Nr. 16. Die Gleichheit 13. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuffnarf Mittwoch den 29. Juli 1903. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichnis. Heraus mit der gesetzlichen Verkürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen! Steigerung der Steigende Verwendung der weiblichen Arbeitskraft Ausbeutung. Von Louise Zietz.- Bunte Bilder aus der Wahlagitation. Aus der Bewegung. Von W. K. Feuilleton: Die Erfahrungen der Familie Mc. Williams mit der Diphtheritis. Von Mark Twain. ( Schluß.) Notizenteil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Weibliche Fabrif- tragen. inspektoren. Vereinsrecht der Frauen. Frauenstimmrecht. Heraus mit der gesetzlichen Verkürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen! 1898 forderte der Reichstag die Bundesregierung in einer Resolution auf, Erhebungen über die Fabrikarbeit der verheirateten Frauen zu veranstalten. Allgemein ward dieser Beschluß als der erste einleitende Schritt zur unerläßlichen besseren Ausgestaltung des gesetzlichen Arbeiterinnenschußes betrachtet, insbesondere aber zu einer weiteren gesetzlichen Verkürzung der regelmäßigen täglichen Arbeitszeit. Die geheischte Enquete hat 1899 stattgefunden, im folgenden Jahre wurden ihre Ergebnisse veröffentlicht. Dieselben ließen nicht den geringsten Zweifel darüber, daß ein wirksamerer gefeßlicher Schutz der Arbeiterinnen gegen das Übermaß ihrer Ausbeutung, daß vor allem die Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit unabweisbare Notwendigkeit ist. Daß aber die einschlägige Reform auch durchgeführt werden fann, das erhellte sonnenklar aus dem amtlich zusammengetragenen Material, wie aus den jährlichen Berichten der Fabrikinspektoren und der Geschichte der Arbeiterschutzgesetzgebung für jeden, der nicht zu den unheilbaren freiwillig Blinden gehört. Wir schreiben das Jahr des Heils 1903, und noch haben die gefeßgebenden Gewalten nicht das bescheidene Maß von Einsicht in die Lage der lohnarbeitenden Frauen und Mädchen aufgebracht, um den Arbeitstag wenigstens der Fabriksklavinnen um ein weniges zu fürzen. Statt des entsprechenden Gesezentwurfes, den Hunderttausende ausgebeuteter Proletarierinnen sehn süchtig verlangen, wartete die Regierung mit der Veranstaltung einer zweiten Enquete auf, die 1902 von der Gewerbeinspektion vorgenommen werden sollte. Damit nicht genug der Trödelei. Kurz vor Schluß des letzten Reichstags fündete der Minister für Zuchthausgesetz und Sozialreform eine weitere Erhebung an. Das sattsam erprobte„ gute Herz" unserer Regierungsweisen krampft sich zwar schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken an die bedrohte Gesundheit, das zerstörte Familienleben, die vernachlässigten mütterlichen Pflichten der Arbeiterinnen, aber es ist auch von heiligem Mitgefühl mit den Leiden der bedauernswürdigen Kapitalisten durchbebt, deren Ausbeutungsmacht durch die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit etwas beeinträchtigt wird. Und so erachten sie es von amts- und überzeugungswegen für unabweisbar, vor allem ,, in einer so wichtigen Frage auch die Arbeitgeber zu befragen" und den objektiven Tatbestand" festzustellen, der nur für verbohrte Fanatiker möglichst schrankenloser kapitalistischer Ausbeutungsfreiheit noch nicht genügend klar ist. " Den wissenschaftlichen und sonstigen Wert der geplanten neuerlichen Erhebung in allen Ehren. Aber uns will bedünken, daß in einer Frage, die vor dem Tribunal der Wissenschaft und der praktischen Erfahrung schon längst entschieden ist, es gelten muß " Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Stuttgart, BlumenEtraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. zu handeln, nicht einseitige Interessenten zu befragen, zu dekretieren, nicht zu enquetieren. Der neue Reichstag würde sich seinem Vorgänger gleich, schwer an den Interessen großer Scharen abgehegter Arbeiterinnen, ihrer Kinder und ihrer Klasse, ja am Wohle der ganzen Nation versündigen, wollte er sich erst nach dem Abschluß einer Befragung der Unternehmer zu der dringlichen Reform aufschwingen. Eine amtlich abgestempelte Meinungsäußerung der Unternehmer abwarten, hieße fürstenmordende Offiziere nach Serbien Daß viele der Herren Kapitalisten insbesondere aber die Schlotfürsten der Spinnereien und Webereien sich mit Händen und Füßen gegen die Reform sträuben, das ist in ihren Preßorganen und Organisationen unverhüllt zum Ausdruck gelangt, seitdem die Frage einer weiteren gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen aufgerollt worden ist. Und soweit die Ergebnisse der für das lezte Jahr angeordneten Enquete seitens der Fabrikinspektion vorliegen, bekunden sie, daß bei Aufhellung des objektiven Tatbestandes" wie bei den daraus abgeleiteten Schlußfolgerungen die Auffassung und das Interesse der Herren Kapitalisten genügsam zum Worte gekommen ist. Die Gewerbeaufsichtsbeamten haben die Verkürzung der Arbeitszeit erwachsener Arbeiterinnen nirgends, aber auch nirgends lediglich unter dem Gesichtswinkel ihrer Dringlichkeit im Interesse der erwerbstätigen Frauen und Mädchen erörtert. Sie untersuchten vielmehr auch die Möglichkeit der Durchführung dieser Reform im Hinblick auf das Interesse des Unternehmertums. Wie wird die Herabsetzung der täglichen nach Arbeitszeit der Arbeiterinnen quantitativ und qualitativ Menge und Güte das Produktionsergebnis, die Leistungen und Entwicklung der Industrie beeinflussen?, diese Frage war der Angelpunkt ihrer Untersuchung. In der heutigen Wirtschaftsordnung bedeutet das aber nichts anderes als: zieht die Verkürzung der regelmäßigen täglichen Arbeitszeit keine Senkung des kapitalistischen Profits nach sich, verträgt sich das, was zum Wohle der erwerbs= tätigen Proletarierinnen notwendig ist, mit dem, was der Füllung des Unternehmergeldsacks frommt. Unserer übertriebenen" Ansicht nach stehen die bereits veröffentlichten Erhebungsresultate zum Teile sogar im Zeichen einer recht hervorragenden Berücksichtigung des fapitalistischen Interesses. Es gelangt dies besonders darin zum Ausdruck, daß im allgemeinen die amtlichen Gutachten weitgehenden Übergangs- und Ausnahmebestimmungen das Wort reden. Das aber obendrein in erster Linie für Industrien, wo die Frauenarbeit die ausgedehnteste Verwendung gefunden hat, verschlechternd auf die Arbeitsbedingungen der Männer zurückwirkt und den Erfolg des gewerkschaftlichen Kampfes erschwert, so daß die übliche Arbeitszeit nicht nur die gesetzlich zulässigen elf Stunden beträgt, sondern durch den groben Unfug der Überzeitarbeit oft genug bedeutend verlängert wird. Hier die Verkürzung des Arbeitstags mit Übergangs- und Ausnahmebestimmungen verquicken, läuft darauf hinaus, die Refom für die Mehrzahl der Fabritarbeiterinnen zum toten Buchstaben herabzuwürdigen, sie denen vorzuenthalten, welche ihrer am dringendsten bedürfen. Die vorstehenden Ausführungen treffen besonders für die Textilindustrie zu. Und doch erklärt sogar die badische Fabrikinspektion, welche schon vor Jahren verständnisvoll und warm für die Einführung des Zehnstundentags eingetreten ist, daß für die Webereien eine gewisse Übergangszeit, sowie eine Erleichterung hinsichtlich der Gewährung von Überarbeit erwünscht", daß besondere Übergangs- oder Ausnahmebestimmungen für die " Spinnereien erwünscht und geboten" seien. Da kann es nicht wunder nehmen, daß die Fabrikinspektion des Regierungsbezirkes Frankfurt a. D. alles vergißt, was die geschichtliche Erfahrung betreffs der Wirkungen verkürzter Arbeitszeit gelehrt hat. Im Kassandraton schlechter Propheten bemerkt sie:„ Die Einführung des zehnstündigen Arbeitstags für die Frauen wird der gesamten Textilindustrie des Bezirkes die Konkurrenz mit dem Ausland sehr erschweren, sie in große Unkosten stürzen, wenn sie sich die Konkurrenzfähigkeit erhalten will, und für die Arbeiterinnen einen erheblichen Ausfall an Lohn mit sich bringen." Das Gutachten für den Regierungsbezirk Hannover- Osnabrück- Aurich schlägt vor, daß im allgemeinen der Zehnstundentag für die Arbeiterinnen erst vier Jahre nach Erlaß des betreffenden Gesezes in Kraft treten solle, und zwar herbeigeführt durch zweijährige Etappen einer Verkürzung der Arbeitszeit um je eine halbe Stunde täglich. Das nennt man Volldampf voraus" reformieren, ohne dem Unternehmertum die nötige Schonzeit" zu vergönnen! " Trotz aller zarten Rücksichtnahme auf Kapitalistenvorurteil und Kapitalistenvorteil lauten die bis jetzt bekannten Erhebungsergebnisse zu gunsten der Herabseßung der Arbeitszeit der Frauen, zu gunsten der geseßlichen Einführung des Zehnstundentags. Sie stellen zwei hierfür wichtige Tatsachen fest. Ein großer Teil der deutschen Industriearbeiterinnen in Fabriken und ihnen gleichgestellten Betrieben, ja in manchen Industrien und Gegenden die Mehrzahl, hat bereits heute eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von zehn Stunden und weniger. Die gesetzliche Festlegung des Zehnstundentags kann ohne Verringerung, Verschlechterung oder Verteuerung des Arbeitsproduktes, kann mithin ohne Schädigung der deutschen Industrie und ihrer Konkurrenzfähigkeit, ohne Schmälerung des Unternehmerprofits und des Arbeitslohnes durchgeführt werden. Der Bericht der badischen Fabrikinspektion über die Erhebung setzt sich besonders lichtvoll und überzeugend mit den angeführten Bedenken auseinander. Er konstatiert, daß in 58,3 Prozent der 2246 Betriebe, welche Arbeiterinnen über sechzehn Jahre beschäftigen, die tägliche Arbeitszeit für 37,7 Prozent der in Betracht kommen den 50927 Frauen und Mädchen zehn Stunden und weniger beträgt. Der auffällig große Abstand zwischen dem Prozentsatz der Betriebe und dem der Arbeiterinnen, welche die fürzere Arbeitszeit haben, erklärt sich dadurch, daß in den großen Textilfabriken und in der Mehrzahl der Zigarrenfabriken der Arbeitstag noch über zehn Stunden beträgt.( Siehe„ Gleichheit" Nr. 10.) Die württembergische Gewerbeaufsicht zieht aus den Ergebnissen der vorgenommenen Enquete den Schluß, daß die Einführung des Zehnstundentags für die erwachsenen Arbeiterinnen ohne Beeinträchtigung des Unternehmerinteresses an der Produktion möglich, und daß sie im Interesse der Arbeiterinnen unbedingt nötig ist. Im Bericht für den dritten Aufsichtsbezirk heißt es:„ Der zehnstündige Arbeitstag für die Arbeiterinnen ist in allen Industriegruppen ohne allzugroße Schwierigkeiten durchzuführen und liegt angesichts der sich fortwährend steigernden Anforderungen an die förperliche und geistige Spannkraft der Arbeiter im allgemeinen und der weiblichen im besonderen, im Interesse der Erhaltung eines gesunden Arbeiterstandes." Einem roten Faden gleich zieht sich durch die allgemeinen Berichte der württembergischen Fabrikinspektoren die Auffassung, daß die Verkürzung der Arbeitszeit überhaupt, auch für die männlichen Arbeiter, nicht einen nach Quantität und Qualität verringerten Produktionsertrag verursache, daß dieser vielmehr selbst bei dem Neunstundentag demjenigen des Elfftundentags überlegen sei. Nach den Berichten der hessischen Gewerbeaufsicht schaffen im Bezirk Mainz 38 Prozent aller erwachsenen Arbeiterinnen zehn, 50 Prozent derselben aber weniger als zehn Stunden. Im Bezirk Darmstadt beträgt der regelmäßige Arbeitstag von 702 Prozent der betreffenden Arbeiterinnen, die sich auf 70% Prozent der inspektionspflichtigen Betriebe verteilen, nicht über zehn Stunden. Die Verhältnisse liegen in den übrigen Bezirken ähnlich. Der Bericht hebt ausdrücklich hervor, daß in einer Zigarrenfabrik bei Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden das Produkt der Güte und Menge nach nicht zurückging. Das gleiche wurde in einem anderen Betriebe bei einer Einschränkung des Arbeitstags von zwölf auf zehn Stunden beobachtet. 122 Für zwei Drittel der inspektionspflichtigen erwachsenen Arbeiterinnen in Mecklenburg- Streliz, für die Hälfte derselben in Mecklenburg- Schwerin verzeichnet der Bericht den Zehnstundentag. Die Bremische Gewerbeaufsicht weist nach, daß der gesetzlich zulässige elfstündige Arbeitstag fast nicht mehr Brauch ist," nur in 8 Betrieben von 81 und für 177 Arbeiterinnen von 2636 dauert die tägliche Arbeitszeit über 10 Stunden. Es ward in Bremen bereits die Einführung des Neunstundentags ernstlich erörtert, 31 Betriebsinhaber erklärten sich dafür, 50 dagegen. Die Sondererhebungen über die Arbeitszeit der Frauen in Bayern waren noch nicht ab= geschlossen, als der Bericht der Fabrifinspektion erschien. In demselben lesen wir zur Frage( Bericht für den Aufsichtsbezirk Schwaben), daß manche Industrielle gerne bereit wären, die elfstündige Arbeitszeit mit einer zehnstündigen zu vertauschen, wenn sie nicht die Konkurrenz fürchten würden." Den Leuten kann geholfen werden! Die Gesetzgebung befreit vom Drucke der Konkurrenz, indem sie für alle fabrikmäßigen Betriebe die gleiche Arbeitszeit vorschreibt. Die als Sonderband fürzlich veröffentlichten Erhebungen der Fabrikinspektion für Preußen weisen das folgende aus. Von den 397714 Arbeiterinnen über sechzehn Jahre, welche von der Enquete erfaßt wurden, arbeiten 149137, das ist 38 Prozent, über zehn Stunden täglich; 247577 gleich 62 Prozent von ihnen haben den zehnstündigen, zum Teile selbst einen bedeutend kürzeren Arbeitstag. 16 der 29 amtlichen Gutachten das über die Bergbaubezirke als eines gerechnet gerechnet lauten entschieden zu gunsten der Einführung des Zehnstundentags, sieben erklären sich bedingt dafür, sechs dagegen erachten die Neuerung als„ unnötig"," bedenklich" oder gar undurchführbar". In dem Gewerbeinspektionsbezirk Berlin nebst Charlottenburg, Schöneberg und Nirdorf hatten 89 Prozent der 63264 erwachsenen Arbeiterinnen den zehnstündigen oder einen fürzeren Arbeitstag. An diese Tatsache wird die Erklärung geknüpft: Daher ist für Berlin und seine Vororte die zehnstündige Arbeitszeit schon jetzt so gut wie durchgeführt und würde ihre geseßliche Festlegung als Marimalarbeitszeit besonderen Schwierigkeiten nicht begegnen. Die Mehrzahl der befragten Unternehmer trägt keine Bedenken, einer solchen Änderung zuzustimmen." Dem Berichterstatter für den Regierungsbezirk Münster erscheint die Einführung der zehnstündigen täglichen Arbeitszeit in jedem Falle zweckmäßig, dringend erwünscht und im allgemeinen auch durchführbar". Wir müssen uns für diesmal mit den vorstehenden Stichproben aus den seither veröffentlichten Ergebnissen der Enquete von 1902 begnügen. Die„ Gleichheit" wird auf dieselben noch im einzelnen ausführlich zurückkommen. Für heute seien jedoch noch einige allgemeine Gesichtspunkte hervorgehoben, die sich unseres Erachtens aus dem interessanten Material aufdrängen, und die für Führung unseres Kampfes um die Verkürzung der Arbeitszeit bedeutsam sind. Zunächst bestätigen die Resultate der Erhebung flar, beweiskräftig, daß der Zehnstundentag schleunigst, ohne weitere unternehmerfromme Verschleppung durch Umfragen 2c. eingeführt werden kann. Die Reform ist spruchreif, ja längst überreif. Wie die in Betracht kommenden Verhältnisse gelagert sind- Länge des Arbeitstags in vielen Industrien und Berufsarten, Entwicklung der Produktionstechnik, Intensität der Arbeit 2c. 2c. fönnte bei auch nur leidlich gutem Willen der Machthabenden mindestens der Neunstundentag morgen schon von der Gesetzgebung festgelegt werden. Was eine durchgreifende Reform betreffs der Verkürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen hindert, ist der mangelnde Wille der herrschenden Klassen, keineswegs aber die mangelnde Reife der wirtschaftlichen Entwicklung. Im allgemeinen ist die regelmäßige tägliche Arbeitszeit der Arbeiterinnen unter den gesetzlich zulässigen Elfstundentag in solchen Industrien herabgedrückt worden, wo die Männerarbeit und nicht die Frauenarbeit den Arbeitsbedingungen das entscheidende Gepräge gibt. Hier hat die Gewerkschaftsbewegung bahnbrechend eingegriffen und nicht bloß dem gesetzlichen Zehnstundentag, sondern auch dem Achtstundentag durch Erkämpfung der zehnstündigen und noch fürzeren Arbeitszeit wirksam vorgearbeitet. Die Gesetzgebung hinkt hinter den Erfolgen der Organisation drein und verallgemeinert und verankert von rechtswegen, was diese als Macht dem Unternehmertum abzutrozen vermocht hat. Diese Funktion der Gesetzgebung enthebt die Gewerkschaften der Notwendigkeit, zumal in Zeiten der 123 Krise, die erzielten Errungenschaften in puncto kürzerer Arbeitszeit immer wieder aufs neue verteidigen zu müssen und setzt ihre Kräfte für die Pionierarbeit zur weiteren Herabsetzung des gesetzlichen Arbeitstags frei. Diese Zusammenhänge sollten vor allem die Arbeiterinnen belehren, die als Frauen das zwingendste Interesse an einer möglichst großen Verkürzung der Arbeitszeit haben, die aber gleichwohl in ihrer Mehrzahl leider noch immer den Gewerkschaften fernstehen. Sollen sehr breite Schichten der Fabrikarbeiterinnen nicht um die Vorteile des Zehnstundentags geprellt werden, so muß seine gesetzliche Festlegung mit folgenden ergänzenden Bestimmungen verbunden sein: Begrenzung der Zeit, in welcher Arbeiterinnen beschäftigt werden dürfen, auf die Stunden von früh 7 Uhr bis abends 7 Uhr; Verbot der Überstundenarbeit; Verbot, Fabrikarbeiterinnen nach Feierabend im Betrieb Arbeit mit nach Hause zu geben. Was die Freigabe des Samstagnachmittags anbelangt oder auch nur eine Verkürzung der Samstagnachmittagsarbeit um mehr als 1 Stunde, so wird sie von den Fabrikinspektoren nicht befürwortet, feine bürgerliche Partei dürfte dafür eintreten. Und dies, obgleich das Beispiel Englands und das private Vorgehen mancher Unternehmer( siehe„ Gleichheit" Nr. 10 von 1902) beweisen, daß die einschlägige Forderung sehr wohl durchführbar ist; und dies, obgleich erst ihre Verwirklichung die Sonntagsruhe für die Frau aus einer Lüge zur Wahrheit erhebt. Im betreff einer eventuellen Verlängerung der Mittagspause müssen so verschiedene Verhältnisse in Berücksichtigung gezogen werden, daß es uns geboten erscheint, die Frage in einem besonderen Artikel zu erörtern. Die eingangs angezogenen Daten über das Schneckenposttempo, in welchem die Regierung unter der Mitschuld aller bürgerlichen Parteien nach dem Ziele einer weiteren Vertürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen humpelt, erweist flärlich, daß die nötige Reform vor allem das Werk des organisierten und fämpfenden Proletariats sein wird. Die Arbeiterinnen zum Mitkampf dafür in seine Reihen zu rufen, ist für die nächste Zeit eine der Hauptaufgaben der Genofsinnen. Der träge und unluftig vorwärts trottende Reformgaul des Reiches wird nur um Etappen unserer Forderung des Achtstundentags näher kommen, wenn auch aus den proletarischen Frauenmassen fraftvoll- trozig die Losung erschallt: Heraus mit der gefeßlichen Verkürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen! Steigende Verwendung der weiblichen Arbeitskraft Steigerung der Ausbeutung. Von Louise Biek. Die Familie ist heilig! Das Familienleben ist die Quelle aller Sitte und Moral, die Quelle aller Lebensfreude und aller Ordnung! Nieder darum mit den Sozialdemokraten, die Familie und Ordnung über den Haufen werfen, die ganze Welt zu einem großen Zuchthaus umgestalten wollen, in welchem jeder nach dem Befehl der Führer arbeiten muß! Das konnte man in hunderten von Variationen auch wiederum bei der diesjährigen Reichstagswahlagitation von unseren Gegnern zu hören und zu lesen bekommen. Selbst im Hamburger " Fremdenblatt", dem Leiborgan der Freisinnigen, also auch der Lyda Gustava Heymann und des Frl. Dr. Augspurg, waren diese Tiraden zu finden. Es hieße unsere Leser beleidigen, wollten wir diesem blühenden Blödsinn auch nur ein einziges Wort der Widerlegung widmen. Dagegen sei im nachstehenden ein weiterer Beitrag zur Beweisführung geliefert, welch herrliches Familienleben" heute so manche Arbeiterfamilie führt und führen muß. Da man die Sozialdemokraten auch der Religionsfeindlichkeit zeiht, bemerken wir vorweg, daß die im folgenden gekennzeichneten Verhältnisse in den Domänen der Zentrumsgrafen in Oberschlesien anzutreffen sind, also dort, wo die frommen Schäfchen noch fast vollständig der alleinseligmachenden" Kirche erhalten und vor dem„ Gifte des Sozialismus" bewahrt wurden. Wie daselbst die Arbeitsverhältnisse nach dem Grundsatz christlicher Nächstenliebe" und in Rücksicht auf ein schönes Familienleben geregelt werden, darüber gibt uns der Bericht des oberschlesischen Berg- und Hüttenmännischen Vereins folgen den Aufschluß: Im Berg- und Hüttenbetrieb Oberschlesiens sind im vierten Quartal 1901 neben 122962 männlichen, 11370 weibliche Arbeiter beschäftigt gewesen. Im selben Quartal 1902, also zur Zeit der schlimmsten wirtschaftlichen Depression, nahm die Zahl der männlichen Arbeiter um 122 ab, die der weiblichen stieg auf 12320, sie betrug fast 10 Prozent der Gesamtzahl der Beschäftigten. Auf welche Betriebe sich die weiblichen Arbeitskräfte verteilen, das zeigt folgende Tabelle. Es waren Frauen beschäftigt: Steinkohlengruben. Eisenerzförderungen 31 IV. Duartal 1901 IV. Duartal 1902 4257 4393 1060 953 2674 3849 614 633 37 733 1163 6 6 11 12 9 8 483 97 Zink und Bleierzgruben Kokshochofen Eisengießereibetrieb Walzeisen- und Stahlfabrik Rohzinkfabrik Zinkweißfabrik Zinkblechfabrik E Blei und Silberhüttenbetrieb. Koks- und Zinderfabrikation Schwefelsäurefabrikation 795 1385 450 78 Obige Zusammenstellung spricht ganze Bände von der Skrupellosigkeit der Unternehmer, wenn der Profit in Frage kommt. Man bedenke, wo überall sie uns die Frau als Arbeiterin zeigt! In Steinfohlengruben, Eisenerzgruben, Zink- und Bleierzgruben in letzteren hat im Laufe eines Jahres eine Zunahme der weiblichen Arbeitskräfte von 2674 auf 3849 stattgefunden, also um 1175-, ferner in Kotshochöfen, Eisengießereien, Walzeisen- und Stahlfabriken, bei der verschiedensten Verarbeitung von Zink und Blei, sowie bei der Säurefabrikation!! Also in den allergefährlichsten Betrieben, bei der schwersten, gesundheitschädlichsten Arbeit werden die Frauen, die Mütter des kommenden Geschlechtes verwendet! Und warum das? Weil die weibliche Arbeitskraft so schmählich billig ist. Bei der Wirtschaftstrise, bei dem Überangebot von Arbeitskräften kann der Unternehmer diesen Umstand besonders gut ausnutzen. Zunächst wird der Lohn der Männer so nieder gedrückt, daß sie damit, selbst bei den bescheidensten Ansprüchen, ihre Familie nicht zu ernähren vermögen. Die Not, der Hunger peitscht infolgedessen die Frau zur Mitarbeit auf. Da die Frau noch billiger arbeitet als der Mann, wird sie eingestellt und dieser entlassen. Das zeigte sich auch in unserem Falle. 1901 betrug der Lohn des Mannes 3,10 Mt. pro Tag, 1902 sant er auf 2,97 Mt.; die Zahl der beschäftigten Männer nahm ab und die der Frauen nahm zu, denn die Frauen schanzen für 1,14 Mk. den Tag. Wahrlich, eine göttliche Weltordnung! Unternehmer würden uns antworten:„ Die Zwangsgebote der Konkurrenz zwingen uns, an den Produktionskosten, also auch am Lohne zu sparen. Fügen wir uns dem nicht, gehen wir zu Grunde." Dies Argument trifft aber in unserem Falle durchaus nicht zu. Bei weniger Arbeitskräften und einer stark verringerten Lohnsumme stieg der erzeugte Wert in der oberschlesischen Berg- und Hüttenindustrie. 1901 betrug der Wert der verkauften Produkte 192962342 Mt., 1902 dagegen 202 678 022 Mt. Ein großartiges Geschäft! Aber selbst wenn es wahr wäre, daß die Zwangsgebote der Konkurrenz die Unternehmer veranlassen, am Lohne zu sparen, warum hindert und verfolgt man dann Arbeiter und Arbeiterinnen, die diesem Umstand Rechnung tragend sich organisieren, um ihre Lohnforderungen nicht einem einzelnen Unternehmer, sondern sämtlichen Arbeitgebern der Branche zuzustellen? Wie vereinsgesetzliche Bestimmungen, Beamten und Unternehmerwillkür Hand in Hand arbeiten, um gerade den Frauen und Mädchen den Anschluß an die Drganiſation zu erschweren, ist von uns oft genug nachgewiesen worden. Wie sich das Familienleben unter den Umständen gestalten muß, welche die angezogenen Tatsachen enthüllen, das liegt auf der Hand. Mann und Frau bei endlos langer Arbeitszeit, Tag für Tag an die schwerste, ungesündeste Beschäftigung gefettet, und das für einen Hungerlohn, der eine chronische Unterernährung geradezu bedingt! Die Folge davon ist eine unwissende, stupide Arbeiterschaft, welche zum Teile dem Schnapsteufel verfällt. Von einem Familienleben im edlen Sinne kann da meist nicht mehr die Rede sein. Wahrlich, wären die Verleumdungen unserer Gegner reine Wahrheit, so müßte der 3wangszukunftsstaat" der Himmel gegen die Hölle sein, welche der kapitalistische Profithunger in Oberschlesien schafft. " Von all den weitreichenden übeln, welche dieser über die Frauenwelt und die Familie des Proletariats verhängt, muß eines besonders hervorgehoben werden: es ist die dem weiblichen Organismus besonders verhängnisvolle Gesundheitsschädlichkeit, der auch die Lebenskraft der kommenden Generation zum Opfer fallen muß und die zur Degeneration ganzer Geschlechter führt. Wir sind der Meinung, daß bei sämtlichen oben angeführten Beschäftigungsarten die Verwendung weiblicher Arbeitskräfte verboten werden müßte. Greifen wir zum Beweise dafür nur eine Beschäftigungsart heraus, die in Bleierzgruben( 3849 Arbeiterinnen) und im Bleihüttenbetrieb. Wegen der Gesundheitsschädlichkeit dieser und sonstiger Bleiverarbeitungen hat bereits im Jahre 1893 der Bundesrat zum Schutze der betreffenden Arbeitskräfte Bestimmungen erlassen, die durch eine neue Verfügung vom 20. Juni dieses Jahres vervollständigt worden sind. Aubekannt ist es, daß trotz dieses„ Schutzes" alljährlich viele Fälle von Bleivergiftungen vorkommen. Und gerade dem weiblichen Organismus ist das Bleigift besonders gefährlich. Das Bleigift wird vom Körper nicht wieder ausgeschieden oder unschädlich gemacht, selbst wenn es in noch so kleinen Mengen in demselben Aufnahme findet. Es ist ein sogenanntes fumulatives Gift, das heißt, ein Gift, das sich im Körper ansammelt und früher oder später zu den schwersten Erfrankungen führt. Bleivergiftung beeinträchtigt, ja zerstört vielfach völlig die Fähigkeit der Frau, normal Kinder auszutragen, normal zu entbinden, sie hat zahlreiche Fehl, Früh, Tot- und Schwergeburten zur Folge, wie von Ärzten und Hygienifern unanfechtbar nachgewiesen worden ist. Damit nicht genug, sie wird durch den mütterlichen Organismus auf das Kind übertragen, welches das Licht der Welt erblickt und das somit noch vor der Geburt mit Siechtum behaftet ist, das oft zum Tode in den ersten Lebensjahren oder zu dauernder Schwäche und Kränklichkeit führt. Und die Arbeiten in den Gruben? Auch sie werden dem Körper der Frau höchst verhängnisvoll und führen durch ihre Natur zur vorzeitigen Zerstörung der Gesundheit und zum physischen Verkommen des Nachwuchses. Fort mit der Frauenarbeit in den Bergwerken! Wie oft ist diese Forderung nicht schon seitens der organisierten Bergleute erhoben, leider bisher vergeblich. Daß nicht Mangel an Arbeitskräften die Ursache der Beschäftigung der Frauen ist, vielmehr die unersättliche Gier der frommen" Zentrumsgrafen, Schäße zu sammeln, die die Motten und der Rost fressen", beweisen obige Darlegungen. So wird durch die Verwendung von Frauen und Mädchen in den angeführten Industriezweigen die Lebenskraft ganzer Geschlechter geopfert, die allgemeine Volksgesundheit schwer benachteiligt. Ausbau des Arbeiterinnenschutzes, Ausdehnung und Stärkung der ge= werkschaftlichen Organisationen muß die Losung sein, um Wandel der skandalösen oberschlesischen Zustände zu schaffen. Dafür aber tritt die ,, familien- und religionsfeindliche" Sozialdemokratie mit aller Energie ein, während das fromme Zentrum, das sich als allein waschechte Verteidigerin der Familie gebärdet, bis heute nicht über die Grimasse der Arbeiterfreundlichkeitsheuchelei hinausgekommen ist. Jedoch gemach! Auch in Schlesien dämmert schon das Morgenrot einer besseren Zeit. Davon legte zur Genüge der 16 und 25. Juni Zeugnis ab. Bunte Bilder aus der Wahlagitation. Liebe Meta! Von W. K. Du willst wissen, wo ich diese Wochen gesteckt und warum ich nicht geschrieben habe. Ja, Du solltest doch begreifen, daß in einer Zeit, wo der Strom der Politik so hohe Wogen schlägt, wie während der Wahlkampagne, und wo der Dienst der Partei alle Kräfte einfordert, feine Muße und Ruhe für private Korrespondenzen bleibt. Gleich nach Ostern packte ich meinen Koffer, fuhr nach OffenDie Erfahrungen der Familie Mr. Williams mit der Diphtheritis. Don Mark Twain. ( Schluß.) Mach mich nicht rasend!" sagte meine Frau.„ Da, mein Schatz, mein Liebling; es ist böse, bittere Medizin, aber gut für Klärchen, gut für Mamas Liebling und macht dich gesund. So, so, lege dein Köpfchen an Mamas Brust und schlafe wieder ein und bald ach Mortimer, ich weiß, sie wird den Morgen nicht erleben! Mortimer, ein Eßlöffel voll jede halbe Stunde wird- oh, und das Kind muß auch Belladonna haben, das weiß ich Aconit! Hole es, Mortimer! O, bitte, laß mich nur machen, du verstehst nichts von diesen Dingen." 124 bach und hielt in einer Anzahl Orten des schönen Maingau Versammlungen ab, teils für den Tabatarbeiterverband, teils für die Agitation zu den Reichstagswahlen. Am 13. Mai folgte ich einer Aufforderung des niederrheinischen Agitationskomitees, in feinem Tätigkeitsbezirk zu„ wühlen", wie unsere Gegner es zu nennen belieben. Bis zum 25. Juni bin ich dort tätig gewesen. Diese Wochen waren recht arbeitsreich. 54 Wahlversammlungen liegen hinter mir. Durchgehends erfreuten sich dieselben eines sehr guten Besuches, und was uns besonders freuen muß die Beteiligung der Frauen an ihnen war auch in der bisher vielverrufenen schwarzen Ecke" am Niederrhein ganz auffällig gestiegen. Selbstverständlich genug. Die Wahl stand ja im Zeichen des Zollwuchers. Die Angst der bürgerlichen Parteien vor der Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie und der Dank ihrer zu erwartenden Abrechnung der werktätigen Massen mit dem bürgerlichen Volksbetrug und Volksverrat zeitigte manche nette Episode. Die geschorenen und gescheitelten Herren bemühten sich um die Wette, ihre Schäflein vor dem„ sozialistischen Gifte" zu behüten und hübsch gehorsam in den Pferch der bürgerlichen Politik zu treiben, die doch nur eine der Seiten der kapitalistischen Ausbeutung und Herrschaft ist. Ganz besonders hat die Traktätchenfabrik der frommen Zentrumsleute zu München- Gladbach Ungeheuerliches im Verdrehen, Lügen, Verleumden geleistet. Der Wahlausfall hat bewiesen, daß der Liebe Müh' umsonst verschwendet worden ist. Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen ist gerade am Niederrhein gewaltig gewachsen. In folgendem einige Bilder aus dem Wahlkampfe, wie sie vor meiner Erinnerung zwanglos auftauchen. In Mühlheim a. d. Ruhr versendeten die Zentrümler Postfarten, welche in großer roter Schrift mahnten:" Zentrumswähler, auf nach Moll( dem Versammlungslokal, wo ich sprechen sollte) zu den roten Pantoffelhelden. Herr Christian Kloft wird dort der Madame Kähler entgegentreten." Die Karte wirkte als riesige Reklame für die sozialdemokratische Versammlung, welcher das Publikum in " drangvoll fürchterlicher Enge" beiwohnte. Nur einer war leider nicht erschienen, der verheißene Ritter Georg, alias Herr Christian Kloft. Du kennst ja meine Vorliebe für die schwarze Gesellschaft und fannst Dir denken, daß ich die Partei für Wahrheit, Freiheit und Recht", lies: für Lüge, Zollwucher und Reaktion, gerade nicht mit Sammetpfötchen gepackt habe. Keiner der zahlreich anwesenden Zentrumsanhänger trat den erhobenen Vorwürfen entgegen. In Elberfeld wurde dem Ernst des Wahlkampfes ein heiterer Zug dadurch beigemischt, daß unserem wackeren und bewährten Genossen Molkenbuhr das Mandat für das Wuppertal von einem Herrn streitig gemacht wurde, der seiner eigenen Erklärung nach erst, wenn er zum Reichsboten gewählt sei, eine eigene Partei gründen wollte. Herr Oberlehrer Linz war der Schlaumeier, der gewähnt hatte, die Masse der Arbeiterwähler werde auf diesen Leim hupfen. Besonders scharf wurde der Kampf im Wahlkreise Hagen zwischen Eugen Richter, dem Vater des holden Geschwisterpaares Sparagnes und Strampelannie, und unserem Timm geführt. Die SozialIch schob sie hin, kam aber mit dem Bettvorleger in Kollision und weckte das Kind auf. Nochmals entschlummerte ich dann, während meine Frau das kranke Kind beruhigte. Aber nach furzer Zeit drangen die folgenden Worte durch den Nebel meiner Schläfrigkeit wie entferntes Murmeln an mein Ohr: Mortimer, wenn wir doch etwas Gänseschmalz hätten! Willst du klingeln?" Halb im Traume kletterte ich heraus und trat auf eine Rage, welche lebhaft protestierte und dafür einen nachdrücklichen Fußtritt bekommen haben würde, hätte nicht ein Stuhl ihn aufgefangen. Aber Mortimer, wozu du nur das Gas aufdrehst und das Kind wieder aufweckst!" " ,, Weil ich gerne sehen möchte, wie schwer ich mich verletzt habe!" " O dann sieh dir auch den Stuhl an, ich bin sicher, daß er Darauf gingen wir zu Bette und stellten die Kinderbettstelle zerbrochen ist! Das arme Käßchen. Wie leicht-" dicht neben meine Frau. Das Rumoren hatte mich müde gemacht, und nach zwei Minuten war ich etwas mehr als halb eingeschlafen. Meine Frau weckte mich. „ Männchen, ist die Heizung offen?" ,, Nein." ,, Dachte ich's doch! Bitte, brehe sie schnell auf, das Zimmer ist kalt." Ich drehte sie auf und schlief sofort wieder ein. Wieder wurde ich aufgestört. ,, Lieber Mann, wäre es dir unangenehm, die Bettstelle an deiner Seite zu haben? Sie ist dort dem Register näher!" All dies Na, über die Stage wollen wir nur schweigen. wäre nicht passiert, wenn Marie hätte hier bleiben und die Sachen besorgen fönnen, die mehr in ihr Fach als in meines schlagen." Mortimer, du solltest dich schämen, so etwas auszusprechen. Es ist traurig, daß du die paar Kleinigkeiten nicht tun kannst in dem schrecklichen Augenblick, wo unser Kind..." ,, Nun, nun, ich will ja alles tun, was du willst. Aber mit dieser Klingel ist niemand zu erwecken, und alles schläft. Wo ist das Gänseschmalz?" Auf dem Kamin in der Kinderstube. Wenn du hingehen und Marie fragen möchtest!" 125 demokratie ist hier dem waschlappigen Freifinn hart auf die Fersen gerückt, und dieser kämpfte mit den allerschäbigsten Mitteln um die Galgenfrist seiner Herrschaft für die nächsten fünf Jahre. Die Hagener Zeitung und freisinnige Flugblätter ergingen sich in wüsten Schimpfereien gegen die Sozialdemokratie und deren Führer; Genosse Timm wurde stets als„ fremder Mann" bezeichnet. Von allen Richter Versammlungen waren die Sozialdemokraten ausgeschlossen. Und das, obgleich Herr Richter erklärt hatte:„ Ich habe mit Bismarck diskutiert; er ist hinausgegangen, weil er es nicht mehr aushalten konnte, aber er kam wieder. Am Ende könnte ich es auch noch mit Herrn Timm aufnehmen und mit der holden Weiblichkeit, die jetzt aus Dresden zur Unterstützung herangezogen wird, wie Frau Kähler." Bei so viel Mut des großen Volkstribunen scheint der Ausschluß der Sozialdemokraten aus den freisinnigen Versammlungen schier unbegreiflich. In der Kanonenstadt Essen entfaltete die Sozialdemokratie eine äußerst rührige Tätigkeit. Das Anschwellen der sozialdemokratischen Stimmen von 4000 auf 22000 ist nicht zum wenigsten eine Frucht der rastlosen, aufopfernden Tätigkeit des Wahlkomitees, sowie der Genossen am Orte. Allerdings muß dankbar anerkannt werden, daß auch die Kaiserrede vom Tischtuchzerschneiden äußerst agitatorisch für die„ Rotte von Menschen" gewirkt hat, die nicht wert sind, den Namen Deutsche zu tragen". Bei meinem Aufenthalt in der Essener Der Gegend konnte ich mich wieder und wieder davon überzeugen. fromme Gottesmann und Wahrheitsheld Stöcker hatte es unternommen, im Wahlkreise Siegen sowohl in Wahlversammlungen wie von der Kanzel herab gegen die Umstürzler" zu donnern. Trotzdem, und obgleich uns so gut wie keine Lokale zur Verfügung standen, eine mächtige Vermehrung der sozialdemokratischen Simmen. Das macht Freude, besonders wenn man sich sagen darf, daß man auch dort ein bescheiden Teil Arbeit geleistet hat. Am niederträchtigsten wurde der Wahlkampf im Wahlkreis Altena Iserlohn von seiten des Freisinns geführt. Scheute Scheute dieser sich doch nicht, die neunwöchentliche Aussperrung von 4500 Arbeitern und Arbeiterinnen als sozialdemokratisches Wahlmanöver hinzustellen, während in Wirklichkeit die freisinnigen Arbeitgeber den Ausgebeuteten das Koalitionsrecht raubten. Als nun wenige Tage vor der Wahl die Niederlage der Arbeiter besiegelt war, kannte das verlogene Geheul der Ordnungsretter gar kein Maß mehr. In den grellsten Farben wurde das Unglück geschildert, das die Sozialdemokratie zu Wahlzwecken über die unterlegenen Arbeiter gebracht haben sollte. In Zeitungen, Flugblättern und Broschüren arbeiteten Freisinnige, Nationalliberale und Zentrümler brüderlich geeint an dem Werke der Verleumdung. Aus dem Gedächtnis geschwunden war dieser Sippe das achte Gebot: Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Zusammen mit den schmählichsten Lügen sollte winselndes Betteln dem Freisinn das Mandat sichern. Sein Kandidat, Herr Lenzmann, flehte förmlich um die Stimmen der Wähler. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mich nicht wieder wählen wollt? Bin ich, ein Westfälinger, nicht der Ich holte das Gänseschmalz und ging wieder zu Bette. Wieder wurde ich gerufen: " , Mortimer, ich störe dich so ungern; aber es ist hier noch zu falt, um das Kind einzureiben. Möchtest du nicht Feuer machen. Es braucht nur angezündet zu werden." Ich raffte mich auf und machte Feuer. Dann seßte ich mich trostlos nieder. " Mortimer, siz nicht da und hole dir den Tod vor Kälte! Komm zu Bette!" " beste Vertreter dieses Kreises? Auf diesen Ton waren seine Reden gestimmt. Trotz allem wurde ein solch riesiges Wachstum der sozialdemokratischen Stimmen erzielt, daß unsere Partei zum erstenmal in die Stichwahl kam. Es versteht sich am Rande, daß in derselben sich alle bürgerlichen Parteien zu der einen„ reaktionären Masse" zusammenfanden. Besonders eifrig focht das schwarze, brotwucherische Zentrum für den scharfen, roten Demokraten". Sind Herrn Lenzmann auch nur ein Teil von den freiheitlichen Prinzipien in Fleisch und Blut übergegangen, mit denen er in den Versammlungen prunkte, so muß er sich in tiefster Seele schämen, auf diesen Krücken in den Reichstag zu humpeln. Ich glaube jedoch kaum, daß er ob derselben errötet. Die tiefe Verkommenheit, welche im Freisinn um sich greift, kam in der Rede zum Ausdruck, welche der Vorsitzende der freisinnigen Versammlung am Stichwahltag hielt. Herr Dr. Franz beglückwünschte das Zentrum, daß es ungeschwächt aus der Wahl hervorgegangen sei und schimpfte auf die Regierung, weil sie die Kuvertwahl eingeführt habe, die dem Freisinn etliche Site koste. Obgleich der Wahlkampf unter den obwaltenden Umständen für unsere Genossen sehr schwer war, verminderte sich ihre Energie und Begeisterung doch nicht um ein Jota. Auch der Humor, der so manchen harten Strauß schon erleichtert hat, fam zu seinem Rechte. Sage Meta, hast Du schon einen konfiszierten Esel gesehen? Der ordnungsretterische Eifer und die tiefe Einsicht der löblichen Polizei verschaffte den Iserlohnern das Vergnügen, ein konfisziertes Grauchen kennen zu lernen. Höre! Etliche Genossen hatten einen Esel gemietet, über dessen Rücken zwei Plakate hingen, von denen das eine die Inschrift trug: 3ollfreiheit für Esel", das andere:„ Ich und meine Freunde wählen freisinnig". Festlich bekränzt, seiner Würde und Gefährlichkeit unbewußt, trabte Herr Langohr durch die Straßen von Iserlohn. Doch schon nach einer halben Stunde bereitete die Polizei seiner„ politischen Laufbahn" ein Ende." Der Esel ist konfisziert," so ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Was die Polizei mit ihrer„ Konfiskation" angeblich verhindern wollte, geschah nun. Das Geschick des ordnungsgefährlichen Esels brachte große Menschenmengen vor dem Rathaus zusammen. Natürlich erhielt die Polizei nicht den geringsten Anlaß zum Einschreiten. Dagegen tonfiszierte sie ein Plakat, das durch die nämlichen Straßen getragen wurde, welche das konfiszierte Grautier passierte. Das Plakat zeigte eine umgestülpte Wahlurne, aus der Stimmzettel für Gewehr, den sozialdemokratischen Kandidaten, flatterten. Auf einem Seitenfelde war zu lesen:„ Präsentiert das Gewehr." Es war dies die Antwort auf eine gegnerische Notiz, welche begann:„ Gewehr ab! Sozialdemokraten wegtreten!" Die Konfiskation des politischen Esels wurde übrigens schon nach einer halben Stunde durch Plakate beantwortet, welche das Schicksal des ,, fittsamen Grautiers" mit den Worten kündeten:„ Oh weh, der Esel ist eingespunt...." Der Bauer, dem der Esel gehörte, fand sich in guter Laune mit der Konfiskation ab. Er meinte mit der unschuldigsten Miene von der Welt: die Gelegenheit, um die Pausen zwischen dem Eingeben der Medizin um zehn Minuten abzukürzen, was ihr große Genugtuung gewährte. Dann und wann in der Zwischenzeit reorganisierte ich auch den Leinsamenumschlag und legte Senf und andere Pflaster dahin, wo an dem Kinde noch Plaz frei war. Gegen Morgen ging uns das Holz aus, und meine Frau ersuchte mich, in den Keller zu gehen und noch etwas zu holen. " Mein Kind", sagte ich, das ist etwas harte Arbeit und dem Kinde muß mit der Ertrabekleidung nachgerade warm genug Als ich einsteigen wollte, sagte sie:„ Bitte, gib dem Kinde sein. Sollen wir nicht einen neuen Umschlag machen..." erst noch einmal Medizin!" Das tat ich. Es war eine Arznei, die ein Kind mehr oder weniger munter macht. Meine Frau benuzte die Pause im Schlaf, um das Kind auszuziehen und über und über mit Gänseschmalz einzureiben. Ich war bald wieder eingeschlafen, aber nur, um nochmals aufzumüssen. Ich kam nicht zu Ende, da ich unterbrochen wurde. Eine Weile schleppte ich Holz von unten herauf und legte mich dann aufs Ohr und schnarchte, wie es nur ein Mensch kann, der bis aufs äußerste erschöpft ist. Erst beim hellen Tageslicht fühlte ich einen Griff an meiner Schulter, der mich plößlich zu mir brachte. Meine Frau starrte auf mich herab und rang nach Atem. So= ,, Mortimer, ich fühle Zug. Nichts ist für diese Krankheit so bald die Zunge ihr gehorchte, sagte sie: schlecht wie Zug. Bitte, stelle das Bett vor das Feuer!" Ich gehorchte und hatte wieder eine Kollision mit dem Bettvorleger, den ich ins Feuer warf. Meine Frau sprang aus dem Bett, um ihn zu retten, und wir wechselten einige Worte. Dann hatte ich wieder einige Sekunden Schlaf und stand auf Verlangen auf, um einen Leinsamenumschlag zu konstruieren, der dem Kinde auf die Brust gelegt werden sollte. Ein Holzfeuer ist nichts Bleibendes. Ich stand alle zwanzig Minuten auf, um unseres zu erneuern, und meine Frau benutte " ,, Es ist alles vorbei alles aus! Das Kind schwizt! Was sollen wir anfangen?" " Um des Himmels willen, wie hast du mich erschreckt! Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Vielleicht wenn wir Klara aus dem Bett nähmen und wieder in den Zug stellten?" " Du Dummkopf! Es ist keine Minute zu verlieren! Geh zum Doktor. Geh du selbst! Sage ihm, er muß fommen, tot oder lebendig!" Ich zerrte den armen, franken Mann aus dem Bette und " ,, De Isel es doch artig wern, hei hört doch nits don, hei es niu 40 Johr olt, es noch nit bestroft worn, un van Dage es im Kassen tummen. Hei es ob en Hombrant 9 Eiserlohn( soll heißen Iserlohn) geboren und härt eine gude Vergangenheit ächter sit." Die Geschichte ist köstlich, nicht wahr? Schade, liebe Meta, daß die liebe Polizei nicht mit der in Iserlohn betätigten Fürsorglichfeit alle zweibeinigen politischen Esel konfisziert. Täte sie es, es wäre ein gut Teil besser um das Deutsche Reich und um die Lage der werktätigen Massen in demselben bestellt. Von den ergötzlichen Zwischenfällen, welche die Isolierzellen auch am Niederrhein verursacht haben, will ich schweigen. Du hast zu dem Kapitel sicherlich genug aus allen Gegenden in den Zeitungen gelesen. Dafür noch etwas Ernstes und sehr Erfreuliches. In Iserlohn haben sich die Frauen zum erstenmal an der Wahlarbeit beteiligt. Zehn Genossinnen trugen am Tage vor der Stichwahl und am 25. Juni Flugblätter aus, sie halfen bei der Verteilung von Stimmzetteln vor den Wahllokalen und holten nachmittags säumige Wähler zur Urne. Sie haben nicht umsonst gearbeitet, alle jene, welche sich mit ganzer Seele dem Werke hingegeben, Aufklärung unter den proletarischen Frauen zu verbreiten und sie für die Lehren des befreienden Sozialismus zu gewinnen. Das hat der diesjährige Wahlkampf überall gezeigt. Ich weiß, liebe Meta, daß auch Du herzliche Befriedigung empfindest, daß unsere proletarische Frauenbewegung gute Fortschritte gemacht hat, und daß die Proletarierinnen im Wahlkampf ihren Mann" gestellt haben. Doch für diesmal dürfte ich wohl genug geplaudert haben. Ich schließe mit dem Ausdruck meiner großen Freude, daß Ihr „ hellen Sachsen" so hell gewesen seid, in 22 Wahlkreisen die rote Siegesfahne zu hissen. Diese Quittung hat sich die Reaktion im Lande Bliemchens sicherlich nicht träumen lassen! In treuer Freundschaft Deine Aus der Bewegung. W. K. Ein sozialdemokratischer Frauenwahlverein für Altona wurde von den dortigen Genossinnen, wie das preußische Vereinsgefeß es zuläßt, für die Wahlperiode ins Leben gerufen. Die Gründung erfolgte am 27. April in einer recht gut besuchten öffentlichen Frauenversammlung, in welcher Genosse Bürger einen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über„ Die Frauen und die Politik" hielt. Nachdem die Organisation sich konstituiert hatte, traten ihr sofort 46 Frauen als Mitglieder bei. Die erste Mitgliederversammlung regelte interne Angelegenheiten, in der zweiten referierte Genossin Fahrenwald in äußerst interessanter Weise über das Thema:„ Warum wir das Wahlrecht für die Frauen erringen müssen, und welcher Partei wir uns anschließen wollen". Sie führte die überzeugenden Gründe an, welche für das Frauenstimmrecht sprechen, gab einen kritischen Überblick über alle Parteien brachte ihn. Er sah nach der Kleinen und sagte, sie würde nicht sterben. Für mich war das eine unaussprechliche Freude, aber meine Frau wurde so wütend darüber, als hätte er ihr eine persönliche Beleidigung zugefügt. Dann sagte er, der Husten wäre durch irgend einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Hierauf, glaube ich, war meine Frau nahe daran, ihm die Thür zu weisen. Dann sagte der Doktor, er wolle das Kind zu stärkerem Aufhusten bringen und dadurch die Ursache entfernen. So gab er Klärchen etwas, was ihr einen tüchtigen Hustenanfall verursachte, und sogleich kamen ein paar Holzsplitter heraus. Das Kind hat keine Diphtheritis", meinte er, es hat nur ein bißchen Fichtenholz oder dergleichen getaut und ein paar Splitter in die Kehle bekommen, sie werden ihm nichts schaden." " " 1 ,, Nein, das glaube ich gern", erwiderte ich. Im Gegenteil, das Terpentin, das darin ist, ist sehr gut gegen gewisse Kinderfrankheiten. Meine Frau fann Ihnen das sagen." Sie tat es aber nicht, sondern wendete sich voll Entrüstung ab und verließ das Zimmer; und seit der Zeit gibt es eine Begebenheit in unserm Leben, auf die wir nie anspielen. Seitdem leben wir in ungetrübter Heiterkeit. ( Da wenige Ehemänner solche Erfahrungen wie Mc. Williams haben, so glaubte der Verfasser, die Leser würden sich vielleicht der Neuheit wegen ein wenig für dieselben interessieren). 126 des alten Reichstags und zeigte an der Hand der Tatsachen, daß die Proletarierinnen sich nur einer Partei anschließen könnten: der Sozialdemokratie. Die Vortragende erntete reichen Beifall. Genossin Baumann forderte die Mitglieder in warmen Worten auf, sich dem Zentralwahlkomitee am 16. Juni zur Verfügung zu stellen und sich fleißig an den Sammlungen für den Wahlfonds zu beteiligen. Im Sinne dieser Aufforderung ist der Verein während seiner kurzen Existenz eifrig bestrebt gewesen, die proletarischen Frauen zum politischen Verständnis zu erwecken und zur regen Anteilnahme an der Wahlfampagne zu rufen. Seine Bemühungen sind nicht vergeblich gewesen. Auch in Altona haben sich die Genossinnen tatkräftig in den Dienst der sozialdemokratischen Partei gestellt. Bei seiner Auflösung, welche der Vorschrift des Gesetzes entsprechend am Wahltage erfolgte, gehörten dem Verein 104 Mitglieder an. Daß die Zahl derselben sich in den wenigen Wochen mehr als verdoppelt hat, ist ein nicht zu drehendes und zu deutelndes Anzeichen mehr dafür, daß die proletarischen Frauen sich nicht mit einem vereinsgesetzlichen Eintagsrecht begnügen können und wollen, sondern ihre volle politische Gleichberechtigung fordern und auch erkämpfen werden. Ch. v. H. Der sozialdemokratische Frauenwahlverein für den Kreis Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg hat es während seiner kurzen Existenz vom 20. April bis 15. Mai auf 450 Mitglieder ge= bracht, welche für die Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten Zubeil wacker gearbeitet haben. Es gehörten ihm Frauen an aus: Rigdorf, Schöneberg, Charlottenburg, Tempelhof, Mariendorf, Wilmersdorf, Stegliz, Friedenau, Baumschulen weg, Johannisthal, Nieder- Schönweide, Köpenick, Adlershof, Briz und Zossen. Die gesunde, kräftige Entwicklung des Wahlvereins ist nicht dadurch beeinträchtigt worden, daß er von Amtsvorsteher, Landrat und Regierungspräsident in holder Geistesverwandtschaft für eine unzulässige" Organisation erklärt worden ist. Wir werden auf die sonderbare behördliche Auffassung in nächster Nummer zurückkommen. Von der Agitation. Zwei gutbesuchte Frauenversammlungen mit der Tagesordnung:„ Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung" fanden am 8. und 9. Juli im ersten und zweiten Hamburger Wahlkreis statt. Genossin Ziez referierte in beiden Versammlungen. Sie legte zunächst die geschichtliche Bedingtheit der Frauenbewegung im allgemeinen dar, um dann die Frauenbewegung in ihrer Verschiedenheit innerhalb der einzelnen Klassen der Bevölke rung zu beleuchten. Sodann verwies sie auf den Umstand, daß seither die bürgerlichen Damen auf unsere Behauptung, falls man politische Rechte erobern wolle, müsse man sich der politischen Partei anschließen, die für diese Forderung im Parlament eintritt, stets geantwortet hätten, sie mischten sich nicht in das" Parteigezänk". Die Frauenbewegung müsse über den Parteien stehen. Bei der diesjährigen Reichstagswahl änderten die Damen jedoch ihren Standpunkt. Sie haben sich in das„ Parteigezänt" gemischt. Aber siehe da, sie stellten sich nicht hinter die Partei, die seither unentwegt für die Verwirklichung vollen Frauenrechtes in der Öffentlichkeit Propaganda gemacht und im Parlament unzähligemal dafür gekämpft hat: die Sozialdemokratie. Sie schlugen sich vielmehr auf Seiten des Freisinns, oder richtiger, sie flehten dort um Aufnahme. Von ihrem Klassenstandpunkt aus mag man das verstehen. Jedenfalls aber haben sie damit gezeigt, daß ihnen an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mehr liegt, denn an der Durchsetzung ihrer Forderungen, der Eroberung der Gleichberechtigung der Frau. Rednerin wies an der Hand zahlreicher Beispiele nach, wie just der Freisinn die speziell im Interesse der Frau erhobenen Forderungen sehr oft mit Füßen getreten hat. Dadurch nun, daß in den Kreisen, in denen Freisinn und Sozialdemokratie um das Reichstagsmandat rangen, die Damen für den ersteren eintraten, hat sich ihre Stellungnahme als ein Kampf gegen die Sozialdemokratie, gegen die einzige konsequente Vorkämpferin für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts charakterisiert. Besonders lächerlich gestaltete sich die Sache in Hamburg, wo die Frauenrechtlerinnen den Sampf gegen den„ Umsturz" in Kreisen aufnahmen, die der Sozialdemokratie bombensicher sind. Übrigens hat sich auch schon bei vielen anderen Gelegenheiten der bürgerliche Klassencharakter, Klassenegoismus der Damen unverhüllt gezeigt. So zum Beispiel vor allem in ihrer Stellung zum Frauenstimmrecht. Der Verein " Frauenwohl" zu Berlin, der eine Organisation der radikalen Frauenrechtlerinnen ist, hat vor etlichen Jahren in seiner Petition an den preußischen Landtag das Gemeindewahlrecht nicht für alle Frauen verlangt, sondern nur für diejenigen, die zu den Gemeindelasten beitragen, das heißt er wollte gerade die Schutz- und Rechtsbedürftigsten rechtlos lassen. Während der Wahlbewegung hat Frl. Dr. Schirmacher in München in einer Versammlung die Forderung des gleichen und direkten doch keineswegs des allgemeinen Wahlrechtes erhoben. Sie erklärte ausdrücklich, unter der Zustimmung der Versammelten