Nr. 14. Die Gleichheit 12. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 2. Juli 1902. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Rückblick auf den Gewerkschaftskongreß in Stuttgart. Frauen- und Kinderarbeit beim Zuckerrückenbau. Von Louise Zietz. Die Frauenarbeit Aus der Bewegung. Feuillein der Buchbinderei. Von ad. br. ton: Hundert Hemden in der Woche. Gedicht von Robert Seidel. Ein Kranz auf Auguste Eichhorns Grab. Augufte Schmidt. Notizentheil: Beschlüsse des Gewerkschaftskongresses, betreffend die Agitation unter den Arbeiterinnen. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Weibliche Fabrifinspektoren. Soziale Gesetzgebung. bewegung. FrauenRückblick auf den Gewerkschaftskongre zu Stuttgart. Mit vollauf berechtigter Genugthuung kann Deutschlands Arbeiterklasse auf den 4. Kongreß der zentralisirten Gewerkschaften zurückblicken. Er hat gehalten, was er versprochen. In einer arbeitsreichen Woche haben die aus Ost und West, aus Nord und Süd herbeigeströmten 155 Delegirten das Arbeitsprogramm erledigt, das ebenso umfassend als verantwortungsschwer war. Sie fonnten auseinandergehen, ohne daß zur Verhandlung vorgesehene Punkte zurückgestellt werden mußten. Diese erfreuliche Thatsache ist neben der trefflichen Vorbereitung und Leitung des Kongresses nicht zum Wenigsten der bewunderungswürdigen Arbeitsfreudigkeit der Gewerkschaftsvertreter zu danken, die auch bei den sprödesten und trockensten Materien nicht versagte und sich in zwei Abendsizungen bewährte. Es ist jedoch nicht blos mit Arbeitsfreudigkeit, es ist auch mit Ernst, Sachkenntniß und Klugheit verhandelt und beschlossen worden, mit einem echt brüderlichen Gemeinschaftssinn, der über allen scharfen Auseinandersetzungen und Meinungsunterschieden nicht die feste innere Zusammengehörigkeit vergaß. An Konfliktsstoff fehlte es wahrlich nicht. Die Angelegenheit des Leipziger Gewerkschaftskartells mit ihrem Drum und Dran, die Haltung des„ Correspondent" gegenüber der sozialdemokratischen Partei, die Grenzstreitigkeiten zwischen einzelnen Organisationen und manche Vorgänge noch hatten Situationen geschaffen, an denen der Kongreß nicht stillschweigend vorübergehen durfte. In nicht mißzudeutender Weise, aber nicht persönlich verfehmend, hat er sich insesondere mit Denen auseinandergesetzt, welche die organische Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung oder aber die innere Zusammengehörigkeit des gewerkschaftlichen und politischen proletarischen Klassenkampfes antasteten. Das Leipziger Kartell wie der Redakteur des„ Correspondent" werden nach den eingehenden Debatten wissen, was die Gewerkschaften in ihrer Gesammtheit von ihnen erwarten. Daß der Kongreß es vermied, durch neue Beschlüsse in die Grenzstreitig feiten zwischen den Organisationen einzugreifen, dünkt uns begreiflich und weise. Die wirthschaftlichen Verhältnisse, aus denen die einschlägigen Konflikte hervorwachsen, sind noch im Flusse der Entwicklung, die sich durch Mehrheitsgebote weder beschleunigen, noch hemmen läßt. Mit der Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen hat der Kongreß sich eingehender und praktisch nuz reicher beschäftigt, als irgend einer seiner Vorgänger. Die Darlegungen des trefflichen Referats der Genoffin Tiek das wir in den folgenden Nummern ausführlich wiedergeben werden wurden in wirksamer Weise durch die Debatten unterſtüßt, verBuschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( Bundel), Stuttgart, BlumenStraße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. vollständigt und weitergesponnen, zu denen die Genossinnen Thiede, Ziez, Kähler, Jhrer, Genosse Legien und andere Redner schäzenswerthe Ausführungen beitrugen. Unsere Leserinnen sind sicher aus der Tagespesse über die betreffenden Verhandlungen des Kongresses unterrichtet. Bei der Kürze der verfügbaren Zeit war es selbstverständlich ausgeschlossen, daß Referat und Debatten die bedeutsame Materie in ihrem ganzen Umfang und ihrer großen Vielgestaltig= feit erschöpften. Es wurden jedoch sehr wesentliche praktische Gesichtspunkte Klargestellt und Mittel und Wege aufgezeigt, welche die Agitations- und Organisationsarbeit unter den Arbeiterinnen in hohem Maße zu fördern geeignet sind. Der Kongreß forderte vor Allem Planmäßigkeit und Stetigkeit des Wirkens. Er wies der Werkstubenagitation, der Hausagitation, dem belehrenden Wort in der Familie neben der öffentlichen Agitation den ihnen gebührenden Plaz an. Er verpflichtete die Verbände zu systematischer Inangriffnahme der Aufgaben, die ihnen durch die Rücksicht auf die Sonderinteressen jeder einzelnen Arbeiterinnenkategorie zufallen. Er rief die Generalfommission zur Unterstüßung der Agitation dort auf, wo die Organisationen noch zu schwach sind, um sie allein betreiben zu können. Er anerkannte, von welch großem Nuzen, ja wie unentbehrlich die Mitarbeit der Frau zur Organisirung der Arbeiterinnen ist. Nebenbei sei bemerkt, daß nicht blos die Verhandlungen über die Agitation unter den Arbeiterinnen die tüchtige gewerkschaftliche Schulung der weiblichen Delegirten erwiesen, sondern daß dieselbe auch bei andern Berathungsgegenständen in Erscheinung trat. So begründete z. B. Genossin Ziez in einer musterhaften Rede den Antrag des Fabrikarbeiterverbandes, der für die Landarbeiter die volle Koalitionsfreiheit forderte. Daß die Mehrheit der Kongreßtheilnehmer sich trotz des treuen, fieberhaft fleißigen und vers ständigen Wirkens einzelner Genossinnen auf gewerkschaftlichem Gebiet, trotz ihrer erprobten Leistungsfähigkeit sich nicht entschließen konnte, dem Vorschlag der Berliner Delegirten entsprechend, ein weibliches Mitglied in die Generalkommission zu entsenden, bedauern wir lebhaft. Nicht als ob wir aus frauenrechtlichen Erwägungen heraus der Ansicht wären, daß die organisirten Arbeiterinnen einer besonderen Vertretung bedürften. Wohl aber meinen wir vom Standpunkt des Gewerkschafters aus, daß die Mitarbeit einer Frau in der Generalkommission dringend wünschenswerth ist mit Rücksicht auf die Agitationsarbeit unter den Hunderttausenden von Lohnsklavinnen, denen das Wort Organisation leider noch todt, unverständlich ist. Nach einem vorzüglichen Referat Kämings über die Hausindustrie, das thatsachenreich und übersichtlich die wichtigsten Seiten des schwierigen Problems in die richtige Beleuchtung rückte, beschloß der Kongreß einstimmig und debattelos einen energischen Kampf für den wirksamen Schutz der Heimarbeitenden. Dieser Kampf soll eröffnet werden durch einen besonderen Kongreß, der binnen Kurzem nach Berlin einberufen wird und sich ausschließlich mit den Aufgaben der Gesetzgebung und der gewerkschaftlichen Aktion auf dem Gebiet der Hausindustrie beschäftigen soll. Die Verhandlungen über Arbeitslosenstatistik und Arbeitslosenversicherung wurden durch ein logisch aufgebautes, flares und zielsicheres Referat des Genossen von Elm eingeleitet. Ste zeigten zeigten flärlich, wie ungemein schwierig und komplizirt die hier vorliegenden Aufgaben sind, und wie weit die Meinungen über die besten Mittel zu ihrer Lösung auseinandergehen. Der Kongreß beschloß, was er unter den Umständen beschließen konnte. Er erklärte die gewerkschaftliche Arbeitslosenunterstüßung als die Grundlage der gesetzlichen Regelung der Materie; er forderte zu schüsse von Staat und Unternehmerthum; er betonte die Nothwendigkeit freier Selbstverwaltung der zu schaffenden Einrichtungen durch die Arbeiter. So legte er grundsäglich die Richtung fest, in welcher die Arbeiter die Gesetzgebung vorwärts treiben müssen. Da die geseßgebenden Gewalten den Forderungen des Proletariats gegenüber nicht so feinhörig und arbeitseifrig sind, wie gegen das Schreien zollwucherfroher Junker und zuchthausbegeisterter Scharfmacher, dürfte das nächste praktische und aufrichtig zu begrüßende Ergebniß der Kongreßarbeiten wohl der weitere Ausbau der Arbeitslosenunterstützung in den Gewerkschaften sein. 106 Es ist leider ein Ding der Unmöglichkeit, im Rahmen dieses Artikels all die wichtigen und interessanten Verhandlungen und zahlreichen Beschlüsse zu würdigen, durch welche der Kongreß an der Ausdehnung und Vertiefung des gewerkschaftlichen Thätigkeitsgebiets, an dem Ausbau und der Kräftigung der Organisationen arbeitete, durch welche er der Gewerkschaftsbewegung neue Ziele wies oder die alten Ziele höher steckte. So die Verhandlungen und Beschlüsse, betreffend das Zentral- Arbeitersekretariat, die Arbeitersekretariate, die Streitklausel und das Submissionswesen, die Verlegung der Generalfommission nach Berlin, die Gründung einer Unterstützungskasse für Gewerkschaftsbeamte 2c. 2c. Wir müssen uns damit begnügen, die Züge hervorzuheben, welche für die geleistete beträchtliche und werthvolle Gesammtarbeit charakteristisch sind. Sie fügen sich mit den bereits Eingangs erwähnten bethätigten Eigenschaften zusammen zu einem wahrhaft erhebenden Bilde von der ferngesunden, lebensstroßzenden, inneren Entwicklung der deutschen Gewerkschaftsbewegung, von dem hohen Niveau, das sie unter Stürmen und Hindernissen erklommen hat, von dem erzieherischen, bildenden Einfluß, den sie auf ihre Vorkämpfer und Träger ausübt. Die aufgerollten Fragen wurden von den„ halbgebildeten" Agitatoren, von den ehemaligen Volts- und Armen schülern im Allgemeinen mit einer gediegenen Sachkenntniß und einer formalen Schulung behandelt, die manchem Geheimrath wohl anstehen würde, der stotternd ein miserabel begründetes gesetzgeberisches Pfuschwerk von amtswegen verfechten muß. Fast durchweg ward kurz, sachlich, präzis, ohne leere Phrasen verhandelt. Eine kühle, nüchterne Berücksichtigung der nächstliegenden thatsäch lichen Verhältnisse war mit einem flaren Blicke für die tiefen ge= sellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhänge gepaart, die richtige Werthung auch des unscheinbaren kleinen praktischen Zweckes für das Heute mit dem Bewußtsein seiner inneren Verknüpfung| mit dem großen Ziele des Morgen. Die innere Einheit der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung war das Leitmotiv des Kongresses, das wieder und wieder in vollen, reinen Afforden ertönte. Wie inbrünstig hatten nicht die bürgerlichen Gönner des„ berechtigten Kernes der Arbeiterbewegung" gehofft, daß die unentbehrliche, hochbedeutsame praktische Gegenwartsarbeit der Gewerkschaften den verbohrten Dottrinarismus" der sozialistischen Ueberzeugung überwinden werde. Wie einschmeichelnd hatten sie nicht die vernünftigen Männer der Praris" angefleht, sich von„ Buchstabengläubigen der grauen Theorie" zu trennen, statt den klassenkampf zu kämpfen, auf das gute Herz und die Einsicht Derer um Naumann und Sonnemann, um Berlepsch und Sombart zu bauen. Und wie schändlich hat nicht der 4. Gewerkschaftskongreß ihre Hoffnungen enttäuscht, ihr Flehen abgewiesen. Der Vertreter der gemäßigten" dänischen Gewerkschaftsbewegung schließt seine Begrüßungsrede mit dem Hinweis auf das sozialistische Zukunftsideal. Die Delegirten der General Federation of Labour respektiren den Ruf der englischen Gewerkschaftsbewegung als einer bürgerlich geaichten Musterbewegung so wenig, daß sie erklären: immer größere Streise der englischen Trade Unions erkennen die Nothwendigkeit des politischen Kampfes, erkennen, daß in diesem Kampfe die Arbeiter sich um das sozia listische Programm schaaren müssen. Legien setzt sich erfrischend scharf und bestimmt mit der Berlepscherei auseinander, und der ,, neutralitätsduselige Hué schleudert das Wort hinaus: Der Führer, welcher den Bergarbeitern das Zusammengehen mit dem Minister a. D. empfehlen wollte, erhielte morgen den Laufpaß. Als wichtigstes Ergebniß der Buchdruckerdebatte" stellt Bömelburg fest, " daß Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie sich einander ergänzend in innerer Zusammengehörigkeit zusammenfügen. So reiht sich Aeußerung an Aeußerung, Thatsache an Thatsache, welche kündet, daß die deutschen Gewerkschaften Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der modernen klassenbewußten Arbeiterbewegung sind, daß in ihnen der nämliche„ umstürzlerische" Geist pulsirt, der in der Sozialdemokratie lebendig ist. Und so hat der 4. Gewerkschaftskongreß der schwächlichen, quacksalbernden bürgerlichen Sozialreform die proletarische Sozialreform gegenübergestellt, deren Ziele nicht fapitalsfürchtige Arbeiterfreundlichkeit- Heuchelei und ohnmächtige Rührseligkeit steckt, sondern das gegenwärtige und zufünftige Klasseninteresse des Proletariats, jene proletarische Sozialreform, die nicht das Gnadengeschenk der Ausbeutenden und Herrschenden sein wird, vielmehr die Frucht der steigenden Erkenntniß und Macht der Ausgebeuteten, die ihre Befreiung wollen. Es war diese Bedeutung des Kongresses, die der Vorsitzende Bömelburg mit lichtvoller Bestimmtheit in seinem Schlußwort hervorhob, das bei aller Schlichtheit des Ausdrucks von jenem zündenden hinreißenden Pathos getragen war, welches allein aus einer großen, echten Ueberzeugung geboren wird. Wer mit dem Proletariat fühlt, denkt und kämpft, den wehte aus diesen martigen Ausführungen der Menschheit Odem" an, die rastlos nach Befreiung lechzt", dem waren sie mehr als das soziale Glaubensbekenntniß unseres sturmerprobten Freundes: ein soziales Glaubensbekenntniß der modernen Gewerkschaften, ein soziales Glaubensbekenntniß des klassenbewußten Proletariats. Unbeirrt durch die Schmeicheleien falscher Freunde und das Toben offener Feinde geht es auch auf gewerkschaftlichem Gebiet seine Bahn, jede nöthige, jede ersprießliche Gegenwartsarbeit mit größter Treue leistend. Allerdings: die treue Gegenwartsarbeit nicht blos um des Gegenwartsgewinnes wegen, sondern auch vor Allem im Dienste seiner Zukunftsbefreiung. Der Gewerkschaftskongreß zu Stuttgart hat keinen Zweifel darüber gelassen. " " Frauen- und Kinderarbeit beim Buckerrübenbau. Von Louise Biek- Hamburg. Verstehen es die Zuckerbarone prächtig wie wir in Nr. 1 zeigten sich die Taschen zu füllen auf Kosten der deutschen Zuckerkonsumenten, so nicht minder auf Kosten der Zuckerproduzenten, der Arbeiter und Arbeiterinnen, welche die Rübenfelder bearbeiten und in den Zuckerfabriken frohnden. " Dabei genügt es diesen Patrioten" feineswegs, die in der Gegend des Zuckerrübenbaues einheimische deutsche Bevölkerung auszubeuten. Onein! es giebt noch billigere und willigere Arbeitskräfte als diese sie liefert: die deutschen Polen und die Galizier. Unter den 100 000 Arbeitern beider Geschlechter, die 1895 von den Zuckerbaronen beschäftigt wurden, befanden sich 75 000 aus Galizien und Deutsch Polen geholte„ Sachsengänger". Davon waren zwei Drittel Arbeiterinnen und ein Sechstel jugendliche Arbeiter von 15 bis 19 Jahren. Bei 12: bis 14 stündiger Arbeitszeit verdienen diese Aermsten, die wehrlos der ungeheuerlichsten Ausbeutung preisgegeben sind, da sie der deutschen Sprache nicht mächtig, 1 Mt., 80 Pf., ja mitunter nur 40 bis 50 Pf. pro Tag. Der Gewerbeinspektor für Breslau weist in seinem Bericht vom Jahre 1898 darauf hin, daß bei der Zuckerproduktion alljährlich viele Hunderte von ausländischen Arbeitern verwendet würden. Ein ausländischer Vermittler schließt mit ihnen die Verträge ab und rupft die Leute nochmals in geradezu entsetzlicher Weise. Bei freier„ Beköstigung“ und„ Wohnung" aber welcher!- erhalten die Angeworbenen 14 bis 15 Mk. pro Monat, wobei der Vermittler sich 14 bis 15 Mk. pro Kopf und Monat als Vermittlungsgebühr berechnet. Der Beamte von Liegnitz berichtet im selben Jahre, daß die ausländischen Arbeiter weniger an Lohn erhalten, als die Unternehmer Vermittlungsgebühr zahlen. Die letztere betrug pro Kopf und Tag 60 Pf. Wie die einheimischen Arbeiter, darunter vornehmlich die Frauen und Kinder ausgebeutet werden, davon im Nachfolgenden einige Beispiele: In der Nähe von Magdeburg, Olvenstedt, Ottersleben, Niederndodeleben und noch einer Reihe weiterer„ Leben" wird für die Bearbeitung der Rübenfelder, das Hacken, Verziehen und Ernten der Rübe, pro Tag bei 10 stündiger Arbeitszeit 1 bis 1,20 Mt., hin und wieder sogar nur 80 bis 90 Pf. gezahlt. Morgens 6 Uhr beginnt die Arbeitszeit und währt bis 6 Uhr Abends mit je halbstündiger Frühstücks- und Vesperpause und einstündiger Mittagsrast. Für den jammervoll niedrigen Verdienst müssen die Frauen ihre 10 Stunden allen Unbilden der Witterung ausgesetzt schwer frohnden. Beim Hacken und Verziehen der Rüben sind sie dem schlimmsten Sonnenbrand ausgesetzt, beim Ernten, das in den Spätherbst fällt, der Kälte und, was noch weit schlimmer ist, der Nässe. Bei Regenwetter werden sie nicht nur vom niederfallenden Regen durchnäßt, sondern auch obendrein und mögen sie sich die Kleider noch so hoch schürzen von den nassen Rübenblättern. Dazu bleibt der nasse schwere Boden am Schuhzeug hängen, wodurch das Vorwärtskommen, das Arbeiten sehr erschwert wird. Beim Ernten der Rüben wird die Arbeit oft in Afford vergeben. Pro Morgen zu ernten wird 7 bis 9 Mf. gezahlt, falls die Rüben sofort abgefahren werden, 11 bis 13 Mt., wenn sie auf dem Felde eingeschlagen werden müssen. Im letzteren Falle haben die Frauen nicht nur die Rüben auszugraben und das Kraut abzuschneiden, sondern sie auch in Körbe zu packen und in Haufen zusammenzutragen, gewöhnlich zwei Haufen pro Morgen. Da wird denn mit einer fieberhaften Hast gearbeitet, ohne aufzublicken, ohne den Rücken einmal gerade zu machen, oft ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Da ist der Körper des Abends wie zerschlagen, wenn die hereinbrechende Dunkelheit endlich zwingt, nach 12 bis 14 stündiger Frohn Schluß zu machen. Nur Schluß der Arbeit auf dem Felde, denn daheim beginnt die Qual von Neuem. Es gilt die Kinder, den heimkehrenden Mann zu versorgen. Nothdürftig wird das„ Heim" aufgeräumt, das Mittagbrot des kommenden Tages vorbereitet, das Vieh gefüttert. Tausenderlei Kleinigkeiten, die zusammengenommen aber ein Viel an Arbeit ausmachen, harren ihrer Erledigung. Am andern Morgen, wenn zwischen 4 und 5 Uhr der Mann hinausgewandert ist zur Arbeit, rüstet sich auch die Frau wieder aufs Neue zum Erwerb. Die Kinder werden eingeschlossen, sind größere da, so müssen sie, die selbst noch der Beaufsichtigung, Pflege und Erziehung dringend benöthigen, die kleineren anziehen und„ beaufsichtigen". Vielleicht auch nimmt sich eine Nachbarin, die aus irgend welchem Grunde daheim bleiben kann oder muß, der Kinder für Geld und gute Worte an. Nicht selten sieht man die Kleinen, die zur Schule müssen, früh Morgens um 6 Uhr schlaftrunken und zähneklappernd, zusammengekauert auf der Straße oder vor den Thüren auf der Schwelle hocken. Blutenden Herzens mußte die Mutter ihre Lieben im besten Schlafe aus dem warmen Bettchen reißen, damit sie nicht, allein gelassen, die Zeit verschlafen, und damit das Haus verschlossen werden kann. Und der Verdienst bei der Affordarbeit? 2 bis 2,50 Mt. pro Tag bei äußerster Anstrengung. Wie manche Frau hat sich bei ihrer Arbeit nicht nur„ verhoben", sondern auch Rheumatismus geholt! Die Frauen sind aber zur Arbeit auf den Rübenfeldern gezwungen. Einmal reicht der Verdienst des Mannes nicht zum Unterhalt der Familie, besonders wenn dieselbe eine zahlreiche ist. Dann aber würde auch meistens weder der Mann Beschäftigung, noch die Familie Wohnung bekommen, wollte die Frau die Arbeit weigern. In jüngster Zeit haben die Herren einen ganz besonders famosen Ausbeutungsmodus gefunden, welcher ihnen mit reichem Profit die weibliche Arbeitskraft fast unfehlbar sichert. Wollen nämlich die Arbeiter sich einen Viertel Morgen Kartoffelland pachten, so erhalten sie ihn nur, wenn sie sich verpflichten, mindestens einen Morgen gepflügten Ackers mitzuübernehmen, den sie für eigene Rechnung mit Zuckerrüben bestellen und bearbeiten müssen, wofür sie dann nach Maßgabe der geernteten Rüben entlohnt werden. Die Leute haben also den Samen zu kaufen und zu säen. Ist die Saat groß genug geworden, so müssen sie die Reihen zunächst quer durchhacken, damit die zu viel aufgegangenen Rüben entfernt werden und nur in gewissen Abständen Pflänzchen stehen bleiben. Da diese, aber dort noch büschelweise stehen, so müssen sie„ verzogen" werden, damit statt des ganzen Büschels nur eine Rübe weiter wächst und Platz und Nahrung zur bestmöglichen Entfaltung erhält. Ist das geschehen, so werden die Reihen nochmals der Länge nach durchgehackt, um den Boden zu lockern und das Unkraut zu entfernen. Schließlich legt im Herbst das Einernten den Leuten noch eine ordentliche Arbeitslast auf. Für den Zentner geerntete Rüben giebt es dann 40 bis 45 Pf., während die Landleute, die auf eigenem Acker Rüben bauen, beim Verkauf mindestens 1,30 mt. pro Zentner erhalten. Für Ackerpacht und Pflügen berechnet sich der Großgrundbesitzer also 65 bis 70 Pf. pro Zentner oder pro Morgen( da ein Morgen bei guter Ernte circa 150 Zentner liefert) 124,50 mt. Die Frauen dagegen haben für all ihre Arbeit und für die Kosten der Aussaat nur 67,50 Mt. Aber selbst um einen Theil dieser Summe werden sie nicht selten geprellt. Die Herren Großgrundbesitzer und Aktionäre der Zuckerfabriken lassen die Rüben mit dem eigenen Gespann abfahren. Der Wagen wird zunächst leer und nachher beladen gewogen. Man sollte nun meinen, den Frauen würde nach dem Nettogewicht der Rüben ausgezahlt, welches sich daraus ergiebt, daß man das Gewicht des leeren Wagens von demjenigen des beladenen in Abzug bringt. Doch weit gefehlt! 107 Da heißt es, der Rübe habe Schmuh angehaftet, und es erfolgt soundsoviel Zentner Abzug. Falls es bei der Einfuhr geregnet, wird geltend gemacht, die Rübe habe Wasser gezogen, der Wagen desgleichen, auch sei an dessen Rädern Schmutz haften geblieben. Wiederum werden soundsoviel Zentner in Abrechnung gebracht. Daß dabei dann nicht nach unten, sondern außerordentlich stark nach oben„ abgeschätzt" wird, so stark, daß man es, gelinde gesagt, mit dem Namen Uebervortheilen belegen kann, erfahren die Arbeiterinnen zur Genüge. Es ist oft genug vorgekommen, daß die Arbeiter das geerntete Quantum Rüben eines Morgen Landes auf 130 bis 140 Zentner geschätzt hatten und nur 80 bis 100 Zentner bezahlt bekamen. Da hatten die Frauen sich den ganzen Sommer hindurch geplagt, um diese Arbeit nebenher zu machen. Denn das übrige Rübenfeld des gnädigen Herrn muß von den weiblichen Bewohnern eines Ortes in corpore außerdem bearbeitet werden. Früh Morgens um 3 und 4 Uhr gingen die Frauen aufs Feld, um vor Beginn ihrer Tagelohnarbeit ein paar Stunden auf ihrem" Acker zu frohnden. Nach Feierabend schanzten sie hier noch, Mann, Frau und Kinder opferten die Sonntage. Dann endlich fam der langersehnte Tag der Auszahlung. Aber wie so Manchen brachte er nicht eine arge Enttäuschung, machte er einen dicken Strich durch die Rechnung. Wahrlich, eine raffinirtere Wiethode der Ausbeutung als die geschilderte, läßt sich kaum denken. Sie enthebt den Bodenbesitzer jeder Sorge, er hat nichts weiter zu thun, als den Gewinn einzustreichen. Das Risiko einer Mißernte, es ist abgewälzt auf die Arbeiterin; zur bestmöglichen Bestellung und Bearbeitung wird diese aufgepeitscht durch ihr eigenes Interesse, möglichst viel zu ernten. Ihr Stundenverdienst aber, wenn sie bei der Auszahlung schließlich einen Ueberschlag macht, beträgt oft noch nicht 5 Pf. Dabei ist nicht einmal die Arbeit der Kinder, die das Rübenverziehen besorgen müssen, mit in Anrechnung gebracht. Zu vielen Tausenden werden auf den ausgedehnten Rübenfeldern alljährlich die Kinder zum Rübenverziehen verwendet. Und nicht nur die Kleinen der Landarbeiter. Aus den Städten werden die Kinder per Leiterwagen abgeholt, um aufs Feld zur Arbeit gefahren zu werden. Nicht selten allerdings müssen die kindlichen Opfer der Ausbeutung stundenweite Wege zu Fuß zurücklegen. In den Rübengegenden werden besondere Rübenferien" gewährt. Aber nicht nur die Schulkinder, nein Kleine noch zarteren Alters werden auf die Rübenfelder hinausgetrieben zum Mitverdienen. 10, 12, 14 Stunden müssen diese Aermsten, den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, bei Regenwetter auf dem durchnäßten Erdboden friechend, die Rüben verziehen. Ihr Lohn? 60, 70, 80 und 90 Pf. pro Tag, je nach der Gegend, in welcher die Arbeit geleistet wird und nach dem Alter der Kinder. Und wehe diesen, sind sie nicht schnell genug bei der Arbeit, oder lassen sie einmal statt einer Rübe zwei stehen! Dem Auge des Aufsehers entgeht so leicht nichts. Da regnet es nicht nur Scheltworte, sondern auch Schläge mit dem Rohrstock. Kein Wunder, daß die Kinder, statt sich in den Ferien zu erholen, überarbeitet werden, körperlich und geistig in der Entwicklung zurückbleiben und abstumpfen. Die" Preußische Schulzeitung" schrieb, daß die Kleinen nach Beendigung der Rübenferien abgemattet, dumpf- und stumpfsinnig und geistesschwach zurückkehren. Mit welch' rücksichtsloser Unvernunft die Kinder beim Rübenbau ausgebeutet werden, beweist unter Anderem auch ein Erlaß der anhaltischen Regierung, der zum „ Schutze" der Kleinen vor einigen Jahren erlassen ward. Darin hieß es, zum Rübenziehen und anderen Landarbeiten dürften Kinder nicht unter 8 Jahren und nicht länger wie 12 Stunden täglich beschäftigt werden. Wenn die Arbeitsstätte weit entfernt liege, müsse das Ende der Arbeitszeit so gelegt werden, daß die Kinder des Abends 8 Uhr zu Hause sein könnten. Wahrlich, der Erlaß spricht ganze Bände! Wenn das, was er bestimmt, schon" Schutz" sein soll, so kann man ungefähr ahnen, wie es ohne diesen Schutz betreffs der Ausbeutung findlicher Arbeitskräfte beim Rübenbau aussah. Trotz dieser maßlosen Ausbeutung hier, wie auch sonst in der Landwirthschaft, ob derer die Sozialdemokratie schon so oft anklagend und Reformen heischend ihre Stimme erhob, ist mit keinem Worte dieser kleinen Lohnsklaven in dem„ Kinderschuhentwurf" gedacht, der jüngst in erster Lesung den Reichstag beschäftigte. Dem nimmersatten ,, Vampyr" Kapitalismus sind in seiner Gier nach goldheckendem Blute, Hirn und Nerv, nach warmem Menschenleben, so leicht keine Zügel anzulegen. Meist gelingt dies erst dann, wenn in Folge allzu arger Verwüstung von Menschenkraft die Quelle zu versiegen droht, die Degeneration gar zu sinnenfällig wird. Erfährt die Ausbeuterfreiheit schließlich doch eine geringe Beschränkung, so in erster Linie nicht mit Rücksicht auf die Ausgebeuteten, sondern im Interesse der Ausbeuter. Der Arbeiter, der Kinderschutz sollen weniger im Arbeiter, im Kinde den Menschen schützen, als vielmehr die Mehrwerth schaffenden„ Hände" und die zum Schutze des heiligen" Eigenthums noth" 1 wendigen Soldaten. Soll der Arbeiter, der Kinderschutz darüber hinausgehen, so bedarf es immer wieder aufs Neue des Kampfes, des Einsetzens der ganzen Kraft von Seiten des vereinigten Proletariats. Und wahrlich, dieser Kampf thut Noth. Nicht zum Wenigsten gerade zum Schuße der Frauen und Kinder, welche von den Herren Rübenbaronen ausgebeutet werden. Wohl in keiner anderen Industrie ist die Ausbeutung der Arbeiter, aller Glieder der Arbeiterfamilie so groß, als in der Zuckerindustrie. Hört die Ausbeutung in den Feldern auf, so beginnt sie in den Fabriken. Wie sich hier die Verhältnisse der Arbeitenden gestalten, das werden wir in einem folgenden Artikel zeigen. Erfreulicher Weise beginnen sich die Landarbeiter beider Geschlechter in neuerer Zeit energisch gegen ihre Ausbeutung zu wehren. Der Verband der Fabrik- und Landarbeiter hat just in der Provinz Sachsen eine erkleckliche Anzahl von Zahlstellen, die Mitgliedschaften von 400 bis 500 Personen aufweisen, darunter oft 50 Prozent Frauen. An verschiedenen Orten sind auch bereits Lohnerhöhungen durchgesetzt worden. Und das obgleich ein wirthschaftlicher Kampf für die Landarbeiter mit ungeheuren Gefahren und Schwierigkeiten verbunden ist. Stehen doch dieselben noch unter einem Ausnahmegesetz vom 24. April 1854, das Gesinde, Dienstleute, land- und Forstwirthschaftliche Arbeiter mit Gefängniß bis zu einem Jahre bedroht, falls sie gemeinsam, auf Grund einer Verabredung höheren Lohn fordern oder die Arbeit niederlegen. Um nicht in die Fußangel der gesetzlichen Bestimmungen zu gerathen, müssen die Leute, die nicht nebeneinander vorgehen können, ihre Forderungen wie die Gänse im Marsche nacheinander vertreten, wodurch ein Lohnkampf natürlich außerordentlich erschwert wird. Daß der Erfolg trotzdem nicht ausblieb, hat bei den Herren Zuckerbaronen den Verband der Fabrikund Landarbeiter zu dem bestgehaßten gemacht. Unzählige gerichtliche und polizeiliche Verfolgungen legen Zeugniß davon ab. Es geht jedoch vorwärts, trotz alledem und zu Nutz und Frommen aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten. Die Frauenarbeit in der Buchbinderei. Vor Kurzem erschienen statistische Erhebungen in den Buchbindereien und verwandten Berufen Deutschlands im Jahre 1900, die vom Vorstand des Deutschen Buchbinderverbandes herausgegeben wurden. Dieselben stellen eine starke Zunahme der beschäftigten Arbeiterinnen seit der letzten Berufszählung vom 14. Juni 1895 fest. Es wird die Vermuthung ausgesprochen, daß die Zahl der Arbeiterinnen in den 5 Jahren nach der Zählung um 8000 zugenommen habe. Die Berufszählung verzeichnet in der Buchbinderei und in den Kartonnagefabriken 31517 männliche und 14 763 weibliche beschäftigte Hundert Hemden in der Woche. Von Robert Seidel. ( Nachdruck verboten.) „ Hundert Hemden in der Woche!" Trügt mein Auge? Täuscht mein Sinn? Nein! So steht's im Großstadtblatte, ,, Liefert eine Näherin." ,, Hundert Hemden in der Woche, Glatt und faltig, eng und weit;" Ist das nicht das größte Wunder Dieser wunderreichen Zeit? Sind zwei schwache Frauenhände Nicht ein starker Zauberstab, Daß sie hundert Blößen decken Von der Wiege bis zum Grab? Sicher schafft ihr heil'ger Zauber Auch der Zaub'rin Glück und Ehr', Und sie wandelt wie die Sel'gen, Auf der Lebensbahn einher. Und es schmückt am Erntefeste Sie der Blumen schönster Kranz, Und es führt der erste Bürger Sie voran beim Ehrentanz. Und wenn einst die fleiß'gen Hände Müde werden, winket hold Ihr ein sonn'ger Lebensabend Mit der Arbeit Ehrensold. Thor von einem andern Sterne, Denkst du so von unsrer Welt? Glaubst du, daß das Recht hier wohne Wie in des Barbaren Zelt? 108 Personen. Nach der Schätzung des Buchbinderverbandes waren im Jahre 1900 allein in Berlin 7683 Arbeiterinnen in der Buchbinderei und in verwandten Berufen thätig. Auf Berlin folgte Leipzig mit 2549, Dresden mit 1717, Nürnberg mit 933, Stuttgart mit 900, Brieg mit 838, Frankfurt a. M. mit 788, Hannover mit 729, München mit 715, Chemnitz mit 444, Breslau mit 437, Fürth i. B. mit 375, Altona mit 250, Erlangen mit 170 Arbeiterinnen 2c. 2c. In allen hier angeführten Orten ist die Zahl der Arbeiterinnen größer als die der Arbeiter, und zwar oft um ein vielfaches. Am meisten überragt die Zahl der Frauen die der Männer in der Buchbinderei und in verwandten Berufen in Brieg, wo neben den 838 Arbeiterinnen nur 48 Arbeiter ermittelt wurden. Leider ist aber in Brieg feine einzige Arbeiterin im Buchbinderverband organisirt. Den vorstehenden Umständen entsprechen auch außerordentlich niedrige Löhne, 7,50 Mt. im Durchschnitt pro Woche, bei 581/2 stündiger Arbeitszeit. Nur wenige Orte haben noch ungünstigere Verhältnisse, so z. B. Eisenberg mit 7,30 Mt. bei 59 stündiger Arbeitszeit, Brandenburg mit 6,80 Mt. bei 57 stündiger Arbeitszeit. In Chemnitz, wo auch feine Arbeiterin der Gewerkschaft angehört, beträgt der Wochenlohn der Arbeiterinnen 7,30 Mt. bei 60 stündiger Arbeitszeit, in Breslau, wo unter 437 Arbeiterinnen nur 24 organisirt sind, 7,45 Mt. bei 59 stündiger Arbeitszeit. Am besten sind die Arbeiterinnen in den Buchbindereien und verwandten Berufen organisirt in Stuttgart, wo 41,7 Prozent von ihnen dem Verband angehören, wo auch die 54 stündige Arbeitszeit bei 11,60 Mt. durchschnittlichem Wochenlohn üblich ist. Dann folgt Bremen mit 41,2 Prozent organisirter Arbeiterinnen, 54 stündiger Arbeitszeit und 9,45 Mt. wöchentlichem Lohne. Hieran schließt sich Leipzig mit 39,3 Prozent organisirten weiblichen Berufsthätigen, 534 Stunden durchschnittlicher Arbeitszeit und 10,95 Mt. Wochenlohn. In Altona sind 31,2 Prozent der Arbeiterinnen organisirt, auch hier wird 54 Stunden gearbeitet und 12,10 Mt. in der Woche verdient. Etwas stärker ist die Zahl der weiblichen Organisirten in Erlangen mit 33,5 Prozent. Hier herrscht die 58 stündige Arbeitszeit, und der Wochenverdienst beträgt 7,75 Mt. Da die Arbeiterinnen am Drte noch nicht lange der Organisation angehören, so konnte diese erst größere Erfolge in Aussicht stellen, aber noch nicht nachweisen. Das Gleiche gilt für Regensburg, wo 30,7 Prozent der Arbeiterinnen organisirt sind, 56,8 Stunden in der Woche gearbeitet und 7,75 Mt. verdient wird. Selbstverständlich kann die Gewerkschaftsorganisation dort am meisten leisten, wo nicht nur das Prozentverhältniß der organisirten Arbeiterinnen, sondern auch ihre absolute Zahl ins Gewicht fällt, wo sie demnach nicht so leicht durch indifferente Arbeitskräfte ersetzt werden können. Das ist nicht der Fall in Schleiz. Hier find zwar 40,7 Prozent der Arbeiterinnen organisirt, da es sich aber nur um 30 Personen handelt und eine ganze Reihe industriereicher Wähnst du, wer die Nackten kleidet, Habe Brot und Gold und Ruhm, Und es herrsche bei den Christen Menschenrecht und Menschenthum? Hundert Hemden in der Woche Bringen Ehre nicht und Brot, Doch Erniedrigung und Mangel, Herzeleid und frühen Tod. In der Näht'rin enge Kammer Zog das Elend grinsend ein; Darum rief sie: Hundert Hemden!" In die reiche Stadt hinein. Hundert Hemden! Tausendstimmig Donnert uns'rer Zeit ins Ohr, Daß Gerechtigkeit und Liebe Schreit empört zu Gott empor. Mahnt die Heiteren und Harten Laut an Mitleid, ernst an Pflicht, Daß ihr Sterbehemd nicht zeuge Wider sie einst vor Gericht. Ein Kranz auf Genoffin Eichhorns Grab. Der warme, tiefgefühlte Nachruf, den die Nedaktion der ,, Gleichheit" in Nr. 13 der Genossin Eichhorn in Dresden widmete, hat mir zur Gewißheit gemacht, daß die in der deutschen Arbeiterpresse öfters genannte Genossin Eichhorn jene Frau ist, mit der ich in den Jahren 1877 bis 1880 in Zürich in der Bewegung thätig war. Genoffe Eichhorn bekleidete in jener Zeit eine Stellung im Arbeiterbildungsverein„ Eintracht", in dem ich kurz vorher das Vizepräsidentenamt innegehabt hatte. Gewöhnlich war er bei Vorträgen von seiner Frau begleitet, die sich bald auch in der Aufklärungsund Organisationsarbeit nützlich machte. Ihr kluges Wesen und ihr sicherer Blick für das zur Zeit Nützlichste und Beste bewegten mich, sie zum Eintritt in den Vorstand der Fabrik- und Handarbeitergewerkschaft beider Geschlechter zu bewegen. Dort haben wir zusammen manche Vorstands- und Vereinssitzung durchlebt und uns immer wieder abgemüht, die schlechtest bezahlten und gebildeten Arbeiter und Arbeiterinnen für die Organisation und die Sozialdemokratie zu gewinnen. Es war ein hartes und scheinbar völlig nutzloses Stück Arbeit, aber wir sagten uns, auch das kleinste Glied der Arbeiterorganisation ist werthvoll, und wir wußten, wir arbeiten für die Zukunft. Wir hielten selbst Vorträge und gewannen die berühmtesten Kräfte zu Vorträgen, aber oft waren nur ein paar Dutzend Leute da. Dann trösteten wir uns mit der Hoffnung: Es bleibt doch immer etwas hängen. Für die Opfer des Sozialistengesetzes haben wir manches Scherflein gesammelt und für die Wahlen von 1878 viele Hundert Mark. Genosse und Genossin Eichhorn halfen überall mit und nahmen überall Vertrauensstellungen ein. Es ging ihnen nicht gut, aber man half sich gegen seitig so viel man konnte, und so schlugen sie sich tapfer durch. Da ich im Jahre 1879 von Zürich fortzog, so kam mir die Familie Eichhorn aus den Augen, aber oft habe ich ihrer denken müssen, denn Genosse und Genossin Eichhorn waren ein Herz und eine Seele in der treuen Arbeit für die hohe, heilige Sache der Sozialdemokratie. Ich lege einen Kranz auf ihr Grab. Zürich. Robert Seidel. Orte in der Umgebung in Betracht kommen, wo die Arbeiterinnen erst organisirt werden müssen, so läßt sich noch kein erheblicher Erfolg verzeichnen. Allerdings erhebt sich der Lohn mit 3,90 Mk. pro Woche ziemlich stark über das in dieser Statistik festgestellte Minimum, aber dafür ist die Arbeitszeit mit 62 V, Stunden pro Woche eine der ungünstigsten im ganzen Reiche. Bios Ruhla mit 64 Stunden pro Woche und Plauen mit 63,9 Stunden haben in dieser Hinsicht noch ungünstigere Verhältnisse; in beiden Städten ist aber auch keine einzige Arbeiterin organisirt. Bedeutend bessere Zustände finden wir in Berlin, mit 23,5 Prozent Organisirten unter den Arbeiterinnen. 54 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit und 12 bis 15 Mk. Wochenverdienst. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Hamburg, wo 23,4 Prozent der Arbeiterinnen organisirt sind, gleichfalls 54 Stunden gearbeitet wird, und der wöchentliche Verdienst sich auf 12,55 Mk. stellt. Die 54 stündige Arbeitszeit ist auch in München in Folge der verhältnißmäßig starken Organisation der Arbeiter durchgesetzt worden, aber die Arbeiterinnen müssen sich hier mit einem Wochenlohn von 9,75 Mk. begnügen. Ein einziger Ort, Regensburg, weist ein günstigeres Organisations- verhältniß der Arbeiterinnen als der Arbeiter auf: den 30.7 Prozent organisirten Arbeiterinnen stehen nur 24,7 Prozent organisirte Arbeiter gegenüber. Stuttgart hat zwar mit 41,7 Prozent organisirter Arbeiterinnen den höchsten Prozentsatz weiblicher Verbandsmitglieder, jedoch sind hier die Arbeiter in einem noch weit stärkeren Ver- hältniß in der Organisation vertreten, nämlich mit 37,5 Prozent. In Hamburg waren neben 65,1 Prozent der Arbeiter 23,4 Prozent der Arbeiterinnen organisirt; in Leipzig 75,6 Prozent Arbeiter, 39,3 Prozent Arbeiterinnen, in Berlin 44,5 Prozent Arbeiter, 23,5 Prozent Arbeiterinnen. Es finden sich aber in manchen Orten noch weit stärkere Unterschiede als die vorstehenden zwischen dem Prozentsatz der organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen. So sind z. B. in Karlsruhe 55,4 Prozent der Arbeiter und nur 2 Prozent der Arbeiterinnen Verbandsmitglieder. Noch ungünstiger liegt aber das Verhältniß in 29 von den 54 Orten, die überhaupt in der Statistik erscheinen. In diesen 29 Orten gehörte keine einzige Arbeiterin dem Verbände an obgleich sich darunter Städte befinden, in denen die Organisation der Arbeiter verhältnißmäßig ausgezeichnet ist, wie in Bielefeld, wo 77,5 Prozent der Arbeiter organisirt sind; in Brandenburg und Gößnitz, wo alle Arbeiter Verbandsmitglieder sind; in Ruhla, wo 70,8 Prozent der Arbeiter ihrer Gewerkschaft angehören. Alles in allem geht aus der Statistik hervor, daß der gewerkschaftliche Organisationsgedanke unter den Arbeiterinnen der Buchbindereien und verwandten Berufe immer mehr erkannt und festgehalten wird. So erfreulich jedoch die zu oerzeichnenden Fortschritte sind, so Vieles bleibt auch hier noch zu thun übrig, um die zahlreichen noch nicht organisirten Arbeiterinnen dem Verband zuzuführen. Auguste Schmidt. Auguste Schmidt, eine der Mitgründerinnen des„Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" und langjährige Vorsitzende desselben, Mitbegründerin des„Bundes deutscher Frauenvereine", des „Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins" und Ehrenvorsitzende dieser beiden Organisationen ist am 10. Juni in Leipzig gestorben. In ihr hat die bürgerliche Frauenbewegung Deutschlands eine ihrer ältesten, verdienstvollsten, aufopferndsten Vorkämpferinnen und Führerinnen verloren. Was die Verstorbene für die bürgerliche Frauenbewegung gewesen ist, und was sie für dieselbe geleistet hat, läßt sich in den Schranken dieser Notiz nur andeuten. Es lückenlos aufzählen, hieße viele Kapitel aus der Geschichte der bürgerlichen Frauenbewegung schreiben. Auguste Schmidt gehörte zu den ersten deutschen Frauen, welche nach den Zeiten der Reaktion um die Mitte des letzten Jahrhunderts die Nothwendigkeit einer lokal und national organisirten Frauenbewegung erkannten. Mit ihrer Freundin Louise Otto-Peters zusammen berief sie im Oktober 1365 den Ersten öffentlichen Frauentag nach Leipzig ein, auf dem die Gründung des„Allgemeinen deutschen Frauenvereins" erfolgte, dessen Vorsitz Auguste Schmidt bis zu ihrem Tode führte, und dessen Organ„Neue Bahnen" sie redigirte. In allen Fortschritten und Entwicklungsphasen dieser Organisation und der bürgerlichen Frauenbewegung überhaupt steckt ein gut Theil persönlichen Lebens und Strebens der Verstorbenen, die mit selbstloser Hingabe für die Idee der Frauenemanzipation im bürlichen Sinne wirkte. Mit unerschütterlicher Ueberzeugungstreue und nie versagendem Idealismus hat sie für die Ausdehnung und Festigung des„Allgemeinen deutschen Frauenvereins" und die Erweiterung seiner Ziele gearbeitet, ist sie zumal auch propagandistisch für ihn thätig gewesen. Und wie unendlich schwer war das nicht in den ersten Jahren der aufsprossenden Frauenbewegung, als diese noch nicht im öffentlichen Leben„salonfähig" geworden, vielmehr Denjenigen, die sich für die Verhältnisfe der Arbeiterinnen in der Buchbinderei interessiren und welche die nöthige Organisationsarbeit unter ihnen fördern wollen, empfehlen wir warm die obengenannte Schrift, die außerordentlich viele Einzelheiten über Arbeitszeit, Löhne zc. enthält. Bei den vielseitigen Aufgaben unseres Blattes vermögen wir heute blos auf ihren reichen Inhalt hinzuweisen und müssen auch nur auf den Versuch verzichten, das werthvolle Material zu erschöpfen. uä. br. Aus der Bewegung. Vo» der Agitation Das Landeskomite für Schleswig- Holstein veranlaßte Genossin Alt mann-Berlin vom 26. Mai bis zum 6. Juni eine Agitationsreise durch diese nordische Provinz auszuführen. Es fanden Versammlungen statt in Kiel, Wellingdorf, Preetz, Rendsburg. Bndelsdorf, Hadersleben, Flensburg, Schleswig, Eckernförde und Neumünster.— Die Vortragsthemen, welche Genossin Altmann behandelte, lauteten: „Pflichten und Rechte im Klassenstaat",„Das Volk der Arbeit im Rechtsstaat",„Die Frau und das Recht". Der Besuch der Versammlungen war meist sehr gut, in Hadersleben, Flensburg, Neumünster und Kiel geradezu großartig. In Kiel, dem Hauptorte der Provinz, waren mehr als 3000 Personen der Einladung der Versammlungsveranstalter gefolgt; über ein Drittel der Anwesenden waren Frauen, die sich auch in den übrigen Städten zahlreich an den Versammlungen betheiligten und den Ausführungen der Rednerin mit demjenigen Interesse folgten, welches der Bedeutung unserer Anschauungen, der sozialistischen Theorie und Gesellschaftskritik entspricht.— Hoch erfreulich war der unverkennbare Fortschritt, den unsere Agitation allerorten zeiligt. In Schleswig war der einzige unseren Genossen zur Verfügung stehende, leider nicht sehr große Saal von Männern und Frauen in drangvoller Enge besetzt, während Flur und Treppe noch zahlreiche Versammlungsbesucher beherbergen mußten. Der Versammlung ging ein kleines Vorspiel voraus mit dem zur Ueberwachung erschienenen Beamten. Hammersteinisch begeistert »ahm derselbe Anstoß daran, daß Männer und Frauen nicht fein säuberlich getrennt waren, sondern sich fröhlich„vermischt" hatten. Der Brave hatte offenbar etwas läuten hören, wußte aber nicht, wo die Glocken hängen. Die von ihm zu bewachenden Genossen hielten ihm eine kleine Privatvorlesung über den Unterschied zwischen öffentlichen Versammlungen und Versammlungen politischer Vereine, worauf sein Gewissen beruhigt schien. 3ä. Im 22. und 23. sächsischen Reichstagswahlkreis hielt Genossin Kühle r-Dresden im Auftrag der Vertrauensperson der deutschen Genossinnen eine Reihe von Versammlungen ab. In Auer- verständnißlos als„Alte-Jungfern-Schrulle" verhöhnt und beschimpft wurde. Die Verstorbene vertrat innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung die ältere,„gemäßigte" Richtung. Erklärlich genug. Sie war eine in sich gefestigte Persönlichkeit, die von einer einheitlichen, geschlossenen Weltanschauung durchdrungen war: der Weltanschauung des alten bürgerlichen Liberalismus mit seiner Beschränktheit und seiner Größe. So mußten ihren tastenden Händen viele der tieferliegende», geschichtlichen und sozialen Zusammenhänge entgleiten und ihr Erfassen des historischen Werdeganges, der zur Befreiung der Frau, zur Befreiung der Menschheit führt, konnte nicht über bestimmte Schranken hinwegkommen. So mußte sie sich aber auch von der Zerfahrenheit der radikalen Frauenrechtelei abgestoßen fühlen, deren Weltanschauung ein lotteriges, schlotteriges Flickwerk aus allerhand Ge- schichts- und Moralphilosophien ist. Im Laufe der Zeit hat sich übrigens auch Auguste Schmidt zu einer etwas richtigeren Würdigung der wirthschastlichen, materiellen Kräfte des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses„durchgemausert", allein sie prunkte nicht mit ihrer „modernen Auffassung", auch saß ihr die Ideologie so tief im Herzen, im Blute, daß sie das geläuterte Berständniß wieder und wieder in die Flucht schlug. Den Arbeiterinnen und den Bestrebungen zur Verbesserung ihres schweren Looses brachte Auguste Schmidt aufrichtige Sympathie entgegen. Wer nicht die gleißenden Spielpfennige der radikalen Phrase für echte Goldmünzen nimmt, der muß anerkennen, daß sie auf dem Gebiet der Bildungs- und der Wohlfahrtsbestrebungen, später auch auf dem der sozialen Reformen ebenso viel, ja manches mehr für die „ärmeren Schwestern" gewirkt hat, als ihre Gegnerinnen der jüngeren Richtung bürgerlicher Frauenrechtelei. Zum vollen Verständniß des geschichtlichen Muß des proletarischen Klassenkampfes, der sozialistischen„Endziele" der proletarischen Frauenbewegung, ihrer reinlichen Scheidung von der bürgerlichen Frauenrechtelei hat sie sich indessen nie durchzuringen vermocht. 110 aller Treue weiter am Werke der Aufklärung zu arbeiten und insbesondere auch dafür zu sorgen, daß die proletarischen Frauen mit Verständniß und Begeisterung für die Ziele der modernen Arbeiterbewegung erfüllt werden. W. K. bach und in Falkenstein, wo die Hand- wie Schiffchenstickerei start| nossinnen und Genossen der einzelnen Orte liegt die Pflicht ob, mit vertreten und der Verdienst in Folge einer günstigen Konjunktur augenblicklich ein guter ist, war die Versammlung sehr zahlreich besucht. Die Referentin sprach über„ Die Einwirkung der Wucherpläne auf das Familienleben der arbeitenden Massen." Ihre Ausführungen fanden ungetheilte Zustimmung. Der Zudrang zu der Versammlung in Markneukirchen war so start, daß das überfüllte Lokal polizeilich abgesperrt wurde und viele Nachzügler nicht einmal mehr in dem anstoßenden Garten Platz fanden. Die Ortsbehörden waren denn auch vom Magistrat an bis zum Schuhmann in und vor dem Versammlungslokal vertreten, so daß der Ort selbst von jeglichem„ gesetzlichen Schuße" entblößt war. Geradezu andächtig lauschten die Versammelten dem Vortrag der Rednerin, welche das oben angeführte Thema behandelte. Bemerkt sei, daß Markneukirchen auf zirka 8000 Einwohner 28„ einfache" und" mehrfache" Millionäre zählt, während die erdrückende Mehrzahl der Bevölkerung in der allerbittersten Armuth lebt. Die Versammlung in Adorf war ebenfalls recht gut besucht, dagegen hätte der Andrang in Reichenbach, der Zahl der organisirten Genossinnen entsprechend, ein stärkerer sein müssen. Trotz herrlichstem Wetter, das ins Freie lockte, wies die Versammlung in Elsterberg einen leidlichen Besuch auf, aus der Umgegend, aus Greiz 2c., waren nicht Wenige herbeigekommen. Genosse Goldstein- Zwickau referirte über die sächsische Finanzlage", Genossin Kähler über„ Frauenunterdrückung, Frauenfultus und Frauenrecht". Nach Annahme einer entsprechenden Resolution wurde Genossin Rohleder als Vertrauensperson gewählt. In Lengenfeld war die Versammlung so schlecht bekannt gemacht worden, daß sie nicht stattfinden konnte. Die Versammlung in Netschkau war zwar gut besucht, hätte aber noch zahlreicheres Publikum aufweisen können, wenn sie besser vorbereitet worden wäre. Auch in Mylau schien es an der nöthigen Vorarbeit, besonders aber an geeigneter Bekanntgabe unter den Lohnsflavinnen der Textilindustrie gefehlt zu haben, denen Aufklärung bitter noth thut. Künftighin sollten die örtlichen Vertrauenspersonen der Genossinnen der guten Vorbereitung der Versammlungen erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden. In den genannten Orten sprach die Referentin über das Thema: Arbeiterinnenelend und Arbeiterinnenschutz". Gut besucht war die Versammlung in Delsnitz i. V., wo Genossin Kähler über„ 3ollwucher und Arbeiterklasse" referirte. Ueber den skandalös niedrigen Verdienst der Arbeiterinnen in der Delsnitzer Korsettfabrik werden wir noch besonders berichten. Alles in allem war der Erfolg der Agitationstour ein zufriedenstellender. Den gewerkschaftlichen wie den politischen Organisationen der Arbeiter sind neue Mitglieder zugeführt worden- darunter auch weibliche-; die Arbeiterpresse hat Abonnenten gewonnen. Den Gevon Daß die Verstorbene in der bürgerlichen Frauenbewegung lange Jahre hindurch einen maßgebenden Einfluß ausübte, erklärt sich allgemeinen geschichtlichen Ursachen abgesehen nicht lediglich durch ihre hervorragenden Leistungen, sondern auch durch die Macht ihrer Persönlichkeit, der hohe Vorzüge des Geistes, Herzens und Charakters eigneten. Auguste Schmidt war eine geistig hochstehende, sie war aber auch eine edle Frau, reich an Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüber fremdem Leid, reich an Bürgersinn und Bürgertugend, start in der Pflichttreue. Ihr öffentliches Wirken und ihre Berufsthätigkeit als Lehrerin waren ihr nicht Handelsartikel, für die sie materiellen Gewinnst, äußeren Ruhm, geschweige denn eitle Reklame einzutauschen strebte. Sie lebte dem Einen wie der Anderen als eine Priesterin, die im Dienste der Kultur eines heiligen Amtes waltet. Manches unbemittelte junge Mädchen dankt ihr die Möglichkeit zu höherer Ausbildung. Und wie zahlreich sind nicht Die, welche das Beste von ihr empfangen haben, was Unterricht und Erziehung zu geben vermag: einen idealen Lebensinhalt, das nie zu ertödtende Streben nach den hehrsten Zielen. Die Pflicht hat uns im Interesse des Befreiungskampfes der proletarischen Frau und ihrer Klasse mehr als einmal die harte Nothwendigkeit aufgezwungen, die Waffen unserer schärfsten Kritik gegen Auguste Schmidt als Führerin der bürgerlichen Frauenbewegung zu fehren. Aber unwürdig wäre es, ob dessen, was uns trennte und trennen mußte, ihr die achtungsvolle Anerkennung zu versagen, auf die sie als hochstrebende, reine Persönlichkeit, auf die sie als bürgerliche Vorkämpferin für die höhere Entwicklung und soziale Werthung der Frau ein Anrecht hat. Den Zeilen aber, welche der sozialen Kämpferin gerecht zu werden suchen, sei ein Wort heißen Dankes hinzugefügt für die unvergessene theure Lehrerin, die uns für das Leben, für den Kampf mit Werthvollstem gerüstet hat. Die Agitation, die im letzten Halbjahr in Augsburg und Umgegend von den gewerkschaftlichen wie politischen Organisationen entfaltet worden ist, um insbesondere auch die Frauen aufzuklären, ist eine rege gewesen. Wenn auch nicht immer der erstrebte Erfolg eintrat, so können wir doch Alles in Allem einen bemerkenswerthen Fortschritt als Frucht unserer Bemühungen verzeichnen. Unsere Agitation beginnt immer mehr, die Proletarierinnen zu erfassen. Es ist dies um so mehr zu begrüßen, als in unserer Gegend der„ Schwarzrock" noch Trumpf ist und fast ausschließlich das Denken der Frauen beherrscht, wodurch die Aufklärungsarbeit unter ihnen sehr erschwert wird. Daß die Frauen allmälig einsehen lernen, wer ihre wichtigsten Lebensinteressen in Wirklichkeit vertritt, bewiesen die in letzter Zeit abgehaltenen Versammlungen, denen viele Besucherinnen beiwohnten. Besonders war dies der Fall, wenn eine Frau referirte. So in Augsburg, Lechhausen, Friedberg, Pfersee, Oberhausen, München und Kaufbeuren, wo Genossin Greifenberg- Augsburg sprach und die zahlreich erschienenen Frauen mit großer Aufmerksamkeit ihren Ausführungen folgten. In Kaufbeuren war bis vor Kurzem keine einzige Frau in einer Versammlung zu sehen. Der ersten Versammlung, in der Genossin Greifenberg sprach, wohnten einige Arbeiterinnen bei. Als Genossin Greifenberg etliche Zeit darauf wieder referirte, bestand gut die Hälfte der Anwesenden aus Frauen und Mädchen, und die Versammlung war sehr gut besucht. Leider hindert das reaktionäre bayerische Vereinsgesetz junge, aufklärungsbedürftige Leute am Versammlungsbesuch Deffentlichen Versammlungen dürfen nämlich jugendliche Personen" unter 21 Jahren nicht beiwohnen. Natürlich nur im Interesse der„ Jugendlichen", weil diese so empfänglich für„ irreführende Lehren“ und„ aufreizende Worte" sind. Aber trotz alledem zeigt es sich, daß die Arbeit nicht eine vergebliche ist, sondern daß es vorwärts geht. Ein Maßstab da für ist die erfreuliche Betheiligung der Frauen an der Kleinarbeit, die es im Dienste der Arbeiterbewegung zu leisten gilt. Sie wird eine immer umfangreichere und bessere. In Augsburg und Lechhausen hat sich bereits eine kleine Kerntruppe von Frauen gebildet, die tapfer mitarbeiten und bestrebt sind, durch eine rührige Agitation von Person zu Person neue Mitstreiterinnen zu gewinnen. Dieser Erfolg soll uns anspornen, energisch weiter zu wirken, damit bald auch die übrigen Orte nicht blos Versammlungsbesucherinnen aufweisen, sondern ebenfalls überzeugte Genofsinnen, die kräftig mit Hand anlegen und der gerechten Sache der Arbeit vorwärts helfen. M. G. Von den Organisationen. Anfangs Juni hielt der Bildungsverein für Frauen und Mädchen in Augsburg seine regelmäßige Monatsversammlung ab, in welcher der Halbjahrsbericht gegeben wurde. Der Verein besteht seit Oktober und zählt 67 Mitglieder. Es fanden 6 Versammlungen statt, in denen Vorträge über verschiedene Gebiete gehalten wurden. Herr Landgraf, Naturheilvertreter, sprach über„ Hautpflege" und" Frauenkrankheiten"; Hermann Greifenberg über„ Adalbert von Chamisso" und„ Glara Müller"; Herr Rechtsanwalt Sand über Meisterbilder" und Marie Greifenberg über„ Bürgerliche Frauen als Fabrifarbeiterinnen". Der Kassenbericht ergab eine Einnahme von 94,55 und eine Ausgabe von 57,65 Mt. Ende April veranstaltete der Verein eine Frühlingsfeier, die sehr gut besucht war und ihm neue Freunde warb. Die Mitglieder sind bestrebt, nicht nur für den Verein ihr Bestes zu bieten, sie lassen sich vielmehr auch angelegen sein, sich rednerisch auszubilden. Sie dürfen in dieser Hinsicht bereits auf einen ersten Erfolg zurückblicken. Frau Rollwagen, die im Verein geschult worden ist, hielt in der letzten Versammlung ihren ersten Vortrag über„ Nikolaus Lenau". Ihr Versuch ist sehr gut gelungen, und wir geben deshalb der Hoffnung Raum, daß Frau Rollwagen recht bald einen zweiten Vortrag halten wird, aber auch daß andere M. G. Mitglieder ihrem Beispiel folgen. Notizentheil. Beschlüsse des Gewerkschaftskongresses, betreffend die Agitation unter den Arbeiterinnen. 1. Es ist im Interesse der organisirten Arbeiter dringend geboten, daß sie in allen jenen Industrien, welche weibliche Arbeiter beschäftigen, eine kräftige und planmäßige Agitation zur Aufklärung und Heranziehung der Kolleginnen entfalten. Die weitgehenden technischen Fortschritte sowohl wie die Theilarbeit, welche die Hausindustrie begünstigt, ermöglichen die Einstellung ungelernter Kräfte, welche, so lange sie nicht für die Organi sation gewonnen sind, gefährliche Konkurrenten bleiben. Mit ihrer Hilfe gelingt es den Unternehmern, immer weitere Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen, welche die gesammte Arbeiterschaft aufs Empfindlichste schädigen. Um die Arbeiterinnen den Organisationen zuzuführen, empfiehlt es sich, außer den allgemeinen Agitationsversammlungen regelmäßige Werkstattsizungen abzuhalten resp. Hausagitation zu betreiben, um die Arbeiterinnen systematisch über Lohn- und Arbeitsbedingungen und die Bestimmungen der Gewerbeordnung wie überhaupt die Arbeiterschutzgesetze aufzuklären. Um aber die Agitation unter den Arbeiterinnen planmäßig in die Wege zu leiten, wäre den in Frage kommenden Gewerkschaften zu empfehlen, einen Beamten speziell mit den dafür nöthigen Arbeiten zu betrauen. Als das wichtigste Agitationsmittel ist zu betrachten, daß sämmtliche organisirten männlichen Arbeiter ihre weiblichen Familienmitglieder, welche in irgend einem Beruf gewerblich thätig sind, veran lassen, daß dieselben sich der gewerkschaftlichen Organisation des betreffenden Berufs anschließen. ( Resolution der Referentin, Genossin Tieg, amendirt durch die Zusatzanträge von Genossen Ritter und Genossin Kähler.) 2. Da zur Gewinnung von Arbeiterinnen für die Organisationen Frauen am besten und erfolgreichsten agitiren, beschließt der Kongreß, daß die Generalfommission die Pflicht hat, in allen Berufen und an allen Orten Deutschlands, wo Arbeiterinnen in der Industrie beschäftigt sind, die Agitation unter diesen durch Frauen zu betreiben. Die Generalfommission ist verpflichtet, die Unkosten für Versammlungen 2c. zu tragen, falls die Gewerkschaften dazu nicht im Stande sind. ( Antrag des Genossen Rudolph) 3. Der Gewerkschaftskongreß hält es für nothwendig, daß die Organisationen mehr Werth als bisher auf die Gewinnung der Arbeiterinnen für die Organisation legen. Als wirksames Mittel, um die gewonnenen Arbeiterinnen an die Organisation zu fesseln, empfiehlt der Kongreß, Unterstüßungen einzuführen, welche den Verhältnissen der Arbeiterinnen entsprechen, namentlich Zuschüsse bei Krankheiten, Wöchnerinnenunterstüßungen, Hauspflege für Schwerfranke 2c. " ( Antrag des Genossen Göller.) Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Ein herzlicher Willkommensgruß unseren neuen Leserinnen aus den Kreisen der organisirten Textilarbeiterinnen! Der Verband der Textilarbeiter" beschloß auf seiner letzten Generalversammlung, in den Fällen, wo Frau und Mann der Organisation angehören, statt zweier Exemplare des Verbandsorgans neben dem Tertilarbeiter" die Gleichheit" zuzustellen. Die Neuerung tritt mit dem 1. Juli in Kraft. Sie legt dem Verband ein nicht unbeträchtliches materielles Opfer auf, zu dem er sich entschlossen hat, weil er seinen weiblichen Mitgliedern mehr als bisher bieten und sie dadurch an die Organisation fesseln möchte. Der Beschluß verpflichtet unseres Erachtens die verheiratheten organisirten Textilarbeiterinnen, mit erhöhtem Eifer in ihrer Gewerkschaft und für ihre Gewerkschaft thätig zu sein. So farg bemessen auch die Muße ist, deren die verheiratheten Arbeiterinnen sich erfreuen: unsere neuen Leserinnen müssen es willenskräftig zu ermöglichen suchen, daß sie das überwiesene Bildungsmittel gewissenhaft ausnüßen. Und zwar nicht allein zu ihrer eigenen Aufklärung und Schulung, vielmehr auch im Dienste der Aufklärung und Schulung ihrer Schwestern der harten Frohn. Im Gespräch über das Gelesene und durch Weitergeben gelesener Nummern unserer Zeitschrift kann manche Arbeiterin zur Erkenntniß ihrer Interessen erweckt und der Gewerkschaft zugeführt werden. Des Weiteren müssen unsere neuen Leserinnen eingedenk sein, daß die„ Gleichheit" nicht konkurrirend und verdrängend an Stelle des„ Textilarbeiter" tritt, sondern ergänzend neben ihn. Es ist unerläßlich, daß sie nach wie vor aufmerksam ihr Verbandsorgan verfolgen, um sich durch dasselbe über die wichtigsten Vorgänge im Beruf und in der Organisation unterrichten zu lassen, um jederzeit in engster Fühlung mit dem Leben des Verbandes zu bleiben. Schließlich aber sollten unsere neuen Leserinnen mit aller Energie dafür wirken, daß unter den Textilarbeiterinnen der Organisationsgedanke immer mehr zu fruchtbarem Leben erwacht, daß er sich immer kraftvoller, unaufhaltsamer entwickelt. Der Verband rüstet Hunderte seiner weiblichen Mitglieder mit einem Bildungs- und Kampfesmittel mehr aus. Sie haben dafür ihrerseits Tausende neuer Kämpferinnen zu gewinnen 111 und der Organisation zu erhalten. Gerade der Textilarbeiterverband hat in den letzten beiden Jahren einen ansehnlichen Verlust an weiblichen Mitgliedern verzeichnen müssen. Die Scharte wird bald ausgewetzt sein, wenn jede unserer neuen, organisirten Leserinnen aus der Lektüre der„ Gleichheit" erkennt, wie bitter noth gerade den Lohnsflavinnen in der Textilindustrie die Organisation thut, welche unersetzlichen materiellen und kulturellen Vortheile die Gewerkschaft gewährt, und wenn sie, von dieser Erkenntniß durchdrungen, in jedem Monat auch nur eine Arbeiterin dem Verband zuführen. So klingt unser Willkommensgruß an die organisirten Textilarbeiterinnen in die dringliche Aufforderung aus: Seid rührige und nicht flaue Gewerkschafterinnen, setzt eure Ehre darein, in der Organisation und für sie zu wirken, werbt eurem Verband neue Mitglieder! Lernt und lehrt, auf daß dem organisirten zielbewußten Proletariat sein Recht werde und die Zeit näher rückt, wo in dem stolzen Bau einer neuen Gesellschaftsordnung eine glückliche Menschheit wohnt! Weibliche Delegirte zum 4. Gewerkschaftskongres. An den Arbeiten des Stuttgarter Gewerkschaftskongresses nahmen folgende Genossinnen als Delegirte Theil: Frau Ihrer Berlin( Verband der Blumen-, Feder- und Blätterarbeiter); Frau Thiede- Berlin ( Verband der in Buch- und Steindruckereien beschäftigten Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen); Fräulein Jmle- Berlin( Verband der Bureauangestellten); Frau Kähler Dresden und Frau Ziez- Hamburg ( Verband der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hilfsarbeiter); Fräulein Altmann- Berlin( Verband der Textilarbeiter). An den Debatten über die gewerkschaftliche Agitation unter den Arbeiterinnen betheiligten sich die Genossinnen Ihrer. Kähler, Thiede und Ziez. Genossin Ihrer beantragte die Herausgabe des Kämingschen Referats über die Hausindustrie als Agitationsbroschüre. Zur Frage der Arbeitslosenversicherung polemisirte Genossin Ziet gegen Tischendörfers Auffassung, die Arbeiter hätten bei der Forderung freier Selbstverwaltung nicht das Recht, Zuschüsse vom Staat und von den Unternehmern zu verlangen. Die nämliche Genossin begründete einen Antrag zu Gunsten des unbeschränkten Koalitionsrechtes der Landarbeiter. Für die Errichtung von Beschwerdekommissionen zur Uebermittlung von Klagen der Arbeiterinnen an die Fabrikinspektion trat Genossin Kähler ein. Genossin Tiez- Berlin nahm als Referentin im Auftrage der Generalkommission an dem Kongresse Theil. Die Genossinnen Hofmann- Berlin und Zetkin waren mit Genossin Altmann zusammen als Uebersegerinnen der Begrüßungsreden ausländischer Delegirter und bei der internationalen Konferenz thätig, die in Verbindung mit dem Gewerkschaftskongreß stattgefunden hat. Zahl der im Jahre 1901 gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen in Deutschland. Nach der letzten Statistik der Generalkommission über die deutschen Gewerkschaftsorganisationen im Jahre 1901"( Nr. 25„ Correspondenzblatt" der Generalfommission) betrug die Zahl der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen, welche Mitglieder von Zentralverbänden sind, im Jahresdurchschnitt 23 699 gegen 22844 im Vorjahr. Sie hat mithin um 855 zugenommen, während die Zahl der in freien Gewertschaften organisirten Arbeiter um 3772 zurückgegangen ist. Leider ist nicht in allen Zentralverbänden der weibliche Mitgliederstand gewachsen, 9 von ihnen verloren vielmehr zusammen 2070 organisirte Arbeiterinnen. Zwar steht diesem Verlust in 13 anderen Organisationen eine Gesammtzunahme von 2925 weiblichen Mitgliedern gegenüber; zu denen noch 68 organisirte Arbeiterinnen in zwei Zentralisationen kommen( Brauer 10, Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 58), welche in den früheren Jahren keine weiblichen Mitglieder aufwiesen. Immerhin ist jedoch der Prozentsatz der organisirten Arbeiterinnen um ein Weniges gesunken, nämlich von 2,76 Prozent der betreffenden weiblichen Berufsthätigen in 1900 auf 2,63 Prozent in 1901. Der Prozentsatz der organisirten Arbeiter ist in dem gleichen Zeitraum stärker zurückgegangen, er fiel von 17,88 Prozent der in Betracht kommenden männlichen Berufsthätigen auf 16,04 Prozent. Daß bei absoluter Zunahme der Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder die oben angeführte kleine relative Abnahme derselben zu verzeichnen ist, erklärt sich wohl aus folgendem Umstand. Der Rückgang organisirter Arbeiterinnen hat mehrere Berufsgebiete betroffen, in denen die Frauenarbeit sehr stark vertreten ist. Die Textilarbeiter verloren 1236 weibliche Mitglieder, die Metallarbeiter 233, die Buchbinder 208, die Schuhmacher 143, die Schneider 122, die Holzarbeiter 74, die Zigarrenfortirer 30, die Handschuhmacher 16, die Konditoren 8. An der Spitze der. Verbände, in denen die Zahl der organisirten Arbeiterinnen stieg, steht der Tabatarbeiterverband mit einem Mehr von 1541 weiblichen Mitgliedern. Ihm folgen die organisirten Fabrik- und Hilfsarbeiter mit einem Gewinn von 620 organisirter Arbeiterinnen, die Buchdruckerei- Hilfsarbeiter mit 260, die Handlungsgehilfen mit 244, die Tapezirer mit 47, die Masseure mit 40, die Sattler mit 29, die Hutmacher mit 28, die Glasarbeiter mit 27, die Vergolder mit 10, die Porzellanarbeiter mit 7, die Lagerhalter mit 2 weiblichen Mitgliedern mehr als im Vorjahr. Der Verband der Bureau angestellten, der 1900 die zwei weiblichen Mitglieder verloren hatte, die er 1899 aufwies, verzeichnet 1901 abermals 2 weibliche Organisirte. Wir werden in nächster Nummer eine vergleichende tabellarische Uebersicht über die Bewegung der weiblichen Mitglieder in den deutschen Gewerkschaftsverbänden veröffentlichen. Den vorstehenden Angaben sei für heute nur noch die alte, noch immer berechtigte Mahnung beigefügt: Ans Werk für die gewerkschaftliche Organisirung der deutschen Arbeiterinnen. Die lehrreiche und gewissenhafte Statistik der Generalkommission zeigt, daß die Lösung dieser Aufgabe sehr schwer, aber feineswegs unmöglich ist. Mit der Frage der Agitation unter den Arbeiterinnen beschäftigte sich neulich der„ Korrespondent für die Arbeiter der Hut und Filzwaarenindustrie". Er schrieb in einem längeren Artikel über die Tagesordnung des Gewerkschaftskongresses:„ Die Verhandlungen über die Agitation unter den Arbeiterinnen dürften auch manche nüßliche Rathschläge zeitigen, von denen der beste sein würde, für die weiblichen Mitglieder Unterstützungseinrichtungen zu treffen, die den Bedürfnissen der weiblichen Mitglieder als Arbeiterin und Mutter mehr angepaßt sind. Die Reiseunterstützung, Arbeitslosenunterstützung, Abreisegeld, Umzugsentschädigung 2c. haben für die weiblichen Mitglieder nicht die Bedeutung, wie für die männlichen. Hilfe und Schutz in Nothfällen und Bedrängniß wollen die weiblichen Mitglieder, gleich den männlichen, auch von der Organisation haben; kommt die Organisation diesen Bedürfnissen nicht entgegen, muß sie auf die weiblichen Mitglieder verzichten. Das haben die englischen Gewerkschaften sehr gut begriffen, von denen einige ihren weiblichen Mitgliedern sogar eine Brautaussteuer, d. h. eine namhafte Unterstützung zur Hochzeit oder Gründung des eigenen Hausstandes geben. In dieser Hinsicht können wir von den englischen Gewerkschaften noch Manches lernen und importiren, nur ihre Neutralität" ist nicht nachahmenswerth, das könnte, nebenbei gesagt, der Kongreß in Stuttgart recht deutlich zum Ausdruck bringen." Auch wir halten es zur Förderung der Agitation unter den Arbeiterinnen für dringend nöthig, daß die Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften mehr als bisher noch die Interessen der Arbeiterinnen berücksichtigen, daß der ihnen durch Beschwerdekommissionen, weibliche Vertrauenspersonen 2c. gewährte Schutz vermehrt wird. Ein Artikel, der sich mit dieser Seite der Frage beschäftigte, muße leider Raummangels wegen zurückgestellt werden. Weibliche Fabrikinspektoren. Die Assistentin der Fabrikinspektion in Baden, Fräulein Dr. v. Richthofen, wird demnächst aus ihrem Amte scheiden, um sich zu verheirathen. Wir bedauern ihren Austritt aus dem Gewerbeaufsichtsdienst aufrichtig. In der furzen Zeit ihrer Amtsthätigkeit hat Fräulein v. Richthofen ebenso viel Fähigkeit, als Ernst und guten, festen Willen bethätigt, es ist ihr immer mehr gelungen, das Vertrauen der Arbeiterinnen zu gewinnen. Bei dem sehr beschränkten Personenkreise, aus denen die Regierungen in Deutschland die Fabrikinspektorinnen wählen, ist es sehr fraglich, ob die scheidende Beamtin eine Nachfolgerin erhält, welche ihr an berufstechnischer Vorbildung und persönlicher Qualifikation ebenbürtig ist. Ja, von manchen Seiten wird sogar bezweifelt, daß überhaupt wieder eine Assistentin angestellt wird. Den Unternehmerkreisen ist die Thätigkeit der Beamtin ein Dorn im Auge und vermuthlich werden sie ihren großen Einfluß aufbieten, um die weibliche Fabrikinspektion wieder zu beseitigen. Diesbezügliche Bestrebungen erscheinen um so aussichtsreicher, als der hochverdiente Leiter des badischen Fabrikinspektorats, Dr. Wörrishofer, in den Ruhestand tritt. Sein Ausscheiden aus dem Amte, in welchem er vorbildlich für die Gewerbeaufsicht in ganz Deutschland gewirkt hat, wird weit über Badens Grenzen hinaus als ein sozialpolitischer Verlust empfunden werden. Soziale Gesetzgebung. Den gesetzlichen Schutz der Hausindustrie betreffend nahm der 4 Gewerkschaftskongreß zu Stuttgart einstimmig folgende Resolution an: " In Anbetracht dessen, daß die Hausindustrie mit ihrer unbegrenzten Arbeitszeit, ihren niedrigen Löhnen und ungesunden Arbeitsstätten nur dazu angethan ist, die darin beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen wirthschaftlich und geistig zu verelenden, daß sie dem Unternehmerthum die Möglichkeit bietet, jeglichen Arbeiterschutz 112 zu ignoriren und somit die ständige Gefahr in sich birgt, die soziale Lage der in Fabriken, Werkstätten 2c. beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen auf das niedrigste Niveau herabzudrücken; erklärt der Kongreß, daß einzig und allein durch ein vollständiges gesetzliches Verbot der Hausindustrie die Schäden derselben zu beseitigen sind. Als Uebergangsstadium fordert der Kongreß: 1. Ausdehnung der Arbeiterschutzgesetze auf die gesammten Heimarbeiter. 2. Vollständiges Verbot der Kinderarbeit. 3. Unterstellung der gesammten Heimarbeit unter die Kontrolle durch Gewerbeinspektion. 4. Erlaß strenger Vorschriften über Einrichtung der Arbeitsstätten in der Heimarbeit. 5. Verpflichtung der Arbeitgeber und der sogenannten Zwischenmeister, eine genaue Liste der von ihnen beschäftigten Personen mit Wohnungsangabe zu führen und diese jederzeit den Beamten der Gewerbeinspektion zur Einsicht vorzulegen. 6. Verbot der Heimarbeit an Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen und der Nachtarbeit. 7. Verbot der Heimarbeit in Häusern und Arbeitsstätten, in denen eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist. 8. Unterstellung der Heimarbeiter unter die gewerblichen Schiedsgerichte bei Streitigkeiten zwischen ihnen und den Arbeitgebern resp. Zwischenmeistern, die aus dem Arbeitsverhältniß entsprungen sind. 9. Erlaß von Schutzbestimmungen und Spezialvorschriften nach der Natur der einzelnen Zweige der Heimarbeit. 10 Verhängung strenger Strafen für Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften, für deren Einhaltung Arbeitgeber und Zwischenmeister in erster Linie verantwortlich sind. Um diesen Forderungen den nöthigen Nachdruck zu verleihen und die Gesammtbevölkerung auf die Gefahren der Hausindustrie aufmerksam zu machen, beauftragt der Kongreß die Generalkommission, während der nächsten Reichstagssession einen allgemeinen Heimarbeiterschutzkongreß nach Berlin einzuberufen und die Reichsregierung und einzelnen Parteien des Reichstags dazu einzuladen. Ferner erklärt der Kongreß es als eine Pflicht aller gewerkschaftlich und politisch organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen, thatfräftig an der Organisirung der Heimarbeiter und Arbeiterinnen mitzuarbeiten" " Frauenbewegung. Studirende Frauen in Australien. An der Universität Melbourne studiren etwa 200 Frauen in den verschiedenen Fächern und mit den gleichen Rechten wie die männlichen Studirenden. " Eine Konferenz des Vorstandes des„ Internationalen Frauenrathes" wird am 10. und 11. Juli in Kopenhagen tagen. Die deutschen Frauenrechtlerinnen werden dabei durch die Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine", Frau Stritt, vertreten sein. Studirende Frauen an der Berliner Universität. Die Zahl der Frauen, welche in diesem Sommerhalbjahr als„ Gastzuhörerinnen" der Universität Berlin zugelassen sind, ist gegen die früheren Sommerhalbjahre bedeutend gestiegen. Sie beträgt gegenwärtig 365 und wird voraussichtlich noch höher hinaufgehen. Im Sommerhalbjahr 1901 hörten an der Berliner Universität 303 Frauen. Ein Mütterkongreß fand in diesem Jahre zu Washington statt. Er beschäftigte sich unter Anderm mit der Frage der Errichtung besonderer Gerichtshöfe für die Strafthaten Jugendlicher, an denen Frauen als Richter thätig sein sollen. Gleichberechtigung der Frauen in der methodistischen Episkopatkirche der Vereinigten Staaten. Die methodistische Episkopatkirche in den Vereinigten Staaten hat den Frauen das Recht zuerkannt, unter den gleichen Bedingungen wie die Männer als Delegirte zur Generalfonferenz gewählt zu werden. Ein ausschließlich von Aerztinnen geleitetes Spital für Frauen und Kinder besteht in Kansas City( Missouri). Das Spital ist ebenfalls ausschließlich von Frauen eingerichtet worden. Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Briefe und Sendungen sind zu richten an: Dffilie Baader, Zentralvertrauensperson, Berlin W., Groß- Görschenstraße 38, zweiter Hof rechts, 3 Tr. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( 8undel) in Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. 5.) in Stuttgart.