Nr. 20. Die Gleichheit 12. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 24. September 1902. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Die Frauenkonferenz zu München. Vom Hebammenelend. Von Marie Kunert. Resolutionen der Konferenz sozialistischer Frauen zu München. -Aus der Bewegung.- Delegirte und Gäste der Konferenz soziali stischer Frauen und Sympathiekundgebungen. Notizentheil: Sozialistische Frauenbewegung im Auslande.- Frauenstimmrecht. Genossenschaftsbewegung.- Frauenbewegung. Die Frauenkonferenz zu München. Es waren drei arbeitsreiche Sizungen, in denen die zweite Konferenz der sozialdemokratischen Frauen die ihr zugewiesenen Aufgaben erledigt hat. Vergegenwärtigen wir uns, unter welchen schwierigen Verhältnissen die proletarische Frauenbewegung sich entwickelt, wie jung sie ist und wieviel sie mithin noch durch praktische Erfahrungen lernen muß; vergegenwärtigen wir uns, daß die Ziele einer sozialdemokratischen Frauenkonferenz nicht an den Zielen der sozialdemokratischen Parteitage gemessen werden dürfen: so können die Genoffinnen mit dem Ergebniß der Münchener Tagung vollauf zufrieden sein. Gewiß, daß betreffs Vorbereitung und Organisirung der Konferenz der und jener Mangel zu Tage getreten ist, dem in Zukunft abgeholfen werden muß. Was aber die Arbeiten der Konferenz selbst anbelangt, so stellen sie eine höchst achtungsvolle Leistung dar, die sich über diejenige der Mainzer Verhandlungen erhebt. Das Bedürfniß nach dem Stattfinden der Konferenz wie auch die fortschreitende Ausdehnung der proletarischen Frauenbewegung fanden in der verhältnißmäßig guten Beschickung der Konferenz ihren Ausdruc. 20 Orte waren durch 22 Delegirte vertreten, zu denen noch 2 delegirte österreichische Genossinnen kamenwährend zu der Mainzer Konferenz nur 15 Orte 20 Delegirte entsendet hatten. 11 Genossinnen und Genossen nahmen als Gäste mit berathender Stimme an der Konferenz Theil. Das war eine regere Betheiligung, als man erwarten durfte angesichts der Lage Münchens und der dadurch bedingten größeren Delegationskosten, angesichts auch der bevorstehenden Reichstagswahl und der mate riellen Verpflichtungen, welche sie den Genossinnen auferlegt und die Sparsamkeit predigten. Erfreulicherweise waren auf der Konferenz Orte vertreten wie Sagan, Görlitz, Stralsund 2c.-, wo die proletarische Frauenbewegung noch in ihren Anfängen steht, und es nahmen Genossinnen an ihr Theil, die zum ersten Male aus dem Streise örtlicher Thätigkeit hinaustraten. Unter den Delegirten befanden sich sechs Genossen; Genossen betheiligten sich auch als Gäste eifrig an den Arbeiten der Konferenz. Der Umstand ist bezeichnend für die fortschreitende Erkenntniß unter den Genossen, daß die Förderung der Aufklärungs- und Organisationsarbeit unter den Proletarierinnen im Interesse des allgemeinen proletarischen Befreiungskampfes liegt. Er zeigt aber auch, daß die proletarische Frauenbewegung immer richtiger gewerthet wird, nicht als der Ausfluß eigenbrödlerischer Neigungen, sondern als der Ausdruck praktischer Zweckmäßigkeitsgebote. Daß der hehre Gedanke von der internationalen Solidarität Aller, die als Ausgebeutete und Leidende im Kampfe gegen das Kapital und für eine neue Welt stehen, auch in der proletarischen Frauenbewegung lebendig ist, wurde eindrucksvoll durch die Anwesenheit von drei österreichischen Genofsinnen und die Sympathiekundgebungen der belgischen und Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Alara Bettin( 8undel), Stuttgart, BlumenStraße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. schweizerischen Sozialistinnen bekräftigt. Den Vertreterinnen unserer österreichischen Kampfesgefährtinnen haben die deutschen Genossinnen für mehr noch zu danken als für diese Bekundung: für die werthvolle Mitarbeit, die sie bei der Erörterung verschiedener Fragen geleistet haben. Auch der erbittertste Feind der Frauenbewegung wird den Theilnehmerinnen der Konferenz nicht nachsagen können, daß sie der ,, weiblichen Vorliebe" für Repräsentation, Komplimente, Vielrednerei, Glanz und Schein opfernd, Zeit mit Formalitäten und Effekthascherei vergeudet hätten. Im Laufe der ganzen Verhandlungen gab es nur eine einzige Geschäftsordnungsdebatte, und sie war kurz. Auch nicht eine Delegirte hat die ihr zugemessene Redezeit überschritten und im Allgemeinen ist mit der größten Sachlichkeit diskutirt worden. Redegewandtheit und Sachkenntniß gingen bei den Verhandlungen Hand in Hand mit klugem, praktischem Sinne und guter Selbstdisziplin. Nachdem Genossin Baader als Einberuferin die Konferenz für eröffnet erklärt hatte, begrüßte im Namen der Münchener Parteigenossen Genosse von Vollmar die Delegirten und wünschte ihren Arbeiten besten Erfolg. ihren Arbeiten besten Erfolg. In seinen trefflichen, wirkungsvollen Ausführungen betonte er, daß unter den zahlreichen Aufgaben, welche die Sozialdemokratie lösen müsse, um die Gesellschaft gründlich umzugestalten, die Frauenfrage mit die größten Schwierigkeiten biete. Nirgendwo sei das Vorurtheil, das von Alters her Ueberkommene, das sich so gern als Natur ausgeben möchte, so stark und widerstandskräftig, als auf dem Gebiet des Stampfes um die Gleichberechtigung der Frau. Wir müssen offen eingestehen, wieviel Arbeit hier noch zu leisten ist. Es ist des halb sehr verdienstlich, wenn eine Gruppe innerhalb der Sozialdemokratie diese Frage ihrer Lösung entgegenzuführen sucht. Genossin Baader bewillkommnete darauf die Delegirten und Gäste. Sie hob hervor, daß die proletarische Frauenbewegung innerhalb der Sozialdemokratie keine Sonderbestrebungen verfolge, sondern nur den vorliegenden thatsächlichen Verhältnissen entsprechend Mittel und Wege sucht, die proletarischen Frauen dem Sozialismus als Anhängerinnen zu werben. Was die Konferenz zu Mainz geschaffen und angeregt hat, um der proletarischen Frauenbewegung Einheitlichkeit und Zusammenhalt zu geben, die agitatorische und organisatorische Thätigkeit der Genossinnen zu steigern, habe sich bewährt. Die heurige Konferenz müsse das begonnene Werk fortsetzen, müsse das Wirken zur Lösung der alten, weiterbestehenden Aufgaben neu befeuern, die Lösung neuer Aufgaben vorbereiten und fördern. Genossin Baader schloß ihre Begrüßung mit einem tiefempfundenen Nachruf für die uns zu früh entrissene Genossin Eichhorn, zu deren Ehre die Anwesenden sich von ihren Sitzen erhoben. In das Bureau wurden gewählt die Genossinnen Zetkin und Baader als erste und zweite Borsigende und Genossin Zieg als Schriftführerin. Die Konferenz betraute die Genossinnen Greifenberg, Kähler und Panzeram mit der Prüfung der Mandate. Einstimmig und debattelos nahm sie die provisorische Tagesordnung und die vorgeschlagene Geschäftsordnung an, die unter Anderem je 10 Minuten Redezeit für die Diskussion und 15 Minuten für die Begründung von Anträgen und Resolutionen festsetzte. Den Thätigkeitsbericht erstattete Genossin Baader. Ihre trefflichen, übersichtlichen Ausführungen bewegten sich im Nahmen des Berichtes, den wir in nächster Nummer veröffentlichen. Sie klangen in der Aufforderung ans, alle Kräfte einzusetzen, um die Masse des weiblichen Proletariats dem Sozialismus zuzuführen. Mit der Diskussion über den Thätigkeitsbericht wurde die Be- rathung zweier vorliegender Anträge verbunden. Es waren der bereits in Nr. 19 mitgetheilte Antrag der Düsseldorfer Genossinnen, eine besoldete Zeutralvertrauensperson mit dem Sitze in � Berlin anzustellen und der Antrag der Kölner Genossinnen, einen bestimmten Beitrag festzusetzen, den die örtlichen Vertrauenspersonen alljährlich an die Zentralvertrauensperson abführen sollten. Den erstgenannten Antrag begründete Genossin Weiß damit, daß eine besoldete Beamtin ihre Zeit und Kraft ausschließlich der Organi- sations- und Agitationsarbeit zu widmen vermöge. Auf Vorkommnisse in Düsseldorf gestützt, suchte sie nachzuweisen, daß der Posten nicht mehr im Nebenamt versehen werden könne. Daß diese ihre Auffassung durchaus kein Mißtrauensvotum gegen die Thätigkeit der Genossin Baader bedeute, erklärte Genossin Weiß ausdrücklich, als sie zum zweiten Male in der Sache das Wort ergriff. Der Antrag wurde noch von Genossin Braun befürwortet. Sie anerkannte ebenfalls rückhaltlos die Leistungen der Genossin Baader, meinte aber, daß im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung die Vertrauensperson entweder besoldet werden müsse, damit sie nicht mehr auf den Broterwerb angewiesen wäre, oder aber, daß ihr eine bezahlte Hilfskraft zur Seite zu stellen sei, welche ihr die Schreibarbeit abnehme. Die Kosten der Neuerung könne die sozialdemokratische Gesammtpartei tragen im Hinblick auf die Bedeutung der Aufklärung der proletarischen Frauenmassen. Gegen den Antrag der Düsseldorfer Genossinnen wendeten sich die Genossinnen Baader, Wehmann, Greifenberg, Wehl, Kühler, Wackwitz und Zietz. Sie alle waren darin einig, daß Genossin Baader ihr Amt in vorzüglicher Weise geführt, und daß das Bedürfniß nach Anstellung einer besoldeten Beamtin sich nirgends fühlbar gemacht habe. Es handle sich vor Allem darum, in noch mehr Städten und Gegenden Vertrauenspersonen zu bestellen und zu schulen und ihre Verbindung mit der Vertrauensperson in Berlin zu stärken. Die Schwierigkeiten, mit welchen die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung zu kämpfen habe, könnten durch die Anstellung einer Beamtin auch nicht behoben werden. Besoldet oder nicht besoldet, erklärte Genossin Baader, sei die Vertrauensperson in Berlin außer Stande, die Agitation in Düsseldorf oder anderen Orten persönlich zu betreiben. Genossin Weyl und Genossin Zietz betonten, daß auch eine besoldete Beamtin weder die einzelnen Vertranenspersonen noch die Referentinnen wie Marionelten an Fäden halten könne. Ihre Thätigkeit sei vor Allem ohnmächtig, das größte Hinderniß für die Ausdehnung der proletarischen Frauenbewegung zu beseitigen: den Mangel an Zeit und Geld der Proletarierinnen. Hätten wir genügend Mittel, so werde sich deshalb vor Allem empfehlen, einen materiellen Zuschuß den Genossinnen zu zahlen, die in den Zentren unserer Bewegung an erster Stelle thätig sind. Genossin Kähler verwies darauf, daß sie bei ihrer ausgebreiteten Thätigkeit als Agitatorin nirgends Klagen über die Unzulänglichkeit des jetzigen Standes der Dinge gehört habe. Der Antrag der Kölner Genossinnen wurde kurz von Genossin Acker befürwortet und von Genossin Greifenberg bekämpft, die ihn als gutgemeint, aber nicht durchführbar bezeichnete. Er wurde mit allen gegen eine Stimme, der Antrag der Düsseldorfer Genossinnen mit allen gegen zwei Stimmen verworfen. Genossin Wehmann gab ein interessantes und sehr lehrreiches Bild von der Arbeit der Leipziger Genossinnen in der Beschwerdekommission. Genossin Zietz hob unter Hinweis aus das Vorgehen der Hamburger Genossinnen hervor, welche Förderung die proletarische Frauenbewegung durch die Tagespresse erhalten könne. Genossin Baader wurde für ihre Thätigkeit als Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands einstimmig Decharge ertheilt. Ehe die Konferenz in den zweiten Punkt ihrer Tagesordnung eintrat, übermittelten die herzlich bewillkommneten delegirten österreichischen Genossinnen Popp und Schlesinger die Wünsche und Grüße ihrer Mandanten und zeichneten unter lebhaftem Beifall ein anregendes Bild von der österreichischen Arbeiterinnenbewegung.— Zur Frage:„Wie bilden wir Aaitatorinnen heran?" legte / Genossin Zietz einleitend die Gründe dar, warum der Nachwuchs an Agitatorinnen nicht dem Bedürfniß nach solchen entspricht. Sie charakterisirte dabei scharf sowohl die Hindernisse, welche die Ausbildung der proletarischen Frau hemmen, wie auch die gestiegenen Anforderungen, welche die Genossinnen an sich selbst und ihr Leistungsvermögen stellen. Des Weiteren erläuterte Genossin Zietz an dem Beispiel der Hamburger Genossinnen, wie durch methodisch geleitete Vortrags- und Diskussionsabende im kleinen Kreise die Frauen in der Ausarbeitung von Vorträgen geschult und zu Rednerinnen herangebildet werden können. Die leitende Genossin giebt zunächst das Gerippe, den logischen Gedankengang, eines kleinen Vortrags, der dann nach stattgehabter Besprechung der Materie von den Theilnehmerinnen ausgearbeitet wird. Genossin Wehmann berichtete, daß man in Leipzig mit ähnlichen Veranstaltungen gute Erfolge erzielt habe. In Augsburg, so führte Genossin Greifenberg aus, konnte man noch nicht regelrechte Vortrags- und Diskussionsabende einrichten. Doch schulen sich hier die Genossinnen durch die Diskussionen im Franenbildungsverein zu Rednerinnen. Genossin Kähler war der Ansicht, daß vor Allem die Betheiligung der Genossinnen an den öffentlichen Versammlungen, ihr Eingreifen in die Debatten geeignet sei, die agitatorischen Fähigkeiten zu entwickeln. Zu der dadurch gebotenen Gelegenheit zur Schulung müsse das Studium der Parteiliteratur treten und die Weckung des Selbstvertrauens. Genosse Müller und Genossin Baader empfahlen, daß die Genossinnen sich ganz besonders an der Kleinarbeit für die Gewerkschaften, in Werkstuben- sitzungen, durch die mündliche Propaganda unter den Aibeits- schwestern zu Agitatorinnen heranbilden sollten. Genosse Müller befürwortete zu diesem Zwecke noch besonders, daß für jeden größeren Betrieb mit zahlreicher weiblicher Arbeiterschaft eine eigene Lertrauensperson zu bestellen sei, die eine werbende Thätigkeit entfalten solle. Genossin Baader wies ihrerseits noch besonders auf den Nutzen hin, den Frauenbildungsvereine, ArbeileibildmiMchulen und ähnliche Einrichtungen für die Ausbildung der Genossinnen zu Agitalorinnen haben. Die.Lese-, und Diskusstousabende erachtete Genossin Schlesinger als zweckentsprechende Mittel, vorausgesetzt, daß nicht schwere theoretische Werke erörtert würden, daß vielmehr Diskussion und Ausarbeitung der Vorträge anknüpfe an Fragen, welche die nächstliegenden Interessen der proletarischen Frauen berühren. Daß bei Schulung der Genossinnen die Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie besonders berücksichtigt werden müßten, führte Genossin Baumann aus, die des Weiteren die Lortheile der Lese- und Diskussionsabende erörterte. Genossin Braun wies auf den Nutzen der Werkstubenagitation für die Heranbildung von Agitatoriimen hin. Sie wendete sich gleichzeitig entschieden dagegen, daß in Berlin zu dieser Agitation auch bürgerliche Frauen herangezogen werden, die nicht auf dem Boden der sozialistischen Ueberzeugung stehen. Die Genossinnen Zietz und Weyl pflichteten diesen Ausführnngrn bei. Sie stellten dabei fest, daß in Hamburg und Berli�c einzelne bürgerliche Frauenrechtlerinnen von einzelnen Gewerkschaften und Genossinnen zu individueller Mitarbeit herangezogen worden seien, daß man aber schlimme Ersahrungen betreffs dieser Mitarbeit gemacht habe. Das Experiment werde sicherlich nicht so bald erneuert werden. Genosse Hoffmann hob hervor, daß die Lese- und Diskussionsabende rc. nur ihren Zweck erfüllen können, wenn die nöthigen lehrenden und leitenden Kräfte vorhanden sind. Er befürwortete vor Allem die regste Mitarbeit der Genossinnen in der gewerkschaftlichen Bewegung, weil hier Interessen im Vordergrunde stehen, welche den Frauen verständlicher seien als politische Fragen. Ein treffliches Mittel, allmälig mehr Agitatorinnen heranzuziehen, sei die Bethäligung der Genossinnen bei Kleinarbeit jeglicher Art, so führte Genossin Thiel aus. Genosse Müller wünschte, daß die Debatten nicht blos Anregungen, sondern ein bestimmtes praktisches Resultat geben möchten. Er beantragte daher, daß die Zentralvertrauensperson mit Hilfe agitatorisch thätiger Genossinnen einen Leitfaden für die praktische Agitation auf allen Gebieten ausarbeiten und zur Verbreitung bringen solle. Er zog jedoch den Antrag zurück, nachdem Genossin Baader dargelegt hatte, daß der Zweck dieses Antrags bereits erfüllt werde durch die Zirkulare, welche sie von Zeit zu Zeit an die Vertrauenspersonen sende. Genossin ZetkiK. betonte,. daß die Kleinarbeit auf jedem Gebiet ein werthoollKMittel zur / Schulung von Agitaionimen sei, ebenso auch die Ausnutzung der Bildungsmittel, auf die hingewiesen worden. Dabei sei aber nicht zu übersehen, daß der Mangel an Zeit und Mitteln oft agitatorisch sehr befähigten Genossinnen die Möglichkeit raube, sich in Theorie und Praxis bilden zu können. Pflicht der Genossinnen sei es, in solchen Fällen materielle Opfer zu bringen, um den bildungsfähigen und bildungswilligen Gefährtinnen die materiellen Vorbedingungen für die ersehnte Entwicklung zu schaffen. Von höchster Bedeutung für die Schulung von Agitatorinnen sei auch die Charakterbildung. Wer agitiren wolle, der müsse durch strenge Selbstzucht und treue Pflichterfüllung die edelsten und sittlichen Kräfte der Persönlichkeit zur Entfaltung bringen, der müsse lernen, in uneigennütziger und aufopfernder Weise die eigene Person dem Dienste der Allgemeinheit unterzuordnen. Die Konferenz könne kein alleinseligmachendes Rezept für die Bildung von Agitatorinnen beschließen. Die Genossinnen müßten sich alle Anregungen zu Nutze machen und sie praktisch erproben je nach Kräften, Mitteln und Verhältnissen. An die Berichterstattung der Mandatprüfungskommission knüpfte eine lebhafte Debatte an. Sie wurde hervorgerufen durch die Auffassung, bezw. den Antrag des Genossen vi-. Heinrich Braun, Mandate zum sozialdemokratischen Parteitag als giltige Mandate zur Frauenkonferenz und ihre Träger als stimmberechtigte Delegirte, statt als Gäste, anzuerkennen. Zur Begründung seines Antrags verwies Genosse Braun auf die Einheitlichkeit der proletarischen Frauenbewegung und der allgemeinen sozialdemokratischen Bewegung. Die Genossen Ebert und Bader, sowie Genossin Braun befürworteten den Antrag, der von den Genossinnen Panzeram, Greifenberg, Kahler und Zietz entschieden bekämpft wurde. Die drei erstgenannten Genossinnen erklärten, daß sie als Mitglieder der Mandalprüfungskommission außer Stande gewesen seien, das Parteitagsmandal der Genossin Braun aus Rosenheim als auch für die Frauenkonferenz giltig anzuerkennen. Sie könnten ebenso wenig die Berechtigung des Antrags Braun anerkennen. Die Frauenkonferenz sei als selbständige Tagung einberufen und die Bedingungen bekannt gegeben worden, welche für die Delegirung gelten. Die Genossinnen Baader und Zietz führten aus, daß bei aller Einheitlichkeit der proletarischen Frauenbewegung und der sozialdemokratischen Bewegung Frauenkonferenz und Parteitag zwei verschiedene, selbständige Tagungen seien. Die Bedingungen für die Delegirtenwahl werden rechtzeitig öffentlich bekannt gegeben. Wem es wichtig scheine, an der Konferenz nicht blos mit berathender, sondern auch mit beschließender Stimme theilzunehmen, der könnte sich ebenso gut wie ein Mandat zum Parteitag noch ein solches zur Konferenz verschaffen. Nachdem der Antrag mit allen gegen 5 Stimmen abgelehnt worden, beantragte Genossin Zietz unter allgemeiner Zustimmung, die Konferenz solle nun, wo die Frage grundsätzlich entschieden sei, Genossin Braun unter den obwaltenden Umständen als Delegirte zulassen. Genossin Braun erklärte jedoch, daß sie auf das gewährte Recht verzichte, weil sie für ihre Person keine Ausnahme wolle, auch das Mandat zum Parteitag höher schätze, als das zur Frauenkonferenz. Zur Frage des Arbeltewwnen schütz es lagen der Konferenz zwei Resolutionen vor. Die eine davon bezog sich in der Hauptsache auf die Verkürzung der Arbeitszeit aller Arbeiterinnen und den Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen, die zweite betraf den Ausbau der Beschwerdekommissionen. Die Begründung derselben wurde von Genossin Zietz gegeben. Diese legte dar, daß die erstere Resolution nur die Forderungen erneuere, welche die Konferenz zu Mainz berathen und beschlossen habe. Von diesen Forderungen werden aber die in den Vordergrund geschoben, welche in Folge der Situation in den Mittelpunkt unserer nächsten einschlägigen Agitation stehen müssen. Die Berechtigung der geheischten Reformen ist seit langen Jahren und erst neuerlich wieder durch die Enquete der Regierung über die Fabrikarbeit verheiratheter Frauen offiziell bekräftigt worden. Trotzdem läßt die Haltung der Regierung und der Scharfmacherklique die Verschleppung der weiteren Ausgestaltung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes befürchten, ebenso viel geringfügige Verbesserungen desselben. Da gilt es, daß die Genossinnen in Gemeinschaft mit den gewerkschaftlich und politisch kämpfenden Arbeitern energisch für die Interessen der Arbeiterinnen eintreten. Durch schlagende Beispiele aus dem Leben wies Genossin Zietz die Dringlichkeit eines höheren Maßes an Arbeiterinnenschutz nach. Sie verbreitete sich über die Verpflichtungen, welche die Resolution den Genossinnen zur Förderung des gesetzlichen Aibeiterinnenschutzes auferlegt. Sie rückte ferner die Nothwendigkeit in Helles Licht, den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz zu ergänzen durch die gewerkschaftliche Selbsthilfe der Arbeiterinnen. Was insbesondere die Gewerkschaften und die Be- schwerdekommissioncn zur Durchführung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes zu leisten vermögen, das zeigte sie an der Hand von Erfahrungen und begründete damit die zweite Resolution. Die Debatten kreisten im Wesentlichen um drei Fragen: eventuelle Erweiterung der Resolution über den Arbeiterinnenschutz durch Einfügung aller Forderungen, die die Konferenz zu Mainz formu- lirte; Ausgestaltung der Krankenversicherung zu Gunsten der Schwangeren und Wöchnerinnen oder Mutterschaftsversicherung; Errichtung und Ausbau der Beschwerdekommisstonen. Genossin Braun bemängelte es, daß die Resolution nicht alle Arbeiterinnenschutzforderungen der Mainzer Konferenz enthalte. Der Umstand könne zu Mißdeutungen führen. Sie vermisse insbesondere das Verbot der Ueberzeitarbeit. Auf Grund ihrer tiefgehenden Studien müsse sie ferner anregen, das Schwergewicht betreffs Sicherstellung der Arbeiterinnen gegen den Einfluß gesundheitsschädigender Beschäftigungsarten rc., und nicht auf das Verbot der Arbeit zu legen, sondern auf die Sanirung der Arbeitsbedingungen und Arbeitsverfahren. So könne zum Beispiel in der Textilindustrie das verderbliche Bleiweiß durch Zinkweiß ersetzt werden. Genossin Zietz erwiderte, daß die vorgelegte Resolution ausdrücklich auf den Mainzer Beschluß verweise. Dieser enthalte aber all die Einzelforderungen, die Genossin Braun vermisse. Wie sie bereits ausgefühit, habe die Resolution nur diejenigen Verbesserungen betont, welche voraussichtlich zufolge des Vorgehens der Regierung und der bevorstehenden Reform der Krankenversicherung bald im Mittelpunkt der parlamentarischen Berathungen und des politischen Kampfes stehen würden, und auf die mithin auch die Agitation der Genossinnen besonders nachdrücklich einsetzen müsse. Was die Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen anbelangt, so bezeichnete Genossin Braun eine allgemeine Mutterschaftsversicherung, getragen vom gesammtcn Volke und für das gesammte Volk, als zu erstrebendes Ziel. Die Kosten derselben könnten vielleicht durch eine progressive Einkommenssteuer getragen werden. Es sei eine rein technische Frage, ob zur Fürsorge für Mütter und Säuglinge eine besondere Versicherung eingerichtet oder die Krankenversicherung entsprechend eingerichtet werde. Gegen das Letztere spreche die enorme Belastung der Krankenkassen. Die Mutterschaftsversicherung sei ein bedeutsamer Schritt zu dem Ideal der ökonomischen Selbständigkeit der Frau. Die Konferenz müsse sich außerdem mit der Frage der Witwen- und Waisenversorgung befassen. Nöthig wäre gewesen, daß man für die Frage der Arbeiterversicherung und der Heimarbeit Referentinnen bestellt hätte. Genossin Zetkin erklärte, daß die Aufgabe der heurigen Konferenz nicht sein konnte, die Frage der Arbeiterversicherung im Allgemeinen zu erörtern. Für sie kommt die Versicherungsgesetz- gesetzgcbuug nur insoweit in Betracht, als ihre Bestimmungen Ergänzungen zu den geforderten Bestimmungen der Gewerbeordnung bilden, die Schutzfrist für Schwangere und Wöchnerinnen betreffend. Der Mutterschaftsversicherung lägen erhabene Ideale zu Grunde: das der weitesten menschlichen Solidarität, das der richtigen Einschätzung vom Werths des menschlichen Lebens. Aber diese Ideale stehen im schneidendsten Gegensatz zu dem Wesen der kapitalistischen Ordnung. Sie können erst verwirklicht werden, wenn in der sozialistischen Gesellschaft das Recht des lebendigen Menschen über die Macht des todten Besitzes gestellt werde. Welche Gestalt die Fürsorge für Mutter und Kind dann annehmen werde, wissen wir nicht. Wir müssen den Schutz von Mutter und Säugling im Proletariat heute auf dem Wege anstreben, den die bürgerliche Gesellschaft mit kleinen Schritten und widerstrebend betreten hat. Das ist der Weg der Krankenversicherung. Die Krankenkassen zeigen steigende Tendenz zum Ausbau der Wöchnerinnenfürsorge. Der finanziellen Belastung durch dieselbe stehen andererseits Minderausgaben gegenüber für solche Leiden der weiblichen Mitglieder, die Folgen schlecht über- standener Wochenbetten sind. Die Reformen der Krankenveisiche- rung, welche die Resolution fordert, sind in Verbindung mit Staatszuschüssen geeignet, die nöthige Leistungskraft der Kasse herbeizuführen. Der Schutz der Schwangeren, Wöchnerinnen und Säuglinge müsse durch die geheischten kommunalen Einrichtungen ergänzt werden, die gleichzeitig Hunderten sogenannter„alter Jnngfern" und kinderloser Frauen Gelegenheit zum Ausleben ihres mütterlichen Empfindens verschafft. Genossin Braun meinte, daß es stets als Kennzeichen bürgerlicher Frauenrechtlerinnen und Reformer gegolten habe, aus Opportunitätsgründen wenig zu fordern, um etwas zu erreichen. Wir Sozialdemokraten verlangten dagegen alles, um etwas durchzusetzen. Die Mutterschaftsversicherung liege übrigens auch im Interesse der heutigen Gesellschaft, wie ungünstige Rekrutenaushebungen und Degeneration ganzer Volksschichten beweisen. In ihrer Erwiderung erklärte Genossin Zetkin, daß die Sozialdemokratie stets so„opportunistisch" gewesen sei, keine Reformen zu fordern, die im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft nicht verwirklicht werden können. Die Mutterschaftsversicherung sei gar keine spezifisch sozialistische Forderung. Bürgerliche Frauenrechtlerinnen und Reformler treten mit Eifer für sie ein, so zuni Beispiel Paolina Schiff, Louis Frank rc. Im Anschluß an die Resolution über die Beschwerdekommissionen führte Genosse Ebert aus, daß durch dieselben nicht bestehende Einrichtungen, wie Arbeitersekretariate rc., bei Seite geschoben werden dürften, wolle man nicht die praktischen Erfolge der Beschwerdekommissionen gefährden. Ferner müsse bedacht werden, daß nicht überall die nöthigen Vorbedingungen für die gesunde Entwicklung der befürworteten Institutionen vorhanden seien, und daß die Genossinnen eine Ueberlastung mit Aufgaben vermeiden sollten. Die geäußerten Bedenken wurden vor Allem durch Genossin Baader unter Hinweis auf Wortlaut und Sinn der Resolution zerstreut. Genossin Wetzl, die auch für den Wöchnerinnenschutz durch die Krankenversicherung eintrat, zeichnete ein Bild von der �Wirksamkeit der Berliner Beschwerdekommisfion und regte eine Zentralistrung der betreffenden Einrichtungen für ganz Deutschland an. Genossin Wehmann ergänzte ihre frühere Darstellung von der Thätigkeit der Beschwerdekommission der Leipziger Genossinnen. Wie nützlich die Mitwirkung der Genossinnen für die Durchführung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes sei, stellte Genossin Kühler fest. Sie betonte dabei, daß die Errichtung von Beschwerde- kommisstonen eine wichtige Aufgabe der Gewerkschaftskartelle sei. Die beiden Resolutionen wurden einstimmig mit den Zusatzanträgen der Genossin Braun angenommen. Genossin Zietz gab in warmen Worten und unter Berufung auf werthvolles Thatsachenmaterial iiber die Ausbeutung schulpflichtiger Kinder und ihre entsetzlichen körperlichen, geistigen und sittlichen Folgen die Begründung der Resolution über den Kinderschutz. Den Entwurf der Regierung zum Schutze der gewerb- / lichen Kinderarbeit zerpflückte sie kritisch, charakterisirte ihn als Pfuschwerk und schloß mit dem Nachweis der Nothwendigkeit, ihm die Forderungen des klassenbewußten Proletariats entgegenzustellen. Ihre Ausführungen wurden ergänzt durch Genossin Greifenberg, welche das grausige Kinderelend in den Bezirken der Thüringer Spielwaarenindustrie schilderte, sich über die Ursachen der Auswucherung kindlicher Arbeitskräfte verbreitete und die Ausdehnung der Schulpflicht verlangte. Einstimmig nahm die Konferenz die einschlägige Resolution an. Das gleiche Resultat hatten die Verhandlungen über die Ne- solution, die Heimarbeit beireffend. Genossin Braun beantragte, die Erörterung der ungemein schwierigen Materie auf die folgende Sitzung zu vertagen. Die Konferenz werde aufgefordert, sich auf den Boden der Resolution des letzten Gewerkschaftskongresses über die Heimarbeit zu stellen. Weitgehende Studien hätten sie zu der Meinung geführt, daß diese Resolution zum Theil unhaltbar sei, und zwar müßten vor Allem die Punkte 2, 3 und 4 fallen. Genossin Zetkin bekämpfte den Antrag unter Hinweis auf die Aufgaben der Konferenz und den geplanten Heimarbeitkongreß. Nachdem der Antrag gefallen, begründete Genossin Kühler kurz die vorliegende Resolution. Ihrer Ansicht nach könne die Konferenz sehr wohl der Resolution des Gewerkschaftskongresses zustimmen, welche das Resultat langjähriger und gründlicher Beschäftigung mit der Frage der Heimarbeit sei. Die Rednerin befürwortete Versuche zur gewerkschaftlichen Organisirung der Heimarbeiterinnen, betonte jedoch, daß nicht besondere, vielmehr gewerkschaftliche Unterstützungseinrichtungen die Grundlage davon sein müßten. Der christliche Verein der Heimarbeiterinnen zu Berlin sei ihrer Ansicht nach außer Stande, das Heimarbeiterelend zu mildern. Von hohem Interesse waren die Ausführungen, welche Genossin Popp über den Wiener Verein der Heimarbeiterinnen machte(vgl. Nr. 18 der „Gleichheit"). / Die Debatten über die politische-Gtlelchchenechtigung des /weiblichen Geschlechts leitete Genossin Zetkin ein. Sie führte aus, daß das Frauenstttrn-mrecht in den letzten Wahlrechts- kämpfen in Belgien und Schweden, aber auch bei verschiedenen Aktionen der deutschen Sozialdemokratie zur Demokratisirung des Landtags- und Gemeindewahlrechts in einer Weise in den Hintergrund getreten sei, die weder der sozialdemokratischen Auffassung, noch dem praktischen Interesse des Proletariats entspreche. Mit der Verschärfung des Klassenkampfes werde die Frage des Frauenstimmrechts eine große Bedeutung erlangen. Gerade die reaktionärsten Parteien würden nach und nach— wie die Erfahrung zeige— das Frauenstimmrecht fordern. Allerdings nicht das allgemeine Frauenstimmrecht, wohl aber ein verfälschtes, ein Zensurwahlrecht, wie es dem weiblichen Geschlecht zu den norwegischen Gemeindevertretungen zuerkannt worden ist, und wie es auch deutsche Frauenrechtlerinnen begehren. Die Sozialdemokratie müsse in der Frage die letzten Konsequenzen des demokratischen Prinzips ziehen und dürfe nicht hinter bürgerliche Parteien zurücktreten. Auch praktische Rücksichten sprächen dafür. Erst wenn die Proletarierin das Stimmrecht besitzt, kann sie in vollem Umfange und gleich gerüstet wie der Arbeiter am Klassenkampfe theilnehmen. Das Stimmrecht ist ein vorzügliches Mittel für die Erziehung zu politischer Einsicht und Reife, für die Eroberung der politischen Macht. Die Forderung des Frauenstimmrechts müsse deshalb bei parlamentarischen Aktionen und vor Allem bei der außerparlamentarischen Agitation seitens der Sozialdemokratie mit allem Nachdruck vertreten werden. Die praktischen Nothwendigkeiten des Kampfes um das Wahlrecht könnten aber dazu zwingen, das höhere Interesse des gesammten Proletariats dem Rechte des weiblichen Geschlechts voranzustellen. Wichtige Fortschritte in der Richtung der politischen Gleichberechtigung des Proletariats dürften wegen des versagt gebliebenen Frauenstimmrechts nicht zurückgewiesen werden. Die Redneriu begründete des Weiteren die Nothwendigkeit, für ein freiheitliches und einheitliches Vereins- �rnd Versammlungsrecht für beide Geschlechter zu ringen. Sie rief zum energischen Kampfe auf gegen die beliebte Praxis des zweierlei Rechts, um entweder die Behörden zu zwingen, den Frauen aller Bevölkerungsklassen mit dem gleichen Maße zu messen, oder aber um die UnHaltbarkeit des jetzigen Standes der Dinge scharf hervortreten zu lassen. Für das Frauenstimmrecht trat Genosse v. Oppell ein. Genossin Braun bedauerte, daß die Frage des Frauenstimmrechts nicht immer wieder in den Vordergrund der Agitation geschoben werde. Die Arbeiter gehorchen nicht einem Gefühl der Ritterlichkeit, sondern handeln im eigenen Interesse an der Aufklärung der Frauen, wenn sie diese Reform fordern. Unter Exemplifizirung auf die Verhältnisse in Oesterreich schloß sich Genossin Popp dem Standpunkt der Genossin Zetkin durchaus an. Genossin Schlesinger äußerte dagegen Bedenken wider den zweiten Absatz der Resolution. Sie theilt nicht das uneingeschränkte Vertrauen, daß die Genossen zu rechter Zeit den Frauen das Stimmrecht erkämpfen werden. Genosse Ledebour kann nach den gehörten Ausführungen diese Bedenken nicht gelten lassen. Die Dringlichkeit des Kampfes für gerechte Praxis und gründliche Reform des Vereins- und Versammlungsrechts erhellte Genossin Zietz durch eine reichhaltige Blüthenlese von Erfahrungen, die sie als Agitatorin in Preußen, Braunschweig, Bayern und anderwärts noch gesammelt. Genosse Hengsbach, Genossin Thiel und Genossin Baumann bereicherten das aufgeschlagene Kapitel durch interessante Beiträge über die Handhabung des Vereinsund Versammlungsrechtes im Rheinland, im Wahlkreis Teltow- Beeskow und in der Altonaer Gegend. Mit ätzendem Spott überschüttete Genosse Ledebour die einschlägigen Gepflogenheiten der Behörden und die oft dabei bewiesene Unkenntniß des Gesetzes. Wie das geltende Vereins- und Versammlungsrecht in Sachsen die Agitation erschwert, schilderte eindringlich Genossin Kähler. Die beiden Resolutionen zur Frage der politischen Gleichberechtigung der Frau gelangten einstimmig zur Annahme. " 157 Zweifellos ist die Geburtshilfe eines der wichtigsten Gebiete der Gesundheitspflege. Das Wohl und Wehe der ganzen Familie hängt davon ab, wie die Gebärende Geburt und Wochenbett übersteht, wie das Neugeborene behandelt wird. Jeder weiß, wieviel hier von dem Verständniß und der Pflichttreue der Hebamme abhängt. Tod oder wenigstens langes, qualvolles Siechthum der Wöchnerin, Erblindung des Neugeborenen sind die furchtbaren Folgen, welche eine Vernachlässigung der amtlich vorgeschriebenen hygienischen Maßnahmen seitens der Hebamme nach sich zieht. Wir haben in Deutschland ungefähr 36000 Hebammen, die jährlich insgesammt ca. 1900000 Geburten leiten, das sind 95 Prozent aller Geburtsfälle. Nur bei 5 von 100 Fällen wird die Hilfe eines Arztes bei der Geburt in Anspruch genommen. Für die Frauen des Proletariats kommt ärztlicher Beistand bei der Entbindung nur in sehr schweren Fällen in Frage, während die Frauen der besitzenden Klassen oft nur zu ihrer eigenen Beruhigung den Arzt zu Hilfe rufen. Zum Punkte: Verschiedenes stimmten alle Delegirten einer Resolution über die Fleischtheuerung zu, welche von Genossin Ihrer und mehreren anderen Berlinerinnen eingeschickt worden war, und der die Konferenz einen Zusabantrag hinzugefügt hatte, betreffend das Vorgehen der sozialdemokratischen Gemeindevertreter in der Sache. Die Genoffinnen Gregor und Wulff, sowie der Genosse Wolf befürworteten einen Antrag der Görlizer Ge nossinnen, die Gleichheit" populärer zu gestalten. Ihnen wurde von den Genossinnen Zieg und Bettin entgegnet, daß die„ Gleich- In manchen Gegenden Deutschlands ist bei der ländlichen Bevölkeheit" vor Allem das Organ der fortgeschritteneren Genossinnen sei. Außer den dadurch bedingten Artikeln enthalte aber jede Nummer mindestens einen leichtverständlichen Beitrag. Rege Mitarbeit der Genossinnen sei das beste Mittel, um die geäußerten Wünsche zu erfüllen. Genoffin Ziez wendete sich noch besonders dagegen, der „ Gleichheit" den Charakter eines Familien- und Unterhaltungsblattes zu geben. Der angeführte Antrag wurde mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt. Einstimmig und nach kurzer Debatte erklärte sich dagegen die Konferenz für eine Resolution, welche Genossin Zieß einbrachte, um der Interpretation vorzubeugen, daß das neue Statut der sozialdemokratischen Partei das Recht der Genossinnen aufhebe, eigene Vertrauenspersonen zu bestellen. Als Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands wurde auf Vorschlag von Genossin Greifenberg einstimmig Genossin Baader wiedergewählt. Genoffin Popp lud darauf die. deutschen Genoffinnen ein, nächste Ostern zur zweiten Konferenz der sozialdemokratischen Frauen Oesterreichs Vertreterinnen zu ent= senden, die der herzlichsten Aufnahme gewiß sein könnten. Genossin Zettin ließ in ihrem Schlußwort die Arbeiten der Konferenz furz Revue passiren und hob hervor, daß in ihnen der innere Zusammenhang der proletarischen Frauenbewegung und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die reinliche Scheidung der ersteren von allen bürgerlichen Reformbewegungen scharf zum Ausdruck gekommen sei. Es sei ein erhebender Beweis von der Macht des sozialistischen Gedankens, daß diese Arbeiten von Frauen geleistet worden, die in den engsten Verhältnissen aufgewachsen, mit der dürftigsten Volksschulbildung ausgerüstet jedes Tröpfchen Wissen und Erkenntniß um den Preis der härtesten Entbehrungen und mit Hinopferung der kurzen Nachtruhe erkaufen mußten. In ihrer Entwicklung und in ihren Leistungen trete uns ein Stück jener bewußt wirkenden geschichtlichen Straft entgegen, welche das sozialistische Ideal verwirklichen werde. Mit einem begeisterten Hoch auf die proletarische Frauenbewegung und die internationale revolutionäre Sozialdemokratie schloß die Konferenz. Die Genosfinnen können mit Befriedigung auf die Münchener Berathungen zurückblicken. Sie haben den Zusammenhalt und das Solidaritätsgefühl der proletarischen Klassenkämpferinnen gekräftigt und sie in lebendigere persönliche Fühlung miteinander gebracht. Sie haben ihrer Arbeit, ihrem Ringen bestimmte Ziele gesetzt und auf Mittel und Wege hingewiesen, ihr Leistungsvermögen zu ers höhen. Nun gilt es, für die Durchführung der gefaßten Beschlüsse zu wirken und die gegebenen Anregungen zu erproben. Auf zur Arbeit und zum Stampfe mit alter Begeisterung und Treue, aber mit neuem Muthe! Dom Hebammenelend. Von Marie Kunert. I. Trotz aller Fortschritte auf dem Gebiet hygienischer Erkenntniß, die uns das neunzehnte Jahrhundert gebracht hatte, haben wir in Gestalt des Hebammenelends ein sehr altes Uebel in das neue Säkulum hinübergeschleppt. Mit dem Hebammenelend meinen wir nicht nur die elende wirthschaftliche und soziale Lage der Hebammen, sondern auch das Elend, das durch die heutige Geburtshilfe über große Schichten unserer Bevölkerung gebracht wird. Beides hängt eng miteinander zusammen und liefert einen neuen Beweis dafür, daß unsere vielgepriesene moderne Kultur nur Scheinkultur ist. rung das Vertrauen in die staatlich geprüften Hebammen so gering, daß man sich noch wie vor Jahrhunderten bei der Entbindung mit dem Beistand alter Weiber begnügt. Man sollte es nicht für möglich halten, daß heute noch zum Beispiel in den Kreisen Wirsiz und Bomst 40 Prozent aller Entbindungen von solchen Pfuscherinnen geleitet werden.( Vergl.„ Zeitschrift für Medizinalbeamte", Nr. 9.) Ja, es soll sogar Kreise geben, in denen die Zahl der ohne Hilfe von Hebammen gemachten Entbindungen" nach Mittheilungen von Kreisärzten über 50 Prozent beträgt! Von den sanitären Mißständen, welche derartige barbarische Zustände mit sich bringen müssen, verräth die Statistik der Todesfälle an Kindbettfieber leider nichts. Unsere unzulängliche Reichsmedizinalstatistik beschäftigt sich bekanntlich nur mit Orten von 15000 und mehr Einwohnern. Beruht die deutliche Abneigung der oben erwähnten Bevölkerungsschichten auf Unverstand und altererbten Vorurtheilen, so ist das Mißtrauen, das heute von Aerzten und gebildeten Laien dem Hebammenstande in seiner großen Mehrheit entgegengebracht wird, aus wesentlich anderen Ursachen hervorgegangen. Die Aerzte sehen sich in neuerer Zeit besonders in den kleinbürgerlichen und proletarischen Schichten einem ständig wachsenden Heere von schleichenden Frauenkrankheiten gegenüber, von denen ein großer Theil nicht nur durch unzulängliche Pflege im Wochenbett verursacht wird, sondern seine Entstehung direkt Mißgriffen und Nachlässigkeiten der Hebammen verdankt. Dazu kommt, daß die Todesfälle an Kindbettfieber, die sich nach unserer mangelhaften Medizinalstatistik allerdings nur annähernd berechnen lassen, noch immer alljährlich 6000 bis 7000 Opfer dahin raffen, trotzdem den Hebammen bei Strafe des Gesetzes für jede schwere Verfehlung die strengsten aseptischen Maßnahmen vorgeschrieben sind. Das entsetzliche Unglück, das Blindheit über ein Individuum verhängt, wird in der großen Mehrzahl der Fälle, wie erst 1898 auf dem Berliner Kongreß der Augenärzte festgestellt wurde, durch leichtsinnige oder unwissende Hebammen verursacht, welche versäumen, die gefährliche eitrige Augenentzündung der Neugeborenen mit den vorgeschriebenen Mitteln zu bekämpfen. Da darf man sich nicht wundern, wenn bedeutende Gynäkologen, wie Brennecke- Magdeburg, es für eine Pflicht des Aerzteftandes erklären,„ das Publikum zu warnen, es mit allen Mitteln herauszureißen aus der übergroßen Vertrauensseligkeit, die es dem unfähigen Hebammenstand leider noch immer entgegenbringt". Brennecke möchte an jeden Arzt die Frage stellen, ob er einer heutigen Durchschnittshebamme mit gutem Gewissen und ohne Sorgen die Entbindung seiner Frau und seiner Tochter allein überlassen möchte". Schon 1883 nahm der Merseburger Aerzteverein in einer Generalversammlung die These an: " Der heutige Hebammenstand ist in seiner großen Mehrheit den Anforderungen der modernen Geburtshilfe nicht gewachsen, weder in Anschauung seiner Fachbildung, noch in Anschauung seiner Qualifikation." Dieses harte Urtheil hat inzwischen gerade aus ärztlichen Kreisen immer wachsende Zustimmung gefunden. Gewiß giebt es eine nicht geringe Zahl tüchtiger und gewissenhafter Hebammen. Aber hier handelt es sich vor Allem darum: wie ist der Durchschnitt der Hebammen beschaffen, und wie ist für die große Masse armer Frauen in Stadt und Land bezüglich der Geburtshilfe im Wochenbett gesorgt? Hat doch die Proletarierin gerade ein Hauptinteresse daran, möglichst unversehrt und arbeitsfähig aus den Leiden des Wochenbetts hervorzugehen. Sie hat keine Zeit und kein Geld zum Kranksein. Wer von uns fennt nicht Fälle, in denen ganze Familien durch Siechthum der Frau und Mutter an den Folgen der Geburt in den Abgrund des tiefsten Elends gestürzt wurden? Trotz alledem sind wir der Ansicht, daß das Verdammungsurtheil vieler Aerzte über den heutigen Hebammenstand nur zum kleinsten Theile an die richtige Adresse gerichtet ist. Nicht die Hebammen sind für die oben angedeuteten Mängel unserer Geburtshilfe verantwortlich zu machen, sondern Staat und Gemeinde sind die wahren Schuldigen, weil sie aus staats- oder kommunalegoistischen Gründe» Zustände dulden, bei denen man sich nur darüber wundern muß, daß das auf gesundheitlichem Gebiet angerichtete Unheil nicht noch viel größer ist, als es thatsächlich der Fall ist. Staat und Gemeinde haben bei uns die Fürsorge für die Beschaffung der Geburtshilfe übernommen, aber sie wollen nichts dafür ausgeben. Wir werden demnächst nachweisen, daß die in Betracht kommenden Körperschaften sich sowohl gegen das Publikum, wie gegen die Hebammen in nicht wieder gut zu machender Weise versündigen, wenn sie grundsätzlich nur das schlechteste Material für den verantwortungsvollen Beruf der Geburlshelferin auswählen, weil nur dieses ohne Murren die ihm auferlegten elenden Existenzbedingungen erträgt. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Auf Veranlassung der Vertrauensperson der Genossinnen von Köln, Genossin Zeise, unternahm Genossin Greifenberg-Augsburg vom 22. August bis 1. September eine Agitationstour im Rheinland. Versammlungen mit dem Thema: „Die nothwendige Theilnahme der Frauen am Klassenkampf", fanden statt in Lindenthal, Deutz, Ehrenfeld, Kalk und Mülheim. In Aachen und Saarbrücken sprach die Referentin über„Die Jndustriearbeiterin als Mutter und Gattin"; in Dünnwald behandelte sie das Thema:„Im Kampf ums Dasein". Alle Versammlungen erfreuten sich eines sehr guten Besuchs, besonders zahlreich waren die Frauen erschienen. In vielen Orten konnten die Lokale nicht Allen Raum bieten, die gekommen waren, um an der Versammlung theilzunehmen. Jedenfalls ein erfreuliches Zeichen für das vorhandene Bedürfniß nach Aufklärung. Besonders zeichnete sich Aachen durch die rege Betheiligung der Frauen an der Versammlung aus. Und dies obgleich seitens der„Christlichen" die schlimmste Quertreiberei praktizirt worden war. Dieselben beriefen an dem nämlichen Tage, an dem unsere Versammlung stattfand, ebenfalls eine Versammlung ein und ließen durch ihren Blattausträger bekannt geben, daß die angekündigte sozialdemokratische Volksversammlung nicht stattfände, die Arbeiter sollten in die christliche Versammlung kommen. Zu dieser einen Unverfrorenheit gesellte sich noch eine zweite. Der Blattausträger erklärte nämlich, er mache das Vorstehende im Namen des Vertrauensmannes Schröder bekannt, der Einberufer der Volksversammlung war. Genosse Schröder erfuhr diese niederträchtige Handlungsweise erst am Vormittag des Versammlungstages. so daß die Zeit zu kurz war, um geeignete Schritte dagegen unternehmen zu können. So kam es, daß weniger Männer, dafür aber recht viel Frauen in der Versammlung anwesend waren. Der Vorgang zeigt, zu welchen Mitteln die„Christlichen" in christlicher Wahrhaftigkeit greifen, um Versammlungen illusorisch zu machen, die ihnen nicht behagen. Erfreulich ist, daß diese Mittel in Aachen den Erfolg der Agitation nicht zu vereiteln vermochten. Interessant war auch die Versammlung in Deutz, Sie war als Volksversammlung von einer Einzelperson angemeldet worden. Trotzdem sprang der Ueberwachende mit einem Male auf und verbot der Rednerin, die Politik in ihre Erörterung hineinzuziehen. Genossin Greifenberg belehrte ihn dahin, daß eine Volksversammlung tage, und daß in einer solchen die Frauen das Recht hätten, Politik zu treiben. Der Beamte erwiderte jedoch darauf:„Was Sie da sagen, ist mir ganz gleich, wenn Sie nochmal die Politik hereinziehen, dann löse ich die Versammlung auf!" Die Rednerin stellte es nun der Versammlung anHeim, zu entscheiden, ob sie in der Behandlung ihres Themas, das ein politisches sei, fortfahren und es zur Auflösung kommen lassen. oder ob sie die Politik aus dem Spiel lassen solle. Die Versammlung war einstimmig für die weitere Behandlung der Tagesordnung. Doch kaum hatte die Rednerin ihre Erörterungen wieder aufgenommen, als der Beamte aufsprang und das Befassen mit Politik abermals verbot. Jedenfalls war sich jedoch der Amtseifrige nicht ganz klar, was das Gesetz erlaubt, und was es verbietet, denn wenn er überzeugt war, im Rechte zu sein, so hätte er nicht zum dritten Male mit Auflösung gedroht, vielmehr einfach aufgelöst. Statt dessen hörte er nur den letzten Theil des Vortrags stehend mit an. Dieser Vorgang ist offenbar ein weiterer Beweis dafür, daß mit der Ueber- wachung von Versammlungen Beamte betraut werden, die aus Un- kenntniß der Gesetze störend in die Verhandlungen eingreifen. Von den Frauen verlangt man, daß sie das Gesetz kennen und respektiren, sollte man nicht auch von den Beamten das Gleiche fordern? Oder gilt vielleicht auch für Beamte und simple Reichsangehörige zweierlei Recht, wie es für die Damen vom Bunde der Landwirthe und die Proletarierinnen gilt? In Nippes steht den Genossen kein Lokal zur Verfügung, so daß dort keine Versammlung abgehalten werden konnte. Es ist aber am Orte ein guter Stamm von Genossinnen vorhanden, die soviel wie möglich im Stillen arbeiten, um neue Anhänger und Anhängerinnen für die Ideen des Sozialismus zu gewinnen. Und diese Ideen marschiren siegreich in die proletarischen Massen auch des„schwarzen" Rheinlands hinein, die Zentrumsgarde mag sich dagegen wehren, soviel sie will.>l.