Nr. 18. Die Gleichheit 13. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 26. Hugust 1903. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe geftattet. Inhalts- Verzeichnis. Aufruf der Vertrauensperson. Anträge der Berliner Genossinnen zum Parteitag in Dresden. Verlängerte Mittagspause oder früherer täglicher Arbeitsschluß für die Arbeiterinnen. II. Von Klara Zetkin. Frauenarbeit in der Konservenindustrie. Von Louise Zietz. ,, Lächerlich." Bericht der VerVon Emilia Alciati- Marabini. Deutsch von G. M. Aus der Bewegung. trauensperson der Genossinnen Deutschlands. Feuilleton: Mumu, das Hündchen des Taubstummen. Erzählung von J. S. Turgenjew. Aus dem Russischen übersetzt von L. A. Hauff. Notizenteil: Die Zehnstundenbewegung der Textilarbeiter in Crimmitschau. -Weibliche Fabrifinspektoren.- Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganiſation. Genossinnen! Es ist wünschenswert, daß die untenstehenden Anträge der Berliner Genossinnen zu Anträgen der gesamten deutschen Genossinnen werden. Zu diesem Zwecke wurden sie allen weiblichen Vertrauenspersonen mit dem Ersuchen zugesendet, sich sofort mit den Genossinnen ihres Tätigkeitsbezirks über ihre Stellungnahme zu denselben zu verständigen. Der Bescheid darüber muß Der Bescheid darüber muß in kürzester Frist der Unterzeichneten zugehen, damit die Anträge im Namen der Genossinnen aller Orte eingebracht werden können, die ihnen zustimmen. Die Genossinnen werden dringend auf gefordert, das Ihrige dazu beizutragen, daß Stellungnahme und Bescheid baldigst erfolgt. Berlin, den 15. August 1903. Mit sozialdemokratischem Gruß Dttilie Baader Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands Berlin SW. 29, Belle- Alliancestraße 95, Hof, 3 Tr. Anträge der Berliner Genoffinnen zum Parteitag zu Dresden. Zu Punkt 5 der Tagesordnung. Der Parteitag erklärt: Bei den Kämpfen, welche das Proletariat für die Eroberung des allgemeinen gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Staat und Gemeinde führt, muß das Frauenwahlrecht gefordert, in der Agitation grundsätzlich festgehalten und mit allem Nachdruck vertreten werden. Zu Punkt 3 der Tagesordnung. Die Reichstagsfraktion möge energisch eintreten für: 1. Einführung des gesetzlichen Achtstundentags für alle erwachsenen Arbeiterinnen, der durch eine stufenweise Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf zehn beziehungsweise neun Stunden für eine kurze, gesetzlich bestimmte Übergangszeit vorbereitet wer den kann; für die jugendlichen Arbeiterinnen die Herabseßung der täglichen Marimalarbeitszeit auf vier beziehungsweise sechs Stunden, Erhöhung der Altersgrenze auf achtzehn Jahre und Einführung eines obligatorischen Fortbildungsunterrichts, in dessen Schulplan Haushaltungsunterricht, Gesundheitslehre und Säuglingspflege einzubeziehen sind; Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Bundel), Stuttgart, Blumens Straße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. für alle Arbeiterinnen die Abschaffung der Überstundenarbeit und Freigabe des Sonnabendnachmittag. 2. Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 3. Verbot der Verwendung von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen Organismus besonders schädlich sind. Gesetzliche Förderung der Einführung solcher Vorrichtungen in Fabriken und Werkstätten, die die Gesundheit der darin Beschäf= tigten schützen. Ersatz gesundheitsschädlicher, im Arbeitsprozeß zur Verwendung gelangender Materialien durch gesundheitlich indifferente. 4. Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die Hausindustrie entsprechend der Resolution des vierten Gewerkschaftstongresses zu Stuttgart. 5. Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 6. Aktives und passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten. 7. Sicherung völliger Koalitionsfreiheit für die Arbeiterinnen. 8. Verbot der Beschäftigung von Frauen acht Wochen nach der Niederkunft, wenn das Kind lebt, sechs Wochen nach der Niederfunft bei Tots und Fehlgeburten oder im Falle des Ablebens des Kindes. Recht der Schwangeren auf kündigungslose Einstellung der Arbeit, sobald im weiteren Verlauf der Schwangerschaft durch den normalen Schwangerschaftszustand bedingte Anzeichen sich geltend machen, welche die Arbeit erschweren. Beseitigung der Ausnahmebewilligungen, welche auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses die Wiederaufnahme der Arbeit vor Ablauf der festgesetzten Schußfrist gestatten. Ausgestaltung der Schwangeren- und Wöchnerinnenfürsorge seitens der Krankenkassen durch: Zubilligung eines Pflegegeldes an Schwangere und Wöchnerinnen für die Dauer der Schußfrist in der vollen Höhe des durchschnittlichen Tagesverdienstes. Obligatorische Ausdehnung der betreffenden Bestimmungen auf die Frauen der Kassenmitglieder. Die Möglichkeit für die Durchführung dieser Bestimmungen ist zu schaffen durch Vereinheitlichung der Krankenversicherung, Zusammenschluß der Kassen zu kapitalkräftigen Verbänden, weitgehendes Selbstverwaltungsrecht der Versicherten und Zuschüsse vom Staat. Errichtung von Entbindungsanstalten, Schwangeren- und Wöchnerinnenheimen, Beschäftigungsanstalten für stillende Mütter, Organisation der Wöchnerinnenhauspflege durch die Gemeinde. Verlängerte Mittagspause oder früherer täglicher Arbeitsschluß für die Arbeiterinnen? II. Zwei Gesichtspunkte sind es vor allem, unter denen der Wert einer verlängerten Mittagspause und der eines entsprechend früheren Arbeitsschlusses am Tage betrachtet und gegeneinander abgewogen werden muß. Es ist die Rücksicht auf die Ruhe und die Ausspannung, deren die Arbeiterin nach der anstrengenden, oft die Kräfte aufs äußerste aussaugenden Arbeit des halben Tages dringend bedarf. Es ist der Hinblick auf die Erfüllung der vielgestaltigen, wirtschaftlichen und sittlichen Verpflichtungen, welche die Familie, die Mutterschaft der Frau auferlegt. Mir scheint, daß in der einen wie der anderen Hinsicht die Interessen der Arbeiterinnen entschieden statt auf die gesetzliche eineinhalbstündige Mittagspause auf die weitere Verkürzung der Arbeitszeit am Abend hinweisen. Die längere Unterbrechung der Arbeitszeit zu Mittag wird im allgemeinen nur von den Arbeiterinnen ausgenutzt werden, die ihr von Heim in höchstens fünfzehn Minuten erreichen können, so daß der zweimalige Weg zwischen ihm und der Arbeitsstatt nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit beansprucht. Es bleibt dann eine Stunde frei für das Einnehmen des Mittagsmahls, in vielen Fällen noch für dessen Vorbereitung oder wenigstens Aufwärmen, für die Versorgung der Kinder, des Mannes, für allerhand häusliche Verrichtungen, die sich nicht abweisen lassen. Nicht mehr als eine Stunde! Das aber für ein Vielerlei von Anforderungen an einen Körper und Geist, welche durch die Lohnfron eines halben Tages, durch das zweimalige Zurücklegen des Weges, sehr oft noch durch häusliche Arbeiten vor Tage und Beginn der Erwerbstätigkeit ermüdet, überanspannt worden sind. Das Abfinden der Arbeiterin mit diesem Vielerlei, das sich in einer kurzen Spanne Zeit zusammendrängt, steht obendrein unter dem schwer lastenden Drucke des Bewußtseins, daß die Arbeit in Fabrik oder Werkstatt zur bestimmten Minute wieder aufgenommen und lange Stunden weiter fortgesetzt werden muß. Von Ausruhen, Erholung und Erquickung ist da keine Rede. Mit nervöser Geschäftigkeit muß sich die erwerbstätige Hausmutter einer Verrichtung nach der anderen zuwenden. Hastig, nicht selten bei irgendwelcher häuslichen Arbeit, verzehrt sie das Mittagsmahl. Wie oft kommt es nicht vor, daß die in fliegender Eile zubereiteten Speisen nicht gut und sorgfältig vorgerichtet, nicht genügend lange gekocht wurden. Ihre Verdaulichkeit und ihr Nährwert leidet darunter. Die Fähigfeit des Organismus aber, die Speisen zu verdauen, ihre Nährstoffe aufzunehmen und zu verarbeiten, um die verausgabten Kräfte zu ersetzen und womöglich einen Überschuß darüber zu liefern, wird ganz bedeutend vermindert durch den Zustand der Übermüdung und Hat, in welchem die Arbeiterin ihre Mahlzeit einnimmt. Der Nährwert der Speisen kann in der Folge nicht voll ausgenutzt werden, und das umsoweniger, als unmittelbar auf die arbeitsreiche Mittagspause daheim der Weg zur Betriebsstatt und eine neuerliche vielstündige berufliche Tätigkeit folgt. Die wissenschaftliche Forschung hat beweiskräftig festgestellt, daß der tierische Organismus die zugeführte Nahrung nur so vollständig als möglich auszunuzen vermag, wenn er bei der Nahrungsaufnahme genügend ausgeruht ist und hinreichende Ruhe zur Verdauung hat. Das hat unter anderem die vergleichende Untersuchung des Magen- und Darminhaltes von Jagdhunden ergeben, die gleich gesund und kräftig, gleich gefüttert getötet wurden, nachdem man die einen unmittelbar vor und nach dem Fressen mehrere Stunden lang gehetzt hatte, während die anderen in der gleichen Zeit ruhen durften. Daß der Hauptmahlzeit eine Ruhepause vorausgeht, daß ihr eine Ruhepause folgt, ist deshalb eine Forderung, welche Ärzte und Hygienifer heutigentags im Interesse der Gesundheit erheben, und nicht um der Bequemlichkeit und Verweichlichung Vorschub zu leisten, wie manch einer wähnt. Man betrachte im Lichte der gekennzeichneten Umstände den Wert der„ Ruhestunde" und der Hauptmahlzeit daheim für die Arbeiterin. Er enthüllt sich dann weit mehr als trügerischer Schein, denn als wirkliches Sein. Weit mehr trügerischer Schein als wirkliches Sein charakterisiert aber auch die verlängerte Mittagspause im Hinblick auf die Erfüllung der häuslichen und mütterlichen Pflichten. Ich unterschätze durchaus die Bedeutung nicht, welche auch einer kurzen Anwesenheit der Frau zu Hause zukommt, die Wichtigkeit der Leistungen, welche Mutterliebe und Pflichtgefühl der ermattetsten, ruhebedürftigsten Proletarierin abringen. Aber verhängnisvoll wäre es meines Erachtens, über dieser Würdigung das folgende zu übersehen. Zunächst, daß die Leistungen selbst naturgemäß unzulänglich und unvollkommen bleiben müssen. Das bedingt die Kürze der Frist, in welcher sie zu erledigen sind, wie die Abspannung, in welcher die Arbeiterin ihr Heim aufsucht. Selbst die gewissenhafteste Hausmutter wird sich darein schicken müssen, bei der Zubereitung der Speisen, dem Herrichten des Tisches, der Fürsorge für die Kinder 2c. recht oft fünf gerade sein zu lassen, weil auch die stärkste Energie zwar vieles, aber doch nicht alles leisten, nicht das Unmögliche möglich machen kann. Des weiteren aber trägt die Hast, in welcher die Arbeiterin ihren Verpflichtungen gerecht zu werden suchen muß, ein Moment fieberhafter Unrast in ihr Wesen und ihr Heim hinein, unter der das kurze Beisammensein mit Mann und Kindern leidet. Kaum ein flüchtiges Aufatmen in dem Gefühl, dem Zwange der ausgebeuteten Lohnarbeit für eine kurze Zeit enthoben zu sein, und der Zwang der hauswirtschaftlichen Tätigkeit macht sich geltend. Der Stachel des Du mußt" wird für die Proletarierin noch durch das Bewußtsein verschärft, sich in der Pause doch nur in unvollkommener Weise dem Hauswesen, der Pflege und Erziehung der Kinder widmen zu können. Da bewahren dann die wenigsten Mütter jene sonnige Heiterkeit des Gemüts und nie versagende Geduld, jene Ruhe und Stetigkeit des Wesens und der Haltung, welche wichtige, unerläßliche Vorbedingungen eines erzieherischen Einflusses auf die Kinder sind. Umgekehrt lagert nur zu oft über 138 dem Heim der Arbeiterin, die mittags von der Erwerbsarbeit angehetzt kommt und von Verrichtung zu Verrichtung stürmt, eine Atmosphäre der Bitterfeit, Unruhe und Ungemütlichkeit, die durch die Übergeschäftigkeit der Hausfrau, ihre nervöse Abspannung und Gereiztheit erzeugt wird. Wer nie erfahren hat, wie das Bewußtsein steter Pflichtbelastung, wie das fortwährende Geizenmüssen mit jeder Minute aufreibt und an der Lebenskraft zehrt, der mache der Armsten einen Vorwurf daraus! Jm kleinen gilt von der„ traulichen Mittagsstunde" der Arbeiterin zu Hause, was von der„ Idylle" der Heimarbeit im großen gilt. Sie gibt nicht die Möglichkeit zu einer harmonischen Vereinigung von ausgebeuteter Berufsarbeit und Mutterpflicht, sie wirst nur über den Gegensatz zwischen beiden einen Schleier. Schließlich aber und nicht zum wenigsten muß ein Umstand richtig gewürdigt werden. Was die Arbeiterin in der Mittagspause als Mutter leistet oder zu leisten versucht, ist zum weitaus größten Teile das Ergebnis der Überanstrengung, die an Stelle des nötigen Ausruhens tritt. Nicht gekräftigt, stärker ermüdet kehrt sie zur Erwerbsarbeit zurück, deren Anforderungen in der Folge doppelt empfunden werden, und deren eventuell schädigenden Einflüssen der Rörper geringeren Widerstand entgegenzusetzen vermag. Es ist eine alte Erfahrung, daß die Tätigkeit am Nachmittag den Frauen meist härter und länger dünkt als vormittags. Die Arbeiterin überschreitet mit den häuslichen Verrichtungen in der Mittagspause die Grenzen der normalen Verausgabung ihrer Kraft, und das auf Kosten eines früheren Nachlassens und Versagens derselben. Das tägliche kleine Defizit an Ruhe und Stärkung summiert sich im Laufe der Zeit zu einem großen Manko zusammen, das verschlechterte Gesundheit und Leistungsfähigkeit nach sich zieht. Man wende dagegen nicht ein, daß der Wechsel zwischen Fabrikund Hausarbeit ein Ausruhen und Erholen bedeute. Die alte Ansicht, man könne von einer Tätigkeit bei einer andersgearteten genügend ausruhen, ist von der Wissenschaft als irrig, beziehungsweise nur sehr bedingt zutreffend erwiesen worden. Volles Ausruhen setzt volle Untätigkeit der Muskel- und Nervengruppen voraus. Für die Arbeiterinnen vieler Berufszweige kommt aber in der Mittagspause nicht einmal ein bedingtes Ausruhen in Betracht, da die häuslichen Verrichtungen die nämlichen Muskel- und Nervengruppen anspannen, wie die Fabrikarbeit. Alles in allem täuscht der Wechsel der Beschäftigung die Proletarierin nur über ihre Ermüdung und Ruhebedürftigkeit hinweg und spornt sie damit zu weiterer Überanstrengung an. Das scheint mir um so bedenklicher, als die Frau im allgemeinen dazu neigt, wenig vorausschauend mit ihrer Lebenskraft hauszuhalten und sich dadurch längstmögliche Frische und Leistungsfähigkeit zu sichern. Im Falle der verheirateten Arbeiterin aber wird diese Neigung durch das eherne Gebot der Not und das dringende Verlangen der Mutterliebe sehr oft bis zu wahrem Raubbau an Gesundheit und Kraft gesteigert. Die verlängerte Mittagspause wird zweifellos zahlreiche erwerbstätige Hausmütter im Hinblick auf die nächstliegenden Interessen der Familie zur maßlosen Ausnutzung ihrer Kräfte aufpeitschen. Und zwar nicht bloß Frauen, denen die geringe Entfernung zwischen Wohnung und Betriebsort eine gewisse Ausnutzungsmöglichkeit der Mittagspause zu verbürgen scheint. Vielmehr auch Arbeiterinnen, welche die Mittagspause daheim mit einem mehr als einem halbstündigem Wege erkaufen müssen, und die den Zeitabgang durch die höchste Überspannung der, Kräfte wettzumachen bestrebt sind. Es versteht sich am Rande, daß sich für sie die aufgezeichneten Folgen nur verschärfen. Sehr richtig heißt es in den jüngsten Erhebungsergebnissen aus dem Fabritinspektionsbezirk Erfurt:„ Eine Mittagspause, welche namentlich den Frauen die Bes reitung und Einnahme der Mahlzeit, das Stillen oder die Pflege der Kinder, sowie eine genügende Erholung ge währen soll, muß erheblich länger als anderthalb Stunden sein."* Gewiß, für eine Anzahl verheirateter Frauen liegen die Verhältnisse günstiger als geschildert. Es gibt Frauen, die keine Mutterpflicht über Mittag in Anspruch nimmt. Andere wieder wissen ihre Kinder gut versorgt und können bei der Höhe ihres Verdienstes in der Volksküche, im Restaurant 2c. essen. In dem Heime dritter führt die Mutter oder Schwiegermutter, die heranwachsende Tochter oder sonst eine Anverwandte die Wirtschaft, in deren Gang die Erwerbstätigen selbst nur kontrollierend und anordnend einzugreifen brauchen. Die verlängerte Mittagspause bietet ihnen mithin die Möglichkeit einen furzen Weg vorausgesetzt, sich eine kurze Stlavenrast zu gönnen, an dem gedeckten Tische niederzusitzen und in ruhiger Behaglichkeit das Mittagsmahl einzunehmen, etwas Zeit und Ruhe für die Kinder zu gewinnen. Aber die verhältnismäßig Glücklichen, für die das zutrifft, sind entschieden innerhalb des Heeres der Fabrikarbeiterinnen eine Minderheit. Das bewirkt abgesehen von den im ersten Artikel * Sperrdruck nach dem Original. hervorgehobenem Umständen schon die Tendenz unseres wirtschaftlichen Lebens, von der proletarischen Familie Glieder abzustoßen, welche nicht ihren Unterhalt verdienen, beziehungsweise alle Familienangehörige in Erwerbstätige zu verwandeln. Sicherlich ferner, daß die verlängerte Mittagspause allen Arbeiterinnen unter allen Umständen einen äußerst wertvollen Vorteil bringt. Sie verkürzt die kapitalistische Ausbeutung mit ihrem verderblichen drum und dran um eine halbe Stunde. Dieser Gewinn kann gerade für die Arbeiterin nicht hoch genug angeschlagen werden; ihn zu sichern ist ein Ziel, nicht bloß aufs innigste zu wünschen, sondern aufs energischste zu erkämpfen. Kein Zweifel deshalb: wenn die weitere Verkürzung der täglichen Arbeitszeit der Arbeiterinnen um eine halbe Stunde nur in Gestalt der verlängerten Mittagspause errungen werden tönnte, wir müßten mit beiden Händen danach greifen, trotz aller Mängel, die ihr anhaften. Aber es fragt sich, ob der erstrebte Vorteil nicht in besserer Gestalt erkämpft werden kann, so daß die Arbeiterin nicht nur um eine halbe Stunde mehr aus der kapitalistischen Profitmühle ausgespannt wird, vielmehr die Vorbedingung für möglichst vollständige Ausnutzung dieser Zeit enthält. Der um eine weitere halbe Stunde vorgerückte Arbeitsschluß am Tage wirkt meines Erachtens in dieser Richtung. Seine Vorteile über die verlängerte Mittagspause wird der Schlußartikel darlegen. Klara Zetkin. Frauenarbeit in der Konservenindustrie. Von Louise Biek. Ein äußerst beliebter Ersatz für mangelndes frisches Gemüse, namentlich im Winter und Frühling, sind mehr und mehr die Konserven geworden. Wohl selten aber wird beim Verzehren derselben derer gedacht, die zur Zeit der Einmach- Kampagne das Gemüse verarbeiten, einkochen, die Dosen verlöten usw. Tausende von Arbeitskräften, vorwiegend weibliche, find alljährlich während der Kampagne damit beschäftigt. Bei überaus langer Arbeitszeit und kargem Lohne müssen sie fronden. Im Herzogtum Braunschweig allein waren nach dem Bericht der dortigen Handelstammer über„ Die Industrie des Herzogtums" im Jahre 1898 in der Konservenindustrie 5915 Personen tätig, darunter aber 5405 weibliche. Inzwischen hat die Zahl der Arbeiterinnen noch zugenommen. Die meisten von ihnen werden in den Fabriken selbst beschäftigt, doch ist auch ein beträchtlicher Prozentsatz von Heimarbeiterinnen vorhanden. Nach der oben erwähnten Duelle zählte man deren im Berichtsjahr 1225. Ist die Arbeitszeit in den Fabriken schon schier endlos- 100 Arbeitsstunden wöchentlich für Frauen, 108-113 für Männer hat der„ Braunschweiger Volksfreund" schon im Jahre 1901 nachgewiesen, und seither ist es um nichts besser geworden so dauert sie bei den Heimarbeitern noch länger. Konstatiert doch der Handelskammerbericht, daß die Heimarbeiterinnen deshalb sich besser(?) ständen, weil die Arbeitszeit nicht gesetzlich beschränkt sei! Die ,, Beschränkung" der Arbeitszeit für Arbeiterinnen, die laut Gewerbeordnung bekanntlich 11 Stunden nicht überschreiten darf, ist aber auch für die Konservenfabriken durch Verfügung des Bundesrats vom 11. März 1898 start durchlöchert worden. Diese Verfügung lautet: " In Konservenfabriken dürfen bei Herstellung von Gemüse- und Obstkonserven in den Zeiten des Jahres, in denen ein vermehrtes Arbeitsbedürfnis eintritt, Arbeiterinnen über 16 Jahren an Werktagen, abweichend von den Bestimmungen des§ 137 Absatz 1 und 2 der Gewerbeordnung, unter den nachstehenden Bedingungen beschäftigt werden: Die tägliche Arbeitszeit darf 13 Stunden nicht überschreiten und nicht in die Zeit von 10 Uhr abends bis 5½ Uhr morgens fallen. Die Befugnis der unteren Verwaltungsbehörde, nach Maßgabe des§ 138 a Absatz 5 der Gewerbeordnung Überarbeit zu gestatten, bleibt für Sonnabend unberührt." Nach§ 138a fann bekanntlich am Sonnabend Überarbeit bis 81/2 Uhr gestattet werden. Bereits vor der bundesrätlichen Verfügung war eine ungeheuer große Zahl von Überstunden bewilligt worden. So im Jahre 1897 nicht weniger als 18 232 für 545 Arbeiterinnen. Nach der betreffenden Verfügung nahm das Unwesen der Überstunden erst recht einen großen Umfang an. Allein die 13stündige Tagesfron genügt den Fabrikanten noch keineswegs. Bewilligen die Behörden 13 Stunden tägliche Arbeitszeit, so lassen die Unternehmer ohne Bewilligung 17-18 Stunden im Tag schanzen. Arbeite rinnen haben mir versichert, daß sie wiederholt von morgens 5 bis abends 11 und 12 Uhr gearbeitet hätten. Daß eine so erschreckend lange Arbeitszeit eine ungünstige Rückwirkung auf die Gesundheit hat, ist unausbleiblich. Besonders klagen die Arbeiterinnen der Konservenfabriken über Rückenschmerzen und eine Art nervöser Appetitlosigkeit. Ein großer Teil der Arbeiterinnen leidet über139 dies außerordentlich unter der sogenannten Spargel- und Bohnenkräße. Hände, Arme und Gesicht überziehen sich bei dieser Krankheit mit kleinen Bläschen, die manchmal sich zu einem förmlichen Ausschlag entwickeln. Selbst Zunge und Hals bleiben mitunter nicht davon verschont. Kurze Zeit, nachdem die Arbeit eingestellt wird, verschwindet auch diese„ Krätze" wieder. Nicht alle Arbeiterinnen werden von derselben heimgesucht. Am schlimmsten haben unter ihr die Frauen zu leiden, die das Schälen des Spargels, das Schneiden der Bohnen besorgen. Und der Lohn für diese Arbeit? In einigen Fabriken pro Stunde 13 Pfennig, in einer anderen pro Stunde 15 Pfennig, für Überstunden 20 Pfennig. Als Überzeitarbeit gelten die Stunden, die nach Schluß einer zehnstündigen täglichen Arbeitszeit gemacht werden. Bei Affordarbeit wird für das Schälen des Spargels pro Pfund berechnet: für Prima Spargel 2 Pfennig, für Mittel Spargel 3 Pfennig, sür Suppen Spargel 4 Pfennig, für ganz dünnen sogenannten Strippen- Spargel 5 Pfennig. Auch hier bewahrheitet sich wiederum der alte Erfahrungssaß, daß lange Arbeitszeit und farger Lohn Hand in Hand gehen. Noch weit schlimmer sieht es in der Heimarbeit aus. Bei ihr machen die Unternehmer, wie in allen Industrien, das beste Geschäft. Sie sparen an den Kosten der Arbeitsräume und am Lohn. Für das Spargelschälen wird zum Beispiel in der Heimarbeit pro Pfund ein Pfennig weniger bezahlt, als in der Fabrit. Um trotzdem während der kurzen Zeit der Kampagne ein paar Mark zu verdienen - den so nötigen Zuschuß zum Lebensunterhalt- wird vom Morgengrauen bis tief in die Nacht hinein, oft die ganze Nacht hindurch geschanzt. Und nicht nur von der Frau, auch von den Kindern. So werden nach dem Bericht des amtlichen Braunschweiger Anzeigers in den einzelnen Familien 80-100 Pfund, ja sogar bis zu 250 Pfund Spargel täglich geschält. Diese großen Quantitäten müssen außerdem geholt und nachdem sie geschält sind, wieder zur Fabrik geschleppt werden, und das oft weite Wegstrecken. Dabei verdient eine Familie pro Tag von 1,50 Mt. bis zu 4 Mt. Und unter welchen Umständen! Erstens auf Kosten der Gesundheit der überanstrengten Frauen und der überbürdeten Kinder. Ferner kann ein großes Quantum Spargel natürlich nur dann geschält werden, wenn jede Minute zur Erwerbsarbeit ausgenutzt wird. Die Haushaltung, die Zubereitung des Essens, alle häuslichen und sonstigen Aufgaben werden vernachlässigt. Wie es in der Zeit der Kampagne in den Wohnungen der Heimarbeiterinnen aussieht, läßt sich denken, umſomehr, da auch in Braunschweig die Mieten nicht billig und infolgedessen die zur Verfügung stehenden Räume durchweg recht beschränkt sind. Mancher Hauswirt stellt beim Vermieten kleiner Wohnungen schon die Bedingung, daß Spargelschälen zum Erwerb in der= selben nicht gestattet sei. Daß es bei der Heimarbeit sehr oft bei der Verarbeitung des Spargels an der nötigen Sorgfalt und vor allem an der Sauberkeit fehlt, ist wiederholt nachgewiesen worden. Kann man doch oft schon am Geruch der geschälten Ware erraten, in welch unmittelbarer Gesellschaft sich dieselbe befand. Doch geschieht nichts seitens der Unternehmer, um für eine appetitlichere Zubereitung durch Bearbeitung in der Fabrik zu sorgen. Aus rein hygienischen Gründen, im Interesse der Konsumenten und Produzenten, muß auch betreffs der Heimarbeit in der Konservenindustrie die Forderung mit allem Nachdruck wieder und wieder erhoben werden: Unterstellung der Heimarbeit, der gesamten Hausindustrie unter die Gewerbeaufsicht." Soll jedoch die maßlose Ausbeutung in der Fabrik, vor allem die endlose Tagesfron bekämpft werden, welche die Kräfte verzehrt, die Gesundheit untergräbt und das Familienleben schwer schädigt; soll ein besserer Verdienst errungen werden, so heißt es für die Arbeiterinnen sich organisieren und der Aufforderung zur Überarbeit ein gemeinsames" Nein! das gibts nicht!" entgegenstellen. Berichtet doch ein Fabrikinspektor des Herzogtums, daß in einer Fabrit im Landgebiet die Arbeiterinnen mit Erfolg sich geweigert hätten, Überarbeit zu machen, und die Arbeit sei doch fertig geworden. Es geht also! Tächerlich." Von Emilia Alciati- Marabini.( Deutsch von G. m.)* Liebe Peppina! Die Lektüre Deines so naiv offenherzigen Briefchens hat mich zum Lachen gebracht, zugleich aber habe ich mich auch darüber geärgert. * Aus der bald nach ihrem frühzeitigen Tode von ihrem Gatten, dem Rechtsanwalt Ezio Marabini herausgegebenen Sammlung ihrer Schriften, betitelt Propaganda"( Rom 1898, Preis 50 Cents.), S. 78. Näheres über die Verfasserin siehe Nr. 11 der„ Gleichheit". Also sie sind doch immer dieselben, diese Männer, immer dieselben, selbst wenn es so aussieht, als müßten sie sich nun endlich einmal freigemacht haben von all den Kleinkrämereien, all den Vorurteilen, die sie in ihrem Hochmut, ihrem Dünkel nur noch aufgeblasener und alberner machen. Dein Mann hat Dir also klipp und klar gesagt, daß er in die Versammlungen mit Dir nicht gehen will. Und ich, die ich ihn doch immer für einen unserer eifrigsten, überzeugtesten Genossen gehalten hatte! Ach, du großer Gott, manchmal glaubt man wirklich rein an der Zukunft verzweifeln zu müssen. Untersuchen wir mal die Sache. Was ist denn eigentlich der großartige Grund dafür, daß Du Dich allein zu Hause langweilen oder gar zu Bette gehen sollst, während er in den Verein geht? ,, Weil", so schreibst Du mir, er sich vor seinen Freunden nicht lächerlich machen will." Lächerlich! Aber hat er denn wirklich das ge= sagt? Und war er, wirklich er es, der in jenem Augenblick sprach? Aber es muß schon wahr sein; denn er hat Dich niemals auch nur zu einem Vortrag begleitet, er hat niemals mit Dir von seinen politischen Ansichten gesprochen, und nun, wo Du durch mich zum Sozialismus bekehrt worden bist, nun, wo Du auf meine Bitten hin hören und lernen möchtest, und sein Leben, unser Leben, ganz mitleben, jetzt jagt er Dich furzerhand, gänzlich ungerechtfertigt, in die Einsamkeit, vielleicht auch in die Gleichgültigkeit, wenn nicht gar in Deine alten Zweifel zurück. Er hat unrecht, und sobald ich ihn sehe, werde ich es ihm auch sagen. Ja, wenn Du im Hause nicht ebenso Deine Pflicht tätest wie er in der Fabrik, dann ließe ich's noch gelten; Du hast noch keine Kinder, die Deine Pflege verlangen, und wenn Du welche hättest, so würde er sicherlich nicht nötig haben, Dich an Deine Pflicht zu er innern. Du bist doch ein aufmerksames, geschäftiges, sorgfältiges Frauchen; was will er also mehr? Wie kann er von dem Pflichtbewußtsein durchdrungen sein, daß er für seine Erlösung und die seiner Arbeitsgenossen fämpfen müsse, und dann Dir nicht das gleiche Recht zugestehen? Wie kann er nach der wahren, der völligen Freiheit trachten, wenn er sich selbst zu Hause dem Wesen gegenüber, das ihm am teuersten ist, zum Werkzeug blinder, unvernünftiger Bedrückung macht? Ach, wenn schon die, welche unter uns als die gewissenhaftesten gelten, sich im Familienkreis so betragen, was werden dann erst die anderen tun?„ Lächerlich"?! Das traurige Wort kommt mir in den Sinn, und leider klingt es mir nicht neu. Du weißt, Ezio und ich, wir sind immer, aber auch immer zusammen. Zusammen im Hause, zusammen auf langen, langen Spaziergängen, zusammen bei der AgiMumu, das Hündchen des Taubskummen. Erzählung von J. S. Turgenjew. Aus dem Russischen überseht von L. A. Hauff. In einer entlegenen Straße Moskaus wohnte eine verwitwete Dame, umgeben von einem zahlreichen Hausgesinde, in einem grauen Hause mit weißen Säulen, Entresol und bedecktem Balkon. Ihre Söhne waren im Dienste in Petersburg, ihre Töchter verheiratet. Selten ging sie aus und verlebte einsam die letzten Jahre ihres traurigen Alters. Ihr Tag war schon lange verflossen, trübe und freudlos, ihr Abend aber war schwärzer als die Nacht. Die merkwürdigste Person in ihrem ganzen Hausgesinde war Gerassim, der Portier, ein Taubstummer von mächtiger Gestalt. Die Herrin hatte ihn vom Gute mitgenommen, wo er allein in einer fleinen Hütte, getrennt von seinesgleichen, gewohnt und für den besten Fronbauern gegolten hatte. Mit einer ungewöhnlichen Kraft begabt, arbeitete er für vier, und es war ein Vergnügen, zu sehen, wie die Arbeit unter seinen Händen gedieh. Die beständige Schweigsamkeit verlieh seiner unermüdlichen Arbeit eine feierliche Würde. Er war ein prächtiger Bauer, und wäre sein Gebrechen nicht gewesen, so hätte ihn jedes Mädchen gerne geheiratet. Aber nun führte man Gerassim nach Mostau, taufte ihm Stiefel, einen Kaftan für den Sommer und einen Pelz für den Winter, gab ihm einen Besen und eine Schaufel in die Hand und machte ihn zum Portier. Sein neues Leben mißfiel ihm anfangs sehr. Von Jugend auf war er gewöhnt an Feldarbeiten und Landleben. Durch seinen Sprachfehler den Menschen entfremdet, wuchs er stumm und kräftig auf, wie ein Baum auf fruchtbarer Erde... 140 tation, zusammen im sozialistischen Klub. Wir sind so glücklich in dieser Gesellschaft, die uns ans Herz gewachsen ist, wir ergänzen uns gegenseitig. Ich finde, wir sind wirklich zu beneiden. Nun also ist es mir manchmal leider so vorgekommen, als überraschte ich auf den Lippen der Genossen ein halb mitleidiges, halb verächtliches Lächeln. Dann war es mir, als zöge sich mir das Herz zusammen, als erstarrte plötzlich all mein Enthusiasmus zu Eis, und als würde meine Kraft gelähmt. Aber an Ezios Seite! An seiner Seite können diese Momente der Trostlosigkeit nicht lange standhalten, ich blicke ihn an und die Zuversicht wächst immer nur noch kräftiger wieder empor. Welch innere Befriedigung fühlen wir nicht, wenn wir beide ganz allein dorthin gehen, wo das Elend am greifbarsten ist, draußen vor den Toren, in Gäßchen, die nicht einmal einen Meter breit sind, um ein Wort des Trostes zu spenden und die Hoffnung als eine Stütze all den Verwährlosten zu bieten, die in Stumpfsinn vertieren! Und Dir will man all das vorenthalten? Nein, Du darfst es nicht zulassen, daß das geschieht. Du liebst Deinen guten Alessandro, und er liebt Dich. Kränke ihn nicht, aber sieh zu, daß Du ihm ganz allmählich im Guten die Überzeugung beibringst, daß er sich gegen Dich beträgt, wie er es nicht tun sollte. Gib ihm so ganz langsam zu verstehen, daß Du nicht mehr so ein Alltagsweibchen wie all die vielen anderen bist, die sich nur beim Klatschen und Lottospielen begeistern, sondern daß Du ein echtes, rechtes Frauchen geworden bist. Du sollst sehen, das wird wie eine Offenbarung für ihn sein. Und er wird Dich mit immer wachsendem Interesse anhören; ohne darüber nachzudenken, wird er Dich bei jeder Sache zu Rate ziehen, Du wirst ihm unentbehrlich werden, und schließlich wirst Du noch hören, wie er als erster zu Dir sagt:" Gehen wir heute abend zusammen? Es ist eine Versammlung im Klub." Denn er wird unversehens dahin gekommen sein, daß er begreift, daß lächerlich" wirklich doch nur diejenigen sind, welche ein Ding sagen und ein anderes tun; ,, lächerlich" sind die, welche den Sozialismus mit großer Geschwäßigkeit in den Sigungen oder den Versammlungen verteidigen und ihn doch in der Tat bekämpfen, indem sie der Propaganda Kräfte und Gemüter entziehen;- ,, lächer* Das Lotto( Lotterie-) spielen ist ein in Italien weitverbreitetes Laster, das jährlich gerade der Arbeiterklasse viele Tausende verschlingt. Es wird von den italienischen Parteigenossen natürlich auf das schärfste getadelt, und der„ Avanti" bringt die gezogenen Nummern stets mit der Überschrift:„ Die Steuer für die Dummköpfe." Er grämte und wunderte sich wie ein junger Stier, den man eben von der Weide genommen und in einen Eisenbahnwagen geführt hatte, und welcher jetzt unter Rauch und Funken und zischenden Dampfwolfen, unter Gepolter und Pfeifen mit Sturmeseile fortgebracht wird, Gott weiß, wohin. Gerassim erschienen seine Obliegenheiten in seiner neuen Stellung wie Scherz nach der schweren Feldarbeit. In einer halben Stunde war er mit allem fertig. Dann stand er oft mitten im Hofe und starrte die Vorübergehenden mit offenem Munde an, als ob er von ihnen Aufklärung über seine rätselhafte Lage erwartete. Zuweilen aber verkroch er sich plöglich in eine Ecke, schleuderte Besen und Schaufel weit von sich, warf sich mit dem Gesicht auf die Erde und lag stundenlang regungslos auf der Brust, wie ein gefangenes Raubtier. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und so gewöhnte sich endlich auch Gerassim an das Stadtleben. Er hatte nicht viel Arbeit. Sein Amt war es, den Hof rein zu halten, zweimal täglich ein Faß voll Wasser herbeizuführen, Holz für die Küche und das Haus herbeizuschaffen und zu spalten, keine Fremden ins Haus zu lassen und nachts zu wachen. Und er erfüllte seine Pflichten mit Eifer. Niemals lag ein Spänchen oder Scherbchen auf dem Hofe umher; wenn einmal sein Wagen mit dem Wasserfaß bei Tauwetter im Schlamm stecken blieb, so schob er nur ein wenig mit der Schulter, und nicht nur der Wagen, sogar das Pferd rührten sich von der Stelle. Wenn er Holz spaltete, er= flang sein Beil wie Glas, und die Späne flogen nach allen Seiten. Und er hielt scharfe Wache. Seitdem er einmal in der Nacht zwei Diebe gefangen und ihnen die Köpfe so zusammengestoßen hatte, daß man sie nachher kaum noch auf die Polizei zu führen brauchte, stand er in der ganzen Nachbarschaft in großem Respekt. Mit der übrigen Dienerschaft stand Gerassim nicht gerade auf freundschaftlichem Fuße denn sie fürchteten ihn-, aber er In die Stadt verseßt, begriff er nicht, was mit ihm vorging. freundschaftlichem Fuße lich" müssen alle diejenigen genannt werden, welche nicht voll und ganz den Mut der Meinungen haben, die sie zu bekennen behaupten, indem sie sie doch zu Hause aus falschem Opportunismus verbergen; ,, lächerlich" sind diejenigen, welche in den Reihen der Sozialisten streiten und doch die Frau für ein Wesen halten, dem sie genug zu sein glauben, wenn sie ihm Gelegenheit geben, Kinder zu kriegen; ,, lächerlich" und schlimmer noch sind diejenigen, welche zu uns gekommen sind, um jeden Egoismus zu bekämpfen, und dann in sich selbst nicht den allerungerechtfertigsten, den allerunvernünftigsten Egoismus zu bezwingen verstehen. Dein ist die Aufgabe, Peppina, alles dieses Deinem Lebensgefährten auf liebevolle Weise flarzumachen. Er selbst wird es Dir danken, und auch wir werden Dir dankbar dafür sein. Emilia. Bericht der Vertrauensperson der Genolsinnen Deutschlands! Schon zu Beginn des abgelaufenen Parteijahres zeigte sich als Folge der Frauenkonferenz zu München unter dem flassenbewußten weiblichen Proletariat eine größere Regsamkeit. Jedoch nicht die Frauen allein, auch die Genossen vieler Orte, in denen eine planmäßige Agitation unter den Proletarierinnen bis dahin nicht betrieben worden war, drängten darauf hin, eine solche in die Wege zu leiten und halfen den Genossinnen beim Ausfindigmachen geeigneter Vertrauenspersonen. Erfreulicherweise ist in diesem Jahre die Anzahl derselben auf 78 gestiegen, der beste Beweis dafür, daß unsere Bewegung immer breitere Kreise erfaßt, und daß der organisatorische Zusammenhang ein immer festerer wird. Der Situation entsprechend, welche durch die Fleischnot einen trefflichen Anknüpfungspunkt für die Aufklärung der Frauen geschaffen hatte, wurde zunächst eine lebhafte, energische Agitation gegen die Fleischteuerung entfaltet. Unzählige Versammlungen wurden abgehalten, und die Genossinnen ließen sich daneben eine rege persön liche Agitation im Kreise der Bekannten 2c. angelegen sein. Ein Zirkular, welches die Unterzeichnete Anfang November vorigen Jahres sämtlichen Vertrauenspersonen zusandte, gab die notwendigen Anleitungen dazu, es forderte gleichzeitig auf, in planmäßiger Weise an der allgemeinen Protestbewegung des Proletariats gegen den geplanten Zollwucher teilzunehmen und alles aufzubieten, damit die Notwendigkeit entschiedensten Einspruchs gegen denselben auch den noch indifferenten Frauenmassen klar würde. Über der Erfüllung kannte sie und sah sie für die ſeinigen an. Sie verständigten sich mit ihm durch Zeichen. Er verstand sie und führte alle Aufträge genau aus. Aber er kannte auch seine Rechte, und niemand hätte gewagt, seinen Platz bei Tisch einzunehmen. Überhaupt hatte Gerassim ein strenges, ernſtes Wesen und liebte die Ordnung in allem. Selbst die Hähne wagten nicht, in seiner Gegenwart sich zu raufen. Wenn er so etwas fah, gleich ergriff er den Schuldigen am Bein, schwang ihn ein halbes dugendmal in der Luft im Kreise herum und warf ihn fort. Auf dem Hofe hausten auch Gänse. Aber die Gans ist bekanntlich ein würdiger und bedachtsamer Vogel. Gerassim empfand Achtung für die Gänse, sah nach ihnen und fütterte sie. Er glich selbst einem ehrbaren Gänserich. Unter der Küche hatte man ihm eine Kammer angewiesen, die er selbst nach seinem Geschmack einrichtete. Er baute sich eine Lagerstätte aus Eichenbrettern auf vier Blöcken, ein wahres Riesenbett. Man konnte hundert Pud darauflegen, es hätte sich nicht gebogen. Unter dem Bett stand ein starker Koffer, in einer Ecke stand ein Tischchen von ebenso starker Art und daneben ein dreibeiniger, niedriger Stuhl von so dauerhafter Art, daß Gerassim ihn zuweilen aufhob, fallen ließ und dann lachte. Den Schlüssel zu seiner Kammer, der aussah wie ein Kalatsch ( eine Art Semmel), trug Gerassim immer im Gürtel. Er liebte es nicht, daß man seine Kammer betrat. So verging ein Jahr. Am Ende desselben trat ein Ereignis ein, das auch Gerassim betraf. Die alte Herrin befolgte in allem die alten Gebräuche und hielt daher eine zahlreiche Dienerschaft. Im Hause befanden sich nicht nur Wäscherinnen, Näherinnen, Tischler, Schneider und Schneiderinnen, sondern auch ein Sattler, der zugleich als Tierarzt, sowie als Arzt für die Dienstleute galt, ferner der Hausarzt 141 dieser Aufgabe ward nicht vergessen, für den gesetzlichen Arbeiterinnenund Kinderschutz zu agitieren. Der Erfolg der Anstrengungen unserer Genossinnen zeigte sich überall in dem hohen Prozentsatz weiblicher Versammlungsteilnehmer und der zunehmenden Organisation der proletarischen Frauen. Überall, wo die politischen Vereine Frauen aufnehmen dürfen, ist die Zahl der weiblichen Mitglieder gestiegen. Im Hamburg hatten die drei Wahlvereine am Schlusse des Jahres 1100 weibliche Mitglieder; in Leipzig gehörten 700 Genossinnen, in Dresden 500 Genossinnen den politischen Organisationen an; der Wahlkreis Reichenbach i. V. wies 344 politisch organisierte Frauen auf. In den letzten Monaten, zumal während der Wahlagitation, sind den politischen Organisationen sehr viele Genossinnen zugeführt worden. Die Zahl der Frauenbildungsvereine in Preußen hat sich vermehrt. Zwar versuchen die Behörden hin und wieder, solch einer Organisation als einer angeblich„ politischen" das Lebenslicht auszublasen, allein der Versuch gelingt nicht immer. Gegen den Rixdorfer Frauenbildungsverein ward die Untersuchung eröffnet, Dutzende von Frauen wurden einem Verhör unterzogen, aber- dem Verein konnte keine Verfehlung gegen das Gesetz nachgewiesen werden. Er bleibt bestehen und wird hoffentlich wie bisher Kenntnisse und Aufklärung unter den Proletarierinnen verbreiten. Auch die Beschwerdekommissionen der Arbeiterinnen haben Zuwachs erfahren. Im Anfang dieses Jahres sind solche in Cannstatt, Zuffenhausen und Magdeburg eingerichtet worden, Orte, in denen viele Industriearbeiterinnen dem Kapital fronden, so daß die Kommissionen eine segensreiche Wirksamkeit entfalten können. Die Beschwerdekommissionen der Arbeiterinnen stehen selbstverständlich überall in engster Verbindung mit den Gewerkschaften. Was die Arbeit der Genossinnen auf gewerkschaftlichem Gebiet anbelangt, so, ist sie auch in diesem Jahre eine sehr rührige gewesen. Nicht nur in öffentlichen Agitationsversammlungen, sondern auch bei der Kleinarbeit, in Werkstubensizungen 2c. sind die geschulten Genossinnen mit Begeisterung und Ausdauer bemüht gewesen, die noch unaufgeklärten Arbeiterinnen zu belehren und den Gewerkschaften zuzuführen. Soweit Überblicke über den Stand der Gewerkschaften bereits vorliegen, mit gutem Erfolg. Ein zweites Zirkular, das im Anfang Januar dieses Jahres sämtlichen Vertrauenspersonen zugesandt wurde, gab Ratschläge und Fingerzeige für die Einrichtung von Lese- und Diskussionsabenden, die der Heranbildung von politisch geschulten Genossinnen und Agitatorinnen dienen sollen. Lese- und Diskussionsabende sind an vielen Orten ins Leben gerufen worden und haben sich vorzüglich der Herrin und endlich ein Schuhmacher namens Kapiton Klimow, ein starker Säufer. Klimow hielt sich für ein verfolgtes, verkanntes Wesen, einen gebildeten, der Residenz würdigen Menschen, dem es nicht zukomme, sein Leben tatenlos in einer Einöde zu verbringen. Wenn er trant, erklärte er mit theatralischen Posen, indem er sich auf die Brust schlug, so trant er nur aus Kummer. Auf diesen Schuhmacher kam einmal die Rede bei einer Beratung der Herrin mit ihrem Haushofmeister Gawrila, einem Menschen, welchen das Schicksal, schon nach seinen gelben Äuglein und seiner Entennase zu urteilen, für eine gebietende Stellung bestimmt zu haben schien. Die Herrin klagte über den sittlichen Verfall Klimows, welcher am Abend vorher auf der Straße aufgelesen worden war. „ Höre, Gawrila", sagte sie plöglich, sollten wir ihn nicht verheiraten? Was meinst du? Vielleicht wird er dadurch gebessert?" „ Warum nicht, gnädige Frau?" erwiderte Gawrila, das können wir versuchen, es wird sogar sehr gut sein." " Ja, aber wer soll ihn heiraten?" " " Nun, wie es Ihnen gefällig sein wird, gnädige Frau. Er kann immer noch zu etwas gut sein. Im Dußend läuft er noch mit." " Ich glaube, die Tatjana gefällt ihm." Gawrila schien erst etwas erwidern zu wollen, dann aber schloß er die Lippen. „ Ja!... er soll die Tatjana freien", entschied die Herrin, indem sie mit Wonne eine Prise nahm.„ Hörst du?" " Zu Befehl," sagte Gawrila und verließ das Zimmer. Als er in sein Zimmer kam, das fast ganz von stark beschlagenen Koffern angefüllt war, sandte er zuerst seine Frau hinaus, dann setzte er sich ans Fenster und überlegte. Die unerwartete Verfügung der Herrin hatte ihn sichtlich aus der Fassung gebracht. Endlich stand er auf und befahl, Klimow zu rufen. ( Fortsegung folgt.) bewährt. Die Leitung durch eine geschulte, zielflare Persönlichkeit ist eine Bedingung ihres Erfolges. Neben dem Übermitteln und der Klärung sozialer und politischer Kenntnisse und der Einführung in das Studium und Verständnis unseres Programms bezwecken die Leseabende zugleich, die Proletarierinnen an das Lesen ernster sozialpolitischer Lektüre und das logische Durchdenken derselben zu ge= wöhnen, sowie an das flare Aussprechen ihrer Gedanken. Die Leseund Diskussionsabende hatten außerdem den großen Vorteil, daß sie eine stattliche Zahl ernster, strebsamer und zuverlässiger Frauen einander näher brachten und zum gemeinsamen Wirken verbanden. Die Betätigung unserer Genossinnen im Wahlkampf ist dadurch bedeutend gefördert worden. Sie gewannen neue, sehr energische und geschulte Mitarbeiterinnen, welche opferfreudig ihre Kraft und Zeit in der Wahlagitation und am Wahltag der sozialdemokratischen Partei zur Verfügung stellten. An der Kampagne für die Reichstagswahlen beteiligten sich die Genossinnen mit Feuereifer. Bei allen Arbeiten halfen sie mit. Unsere rednerisch tätigen Genossinnen kannten Ermüdung nicht; wochenund monatelang hielten sie Tag für Tag in zum großen Teile überfüllten Räumen Versammlungen ab. Der Erfolg der geleisteten Arbeit ist bemerkenswert. Im Kreise Dortmund, wo bis vor etwa zwei Jahren jede Beteiligung von Frauen am politischen Leben durch die Polizei behindert wurde, hatte die Agitation unter den Proletarierinnen besonders in die Augen springende Erfolge. In wenigen Wochen wurden unter den Frauen der Kohlengräber 400 bis 500 Abonnenten für die„ Gleichheit" gewonnen. Auch unter den katholischen Frauen findet unsere Agitation und unser Organ mehr und mehr Eingang. Im letzten Jahre ist die Abonnentenzahl der„ Gleichheit" von 4000 auf 9500 gestiegen, der beste Beweis dafür, daß die proletarische Frauenbewegung an äußerer Ausdehnung wie an innerer Reife gewinnt. Als ein besonders begrüßenswertes Symptom muß verzeichnet werden, daß die Zahl der Mitarbeiterinnen der„ Gleichheit" stetig wächst, welche sich aus dem weiblichen Proletariat refrutieren. Mit der Bekanntmachung des Termins für die Reichstagswahlen kamen für die Zeit bis zur erfolgten Wahl auf Grund des§ 21 des preußischen Vereinsgesetzes die Bestimmungen des§ 8 desselben in Fortfall. Frauen dürfen demzufolge in dieser Zeit politischen Wahlvereinen als Mitglieder angehören und auch solche Vereine gründen, vorausgesetzt, daß diese Organisationen nur die Betreibung einer bestimmten, ausgeschriebenen Wahl bezwecken. Durch einen Aufruf wurden die Genossinnen in Preußen ersucht, das wenige Wochen währende Recht auszunuzen. In Altona gründeten die Genoffinnen einen Wahlverein, der bald 104 Mitglieder aufznweisen hatte und eine rege Tätigkeit entfaltete. Im Kreise Teltow Beeskow- Charlottenburg wurde ebenfalls ein sozialdemokratischer Frauenwahlverein ins Leben gerufen, der es auf ungefähr 450 Mitglieder brachte. Die Schulung, welche die Organisation ihren Angehörigen angedeihen ließ, befähigte diese zu tüchtigen Arbeitsleistungen bei den Wahlen. Die Genossinnen Berlins und der Umgegend nußten ebenfalls das Eintagsrecht aus. Sie gründeten am 20. April einen Wahlverein, dessen Existenz ebenso wie diejenige der beiden anderen Vereine eine Demonstration für die Forderung voller politischer Rechte für die Frauen bedeutete. Der Erfolg der neuen Organisation übertraf alle Erwartungen. Fast jede der neun Versammlungen, die der Wahlverein in den verschiedenen Stadtteilen veranstaltete, war von Frauen überaus zahlreich besucht. Der Mitgliederstand erreichte die beachtenswerte Zahl von 958, ein Zeichen dafür, daß immer breitere Schichten der Proletarierinnen bewußt werden, wie wichtig für sie der Besitz politischer Rechte ist, und daß wachsende Scharen diese Rechte fordern und erkämpfen wollen. Sicher hat auch die durch den Verein betriebene Agitationsarbeit ihr Scherflein zu dem großen Wahlsieg der sozialdemokratischen Partei beigetragen. In petuniärer Hinsicht erzielte der Wahlverein der Genossinnen ebenfalls einen Erfolg. Es konnten dem Parteivorstand zu den Kosten der Reichstagswahl 300 Mart übermittelt werden. Erwähnt sei noch, daß in Ausnuzung des kurzen Rechtes der Frau in vielen Orten Genossinnen in die Wahlkomitees gewählt wurden und dort mit den Genossen gemeinsam wirkten. Da die Vertrauenspersonen und rednerisch tätigen Genossinnen mit Kenntnissen gerüstet und über die wichtigsten Vorgänge und Erscheinungen des sozialen und politischen Lebens unterrichtet sein müssen, sie aber als arme Proletarierinnen, von denen täglich Zeit- und Geldopfer verlangt werden, nicht immer imstande sind, sich die nötigen Schriften zu kaufen, so schien es zweckdienlich, solche auf Kosten des Agitationsfonds der Genossinnen anzuschaffen und den oben Genannten unentgeltlich zuzusenden. Es gelangten zur Verschickung: 1.„ Das Protokoll des Münchener Parteitags." " 2. Das sozialdemokratische Programm", erläutert von Kautsky und Schönlant. 142 " 3. Die Fabrikarbeit verheirateteter Frauen", von Henr. Fürth. 4.„ Die Erwerbstätigkeit der Frau", von Dr. Epstein. 5.„ Die Frauen und die Politik", von Lily Braun. 6.„ Das Handbuch für sozialdemokratische Wähler", 1903. " 7. Welchen Wert hat die Bildung für die Arbeiterin", von Wally Zepler. Das letztere Schriftchen wurde außerdem auf Wunsch Frauenbildungsvereinen in größerer Anzahl zugestellt. Erwähnt sei noch, daß der Verlag der„ Gleichheit" diese bereitwilligst den Vertrauenspersonen gratis zusendet. Für die Wahlagitation unter den proletarischen Frauen wurden folgende Broschüren in größerer Anzahl gekauft und gratis verteilt: 1. Die Vernichtung der Sozialdemokratie." " 2. Die Lebensmittelzölle und die indirekten Steuern!" schließlich furz vor den Wahlen Pflichten und Stellungnahme der Frauen und Mädchen des werktätigen Volkes bei der Reichstagswahl 1903". Das zuletzt genannte Schriftchen ist in einer Auflage von 30 000 Eremplaren verteilt worden und zwar auf Kosten der Gesamtpartei. Eine zweite noch größere Auflage davon herzustellen, wie es vielfach gewünscht wurde, dazu war die Zeit zu kurz. Die verteilten Broschüren haben einen aufklärenden und agitatorischen Werth, der über die Reichstagswahl hinaus reicht. Die Vertrauenspersonen und Leiterinnen von Leseabenden sollten es sich deshalb angelegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß sie gründlich gelesen und diskutiert werden. Es wurden in diesem Jahre 407,77 Mark für Broschüren 2c. ausgegeben. Durch die Zunahme der Zahl der Vertrauenspersonen hat auch die notwendige Korrespondenz an Umfang gewonnen, so daß für Porti und Schreibmaterialien 163,70 Mark verbraucht wurden. Für mündliche Agitation wurden ausgegeben 772,10 Mark, für andere kleine Ausgaben 50 Mart. Der Parteikasse konnten erfreulicherweise 200 Mart zu den Wahlkosten überwiesen werden. Der Kassenbestand betrug bei Beginn des letzten Tätigkeitsjahres 704,74 Mark. An Geldern gingen für den Agitationsfonds ein 1111,05 Mart. 26 Orte sendeten Beiträge. Das Gesamtvermögen unserer Kasse stellte sich mithin auf 1815,79 Marf. Die Ausgaben betrugen 1593,57 Mark, so daß ein Bestand von 222,22 Mark verbleibt. Die Summen, welche der Zentralkasse der Genossinnen zur Verfügung standen, waren nicht groß. Sie lassen jedoch keinen Rückschluß zu auf die von der Zentralfasse aus eingeleitete und organisierte Agitation und auf die Tätigkeit der Genossinnen überhaupt. Die eine wie die andere ist weit bedeutender gewesen, als die Zahlen es erkennen lassen. Die Genossinnen ließen es sich allerwärts angelegen sein, die am Orte oder im Bezirke betriebene Agitation aus den eigenen Mitteln zu decken. Nur wo dies unmöglich war, oder wo es galt, die proletarische Frauenbewegung erst in Fluß zu bringen, wurde der Zentralfonds in Anspruch genommen. Bemerkt sei noch, daß die Genossinnen sich überall eifrig am Sammeln von Munition für die Wahlen beteiligt haben, und daß sie auch durch diese Seite ihrer Betätigung der Frauenbewegung Anerkennung und Sympathie erwarben. Die großen Wahlerfolge der Sozialdemokratie werden uns Frauen ein Ansporn sein, unsere ganze Kraft immer hingebender und eifriger in den Dienst unserer heiligen Sache zu stellen. Wir wollen in jeder Beziehung das Unserige dazu beitragen, daß die nächsten Wahlen der einzigen Partei, die für eine neue, große, gerechte Zeit fämpft, einen noch glänzenderen Sieg bringt. Damit rückt nicht nur der Tag näher, an dem wir Frauen selbst den Stimmzettel in die Urne legen, sondern auch das höhere Ziel, die Befreiung der Arbeit von dem Joche des Kapitals. Darum vorwärts zu neuer Arbeit, zu neuen Siegen! Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands Berlin SW., Belle- Alliancestr. 95. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In Crimmitschau, Netzschkau und Werdau sprach Genossin 3ie kürzlich in öffentlichen Versammlungen der Textilarbeiter und Arbeiterinnen über das Thema:„ Die Heiligkeit der Familie, die Industrie und die Gewerkschaften." Ihren Ausführungen wurde reicher Beifall gespendet. Besonders in Netzschkau wohnten der Versammlung erfreulich viel Textilarbeiterinnen bei, von denen auch eine Anzahl dem Verband beitrat. Die entfaltete Agitation war trefflich geeignet, den Arbeitern und Arbeiterinnen die Bedeutung der Gewerkschaft für die Erringung befferer Arbeitsbedingungen, insbesondere zunächst des Zehnstundentags flar zu machen. Notizenteil. 143 war sie schließlich zu einer Sizung mit dem Filialvorstand des Textilarbeiterverbandes bereit. Dieselbe fand am 6. August statt und verlief vollkommen resultatlos. Die Fabrikanten wiesen jedes ZuDie Behnstundenbewegung der Textilarbeiter in geständnis schroff zurück und nur der versöhnlichen Haltung der Crimmitschau. Seit reichlich zwanzig Jahren sucht die Textilarbeiterschaft von Crimmitschau dem Unternehmertum eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen abzuringen. Dieselbe ist ein dringendes Erfordernis, sollen nicht Tausende fleißiger Proletarier nebst ihren Familien in fulturunwürdiger Weise dahin vegetieren. Die Ära des Kampf s um Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung und Milderung der proletarischen Not wurde 1882 durch eine Bewegung der Weber und Weberinnen um Verkürzung der Arbeitszeit eingeleitet, welche mit einem glänzenden Erfolg abschloß. Von da bis heute hat die Crimmitschauer Textilarbeiterschaft ihr berechtigtes Ringen nicht eingestellt. Erklärlich genug. Die jammerhaften Verhältnisse dauerten weiter, die es heraufbeschworen, ja sie verschärften sich mit der steigenden Intensivität der geforderten Arbeit, der Krise, der Verteuerung aller Lebensbedürfnisse. Allerdings wurde der Kampf seitens der Ausgebeuteten mit wechselndem und meist leider mit geringem Erfolg geführt. So vor allem in der verhängnisvollen organisationslosen Zeit nach 1887, als auf Grund des Sozialistengesetzes schmachvollen Angedenkens die Fachorganisation der Weber unterdrückt worden war und die Arbeiter und Arbeiterinnen jeglichen Rückhalts an einer festgefügten, mittelreichen Gewerkschaft ermangelten. Ein Umschwung zum besseren trat seit 1895 in dem Maße ein, als die Zentralorganisation unter den Textilarbeitern Crimmitschaus festen Fuß zu fassen begann. Sie klärte die Massen auf, weckte sie zur flaren Erfenntnis ihrer Solidarität und gab den einzeln Schwachen das erhebende, hoffnungsreiche Bewußtsein, vereinigt eine Macht zu sein, mit der auch das verstockteste Unternehmertum rechnen muß. Mit dem Kampfesmut wuchs auch die Kampfesfähigkeit. In dem und jenem Betrieb setzten die Arbeiter und Arbeiterinnen dank ihres solidarischen Vorgehens und der Unterstützung der Organisation kleine Verbesserungen ihrer Lage durch. 1899 erachteten sie die Situation für reif, mit einer durchgreifenden, allgemeinen Forderung an die Fabrikanten heranzutreten. Sie verlangten die Herabsetzung der Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden, erklärten aber ausdrücklich, daß sie die Reform nur auf friedlichem Wege zu erringen trachteten. Prozig und kurzerhand wurde das Begehren von den Herren abgewiesen, die der Sprachgebrauch aus Brotnehmern in Brotgeber verwandelt. In fühlvernünftiger Würdigung der Lage verzichtete die Textilarbeiterschaft ihrer Erklärung entsprechend auf einen Streif. Statt ihre Kräfte in einem aussichtslosen Kampfe aufzureiben, ging sie daran, ihr Rüstzeug für ein späteres erfolgreiches Ringen zu vervollkommnen. Die Organisation wurde gestärkt und gefestigt, durch Erhöhung der Beiträge leistungsfähiger gestaltet, der Einbeziehung und gewerkschaftlichen Schulung der Arbeiterinnen größere Bedeutung beigelegt 2c. Die eingeschlagene Tattit bewährte sich. Trotz anfäng lichen zähen Widerstandes mußten sich die Unternehmer unter anderem darein ergeben, mit den Arbeiterausschüssen zu verhandeln, die von den Arbeitenden gewählt wurden. Was die Hauptforderung der Spinner und Weber anbelangt, die Einführung des Zehnstundentags, so wurde sie jedes Jahr aufs neue erhoben, aber ebenso regelmäßig von den ausbeutenden Textilbaronen zurückgewiesen. In diesem Jahre nun haben die Lohnstlaven des Textiltapitals die Zeit für gekommen erachtet, ihre Forderung mit höchstem Nachdruck zu erheben, ihre Verwirklichung zunächst auf friedlichem Wege zu erstreben, jedoch bei anhaltender Steifnackigkeit des Unternehmertums auch schließlich die Waffe des Streifes anzuwenden. Die gedeihliche Entwicklung des Verbandes und die allgemeine Situation in der Crimmitschauer Textilindustrie ver= heißen ihrer Meinung nach einen Sieg über Profitsucht und Prozzenhochmut der Kapitalisten. Am 25. Juli nahmen zwei imposante Versammlungen der Textilarbeiter Stellung zu der Frage. Sie erklärten die Einführung des Zehnstundentags in gesundheitlicher und kultureller Hinsicht für eine Notwendigkeit. Um die Reform auf dem Wege friedlicher Verständigung herbeizuführen, beauftragten sie den Gesamtvorstand der Filiale des Textilarbeiterverbandes, beim Crimmitschauer Spinnerei und Fabrikantenverein Schritte einzuleiten, welche zur Durchführung der zehnstündigen Arbeitszeit unter Beibehaltung des Lohnes für die Hilfsarbeiter sowie zehnprozentiger Lohnerhöhung für die Attordarbeiter beitragen". Die Unternehmerorganisation antwortete im Gegensatz zu allen Erfahrungen, daß die Verteuerung der Produktion eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht zulasse, jedoch wolle sie die Angelegenheit dem Verband sächsischer Textilindustriellen in Chemnitz unterbreiten, ohne dessen Zustimmung sie nichts bewilligen könne. Um bindende Erklärungen gedrängt, | Arbeitervertretung ist es zu danken, daß die Verhandlungen nicht abgebrochen wurden. Drei überfüllte Versammlungen, an denen 4500 Personen teilnahmen, verurteilten am Abend des Sigungstages scharf die Antwort der Unternehmer, betonten aber, daß von einem weiteren Vorgehen solange Abstand zu nehmen sei, als die Verhandlungen noch schwebten. Die Arbeiterschaft mehrerer Betriebe hatte bereits die Einreichung der Kündigung beschlossen. Sie wurde aufgefordert, dies nur mit Vorbehalt zu tun. Die Kündigung sollte zurückgenommen sein, falls bis zum 8. August befriedigende Zugeständnisse gemacht worden wären. In fünf Betrieben wurde diesen Bedingungen entsprechend die Arbeit gekündigt. Wenige Stunden später erhielten 7300 Arbeiter und Arbeiterinnen seitens ihrer Anwender die Kündigung, mit anderen Worten: es ward ihnen die Aussperrung angedroht. In ihrer Wut verschonten die Herren Fabrikanten nicht einmal die unorganisierten Spinner und Weber mit der Kündigung. Auch den weiteren Versuch der Arbeiter, eine Einigung herbeizuführen, beantworteten die organisierten Unternehmer in ausweichender Weise, hinter der schlecht verhüllt das Ansinnen bedingungsloser Unterwerfung lauert. Die verhängten Kündigungen sollen nur zurückgenommen werden, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen schriftlich und öffentlich die Versicherung abgeben, zu den alten Bedingungen die Arbeit aufnehmen zu wollen. Ist diese Forderung erfüllt, so wird der Spinnereiund Fabrikantenverein gnädigst beim Vorstand des Verbandes sächsischer Textilindustriellen vorstellig werden, daß er in absehbarer Zeit" die einheitliche Regulierung beziehungsweise Verkürzung der jetzigen Arbeitszeit in die Wege leitet. Auch gegenüber dieser geradezu herausfordernden Verschleppung der Reform auf Sankt Nimmerlein hat die Crimmitschauer Textilarbeiterschaft in anerkennenswerter Weise fühles Blut und friedliche Haltung bewahrt. Sie beauftragte den Vorstand der Gewerkschaft, das Gewerbegericht als Einigungsamt anzurufen und die Verhandlungen fortzusetzen. Die vorstehenden Tatsachen sprechen eine beredte Sprache. Unzweideutig bekunden sie, auf welcher Seite der ehrliche Wille zu friedlicher Verständigung zu finden ist, auf welcher dagegen ein provozierendes Pochen auf die Macht. Wenn in der Crimmitschauer Textilindustrie ein Kampf entbrennen sollte, der dem Wirtschaftsleben des Ortes tiefe Wunden schlägt: die Unternehmer allein tragen die Schuld daran. Das sei heute schon nachdrücklich festgestellt. Wie in dem ruhmreichen Streik der Meeraner Weber, so ist in der eingeleiteten Bewegung und in dem eventuellen Kampfe der Crimmitschauer Textilarbeiter für Erringung des Zehnstundentags die Haltung der Frauen von ausschlaggebender Bedeutung. Wir sind überzeugt, daß sie dem leuchtenden Beispiel ihrer Schwestern gleich zielbewußt und opferfreudig ihre volle Schuldigkeit tun werden. Für die Arbeiterinnen der Textilindustrie kommt der Verkürzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden eine sehr große Bedeutung zu. Die Dringlichkeit der Reform wird erwiesen durch die erschütternde Tatsache, die Ärzte konstatiert, die verschiedene Fabrikinspektoren gelegentlich der Erhebung über den sanitären Maximalarbeitstag und auch sonst noch verzeichnet haben. Die Textilarbeiterinnen sehen meist schon mit dreißig Jahren welt und gealtert aus und erwecken den Eindruck, daß sie ihr Leben im Zustand chronischer Ermüdung dahinschleppen. Was aber die kapitalistische Ausbeutung durch lange Arbeitsdauer und andere ungünstige Arbeitsbedingungen an den Frauen sündigt, das wird über ihre Person hinaus ihrem Teuersten, ihrem Kinde zum Verderben. Der Gewerbeaufsichtsbeamte für Zwickau, in dessen Amtsbezirk Crimmitschau liegt, berichtet, daß in Orten, die Sitze der Textilindustrie sind, die körperliche Entwicklung der Arbeiter sich verschlechtert. Und noch vernichtendere Anklage gegen die überderen Folgen die lange Dauer der mäßige Ausbeutung der Frau Arbeitslast steigert erheben die Ziffern über die SäuglingssterbArbeitslast steigert lichkeit. Von 817 im Jahre 1899 in Crimmitschau geborenen Kindern verstarben vor Vollendung des ersten Lebensjahres 223-27,3 Prozent. In der Stadt Wildenfels, die im gleichen Inspektionsbezirk liegt, aber nur wenige Fabriken hat, wurden im genannten Jahre 98 Kinder lebend geboren. Unter Einrechnung der totgeborenen Kinder starben von ihnen vor vollendetem ersten Lebensjahre 17= 16,3 Prozent, nach Abzug der Totgeburten nur 11,2 Prozent. Wenn nicht die Rücksicht auf die eigene menschenwürdige Existenz die Textilarbeiterin zur Kämpferin für die Verkürzung des Arbeitstags macht, so muß es die Mutterliebe, die Mutterpflicht tun. Daß die geheischte Reform sehr gut ohne Schädigung der Industrie gewährt werden kann, haben erst neuerdings die Ergebnisse der letzten Reichsenquête unanfechtbar beſtätigt. Die Crimmitschauer Textilarbeiterinnen stehen gegenwärtig als Preisfechterinnen für den Zehnstundentag in der gesamten deutschen Textilindustrie in der Bewegung. Im Bewußtsein der daraus sich ergebenden hohen Verantwortlichkeit und in Erkenntnis dessen, was für sie selbst auf dem Spiele steht, werden sie alles daransehen, die Vorbedingungen eines Sieges zu sichern. Dazu gehört vor allem, daß sie die Losung beherzigen: hinein bis zur letzten in den Verband. Weibliche Fabrikinspektoren. Die Tätigkeit der preußischen Fabrikinspektionsassistentinnen im Jahre 1902. Unter 232 Beamten des preußischen Gewerbeaufsichtsdienstes gibt es endlich im ganzen 4( vier!) weibliche, vier Fabrikinspektionsassistentinnen; die bloße Erwähnung dieser Tatsache im Verhältnis zu der Zahl der in Preußen allein in Fabriken tätigen erwachsenen Arbeiterinnen, die sich auf das Hunderttausendfache, auf ca. 400000 beläuft, genügt, um immer von neuem an ihrem Teil die Rückständigkeit preußisch- deutscher Sozialreform aufs grellste zu beleuchten und allem Gerede von den " Fortschritten" dieser Sozialreform ein ebenso schnelles wie verdientes Ende zu bereiten. Die vier Assistentinnen verteilen sich bekanntlich so, daß drei, die Damen Kummert, Reichert, v. BennigsenFoerder auf den Regierungsbezirk Berlin fommen, und zwar auf die Gewerbeinspektionen Berlin C, Berlin O und Berlin N, während die vierte Assistentin, Frl. Schlösser, dem Regierungsbezirk Düsseldorf, Gewerbeinspektion München- Gladbach, zugeteilt ist. Die Tätigkeit dieser vier Assistentinnen läßt sich aus dem amtlichen Jahresbericht der preußischen Fabritinspektion nur höchst mangelhaft erkennen, da ihrer nur gedacht wird, sofern ihnen ganz besondere Aufgaben gestellt waren, während ihre allgemeine Tätigkeit im Rahmen der Gewerbeaufsicht, auf die man doch vernünftigerweise sein Hauptaugenmerk legen wird, nicht hervortritt, so daß die Beurteilung ihrer allgemeinen Tätigkeit und Nüßlichkeit sehr erschwert, wenn nicht überhaupt' unmöglich gemacht wird. Ob hier eine Absicht vorliegt, ob man die Wirksamkeit der Assistentinnen möglichst im Dunkeln lassen will, um der energischen Forderung nach ihrer Vermehrung nicht noch amtlicherseits Nahrung und Unterstützung zu geben, wissen wir natürlich nicht. Der Gedanke einer solchen Absicht läßt sich aber schwer abweisen. Er läßt sich um so schwerer abweisen, als zum Beispiel die Mitteilungen über die Erledigung der besonderen Aufgaben der Assistentinnen die Notwendigkeit einer eiligen und zahlreichen Vermehrung dieser Beamtinnen auf das offensichtlichste unterstützen. Wir zielen hierbei besonders auf die höchst lehrreiche und methodisch im allgemeinen ausgezeichnet durchgeführte Erhebung, welche die drei Berliner Assistentinnen über die Lebenshaltung unverheirateter Fabrikarbeiterinnen in Berlin gemacht haben. Diese Erhebung und ihre Darstellung ist nicht nur als Novum in der preußischen Gewerbeaufsicht so beachtenswert, sondern vor allem inhaltlich so interessant und wertvoll, daß ihrer besonders und eingehend hier demnächst gedacht werden soll. Worin die Tätigkeit der drei Berliner Assistentinnen sonst bestand, verrät der amtliche Bericht, wie schon angedeutet, so gut wie nicht. Es heißt nur höchst allgemein, daß ihrer besonderen Fürsorge die zahlreichen Betriebe anvertraut sind, in welchen ausschließlich oder überwiegend Arbeiterinnen beschäftigt sind". Wenn man sich dabei wieder erinnert, daß es sich im Jahre 1902 hierbei um nicht weniger als 65242 über 16 Jahre alte Arbeiterinnen für Berlin und drei Vororte handelte, so begreift man erst voll, wie nichtssagend diese allgemeine Angabe ist; nicht minder nichtssagend würde die Be merkung sein, daß der Tätigkeit der drei Assistentinnen von seiten der Arbeiterinnen großes Interesse entgegengebrncht wird, und daß man ihnen mit viel Vertrauen begegnet", wenn nicht die oben erwähnte Erhebung über die Lebenshaltung Berliner Arbeiterinnen vorläge und diese Bemerkung auf das erfreulichste bestätigte. Sonst wird nämlich die Tätigkeit der drei Berliner Assistentinnen nur ein einziges Mal in dem umfangreichen Bericht über die Gewerbeaufsicht in Berlin( inklusive Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf) erwähnt, dort, wo über Beschwerden über angeblich unfittliches Verhalten des Arbeitgebers beziehungsweise Meisters in zwei Fabriken und zwei Werkstätten berichtet wird. Bei dieser Angabe aber zeigt sich gerade, wie sehr die Assistentinnen sich noch zu dem erworbenen Vertrauen weiteres hinzuerwerben, wie sehr sie ihre Verbindungen mit den Arbeiterinnen und deren Vertrauenspersonen noch erweitern und festigen müssen. Niemand wird ja wohl behaupten wollen, daß 65242 Arbeiterinnen gegenüber nur diese viermal in sittlicher Beziehung tatsächlich oder angeblich von seiten der Arbeitgeber oder ihrer Vertreter gefehlt worden wäre. " 144 Die Tätigkeit der vierten preußischen Assistentin, des Frl. Schlösser im Gewerbeinspektionsbezirk München- Gladbach, wird gar mit, sage und schreibe: vier Zeilen im Bericht abgetan. Es Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( 8undel) in Stuttgart.. heißt:„ Die Assistentin in München Gladbach wurde in ihrer Wohnung, wo sie zur Ermöglichung eines tunlichst ungestörten Verkehrs ihre Sprechstunden abhält, von 41 Arbeiterinnen( gegen 13 im Vorjahr) dienstlich in Anspruch genommen. Aus diesen Zahlen ergibt sich das wachsende Vertrauen der Arbeiterinnen zu der Assistentin." Das ist alles, was uns von dieser Assistentin berichtet wird; keine spezielle Angabe über Zweck und schließlichen Erfolg der Besuche. Nichts von alledem. Es wird durchaus notwendig sein, im Reichstag den Versuch zu machen, festzustellen, woher diese unsäglich oberflächliche Berichterstattung über die Tätigkeit der Gewerbeaufsichtsassistentinnen in Preußen fommt. Die Hunderttausende preußischer Fabrikarbeiterinnen haben an dieser Feststellung in erster Linie ein Interesse. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. M. Gr. Über die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen in der Provinz Brandenburg wurden auf der Konferenz der Textilarbeiter zu Sorau einige interessante Angaben gemacht. In Rummelsburg ist die Beteiligung der Textilarbeiterinnen an der Gewerkschaft eine schwache. Es wurde gerügt, daß Genossen zu diesem bedauerlichen Stande der Dinge beitragen, weil sie es unterlassen, ihre Frauen und Töchter über den Wert der Organisation aufzuklären und dem Verband zuzuführen. Der Delegierte für Rummelsburg erwartete Besserung von einem Aufruf in der Parteipresse, welcher die Genossen an die versäumte Pflicht erinnert. Mehr Frauen als Männer gehören in Finsterwalde dem Textilarbeiterverband an. Allerdings sind auch hier in den Textilfabriken doppelt soviel Arbeiterinnen als Arbeiter beschäftigt; an vierhundert Webstühlen arbeiten kaum zehn Männer. Die weiblichen Verbandsmitglieder bekunden ein anerkennenswertes Verständnis für die Bedeutung der Gewerkschaft. Sie zahlen ihre Beiträge pünktlicher als die männlichen Organisierten und agitieren eifrig für den Verband, nur der Besuch der Werkstättenversammlungen ihrerseits ist ein schwacher. In Köpenick ist es trob eifriger Bemühungen nur gelungen, zehn von vierhundert Arbeiterinnen der Organisation zuzuführen. Als Grund des geringen Erfolges wurde bezeichnet, daß dort in der Textilindustrie hauptsächlich junge Mädchen beschäftigt sind, welche vielfach in dem Wahne befangen sind, durch eine„ gute Partie" der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit enthoben zu werden. Besser steht es um die Organisation der Arbeiterinnen in Niederschöneweide, weil daselbst mehr verheiratete Frauen in den Textilbetrieben tätig sind. Sie haben die Not des Lebens kennen gelernt und wissen, daß heutigentags die Ehe durchaus nicht immer der Frau eine Versorgung bietet. In dem Streben nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen haben sie die Gewerkschaftsorganisation als Bollwerk gegen die kapitalistische Ausbeutung schäßen gelernt. Zahlreicher als die jungen Mädchen schließen sie sich deshalb dem Verband an und wirken für seine Ausdehnung. Die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen wurde von dem internationalen christlichen Textilarbeiterkongreß betont, der kürzlich in Enschede( Holland) tagte. Der Kongreß sprach sich des weiteren nach lebhafter Debatte für die Einführung des gesetzlichen achtstündigen Maximal= arbeitstags für verheiratete Frauen und junge Mädchen von vierzehn bis achtzehn Jahren aus, des Zehnstundentags für ledige Arbeiterinnen über achtzehn Jahre. Die Anstellung von Gewerbeaufsichtsbeamtinnen aus den Kreisen der Arbeiterinnen wurde als wünschenswert bezeichnet. Der Kongreß erklärte die Abschaffung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen als„ Endziel". Mit festem Griffe hat die Wirklichkeit die christlichen Organisationen auf der Bahn positiver Forderungen vorwärts gestoßen und sie gezwungen, Reformen zu heischen, die sie noch vor kurzem als„ sozialistische Utopien" verlachten, und für welche das klassenbewußte Proletariat seit langem tämpft. Die Lehren der Wirklichkeit werden schließlich noch die mittelalterliche kirchliche Utopie in die Flucht schlagen, daß in dieser kapitalistischen Ordnung die Fabrikarbeit der verheirateten Arbeiterinnen abgeschafft werden könne. Zur Beachtung. Alle auf die Agitation unter den proletarischen Frauen bezüglichen Briefe und Sendungen sind zu richten an: Dttilie Baader Vertrauensperson der sozialdemokr. Frauen Deutschlands Berlin, SW., Belle- Allianceftr. 95. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. H.) in Stuttgart.