden Geldsack zum Vortheil gereicht. Wie gering der Lohn, pardon das„Gehalt" der Berliner Arbeiterinnen in der Blumenindustrie und den verwandten Berufen ist, erweisen die folgenden Angaben. Die Lehrmädchen beziehen ein „Gehalt" von 5 bis 9 Mk. Ausgelernte„Damen" werden mit 9 bis 15 Mk. abgespeist, meist mit 12 bis 15 Mk., und kommen lange Zeit nicht über den letzteren Satz hinaus. Eine geübte Arbeiterin, die über behende Finger verfügt und sehr fleißig ist, kann nach einigen Jahren beruflicher Thätigkeit auf einen Verdienst von 40 Mk. rechnen. Es kommt zwar oft vor, daß ihr mehr geboten wird, in Wirklichkeit erzielt sie jedoch dank der geltenden Akkordpreise nur sehr selten eine höhere Einnahme. Ein Gehalt von 50 Mk. muß schon als eine Ausnahme betrachtet werden, und 60 Mk. wird nur von ungewöhnlich geschickten und fähigen Arbeiterinnen verdient, so z. B. von Binderinnen, die viel Geschmack und eine zarte, geschmeidige Hand besitzen. Im Allgemeinen sind die Akkordpreise so niedrig, daß die Erzielung eines hohen, ja auch nur eines auskömmlichen Verdienstes von vornherein sogar für recht tüchtige Arbeiterinnen ausgeschlossen ist. Lohnabzüge und das zu verarbeitende wechselnde Material tragen ebenfalls zu geringen Einnahmen bei. Es ist keine Uebertreibung, es ist traurige Wahrheil, daß die weitaus meisten Berliner Blumen-, Blätter- und Putzfedernarbeiterinnen zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben verdienen. Man vergegenwärtige sich nur die hohen Preise der Lebensbedürfnisse. Jenseits des drückendsten Elends können nur Jene existiren, die nicht auf den Ertrag ihrer Arbeit für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind. Um die angegebenen Lohnsätze in ihrer Erbärmlichkeit voll zu würdigen, muß man sich zwei Thatsachen vor Augen halten. Zunächst, daß alle vorstehenden Zahlen für den Monat gelten und nicht etwa für die Woche, wie der Uneingeweihte glauben könnte. Weiter, daß es sich um einen Saisonverdienst handelt. Die Arbeiterinnen der Blumen- und Blätterfabrikation können nur von Ende Dezember bis Ende April(Sommersaison) und von Juni bis Mitte Oktober(Saison für Ballsachen) auf Erwerb rechnen. Die Putzfedern- arbeiterinnen müssen sich mit einer stillen Saison abfinden, die von Ende Oktober bis Anfang März danert. Der jämmerliche Berdienst deckt in der flotte» Zeit nicht einmal oder kaum den Lebensunterhalt, auch wenn die Ansprüche noch so bescheidene sind. Da ist es denn ein Ding der Unmöglichkeit, daß die Arbeiterinnen für die langen Wochen der Flaue etwas bei Seite legen. Alle Uebel, welche die Saisonarbeit in wirthschaftlicher, geistiger und sittlicher Hinsicht zeitigt, brechen mit ungeminderter Wucht über die Bedauernswerthen herein. Auf die Wochen der Beschäftigungslosigkeit, wo sie feiern und hungern dürfen, folgen Wochen fieberhafter Arbeitshatz, welche den Körper ermattet, den Geist abstumpft, den Willen zermürbt. Die Gewöhnung zu regelmäßiger und geregelter beruflicher Thätigkeit kann nicht aufkommen. Das Hin und Her zwischen Monaten, in denen vielleicht auch nicht ein rother Heller vereinnahmt wird, und der Saison mit ihrem dürftigen Verdienst wirkt einem geordneten, überlegten Haushalten entgegen, ja macht es ganz unmöglich. Wer nicht an Eltern, Mann oder sonstigen Verwandten einen starken Rückhalt hat— und durchaus nicht alle Arbeiterinnen sind in dieser glücklichen Lage—, der muß wochenlang entbehren, borgen, und wenn schließlich die spärliche Verdienstquelle wieder fließt, durch Vorschuß und Zahlung der Schulden die armselige Einnahme schmäler». Wie manche Alleinstehende giebt es da nicht, welche die Roth in das Laster hinabstößt und aus einer Hungrigen zu einer käuflichen Dirne macht. Die satte Tugend mag darob sittlich entrüstet die Nase rümpfen, wer aber des Lebens Nöthe mit ihren Versuchungen kennt, der wird Denen, die von harter Bürde zu Boden gedrückt straucheln und fallen, das Mitgefühl nicht versagen. Zur Vervollständigung des Bildes von der Lage der Blumen- und Blätterarbeiterinnen sei noch auf eine Gefahr hingewiesen, die diesen bei ihrer beruflichen Thätigkeit droht. Wiederholt haben die Gewerbeaufsichtsbeamten Erkrankungen festgestellt— Muskel- und Nervenlähmungen, Störung der Thätigkeit des Herzens und der Verdauungsorgane zc.—, welche als Folgen einer Vergiftung eintraten, die sich die betreffenden Arbeiterinne» durch das Hantiren mit Blumen- theilen und Blättern zugezogen hatten, welche mit giftigen Stoffen gefärbt waren. Die kurz geschilderten Arbeitsbedingungen der Blumen-, Blätter- und Putzfedernarbeiterinnen drängen unwillkürlich zwei Fragen auf die Lippen. Wie ist es möglich, daß die betreffenden Industriezweige zu den bestehenden Bedingungen Arbeitskräfte finden, oberdrein Arbeitskräfte. die mancherlei Vorzüge aufweisen müssen: eine bestimmte Schulung und Uebung. gewandte, zarte Finger, Geschmack, ja künstlerisches Empfinden? Wie ist es möglich, daß Arbeiterinnen bei diesen Bedingungen existiren? Die Fragen finden ihre Antwort durch Umstände, auf welche wir bereits hingewiesen haben. Kleinbürgerliche Mädchen, die nicht durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwerben müssen, die nur für bestimmte persönliche Bedürfnisse eigene Mittel brauchen, die gern eine„bessere" Beschäftigung als die gewöhnliche Fabrikarbeit suchen, eine Beschäftigung, welche die Hände und den äußeren Schein schont: sie sind es, welche dem Unternehmerthum einen sehr starken Prozentsatz der nöthigen Arbeitskräfte stellen. Sie sind es auch, die sich ihrer Lage und ihrer Einsichtslosigkeit zufolge bisher mit den erbärmlichsten Arbeitsbedingungen ruhig abgefunden haben. Freilich nicht blos zum Schaden der Kameradinnen, welche für ihr Brot in des Wortes umfassendster Bedeutung aufkommen müssen, sondern auch zum eigenen Nachtheil. Bei der großen Zahl, in der sie unter der Arbeiterschaft der Berliner Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie vertreten sind, ist ihr Verhalten geradezu ausschlaggebend für das Wie der Arbeitsbedingungen. Auf die ungünstige Gestaltung derselben ist ferner die Heimarbeit von Einfluß. Die Heimarbeiterinnen rekrutiren sich meist aus früheren Fabrik- und Werkstättenarbeiterinnen, die nach ihrer Nerheirathung durch das unzulängliche Einkommen des Mannes zwar zum Mitarbeiten gezwungen sind, aber ebenfalls nicht ihre vollen Existenzkosten erwerben müssen. In Betracht kommt noch, daß ein Theil der Heimarbeiterinnen in den Vororten von Berlin und in den umliegenden Dörfern lebt, wo die Lebensbedürfnisse etwas billiger sind. Die Berliner Blumen- und Blätterarbeiterinnen zumal in den billigeren Sorten leiden außerdem sehr durch die Konkurrenz der sächsischen, insbesondere der Sebnitzer Blumenindustrie. Diese verwendet billige und billigste Arbeitskräfte: kleine Parzellenbauern, Leute, die ein Häuschen oder Gärtchen besitzen und deshalb für Bettelpfennige arbeiten; Kinder in großer Zahl und wie behauptet wird, schon vom S. Lebensjahre an. Die lohndrückenden Wirkungen dieser Konkurrenz und Schmutzkonkurrenz bleiben nicht aus. Welche Umstände aber auch immer zusammenwirken, um die Arbeitsbedingungen in der Berliner Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie zu so unsagbar traurigen zu gestalten: Pflicht der Arbeiterinnen ist es, sich menschenwürdigere Verhältnisse zu erringen und zu erkämpfen. Sie bedürfen dringend höherer, auskömmlicher Löhne, der Beseitigung der aufreibenden Akkordarbeit, kürzerer, geregelter Arbeitszeit und anderer Besserungen noch. Das Gesetz muß deshalb zu ihre» Gunsten durch weiteren Ausbau der Arbeite- rinnenschutzbestimmunge» einschreiten, es muß insbesondere auch der Heimarbeit Schutz und Aufsicht gewähren. Damit nicht genug. Die Gewerkschaftsorganisation muß ihre Macht hinler die Schwäche der Arbeiterinnen stellen. Bitter noth thut diesen der gewerkschaftliche Zusammenschluß, der dort helfend und bessernd einzugreifen vermag, wo die Kraft der einzelnen Arbeiterin versagt. Und zwar muß es eine zentralisirte Organisation sein, welche die Arbeiterinnen tragend und schützend aufnimmt. Nur wenn die Arbeitskräfte der Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie des ganzen Reiches in einem einheitlichen, festgefügten Verband zusammengeschlossen sind, kann die Organisation das höchste Maß ihrer Kraft und Wirksamkeit im Kampfe für günstige Arbeitsbedingungen entfalten. Im buchstäblichsten Sinne des Wortes bedeutet eine zentralisirte, starke Gewerkschaft für die Arbeilerinnen der betreffenden Berufe Brot, genügend Brot, besseres Brot; sie bedeutet für sie Gesundheit und Lebenskraft, Bildungsgelegenheit und Familienglück. Aber freilich: soll die Gewerkschaft die Segnungen vortheilhafter Lohnverhältnisse, kurzer Arbeitszeit zc. bringen, so muß sie möglichst alle Arbeiterinnen der einschlägigen Berufe umschließen. Eine Jede von ihnen muß es als heilige Pflicht und höchste Ehre betrachten, nicht blos Mitglied der Organisation, sondern auch eine überzeugte treue, opferfreudige Gewerkschafteri» zu sein. Mit unermüdliche», Eifer muß sie unter den noch nicht aufgeklärten Schwestern der Arbeit und der Noth Einsicht und Erkenntniß verbreiten, sie der Gewerkschaft zuführen, sie aus demüthigen Kreuzesträgerinnen zu klarblickenden Kämpferinnen heranbilden. Gründung einer strammen, zentralisirte» Organisation, rührigste Agitation für sie, stetes Wirken für ihren Ausbau und ihre gesunde Entwicklung: das muß die Losung Aller sei», welche den Blumen-, Blätter- und Putzfedernarbeiterinne» ein lichteres Geschick erringen wollen. An die Arbeit für die Gewerkschaft und in der Gewerkschaft! Urlieiterinnrnschulz in der Hausindultrie? Eine Einschränkung der Heimarbeit von in Fabriken beschäftigte» Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern bezweckt ein Zusatzantrag Heyl und Genossen zum Z 167 der Gewerbeordnung. Der Antrag hat folgenden Wortlaut: „Hinter§ 137 wird eingeschaltet: K 137 a. Für bestimmte Gewerbe, in denen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter neben ihrer Beschäftigung in der Fabrik vom Arbeitgeber zu Hause beschäftigt werden, kann die Beschäftigung außerhalb der Fabrik durch Beschluß des Bundesraths in folgender Weise beschränkt werden: 1. Den Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern kann für die Tage, an welchen sie in der Fabrik die gesetzlich zulässige Arbeitszeit hindurch beschäftigt waren, Arbeit zur Verrichtung außerhalb der Fabrik vom Arbeitgeber überhaupt nicht übertragen oder für Rechnung Dritter überwiesen werden. 2. Für die Tage, an welchen die Arbeiterinnen oder jugendlichen Arbeiter in der Fabrik kürzere Zeit beschäftigt waren, kann diese Uebertragung oder Ueberweisung annähernd nur in dem Umfang zugelassen werden, in welchem Durchschnittsarbeiter ihrer Art die Arbeit voraussichtlich in der Fabrik während des Restes der gesetzlich zulässigen Arbeitszeit würde» herstellen können, und für die Sonn- u»d Festlage nur insoweit, als die Beschäftigung dieser Personen in Fabriken gestattet ist." Der Antrag Heyl war kaum bekannt geworden, als es sich im Lager der Unternehmer zu rühren begann. Die Herren fühlten sich in ihrem heiligsten Rechte bedroht, dem auf möglichst ungezügelte Ausbeulung der bezahlten Arbeitskräfte, und sie bombardirten nun den Reichstag mit Petitionen, in denen dieser beschworen wird, dem kommenden Unheil entgegen zu wirken. Die neue Bestimmung würde besonders die Konfektionsindustrie schwer schädigen, die eine Saison industrie ist, so behaupteten die Berliner Konfektionsfabrikanten in ihrer Eingabe. Die Zivischenmeister wiederum rufen in der Petition des„Vereins Berliner Schneidermeister für Damenkonfektion" tief gekränkt aus:„Die Bestimmungen des§ 137 a greifen in die persönlichen Rechte des Einzelnen ein, wie nie zuvor ein Gesetz. Wie will man die Arbeitszeit kontrolliren? Solider Schutzmann jederzeit berechtigt sein, in unsere Wohnung zu dringen und wir unter Polizeiaufsicht gestellt werden?" Ein Einwand, der so alt ist wie die Arbeiterschutzbestrebungen überhaupt, scheint den Braven der stärkste Trumpf zu sein, den sie gegen die geplante harmlose Reform ausspielen können. Die Petition enthält außerdem ein unbeabsichtigtes Geständniß, Es steht hier nämlich wörtlich zu lesen:„Wovon sollten wir(die Zivischenmeister) in der schlechten Zeit leben, wenn man den Arbeiterinnen in der Saison verbieten will, länger als 11 Stunden zu arbeiten?" Mit trockenen Worten wird also zugegeben, daß die Zwischenmeister auf Kosten der langen Arbeitszeit der Arbeiterinnen existiren. Am naivsten ist jedoch die Petition, in welcher der Vorstand des Vogtländisch-Erzgebirgischen Jndustrievereins in Plauen i. V. gegen den Antrag Heyl protestirt. Wer bisher noch an dem guten Herzen des Unternehmerthums gezweifelt hat, wird sicherlich durch die Ausführungen des obengenannten Arbeitgeberverbandes eines Besseren belehrt.„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", dachten die Plauenschen Fabrikbesitzer, und so begründeten sie ihren Protest gegen den Antrag Heyl nicht mit dem Einwand, daß ihre eigenen Interessen durch die geforderte Reform leiden könnten, sondern sie spielten sich als die Anwälte der durch den neuen Gesetzentwurf angeblich schwer bedrohten Arbeiterfamilien auf. Was sollten die Arbeiterinnen mit ihrer freien Zeit nach Schluß der Fabrik auch anfangen, wenn sie nicht zur höheren Ehre des Kapitals im„trauten Heim" weiter schuften dürften? Diese letztere Art der Arbeit ist so „leicht, bequem und lohnend", dabei„weder körperlich noch geistig anstrengend", daß sie ein wahres Vergnügen ist. Die Heimarbeit nach Schluß der Fabrikarbeit wird deshalb von den vergnügungssüchtigen Frauen und Mädchen sogar zur Bedingung des Arbeitsantritts in der Fabrik gemacht. Wäre die Heimarbeit mit ihrem veredelnden Einfluß nicht, die erzgebirgische Arbeiterschaft würde physisch und moralisch verkommen.„Die Mädchen und halbwüchsigen Burschen würden ihre freie Zeit in einer Weise zubringen, die keineswegs im Sinne der Gesetzgebung wäre, sondern die sittlichen Verhältnisse der Bevölkerung schädigte." Die Heimarbeit„hindert ferner die verheiratheten Arbeiterinnen, sich dem Vergnügen und allerlei Lustbarkeiten u. a. m. hinzugeben", und die Eltern besitzen in ihr „eines der werthvollste» Erziehungsmittel der Kinder zu segensreicher gewerblicher Beschäftigung". Darum Heil der Heimarbeit,„diesem köstlichen und änantastbaren Besitzthum der industriellen Bevölkerung von Gebirgsgegenden!" Es erübrigt sich, auf die Ungereimtheiten dieses Hymnus auf die Heimarbeit näher einzugehen. Unsere Leserinnen wissen, daß alle verständigen Aerzte, Nationalökonomen und Sozialreformer, welche die Wirkungen der Heimarbeit unbefangen beobachtet haben, einig sind in der Verurtheilung derselben. Wer die Bedingungen kennt, unter denen die Heimarbeit vor sich geht, die tiefen, fressenden Schäden, die sie begleiten, den kann der Antrag Heyl durchaus nicht befriedigen. Er richtet sich nicht gegen die Heimarbeit der weiblichen und jugendlichen Arbeiter überhaupt, sondern nur gegen ihr Auftreten in Verbindung mit Fabrikarbeit. Im Grunde bezweckt er nichts anderes, als den in Fabriken Eine wahre Geschichte. Wort für Wort wiederholt, wie ich sie gehört habe. Von Mark Twain. (Schluß.) Nach einiger Zeit hörten wir von unserer alten Herrin, sie könne nun nicht mehr und müsse alle Nigger auf ihrem Gute verkaufen. Als man mir sagte, daß wir alle in der Auktion in Richmond verkauft werden sollten— Gott im Himmel! da wußte ich, woran ich war!" Tante Rachel war aufgestanden, als sie bei ihrem Gegenstand warm wurde, und jetzt hob sie sich hoch und schwarz vom Sternenhimmel vor uns ab. „Sie legten uns Ketten an und stellten uns auf einen Platz, der war so hoch wie das Vordach hier— zwanzig Fuß hoch— und alle die Leute standen in dichten Haufen um uns herum. Und dann kamen sie alle der Reihe nach herauf und besahen uns von hinten und vorn, drückten unsere Arme, ließen uns ein Stück Probe laufen, und dann sagten sie:„Der ist zu alt" oder„der hinkt, der hier ist nicht viel Werth". Und sie verkauften meinen Alten und nahmen ihn mit fort; dann fingen sie an, meine Kinder zu verkaufen und sie mit fortzuführen, und ich begann zu heulen. Da sagte der Eine:„Halt's Maul mit Deinem einfältigen Gewimmer!", und er schlug mich mit der Hand auf den Mund. Und als sie alle fort waren, außer meinem kleinen Henry, presse ich den an meine Brust, so, stehe auf und sage:„Den dürft Ihr beschäftigten Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern den gesetzlich festgelegten Arbeitstag zu sichern, den» die der Fabrikarbeit zugefügte Heimarbeit ist ein kapitalistischer Kniff, das Gesetz zu umgehen. Dazu kommt, daß der Antrag die geforderte Reform in das Belieben des Bundesraths stellt und Umgehungen Thür und Thor öffnet. Obgleich er, zum Gesetz erhoben, immerhin in der oben angegebenen Richtung einen kleinen Fortschritt bedeuten würde, bliebe er doch gegenüber dem grenzenlosen Elend der Heimarbeit überhaupt wirkungslos. In diesem Sinne äußern sich denn auch die organisirten Arbeiter und Arbeiterin»»«» solcher Industrien, in denen die Heimarbeit eine große Rolle spielt, insbesondere die Konfektionsarbeiter. Zwei große öffentliche Versammlungen der Berliner Konfektionsarbeiter und Arbeiterinnen, die Ende April tagten und gegen die Stellungnahme der Fllnfzehner-Kommission der Berliner Konfektionäre zum Antrag Heyl protestirten, erklärten z. B.:„daß der Antrag Heyl zu Herrnsheim, betreffend die Beschränkung der Heimarbeit 137a der G.-O.), im Sinne einer gründlichen Reform der Arbeitsverhältnisse in der Konfektion nicht weitgehend genug ist, um die Heimarbeit und deren schädliche Wirkungen namentlich für die Arbeiterinnen auf das beabsichtigte Maß zu beschränken; sie erwarten deshalb, daß dieser Antrag nicht nur angenommen, sondern auch gleichzeitig wesentlich verbessert wird." Soll der Heimarbeit, die nachgerade zu einem Hemmschuh des Külturforlschritts geworden ist, ernstlich zu Leibe gegangen werden, so muß man sich für die gesetzgeberische Verwirklichung des noch in dieser Session zur Verhandlung gelangenden sozialdemokratischen Fraktionsantrags entscheiden, der nichts anderes bezweckt, als die Ausdehnung der Betriebsaussicht auf die gesammte Hausindustrie. Das wäre ganze Arbeit im Gegensatz zu dem Flick- und Stückwerk der Heyl und Genossen, die wohl persönlich gute Leute, aber als Kapitalisten auf dem Gebiet der Sozialreform recht schlechte Musikanten sind. hl- lit. Aus der Bewegung. Bon der Agitation. In den letzten Wochen hielt Genossin Zetkin eine Reihe öffentlicher Volksversammlungen ab. Ende April sprach sie in Berlin vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft über: „Die Frauen in der russischen revolutionären und Arbeiterbewegung". An die letzten Ereignisse in Rußland anknüpfend, gab sie einen Ueberblick über die Entwicklung der revolutionären und Arbeiterbewegung im Zarenreiche und schilderte eingehend die hervorragende Antheilnahme der Frauen an derselben, sowie die Bedeutung der russischen Revolutionärinnen als hochstehender, idealer Persönlichkeiten. Die Versammlung nahm die Ausführungen mit stürmischen Beifall auf und gab ihrer Ausfassung durch folgende, einstimmig votirte Resolution Ausdruck:„Die am 23. April in Kellers Festsälen tagende Volksversammlung protestirt mit aller Energie gegen die schamlosen Barbareien der russischen Zarenregierung, welche im mir nicht wegnehmen", sage ich,„wer ihn anrührt, den schlage ich todt!" sage ich. Aber mein kleiner Henry wispert mir ins Ohr:„Ich laufe ihnen davon, und dann arbeite ich und kaufe Dich los." Gott segne das Kind, es war immer so gut! Aver sie rissen ihn von mir weg sie rissen ihn weg, diese Männer; ich aber fuhr auf sie los, zerrte ihnen die Kleider halb vom Leibe und schlug sie mit den Ketten auf den Kopf; und sie gaben mir's mit Zinsen zurück, aber das kümmerte mich nicht. Da war also mein Alter fort, alle meine sieben Kinder— und sechs davon habe ich bis heute noch nicht wiedergesehen, und das war letzte Ostern zwanzig Jahre her. Der Mann, der mich kaufte, gehörte nach Newborn, und dort brachte er mich hin. Die Jahre gingen vorüber, und der Krieg kam. Mein Herr war Oberst bei den Verbündeten, und ich war Köchin in der Familie. Als nun die Unioner die Stadt einnahmen, liefen alle fort und ließen mich ganz allein mit den anderen Niggern in unserem großen Hause zurück. Da kamen die stattlichen Offiziere der llnioner herein und fragten mich, ob ich für sie kochen wollte.„Ach, du meine Güte", sagte ich,„dazu bin ich doch hier." Es waren keine Offiziere von der kleinen Sorte, müssen Sie wissen, es waren die stattlichsten, die's giebt; und wie sie die Soldaten'rumkommandirten! Der General selber sagte mir, ich sollte das Regiment in der Küche führen;„und", sagte er,„wenn Jemand sich in Deine Sache mischt, schmeiß' ihn nur gleich zur Küche'naus; habe nur keine Furcht", sagte er,„Du bist jetzt unter Freunden." Haag eine Friedenskonferenz einberuft, um die öffentliche Meinung Europas zu nasführen, und gleichzeitig ihre eigenen, nach den elementarsten Menschen- und Bürgerrechten ringenden Unterthanen" Männer und Frauen, Greise und junge Leute unbarmherzig niederknütteln läßt; sie begrüßt die selbstaufopfernden Voltskämpfer für politische Freiheiten im Knutenreich, in erster Linie die tapferen und hochherzigen Frauen, die Schulter an Schulter mit den Männern ihre persönliche Freiheit und ihr Leben für das Allgemeinwohl in die Schanze schlagen und versichert sie der Bewunderung und der wärmsten Sympathie der klassenbewußten Proletarierinnen und Proletarier Deutschlands; sie spricht zugleich die Erwartung aus, daß die russische revolutionäre„ Intelligenz" sich in ihrem Streben nach politischen Freiheiten in Rußland aufs Engste an die russische sozialdemokratische Arbeiterbewegung anschließt, da diese allein eine sichere Gewähr für den früheren oder späteren Zusammenbruch des asiatischen Despotismus in Rußland ist." In Göttingen referirte Genossin Zettin über das Thema: „ Die Frauenfrage und die Akademiker". Der gutbesuchten Versammlung wohnten in der Mehrzahl Akademiker bei, die dem Vortrag reichen Beifall spendeten. Die Debatte, an der sich mehrere der Herren betheiligten, drehte sich in der Hauptsache um den Sozialismus und hielt sich dem Inhalt und der Form nach auf einer Höhe, auf der unsere Versammlungsgegner leider nur sehr selten stehen. „ Die Bedeutung des 1. Mai" behandelte Genossin Zettin in einer überfüllten, von der höchsten Begeisterung getragenen Versammlung zu Augsburg. In Leonberg sprach sie über„ Die wirthschaftliche und politische Lage"; in Eltingen, einem Dorfe bei dem genannten Städtchen, über„ Die Getreidezölle". Beide Versammlungen waren gut besucht, die im zuletzt genannten Orte auch seitens vieler Kleinbauern, die ebenso wie die anwesenden Arbeiter den Ausführungen zustimmten. Mit allen gegen eine Stimme gelangte in Eltingen eine Resolution zur Annahme, welche energisch gegen eine Erhöhung der Getreidezölle protestirt und die Beseitigung aller Zölle und Abgaben auf Lebensmittel fordert. Halbjahresbericht der Vertrauensperson für Dresden. Im Folgenden ein kurzer Ueberblick über den Stand der proletarischen Frauenbewegung in Dresden. Was die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen anbelangt, so sind nur langsame Fortschritte zu verzeichnen. Die gewerkschaftliche Agitation hat einen heißen Kampf mit dem Indifferentismus der Arbeiterinnen zu bestehen, die trotz der eindringlichen Lehren ihrer armseligen Arbeitsund Lebensbedingungen die Nothwendigkeit und den mannigfachen Segen der Organisation nur schwer erkennen. Die Bemühungen, die Arbeiterinnen den Gewerkschaften zuzuführen, werden in Dresden zum Theil dadurch beträchtlich erschwert, daß ein großer Theil der weiblichen Arbeiterschaft in den umliegenden Dörfern wohnt. Die ledigen Arbeiterinnen leben hier meist bei den Eltern, denen sie nicht viel für ihren Unterhalt abzugeben brauchen. Die Folge davon ist, daß sie sich mit jedem Bettellohne begnügen und für die Organisation Na, dacht' ich in meinen Gedanken, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit gehabt hat, wegzulaufen, ist er natürlich nach dem Norden gegangen. So kam ich eines Tages hinein, wo die großen Offiziere faßen, in den Salon, und mache einen Knix, so, und nun schieße ich los und erzähle alles von meinem Henry, und sie hörten meine Klagen an, gerade als ob ich zu den weißen Leuten gehörte, und ich sage:" Weshalb ich komme, ist, weil im Falle er fortgekonnt hat und nach dem Norden gegangen ist, wo die Herren herkommen, Sie ihn vielleicht gesehen haben und mir's sagen könnten, damit ich ihn wiederfinden könnte. Er war sehr klein und hatte eine Narbe am linken Handgelenk und an der Stirn." Die Herren guckten mich mitleidig an, und der General sagte: ,, Wie lange ist es denn her, daß Du ihn verloren hast?" Und ich sage:" Dreizehn Jahre." Da meinte der General, da würde er wohl nun nicht mehr klein sein jest wäre er ein Mann. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht! Er war für mich immer noch so ein kleiner Bursche. Ich dachte nicht daran, daß er gewachsen und nun groß geworden wäre. Aber jetzt sah ich's ein. Keiner von den Herren war ihm je begegnet, und so konnten sie nichts für mich thun. Aber diese ganze Zeit über war mein Henry, obgleich ich nichts davon wußte, schon seit Jahren nach dem Norden entlaufen und war ein Barbier und stand auf eigenen Füßen. Und als der Krieg tam, rafft er sich auf und sagt:„ Ich hab's Barbieren nun satt", sagte er,„ ich will gehen und meine alte Mutter aufsuchen, wenn sie nicht gestorben ist." 93 nicht zu gewinnen sind. Ferner ist in Dresden die Zahl der Heimarbeiterinnen sehr groß, die so niedrig entlohnt sind, daß sie Tag und Nacht arbeiten müssen, wenn sie ihre traurige Existenz fristen wollen. Ihnen bleibt weder die Zeit, noch die Energie, über ihre Lage nachzudenken oder gar Versammlungen zu besuchen, um sich aufklären zu lassen. Auch der färgliche Verdienst trägt das Seinige dazu bei, die Heimarbeiterinnen den Gewerkschaften fernzuhalten. Im Verlaufe des letzten Halbjahrs fand in Dresden eine stattliche Anzahl von Versammlungen statt, welche die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Organisationen bezweckten, und in denen die Genossinnen ziet, Kähler und Vogel referirten. Ganz besonders ließen es sich der Fabrikarbeiterverband und der Tabakarbeiterverband angelegen sein, die Arbeiterinnen aufzuklären und zu organisiren. Leider sind jedoch die zunächst erzielten greifbaren Erfolge der rührigen Agitation noch recht geringfügige. Eine Umfrage, die ich bei den einzelnen Gewerkschaften über die Zahl ihrer weiblichen Mitglieder vornahm, ergab die folgenden Daten. In dem Tabakarbeiterverband sind 200 Zigarrenarbeiterinnen und nur 16 Zigarettenarbeiterinnen organisirt, obwohl in der Dresdener Zigarettenindustrie wohl gegen 3000 Frauen und Mädchen darunter sehr viele mit Heimarbeit beschäftigt sind. Die keramische Industrie verwendet in den Porzellan- und Steingutfabriken gegen 500 Arbeiterinnen. Trotz der eifrigsten Bemühungen ist es noch nicht gelungen, eine einzige davon zu organisiren. Nur 15 von den etwa 1000 Arbeiterinnen, welche in den Buchdruckereien thätig sind, gehören ihrer Gewerkschaft an. In der Dresdener Papierindustrie mögen gegen 1800 Arbeiterinnen schaffen, davon sind nicht mehr als 8 organisirt. Der Metallarbeiterverband zählt 114 weibliche Mitglieder; der Verband der Schneider und Schneiderinnen ganze 5; der Verband der Blumen- und Blätterarbeiter und Arbeiterinnen 42. Jm Holzarbeiterverband sind 8 Arbeiterinnen, Polirerinnen, organisirt; der Fabritarbeiterverband weist 14 weibliche Mitglieder auf. Von den sehr zahlreichen Handlungsgehilfinnen gehören nur 5 dem Verband der Handlungsgehilfen an. Alles in Allem beträgt die Zahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen 427. Wie man sieht, haben die Dresdener Genossinnen in gewerkschaftlicher Hinsicht ein sehr großes Arbeitsfeld zu bestellen, auf dem noch unendlich viel ist versucht zu sagen fast alles zu thun ist, und wo die Arbeit unter großen Schwierigkeiten und nur langsam vor sich geht. Trotzdem werden sie den Muth nicht sinken lassen. Allmälig wird es ihrer Thätigkeit gelingen, immer größere Kreise der Arbeiterinnen zu der Erkenntniß wach zu rütteln, daß die Gewerkschaft eine unentbehrliche Voraussetzung für die Erzielung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen ist. Zur besseren Wahrung der Arbeiterinneninteressen wie um mehr Verbindung mit der weiblichen Arbeiterschaft zu erzielen, hat das Gewerkschaftskartell drei Frauen mit der Entgegennahme von Beschwerden der Arbeiterinnen über gesetzwidrige Arbeitsbedingungen beauftragt. Die Beschwerden werden nach gewissenhafter Prüfung man So verkaufte er seinen Stram und ging dahin, wo sie Nefruten annahmen, und vermiethete sich an den Obersten als Diener; und dann machte er alle die Schlachten mit, überall, und suchte nach seiner alten Mama; ja wahrhaftig, er vermiethete sich erst an den einen Offizier und dann an den anderen, ich sage Ihnen, er durchstöberte den ganzen Süden; aber Sie sehen, ich wußte gar nichts davon. Wie hätte ich es wissen sollen? Eines Abends hatten wir einen großen Soldatenball; die Soldaten dort in Newborn hatten immer Bälle und amüsirten sich. Sie hielten sie in meiner Küche ab, ach wie oft, weil sie geräumig war. Verstehen Sie wohl, ich war ärgerlich auf die Leute, weil mein Platz bei den Offizieren war, und es ging mir wider den Strich, die gemeinen Soldaten in meiner Küche so umhertollen zu sehen. Aber ich war immer dabei und hielt auf Ordnung; und manchmal lief mir die Galle über, und dann jagte ich sie alle zur Küche' naus ich sie alle zur Küche' naus können's mir glauben! Eines Abends also es war an einem Freitag da kommt ein ganzes Bataillon von einem Niggerregiment, das im Hause Wache hielt das Haus war Hauptquartier, wissen Sie und da kochte ich vor Wuth! Ich war außer mir! Nein, ich schäumte schon mehr. Schnaubend fuhr ich hin und her und wartete nur darauf, daß sie etwas thun sollten, damit ich losplazen könnte. Und wie sie walzten und tollten! Jesses, was sie sich vergnügten! Und ich schwoll und schwoll immer mehr vor Wuth! Bald darauf kommt da so ein junges Niggerbürschchen, das ein gelbes Mensch um die Taille gefaßt hat, die Küche herab der Gewerbeinspektion übermittelt. Leider aber haben die Arbeiterinnen die Einrichtung bis jetzt so gut wie gar nicht benützt. Es ist dies um so bedauerlicher, als es auch in Dresden durchaus nicht an schweren Mißständen fehlt, unter denen die Arbeiterinnen leiden. Die hier amtirende Gewerbeinspektionsassessorin, Fräulein Dose, nimmt es mit ihren Berufspflichten sehr ernst und hat schon manche Gesetzwidrigkeit in Fabriken und Werkstätten beseitigt. Die Arbeiterinnen könnten deshalb manche Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen erzielen, wenn sie die vom Gewerkschaftskartell geschaffene Einrichtung recht rege benüßen würden. Was die politische Organisation der proletarischen Frauen anbelangt, so haben wir in der letzten Zeit Fortschritte zu verzeichnen. In den drei Dresdener Wahlkreisen gehören 160 weibliche Mitglieder der sozialdemokratischen Parteiorgani sation an. Den Frauen ist bekanntlich in Sachsen die Zugehörigkeit zu politischen Vereinen gesetzlich erlaubt. Die politische Aufklärung und Organisirung der Proletarierinnen wurde durch öffentliche Versammlungen gefördert, in denen die Genossinnen Zieß und Kähler sprachen. Mancherlei Anzeichen sprechen dafür, daß die politische und soziale Einsicht in der proletarischen Frauenwelt Dresdens in erfreulichem Wachsthum begriffen ist. Erklärlich genug. Die Verhältnisse, in denen die Frau der Arbeiterklasse lebt, drängen zum Erwachen aus dumpfer Gleichgiltigkeit. Der Stamm der geschulten Dresdener Genossinnen wird mit Treue und Opferfreudigkeit darnach streben, immer einheitlicher, planmäßiger und rühriger unter den Proletarierinnen zu wirken und sie dem gewerkschaftlichen und politischen Kampfe ihrer Klasse zuzuführen. F. Lehmann, Vertrauensperson. Notizentheil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Der niedrige Verdienst der Polirerinnen in einer Holzwaarenfabrik zu Bergedorf bei Hamburg ist geradezu himmelschreiend. Die Polirerinnen, die in größerer Anzahl in dem betreffenden Betriebe beschäftigt werden, sind meist verheirathete Frauen, welche in verderblicher Kurzsichtigkeit ihren Lohn nur als einen Zuschuß zum Einkommen des Mannes auffassen. Sie begnügen sich mit Wochenlöhnen von 7-8 Mt., die sie für schwere, aufreibende Akkordarbeit erzielen, welche unter Bedingungen vor sich geht, die der Gesundheit nichts weniger als zuträglich sind. Anfängerinnen bringen es nicht auf die angegebenen Sätze, sie verdienen wöchentlich nur 3-4 Mr. Es giebt jedoch auch Arbeiten, bei denen sogar die geübtesten Polirerinnen nicht mehr als 3-4 Mt. Wochenlohn erreichen, also mit wahren Bettelpfennigen abgespeist werden. Auf Beschwerden der Arbeiterinnen über diese erbärmliche Entlohnung antwortete der Betriebsleiter: Die schlechte Arbeit müsse eben mit durchgeschleppt werden". In Folge der Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskräfte sind die " gesegelt; und sie drehten sich um und um und um, daß es einen ganz schwindlig machte, wenn man ihnen zuguckte; und als sie mir gerade vor der Nase waren, fingen sie an, herumzuhopsen, erst auf einem Beine, dann auf dem anderen, lachten über meinen rothen Turban und rissen Wize. Da fuhr ich auf und rief: ,, Marsch fort mit Euch-Lumpengesindel!" Da veränderte sich das Gesicht des jungen Mannes ein wenig, aber nur eine Sefunde lang, gleich darauf lachte er wieder wie vorher. Um diese Zeit kamen ein paar Nigger herein, die Musit machten und zur Regimentskapelle gehörten, und die konnten doch nie das Großthun lassen. Als sie den Abend die erste Prahlerei auftischten, da steckte ich's ihnen aber! Sie lachten, und das machte mich noch wilder. Die übrigen Nigger fingen auch mit an, zu lachen und meiner Seel'! das machte mich ganz rasend. Meine Augen sprühten! Ich richtete mich stramm in die Höhe, so gerade wie ich's jetzt mache, fast bis an die Decke- stemme stemme die Hände in die Hüften und schreie wüthend:„ Hört mal", schreie ich, ich will Euch Niggern was sagen, ich bin nicht zum Spotte für Euch Lumpengesindel geboren! Ich bin eins von der alten blauen Henne ihren Kücken, daß Ihr's nur wißt!" und da sehe ich, wie der junge Mann starr und steif dasteht und an die Decke guckt, als ob er was vergessen hätte und nicht gleich wüßte, was. Ich gehe auf die Nigger los so, wie ein General, und sie reißen vor mir aus und zur Thür' naus. Und als der junge Mann hinausgeht, höre ich, wie er zu einem anderen Nigger sagt: " 94 Akkordpreise für Polirarbeiten überhaupt so tief gesunken, daß Männer dieselben nicht mehr übernehmen wollen. Leider sind von der großen Zahl der Polirerinnen nur 5 dem Holzarbeiterverband beigetreten. Aufgabe der organisirten Arbeiter muß es sein, unter ihren Kolleginnen eine gründliche, nie rastende Agitation zu entfalten, damit dieselben sich der Gewerkschaft anschließen, so daß erfolgreich ein gemeinsamer Kampf gegen die Zustände aufgenommen werden kann, die wir angeführt haben. E. J. Frauen als Hafen- und Schuppenarbeiter. Zum Löschen und Verladen von Torf werden in Norden in Ostfriesland ausnahmslos Frauen verwendet. Der Torf, den man in den ostfriesischen Hochmooren gewinnt, wird in kleine Schiffe geladen und durch die Fehnkanäle nach den einzelnen Orten verschifft. Beim Löschen eines Schiffes sind in der Regel fünf Frauen beschäftigt: zwei Frauen, welche die Torffoden im Schiffe in Körbe packen, eine, die diese Körbe über eine Laufbrücke an den hart am Ufer haltenden Wagen trägt, und zwei andere, welche die Körbe auf dem Wagen wieder ausladen. Ein Wagen faßt in der Regel zwanzig Körbe. Für diese zwanzig Körbe vom Schiffe auf den Wagen zu schaffen erhalten die Frauen sage und schreibe zwei Pfennig, worin sich die fünf zu ,, theilen" haben. Welch ungemein lange und intensive Arbeit dazu gehört, um bei dieser Entlohnung nur den allerbescheidensten Tagesverdienst zu erschwingen, liegt auf der Hand. Mit Tagesgrauen beginnt die Arbeit und währt bis in die sinkende Nacht; ein Aufschauen bei derselben giebt es nicht, und doch wird im besten Falle nur 1 Mk. bis 1,50 Mt. verdient!! Ist die Saison vorüber, so sind die Tage nicht selten, wo 5 Pf. oder auch gar nichts verdient wird. Die Frauen müssen jedoch trotzdem zur Stelle sein, es tönnten ja vielleicht Bestellungen einlaufen! Einen gar traurigen Anblick gewähren diese Aermsten der Armen, wenn sie bei der Arbeit sind. Lauter erbärmliche, vor der Zeit gealterte Gestalten, denen Noth und Ueberanstrengung ihre unauslöschlichen Zeichen ins Antlitz geschrieben haben. Bekleidet sind die Arbeiterinnen mit Rock und Jacke, deren ursprüngliche Farbe man in Folge der vielen Flicken nicht mehr erkennt, sowie mit einer großen fackleinenen Schürze; als Kopfbedeckung dient ein graues, tief in die Stirn gezogenes Tuch, und als Fußbekleidung die ortsüblichen unförmigen Holzschuhe. In Folge der fieberhaften Eile, der Ueberhastung bei der Arbeit sind die Frauen in kurzer Zeit in Schweiß gebadet. Mit dem Schweiß mischt sich bald der Torfstaub, der auch in die Poren der Haut und in die Athmungsorgane eindringt, so daß die Arbeiterinnen nicht nur bald wie Neger aussehen, sondern unzweifelhaft auch gesundheitlich Schaden leiden. Letzteres umsomehr, da die Ernährung in Folge des allzufargen Verdienstes völlig unzureichend ist. Möchte es uns doch recht bald gelingen, diese armen Arbeitssklaven zu zielflaren und begeisterten Mitkämpferinnen für die Arbeiterbewegung zu gewinnen. Louise Zieg. , Jim", sagt er, geh' doch und sage dem Hauptmann, daß ich morgen früh um acht Uhr zur Stelle sein werde; ich hab' was auf dem Herzen", sagt er,„ ich thu' die Nacht kein Auge zu. Geh' jetzt fort und laß mich allein." Das war ein Uhr Morgens. So ungefähr um sieben war ich an der Arbeit, den Offizieren ihr Frühstück zuzurichten. Ich bücke mich eben auf den Ofen' runter gerade so, als wenn Ihr Fuß der Ofen wäre und mache mit der rechten Hand die Ofenthür auf so, schob sie bei Seite, so wie ich jetzt ihren Fuß wegschiebe, und hatte gerade die Pfanne mit den heißen Zwiebacken in die Hand genommen und wollte eben aufstehen, da sehe ich, wie ein schwarzes Gesicht sich unten vor meines schiebt und mich ein Paar Augen angucken, gerade so, wie ich Ihnen jetzt ins Gesicht sehe und ich blieb wie er= starrt in meiner gebückten Stellung und bewegte nicht eine Muskel, sondern stierte und stierte, so sondern stierte und stierte, so und die Pfanne fing an zu zittern, und mit einem Male wußte ich es! Die Pfanne fiel auf den Boden, und ich packe seine linke Hand, schiebe den Aermel zurück, gerade so, wie ich es jetzt mit dem Ihren mache- und dann kriege ich ihn beim Kopfe, streiche ihm das Haar von der Stirn, so, und Junge!" rufe ich, wenn Du nicht mein Henry bist, was soll dann die Narbe an Deinem Handgelenk und die Schmarre an Deiner Stirn? Gott im Himmel sei gelobt! ich habe meinen Jungen wieder!" " O nein, Herr E., ich habe keinen Summer gehabt auch keine Freude!" und Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. 95 Die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter der Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie von Berlin ist erfolgreich in die Wege geleitet worden, ein erfreuliches Beispiel dafür, daß die Gewerkschaftsbewegung immer weitere Kreise der werkthätigen Massen erfaßt, daß sie langsam, aber unwiderstehlich auch in solche Schichten der Ausgebeuteten dringt, die ihr bisher gleichgiltig, ja von Mißtrauen und Abneigung beseelt gegenüberstanden. Zu diesen Schichten, die noch nicht zur Erkenntniß ihrer eigenen Interessen erwacht sind, gehörte auch die Arbeiterschaft der Blumen, Blätter- und Putzfedernindustrie. Erklärlich genug. Hier überwiegen Frauen und Mädchen, die sich dank eines Zusammenwirkens verschiedener Umstände mit ihren jammerhaften Arbeitsbedingungen als mit einem unabänderlichen Geschick abfanden und schweigendes Dulden für ein Gebot der Klugheit hielten. Doch in letzter Zeit begann eine bessere Einsicht in den Köpfen aufzudämmern. Mehr und mehr brach sich die Ueberzeugung Bahn, daß es nothwendig und möglich sei, in bewußter und gewollter Weise für die Herbeiführung besserer Arbeits- und Lebensbedingungen zu wirken, wenn man zu dem erprobten Mittel des Zusammenschlusses griffe, den Grundsatz bethätigend: Alle für Einen, Einer für Alle. Die vorbereitende Agitation, welche im Dienste dieser Ueberzeugung stand, fiel auf fruchtbaren Boden, und die erste Versammlung der Arbeiterinnen und Arbeiter der Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie, welche fürzlich in Berlin stattgefunden hat, bedeutet einen vielverheißenden Anfang zur Organisation. Eine langjährige Blumenarbeiterin, Genossin Rönsch, hatte im Einverständniß mit dem Gewerkschaftskartell in rühriger und geschickter Weise die Versammlung vorbereitet, in der vor Allem den schwer frohndenden weiblichen Arbeitskräften die alte Wahrheit verkündet werden sollte:„ Helft Euch selbst, und die Götter werden Euch helfen." Vor einem dicht gedrängten Publikum entrollte Genossin Ihrer ein trübes Bild von der Lage der Arbeitskräfte in der betreffenden Industrie, dem sie in packenden Strichen die vielseitigen und großen Vortheile der Gewerkschaft gegenüberstellte. Was die Referentin über die Arbeitsbedingungen ausführte, das war so sachkundig, so Zug für Zug der traurigen Wirklichkeit entsprechend, das wurde von so wohlthuender Wärme der Empfindung getragen, daß jede einzelne Arbeiterin sich dadurch gleichsam persönlich berührt und ergriffen fühlte.„ Von Dir und Deinem Elend ist die Rede", das war der Gedanke, der sichtlich alle anwesenden Proletarierinnen beherrschte, als Genossin Ihrer die zahlreichen Uebelstände des Berufs schilderte: die Niedrigkeit des Verdienstes, die Verderblichkeit der Akkordlöhne und der Saisonarbeit, die Konkurrenz der Heimarbeiterinnen und der billigen Arbeitskräfte in Sachsen( Sebnih), den Umstand, daß in der Blumenindustrie viele Beamten und Handwerkertöchter arbeiten, welche sich nicht als Arbeiterinnen fühlen 2c. 2c. Eindringlich und überzeugend wies die Rednerin die Nothwendigkeit und die Segnungen der Organisation nach. Und zwar befürwortete sie mit Recht eine zentralisirte Gewerkschaft, welche die Arbeiterinnen und Arbeiter überall aufnimmt, wo die Blumen- und Blätterindustrie in Deutschland betrieben wird. Schon haben die Arbeitgeber einen festen Verband geschlossen. Die unter schweren Bürden seufzenden Arbeitskräfte müssen dem gegebenen Beispiel folgen. Eine machtvolle Organisation stärkt die Kraft der einzeln Schwachen. Der ungewöhnlich lebhafte Antheil, den die Anwesenden an den trefflichen Ausführungen nahmen, bewies, daß die meisten von ihnen zum ersten Male einer Versammlung beiwohnten, sowohl die Frauen und Mädchen, wie auch die Herren der Schöpfung aus der Blumen- und Blätterindustrie, die sich gleichfalls zahlreich eingefunden hatten. Reichlich erklangen empörte Zwischenrufe und jubelnde Zustimmung, und an den Vortrag schloß sich eine dramatisch bewegte Debatte, in der ein Arbeitgeber vieler falschen Angaben überführt eine wahrhaft flägliche Rolle spielte. So glaubte z. B. der Herr, die Angaben über niedrige Entlohnung mit den brutalen Worten zu widerlegen:„ Arbeiten Sie mehr, dann bekommen Sie mehr." Mit Eifer, Frische und Muth betheiligten sich mehrere Arbeiterinnen an der Diskussion. Sie bestätigten die Ausführungen der Referentin und forderten zur Gründung einer Organisation auf, die unter begeisterter Zustimmung beschlossen wurde. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Chefs und Aufseher, die in dem zwar dicht gefüllten, aber kleinen Saale ihre Arbeiterinnen" leicht kontrolliren konnten, zeichneten sich gegen 100 Frauen und Mädchen als Mitglieder der zu gründenden Gewerkschaft ein. Dieser Anfang berechtigt wie der Geist, der die Versammlung durchwehte, zu den besten Hoffnungen. Als gute Vorbedeutung für die Entwicklung der Organisation verdient auch die folgende Einzelheit verzeichnet zu werden. Es wurde ein Komite mit der Aufgabe gebildet, bis zur nächsten Versammlung die Statuten zu entwerfen. Diesem Komite gehören auch drei weibliche Mitglieder an. Eine der vorgeschlagenen Arbeiterinnen nahm die Aufforderung zur Mitarbeit mit den Worten an:„ Ich betrachte es als meine Pflicht." Diese Aeußerung charakterisirt treffend den Umschwung, der sich in dem Empfinden und Denken der Arbeiterinnen der Blumen-, Blätter- und Putzfedernindustrie zu vollziehen beginnt. Kein Zweifel: unter diesen gedrückten und ausgebeuteten Frauen und Mädchen ist eine tiefe Sehnsucht nach einer Besserung ihrer Lage erwacht, ist das ernste Bewußtsein der Pflicht lebendig geworden, mit voller Kraft und treuer Geduld auf dem Wege der Organisation nach menschenwürdigen Arbeits- und Lebensverhältnissen zu streben. Weibliche Fabrifinspektoren. A. N. Ueber die Thätigkeit der weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten in Hessen wird in den verschiedenen Inspektionsbezirken ein völlig verschiedenes Urtheil gefällt. Die Beamten von Darmstadt und Offenbach sind des Lobes voll.„ Der Verkehr der Arbeiterinnen mit der Assistentin hat sich sehr gehoben, wozu deren Kenntniß von Personen und Gewerben, die aus ihrer dienstlichen Thätigkeit entspringt, wesentlich beitrug", heißt es in dem Bericht über den Inspektionsbezirk Offenbach. Und der Darmstädter Inspektor, der die Stellung der Assistentin den Arbeitgebern gegenüber als eine schwierigere charakterisirt, als die der männlichen Beamten, konstatirt, daß das gegen sie gehegte Mißtrauen im Rückgang begriffen sei und ihre Thätigkeit sich als eine nützliche erwiesen habe. Wenig günstig für die Kollegin lauten dagegen die Aeußerungen der Gießener und Mainzer Inspektoren. Sie melden, daß die Assistentin wenig Sympathien begegne. Ihre Stellung zu den Arbeitgebern habe sich recht unangenehm gestaltet, da ihre Thätigkeit nur in Ermittlung von Uebertretungen der Schutzgesetze für Arbeiterinnen bestehe und die Dame mangels technischer Kenntnisse und Erfahrungen eine berathende Thätigkeit nicht ausüben könne. Der eigenthümliche Vorwurf, der der Beamtin wegen Ausübung einer durchaus legitimen pflichtmäßigen Thätigkeit gemacht wird, erfährt eine bezeichnende Beleuchtung, wenn es weiterhin heißt, die meisten Arbeitgeber erach teten die Einführung weiblicher Beamten für völlig überflüssig". In diesen Aeußerungen tritt uns jene beschränkte Unternehmerauffassung entgegen, wie sie seinerzeit im Reichstag zur Frage weiblicher Inspektionsthätigkeit vom damaligen Handelsminister v. Berlepsch vertreten wurde. Auffällig erscheint es indessen, daß es nach dem Bericht der Assistentin auch nicht gelungen ist, das Vertrauen der Arbeiterinnen zu erringen. Die Scheu der Arbeiterinnen gegenüber der Assistentin ist ebenso groß, als gegenüber den männlichen Be amten, und in einem Falle nahm sogar eine verheirathete Arbeiterin, als familiäre Fragen berührt wurden, daran Anstoß, daß die Beamtin selbst keine Frau ist. Auch waren die vorgebrachten Beschwerden derart, daß sie ohne Bedenken einem männlichen Beamten anvertraut werden konnten." Wir verweisen auf unsere vorjährigen Ausführungen zu der Frage: Wo auf einem verhältnißmäßig so eng begrenzten Gebiet so entgegenstehende Anschauungen über eine und dieselbe Sache bestehen, so grundverschiedene Erfahrungen verzeichnet werden können, da muß die Frage aufgeworfen werden, ob die eine Beamtin sich für ihren Beruf eignet oder ob andere Gründe die über ihre Thätigkeit gefällten Urtheile bestimmt haben. Unerwähnt darf nicht bleiben, daß die örtlichen Besonderheiten, das tiefgewurzelte Mißtrauen der halb ländlichen Industriebevölkerung des Kreises Gießen zum Beispiel, mit zu dem ungünstigen Ergebniß beitragen mögen. Gegen die Einrichtung der weiblichen Gewerbeaufsicht an und für sich beweist es nichts, lehrt doch beispielsweise ein Blick auf die einschlägigen Verhältnisse in unserem größten Bundesstaat, daß es überall auch unter den Männern mehr oder minder fähige Beamte giebt. h. f. Frauenstimmrecht. Die Einführung des kommunalen Frauenstimmrechts in Norwegen ist am 25. Mai in einer gemeinsamen Sitzung des Lagthings( erste Kammer) und des Odelthings( zweite Kammer) endgiltig beschlossen worden. Etliche Zeit schienen die Aussichten des betreffenden Gesetzentwurfs sehr unsichere. Der Grund davon ist in den eigenthümlichen Umständen zu suchen, unter denen das Frauenwahlrecht in Verbindung mit dem allgemeinen Wahlrecht gebracht worden war. Vor drei Jahren wurde das allgemeine Stimmrecht zu den Parlamentswahlen eingeführt. Da die sozialistischen Stimmen nicht in dem Maße anwuchsen, wie die bürgerlichen Parteien ge= fürchtet hatten, wagten sich die bürgerlichen Radikalen einen Schritt weiter vor. Eine Sondergruppe unter Führung des Abgeordneten Nissen unterbreitete dem Parlament eine Vorlage, welche die Er theilung des kommunalen Wahlrechts an alle großjährigen Bürger. ohne Rücksicht auf deren Steuerleistung befürwortete. Die Vorlage stieß zunächst auf heftigen Widerstand, zumal seitens der Konservativen. Die aus den Gemeindewahlen hervorgehenden fommunalen Behörden entscheiden unbeschränkt in allen Fragen der Gemeindesteuern. Die Konservativen fürchteten nun die Folgen eines Wahlrechts, das dem Proletariat Einfluß verleiht. Sie suchten ein Gegenmittel und brachten deshalb den Antrag ein, das kommunale Wahlrecht solle auch auf die steuerzahlenden Frauen ausgedehnt werden. Die steuerzahlenden Frauen mit ihrem gefunden wirthschaftlichen Sinn" sollten als Gegengewicht gegen den proletarischen Einfluß dienen. Die Radikalen hatten dem kommunalen Frauenwahlrecht von jeher sympathisch gegenüber gestanden. Als es jedoch unter den vorliegenden Umständen gefordert wurde, fehlte es nicht an Stimmen in den Reihen der Linken, welche vor dem Danaergeschenk der Rechten" warnten. Manchem Abgeordneten der Linken war die Verquickung des allgemeinen Wahlrechts mit dem Frauenwahlrecht ein willkommener Vorwand, um sich gegen das„ Allemanns- Wahlrecht" zu wenden. Trotz allem nahm schließlich das Odelthing das allgemeine kommunale Wahlrecht für Männer mit 48 gegen 36 Stimmen an; das Wahlrecht für Frauen, welche ein Einkommen von mindestens 300 Kronen auf dem Lande, von 400 Kronen in der Stadt versteuern, wurde mit 68 gegen 17 Stimmen votirt. Die erste Kammer, das Lagthing, versagte jedoch dem Entwurf mit 16 gegen 13 Stimmen seine Zustimmung, und dies in Folge der schwankenden Haltung der bürgerlichen Radikalen und Demokraten, welche sich vor den Folgen des allgemeinen Wahlrechts fürchteten. Wie schon im Odelthing, so trat dagegen auch im Lagthing der Staatsminister Steen sehr nachdrücklich und warm für die geforderten Reformen ein. Er erklärte unter Anderem:„ Nun wird auch seitens der Linken gesagt, daß man, um in der Kommune Stimmrecht zu erhalten, Steuern zahlen sollte. I st denn nicht die Frucht von eines Mannes ganzer Arbeit mehr werth, als einige Kronen Steuer?" Zufolge des ablehnenden Beschlusses des Lagthings mußte die Vorlage nochmals von beiden Kammern getrennt berathen werden. In gemeinschaftlicher Sitzung gelangte sie dann endgiltig zur Annahme. Damit ist nun in Norwegen das allgemeine fommunale Wahlrecht für Männer eingeführt, das kommunale Frauenwahlrecht jedoch nur für die steuerzahlenden Frauen. Das Gemeindewahlrecht fällt allen Frauen zu, die das 25. Lebensjahr erreicht haben, norwegische Staatsbürgerinnen und fünf Jahre im Lande ansässig sind und entweder selbst für das letzte Steuerjahr Staats- oder Gemeindesteuer für ein jährliches Mindeſteinkommen von 300 Kronen auf dem Lande, von 400 Kronen in der Stadt entrichtet haben oder aber in Gütergemeinschaft mit einem Manne leben, der die festgelegten Einkommenssätze versteuert hat. Die eingeführten Neuerungen steigern die Zahl der kommunalen Wähler in Norwegen von 300 000 auf 600000. Gegen 200 000 Frauen erhalten das Wahlrecht. In Christiania wird die Zahl der Kommunalwähler von 35000 auf 70000 anwachsen, unter denen sich 30000 weibliche befinden. Die norwegischen Frauen hatten eine fräftige Agitation entfaltet, um die Einführung des Frauenwahlrechts zu erreichen. In dieser Agitation fämpften die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen wieder einmal für das Recht des Besitzes und nicht für das Recht der Person, für Sonderinteressen und nicht für das Allgemeinwohl. Der„ Landes- Frauenstimmrechtsverein", dem„, 609 weibliche Steuerzahler" angehören, protestirte Namens derselben in schärfster Weise gegen jede weitere Ausdehnung des Männerstimmrechts, so lange nicht den Frauen das Stimmrecht zugestanden ist". Der engherzige und selbstsüchtige Protest wurde einzig und allein mit dem Hinweis auf das versteuerte Vermögen oder Einkommen begründet. Der Geldsack wurde also über die Rechte des Menschen und seine Leistungen gestellt. Man vergleiche mit dieser bornirten Auffassung die oben angeführten Worte des Ministers über den Werth der Arbeit eines Mannes. An der Demonstration, welche am 17. Mai, dem norwegischen Verfassungsfeste, zu Gunsten der Reform des Gemeindewahlrechts stattfand, betheiligten sich auch die Frauen. In dem großen Festzug bildeten sie eine Sondergruppe, in der 15 Vereine mit 1800 bis 2000 Theilnehmerinnen vertreten waren. Ihre Rednerin, Fräulein Holsen, feierte den erwarteten Sieg des Frauenstimmrechts. Ein Zentralverband von Frauenstimmrechtsvereinen in England hat sich fürzlich konstituirt. Vorsitzende der Organisation ist Lady Balfour, an der Spitze des Exekutivkomites steht Mrs. Faweett. Die Ausdehnung des politischen Wahlrechts auf die Frauen haben 29359 Arbeiterinnen der Baumwollindustrie von Lancashire in einer Petition vom englischen Parlament gefordert. Die Petition wurde von einer Deputation der Arbeiterinnen mehreren Parlamentsmitgliedern überreicht, von denen sich besonders 96 Sir Charles Dilke zu Gunsten des Frauenwahlrechts äußerte. Es ist unsicher, ob das Parlament noch in dieser Session sich mit der geforderten Reform beschäftigen wird. Frauenbewegung. Frauen als Mitglieder eines akademischen Senats. Dem akademischen Senat der Staatsuniversität von Illinois( Vereinigte Staaten) gehören zwei Frauen an: Mrs. Abbot und Mrs. Fowler. Eine besoldete weibliche Kraft zur Leitung des städtischen Pflegestellenwesens beabsichtigt der Magistrat von Charlottenburg anzustellen. Verschiedenes. Die Ortskrankenkasse der Schneider, Schneiderinnen und verwandter Gewerbe zu Berlin ist eine der wenigen im Deutschen Reiche, vielleicht die einzige, die unter weiblicher Leitung steht. Genossin Emma Reimann ist seit 1899 Vorsitzende der Kasse. Als sie in den Vorstand gewählt wurde, hatte die Kaffe 9000 Mt. Schulden. Obgleich nun unter der neuen Verwaltung die freie Arztwahl eingeführt wurde, und obgleich die Kasse schwer darunter leidet, daß die besten Schneiderbetriebe Berlins ihre Arbeiter in der Innungsfrankenkasse versichert haben, so gedeiht die Kasse nun vortrefflich. Mit 41148,99 Mt. Manko im Reservefonds schloß die alte Kassenverwaltung ab. Ende Januar 1901 hatte die Kasse dagegen die Mittel, um den Reservefonds den gesetzlichen Ansprüchen entsprechend zu füllen, und außerdem noch einen Betriebsfonds von 13085,58 Mr. Das Gesammtvermögen betrug am 31. Januar 1899 248 853,39 Mt., am 31. Januar 1901 342000,46 Mt., somit stieg es unter der neuen Verwaltung fast um 100000 Mt. Die Mitgliederzahl betrug im Jahre 1901 22773, darunter blos 2319 männliche Mitglieder. Auch die Mehrzahl der Arbeitnehmervertreter im Kassenvorstand sind Arbeiterinnen. a. br. Bestrebungen zur Hebung der Stellung der Frauen im islamitischen Orient treten auf. Sie werden zunächst von Männern, nicht von den Frauen selbst verfochten. Einer der Vorkämpfer ist Kasim Bey Amin, Rath am höchsten einheimischen Gerichtshof in Aegypten. Einem früheren Buche„ Die Befreiung der Frau" hat dieser kürzlich ein zweites:„ Die neue Frau" folgen lassen. Einen Einblick in den Gedankenkreis dieses Buches geben folgende Zitate, die wir einem Aufsatz Dr. E. Harders in der„ Täglichen Rundschau" entnehmen. Rasim Bey Amin schreibt:„ Früher hegten die Europäer auch die bei uns heutzutage herrschende Meinung, die Frauen seien nichts als Werkzeuge der Verführung und Fallstricke des Satans. Das Weib sei lang von Haar und kurz von Verstand, allein zum Dienste des Mannes erschaffen. Die abendländischen Gelehrten, Philosophen, Dichter und Priester hielten daher seine Belehrung und Erziehung für nußlos, verspotteten vielmehr die Frau, die den Kochtopf verließ, um sich dem Studium wissenschaftlicher Bücher zu widmen. Als aber die Hülle der Unwissenheit abgestreift und die Lage der Frau gründlich untersucht wurde, entdeckten die Männer, daß sie selbst die Ursache ihrer Erniedrigung waren. Das Weib sei ein Mensch wie sie und habe das Recht, seine Freiheit zu genießen und seine Kräfte zu gebrauchen. Von nun trat der Wendepunkt für die abendländische Frau ein. Sie fing allmälig an, ihren Verstand und Charakter zu bilden und erlangte ein Recht nach dem anderen. Sie gesellte sich zu den Männern beim Studium in den Schulen, setzte sich zu ihnen in den Hörsälen der Universitäten und erschien auf den wissenschaftlichen Kongressen. So verschwand in furzer Zeit aus der Welt des Seins jenes thierische Wesen, bedeckt mit Schmuck, gehüllt in Kleider, beschäftigt mit Tand, und an seiner Statt erschien die neue Frau, die Schwester des Mannes, die Gefährtin des Gatten, die Erzieherin der Kinder. Eine solche Umwandlung erstreben wir für die ägyptische Frau, und wenn unser Ziel erreicht ist, so wird zweifellos diese kleine Bewegung das größte Ereigniß in der Geschichte Aegyptens sein." Der Verfasser hebt mit Stolz hervor, daß das islamitische religiöse Gesetz schon vor dreizehn Jahrhunderten der Frau die Rechte eingeräumt hat, die sie im Abendland erst vor kurzer Zeit erlangte, ja deren sie noch nicht überall theilhaftig geworden ist.. Sie besaß danach völlige persönliche Gleichstellung mit dem Manne in der Verwaltung ihres Vermögens und Verfügung darüber, sie konnte Vormund des Mannes sein und das Amt eines Kadi und Mufti bekleiden, also richterliche Thätigkeit ausüben. Schon in seinem ersten Werke hatte der Verfasser nachzuweisen gesucht, daß nach dem Texte des Korans die Entblößung des Gesichtes und der Hände, sowie der Umgang der Frauen mit den Männern ausdrücklich gestattet ist. M. W. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Settin( Bundel) in Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Dies Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.