Nr. 7. Die Gleichheit 12. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 26. März 1902. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Inhalts- Verzeichnik. 3ur Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen. I. Der Kongreß der sozialistischen Frauen Belgiens.- Lohn- und Arbeitsbedingungen der Knopf- und Perlenarbeiterinnen in Freiburg i. Br. Bon Louise Zietz. Aus der Bewegung. Feuilleton: Frau Rath Goethe. Von Manfred Wittich.( Fortsetzung.) Notizentheil: Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Weibliche Fabrikinspektoren. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Vereinsrecht der Frauen. Bur Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen. I. XE Der vierte Kongreß der deutschen Gewerkschaften, welcher Mitte Juni in Stuttgart zusammentritt, wird sich unter Anderem auch mit der Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen beschäftigen. Wir begrüßen das aufrichtig. Nicht nur äußerst werthvoll, sondern dringend nothwendig dünkt uns die eingehende Erörterung dieser hochwichtigen Materie. Auf sachfundiger Beherrschung der zu berücksichtigenden thatsächlichen Verhältnisse begründet, sowie auf klarer Erkenntniß des zu erstrebenden Zieles, muß sie in praktisch fruchtbaren Anregungen und Losungen ausklingen. Gewiß nicht seit heut und gestern sind die deutschen Gewerkschaften von dem Bewußtsein durchdrungen, wie nöthig es ist, die Arbeiterinnen der Organisation zuzuführen. Mit Verständniß und Eifer haben sie sich lange schon angelegen sein lassen, ihren Reihen auch die Berufsgenossinnen einzugliedern. Und die Generalkommission der Gewerkschaften insbesonders hat jederzeit verständnißvoll und thatkräftig die Aufgaben in Angriff genommen und gefördert, welche die Entwicklung des modernen Wirthschaftslebens in dieser Hinsicht der Arbeiterklasse stellt. Natürlich aber ist es, daß in letzter Zeit deutlicher und allgemeiner als je die Nothwendigkeit empfunden und erkannt wird, die Arbeiterinnen zu aufgeklärten und organisirten Streiterinnen im wirthschaftlichen Klassenkampf des Proletariats zu machen. Es ist die Krise, welche das Verständniß dafür weckt, schärft und klärt, daß die Eingliederung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaftsorganisation der Berufsgenossen eine Lebensfrage ist für die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung, für den erfolgreichen Kampf um günstigere Arbeitsbedingungen. Wie sie in den Streisen der Arbeiter das Bewußtsein von der Nothwendigkeit des Kampfes für den gesetzlichen Normalarbeitstag, den Achtstundentag belebt und gekräftigt hat, also auch die Erkenntniß, wie bitter noth die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen thut. Die Ges werkschaftsblätter, die Diskussionen auf gewerkschaftlichen Konferenzen und in Versammlungen spiegeln das deutlich wieder. Mit der Schärfe des elektrischen Scheinwerfers hat die Krise die Tendenz der kapitalistischen Wirthschaftsordnung beleuchtet, die billige und willige Arbeiterin an Stelle des höher zu entlohnenden, widerstandsluftigeren und widerstandstüchtigeren Arbeiters zu setzen. Das bestätigen mit unanfechtbaren Thatsachen und Ziffern die Berichte der Fabrikinspektoren aus der Zeit der Geschäfsstockung, wie die Buschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Die Krise Erhebungen und Erfahrungen von Gewerkschaften. steigerte naturgemäß auf Seiten des Unternehmerthums die Anreize zur vorzugsweisen Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte, auf Seiten des Proletariats aber den Zwang zur Erwerbsarbeit der Frauen und Mädchen. Der zunehmenden Verwendung weiblicher Arbeitskräfte entspricht selbstverständlich ihr wachsender Einfluß auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und damit die steigende Bedeutung ihrer gewerkschaftlichen Organisirung. Wie manche Kürzung des Verdienstes, wie manche andere Unbill noch mußte in den legten Monaten von den Arbeitern geduldig in den Kauf genommen werden, weil der Hinblick auf die indifferenten, unorganisirten Arbeiterinnen jeden Versuch eines Auflehnens gegen das Unternehmerbelieben als aussichtslos erkennen ließ. Je mehr es den Gewerkschaften gelingt, auch die weiblichen Berufsthätigen in ihre Reihen zu ziehen, an ihre Fahne zu fesseln, um so besser können sie die von der Krise gestellte Aufgabe lösen: die Errungenschaften zu halten und zu schirmen, welche in den Jahren der günstigen Konjunktur den Unternehmern abgetrozt worden sind, und damit fünftige neue Erfolge vorzubereiten. Kurz die Krise hat nicht blos den Blick für die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen erhellt, sie hat auch diese Nothwendigkeit selbst noch zwingender gestaltet. Die Generalfommission der Gewerkschaften hat in fluger Berück sichtigung dieser Sachlage den Zeitpunkt für die Erörterung der Frage mithin sehr günstig gewählt. Dank der angeführten beiden Umstände ist ihr von vornherein ein größeres Interesse, eine gründlichere und umfassendere Behandlung gesichert, als in manch' anderen Tagen. Die materielle Möglichkeit zu einer solchen Behandlung ist damit gegeben, daß die Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen von derjenigen der Agitation im Allgemeinen ausgeschieden worden ist und einen besonderen Punkt der Tagesordnung bildet. Im Rahmen einer allgemeinen Erörterung wäre eine tiefgreifende Durchberathung der Materie kaum möglich. Der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen stellen sich besondere Schwierigkeiten entgegen, welche voll gewürdigt werden müssen, sollen die vorliegenden Aufgaben verständnißvoll erfaßt und erfolgreich durchgeführt werden. Früher schon haben wir diese Schwierigkeiten eingehend erörtert.* In der Hauptsache sind sie unmittelbar oder mittelbar in dem Weibsein der Arbeiterin begründet. Weil die Arbeiterin ein Weib ist, so treten Tendenzen in Erscheinung, welche in der Richtung wirken, organisationsunfähig und organisationsunlustig zu machen. Von der niedrigen Entlohnung der Arbeiterinnen, ihrem zwiefachen Pflichtenkreise in der Fabrit und in der Familie gilt das Erstere. Die Organisationsunluft der erwerbsthätigen Frauen und Mädchen aber wird durch zahlreiche andere Umstände bedingt. Durch den Hinblick auf die Familie, ihre Anforderungen und ihre eng erfaßten Interessen; die Hoffnung, in ihr den Unterhalt zu finden und in Verbindung mit dieser Erwartung die Werthung der Berufsarbeit als eines zeitweiligen Nothbehelfs; die Milderung der Folgen der Arbeitslosigkeit durch die Familie; das Betreiben der Erwerbs= arbeit als Zwischen- und Nebenwerk; die unterbürtige Stellung des weiblichen Geschlechts; seine Bedürfnißlosigkeit und Fügsamkeit; * Nr. 18, 19, 22, 24 der„ Gleichheit" von 1898. 50 Am 9. März hat im Volkshaus zu Brüssel der 3. Landeskongreß der belgischen Sozialistinnen unter dem Vorsitz von Genossin Van Langenbond getagt. Vertreten waren 27 Gruppen- 7 Gewerkschaften und 20 andere Organisationen durch 60 bis 70 Delegirte, darunter eine Anzahl von Genossen. In eintägiger, eifriger und zum Theile sehr lebhafter Berathung hat der Kongreß die reiche Tagesordnung erledigt, die wir bereits in unserer letzten Nummer mitgetheilt haben. Die größte und allgemeinste Bedeutung dürfen die Erörterungen Hauptinteresse der Delegirten konzentrirte. Unseren Leserinnen ist die über das Frauenstimmrecht beanspruchen, auf welche sich auch das Sachlage bekannt, welche das bedingt. die Rückständigkeit seiner sozialen Einsicht; das mangelnde Interesse| Der Kongreß der sozialistischen Frauen Belgiens. für die Allgemeinheit; das unentwickelte Solidaritätsgefühl 2c. 2c. Der Kampf gegen die Organisationsunfähigkeit und Organisationsunlust ist mithin eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Bemühungen, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisiren. Die Gewerkschaften handeln dieser Erkenntniß gemäß. Die Organisationsunfähigkeit der Arbeiterinnen suchen sie zu bes heben, indem sie die gewerkschaftliche Macht jederzeit rückhaltlos einsetzen, um auch den weiblichen Berufsthätigen bessere Arbeitsbedingungen zu erringen; indem sie die Forderung nach kräftigem gesetzlichem Schutz der Frauenarbeit erheben. Und daß sie in dieser Richtung fürderhin weiter wirken werden, dafür bürgt das Wesen der Gewerkschaften selbst und die zwingende Logik der Thatsachen, mit denen sie rechnen müssen. Dafür spricht auch der Umstand, daß die Frage der Heimarbeit auf der Tagesordnung des Kongresses steht. Der Kampf für Hebung der Heimarbeiterschaft ist gerade auch mit Rücksicht auf die gewerkschaftliche Organisirung der weiblichen Arbeitskräfte äußerst wichtig. In der Heimarbeit sind viele Zehntausende von Frauen und Mädchen thätig; in der Heimarbeit zerstören jammervollste Arbeitsbedingungen unerläßliche Vorbedingungen der Organisationsfähigkeit. Nachdrücklich kämpfen die Gewerkschaften auch durch aufklärende Agitation gegen die Organisationsunlust der Arbeiterinnen an. Im Allgemeinen hat diese Agitation stetig an Umfang und Planmäßigkeit gewonnen, sie wird immer regelmäßiger, andauernder und praktischer betrieben. Klarer und allgemeiner als früher erkennen die Gewerkschaften und die Gewerkschafter die Pflichten, welche ihnen in dieser Hinsicht Selbstvortheil, Solidaritätsgefühl und Selasseninteresse aufs erlegen. Durch die Veröffentlichung der vortrefflichen Broschüre von Käthe Duncker hat es die Generalkommission jeder einzelnen Gewerkschaft ungemein erleichtert, einen übersichtlichen und genauen Blick von dem Umfang des Arbeitsfeldes zu gewinnen, das zu bestellen ihr obliegt. Daß die einschlägigen Bestrebungen nicht erfolglos geblieben sind, beweisen Ziffern. Ungeachtet der oben angedeuteten Schwierigkeiten, zu denen sich noch die vereinsgesetzlichen Nücken und Tücken im Bunde mit Unternehmergewalt gesellen, sind in Deutschland in verhältnißmäßig turzer Zeit 22844 Arbeiterinnen den Zentralverbänden zugeführt worden. Aber freilich: diese nämlichen Zahlen predigen auch eindringlich, wie ungeheuer viel betreffs der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen noch zu thun übrig ist. Wies doch die Gewerbezählung von 1895 den 58 Berufen, für deren Angehörige Zentralisationen bestehen, nicht weniger als 825 796 Arbeiterinnen aus, von denen 1900 erst 2,76 Prozent den Schutz, die Segnungen der Organisation genossen. Die planmäßige Weiterführung, Ausdehnung und Verbesserung des begonnenen Werkes drängt sich mit überzeugender Wucht auf. Zwei Fragen schieben sich damit unseres Erachtens in den Vordergrund der Erwägung. Was kann seitens der Gewerkschaften gethan werden, um breitere Massen der Arbeiterinnen ihren Berufsorganisationen zuzuführen und sie innerhalb derselben zu überzeugten, treuen und rührigen Gewerkschafterinnen zu erziehen? Was tann seitens der Gewerkschaften geschehen, um aus den Reihen der Arbeiterinnen die erforderlichen Kräfte zu gewinnen, welche sich zielklar und ausdauernd vor Allem dem agitatorischen und organisatorischen Wirken unter ihren Schwestern widmen? In der Beantwortung dieser beiden Fragen sollen die folgenden Ausführungen ein Beitrag sein. Nicht etwa, daß dieselben sich anmaßen, Normen aufzustellen. Sie wollen nichts als Anregungen geben, in ber Hoffnung, dadurch weitere praktische Anregungen hervorzurufen zumal auch aus den Kreisen der gewerkschaftlich thätigen Genossinnen und Genossen. Eine lebendige, eingehende Diskussion der aufgerollten Fragen, wie sie in dieser Zeitschrift und in der Gewerkschaftspresse hoffent lich erfolgen wird, kann ihrer Erörterung auf dem Gewerkschaftstongresse ersprießlich vorarbeiten. * ,, Ueber die Betheiligung des weiblichen Geschlechts an der Erwerbsthätigkeit", Hamburg 1899. Wie stellen sich die belgischen Genossinnen zu der schwebenden Streitfrage, die Arbeiterpartei möge in der gegenwärtigen Phase des Kampfes um das allgemeine, gleiche Wahlrecht auf das Eintreten für das Frauenstimmrecht verzichten, ja ihre parlamentarischen Vertreter beauftragen, gegen dasselbe zu stimmen? Und das entgegen ihren Grundsägen, entgegen ihrer seitherigen Haltung, aus Rücksicht auf ein mögliches Rompromiß mit dem schwächlichen, verkommenen bürgerlichen Liberalismus. Bis vor Kurzem hatte es den Anschein, als ob die belgischen Genossinnen selbst einem augenblicklichen Verzicht auf das Frauenstimmrecht das Wort redeten. In der Sigung des Generalraths der Arbeiterpartei vom 6. Oktober 1901 brachte Genossin Vandervelde eine Resolution zur Annahme, welche im Wesentlichen besagte:„ Die Bewegung zu Gunsten des allgemeinen Frauenstimmrechtes bis zum Siege des allgemeinen Männerstimmrechtes zu vertagen."( Gleichheit" Nr. 22 von 1901.) Daß diese Resolution keineswegs die Meinung der organisirten Genossinnen zum Ausdruck gebracht hat, that der Kongreß flärlich dar. Seitens der„ Liga der sozialistischen Frauen von Brüssel" lag ihm der Antrag vor, die betreffende Resolution zu sanktioniren. Ein Gegenantrag von dem Bureau des Kongresses erklärte dagegen in seinem wichtigsten Theile:„ Der Kongreß spricht den Wunsch aus, daß das Gesetz den Frauen ihren legitimen Antheil an der Verwaltung der allgemeinen Interessen zuerfennt. Er beauftragt die Vertreter der belgischen Arbeiterpartei, das Frauenwahlrecht, das unauflöslich mit dem Prinzip der Gleichberechtigung der Geschlechter verknüpft ist, im Parlament mit der gleichen Ausdauer und Energie zu fordern und zu vertheidigen, wie alle übrigen Forderungen des sozialistischen Programms und sobald als möglich( dans le plus prochain delai possible) für dasselbe zu stimmen." Die Verhandlungen zeigten zunächst, daß die in der Sitzung des Generalraths eingebrachte Resolution nicht auf einem Beschluß der " Föderation der belgischen Sozialistinnen" beruhte, vielmehr lediglich aus der Initiative der Genossinnen Gatti de Gamond und Vandervelde entsprungen war. Ja mehr noch, lichtvoll trat hervor, daß sie durchaus nicht der Auffassung der großen Mehrzahl der Genossinnen entsprach, dagegen im Allgemeinen scharf verurtheilt und mit Protest zurückgewiesen wurde. Im Kongreß selbst gelangte dieser Protest zu unzweideutigem Ausdruck, am schärfsten in dem Antrag der Delegirten von Antwerpen, Genossin Vandervelde ein Tadelsvotum zu ertheilen. Zur strittigen Frage selbst platten natürlich die Meinungen im Für und Gegen auseinander. Für die zeitweilige Preisgabe der Forderung des Frauenstimmrechtes traten verschiedene Genossen ein, ebenso die Genossinnen Tillmanns, Vandervelde und Andere noch. Die Letztere forderte die Frauen auf, zunächst regen Gebrauch von dem Rechte zu machen, das ihnen als Mitgliedern der Arbeiterpartei zusteht: nämlich bei Aufstellung durch dem sogenannten„ Poll" der offiziellen Kandidatenliste Agitation und Stimmabgabe mitzuwirken. Die Resolution des Kongreßbureaus wurde dagegen besonders eindringlich von den Genossen Beerblock und Wergifosse befürwortet, sowie von Genossin Paule Gil, den Delegirten der Arbeiterinnen von Grammont, Antwerpen 2c. Genossin Gatti de Gamond suchte zu vermitteln. Klarer noch als die Debatten brachten die Abstimmungen die Auffassung des Kongresses zum Ausdruck. Der Antrag der Brüsseler Liga erhielt nur 6 Stimmen. Einstimmig gelangte darauf der Gegenantrag zur Annahme. Wir wissen uns in Uebereinstimmung mit der übergroßen Mehrzahl der deutschen Genossinnen und mit hervorragenden Führern der deutschen Sozialdemokratie, wenn wir unsere belgischen Schwestern zu ihrer Stellungnahme herzlich beglückwünschen. Ihre Haltung entspricht nicht nur dem Recht des weiblichen Geschlechts, sondern auch vor Allem dem höheren Interesse der sozialistischen Partei. Die Preisgabe einer der wichtigsten grundsätzlichen Forderungen scheint uns prinzipiell nicht gerechtfertigt. Allein in dem vorliegenden Falle wür den wir sie außerdem noch für einen taktischen Fehler halten. Nichts bürgt dafür, daß die belgische Arbeiterpartei das allgemeine gleiche Wahlrecht leichter und sicherer zu erringen vermag, wenn sie das Frauenstimmrecht fallen läßt und ein Kompromiß mit den Liberalen schließt, als wenn sie ihre grundsätzliche und programmatische Forderung aufrecht erhält und in ihrem Kampfe von den Klerikalen flankirt wird. Weder die Vergangenheit noch die Gegenwart des bürgerlichen Liberalismus bietet die geringste Sicherheit dafür. Das bestehende miserable Wahlrecht ist das gemeinsame Werk des Reaktionsgeschwisters Liberalismus und Klerikalismus. Und die Bedingungen, welche die Liberalen an ihre Bundesbrüderschaft für die Sozialisten knüpfen, bezeugen den tiefen Haß, den sie im Grunde gegen das unbeschränkte Wahlrecht hegen. Mit welcher Zuverlässigkeit Liberale wie Klerikale für das allgemeine gleiche Wahlrecht- mit oder ohne Frauenstimmrecht eintreten: das hängt vor Allem ab von dem Drucke der breiten Bevölkerungsmassen und der heilsamen Furcht der bürgerlichen Parteien vor ihnen. Die Geschichte der belgischen Arbeiterbewegung und der seitherige Kampf um das Wahlrecht beweisen aber, daß die Unterstützung von Seiten der Frauen jederzeit mit von ausschlaggebender Bedeutung für die Entfesselung von Massenaktionen, für die Erfolge der Sozialisten gewesen ist. Und es liegt auf der Hand, daß diese Unterstützung um so begeisterter und opferfreudiger gewährt wird, je rückhaltsloser die Arbeiterpartei als vornehmste Vertheidigerin der Frauenrechte auftritt. Dazu noch Eins. Die Preisgabe des Frauenstimmrechtes stärkt, was sie schwächen und stürzen soll: die Herrschaft des Kleritalismus. Bekanntlich findet das Frauenstimmrecht immer entschiedenere Anwälte auf Seiten der Kleritalen. Diese müßten mehr als gottverlassen dumm sein, wenn sie das zeitweilige Zurück der Arbeiterpartei der Forderung gegenüber nicht ihrerseits durch ein Vorwärts taktisch ausnützen würden. Lassen die Sozialisten aus Rücksicht auf die Aengste des kurzsichtigen Liberalismus die Forde rung des Frauenstimmrechts fallen, so ermöglichen sie damit den Kleritalen, in dem billigen Mummenschanz von Vorkämpfern der Frauenrechte vorzutanzen. Sie befestigen damit den pfäffischen Einfluß auf die Frauen in dem gleichen Maße, als sie ihren eigenen untergraben. Kein„ Prinzip" von der„ Schweigepflicht der Frauen in der Gemeinde" wird die Klerikalen auf die Dauer an der entsprechenden Evolution hindern. Ihr oberstes Prinzip ist, unter allen Umständen ihre Herrschaft, die Herrschaft der Kirche zu sichern; ohne Frauenstimmrecht, solange es möglich ist, mit Frauenstimmrecht, wenn es nicht anders sein kann. Unser Brüsseler Bundesorgan„ Le Peuple" hat unter Hinweis auf die Worte sobald als möglich" zutreffend erklärt, daß die Resolution des Kongresses fein Ultimatum an die Partei darstellt. In Verbindung mit den Debatten bedeutet sie jedoch unseres Erachtens eine unzweideutige Mahnung, die Partei möge die grundsägliche Forderung nicht vollständig bei Seite schieben. Hätte der Kongreß diese Mahnung nicht bezweckt, so würde er für die Resolution Vandervelde gestimmt haben. Hoffen wir, daß der nächste Parteitag der belgischen Sozialisten, der zu Ostern stattfindet, eine Entscheidung trifft, welche den Erwartungen der Genossinnen entspricht. Was die übrigen Arbeiten des Kongresses betrifft, so seien kurz die wichtigsten Anregungen und Beschlüsse wiedergegeben. Als Mittel der Frauenagitation und Organisation wurden empfohlen: die Gründung von Frauenfektionen in den Gewerkschaften, Unterstützungsorganisationen, Reise- und Vergnügungsklubs; die Verbreitung der sozialistischen Presse; die Organisation von Abendbildungskursen; die Veranstaltung von Versammlungen in allen Landestheilen; die Errichtung von Produktivgenossenschaften der Arbeiterinnen bestimmter Industrien 2c. Der Kongreß beschloß die Herausgabe eines offiziellen Organs der Föderation", das in französischer Sprache erscheinen soll. Der gewerkschaftlichen Organisirung der Arbeiterinnen soll träftige Förderung zu Theil werden. Ueber praktische Mittel dazu hat sich der Kongreß leider nicht verbreitet. Die Verwendung von Frauen bei der öffentlichen Armenpflege und in Wohlthätigkeitsanstalten wurde warm befürwortet. Eindringlichst riefen mehrere Delegirte die Frauen zur Mitwirkung in dem Kampfe gegen den Militarismus auf, einer Mitwirkung, die bereits bei der Erziehung des Kindes beginnen muß. Ebenso wurde den Genossinnen die Pflicht eingeschärft, die Antialkohol- Bewegung zu fördern. Zur Annahme gelangte ein Antrag, laut dessen die sozialistischen Lokale künftighin keinen Alkohol mehr feilhalten sollen. Ueberzeugende Befürwortung fand der obligatorische Schulunterricht für beide Geschlechter, sowie die Errichtung von Schulkantinen. Wir werden gelegentlich auf Einzelheiten aus den Berichten und Verhandlungen des Kongresses zurückkommen, der ernste und gute Arbeit geleistet hat. 51 Lohn- und Arbeitsbedingungen der Knopf- und Perlenarbeiterinnen in Freiburg i. Br. In der Fabrik der Firma Riefler& Co. in Freiburg i. Br. sind außer einer Anzahl Männer etwa 400 Frauen und Mädchen beschäftigt, die zu überaus traurigen Bedingungen arbeiten müssen. Zum Theil ist die Arbeit eine sehr anstrengende und dabei doch schlecht gelohnte, zum Theil ist sie leicht, die Bezahlung dafür aber um so erbärmlicher. Die Arbeitszeit ist eine elfstündige, für jugendliche Arbeiter eine zehnstündige. Der Lohn, wenn Tagelohn, beträgt 1 Mt. 20 Pf. bis 1 Mt. 40 Pf. pro Tag. Bei Akkordarbeit bringen es die Arbeiterinnen aus 1 Mt. 50 Pf. bis 1 Mt. 80 Pf., im Höchstfalle auf 2 Mt. 4 Pf. So steht es mit dem Verdienst der Arbeiterinnen, die direkt bei der Fabrikation der Knöpfe( Porzellanknöpfe) und Glasperlen beschäftigt sind und zwar beim Formen derselben. Die Herrichtung der dazu nöthigen Masse besorgen Männer. Auch beim Formen sind Männer mitbeschäftigt. Die meisten der beim Formen thätigen weiblichen Arbeitskräfte sind Mädchen. Auf einem Schemel stehend halten sie das in horizontaler Richtung sich bewegende Schwungrad, das die Presse treibt, in Bewegung und setzen ihm den nöthigen Druck auf, damit die Form der Knöpfe oder Perlen glatt herauskommt. Es ist das eine sehr anstrengende, schwere, ermüdende Arbeit. Schon das anhaltende Stehen elf Stunden lang, dann die Aufwendung der ganzen Körperkraft, um das schwere Schwungrad in schnelle Bewegung zu setzen und in ihr zu erhalten! Des Abends, namentlich in der ersten Zeit der Thätigfeit, ist den Arbeiterinnen der Körper wie zerschlagen, und nur mit Mühe sind sie im Stande, den Weg nach Hause zurückzulegen. Geschwollene Füße, Auftreten von Krampfadern, Rückenschmerzen, Appetitlosigkeit in Folge Ueberanstrengung sind die sich zeigenden Uebel. Wir sind überzeugt, daß auch dauernde Schädigungen der Gesundheit zu verzeichnen sind, um so mehr, da die geringe Entlohnung eine mangelhafte Ernährung bedingt. Jedoch sind die Arbeiterinnen so verschüchtert, und geben sich in den meisten Fällen, wo Gesundheitsstörungen eintreten, so wenig klar Rechenschaft darüber, woraus dieselben resultiren, daß diesbezüglich keine zuverlässige Antwort von ihnen zu erhalten war. Leichter ist die Arbeit des Knöpfeaufnähens und des Perlenaufziehens. Aber durch die überaus jammervolle Entlohnung werden die hierbei beschäftigten Arbeiterinnen zum intensivsten Schaffen aufgepeitscht, was ebenfalls einen unverhältnißmäßig hohen Verzehr von Nervenkraft bewirkt. Mit fieberhafter Eile handhaben die Aufnäherinnen unausgesetzt ihre Nadel, und doch wandern sie am Lohntage mit einem fargen Verdienst heim. Es werden ja für ein Dutzend Karten zu benähen jede Karte enthält 170 Knöpfe, das 20 bis 24 Pf. gezahlt, 1000 Perlen aufDutzend also 2040 Stück zuziehen lohnt 4 Pf. Da kann man ermessen, wie viel Fleiß und Geschicklichkeit dazu gehört, um einen halbwegs annehmbaren Wochenverdienst zu erschwingen. Durch Strafen kann der schmale Verdienst noch gekürzt werden; so wurde in jüngster Zeit durch Anschlag bekannt gegeben, daß Zuspätkommen mit 50 Pf. bestraft wird, im Wiederholungsfall höher. Es fehlt in diesem Betrieb jede Spur einer Organisation, sowohl bei Männern wie bei Frauen. Da die dort Beschäftigten aber durchweg Einheimische sind, wird ein kräftiger Vorstoß, hier einzudringen, gewiß nicht erfolglos sein. Auf meinen Vorschlag waren zu einer Versammlung, in der ich sprach, Laufzettel vor den einzelnen Fabriken, so auch vor der betreffenden Knopffabrik, vertheilt worden. Von der Arbeiterschaft derselben waren doch etwa ein Duhend Frauen und Mädchen in der Versammlung erschienen, wie viel Männer, das war nicht festzustellen. Mit dem Resultat fann man ganz zufrieden sein, wenn man bedenkt, daß noch niemals bisher ein direkter Ruf an die Betreffenden ergangen war. Unsere in Freiburg gewählte Vertrauensperson wird besonders auch auf diesen Betrieb ihr Augenmerk zu richten haben, um allmälig aus den daselbst beschäftigten armen gequälten Lohnsklavinnen zielklare Mitkämpferinnen zu erziehen. Louise Ziez. Der Raummangel zwingt uns leider, den zweiten Artikel über „ Frauenstimmrecht“ für nächste Nummer zurückzustellen. D. Red. d. ,, Gleichheit". Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Februar fanden in allen Stadttheilen Hamburgs sechs Frauenversammlungen statt, die alle gut, zum Theile glänzend besucht waren. Genoffin Zieh referirte über „ Siechthum und Sterblichkeit der Kinder in Arbeiter= kreisen und was tönnen wir dagegen thun?" Das Thema hat nicht nur durch den Initiativantrag unserer Fraktion an Aktualität gewonnen, sondern auch dadurch, daß sich jüngst der Bundesrath, auf Grund der vom Reichsamt des Innern gemachten Erhebungen über den Umfang der Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kinder, mit einem sogenannten Kinderschußentwurf" beschäftigte. Gerade dem Regierungsentwurf gegenüber, der, soweit er bekannt geworden, kaum den Namen eines Kinderschutzgesetzes" verdient, galt es unsere Stellung zu präzisiren, laut und nachdrücklichst die dringendsten Reformen zu heischen. In allen Versammlungen brachten unsere Genossinnen den Ausführungen ein lebhaftes Interesse entgegen, sowohl demjenigen Theile, der eine Kritik der bestehenden Verhältnisse, der Ursachen der traurigen Erscheinungen des Siechthums und der Kindersterblichkeit enthielt, als nicht minder dem Theile, der nachdrücklichst die nothwendigen Reformen forderte. In allen Versammlungen fand die in Nr. 3 der„ Gleichheit" veröffentlichte Resolution einstimmige Annahme. Es wurden außerdem eine stattliche Anzahl weiblicher Mitglieder den sozialdemokratischen Vereinen zugeführt, sowie circa 200 Abonnenten der„ Gleichheit" gewonnen, so daß wir deren insgesammt jetzt fast ein halbes Tausend zu verzeichnen haben. Am 19. Februar fand auch in Altona eine gutbesuchte Frauenversammlung mit demselben Thema und Genossin Ziet als Referentin statt. Auch hier wurden einige Abonnenten für die„ Gleichheit" gewonnen. L. Z. Eine sehr gut besuchte Frauenversammlung tagte Mitte Februar in Blankenese. Genossin Zieß referirte über:" Die Frau nicht Haussklavin, sondern Kampfesgenossin." Zur planmäßigen Agitation unter dem weiblichen Proletariat wurden die Genossinnen Schröder und Deutsch als Vertrauenspersonen gewählt. 30 Genossinnen meldeten sich zum Abonnement auf die„ Gleichheit". L. Z. 3wei gut besuchte Volksversammlungen fanden im Februar im Hamburger Landgebiet, in Seefeld und in Howe, statt. Genosfin Zietz sprach über das Thema:" 3ur politischen Lage." Auch hier waren erfreulicher Weise die Frauen, namentlich in der letzten Versammlung, stark vertreten. In Howe gehören sogar schon einige Frauen der politischen Organisation an. Es geht eben überall vorwärts. Eine sehr stark besuchte Volksversammlung, in der die Frauen und Mädchen ein hohes Kontingent der Versammlungsbesucher stellten, tagte am 15. Februar in Woltmershausen bei Bremen.„ Die politische Lage" bildete auch hier das Thema, über das Genossin Zieh unter dem Beifall der Versammelten referirte. Da ein Theil der weiblichen Besucher als Wäscherinnen und Plätterinnen in der Dampfwäscherei des Ortes beschäftigt sind, wies die Referentin in ihrem Schlußwort auf die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation für diese Arbeiterinnen hin. Sie erzielte damit, daß sich nach Frau Rath Goethe. Don Manfred Wittich. ( Fortsetzung.) Am 20. August 1748 fand die Trauung des kaiserlichen Rathes und Doktors beider Rechte, Johann Kaspar Goethe, mit der Jungfrau Katharine Elisabeth Tertor, Tochter des Stadtschultheißen und Kaiserlichen Rathes statt. Die junge Frau war 17, der Herr Nath, geboren 1710, demnach damals 38 und somit 17 Jahre älter, auch im Charakter und Temperament wesentlich anders geartet, als sein junges Weibchen. Vor Allem scheint der aus dem Handwerkerstand hervorgegangene tüchtige Mann- sein Vater war ein Schneider, später wohl habender Gastwirth zum Weidenhof in Frankfurt starken Bürgerstolz und Bürgertroz besessen zu haben. Das landläufige Bild, welches man sich von dem alten Herrn Rath Goethe gemacht hat, war bis vor gar nicht so langer Zeit nicht sehr schmeichelhaft; er erschien als ein recht trockener, steifleinener Pedant, der im Gegensatz zu seiner fast zwanzig Jahre jüngeren, so ganz anders genaturten" Frau in den Goethebiographien eine ziemlich schlechte Figur macht. Eine deutsche Frau, Felicie Ewart, hat sich in einer Sonderschrift des alten Herrn warmherzig angenommen und mit Recht besonders hervorgehoben, daß wir im Dichter Goethe die glückliche Mischung der väterlichen und mütterlichen Elemente vor uns haben; besonders treffend ist von ihr auf den segensreichen pädagogischen Einfluß des Vaters hingewiesen worden. Aus leidenschaftlicher Liebe war das Ehebündniß unserer Heldin mit dem Herrn Rath nicht geschlossen worden, aber jedenfalls zollte die junge Frau dem inallewege ehrenwerthen und tüchtigen Gatten 52 Schluß der Versammlung beim Privatgespräch circa 20 Arbeiterinnen in den Verband aufnehmen ließen. Genossin Bode- Bremen, die anwesend war und vorzüglich zur Diskussion gesprochen hatte, versprach, in Gemeinschaft mit unseren dortigen Genossen den weiteren Ausbau der jungen Organisation sich angelegen sein zu lassen. Anfang März fand in Uetersen eine sehr gut besuchte Volksversammlung statt, in der auch eine stattliche Anzahl weiblicher Besucher erschienen waren. Unter lebhafter Zustimmung der Versammelten referirte Genossin Zieh über" Brotwucher und Krisis". Eine hübsche Anzahl neuer Mitglieder wurden dem sozialdemokratischen Verein zugeführt. L. Z. Um die Agitation unter den Frauen von Magdeburg neu an-, zuregen, berief der Vertrauensmann Mitte Februar zwei öffentliche Frauenversammlungen ein, von denen die eine in Sudenburg, die andere in Neustadt tagte. Genossin Ihrer sprach über" Brotvertheuerung und Arbeitslosigkeit". Beide Versammlungen waren gut und fast ausschließlich von Frauen besucht. Besonders in der Neustadt bekundeten die Frauen ein großes Interesse an dem Vortrag, welches sich auch darin äußerte, daß drei von ihnen lebhaften Antheil an der Diskussion nahmen. Wir dürfen hoffen, daß, gefördert von den Vertrauenspersonen, die Antheilnahme der Frauen an der Arbeiterbewegung in Magdeburg wieder eine rege und kräftige wird, wie sie es in früheren Jahren gewesen, damit endlich auch in dieser großen Industriestadt eine weibliche Vertrauensperson die nöthige Agitationsarbeit weiterführen kann. In Halberstadt hatte unsere dortige Vertrauensperson, Genossin Schulze, eine Volksversammlung nach dem Odeon einberufen, in der Genossin Ihrer ebenfalls über das obengenannte Thema sprach. In der Diskussion hob Dr. Krohn besonders die neueste Auslegung des Vereinsgesetzes durch Minister Hammerstein hervor. Eine Genossin aus Magdeburg forderte die Frauen auf, sich soviel als in ihren Kräften steht an der Agitationsarbeit für die sozialdemokratische Partei zu betheiligen. Die Mahnung, sich dem Bildungsverein der Frauen anzuschließen, hatte guten Erfolg. Es meldeten sich 34 neue Mitglieder zum Beitritt. E. I. In Bremen fand am 12. Februar eine von Genossin Simon einberufene Versammlung statt, in der Genossin Bosse über das Thema sprach:„ Die Entwicklung der Arbeiterinnenbewegung in Deutschland." An den beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich als zweiter Punkt der Tagesordnung: Bericht der Vertrauensperson der Genossinnen und Neuwahl der Vertrauensperson. Als Vertrauensperson wurde einstimmig Genossin Bosse, als Stellvertreterin Genoffin Simon gewählt, die beide bereits im vorigen Jahre diese Aemter bekleidet hatten. hohe Achtung und treue Ergebenheit, indem sie ihn nahm wie er war und wohl auch geschickt und taktvoll zu behandeln wußte, da ihr der offenbar tüchtige Kern in seiner rauhen Schale zur Genüge bekannt war. Am 28. August 1749 gebar sie ihr erstes Kind, unseren großen Johann Wolfgang Goethe, mit und in dem ihrem Leben ein glänzender Stern aufging. Zwei Söhne und drei Töchter folgten, von denen nur einer Tochter ein längeres Leben beschieden war, der schwesterlichen Herzensfreundin unseres Dichters, Kornelia Goethe. Erst mit ihren Kindern entfaltete sich ein reicheres Leben für die Frau Rath, die später den Herangewachsenen im Fühlen und Empfinden näher stand, als dem ernsten, zuweilen bärbeißigen Gemahl. Kornelia stand ihr wesentlich weniger nah am Herzen als Wolfgang; in ihrem Hätschelhans", später dem„ Doktor", schien sie allzeit fast ohne Rest aufzugehen. Man müßte also, da ihr Leben große aufregende Abenteuer nicht aufweist, nun Wolfgangs Leben erzählen und notiren, welchen Eindruck dessen ganzer Entwicklungsgang und Schicksale auf sie machten. Doch ist es mir, schon in Rücksicht auf den beschränkten Raum gar nicht darum zu thun, den Lebenslauf der Frau Rath mit allen einzelnen Daten wie ein Tagebuch vor unseren Leserinnen und Lesern auszuframen, vielmehr nur ihren Charakter in seiner prächtigen, einzigen Eigenart so viel als möglich mit ihren eigenen Worten und in Zeugnissen der Zeitgenossen lebendig zu machen vor den geistigen Augen der Leser. Die Briefe von Goethes Mutter", billig zugängig in der Reclamschen Sammlung( Nr. 2786 bis 88 der Universalbibliothek nach der guten Suphanschen Ausgabe) zeigen uns die herrliche Frau im vollen Glanze ihres Gemüthsreichthums, Humors und 53 In Woltmershausen bei Bremen referirte Genossin Bosse| Erhöhung der Zölle protestirte die dritte Versammlung, und in der am 22. Februar in einer öffentlichen Versammlung der Wäscherinnen und Plätterinnen über„ Zweck und Nutzen der Or= ganisation". Die Ausführungen der Rednerin fanden ungetheilte Zustimmung. Nach dem Vortrag erörterten die Versammelten die Frage der Gründung einer eigenen Zahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes. Vorläufig wurde ein Vertrauensmann gewählt, welcher die Geschäfte der Organisation bis zur nächsten Versammlung be sorgen soll. Dem Verband traten 21 Wäscherinnen und Plätterinnen bei, ein erfreuliches Anzeichen dafür, daß auch diese Arbeiterinnenkategorien zum Bewußtsein ihrer Klassenlage kommen und den Werth der gewerkschaftlichen Organisation erkennen. A. B. In Stralsund fand am 17. Februar eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher Genossin Kiesel- Berlin über„ Die Bildungsbestrebungen der proletarischen Frauen" referirte. Es waren ungefähr 100 Frauen anwesend, die den Vortrag mit vollem Beifall aufnahmen. Für den neu zu gründenden Bildungsverein ließen sich 85 Frauen einzeichnen. Es wurde ein provisorischer Vorstand gewählt, dem die Ausarbeitung der Statuten obliegt. Als Vertrauensperson wurde Genossin Wulff gewählt. In einer zweiten Versammlung, in welcher die Statuten berathen wurden, waren etwa 40 Frauen anwesend, welche ihr Eintrittsgeld und für einen Monat Beitrag entrichteten. Wir hoffen bei der nächsten Versammlung auf einen Zuwachs an Mitgliedern, da viele Frauen nichts von der ersten Mitgliederversammlung gewußt haben wollen. Die Gründung des Vereins ist ein sehr erfreuliches Zeichen, da bisher die Frauen in Stralsund für nichts zu gewinnen waren. Es spricht dafür, daß die Proletarierinnen auch hier die Nothwendigkeit des Zusammenschlusses erkennen. Hoffentlich gelingt es uns auch mit der Zeit, Frauen gewerkschaftlich zu organisiren. Frieda Wulff. In Leipzig fand Ausgang Februar eine öffentliche Frauenversammlung statt, in der Genossin Frenzel Bericht über ihre Thätigteit als Vertrauensperson erstattete. Nach eingehender Diskussion wurde Genoffin Frenzel wieder als Vertrauensperson, Genossin Schmidt als Stellvertreterin gewählt. Jahresbericht der Vertrauensperson der Genoffinnen von Altona. In der Zeit vom 15. Oftober 1900 bis 7. Januar 1902 fanden in Altona vier öffentliche Versammlungen statt, welche der Agitation unter den Frauen dienten. Die erste Versammlung nahm einen Bericht über die Frauenkonferenz zu Mainz entgegen und wählte eine weibliche Vertrauensperson, Genossin Baumann. Mit der Frage des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes beschäftigte sich die zweite und stimmte nach einem Referat von Genossin Ihrer der bekannten Resolution der Genossinnen zu. Gegen die bevorstehende ihrer allrunden" Tüchtigkeit; sie sollten als Lebens- und Haus-| buch in der Hand aller deutschlesenden Frauen sein. " Wie verstand diese Frau so trefflich auch die harten und schweren Seiten des Menschenlebens zu nehmen und siegreich zu bewältigen! Wie wußte sie oft und oft zwischen dem gestrengen pedantischen Herrn Rath und dem genialen Sohn zu schlichten und zu ver= mitteln, Brüche und Falten zu glätten und Alles zum Besten zu richten! Nur eine solche Frau konnte den großen Lebenskünstler" hervorbringen, als welchen wir Goethe, wenn wir ihn genauer kennen lernen, bewundern müssen. " Wie viele herrliche Züge an diesem erkennen wir deutlich als mütterliche Mitgift, wie das ja so oft bei bedeutenden und berühmten Menschen zu bemerken ist. Vielleicht kommt überhaupt viel mehr darauf an, was einer für eine Mutter gehabt hat, als darauf, wie sein Vater war! Mir will's so scheinen; doch überlasse ich gerne diese Frage den Naturforschern, Aerzten und Psychologen, die ja heutzutage das Gras wachsen hören, wenn man ihnen glauben will. Wie für die Ihren, so hatte auch für alle Verwandten und Bekannten, für alle, die sich ihr nahten, die Frau Nath ein treffendes, erleichterndes und erheiterndes Wort. Alle Augen- und Ohrenzeugen, alle, die sie kannten, stimmen in ihren Aussagen über sie vollkommen folgender Selbstcharakteristik zu, die sie selbst in einem ihrer Briefe von sich entwirft. " 3war( im echten alten Sinne von: zu wahr, d. h. fürwahr, wahrhaftig) habe ich die Gnade von Gott, daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von mir gegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechts sie auch gewesen ist. Ich habe die Menschen sehr lieb und das fühlt Alt und Jung, gehe ohne Prätension durch die Welt und dies behagt allen Erdensöhnen und Töchtern bemoletzten hielt Genosse Legien einen interessanten Vortrag über„ Zweites Aufgebot", eine Dichtung, welche die Frauenfrage behandelt. Es erfolgte in ihr des Weiteren die Berichterstattung der Vertrauensperson und deren Neuwahl. Als Vertrauensperson wurde Genossin Baumann wiedergewählt, als Stellvertreterin Genossin Lohse ernannt. Den Gewerkschaften wurden durch die Versammlungen der Genossinnen neue Mitglieder zugeführt. Es versteht sich übrigens, daß die Frauen an allgemeinen öffentlichen politischen und gewerkschaftlichen Versammlungen theilgenommen haben. An freiwilligen Beiträgen vereinnahmte die Vertrauensperson in der Berichtszeit 108 Mt. 39 Pf. Ihre Ausgaben beliefen sich auf 53 Mt. 65 Pf., wovon 36 Mt. 10 Pf. der Kasse der Kreisvertrauensperson zugeführt wurden. Es geht aus dem Mitgetheilten hervor, daß in Altona das Interesse für die proletarische Frauenbewegung unter den Frauen selbst noch recht schwach ist. Dagegen ist die Regsamkeit und der Eifer einer kleinen Anzahl von Genossinnen hocherfreulich. Mit großer Begeisterung und Opferfreudigkeit sind sie am Werke, immer weitere Kreise der proletarischen Frauen wachzurütteln und dem Kampfe für Recht und Freiheit alles Dessen zuzuführen, was Menschenantlig trägt. Hoffentlich wird ihre Ausdauer mit der Zeit durch gute Erfolge beL. B. lohnt. Zweiter Halbjahresbericht der Vertrauensperson der Genoffinnen von Leipzig. Der Agitation unter den breiteren Massen der proletarischen Frauenwelt dienten im letzten Halbjahr vier große Volksversammlungen, von denen zwei von der Vertrauensperson, zwei von der Vorsitzenden des„ Bildungsvereins für die Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse" einberufen wurden. Die zwei erſterwähnten Versammlungen, in denen Genosse Wittich referirte, bezweckten gleichzeitig eine Stellungnahme der Proletarierinnen Leipzigs zu den Plänen der Zollwucherer und gestalteten sich zu äußerst eindrucksvollen Protestkundgebungen gegen den 3olltarifentwurf. Eine einstimmig zur Annahme gelangte Resolution legte entschieden Verwahrung gegen jede Zollerhöhung ein und forderte Abschaffung aller indirekten Steuern und Zölle auf Lebensmittel. In den beiden anderen Versammlungen sprach Genossin Zetkin über„ Berufsarbeit der Frau und Mutterschaft" und " Frauenarbeit und Gewerkschaftsorganisation". Mit dem Erfolg der großen Agitationsversammlungen können die Genossinnen vollauf zufrieden sein. Leider ließ dagegen der Besuch einer Versammlung des Bildungsvereins zu wünschen übrig, zu der die arbeitslosen Frauen und Mädchen besonders eingeladen worden. und die speziell ihrer Aufklärung über die Ursachen ihres Elends dienen sollte. Der unbefriedigende Besuch der Versammlung ist ralisire niemand suche immer die guten Seiten auszuspähen, überlasse die schlimmen dem, der die Menschen schuf, und der es am besten versteht, die scharfen Ecken abzuschleifen, und bei dieser Methode befinde ich mich wohl, glücklich und vergnügt." Das unsäglich Wohlthuende ihres Wesens und ihre Gewalt über die Gemüther aller Derer, die mit ihr in nähere Berührung tamen, kannte sie auch selbst gar wohl. Darum konnte sie dem jungen Fritz von Stein, dem Sohn der langjährigen Herzensfreundin ihres Sohnes, mit gutem Gewissen in einem Einladungsbrief versprechen, daß es ihm, wenn er zu ihr nach Frankfurt komme, an Vergnügen nicht fehlen solle, wenigstens wolle sie Alles zur Freude stimmen. Wie der in seiner Weise treffliche Fabel- und Liederdichter Gellert, durch seinen ungeheuer umfangreichen Briefwechsel noch mehr wie persönlich, der Beichtvater und Berather vieler Menschen in allerlei materiellen und Gewissensanliegen aller Art gewesen ist, so war in ihren Streisen die Frau Nath gar sehr gesucht als Trösterin, Beratherin und Helferin. An die Herzogin Amalia von Weimar schreibt sie einmal über diesen selben Punkt: " Ich kenne so viele Menschen, die gar nicht glücklich sind, die das arme bischen Leben sich blutsauer machen und an allem diesem Unmuth und unmusterhaften Wesen ist das Schicksal nicht im Geringsten schuld. In der Ungenügsamkeit, da steckt der ganze Fehler. Ihre Durchlaucht verzeihen mir diese moralische Brühees ist sonst eben meine Sache nicht, aber seit einiger Zeit bin ich die Vertraute von verschiedenen Menschen geworden, die sich alle für unglücklich halten und ist doch kein wahres Wort daran. Da thut mir denn das Kränken und Martern der armen Seelen leid..." ( Fortsetzung folgt.) übrigens erklärlich. Dieselbe fiel in die Zeit vor Weihnachten, wo manche Industriezweige vorübergehend erhöhten Bedarf an Arbeitskräften haben und aushilfsweise Arbeiterinnen beschäftigen, die andernfalls brotlos wären. Des Weiteren ist es eine alte Erfahrung, daß gerade auch in Zeiten einer furchtbare» wirthschaftlichen Krise die Frauen noch weit eher Beschäftigung finden als die Männer, weil sie billigere und gefügigere Arbeitskräfte sind als diese. So kann man gegenwärtig auch in Leipzig die Wahrnehmung machen, daß zahlreiche Männer wochen-, ja monatelang arbeitslos sind, während ihre Frauen, um den Hunger von der Familie abzuwehren, gezwungen waren, Erwerbsarbeit zu suchen und ohngeachtet der Geschäftsstockung auch solche gefunden haben. Ebenso kam es häufig genug vor, daß der Mann aus der Arbeit entlassen wurde, die Frau aber weiterschaffen konnte.— Die agitatorische Kleinarbeit suchten die Genossinnen nach besten Kräften durch Wort und That zu fördern. Bei dieser Arbeit, wie für Aufrechterhaltung und Festigung des Zusammenhanges zwischen den Genossinnen kommt uns die„Gleichheit" besonders zu statten. Dieselbe wird zur Zeit in Leipzig in circa 300 Exemplaren gelesen. Gegenwärtig ist es die Mitarbeit bei der vorbereitenden Agitation zu den im Herbste stattfindenden Stadtverordnetenwahlen, welche im Vordergrund der Aufgaben unserer Genossinnen steht. Sie wirken in dem Kreise ihrer Verwandten und Freunde darauf hin, daß die Männer das Bürgerrecht erwerben, damit sie ihre Stimme für die Kandidaten der Sozialdemokratie abgeben können. Des Weiteren suchen sie das Interesse der proletarischen Frauenwelt an den kommunalen Angelegenheiten zu wecken. Da das kommunale Leben in einschneidender Weise wichtige Interessen der Hausfrauen, Mütter, Arbeiterinnen berührt, wollen die Genossinnen ihre ganze Kraft für die einschlägige Agitation einsetzen, und sie hoffen, daß auch diese ihre Arbeit keine erfolglose sein wird.— Politisch organisirt sind im 12. und 13. Reichstagswahlkreis ZZtt Frauen. Wiederholten Anregungen der Genossinnen bei den Genossen entsprechend, nehmen seit dem Parteitag zu Mainz zwei Genossinnen an den Berathungen der„Fünfundvierziger-Kommission" theil. Auf gewerkschaftlichem Gebiet haben die Genossinnen die Agitation zur Organisirung der Arbeiterinnen im Allgemeinen gefördert. Besondere Aufmerksamkeit wendeten sie der Lage der Textilarbeiterinnen, der Handlungsgehilfinnen, den Arbeiterinnen in der Blechwaarenfabrikation und denen bei der Weltfirma Mey k. Edlich zu. ihnen allen die Mahnung zurufend:„Organisirt Euch!"— Zwei Genossinnen gehören dem aus acht Mitgliedern bestehenden Frauenausschuß des städtischen Arbeitsnachweises für Arbeiterinnen an, der am 1. Oktober 1901 gegründet wurde. Sie haben reiche Gelegenheit, zu erfahren, wie nothwendig es ist, daß in derartigen Körperschaften Frauen aus der Arbeiterklasse vertreten sind. Es besteht ferner eine Beschwerdekommission von Genossinnen, welche von dem Gewerkschaftskartell beaustragt ist, Beschwerden der Arbeiterinnen entgegenzunehmen, zu prüfen und der Gewerbeinspektion zu übermitteln. Diese Kommission wird noch einen besonderen Bericht über ihre Thätigkeit erstatten.— Die Thätigkeit der Vertrauensperson auf allen Gebieten wird in wirksamer Weise unterstützt und gefördert durch den Bildungsverein und durch einen Kreis von Frauen, die mit Begeisterung und Opferfreudigkeit für unsere Ideale einen gesunden proletarischen Klasseninstinkt und einen klaren Blick für das praktisch Nothwendige besitzen. So dürfen die Leipziger Genossinnen der Zukunft mit der hoffnungsfrohen Ueberzeugung auf eine Wirksamkeit entgegenblicken, welche immer größere Frauenmassen als aufgeklärte Streiterinnen dem großen Befreiungskampf des Proletariats zuführt. Antonie Frenze!, Vertrauensperson. Notizenkheil. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Frauenarbeit in der bayerischen Müllerei. Den eben erschienenen Jahresberichten der bayerischen Fabrik- und Gewerbeinspektion für das Jahr 1901 ist auch ein Anhang beigefügt, in dem die Verhältnisse des Müllergewerbes besonders dargestellt sind. Die Frauenarbeit spielt in der Müllerei noch keine erhebliche Rolle, waren doch in Bayern 189S neben 14046 Männern nur 484 Frauen und Mädchen beschäftigt. So gering diese Zahl auch ist, die durch die Berufsstatistik des genannten Jahres festgestellt wurde, so erscheint sie doch bedeutungsvoll, wenn man sie mit den Zahlen vom Jahre 1882 vergleicht. Damals gab es zwar nur 26 Frauen weniger, aber 2218 Männer mehr, die in der Müllerei beschäftigt waren. Es geht also paralell mit einer überaus starken Abnahme der Männerarbeit eine Zunahme der Frauenarbeit. Das ist an sich unzweifelhaft eine hochinteressante Erscheinung, welche die Entwicklung in diesem Gewerbe beleuchtet. Vielfach sind es weibliche Familienangehörige, die mitarbeiten; zum Theil handelt es sich dabei nicht um eine selbständige Thätigkeit, sondern nur um eine Vertretung des abwesenden oder schlafenden männlichen Arbeiters. So erzählt der Gewerbeinspektor für die Pfalz:„In den Alleinbetrieben wurde einigemal eine Betheiligung der Frau am Mühlenbetriebe, jedoch nur insoweit gefunden, als dieselbe, wenn der Mann nach frischer Aufschüttung auf einem Ausgange oder auf dem Felde beschäftigt ist, sobald das aufgeschüttete Mahlgut zur Neige geht— was durch selbst- lhätiges Läuten einer Glocke bemerkbar wird—, den Betrieb abzustellen, oder frisch aufzuschütten hat. In einer solchen Mühle waren, während der Besitzer und dessen Frau im Felde arbeiteten, ein zwölf- und ein fünfzehnjähriges Töchterchen mit dieser Aufgabe betraut. Es machte dies einen besorgnißerregenden Eindruck, doch zeigten sich diese Kinder überraschend unterrichtet und vorsichtig. In einer Mühle wurde die Dienstmagd beim Zufahren von Kleiensäcken zum Fahrstuhl betroffen, doch soll dies nur ausnahmsweise wegen Erkrankung des Sohnes geschehen sein." Bei der Kleinheit des ländlichen Mühlenbetriebs spielt die Mitarbeit der Familienglieder, vor Allem der Frau, eine sehr große Rolle. So berichtet der Aufsichtsbeamte für Oberfranken, daß in 277 Anlagen der Müller allein den Betrieb besorgt, in 253 Fallen arbeiten Frau und mehr oder minder erwachsene Kinder mit, in 17 Fällen sind Knechte und weibliche Dienstboten an der Arbeit mit betheiligt. Aehnliche Beobachtungen werden auch aus Unterfranken berichtet. Der Aufsichtsbeamte für Schwaben erwähnt eine Fabriksmühle, in der 5 über 16 Jahre alte weibliche Arbeiter beschäftigt wurden, die Mitglieder einer Ordenskongregation waren. Es wäre sehr interessant, über diesen Betrieb und über das Verhältniß des Klosters zu demselben einiges Nähere zu erfahren, weil es uns doch nicht gleichgiltig sein kann, ob Verhältnisse, wie wir sie aus belgischen und französischen Klöstern kennen, sich auch in Deutschland einzubürgern suchen;„Fabrikklöster" wollen wir nicht neben den anderen Ausbeutungsstätten haben. So interessant vielfach die Erhebungen über das Müllergewerbe in Bayern sind, so bieten sie für die Aufhellung der in demselben beschäftigten weiblichen Personen nicht mehr, als wir mitgetheilt haben.-x- Weibliche Fabrikinspektoren. Weibliche Pcrtraucnspcrsone», welche Beschwerden der Arbeiterinnen an die Fabrikinspektion vermitteln, sind von den Gewerkschaften in Württemberg in folgenden 9 Städten aufgestellt worden: Eßlingen. Göppingen, Hall, Heidenheim, Heilbronn, Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Ulm. Leider werden die Vertrauenspersonen von den Arbeiterinnen nicht im Verhältniß zu den Mißständen in Anspruch genommen, unter denen sie leide». Die Unkenntniß der gesetzlichen Schutzvorschriften ist auf Seiten der Arbeiterinnen noch immer sehr groß. Da aber, wo das einschlägige Wissen vorhanden ist, schließt die Furcht vor Bekanntwerden einer Beschwcrdeführung und Maßregelung der Beschwerdeführerin sehr oft den Mund, die über widergesetzliche Arbeitsbedingungen klagen möchte. Die Arbeiterinnen müssen zur Kenntniß der Schutzbestimmungen und zur Ausübung ihres Beschwerderechtes allmälig erzogen werden. Die erfolgreiche Thätigkeit der Assistentin der Gewerbeaufsicht in Baden wird seitens der großherzoglichen Fabrikinspektion in folgenden Ausführungen anerkannt:„Es kann ausgesprochen werden, daß die Genannte(Frl. v. Richthofen) den Erwartungen, die man auf Grund ihres glänzend bestandenen Doktorexamens von ihr hegte, auch in der Praxis vollkommen gerechtfertigt hat. Außer den Betrieben mit ausschließlicher Verwendung von Arbeiterinnen ist ihr noch die Ueberwachung der Zigarrenfabriken und die Besorgung der zahlreichen schriftlichen Arbeiten, insbesondere die auf die Prüfung der Arbeitsordnungen bezüglichen Korrespondenzen und die sich auf die Neugenehmigung von Zigarrenfabriken beziehenden Arbeiten übertragen worden. Die Gesammtzahl der von Fräulein Or. v. Richthofen vorgenommenen Revisionen betrug S57. Bei allen diesen Arbeiten bewies sie ebenso viel Verständniß wie Bestimmtheit und Takt. Ihre Vorträge waren kurz und den Gegenstand erschöpfend. In der letzten Zeit hat sie auch die männlichen Beamten durch ihr verständiges Eingreifen wesentlich unterstützt. Ihre Art zu reden hat, nach Mittheilungen der Arbeiterpresse, sogleich die Arbeiterinnen gewonnen. Die großherzogliche Fabrikinspektion schließt sich diesem Urtheil der genannten Presse vollkommen an." Den Zopfträgern und Arbeitertrutzfreunden wird dieses Lob sehr unerfreulich klingen. Die Frage der weiblichen Fabrikinspektoren vor dem säch= sischen Landtag. Das sächsische Dreiklassenparlament beschäftigte sich kürzlich mit der Frage der Gewerbeaufsicht durch Frauen. Der Abgeordnete Dr. Vogel führte aus, daß die Thätigkeit der weiblichen Fabrikinspektoren in Sachsen eine ungünstige Beurtheilung erfahren habe, während sie in anderen Ländern, zumal in Baden, größte Anerkennung gefunden. Dauernd ungünstige Erfahrungen würden die Frage aufdrängen, ob die in Sachsen angestellten Damen ihrer Aufgabe gewachsen wären und die nöthige Kenntniß von den gewerblichen Verhältnissen hätten. Der Abgeordnete Preibisch wies darauf hin, daß im Etat nur 2000 Mark für die Heranziehung von Frauen zur Fabrikinspektion eingestellt seien. Mit dieser Summe tönne man nicht viel ausrichten. Wenn die Einrichtung sich bewähre, so solle man einen größeren Betrag dafür auswerfen. Staatsminister v. Metzsch erklärte darauf, mit der Anstellung der weiblichen Fabrikinspektoren sei lediglich ein Versuch gemacht worden. Trotzdem über die Thätig feit der verwendeten fünf Assistentinnen bereits Berichte vorliegen, könne noch kein abschließendes Urtheil über den Nutzen der neuen Einrichtung abgegeben werden. In der Hauptsache seien zufriedenstellende Resultate erzielt worden, obgleich auf anderer Seite noch manches zu wünschen übrig geblieben. Die Regierung traue sich noch nicht, ein endgiltiges Urtheil über die Institution zu fällen. Der Abgeordnete Preibisch habe vollständig recht, daß 2000 Mark eine zu geringe Aufwendung für die weibliche Gewerbeaufsicht seien. Da man aber damit noch experimentire, so habe die Regierung nicht ge= glaubt, eine höhere Summe in das Budget einstellen zu dürfen. Die Abgeordneten Dr. Vogel und Preibisch stehen zweifelsohne der Gewerbeaufsicht durch Frauen sympathisch gegenüber. Es eignete ihnen der gute Wille, für die Neuerung einzutreten. Aber siehe da! Ihr Wissen hatte ein großes Loch! Sie wußten offenbar nichts von den geradezu einzigartigen Bedingungen, unter denen die Regierung„ versuchsweise" Frauen zur Mitwirkung bei der Gewerbeaufsicht herangezogen hat. Ihre Worte enthüllen nicht einmal eine Ahnung davon, daß in Sachsen überhaupt keine Assistentinnen der Fabrikinspektion amtiren, daß vielmehr bloße Vertrauenspersonen" ernannt wurden, die wohl der Kreishauptmannschaft, aber nicht den Fabrikinspektoren unterstellt sind. Kein noch so schwächlicher Hinweis darauf, daß den ,, amtlichen Vertrauenspersonen" jede Machtbefugniß fehlt, keine bestimmte Pflichtleistung vorgeschrieben ist, daß sie nicht einmal berechtigt und verflichtet sind, die der Gewerbeaufsicht unterstellten Betriebe zu revidiren! Kurz, unverbindliche, allgemeine, bedauernde Redensarten an Stelle der nöthigen einschneidenden Kritik an der Spottgeburt einer Reform, welche die sächsische Reaktionsregierung gezeugt hat. Der Minister konnte sich in der Folge mit einem inhaltlosen Hin und Hergerede von guten Erfahrungen einerseits, übriggebliebenen Wünschen andererseits an der schreienden Unzulänglichfeit der geschaffenen Neuerung herumdrücken. Die Umstände, unter denen in Sachsen Frauen zur Gewerbeaufsicht herangezogen werden, sind bekanntlich eine Karikatur auf die weibliche Gewerbeinspektion. So waren auch die Verhandlungen über die Frage eine Karikatur auf eine ernſte, sachgemäße Erörterung der wichtigen Materie. Nur logisch dies im sächsischen Dreiklassenwahlparlament, das eine Karitatur auf eine Voltsvertretung ist. Das sächsische Reaktionsgeschwister hat„ Stilgefühl", es hält darauf, daß alles„ stilvoll" reaktionär bleibt. Die Austellung eines weiblichen Hilfsfabrikiuspektors für Finland hat der Senat dieses Landes beschlossen, der Industrieverwaltung zu empfehlen. " Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Der 6. Kongreß der Textilarbeiter und Arbeiterinnen findet am 31. März und 1. April in Kassel im Anschluß an die Generalversammlung des Verbandes aller in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt. Als vorläufige Tagesordnung des Kongresses ist festgesetzt: 1. Bericht des Vertrauensmannes; 2. Stellungnahme, bezw. Wahl von Delegirten zum Gewerkschaftskongreß und zum internationalen Textilarbeiter tongreß; 3. die Zehnstundenbewegung. Die zweite Generalversammlung des Verbandes der Buchdruckereihilfsarbeiter und Arbeiterinnen wird vom 28. bis 30. März in Berlin tagen. In der Hauptsache liegen ihr Fragen vor, die sich auf den Ausbau und die bessere Organisation des Verbandes beziehen. Um das Interesse der Arbeiterinnen der Handschuhindustrie an der Gewerkschaftsorganisation zu heben, hat der Handschuhmacher", das Verbandsorgan, eine Neuerung eingeführt. Ein bestimmter Raum des Blattes soll nach Möglichkeit für Artikel 2c. verwendet werden, welche Fragen behandeln, die für die Arbeiterinnen besonders wichtig oder interessant sind. Bravo! 55 Ueber den Stand der gewerkschaftlichen Organisation der belgischen Industriearbeiterinnen liegen die folgenden Angaben vor, welche wir dem Bericht entnehmen, den Genossin Tillmanns dem letzten„ Kongreß der sozialistischen Frauen Belgiens" erstattete. Die belgische Industrie beschäftigt auf 822976 Personen überhaupt 193039 weibliche Arbeitskräfte. Es gehören 9,21 Prozent der Arbeiter, aber nur 1,7 Prozent der Arbeiterinnen gewerkschaftlichen Organisationen an. In den einzelnen Industriezweigen und Industriezentren ist der Prozentsatz der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen ein sehr verschiedener. Im Allgemeinen weisen die stärkste Betheiligung der Arbeiterinnen an den Gewerkschaften solche Industriezweige auf, wo Männer und Frauen zusammenarbeiten und die Organisationen männliche und weibliche Mitglieder umschließen. In Gent sind die Arbeiterinnen am besten gewerkschaftlich organisirt. Die Gewerkschaft der Arbeiter und Arbeiterinnen der Leinenindustrie" zählt 1600 weibliche Mitglieder, das heißt 28,7 Prozent der Genter Flachsspinnerinnen. Der„ Gewerkschaft der Baumwollspinner und -Weber" gehören 100, gleich 43,6 Prozent Baumwollspinnerinnen an und 800 Baumwollweberinnen, das sind 35,9 Prozent. Die „ Gewerkschaft der Schneiderinnen und Näherinnen", die nur Frauen aufnimmt, umfaßt dagegen mit 106 Mitgliedern nur 5 Prozent der circa 2000 Arbeiterinnen des Schneidergewerbes in Gent. In Alost sind rund 25 Prozent der Baumwollspinnerinnen und -Weberinnen gewerkschaftlich organisirt. Die Zündhölzchen-, Zigarren und Zigarettenarbeiterinnen von Gramont haben sich in einer Gewerkschaftsorganisation zusammengeschlossen, der 150 Mitglieder, das ist 16,8 Prozent der betreffenden Arbeiterinnen angehören. In Verviers haben die Arbeiterinnen der Wollkämmereien drei Nur- Frauen- Gewerkschaften gegründet, von denen jede etwa 100 Mitglieder zählt. In Brüssel ist im Allgemeinen die Zahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen noch gering. Die drei Gewerkschaften der Arbeiter und Arbeiterinnen der Bekleidungsindustrie, der Handels angestellten und Buchdruckereihilfsarbeiter zählen etliche weibliche Mitglieder. Die Gewerkschaft der Buchbinder gründete eine besondere Sektion für die Arbeiterinnen des Gewerbes, der ungefähr 90 Mitglieder angehören. Das Gleiche that die Gewerkschaft der Arbeiter der Schuhindustrie, deren Arbeiterinnen- Sektion ebenfalls gegen 90 Mitglieder zählt. Obgleich diese Sektion numerisch schwach ist und auch noch nicht seit lange existirt, hat sie für ihre Mitglieder doch bereits bemerkenswerthe Grfolge errungen. Sie setzte in mehreren Fällen Lohnerhöhungen durch, bewirkte die Zurücknahme einer Entlassung und schlichtete Konflikte zwischen Arbeiterinnen und Unternehmern. Dem Vorstand der Schuharbeitergewerkschaft sind laut Beschluß dieser Organisation vier Vertreterinnen der Sozialistischen Frauenliga von Brüssel beigeordnet. Genofsin Tillmanns hebt in ihrem Bericht hervor, daß die erfreulich große Zahl weiblicher Mitglieder der Gewerkschaften in Gent in erster Linie das Verdienst der gewerkschaftlich organisirten Arbeiter ist. Seit Jahren betreiben sie unter ihren Berufsgenossinnen eine rege Agitation. So vertheilen sie unter Anderem vor den Thoren der Fabriken und Werkstätten kurze Flugblätter, welche an der Hand von Thatsachen die Mißstände schildern, unter denen die betreffenden Arbeiterinnen und Arbeiter leiden, und welche auf die Gewerkschaft als die naturgemäße Schützerin und Vertheidigerin der proletarischen Berufsinteressen hinweisen. Auch die Gewerkschaft der Genter Schneiderinnen und Näherinnen ist unter Opfern von Genossen gegründet worden, die ihr noch heute fördernd zur Seite stehen. Die Gewerkschaft gründete ihrerseits eine Produktivgenossenschaft, in welcher arbeitslose Näherinnen Beschäftigung finden; sie errichtete ferner eine Fachschule, in der gegenwärtig 93 Schülerinnen gegen einen Betrag von wöchentlich 10 Cents( 8 Pf.) ausgebildet werden. Alle Gewerkschaften gewähren ihren kranken und arbeitslosen Mitgliedern Unterstüßung, ein Umstand, der von den Arbeiterinnen sehr angenehm empfunden wird. Der Bericht betont, daß auch in Belgien die Agitation für die gewerkschaftliche Organisirung der Arbeiterinnen mit viel Hindernissen zu kämpfen hat. Von materiellen Bedingungen abgesehen, wird sie erschwert durch die Unwissenheit und das Vorurtheil der Frauen und durch die Gleichgiltigkeit und das Mißtrauen mancher Arbeiter. Gedenkt man der Schwierigkeiten, welche der Einbeziehung der Frauen in die Gewerkschaften entgegenstehen, so sind die Erfolge um so anerkennenswerther, welche in dieser Hinsicht in Belgien zu verzeichnen sind. Die Förderung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen durch die Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine soll künftighin eine kräftigere sein als seither. Beschlossen wurde seitens des Zentralraths eine große Agitation zur Gewinnung der in Gewerbe, Industrie, Hausindustrie und Handel beschäftigten Frauen und Mädchen für ihre Organisation. Es sollen Flugblätter verbreitet und Versammlungen veranstaltet werden, deren erste am 10. März in Berlin stattgefunden hat. Der Zentralrath forderte die Ortsvereine dringend auf, sich der Organisation der Arbeiterinnen anzunehmen. Im Verbandsorgan sagt vr. Hirsch, das Haupt der Harmonieapostel: „Jeder wahre Gewerkvereinler wird diesen Weckruf als höchst zeitgemäß und nothwendig begrüßen und sich mit Herz und Hand der neuen Bewegung anschließen. Gilt es doch die endliche Durchführung des alten Gewerkvereinsgedankens, die Segnungen der Organisation auch unseren Arbeitsschwestern zugänglich zu machen, sie zur Mitarbeit und damit zur namhaften Verstärkung unserer großen und guten Sache heranzuziehen." Es hat fürwahr recht langer Zeit bedurft, ehe der Zentralrath der Hirsch-Dunckerschen sich zur„endlichen Durchführung des alten Gewerkvereinsgedankens" entschlossen hat. Kein Zweifel: die kräftige Entwicklung der freien Gewerkschaften, ihre ernsten Bemühungen, die Arbeiterinnen ihrer klassenbewußten Berufsorganisation zuzuführen, haben im Bunde mit dem fortschreitenden Verfall der Gewerkvereine ganz wesentlich das Verständniß für die„endliche" Verwirklichung des„alten Gedankens" erweckt. Lange Jahre haben sich die Gewerkvereine um die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen überhaupt nicht gekümmert. Dann kam die Zeit, wo sie derselben in der Theorie ein Kompliment machten, in der Praxis aber herzlich wenig für sie thaten. Nun aber werden die Arbeiterinnen gesucht, um die Lücken zu füllen, welche das wachsende Klassenbewußtsein in die Reihen der Hirsch-Dunckerschen reißt; nun aber sind die Arbeiterinnen gut genug, um die„namhafte Verstärkung" zu bringen, die aus den Kreisen der Arbeiter nicht mehr zusammengetrommelt werden kann. So unabweisbares Bedürfniß die gewerkschaftliche Or- ganisirung der Arbeiterinnen ist, so dringend nöthig erweist es sich, daß diese Organisirung auf der richtigen Grundlage erfolgt: auf der Grundlage des proletarischen Klassenkampfes, auf der die freien Gewerkschaften stehen, und nicht auf jener der kindischen Harmonieduselei. Sozialistische Frauenbewegung im Auslande. Eine Demonstration der Wiener Genossinnen gegen den Militarismus hat kürzlich stattgefunden. Den äußeren Anlaß dazu boten die schrecklichen Vorgänge in Trieft. Es wurden drei gleichzeitig tagende Versammlungen einberufen, in denen Genossinnen refe- rirten. Im Anschluß an die Vorträge, welche stürmischen Beifall fanden, gelangte in allen Versammlungen einstimmig eine Resolution zur Annahme, welche betont, daß das stehende Heer eine Gefahr für die Volksrechte ist, und welche seine Abschaffung und Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung fordert. Vereinsrecht der Frauen. Die Petitionen für eine Reform des Vereins- und Versammlungsrechtes, welche die„Gesellschaft für soziale Reform" und eine sehr große Anzahl frauenrechtlerischer Organisationen beim Reichstag eingereicht haben, standen neuerlich vor der Petitionskommission des Parlaments zur Verhandlung. Die Erörterung darüber war eine sehr eingehende, führte aber nicht einmal zur Berücksichtigung des bekannten schwächlichen Antrags der schwächlichen bürgerlichen Sozialreformler, den Frauen das Recht der Betheiligung an Vereinen zu verleihen, welche sozialpolitische Bestrebungen verfolgen. Wir verzeichnen diese Thatsache als charakteristisch für den reaktionären Geist, welcher die Mehrheit der Kommissionsmitglieder beseelt, weinen ihr aber keine Thräne nach, die der sozialreformlerische Wechselbalg des Antrags wirklich nicht verdienen würde. Für ein reichsgesetzliches, unbeschränktes, gleiches Vereins- und Versammlungsrecht für beide Geschlechter auf allen Gebieten— auch auf dem der Politik— trat der Berichterstatter, der Freisinnige Müller-Mei- n in gen, nachdrücklich ein. Eingehend begründete er seinen Antrag, den vorjährigen Beschluß der Petitionskommission(Nr. 2 der„Gleichheit 1902) aufzuheben und die Petitionen der Frauenvereine dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Sein Standpunkt wurde von den Vertretern der Mehrheit bekämpft. Diese machten geltend, man müsse die Bestrebungen der Frauen„zurückdämmend" behandeln. Die Kommission beschloß dieser Einsicht und Gerechtigkeit„zurückdämmenden" Auffassung entsprechend, den vorjährigen Beschluß aufrecht zu erhalten. Am 27. Februar sollte der Reichstag im Plenum über Petitionen verhandeln, welche ein einheitliches Vereinsund Versammlungsrecht für das Deutsche Reich fordern. Auf Antrag eines Zentrümlers wurde jedoch die Berathung von der Tagesordnung der sehr schlecht besuchten Sitzung abgesetzt. Für gleiches Vereins- und Versammlungsrecht für Alle in Preußen trat der freisinnige Abgeordnete Dr. Wiemer im preußischen Landtag ein. Anlaß dazu bot ihm die in Berlin seitens der Polizeibehörden geübte zweierlei Praxis gegenüber der Versammlung des Bundes der Landwirthe und der Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins des dritten Reichstagswahlkreises Verantwortlich silr die Redallton � Fr. Klara Lettin iZundelt in Stuttgart (siehe Nr. 6 der„Gleichheit"). Or. Wiemer sagte u. A.: Der Herr Minister des Innern hat, als von der Versammlung im Zirkus Busch und der Zulassung der Frauen zu dieser Versammlung die Rede war, der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Frauen auch an politischen Vereinsversammlungen theilnehmen dürften, wenn sie sich nicht an den Verhandlungen betheiligen und gesonderte Plätze einnehmen. Ich halte diese Interpretation des Vereinsgesetzes für einen Fortschritt, würde aber wünschen, daß sie gleichmäßig allen Parteien zu Gute komme. Nun haben wir in der vorigen Woche die Probe auf das Exempel gehabt. Hier in Berlin hat eine Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins des dritten Reichstagswahlkreises stattgefunden. Frauen haben an der Versammlung theilgenommen; die Voraussetzungen, die der Herr Minister aufgestellt hatte, sind erfüllt worden. Gleichwohl hat der überwachende Polizeibeamte die Entfernung der Frauen aus dieser Versammlung verlangt. Und ohne Zweifel wird auch in anderen Versammlungen, wo Gendarmen die Ueberwachung haben, ähnliches sich ereignen. Nun sind wir der Ansicht, daß eine derartige unterschiedliche Behandlung je nach der Stellung der politischen Parteien unter keinen Umständen Platz greifen darf. Der Herr Minister des Innern wird sich der Verpflichtung nicht entziehen können, auf die einheitliche Ausführung der Interpretation, die er hier gegeben hat, zu dringen. Die Beamten, die Staatsorgane müssen sich bewußt sein, daß alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind, und daß alle politischen Parteien mit dem gleichen Maßstab gemessen werden sollen, und diese Meinung muß gegebenenfalls den Beamten durch eine einheitliche Instruktion von Oben her beigebracht werden." Bekanntlich antwortete der preußische Minister auf diese unzweideutige Forderung einheitlichen Rechtes mit der„Richtigstellung" seiner früheren Erklärung, das heißt mit der Proklamation der Polizeiwillkür an Stelle der Anerkennung des Rechtes. Wir haben diese famose„Richtigstellung" bereits in der letzten Nummer unserer Zeitschrift mitgetheilt und gewürdigt. Als juristische Kronzeugin für das formale Recht der Polizei, bei Praxis des Vereinsgeselzes mit zweierlei Mast messen zu können, ist die„radikale" Frauenrechtlerin Frl. Augs- purg im„Tag" aufgetreten. Ihrer Ansicht nach steht es in dem Ermessen der Polizei, ganz nach Belieben von dem Rechte der Ausweisung der Frauen aus politischen Vereinsversammlungen Gebrauch zu machen, ohne damit die Pflicht gleichmäßiger Praxis dieses Rechtes auf sich zu nehmen. Zur Begründung dieser Auffassung macht Frl. Augspurg Folgendes geltend. Im preußischen Vereinsgesetz heiße es, daß politische Vereine, die Frauen als Mitglieder aufnehmen, geschlossen werden könnten, und daß Versammlungen solcher Vereine, an denen sich Frauen betheiligen, aufgelöst werden könnten, sofern der Aufforderung der überwachenden Beamten zur Entfernung der Frauen nicht Folge geleistet werde. Die Auffassung, welche Frl. Augspurg vertritt, scheint uns juristisch äußerst anfechtbar. Doch davon abgesehen dünkt es uns eine recht überflüssige und bedenkliche Liebesmüh', den ohnehin deutungsfrohen Behörden juristische Strickleitern zu halten, auf denen sie zu der Höhe einer formal ein- wandsfreien Rechtspraxis emporturnen können. Derartige Aufgaben könnten die Frauenrechtlerinnen seelenruhig den Behörden überlassen. Für ihren juristischen Uebereifer ist übrigens Frl. Augspurg gestraft genug. Schweinburg, der Preßkuli der schlimmsten Reaktionäre, hat sich sofort ihre Auslegung schmunzelnd angeeignet. Gebührend sei Frl. Augspurgs Erklärung vermerkt, daß das formale Recht der Polizei zum ärgste» moralischen Unrecht wird. Eine zeitweilig vernünftige Praxis des Versammlungsrechts in Reust ä. L. hat neulich der Landrath von Greiz angeordnet. Bekanntlich bestimmt das Vereinsrecht des genannten Ländchens, daß weibliche Personen an Versammlungen nicht theilnehmen dürfen. Den etwa 1000 Greizer Textilarbeiterinnen, die sich unter den jüngst Ausgesperrten befanden(Nr. ö der„Gleichheit") wäre es in der Folge unmöglich gewesen, den Versammlungen ihrer Schicksalsgenossen beizuwohnen. Nachdem ein Mitglied der Lohnkommission bei dem Landrath vorstellig geworden, verfügte dieser, daß während der Dauer der Lohnbewegung die Arbeiterinnen die Versammlungen besuchen durften. Die Gendarmen erhielten die nöthigen Instruktionen. Die Arbeiterinnen haben das vorübergehend gewährte Recht fleißig ausgenützt. Und Reuß ä. L. steht noch, obgleich obendrein— für viele Ohren schrecklich zu hören!— die Lohnbewegung in der Hauptsache mit einem bemerkenswerthen Erfolg der Arbeiter geendet hat. Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Briefe und Sendungen sind zu richten an: Ottilie Vader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin �V., Groß-Görschenstr. 38, II. Hof rechts, 3 Tr. t.— Druck und Verlag von I. H. W. Metz Nachf.(S. m.b.H.) in Stuttgart.