Nr. 22. Die Gleichheit 12. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 8051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 22. Oktober 1902. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Aufruf der Vertrauensperson der Genosfinnen Deutschlands. Die Fleischnoth. Die Frauenbewegung in Italien. Von Dr. Robert Michels. Aus der Bewegung. Vom Hebammenelend. II. Von Marie Kunert. Feuilleton: Ein Kind. Skizze von Paul Bröcker.( Schluß.) Josephine Döring+. Notizentheil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Soziale Gesetz gebung. Vereinsrecht der Frauen.- Genossenschaftsbewegung. Frauenbewegung. Sittlichkeitsfrage. Genossinnen! Es liegt im Interesse der Aufgaben, welche Euch die Konferenz zu München zugewiesen hat, und die Euch aus der Situation in nächster Zeit erwachsen, daß Eure planmäßige Bethätigung feine Unterbrechung erfährt. Die Unterzeichnete fordert Euch deshalb auf, recht bald die Wahl Eurer Vertrauenspersonen vorzunehmen. In Orten und Bezirken, wo das System der weiblichen Vertrauenspersonen nicht besteht, wo sich aber das Bedürfniß nach einer regeren und einheitlicheren Betreibung der agitatorischen und organisatori schen Arbeit unter dem weiblichen Proletariat fühlbar macht, sollten die Genossinnen sich mit den Führern der politischen und gewerk schaftlichen Arbeiterbewegung in Verbindung setzen, um sich gemein sam mit ihnen über die eventuelle Aufstellung einer eigenen Vertrauensperson oder eine andere Form der organisirten Wirksamkeit schlüssig zu machen. Die Adressen der Vertrauenspersonen sind möglichst bald der Unterzeichneten bekannt zu geben. Mit Parteigruß Dttilie Baader Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands Berlin SW., Bellealliancestr. 95, Hof, III Tr. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Die Fleischnoth. Eine drückende Sorge mehr lastet seit langen Wochen auf dem werkthätigen Volte, eine drückende Sorge mehr, an der vor Allem die proletarische Hausmutter schwer zu tragen hat, die aber von der alleinstehenden Arbeiterin ebenfalls bitter empfunden wird. Die Fleischpreise sind zu einer Höhe gestiegen, die sich auch in der bürgerlichen Haushaltung mit gutem und festem Einkommen recht unangenehm fühlbar macht, die jedoch für das magere proletarische Portemonnaie schlechterdings unerschwinglich ist. In Posen, Schlesien und Mecklenburg, in Elsaß- Lothringen, Württemberg, Bayern, Baden, der Rheinprovinz, in Berlin und Umgegend wie in Sachsen und den Thüringischen Zauntönigsstaaten: furz, überall im Reiche herrscht Fleischtheuerung, herrscht Fleischnoth, weil der Auftrieb von schlachtreifen Thieren zurückgegangen ist und den Bedarf nicht zu decken vermag. Alle Fleischarten sind beträchtlich vertheuert, je nach Ort, Art und Stück um 5, 8, 10, 15 Pf. das Pfund. Allen voran haben aber die Preise für das Fleisch angezogen, das im proletarischen Haushalte die größte Rolle spielt: die Preise für Schweinefleisch. Nicht etwa, daß die Proletarierin sich für die eigene Lebenshaltung Buschriften an die Rebaktion ber Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart, Blumen Straße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. und die der Ihrigen auf das weniger nahrhafte Schweinefleisch aus jenem ,, Unverständniß" und jener„ Schlamperei" versteift, welche der wohlgenährte, von einer perfekten Köchin versorgte Bourgeois so gern für die kraft und saftlose Küche der Werkthätigen verantwortlich macht. Den höheren Nährwerth und die größere Schmackhaftigkeit von Lendenbeefsteates weiß auch die Arbeiterin zu schäzen, welche sich zum Mittagsmahl eine billige Wurst kauft oder die Frau des Drahtziehers, die nach der Erhebung der badischen Fabrikinspektion über die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter( 1899) für die fünfköpfige Familie wöchent lich dreimal je 1/2 Pfund Fleisch auf den Tisch bringt. Allein Schweinefleisch ist das Vorzugsfleisch der Armen und Kleinen in dieser besten aller Welten, weil es sich am wirthschaftlichsten eintheilen und ausnußen läßt. Das Emporschnellen der Preise dafür bis auf 80, ja 90 Pf. das Pfund trifft deshalb gerade Die am härtesten, die ohnehin nicht viel zu brocken und zu beißen haben, für die Fleisch weit mehr ein seltener Luxus als ein regelmäßiges Nahrungsmittel ist. In Wahrheit liegen die Dinge ja also, daß für die proletarischen Massen Fleischnoth und Fleischtheuerung ständige Erscheinungen sind. In der Lebenshaltung der Arbeiterfamilie, der Arbeiterin mangelt es jederzeit an Fleisch, weil es angesichts des geringen Einkommens auch bei verhältnißmäßig billigen Preisen noch viel zu theuer ist. Wurde doch der Durchschnittsverbrauch an Fleisch pro Kopf der deutschen Bevölkerung 1898 nur auf 29 Kilo geschätzt, während er in Großbritannien 55, in Frankreich 42 Kilo betrug. Dieser erschreckend niedrige Durchschnittsverzehr kommt lediglich auf Rechnung des Darbens der Millionen Besizloser und Ausgebeuteter. Zugegeben, daß in den Jahren nach 1898, zur Zeit des flottesten Ganges von Handel und Wandel, der Fleischkonsum der Arbeiterklasse sich ein Weniges gehoben haben mag. Sicher anderseits jedenfalls, daß er seit< her unter der Herrschaft der Krise zurückgegangen ist. Die Handels- und Gewerbekammer Plauen hat zum Beispiel festgestellt, daß in ihrem Bezirk der Fleischverbrauch von 16 740 030 Stilo im Jahre 1900 auf 14511577 Stilo in 1901 sant, sich also um 2228453 Stilo verminderte. Der Verzehr an Schweinefleisch betrug pro Kopf der Bevölkerung 1900 noch 23,68 kilo, 1901 aber nur 21,14 Kilo, insgesammt nahm er um 10,73 Prozent ab. Auch der fanatischste Spötter über die richtig verstandene„ Verelendungstheorie" wird sich vor der Behauptung hüten, die deutsche Arbeiterklasse nähere sich einem Einkommen, das jedem erwachsenen Proletarier den täglichen Verzehr jener 250 Gramm Fleisch ermögliche, deren er nach der Wissenschaft zu seiner Ernährung bedürfte. Jedoch nicht blos der Menge, auch der Qualität nach bleibt der Fleischverbrauch im Proletariat weit hinter der Vorschrift der Gesundheitslehre, hinter den Bedürfnissen des abgeraderten Körpers zurück. Im Allgemeinen sind es nicht die nahrhaftesten und wohlschmeckendsten Fleischarten, Fleischstücke und Fleischwaaren, welche die Arbeiterfrau, ängstlich mit jedem Pfennig rechnend, einkauft, welche der Arbeiterin beim billigen Mittagstisch vorgesetzt werden oder die sie sich Abends auf dem Spirituskocher hastig zubereitet. Nicht die Güte, die Billigkeit entscheidet über den Verzehr. Die, welche mit ihrer Arbeit Anderen, recht oft Müßiggängern, den Tisch mit feinem Filetbraten, Wildbret und Geflügel bestellen, können für sich und die Ihrigen recht oft nur minderwerthiges Fleisch, geringste Wurstsorten bezahlen. In den Haushaltungsrechnungen Nürnberger Lohnarbeiter"( 1901) heißt es auf Grund der genauen 170 heit zusehends verfällt, weil die gebotene Kost in keinem Verhältniß zur verausgabten Kraft steht. Aufzeichnungen über die Jahresausgaben von 44 Arbeiterfamilien:| manchesmal halbhungrig vom Tische aufsteht, daß seine GesundBeim Fleischverbrauch ist zu bemerken, daß die Arbeiter vielfach auf die minderwerthigen Fleischsorten angewiesen sind, neben Pferdefleisch, Pferdelunge, Pferdeleberkäse, Pferdewurst, die bei den niedrigen Gesammtausgaben sich öfter finden, kommen Ausgaben für Kopffleisch, Ochsenfuß. Euter, Rindsleber, Nieren, Milz, Herz sehr häufig vor. Die Ausgaben für Wurst nehmen einen relativ erheblichen Antheil des Budgets ein, was bei dem Wasserreichthum und der niederen Qualität der genossenen Würste nicht als erfreulich zu betrachten ist." Und es sind nicht einmal die schlechtest gestellten Arbeiterschichten, von deren Fleischverbrauch das Vorstehende gilt. Ausdrücklich wird in der Einleitung der angezogenen Broschüre erklärt: Was aus der Darstellung der hier verarbeiteten 44 Arbeiterhaushaltungsrechnungen hervorgeht, ist nicht die Lage der Nürnberger Arbeiterschaft, sondern, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, die der besser und bestgestellten Schichten derselben." Die Statistik über die Schlachtungen läßt übrigens ein scharfes Streiflicht auf den Fleischverzehr der proletarischen Massen fallen. Sie weist für die letzten Jahre in den Großstädten und Industriezentren einen steigenden Verbrauch von Pferde- und Hundefleisch nach. In Sachsen erstreckte sich 1901 die Fleischbeschau auf 10908 Pferde und 2502 Hunde. Nicht die Herrschaftsköchinnen aber sind es, die Pferde- und Hundeschlächtereien aufsuchen, die die Freibank umdrängen, es sind hohlwangige, versorgte, abgearbeitete Proletarierinnen. Angesichts dieser Lage der Dinge nun ein unerhörtes Hinaufgehen der Fleischpreise! Und das obendrein in Zeiten der Krise, wo Tausende gesunkenen, unregelmäßigen, unsicheren Verdienst haben, wo weitere Tausende arbeitslos, brotlos auf dem Pflaster liegen! Und das obendrein beim Nahen des Winters mit seinen erhöhten Ausgaben für Feuerung, Beleuchtung, Kleidung 2c.! Kein Zweifel: die ständige Fleischnoth der proletarischen Massen muß da zu unheimlicher Höhe wachsen, muß Entbehrungen anderer Art nach sich ziehen, die Gesundheitsverhältnisse in nachtheiligster Weise beeinflussen, eine Einschränkung der bescheidenen Ausgaben für Bildung und Erholung bewirken und troß alles Knappsens und Darbens die Sorgen grauenvoll steigern. " Wer aber leidet bitterer unter der Fleischtheuerung und ihren Folgen als die Arbeiterfrau, als die Arbeiterin? Zehntausende und Aberzehntausende von Lohnsklavinnen, die mit ihrem Wochen verdienst nicht über 8 bis 9 Mt. Hinauskommen, können sich schon bei normalen Preisen nie ausreichende Fleischkost gönnen. Nicht genügend an Fleisch und sei es gleich recht billig- vermögen Zehntausende und Aberzehntausende proletarischer Familienmütter aufzutischen, die mit einem Wirthschaftsgeld von 10 bis 12 Mt. den Wochenbedarf einer fünf und sechsköpfigen Familie decken müssen und dabei womöglich noch etwas für Kleidung, Brennmaterial 2c. ,, sparen" sollen. Theuerungspreise für Fleisch, und es mehren sich für die Einen wie die Anderen die Tage, wo vom mittäglichem Speisezettel das Kosthäppchen Schweinernes" oder ausgekochtes Kuhfleisch gestrichen werden muß, wo Pferdewurst und Hering als begehrte, kaum erschwingliche Zukost zu Brot und Kartoffeln erscheinen, wo Speck und Schmalz aus der Schublade oder dem Küchenschrank verschwinden. Soweit aber die Ausgaben für Fett, Wurst, Fleisch nicht umgangen werden können, heißt es sie wett machen durch doppeltes und dreifaches Sparen an anderen dringenden Bedürfnissen oder durch aufreibendere Erwerbsfrohn. Drückend empfindet es dann die Arbeiterin an dem Stechen im gebeugten Rücken, an der Schwere der Glieder, an der Unluft zur Lektüre, daß Entbehrungen und Anstrengungen im Bunde an den Kräften ihres Körpers zehren, ihren Geist müde und stumpf machen, ihren Willen lähmen. Die Arbeiterfrau aber muß sich mit noch Härterem abfinden. Mag sie aus der Tiefe ihres mütterlichen Empfindens heraus mit Opfermuth an der eigenen Lebenshaltung noch so viel abbrechen, mag sie heucheln, daß sie einen unüberwindbaren Abscheu gegen Fleisch hat, oder daß häutige Abschnigel ihre Lieblingsbissen sind: sie ist außer Stande, die Ihrigen vor Entbehrung zu schüßen. Sie ist Zeuge, wie mit der verschlechterten Ernährung die blassen Rosen auf den Wänglein der Kleinen schwinden, wie die mageren, welken Gesichtchen noch magerer und welker werden. Sie muß es geschehen lassen, daß der Mann Und warum der Proletarierin diese Theuerung, diese Noth? Weil die Wirthschaftspolitik des Deutschen Reiches im Zeichen der Losung steht: Gott schüße die deutsche Schweinewirthschaft, und wenn darüber das Volkswohl, die Volksgesundheit zum Teufel geht; weil sie den Armen nimmt, um den Reichen zu geben. In der That: nicht natürliche Verhältnisse sind es, welche die Fleischnoth, die Fleischtheuerung verursachen, vielmehr künstliche, die durch die Raffgier der Junkersippe und der ihr verbündeten Schlotfürsten geschaffen wurden. Deutschland erzeugt nicht genug Schlachtvieh. Eine Autorität auf dem Gebiete der deutschen Viehwirthschaft, Schäfereidirektor Heyne, hat seiner Zeit berechnet, daß bei Zugrundelegung des sehr mäßigen Fleischkonsums von 1893 das Gesammtschlachtgewicht des deutschen Viehs um 344,7 Millionen Kilo hinter dem Bedarf zurückbleibt. Das deutsche Volt ist mithin für seinen Fleischverzehr auf die Zufuhr aus dem Auslande angewiesen. Es hat ein Lebensinteresse daran, daß Vieh, Fleisch, Fleischwaaren in genügender Menge und zu billigen Preisen über die Grenze kommen. Das Geldsacksinteresse der großen Schweineund Rinderzüchter fordert dagegen Verminderung der Einfuhr, damit die Preise in die Höhe getrieben werden. Einfuhrzölle auf alle Vieharten und Fleisch vertheuern seit 1879 den Bedarf des deutschen Volkes künstlich. Und damit nicht genug. Zu den preissteigernden Zöllen sind nach und nach immer mehr, immer schärfere Maßregeln getreten, welche die Grenze gegen die Einfuhr von Vieh, von geschlachteten Thieren, Speck, Wurst, Büchsenfleisch, Schinken 2c. absperren. Nicht um Hunderte, nein um Tausende von Millionen hat in der Folge das werkthätige Volk seinen Fleischbedarf theurer zahlen müssen. Die Grenzsperre vor Allem ist Schuld an den gegenwärtigen Theuerungspreisen für Fleisch und Fleischwaaren. Sie hat bewirkt, daß auf allen großen deutschen Märkten der Auftrieb von Schlachtvieh ganz bedeutend zurückgegangen ist, in Berlin zum Beispiel in den 4 Monaten vom April bis Juli dieses Jahres um 25000 Stück gegen das Vorjahr. Nach der Allgem. Fleischerzeitung" wurden in den 6 ersten Monaten des Jahres 1902 an 51 Schlachthöfen großer und fleiner Städte 197214 Schweine weniger geschlachtet als in dem gleichem Zeitraum von 1901. Die Grenzsperre hat damit die Vieh- und Fleischpreise in die Höhe getrieben. In allen Grenz ländern ist das Fleisch erheblich billiger als in Deutschland. Und das Schlimmste: noch steht der deutschen Bevölkerung ein weiteres Anziehen der Preise in sicherer Aussicht. Mit dem 1. April 1903 treten die Bestimmungen des Fleischbeschaugesezes in Kraft, welche sich auf die Einfuhr frischen und zubereiteten Fleisches beziehen. Und der Zolltarifentwurf sieht eine geradezu verbrecherische Steigerung der Einfuhrzölle auf Vieh und Fleisch vor. Eitel Lug und Trug ist es, wenn die Maßregeln der Grenzsperre mit der Rücksicht auf die Volksgesundheit, mit Rücksicht auf die Abwehr von Viehseuchen zu rechtfertigen gesucht werden. Den nicht durch solche Maßregeln geschüßten Engländern, Belgiern, Schweizern 2c. bekommt das gefährliche" amerikanische Büchsenfleisch 2c. ganz vorzüglich. Ebenso den deutschen Marinetruppen, für die in Auslandshäfen große Vorräthe davon aufgekauft worden sind. Und offenes Geheimniß ist es, daß das deutsche Vieh weit weniger durch die eingeführten ausländischen Thiere mit Seuchengefahr bedroht wird, als durch die Unreinlichkeit in den Ställen und durch ungeeignete Fütterung. Die proletarische Frau läßt sich durch die Salbadereien der zollwucherischen Presse kein X für ein U vormachen. Mit Nach druck wird sie ihre Interessen vertheidigen, indem sie die Aufhebung der Grenzsperre, die Beseitigung aller Maßregeln fordert, welche das Fleisch vertheuern. Das schuldet sie nicht blos sich selbst, das schuldet sie ihrem Manne, der einer kräftigen Soft bedarf, soll er als leistungsfähiger Arbeiter genügend für den Unterhalt der Familie verdienen, das schuldet sie vor Allem ihren Kindern, die nur bei gesunder Ernährung zu einem gesunden, tüchtigen Geschlecht heranwachsen können. Nieder mit dem Fleischwucher, nieder mit jeder Besteuerung der Lebensmittel ist ihre Losung! Die Frauenbewegung in Italien.* Von Dr. Robert Michels. 4. Die Friedensbewegung der Frauen in Italien und ihr Rampf gegen den Militarismus. Sowohl die sozialistische Partei Deutschlands als auch diejenige Italiens haben, wie übrigens auch alle diejenigen der anderen Länder, die Abschaffung der stehenden Heere, sowie die Schlichtung aller internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege unter ihre Programmforderungen aufgenommen( Erfurter Programm Nr. 3, Programma Minimo del Partito Socialista Italiano,** Nr. 6). In der Art des Strebens auf diese Forderung hin besteht aber in der Praxis zwischen der Partei in Deutschland und der in Italien ein gewisser Unterschied. Bei uns geht der Kampf bisher mehr gegen die Einrichtung der Armee behufs Ersetzung derselben durch das sogenannte Volksheer, als für die sogenannte Abschaffung des Krieges. May Schippel hat sogar leider Konzessionen an die bestehenden Verhältnisse gemacht. Daher gehen bei uns Friedensbewegung und Sozialismus ganz andere Wege. In Italien liegen diese Dinge anders. Die Friedensbewegung wird dort vorwiegend von radikal gesinnten Elementen getragen, und daher betheiligen sich auch viele der namhaftesten Sozialisten an ihr. Allerdings gehen Friedensliebe und Antimilitarismus nirgendwo mehr als in Italien ganz ineinander über. So kommt es, daß von den drei größten Vorkämpfern der Bewegung nur der eine, Ernesto Teodoro Moneta, der bekannte Chefredakteur des Mailänder Secolo", ein bürgerlicher Radikaler, die andern beiden jedoch, Gulielmo Ferrero und Sylva Viviani, ganz oder doch in einem gewissen Sinne Sozialisten zu nennen sind. Der größte italienische Friedensbund, die Unione Lombarda per la Pace( Lombardische Friedensvereinigung), der seinen Sitz in Mailand hat, schließt in der That Männer aller Parteien in sich. In dem alljährlich herausgegebenen Kalender„ La Bandiera Bianca" ( Weiße Fahne) arbeiten viele Sozialisten mit. Enrico Ferri selbst hat es in dieser Zeitschrift einmal unternommen, darauf hinzuweisen, daß nur in einem sozialistischen Staate ein Friedensideal sich verwirklichen lassen würde. Die ,, Bandiera Bianca" genießt die Mitarbeiterschaft sehr vieler Frauen, vor Allem die der berühmten proletarischen Dichterin Ada Negri- Garlanda, die auch Ehrenmitglied des Vereins ist, sowie der hochbegabten Beatrice Speraz, die, ebenfalls Lyrikerin und Sozialistin, meist unter dem Pseudonym Bruno Sperani schreibt. Auch die bürgerlichen Frauenvereine, allen voran die große Federazione delle Leghe per la Tutela degli Interessi Femminili di Milano( Verein der Gesellschaften zum Schuge weiblicher Interessen in Mailand), welche seit dem Jahre 1900 freilich den Namen der Unione Femminile führt und sich allmälig gänzlich proletarisirte,*** sowie die Associazione Femminile di Roma( Römischer Frauenverein), widmen einen sehr großen Theil ihrer Kräfte den Friedensbestrebungen. Beide haben vor allen Dingen praktisch und Hand in Hand gehend mit den Proletarierinnen, wie wir noch sehen werden, die größten Erfolge zu verzeichnen gehabt. In Palermo besteht sogar ein bürgerlicher Frauenverein, der ausschließlich Friedenszwecke erstrebt. Es ist dies das Comitato delle Signore per la Pace e l'Arbitrato di Palermo( Damenkomite für Frieden und Schiedsgericht in Palermo). Dieser Verein, der unter seiner Mitgliederschaft manchen feudalen Namen zählt, besteht seit 1891 und ist von Marietta Campo gegründet worden. Er zeichnet sich aus durch eine theoretische Agitation in großem Maßstab. Jedes Mitglied wird mit Ernst angehalten, zunächst im Kreise seiner Familie und dann überall dort, wo es gesellschaftlichen Umgang pflegt, die Idee des Weltfriedens zu verbreiten. Der Verein unternimmt auch große öffentliche Frauenversammlungen zur Besprechung der Friedensfrage, er vertheilt in großen Massen Flugschriften. Kurz, er macht eine äußerst rührige Propaganda. Sein Hauptwerk, das freilich immer noch in den Kinderschuhen steckt und nur äußerst langsam Fortschritte macht, besteht aber in der Errichtung einer Jedermann zugänglichen Sonntagsschule für Mädchen von acht bis achtzehn Jahren mit einjährigem Kursus. An dieser Schule fungirt eine Lehrerin. Der Unterricht ist ganz allein darauf berechnet, den Kindern Friedensliebe einzuimpfen. Er beginnt mit einer allgemeinverständlich gehaltenen Besprechung der Nächstenpflicht und lehrt, neben der Pflicht des Patriotismus auch die Pflicht der Menschlichkeit anerkennen. Der Friede sei eine religiöse und eine sittliche Pflicht, und liege zugleich selbst im egoistischen Interesse eines jeden Volkes. Die Frau habe die Mission, den Gedanken des allgemeinen Friedens und den Kampf gegen den unmoralischen und kulturfeind, * Siehe Nr. 17 und 19 der Gleichheit". ** Milano, Tipografia Operai, 1900. *** Von ihr wird noch später ausführlicher zu berichten sein. 171 lichen Krieg aufzunehmen und in alle Welt zu tragen. Man kann es wohl trotz mancher Meinungsverschiedenheit betreffs der Wege, die dieser Verein geht, nur bedauern, daß die Schule bis jetzt blos sehr mäßig besucht ist. Viel wichtiger aber als diese sich doch immerhin in kleinstem Rahmen vollziehenden Bewegungen und Erscheinungen ist die prattische Arbeit, mit welcher die italienische Friedensbewegung vorzugsweise von proletarischen und weiblichen Elementen genährt und geleitet ihrem Vaterland in schwersten Zeiten zur Seite gestanden und das Schiff durch alle brausenden Wellen und tosenden Stürme hindurch sicher geleitet hat. In den langen bangen Jahren einer steten Kriegsgefahr mit Frankreich 1887 bis 1889 sind vor Allem die Männer und Frauen des Vereins der Unione Lombarda unermüdlich zur Aufrechterhaltung des Friedens thätig gewesen. Nicht zum geringsten Theile ihnen, sowie der radikalen Presse, zumal dem„ Secolo" die soziaist listische Presse lag damals sozusagen noch in den Windeln es zu verdanken gewesen, daß alle Künste Bismarckscher Aufreizungspolitik gegen Frankreich schließlich doch zu keinem Zusammenstoß führten. Halfen hier die Frauen dabei, einen Krieg zu verhindern, so zwangen sie einige Jahre später die Regierung zu einem sofortigen Friedensschluß. Es war das 1895 in dem übelberüchtigten Raubkrieg, den die Regierung auf Wunsch und Betrieb der Kolonialpartei gegen Abessinien führte. Die italienische Armee, mäßig geführt, unterlag trotz glänzendster Tapferkeit der einzelnen Soldaten in den Schlachten bei Adua und Amba Aladgi ziemlich jämmerlich ihren Feinden. Tausende von Leichen bedeckten den afrikanischen Sand auf den Schlachtfeldern, Tausende und Abertausende von Gefangenen geriethen in die Hände blutiger Peiniger und wurden furchtbar verstümmelt. Da erhoben sich die Linksparteien des Landes, Sozialisten, Republikaner und Radikale, die von vornherein die Abenteuerpolitik Crispis verworfen hatten, und mit ihnen die Frauen fast aller Stände. Von dem bürgerlichen Frauenverein in Mailand ausgehend, wurde eine großartige Friedenspropaganda ins Werk gesetzt. Eine über 150000 Unterschriften fassende Petition der Frauen Italiens an die Deputirtenfammer verlangte gebieterisch die sofortige Heimkehr ihrer Männer, Söhne, Brüder und Verlobten aus dem Kriege. Inzwischen veranstalteten die Arbeiterinnen Roms zu demselben Zwecke imposante Massendemonstrationen. Die Regierung gab nach. Die Frauen hatten ein Kulturwerk von erster Bedeutung vollbracht. Jetzt richtet sich die Friedenspartei Italiens, die, wie Jeder, der diesen Zeilen aufmerksam gefolgt ist, gemerkt haben wird, durchaus nicht rein bürgerlich und allein deshalb schon von ungleich höherer Bedeutung und Macht ist als diejenige Deutschlands, vor allen Dingen gegen den Dreibund, den sie mit vollem Rechte für den Völkerfrieden wie die soziale Fortentwicklung der unteren Volksschichten in jeder Hinsicht für gefahrbringend hält. Das Gefühl des Hasses, welches sie diesem Völkerbund" entgegenbringt, richtet sich also nicht, wie so vielfach fälschlich behauptet wird, gegen Deutschland, das heißt das deutsche Volk, sondern nur gegen den von der deutschen Regierung ausgehenden und sich auf Italien übertragenden militärisch- reattionären Druck. " Bevor wir uns nun aber der Betrachtung der einzelnen Zweige der proletarischen Frauenarbeit sowie den genossenschaftlichen und politischen Bethätigungen, an denen die italienischen Frauen regen Antheil nehmen, zuwenden, erscheint es mir rathsam, zunächst einen Blick auf die Entstehung der proletarischen Frauenbewegung in Italien zu werfen, da uns nicht nur, wie immer, so auch hier der historische Rückblick den Schlüssel zum Verständniß der Gegenwart bietet, sondern auch noch die Geschichte der italienischen Arbeiterinnen sowie derer, die sich ihnen gewidmet haben, mir ganz besonders dazu angethan zu sein scheint, Interesse und Bewunderung zu erwecken. Vom Hebammenelend.* Von Marie Kunert. II. Eine einheitliche Regelung der Ausbildungs- und Anstellungsverhältnisse im Hebammenwesen fehlt uns bis jetzt in Deutschland. In diesem Bundesstaat dauert der vorgeschriebene Ausbildungskursus in einer Entbindungsanstalt sechs Monate, in jenem neun Monate. Ueber die Anstellung entscheiden hier die zu einem Hebammenbezirk gehörenden Gemeinden und Gutsverbände gemeinschaftlich, dort die einzelnen Gemeinden. Die Beschränktheit, welche in ländlichen Gemeindeverwaltungen so oft drastisch zu Tage tritt, wenn es sich um * Siehe Nr. 20 der„ Gleichheit". Bewilligung von Mitteln zu Zwecken des Gemeinwohls handelt, äußert sich nur gar zu häufig auch bei der Auswahl und Anstellung von Hebammen für einen Bezirk. Die Gründe, aus welchen Bewerberinnen angenommen werden, müßten von Rechts- und Vernunftswegen recht oft zu ihrer Ablehnung führen. Den Gemeinden liegt zum Beispiel aber nicht selten daran, arme Witwen auf bequeme Art zu versorgen, damit sie mit ihren Kindern der Armenkasse nicht zur Last fallen. Welche einfachere Lösung der Frage giebt es da, als die, daß man der betreffenden armen Witwe den Vorschlag macht, sich als Hebamme ausbilden zu lassen und daß man ihr spätere Anstellung zusichert? Die Frau, um die es sich handelt, mag zur Feldund Gartenarbeit vorzüglich geeignet sein, zum Hebammenberuf ist sie es aber meistens nicht. Und wenn sie ihn trotzdem ergreift, so geschieht es aus allen möglichen anderen Erwägungen heraus, nur nicht aus Neigung und Befähigung. So kommt es denn sehr oft, daß Frauen Hebammen werden, welche von geistiger Arbeit, die zum theoretischen Studium der Geburtshilfe unerläßlich ist, kaum eine Vorstellung haben, Frauen, die in langjähriger grober Arbeit erworbene fnochige, verarbeitete Hände in ihren neuen Beruf mitbringen, der doch subtile Handreichungen erfordert. Fast durchweg entstammen die Hebammen den proletarischen Schichten, denen unsere heutige Volks- oder vielmehr Armenschule bekanntlich nur ein dürftiges Maß von allgemeinem Wissen zukommen läßt. In den Städten pflegt das wohl etwas anders zu sein, doch bleibt das geistige Niveau der Geburtshelferin auch hier meist ein sehr niedriges. Wäre dies nicht der Fall, so hätten sich die Hebammen unmöglich bis auf den heutigen Tag ein Maximum von schweren, verantwortungsvollen Pflichten ausbürden lassen, denen ein Minimum von Entlohnung gegenübersteht. Von allen Arten schlechtbezahlter Frauenarbeit, die doch oft eine rein mechanische ist, wird die der Geburtshelferin, welche zweifellos hohe Anforderungen an den ganzen Menschen stellt, am erbärmlichsten bezahlt. Die Bezirkshebammen erhalten gewöhnlich von der Gemeinde ein sehr geringes festes Gehalt bewilligt, wofür sie die unentgeltliche Besorgung der Armengeburten zu übernehmen haben. Als Arme gelten dabei nur solche Personen, welche der öffentlichen Armenpflege anheimgefallen sind, oder denen von der zuständigen Behörde für den Spezialfall das Armenrecht ertheilt worden ist. Für Geburten in solchen armen Familien, welche nicht in diese Kategorie gehören, bekommt die Hebamme nicht einen Pfennig. Und solche Geburten sind nicht selten. So hatte eine Saargemünder Hebamme unter einigen achtzig Geburten innerhalb eines Jahres 54 ohne Entgelt geleitet. Erhält die Hebamme kein Diensteinkommen, so werden ihr ArmenEin Kind. Skige von Paul Bröcker. ( Schluß.) Sie traten in ein niedriges Stübchen, das sofort einen anheimelnden Eindruck auf ihn machte. Auf einem weißgedeckten Tische stand eine Lampe, deren niedrig brennendes Licht ihm die ganze kleine Einrichtung erkennen ließ. Hinter dem Tische an der Wand ein Sofa, darüber Bilder. Etwas weiter rechts eine Kommode und darauf, auf einer gehäkelten Decke, eine Weckuhr, deren überlautes Tick- Tack" ihm auffiel. Links an der Seitenwand ein großes Bett. " Das Mädchen stellte seinen Korb beim Fußende des Bettes auf den Boden. Dann stand es still und sah vor sich nieder. Es athmete tief, und seine Nasenflügel bebten. Die trauliche Stille der Umgebung ließ ihm das Blut heiß durch die Adern rollen. Er zog die Kleine zu sich auf das Sofa nieder und drückte sie glühend, zitternd an sich. Als er seine Wangen an die ihren legte, fühlte er, wie heiß sie waren, und wie es in den Schläfen hämmerte. Und dieses heiße Hämmern empfand auch er in seinem Körper. Jedes Pochen ihrer Schläfe machte ihn im Innersten erbeben. Er nahm sie fest in seine Arme und bedeckte ihr blasses Gesicht mit Küssen. Das Blut rann wie Feuer in seinen Adern. Eine heiße Begierde durchzitterte ihn. Das Mädchen war ja so schön, so begehrenswerth. Er hatte nur einen einzigen heißen Wunsch Das Mädchen aber lag still, theilnahmslos in seinem Arme, die Augen geschlossen. Kein Glied rührte sich, nur der Busen wogte auf und nieder. Und dabei war die Kleine so schön---, ihr Antlik so blaß und es war Alles so heimlich, so still, ganz still im Stübchen -. Eine heilige Schen, die stets zur rechten Zeit seine Begierde besiegte, hielt ihn umfangen. 172 geburten von der Gemeinde besonders bezahlt, und zwar mit Summen von 2 bis 10 mt. für den einzelnen Fall( letzteres nur in Berlin und Umgegend). Außer dem festen„ Gehalt" und einer etwaigen, äußerst dürftigen Wohnungsentschädigung beziehen die Bezirkshebammen noch für jeden einzelnen Geburtsfall bei zahlungsfähigen Leuten Gebühren, die nach den örtlichen Verhältnissen von der Behörde festgesetzt sind, aber als eine auch nur einigermaßen zureichende Entlohnung nicht angesehen werden können. Da die Geburtshilfe ebenso wie die ärztliche Thätigkeit bei uns in Deutschland zum nicht geringen Schaden der Allgemeinheit, wie der meisten Berufsangehörigen der freien Konkurrenz überliefert ist, so giebt es neben den angestellten Bezirkshebammen noch frei praktizirende Hebammen. Sie sind nicht kontraktlich gebunden und nicht zur unentgeltlichen Leitung von Armengeburten verpflichtet, während sie im Uebrigen den für die Bezirkshebammen geltenden Instruktionen ebenso nachkommen müssen wie diese, wenn sie sich nicht schweren Disziplinarstrafen aussetzen wollen. Die starke Konkurrenz der frei praktizirenden Hebammen hat nicht wenig dazu beigetragen, daß die allgemeine Lage der Geburtshelferinnen bis heute eine so elende ist, denn in ihrer Thorheit verderben sie die ohnehin gemeingefährlich niedrigen Preise noch durch gegenseitiges Unterbieten. Uns liegt eine umfangreiche private Enquete vor, die Aufschluß giebt über die große Verschiedenheit der Erwerbsverhältnisse von ländlichen und städtischen Hebammen. Mit den relativ günstigsten Einnahmeverhältnissen steht Berlin obenan. Die Durchschnittstage für Geburten beträgt hier 10 bis 30 Mt., für Besuche 1 bis 2 Mt., für Armengeburten 5 Mt. Hier herrscht aber auch des anscheinend ergiebigen Arbeitsfeldes wegen eine gefährliche Konkurrenz unter den Hebammen. Einige haben jährlich mehrere Hundert Geburten, andere wieder so wenig Arbeit, daß sie nicht wissen, wie sie ihr Leben fristen sollen. Im Durchschnitt rechnet man in Berlin einige 50 Geburten im Jahre auf die einzelne Hebamme, wofür eine Einnahme von circa 700 Mt. entfällt, eine Summe, die angesichts der großstädtischen Theuerungsverhältnisse niedrig genannt werden muß, zumal die Hebamme durch ihren Beruf zu verschiedenen Mehrausgaben gezwungen ist. Sie darf zum Beispiel nicht im Hinterhause, oder im Vorderhause nicht höher als 1 bis 2 Treppen wohnen; sie muß, wenn sie ihrem Beruf nachgeht, stets Jemand im Hause zurücklassen, damit sie jederzeit leicht geholt werden kann, falls eine Gebärende ihren Beistand braucht; sie darf laut Vorschrift keine grobe Arbeit im Haushalt verrichten, muß sich dazu also eine Hilfe halten 2c. 2c. Aus dem reichen Material, das uns zur Verfügung steht, greifen wir aufs Gerathewohl einiges zur Illustrirung unserer Behauptungen heraus: Er wagte nur, sie immer und immer wieder zu küssen. So verrann Minute auf Minute Aufathmend ließ er eben seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Der Blick fiel auch auf das Bett, und er sah sah- ein Kind! Wie es mit großen ängstlichen Augen auf den Fremden blickte! Es war ein kleines Mädchen ein Blondkopf. Wie gebannt schaute er nach dem Bette hin, sein Herz pochte laut. Er ließ das Mädchen fahren, wollte sich erheben-, seine Knie bebten Nun sah auch die Mutter ihr Kind! Mit einem lauten Aufschrei stürzte sie auf das Bett zu, warf sich auf die Knie und schluchzte laut und herzzerreißend. Und das Kind schaute, im Bette knieend, mit ängstlichen,' entsegten Augen auf den Fremden! Ihn erfaßte ein nie gekanntes, unendliches Mitleid. Er stand rathlos, was sollte er thun-! Mechanisch suchte er in der Westentasche und legte Geld auf den Tisch. Er nahm seinen Hut-, stand wieder still Er wollte ja helfen, sie trösten! Aber nein, wie konnte er das, er er! Jetzt fiel sein Blick auf das auf dem Tische liegende Geld, und da stieg es ihm im Halse hoch, es schien ihm, daß er ersticken müsse. Ein tiefer Efel vor sich selber erfaßte ihn. Er ballte die Faust Thränen traten in seine Augen, und er schlich sich hinaus wie ein Dieb Die Uhr über seinem Haupte schlug zwölf. Er fuhr empor aus seinen Träumen, nahm die Lampe und betrat das Schlafzimmer. Es drängte ihn, seine Lieben zu sehen. Da lagen die Kleinen in ihrem Bettchen und schliefen, so still, so friedlich seine Kinder! Und da lag auch sein Weib und schlummerte sein Weib-. 173 Durchschnittstaxe für Geburten Mk. Altena.... 12 Altenburg(S.- A.) 7— g Arnswalde... 78 Barmen.... 10-is Calbe a. S... 3-0 Elbing.... 3—10 Graudenz... 3—12 Neuenkirchen- Ottweiler.. Saargemünd.. 3—10 Schleswig... 1,S0— 18 Sonderburg.. K-7 Stargard i. Pr.. r-in- Taxe Iahres- gehalt Mk. 45 Bemerkungen Armengeburten Mk. nichts Nothleidende Hebammen — 2 desgleichen — 6 desgleichen 20-180— desgleichen 30 3 desgleichen 40-70 3 desgleichen desgleichen desgleichen Das feste Jahresgehalt. inklusive Naturalien und freier Wohnung-e. Ml. .. 37 .. S9 ? 13 SV— 80-200 2.S0 50-200— 40-100 3 sehr schlechte— Bezahlung Die Liste ließe sich bis ins Endlose fortsetzen. Mit eintöniger Regelmäßigkeit heißt es bei fast jedem Orte am Schlüsse: Nothleidende Hebammen vorhanden, hin und wieder mit der Bemerkung: Nach 30jähriger. nach SlZjähriger Thätigkeit! In Bischweier im Elsaß muß eine 8Zjiihrige Hebamme, die mehr als S000 Kinder j gehoben hat. heute noch praktiziren. da sie bei ihrem dürftigen Gehalt keinen Nothgroschen für ihre alten Tage erübrigen konnte! Die Ergebnisse der uns vorliegenden privaten Enquete werden vollauf bestätigt durch die amtlichen Erhebungen über die Besoldungsverhältnisse der Bezirkshebammen im Regierungsbezirk Oppeln. Diese Erhebungen erstrecken sich zudem über die gesammten Einnahmen der Hebammen, auf welche die obige Statistik nur annähernd schließen läßt. Es betrug im Regierungsbezirk Oppeln im Durchschnitt: Das durchschnittliche Entbindungshonorar Mk. 1.55-2,18 3 3 3(?) 1,85—2,25 2,25-3 1,75 3(?) 2-2,50 3 3 Die Gefamuit- einnähme Mk. 139 231 101 210 235 294 170 315 109 325 273 Im Kreise Lublinitz.. -- Neisse.. -- Neustadt. -- Oppeln.... 15 -- Pleß..... W -- Ratibor.... 80 -- Rosenbcrg... 57 -- Rybnik.... 63 -- Gr. Strchlitz.. 11 -- Tarnowitz... 36 -- Zabrze....— Erhebungen in anderen Gegenden Deutschlands, in Baden. Württemberg, im Elsaß u. s- w. lieferten ganz ähnliche Resultate. In Preußen sind, wie erst kürzlich wieder im Abgeordnetenhaus festgestellt wurde, die Hebammenverhältnisse besonders ungünstige. Nur Sachsen hat sich bemüht, die Hebammen etwas besser zu stellen. Bei den Landhebammen steht die Beschwerlichkeit des Dienstes in geradezu schreiendem Kontrast zu der Erbärmlichkeit der Bezahlung. Dazu kommt gewöhnlich noch eine elende Wohnung, mitunter sogar im Armenhause, wo sich die Hebamme beim besten Willen nicht so sauber halten kann, wie es ihre Dienstvorschriften verlangen. Jndeß nicht nur auf dem Lande, auch in der Stadt lernt man sehr häufig eine außerordentliche Geringschätzung der mühevollen und aufreibenden Thätigkeit der Hebammen kennen. Es macht oft große Schwierigkeiten, die behördlich genehmigte Gebührentaxe zur Durchführung zu bringen. Besonders in den wohlhabenderen Schichten wird mit Vorliebe nur das äußerste Minimum dessen gezahlt, was die Taxe verlangt oder es wird sogar versucht, den Preis noch darunter herabzudrücken. Viele Geburtshelferinnen sind leider thöricht genug, sich das gefallen zu lassen und dadurch das Publikum in dem Glauben zn bestärken, der Hebamme gebühre eigentlich nur ein Trinkgeld für ihre Leistung. Von dem Bewußtsein ihrer vielen Pflichten geängstigt, ohne Wissen von den Rechten, die ihnen demgegenüber zustehen müßten, sozial gering geachtet und wirthschaftlich ausgebeutet, sind die Hebammen in ihrer großen Masse noch heute wie vor Jahrhunderten nicht etwa eine Schaar von„weisen Frauen", sondern von oft recht unwissenden armen Frauen, die nur schlecht und recht ihren Pflichten nachkommen._ Jofeplzine Döring f Ein plötzlicher, sanfter und schöner Tod hat ein Leben geendet, das die äußere Roth unter das Joch härtester Erwerbsarbeit beugte. und das innerer Drang dem Kampfe für die Erlösung der Ausgebeuteten weihte. Genossin Döring wurde in einer Frauenversammlung durch einen Herzschlag aus dem Kreise der Breslauer Genossinnen gerissen. Eines Proletariers Kind und eines Proletariers Weib hat die Verstorbene sehr viel saure Wochen und herzlich wenig frohe Feste kennen gelernt. Trotz ihrer 53 Jahre und ihrer sehr angegriffenen Gesundheit mußte sie bis zu ihrem Tode als Konfektionsnäherin schwer um des Lebens Nothdurft ringen. Als Saisonarbeiter war ihr Mann oft lange Wochen arbeitslos, und Genossin Döring inußte dann für zwei verdienen und schaffen. Wie manche Nacht hat sie unter dem Zwange schwärzesten Elends durchgearbeitet, Schmerzen in der Brust, im Rücken, in den müden Füßen, welche die Maschine kaum mehr bewegen konnten! Konfektionsarbeiterinnenloos! „Schaffen— Schaffen— Schaffen, Bis das Hirn beginn! zu rollen! Schaffen— Schaffen— Schaffen, Bis die Augen springen wollen! Saum und Zwickel und Band. Band und Zwickel und Saum— Dann über den Knöpfen schlaf' ich ein. lind nähe sie fort im Traum." Allein was immer Genossin Döring litt, was immer sie drückte: es versank, sobald sie eine sozialistische Broschüre, ein Bändchen Gedichte zur Hand nahm, sobald sie mit Gleichgesinnten über die Ideen sprechen konnte, die ihren Muth, ihre Thatkraft stets aufs Neue entflammten. Vor ihren Augen erstand dann eine neue, eine bessere Welt, in der die fleißige Arbeit nicht mehr darbt, und der tagdiebende Reichthum nicht mehr schlemmt, eine Welt, in der Weib wie Mann frei und glücklich einhergehen. Und für diese Welt wirkte sie mit aller Ueberzeugungs- treue und Begeisterung, soweit die Kräfte und Mittel es erlaubten, ja oft darüber hinaus. Als es vor sieben Jahren in Breslau eine organi- sirte Frauenbewegung gab, gehörte Genossin Döring zu ihren eifrigsten Anhängerinnen. Nachdem die Polizei diese Bewegung unterdrückt hatte, bethätigte sich„Muttel Döring"— wie die Verstorbene genannt wurde— soviel sie nur konnte in der allgemeinen Bewegung. Wo man fleißiger, gewissenhafter Kleinarbeit bedurste, war unsere Genossin zur Stelle. Sie war unermüdlich, Bons zu verkaufen, für den Besuch der Versammlungen zu werben zc. Mit größter Freude begrüßte sie es. daß in diesem Jahre wieder eine kräftigere Agitation unter den Breslauer Proletarierinnen einsetzte, die sie in jeder Beziehung zu fördern suchte. Mitten im Wirken für die Sache der ausgebeuteten Massen wurde sie vom Tode ereilt. Genossin Döring hatte es übernommen, in einer öffentlichen Frauenvcrsammlung. wie so manches Mal schon. Gedichte in schlesischer Mundart vorzulesen Seit Wochen bereits hatte sie sich auf den Tag gefreut. Als sie das Gedicht des Breslauer Dichters Holtet vortrug:„Suste nischt, ack heem"(„Sonst nichts, nur heim")— laut, sicher, mit tiefem Gefühl und guter Betonung— hielt sie plötzlich inne, faßte mit der Hand an den Kopf und sank ohne einen Laut auf den Stuhl zurück. Man glaubte an einen Ohnmachtsanfall. von dem sie schon öfter heimgesucht worden war. Allein die Wiederbelebungsversuche des rasch herbeigeeilten Arztes blieben ohne Erfolg. Den zahlreich anwesenden Frauen mußte die traurige Mittheilung gemacht werden, daß ein Herzschlag das Leben geendet, das bis zur letzten Minute dem Kampfe für das Recht und die Freiheit des Proletariats gewidmet gewesen war. Genossin Döring war„heimgegangen", noch ehe sie am Schlüsse ihres Vortrags mit dem Dichter erklärt hatte:„Heem will ich, suste nischt ack heem". Als die Genossinnen und Genossen eine Todte in die ärmliche, vier Treppen hoch gelegene Wohnung zurücktrugen, aus der vor wenigen Stunden eine tapfere Kämpferin geschritten. da fanden sie auf dem Tische nichts vor, als ein Töpfchen mit dünnem Kaffee und die aufgeschlagene„Volksmacht", in der Genossin Döring noch vor ihrem Fortgang gelesen hatte! Wenige Minuten vor ihrem Tode hatte sie der Versammlung erzählt, daß Aus der Bewegung. Bon der Agitation. Im Anschluß an den Parteitag sprach Genossin Zieh in einer Reihe von Versammlungen in Bayern. In München fanden zwei Versammlungen statt. Zu der einen davon waren speziell die Gummiarbeiter und-Arbeiterinnen eingeladen worden, zu der anderen die Wäscherinnen und Büglerinnen, um sie für die Gewerkschaft zu gewinnen. Beide Versammlungen waren gut besucht und brachten eine stattliche Reihe Aufnahmen für die Organisation. In der Gummiarbeiterversammlung waren die„Christlichen" erschienen, die den freien Gewerkschaften Mangel an Neutralität vorwarfen, und als Beweis dafür den Ausspruch Bömelburgs in seinem Schlußwort auf dem letzten Gewerkschaftskongreß zitirten:„Die Gewerkschaftsbewegung und die deutsche Sozialdemokratie sind eins, zwei Wege giebt es da nicht." Genossin Zieh gab den Wahrheitsbeweis für diesen Ausspruch. Sie wies nach, daß alle Forderungen der organisirten Arbeiterschaft bezüglich Ausbau des Arbeiterschutzes, der Versicherungsgesetzgebung. Erweiterung des Koalitions-, Vereins- und Versammlungsrechtes. Abwehr des drohenden Brotwuchers u. s. w. nur mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit von der Sozialdemokratie seit jeher vertreten worden sind und heute noch vertreten werden. Sie zeigte des Weiteren. daß dagegen durch die Schuld des Zentrums unendlich viele Forderungen der Arbeiter nach dringenden Reformen unerfüllt blieben. Es war ein böses Sündenregister des Zentrums, das den„Christlichen" unter dem außerordentlichen Beifall der Versammelten von der Referentin vorgehalten ward. Wie die betrübten Lohgerber zogen die Herren schließlich ab. In Landshut, wo Genossin Zieh ebenfalls sprach, haben die Arbeiter leider nur ein kleines Lokal zur Verfügung, das bald überfüllt war. Erfreulicherweise wohnten der Versammlung viele Frauen bei. Glänzend besucht waren die Versammlungen in Miesbach und Gmund am Tegernsee, in denen der Arbeiterbewegung eine Anzahl neuer Mitkämpfer zugeführt wurden. Einen überaus malerischen Anblick gewährten diese beiden Versammlungen. Die Frauen und Mädchen waren zum Theile in Landestracht erschienen, mit runden Hüten, welche Adlerfedern schmückten, ein anderer Theil wieder trug modern-städtische Kleidung; die meisten Männer waren in ihrer Aebirglertracht: kurzen Kniehosen und malerisch über die Schulter geworfenem Mantel. Eine glänzende, zu Zweidrittel von Frauen und Mädchen besuchte Versammlung tagte in Fürth. Der große Saal des Gewerkschaftshauses, die tiefen Gallerten waren bis auf den letzten Platz besetzt. Mit tadelloser Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden den Aus- der Dichter Holtet auf dem Friedhof in Rotkretscham begraben liegt, und daß auf seinem Grabstein die Worte eingemeißelt stehen: „Suste nischt, ack heem". Nicht weit von der Grabstätte des Dichters haben nun die Genossinnen und Genossen die brave Frau selbst zur Ruhe gebettet, und der prachtvolle Kranz, den ihr die Elfteren als letzten Freundschaftsgruß spendeten, trägt außer der Widmung die angeführten Dichterworte. Der Tod. der Genossin Döring wie ein sanfter Freund kam. hat ihren seit Wochen arbeitslosen Mann schwer getroffen. Mit der treubesorgten Hausmutter hat er ihm die Ernährerin geraubt. Welch typisches Bild proletarischen Elends in dieser besten aller Welten! In dem nämlichen Augenblick. wo„Muttel Döring" andere Mühseligen und Beladenen durch herrliche Dichterworte trösten, erquicke», erheben wollte, war daheim die Noth so groß, daß ohne eine Sammlung der Genossinnen die Be- gräbnißkosten nicht hätten gedeckt werden können. Es kennzeichnet die Liebe und Achtung, welche die Verstorbene genossen, daß binnen wenigen Tagen über IVO Mark für Kranz und Begräbniß beisammen waren, aufgebracht durch kleine und kleinste Beiträge. Die Genossinnen und Genossen von Breslau werden ihrem„Muttel Döring" ein ehrendes Andenken bewahren. Die Verstorbene hat gezeigt, was Hunderttausende, was Millionen Enterbter können, wenn sie nur wollen, wenn sie sich selbstlos und opferfreudig dem Ideal der Menschheitsbefreiung ergeben. Wenn auch von ihrem Wirken„kein Lied. kein Heldenbuch" melden wird, so übertrifft es doch an innerem Gehalt den geschäftigen Müßiggang mancher Fürstin und„berühmten" Frau, von dem die Geschichtsklitterung ein Breites erzählt. Auch außerhalb Breslaus wird es deshalb nicht an Empfindenden und Denkenden fehlen, welche im Geiste einen Kranz der Anerkennung am Grabe der schlichten Frau niederlegen, die unter schwersten Nöthen, in mühsamer Kleinarbeit wieder und wieder das„Scherflein der Witwe", Alles, was sie hatte, dem Dienste der sozialistischen Idee gewidmet hat. führungen der Referentin über das Thema:„Die Frau im Erwerbsleben". In der Diskussion forderten die Vertreter der einzelnen Gewerkschaften zum Beitritt zu denselben in eindringlichen Worten auf. während Genosse Quint zum Abonnement der Arbeiterpresse anregte. Nach einem begeistert aufgenommenen Schlußwort der Referentin fand die imposante Versammlung ihren Schluß. In Nürnberg fand zum erstenmal seit langen Jahren eine Frauenversammlung statt, einberufen von Genossin Simon. Um den Frauen nicht den Platz zu rauben, waren die Männer zum großen Theile daheim geblieben. Die Veranstalter hatten aber leider verabsäumt, dafür zu sorgen, daß die Arbeiterinnen zu der Versammlung durch Handzettel eingeladen worden waren. Da die Tagespresse der Partei von denselben nur wenig gelesen wird, so waren höchstens Lot) bis 300 Personen erschienen, allerdings der übergroßen Mehrzahl nach Frauen. Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden den Ausführungen über:„Die politische Rechtlosigkeit der Frau". In der Diskussion ward von den Frauen der Wunsch ausgesprochen, daß öfter solche Versammlungen stattfinden möchten, zu denen eine bessere Propaganda entfaltet werde, um die Massen mehr heranzuziehen. Fast allseits ward bedauert, daß wir in Bayern nur eine Rednerin haben: Genossin Greifenberg, die sehr beliebt ist, und die man gern überall haben möchte, die aber den vielen an sie gestellten Anforderungen kaum nachzukommen vermag. Wünschen wir, daß unsere wackere Genossin Greifenberg nicht erlahmt, und daß ihr bald tüchtige Mitarbeiterinnen zur Seite treten. I.. X. Um die gewerkschaftliche Organisation zu fördern und ihr insbesondere auch die Arbeiterinnen zuzuführen, fanden auf Veranlassung der Generalkommission in folgenden Orten Versammlungen statt: Buttstädt. Cölleda, Frankenhausen, Teuchern, Querfurt. Hohenmölsen, Merseburg und Naumburg. Genossin Kähler- Dresden referirte in denselben über„Hungerlöhne und theures Brot",„Arbeit und Recht",„Die Organisationsbestrebungen der Arbeiter im 20. Jahrhundert". Die Versammlungen fanden ausnahmslos in Orten statt, wo der Verdienst der Lohnsklaven ein sehr niedriger, die Arbeitszeit eine 11 und 12 stündige ist und wo kein kräftiges Gewerkschaftsleben pulsirt. Da jedoch die Versammlungen vom Genossen Normann-Weißenfels sehr gut vorbereitet worden, nahmen sie einen prächtigen Verlauf und hatten guten Erfolg. Das verdient um so mehr hervorgehoben zu werden, als hier und da die Arbeiter sich gar zaghaft und verstohlen in den Versammlungssaal drückten. So war es besonders in Cölleda. wo nur ein Sechstel der Erschienenen sich aus der Arbeiterschaft re- krutirte, fünf Sechstel aber von Kleinbauern. Kleinmeistern. Gewerbetreibenden und ihren weiblichen Familienangehörigen gestellt wurden. Die Ausführungen der Rednerin über„Arbeil und Recht" fanden lebhaften Beifall, lockten aber auch vereinzelte Aeußerungen des Widerspruchs hervor. Leider trat trotz wiederholter Aufforderung keiner der gegnerischen Herren Genossi» Kühler entgegen. In den sechs zuerst genannten Orten gelang es. Anknüpfungspunkte für die Gründung von Zahlstellen des Fabrikarbeiterverbandes zu finden. Die entfaltete Agitation führte außerdem verschiedenen Gewerkschaften, sowie der Partei neue Mitglieder zu und gewann der Arbeiterpresse zahlreiche neue Abonnenten. Möchten die Männer und Frauen, die sich der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen haben. immer mehr vom Geiste des proletarischen Klassenbewußtseins durchdrungen werden, möchten sie alle Kräfte in den Kampf für das Recht. für die Befreiung der Arbeit einsetzen.>V. X. In Zwötzen bei Gera(Reuß j. L.) fand Ende September eine von über 400 Personen besuchte Volksversammlung statt, in der Genossin Baader-Berlin über„Zweck und Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation" sprach, sowie über„Die Fleisch- vertheuerung und das Verbot der Einfuhr von Schlachtvieh". In ausführlicher Weise legte die Referentin zum ersten Thema klar, wie Dank der kapitalistischen Ausbeutung die Besitzenden unermeßliche Reichthümer aus der Arbeitskraft der Besitzlosen herauspressen. Sie zeigte dabei besonders, daß der geringe Verdienst des Mannes die Frau zum Mitverdienen zwingt, und welche verhängniß- volle Rolle diese als Schmutzkonkurrentin des Arbeiters spielt. Eingehend begründete sie dann die Nothwendigkeit, mittels kräftiger Gewerkschaftsorganisationen bessere, menschenwürdigere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erringen. Ihre Ausführungen klangen in der Aufforderung an die Versammelten aus, sich ihren Gewerkschaften anzuschließen. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung wies Genossin Baader die wahren Ursachen der jetzigen Fleischtheuerung nach und übte schärfste Kritik an der maßlosen Gewinnsucht der Agrarier, wie der Haltung der Regierung und der Reichstagsmajorität. Wirksam setzte sie ins Licht, daß allein die Sozialdemokratie auchjsin jdieser Frage rückhaltslos die Interessen des werkthätigen Volkes vertritt. Eine von der Rednerin empfohlene Resolution fand einstimmige An- nahme. Dieselbe erhob eindringlichsten Protest gegen die im Interesse der Junker liegende Grenzsperre, welche die breiten Voltsmassen schwer schädigt, wie gegen die im neuen Zolltarifentwurf geplante Erhöhung der Zölle auf Schlachtvieh. Die imposante Versammlung schloß mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie. Notizentheil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Fr. Chr. Das erste Tausend weiblicher Mitglieder überschritten hat der Zentralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands( Sit Hamburg). Damit ist der Beweis geliefert, daß auch unter den Proletarierinnen des Handelsgewerbes gewerkschaftlich organisirt werden kann, trotz der Schwierigkeiten, die sich hier bieten, und die in der zweiten Dezember- Nummer vorigen Jahres dieser Zeitschrift geschildert wurden. Nothwendig für den Erfolg ist allerdings, daß die Gehilfinnen nicht nur nach einer gut verlaufenen Versammlung zum Unterschreiben von Eintrittszetteln bewogen werden, sondern daß die Organisation ihnen ständig Anregungen bietet, sich mit den Lohn- und Arbeitsverhältnissen beschäftigt und sie zu verbessern sucht, Beschwerden entgegennimmt, Abhilfe schafft und der gleichen mehr. In dieser Weise ist der Handlungsgehilfenverband für seine weiblichen Mitglieder unablässig thätig und, wie die oben mitgetheilte Thatsache zeigt, mit gutem Erfolg. Der Verband bietet seinen weiblichen Mitgliedern bei einem Monatsbeitrag von 60 Pf. ( Eintrittsgeld wird nicht erhoben) Lieferung des zweimal monatlich erscheinenden„ Handlungsgehilfen- Blattes", nach dreimonatlicher Mitgliedschaft freien Rechtsschutz und nach einjähriger Mitgliedschaft Arbeitslosenunterstützung von 60 Pf. pro Tag für acht Wochen nach vierzehntägiger Karenzzeit. Der Verband zählt zu seinen Mitgliedern eine große Anzahl Verkäuferinnen in Konsumvereinen. Für diese kommt Rechtsschutz und Stellenlosenunterstützung nicht so erheblich in Betracht, dafür hat ihnen der Verband durch Verhandlung mit den Vereinsverwaltungen vielfache und zum Theile recht beträchtliche Verbesserungen sowohl der Lohn wie der Arbeitsverhältnisse verschafft, die sie ohne die Organisation nicht erreicht hätten. Gerade unter den Verkäuferinnen der Konsumvereine, die ja ausschließlich mit Arbeiterfrauen zu verkehren haben, aber auch unter den Verkäuferinnen in den Waarenhäusern und sonstigen Privatbetrieben könnten die agitatorisch thätigen Frauen noch recht viel für die gewerkschaftliche Organisation thun. Nothwendig ist dabei jedoch, daß sie sich mit den Vereinsverhältnissen unter den Handlungsgehilfen und Gehilfinnen vertraut machen und sich nicht, wie dies vorgekommen, von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen benutzen lassen, für deren Bettel- und Suppenorganisationen zu agitiren: die Hilfs vereine für weibliche Angestellte". Es giebt für die Handlungsgehilfinnen nur eine gewerkschaftliche Organisation in Deutschland und dies ist der Zentralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands ( Siz Hamburg), welcher der Generalkommission angeschlossen ist. Der Verband hat in allen größeren Orten Mitgliedschaften. Adressenverzeichnisse, Statuten, Beitrittspapiere und Probenummern der Verbandszeitung, des„ Handlungsgehilfen- Blattes", werden Jedem auf Wunsch unentgeltlich zugeschickt vom Vorsitzenden des Verbandes, May Josephsohn, Hamburg I, Valentinstamp 92. Der Verband stellt den Genossinnen auf Wunsch Agitationsmaterial beliebig zur Verfügung, ebenso wenn nothwendig Referenten und übernimmt auch alle Kosten, die für die Agitation unter den Gehilfinnen entstehen. Soziale Gesetzgebung. a. o. Mit der Frage der Frauennachtarbeit und der Arbeit in gefährlichen Industrien hat sich die dritte Delegirtenversammlung der Internationalen Vereinigung für gesey= lichen Arbeiterschutz" beschäftigt, die kürzlich in Köln tagte. Sie nahm dazu folgende Resolutionen an: " 1. Frauennachtarbeit. Der Stand der Gesetzgebung über die Frauennachtarbeit in den meisten industriell entwickelten Staaten und, wie die vorliegenden Berichte der Sektionen ergeben, der Einfluß dieser Gesetzgebung auf die Lage der Industrie im Allgemeinen, auf die der Unternehmungen und der Arbeiter im Besonderen, rechtfertigt grundsätzlich das allgemeine Verbot der Nachtarbeit der Frauen. Das Komite beauftragt eine Kommission, die Wege zu suchen, um diesem grundsäglichen allgemeinen Verbot Geltung zu verschaffen, eventuell zu prüfen, wie die zur Zeit von diesem Verbot bestehenden 175 " Ausnahmen rascher beseitigt werden können. Diese Kommission soll innerhalb zweier Jahre ihren Bericht erstatten. Jede Sektion hat das Recht, zwei Delegirte zu derselben zu wählen. Die Kommission wird zu ihren Berathungen Sachverständige aus dem Kreise der Arbeiter und der Arbeitgeber zuziehen. Die Regierungen werden von den bevorstehenden Sizungen der Kommission rechtzeitig verständigt, damit sie sich bei derselben vertreten lassen können." 2. Arbeit in gefährlichen Industrien.„ Die große Wichtigfeit, welche der Frage der Beeinträchtigung der Gesundheit der Arbeiter durch die Verarbeitung respektive Benutzung des weißen Phosphors und des Bleies zukommt, erheischt die Einsetzung einer Kommission, welche Mittel und Wege suchen soll, um die erwähnten gesundheitsschädigenden Wirkungen zu beheben, das Verbot des weißen Phosphors auf internationalem Wege herbeizuführen und den Gebrauch des Bleiweißes, soweit es irgend möglich, zu unterdrücken. Diese Aufgaben sind der zur Unfallstatistik eingesetzten Kommission zuzuweisen. Das internationale Komite wird unverzüglich durch sein Bureau bei den Staats- und Gemeindebehörden dahin zu wirken haben, daß bei den durch die Letzteren zu vergebenden öffentlichen Arbeiten die Verwendung des Bleiweißes gänzlich verboten werde." Dem Bureau überwiesen wurde ein Zusazantrag, bei der in Resolution 2 erwähnten Kommission eine Stelle zur Untersuchung der in der Industrie zur Verwendung kommenden Gifte zu schaffen. Der Delegirtenversammlung wohnten 43 Delegirte von 8 Sektionen der Vereinigung" bei, sowie 21 Regierungsvertreter aus 11 Staaten. Die Verhandlungen waren wie die offiziellen Begrüßungsreden auf das Lob der deutschen Sozialreform und die Weise des österreichischen Landsturmes gestimmt: Immer langsam voran. An den Berathungen betheiligte sich die englische Oberfabrikinspektorin Miß Anderson, welche der Delegirtenversammlung privatim, aber im Einverständniß mit der englischen Regierung beiwohnte und die Gründung einer englischen Sektion anregte. Wir beschäftigen uns an anderer Stelle mit dieser Thatsache, die an und für sich gewiß sehr erfreulich ist, die aber angesichts der beliebten Praxis des Vereins- und Versammlungsrechtes in Preußen befremdend berührt. " Für die gesetzliche Festlegung des Zehnstundentags für die Arbeiterinnen und die Erhöhung des Schuhalters für Jugendliche hat sich die erste Generalversammlung der„ Gesellschaft für soziale Reform"( Deutsche Landessektion der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz) erklärt, die Ende September in Köln stattgefunden hat. Zu der Frage lagen zwei Referate vor, das eine von Dr. Pieper, das andere von Frl. Helene Simon. Wie wir bereits in letzter Nummer mittheilten, durfte laut polizeilichen Verbotes Frl. Simon ihr Referat nicht erstatten, es mußte verlesen werden. Die Verfasserin wohnte der Verlesung im„ Segment" bei. Unter lebhaftem Beifall dankte der Vorsitzende der Generalversammlung, Eyminister von Berlepsch, der stummen Referentin" und fügte hinzu, daß sie den Dank hoffentlich entgegennehme, wenn sie dies auch den polizeilichen Vorschriften entsprechend weder durch Miene noch durch Geberde zum Ausdruck bringen dürfe. Das Simonsche Referat behandelte besonders eingehend und mit Berücksichtigung reichen Materials aus den Be richten der Gewerbeinspektion und der Kriminalstatistik die Nothwendigkeit ausgiebigen Schutzes für die heranwachsende Generation. Aus physischen und moralischen Gründen forderte es völligen Ausschluß des schulpflichtigen Kindes aus der Fabrik und Erhöhung des Schutzalters für jugendliche Arbeiter auf 18 Jahre. Dr. Pieper sprach sich in seinem Referat für die Herabsehung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen auf zehn, an den Vorabenden der Sonnund Festtage auf neun Stunden aus und für dementsprechende Abänderung der Bestimmungen, betreffend die Ueberzeitarbeit, die seiner Ansicht nach in beschränktem Maße" gestattet werden müsse. Er forderte eine Erweiterung des Wöchnerinnenschutzes, dahingehend, daß dieselben während sechs Wochen nach ihrer Niederkunft überhaupt nicht und während der folgenden zwei Wochen nur beschäftigt werden dürfen, wenn das Zeugniß eines approbirten Arztes dies für zulässig erklärt. Als ob die gesetzgebenden Gewalten in Deutschland auf dem Gebiete der sozialen Reform mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtseilten und Herkulesarbeit verrichteten, so hoffnungsfreudig bekannte Herr Dr. Pieper seine Ueberzeugung, daß der Zehnstundentag für die Arbeiterinnen baldigst verwirklicht werden würde. Und er führte auch die Gründe vor, auf die sich seine Ueberzeugung stützt: die bekannte Enquete der Regierung durch welche die nöthige Reform verschleppt wird und die Befürwortung der Neuerung durch die industriellen Unternehmer deren Handelskammern, Vereinigungen und Verbände sich schon gegen die bloße Aussicht des Zehnstundentags mit aller Macht wehren. Mit welchem Rechte Herr Dr. Pieper auf das„ Verständniß" der Kapitalisten hofft, das wurde ihm sofort klar gemacht. Herr Fabrikant Kommerzienrath Wolff- Köln, auch ein Mitglied der Gesellschaft für soziale Reform, bekämpfte entschieden die gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit in den Fabriken und forderte auf, die Regelung derselben dem Wohlwollen der Fabrikanten" zu überlassen. Bezeichnender Weise trat weder ein Minister noch ein Professor diesem Standpunkt entgegen. Ihn zu widerlegen überließen die betitelten, sozial einflußreichen" Mitglieder der Gesellschaft den christlichen Gewerkvereinlern. Zwei von diesen traten übrigens nicht bloß für die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit ein, sondern für das Verbot der Fabrikarbeit verheiratheter Frauen. Mit verblüffender Harmlosigkeit stellte Herr von Berlepsch nach diesen Debatten die„ Uebereinstimmung der zu Tage getretenen Ansichten" fest. Wir unterschätzen nicht, was das harmonieselige Kaffeekränzchen von Exzellenzen a. D. und solchen die Exzellenzen werden möchten, von wahren und heuchlerischen Arbeiterfreunden auf dem Gebiet der sozialen Reform zu leisten vermag. Aber trotzdem sind wir der Ueberzeugung, daß die Arbeiterinnen den Zehnstundentag am St. Nimmerlein erhalten würden, wenn sie für die Verwirklichung dieser Reform auf die Herren angewiesen wären und nicht in erster Linie auf die Macht des organisirten Proletariats bauen könnten. " Vereinsrecht der Frauen. Die Praxis des zweierlei Vereins- und Versammlungsrechtes in Preußen ist fürzlich in Köln hell beleuchtet worden. Bei der Delegirtenversammlung der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz" durfte eine Frau, die englische Ober- Fabrilinspektorin Miß Anderson, unbehelligt von polizeilichen Maßregeln sprechen. Bei der Generalversammlung der„ Gesellschaft für Soziale Reform", die doch eine Gruppe der genannten " Internationalen Vereinigung" ist, ward eine Frau, Frl. Simon, an der Erstattung eines Referats durch polizeiliche Verfügung verhindert. , Erkläret mir, Graf Derindur, diesen Zwiespalt der Natur!" Warum war in dem einen Falle gestattet, was in dem anderen hochnothpeinpeinlich verboten wurde? Sollte sich die weise und schneidige Kölner Polizei geschämt haben, die parties honteuses des preußischen Vereins- und Versammlungsrechtes vor einer Engländerin zu enthüllen, die an das freieste Vereins- und Versammlungsrecht gewöhnt ist? Oder fühlte sie sich zur„ Koulanz" gegen die Trägerin eines staatlichen Amtes bewogen? Welche Gründe auch immer ihre Haltung bestimmten: das Rechtsempfinden der deutschen Frauen empört sich gegen die Praxis des zweierlei Rechtes. Es fordert ein Recht, das ausnahmslos für alle Frauen gelten muß, für Deutsche wie Ausländerinnen, für Arbeiterinnen wie Staatsbeamtinnen und Kronenträgerinnen. Zum Schlusse eine Frage, die sich aufdrängt. War kein anderes weibliches Mitglied der„ Internationalen Vereinigung" zur Stelle, welches das Miß Anderson gewährte Recht der Rede in einer Vereinsversammlung ausnußte? Die„ Vereinigung" hat doch erst kürzlich drei deutsche Korrespondentinnen ernannt. Was bürgerliche Damen bei dieser Gelegenheit dem Anschein nach unterlassen haben, das werden unsere Genossinnen sicherlich thun. Sie werden das dem ausländischen Gaste zugebilligte Recht auch für sich beanspruchen. Genossenschaftsbewegung. Auf dem„ Allgemeinen Genossenschaftstag" zu Kreuznach wurden auf Antrag der Verbandsleitung 98 Konsumgenossenschaften und die„ Großeinkaufs- Gesellschaft deutscher Konsumvereine" aus dem ,, Allgemeinen Verband der deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften" ausgeschlossen. Warum? Weil die Ausgeschlossenen ,, hinreichend verdächtig erscheinen, dem Konsumvereinsprinzip ehrlichen und treuen Ausdruck vor aller Welt geben zu wollen", wie es in dem Zirkular der Kommission heißt, welche von den geächteten Organisationen mit der Gründung eines Verbandes der Konsumund Produktivgenossenschaften Deutschland 3" betraut wurde. Der Ausschluß bedeutet eine„ reinliche Scheidung" zwischen den Anhängern des alten und des neuen Genossenschaftsgedankens, zwischen Denen, die das Genossenschaftsprinzip zur Magd einer kurzsichtigen, beschränkten Mittelstandsretterei machen wollen, und Denen, die dieses Prinzip in den Dienst der Entwicklung zu höheren Formen des wirth schaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zu stellen trachten. Die Scheidung der gegensätzlichen Elemente und die Gründung des Verbandes werden das Aufblühen der modernen Genossenschaftsbewegung erheblich fördern. Für die Ausbreitung der Konsumgenossenschaften ist Genossin David Mainz im letzten Jahre hervorragend rednerisch thätig gewesen. Sie referirte in Mülheim a. Rh. und Umgegend in fünf Versammlungen, in Remscheid in zwei Versammlungen, in 176 Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Bundel) in Stuttgart. Fechenheim, Bockenheim, Nürnberg, Erlangen, Schweinfurt, Bamberg, Mannheim, Biebrich und Rödelheim in je einer Versammlung. Ihre Wirksamkeit hat dem Genossenschaftsgedanken insbesondere auch unter den Frauen zahlreiche neue Anhänger geworben. Frauenbewegung. Die fünfte Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine hat das in letzter Nummer mitgetheilte Arbeitsprogramm erledigt. So scharfe Kritik auch manche Einzelheiten herausfordern: alles in allem stellen die Berathungen und Beschlüsse einen anerkennenswerthen Fortschritt dar. Sowohl auf dem Gebiete der sozialen Reformarbeit wie im Blachfelde des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau marschirt die bürgerliche Frauenbewegung vorwärts, wenn auch langsamer und weniger fräftig, als es geboten wäre. Hervorgehoben sei die Stellungnahme der Generalversammlung zur Frage des Frauenwahlrechts. Wir werden in der folgenden Nummer auf die Arbeit der frauenrechtlerischen Tagung zurückkommen. Die ersten elf Berliner Armenpflegerinnen sind in einer Plenarsizung der Armendirektion in ihr Amt eingeführt worden. Der Vorsitzende, Stadtrath Dr. Münsterberg, wies darauf hin, daß der Eintritt der Frauen in die Berliner Armenpflege von grundfäßlicher Bedeutung sei. Sittlichkeitsfrage. Ein internationaler Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels hat fürzlich in Frankfurt a. M. getagt. Ihm ging eine deutsche Vorkonferenz voraus, die in der Hauptsache sich mit den Berichten einzelner Vereine beschäftigte, welche sich die Bekämpfung des Mädchenhandels zur Aufgabe gemacht haben. Aus diesen Berichten erhellte viel guter Wille, eine große Einsichtslosigkeit in die Ursachen der Prostitution und ihrer Begleiterscheinungen, und im Allgemeinen die Ohnmacht, der Unsittlichkeit erfolgreich entgegenzuwirken. Die Berathungen führten zu einer Auseinandersetzung zwischen der Frauenrechtlerin Frl. Lydia Heymann- Hamburg und dem Vertreter des hamburgischen Senats, Polizeirath Hopff. Frl. Heymann behauptete, daß es in Hamburg polizeilich konzessionirte Bordelle gebe. Der Herr Polizeirath bestritt das: die Bordelle seien nicht fonzessionirt, nur geduldet. Der Konferenz wurden eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Bekämpfung des Mädchenhandels. unterbreitet. Professor Dr. von Mayr forderte eine Verschärfung der Strafgesetze. Der Kongreß trat dieser Auffassung bei, obgleich Oberstaatsanwalt Hupert darauf hingewiesen hatte, daß die bestehenden Gesetze schon scharf genug seien. Es sollen internationale gleiche Grundsätze für die Bestrafung von Sittlichkeitsdelikten aufgestellt werden, es wurden internationale, polizeilich- administrative Maßregeln verlangt. Niemand forderte eine Hebung der wirthschaftlichen Lage der breiten Voltsmassen und bestimmter Schichten des weiblichen Proletariats. Und doch war ausdrücklich festgestellt worden, daß die unsäglich arme und rückständige galizische und russische Bevölkerung, daß das Kellnerinnengewerbe, die Variétés, Tingeltangel 2c. den Mädchenhändlern weiße Sklavinnen" in großer Zahl liefern. Die Verhandlungen des eigentlichen Kongresses, dem wie der Vorkonferenz zahlreiche deutsche Regierungs- und Polizeivertreter beiwohnten, erhoben sich nicht über das schon gekennzeichnete niedrige Niveau. Es wurden allerhand Pflästerchen und Quacksalbereien zur Bekämpfung der Prostitution und des Mädchenhandels angepriesen: Aufklärung, Frömmigkeit, Belehrung der Behörden, strenge Strafen 2c. Für die sozialen Ursachen des Uebels war kein Verständniß vorhanden. Zischen und lebhafte Zwischenrufe ertönten, als Frau Henriette Fürth die sozialen Wurzeln der Unsittlichkeit und des Mädchenhandels bloßlegte und entsprechende soziale Reformen zur Milderung der fressenden Schäden forderte. Frau Fürth hob scharf hervor, welche Rolle Noth und Ausbeutung für den sittlichen Verfall junger Mädchen spielen. Sie forderte wirksamen gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, Förderung der Gewerkschaftsorganisationen, Sicherung austömmlicher Löhne und Hebung der Volksbildung. Solch„ umstürzlerische" Wahrheiten stachen zu unangenehm von den faden Halbheiten der illustren Gesellschaft ab. Der Vorsitzende, Senator Saburoff aus Petersburg, beeilte sich, die Rednerin auf den Ablauf der Redezeit aufmerksam zu machen. In drei Jahren soll in Paris ein neuer Rongreß abgehalten werden. Die diesjährige Veranstaltung war ein Tummelplatz sozialpolitischer Kinder, welche sich damit amüsirten, mit einem Theelöffelchen das Meer ausschöpfen zu wollen. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. H.) in Stuttgart.