Nr. 26. Die Gleichheit 11. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2978) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 18. Dezember 1901. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichniß. Schwarze Weihnachten. Von M. W. Arbeitsverhältnisse in der Berliner Konfektion. Von dz.- Eine deutsche Fabrikinspektorin über die Gewerbeaufsicht durch Frauen. Aus der Bewegung. Feuilleton: Was der Hans sah. Eine märchenhafte Weihnachtsgeschichte. Von Ernst Preczang. Notizentheil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Frauenstimm Vereinsrecht der Frauen. recht. Frauenbewegung. Genossenschaftsbewegung. Einladung zum Abonnement. Mit der vorliegenden Nummer endet der elfte Jahrgang der Gleichheit". " Wie bisher so wird die„ Gleichheit" auch fernerhin mit aller Energie und Schärfe kämpfen für die volle soziale Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen ver= schwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirthschaftliche Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen Menschen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Aufhebung dieser Gegensäge kann jedoch nur erfolgen durch den Klassenkampf: die Befreiung des Proletariats tann nur das Wert des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Und nur ihr, feineswegs aber der bürgerlichen Frauenrechtelei, die zwar zu Gunsten des weiblichen Geschlechts innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft reformiren will, aber grundsäßlich eine Revolution der Gesellschaft zu Gunsten der ausgebeuteten Klasse zurückweist. Der charakterisirte Standpunkt, der Standpunkt des Klassenkampfs aber muß in einem Organ für die Interessen der proletarischen Frauen scharf und unzweideutig betont werden. Und dies um so schärfer, je mehr sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen angelegen sein lassen, durch allge= meine humanitäre Phrasen und kleinliche Konzessionen an Reformforderungen der Arbeiterinnen Quertreiberei unter die proletarische Frauenwelt tragen und sie dem Klassenkampf entziehen zu wollen. Gerade aber die proletarischen Frauen für den Klassenkampf zu schulen, das wird auch in Zukunft die vornehmste Aufgabe der " Gleichheit" bleiben. Ihrem alten Programm getreu wird die Gleichheit" auch im neuen Jahre rufen zu dem Streit, wo ein Hüben und Drüben nur gilt." Wir hoffen, daß sich das Blatt damit die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien er= werben wird. Die„ Gleichheit" ist im Reichspostzeitungskatalog pro 1902 eingetragen unter Nr. 3051, im württembergischen Katalog unter Nr. 121 und fostet vierteljährlich 55 Pfennig ohne Bestellgeld. Probe- und Agitationsnummern der„ Gleichheit" werden jederzeit gratis abgegeben. Recht zahlreichen neuen Abonnements sieht entgegen Die Redaktion und der Verlag. Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( Bundel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Schwarze Weihnachten. Ich träum' als Kind mich zurücke Und schüttle mein greises Haupt: Wie sucht ihr mich heim, o ihr Bilder, Die längst ich vergessen geglaubt! Chamisso. Wer doch wieder Kind werden könnte! War das eine selige Zeit mit ihrem schrankenlos kühnen Hoffen und mit ihrem Berge versezenden Glauben, in der das Auge zur Weihnachtszeit den Himmel offen sah und von dorther allerhand Wunder und Zeichen erwartete. Die Zeichen ganz natürlicher menschlicher Liebe, die Gaben guter Eltern und liebevoller Verwandter wandelten sich zu Geschenken himmlischer Mächte, von denen junge Völker und junge Menschen so gern und so schön träumen! Aber die einzelnen Menschen und die Völker wachsen, werden älter und verständiger und nüchterner, und ein Zauberflitter nach dem anderen stiebte davon! Aber wenn der Glaube flieht und die Hoffnung sinkt, eines bleibt: die Liebe, die größte unter den dreien! Und am Weihnachtsfest ist ihre Weihezeit, der Zeitpunkt, da sie sich am liebsten bethätigt, um nach bestem Wissen und Können, nach dem Maße der vorhandenen Mittel und Kräfte Freude und Glück im Kreise der nächsten und liebsten Menschen zu verbreiten. Nun rüsten sich die Menschen wieder einmal in der ganzen Christenheit sozusagen" das Fest der Geburt ihres Hetlands, das Fest der Familie, das Fest der Liebe zu begehen! Wie nach dem Glauben unserer Altvorderen in den heiligen zwölf Nächten der Himmel und die Himmlischen auf die Erde herabstiegen, Feld und Flur und Haus und Hof segnend, so suchen heute noch die Menschen zur Festzeit die Alltagssorgen zu vergessen in Festfreude und sie einander vergessen zu machen durch herzlichen Glückwunsch und liebreiches Geben und Schenken. Im Geben und Schenken ohne Erwartung einer Gegenleistung, eines Entgelts lag, wie uns die Kündiger unserer deutschen Vorzeit lehren, ein großer Kulturfortschritt! Die Schenkfitte seßt eigenes Frohgefühl des Gebers, erhöhtes Mitgefühl für seine Nächsten voraus. Wie steht's damit in unserer heutigen Gegenwart? In unserer Zeit des berechnenden Eдoismus, des gierigen Strebens nach Macht und Besiz, in der Zeit, da Geld und Gewalt die Welt regiert wie nie zuvor in einer so ungeschminkten Weise, da Alles rennt und eilt und zu erlisten und zu erraffen sucht, was nur zu erlangen ist im wilden Kampfe ums Dasein da verfliegen freilich die poetischen Träume, die zarten Gefühle wagen sich faum heraus, verkümmern immer mehr und scheinen schier ganz absterben zu wollen. Vom Ministertisch herab, auf Straßen und Pläßen und allerwärts wird uns das Evangelium vom gesunden, kräftigen Egoismus" gepredigt; das Recht des Stärkeren und die„ Herrenmoral" feiern ihre hartherzigen Triumphe. In Waffen starren die Völker der Erde, auch die, welche sich christlich nennen und die frohe Botschaft vom Frieden auf Erden und Wohlgefallen allen Menschen" auf den Lippen führen. Diese Vorbereitungen zum Kriege, dieser stete bewaffnete Friede" verschlingt ungeheuere Summen, welche von den Aermſten in Gestalt indirekter Auflagen, in Gestalt von Zöllen auf die nothwendigsten Güter, vor Allem auf Lebensmittel aufgebracht werden müssen. Die Steigerung dieser Lasten ist besonders in Deutschland ganz enorm seit den lezten zehn Jahren. Unsere Welt- und Großmachtspolitik foftet zur Zeit viele Hunderte von Millionen! Und dazu kommt die niedergehende Wirthschaftsperiode, welche durch die aller finanziellen wirthschaftlichen Ueberlegung bare oft asiatische Expedition und ihre Anforderungen mächtig verstärkt wird. Um all das Geld für„ weltpolitische Repräsentation" aufzubringen, soll bei der herrschenden Krise mit ihrer Arbeitslosigkeit das Geld in die Reichstasse gebracht werden durch Brotwucher und Hungerfuren, die über das Volk verhängt werden. Tiefschwarz hängen die Sorgenwolfen am deutschen Himmel! Wie im politischen und wirthschaftlichen Leben, so sieht es auch im Rechtsleben der Nation trübtraurig aus. Weihnachtsfreude empfinden zu können sezt namentlich bei den Arbeitern schier eine beispiellose Einbildungskraft und Illusionsfähigkeit voraus. Fragt doch die Arbeiterfrauen, wie sie ihren Haushalt im Schwange halten! Wie ste sparen und kargen müssen! Sie werden euch sagen, daß Alles, aber auch Alles bis zu den paar Kräutern und Wurzelschnittchen, der Zuthat zum Gemüse, immer theurer wird. Und das soll nach dem Vorschlag unserer väterlichen" Regierung und nach ihrem Zoltarifentwurf noch doppelt und dreifach schlimmer werden! Die Reichsregierung und die Vertreter der befizenden und herrschenden Klassen winden dem armen arbeitenden Volte eine Dornenkrone mit furchtbar scharfen Stacheln! " Aber troß alledem und alledem dürfen und sollen die Menschen nicht verzweifeln, die Hoffnung, den Glauben nicht aufgeben, daß Friede auf Erde und Wohlgefallen den Menschen möglich sei! ' Neunzehnhundert Jahre lang ist die Weihnachtsbotschaft in alle Welt hinausgepredigt worden und sie wird heute noch gepredigt den fernen Heidenvölkern- wenn sie sie nicht hören wollen, sogar mit gepanzerter Faust-; die aber, die sie predigen und predigen lassen, sind weit entfernt davon, dem Stifter ihrer Religion nachzufolgen im Thun und Handeln. Arthur Fitger legt den Finger in eine schwärende Wunde, wenn er darauf hindeutet, daß leider auch die erhabene Lehre des Nazareners mißbraucht und in ihr Gegentheil verkehrt wird, wenn er in einem Gespräch zwischen Christus und Satan den letteren sagen läßt: ,, Dein Evangelium für die Armen Es könnt' den Teufel selbst erbarmen! Ward ein Evangelium für die Reichen Mit falschen Zähnen und echten Bäuchen, Die ihre Häuser und Villen umhegen Mit deinem der Armuth gespendeten Segen; Denn unter allen Religionen hält keine Begehrliche Armuth im Zaume wie deine; Die Himmelshoffnung ist gern bereit Zum Verzicht auf der Erde Herrlichkeit." im Amt und außer Dienst Sogar„ Diener am Wort" predigen das Evangelium der Kanonenboote und kriegerischer Weltpolitik! Aber wieder ist das Evangelium der Nächstenliebe zu den Armen und Elenden, zu den Mühseligen und Beladenen gekommen! Freilich wollen sie hier auf Erden schon" ein Stückchen Himmel bauen, irdische Noth mit irdischen Hilfsmitteln bekämpfen da Wunder halt nicht mehr geschehen wollen und den Aermsten ihr Hoffen und Harren in Geduld und Gebet neunzehnhundert Jahre lang nicht geholfen haben. 202 Ausbeutung und Unterdrückung der großen Massen durch bevorrechtete Minderheiten von Reichen und Mächtigen sind erkannt als die Ursachen, aus denen Millionen und Abermillionen die Erde zu einem Jammerthal, zu einer Hölle gemacht wird. Diese Ursachen gilt's allgemein zu erkennen, diese Quellen allen Uebels gilt es zu verstopfen; dann erst wird die Menschheit aufathmen, dann erst ist die Hoffnung auf Frieden auf Erden und Wohlgefallen allen Menschen nicht mehr eitel und ein Hirngespinst. Uns ist das Weihnachtsfest nicht konfessionell beschränkt auf alle Christen, sondern ein Symbol der Interessengemeinschaft aller Bölker der Erde, vornehmlich ein Symbol der Interessengemeinschaft aller Derer, die unter den bestehenden Verhältnissen so hart zu leiden haben. Freilich umhüllen düstere und schwarze Wolken den Himmel; dennoch wollen wir nicht verzagen: auf Regen folgt Sonnenschein, auf des Winters strenges Regiment folgt der Sieg des neuen Lenzes. War doch Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende vor Christi Geburt schon eben das unserem christlich umgemodelten Weihnachten entsprechende Winterfest dem Sieg der Gewalten des Lichtes und der Wärme über die der Finsterniß und Kälte, der alljährlich sich wiederholenden Neubelebung der Natur gewidmet! So laßt uns auch, Schwestern der Arbeit, Weihnachten begehen als ein Fest der Sammlung und Ruhe, des Waffenstillstandes, der Hoffnung, des Gelübdes zu treuem Ausharren im guten Kampfe! Ist doch an diesem Kampfe und seinen Mühen und Opfern jahraus jahrein auch uns unser gerüttelt und geschüttelt volles Maß zugewiesen! Manch einer unter uns wird sich in dieser Zeit der schweren Noth gerade am Weihnachtsfest schmerzlich das Herz zusammenkrampfen, da sie den Eltern, den Geschwistern, dem Gatten, den lieben Kleinen nur färglich ihre Liebe mit Schenken und Geben erweisen kann oder gar mit leerer Hand dastehen muß. Wahrlich,„ untröstlich ist's noch allerwärts!"„ Schwarze Weihnachten" find's heuer; aber eben die Thatsachen, die Erfahrungen und Leiden immer mächtiger anschwellender Massen drängen allmälig auf einen Umschwung hin: es gilt, ihn zu bes schleunigen, ihn glätter und leidloser vor sich gehen zu lassen. Erfennen was ist, das Erkannte verkünden, die Erfennenden sammeln und organisiren zu gemeinsamem Handeln, um bereit zu sein, wenn der Umschwung kommt: das ist unsere Aufgabe, denn:„ Bereit sein ist Alles!" Jede von uns, was sie auch sei, wenn sie nach der alten Katechismusvorschrift ihren Stand ansieht", ob sie sei Mutter, Gattin, Schwester, Tochter Jede kann und soll mit rathen und thaten an der Vorbereitung des großen Völker- Weihnachtsfestes, da die Fesseln der Armuth und Knechtschaft von den arbeitenden Klassen der Völker genommen werden, wodurch einzig und allein geschaffen werden kann: " Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl= gefallen! In diesem Sinne: fröhliche, gesegnete Weihnachten! M. W. Arbeitsverhältnisse in der Berliner Konfektion. Der zweite Theil des letzten Jahresberichtes der Berliner Kaufmannschaft über Handel und Industrie von Berlin im Jahre 1900 beschäftigt sich an verschiedenen Stellen mit den Arbeitsverhältnissen in der Konfektionsindustrie. So heißt es in dem Artikel über die Herren- und Knabenkonfektion:„ Das Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer muß als ein günstiges bezeichnet werden, da Streits und Arbeitseinstellungen nicht vorkamen; überhaupt kann gesagt werden, daß seit dem letzten großen Ausstand im Jahre 1896 sich Störungen auf dem Arbeitsmartt nicht bemerkbar machten." Das will besagen, daß im Allgemeinen die Arbeiter und Arbeiterinnen dieser Konfettionsbranche nicht durch ihre verwünschte ,, Begehrlichkeit" lästig gefallen sind. Aus der Wäschebranche wird berichtet, daß im Gegensatz zum Vorjahr( 1899) bei eingetretener Verschlechterung der Konjunktur in den letzten drei Monaten des Berichtsjahres sich ein Ueberfluß an Kräften geltend gemacht habe. Mit anderen Worten heißt dies, daß das furchtbare Geschick der Arbeitslosigkeit viele der in Frage kommenden Arbeitskräfte betroffen hat. Was fümmert das die Unternehmer? Rücksichtslos überlassen sie die auf die Straße gesetzten Arbeiter und Arbeiterinnen ihrem traurigen Loose, nachdem sie dieselben während des wirthschaftlichen Aufschwungs gründlich ausgenutzt und aus ihnen reichlichen Gewinn geschlagen haben. Was die Heimarbeit in der Wäscheindustrie anbelangt, so erwähnt der Bericht wohl die günstige Geschäftslage, die doch nach den allgemeinen Ausführungen nur für die ersten neun Monate angehalten hat, er schweigt dagegen über die konstatirte Flaue im letzten Vierteljahr. Folgendes lesen wir:„ Die reichlichen Aufträge, welche sich während des Berichtsjahres 1900 in nicht unbeträchtlicher Steigerung gegen das Vorjahr einfanden, erlaubten wiederum eine recht gleichmäßige Beschäftigung auch der Hausindustrie. Für bessere Sachen wurden die seit dem Vorjahre erhöhten Arbeitslöhne gezahlt; für billigere Artikel hielten sich die Arbeitslöhne im Allgemeinen auf derselben Stufe wie früher. Die Arbeitszeit der in der Hausindustrie beschäftigten Wäschearbeiterinnen hat durch die Einführung der sogenannten„ Konfektionsverordnung" und die Anwendung auf die Kleinbetriebe ihre gesetzliche Regelung erfahren. Es sind hierdurch die früher in dieser Beziehung bekannt gewordenen Mißstände mit einem Schlage zum Besten der Arbeiterinnen beseitigt worden. Aber auch im Sinne einer ausgleichenden Nivellirung der früheren Verschiedenartigkeit der Fabrikationsbedingungen zwischen Fabriken einerseits und Kleinbetrieben andererseits war diese Veränderung zu begrüßen. Es sind die Arbeilen mit ihrem größeren Risiko seitdem nicht mehr schlechter gestellt als die Hausindustriellen. Trotz der verhältnißmäßigen Höhe der Arbeitslöhne ist der Kreis der Arbeiter immer noch ein sehr kleiner; hauptsächlich wird Werth auf gute und solide Arbeit gelegt; jedoch können sich immer noch zu wenig Arbeiter dazu verstehe», ihre Dienste für die bessere Wäschekonfektion zur Verfügung zu stellen. Namentlich in feinen Babyjäckchen, sowie in feineren Kinderausstattungen überhaupt könnte ein viel größeres Geschäft erzielt werden, wenn mehr geeignete Arbeitskräfte zu ihrer Herstellung vorhanden wären." Bekanntlich hat die Gewerbeinspektion in den verschiedensten Bezirken unumwunden anerkannt, daß die armseligen gesetzlichen Maßregeln zum Schutze der Konfektionsarbeiterschast im Wesentlichen durchaus erfolglos geblieben sind, daß sie die schwersten Schäden der Heimarbeit gar nicht mildernd berührten, ja daß sie noch zur Ausbreitung der verderblichen Hausindustrie beigetragen haben. Es ist deshalb mehr als kühn, es ist unvergleichlich unverfroren, wenn in dem Berichte behauptet wird,„die sogenannte Konfektionsverordnung... habe die bekannt gewordenen Mißstände zum Besten der Arbeiterinnen mit einem Schlage beseitigt". Diese unverfrorene Behauptung hat offenbar den Zweck, die öffentliche Meinung irrezuführen und weitere, thatsächlich wirksame Gesetzesbestimmungen zum Schutze der Heimarbeit abzuwehren. Die Klage, daß die Arbeiterinnen sich in ungenügender Zahl der Wäscheindustrie zuwenden, muß in Verbindung mit dem eleganten Hinweggleiten über die Ursache des Mangels an Arbeitskräften gewürdigt werden. Sie wirkt dann nicht bloß naiv, sondern verlogen. Die Herren Unternehmer der Wäschekonfektion mögen ausreichende, menschenwürdige Löhne zahlen, und ihre„Leute- noth" wird im Handumdrehen.behoben sein. Was die Ausdehnung des Krankenversicherungszwanges auf die Hausgewerbetreibenden anbelangt, so äußert der Artikel über die Konfektion von Schürzen. Jupons, Kinderkleidchen ec. große Unzufriedenheit über das bezügliche von den Berliner Ortsbehörden aufgestellte Ortsstalut, dessen Ablehnung er vom Oberpräsidenten fordert.„Im Interesse der kleineren Hausgewerbetreibenden und im Interesse der Arbeitgeber läge es", so heißt es da,„wenn das Gesetz (Ortsstatut) zu einer nochmaligen Durchberathung unter Hinzuziehung der Interessenten an den Magistrat zurückgegeben würde bezw. wenn der Oberpräsident dem Gesetze seine Zustimmung versagte. Die Interessenten erkennen die Nothwendigkeit eines Gesetzes über die Was der Hans salz. Eine märchenhaste Weihnachtsgeschichle. Von Ernst Prerzang. Ihr kennt doch Alle die kleine, niedrige Hütte, die draußen vor dem Thore dicht an der Landstraße steht. Der Maurer-Friedel hatte sie vor langen Jahren aus zusammengesuchten Feldsteinen und Lehm gebaut. Und weil er keine Ziegel hatte, das Dach zu decken, sich solche auch nicht kaufen konnte, weil er arm war, so schnitt er sich unten am See mit seiner kleinen Sichel das schlanke Schilfrohr ab und machte daraus ein dichtes, warmes Dach. Das Häuschen sah damals sehr schmuck aus denn der Friede! war ein sauberer Arbeiter. Heute aber würdet ihr es nicht wiedererkennen, wenn ihr es damals gesehen hättet. Die Hinterwand ist zusammengesunken und hat dadurch das ganze Häuschen in eine schiefe, einsturzdrohende Lage gebracht. Dazu hat der Sturm das Dach in einer grausamen Weise angegriffen und buchstäblich zum Theil mitgenommen. Leider ist der Maurer-Friedel bald gestorben, nachdem er das Häuschen aufgebaut hatte, sonst würde er die Schäden ausgebessert haben. Nun aber war in der Hütte die Marie, des Friedels Frau, ganz allein mit ihrem Sohne, dem Hans, und die zwei wußten nicht recht mit dem Sturm auszukommen. Sie hatten es überhaupt nicht gut, die Beiden, nun sie ihren Ernährer verloren hatten. Sie mußten sich gar sehr quälen, um nur soviel Geld zu verdienen, daß es einigermaßen zum Leben reichte. Glücklicherweise aber war Marie eine sehr tüchtige und fleißige Frau, und sie arbeitete, wo es für sie nur etwas zu thun gab. Auch der Hans mußte allerlei kleine Verrichtungen in der Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden an, sind auch bereit, die auf sie entfallenden Kosten zu übernehmen. Ihre Opposition richtet sich nur gegen die Undurchführbarkeit des Artikels 3, der die Verhältnisse, wie sie in der Konfektionsindustrie herrschen, vollständig unberücksichtigt läßt." Nach dem beregten Artikel muß der Konfektionär sowohl für den Zwischenmeister wie für die von diesem beschäftigten Heimarbeiter die Beiträge und Eintrittsgelder zahlen, wenn der Zwischenmeister weniger als ISW Mk. Einkommen hat. Der Konfektionär hat in diesem Falle nur den Zwischenmeister an- und abzumelden, dieser aber muß seinerseits für die Arbeiter diese Formalität erfüllen. Zwei Drittel der ausgelegten Beiträge und die ganzen Eintrittsgelder kann sich der Konfektionär vom Zwischenmeister, dieser aber von den Arbeitern zurückerstatten lassen. Artikel 3 wird in dem Berichte für undurchführbar erklärt und zwar aus folgenden Gründen; Der Konfektionär könne nicht kontrol- liren, ob der Zwischenmeister zu viel oder zu wenig Arbeiter angemeldet habe. Er wisse weder, ob die vom Zwischenmeister auf seinen Namen angemeldeten Arbeiter nur für ihn oder für zwei bis drei andere Konfektionäre arbeiten, noch ob die An- und Abmeldung richtig und ordnungsgemäß geschehen sei.„Es geht ferner aus dem Statut nicht hervor, wer die Verantwortung zu tragen hat. wenn ein Zwischenmeister die Anmeldung eines Arbeiters, der für einen Konfektionär arbeitet, unterläßt. Wird der Arbeiter in diesem Falle krank, wer hat die Verantwortung der Krankenkasse gegenüber zu tragen? Der Konfektionär, für den der Arbeiter gearbeitet, oder der Zwischenmeister, der die Anmeldung unterlassen?" Der Artikel prophezeit des Weiteren sehr ungünstige Folgen der Neuerung für die Arbeiter. Der Konfektionär werde sich gegen die Unklarheiten des Gesetzes dadurch zu schützen suchen, daß er nur Zwischenmeister beschäftigt, die ein Einkommen von 1300 Mk. versteuern und ihre Arbeiter in Folge dessen selbständig versichern müssen. Viele in der Schürzen- und Juponskonfektion beschäftigte Arbeiter und Arbeiterinnen würden dadurch ihre Selbständigkeit verlieren und gezwungen sein, in die Arbeitsstuben der größeren Zwischenmeister einzutreten, die 1300 Mk. und mehr versteuern. Die intelligenteren Arbeiter der Branche— vielfach Witwen, Frauen von kleinen Beamten und Arbeitern— konnten sich bisher leicht auf eigene Füße stellen. Sie bekamen bei Lieferung einer guten Probearbeit Beschäftigung und brachten es bald so weit, daß sie selbst wieder einige Arbeiterinnen beschäftigten(und ausbeuteten, ck�.). Auf diese Weise kamen sie bald zu einer wesentlichen Verbesserung ihrer bisherigen wirthschaftlichen Existenz(auf Kosten der von ihnen ausgenutzten Arbeiterinne», äx.). Wenn das Ortsstatut Gesetz wird, dürfte es einer intelligenten Arbeiterin schwer werden, zu einer selbständigen Existenz(als Ausbeuterin. ckü.) Stadt übernehmen, um noch ein paar Groschen— es wurde ja so blutwenig bezahlt— mitzuverdienen. So schlugen sich Mutter und Sohn denn doch manches Jahr durch Sorgen und Noth hindurch. Als Hans nahezu vierzehn Jahre alt war und die folgenden Ostern die Schule verlassen sollte, wurde die Mutter Plötzlich krank und legte sich hin. Dies geschah einige Wochen vor Weihnachten. Nun käme-ine bitterböse Zeit für Hans. Wenn auch einige gute Leute w iren, die hin und wieder nach der Mutter sahen und wohl auch einmal eine kräftige Suppe oder dergleichen brachten, so fehlte es doch bald hier, bald dort am Nöthigsten, und Hans wußte nicht aus noch ein. In letzter Zeit hatte er allerlei niedliwe Sächelchen geklebt: Hampelmänner, Burgen, Mühlen und Aehnliches. Er versuchte, sie in der Stadt zu verkaufen, aber die wenigen Groschen, welche dabei erzielt wurden, reichten kaum aus, die theure Medizin zu bezahlen. So war der heilige Abend herangekommen, und Hans hatte sich, nachdem er von seinem letzten Gange aus der Stadt zurückgekehrt war, an das Bett seiner Mutter gesetzt. Diese warf sich heute unruhiger als je hin und her und stöhnte mitunter auf, daß es dem armen Jungen wie ein Messerstich durchs Herz ging. Vor einer Stunde war der Armen-Doktor hier gewesen. Er hatte wiederholt den Puls gefühlt, hatte vergeblich versucht, von der Kranken selber etwas über ihr Befinden zu erfahren und war dann, als er sah, daß seine Kunst hier nichts mehr zu retten vermochte, mit bedauerndem Kopfschütteln hinausgegangen. Vorher strich er noch Hans übers Haar und sagte leise:„Dann sei man tapfer, mein Junge." Hans verstand das nicht so recht. Gewiß, er wollte ja tapfer sein, aber der Mutter konnte er ja doch nicht helfen. zu gelangen. Die erste Frage der Konfektionäre wird dahin gehen, ob die Arbeiterin Gewerbesteuer zahlt. Geschieht dies nicht— und das ist anzunehmen, da eine Arbeiterin, die sich selbständig machen will, nicht gleich einen Jahresertrag von 1500 Mk. und damit die Gewerbesteuerpflicht erreicht— so wird sie auf die Selbständigkeit in vielen Fällen verzichten müssen. Wenn die Arbeiterin nicht andere Arbeit findet, ist sie gezwungen, zum Zwischenmeister zurückzukehren. „So bildet das Gesetz, welches doch die wirthschaftlich Schwachen stärken soll, eine Barriere, welche die wirthschaftlich Schwächsten zur Besserung ihrer Lage nur schwer überwinden werden." Das Gesetz vom 30. Juni 1900, welches die Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden neu regelte, ist anerkanntermaßen weit davon entfernt, den einschlägigen Interessen der Arbeiterschaft in der Heimindustrie gerecht zu werden. Inwieweit das Berliner Ortsstatut in dieser Beziehung sündigt, welche Mängel es zum Schaden der Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektionsindustrie aufweist, das nachzuweisen kann gegenwärtig nicht unsere Aufgabe sein. Dagegen verdient angenagelt zu werden, daß— wie die obigen Ausführungen unzweideutig darthun— das Unternehmerthum jede Unvollkommen- heit sozialreformlerischer Gesetze ausnutzt, um auch gegen die schwächlichste Sozialpolitik Sturm zu laufen, daß ihm Gründe und Worte wohlfeil wie Brombeeren sind, wenn es gilt, seinen bösen Willen zur Wahrung der bescheidensten Arbeiterinleressen zu beschönigen. Im Uebrigen: hätte das Berliner Ortsstatut keine andere Folge als die, auf das Verschwinden der kleinen Zwischenmeister und Meisterinnen hinzuwirken, so müßte es ihretwegen jeder ehrliche Freund der Arbeiterklasse begrüßen. Gerade bei den kleinen Schwitzern, die selbst ausgebeutet ihrerseits zu Ausbeutern werden, sind sehr oft die Lohn- und Arbeitsbedingungen die allertraurigsten, und die Verminderung der selbständigen Existenzen dieser Art würde dem Kampfe der orga- nisirten Arbeiter für die Sanirung und Beseitigung der verderblichen Heimarbeit erleichtern. Aber leider scheint uns diese eine gute Folge des Berliner Krankenversicherungsstatuts recht problematisch. Die betreffenden Ausführungen sind vielmehr mit großer Wahrscheinlichkeit als ein Schreckschuß seitens des Unternehmerthums der Konfektion aufzufassen. Dieses will damit von einem halben Schrittchen Sozialreform jene guten Leute und schlechten Musikanten zurückscheuchen, die sich lhatsachenunkundig durch den gemüthvollen Klang des Wortes„Heimarbeit" über das gemeingefährliche Wesen dieser Betriebsform täuschen lassen. Mit derartigem Gerede die Arbeiterinnen und Arbeiter zu nasführen, wird keinem Bericht gelingen, auch wenn er noch so schwatzschweifig mit Arbeiterinteressen Hausiren geht. Die Arbeiterinnen und Arbeiter fahren fort, aufzuklären und zu kämpfen. - äe!. So stellte er sich denn an das kleine Fenster und blickte traurig hinaus in die graue Dämmerung, die sich immer dichter um die Hütte legte. Drüben, beim Nachbar Hanke, dem Taglöhner, wurde es ganz hell. Dort hatten sie wohl schon den Tannenbaum angezündet. Hans hauchte an die Scheiben. Aber die zierlichen Eisblumen daran ließen sich nicht stören, sondern wuchsen longsam und stetig empor, denn das Feuer im Herde war schon lange erloschen. Hans fröstelte: er schlich wieder leise zum Bette der Mutter und setzte sich auf seinen Platz. Die Kranke war ganz still geworden und athmeie ruhig. Auch von der Straße her war selten einmal ein Laut zu hören. Nur hin und wieder knarrte ein Wagen auf dem harten, schneegefrorenen Wege vorbei. Nun breitete sich die Dunkelheit im Zimmer aus und verschlang eine Linie nach der anderen, bis völlige Finsterniß im Räume herrschte. Hans rührte sich nicht. Die Hände in den Hosentaschen saß er da und träumte. Die Glocken klangen von fernher, aber sie trafen nicht sein Ohr, das auf geheime Stimmen lauschte. Es war ihm, als klänge wunderbarer Gesang durch die Lüfte und würde lauter und lauter und käme näher und immer näher zu ihni heran... Plötzlich ward es ganz hell um ihn. Ein großes, warmes Leuchten strahlte durch die kleine Stube, malte Goldstreifen um den Tisch, die Stühle und um das Bett und blieb wie eine winzige Sonne oben an der Balkendecke gerade über dem Kopfe der Mutter haften. Hans riß die Augen auf und sah vor sich eine hohe, lichte Gestalt stehen, die ihn lächelnd anblickte. „Was willst denn Du?" fragte Hans schüchtern. Eine deutsche Fsbrikinspekkorin über die Gewerbe- süss, cht durch Frauen. „Wie hat sich die weibliche Fabrikinspektion in der Praxis bewährt?" Diese für die Arbeiterinnen so bedeutsame Frage hat die Assistentin der badischen Fabrikinspektion, Frl. v. Richthofen, kürzlich in einem Vortrag zu Dresden und Leipzig beantwortet. Der Vortrag wurde in Dresden in einem Diskussionsabend gehalten, den der Verein für Veranstaltung von Diskussionsabenden zusammen mit der Ortsgruppe der Gesellschaft für soziale Reform veranstaltet hatte; in Leipzig in einem Vortragsabend der letztgenannten Organisation. Frl. v. Richthofen, die zum Erstaunen der Philister in Nichts an den„Blaustrumpf" erinnerte, wies darauf hin, daß die Anstellung von Frauen bei der Fabrikinspektion noch jungen Datums sei. Sie erfolgte zuerst in den Vereinigten Staaten und Kanada, dann in Frankreich und England. Die englischen Arbeiterinnen wenden sich immer öfter an die weibliche Fabrikinspektion. 1900 liefen bei den englischen Fabrikinspektorinnen 500 Klagen ein. In Deutschland faßt man die Gewerbeaufsicht durch Frauen vielfach noch als ein Experiment auf. Nur acht Frauen sind im ganzen Reiche bei der Fabrikinspektion angestellt. Die meisten davon waren früher Direktricen in Schneiderwerkstätten, eine war als Bureauvorsteherin bei einem Rechtsanwalt beschäftigt, keine einzige war früher Arbeiterin. Nur in Baden hat die Fabrikinspektorin Aussicht auf eine selbständige Stellung. Die badische Fabrikinspektion ist einzig darin, daß sie in der Landeshauptstadt unter einem Vorstand zentralisirt ist. An der Spitze steht Geheimrath Wörishoffer; es folgen sodann drei Fabrikinspektoren, eine wissenschaftlich gebildete Hilfsarbeiterin, Frl. v. Richthofen, und die Assistenten. Dadurch, daß die ganze Post durch die Hände des Geheimraths Wörishoffer geht, ist dieser über alle Vorgänge im Lande unterrichtet. Wöchentlich findet eine gemeinsame Sitzung aller Beamten statt, in der alle schwebenden Fragen besprochen und die Erfahrungen ausgetauscht werden. Die Sitzungen erwecken besonders bei dem Anfänger großes Interesse. Geheimrath Wörishoffer ist der Ansicht, daß eine gewisse Selbständigkeit eine größere Schaffensfreudigkeit erwecken müsse. Es war zunächst schwierig, das der weiblichen Angestellten zugedachte Arbeitsgebiet abzugrenzen, und so wurde Frl. v. Richthofen zunächst mit Begutachtung von Arbeitsordnungen, von Baugesuchen von Bäckereien und von Gesuchen um Gewährung der Ueberzeitarbeit beauftragt. Im Einverständniß mit dem Fabrikinspektor des Bezirkes übte sie dann die Revisionsthätig- keit in den Fabriken aus, die besonders viel Arbeiterinnen beschäftigen. Das Gefühl der Verantwortlichkeit geht aber bei einer derartig beschränkten Thätigkeit verloren, und da es in Baden 60000 Arbeite- „Jch will Dich trösten", antwortete die Gestalt;„Deine Mutter ist eben gestorben." Hans erschrak und blickte entsetzt auf die Mutter. Aber nun sah er, daß sie in all der Helle so schön und friedlich dalag, wie er sie im ganzen Leben nicht gesehen hatte. Das beruhigte ihn. Aber weinen mußte er doch. „Sie ist nun erlöst", fuhr die Gestalt fort.„Es ist gut so, Hans; denn sie mußte sich allzuviel quälen. Aber Du hast Dein Leben noch vor Dir, und das Leben ist ein langer, harter Weg zum Tode. Denn Du bist arm, Hans, ebenso arm wie Dein Vater es war und Deine Mutter und sonst noch Millionen von Menschen. Ich möchte Euch aber so gern helfen, daß es fröhlicher und Heller um Euch wird." „Du bist wohl ein Engel?" fragte Hans. „Nein", antwortete die Gestalt und ihre Stimme klang plötzlich ganz hart,„ich bin kein Engel." „Es ist wahr, Du hast keine Flügel." „Ich wollte, ich hätte Flügel, dann käme ich wohl noch schneller vorwärts. Es geht mir selber oft zu langsam, kleiner Hans." „Aber wer bist Du denn? Bist Du eine Fee?" „Nein. Ich bin auch keine Fee. Ich bin gerade in einer solchen Hülte geboren wie Du, und meine Eltern waren ebenso arm wie die Deinen." „Aber nun bist Du doch reich, nicht?" „Ja. Ich bin nun reich. Ich habe viel Gold gefunden, das vergraben war bei den Leuten, und ich suche noch immer mehr. Ich will soviel haben, daß ich die ganze Erde kaufen kann. Und ich finde es auch, denn Du glaubst gar nicht, wieviel verborgen liegt unter Schlacken, unter Staub und Schmutz. Ein rinnen giebt, wovon allein 23000 in der Tabakindustrie neben 11000 Männern beschäftigt sind, so wurden der Hilfsbeamtin diese 700 Betriebe umfassende Industrie vollständig zugetheilt. Die betreffenden Betriebe werden nur von der Jnspektorin allein besucht; sie hat alle schriftlichen Arbeiten selbständig zu erledigen, darf sich jedoch zu ihrer Unterstützung des Assistenten bedienen. Es ist falsch, sich ein Urtheil über die Zweckmäßigkeit der weiblichen Fabrikinspektion dadurch zu bilden, daß man die Thätigkeit der Frau mit der des Mannes vergleicht. Die Frauen haben auf dem Gebiet der Gewerbeaufsicht Anderes zu leisten, als die männlichen Beamten bisher gethan. Die weibliche Fabrikinspektion ist außerdem noch nicht lange genug eingeführt, um ein abschließendes Urtheil über sie zu fällen. Es fehlt nicht an Arbeitgebern, welche in der Neuerung eine neue Belästigung erblicken. Aber im Allgemeinen stößt die Fabrikinspeklorin im Verkehr mit den Arbeitgebern auf die geringeren Schwierigkeiten ihrer amtlichen Thätigkeit. Was gegen die weitere Anstellung weiblicher Beamten geltend gemacht worden ist, läßt sich in der Hauptsache auf Nebenumstände zurückführen, spricht aber nicht gegen die Sache selbst. Es kommen Mißgriffe bei der Wahl der Beamtinnen vor. In Sachsen-Weimar wurde zum Beispiel als Gehilfin der Fabrikinspektion eine Dame verwendet, die über 60 Jahre alt war. Wie sollte sie allein den körperlichen Anstrengungen ihres Amtes gewachsen sein? Den Ge werbeaufsichtsbeamten fehlt oft der Glaube an den Werth der Mitarbeit der Frau. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Frau als Fabrikinspektorin Werthvolles zu wirken vermag. Allerdings wird die Schaffensfreudigkeit der weiblichen Beamten nicht gehoben, wenn die männlichen Beamten ohne ihr Wissen Anordnungen treffen. Ganz wesentlich wird die Thätigkeit der Assistenlinnen dadurch erschwert, daß sie nicht genügend Fühlung mit den Arbeilerinnen besitzen und mit mangelndem Verständniß derselben für die Aufgaben der weiblichen Gewerbeaufsicht rechnen müssen. Die hessische Fabrik- inspektorin hält in der Folge offizielle Sprechstunden nicht mehr ab. Dagegen suchen sie die Arbeiterinnen privatim auf, um ihr Herz auszuschütten. Es fehlt den Arbeilerinnen weniger an Gelegenheit zur Aussprache, als daß ihnen diese Aussprache selbst erst gelehrt werden muß. Zuerst und zumeist ist es die Furcht vor Maßregelungen, welche sie abhält, zu der Fabrikinspektorin in Beziehung zu treten. Die Arbeiterinnen fürchten sich nicht nur vor ihrem Arbeitgeber, sondern auch oft vor den eigenen Mitarbeiterinnen. Deshalb ist in den Fabriken so gut wie nichts zu erfahren. Es kommt noch die große Schüchternheit der Frau in Betracht. In sachlicher Weise Beschwerden vorzubringen, setzt ferner ein gewisses Maß von Bildung und Erziehung voraus, und das ist in sehr vielen Fällen nicht vor- Jeder hat mehr davon, als er glaubt, viele wissen es nur nicht zu finden." „Aber wie findest Du es dann?" fragte Hans verwundert. Die Gestalt lächelte und bewegte sich. Und nun sah Hans voller Erstaunen erst, daß ein langes, zartes Gewand sie umhüllte, das aus lauter Funken bestand— aus glühenden, leuchtenden Funken. Und wie Hans genauer zusah, bemerkte er, daß jeder Funke wie ein winziger, goldener Klöpfel in einem kleinen, ganz kleinen silbernen Glöckchen ruhte. Und diese begannen, sobald die Gestalt sich bewegte, zu läuten, und ihre Töne mischten sich zu hunderlstimmigem, wunderbarem Klange. Und nun sprangen plötzlich einige der Funken zu Hans herüber. Er hatte es ganz deutlich gesehen und fühlte jetzt, wie schönes, klares Licht sich in seinem Kopfe ausbreitete und sein Herz warm und immer wärmer wurde. Und plötzlich war es ihm, als Hobe er auch in sich Gold gefunden. „Siehst Du", so hörte er sagen,„was Du dort in Dir blinken und glänzen siehst, sind Schätze, die ich suche, wunderkräftige, kostbare Schätze, mit denen wir einst die Welt kaufen wollen. Du darfst das nie vergessen und darfst sie nicht in Staub und Schmutz untergehen lassen, sondern mußt sie treu und sorgfältig bewahren vor dem Spott und dem Haß der Welt. Und wenn Du erst größer bist, wirst Du sie ganz erkennen, wirst sie zu brauchen lernen und in meinen Dienst stellen, damit ich Dir und allen Armen eine Heimath schaffen kann, eine große und schöne Heimath, wo einer des anderen Bruder ist, und wo Niemand mehr darum sterben soll, weil das Leben ihm so schwer ward, daß er es nicht mehr tragen konnte." „Mutter konnte es wohl auch nicht mehr tragen", sagte leise und traurig der Knabe und streichelte die kalte Hand der Todlen. Händen. Auch muß noch berücksichtigt werden, in welchem Lebensalter die Arbeiterinnen stehen. Den Personen von 14 bis 20 Jahren muß man ein gewisses Recht, in den Tag hineinzuleben, zugestehen. Kommen die Arbeiterinnen dann später wieder in die Fabrik, so kommen sie als Mutter, von harter Sorge und von Hausarbeit mit einem zwiefachen Drucke belastet. Aber gerade deshalb brauchen sie Personen, die ihnen ihre ganze Kraft zur Verfügung stellen, die ihren Klagen und Beschwerden Glauben schenken und ihnen sagen, daß es auch für sie besser werden muß. Der Beamte hat zu vielerlei Dinge zu erledigen, um geduldig und zäh die Arbeiterinnen zur Mittheil- samkeit zu gewöhnen, und oft kommen bei der Kontrolle der Maschinen die Menschen, besonders die Frauen, zu kurz. Aber die Letzteren sind die Mütter der kommenden Generation, und wenn sie dem Staate gesunde Kinder erziehen sollen, so muß man sie schützen. Mittelst der Gewerkschaften kann die Gewerbeinspektion leicht mit den männlichen Arbeitern Fühlung erhalten. Bei den Frauen dagegen fehlt die Organisation, durch die sie etwaige Besserungen anstreben könnten, fast vollständig. Von den 60000 badischen Fabrikarbeiterinnen sind zum Beispiel nur 15 organisirt. Es giebt keine Arbeilerinnenschaft, sondern nur soundsoviel Arbeiterinnen. Der Verkehr mit den Arbeiterinnen kann daher nur auf individueller Grundlage beruhen, und durch den persönlichen Verkehr hat man bereits wiederholt die Erfahrung gemacht, daß die Frauen durchaus nicht unzugänglich sind. Die Thätigkeit der Fabrikinspektorin muß aber auch auf Betriebe ausgedehnt werden, die bisher der Kontrolle nicht unterstanden. So auf die Konfektionswerkstätten, auf die Ateliers der großen Waarenhäuser, auf die handwerksmäßigen Betriebe und dieHausindustrie. Die Fabrikinspektorin muß sich mit Untersuchungen über die gesundheitsschädlichen Einflüsse auf den weiblichen Organismus und mit den Einwirkungen der gesundheitsschädlichen Betriebe überhaupt befassen, sowie eine gewisse Aufsicht über die Wohnungsverhältnisse führen. Ein behördliches Einschreiten ist natürlich nicht immer möglich, aber es können Verbesserungen angestrebt und gute Rathschläge ertheilt werden. Der Verkehr mit den Arbeiterinnen muß auf diese Weise erst gesucht werden; er läßt sich nicht bei den Haaren herbeiziehen. Wie aber sollen die Arbeiterinnen Vertrauen haben zu Personen, die sie nie zu Gesicht bekommen? Deshalb müssen die Fabrikinspektorinnen selbst die Fabriken aufsuchen. Hauptsache ist natürlich, daß sie mit denselben Befugnissen ausgestattet sind als die männlichen Beamten. Als solche gleichberechtigte Beamtinnen will Frl. v. Richthofen akademisch vorgebildete Personen angestellt wissen, denen Arbeiterinnen zur Unterstützung beigegeben werden. In Dresden wie in Leipzig knüpfte eine rege Debatte an „Nein, Hans, sie konnte es nicht mehr tragen." Das große, lichte Mädchen sah wehmüthig vor sich hin. Die Glöckchen hatten aufgehört zu läuten; ein Schatten huschte über das Funkengewand und die kleine Sonne oben an der Balkendecke verfinsterte sich für den Augenblick, als sei eine düstere Wolke darüber hingezogen. Leise sprach das Mädchen weiter:„Es sind Viele, gar Viele, Hans, die das Leben kaum noch tragen- können. Es ist keine Stunde, daß nicht einer zusammenbricht unter der Last, weil sie zu groß und schwer war für ihn— weil Alles so ungleich und ungerecht vertheilt ist: die Last wie die Lust." Hans wurde noch trauriger, als er dies hörte. Aber plötzlich strahlte es wieder Heller als zuvor um ihn auf, und es ertönte ein Singen und Klingen so wunderbar und herrlich, daß ihm gar seltsam zu Muthe ward. Die Gestalt hatte sich hoch aufgerichtet, und es kam Hans vor, als sei sie noch größer geworden. Aus ihren Augen leuchteten glänzende Strahlen, ihre Blicke schienen über ihn fort in eine weite, prächtige Ferne zu schauen, ihr langes Haar fiel wie flüssiges Feuer über den starken, festen Nacken, und auf ihrem Antlitz ruhte ein muthiges, siegverkündendes Lächeln. Sie war so schön, so herrlich schön anzuschauen, daß Hans Alles darüber vergaß und sie nur immerfort anblickte. Dabei lauschte er auf die Musik, die um ihn her klang und ihn ganz selig machte. Und er hörte die Stimme, der Gestalt, die freudig sprach:„Ihr, die Ihr arm seid und krank und verlassen; Ihr, die Ihr keucht unter der Last des Lebens; Ihr, die Ihr die Schätze dieser Erde schafft und hebt und keinen Antheil habt an ihnen; Ihr, denen die Freude ein seltener Gast und die Sorge eine ewige Gefährtin von der Wiege bis zur Bahre ist; Ihr, die Ihr im Dunkel lebt und verzweifeln möchtet: Euch Alle werde ich erlösen. Ich trage die erweckenden Glocken von Land zu den Vortrag an. In Dresden sprach zunächst Frl. Dose.„Vertrauensperson der sächsischen Fabrikinspektion". Sie führte Folgendes aus. Seit 1900 hat jede der fünf sächsischen Kreishauptmannschaflen eine weibliche Vertrauensperson der Fabrikinspektion angestellt, welche Beschwerden der Arbeiterinnen entgegennehmen soll. Von regelmäßiger Revision der Betriebe, in denen Arbeiterinnen thätig sind, ist keine Rede. Nur in der Kreishauptmannschaft Dresden liegen die Dinge günstiger. Frl. Dose durfte Besuche in den Fabriken machen. Lediglich dadurch war es ihr möglich, die Arbeitsverhältnisse der Arbeiterinnen aus eigenem Anschein kennen zu lernen. Frl. Dose sind 277 Betriebe mit 20v<1 Arbeiterinnen unterstellt. Sie hält pro Woche ö Sprechstunden ab. Ueber schlechten Besuch derselben kann sie nicht klagen. Von September 1900 bis jetzt wurde sie von 74 Arbeiterinnen aufgesucht. Die Beschwerden waren derart, daß auch ein Beamter sie hätte entgegennehmen könne». Man muß jedoch mit der Eigenart der Frau rechnen, die sich zehnmal lieber einer Frau als einem Manne anvertraut. Es kam sehr oft, daß Frl. Dose von den Arbeiterinnen belogen und betrogen wurde. Die Vertrauenspersonen der sächsischen Fabrikinspektion können gar keine selbständige Amtsthätigkeit ausüben. Sie können nur Vorrevisionen machen, und dann geschieht es wohl bei der Revision durch den Beamten, daß dieser nachträglich die Beanstandungen der Vertrauenspersonen nicht billigt, weil er nicht den gleichen Scharfblick für vorliegende Schädigungen der Arbeiterinnen hat. Wichlig für eine erfolgreiche Thätigkeit der weiblichen Vertrauenspersonen ist die Sicherheit des Auftretens. In der Konfektionsindustrie ermittelte Frl. Dose Mißstände, welche nicht nur für die Gesundheit der Arbeiterinnen verhängnißvoll sind, sondern auch für das Wohl der Gesammtheit. Sie forderte zum Schluß Ausdehnung der Fabrikinspektion auf die Kleinbetriebe. Genosse Nietzsche machte darauf aufmerksam, daß nicht nur die Arbeiterinnen, sondern auch die Arbeiter die Sprechstunden der Fabrikinspektion wenig besuchen. Genossin Kühler theille mit, daß ein Arbeitgeber Arbeiterinnen entlasse, die nicht gleich 4 Wochen nach ihrer Niederkunft die Beschäftigung wieder aufnehmen. Der Mann beruft sich dabei auf den Paragraphen der Gewerbeordnung, der von abschreckenden Krankheiten handelt. Sie erklärte des Weiteren sehr richtig. Frl. Doses öffentliche Beschuldigung, daß die Ardeiterinnen lügen und betrügen, sei wenig geeignet, ihr das Vertrauen derselben zu erringen. Eine Fabrikarbeiterin schilderte, wie manchmal die Lügen der Arbeiterinnen verursacht würden. Eine Arbeiterin meldete Frl. Dose einen Mißstand. Diese kam nun in die Fabrik und war so unbegreiflich unklug, die Arbeiterin in Gegenwart des Prinzipals zu fragen, welche Mißstände vorlägen. Aus Furcht vor Entlassung leugnete nun die Arbeiterin alles ab. In ihrem Schlußwort verbreitete sich Frl. von Land und werfe goldene Funken in Eure Herzen, daß sie sich erwärmen an meinen Gedanken und meiner Hoffnung. Ich bin die Kraft, die Eure Kräfte weckt und stählt und sie zusammenführt zu gemeinsamer That; ich bin die Liebe, bin die Wahrheit, bin die Zukunft!" Dann beugte sie sich nieder zu Hans und küßte ihn auf die Stirne:„Sollst mir ein guter Kamerad werden. Hans, wenn Du größer bist." Hans wollte sie umarmen und festhalten. „Nein", sagte sie leise,„ich muß weiter; Hab' gar viel noch der armen Kinder zu besuchen, denen kein Tannenbaum heule grünt und keine Kerze brennt. Ich will sie grüßen von Dir und ihnen sagen, daß sie nicht allein und verlassen sind, daß Du an sie gedenkst und treue Kameradschaft halten wirst mit ihnen. Und will auch ihnen sagen, daß ein besser Reich auf Erden kommt, wenn Ihr nur wollt!" Und als Hans nun in ihre Augen blickte, war's ihm, als sähe er in ein großes, wunderbares Land mit Sonnenschein, blühenden Blumen und lachenden Menschen. Und fröhlicher Gesang ertönte und füllte alle Lüfte. Allmälig verklang Alles und Funken und Sonne verblaßten. Dann wurde es ganz still und dunkel um ihn her, und Finsterniß erfüllte das Stübchen. Neben ihm, im Bett, rührte sich nichts mehr, der letzte Athemzug war verhaucht. Hans schrak auf. Ein Wagen knarrte am Hause vorbei, und seine Laternen warfen einen matten gelben Schein in das kleine Fenster. Hans sah, daß die Eisblumen wunderschöne, zarte Blüthen getrieben hatten. Schluchzend rief er die Nachbarin und sagte ihr, daß die Mutter gestorben sei. Richthofen noch über die Gehälter der weiblichen Gewerbeaufsichtsbeamten. Dem Diskussionsabend wohnte der Gewerbeinspektionsrath Hübler bei.— In Leipzig brachte Dr. Götschke in Anschluß an Frl. von Richthofens Vortrag einen Antrag ein, welcher den weiteren Ausbau der Fabrikinspektion in Sachsen fordert, insbesondere auch Zuerkennung von Amtsbefugniß an die weiblichen Beamten und Ausdehnung der Gewerbeaufsicht auf die Hausindustrie. Genossin D un ck er wendete sich dagegen, daß die weiblichen Hilfskräfte der Fabrikinspektion den amtlichen Titel„Vertrauenspersonen" führen. Vertrauen lasse sich nicht diktiren. Sie forderte selbständige Beamtinnen, mit weitgehenden Befugnissen. Frl. Auguste Schmidt wies darauf hin, daß die bürgerlichen Frauenvereine seit Jahren Forderungen aufstellen, wie sie von Frl. von Richthofen vertreten werden. Ganz im Sinne ihrer Ausführungen ward eine neue Petition abgefaßt, weil durchaus unbefriedigend ist, was bisher in Sachen der weiblichen Gewerbeaufsicht geschaffen wurde. Herr Dr. Eulen berg rühmte die Berichte der süddeutschen Fabrikinspektoren im Gegensatz zu denen der norddeutschen Beamten. Er befürwortete gleichfalls die weitere Ausgestaltung der weiblichen Fabrikinspektio», da in Sachsen die Frauenarbeit eine hervorragende Rolle spielt, doch äußerte er Bedenken gegen eine Heranziehung von Arbeiterinnen, so lange nicht auch Arbeiter als Hilfsbeamte an der Gewerbeaussicht mitwirken. Neben der Inspektion der Hausindustrie forderte er eine Wohnungsinspektion. Der oben erwähnte Antrag ward nach einem Schlußworte Frl. von Richthofens angenommen.— Was Frl. von Richthofen und Frl. Dose über die Erfahrungen ausführten, welche betreffs der weiblichen Gewerbeaufsicht vorliegen, deckt sich in der Hauptsache mit dem, was die„Gleichheit" aus den Berichten der weiblichen Hilfsbeamten der Fabrikinspeklion mitgetheilt hat. Auch die erhobenen Forderungen entsprechen in den meisten Punkten den einschlägigen Reformen, welche die proletarische Frauenbewegung seit lange schon fordert. Aus der Bewegung. Bon der Agitation. Protestversammlungen gegen den ollwucher hielt Genossin Zetkin in letzter Zeit in Nürnberg, ürth, Berlin und Rummelsburg ab. Die Versammlung in Nürnberg war die erste Volksversammlung, an der seit langen Jahren die Frauen unbehindert von den Behörden theilnehmen durften, und in der eine Frau sprach. Um die Versammlung an allen Klippen polizeilicher Auslegungskunst vorüberzusteuern, mußte sie von privater Seite einberufen und geleitet, mußte peinlich alles vermieden werden, worin behördliche Argusaugen den entferntesten Zusammenhang mit dem„politischen Verein" Sozialdemokratie entdecken konnten. Frau Erber, welche die Protestversammlung einberufen hatte, leitete sie mit großem Geschick. Der große Versammlungssaal nebst Galerien war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und die Stimmung der Anwesenden war eine vorzügliche. In Fürth fand die Versammlung im großen schönen Saale des Gewerkschaftshauses statt, in Berlin tagte sie im großen Saale von Keller. Beide Versammlungen gestaltete» sich ebenfalls durch die imposante Zahl der Besucher und die bekundete Stimmung zu sehr eindrucksvollen Protestaktionen gegen die Hungerzölle. Genossin Zetkin behandelte die Frage der Zollerhöhung vom Standpunkte der Fraueninteressen aus. Sie zeigte die vielfachen tiefen Schädigungen, mit denen der Zollwucher die Frauen beglückt und hob dabei besonders scharf die schweren Gefahren hervor, welche in Folge einer Stärkung der politischen Macht der Junker und Junkergenossen drohen. Unter stürmischem Beifall, der nicht enden wollte, nahmen die Versammelten in Nürnberg, Fürth und Berlin die bekannte Resolution einstimmig an. Die sehr gut besuchte Versammlung zu Rummelsburg mußte dagegen ohne formellen Protest auseinandergehen. Wegen Ueberschreitens der Polizeistunde verfiel sie der Auflösung, und die Anwesenden mußten laut Anordnung des Ueberwachenden sofort das Lokal räumen. Zwischenrufe. Beifall und Stimmung der Versammelten hatten indeß zur Genüge bekundet, daß auch sie energische Gegner des junkerlichen Beutezuges sind und sich mit aller Energie gegen ihn wehren. „Brotwucher und Krisis", sowie„Der Kampf ums Dasein während der Krisis" lauteten die Themen, über die Genossin Zietz-Hamburg in der Zeit vom 1. bis 19. November in einer Reihe von Städten in Hessen und Preußen sprach. Versammlungen fanden statt in Hanau, Frankfurt. Höchst, Wiesbaden, Worms, Mainz, Offenbach. Darmstadt, Gießen, Mülheim a. M.. Hainstadt. Hainhausen, Bockenheim, Fechenheim, Bürgel. Bieber, Pfungstadt, Urberach, Finthen, Biebrich und Amöneburg. Sämmtliche Versammlungen waren stark besucht, zum Theile überfüllt. Im All- 207 gemeinen war auch die Betheiligung der Frauen eine gute. In| einer Reihe von Orten tagte die Versammlung im eigenen Heim der Arbeiter, im Gewerkschaftshaus, so zum Beispiel in Hanau, Frankfurt, Offenbach und, was uns am meisten freute, in Worms, dem Königreich Heyls von Herrnsheim. In Offenbach waren unter den 12-1400 Versammlungsbesuchern mindestens ein Drittel Frauen, in Urberach stellten sie über die Hälfte der Versammlungsbesucher und 41 von ihnen traten ihrer Gewerkschaftsorganisation bei. In Worms gelang es, im Privatgespräch nach der Versammlung, aus einer Anzahl recht intelligenter Frauen eine Genossin für den Posten der weiblichen Vertrauensperson zu gewinnen, deren Wahl in einer demnächst stattfindenden Versammlung offiziell erfolgen wird. Auch in Frankfurt haben einige Genossinnen versprochen, dafür einzutreten, daß eine Vertrauensperson ernannt wird, um durch diese die Agitation unter dem weiblichen Proletariat planvoller als bisher zu betreiben. In fast allen Versammlungen fand folgende Resolution einstimmige Annahme:„ Die Versammelten sprechen ihr Einverständniß mit den Ausführungen der Referentin aus. Sie erblicken in der Krisis eine unvermeidliche Begleiterscheinung unserer kapitalistischen Wirthschaftsordnung. Mit dieser selbst zusammen wird sie erst völlig verschwinden; sie kann aber in der heutigen Gesellschaft gemildert werden durch Hebung der Lage der arbeitenden Klasse; die Annahme des den Reichstag demnächst beschäftigenden Zolltarifentwurses würde sie dagegen chronisch machen. Die Versammelten erblicken in dem Letzteren ein Attentat auf den Beutel, die Lebenshaltung, das Erwerbsleben, Gesundheit, das Familienleben, Sittlichkeit, Bildung und Freiheit des Volfes. Sie verlangen daher vom Reichstag strikte Ablehnung des Entwurfes, sowie Abschaffung des Systems der indirekten Besteuerung und Abschließung langfristiger Handelsverträge. Für die Verwirk lichung dieser Forderung versprechen sie mit aller Kraft einzutreten durch die Stärkung der Arbeiterorganisation und indem sie sich überall den Protestaktionen der Sozialdemokratie anschließen." Den Gewerkschaftsorganisationen wurden durch die Versammlungen 275 Mitglieder zugeführt. Notizentheil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. L. Z. Die gewerkschaftliche Organisirung der weiblichen Handelsangestellten ist recht dringend nothwendig, wie Hungergehälter, lange Arbeitszeiten, hochgradige Ausnutzung der Arbeitskraft unter vielfach ungesunden und unwürdigen Bedingungen erweisen. In keinem Gewerbe aber ist es so schwer, die Berufsangehörigen zu organisiren, sie einer auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Gewerkschaft zuzuführen, wie gerade im Handelsgewerbe. 264243 Angestellte, 175759 männliche, 88484 weibliche, gab es nach der Gewerbezählung von 1895 in Deutschland und nur 0,46 Prozent davon gehörten nach der Statistik der Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands im Jahre 1900 der einzigen bestehenden Gewerkschaft der Handlungsgehilfen an: Dem Zentralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands, Siz Hamburg. Woher kommt das? Die Handelsangestellten entstammen nicht einer einzigen sozialen Klasse. Unter ihnen sind die Söhne und Töchter von Beamten, Raufleuten und Handwerkern, sowie derjenigen Arbeiter vertreten, die ihren Nachkommen etwas" Gutes" anthun, sie über ihre eigene Sphäre erheben wollen. Die meisten dieser jungen Leute bringen natürlich die ihrem Kreise anhaftenden Vorurtheile mit, darunter auch die Meinung, daß sie etwas Besseres seien, als Lohnarbeiter und mit der modernen Arbeiterbewegung nichts zu thun hätten. So fehlt von vornherein der Mehrzahl das Verständniß für die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation überhaupt, ganz besonders aber die Erkenntniß von der Nothwendigkeit, die weiblichen Handelsangestellten dem Verbande zuzuführen. Der Durchschnittshandlungsgehilfe erblickt in der Kollegin nur die Schmutzkonkurrentin, welche die männlichen Arbeitskräfte verdrängt. Es fehlt ihm an dem Einblick in die veränderten wirthschaftlichen Verhältnisse, durch welche die veränderte ökonomische und soziale Stellung der Frau, die Nothwendigkeit der Erwerbsarbeit ihrerseits bedingt wird. Er sieht nicht ein, wie nothwendig eine gemeinsame Or ganisation der männlichen und weiblichen Angestellten ist, damit letzteren durch erstere das Rückgrat gesteift wird; lohndrückende Elemente sich in Mitkämpferinnen verwandeln und gemeinsam bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden können. Hinzu kommt ferner die Konkurrenz der alten" Organisationen, von den „ Hilfsvereinen" bis zu dem Rassenverein, dem antisemitischen deutschnationalen Handlungsgehilfenverband. Wir sehen gegenwärtig von letzterem ab, da er prinzipiell gehilfinnenfeindlich ist und keine weiblichen Mitglieder aufnimmt. Dagegen wollen wir uns kurz mit den Hilfsvereinen beschäftigen. Diese werden leider noch immer von vielen unserer proletarischen Frauen als Organisationen in unserem Sinne angesehen. Nichts falscher als dies! Daß die„ Hilfsvereine" für die kleinen täglichen Bedürfnisse der Gehilfinnen manches Gute leisten, wer will das leugnen? Billige Theaterbillets; Milchmarken; ermäßigte Preise beim Photographen; Nachweis billiger Pensionen in Sommerfrischen 2c. sind für die Gehilfin ganz angenehme Dinge. Für die Besserung der wichtigsten Bedingungen der Arbeitsverhältnisse versagen die„ Hilfsvereine" jedoch ganz. Es ist ja richtig, sie bitten die Chefs, ihren Angestellten Sommerurlaub zu geben; sie vermitteln Stellen, wenn sie welche zu vergeben haben. Allein die Prinzipalität hat trotz aller Ableugnungsversuche Einfluß auf die Leitung der Vereine, denn sie unterstützt dieselben materiell ihres humanitären" Wirkens wegen. Man lese die Statuten dieser Auch- Organisationen, und man wird staunend finden, daß die Mitglieder nix tau seggen" haben. Die Hilfsvereine sind keine„ Organisationen" in der gewerkschaftlichen Bedeutung des Wortes, und man soll sich hüten, sie in proletarischen Frauenkreisen als solche gelten zu lassen, da dadurch nur Verwirrung geschaffen wird. Gehilfinnen, in denen erst ein schwaches Bewußtsein emporzudämmern beginnt, daß sie ein Recht und eine Pflicht haben, nach Hebung ihrer Lage zu streben, werden nur zu leicht durch den falschen Schein und die schiefe Beurtheilung der Hilfsvereine" irregeführt. Sie halten diese für Organisationen, denen sie sich anschließen müssen, wenn sie ihre Interessen wahrnehmen wollen. Und was finden sie hier neben kleinen Vortheilen? Größere Nachtheile, denn sie werden darin zur Harmonieduselei schlimmster Art erzogen, und das bischen proletarisches Klassengefühl, das sie besitzen, wird aus ihnen herausgetrieben. Die proletarischen Frauen haben die Pflicht, die moderne Gehilfen- und Gehilfinnenbewegung zu unterstüßen und nur für sie Propaganda zu machen. Die rückhaltslose, nachdrückliche Vertretung der wirthschaftlichen Interessen der Handelsangestellten und ihre Erziehung zum proletarischen Klassenbewußtsein erfolgt einzig und allein durch den Zentralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands. J. B. " 1 Eine Konferenz der Blumen- und Federarbeiter und -Arbeiterinnen tagte am 1. d. M. im Gewerkschaftshaus in Berlin, um über die Gründung eines Zentralverbandes zu berathen. Ein einheitlicher Zusammenschluß ist nothwendig, damit eine bessere planmäßige Agitation betrieben werden kann. Er wurde besonders lebhaft von den Dresdner und Sebnizer Arbeitern und Arbeiterinnen gewünscht, nachdem die Handels- und Transportarbeiter auf ihrem letzten Verbandstag den bei ihnen angeschlossenen Blumenarbeitern empfahlen, eine eigene Organisation zu gründen. Die Konferenz war von der Berliner Agitationsfommission einberufen und durch je einen Delegirten aus Dresden und Sebnitz beschickt. Die Gründung des Zentralverbandes wurde einstimmig beschlossen und als Siz desselben Berlin bestimmt. Der Verband soll mit dem 1. Januar 1902 ins Leben treten, als Vorsitzende wurde Frau Ihrer, Pankow bei Berlin, gewählt und zum Kassirer Herr Irrgang, Berlin. Die letzte Mitgliederversammlung des Vereins der Blumenund Federarbeiterinnen Berlins, die am 4. d. M. stattfand, erklärte sich mit dem von der Konferenz berathenen Statut einverstanden, ebenso mit den übrigen Neueinrichtungen. In der Ergänzungswahl zu dem Zentralvorstand wurde Herr Sinn zum Schriftführer und zwei Beisitzerinnen gewählt. Den geschäftlichen Erledi= gungen des Vereins ging ein Vortrag von Frau Ihrer voraus, melche über das Thema referirte:" Die wirthschaftliche Krise, und wie wirkt sie in der Blumen- und Federbranche?" Die Ausführungen der Referentin fanden allgemeine Zustimmung. Die Versammlung war nur schwach besucht, werden doch in der Blumenbranche jetzt vielfach Ueberstunden gemacht, oder die Mädchen nehmen ihre Arbeitspäckchen nach Feierabend mit nach Hause, während in der Federbranche ein großer Theil der Arbeiterinnen arbeitslos ist. Eine als Gast der Versammlung beiwohnende Direttrice versprach, die Agitation unter den Blumenarbeiterinnen zu unterstüßen, da sie nun von der Zweckmäßigkeit des Vereins überzeugt worden sei. E. J. Die Zahl der in Trade Unions organisirten englischen Arbeiterinnen betrug am Ende des Jahres 1900 nach dem 13. Bericht des Arbeitsamts 122047. Männliche Arbeiter gehörten 1783 069 den Trade Unions an, die Zahl der insgesammt gewerkschaftlich Drganisirten betrug also 1905 116, zu denen die Arbeiterinnen reichlich 6,4 Prozent stellten. Von den 1272 Trade Unions, auf welche sich die Statistik erstreckte, hatten 138 weibliche Mitglieder. Die überwältigende Mehrzahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen, nämlich 89 Prozent, ist in der Textilindustrie thätig. Frauenstimmrecht. " Die Gemeinderathswahlen in Norwegen, bei denen die Frauen zum ersten Male das aktive und passive Wahlrecht ausüben, haben nur zum Theil im November stattgefunden, in manchen Kommunen erfolgen sie erst im Dezember. Wir haben bereits in letzter Nummer kurz über die rege Betheiligung der Frauen an den Novemberwahlen berichtet, sowie über die Erfolge, welche sie erzielten. In den Gemeinden, wo die Kommunalvertretung im Dezember gewählt wird, nehmen die Frauen natürlich ebenfalls thätigen Antheil an der Wahlbewegung. Die sozialistischen Frauen haben es bekanntlich abgelehnt, wie die Gleichheit" seinerzeit mit theilte, eigene Frauenlisten aufzustellen; sie traten und treten für die Kandidaten der sozialistischen Arbeiterpartei ein. Die Frauenrechtlerinnen dagegen, die in dem„ Frauenstimmverein" organisirt sind, gingen mit selbständigen Listen bezw. eigenen Kandidatinnen und Kandidaten in den Wahlkampf. Für Christiania hat der„ Frauenstimmverein" für die zu wählenden 42 Stadtverordneten eine Liste aufgestellt, auf welcher neben 30 Männern 12 Frauen stehen. Das Wahlprogramm der Frauenrechtlerinnen offenbart in mehr als einem Punkte den beschränkten, engherzigen Klassenstandpunkt der Damen. So fordert es zum Beispiel die Beschränkung der kommunalen Speisung der Schulkinder auf die bedürftigen und setzt damit eine Wohlthätigkeitseinrichtung an Stelle einer demokratischen Institution; es bekämpft die Einführung unentgeltlicher Lehrmittel für die Ge meindeschulen 2c. In Bergen wurden 6 Frauen gewählt. Jede 25 Jahre alte Frau ist wahlberechtigt, welche ein gewisses Einkommen versteuert oder mit einem Steuerzahler in Gütergemeinschaft lebt. a. br. Die volle politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes fordert selbstverständlich die österreichische Sozialdemokratie auch in ihrem neuen Programm. Dieses enthält die Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts in Stadt, Land und Gemeinde für alle Staatsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechtes vom 20. Lebensjahre an. Die Gewährung des Stimmrechts an die serbischen Frauen beantragte am 27. November der Senator Pawlowitsch in der Ersten Kammer der serbischen Stuptschina. Blos mit 10 Stimmen Mehrheit wurde der Antrag nach lebhafter Debatte abgelehnt. Die Geistlichen, welche in der Ersten Kammer sitzen, darunter Metropolit und Bischof, unterstützten die Forderung. a. br. Für Einführung des Frauenstimmrechts in England soll demnächst eine kräftige Aktion entfaltet werden. Es wurde von Seiten der Frauenrechtlerinnen die Veranstaltung eines großen Meetings beschlossen, sowie die Organisation von Straßenfund gebungen, an welchen über 100000 Frauen theilnehmen wollen. Vereinsrecht der Frauen. " Weniger noch als ein halbes Reförmchen zu Gunsten des Vereinsrechts der Frauen fordert die Gesellschaft für so= ziale Reform" in einer Eingabe an den Reichstag. Was sie begehrt, ist der Erlaß eines Reichsgesetzes, durch das„ die einer Antheilnahme der Frauen an sozialpolitischen Bestrebungen entgegenstehenden landesgesetzlichen Beschränkungen" aufgehoben werden. Wie man sieht, hat bei den bürgerlichen Sozialreformlern wieder einmal der Berg unter heftigen Wehen gekreißt, um ein winziges Mäuslein zu gebären. Zuerst und nebenbei sei bemerkt, daß es formell ein Unsinn ist, die Aufhebung von Beschränkungen der Antheilnahme an sozialpolitischen Bestrebungen zu fordern. Die Antheilnahme an solchen Bestrebungen, ja sogar an politischen Bestrebungen, ist den Frauen gesetzlich nicht verwehrt. Was ihnen das Landesgesetz in einzelnen Bundesstaaten verbietet, ist die Mitgliedschaft in Vereinen, welche sich mit Sozialpolitik beschäftigen, ist die Betheiligung an den Sigungen und Versammlungen derartiger Organisationen. Doch von dem formellen Mangel abgesehen, ist die sozialreformlerische Forderung etwa geeignet, dem Vereinsunrecht gegen die Frauen gründlich abzuhelfen? Reineswegs. Indem sie für das weibliche Geschlecht nur das Recht heischt, sich in Organisationen mit Sozialpolitik beschäftigen zu dürfen, läßt sie für auslegungsfreudige Polizisten und Juristen die unbeschränkte Möglichkeit weiterbestehen, nach Belieben und Bedürfniß durch halsbrecherische Thatsachen- und Textesdeutung den Frauen das Vereinsrecht illusorisch zu machen. Denn sie erlaubt es, dem Begriffe der sozialpolitischen Bestrebungen" den anderen der politischen Bestrebungen entgegenzusehen, eine Unterscheidung zwischen Fragen zu ziehen, die heutigestags faum von einander abgegrenzt werden können. Damit aber ist der Boden für das staatsretterische Walten der Behörden gegeben. So würden die„ Segnungen" der Reform aussehen: den Damen der Bourgeoisie wäre es gnädigst ge= 208 Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Alara Retkin( Bundel) in Stuttaart. " stattet, mit der Gesellschaft für soziale Reform" und ähnlichen sozialen Harmoniekränzchen rathen und thaten zu können; den Proletarierinnen dagegen könnte es nach wie vor jederzeit verwehrt werden, in den Organisationen ihrer Klassengenossen Sozialpolitik zu treiben. Wer das Vereinsrecht thatsächlich zu Gunsten des gesammten weiblichen Geschlechts reformiren will, der kann nicht umhin die eine Forderung zu erheben: unbeschränktes Vereins- und Versammlungsrecht der Frauen auf jedem Gebiete. Die Eingabe der„ Gesellschaft für soziale Reform" trägt das zwiefache Brandmal des Vorurtheils gegen das weibliche Geschlecht und des Klassenegoismus gegen das Proletariat. Sie verzichtet darauf, für die Frauen in ihrer Gesammtheit das politische Vereinsrecht zu verlangen, und sie giebt sogar die Sicherung des sozialpolitischen Vereinsrechts der Proletarierinnen preis. Kein Wunder, wenn man sich das Kuddelmuddel von ehrlichen Konfusionsräthen, verlogenen selbstgefälligen Strebern und unverfälschten Reaktionären anschaut, das sich in der„ Gesellschaft für soziale Reform" zusammengefunden hat. Wie doch heißt das Vers lein?„ Der Frosch hupft wieder in den Pfuhl, und säß' er auch auf güld'nem Stuhl." Der waschechte bürgerliche Sozialreformer muß von dem güld'nen Stuhl der Fürsorge für die arbeitenden Klassen" immer wieder in den Pfuhl des kapitalistischen Klasseninteresses zurückplumpsen. " Genossenschaftsbewegung. Die Herausgabe eines Frauengenossenschaftsblattes schlägt die Schriftleitung der Großeinkaufsgesellschaft der deutschen Konsumvereine vor. In dem Wochenbericht, den sie herausgiebt, wie in einem Flugblatt an die Verwaltungen der Konsumvereine legt sie die Nothwendigkeit eines solchen Blattes dar und erörtert die Form, in der sie sich die Verwirklichung ihres Planes denkt. „ Die eigentliche Trägerin der Genossenschaftsbewegung", so heißt es in dem Flugblatt, ist die Frau... Die Frau ist Diejenige, welche den Konsum der Familie zu leiten hat, sie hat mit den Einnahmen des Mannes hauszuhalten, dahin zu streben, die Lebenshaltung ihrer Familie durch geschicktes und kluges Haushalten und günstigen Einkauf nach Möglichkeit zu erhöhen. Die Frau ist Diejenige, die dazu gewonnen werden muß, ihre Einkäufe nur in den Verkaufsstellen der Konsumvereine zu machen. Die Konsumgenossenschaft ist die Organisation der Frau. Ein Massenorgan für die Konsumgenossenschaftsbewegung muß daher vor allen Dingen dahin gehen, die Frauen zu gewinnen, es muß ein Frauengenossenschaftsblatt sein." Das Blatt soll ungefähr Folgendes bringen. Vor allem einen größeren Artikel über Fragen des Genossenschaftswesens, einen in Fortsetzungen erscheinenden Roman, eine humoristische Novelle, prak tische Mittheilungen aus dem Gebiete der Genossenschaften, eine Rundschau über die Genossenschaftsbewegung, eine hauswirthschaftliche Ecke mit Rezepten 2c., Gedichte, Räthsel 2c. Erste genossenschaftliche Kräfte sollen als Mitarbeiter gewonnen werden. Das Blatt soll monatlich zweimal achtseitig erscheinen und pro Nummer 1½ Pf. kosten. Die Konsumvereine sollen das Blatt für ihre Mitglieder abonniren und diesen gratis in den Verkaufsstellen vertheilen. Wir erachten den Vorschlag für einen sehr glücklichen. Seine Verwirklichung kann ganz wesentlich dazu beitragen, die Frauenmassen des werkthätigen Volfes, der sogenannten„ kleinen Leute", über die Wichtigkeit der Genossenschaftsbewegung aufzuklären, sie zu klarblickenden Mitträgerinnen derselben zu erziehen, welche die Genossenschaft nicht vom Standpunkte der Dividendenjägerei aus bewerthen, sondern von der höheren Warte ihrer vielseitigen Bedeutung für die kämpfende Arbeiterklasse. Frauenbewegung. Die Zahl der weiblichen Aerzte in Rußland beträgt nach der letzten Aufstellung 624 neben etwa 15000 männlichen Kollegen. Die Aerztinnen üben in Rußland nicht blos Privatpraxis aus, sondern sind auch an Spitälern und Krankenhäusern der Gemeinden und Gouvernements angestellt. In jeder Stellung und Beziehung haben sie sich den Aerzten ebenbürtig erwiesen. Die Zahl der weiblichen Aerzte wird in Rußland demnächst rasch wachsen, da vom Mai 1902 ab das neugegründete medizinische Institut für Frauen Studentinnen nach absolvirten Examina entläßt. Eine Gartenbauschule für Frauen wurde in Liverest in Schottland gegründet und mit 260 Schülerinnen eröffnet. Die Zulassung zu der Universität von Tomsk haben die Frauen dieser Stadt nach dem Beispiele ihrer Schwestern in Kieff und Charkoff beim Universitätsrath nachgesucht. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( 8. m. b. 5.) in Stuttgart.