Nr. 19. Die Gleichheit. 11. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 11. September 1901. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Die Arbeiterinnen in den deutschen Gewerkschaftsorganisationen im Jahre Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. ist ihre Zahl gering, und ihre Organisationen sind nicht nur so gut wie völlig fampfesunfähig, sondern zum großen Theile ausgesprochen kampfesfeindlich. Die meisten Lokalorganisationen aber, 1900.- Der Hamburger Gewerberath über den Schutz der Schwangeren welche auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen, und Wöchnerinnen. Von Louise Zietz. Aus der Bewegung. Genossin Ranke+.- Feuilleton: Grünes Reis unterm Schnee. Von 2. Anzengruber.( Schluß.) Notizentheil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande.- Genossenschaftsbewegung. Dienstbotenfrage. Frauengenossenschaften. -Frauenstimmrecht. Frauenbewegung. Die Arbeiterinnen in den deutschen GewerkIchaftsorganisationen im Jahre 1900. Wie steht es um die gewerkschaftliche Organisation der deutschen Arbeiterinnen? Diese Frage darf gegenwärtig eine größere Bedeutung als je beanspruchen. Die Krise, welche heraufzieht, und in manchen Industrien schon entfesselt ist, macht den strammsten gewerkschaftlichen Zusammenschluß aller lohnarbeitenden Berufsgenossen zu Schutz und Truz wider das ausbeutungslüsterne, machtstarke Unternehmerthum immer dringlicher. Und die Rolle, welche die Arbeiterin auf industriellem Gebiet spielt, ist stetig bedeutsamer, einflußreicher geworden. Von dem Maße, in welchem die Gewerkschaftsorganisationen sich die weiblichen Berufsangehörigen eingegliedert haben, in welchem es ihnen gelingt, diese zu verständnißvollen, opferbereiten und ausdauernden Mitträgerinnen ihrer Aktionen zu machen, hängt ganz wesentlich mit ihre Widerstandskraft zur Abwehr der bösen Folgen des wirthschaftlichen Niederganges ab. Eine Antwort auf die oben gestellte wichtige Frage finden wir in dem Bericht der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, welchen Genosse Legien über„ Die deutschen Gewerkschaftsorganisationen im Jahre 1900" in Nr. 34 des„ Korrespondenzblattes" veröffentlicht hat. Die übersichtliche und gewissenhafte Arbeit, welche durch Tabellen und Tert ein flares Bild von der Entwicklung und dem reichen, vielseitigen Leben der deutschen Gewerkschaften zeichnet, giebt auch einen Ueberblick über den Stand der deutschen Arbeiterinnenorganisation. Gewiß, daß die Zentralverbände, welche der Generalkommission angeschlossen sind, nicht alle gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen Deutschlands überhaupt umfassen. Auch christliche Gewerkschaften und Hirsch- Dunckersche Gewerkvereine lassen sich in den lezten Jahren angelegen sein, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu sammeln. Aber eine offizielle, unanfechtbare Zusammenstellung über die Zahl der betreffenden weiblichen Organisirten ist unseres Wissens nicht erschienen. Nach allem, was verlautet, soll die Zahl klein welche sein. Nur die„ Hilfsvereine für weibliche Angestellte" zwar formell nicht zu den Gewerkvereinen gehören, ihnen aber wesensverwandt sind weisen an einzelnen Orten eine stattliche Mitgliederzahl auf, so vor Allem in Berlin. Jedoch kommen diese harmonieseligen Organisationen für die wirthschaftlichen Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse am allerwenigsten in Betracht, fämpfen sie doch nicht einmal energisch für bessere Arbeitsbedingungen ihrer eigenen Mitglieder. Was die Arbeiterinnen verschiedener Berufe anbelangt, die hier und dort von katholischen und evangelischen Frauengruppen, Arbeiterfreunden 2c. oder von bürgerlichen Sozialreformlern in Lokalvereinen organisirt worden sind z. B. die Heimarbeiterinnen in Berlin, die Kellnerinnen in München, so befizen in Folge ihres angeblich" politischen" Charakters keine weiblichen Mitglieder. Was an allgemeinen Arbeiterinnenvereinen von Büttelgewalt nicht zerschmettert wurde, das fiel dem Nachrichterthum des Juristenscharfsinns zum Opfer. So umschließen denn die Zentralverbände entschieden nicht blos das Gros der gewerkschaftlich organisirten deutschen Arbeiterinnen, sondern vor Allem auch die Kerntruppen derselben. Nur 21 von den 58 zentralisirten Gewerkschaften weisen 1900 eine weibliche Mitgliedschaft auf, und dies obgleich mit verschwindenden Ausnahmen( Bildhauer, Dachdecker, Maschinisten und Heizer, Seeleute) alle mit weiblichen Berufsangehörigen rechnen müssen. In den 21 Verbänden waren zusammen 22844 Arbeiterinnen organisirt. Die geringste Zahl weiblicher Mitglieder finden wir im Verband der Lagerhalter: 9, die größte im Textilarbeiterver= band: 5254. Letterer ist die einzige Gewerkschaft, die eine weibliche Mitgliedschaft von über 5000 zählt. Nur in fünf weiteren Verbänden beträgt die Zahl der organisirten Arbeiterinnen mehr als 1000, reicht aber noch nicht nahe an 5000 heran. Es sind dies die Verbände der Schuhmacher mit 1915, der Metallarbeiter mit 2693, der Fabrit- und gewerblichen Hilfsarbeiter mit 2889, der Buchbinder mit 3046 und der Tabatarbeiter mit 3922 weiblichen Mitgliedern. In einer Stärke von über 500 sind die Arbeiterinnen in folgenden drei Zentralisationen vertreten: Buchdruckereihilfsarbeiter 698, Holzarbeiter 726, Schneider 758. Den drei Verbänden der Handschuhmacher, Hutmacher und Porzellanarbeiter gehören 105, 111 und 357 weibliche Arbeiter an. Die übrigen gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen vertheilen sich auf die einzelnen Verbände wie folgt: Lagerhalter 9, Konditoren 15, Vergolder 28, Sattler 31, Glasarbeiter 33, Tapezierer 37, Masseure 46, Handlungsgehilfen und Zigarrenfortirer je 80. Schon diese Zahlen lassen sinnenfällig die winzige Betheiltgung der deutschen Arbeiterinnen an der gewerkschaftlichen Organisation erkennen. Jedoch noch plastischer tritt diese in Erscheinung, wenn wir die Zahl der Arbeiterinnen der Zahl der weiblichen Organifirten gegenüberstellen. Nach der Gewerbezählung von 1895 waren in den 58 Berufen, welche für die Statistik der Generalfommission in Betracht kamen, 825 796 Arbeiterinnen beschäftigt. Nur 22844 davon gehörten Verbänden an, das heißt 2,76 Prozent, also vom Hundert noch nicht drei. Von den männlichen Berufsangehörigen entfielen dagegen auf Hundert fast achtzehn Organisirte, nämlich 17,88 Prozent. Die stärkste Verhältnißzahl organisirter Arbeiterinnen weist das Buchbindergewerbe mit 22,50 Prozent von 13535 weiblichen Berufsangehörigen auf. Ihm reiht sich die Schuhindustrie an, von deren 9431 Arbeiterinnen 20,31 Prozent organisirt sind. 12,15 Prozent der 5747 Buchdruckereihilfsarbeiterinnen( nach der Berufszählung) gehören ihrem Verband an. Den Metallarbeitern ist es gelungen, ihrer Zentralisation 11,37 Prozent ihrer 23 684 Kolleginnen zuzuführen; 6,65 Prozent der 1579 Handschuhmacherinnen find organisirt, 6,62 Prozent der 10961 Holzarbeiterinnen und 6,58 Prozent der 60 757 Tabatarbeiterinnen; der Verband der Fabrik- und gewerblichen Hilfsarbeiter umschließt 4,97 Prozent der in Betracht kommenden 58 154 Arbeiterinnen 2c. Ungemein beklagenswerth ist der ganz niedrige Satz der organisirten Arbeite rinnen in zwei Industrien, in welchem die Frauenarbeit in ausgedehntestem Maße vertreten ist. Von den 280 446 Textilarbeiterinnen gehören nur 1,16 Prozent, von den 63 220 Schneiderinnen, Näherinnen 2c. nur 1,19 Prozent ihrem Verband an. Immerhin sind die Arbeiterinnen der Buchbindereien, Buchdruckereien, der Schuh- und der Metallindustrie in einem höheren Prozentsaz organisirt, als die Arbeiter in manchen anderen( 10) Berufen. Die Buchdruckereihilfsarbeiterinnen kommen mit ihrem Prozentsatz der Organisirten-12,15 Prozent dem ihrer Kollegen von 16,64 Prozent recht nahe, und die Schuharbeiterinnen stellen dem Verband verhältnißmäßig mehr Mitglieder, als die Schuhmacher, von denen nur 18,27 Prozent der Zentralisation angehören. Im Allgemeinen weisen die vorstehenden Ziffern eine noch durchaus ungenügende Entwicklung der deutschen Arbeiterinnenorganisation aus. Troz Allem melden sie aber auch von einem fleinen Fortschritt derselben. Die Zahl der Verbände, in denen Arbeiterinnen organisirt sind, hat sich 1900 um zwei vermehrt. Die Tapezierer gewannen 37 weibliche Mitglieder, und der neugegründete Verband der Masseure sette mit 46 organisirten Kolleginnen ein. Um 3564 bon 19 280 auf 22844 ist seit 1899 die Zahl der weiblichen Verbandsmitglieder gestiegen. Diese Zunahme bleibt nicht unbeträchtlich hinter der des Jahres 1899 zurück. In demselben hatten die Gewerkschaften ein Mehr von 5799 weiblichen Mitgliedern zu verzeichnen, den stärksten Zuwachs, den sie je gehabt. Allein 1899 stand das Gewerkschaftsleben im Zeichen des voll entfalteten wirthschaftlichen Aufschwunges. Kräftige Lohnbewegungen der Metall-, Textil-, Holzarbeiter 2c. führten den Organisationen zahlreiche weibliche Mitglieder zu. Im letzten Jahre trat dagegen in einzelnen Industrien bereits die Krise auf. Da muß es als ein erfreuliches Zeichen des Umsichgreifens und der Befestigung des gewerkschaftlichen Gedankens unter den Arbeiterinnen begrüßt werden, daß 15 der 19 Organisationen, welche schon 1899 weibliche Mitglieder umschlossen, einen Zuwachs an solchen von insgesammt 4135 berichten können, und daß nur vier Verbände einen Rückgang an organisirten Arbeiterinnen von 654 aufweisen. Bezeichnend und erklärlich genug trägt der Verband der Textilarbeiter mit 578 den Löwenantheil an der bedauerlichen Abnahme weiblicher Mitglieder. In der Textilindustrie machte sich im letzten Jahre die Krise besonders fühlbar, und die Organisation erfuhr dementsprechend auch einen Verlust an männlichen Mitgliedern. Die Glasarbeiter büßten 61, die Handschuhmacher 11 und die Buchdruckereihilfsarbeiter 4 organisirte Arbeiterinnen ein. Was den Gewinn an weiblichen Mitgliedern anbelangt, so marschirt der Buchbinderverband an erster Stelle. Er hat ihre Zahl nahezu verdoppelt, den 1581 im Vorjahre organisirten Arbeiterinnen 1465 neue hinzugefügt. Der energische Kampf für Einführung fester Tarifsäge im Buchbindergewerbe hat sehr viel zu dem stattlichen Fortschritt beigetragen. Eine nennenswerthe Zunahme an weiblichen Mitgliedern hatten noch die Schuhmacher mit 690, die Metallarbeiter mit 491, die Tabakarbeiter mit 422- wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die für 1899 angegebene weibliche Mitgliedschaft auf Schäßung beruhte, die Fabrik- und gewerblichen Hilfsarbeiter mit 390, die Schneider mit 276, die Holzarbeiter mit 205 2c. Auf die übrigen betreffenden Zentralisationen entfällt ein Mehr an weiblichen Mitgliedern, das von 4 ( Lagerhalter) bis 93( Porzellanarbeiter) geht. Besonders erfreulich dünkt uns die Zunahme organisirter Arbeiterinnen in den Verbänden der Fabrik- und gewerblichen Hilfsarbeiter und der Porzellanarbeiter, weil beide 1899 einen ansehnlichen Verlust an weiblichen Mitgliedern um 572, bezw. 155 erfahren hatten. In welchem Maße sich das Verhältniß der organisirten Arbeiterinnen zu den weiblichen Berufsthätigen in den einzelnen Berufen verschoben hat, kann auf Grund der vorliegenden Ziffern nicht ohne Weiteres verglichen werden. Die Berechnung der Zahl der weiblichen Berufsangehörigen ist 1899 auf Grund der Berufszählung, im letzten Jahre aber auf Grund der Gewerbezählung von 1895 erfolgt. Die Zahl der Buchbinderinnen, Fabrit- und gewerblichen Hilfsarbeiterinnen, Porzellan-, Schuh, Tabak-, Tertilarbeiterinnen 2c. ist in der Folge eine höhere, als 1899 berechnet worden, die der Handschuhmacherinnen, Metalls, Glas-, Holzarbeiterinnen, Vergolderinnen 2c. eine niedrigere. Dieser Umstand darf bei Ver146 gleichung des Prozentsatzes der organisirten Arbeiterinnen in den einzelnen Berufen nicht außer Acht gelassen werden, da er hier und da das Resultat in etwas günstigerem oder ungünstigerem Lichte erscheinen läßt. Dagegen ist er für das Gesammtverhältniß der organisirten Arbeiterinnen zur Zahl der weiblichen Berufsangehörigen herzlich belanglos. Bafirt man die diesbezügliche Berechnung wie 1899 auf die Ergebnisse der 1895er Berufszählung, so sind statt 2,76 Prozent reichlich 2,78 Prozent der Arbeiterinnen organisirt. 1899 umfaßten die Verbände 2,35 Prozent der weiblichen Berufsangehörigen. Der Zunahme der weiblichen Organisirten im Berichtsjahr um noch nicht 1/2 Prozent steht bei den Männern ein Plus an Gewerkschaftern um mehr als 4 Prozent gegenüber( 13,56 gegen 17,88 Prozent). Es ist nicht nur die Jugend der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenorganisationen in Deutschland, die uns in den vorgelegten Ziffern entgegentritt. Es sind vor Allem auch die sehr großen, besonderen Schwierigkeiten, welche den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Arbeiterinnen hemmen. Schwierigkeiten, die theils bedingt werden durch die rückständige persönliche Entwicklung der Arbeiterin und ihre Sonderaufgaben als Frau und den dadurch gegebenen Doppelkreis an Pflichten; theils durch die falsche Bewerthung der Erwerbsarbeit als eines Durchgangsstadiums vor der Ehe; durch das hohe Maß der kapitalistischen Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft; die Isolirung breiter Arbeiterinnenschichten in der Heimarbeit 2c. Wir haben seiner Zeit diese Schwierigkeiten ausführlich erörtert.( ,, Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen", Nr. 18, 19, 22 und 24 der ,, Gleichheit" 1898.) Mit ihnen müssen die Bestrebungen zur gewerkschaftlichen Gruppirung der Arbeiterinnen in allen Ländern rechnen. In Deutschland aber gesellte sich ihnen all diese Jahre noch ein besonderes Hinderniß hinzu, das auch jetzt keineswegs völlig beseitigt ist: die reaktionäre Vereins- und Versammlungsgesetzgebung vieler Bundesstaaten. Wir verweisen nur darauf, wie bedeutend Polizeischneidigkeit im vergangenen und diesem Jahre die Organisirung der Schuharbeiterinnen, Schneiderinnen, Näherinnen 2c. in Posen erschwert hat. Wenn wir neuerlich an die Hemmnisse erinnern, mit denen die Gewerkschaften bei der Organisirung der Arbeiterinnen rechnen müssen, so wahrlich nicht, um hier Laue und Flaue zu entschuldigen. Vielmehr um zur höchsten Kraftentfaltung anzuspornen. Genaue Kenntniß der Schwierigkeiten, mit denen wir uns auseinandersezen müssen, ist der erste Schritt zu ihrer Ueberwindung. Und genaues Abwägen der Schwere unserer Arbeit bewahrt vor Enttäuschungen und mahnt zum Einseßen der erforderlichen ganzen Kraft. Mit ganzer Kraft denn ans Werk, um die Massen der Arbeiterinnen organisationsfähig zu machen! Deshalb: Kampf für volles Vereins- und Versammlungsrecht beider Geschlechter; für Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes und möglichste Einschränkung und Sanirung der Heimarbeit; für bessere Arbeitsbedingungen, insbesondere höhere Entlohnung und kürzere Arbeitszeit der erwerbsthätigen Frauen und Mädchen; für Entlastung der Proletarierinnen von wirthschaftlichen Bürden des Haushaltes. Mit ganzer Kraft ans Werk, um immer größere Kreise der deutschen Arbeiterinnen den Gewerkschaften zuzuführen und sie innerhalb derselben zu einsichtigen, überzeugten Gewerkschaftlerinnen heranzubilden. Deshalb: Agitation und nochmals Agitation unter den Arbeiterinnen, und agitatorische, organisatorische Kleinarbeit unter ihnen und nochmals diese Kleinarbeit! Agitation und Kleinarbeit, aber in nie erlahmender Geduld, Treue und Opferfreudigteit. Die Vorstände vieler großer Gewerkschaften, allen voran in rühmlichstem Eifer die Generalfommission, lassen es nicht an ernsten Bemühungen und großen Opfern fehlen, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zusammenzuschließen. An jeder Zweigorganisation liegt es, diese Bemühungen nachdrücklichst zu unterstützen durch gewissenhafte Vorbereitung jeder geplanten Agitation; durch sorgsame Pflege der Klein- und Alltagsarbeit unter den Arbeiterinnen, insbesondere auch durch Werkstubenagitation unter Mitwirkung gewerkschaftlich geschulter Frauen; durch Heranziehung der weiblichen Mitglieder zu Vertrauensposten; durch Einrichtungen, welche einen festeren persönlichen Zusammenhang zwischen der einzelnen Arbeiterin und der Gewerkschaft schaffen. An jedem einzelnen Gewerkschafter, mit aller Energie die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen zu fördern. Noblesse oblige, Adel verpflichtet, Gewerkschaftersein adelt und verpflichtet. Es verbindet jeden Einzelnen zur regsten Agitation unter den Schwestern wie Brüdern der Frohn, es verbindet zu einer würdigen und kameradschaftlichen Führung gegen dieselben. Je mehr die Arbeiterin in dem oganisirten Arbeiter den gebildeteren und charaktervolleren Arbeiter schäßen lernt, der ihr in brüderlicher Achtung und Hilfsbereitschaft zur Seite steht, um so eher, um so fester schließt sie sich der Organisation an. An den Genossinnen schließlich, überall mit allen Mitteln und voller Seele für die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen zu wirken. Nicht Allen, die mit zehrender Inbrunst die Befreiung des Proletariats aus den Ketten der Lohnsklaverei herbeisehnen, ist es gegeben, auf politischem Blachfelde für ihre Ideale zu fechten. Nicht Allen auch ist es gegeben, die gewerkschaftliche Agitation großen Stils mit tragen zu helfen, mit zündenden Worten Hunderte, Tausende zum bewußten Leben ihrer Klasse zu er= weden, mit neuem Muthe, höherer Begeisterung zu beseelen. Aber Allen, die klarer Erkenntniß und guten Willens sind, eröffnet die gewerkschaftliche Klein- und Alltagsarbeit ein schier unbegrenztes Feld segensreichsten Wirkens. Hier kann sich auch die kleinere Kraft mit dem größten Nußen bethätigen, das noch schüchterne Wollen hervorwagen und entwickeln, die Lehrende lernen und Hier steht zur Bewältigung größerer Aufgaben heranreifen. ein Thätigkeitsgebiet offen, das dem mütterlichen Pflichtkreis in der Familie verwandt ist und doch zur Entfaltung des höchsten Gemeinsinns treibt. Und was weibliches Wirken auf diesem Gebiete in der Stille schafft, das kann sich an Werth und Bedeutung getrost neben die Leistungen in der Oeffentlichkeit stellen, die jubelnder Beifall umbraust. Nicht die müde Verdrossenheit enttäuschter Hoffnungen darf aus dem Bericht der Generalfommission in die Seelen der Genossinnen schleichen. Vielmehr müssen ste aus ihm die eindringliche Mahnung entnehmen: Kämpft für die bessere Organisationsfähigkeit der Arbeiterinnenmassen, pflegt und fördert treu Agitation und Kleinarbeit unter den Arbeiterinnen. Mehr Leistungen, bessere Leistungen in jeder Hinsicht sei ihre Losung. Der Hamburger Gewerberath über den Schuh der Schwangeren und Wöchnerinnen. Von Louise Biek. All die bedauerlichen, tieftraurigen Erscheinungen in den Kreiſen der weiblichen Arbeiter, wie Früh, Fehl- und Todtgeburten, Unterleibsleiden, ferner die erschreckenden Zahlen, die uns in der Statistik über die Kindersterblichkeit aufstoßen, resultiren aus der langen, gesundheitsuntergrabenden Frohn der Arbeiterin( nicht nur der verheiratheten, sondern auch der ledigen), der mörderischen Art mancher Arbeiten und dem Umstand, daß Hochschwangere oft bis furz vor der Entbindung und Wöchnerinnen viel zu früh nach derselben von der Noth aufgepeitscht werden zur Erwerbsarbeit, zum Mitverdienen. Zu den genannten Uebeln gesellen sich zum Ueberfluß noch gar zu oft mangelnde Pflege und Ernährung, sowie eine allen sanitären Anforderungen hohnsprechende Wohnung. In unserer Resolution, den Ausbau des Arbeiterinnenschutzes betreffend, fordern wir deshalb neben der Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden täglich das Verbot aller Beschäftigungsarten, die dem weiblichen Organismus besonders schädlich sind, sowie in erster Linie auch eine Erweite rung des Schuhes für Schwangere und Wöchnerinnen. Mit einem einfachen Verbot der Arbeit für eine bestimmte Zeit vor und nach der Entbindung( vier Wochen vor und sechs Wochen nach der Entbindung in der Resolution) ist jedoch der Arbeiterin wenig gedient. Zum Vergnügen hat sich dieselbe seither sicher nicht bis zum letzten Tage zur Arbeit geschleppt. Die bittere Noth, das harte Muß war es, die sie trieben. War sie ohnehin gezwungen, das Einkommen der Familie durch ihre Mitarbeit zu vergrößern, so war dies angesichts der bevorstehenden Entbindung um so mehr der Fall. Die Arbeiterin weiß, daß die Entbindung nicht nur eine schwere Stunde für die Frau ist, sondern daß sie auch manche Mark, manchen Thaler fostet. Sie weiß, daß die Ausgaben der Familie dauernd vergrößert werden durch den kleinen Weltbürger, dem sie das Leben gegeben hat, oder dem sie es geben soll. Der Gesellschaft, die der Frau nicht nur in derem Interesse, vielmehr auch im Interesse des Kindes, der kommenden Generation, für eine bestimmte Zeit die Erwerbsarbeit 147 untersagt, liegt deshalb die Pflicht ob, Ersatz zu schaffen für den verursachten Lohnausfall. In unserer Resolution fordern wir in der Folge für die Schwangere und Wöchnerin Krankengeld in der vollen Höhe des durchschnittlichen Tagelohns. Die Durchführung unserer Forderung würde also eine Aenderung des Krankenkassengesetzes nach sich ziehen. Die eventuelle Mehrbelastung der in Frage kommenden Kassen würde zum großen Theile wett gemacht durch die Ersparniß an Krankengeldern, die sehr oft bei Leiden gezahlt werden müssen, die nur aus mangelnder Schonung der Schwangeren und Wöchnerin und zu früher Wiederaufnahme der Arbeit entstehen. Interessant sind die Ansichten über den Schwangeren- und Wöchnerinnenschutz, welche der Gewerbeaufsichtsbeamte für Hamburg in seinem Jahresbericht für 1899 niedergelegt hat. In diesem Bericht hatte er sich, dem Beschluß des Reichstags vom 22. Januar 1898 entsprechend, auf Anweisung des Reichskanzlers mit den Ursachen und der Wirkung der Fabrikarbeit verheiratheter Frauen zu beschäf= tigen. In der Folge mußte er auch der Frage besondere Aufmertsamkeit zuwenden: wie wirkt die Lohnarbeit auf Schwangere und Wöchnerinnen ein, und wie kann den betreffenden Schädigungen etwas gesteuert werden. Der Hamburger Beamte hat bei seinen Erhebungen die hierbei in erster Linie und am meisten Interessirten befragt, die Arbeiterinnen, außerdem holte er vom Medizinalkollegium ein ärztliches Gutachten ein. Was nun den Schutz der Wöchnerinnen betrifft, so kommt er zu denselben Forderungen, die wir in unserer Resolution niedergelegt haben. Leider ist jedoch im Bericht mit keinem Wort die Rede davon, daß auch die Schwangere eines gesetzlichen Schutzes bedürfe. Vielmehr heißt es:„ Die Gewährung längerer oder fürzerer Pausen für schwangere oder nährende Frauen ist, wie die Erhebungen ergeben haben, in den meisten Betrieben kaum durchführbar, weil damit eine Unterbrechung des Arbeitsganges verbunden sein würde, die so erheblich störend wirken soll, daß die meisten Frauen aus ihrer Arbeit entlassen werden würden." Welche Schlußfolgerung ist aus dem verzeichneten Thatbestand zu ziehen? Unstreitig doch die, daß die Schwangeren wenigstens während der letzten Wochen vollständig der Arbeit enthoben werden müssen. Dies um so mehr, als in dem Bericht von einer Reihe von Thätigkeiten die Rede ist, die auf die Dauer gesundheitsschädigend wirken, und zwar schon bei nichtschwangeren Frauen. Im Bericht sind diese Beschäftigungsarten leider nicht im Einzelnen aufgezählt, sondern diejenigen werden als gesundheitsschädigend bezeichnet, die ein ununterbrochenes Stehen bei der Arbeit erheischen. Die Bildung von Krampfadern und deren Folgekrankheiten, die Ausbildung von Plattfüßen, die Senkung der Gebärmutter, sowie Früh- und Fehlgeburten werden als ihre Wirkungen aufgeführt. Man vergleiche mit dem traurigen Bilde, das diese Angaben enthüllen, unter welchen Umständen die Schwangerschaft der Bourgeoisdame verläuft. Welcher Kontrast! Hier wird jedes Steinchen aus dem Wege geräumt, jede Aufregung fern gehalten, jede Arbeit abgenommen. Dort heißt es rastlos schaffen, schaffen vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht, erst an der Arbeitsstätte 10 bis 11 Stunden und noch mehr, dann daheim ein nochmaliges Einspannen ins Joch. Als Zugabe aber oft, wie oft, noch die Noth, die grinsend ihr Haupt erhebt. Was thut's, daß das arme Weib sich bei der Arbeit kaum aufrecht erhalten kann, daß es zu Tode erschöpft sich heim schleppt, wenn endlich, endlich nach endloser Qual die Feierabendglocke ertönt. Es ist ja nur ein Proletarierweib. Wenn nur der Arbeitsgang nicht gestört wird! Wenn nur die erwarteten Dividenden keine Schmälerung erfahren! Bezüglich des Schutzes der Wöchnerinnen stellt, wie schon erwähnt, der Herr Gewerberath dieselben Forderungen wie wir. Die verheiratheten Arbeiterinnen hätten, heißt es, bei ihrer Befragung den lebhaften Wunsch geäußert nach einem längeren Wöchnerinnenschutze. Derselbe sei nothwendig sowohl im Interesse der Wöchnerin, als auch in dem des Kindes. Erfolgreich durchzuführen sei derselbe jedoch nur dann, wenn die Krankenkassen angewiesen würden, das Krankengeld so lange zu zahlen, als der Schutz der Wöchnerinnen ausgedehnt werde. Das Mindestzeitmaß für das Fernbleiben der Wöchnerinnen aus der Fabrik sei 6 Wochen. Und nach dieser Schutzzeit müßte die Wiedereinstellung der Arbeiterin von der Beibringung eines ärztlichen Attestes abhängig gemacht werden. Mit Recht wird im Bericht darauf verwiesen, daß heute, wo die Krankenkassen nur 4 Wochen Unterstützung zahlen, die Frauen gezwungen sind, bereits nach 4 Wochen die Arbeit wieder aufzunehmen, weil sie ohne Unterstützung nicht noch weitere 14 Tage durchkommen können. Falls ihnen vom Arzt auf Grund ihres Gesundheitszustandes das erforderliche Attest verweigert wird, suchen sie sich an anderer Stelle Beschäftigung, wo ein solches Attest nicht verlangt werden kann, weil die voraufgegangene Entbindung nicht bekannt ist. Wahrlich, diese Konstatirung der traurigen Thatsache spricht ganze Bände! Die Arbeiterinnen kennen sehr wohl die gesundheitsschädlichen, oft mörderischen Folgen einer zu frühen Wiederaufnahme der Arbeil. Das beweist ja unter Anderein der ihrerseits so lebhast geäußerte Wunsch auf Verlängerung der Schutzzeit. Aber der Hunger, dieser schreckliche, unerbittliche Feind der Armen, der seine Opfer körperlich und seelisch zu Grunde richtet, er treibt sie mit Geißelhiebe» wieder zur Arbeit. er läßt sie sehenden Auges ins Verderben rennen. Da thut es doppelt und dreifach noth, daß die Arbeiter beider Geschlechter„ihre Köpfe zusammenrotten zum Schutz gegen die Schlange ihrer Qualen und als Klasse ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges gesellschaftliches Hinderniß, das sie selbst hindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen".' Das vom Medizinalkollegium erbetene ärztliche Gutachten erklärt zur Frage Folgendes: „Vom rein ärztlichen Standpunkte, der nur damit zu rechnen hat, in wie langer Zeit die durch die Schwangerschaft gesetzten Veränderungen nach stattgehabter Entbindung zur Norm wieder zurückgebildet sind oder doch wenigstens soweit Rückbildung erfuhren, daß man den Körper als für alle Thätigkeiten, d. h. also Hausarbeit, Fabrikarbeit und sonstige gewerbliche Beschäftigungen, fähig erachten kann, ist ein Zeitraum von 4 und günstigenfalls 6 Wochen als entschieden zu gering bemessen zu erachten. Er ist zu gering für Frauen, die nähren und deshalb einer besonderen Schonung bedürfen, als auch für solche, welche ihr Kind nicht an der Brust haben. Besonders ist bei Beurtheilung der vorliegenden Frage noch im Auge zu behalten, daß es sich hier um die unbemittelten und durchschnittlich mit reichem Kindersegen beglückten Frauen der arbeitenden Klassen handelt, welche viel und oft schwere Hausarbeit selbst und ohne Hilfe zu verrichten haben und sich deshalb aus den Wochenbetten weit langsamer erholen, als besser bemittelte Frauen. Soweit ärztliche Wünsche demnach mitsprechen, sei die gesetzliche Schutzzeit um 2 Wochen zu verlängern, so daß 6 Wochen als die stets nothwendige Frist gelten, die durch ärztliches Attest noch um 2 Wochen erweitert werden darf. Dieser Veränderung wäre aber nur dann der von ihr gewollte praktische Nutzen gesichert, wenn gleichzeitig mit ihr der Z 20 des Krankenkassengesetzes die analoge Modifikation erhielte." Auch vom Medizinalkollegium wird darauf verwiesen, daß ohne Aenderung des Krankenkassengesetzes die Noth und, heißt es weiter, der Wunsch nach Verdienst die Frauen zur Arbeit treiben würde. Der Gewerberath fügt dem noch das Nachstehende hinzu. In Hamburg seien hinreichend genug Frauen erwerbsthätig, damit in ihrem Interesse und zu Gunsten der von ihnen geborenen und großzuziehenden Generation die vorgeschlagene Erholungsfrist dringend zu wünschen sei. Dagegen sei die Zahl der erwerbsthätigen Frauen doch nicht so * Karl Marx. Das„Kapital", 1. Band, Seite 2KK. Grünes Reis unterm Schnee. Von L. Anzengruber." (Schluß.) Eine aufdringliche Wärme umwallte sie plötzlich, in den erstarrten Gliedern begann es auf ganz schmerzhafte Weise zu prickeln und zu rieseln, und unter dieser unangenehmen Empfindung wachte sie auf, öffnete die Augen und besann sich. Sie lag in eine grobe Kotze eingehüllt, auf einem Feldbett und dieses stand in einem kleinen Stübchen, dessen Wände waren von Holz, das einzige Fenster verfinsterten hängende Zweige der Tannenbäume, und die Thüre führte hinaus in den Wald. Es war das Innere der Waldhegerhütte, und wenn es das war, so mußte ein Blechofen dort in der Ecke stehen. Ein wenig hob sie den Kopf, der Ofen stand dort und sah rothglühend her, auf dem Stuhle neben dem Bette lag ihr nasses Umhängtuch, das dampfte, und Rauch durchzog die Stube, da mußte sie husten. Ein Mann, der in Hemdärmeln nahe dem Ofen stand, ließ das Stück Holz und die Feuerzange, die er in den Händen hielt, zur Erde fallen und wendete sich um. Die wettergebräunte Haut seines Gesichts stach gar sonderbar gegen die Schneeweiße seines struppigen Haares und Schnauzbartes ab, und der letztere war bedenklich zwischen der Geierschnabelnase und dem Kinne eingeklemnit. Der Waldheger wischte sich mit beiden Aermeln über das schweißtriefende Gesicht.„No lahnst(thauesl) D' mir endlich auf?" sagte er.„Hab' schon glaubt, ehender muß ich verbraten * Aus L. Anzengrubcrs„Gesaimiiclte Werke". Dritter Band: Dors- giinge. Verlag der I. G. Cottaschen Buchhandlung, Stuttgart 1897. groß, daß die Befürchtung gehegt iverden könne, den Kassen werde durch die geforderten Maßnahmen eine nicht leicht zu tragende Belastung erwachsen. Die Verlängerung der Schutzzeit um weitere 2 Wochen sei bereits im Hinblick auf die Durchführbarkeit der Maßregel so niedrig angesetzt, als es mit den gesundheitlichen Interessen noch vereinbar wäre. Wie wohlthuend berühren der Ernst, die Gewissenhaftigkeit und das sozialpolitische Verständniß, die uns aus diesen Aeußerungen entgegenleuchten, im Vergleich zu Gutachten und Erklärungen von Aerzten und Fabrikinspektoren aus anderen Bezirken. So befürwortet beispielsweise ein Kassenarzt in Potsdam die Wiederaufnahme der Arbeit 4 Wochen nach der Entbindung, da die schon bestehenden Vorschriften störend genug in die wirthschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterin eingriffen. Hervorragende Gynäkologen hätten Frauen 4 Wochen»ach überstandener Laparotomie(Bauchschnitt) stehend das Arbeiten gestattet. Daß Arbeite» und Arbeiten sehr verschieden sein kann, daß freiwillig irgend eine Arbeit kurze Zeit verrichten und in der Fabrik endlos lange Stunden bestimmte Arbeiten ausführen und ein gewisses Quantum Arbeit liefern müssen, himmelweit verschiedene Dinge sind, füllt dem Herrn Doktor augenscheinlich nicht ein. Ein Darmstädter Arzt äußerte sich zur Frage ebenfalls sehr„verständig". Er erklärt nämlich kategorisch, daß der Schutz von 4 Wochen nach der Niederkunft genüge, denn— man höre und staune!— Ein Professor in Göttingen lasse die Wöchnerinnen in der Klinik bei normalem Verlauf der Entbindung sogar schon 3 Tage darnach sich bewegen!! Bei diesem Jünger Aeskulaps scheint sich bewegen und täglich 10 bis 11 Stunden der Erwerbsarbeil nachgehen ein und dasselbe zu sein. Gegenüber so viel Weisheit verhüllen wir demüthig unser Haupt und flehen zerknirscht: O Herr, verzeihe uns unsere Unwissenheit! Doch sei gleichzeitig den beiden einsichtsvollen, weisen Gutachtern verrathen, daß, wie das Resultat der Erhebung beweist, die weitaus meisten Aufsichtsbeamte» und befragten Aerzte dem erweiterten Wöchnerinnenschutz das Wort geredet haben, und daß auch viele Fabrikinspektoren und befragte Aerzte für den Schutz der Schwangeren eingetreten sind. So haben unter Anderem die Fabrikinspektoren für Unterfranke», Württemberg II, Offenbach, Hannover, Baden den besseren Schutz der Wöchnerinnen empfohlen. In Berlin forderten Aerzte und das Gewerbegericht ausnahmslos den Schutz der Schwangeren, für den sich auch der Gewerberath von Frankfurt a. O., der Medizinalrath von Potsdam, ein Arzt in Köln und unter Umständen die Handelskammer von Aachen u a. m. erklärten. In den„Sozialistischen Monatsheften"' hat Or. Zadel namentlich auch im Interesse des Säuglings einen Wöchnerinnenschutz befürwortet, der weit über unsere Forderungen hinausgeht. Sicherlich * Sozialistische Monatshefte, Heft III, 1901. und verprasseln. Was hast denn Du aber auch bei so ein' Wetter heraust z' suchen?" „Den Weg nach'm Armen-Leut'-Haus", sagte sie. „Oho", sagte er und ließ sich ihre Geschichte erzälen, und als sie damit zu Ende gekommen mar, begann er:„Schau, alt' Regerl, was sollst Du Dich in Dein' Täg'n mit fremde Leut' h'rumbalgen? Taugt's Dir, so bleib' bei mir, da is auch a Arme-Leut'-Hütt', indem wir— Gott sei Dank— allzwei mit einander nix hab'n, aber friedsam gung's doch zwischen uns her." „No, aber was möcht' ich denn da verrichten?" fragte Alt-Regerl. „Was verrich'st denn dort? In uns're Jahr' reißt mer nix mehr z'samm' und baut mer nix mer auf. In Ruh säßest!" „Was thäten aber auch d'Leut' dazu sagen?" „Ei mein, ich denk', wir zwei könnten s' wohl schon reden lassen! Die Ein', die sich besinnen, daß vor Zeiten die Red' war, wir hätten uns einmal gern g'seh'n, die werd'n sich die Sach' reimen, und die Andern, denen kein Spruch drauf einfallt, die laß Du große Augen machen. Bleib' Du da, und weil wir sich kein' and're Treu' beweisen durften, soll der, dem's bestimmt is, dem Andern die letzte erweisen. No, ich für mein' Theil nimm's nit Gott noch Welt übel, daß's kommen, wie's kommen is, aber Du, armer Hascher, hast ans Weiberevangeli glauben müssen, ans Mannnehmen und Kinderkrieg'n; Du hast es auskost't, was s' d' weltlich' Freud' nennen, der die Pfaffen schlau g'nug aus'm Weg gehen,'s Zusammengesperrtsein taugt einmal'm Menschen nit." Die alte Negerl setzte sich im Bette auf, schlug mit der Rechten auf die grobe Kotze und sagte:„So? Und nun sollt' ich mich doch mit Dir z'samm'sperr'n lassen?" bewerthen auch wir den Dienst, den die Frau durch die Fortpflanzung der Art der Gesellschaft leistet, als so hoch, daß wir meinen, als Gegenleistung müsse die Gesellschaft der Frau die Existenzmöglichkeit während dieser Zeit garantiren. Aber wir sind leider nicht die Gesellschaft. Auf der Frauenkonferenz in Mainz wurde ausdrücklich betont, aus Rücksicht auf die Durchführbarkeit unserer Forderungen wollten wir zunächst nur das Nothwendigste, das Minimum heischen. Und daß wir unsere ganze Kraft einsetzen müssen, um auch nur dieses Minimum zu erlangen, weiß Jeder, der sich der vielen Rückwärtser auf sozialpolitischem Gebiet mit ihrem großen sozialen und politischen Einfluß vergegenwärtigt. Was die Frau der Gesellschaft durch die Fortpflanzung der Art leistet, wird nur voll gewürdigt werden in einer Gesellschaft, die auf vollkommen veränderter Grundlage aufgebaut ist. In einer Gesellschaft, wo nicht der todte Besitz mehr gilt, als der lebendige Mensch, wo deshalb nicht mehr die Produktion von Profit höher bewerthet wird, als die Produktion von Menschen. Deshalb ersehnt und wünscht auch die Proletarierin nicht nur diese Gesellschaft herbei, sondern sie kämpft für ihre Erreichung mit der ganzen Begeisterung, der Inbrunst, die nur ein hohes, hehres Ideal zu verleihen vermag. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In Bayern entfalten die Gewerkschaften neuerdings eine rührige Agitation, um die Arbeiterinnen in immer größerer Zahl der Organisation ihres Berufs zuzuführen. So fanden im Laufe der letzten Monate öffentliche Versammlungen für verschiedene Arbeiterinnenkategorien statt in München, Memmingen, Sonthofen, Füssen, Augsburg, Kempten, Lechhausen und Raufbeuren. Genossin Greifenberg- Augsburg sprach in allen diesen Versammlungen, sei es als Referentin, sei es als Einberuferin und Vorsitzende. In München war leider die Versammlung der Arbeiterinnen und Arbeiter der Bürsten- und Pinselindustrie nur schwach besucht. Der Grund dafür ist mit darin zu suchen, daß die Versammlung Sonntag Vormittag stattfand, wo die Arbeiterinnen sich kaum von den häuslichen Geschäften frei machen können. Um den Frauen den Versammlungsbesuch zu er= leichtern, soll in nächster Zeit an einem günstigen Tage eine Versammlung einberufen werden, in der Genossin Greifenberg wieder referirt. Die organisirten Buchbinder von München gingen folgendermaßen vor, um mehr Arbeiterinnen als gewöhnlich in die Versammlung zu führen. Sie beauftragten Genossin Greifenberg mit der Einberufung und dem Vorsitz derselben und übertrugen das Referat Herrn Dr. Epstein, der über„ Die Gesundheitsschädigung der Frau durch die gewerbliche Arbeit" sprach. Im " Schau", sagte der Waldheger launig, selb' nit, denn an meiner Thür is nit einmal ein Riegel." Gr zog den Stuhl an sich und setzte sich neben der Alten an das Bett." Laß Dir sagen, Reger!", fuhr er fort, wir woll'n der Welt und sie uns nir mehr, über dö Zeiten sein mer hinaus. Ich hab' mer's all mein' Tag unluftig g'nug vorg'stellt, wann ihrer zwei sich so af ein Anwesen z'samm'setzen und d'Lieb' als G'wert betreiben, diß nur die sakermentische Welt nit ausstirbt; da füllt sich d'Stub'n mit Kinder, je größer die werd'n, je nirnußer werd'n d'Alten, af d'Lezzt wirft mer dö vor die Thür, wenn d'Jungen d'Werkstatt brauchen. Na, gelt ja, dös hast erprobt? Mir is nit unlieb, daß mer dös erspart blieben is, denn seinzeit is mer doch manchmal der Gedanken durch' n Kopf g'schossen, daß sich's am End' mit Dir wagen ließ', aber es möcht' wohl auch nit anders ausgangen sein. Wann ich gleich d'Jahr her, wo Du verheirath' warst, öfter in der Abendruh' mir ausdenkt und davon geträumt hab', wieviel in Schönern sich alles in der Weis' möcht' anlass'n hab'n, so glaub' ich heut' wohl, daß dasselbe Träumen eigentlich ' s Liebliche war, und wo ich Dich jetzt so betracht', da denk' ich gar nit, Du wärst verheirath' g'west und hätt'st Kinder g'habt, jezt is mir all das Erlebte wie a Traum und' s Geträumte wird mir wie's Erlebte." Er faßte mit seiner knöchernen Rechten die welke Hand der Alten und drückte sie. Vielleicht vergißt auch Du manchmal auf all Dein Widerfahr'nes, wenn wir uns da unter den Augen herumgehen und in uns das Gedächtniß an die Zeit lebig wird, wo wir ohne Denken und Besinnen neben einander her durch d' grüne Welt g'laufen sein. Selb' Zeit, wo wir uns ein Deften durch' n stillen Wald hindang'schlichen haben bis zur Lichtung, wo man so 149 Anschluß an seine sehr interessanten Ausführungen erörterte Genossin Greifenberg eingehend, welche gesundheitsschädigenden Einflüsse die Arbeiterin im Buchbindergewerbe bedrohen. So verdirbt z. B. das Falzen die Augen; die Arbeit an den schweren Maschinen, die von Männern bedient werden sollten, verursacht Frauenleiden und eine allgemeine Ueberanstrengung, welche allmälig die Lebenskraft zerrüttet und untergräbt 2c. Die Rednerin hob den verderblichen Einfluß der niedrigen Arbeiterinnenlöhne hervor, die zur Unterernährung zwingen und der Gesundheit verderblich werden. Im Buchbindergewerbe kommt es vor, daß die Frauen und Mädchen für die gleichen Arbeiten bis 50 Prozent niedriger entlohnt werden als Männer. Dies der Hauptgrund, weshalb hier die Unternehmer immer mehr Arbeiterinnen einstellen, und daß dadurch den Arbeitern trotz ihrer vierjährigen Lehrzeit eine schwere Konkurrenz erwächst. Erfreulicherweise waren in der gutbesuchten Versammlung die Arbeiterinnen bei Weitem in der Mehrzahl vertreten und verfolgten aufmerksam die Der Verband Ausführungen des Referenten und der Vorsitzenden. gewann eine Anzahl weiblicher Mitglieder, die versprachen, treu zur Organisation zu stehen und für dieselbe mit aller Kraft unter den Kolleginnen zu wirken. In Memmingen, Sonthofen, Füssen, Augsburg, Kempten, Lechhausen und Kaufbeuren sprach Genossin Greifenberg in öffentlichen Arbeiter- und Arbeiterinnenversammlungen über das Thema:" Unser täglich Brot gieb uns heute". Sämmtliche Versammlungen waren sehr gut besucht, und zwar auch von Frauen und Mädchen, welche den Ausführungen der Referentin nicht blos mit lebhaftem Interesse zuhörten, sondern auch wiederholt durch Zwischenrufe ihre Zustimmung zu denselben bekundeten. Das rege Interesse, das die Frauen für das öffentliche Leben und die Interessen der Arbeiterklasse an den Tag legten, ist um so beachtenswerther, als von Seiten der Klerikalen alles daran gesetzt wird, jede aufkeimende moderne Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Wird z. B. von den Gewerkschaften oder von den Sozialdemokraten eine Versammlung in jener Gegend einberufen, so bieten die Schwarzen alles auf, um entweder die Leitung in ihre Hände zu bekommen oder die Versammlung zu sprengen. Wie energisch und dabei kühl besonnen dort von unserer Seite gearbeitet werden muß, um mit der Agitation einzusetzen und festen Fuß zu fassen, läßt der Umstand erkennen, daß z. B. in Füssen der katholischen Organisation der Textilarbeiter ca. 300 Mitglieder angehören, dem deutschen Textilarbeiterverband dagegen nur etwa 50. Nun beginnen in jenem schwarzen Winkel gerade die Frauen, ein lebhaftes Interesse an unserer Bewegung zu zeigen. Es ist dies erklärlich: sie leiden am meisten unter den Verhältnissen. Füssen z. B. ist ein wunderschön gelegener Kurort mit starkem Fremdenverkehr. Dieser hat die Wohnungs- und Lebensmittelpreise enorm in die Höhe getrieben, die Löhne haben sich dagegen auf einer niedrigen Stufe gehalten. Die Frauen weit ins Flachland sieht mit den klein' Dörfern, den Rebhügeln und die Berg', die fern blauen; wern da so der lieb' Sonn'schein über allem g'legen is und der Wind so stad drüber wegg'fächelt hat, da is uns in d' tiefste Seel' hinein word'n, als gäb's kein Gestern und fein Morgen, als gäb's nur ein Erinnern an heut' und das sollt' gleichzeit auch vergessen sein, und wir hab'n aufg'juchzt: Herrgott, was tost't dein' Welt!" Und der Greis sah in das Gesicht der Greisin, und diese sab vor sich hin und die Waldhegerhütte war verschwunden, der Qualm zerstoben, die Tannenlichtung stand da, die Zweige fächelten, in hellem Sonnenschein lag das flache Land mit seinen kleinen, weißen Dörfern, hellgrünen Rebenhügeln und fernen tiefblauen Bergen, und die Vögel sangen; zu Füßen einer Tanne im weichen Moose saßen zwei Leutchen, der stämmige Bursche hatte seinen Arm um die Hüfte der kleinen, drallen, gluthäugigen Dirne geschlagen, jetzt wollte er sie mit der freien Hand an dem Kinne fassen und ihren Mund an den seinen zwingen, sie aber blickte ihm schelmisch in die Augen.„ Du bist der Ungenügsam'", sagte sie.„ Morgen ist auch ein Tag", und griff mit beiden Händen seine Rechte. Alt- Regerl hielt zwischen ihren schmalen Fingern die knöcherne Hand des Waldhegers. ,, Ei, Du mein", sagte sie, war einmal eine Zeit Ein wehmüthiges Lächeln spielte um die eingefallenen Lippen der beiden Alten, sie saßen Hand in Hand und sahen durch das Fenster nach den grünen Tannenzweigen, und der weiße Flaum, der hier und da zwischen den Nadeln hing, mochte wohl Blüthe sein. lernen dadurch den Klassengegensatz begreifen und die schreiende Ungerechtigkeit, die in ihm liegt, und die er weiter erzeugt, und so wird ihnen mit der Zeit klar, wo ihre und der ihrigen Freunde und wo ihre Feinde zu suchen sind. Und ist es erst so weit, so lassen die Frauen sich nicht mehr durch schöne Redensarten von Leuten einlullen, welche die Nächstenliebe im Munde führen, aber nicht daran denken, sie zu üben. In Kaufbeuren waren seither gar keine oder nur vereinzelte Frauen zu Versammlungen gegangen. Die Versammlung, in der Genossin Greifenberg referirte, war dagegen von vielen Frauen besucht, und dies, obgleich fie Sonntag Vormittag stattfand und herrliches Ausflugswetter war. Besonders zahlreich waren die Arbeiterinnen der lithographischen Anstalt in der Versammlung vertreten. Jedenfalls hatte es auf den guten Versammlungsbesuch der Frauen eingewirkt, daß zum ersten Male in Kaufbeuren eine Frau sprach. Auch hier versprachen die Arbeiterinnen, von nun an regen Antheil an den Versammlungen und der Organisation zu nehmen, denn Genoffin Greifenberg hatte eindringlich nachgewiesen, daß auch die Frauen politisch aufgeklärt und gewerkschaftlich organisirt sein müssen, wenn sie ihr tägliches Brot gewinnen wollen. Aus allen Versammlungen nahm die Referentin den ermuthigenden Eindruck mit, daß der Erfolg der modernen Arbeiterbewegung ein sicherer ist, und daß sie in den dunkelsten Gegenden vorwärts schreitet, wenn auch nur um den Preis harter Arbeit, vieler Opfer und zäher Geduld. M. G. In Schönebeck, Salze und Frohse hielt Genoffin ZietzHamburg in der zweiten Hälfte des Juni von Frauen zahlreich besuchte Versammlungen ab. In Frohse befanden sich unter den 18 neu aufgenommenen Verbandsmitgliedern mindestens ein Dutzend Frauen und Mädchen, die nach dem nahen Schönebeck in die Fabriken gehen. Auf dem Wege nach Diesdorf bei Magdeburg sahen wir schon von ferne die schwarz- weiß rothen Banner wehen, die uns kund thaten, daß ein hochpatriotisches Fest, nämlich das Landwehrfest, gefeiert ward. Das schraubte unsere Hoffnung auf Gründung einer neuen Zahlstelle ziemlich herunter. Zu unserer freudigen Ueberraschung war trotzdem die Versammlung von etwa 200 Personen besucht, die mit ungetheilter Aufmerksamkeit dem Referat folgten. Mit 22 Personen, darunter Frauen und Mädchen, konnte der Grundstein für die neue Zahlstelle gelegt werden. Die Genossen in Barleben haben leider nur ein kleines Lokal zur Verfügung, das denn auch bald gefüllt war. Das Interesse der Anwesenden, besonders der Frauen, wuchs während des Vortrags in dem Maße, als sie empfanden, daß ihrer traurigen Lage nicht nur Verständniß, sondern auch Mitgefühl entgegengebracht wurde. Mit freudiger Bewegung hörten sie, daß die Betheiligung an der Arbeiterbewegung ein Weg ist, der aus ihrem Elend führt. Mit einer ansehnlichen Anzahl Personen, darunter etwa einem Dußend Frauen, konnte auch hier eine neue Zahlstelle gegründet werden. Bis auf den letzten Platz gefüllt war die Versammlung in Tangermünde, die dem Verband einen Zuwachs von 38 Mitgliedern brachte. Einen eigenartigen Anblick gewährte es, wenn man um die Mittagszeit herum eine wahre Völkerwanderung von Frauen mit Essen in Körben und Töpfen nach der Zuckerfabrik ziehen sieht. Hier nehmen dieselben oft in den weiten Eßsälen zusammen mit ihren Männern das Mittagbrot ein. Wie ausgezeichnet die Fabrikleitung es versteht, sich billige und willige Arbeitskraft zu erziehen und zu erhalten, werden wir noch später berichten. Von Tangermünde ging es nach Stendal, wo erst ein neuer Anknüpfungspunkt für den Verband geschaffen werden sollte. Die Schilderungen der Genossen am Orte über den Indifferentismus der Arbeiter daselbst war nicht gerade geeignet, den Muth aufzu frischen und Hoffnung auf greifbaren Erfolg zu erwecken. Um 8½½ Uhr war denn auch noch keine Menschenseele im Lokal erschienen. Erst später strömten plötzlich sehr zahlreiche Versammlungsbesucher herbei, unter denen sich auch viele Frauen befanden. Mit ungetheilter Aufmerksamkeit folgten die Erschienenen dem Referat und nach demselben meldeten sich 14 Personen zum Beitritt in den Verband. Die Verwaltung übernahm ein langjähriger bewährter Genosse, und da ein weites Feld für die Agitation vorhanden ist, hoffen wir, daß die Zahlstelle blühen und gedeihen wird. In Genthin tagte die letzte, überaus stark besuchte Versammlung, zu der selbst von dem zwei Stunden entfernten Parey einige Dutzend Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen waren. Auch hier erfolgte eine Anzahl Neuaufnahmen in den Verband. Die Agitationstour in der Provinz Sachsen brachte dem Fabrikarbeiterverband einen Zuwachs von drei neuen Zahlstellen und 160 bis 170 Mitgliedern. Höher anzuschlagen als dieser Erfolg ist aber jedenfalls die Auffrischung des Muthes und der Kampfesfreudigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen. L. Z. Weibliche Delegirte zum sozialdemokratischen Parteitag in Lübeck wurden bis jetzt drei gewählt. Die Berliner Genossinnen betrauten in einer eigenen öffentlichen Versammlung Genoffin Baader 150 mit ihrer Vertretung. Die Kreiskonferenz des Wahlkreises TeltowBeeskow Charlottenburg delegirte außer zwei Genossen Genossin Thiele- Mariendorf nach Lübeck. Genossin 3ieß- Hamburg wurde in Reichenbach i. V. als Delegirte für den 22. sächsischen Wahlkreis gewählt. Genoffin Ranke- Berlin+. Der Tod hat aus den Reihen der Berliner Genossinnen eine der treuesten, erprobtesten Kämpferinnen gerissen. Am 29. August ist Genossin Ranke einem langjährigen, tückischen Leiden erlegen. Die Verstorbene zählte zu der kleinen Schaar von Proletarierinnen, die von der siegreichen Macht der sozialistischen Idee erfaßt, schon unter dem Ausnahmegesetz, aller Gefahren und Opfer ungeachtet, am gewerkschaftlichen und politischen Leben ihrer Klasse theilnahmen. Die eigene bescheidene, bürdenreiche Existenz und die der Ihrigen schärften früh den Blick des jungen Mädchens für die Leiden des Proletariats und die soziale Knechtschaft des weiblichen Geschlechts. Auf der Grundlage eines echt proletarischen Empfindens und Denkens erwuchs allmälig das Verständniß für die Nothwendigkeit des politischen und gewerkschaftlichen Klassenkampfes und die im Sozialismus winkende Befreiung für Alles, was da Menschenantlig trägt. Mit reiner, selbstloser Begeisterung, die keine Mühe, feinen Preis scheute, wirkte Genossin Ranke für ihre Ueberzeugung. Von ihrem 15. Lebensjahre an bis zu ihrer Verheirathung als Lohnarbeiterin in der Wirkerei und Strickerei thätig, erkannte sie klar, wie dringend die Arbeiterinnen der Segnungen der Organisation bedürfen. Und da sie eine vorzügliche Arbeitskraft war und bei einem humanen Arbeitgeber in Brot stand, konnte sie energisch daran gehen, ihre Erkenntniß in Thaten umzusetzen. 1888 zählte sie zu den Begründerinnen der Organisation der Berliner Wirkerinnen und blieb mit ihrer Leitung betraut, bis sie mit der Gewerkschaft der Textilarbeiter verschmolzen wurde. Ein Jahr lang saß sie dann in der Agitationskommission der Berliner Textilarbeiter. Auch um die politische Aufklärung der proletarischen Frauen machte sich Genossin Ranke verdient, so daß sie 1892 in die Berliner Frauenagitationsfommission gewählt wurde, der sie bis 1894 angehörte. Eine furze Zeit zählte sie zu den Vorstandsmitgliedern des später gegründeten Frauenbildungsvereins, den behördlicher Eifer gar bald wegen. " politischer" Vergehen gegen das Vereinsgesetz zur Strecke brachte. Mit der größten Aufopferung und Gewissenhaftigkeit war sie in den verschiedenen Aemtern thätig. Vor 5 Jahren zwang schweres körperliches Leiden unsere Genossin, auf jeden verantwortungsreichen Kampfesposten zu verzichten. Aber nie ist sie ängstlich und selbstsüchtig aus den Reihen getreten. Wo und wann immer die Genofsinnen gelegentlich einer zuverlässigen, eifrigen Hilfskraft, eines flugen, ehrlichen Rathes bedurften, da war Genossin Ranke zur Stelle. Ihr ganzes Herz war bei dem Kampfe, den sie aufmerksam und begeistert verfolgte. Bis die Krankheit sie völlig ans Lager fesselte, hat sie kaum in einer wichtigen Versammlung gefehlt, obgleich sie wußte, daß sie dafür doppelt leiden mußte. Wie tief ihr ganzes Sein mit der Ueberzeugung von dem endlichen Empor der Arbeiterklasse aus Nacht zum Licht verwachsen war, das weiß ihr Gatte, mit dem sie die innigste Ideengemeinschaft verband, das wissen die Berliner Genossinnen und Genossen, die ihr opferfreudiges, besonnenes und doch energisches Wirken kannten und schätzten. Ihrem Wunsche entsprechend wurde ihre Leiche in Hamburg den Flammen übergeben. In dem goldenen Buche des proletarischen Befreiungskampfes wird der Name Genossin Rankes nicht an letzter Stelle stehen. Denn sie hat redlich das Ihrige zu dem Bau beigetragen, in dem einst glückliche Menschen wohnen werden. Notizentheil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Die niedrige Entlohnung der Buchdruckereihilfsarbeiterinnen in Königsberg wird durch die folgenden Angaben gezeigt, welche unserer Genossin Altmann in einer Versammlung gemacht wurden. Die Arbeiterinnen müssen sich zum großen Theil mit einem Wochenverdienst von 3 bis 8 Mark begnügen. Und zwar sind es nicht blos Anfängerinnen, die wahre Hungerlöhne erhalten, sondern auch eingeübte ältere Arbeiterinnen. In einem Betriebe wurde z. B. eine Arbeiterin, die daselbst seit 25 Jahren schafft, lange mit 8 Mt. Wochenlohn abgespeist. Erst durch Bitten und Thränen erlangte sie eine Zulage von 50 Pf. wöchentlich. Der Verdienst der männlichen Hilfsarbeiter in den Königsberger Druckereien ist übrigens auch miserabel genug. Es kommt vor, daß verheirathete Männer nicht über einen Wochenverdienst von 12,50 Mt. fommen. Diese Zahlen erweisen sinnenfällig, daß die Hilfsarbeiterinnen und Arbeiter der Druckereien sich in Königsberg wie anderwärts ihrer Gewerkschaftsorganisation anschließen müssen. Der feste gewerkschaftliche Zusammenschluß wird ihnen reichlicheres und besseres Brot bringen. i. a. Fort mit dem Prämiensystem, das muß die Losung der Arbeiterinnen sein, die ihre Lage verbessern, höhere Löhne erzielen wollen. Das Prämiensystem, das zumal in der Textilindustrie fast überall für die Arbeiterinnen eingeführt ist, erweist sich als ein schweres Uebel, als eine Rette, welche die Lohnsflavinnen hindert, sich bessere Entlohnung zu erkämpfen, als eine Quelle anderer mißlicher Zustände. Die Gewerbeaufsichtsbeamten haben wiederholt anerkannt, wie schädlich das Prämiensystem wirkt. Wir führen ein Beispiel dafür an. Eine Leipziger Textilfirma hat ihren Arbeiterinnen angefündigt, daß sie nach sechsmonatlicher guter Führung eine Prämie in Gestalt eines Spartassenbuches mit 10 Mt. Einlage erhalten sollen. Wer stellt fest, worin die gute Führung" besteht? Natürlich die Direktion, der Werkführer oder sonstige Vorgesetzte der Arbeiterin. Was aber deren Vorgesetzte als„ gute Führung" ansehen, ist bekannt. Es führt sich gut die Arbeiterin, welche widerspruchslos all die ihr zugemutheten Ueberstunden schafft, jeden Lohnabzug still und zufrieden" hinnimmt und sich womöglich die gröbste Behandlung seitens der Meister gefallen läßt. Die Arbeiterin ist für Bescheinigung ihrer " guten Führung" auf Gnade und Ungnade ihren„ Brotherren" und Vorgesetzten ausgeliefert. Sie hat kein Recht auf die Prämie, diese fällt ihr stets nur als eine Gnade zu. Im Allgemeinen werden mit der Prämie die Arbeiterinnen bedacht werden, welche die gefügigsten und willigsten Ausbeutungsobjekte sind oder sich in sonst einer Weise die Gunst der Chefs und Meister erworben haben. Es liegt im Interesse der Arbeiterinnen, daß sie über die Natur und die Wirkungen des Prämiensystems aufgeklärt werden. Sie müssen fordern, daß der Betrag, der ihnen als unsichere Prämie von gnadenwegen in Aussicht gestellt wird, von rechtswegen als sicherer Lohnzuschlag oder Lohnabrundung ausgezahlt wird. Sicherlich stellt dieser Betrag einen Theil ihres regelrechten Verdienstes dar. Wäre dem nicht so, so würden die Unternehmer gewiß nicht die Prämie in Aussicht stellen. Wer den Goldhunger der Herren kennt, der wird sich nicht eine Minute einreden lassen, daß sie bereit sind, die Prämie auf Kosten ihres Profits zu zahlen. Deshalb fort mit der Gnade der Prämie und her mit dem Rechte des höheren Lohnes. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. E. J. Ueber die Frage der gewerkschaftlichen und politischen Organisation der Proletarierinnen verhandelte der sechste skandinavische Arbeiterkongreß, der Ende August in Kopen hagen tagte. An seinen Arbeiten nahmen aus Schweden, Norwegen und Dänemark zusammen 354 Delegirte theil, welche zusammen 215439 Mitglieder von politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen vertraten. Unter den Delegirten befanden sich auch eine Anzahl Frauen, die sich besonders an den Debatten zu der obenstehenden Frage und der Dienstbotenfrage betheiligten. Was die Arbeiterinnenfrage anbelangt, so hatte die Arbeiterkommune Malmö dem Kongreß folgende Frage vorgelegt:„ Welche anderen Mittel als das Radikalmittel: die von den Männern angewandte gewerkschaftliche Taktik, kann der Kongreß zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Industriearbeiterinnen im Interesse des ganzen Geschlechts ausfindig machen? Einerseits zeigt es sich, daß es schwierig ist für die Arbeiterinnen, sich den gewerkschaftlichen Gedanken nußbar zu machen, andererseits wirken viele Umstände darauf hin, die Versuche zu hemmen, die seitens der Partei zur Organisirung der Frauen gemacht worden sind." Nach einer lebhaften Erörterung der aufgerollten Frage wurde eine Kommission mit der Abfassung einer Resolution betraut, welche die Stellungnahme des Kongresses zum Ausdruck bringen und eine Richtschnur für die Agitations- und Organisationsarbeit unter dem weiblichen Proletariat sein sollte. Die vorgelegte Resolution führte ihrerseits zu einer regen Diskussion und gelangte schließlich mit allen gegen vier Stimmen zur Annahme. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: " Da der Kongreß nur in der Organisation, der gewerkschaftlichen und politischen, das einzige Mittel zur Erringung der Menschenrechte für die Frau sieht, muß es die Hauptaufgabe der Arbeiterbewegung sein, den Frauen das volle Verständniß für die Nothwendigkeit der Organisation beizubringen. Um dieses Ziel zu erreichen, empfiehlt der Kongreß den verschiedenen Zentralorganisationen, die schriftliche wie mündliche Agitation zu unterstützen und in politischer Hinsicht besonders für die Schutzgesetzgebung für Frauen und Kinder zu wirken. Des Weiteren wird die Presse der Arbeiterpartei aufgefordert, überall dort, wo Veranlassung dazu vorliegt, die Miß151 stände scharf hervorzuheben, unter denen die unterdrückten, unorganisirten Arbeiterinnen leiden. Schließlich fordert der Kongreß die Vorstände der Gesammtorganisationen, sowie der einzelnen Gewerkschaften auf, die Frage der Frauenorganisationen zu diskutiren, und giebt es den Vorständen anheim zu untersuchen, welche von ihren Mitgliedern Frauen und Töchter haben, die Lohnarbeiterinnen sind; ferner Beitrittsmeldungen entgegen zu nehmen und diese den Fachvereinen der Arbeiterinnen zu übermitteln." Genossenschaftsbewegung. Ueber die Mitgliedschaft der Frauen in Konsumvereinen hat das Oberlandesgericht in Dresden eine wichtige Entscheidung gefällt. Es handelt sich dabei um die Gepflogenheit mehrerer sächsischer Amtsgerichte, trotz der entgegenstehenden Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs die Eintragung von Frauen in die Listen der Konsumgenossenschaften von der Zustimmung des Ehemannes abhängig zu machen. Der Vorstand des Konsumvereins in Wilkau hatte beim Amtsgericht Zwickau unter Ueberreichung der entsprechenden Beitrittserklärungen beantragt, sieben Ehefrauen in die Liste der Genossen einzutragen. Das Amtsgericht hat dies abgelehnt, weil es an der ehemännlichen Genehmigung der Beitrittserklärung fehle, und das Landgericht hat die vom Vereinsvorstand hiergegen eingelegte Beschwerde als unbegründet verworfen. Die hierauf beim Oberlandesgericht eingelegte Beschwerde hat diese für beachtlich gefunden und das Amtsgericht Zwickau angewiesen, die Einträge zu bewirken. Das Oberlandesgericht sagt in seinem Beschluß, daß es sich bei der Eintragung um ein Rechtsgeschäft handle, durch das sich der Beitretende zu gewissen Leistungen verpflichtet, so daß es zu dessen Giltigkeit, wenn die Erklärung von einer Ehefrau ausgeht, der Zustimmung des Mannes nicht bedarf.(§ 1399 Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches.) Es sei allerdings richtig, daß sich die Haftpflicht einer Frau bei mangelnder ehemännlicher Genehmigung bei etwaigem Zwangsvollstreckungsverfahren leicht als undurchführbar erweisen kann. Dem naheliegenden Einwand gegenüber, daß dadurch der Kredit des Vereins empfindlich beeinträchtigt werden könne, sei darauf hinzuweisen, daß die Genossenschaft die Bedingungen des Beitritts beliebig festsetzen und ihn bei Ehefrauen also auch von der Zustimmung des Mannes abhängig machen kann. Das hat aber der in Frage stehende Verein nicht gethan. Wir hoffen, daß die Entscheidung zu einer regeren Antheilnahme der Frauen an der Konsumgenossenschaftsbewegung beitragen wird. Dienstbotenfrage. Die Organisationsbedürftigkeit der Dienstboten erfährt helle Beleuchtung durch Mittheilungen in dem Bericht des Breslauer und des Haller Arbeitersekretariats. Nach einem Hinweis auf die nicht selten übliche minderwerthige Verköstigung, schlechte Behandlung und elende Behausung 2c. der Dienstboten führt das Arbeitersekretariat für Breslau unter Anderem ein Zeugniß an, das ein armes Dienstmädchen sich gefallen lassen sollte. Es hieß darin: In Küche und Haus brauchbar, konnte sie sich mein Vertrauen nicht erwerben. Wir sind während ihres Hierseins in unserem Hause in Wäsche 2c. arg bestohlen worden; es ist nicht anzunehmen, daß es ohne ihre Mitwissenschaft geschehen." Auf einen bloßen unbewiesenen Verdacht hin einem Menschen in solcher Weise, wie es vorstehend geschieht, die Ehre abschneiden, gehört zu dem Ungerechtesten und Niederträchtigsten, was es giebt. Und nicht überall ist ein Arbeitersekretariat vorhanden, das sich der Sache der Beschimpften und Geschädigten annimmt. Wie berichtet wird, wies das Polizeipräsidium von Breslau jede Einmischung des Arbeiter sekretariats in Gesindestreitigkeiten als unzulässig zurück! In Halle mußte ein Dienstmädchen die Vermitt lung des Arbeitersekretariats in Anspruch nehmen bezw. vor Gericht gehen, um zu seinem sauer verdienten rückständigen Lohn von 140 Mt. zu gelangen, und das nach einer Dienstzeit von vier Jahren. Wir sind überzeugt, daß Vorkommnisse wie die angeführten unmöglich wären, wenn die Gesindeordnungen aufgehoben würden und den Dienstboten unbeschränkte Koalitionsfreiheit zustände. h. f. Frauengenossenschaften. Der Jahreskongreß des Bundes der Frauengenossen schaften in England hat kürzlich in Blackpool stattgefunden. Er war von 400 Delegirten besucht. Nach dem Jahresbericht des Zentralfomites gehören dem„ Bunde" 284 Zweigvereine mit 13278 Mitgliedern an. Wir haben bereits vor einiger Zeit berichtet, welchen Antheil der„ Bund" den Frauen an der Arbeit in den Verwaltungen, Erziehungsausschüssen 2c. 2c. der Konsumgenossenschaften gesichert hat. Der Kongreß des Bundes" beschäftigte sich dies Jahr vor Allem mit der Frage der Lebensversicherung und einer Reformgesetzgebung zur Bekämpfung des Alkoholismus. Er nahm zu letzterem Punkte eine Resolution an, welche die Uebernahme des Ausschanks von Spirituosen in die Regie der Gemeinden fordert. Der Kongreß sprach sich ferner durch die Annahme von Resolutionen für den frühzeitigeren Ladenschluß aus, für weiteren Ausbau des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes und Unterstellung der Hausindustrie unter das Fabrik- und Werkstättengesetz. Er verurtheilte, daß der eingebrachte Entwurf zu einem Erziehungsgesetz den Frauen gegenüber sehr rückschrittlich gehalten ist und protestirte energisch gegen die Zuckersteuer. Schließlich befürwortete er eindringlich, daß in den Läden der Konsumgenossenschaften nur Töpferwaaren verkauft werden sollten, bei deren Fabrikation kein Blei verwendet worden ist. Frauenstimmrecht. Ueber das Frauenstimmrecht sprach am 31. Juli im sozialistischen Volkshause zu Brüssel Genosse Vandervelde in einer auch von Frauen stark besuchten Versammlung. Dem interessanten Vortrag entnehmen wir das Folgende: 152 Die Grundsätze der katholischen Kirche in Betreff der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft widerstreben der Gleichstellung der Geschlechter. In einem Briefe an die Korinther schreibe Paulus: „ Wisset, daß Christus über dem Manne wie der Mann über der Frau steht. In der That ist nicht der Mann von der Frau, sondern die Frau von dem Manne genommen worden. Der Mann ist nicht für die Frau, sondern die Frau für den Mann geschaffen worden." Bossuet sage, die Frau, als Evastochter, sei nur ein überzähliger Knochen( un os surnuméraire). Diese Lehre des heiligen Paulus komme in der Encyklika Leo XIII. vom Jahre 1878 in den Worten zum Ausdruck:„ Wie der Apostel uns lehrt, ist der Mann das Oberhaupt der Frau, wie Christus das Oberhaupt der Kirche ist." Im Haushalt, fuhr Vandervelde fort, sei die große Mehrheit der Frauen nichts anderes, als unbezahlte Dienstmägde und das bürgerliche Gesetzbuch ordne sie vollständig den Männern unter. Die Aufgabe des Sozialismus sei es, die Frau in sozialer und politischer Hinsicht zu befreien. Allerdings wäre es angezeigt, nur behutsam und schrittweise vorzugehen und zuerst das weibliche Stimmrecht für die Wahl der Arbeitsräthe, der Gemeinderäthe und später auch der Abgeordneten zu bewilligen, aber das Programm des internationalen Sozialismus, das im Jahre 1891 im Brüsseler Kongreß in Bezug auf die Frauenfrage festgelegt worden sei, enthalte eine Bestimmung, die seine Haltung vollauf rechtfertige. Die sozialistische Frau sei ihres Rechtes bewußt und werde es zu erobern wissen. Die Befürchtung, zwischen Mann und Frau würden politische Zwistigkeiten entſtehen, sei unbegrün det. Solche Zwistigkeiten seien doch auch heute schon vorhanden. Selbst der französische Sozialistenführer Jaurès habe mit seiner Frau einen Ausgleich schließen müssen, wonach seine Tochter zur ersten Kommunion gehen durfte. Am häufigsten unterlägen die Männer in diesem Religionsstreit. In Belgien sei die Mehrheit der Männer Freidenker, und doch seien von 785 000 Kindern der Volksschulen nur 13447 vom Religionsunterricht entbunden. Die Frau beherrsche den Mann und entziehe ihm die Kinder, so lange sie selbst nicht politisch dem Manne gleichgestellt und von diesem zu liberalen Anschauungen bekehrt worden sei. Gewiß würden die Liberalen und Sozialisten in den ersten Jahren der politischen Gleichstellung der beiden Geschlechter Wahlniederlagen erleiden. Doch diese Befürchtung sei kein hinreichender Grund, um den Ueberlieferungen des Liberalismus und Sozialismus untreu zu werden. Heute stimmten viele Männer wie ihre Frauen wollten, morgen aber würden viele Frauen wie ihre Männer stimmen. Die politische Erziehung der Frauen sei vernachlässigt wor den, weil die Männer diese Erziehung bei der untergeordneten StelTung der Frauen als überflüssig erachtet hätten. Ueberflüssig sei sie aber nicht, denn die Erfahrung lehre, daß die Geistlichkeit sich der Frauen sehr geschickt als Wahlagenten bediene. In den Dörfern würden Donnerstags die sozialistischen Redner von den Männern mit Beifall überschüttet, aber nachdem die Frauen, besonders vor der Hauptwahl, die ihnen vom Geistlichen ertheilten Rathschläge befolgt hätten, trete regelmäßig ein Stimmungswechsel ein. Auf Befehl des Geistlichen übten heute die Frauen das Stimmrecht mittelbar durch Druck auf die Männer. Sobald die Frauen das Stimmrecht besäßen, unternähmen die Männer deren Bekehrung. Die Frauen blieben katholisch für den lieben Gott, würden sich aber in irdischen Angelegenheiten den Anschauungen der Männer anschließen, so daß ein Rückschritt auf lange Jahre nicht zu befürchten wäre. In der Diskussion trat Rechtsanwalt Hennebicq den Ausführungen des Redners entgegen. Die idealistischen Anschauungen Vanderveldes seien eine Gefahr für die sozialistische Partei. Die Politik Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( 8undel) in Stuttgart. sei die Kunst, sich in möglichst kurzer Zeit der Staatsgewalt zu be= mächtigen, die Wissenschaft nicht der Zweck, sondern das Mittel. Anstatt Rometen nachzulaufen, sollte die Partei sich mit unmittelbar möglichen Dingen befassen. Der Einfluß der Frau bleibt stets zu befürchten, denn sie würde eher den Mann besiegen und bekehren, als sich befehren lassen. Lysistrate sei ein klassisches Beispiel. Sie herrsche wie mancher ungekrönte König und mancher Minister ohne Portefeuille. Die Sozialisten dürften sich auf dem Wege nicht aufhalten, um Blumen zu pflücken, denn der Wolf lauere ihnen auf. Vandervelde habe nicht das Recht, unter dem Vorwand, der Gerechtigkeit Genüge zu thun, die Partei einer Wahlniederlage entgegenzuführen. Vandervelde erwiderte, die Politik sei für ihn die Kunst, die soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Ein Sozialist dürfe nicht, um den Klerikalismus einige Jahre früher zu stürzen, sein Jdeal und seine Grundsätze über Bord werfen. Das Wahlrecht sei das Mittel der Befreiung und die Sozialisten hätten die Pflicht, die Arbeiterinnen, die zwei Herren unterworfen seien, ihrem Arbeitgeber und ihrem Gatten, zu befreien. Hennebicq antwortete darauf: Die Ausübung des Wahlrechts durch die Frau ist widernatürlich, geschmackswidrig. Die Frau soll kein Mannweib werden und auf die Gefahr hin, ungalant zu werden, frage ich, ob Sie auch vom militärischen Standpunkt die Gleichstellung beider Geschlechter fordern? Vandervelde: Auch Proudhon behauptete, die Frau sei berufen, entweder Haushälterin oder Kourtisane zu sein. Dieser Grundsatz könne den Sozialisten nicht befriedigen. Genossin Gatti di Gamond sprach das Schlußwort: Wie kann die Frau die Kinder zu gut und gerecht denkenden Männern heranziehen, wenn Ihr Männer sie nicht zuerst selbst lehrt, gut und gerecht zu denken. Wenn Ihr die Frau noch fünfzig Jahre im Schatten und in der Thatenlosigkeit sich selbst überlasset, so wird sich die todte Hand nicht nur auf das nationale Vermögen, sondern auch auf das Gewissen beider Geschlechter legen. Befreiet die Frau, sonst geht Ihr Alle zu Grunde. Frauenbewegung. Eine Frau als Schiffskapitän. Der einzige weibliche staatlich anerkannte Schiffskapitän in der neuen Welt ist durch die letzte Zählung bekannt geworden. Die Dame führt den Oberbefehl über einen der größten Mississippidampfer, die zwischen New- Orleans und Bicksburg verkehren, und ist schon seit zehn Jahren im Dienste. Erst vor einigen Wochen lieferte sie den Beweis, daß die beste Ueberlieferung der Seefahrer, die fordert, daß in der Stunde der Gefahr der Kapitän auf seinem Posten bleiben soll, ebenso gut von einer Frau wie von einem Manne gewahrt werden könne. Ihr Dampfer fuhr auf und beide Schornsteine brachen. Die Fahrgäste wurden von einer Banit ergriffen, da die in die Höhe fliegenden Funken das Schiff in Brand zu stecken drohten. Sogleich erschien Frau Leathers so heißt der weibliche Kapitän- auf Deck und es gelang ihr nicht nur, die Fahrgäste zu beruhigen, sondern sie nahm ihren Platz auf der Brücke ein und blieb dort 24 Stunden ununterbrochen, bis New- Orleans erreicht und ihre Reisenden sicher gelandet waren. Adressen kürzlich ernannter weiblicher Vertrauenspersonen. Baumschulenweg bei Berlin: Frau Mickley, Marienthalerstr. 13 I. Mülhausen i. Elsaß: Frau H. Emmel, Bäckerstr. 17. Nieder Schönweide bei Berlin: Frau Martha Hofmann, Hasselwerderstraße 4. Offenbach a. M.: Frau Caroline Tröger, Große Marktstraße 25. ( Vertrauensperson für die Stadt Offenbach und den Wahlfreis Offenbach- Dieburg.) Steglitz bei Berlin: Frau Röthig, Forststr. 9. Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin W., Groß- Görschenstr. 38, II. Hof rechts, 3 Tr. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genossinnen gingen bei der Unterzeichneten ein: Im Juni von den Genossinnen in Reichenbach i. V. 27,10 Mt.; von Genossinnen in Berlin durch Frau Stock 21,50 Mt.; im Juli von den Genossinnen in Leipzig durch Frau Frenzel 50 Mt.; von Genossinnen in Berlin durch Frau Heine 65 Mf.; im August von Genossinnen in Berlin durch Frau Rosenst. 6,30 Mt. Summa: 169,90 Mt. Danfend quittirt Ottilie Bader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin W., Groß- Görschenstr. 38, II. Hof rechts, 3 Tr. Drud und Berlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. 5.) in Stuttgart.