Nr. 17. Die Gleichheit. 11. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 14. Auguſt 1901. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Für Brot, Bildung und Freiheit! Arbeiterinnen, organisirt Euch! Frauenarbeit in Bremen. Von a. br. Rückblick auf den Ausstand in Cunewalde. Von W. Kähler. Aus der Bewegung. Feuilleton: Krisis. Ein Sonnenstrahl. Gedichte von E. Preczang. Notizentheil: Arbeiterinnenstreik. Frauenstimmrecht. Frauenbewegung. Weibliche Fabrikinspektoren. Für Brot, Bildung und Freiheit! Für Brot, Bildung und Freiheit drängt sich in diesen Tagen den arbeitenden Massen Deutschlands ein heißer Kampf auf, bei dem die proletarischen Frauen energievoll und begeistert in den ersten Reihen fechten müssen. Die längst drohende Gefahr von Wucherzöllen auf Brot und anderen unentbehrlichen Lebensmitteln hat feste Gestalt ge= wonnen. Wissende plauderten aus der Schule. Sie enthüllten durch Angaben über einzelne geplante Zollerhöhungen, daß die Regierung Willens ist, die Interessen der millionenköpfigen arbeitenden Bevölkerung der nimmersatten Gefräßigkeit einer Handvoll Junker zu opfern. Die Regierung hat in der Folge der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb im Reichsanzeiger" den Entwurf eines Zolltarifgesezes nebst dem dazu gehörigen Tarif veröffentlicht. Bestätigt sind nun die allerschwärzesten Befürchtungen, welche betreffs einer künstlichen Vertheuerung der Lebensmittel und einer schweren Störung des nationalen Wirthschaftslebens in den letten Monaten die Massen durchzittert haben. Nicht nur Brot, Mehl und aus Mehl hergestellte Nahrungsmittel sollen durch eine gemeingefährliche Erhöhung der Zölle noch weiter vertheuert werden. Die Regierung will vielmehr, daß fortan bedeutend gesteigerte Zollfäße auch die Preise für Vieh, Fleisch, Gries, Graupen, Hülsenfrüchte, getrocknetes Gemüse, frisches und trockenes Obst, Eier, geschlachtetes Federvieh, Hopfen, Petroleum 2c. zu unerschwinglicher Höhe emportreiben. Ebenso sollen viele Industriezölle wesentlich erhöht werden. Theuerungspreise, Hungerpreise für die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse grinsen der Proletarierin aus allen Bestimmungen des Entwurfes entgegen. Und neben ihnen lauert noch eine andere, fürchterliche Plage. Die der Zollfriege mit den Staaten, deren Einfuhr nach Deutschland unter den Wucherzöllen leiden müßte. Zollkriege oder auch nur beträchtlich erschwerte und gestörte wirthschaftliche Beziehungen mit anderen Ländern schlagen aber dem Wirthschaftsleben des deutschen Volkes, zumal aber der deutschen Arbeiterklasse, die tiefsten, brennendsten Wunden. Kein Absaz mehr oder nur geringer Absatz von deutschen Waaren nach dem Ausland, und es stockt Handel und Wandel im Reiche. Die Arbeitsgelegenheit wird seltener, es sinken die Löhne, Tausende und Zehntausende von Lohnsflaven fliegen beschäftigungslos, brotlos aufs Pflaster. Werden die Zölle erhöht, so brausen also von zwei Seiten her Riesenwogen von Sorgen und Nöthen der schlimmsten Art über die deutsche Arbeiterklasse herein. Theuerungspreise und Flaue, d. h. geringeres Einkommen, vielleicht gar kein Einkommen, und der Masse der frohndenden Habenichtse wird im buchstäblichsten Sinne des Wortes das Stück Brot vom Munde gerissen, sie wird dem Hunger preisgegeben, es Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. steigen ihre Entbehrungen, es wächst ihre Pein. Und was be= deutet das anders, als eine Einbuße an Lebensfreude, Gesundheit und Lebenskraft für Die, denen dies alles ohnehin recht spärlich zufällt! Das Brot bedroht und mit ihm die Bildung bedroht, die Freiheit bedroht! In der That: jeder Pfennig mehr, den die Männer und Frauen der Arbeit für des Leibes Nahrung und Nothdurft ausgeben müssen, mindert den schmalen Betrag, den sie für Bildungszwecke aufwenden können. Die steigende Last_an Sorgen, Entbehrungen und Hunger drückt die Frische und Empfänglichkeit des Geistes herab, lähmt die Kraft des Willens. Matt und kraftlos läßt das drängende Begehren nach Aufklärung und Wissen, nach höherer Kultur und Freiheit die Flügel hängen. Bildung und Freiheit gefährdet, nicht bloß durch die unvermeidlichen wirthschaftlichen Ergebnisse der Wucherzölle, sondern auch durch ihre politischen Folgen! Die Theuerungspreise stärken mit der Mammonsgewalt auch die politische Macht des Junkerthums. Das Junkerthum haßt aber Bildung und Freiheit des arbeitenden Boltes gleich Todsünden. Entreißen sie doch die robottenden Massen der Ausbeutung der blaublütigen Sippe. Kein Zweifel deshalb; diese wird ihre gefräftigte politische Herrenstellung brauchen und mißbrauchen, um auf allen Gebieten Bildung und Freiheit Derer zu beschneiden, die ihr zins- und tributpflichtig bleiben sollen. Brot, Bildung, Freiheit in Gefahr Güter, welche die ausbeutenden und herrschenden Klassen so wie so schon den Ausgebeuteten und Unterdrückten recht färglich zumessen, dieser Ruf müßte auch die letzte Arbeiterin, die letzte Arbeiterfrau in die Reihen der Kämpfer wider die Wucherzölle treiben. Wen drückt die Sorge um das tägliche Brot schwerer, als die Lohnsflavin, die von dem profithungrigen Unternehmer für ihr Mühen mit Bettelpfennigen abgefunden wird; als die proletarische Hausmutter, die mit winzigem Wirthschaftsgelde zahlreichen Essern den Tisch bestellen muß. Schon jetzt kann sich die Eine kaum satt essen, auch wenn sie tagaus tagein in Zichorienbrühe„ schlemmnt" und bei Kartoffeln und Hering" praßt". Schon jetzt kann die Andere kaum die nöthigen Rücklagen für Wohnung, Kleidung, Schuhwerk, Steuern 2c. ermöglichen, auch wenn sie mit der raffinirtesten„ Sparsamkeit" die dürftigsten Gerichte auftischt. Und sind in unseren Zeiten nicht auch im Innern der Arbeiterin, der Arbeiterfrau Stimmen lebendig geworden, die sehnsüchtig, eindringlich nach Aufklärung und Geisteslicht, nach höherer, voller Entwicklung der Persönlichkeit, nach Freiheit verlangen! Die denkende Proletarierin will aus einer sozial Unmündigen zur gleichberechtigten Gesellschaftsbürgerin werden, aus einer ausgesaugten und gefnechteten Lohnsklavin zur freien Arbeiterin in einem Gemeinwesen, von freien, gleichberechtigten Arbeitern. Sie weiß, daß sie Bildung und Freiheit bedarf, um in der einen und anderen Beziehung ihre Gleichberechtigung zu erkämpfen. Und fordert nicht das Mutterherz stürmisch, daß den Kindern an Bildung, Freiheit, Gleichberechtigung zu Theil werden soll, was der Frau heute versagt bleibt! Kein Wunder deshalb, daß neben dem Proletarier die prole= tarische Frau in dem Kampfe gegen die Wucherzölle, gegen die Wucherpolitik erscheint. Sie hat in dem Kampfe nicht blos ihre wichtigsten materiellen und ideellen Tagesinteressen zu schützen. Sie muß vielmehr ihre gesammten Klasseninteressen gegen die aus= beutenden Klassen und ihren Staat vertheidigen. Denn wie liegen die Dinge? In der gleichen Zeit, wo der deutsche Kapitalistenstaat sich anschickt, den Hunger der Arbeiterklasse den Krautjunkern zur Ausplünderung zu überliefern, ist er am Werke, durch Stillstand und Rückwärts auf dem Gebiete der Sozialreform, durch Meuchelung der wirthschaftlichen und politischen Bewegungs- und Kampfesfreiheit des Proletariats die proletarische Arbeitskraft den Schlotjunkern zur schrankenlosen Ausbeutung zu überantworten. Wucherpolitik und Arbeitertrutzpolitik gehen einträchtig Hand in Hand als legitime Kinder der Klassenherrschaft der Besitzenden über die Besitzlosen. Keine Täuschung deshalb darüber, daß in dem Kampfe gegen die Wucherpolitik der junkerfrommen Regierung die Männer und Frauen des werklhätigen Volkes nur auf sich selbst zählen dürfen und auf ihre eigene Partei: die Sozialdemokratie. Der Kampf für Brot, Bildung und Freiheit trifft über den Tagesfrevel der Wucherzölle hinaus die Gesellschaftsoidnuug der frevelhaften Auswucherung der proletarischen Arbeitskraft. Je inbrünstiger die Proletarierin das Ende dieser Gesellschaftsordnung herbeisehnt, mit um so leidenschaftlicherem Eifer muß sie auch im entbrannten Streite ihre volle Schuldigkeit thun. Arbeiterinnen, organisirk Euch! Arbeiterinnenloos. trauriges Laos! Wer empfindet die furchtbare Wahrheit dieses Wortes lebendiger, qualvoller als die Hunderttausende von Lohnsklavinnen? Als Arme der Fuchtel des aussaugenden Kapitalismus unter- than, müssen sie im Schweiße ihres Angesichts um ihr Brot ringen, und wie oft— trotz Strömen von vergossenem Schweiße— vergeblich. Ob der Thätigkeitsdrang kraftstrotzenden Lebens in ihren Adern pulsirt, oder Schwächlichkeit und Siechthum das Schaffen zur dornenreichen Pein gestalten: ganz gleich, die Arbeiterin muß rackern und schanzen. Sie muß, auch wenn jede Faser ihrer Muskeln, jede Fiber ihrer Nerven vor Ueberanstrengung und Schmerz bebt. Sie muß, und wenn sie zehnmal weiß, daß die Frohn langsam den Körper vergiftet, das letzte Fünkchen Lebenskraft zum Erlöschen bringt, Alter, Gebrechlichkeit und Tod vorzeitig herbeiruft. Sie muß sogar in der Zeit, wo die Mutterschaft ihre heiligen, unabweisbaren Forderungen an den Organismus der Frau stellt; sie muß sogar in dem Falle, wo die Arbeit das keimende Leben unter ihrem Herzen bedroht. Die Arbeit fordert den ganzen Werkeltag und oft noch die Nacht und den Sonntag der Lohnsklavin ein. Sie raubt ihr die Möglichkeit, sich an der Natur zu freuen und zu erquicken, dem heißen Bildungsdrang zu gehorchen, Familienpflichten zu erfüllen, Familienglück zu genießen. Und der Lohn für die Körper und Geist zermürbende Frohn? Bettelpfennige, zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben, welche die Arbeiterin zur chronischen Unterernährung, zum langsamen Verhungern verurtheilen. Bettelpfennige, welche die Arbeiterin zwingen, in einem zugigen Dachkämmerchen oder in einer feuchten, luft- und lichtlosen Hofwohnung zu Hausen, sich als Schlafgängerin mit Schicksalsgenossinnen zusammenpferchen zu lassen, wie es den Schweinen in Cadinen nicht geschieht. Bettelpfennige, die bedingen, daß der Arbeiterin alles vorenthalten bleibt, was das Leben lebenswerth macht. Als Zugabe aber vielleicht noch eine grobe, unwürdige Behandlung seitens des Vorgesetzten, wohl auch Zudringlichkeiten, die tiefer verletzen als die ärgste Grobheit. Warum tauscht die Arbeiterin für fleißiges Mühen all diese Plagen ein? Ist denn die Arbeit ein Fluch und nicht ein Segen? Kann Arbeiterinnenloos nicht glücklich Loos sein oder werden? Wir wollen Auskunft auf diese Fragen, so müssen heutzutage die dichten Schaaren fieberhaft thätiger und doch darbender proletarischer Frauen und Mädchen rufen. Die moderne Arbeiterbewegung giebt ihnen die verlangte Auskunft. Sie sagt: Die kapitalistische Ausbeutung ist es, welche die Arbeit für die Arbeitenden selbst aus einem Segen in einen Fluch verkehrt, weil sie ihnen die Früchte ihres Schaffens raubt und den Ausbeutern in den Schooß wirst, auch wenn diese Tagediebe sind. Die kapitalistische Ausbeutung ist es, welche die Arbeit aus einer Freude in eine Qual wandelt, welche sie mit allen Plagen und Schädlichkeiten verquickt, unter denen die Arbeiterin seufzt. Denn die kapitalistische Ausbeutung kennt keine Rücksicht auf das Wohl der Interessen der Arbeitenden. Sie hat nur einen Leitstern: den Profit der Ausbeutenden. Deshalb Kampf der Arbeitenden und Ausgebeuteten gegen die kapitalistische Ordnung, ihrer Nutznießer und Träger! Nur dieser Kampf gestaltet allmälig Arbeiterinnenloos zu einem glücklicheren Loos. Er beschränkt die Ausbeutermacht des Unternehmerthums, er zerschmettert schließlich das System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aber die Arbeiterin, die Arme, die Schwache, wie soll sie den Kampf gegen die übermächtige, gold- und herrschaftsgewaltige Ausbeuterklaffe und ihre Ordnung führen? Zeigt ihr nicht jede protzig abgeschlagene Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, wie lächerlich gering ihre eigene Kraft ist? Gewiß. Die Arbeiterin muß sich deshalb vor Allem die eine Erkenntniß einprägen: Einigkeit macht stark! Fester Zusammenschluß und einheitliches Handeln lassen auch die Arbeiterinnen mächtig werden. Je widerstandsschwächer die Proletarierin dem Unternehmer gegenüber ist, je elender in der Folge ihre Arbeitsbedingungen sind, und je verhängnißvoller die gewissenlose Ausbeutung auf ihr Leben und Sein als Frau zurückwirkt: um so dringender bedarf sie in ihrem Kampfe gegen die Kapitalistenklasse des Schutzes der gewerkschaftlichen Organisation. Die gewerkschaftliche Organisation ermöglicht es, daß auch zu Gunsten der Arbeiterin, in Vertheidigung ihrer Jnterressen Menschenrecht der Geldsacksgewalt gegenüber zum Worte, zum Siege gelangt. Die Gewerkschaft zwingt dem profitgierigen Unternehmerthum kürzere Arbeitszeit ab, die der Arbeiterin noch dringender noth thut als dem Arbeiter. Schädigt doch das lang ausgedehnte Schuften ihren Organismus empfindlicher als den des Mannes, und rächt sich doch die Ueberanstrengung ihrer Kräfte in verderblichster Weise an den Kindern, denen sie das Leben schenkt. In der Hauswirthschaft und vor Allem bei der Pflege und Erziehung der Kinder fallen ihr Pflichten zu, welche der Vater nicht zu leisten hat. Und muß sie in den meisten Fällen nicht mehr noch als ihr Kamerad in Fabrik und Werkstatt nachholen, um die Lücken ihres Wissens auszufüllen? Die Gewerkschaft entreißt dem Ausbeuterklüngel höheren Lohn. Welcher Segen für die elend gezahlte Arbeiterin, deren Verdienst meist an der Hungergrenze hin und her pendelt, und die aus der Hand in den Mund zu leben gezwungen ist. Ist es denn nicht der jämmerliche, unsichere Verdienst, der Hunderte in die Straße stößt, um hier ein Stück Brot aufzuheben, das ihnen fleißige Arbeit nicht gewährt? Höherer Lohn, und die Arbeiterin hat die Möglichkeit, ihrer Existenz einen etwas kulturwürdigeren Zuschnitt zu geben, ein paar Groschen für andere als leibliche Bedürfnisse zu verwenden, sie gewinnt Mittel für Bildung des Geistes und der Sinne, für edleren Lebensgenuß. Die Gewerkschaft kämpft für gesunde Arbeitsräume, für Maßregeln und Einrichtungen, welche Gesundheit und Leben der Arbeitenden schützen. Das Ziel dieses Kampfes liegt im Interesse der Arbeiterin, deren Körper ganz besonders unter gesundheitsschädigenden Einflüssen leidet. Die Gewerkschaftsbewegung nöthigt das machtstolze Unternehmerthum, in den ausgebeuteten Proletariern mehr zu sehen, als bloße billige, lebendige Anhängsel der kostbaren tobten Maschinen: als fühlende, denkende, wollende Menschen. Sie erringt den Lohnsklaven menschenwürdige Behandlung. Menschenwürdige Behandlung, welche hoffnungsreiche Aussicht für die Arbeiterin, die nur zu oft mit Ohrfeigen und Schimpfwörtern traktirt wird! Die Gewerkschaft bietet der Arbeiterin noch zahlreiche andere bedeutsame, materielle Vortheile. Sie unterstützt sie im Falle der Arbeitslosigkeit, vielfach auch bei Krankheit und Noth. Sie verficht ihr Recht in jeder Hinsicht; sie wacht über die Durchführung der dürftigen gesetzlichen Bestimmungen, welche die lohnarbeitende Frau schützen; sie strebt darnach, daß das Gesetz die kapitalistische Ausbeutungsfreiheit noch weiter einengt. Unschätzbar ist, was die Gewerkschaft in ideeller Hinsicht für die Arbeiterin leistet. Sie lehrt sie nachdenken über ihre Lage und die Mittel, sie zu verbessern: sie klärt sie über das Warum ihres Elends auf und zeigt ihr den Weg, der aus der Noth zum Glück, aus der Knechtschaft zur Freiheit führt. Das Bewußtsein der Solidarität aller Ausgebeuteten weckt sie in ihr und schult dieses Bewußtsein zur praktischen Bethätigung. Sie hebt die Arbeiterin aus ihrer Vereinsamung empor und läßt ihr den Segen einer Gemeinsamkeit empfinden, den sittlich tragenden Einfluß eines Leidens und Freuens, eines Empfindens, Denkens, Wollens und Kämpfens im Bunde mit Vielen. Sie gliedert die Arbeiterin einer neuen, großen Familie an und bereitet sie für ihre Aufgabe als Gesellschaftsbürgerin vor. Indem aber die Gewerkschaft die wirthschaftliche, die materielle Lage der Arbeiterin verbessert, indem sie die Lohnsklavin mit Wissen ausrüstet und ihr einen zielklaren, kräftigen Willen verleiht, leichtert sie nicht blos die Ketten, welche die erwerbsthätige Proletarierin in der Gegenwart trägt. Sie stärkt damit die geistige und sittliche Kraft der Arbeiterin und macht sie wehrtüchtiger, für ihre volle Befreiung vom Joche des Kapitalismus zu kämpfen. Die größere wirthschaftliche, geistige und sittliche Kampfestüchtigkeit, welche die Gewerkschaft der Arbeiterin verleiht, ist eine Vorbedingung für die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft. Nur in dieser wird aber Arbeiterinnenloos ein glücklich Loos sein, weil nur in ihr die Arbeit frei und jedes Fluches ledig wird. Arbeiterinnen, wollt Ihr Euer hartes Geschick in der Gegenwart etwas freundlicher gestalten? Arbeiterinnen, wollt Ihr in Zukunft Euer volles Menschenthum erobern, die Freiheit. Würde und den Segen der Arbeit für Alle, eine Gesellschaftsordnung des Rechts und der Gerechtigkeit, der Kultur für Jeden, der Menschenantlitz trägt? Organisirt Euch! Frauenarbeit in Bremen. Das Arbeitersekretariat für Bremen und seine Umgebung, das sich in der kurzen Zeit seines Bestandes als eine so außerordentlich nützliche und der Arbeiterschaft fast unentbehrliche Einrichtung bewährt hat. bereicherte seinen ohnedies sehr werthvollen ersten Jahresbericht um eine ebenso gründliche wie dankenswerthe Darstellung der Verhältnisse der Frauenarbeit in den Fabriken. Dieselbe füllt S2 Seiten, darunter zahlreiche Tabellen, und stammt aus der Feder des Genossen Hermann Rhein. Soweit dies im Rahmen der„Gleichheit" möglich ist. wollen wir hier kurz den reichhaltigen Stoff in einer gedrängten Uebersicht zusammenfassen. Hoffentlich wird dies Viele veranlassen, zum Jahresbericht des Arbeitersekretariats zu greifen und dort das nachzulesen, was unserer Arbeit zu Grunde liegt. »» „Die Frau gehört ins Hans!" So rufen die Moralisten und die Spießbürger, die Gescheitelten und die Geschorenen, viele bürgerliche Frauen und die Schreibtischgelehrten. Man verbiete einfach die Fabrikarbeit der verheiratheten Frauen, so salbadern sie, so haben sie es in Zeitschriften und Büchern. in Versammlungen und im Reichstag verlangt. Und da die besten Stützen unserer heutigen Ordnung sich zu dieser Forderung vereinigt hatte», so unternahm die Reichsregierung eine Enquete, um festzustellen. ob ihr Verlangen zu erfüllen sei. Wir haben uns in der „Gleichheit" mit dem werthvollen Ergebniß dieser Erhebung schon eingehend beschäftigt. Die Darstellung der einschlägigen Bremer Verhältnisse läßt uns jedoch eine besondere Besprechung nöthig erscheinen. Dank des großen Eifers unserer Gewerkschaften in Bremen wurde nämlich dort die Erhebung auf alle Arbeiterinnen ausgedehnt, es wurden viel eingehendere Fragen gestellt, als sonstwo im Deutschen Reiche, auch war die Zahl der Antworten eine sehr erhebliche. So hat die Umfrage besonders interessantes Material ergeben und gereicht der Arbeiterschaft Bremens zur hohen Ehre. Warum ist die Arbeiterin nicht zu Hause? Es kann doch nicht Bosheit sein, daß die Arbeiterin nicht wie die Bankiers-. Fabrikanten- oder Beamtenfrau in ihrem Heime weilt. daß sie zeitlich Morgens das Haus verläßt, die Kinder irgendwo unterbringt und oft erst spät Abends heimkehrt, nachdem sie den Tag über im betäubenden Lärm einer Spinnerei oder Weberei, in den ungesunden Räumen einer Tabakfabrik, oder in einer Buchdruckerei oder Kaffeeleserei verbracht hat. Sicherlich sind der Arbeiterin ihre Kinder mindestens so ans Herz gewachsen, wie der Dame aus der Bourgeoisie. die sich Ammen. Bonnen. Gouvernannten. Gesellschafterinnen zur Aufzucht und Erziehung ihrer Kinder anwirbt. Sicherlich hätte sie auch Lust und Streben, ihre Wohnung so schön, so angenehm wie möglich auszugestalten, damit die Familie keinen lieberen Aufenthalt habe, als ihr Heim. Und doch, so sehr viele Arbeiterinnen von dieser Sehnsucht erfüllt sein mögen, sie gehen außer dem Hause dem Erwerb nach. Ihr Streben, ihr Wille wird bezwungen von dem eisernen Muß, von dem ökonomischen Zwang. Von 517 Arbeiterinnen in Bremen, die sich über die Ursachen der Fabrikarbeit verheirathter Frauen äußerten, gaben 90 an. daß sie auf ihren Erwerb für ihren eigenen Lebensunterhalt, sowie für den ihrer Angehörigen angewiesen seien. Von den übrigen 373 erklärten die meisten, daß der ungenügende Erwerb der Männer sie zum Miterwerb zwinge, dann daß Arbeitslosigkeit oder Invalidität des Mannes der Grund ihrer Erwerbs- thätigkeit sei. 41 sagten aus, daß zwar nicht direkte Roth, aber das Bestreben nach besserem Fortkommen, nach besserer Ernährung, besserer Lebenshaltung u. dergl. der Anlaß zu ihrer Berufsarbeit sei. Bios zwei von den 513 gaben als Grund des Erwerbs außer dem Hause an. daß sie keine Kinder hatten und ihr Haushalt ohnedies von Anverwandten besorgt würde. Daß es also Roth, meist bittere Roth ist, welche Dank der kapitalistischen Ausbeutung proletarischer Arbeitskraft die Arbeiterfrau vom„heiligen Herde des Hauses" in das wilde Getriebe der Welt hinauspeitscht, beweisen die Wochenlöhne der Männer, deren Frauen in die Fabrik gehen. In der Textilindustrie, in der Zigarrenindustrie werden oft 18 Mk. als hohe Löhne betrachtet. Fast ein Fünftel der Männer verdiente 7 bis 12 Mk.. über ein Viertel 13 bis 15 Mk., über ein Drittel 16 bis 13 Mk., circa ein Siebentel 19 bis 21 Mk. und blos circa ein Siebzehntel Aller mehr als 21 Mk. Die seichten Moralprediger mögen es doch einmal versuchen. in einer Stadt wie Bremen eine Familie mit drei Mark und weniger im Tage zu erhalten. Wenn sie das fertig bringen und das Leben dann noch lebenswerth finden, so wollen wir ihnen zustimmen, daß es ein bitteres Unrecht der Arbeiterfrau ist, in die Fabrik zu gehen, so wollen wir es auch in der heutigen ungerechten Ordnung für durchführbar halten, die Frau ins Haus zu verweisen. Die Arbeiterehe. Gerade die Kreise, welche so hohen Werth— nicht für sich, wohl aber für die Arbeiter— auf die standesamtliche Eintragung jedes ehelichen Verhältnisses legen, sollten doch nicht vergessen, daß die wilden Ehen zahllos wären, wenn der Arbeiter vor der Eheschließung nicht überzeugt wäre, daß die Braut verdient und als Frau auch finanziell zur Erhaltung des Haushaltes weiter beitragen wird. Ohne diese Ueberzeugung müßten heute Hunderttausende der Arbeiter bei ihrem so kärglichen Verdienst und der hohen Kosten des Lebensunterhaltes auf die Gründung einer Familie und die Eheschließung verzichten. Die Erhebung in Bremen zeigt, daß mehr als die Hälfte der Arbeiterinnen schon im ledigen Stand dem Erwerb nachgegangen ist. Vor der Ehe sind die Ausgaben des Bräutigams und der Braut zusammen gerechnet geringer als nachher die des kinderlosen Ehepaars. Erklärlich genug. Müssen doch in den ersten Jahren Anschaffungen verschiedenster Art für die Einrichtung der Wohnung u. f. w. gemacht werden und diese Anschaffungen sind nur möglich durch den Miterwerb der Frau. Deshalb sehen wir. daß fast zwei Drittel der in die Ehe tretenden Arbeiterfrauen in die Fabrik gehen, um einen Zuschuß zum kargen Verdienst des Mannes zu erwerben. Mit der Dauer der Arbeiterehe wachsen die Sorgen, jedes Kind vergrößert das Defizit des Arbeiterhaushaltes und so muß selbst in kinderreichen Familien die Frau hinaus ins feindliche Leben. All diese Umstände führen dazu, daß die Fabrikarbeit der Frauen kein vorübergehender Zustand sein kann, sie wird vielmehr mehr und mehr zur Regel, sie endet oft erst mit dem Tode! Ergab doch die Erhebung in Bremen, daß mehr als die Hälfte der verheiratheten Arbeiterinnen über 10 Jahre, fast ein Fünftel über 25 Jahre, einzelne selbst 35 bis 40 Jahre als Fabrikarbeiterinnen thätig waren Giebt es doch in Bremen Arbeiterinnen, die über 70 Jahre alt sind und doch noch ihre Knochen der Ausbeutung überantworten müssen. Gesundheitliche Folgen der Tabakarbeit der Frauen. Ueber ein Drittheil der befragten Frauen litten an Krankheiten. Brust- und Lungenerkrankungen kamen vor Allem vor bei den Arbeiterinnen in der Zigarrenfabrikation, in Spinnereien. Kisten- und Gummiwaarenfabriken. Staub und schädliche Dämpfe vermehren die allgemeinen Ursachen der Gesundheitsschädigungen, welche in den Fabriken vorhanden sind. Am schädlichsten stellt sich unter den Hauptfrauenberufen in Bremen die Zigarrenindustrie dar. Nicht viel weniger als die Hälfte der in Zigarrenfabriken beschäftigten Frauen und fast zweij Drittel der in der Zigarrenhausindustrie thätigen waren erkrankt. Die hauptsächlichsten Krankheiten waren: Brust-, Lungen-, Magen- und Unterleibsleiden. Blutarmuth, Bleichsucht, Rheumatismus. Kopf- und Augenleiden. Wenn in der Zigarrenhausindustrie die Gesundheit der Arbeiterinnen noch weit mehr bedroht ist wie in den Fabriken, so trägt vor Allem dazu bei, daß die Arbeitsräume hier meist auch den bescheidensten hygienischen Forderungen Hohn sprechen. Sie liegen oft im Souterrain, sind klein. niedrig und dumpf, dienen nicht blos als Werkstätte, sondern vielfach auch als Wohn-, nicht selten als Schlafraum. Als besondere Mißstände. welche die Erkrankungen begünstigen, bezeichnen die in der Zigarrenindustrie thätigen Frauen: ungenügende Ventilation, schlechte Luft. Tabakstaub. Die Meisten klagen außerdem über zu lange Arbeitszeit und mangelhafte Fabriksräume. Die in der Zigarrenhausindustrie thätigen Frauen nennen als Krankheitsursachen noch das Trocknen des Tabaks im Zimmer, das Arbeiten im Wohnzimmer, die Kleinheit der Wohnungen. Nach dem was wir aus anderen Orten wissen, dürften die gesundheitlichen Verhältnisse in den Gummiwaarenfabriken noch ungünstiger liegen wie in den Zigarrenfabriken, doch wird hierzu kein spezielles Material für Bremen beigebracht. Nächst der Zigarrenfabrikation ist es die Textilindustrie, in der die meisten Erkrankungen, 30 auf 100 Arbeiterinnen, vorkommen. Am ungünstigsten liegen die Verhältnisse da in der Weberei, wo über ein Drittel, und in der Spinnerei, wo genau ein Drittheil der Arbeiterinnen erkrankt ist. Als Mängel der Arbeitsräume werden hier von den Arbeiterinnen angeführt: Steinfußboden. Zugluft, schlechte Ventilation. Feuchtigkeit, ungenügende und ungleiche Heizung, schlechte Luft, Jutestaub. In dem langen Stehen erblicken eine Anzahl Arbeiterinnen die Ursache zu Erkrankungen. 33 Frauen machen die lange Arbeitszeit und nicht weniger als 70 die mangelhaften Arbeitsräume für ihre Leiden mit verantwortlich. 132 Magenleiden kommen in hohem Maße auch bei den Frauen in den Schuhfabriken vor, nämlich bei 6 von 11 Frauen, während andere Krankheiten hier nicht aufgeführt sind. In der Industrie der Holz- und Schnitzstoffe sind ein Vierzehntel, in der Kaffeesichterei 2= 7,14 Prozent, in der Tabakbranche fast ein Sechstel, in den Produktengeschäften ein Neuntel der Arbeiterinnen frank. Von den Frauen in der Schokoladenfabrik und dem Graphischen Gewerbe sind Erkrankungen nicht angegeben. Die zumeist auftretenden Krankheiten sind auch in den vorstehenden Fällen Lungenkrankheiten, Bleichsucht, Magenleiden. Als besondere Mängel der Arbeitsräume werden von den Frauen genannt: in der Schuhfabrik Ventilationsmangel, in den Produktengeschäften wenig Staubabzug, teine Heizung, in einer der Stuhlrohrfabriken stetige Zugluft. Wie für die verheiratheten Arbeiterinnen, so liegt die Gefährdung der Gesundheit durch die regelmäßige Fabrikarbeit auch bei den unverheiratheten Arbeiterinnen vor. Zwar weisen die Zahlen eine verhältnißmäßig geringere Erkrankungshäufigkeit auf wie bei den verheiratheten Arbeiterinnen, was ja die größere Jugend und die damit verbundene größere Widerstandskraft des Körpers leicht erklärt, sowie die geringere Belastung mit häuslicher Arbeit. Aber immerhin sind auch hier fast ein Fünftel Erkrankungen der Arbeiterinnen in der Jutespinnerei, ein Siebentel in den Zigarrenfabriken, über ein Drittel in der Schuhfabrik( wie bei den verheiratheten meist magenleidend), ein Drittel in der Schokoladenfabrik ganz respektable Zahlen. Zweifellos ist aber auch wohl, daß bei vielen dieser in der Entwicklung begriffenen Arbeiterinnen die schädlichen Wirkungen der Fabrikarbeit, namentlich in besonders gesundheitsschädlichen Berufen, erst in späteren Jahren, wenn sie zu den in ihrem Geschlecht begründeten Lebenspflichten berufen werden, zum Vorschein kommen. Insgesammt geben von den 759 unverheiratheten Arbeiterinnen 97 über ein Achtel Erkrankungen an, davon 26 Magen- und Unterleibsleiden, 17 Brustund Lungenleiden, 16 Kopfleiden, 13 Blutarmuth und Bleichsucht. In der Jutespinnerei und Weberei litten über ein Neunzehntel der ledigen Arbeiterinnen an Magenleiden, über ein Vierundzwanzigstel an Kopfleiden, über ein Achtundzwanzigstel an Brust und Lungenleiden. Mit Blutarmuth und Bleichsucht waren über ein Zehntel der ledigen Arbeiterinnen in den Zigarrenfabriken behaftet. Die Mängel, die nach den Angaben der unverheiratheten Arbeiterinnen besonders die Erkrankungen befördern, sind die gleichen, auf welche die verheiratheten Arbeiterinnen hinwiesen. Von den Arbeiterinnen in der Konfektion wird mehrfach über schlechtes Licht geklagt; mehrere der dortigen Arbeiterinnen sind an Augenleiden er frankt. Wie wenig die Unternehmer geneigt sind, allen gesundheitsschädigenden Einflüssen vorzubeugen, ergiebt sich auch daraus, daß in der Jutespinnerei und Weberei Arbeiterinnen über zerbrochene Fensterscheiben als Erkrankungsursache klagen. So sehen wir die Arbeiterinnen schwer leiden unter der Last von Arbeit, die ihnen ohne jede Rücksicht auf ihren Organismus von dem Ausbeuterthum und ihrer Gesellschaftsordnung aufgebürdet wird. Elend entlohnt, vieler Freuden des Familienlebens entbehrend, gehen sie dem Siechthum entgegen; freilich zum Theil nicht ganz ohne eigene Schuld. Hätten die Arbeiterinnen den zahllosen Mahnungen Krife. Hört ihr den Hungerschrei?... Von Ort zu Ort Wälzt sich sein Echo tausendfältig fort Wie einer Woge ungehemmter Lauf. Horcht! Immer neue Stimmen wachen auf! Und lauter brechen sie und stark hervor Und schwellen an zu einem Riesenchor. Brach in das Land die unbewachte Fluth Und löscht der Essen rothe Feuergluth? Die Flamme, die zum Schlot hinausgewinkt, Zuckt einmal noch empor und stirbt und sinkt. Die Räder steh'n, es schweigt der Hämmer Klang Und Ruhe breitet sich umher, lautlos und bang. Weit öffnet sich das breite Eisenthor, Und eine Frage läuft von Ohr zu Ohr, Und eine Frage liegt in jedem Blick: Wann kehren wir zum Schaffen wohl zurück? Und morgen morgen! weißt du, was der Tag Und was der folgende uns bringen mag?... Und immer neue Feuer löschen aus Und immer neue Schaaren geh'n nach Haus. Verzehrt ist bald die letzte Rinde Brot; Der Mangel saß am Tisch, nun kommt die Noth, Und der du Werthe über Werthe schufst: Es kommt der Tag, da du um Hilfe rufft! gefolgt, sich zu organisiren, so wären längst zahlreiche Mißstände, die ihre Gesundheit untergraben, aus der Welt geschafft, wäre so manche Verbesserung in den Fabriken eingeführt, hätte sich so mancher Unternehmer, Werkführer und Vorarbeiter Rücksichten gegen die weibliche Arbeiterschaft angewöhnt, die ihnen bei ihrer Wehrlosigkeit nun ferne liegen. Deshalb muß auch der Hinweis auf den nöthigen gesundheitlichen Schutz der Arbeiterin in die Worte aushallen: Hinein in die Gewerkschaften! Arbeitszeit. Ueber vier Fünftel aller Arbeiteiterinnen in den Fabriken von Bremen müssen mehr als 10 Stunden arbeiten. Fast ebensoviele entbehren die ihnen vom Gesetz zugestandene, aber leider nicht gesicherte Mittagspause von 1/2 Stunden. Weit über die Hälfte der Arbeiterinnen muß schon von früh 6 Uhr an in den Fabriken thätig sein, und vorher galt es recht oft, einen weiten Weg zurückzulegen. Die Frau muß also wieder vor dem sausenden Webstuhl stehen, ohne genügend ausgeruht zu sein, denn sie war in sehr vielen Fällen gezwungen, bis spät in der Nacht daheim zu schaffen, um ihr Haus in Ordnung zu bringen, zu flicken und zu schneidern. Und doch bleibt trotz allen Mühens und Plagens viel häusliche Arbeit liegen, so daß der Sonntag für die Frau nur zu oft zum schweren Werktage wird. Deshalb müssen alle Arbeiterinnen sich stets angelegen sein lassen, für die Verkürzung der Arbeitszeit einzutreten. Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit durch die Gesetzgebung, Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit durch die Macht der Organisation sei ihre Losung. Aber die Verwirklichung dieser Losung werden sie nur erreichen durch gemeinsames Auftreten, durch gemeinsame Forderungen, gemeinsame Kämpfe. Diese Gemeinsamkeit schafft ihnen die Orga nisation, die Gewerkschaft! Die Arbeitslöhne. Traurig niedrig sind die Löhne der Arbeiterinnen in Bremen, wie die folgende Tabelle zeigt. Stundenlohn Prozent der Frauen Wochenlohn Prozent der Frauen Jutespinnerei und Weberei.. 6,02 48,28 29,65 13,08 2,07 33,45 50,69 12,07 3,79 Zigarrenfabriken. 6,66 4,17 29,17 55,00 5,00 8,33 41,67 47,05 2,05 Industrie der Holzund Schnitzstoffe 4,76 2,38 21,43 50,00 21,43 19,05 28,57 21,43 30,95 Kistenbekleberinn. in Zigarrenfabr. Kaffeesichtereien 35,72 53,57 7,14 3,57 Schuhfabrik Tabakbranche . 12,05 31,25 56,25 50,00 50,00 6,25 6,25 75,00 9,09 18,18 54,54 18,18 31,58 10,52 52,63 5,27 27,27 54,54 18,18 63,16 31,06 5,24 48,15 48,15 3,07 Produktengeschäfte 29,63 33,33 29,63 7,41 Graph. Gewerbe. 6,25 12,05 37,05 37,05 6,25 12,05 43,75 37,05 6,25 Erst trieb ein fremder Wille dich zur Hast, Derselbe, der dich nun verdammt zur Rast. Es spannte deine Sehnen jeder Tag Und forderte von dir: Ertrag! Ertrag! Nun aber, da du häuftest Schatz auf Schatz: Wo an dem Tisch des Lebens ist dein Platz? Mit düstern Mienen streichst du wohl umher, Leer ist die Tasche und der Schrank ist leer Und deines Leibes Noth ist ungestillt, Doch alle Läger sind zum Rand gefüllt! Dein Geist, der jene Fruchtbarkeit gebot, Zerquält sich nun um einen Bissen Brot!... Wer mag noch richten, wenn ein Armer fällt? Zur Hölle wurde Tausenden die Welt! Wer jammert noch, wenn die Verzweiflung dann Ihr Futter nur auf finst'rem Weg gewann? Wer ist's, der die Moral zu Fall gebracht, Wenn das Verbrechen wahnbethört erwacht? Die auf den Höhen ihr durch's Leben geht Und nur das Licht und nicht die Schatten seht, Die ihr da klagt, daß alle Welt entzweit: Hört auf die Stimmen dieser dunklen Zeit! Sind's Menschen oder nicht? Hier nehmt Partei! Es fragt das Volk!... Hört ihr den Hungerschrei? Ernst Preczang. Durch Vergleiche zwischen Arbeitszeit- und Arbeitslohnverhältnissen in den einzelnen Industrieen, z. B. zwischen der Industrie der Holz und Schnitzstoffe oder den Kistenbekleberinnen einerseits und Jutespinnerei andererseits, oder zwischen Zigarrenfabriken, Graphischen Gewerben einerseits und den Produktengeschäften resp. Kaffeesichtereien andererseits u. s. w. läßt sich im Uebrigen ganz unzweifelhaft konstatieren, daß die höchsten Löhne in denjenigen Industrien gezahlt werden, in denen die niedrigste Arbeitszeit vorherrscht! Diese Feststellung, die wir fast überall machen können, muß ein neuer Ansporn sein, daß die Arbeiterinnen durch die gewerkschaftliche Organisation die eigene Lage und die der Kolleginnen verbessern. Hauptaufgabe der Gewerkschaften ist es ja, einzutreten für kürzere Arbeitszeit und höhere Löhne. Die ledigen Arbeiterinnen. Nicht wie die falschen Humanitätsapostel nur für die verheiratheteten Frauen, sondern für alle Arbeiterinnen fordern wir besseren Schutz gegen die kapitalistische Ausbeutung. Denn die ledige Arbeiterin ist ebenso ausgebeutet und schutzbedürftig wie die verheirathete. Die verheirathete Arbeiterin wird körperlich widerstandsfähiger sein, wenn sie schon als Mädchen gegen Schädigungen ihrer Gesundheit geschützt ist. Die verheirathete Arbeiterin muß also schon aus diesem Grunde im eigensten Interesse wünschen, daß ihre ledigen Kolleginnen geschützt werden wie sie selbst. Dazu kommt noch ein anderer Grund. Genießen nur die verheiratheten Frauen gesetzlichen Schuh wider das Uebermaß ihrer Ausbeutung durch das Kapital, so wird der Unternehmer die geschützten Arbeitskräfte durch ungeschützte ledige Arbeiterinnen ersetzen, während die verheiratheten Arbeiterinnen zu Erwerbsarten gezwungen würden, die gesundheitlich und sozial weit ungünstiger sind wie die Fabritarbeit, vor Allem zu hausindustrieller Thätigkeit. In welch hohem Maße auch die ledigen Arbeiterinnen schutzbedürftig sind, das erweist die vorliegende Erhebung. In Bremen ist die Arbeitszeit der ledigen Arbeiterinnen noch etwas länger wie bei den verheiratheten, die Lohnverhältnisse sind noch erheblich ungünstiger als bei diesen. Auch bei den Ledigen kommen die besseren Löhne in den Industrien mit fürzerer Arbeitszeit vor. Ueber die Preise des Mittagessens machen namentlich die Arbeiterinnen der Jutespinnerei und Weberei nähere Angaben. Aus diesem Theile der Erhebungen leuchtet das ganze Elend der Arbeiterinnen dieser Fabrik grell hervor. Es bezahlten von 99 Arbeiterinnen für Mittagessen: 50 Pfennig. M 40 35 = 30 = 25 20 M 10 = = 1 2 16 59 12 3 6! Das sind gewiß belehrende Zahlen über das Luxusleben, das diese Arbeiterinnen zu führen im Stande sind! 9 Arbeiterinnen geben an, daß sie sich selbst etwas zu essen kochen, eine ißt nur Sonntags Ein Sonnenstrahl. Auf dunklem Hofe ein Sonnenstrahl! Wie ein verstohlener, scheuer Diebesblick stiehlt er sich heimlich und schmal Um das alte schwarze Gemäuer. Er tanzt auf der rauchig- schmutzigen Wand Und lugt in die blinkenden Scheiben Und will auf der Näherin fleißige Hand Mit goldenen Lichtern schreiben. Er wandert hinab, wo der Schuster flickt Und klopft um das ärmliche Leben, Und läßt um den Nacken, zur Arbeit gebückt, Sein sonniges Leuchten schweben. Im Hofe sitzt der Näherin Kind Still spielend auf niedriger Schwelle Nun greift's nach dem Sonnenstrahle geschwind Und verfolgt ihn von Stelle zu Stelle. Es jubelt und lacht und läuft mit dem Schein, Roth werden die bläßlichen Wangen, Und jauchzend ruft es: ,, Mütterlein! Ich habe die Sonne gefangen." 133 zu Mittag( 60 Pf.), drei weitere Arbeiterinnen bemerken kurz:„ Esse nur Brot!" Wenige, aber inhaltsschwere Worte! Die miserable Entlohnung in der Jutespinnerei und-Weberei ist es, welche die Arbeiterin zu einer Existenz zwingt, die als ein bloßes Vegetiren bezeichnet werden muß. Sind von dem Hungerlohn die nothwendigsten Ausgaben für ein jammervolles Dasein gedeckt, welche winzigen Beträge bleiben dann noch für Kleidung, Schuhzeug, Wäsche, Beiträge zur Kranken- und Invaliditätsversicherung, ganz abgesehen von etwaigen Ausgaben für Unterhaltung und Vergnügung, die auch nothwendig, sintemalen diese Arbeiterinnen doch auch Menschen sind? Ueber die Wohnungsverhältnisse geben die Arbeiterinnen an, daß 75 ihr Zimmer allein bewohnen, 78 wohnen zu zwei Personen im Zimmer, 49 zu mehreren. Dabei fommt es wiederholt vor, daß vier und sogar sechs Personen in einem Zimmer wohnen! Die Wirthsleute, bei denen die Arbeiterinnen in Logis wohnen, sind zumeist auch Fabrikarbeiter. Die Erkenntniß ihrer Lage sollte diese Arbeiterinnen zwingen, sich den Gewerkschaften anzuschließen, um mit ihrer Hilfe bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen. Erst wenn ihnen diese Ueberzeugung aufgegangen ist und sich in Thaten umsetzt, werden Sonnenstrahlen in ihr trauriges Dasein fallen. Die Ergebnisse der Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen in Bremen zeigen deutlich, mit welch grausamer Schonungslosigkeit die kapitalistische Ordnung die proletarische Frau ausbeutet, wie sie ihr Gesundheit, Lebenskraft und Lebensglück raubt. Laut und eindringlich predigen sie deshalb den Arbeiterinnen, gegen diese Ordnung zu kämpfen. Nachdrücklichst erinnern sie an die Nothwendigkeit, durch die Gesetzgebung und durch die gewerkschaftliche Organisation den Lohnsflavinnen ein höheres Maß an Schutz für Gesundheit und Leben, bessere Löhne und fürzere Arbeitszeit zu erringen. Um aber dieses Ziel zu erreichen, muß die Arbeiterin wie ihr männlicher Kollege mit werkthätiger Sympathie die gewerkschaftliche und die politische Bewegung verfolgen, muß sie in beiden ihre Pflicht thun. Der politische und der gewerkschaftliche Kampf bringen der Arbeiterin eine Verbesserung ihrer Lage in der heutigen Gesellschaft. Und diese Verbesserung, in Verbindung mit der geistigen und sittlichen Bildung, welche der Arbeiterin durch die gewerkschaftliche und politische Bewegung zu Theil wird, befähigt die ausgebeutete Proletarierin für den letzten großen Kampf, der uns an Stelle der ungerechten, Menschen ausbeutenden und vernichtenden kapitalistischen Wirthschaftsordnung die sozialistische Gesellschaftsordnung schaffen wird. Deshalb, ihr Arbeiterinnen, beherziget den Mahnruf: Hinein in die gewerkschaftlichen Organisationen! Hinein in den politischen Kampf! Doch bald, und es klettert der irrende Schein Zum Dach, und es fliehet die Helle, Das Kind sitzt wieder im Dunkeln, allein Auf der kalten, einsamen Schwelle. Es schaut empor, so fragend und bleich Mit träumendem Angesichte Es träumt von einem sonnigen Reich Mit ewigem, goldenem Lichte. Wo die Blumen auf grüner, schimmernder Flur, Wo Früchte und Beeren stehen, Und wo in lauter Strahlen nur Die kleinen Kinder gehen... Aus finstrem Eck der Abend starrt; Ein feiner Regen tropft. Die Nähmaschine ruckt und schnarrt; Der fleißige Schuster klopft. Der Dämmerung grauer Schattenschweif Schleicht um das Kind herbei Das träumt von seinem Sonnenstreif Und lächelt still dabei. a. br. Ernst Preczang _ 134 Rückblick auf den Ausstand in Cunewalde. Von W. Kähler. Seit langen Wochen blickten weite Kreise des werkthätigen Volkes nach der sächsischen Oberlausit, wo sich im Thale von Gunewalde ein Lohnkampf der Textilarbeiter unter bemerkenswerthen Umständen abspielte. Hier„ meuterte" wider das Kapital eine Arbeiterbevölke rung, die nicht blos abseits von der klassenbewußten Arbeiterbewegung, sondern abseits vom modernen Leben überhaupt stand. Genügsam, zufrieden, ruhig vegetirte sie in den dürftigsten Verhältnissen dahin, ein Ausbeutungsobjekt, wie es sich Gott Mammon nicht gefügiger wünschen konnte. Der moderne Kapitalismus beutete hier unter der Hülle patriarchalischer, fast mittelalterlicher Zustände aus, die sich auf den verwandschaftlichen und persönlichen Beziehungen aufbauten, die Unternehmer und Lohnsklaven verbanden. In diesem„ schwarzen Winkel" nahmen nun plötzlich die Textilarbeiter den Kampf gegen ihre Herren und Ausbeuter auf und führten ihn mit mustergiltiger Solidarität und Ordnung 19 Wochen lang. Und ein weiterer bemerkenswerther Zug: hier, wo die Männer jahrzehntelang nicht an Widerstand gegen die Arbeitgeber gedacht hatten, traten jetzt mit einem Male auch die Arbeiterinnen kämpfend auf den Plan. Unter den Ausständigen waren die Frauen in der Mehrzahl und hielten sich von Anfang bis zu Ende gleich tapfer, unverzagt und solidarisch wie die Männer. Wie war es gekommen, daß im Cunewalder Thale den Webern und Weberinnen der Geduldsfaden gerissen, und daß sie wagten, wider den Stachel ihrer Ausbeutung zu löfen? Als die mechanische Weberei hier die Handweberei verdrängte, übernahm sie die Hungerlöhne der letzteren als eine Quelle reichlichst strömender Profite. Der färgliche Verdienst der Weberinnen und Weber der Fabriken sank in den letzten Jahren immer mehr, eine Lohnherabsetzung jagte gleichsam die andere. Seit 1897 z. B. ist bei der Firma Kloß der Lohn für 4 Altdeutsch von 6 auf 5,55 Mt. gesunken, für 4 Damast von 7 auf 6,45 Mt. 2c. Bei Kalauch jun. waren folgende Abzüge zu verzeichnen: auf% Altdeutsch von 5,75 auf 5,20 Mt., auf/ Schaftbettzeug von 5,75 auf 5,10 Mt. 2c. Aehnlich waren die Löhne bei allen übrigen Unternehmern gekürzt worden. Ueberall hatten Lohnherabsetzungen stattgefunden von 5 auf 4,30 Mt.; von 5,70 auf 5,20 m., von 7,50 auf 5,70 Mt., ja von 4,25 auf 3 Mt. Bei den herabgeminderten Lohnsätzen konnten die Arbeiter und Arbeiterinnen einen Verdienst von 11, 12, 15, 18 und 20 Mt. erzielen. Wohlgemerkt jedoch nicht etwa in einer Woche, sondern in 14 Tagen! Der unbestritten tüchtigste Arbeiter von Gunewalde brachte es vor dem Streik beim Weben von prima Daunenköper in zwei Wochen oder 128 Arbeitsstunden auf 29 Mt., d. h. auf nicht ganz 23 Pf. pro Stunde. Nach den Erhebungen des Streiffomites verdienten täglich von rund 300 Ausständigen noch nicht ein Dugend über 2 Mt. Der Tagesverdienst der übrigen stellte sich wie folgt: für 25 von 1,76 bis 2 Mt.; für 23 von 1,66 bis 1,75 Mt.; für 21 von 1,60 bis 165 Mt.; für 33 von 1,50 bis 1,58 Mt.; für 35 von 1,41 bis 1,49 Mt.; für 20 von 1,30 bis 1,40 mt.; für 27 von 1,20 bis 1,29 Mt.; für 21 von 1,10 bis 1,19 M.; für 22 von 1 bis 1,10 Mt.; für 7 von 90 bis 99 Pf.; für 8 von 82 bis 89 Pf. und je eine Weberin brachte es nur auf 73, 71, 57 und 41 Pf., sage und schreibe einundvierzig Pfennig Tagelohn. Trotz dieses bettelhaften Verdienstes wollten die Fabrikanten Ausgangs des Winters die Löhne um 10 bis 18 Prozent fürzen. Die Weber und Weberinnen hielten das für unmöglich. Am Morgen des 12. und 13. März fanden sie sich schon vor 6 Uhr Früh im Hofe der Fabrik von Große ein. Hier wiederholte sich beide Tage im Wesentlichen der gleiche Vorgang. In Kälte und Schnee harrten die Arbeiter der Entscheidung.„ Wenn Ihr zu den neuen Löhnen arbeiten wollt, so schließe ich auf und lasse Dampf machen", lautete die Erklärung des Fabrikanten. Für die paar Pfennige arbeiten wir nicht mehr", flang ruhig, aber bestimmt die Antwort der Weberinnen und Weber zurück. Still zogen sie am 13. März aus dem Fabrikhof der Firma Große hinaus und vor die anderen Fabriken. Auch hier wiesen die Fabrikanten jede Verständigung zurück, so daß noch am gleichen Vormittag der Ausstand allgemein war. 580 Arbeiter waren von den Unternehmern in den Streit getrieben worden, darunter 450 Frauen und Mädchen. Die letztere Zahl zeigt, wie entscheidend für den Ausgang des Kampfes die Haltung der Weberinnen war. Am 18. März fand die erste Versammlung der Ausständigen statt, zu der viele Arbeiterinnen mit dem Gesangbuch erschienen. Der Versammlungsbeschluß lautete: lieber einen Tag weniger arbeiten in der Woche, nur keine Lohnabzüge! Die Fabrikanten hatten nämlich die geplanten Lohnkürzungen mit dem Hinweis auf den flauen Geschäftsgang begründet. Die Streifenden waren bis dahin ohne Fühlung mit der Arbeiterbewegung gewesen. Nun wendeten sie sich um Rath an die organisirten Arbeitsbrüder in Dresden. Entsetzt rief darob der Amtsblattredakteur von Gunewalde:„ Man hat dem Sozialismus Thür und Thor geöffnet". Der Herr hat richtig prophezeit. Theils um den wachrüttelnden Folgen eines Kampfes vorzubeugen und dem Sozialismus wieder Thür und Thor zu schließen, theils aber auch aus Verständniß für die Lage der Cunewalder Tertiler und die Wirkungen, die ein Ausstand auf die wirthschaftlichen Verhältnisse der gesammten Gemeinde ausüben mußte, suchten der Amtshauptmann und Gewerbeinspektor zu vermitteln. Eifrig und nachdrücklich, wie es in Sachsen noch nie seitens solcher Herren geschehen, nahmen sie sich der Streifenden an. Zwei Wochen lang dauerten ihre Vermittlungsversuche, die damit endeten, daß die Unternehmer den Beamten die Thür wiesen. Dieser Protenhochmuth brachte die ganze Verwaltungsbehörde und alle einflußreichen Persönsönlichkeiten der Gegend wider die Lohndrücker auf. Dies um so mehr, als das Elend, das jeder Zeit in den Weberhütten daheim ge= wesen, mit der längeren Dauer des Streiks immer weitere Kreise der Bevölkerung erfaßte. Die kleinen Geschäftsleute des Gunewalder Thales litten schwer, manch' eine Existenz brach zusammen. Die Kreishauptmannschaft von Bautzen, die Handelskammer von Zittau, hohe Geistliche, die adeligen Rittergutsbesitzer der Gegend- allen voran der als Schriftsteller bekannte Herr von Polenz die Fabrikanten der übrigen Lausitz, die unter der Cunewalder Schmutzkonkurrenz leiden: sie alle ließen sich angelegen sein, die Unternehmer zu einem Friedensschluß zu bewegen, den die Arbeiter annehmen fonnten. Die gesammte bürgerliche Presse der Lausih, die Amtsblätter inbegriffen, trat für die Ausständigen ein. Erfolglos. Die Cunewalder Fabrikanten wollten auch nicht ein Jota ihrer Geldbeutelmacht preisgeben, sie wollten Herrn bleiben in ihrem Hause". Der Hunger, so hofften sie, werde die Arbeiter bald zu Paaren treiben. Die Solidarität der deutschen Arbeiterklasse hat im Bunde mit der bewunderungswürdigen Haltung der Ausständigen die Hoffnung der Unternehmer zu Schanden gemacht. Wären die Streifenden nur auf die eigene materielle Kraft angewiesen gewesen, sie hätten ihren Herren nicht vier Wochen zu widerstehen vermocht. Hätten sie weniger Muth, Entschlossenheit und Opferfreudigkeit besessen, so würden sie trotz der gewährten Hilfe bald zu Kreuze gekrochen sein. Denn im Anfang ging, erklärlich genug, die Kriegsmunition nur spärlich ein. Die ausgezahlte„ Streitunterstützung" war winzig. Sie betrug in den ersten zwei Wochen pro Person 1,50 Mt., in weiteren 10 Tagen 2,50 Mt., dann 3,50 Mt. Als am Himmelfahrtstag ein Wochengeld von 4,50 Mt. ausgezahlt werden konnte, schoben viele Ausständige die 50 Pf. zurück, weil sie glaubten, die Summe sei zu groß. Dank der später reichlicher fließenden Gelder konnte den Streifenden in den übrigen Wochen eine Unterstützung von 5 bis 6 Mt. ausgezahlt werden und für jedes Kind 50 Pf. Die Hungerlöhne, mit denen die Lohnsflaven seit langen Jahren abgespeist worden, kehrten sich gegen die profitwüthigen Fabrikanten. Sie hatten die Arbeiter ans Entbehren gewöhnt, zum Darben erzogen. Hatten diese Jahre und Jahre gehungert, um fremde Geldsäcke zu füllen, so fiel es ihnen weniger schwer, jetzt, wo es den Kampf für das eigene Interesse galt, sich mit dem knurrenden Magen abzufinden. " Es fanden sich keine Streitbrecher. Als der Kampf am heißesten tobte, waren in den Fabriken ganze 40 Arbeitswillige" von auswärts beschäftigt. Muthvoll und ohne zu murren trugen auch die Arbeiterinnen, auch wenn sie Familienmütter waren, alle Härten des Kampfes. Gerade die Frauen waren es, die wiederholt durch ihren Zuspruch die Widerstandskraft einzelner kleingläubiger Gemüther stärkten. Auch in den trübsten Tagen wollten sie von einem Nachgeben nichts wissen und ermunterten zum Beharren auf dem guten Recht. Wohl haben sich mit der Dauer des Streits die Reihen der Kämpfenden gelichtet, jedoch nicht in Folge von Fahnenflucht, sondern weil manche Ausständigen vorübergehend in der Landwirthschaft halfen, andere auswärts Arbeit bekamen 2c. Die Zahl Derer, welche der Heimath den Rücken gekehrt haben, ist sehr groß. Und zwar sind nicht blos ledige Leute ausgewandert, sondern ganze Familien. Die Gemeinde hat voriges Jahr ein neues Schulhaus gebaut und einen Lehrer mehr angestellt. Jetzt sind die Schulklassen in Folge der Abwanderung der Arbeiterbevölkerung halb leer. Die lange Verdienstlosigkeit der Weber und Weberinnen, ihr Rückschlag auf die kleinen Geschäfte am Orte trifft die ohnehin arme Gemeinde sehr hart. Diese nimmt in diesem Jahre 3000 Mt. weniger an Steuern ein als sonst, aber ihre Lasten sind die gleichen geblieben. Und all dieses Elend, weil die Fabrikanten hartnäckig auf ihrem Herrenrecht bestanden, sich auf Kosten der ausgebeuteten Arbeiter und Arbeiterinnen fette Profite zu sichern! Als der Streit schon über ein Vierteljahr gedauert, erhielt auf Anregung des Kreishauptmanns von Baußen Herr von Polenz den Iss Auftrag, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ihm gesellte sich später noch der Syndikus der Handelskammer von Zittau. Landtagsabgeordneter Rollfuß, hinzu. Beide Herren gaben sich alle erdenkliche Mühe, den Unternehmern Zugeständnisse an die Streikenden abzugewinnen. Zunächst vergeblich. Die Unternehmer erklärten bei einer Zusammenkunft, daß die Arbeiter nur wieder Beschäftigung erhielten, wenn sie in Lohnabzüge von 13 bis 30 Prozent willigten. Der dann noch verbleibende Lohn sollte den Namen„Normalmindestlohn Cunewalde" führen. Die Ausständigen sollten nach Wahl wieder eingestellt werden zc. Die streikenden Weber und Weberinnen wiesen mit aller Entschiedenheit derartige schmachvolle Bedingungen zurück. Sie hofften, daß der Eigennutz, der die Arbeitgeber zum frivolen Kampfe getrieben, schließlich zu einer Sprengung des Fabrikantenringes führen würde. Ihre Hoffnung ist nicht betrogen worden. Am 30. Juni gelang es, mit dem Besitzer des zweitgrößten Betriebs einen Vergleich auf Grund nachstehender Bedingungen zu schließen: „1. Das Normalstückmaß beträgt 50 bis 32'/- Meter. Mißt ein Stück weniger als 30 Meter, erfolgt deswegen kein Lohnabzug; jedes über 32'/- Meter gewebte volle Meter wird nach Maßgabe des Stücklohns bezahlt. 2. Die Lohnreduktion beträgt, gemäß der Lohnliste von vor dem 11. März er., 3 Prozent. 3. Jedes Stück ist bei der Ablieferung nachzumessen. 4. Eine für jeden Artikel den Stück- wie Meterlohn angebende Lohntabelle ist in den Betriebsräumen auszuhängen. 3. Den Musterzetteln ist das Normalstücklängenmaß einzuschreiben. 6. Die Arbeiter und Arbeiterinnen werden, soweit es die Vorarbeiten zulassen, bedingungslos wieder eingestellt. Arbeiter aus anderen Fabriken bezw. fremde Arbeiter werden nur eingestellt, wenn der frühere Arbeiterstamm zur Aufrechterhaltung des Betriebs nicht ausreicht. 7. Solange der Ausstand in anderen Betrieben währt, verspricht Herr Kalauch, für andere Betriebe des Cunewalder Thales keine Waaren zu liefern. 8. Herr von Polenz wird beauftragt, die hier Versammelten unter Zuziehung des Herrn Handelskammersyndikus Rollfuß, in der zweiten Hälfte des Dezember er. zusammenzuberufen, zwecks Nachprüfung der heute festgesetzten Bedingungen." Bald nachdem die Arbeiter der Firma W. Kalauch ihre Beschäftigung wieder aufgenommen hatten, gab der Prinzipal durch Anschlag bekannt, daß er die verbliebenen 3 Prozent Lohnabzug wieder aufhebe, sobald seine Reisenden gute Aufträge bringen würden. Noch zwei Wochen verharrten die übrigen Fabrikanten den Friedensvermittlungen gegenüber in ablehnendem Trotz. Am 14. Juli gaben auch sie endlich nach und willigten in einen Vergleich, der im Wesentlichen den oben mitgetheilten Bedingungen entspricht. Nicht die Er- kenntniß ihres Unrechts hatte sie dem Frieden geneigt gemacht. Es war vielmehr die begründete Furcht, ihre Kundschaft vollständig und für immer zu verlieren. Die ausgeschickten Reisenden der Lohndrücker wurden recht vielfach mit den Worten abgewiesen:„Bezahlt Eure Weber besser". Ganz besonders warfen die Konsumvereine, die Abnehmer Cunewalder Waare sind, ihren Einfluß zu Gunsten der Arbeiter in die Wagschale. Der Form nach ein Vergleich, darf doch der Ausgang des Kampfes als ein großer Sieg der Streikenden angesprochen werden. Diese haben die ihnen angesonnene Lohnkürzung bis auf ein Minimum zurückgeschlagen, das voraussichtlich ebenfalls bald aufgehoben und das schon jetzt durch andere Vortheile ausgeglichen wird. Die festgelegten Bedingungen schützen die Weber und Weberinnen gegen absichtliche oder fahrlässige Uebervortheilung beim Maß. Werthvoller noch als der bedeutende materielle Gewinn ist jedoch der moralische Erfolg des Kampfes. Der Schleier der patriarchalischen Beziehungen zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten ist zerrissen. Letztere haben ihre Klassenlage erkannt, den unüberbrückbaren Gegensatz, der sie von den Fabrikanten trennt. Sie sind sich ihrer Macht bewußt geworden, deren Grundlage brüderliches Zusammenhalten, die Solidarität des ganzen Proletariats ist. Der Kampf hat sie in lebendigen Zusammenhang mit der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung gebracht. Er hat die wachrüttelnde, aufklärende Arbeit von Jahren rühriger Agitation gethan, und das nicht nur im Cunewalder Thale, sondern in der ganzen Lausitz. Allenthalben ist hier Arbeitern und Arbeiterinnen die Nothwendigleit klar geworden, der gewerkschaftlichen Organisation beizutreten, um sich gegen den kapitalistischen Profithunger wehren zu können. Große Kreise des werkthätigen Volkes wurden zu der Ueberzeugung bekehrt, daß es gelte, mit der Sozialdemokratie für Reformen in der Gegenwart, für eine Gesellschaftsordnung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Zukunft zu kämpfen. So sind dem proletarischen Klassenkampfe auf wirth- schaftlichem und politischem Gebiet neue Streiter erwachsen und Streilerinnen auch. Denn die Arbeiterinnen, die Arbeiterfrauen sind wahrlich nicht die letzten, die aus einem Kampfe gelernt haben, welcher der gesammten Arbeiterklasse wieder einmal gezeigt hat, was solidarischer Zusammenhalt und feste Organisation vermag: den Ausgebeuteten zun» Schutz, dem Unternehmerthum zum Trutz. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In letzter Zeit hielt Genossin Zetkin eine Reihe öffentlicher Versammlungen ab, die sämmtlich überfüllt waren und sich auch von Seiten der Frauen eines sehr guten Besuchs erfreuten. In Mannheim und Ludwigshafen sprach Genossin Zetkin über„Die revolutionäre und die Arbeiterbewegung in Rußland." Beide Versammlungen nahmen unter stürmischem Beifall eine Resolution an, welche den russischen Despotismus und seine brutale Niederknütlelung der Freiheitskämpfer brandmarkt und diesen die vollste Sympathie des deutschen Proletariats versichert. Die von mehr als 1300 Personen besuchte Versammlung in Würzburg nahm in Anschluß an Genossin Zetkins Referat Stellung zur Frage des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes. Beistimmende Zwischenrufe bekundeten, daß die Versammelten die Auffassung der Referentin theilten. Die bekannte Resolution der Genossii nen gelangte debattelos zur Annahme. In Heidings feld referirte Genossin Zetkin über „Die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft", in Ptünchen behandelte sie das Thema:„Die Befreiung der Frau und die Sozialdemokratie". In beiden Versammlungen fanden die Ausführungen begeisterte Zustimmung der dichtgedrängten Zuhörerschaft. In Gablenberg sprach Genossin Zetkin ebenfalls über „Die revolutionäre und Arbeiterbewegung in Rußland", in Kirchheim u. Teck beim Waldfest der Gewerkschaften über„Die Nothwendigleit des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes der Arbeiterklasse". Im Auftrage des Gauvorstandes der Provinz Sachsen unternahm Genossin Zieh in der zweiten Hälfte Juni eine Agitationstour für die Fabrikarbeiter. Versammlungen fanden statt in Magdeburg- Neustadt, Sudenburg. Neuhaldensleben, Großottersleben, Olvenstedt, Niederndodeleben, Gommern, Schönebeck, Frohse, Salze, Diesdorf, Barleben, Tangermünde, Stendal und Genthin. In der gutbesuchten Versammlung in Magdeburg-Neustadt waren leider nur wenig Frauen anwesend, obgleich sehr viele in den Fabriken srohnden. Mehrere Hundert beispielsweise allein in der Hauswaldschen Zichorienfabrik, wo sie für einen Wochenlohn von 4—3 Mk. sich abmühen müssen. Es wird noch einer unausgesetzten energischen Agitationsarbeit bedürfen, bevor der durch harte, lange Frohn abgestumpfte Geist dieser Arbeiterinnen für den Befreiungskampf des Proletariats entflammt wird. Etwas mehr Frauen wohnten der gutbesuchten Versammlung in Sudenburg bei. Allerdings auch noch wenig genug, wenn man bedenkt, welch ein Fabrikzentrum Sudenburg ist, und wieviel weibliche Arbeiter hier zu überaus traurigen Bedingungen schaffen müssen. Auf die Verhältnisse in der Zuckerfabrik werden wir später an anderer Stelle zurückkommen. Einen hohen Prozentsatz der Versammlungsbesucher stellten die Frauen in Neuhaldensleben, wo der Verband eine Anzahl weiblicher Mitglieder gewann. In den starkbesuchten Versammlungen in Großottersleben und Olvenstedt war mindestens die Hälfte der Anwesenden Frauen. Im letzteren Orte gehört dem Verbände zum Wenigsten ein halbes Hundert Arbeiterinnen an. Mit Hilfe der Organisation haben sich dieselben bereits eine Lohnaufbesserung von 20 Pf. pro Tag erkämpft, und dies obgleich Lohnkämpfe hier so außerordentlich schwer zu führen sind. Es handelt sich nämlich um lauter Landarbeiter und -Arbeiterinnen, die nach einer gesetzlichen Bestimmung vom 24. April 1354 sich zwar organisiren, jedoch keine gemeinsame Lohnforderung stellen und nicht gemeinsam die Arbeit niederlegen dürfen. Auf Zuwiderhandlung steht Gefängnißstrafe bis zu einem Jahre. Da nun die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht gemeinsam' nebeneinander Lohn fordern durften, haben sie es einzeln nacheinander gethan. Weil die Gutsbesitzer wußten, daß ihre Arbeitskräfte organisirt waren, außerdem just zu der Zeit ihre Hände nicht entbehren konnten, mußten sie nachgeben. Trotzdem ist auch heute noch der Lohn sehr niedrig, von einer Mark ist er auf 1 Mk. 20 Vk. aellieaen Mk. 20 Pf. gestiegen. Letzten Frühling hätten die Frauen sich unbedingt einen Tagelohn von 1 Mk. 30 Pf. erringen können, wenn es ihnen gelungen wäre, die noch abseits von der Gewerkschaft stehenden Arbeiterinnen, deren Zahl mehrere Hundert beträgt, zur Organisation heranzuziehen. Leider war dies jedoch nicht der Fall. Die Kassirerin der dortigen Zahlstelle des Verbandes in Olvenstedt, Genossin Heinicke, die ebenso prompt ihre Kassengeschäfte erledigt, als tüchtig agitatorisch thätig ist, hat noch bei Aufklärung und Organisirung ihrer Mitschwestern ein gut Stück Arbeit zu bewältigen. Außerordentlich stark vertreten waren die Frauen in der glänzenden, überfüllten Versammlung in Gommern, wo seit 23 Wochen die Steinarbeiter im Streik stehen. Die meisten von ihnen, 136 serbischen Popen gesegnet! Frauenstimmrecht. 400, sind in die Fremde gegangen, um sich anderswo Beschäftigung Oberstadthauptmann authentizirt und von einem mitanwesenden zu suchen. Frau und Kinder mußten zurückbleiben. Nach Beendigung des Streiks, die in naher Aussicht steht, soll eine umfassende Agitation unter den Frauen entfaltet werden, die in und für die Filzpantoffelfabrik arbeiten, damit auch sie einen Rückhalt an der Einigkeit erhalten; daß dann die Mühe nicht vergeblich sein wird, dafür schien uns Aufmerksamkeit und Verständniß zu bürgen, welche die Frauen dem Vortrag entgegenbrachten. Ueber die gar zu traurigen Arbeitsbedingungen in der Fabrik werden wir noch an anderer Stelle berichten. In Niederndodeleben, wo der Zahlstelle ebenfals lauter Handarbeiter beider Geschlechter angehören, waren sehr viele Frauen und auch ein paar Duhend Mägde von den großen Gütern in der Versammlung anwesend. Einige der letzteren sind dem Verband beigetreten. Für diese Mädchen läßt sich nur nach Ablauf und vor Neueingehung ihres Miethskontraktes etwas erreichen, der in der Regel auf ein Jahr gilt. Folgende Thatsache illustrirt die Besserung der materiellen Verhältnisse der Arbeiter durch die Organisation. In Olvenstedt, wo die Organisation älter und stärker ist, als in Niederndodeleben, beträgt seit Bestehen der Zahlstelle der Lohn der Männer 16 Mt. pro Woche, der der Frauen 1 Mt. 20 Pf. pro Tag. In Niedern-. dodeleben, wo die Organisation noch jung und schwach ist, stellt er sich für die Männer auf 10 Mt., ausnahmsweise auf 11 Mt. pro Woche, und auf 1 Mt., mitunter nur auf 90 Pf. pro Tag für die Frauen. Die Behörden im Kampfe wider die Umstürzlerinnen. Durch eine Notiz in Nr. 14 der„ Gleichheit" vom vorigen Jahre sollte sich Genossin Zetkin der Bürgermeister- und Landrathsbeleidigung schuldig gemacht haben. Die betreffende Notiz übte eine scharfe, aber unseres Erachtens durchaus gerechtfertigte Kritik an dem-milde gefagt unhöflichen Benehmen des Bürgermeisters zu Plaue i. Th. unserer Genossin Zietz gegenüber. Die Kritik war aus einem naheliegenden Grunde in drastischen Ausdrücken abgefaßt. Das Benehmen des Bürgermeisters drängte nämlich die Vermuthung auf, daß die Ohren des gestrengen Herrn für eine andere als eine derbe Sprache taub wären. Die vorgesetzte Behörde des Bürgermeisters, welche dessen Benehmen gegen Genossin Zieß nicht für beleidigend erachtet hatte, entdeckte in der Notiz der„ Gleichheit" eine Doppelbeleidigung. Am 9. Juli mußte in der Folge Genossin Zetkin vor dem Schöffengericht zu Stuttgart auf dem Armensünderbänkchen Plaz nehmen. Die Richter sprachen die Missethäterin von dem Verbrechen der Landrathsbeleidigung frei. Dagegen verurtheilten sie dieselbe wegen Bürgermeisterbeleidigung zu 40 Mark Geldstrafe und zur Tragung der Kosten; sie erkannten außerdem auf Vernichtung der noch vorhandenen Eremplare der„ Gleichheit", welche das„ corpus delicti" enthält, sowie auf das Recht des Klägers zur zweimaligen Veröffentlichung des Urtheils. Die Begründung des richterlichen Erkenntnisses, welches das Benehmen des Bürgermeisters entschieden tadelt, ist in einzelnen Punkten so interessant, daß wir darauf zurückkommen, sobald es schriftlich vorliegt. Notizentheil. Arbeiterinnenstreik. Ein beschränktes politisches Wahlrecht für die Französinnen fordert ein Antrag, den der republikanische Abgeordnete Gautret in der französischen Deputirtenkammer eingebracht hat. Das Wahlrecht zu allen parlamentarischen Körperschaften sollen den großjährigen ledigen, sowie den geschiedenen Frauen gewährt werden. Die Halbheit und Ungerechtigkeit dieser Forderung liegt auf der Hand. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb soll sie die Zustimmung einer großen Zahl von Deputirten und Senatoren finden. Die Regierung will, so melden Tageszeitungen, durch die Präfekten Berichte einholen lassen, ob die Einführung der beantragten Neuerung die liberalen oder die reaktionären Strömungen finden würde. Trifft das zu, so betrachtet sie die Frage der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter nicht von einem großen, grundsätzlichen Standpunkt, sondern unter dem engen Gesichtswinkel des kleinlichen Augenblicksinteresses. Das Recht der Frauen, als Stadträthe und Stadtälteste von London gewählt zu werden, fordert der Earl of Aberdeen in einem Gesetzentwurf, den er dem Oberhaus vorgelegt hat. Wie wir seinerzeit berichteten, hatte das englische Unterhaus bei Berathung und Beschlußfassung über das Gesetz, die Londoner Kommunalwahlen betreffend, den Frauen bereits dieses Recht zuerkannt. Das Oberhaus lehnte jedoch damals die Reform ab. Ob dieselbe diesmal mehr Aussicht auf Erfolg hat, scheint zweifelhaft. Die Einführung des Frauenstimmrechts in Neu- Südwales forderte eine Deputation von Frauen, die kürzlich vor dem Premierminister dieser australischen Kolonie Englands erschien. Bei den bevorstehenden allgemeinen Wahlen zum Bundesparlament des australischen Staatenbundes wollen die Frauen von Neu- Südwales nicht hinter ihren Schwestern von Neu- Seeland, Süd- und Westaustralien zurückstehen, welche bereits das Wahlrecht in ihrem ,, engeren" Vaterlande und damit auch zum Bundesparlament besitzen. Der Premierminister, Sir Lyne, sprach seine persönliche Sympathie für das Frauenwahlrecht aus und bedauerte, fein entsprechendes Gesetz im Namen der Regierung vorlegen zu können, da die Majorität der Kabinetsmitglieder dagegen sei. Er versprach jedoch seine Unterstützung, wenn ein Parlamentsmitglied das Frauenstimmrecht fordern würde. Ein Manifest an die belgischen Frauen hat das National= komite der sozialistischen Frauen Belgiens erlassen. Das Komite fordert die Frauen in zündenden Worten auf, zusammen mit der sozialistischen Arbeiterpartei für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zu kämpfen. Es verweist in dem Manifest darauf, daß feine bürgerliche Partei und keine bürgerliche Strömung in Belgien für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eingetreten sei; nicht einmal die Freidenfer thaten etwas für das Bürgerrecht der Frau. Einzig und allein die sozialistische Partei sei gewillt und im Stande, der Frau zu ihrem Rechte zu verhelfen. Sie sucht die Arbeiterin gegen die Macht des Unternehmerthums zu schützen, sie schützt ihre Kinder und will sie durch obligatorischen und unentgeltlichen Unterricht fähig machen, für ihre Interessen, ihre Freiheit zu kämpfen. Sie ist die einzige Partei, die in ihrem Programm die vollständige Gleichberechtigung beider Geschlechter fordert. Der Platz der Frauen ist deshalb in den Reihen der sozialistischen Arbeiterparteien. Hier müssen sie im Kampfe um das allgemeine, gleiche Wahlrecht ihre volle Pflicht thun. Frauenbewegung. Ein Arbeiterinnenstreik in Ungarn. In Neusah wurden die 350 Arbeiterinnen der dortigen Seidenfabrik durch fortgesetzte Quälereien, moralische Mißhandlungen und Lohnkürzungen in den Streit getrieben. Sie verdienten bei einer Arbeitszeit von Früh 5 bis Abends 7 Uhr 25 bis 45 Kreuzer im Akkord Dabei wurden sie empörend behandelt und mußten sich stets horrende Geldstrafen gefallen lassen. Sie entschlossen sich endlich, obwohl sie gänzlich unorganisirt sind, zu streiken, und stellten Forderungen auf Verkürzung der Arbeitszeit, geregelte Pausen, Lohnerhöhung und anständige Behandlung. Sie hatten, da der Fabrikdirektor wenigstens die Verfürzung der Arbeitszeit zugestanden hatte, die Arbeit bereits wieder aufgenommen. Da holte sich der Herr eine„ Rädelsführerin" heraus und wollte sie in seinem Comptoir prügeln. Darauf drohten ihm. die anderen Arbeiterinnen, sie würden die Thür erbrechen und ihn todtschlagen, wenn er ihre Genossin nicht freiließe. Es fam zur erneuten Arbeitseinstellung, und obwohl der Direktor die Fabrikthore schließen und die Polizei rufen ließ, blieben die Arbeiterinnen fest. Sie ließen sich nicht mehr zur Arbeit zwingen. Der Direktor verstand sich schließlich unter Assistenz des Oberstadthauptmanns zu Verhandlungen. Es wurde eine erhebliche Verkürzung der Arbeitszeit mit. geregelten Pausen vereinbart, 10 Kreuzer Lohnerhöhung pro Tag, und Einschränkung der Geldstrafen. Niemand wird gemaßregelt. Diese Bedingungen wurden von beiden Theilen angenommen, vom Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel) in Stuttgart.- Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b.H.) in Stuttgart. Zur Frauenfrage in Japan. In einem Aufsatz über die Frauenfrage in Japan von Bertha Katscher( Das freie Wort Nr. 3) finden wir die Mittheilung, daß künftig unverheirathete Frauen im Alter von 15 bis 30 Jahren im Postdienst angestellt werden sollen. Circa 800000 Mark sind als erste Rate für den Bau einer Frauenuniversität angewiesen worden. Weibliche Fabrikinspektoren. a. br. Die zeitweise Heranziehung einer weiblichen Hilfskraft zur Fabrikinspektion in Gotha hat der Landtag dieses Duodezstaates in der letzten Session beschlossen. In dem laufenden Etat wurde ein Betrag für die Kosten der neuen Einrichtung eingestellt. Der Fabrikinspektion unterstehen in Gotha 3400 Arbeiterinnen. Weit größer ist wohl die Zahl der Frauen und Mädchen, die in der Hausindustrie des Ländchens thätig sind und jeglichen gesetzlichen Schutzes ermangeln.