Nr. 23. Die Gleichheit. 12. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, burch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 5. November 1902. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichniß. Fraueninteresse und Frauenpflicht. Frauenarbeit in Zuderfabriken. Von WeberLouise Zietz. Arbeitslose Proletarierinnen. Von ad. br. Aus der Bewegung. ausstand in Meerane. Feuilleton: Mutter Jones. Notizentheil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Soziale Gesetzgebung. Vereinsrecht der Frauen. Frauenstimmrecht. schiedenes. Quittung. Zur Beachtung. Fraueninteresse und Frauenpflicht. Ver= Wenn jemals die Aufmerksamkeit der Frauen mit leidenschaftlichster Spannung dem politischen Leben, den Reichstagsverhand lungen zugewendet sein mußte, so in dem gegenwärtigen Augenblick. Die Kämpfe, die hier ausgefochten werden, gelten Frauenwohl, Fraueninteresse in der umfassendsten Bedeutung des Wortes. Was in ihnen auf dem Spiele steht, ist nicht mehr und nicht weniger als das Recht der Frau und der Ihrigen auf des Leibes Nahrung und Nothdurft, auf Höheres noch, das von der Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse abhängig ist. Für und wider die Wucherzölle wird gestritten. Die Wuchers zölle, die in die Villen und Paläste der Eisen- und Tertilbarone, die ganz besonders in die Schlösser der großen blaublütigen Getreidebauern und Viehzüchter mit Scheffeln tragen sollen, was Pfennig um Pfennig in den Hütten, Hof- und Dachwohnungen der erbrückenden Mehrzahl des Volkes abgepreßt und abgezwackt wird. Die Wucherzölle, welche die ohnehin hohen Preise der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zu unerschwinglichen Theuerungsund Hungerpreisen hinaufschrauben müssen. Welch schlüssige Probe auf das Erempel der alten lieben Spießbürgerweisheit, daß die Politik die Frauen nichts angehe. Und welch widerliches Schauspiel für die Frau des werkthätigen Volkes, die weiß, daß es in dem gegenwärtigen politischen Kampfe auch um ihr Wohl und Wehe geht. Der Reichstag soll das Haus des Volkes, soll die Stätte seiner Interessenvertretung sein. Ein Markt erscheint er in diesen Tagen der zweiten Lesung des Zolltarifentwurfs; ein Markt, wo schmutzig- selbstsüchtige Händler und Wucherer ihr Handwerk in gemeingefährlicher Weise treiben. Da klingen sie durcheinander, die betrügerischen Anpreisungen, die Drohungen und Lockungen, durch welche die Einen die Anderen übers Ohr zu hauen suchen. Die Zöllner, die Ueberzöllner, die Regierung, sie alle rühmen ihre Waare ihre volksverderblichen Zollsäße und bemühen sich, sie an den Mann zu bringen, der Majorität aufzuschwäßen. Sie schreien sie aus im Namen der Noth der Landwirthschaft, der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie, im Namen des Interesses der Arbeiterklasse, des Gemeinwohls, der Vaterlandsliebe und anderer schöner Begriffe noch, die für die ausbeutenden und herrschenden Klassen nichts Anderes sind als wohlklingende Etiketten, die ihre unersättliche Begehrlichkeit nach Beute decken. Mit zorniger, gerunzelter Stirn erklärt ein jeder der Händler, daß er auch nicht einen Deut von dem Preise nachlassen könne, um welchen ihm des Volkes Brot, seine Gesundheit, seine Bildung und Sittlichkeit, seine Leistungstüchtigkeit feil sei. Aber mit einem Augurenlächeln blinzeln die Herren einander zu: Keine Furcht, wir sind nicht unerbittlich, bei der dritten Lesung werden wir das Geschäft„ der mittleren Linie" schon machen! Wie groß auch immer die PreisBuschriften an die Redaktion ber Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( Bundel), Stuttgart, BlumenStraße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. unterschiede in den Forderungen der überzöllnerischen Bündler, der einfach zollwucherischen Reichstagsmajorität und der Reichsregierung sein mögen: der feste Wille ist auf jeder Seite vorhanden, den Zollwucher unter allen Umständen auf Kosten der breiten Massen unter Dach und Fach zu bringen. Wie wäre es sonst möglich, daß eine Reichstag majorität wegen einem Weniger von 50 Pfennigen an Hungerzoll auf Getreide der Regierung ihre Zollsäge vor die Füße wirft, ohne daß der Entwurf verschwindet und der Reichskanzler vom Lucanus geholt oder aber der Reichstag aufgelöst wird? Wenn aber die proletarische Frau anklagend mit dem Finger auf die Todfeinde und die Verräther ihrer Interessen zeigt, die den Zollwucher beschließen wollen, oder die ihn möglich machen, so darf sie der Freisinnigen nicht vergessen. Wohl haben etliche von ihnen recht gute Reden gegen die Plünderung der Massen gehalten. Als es sich aber um mehr als Worte, als es sich um Thaten handelte, da sind sie den entschiedensten Kämpfern gegen die Hungerzölle in den Rücken gefallen. Waren es doch Eugen Richter und seine Mannen, die durch ihre Haltung, die Handhabung der Geschäftsordnung betreffend, unter der jubelnden Zustimmung der Beutepolitiker veranlaßt haben, daß die Anträge der Sozialdemokratie auf völlige Zollfreiheit nicht zur Abstimmung kommen können. Indem sie dadurch gegen 900 Abstimmungen hintertrieben haben, vermehrten sie für die Zollwucherer die Möglichkeit, ihren Raub zu vollenden und zu bergen, ehe die Massen des Volkes bei den nächsten Reichstagswahlen die gefährlichsten dieser Gesellen aus dem Tempel der Gesetzgebung hinauszuwerfen vermöchten. Nur eine Partei hat in dem Tohuwabohu der marktenden Schacherer mit voller Ehrlichkeit und allem Nachdruck die Interessen der weitesten Streise der Bevölkerung verfochten, Interessen, die im höchsten Maße auch diejenigen der proletarischen Frau sind: die Sozialdemokratie. Mit zahlengeſtüßten Thatsachen haben ihre Vertreter das verlogene Märchen zerstört, daß die wucherische Zöllnerei den nothleidenden Kleinbauern Rettung zu bringen vermöchte, haben sie die Sünde und Schande gebrandmarkt, daß die künstlich gesteigerten Preise für landwirthschaftliche und industrielle Erzeugnisse nur in die unergründlichen Taschen Reicher und Sehr- Reicher wahre Goldströme leiten. In martigen Zügen entwarfen sie Bilder von dem grauenvollen, vielfältigen Elend, das als Folge des Zollwuchers unaufhaltsam über die große Mehrzahl der Nation hereinbrechen muß. Diejenigen aber, die im Leben Bescheid wissen, starrte aus diesen Bildern das grauenvolle Antlig der gemartertsten aller Märtyrerinnen entgegen: der proletarischen Frau. Theuerungspreise für das Unentbehrlichste, wie tödtlich treffen sie die Gesundheit, den Drang nach Aufklärung und Kultur der Arbeiterin, die heldenmüthig zur Werktags- die Sonntagsfrohn, zur Tages- die Nachtarbeit fügt, um ihre Ehre vor den Versuchungen des Lasters zu schützen. Theuerungspreise für das Unentbehrlichste: mit welch' erdrückender Bürde von Entbehrungen, Sorgen und Schmerzen belasten sie die proletarische Hausmutter, die mit wenigen Groschen den Tisch für Viele bestellen soll. Gilt es für sie doch nicht blos das eigene Bedürfen und Wünschen zu befriedigen, sie muß und will Gesundheit, Bildung und Freude ihrer Kinder vertheidigen. Wenn irgend Jemand, so muß deshalb die proletarische Frau aus der gegenwärtigen politischen Lage ihre Schlußfolgerungen ziehen. Nun, wo im Parlament der Kampf um den Zollwucher zur eklen Komödie entartet ist, fängt das ernste politische Ringen außerhalb des Parlaments erst an. Der ernste politische Kampf für die Interessen der Nation, getragen von den Massen, die, ge= rufen und geführt von der Sozialdemokratie, mit den Zollwucherern gründliche Abrechnung halten. Und bei dieser Abrechnung kann die proletarische Frau ein entscheidendes Wort mitreden. Sie muß es reden. Im Parlament eine Heimathlose, eine Ausgestoßene, ohne das Recht des Stimmzettels, ist sie doch im politischen Leben feine Machtlose. Umgekehrt, sie ist macht und einflußreich, wenn sie nur ihre Interessen flar erkennt und den Wählern und Gewählten gegenüber willensstark vertritt. Eindringlicher als je der Agitator von außen vermag die Frau am häuslichen Herde mit Gründen des Gefühls und des Verstandes den Mann an seine Pflicht zu mahnen, die Stimme zum Protest gegen den zöllnerischen Beutezug zu erheben, die Kameraden zum Widerstand aufzurufen, den Volksvertretern auf die Finger zu sehen und zu klopfen. Sie hat Gelegenheit, im täglichen Verkehr Bäcker, Fleischer und Krämer an die Schädigungen zu erinnern, mit denen sie der Zollwucher in Gestalt der verminderten Kauftraft der Masse be= droht. Sie kann in der Oeffentlichkeit den verrätherischen Abgeordneten an den Pranger stellen und ihm den Fluch der Armuth ins Gesicht schleudern. Ihre Macht, das politische Leben mittelbar zu beeinflussen, muß sie in ausgiebigster Weise ausnußen. Ihr Platz ist in den ersten Reihen, wo immer der Ruf ertönt: Wider den Zollwucher! In allen Zeiten und Ländern sind es Hungersnöthe, Theuerungspreise gewesen, welche mit scharfen Geißelhieben die Frau aus der Enge des häuslichen Lebens in den politischen Kampf trieben. Was die Noth des eigenen Leibes und Geistes nicht vermochte, das brachte die Mutterliebe zu Stande: sie besiegte das Vorurtheil von der Unweiblichkeit der Betheiligung am politischen Leben, am Kampfe der Parteien. Möchte sich in unseren Tagen erneuern, was sich so oft schon begeben! Was verschlägt es, wenn die Zollwucherer die Frauen schelten, die zu kämpferinnen werden und den Entrüstungssturm anfachen und tragen helfen, der sich gegen das wegelagernde zöllnerische Raubgesindel erhebt. Auf Schimpf und Hohn können die Geschmähten stolz antworten: Schweigt, Heuchler und Otterngezücht! Wir stehn für unser Recht, wir stehn für unsere Kinder, unser Bolt! Frauenarbeit in Buckerfabriken. Von Louise Biek. Es genügt den Zuckerbaronen keineswegs, die Frauen in ihrer Eigenschaft als Konsumentinnen zu schröpfen, sie in ihrer Eigenschaft als Landarbeiterinnen beim Rübenbau auszubeuten,* die Herren nuten vielmehr außerdem die Möglichkeit aus, in Rohzuckerfabriken, Raffinerien und Zuckerwaarenfabriken aus der weiblichen Arbeitsfraft, als billiger und williger Arbeitskraft, höchste Profite herauszupressen. Bis zum Jahre 1892 war die Ausbeutung der Arbeiterinnen in den Zuckerfabriken eine schrankenlose. Die Zahl der daselbst beschäftigten weiblichen Arbeiter war daher eine sehr große.. Bei jeglicher Arbeit, in Tag und Nachtschichten wurden sie eingespannt. Dann erfuhr diese schrankenlose Ausbeutung eine kleine Einschränkung durch eine Verordnung des Bundesraths, welche auf Grund von Absatz 1 des§ 139 a der Gewerbeordnung erlassen wurde. Für Rohzuckerfabriken und Raffinerien ward verfügt, daß Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter zur Bedienung von Rübenschwemmen, Rübenwäschen, der Fahrstühle, sowie zum Transport der Rüben und Rübenschnitzel in schwer zu bewegenden Wagen nicht verwendet werden dürfen. Im Füllhaus, den Zentrifugenräumen, den Kristallisationsräumen, den Trockenkammern und den Mischräumen, sowie an anderen Arbeitsstellen, wo außergewöhnlich hohe Wärme herrscht, wurde Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern die Beschäftigung und der Aufenthalt verboten. Dagegen trat das Verbot der Nachtarbeit, das durch die Gewerbeordnungsnovelle vom Jahre 1891 ausgesprochen war, für die Zuckerindustriellen erst mit dem Jahre 1898 in Kraft. Das unablässige Geschrei der Herren, ihr fortgesetztes Bombardement des Bundesraths mit diesbezüglichen Petitionen war also von Erfolg gekrönt gewesen. Im Jahre 1898 noch besaß der Verein der deutschen Zuckerindustrie" die Unverfrorenheit, vom Bundesrath die Erlaubniß zur Nachtarbeit auf weitere fünf Jahre zu verlangen. Glück* Vergleiche Nr. 1 und Nr. 14 der„ Gleichheit". 178 licherweise wurde das Begehren abgelehnt. Aber auch die am 24. März 1892 erlassene, oben angeführte Verordnung ist den Herren eine gar zu lästige Beschränkung ihrer Ausbeuterfreiheit. Das beweisen nicht nur die im Laufe der Jahre immer wiederkehrenden Uebertretungen derselben, sondern dafür spricht auch die Thatsache, daß der Verein der deutschen Zuckerindustrie in seiner Generalversammlung am 21. Mai 1901 die Meldung seitens des Vorstandes entgegennahm, man wolle bei der Regierung vorstellig werden, daß die 1902 ablaufende Verfügung nicht erneuert werde. Das war sogar dem Bundesrath zu toll. Er hat das Ansinnen abgelehnt, und die betreffende Verordnung wurde durch Bekanntmachung vom 5. März 1902 erneuert und etwas ergänzt. Natürlich besteht bei den abgeblikten Herren die Neigung fort, die unbequeme Bestimmung zu vergessen. Demgegenüber ist es unsere Pflicht, das Augenmerk der Gewerbeaufsichtsbeamten auf solche Betriebe zu lenken, wo diese Verfügung mißachtet wird. Handelt es sich doch um lauter Arbeiten, die entweder dem weiblichen Organismus besonders schädlich sind in Folge der nothwendigen, frankmachenden Körperhaltung, der Ueberanstrengung oder um solche, welche die Sittlichkeit gefährden, wie dies der Fall ist, wenn zum Beispiel in überheizten Räumen halbnackte Frauen mit fast vollständig nackten Männern zusammen schaffen müssen. Unsere Gewerbeaufsichtsbeamten wissen, daß sie es bei den Zuckerbaronen mit hartgesottenen Sündern zu thun haben. Ertappen sie dieselben doch gar zu oft bei Uebertretung der Schutzvorschriften. So berichtet der Gewerbeaufsichtsbeamte der Provinz Posen im Jahre 1898, daß in einer Zuckerfabrik eine ganze Anzahl Arbeiterinnen während der Kampagne in der Nachtschicht beschäftigt gefunden wurden. In einer anderen Zuckerfabrik traf die Gewerbeaufsicht zwei Arbeiterinnen an, die in einem heißen Raume in Gemeinschaft mit halbnackten Männern schafften.* 1895 meldet der Beamte aus Magdeburg, daß trotzdem für Samstags die Beschäftigung der Arbeiterinnen bis Abends 7 Uhr gestattet worden, zwölf Uebertretungen des Verbots der Nachtarbeit zu verzeichnen waren. 1900 wurden in Merseburg drei Arbeiterinnen in regelmäßiger Nachtschicht angetroffen. Die Strafe für den nachgewiesenen Bruch des Gesetzes? Ganze 10 Mt. Geradezu ein Hohn! Im letzten Jahresbericht weiß der Magdeburger Beamte nichts davon zu melden, daß in Zuckerfabriken die Ausbeuter auf das Gesetz und die Anordnungen des Bundesraths gepfiffen hätten. Unsere Genossen des Bezirkes berichten dagegen ganz haarsträubende Dinge über die Auswucherung weiblicher Arbeitstraft. Aus Sudenburg wurde mir von zuverlässiger Seite mitgetheilt, daß in drei von den fünf dort vorhandenen Raffinerien Frauen beschäftigt werden. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden, von 6 bis 6 Uhr mit einstündiger Mittags und je einhalbstündiger Frühstücks- und Vesperpause. Der Lohn stellt sich auf 1 Mt. 20 f. bis 1 Mf. 50 Pf. pro Tag. Dafür haben die Arbeiterinnen die schweren Zuckerbrote zu schleppen, vom Füllraum zunächst zum Elevator, der sie nach oben befördert, dann von dort nach den Trockenräumen. Das aber nicht etwa in einzelnen Broten, sondern je zwei und drei davon zusammen. Die Brote befinden sich obendrein in sogenanntem„ grünen Zustand", das heißt sie sind eben in die Form gegossen worden und noch nicht einmal abgekühlt. Ein einzelnes Brot mit Form wiegt 40 bis 45 Pfund. Da in der Raffinerie eine sehr hohe Temperatur herrscht, auf den Böden von 20 bis 28°, in den Trockenkammern gar von 32 bis 37° R., so sind die Mädchen und Frauen nur mit Hemd und kurzen Röckchen bekleidet. Beim Schleppen der Brote stemmen sie dieselben gegen die Brust und halten sie mit beiden Armen fest. Die Brote sollen beim Transport oft noch so heiß sein, daß die Brust verbrennt und eine einzige große Wunde ist! Und diese Arbeit unausgesetzt den ganzen Tag, oft noch treppauf und treppab. Im Trockenraum werden die Brote gedeckt, das heißt es wird die Kläre darauf gethan, eine äußerst unangenehme, schmierige Arbeit. Nachdem dann später die Brote„ gestürzt", das heißt von der Form befreit worden sind, werden sie abgepuẞt,„ ge= freest", lautet der technische Ausdruck, und einpapiert. Alles dies ist Arbeit der Frauen. Noch heute sollen Männer, so gut wie vollständig nackend, nur mit einem Sacke die Lenden umgürtet, in Gemeinschaft mit Frauen im Trockenraum einer Raffinerie Sudenburgs beschäftigt sein. So versicherten mir wenigstens Arbeiter, die selbst in dieser Raffinerie beschäftigt gewesen sind. Nach ihren Schilderungen sind die sittlichen Zustände in der betreffenden Raffinerie tieftraurige, ist die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft daselbst eine geradezu ungeheuerliche. Zu den oben geschilderten, überaus anstrengenden Arbeiten sollen selbst Frauen in hochschwangerem Zustande Verwendung finden. Erst nach ihrer Entbindung werden sie zunächst mit leichteren Arbeiten, wie Reinigen, Säckeflicken u. s. w. beschäftigt. Die vorstehenden Angaben zeigen augenscheinlich, daß die Umstände, unter denen die Arbeiterinnen in den Zuckerfabriken ausgebeutet * Preußischer Fabrifinspektionsbericht vom Jahre 1898, Seite 109. werden, recht vielfach ein bitterer Hohn auf das Gesetz und die Verordnungen des Bundesraths sind. Aber auch was die Arbeiten in den Zuckerfabriken anbetrifft, die gefeßlich zugelassen sind, wie das Verpacken des Zuckers, das Waschen und Flicken der Säcke, das Reinigen der Räume 2c., ist noch vieles dringend verbesserungsbedürftig. Das gilt sowohl von der Länge der täglichen Arbeitsfrohn, die Frauen und Mädchen leisten müssen, wie von den gesundheitlichen und sittlichen Zuständen, unter denen sie thätig sind. Aber freilich: All die Uebel, die in der einen oder anderen Hinsicht schreiend zu Tage treten, steigern den kapitalistischen Profit. Und so begreift man, daß gelegentlich der jetzigen Enquete über die etwaige Herabsetzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen auf 10 Stunden 2c., die Regierung aus den Kreisen der Zuckerindustriellen ermahnt wurde, sie möge doch nicht durch solch zwecklose Bestimmungen die schlechte Lage der Industrie noch mehr verschärfen". Was von der Verbesserungsbedürftigkeit der Lage der Arbeiterinnen in den Zuckerfabriken gesagt wurde, das gilt vor Allem aber auch vom Lohne, der selten über einen wahren Hungerlohn hinauskommt. Wo das Gesetz versagt, oder wo es vom Unternehmerthum übertreten wird, muß zum Schutze der Arbeiterinnen die Selbsthilfe, die Macht der gewerkschaftlichen Organisation eingreifen. Aus eigenem Antrieb kommen jedoch diese Aermsten fast nie dazu, das Mittel des Zusammenschlusses in Anwendung zu bringen. Das Evangelium der Solidarität, die frohe Botschaft der Erlösung durch eigene Kraft, muß ihnen von außen her gebracht werden. Es ist das keine leichte Arbeit. Es ist immer ungeheuer schwer, Jemand aus einem Sumpfe zu ziehen. Und dennoch darf uns die Größe und Zahl der Hindernisse, welche sich der Organisirungsarbeit entgegenstellen, nicht abschrecken. Gelingt es nach endloser Mühe schließlich doch, die armen, gequälten Arbeitsstlavinnen zu selbstbewußten, zielflaren, sittlich in sich gefestigten Menschen zu erziehen, die nicht nur für ihre eigene Zukunft zu kämpfen bereit sind, sondern die sich willig und froh in das große Heer einreihen, das für die Befreiung des ganzen Proletariats kämpft: welch herrlicher Lohn! Deshalb gilt auch hier die Losung: Ans Werk! Der Sieg wird nicht ausbleiben. Arbeitslose Proletarierinnen. Von den zahlreichen Arbeitslosenzählungen, die im verflossenen Winter vorgenommen wurden, hat die Nürnberger die sachgemäßeste Verarbeitung gefunden. Man findet dieselbe abgedruckt als Anhang zum 7. Jahresbericht des Arbeitersekretariats Nürnberg. Die Statistik ist nicht nur eine interessante Feststellung der Arbeitslosigkeit, sie bietet auch Anlaß zu einigen Betrachtungen über die Krisenwirkungen auf die Arbeiterinnen, so daß sich eine Besprechung in der„ Gleichheit" empfiehlt. Vorausschicken wollen wir eine kurze Zusammenfassung des Gesammtergebnisses. Es wurden am 19. Januar 1902 4920 Arbeitslose, 2855 mehr als im Dezember 1895, gezählt. Sowohl der Kopfzahl nach als auch im Vergleich zur Zahl der überhaupt beschäftigten Arbeiter war die Arbeitslosigkeit im verflossenen Winter größer als bei irgend einer der vorangegangenen Zählungen. Auf einen Arbeitslosen kamen durchschnittlich 63 arbeitslose Tage. Die überwiegende Mehrzahl der Arbeitslosen gehörte zu der eingesessenen Bevölkerung. Das Verhältniß der in der Arbeitslosenstatistik des Nürnberger Gewerkschaftskartells nachgewiesenen männlichen und weiblichen Arbeitslosen ist sehr merkwürdig, es regt in hohem Maße zur Nachprüfung an. Man verzeichnete in den Listen 4230 männliche und 690 weibliche Arbeitslose. Spielt auch im Nürnberger Baugewerbe und in der für die größte Industriestadt Bayerns charakteristischen Maschinen- und Elektrizitätsindustrie die Frauenarbeit keine große Rolle, so ist sie in der Pinsel, Kamm-, Bleistift, Tabak, Spielwaaren-, Kartonnagen-, Lebkuchen-, Feingoldschläger-, Bronze-, Reißzeug, Schuh- und Textilindustrie von sehr großer Bedeutung. Außerdem ist die Frauenarbeit in vielen anderen Industriezweigen nicht unerheblich. Dieser Bedeutung der Frauenarbeit entspricht nicht die Zahl der weiblichen Arbeitslosen, die noch nicht ein Sechstel der männlichen Arbeitslosen ausmacht. Wir sind blos auf Vermuthungen angewiesen, um diese auffallende Verschiedenheit der Geschlechter in den festgestellten Arbeitslosenziffern zu erklären. Die ungenügende Schulung und Aufklärung der Arbeiterinnen Nürnbergs mag viel dazu beigetragen haben, daß sie den Fragen der Zähler kein Verständniß entgegengebracht haben, daß sie sich oft nicht klar geworden sind, daß sie wirklich arbeitslos waren. Die ohne Beschäftigung in der Industrie zu Hause weilende Arbeiterin, vor Allem die verheirathete, hat immer zu thun, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, für sich, den Mann, die Kinder Wäsche und Kleider in Stand zu setzen, zu scheuern und zu waschen und was dergleichen Arbeit sonst ist. Da mag wohl so Manche die Frage, ob sie arbeitslos ist, ver179 neinend beantwortet haben, wenn sie auch schon seit Langem die gewohnte Lohnarbeit verloren hatte. Diese Erwägungen können die verhältnißmäßig niedrigen Ziffern der Arbeitslosigkeit der Industriearbeiterinnen bis zu einem gewissen Grade erklären, wahrscheinlicher erscheint aber eine andere Erwägung, zu der wir auf Grund von Mittheilungen in den Berichten des Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1901 tommen. Diese stellen fest, daß durch die Arbeitslosigkeit vornehmlich die Männer leiden, während die Frauen vielfach stärker zur industriellen Thätigkeit herangezogen werden als in der Prosperitätsperiode. Als eine Krisenerscheinung ergab sich also auch die, daß die männlichen, besser entlohnten, widerstandskräftigen Arbeiter durch weibliche, bedürfnißlosere, willfährigere Arbeitskräfte ersetzt wurden. Da die Arbeiterinnen ein stark fluktuirendes Element der Arbeiterbevölkerung bilden, vielfach von einer Industrie in die andere übergehen, läßt sich keine so sehr wie bei den männlichen Kollegen ins Gewicht fallende Berufsscheidung durchführen. In der folgenden Tabelle sind die unbeschäftigten Arbeiterinnen gemäß ihren Berufsangaben gruppirt: Branche Per: sonen PerBranche sonen Metallindustrie. Presserinnen. Polirerinnen. Beschneiderinnen 328 Komptoristinnen 29842 Handelsangestellte. 13 Verkäuferinnen 23 12 Packerinnen 17 Stanzerinnen 9 Buchhalterinnen 6 Vernicklerinnen 5 Lageriſtinnen 2 56 3 2 Dienende. Lötherinnen Zinngießerinnen Drahtzieherinnen Holzindustrie. Pinselmacherinnen. Bleistiftarbeiterinnen Kammmacherinnen. Graphische Gewerbe. Papparbeiterinnen. Druckerinnen. Anlegerinnen. Bekleidungsindustrie. Näherinnen Stickerinnen Wäscherinnen Büglerinnen. 1 54 3ugeherinnen 18 16 2 36 . 33 13 2 Dienstmägde Köchinnen. Haushälterinnen Kinderfräulein Sonstige Berufe. Lackirerinnen. Spinnerinnen Stepperinnen Kellnerinnen. 2 48 Bigarrenarbeiterinnen . 24 5 8 11 48 Konditoreiarbeiterinnen Arbeiterinnen ohne be= sondere Berufsangabe. Summa 17 87522 2 54 17 86 4 4 1 40 336 682 Unter den weiblichen Arbeitslosen waren 333 unverheirathet, 286 verheirathet, 85 verwitwet oder geschieden, von 11 war über den Zivilstand eine Angabe nicht zu erhalten. Das Durchschnittsalter der unverheiratheten Arbeiterinnen war 23, das der verheiratheten 33, das der verwitweten und geschiedenen 50, das aller Arbeiterinnen überhaupt 30 Jahre. Die Altersvertheilung tritt genauer in Erscheinung in der folgenden Tabelle: Ledige. Verheirathete Alter Verwitwete u. Geschiedene unter 15 Jahre 15-20 20-25 25-30 30-35 35-40 40-45 45-50 50-55 55-60 über 60 Jahre 9 111 111 43 31 10 11 3 1 47 64 59 47 18 14 B 388 15 5 7 1 6 9 13 16 12 8 13 Zusammen 9 112 159 113 99 70 45 29 19 18 13 Von den Arbeiterinnen hatten 61 = 18,31 Prozent der Ledigen, 171= 63,80 Prozent der Verheiratheten, 43= 50 Prozent der Verwitweten, Kinder zu erhalten. Um die Schwere der Arbeitslosigkeit zu messen, ist die Feststellung der Zahl der Kinder wichtig, welche unter der Erwerbslosigkeit litten. Es ergab sich, daß von den arbeitslosen Arbeiterinnen Kinder hatten: 1 2 3 4 5 6 7 9 Zusammen Kinder 133 79 35 15 8 3 1 1 275 . Die Kinderzahl beträgt 133 158 105 60 40 18 7 9 530 . Arbeiterinnen Es entfallen auf eine ledige Arbeiterin mit Kindern 1,5, auf eine Verheirathete 2, auf eine Witwe 2,3 Kinder. Durchschnittlich kommen auf eine arbeitslose Arbeiterin 1,9 Kinder. Aus den folgenden Zahlen geht hervor, daß nicht blos die männlichen Arbeiter, sondern auch die Arbeiterinnen durch die Industrie vom Lande in die Stadt gezogen, daß auch sie durch die Industrie in den Nomadenzustand des modernen Industriearbeiters versetzt werden. Ueber die Aufenthaltsdauer der arbeitslosen Arbeiterinnen in Nürnberg ist Folgendes durch die vorgenommene Zählung festgestellt worden: 8888 22 über 10 Jahre unter In Nürnberg wohnten 1-4 4-6 6-10 1 Jahr Ledige Arbeiterinnen 62 78 31 27 Verheirathete Arbeiterinnen 36 58 48 22 117 86 Verwitwete und geschiedene Arbeiterinnen 14 13 7 15 31 Zusammen 112 149 86 64 234 Prozentual zeigen diese Zahlen das folgende Bild: 180 in Folge von Arbeitsmangel zeigt bei Arbeiterinnen sonach einen höheren Durchschnitt als bei den Arbeitern; die Dauer der Arbeitslosigkeit in Folge Krankheit ist dagegen bei Arbeiterinnen im Durchschnitt um einige Tage geringer. Nach einzelnen Berufsgruppen geordnet, ergiebt die Arbeitslosigkeit wegen Arbeitsmangel für Arbeiterinnen in der Holzindustrie die höchste Durchschnittsziffer mit 87,7 Tagen. Ihnen folgen die Arbeitslosen der Gruppe Sonstige Berufe"( Lackirerinnen, Spinnerinnen 2c.) mit 72,5 arbeitslosen Tagen, dann die Dienenden mit 71,8 Tagen. Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit der in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiterinnen beträgt 69,3 Tage, die der Arbeiterinnen ohne nähere Berufsangabe 68,4 Tage, die der Beklei dungsindustrie 65,2 Tage, der graphischen Gewerbe 63,1 Tage, an letter Stelle rangiren die im Handelsgewerbe Angestellten mit 60,4 Tagen. Für alle einzelnen Berufe sind in dem 7. Jahresbericht des Arbeitersekretariats die Angaben spezialisirt. Wir verweisen noch einmal alle Diejenigen, welche sich für die Beschäftigungslosigkeit der Arbeiterinnen interessiren, auf die wichtige Schrift und geben hier nur noch die folgende Zusammenfassung über die Dauer der Arbeitslosigkeit: 40 Arbeiterinnen waren weniger als 8 Tage arbeitslos Aufenthalt Ledige Arbeiterinnen Verheirathetete Arbeiterinnen Verwitwete und geschiedene Arbeiterinnen. Zusammen 26 105 unter 1 Jahr über 1-4 4-6 6-10 163 10 Jahre 145 38 V # V = V %%% 18,45 23,21 9,22 8,03 34,82 13,43 21,64 17,91 8,20 32,08 % % 17 36 18 5 • 16,39 15,11 8,13 17,55 36,04 16 M . 16,23 21,59 12,46 9,27 33,91 Von den arbeitslosen Arbeiterinnen gehörten 12 dem Metallarbeiterverband, 4 dem Holzarbeiterverband, 5 anderen Organisationen an. Von den Arbeiterinnen haben 647 Angaben über ihre Arbeitslosigkeit gemacht. 609 Arbeiterinnen waren wegen Arbeitsmangel, 38 in Folge von Krankheit arbeitslos. Ihre Arbeitslosigkeit betrug zusammen 44387 Tage. Auf eine weibliche Arbeitslose kommen durchschnittlich 68 Tage, zwei Monate und eine Woche Arbeitslosigkeit! Die Arbeitslosigkeit, welche durch Arbeitsmangel verursacht war, beträgt durchschnittlich 68,6 Tage für eine Arbeiterin, die Dauer der Arbeitslosigkeit in Folge Krankheit 68,8 Tage. Die Arbeitslosigkeit Mutter Jones. Mutter Jones! Dieser Name ist in dem letzten Halbjahr in dem Streifgebiet der nordamerikanischen Hartkohlengräber in aller Munde gewesen, er ist überall in den Vereinigten Staaten er flungen, wo über den Riesenkampf zwischen 150 000 Ausständigen und einer Handvoll gold: und machtproziger Grubenfürsten be= richtet wurde. Mit Dankbarkeit, Verehrung, Freude, Begeisterung sprachen die Einen von Mutter Jones: die Armen, die Ausge beuteten, die für ihr Recht kämpften, oder die sich eins mit dem Rechtskampf ihrer Brüder fühlten. Voller Spott und Grimm erwähnten ihrer die Anderen: die Ausbeuter, die Dollarkönige und der Troß Derer, die es mit ihnen halten. Kein Wunder das! Mutter Jones erscheint in dem Kampfe, zu dem das Uebermaß der Ausbeutung und Knechtung die Kohlengräber aufgepeitscht hatte, als das Fleisch und Blut gewordene Solidaritätsgefühl, Klaffengefühl des Proletariats selbst. Kühn jeder Gefahr, opfermuthig jeder Entbehrung und Strapaze tropend, von dem felsenfesten Glauben an das Recht der Ausständigen, der Arbeiterklasse überhaupt durchdrungen, hat sie mit Worten und Thaten unendlich viel gethan, um den Streifenden mehr als fünf Monate lang ihre moralische und materielle Kampfesfähigkeit zu erhalten. Mutter Jones war zur Stelle, wo es anfeuernder Reden bedurfte; wo es die Frauen von der Nothwendigkeit des Kampfes zu überzeugen galt; wo Unterstüßung zur Linderung tiefen Glends beschafft werden mußte; wo stumpfsinnige Brüder vom Streitbruch abgehalten werden sollten; wo die Gefahr eines Zusammenpralls zwischen den Ausständigen und den Bütteln und Schergen der Kohlenbarone drohte. Mit wunderbarer Macht verstand sie es, Kleinmuth und Verzagtheit V M 8-14 14- 30 = 30-60 = = V = 60-90 = V 90-120 = = 120-150 = = 150-180 M = 180-240= 9 V D 240-300 über 300 = M Alle diese Zahlen beweisen klar, wie schwer die Arbeitslosigkeit auf den Arbeiterinnen lastet. Von Ausnahmen abgesehen, waren alle arbeitslosen Arbeiterinnen nicht organisirt, sie entbehrten somit der Arbeitslosenunterstützung und aller anderen Vortheile, welche die Gewertschaften ihren Mitgliedern bieten. So lehrt das bedeutungsvolle Werk des Nürnberger Gewerkschaftskartells die Arbeiterinnnen, daß sie ihre Interessen wahren, wenn sie sich organisiren, für die Verbände unter den Unorganisirten werben und ihr Theil beitragen, die gewerkschaftliche Organisation zu stärken und auszubauen. ad, br. zu verscheuchen, den Muth zu beleben, die Ausdauer zu entfesseln, die Opferfreudigkeit zu entflammen, die Frauen aus Gegnerinnen zu begeisterten Vertheidigerinnen des Ausstandes zu verwandeln, die von keinem Nachgeben und Unterwerfen hören wollten, auch wenn die Noth mit wuchtigsten Schlägen an die Thüre pochte. Ebenso wunderbar aber war ihre Gabe, wieder und wieder mate= rielle Unterstüßungen für die Ausständigen zu beschaffen. Ihre Vorstellungen fanden den Weg zu harten Herzen und gewannen der Sache der Streifenden Sympathien und Gaben in den weitesten Kreisen der Bevölkerung. So hat Mutter Jones ein großes Theil Verdienst daran, daß es den Gruben fürsten nicht gelungen ist, in dem gewaltigen Kampfe die Kohlengräber niederzuzwingen und ihre Organisation, den Bergarbeiterverband, zu vernichten. Mutter Jones' Leben ist seit Langem schon ausschließlich der Sache der Arbeiter geweiht. Und so ist es nicht das erste Mal, daß wir von ihrer bewunderungswürdigen Bethätigung in einem Ausstand hören. Schon vor ungefähr zwei Jahren standen die pennsylvanischen Hartkohlengräber in einem Riesenstreit, in welchem Mutter Jones eine hervorragende Rolle spielte. Unser kürzlich verstorbener Genosse Jakob Franz schrieb damals über die wackere Frau in der Neuen Zeit" das Folgende:* " Schon im vorlegten großen Kohlengräberausstand( 1898), wie im legtvergangenen erschien in den Reihen der kämpfenden Arbeiter eine alte, eigenartig angelegte Frau, die in anfeuernder und zum Ausharren ermahnender Thätigkeit eine bedeutende Wirksamkeit ausübte. Die Frau nennt sich Mary Jones. Sie scheint die * " Neue Beit", XIX. Jahrgang, I. Band 1900/1901, Nr. 11.„ Der Streit der Kohlengräber in den ,, Vereinigten Staaten". Weberausstand in Meerane. Ein allgemeiner Ausstand der Weber und Weberinnen in Meerane! Diese Nachricht führt in einen Bezirk sprichtwörtlichen Weberelendes und prozigsten Fabrikantenreichthums. Vor der Stadt die luxuriösen Villen, wo der Ueberfluß sich parvenühaft roh und aufdringlich spreizt. Dicht daneben in der Stadt die engen, dumpfigen, armseligen Wohnungen, wo das graue Elend hockt, wo die Entbehrung ein täglicher, der Hunger ein häufiger Gast ist. Hier eine Noth, die nicht von der Faulheit verursacht, die vielmehr die Zwillingsschwester der fleißigsten, aufreibendsten Arbeit ist. Eine Noth, die nicht nur den Leib peinigt und seine Kräfte verzehrt, die auch den Geist stumpfsinnig und schwunglos macht, die den Willen untergräbt und bricht. Zur furchtbaren Gewohnheit ist unsäglicher Jammer geworden, der als etwas unabänderliches von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr weiter geschleppt wird. Und trotz alledem! Sie haben es gewagt, wider des ausbeutenden Kapitals Macht zu„ meutern", die engbrüftigen, hüstelnden Weber, die Weberinnen, auf deren Wangen nur zu oft tückisches Lungenleiden trügerische Rosen haucht. Sie mußten es wagen! Möchten sie siegen! Jawohl, sie haben es gewagt! Mit bewunderungswürdiger Solidarität und Disziplin haben mehr als 1900 Weber und Weberinnen gemeinsamen Berathungen und Beschlüssen entsprechend mit einem Schlage die Arbeit niedergelegt. Wohl qualmen die Schlote der großen mechanischen Webereien, damit der Anschein erweckt werde, da drinnen herrsche das gewöhnliche, bienenfleißige Leben. Aber wie todt ist es in den Sälen! Verstummt ist das Klappern der Stühle, das Sausen und Schwirren des Räderwerkes. Die Weberschiffchen fliegen nicht länger in sinnverwirrender Hast hin und her. Unbeweglich stehen die Rädchen und Hebel, die von der menschlichen Arbeit belebt mit der Geschicklichkeit und Behendigkeit von Feenfingern Stoffe erzeugen, so warm, so weich, so farbenschön, wie sie Bedürfniß und Laune nur ersinnen können. Nur hier und da klappert einsam, mühselig und wie verdrossen ein Webstuhl, von den ungeschickten Händen der Frau eines Fabrikangestellten bedient, die es für eine Pflicht und Würde ihrer„ höheren Stellung" hält, Streifbrecherdienste zu verrichten, deren die ärmste Arbeiterin sich schämen würde. Wie in den großen selbständigen Fabriken, so auch in den sogenannten„ Lohnwebereien", kleineren, modern eingerichteten Betrieben, die vom Großkapital erbarmungslos niederkonkurrirt worden sind und in denen nun ,, Lohnmeister"- Zwischenunternehmer- zu Nutz und Frommen der großen Fabrikanten die Arbeiter und Arbeiterinnen zu Hausweberlöhnen ausbeuten. Aller Lockungen und Drohungen ungeachtet halten sich die Hunderte der Arbeiter fern, die für gewöhnlich gewandt, fleißig und anspruchslos bis zum Aeußersten fremdem Reichthum frohnden. Sie genießen die Freiheit wie viele von sechziger Jahre überschritten zu haben; ihr Auftreten aber, wenn sie vor Massenmeetings spricht, ist das eines jungen, von flammender Begeisterung beseelten Mannes; ihre Worte klingen da wie aus frischem, kraftvollem Geiste und jugendlichem Herzen kommend. Frau Jones bekennt sich zur Sozialdemokratischen Partei von Amerifa, die auf dem letzten Pariser internationalen Kongreß durch Job Harriman vertreten war; ihr Wirkungsfeld aber ist hauptsächlich der Schauplaß des Arbeiterausstandes größeren Stiles, wo sie nicht nur in moralischer Beeinflussung der Leute, nicht nur durch Hebung ihrer Kampfgesinnung, sondern auch in Beschaffung von " Proviant" für die Kämpferschaaren, nämlich durch Einsammeln von Geschenken in Gestalt von Lebensmitteln bei der ländlichen Bevölkerung, wahre Wunderwerke zu verrichten pflegt. So oft es gilt, Gefahren zu trogen, ist die wackere Frau an der Spitze der Streiter zu finden. Bei der Schärfe, die der direkte Stlassenkampf zwischen Industriellen und Arbeitern in diesem Lande angenommen hat, ist es wirklich immer öfter mit persönlicher Gefahr verbunden, als einer der Leiter an den öffentlichen Aufzügen theilzunehmen, womit streikende Arbeiter nach überlieferter Gewohnheit, hierzulande wie in England, für ihre Sache Propaganda zu machen und be= sonders die Einmischung neuangeworbener Kollegen fernzuhalten, sowie knieschwache Kameraden moralisch zu kräftigen suchen. Aber gerade in der Erfüllung dieser Aufgabe geht die alte Frau den Männern mit leuchtendem Beispiel voraus. Sie marschirt an der Spitze und ist im dichtesten, gefährlichsten Gedränge zu finden, wenn die Büttel der herrschenden Gewalten sich auf die Prozession der Streifer stürzen, um dieselbe aufzuhalten oder auseinander zu treiben. Darüber und wie Frau Jones es versteht, wenn es darauf ankommt, die Frauen und jungen Mädchen einer Streif181 ihnen nicht zum ersten Male seit ihren Kinderjahren! bei schönem Wetter auch an einem Werkeltage sich an der Natur erquicken zu können. Daheim verrichten sie Arbeiten, die unter dem Zwange der Erwerbssklaverei auch die ordnungsliebendste Hausfrau sonst von Tag zu Tag verschieben und oft ungethan lassen muß. Sie widmen sich den Kindern, für welche die liebevollste Mutter, der treueste Vater in gewöhnlichen Zeiten oft in der ganzen Woche tagsüber nicht ein Stündchen frei hat. Sie füllen die Streifversammlungen, um sich über den Stand der Bewegung zu unterrichten und Muth und Begeisterung zum Aushalten zu holen. In den Streitbureaus sind sie mit Liftenabschreiben 2c. beschäftigt. Sie stehen Streikposten und suchen die noch unaufgeklärten Kameraden der Lohnwebereien in der Umgegend der Stadt aus unfreiwilligen Schutztruppen der Fabrikanten in Kampfesgenossen zu verwandeln. Das Wesen und Auftreten der Ausständigen zeigt nichts von dem trunkenen Uebermuth von Sklaven, welche einen Augenblick die Kette gebrochen haben. Es athmet eine stille Freude, daß diese Armen sich einmal zuerst als Menschen und nicht als lebendige Anhängsel des todten Räderwerkes in dem Betriebe fühlen können, daß ihre Zeit und Kraft einmal sich selbst, den Ihrigen, den Kameraden gehört, und nicht dem rücksichtslosen Ausbeuter. Das Wesen und Auftreten der Streifenden zeigt vor Allem den Ernst von Männern und Frauen, die ihrer Verantwortlichkeit bewußt sind, die tlar blickend den schwierigen Kampf mit seinen vielen Härten auf sich nahmen, weil sie es mußten. Sie mußten es wagen, jawohl! Galt es doch ein Elend abzuwehren, noch zermalmender für Leib und Seele, als dasjenige, das fie gewohnheitsmäßig in dumpfer Ergebung tragen. Den Steinen gleich, die schreien, wenn Menschen schweigen, reden die Zahlen, die Thatsachen davon. In den Webwaarenfabriken wurde ein Lohn von 4/ Pf. pro Meter bezahlt. War der Satz ein höherer, so erwies sich in der Regel das zu verarbeitende Material als so schlecht, daß doch kein reichlicherer Verdienst erzielt werden konnte. Im Allgemeinen schwankte der Wochenverdienst der Meeraner Weber und Weberinnen zwischen 5 und 10 Mt. Nach einer Erhebung des Vorsitzenden vom Textilarbeiterverband betrug der Höchstverdienst im September für den ganzen Monat 45 Mt. Es waren aber sehr Wenige, die sich dieses Einkommens rühmen durften. Der Durchschnittsverdienst stellte sich pro Woche auf 8 Mt. Wahrhaftig, wenn das Wort " Hungerlohn" noch nicht geprägt wäre, in Meerane hätte es erfunden werden müssen! Mit dem jammervollen Verdienst mußten sich Hunderte von Familienvätern begnügen, wie der Umstand beweist, daß die Streifenden 1261 Kinder unter 14 Jahren haben. Zu der Niedrigkeit des Lohnes gesellte sich aber noch seine Unsicherheit. Die Verschiedenartigkeit und der Wechsel der Muster erlaubten es den profitgierigen Fabrikanten, die Abmachungen und Tarife zu durchbrechen, selbstverständlich nicht nach oben, stets nach unten. Viele bevölkerung zu organisiren und als Avantgarde ins Feld zu führen, dürften einige Nachrichten den Lesern nicht unwillkommen sein. Wie vor zwei Jahren, so war auch diesmal( 1900) der blut getränkte Boden der Umgegend von Hazleton das Zentrum des Kampfes; das nämliche Terrain, wo damals 22 Theilnehmer an einer Streifprozession von Sheriffsangestellten todtgeschossen wurden. Aus dem obgenannten Kohlengräberstädtchen wurde unterm 22. September telegraphirt: Gestern Abend hielt Mutter Jones' in Mc Adoo eine gut besuchte Versammlung ab. Nachdem sie die Männer bearbeitet hatte, ersuchte sie dieselben, ihre Frauen herbeizuholen. Es dauerte nicht lange, so war eine große Anzahl von Frauen und Töchtern der Minenarbeiter am Plaze. Frau Jones verstand es, in packender Weise den Frauen klar zu machen, daß es in ihrem Interesse liegt, die Männer im Stampfe zu unterstüßen und zu ermuthigen. Der große Beifall, welcher der Rednerin von den Frauen gezollt wurde, bewies, daß ihre Worte auf fruchtbaren Boden gefallen. Dies Resultat war schon heute Morgen sichtbar, als die Streifer eine Parade( einen demonstrativen Zug in den Straßen) inszenirten. 60 Frauen, in ihrer Mitte Mutter Jones', marschirten an der Spiße des Zuges. Als der Zug in Beaver Meadow Halt machte, hielten Frau Jones und Andere ermuthigende Ansprachen." Hazleton, 5. Oktober. Ungefähr 2000 Streifer, geführt von Mutter Jones' und 50 anderen Frauen und Mädchen, marschirten heute früh nach Lattimer, wo es ihnen gelang, die Kohlengräber der Firma Calwin Pardee& Company, die noch arbeiteten, zu überreden, sich den Streifern anzuschließen. Sheriff Harvey war ganz aus dem Häuschen, als er hörte, daß Frauen an der Spize marschirten. Er hätte gern einen Tumult provozirt, um einen - 182 der Weber und Weberinnen konnten nie sicher berechnen, wie viel| Elends hinabstoßen zu lassen. Sie nahmen den Kampf auf, einen oder richtiger wie wenig sie am Lohnzahlungstage erhalten würden. Die Lebensmittelpreise aber sind in Meerane so hoch wie in dem größeren Chemnitz, wo höhere Löhne bezahlt werden. Wie manche Eltern, wie manche Arbeiterinnen mögen da unter Thränen geseufzt haben:„ Ach Gott, daß Brot so theuer ist, und so wohlfeil Fleisch und Blut!" Die Dürftigkeit der Lebensweise, insbesondere der Ernährung, spottet jeder Beschreibung. Das Wort Ernährung selbst dünkt ein blutiger Hohn auf das, was zumal der Qualität nach, auf den Tisch tommt: Zichorienbrühe, Kartoffeln mit Quart, mit Hering, wohl gar nur mit Heringslauge, mit Salz, Kartoffelgerichte in unendlichen Variationen sind für den größten Theil der Meeraner Weberbevölkerung der Hauptbestandtheil der Mahlzeit. Unterernährung- das wohlklingendere Wort für langsames Verhungern ist denn auch die Quelle zahlreicher Leiden, an denen die Weber und Weberinnen mitsammt ihren Kindern dahinsiechen. Und zu alledem eine Arbeit, die mehr als manche andere die Nerven überanstrengt und mit Schädigungen für die Athmungsorgane verknüpft ist. Die Thatsache, daß von allen Städten des Deutschen Reiches Meerane die höchste Sterblichkeitsziffer hat, schreit die Sünden der kapitalistischen Ausbeutung gen Himmel. Unglaublich klingt es und ist doch wahr, daß trotz alledem die Fabrikanten die Löhne noch weiter herabsetzen wollen; eine große Firma um nicht weniger als 30 bis 35 Prozent auf einzelne Artikel. Die Herren wähnten offenbar, daß grenzenlos wie ihre Profitgier, so auch die Geduld der Weber und ihre Künstlerschaft im Hungern sei. Die Arbeiter beantworteten das maßlos unverfrorene Ansinnen mit einer bescheidenen, ja überbescheidenen Forderung. Sie stellten ihrerseits einen Tarif auf, der nichts Anderes bezweckte als die Aufrechterhaltung der alten Hungerlöhne! So gedrückt und eingeschüchtert, so nothgewöhnt sind die Meeraner Weber und Weberinnen, daß ihnen das Streben nach Aufbesserung ihres Verdienstes als hoffnungslose Kühnheit erschien, daß ihr Sehnen und Wollen nicht über eine Abwehr der drohenden Verschlimmerung ihres jämmerlichen Looses hinausging. Bescheiden war ihr Verlangen, maßvoll wurde es vertreten. Nicht der Kampf, gütliche Verhandlungen sollten es verwirklichen. Die Fabrikanten antworteten ein kurzes, faltes: Nein. Sie wollten mit ihren Arbeitsstlaven nicht verhandeln, sie wollten sie niederzwingen. Was so oft schon gelungen die Weber zu schweigender Hinnahme von geschmälertem Verdienst und zu festerem Anziehen des Hungerriemens zu zwingen, warum sollte es diesmal fehl= schlagen? Aber auch die größte Langmuth hat ihre Grenzen. Schließlich sind die Meeraner Weber und Weberinnen nicht fühlloser als der Wurm, der sich krümmt, wenn er getreten wird. Es glimmte in ihnen die Erkenntniß zur hellen Flamme auf, daß es ihr gutes Recht, ja ihre heilige Pflicht sei, sich nicht noch tiefer in die Hölle des sozialen Vorwand für das Eingreifen des Militärs zu erlangen.... Die marschirenden Streifer famen von Mc Adoo, Audenried, Jeanesville, Hazleton, von der Südseite von Harwood, von Eberdale, Jeddo, Freeland und Upper Lehigh. Die Frauen und Mädchen waren sämmtlich aus Mc Adoo. Als der Zug vor den Gruben in Lattimer eintraf, rannte Sheriff Harvey mit seinen untergebenen wie toll auf und ab und gestattete dem Zuge nicht, irgendwo stehen zu bleiben. Sogar an Frauen und Mädchen vergriffen sich die als Sheriffsgehilfen eingeschworenen Strolche...." " ( Ein anderer Bericht über die gleiche Affaire). Es war kurz vor 6 Uhr Morgens, als der Zug in Lattimer eintraf. Den Frauen marschirte ein Tambour- und Pfeiferkorps voraus. Diesem folgte eine bildhübsche junge Polin, die ein Sternenbanner trug. Bis 7 Uhr bewegte sich der Zug die Straßen auf und nieder, und dann gab es plößlich ein tausendstimmiges Hurrah, denn es war nun das Dompfpfeifensignal zum Beginn der Arbeit erklungen und feiner von den Bewohnern Lattimers hatte demselben Folge geleistet. Keine Thüre öffnete sich, um einen Mann oder Knaben in Arbeitskleidern nach den Gruben eilen zu lassen. Wenige Minuten später wurden die Jubelrufe der Leute des vom Süden herangekommenen Zuges durch die von der Nordseite Lattimers Heranmarschirenden erwidert. Die beiden Züge vereinigten sich an der Stelle, wo vor drei Jahren jene Arbeiterschlächterei stattgefunden. Man reichte einander die Hände und sang Siegeslieder, worauf eine kurze Raft gemacht wurde. Die ganze Schaar lagerte sich am Boden, paradirte dann noch mehrmals durch die Ortschaft und trat um 8 Uhr den Rückmarsch nach den verschiedenen Heimathsprtschaften an." ( Fortsegung folgt.) aufgezwungenen Abwehrkampf, wie er gerechtfertigter nicht gedacht werden kann. Wohl wußten sie, welche Härten und Bitternisse vielleicht im Gefolge des Ausstandes kommen würden: Tage, wo das Feuer des Herdes erlischt; wo in keiner Tasche ein Pfennig aufgestöbert werden fann; wo die hungernden Kleinen nach einer Brotfruste weinen oder betteln gehen; wo ein Meer von Sorgen alle Hoffnungsfreudigkeit, allen Muth zu ertränken scheint. Aber konnten diese Härten und Bitternisse sie schrecken? Waren sie ihnen nicht alte vertraute Bekannte? Hatte das Unternehmerthum sie nicht erzogen, mit denselben sich abzufinden? Was sie so oft zur Füllung des fremden Geldsacks unfreiwillig üben mußten fasten, borgen und sorgen das wollten sie freiwillig in ihrem eigenen Interesse thun. Und so erklärt es sich, daß der Streit mit schwerem Herzen begonnen wurde, aber mit größter Entschlossenheit und Begeisterung geführt wird. So erklärt es sich auch, daß ihn Die mit Freudigkeit tragen, die so oft das größte Hinderniß einer Lohnbewegung sind: die Frauen. Beim Flugblattvertheilen sind die Weberinnen häufig tapferer als die Männer. Sie bewähren sich als eifrige und gewissenhafte Streikposten, die sich weder durch die Wizeleien, noch durch die Beschimpfungen der vorübergehenden Fabrikangestellten irre machen lassen. In den Versammlungen sind sie zur Stelle und in den Standquartieren zur Arbeit bereit. Daheim aber murrt und klagt nicht die trostlose, erbitterte Hausfrau, die unverständig und kleinlich darauf ausgeht, dem Manne die Leiden des Kampfes doppelt fühlbar zu machen. Da schaltet und waltet die einsichtige Kampfesgefährtin, die energische Befürworterin des Streiks, die still jedes Ungemach trägt, die Entschlossenheit stärkt und den Muth befeuert. Möchten sie siegen, die Männer und Frauen, die so schlicht und heldenhaft die Bewegung tragen. Die Fabrikanten wollen noch heute von keiner Verständigung etwas wissen. Wie die Beauftragten der Ausständigen, so haben sie den Fabrikinspektor von Zwickau abgewiesen, der Frieden stiften wollte, und der die Ueberzeugung bekannte, daß der Kampf ein berechtigter sei. Die Fabrikanten halten daran fest, mit Sforpionen fortan Diejenigen züchten zu wollen, die sie bisher mit Peitschen gezüchtigt haben. Sie bauen auf ihren wohlgefüllten Geldsack und auf ihre übrigen zahlreichen Machtmittel, darunter vor Allem eine verlogene bürgerliche Presse. Was haben die Streifenden dagegen in die Wagschale zu werfen? Das feste Bewußtsein, eine gute, gerechte Sache, das Recht der lebendigen Menschen zu vertheidigen. Ihr Vertrautsein mit der Noth, ihre Begeisterung, ihre Einigkeit und Geschlossenheit. Die Solidarität ihrer Berufsgenossen in Glauchau, Gera, Reichenbach 2c., die sich weigern, Streifarbeit zu leisten. Die moralische und materielle Unterstützung aller Kreise der Meeraner Bevölkerung. Und was der private Beistand thut, das wird ergänzt durch die Hilfe des treuesten Freundes und Berathers wirthschaftlich kämpfender Arbeiter, der gewerkschaftlichen Organisation. Dem Verband der Textilarbeiter ist es an erster Stelle zu danken, daß die Streifunterstützung bis jetzt regelmäßig und den Hungerlöhnen gemessen verhältnißmäßig reichlich gezahlt werden konnte. Tritt zu den aufgezählten Bürgschaften des Erfolges noch die thatkräftige Solidarität der gesammten Arbeiterklasse, so ist der Sieg gesichert. Möchte er nicht zu lange auf sich warten lassen. Das wünschen wir von Herzen. Aus der Bewegung. an Wegen Raummangels mußte der Bericht über die fünfte Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine" zurückgestellt werden. Von der Agitation. In einer glänzend besuchten Volksversammlung in Garden Kiel sprach am 6. Oktober Genossin Ziez- Hamburg über„ Den Lebensmittelwucher, insbeson= dere die Fleischnoth und die Frauen". Die Frauen stellten einen sehr hohen Prozentsatz der Versammlungsbesucher, die den großen Kaisersaal bis auf den letzten Platz besetzt hielten und mit außerordentlicher Aufmerksamkeit den Ausführungen der Referentin folgten. Eine Resolution, die sich scharf gegen den geplanten Lebensmittelwucher, sowie gegen die Grenzsperrpolitik und die dadurch bedingte Fleischnoth richtete, fand einstimmige Annahme. In ihrem Schlußwort wies die Referentin auf die Nothwendigkeit des Ausbaues der Arbeiterorganisationen und der stärkeren Verbreitung unserer Presse hin, was zur Folge hatte, daß 22 Abonnentinnen für die„ Gleichheit", sowie eine Anzahl Abonnenten für die„ SchleswigHolsteinische Volkszeitung" gewonnen wurden. Am 16. Oktober sprach Genossin Ziet in Diedrichsdorf über dasselbe Thema in einer ebenfalls glänzend besuchten Versammlung. Auch hier fanden ihre Ausführungen lebhaften Beifall und die obenerwähnte Resolution " 183 gelangte einstimmig zur Annahme. 38 Abonnenten für die„ Gleichheit", eine stattliche Zahl von Abonnenten für die„ Volkszeitung" und Mitglieder des sozialdemokratischen Vereins wurden gewonnen. Ein am Orte bestehender Frauenverein, der circa 50 Mitglieder zählt, wird demnächst eine lebhafte Agitation entfalten. Glück auf zu seiner Arbeit. L. Z. Auf Veranlassung des 15. Gaues des Fabritarbeiterver bandes fanden in dem Bezirk der chemischen Fabriken und Farbwerke bei Frankfurt a. M. öffentliche Agitationsversammlungen statt. Genossin Kähler- Dresden sprach in Höchst, Bieber, Fechenheim und Griesheim über„ Die Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert". Die Versammlungen waren durchweg gut besucht, jedoch hätten die Frauen zahlreicher vertreten sein sollen. Es ist Pflicht der Arbeiter, die Arbeiterinnen mehr aufzurütteln und auf derartige Veranstaltungen aufmerksam zu machen, denn gerade auch den weiblichen Arbeitskräften der chemischen Industrien thut Aufklärung bitter noth und an agitatorischer Arbeit kann noch recht W. K. viel geleistet werden. Mehrere erfolgreiche Versammlungen zur Stärkung der gewerkschaftlichen Organisation hielt Genossin Kähler Anfang und Mitte Oktober ab. In einer gut besuchten Versammlung der Tabatarbeiter und Arbeiterinnen zu Leipzig referirte sie über ,, Die wirthschaftliche Lage der Tabakarbeiter". Die an das Referat anschließende lebhafte Debatte drehte sich um die verschiedensten Vorschläge, dem Verband neue Mitglieder zuzuführen. Beschlossen wurde, zur Gewinnung der Heimarbeiterinnen der Tabakindustrie eine umfangreiche, systematisch betriebene Hausagitation zu entfalten. Auf Veranlassung der Generalfommission sprach Genossin Kähler in Eisenberg i. Th. über„ Hungerlöhne und theures Brot", ein Thema, das für den Ort besonders passend ist. Beträgt doch dort der Tagelohn der Männer 1 Mt. 80 Pf., derjenige der Frauen 1 Mt. 20 Pf. Das Thema hatte es denn auch Denen angethan, die ein Recht darauf zu haben glauben, ihre Nebenmenschen auszunutzen. Folgende Anfrage erschien in der Tagespresse: M Wer zahlt hier Hungerlöhne, wie hoch sind dieselben und was ist dafür zu leisten? U. A. w. g. Die Referentin blieb die Antwort auf diese Anfrage nicht schuldig, und ihre Ausführungen fanden nur Zustimmung, keinen Widerspruch. Viele der Anwesenden traten ihrer gewerkschaftlichen Organisation bei. Das Gleiche war in der gut besuchten Versammlung zu Meuselwit der Fall, wo Genossin Kähler über„ Die moderne Sklaverei" W. K. sprach. Am 6. Oktober erstattete Genossin Kähler in Markersdorf bei Chemnitz Bericht über den Parteitag und die Frauenkonferenz zu München. Die zahlreich erschienenen Frauen lauschten mit wahrer Andacht den Ausführungen. Am 7. Ottober sollte Genossin Kähler in Chemniz Bericht von beiden Tagungen erstatten. In Folge ihrer plöglichen Erkrankung mußte jedoch an ihrer Stelle Genosse Krause die Berichterstattung übernehmen. In beiden Orten erklärten sich die Genossinnen mit den Beschlüssen der Konferenz einverstanden und gelobten, mit aller Energie für ihre Durchführung und für die Ausbreitung der sozialistischen Idee unter den proleW. K. tarischen Frauen zu wirken. Gegen den Fleischwucher wurde in einer glänzend besuchten Frauenversammlung zu Posen, in der Genosse Gogowski referirte, scharfer Protest erhoben. Die Versammlung beschäftigte sich zugleich mit der Frauenkonferenz in München und erklärte im Sinne ihrer Beschlüsse wirten zu wollen. Protestversammlungen gegen die Fleischnoth fanden unter Anderem noch statt in Wilmersdorf, wo Genossin Ihrer referirte, und in Cannstatt, wo Genossin Bettin sprach. Auch in diesen Versammlungen gelangte eine Resolution zur Annahme, welche die Aufhebung der Grenzsperre und der Fleisch und Viehzölle forderte, sowie die Beseitigung der städtischen Fleischabgaben. Einen Vortragszyklus über die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen haben die Berliner Genossinnen auch dieses Jahr wieder organisirt. Vortragender ist Genosse Stadthagen, bekanntlich einer der besten Kenner der Gewerbeordnung und der sozialen Gesetzgebung. Der Zutritt zu den Vorträgen, deren erster Mittwoch den 29. Oktober stattgefunden hat, ist für Jedermann frei. Die Veranstaltung verfolgt den Zweck, in weiteren Kreisen der Arbeiterinnen Kenntniß über die gesetzlichen Bestimmungen zu verbreiten und Genossinnen für die Aufgaben der Beschwerdekommissionen zu schulen. Hoffentlich folgen die Genossinnen anderer Städte dem gegebenen Beispiel. Notizentheil. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Der niedrige Verdienst der Arbeiterinnen in den Färbereien Geras ist geradezu himmelschreiend. Die Arbeiterinnen, die in größerer Anzahl in den betreffenden Betrieben beschäftigt werden, müssen sich mit einem Wochenlohn von 7 bis 8 Mt. begnügen und das für täglich elfstündige aufreibende Thätigkeit. Ihre Behandlung läßt obendrein viel zu wünschen übrig. Besonders scheint der Färbereibefizer Schlott mit seinen Arbeiterinnen recht„ patriarchalisch" zu verkehren. Wenn eine Arbeiterin einige Minuten nach 6 Uhr zur Arbeit kommt( die Arbeitszeit geht von früh 6 bis Abends 6 Uhr), so empfängt Herr Schlott sie mit den höflichsten Titulaturen, wie 3. B. alte H.. e, altes Schw. u. s. w. Daß derartige Ausdrücke die Arbeiterinnen tief verlegen, auf manche aber verrohend einwirken, ist selbstverständlich. Und daß eine Arbeiterin, die nur auf sich angewiesen ist, von dem erzielten Verdienst nicht existiren kann, vermag man an den Fingern nachzurechnen. Der Erwerb reicht um so weniger für den Unterhalt, als in Gera die Lebensmittelpreise und Wohnungsmiethen hinter denen der größeren Städte nicht zurückstehen. Es ist denn auch schon vorgekommen, daß sich die Arbeiterinnen der Prostitution ergaben, um sich einen Nebenverdienst zu verschaffen. Unter den Arbeiterinnen befinden sich sehr viele verheirathete Frauen. Ehe sie Morgens an die Arbeit gehen, oder wenn sie Abends nach Hause kommen, müssen sie das Essen für den folgenden Mittag kochen, das der Mann aufwärmt, wenn die Familie sich nicht mit etwas Kaltem begnügt. Man kann nach diesen Angaben ermessen, wie lang der Arbeitstag der verheiratheten Frauen und wie schwer ihre Arbeitsbürde ist. Die Kinder werden für den Tag oder auch gleich für die ganze Woche in Pflege gegeben und Abends resp. Sonntags geholt. Unter diesen Verhältnissen ist es natürlich den Eltern unmöglich, sich um die Entwicklung ihrer Kleinen zu fümmern. Die meisten Arbeiterinnen in den Färbereibetrieben leiden an Brust- und Lungenkrankheiten, welche durch ungenügende Ventilation und ungesunde Dämpfe erzeugt werden. Die Wenigsten von ihnen gehören leider ihrer Gewerkschaftsorganisation an. Die Unternehmer haben es deshalb um so leichter, die traurige Lage der Arbeiterinnen noch durch allerhand Strafen zu verschlechtern. Hervorgehoben sei noch, daß in Folge der Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskräfte auch die Löhne der männlichen Färbereiarbeiter recht jämmerliche sind. Die Erkenntniß von dem Elend ihrer Lage sollte die Arbeiterinnen der Färbereien veranlassen, sich der Gewerkschaft anzuschließen, um mit ihrer Hilfe bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu erkämpfen. Erst wenn ihnen die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses und des politischen Kampfes aufgegangen ist und sich in Thaten umsetzt, werden Sonnenstrahlen in ihr trauriges Dasein fallen. Darum: Hinein in die gewerkschaftliche Organisation, hinein in den politischen Streit. F. Chr., Gera Zwöhen. Soziale Gesetzgebung. Die Kommission für die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben, hat ihre Arbeiten begonnen. Dieselben wurden recht verheißungsvoll, aber äußerst kennzeichnend durch den Versuch der Konservativen eingeleitet, die Berathung auf unbestimmte Zeit zu verschleppen. Und die Thatsache verdient tiefer gehängt zu werden- der freisinnige Reftor 3 wick wie die Nationalliberalen befürworteten den schmachvollen Antrag, der schließlich mit Stimmengleichheit abgelehnt wurde. Man weiß, welch' kostbare Zeit die Regierung verstreichen ließ, ehe sie sich zu einem Einschreiten gegen den Moloch der Kinderausbeutung durch gewerbliche Arbeit entschloß. Man weiß, welch sozialreformerisches Pfuschwerk der Entwurf ist, durch den sie dieser Schmach unserer Tage steuern will, und welch' ernster Arbeit es bedarf, wenn daraus in der Kommission etwas Tüchtiges geschaffen werden soll. Die Haltung des reaktionären Kleeblatts ist deshalb um so schändlicher. Hoffent lich werden die proletarischen Frauen das Ihrige dazu thun, daß bei den nächsten Wahlen das richtige Urtheil über dieses Möchtegern- Attentat gegen die proletarischen Kinder gesprochen wird. Vereinsrecht der Frauen. Das Vereins: und Versammlungsrecht der Frauen stand kürzlich wieder einmal im Mittelpunkt der Reichstagsverhandlungen. Anlaß dazu gab eine Reihe Petitionen von frauenrechtlerischen Organisationen, darunter diejenige des Bundes deutscher Frauen 184 vereine". Die Petitionen verlangten: 1. Schaffung eines der heutigen Zeit entsprechenden, einheitlichen deutschen Vereins- und Versammlungsrechts. 2. Volle Gleichberechtigung der deutschen Frauen mit den Männern in diesem Reichs- Vereins- und Versammlungsrecht. Den Beschlüssen gemäß, über die wir seinerzeit berichteten, beantragte die Petitionskommission, den ersten Theil des Gesetzes dem Reichsfanzler zur Berücksichtigung zu überweisen, den zweiten Theil aber nur insoweit, als den Frauen die Theilnahme an Vereinen und Versammlungen gestattet werden solle, in welchen ihre Berufsinteressen zur Verhandlung gelangen; im Uebrigen über die Petitionen zur Tagesordnung überzugehen. In der Stellungnahme der meisten bürgerlichen Parteien zu der angeschnittenen Frage befundete sich ein anerkennenswerther Fortschritt. Von freisinniger Seite beantragte Abgeordneter Dr. Grüger, im Gegensatz zu der Ansicht der Kommission, die Petition in ihrem ganzen Umfange dem Reichstanzler zur Berücksichtigung zu überweisen; mit anderen Worten: den Frauen auch das unbeschränkte politische Vereins- und Versammlungs recht zu gewähren. Sowohl der sanfte Wadenstrümpfler Rickert, wie der derbere Wasserstiefler Dr. Müller- Meiningen trat für den Antrag ein. Zumal der Letztere geißelte scharf die Ungeheuerlichkeit, betreffs des Vereins- und Versammlungsrechts der Frauen einen Standpunkt festzuhalten, der vor fünfzig Jahren gegolten habe und durch die Entwicklung des Wirthschaftslebens längst unhaltbar geworden sei. Auch der nationalliberale Bassermann erklärte sich im Namen seiner Freunde für den freisinnigen Antrag. Der Redner des Zen trums dagegen, Herr Trimborn, befürwortete wohl die Schaffung eines Reichs- Vereins- und Versammlungsrechts, wendete sich aber nachdrücklich gegen die volle Gleichstellung der Frauen in diesem Rechte. Das Zentrum hält an der reaktionären Auffassung fest, daß die Frauen den politischen Vereinen fern bleiben sollen.„ Keine aktive Theilnahme der Frauen an der eigentlichen Politik", dies der alte Singfang des Zentrumsredners. Die Partei der Kirche, welche das aktive Eingreifen von Fürstinnen und fürstlichen Maitressen in das politische Leben hervorragend geschäßt und ausgenützt hat, will feine offene, ehrliche Betheiligung aller Frauen auf politischem Gebiet. Sie verlangt nur, daß die Frauen absolut ungehindert sind bei den Bestrebungen, welche der Förderung ihrer Berufsinteressen dienen. Der Begriff der Berufsinteressen soll möglichst weit ausgedehnt wer den, so daß die Frauen sich auf allen sozialpolitischen, humanitären und ähnlichen Gebieten bethätigen können. Die Konservativen erklärten nicht, ob sie den Fraueninteressen auch nur so weit Rechnung tragen wollten, wie das Zentrum. Sie schwiegen. Offenbar dachten sie, daß das Vereins- und Versammlungsrecht ihrer Damen bei den Behörden gut aufgehoben sei. Der Sozialdemokratie blieb es wieder vorbehalten, alle Parteien an rückhaltlosem kräftigem Gintreten für die volle politische Gleichberechtigung der Frauen zu übertrumpfen. Genosse Bebel rechnete unerbittlich mit der Praxis des zweierlei Rechts ab, die die Behörden für bürgerliche Damen und Proletarierinnen in ihrem Sacke führen. Er forderte für die Frauen nicht blos das uneingeschränkte Vereinsrecht, sondern auch das Wahlrecht. Unumwunden bedauerte er, daß unsere belgischen Genossen bei ihrer letzten Wahlrechtskampagne nicht für das Stimmrecht der Frauen eingetreten seien, weil ein Theil der Katholiken sich dafür erklärte. Die sozialdemokratische Forderung auf volle politische Gleichstellung der Geschlechter begründete er durch ausführliche, lichtvolle und zahlenreiche Darlegungen über die revolutionirte wirthschaftliche Stellung der Frauen und über die Interessen, die sie in der Folge im politischen Leben zu vertheidigen haben. Von freisinniger Seite ist sicherlich für Vereinsfreiheit der Frauen manch treffliches Wort gefallen. Allein wie halb, wie schwächlich und zaghaft erscheint das alles im Vergleich zu dem großen, festen prinzipiellen Standpunkt des sozialdemokratischen Redners. Es zeigte sich wieder einmal, daß auch in der Frage der Frauenrechte Genosse Bebel nicht blos Kämpfer, sondern Führer ist. " Die Auflösung des Hirsch- Dunckerschen Frauengewerk vereins von Köln hat die Polizei verfügt, weil die Vorsitzende in einer Mitgliederversammlung über die Verhandlungen der Gesellschaft für soziale Reform" referirt hat. Diese Maßregel entspricht der Praxis des Vereinsrechts, welche im Betreff des Vortrags von Frl. Simon geübt wurde, sie steht dagegen in Widerspruch zu der Miß Anderson gegenüber beliebten Koulanz". Sinnenfällig beweist sie einmal mehr, daß endlich mit dem veralteten, reaktionären preußischen Vereinsrecht aufgeräumt werden muß. Frauenstimmrecht. Ueber den gegenwärtigen Stand der Frauenwahlrechts bewegung in Australien äußert sich die Londoner" Morning Post" im Wesentlichen wie folgt: Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( 8undel) in Stuttgart. Neu- Südwales hat das Stimmrecht der Frauen anerkannt, während in Viktoria die Landesvertretung noch zitternd am Ufer steht und den gefährlichen Sprung noch nicht recht zu machen wagt". Süd- und Weſtaustralien waren dagegen Neu- Südwales schon früher vorangegangen und nur in Tasmanien und Queensland scheint man sich mit dem Gedanken, den Frauen politische Gleichberechtigung zu geben, nicht befreunden zu können. Da aber nunmehr in der Hälfte der australischen Staaten die Frauen das Stimmrecht besitzen und sie in allen Staaten das Recht haben, zum Bundesparlament zu wählen, kann es nach der„ Morning Post" nicht mehr lange dauern, bis die Frauen Australiens das ganze Wahlgebiet erobern. Das Blatt fügt diesen Angaben hinzu:„ Wir wissen, daß im Mutterland einige der Staatsmänner ebenfalls für das Frauenstimmrecht eintreten, aber in ihrem Falle handelt es sich nur um die Betonung eines frommen Wunsches, von dem sie recht wohl wissen, daß die Erfüllung vorläufig nicht zu erwarten ist. Es scheint in der That, als wenn der australische Staatenbund vom Geschick dazu bestimmt wäre, für das übrige Weltreich eine politische Schule zu bilden." Das volle kommunale Wahlrecht der dänischen Frauen wird von einer Anzahl Frauenorganisationen gefordert. Dieselben haben an den dänischen Reichstag das Ersuchen gestellt, noch in dieser Saison einen Gesetzentwurf zu berathen und anzunehmen, der den Frauen wie den Männern zu der Gemeindevertretung Wahlrecht und Wählbarkeit verleiht. Unter den dänischen Frauenorganisationen, welche die Petition eingereicht haben, befindet sich die Frauengesellschaft", der„ Hebammenverband", der„ Kommunallehrerinnenverband", die, fortschrittliche Vereinigung der Frauen", mehrere Fachvereine von Arbeiterinnen 2c. Verschiedenes. Ueber die Bedeutung des Widerstandes der Frauen und die Sozialdemokratie quittiren die Scharfmacher. Auf der Delegirtenversammlung des berüchtigten Zentralverbandes deutscher Industrieller, die am 10. September in Düsseldorf abgehalten wurde, sagte der bekannte Bueck in seinem Geschäftsbericht:„ Ich habe 1878 einen sehr schweren Wahlkampf bestanden in Hagen gegen Richter. Damals handelte es sich um ganz geringfügige Erhöhungen der Lebensmittelzölle. Aber wenn die Vertheue= rung der Lebensmittel vorgebracht wurde, dann sind Engelszungen machtlos dagegen; denn da stecken die Frauen dahinter, die die Männer aufregen zu dem höchsten Widerstand. Und meine Herren, damals war die Sozialdemokratie ziemlich machtlos, sie stand unter dem Drucke des kurz zuvor erlassenen Sozialistengesetzes und war überhaupt in ihrer Organisation noch wenig vorgeschritten. Das würde heute ganz anders werden bei der Stellung, die heute von der Sozialdemokratie errungen ist." Von den Gegnern gefürchtet zu werden, ist immer angenehm. In dieser Furcht liegt die Anerkennung der Macht, die man besitzt, und des richtigen Gebrauchs, den man davon macht. Die proletarischen Frauen werden sich die Anerkennung ihrer schlimmsten Feinde in dem gegenwärtigen Kampfe gegen den Zollwucher würdig erweisen, indem sie das Jhrige dazu beitragen, daß er bachab geschickt wird. Quittung. Von Ende Juli bis Mitte Oktober gingen für den Agitationsfonds der Genossinnen bei der Unterzeichneten folgende Beträge ein: Genossin Simon in Bremen durch Genossin Bosse 10,50 Mt., Genossinnen in Chemniz 8,60 Mt., Ertrag einer Sammlung der Genosfinnen auf der Generalversammlung der Offenbacher Frauenkasse 34,50 Mt., Genossinnen in Netsch kau durch Genossin Pezold 12 Mt., Genossinnen in Rostock durch Genossin Bugdahn 18 Mt., Genossinnen in Neu- Isenburg durch Genossen Freitag 20 Mt., Genossin N. N. 4 Mt., Cl. El.- Stuttgart durch Genossin Zetkin 20 Mt., reichenbach i. V. 6 Mt., Genossin M. Kt., Vierteljahrsbeitrag, Genossin Häckel in Sagan 3 Mt., Genossin Ludwig in Ober3 Mt., Hamburger Genossinnen durch Genossin Ziez 30 Mt., Königsberger Genossinnen durch Genossin Nowagrobki 13 Mt. Summa 182,60 Mt. Dankend quittirt: Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin SW., Belle- Alliancestr. 95, Hof, 3 Tr. Zur Beachtung. In Folge schwerer Erkrankung kann die Vertrauensperson der Genossinnen Leipzigs, Genossin Frenzel, ihr Amt gegenwärtig nicht versehen. Alle auf die Agitation unter den Leipziger Genossinnen bezüglichen Zuschriften sind an ihre Stellvertreterin zu richten: Frau Rosa Schmidt, Leipzig- Schleußig, Rochlißstraße 5 III. Drud und Berlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. 5.) in Stuttgart.