Nr. 19. Die Gleichheit 13. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 9. September 1903. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Juhalts- Verzeichnis. Die Aufgaben des Parteitags zu Dresden. Preisfechter für die Verfürzung der Arbeitszeit. Frauen im kommunalen Armenrat. Von m. Aus der Bewegung. Feuilleton: Mumu, das Hündchen des Taubstummen. Erzählung von J. S. Turgenjew. Aus dem Russischen übersetzt von 2. A. Hauff.( Fortsetzung.) Notizenteil: Der Kampf der Textilarbeiter in Crimmitschau. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Zuschristen an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. es wäre gefährlich, ihre symptomatische Bedeutung zu verkennen. Sie weist unzweideutig darauf hin, daß das Ringen des klassenbewußten Proletariats sich immer mehr zu einem Kampfe um die Eroberung der politischen Macht zuspitzt. Sie ruft zur Kampagne für die Demokratisierung des Wahlrechts im Reiche, in den Bundesstaaten und Gemeinden. Endlich ist es die Aufgabe der Sozialdemokratie, dahin zu wirken, daß der lebendige Quell alles parlamentarischen Einflusses, aller politischen Macht auch in Zukunft stark und rein fließt: das proletarische Klassenbewußtsein muß immer mehr geklärt und geschult werden. Die Agitation durch Wort und Schrift hat für Die Aufgaben des Parteitags zu Dresden. Ausbreitung und Vertiefung des sozialistischen Gedankens unter Der bevorstehende Parteitag zu Dresden tritt unter bedeut samen Umständen zusammen, und wichtige Aufgaben sind es, die seiner harren. Ihm geht ein glänzender, ruhmreicher Sieg der Sozialdemokratie voraus. Die Partei des klassenbewußten Proletariats ist mit mehr als drei Millionen Wählern zur stärksten Partei des Reiches geworden, sie verfügt über 81 eroberte Mandate. Sieg und Macht verpflichten. Die Stärke des gemusterten Heeres, der Vorteil der errungenen parlamentarischen Position müssen im höchsten Maße den Interessen des arbeitenden Volkes, der Gesamtheit und damit dem Ziele der Sozialdemokratie dienstbar gemacht werden. Dazu drängt das Bewußtsein der gesteigerten Verantwortlichkeit innerhalb der Sozialdemokratie selbst; das heischen die Bedürfnisse der breiten Massen, die immer sehnsuchtsvoller, einsichtsreicher zu höherer Kultur emporstreben; das bedingt der Zusammenbruch des bürgerlichen Liberalismus und seine erwiesene Unfähigkeit, Träger der zeitgemäßen Gestaltung und Entwicklung unseres sozialen Lebens zu sein. Eine überquellende Fülle sozialer Reformarbeit größten wie fleinen Stiles, durchgreifender gesetzgeberischer Aufgaben tritt an die Partei heran. Auf allen Gebieten springt die Notwendigkeit gründlichen Wandels in die Augen. Die Arbeiterschutzgesetzgebung und Arbeiterversicherung schreien förmlich nach Fortschritten. Die Koalitionsfreiheit der Werktätigen muß endlich gegen Tertauslegung, Polizeiwillkür und Unternehmergewalt sicher gestellt werden, das Vereins- und Versammlungsrecht aller Gesellschaftsglieder ist freiheitlich und einheitlich zu regeln. Der organische Ausbau der Volksbildung wie der Kampf gegen das Wohnungselend von seiten des Reiches sind unabweisbar. Der Dalles in den Kassen der Bundesstaaten wie im Reichsschatz fordert gebieterisch eine Reichsfinanz- und Steuerreform. Die Strafrechtspflege entsprechend den Forderungen der veränderten ethischen Begriffe und fortgeschrittenen Einsicht umzugestalten, ist dringend nötig. Es gilt den Kampf gegen den Militarismus wie gegen seine Geschwister Marinismus und Weltpolitit mit aller Energie in grundsäglicher Schärfe weiterzuführen. Dem Rechte der Frau als Persönlichkeit in der Familie, als Bürgerin in Staat und Gemeinde muß gefeßliche Anerkennung errungen werden usw. usw. Des weiteren und nicht zum wenigsten steht die Sozialdemo fratie vor der Notwendigkeit, die gefeßlich gewährleistete Grundlage ihrer politischen, gesetzgeberischen Mitarbeit an der Gestaltung des sozialen Lebens gegen die Reaktion verteidigen zu müssen. Die Giesebrechterei schleicht im Dunkeln zur Meuchelung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Reichstagswahlrechts. Gewiß: der praktische Wert ihrer Treiberei darf nicht überschäßt werden. Allein den Volksmassen zu sorgen, hat den Sozialismus als einheitliche Weltanschauung von höchster sittlicher und fultureller Straft in ihrem Bewußtsein wie im Leben jedes einzelnen zur Geltung zu bringen. In gewissenhafter Beratung wird der Parteitag zu Dresden nach den erfolgreichsten Mitteln und Wegen für die Sozialdemo fratie suchen, den angedeuteten vielseitigen Pflichten gerecht zu werden. Damit jedoch diese seine Erörterungen praktisch fruchtbar seien, darf er sich einer Aufgabe nicht entziehen. Er muß in aller Klarheit und Bestimmtheit aussprechen, wie die Sozialdemokratie ihre Gegenwartsarbeit leisten, ihr Zukunftsziel erstreben soll: als proletarisch- revolutionäre Klassenkampfpartei oder als„ sozialistischdemokratische Reformpartei". Diese Frage, welche die Partei bereits seit 1898 beschäftigt, ist nämlich neuerlich vom Genossen Bernstein mit der bekannten Forderung angeschnitten worden, die Vizepräsidentenstelle unter allen Umständen zu beanspruchen, auch um dem Preis eines Kotaus vor dem Kaiserthrone. Freunde Bernsteins haben den Vorschlag geringschäßig als qualifizierte Dummheit", Taftlosigkeit, Ungeschicklichkeit und anderes bezeichnet. Unseres Erachtens haben sie ihm damit unrecht getan und sind seiner Bedeutung nicht. gerecht geworden. Bernstein ist zu seiner Forderung in konsequenter Weiterentwicklung der revisionistischen Gedankengänge gekommen, die er seit Jahren spinnt. Wer darüber noch nicht im flaren ist, der kann durch Genossen Vollmars Ausführungen zu der Streitfrage belehrt werden. In richtiger Wertung wendeten sich deshalb die Genossen in recht vielen Parteiversammlungen nicht bloß gegen den Vorschlag an und für sich, sie verurteilten ihn vielmehr als praktische Frucht des Revisionismus mit aller Schärfe. Von verschiedenen Seiten ist verlangt worden, die Fraktion und nicht die Partei selbst solle in der strittigen Frage das entscheidende Wort sprechen. Das dünft uns ungerechtfertigt und undemokratisch. Die Fraktion steht innerhalb der Partei und nicht über ihr. Sicherdenen jedes lich, daß sie nicht aus Schulbuben besteht, Recht der Bestimmung versagt ist. Aber ebenso zweifelsohne, daß ihr Entscheidungsrecht nur innerhalb der Grenzen der grundsäßlichen und taktischen Auffassung gilt, welche für die Partei im allgemeinen bindend ist. Und gerade weil Bernsteins Vorschlag mehr ist, als eine flüchtige Zufallslaune: das legitime Sind einer veränderten Auffassung von unserer Taktik, so kommt es der Partei und nicht der Fraktion zu, die Entscheidung zu fällen. Eine neue Auffassung von der Stellung der Sozialdemokratie zur bürgerlichen Welt liegt auch zu guter Lezt der vom Parteivorstand gerügten Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Organen vom Schlage der Zukunft" zugrunde, einer Zeitschrift, die unter dem Deckmantel der Parteilosigkeit die Geschäfte des Junkertums, der Bismärckerei besorgt und die Sozialdemokratie in der gehässigsten " Rev Weise beschimpft hat. Es ist deshalb nur richtig, daß der Parteitag auch darüber sich äußert. Einzelne Genossen haben sich über die Entscheidung des Parteivorstandes als über einen„ Utas" zur Beschränkung der Meinungsfreiheit erregt. Wir an unserem Teil finden die Erregung darüber begreiflicher, daß eine solche Entscheidung nötig geworden war und ist. " Die Masse der Parteigenossen hat über ihre Stellungnahme zu beiden Fragen kaum einen Zweifel gelassen. Den Auseinandersegungen der letzten Jahre über die Grundsäße und die Taktik der Partei stand sie als bloßer theoretischer Spielerei" fast gleichgültig gegenüber. Heute dagegen ist sie es, die zu einer Klärung drängt. Die wirtschaftliche und politische Entwicklung hat seither gegen die tatsächlichen Voraussetzungen des Revisionismus so respektlos mit dem Hammer philosophiert, daß die Genossen des ewigen Tiftelns, Deutelns und Zweifelns an unserer grundsätzlichen Auffassung müde sind. Sie haften gewiß nicht an totem Buchstaben- und Formel werk. Wohl aber weisen sie eine Revision zurück, die unsere ge= schichtlich gestützten Grundsäße an Abstraktionen mißt, welche am Schreibtisch reiften, und nicht in der Wirklichkeit des Lebens. Nach den ausgiebigen Erörterungen der aufgerollten Frage in der Presse und in Versammlungen fann unseres Dafürhaltens die Diskussion des Parteitags darüber kurz sein. Der Vorbereitung der Sozialdemokratie für Arbeit und Kampf werden die flärenden Debatten des Parteitags über die Taktik nur förderlich sein. Die wichtigste Vorbedingung für erfolgreiche Arbeit und sieghaften Kampf ist die unzweideutige Klarstellung, in innerlich festgefügter Einheitlichkeit als proletarisch- revolutionäre Klassenpartei auf dem Plane zu stehen. Das bewußte Festhalten dieses ihres Charakters hat die Sozialdemokratie von Sieg zu Siege geführt, ihm verdankt sie den Riesenerfolg der letzten Reichstagswahl. Das Festhalten an diesem ihren Charakter verbürgt ihr fünftige Errungenschaften und den endgültigen Triumph. Das alte revolutionäre Banner wird über den Verhandlungen wehen, zu denen die Vertreter der Partei sich in der roten Hauptstadt des roten Königreichs zusammenfinden. Glück auf zu ihrer Arbeit! Preisfechter für die Verkürzung der Arbeitszeit. Der Kampf der Tertilarbeiterschaft von Crimmitschau für den Zehnstundentag ist Ereignis geworden. Mit brutalem Herrenhochmut hat ihn das Schlotjunkertum der Webereien und Spinnereien heraufbeschworen. Zum viertenmal binnen sieben Jahren zwang er in einem der wichtigsten Size der deutschen Textilindustrie die Ausgebeuteten zu einem bedeutsamen, entbehrungs- und opferreichen Ringen um bessere Arbeitsbedingungen. 1896 forderte es einen Riesenkampf in Rottbus heraus, 1899 in Krefeld, 1902 in Meerane. Nach Meerane nun Grimmitschau, noch ehe es sich gejährt, daß in der Nachbarstadt die modernen Hörigen des Textilkapitals die aufgedrungene Schlacht aufnehmen mußten und in flarem Zielbewußtsein mit bewunderungswürdiger Ruhe und Selbstzucht siegreich schlugen. Wir haben in letzter Nummer dieser Zeitschrift eingehend dargelegt, daß die Crimmitschauer Textilarbeiterschaft die harte Auseinandersetzung mit dem Unternehmertum nichts weniger als leichtfertig vom Zaune gebrochen hat. Ihr zwanzigjähriges Ringen, die Grundlage ihrer armseligen Existenz die Arbeitsbedingungen um ein weniges vorteilhafter zu gestalten, hat sich seit 1898 zum Streben nach dem Zehnstundentag verdichtet. Die Nutznießer schranken: loser Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft mögen dieses Streben als den Ausfluß der Faulheit und Genußsucht verleumden. Ihre feilen Soldschreiber mögen die schmutzige Verdächtigung nachplappern. Wer nur einigermaßen die Lage der Proletarier kennt, der weiß, daß die Forderung verkürzter Arbeitszeit vollauf berechtigt und von höchster kultureller Wichtigkeit ist. Jede Verkürzung der Arbeitszeit entzieht die Lohnsflaven und Lohnsflavinnen für einen fleinen Teil des Tages der Herrschaft und Ausbeutung des Kapitals und bringt damit ihr Menschentum mit seinen Bedürfnissen, Pflichten, Wünschen zur Anerkennung. Sie bedeutet für sie ein Stück Gesundheit, Bildungsmöglichkeit, Familienleben, Leistungsfähigkeit. Für die kämpfende Textilarbeiterschaft aber wie für ihre Berufsgenossen und -Genofsinnnen überhaupt kommt der Verkürzung der Arbeitszeit eine besondere Bedeutung zu. In den Spinnereien und Webereien von Crimmitschau spielt die Frauenarbeit eine hervorragende Rolle. Von den 8000 Ausgesperrten oder Streifenden ist die Hälfte weiblich. Auf die 6556 Ausgesperrten allein, die bis jetzt gezählt 146 wurden, entfielen 3430 Arbeiterinnen, von denen 1359 verheiratet waren, das ist fast volle 40 Prozent. Diese Ziffern entsprechen annähernd den Feststellungen, auf die sich R. Martin* in seiner bekannten Studie bezog. Danach waren am 1. Mai 1892 in 32 Betrieben der mechanischen Baumwollstreichgarnspinnereien zu Crim mitschau 40,2 Prozent Männer und 59,5 Prozent Frauen tätig. Was die letzteren anbetrifft, so befanden sich unter den erwachsenen, über 16 Jahre alten Arbeiterinnen 42,1 Prozent verheiratete oder verheiratet gewesene. 74,2 Prozent dieser Kategorie von Arbeiterinnen lebten noch in der Ehe, mit anderen Worten: standen unter dem 3wange, den Verdienst des Mannes zu ergänzen. 43 von den Crimmitschauer Bukskinfabriken beschäftigten 62,2 Prozent Männer und 37,8 Prozent Frauen. 40,3 Prozent der erwachsenen Arbeiterinnen dieser Betriebe waren verheiratet oder verheiratet gewesen, 74,7 Prozent derselben lebten noch in der Ehe. Die verhängnisvollen Folgen der langstündigen, übermäßigen Ausbeutung der Frau sind bekannt. Sie schreien um Abhilfe in Gestalt des vorzeitigen Welkens und Zusammenbrechens der Proletarierin selbst, in Gestalt hoher Säuglingssterblichkeit, kränklichen Nachwuchses, verwüsteten Familienlebens. Ein rasches Verkommen der Arbeiterbevölkerung von Geschlecht zu Geschlecht ist ihr letter, furchtbarer Ausdruck. Bereits in letzter Nummer haben wir Zahlen dafür angeführt und auf die Urteile von Fabrikinspektoren, Ärzten, Hygienikern, verwiesen. Was sie bekunden, weiß man, übrigens nicht erst seit heut und gestern. Es ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, daß sie sofort nach ihrem siegreichen Einzug in die Zentren der sächsischen Textilindustrie die Aufmerk samkeit von Staat und Gesellschaft auf die hier heimische gemeingefährliche Ausbeutung der Frauen und Kinder lenkte und den Kampf dagegen energisch aufnahm. Die Enquete von 1873 und 1874, welche die Furcht vor der„ roten Rotte" dem Reichstage abgepreßt hatte, weist gerade auch für den Bezirk Crimmitschau aus, welch' verderbensschwere Folgen die skrupellose Ausbeutung der Proletarierin heraufbeschwört. Das Verbot der Nachtarbeit und die gesetzliche Einführung des Elsstundentags für die Arbeiterinnen hat etwas, doch bei weitem nicht genügend Besserung gebracht. In kaum einer zweiten Industrie macht außerdem die kapitalistische Profitgier beide Reformen durch die umfangreichste Überzeitarbeit gleicherweise illusorisch, als gerade in der Textilindustrie. Was der heilige Goldhunger" der Herren Unternehmer an den Spinnerinnen und Weberinnen von Crimmitschau, an ihren Kindern und Familien sündigt, das tritt erschreckend in Ers scheinung. Der fonservative Sozialpolitiker R. Martin lernte es als Referendar am Königlichen Amtsgericht der Stadt aus unmittelbarer Anschauung fennen. Eine solch' vernichtende Anklage erhob sich aus dem Tatsachenmaterial, welches er fleißig und gewissenhaft zusammentrug, daß er im Interesse des gesamten Volkes und seiner Zukunft das Verbot der Fabrikarbeit verheirateter Frauen forderte. Er verkannte dabei, daß lediglich die kapitalistische Ausbeutung die moderne industrielle Frauenarbeit mit einem Fluche behaftet, daß diese an und für sich ein Fortschritt, ein Segen ist. Eindringlichst aber bestätigen die Zahlen und Tatsachen, die er sammelte, die Berechtigung der Forderung, um welche nun der Kampf in Crimmitschau entbrannt ist. Es stieg daselbst die Säuglingssterblichkeit von dem Zeitraum 1856/67 bis zu dem Jahrfünft 1881/85 von 31,8 Prozent auf 37,9 Prozent. Die allgemeine Sterbeziffer der Stadt war aber 1881/85 eine günstige. Bringt man die im Säuglingsalter Verstorbenen in Abzug, so beträgt sie nur 14,9 Prozent. Martin suchte drei Viertel der Eltern auf, welche 1890 ein Kind im ersten Lebensjahre verloren hatten und erkundigte sich nach den Umständen des Todes. Unter 100 Eltern gaben mehr als 90 auf ausdrückliches Befragen an, daß das Kind von der Geburt an fünstlich ernährt worden sei. Der Grund dafür? Manche Mütter verzichten darauf, dem Neugeborenen die Brust zu reichen, weil sie sobald als möglich nach der Entbindung die Fabrikarbeit wieder aufnehmen müssen. In dem Organismus anderer hinwiederum hat die Ausbeutung die Quelle mütterlicher Kraft verschüttet. Bei der langen täglichen Arbeitszeit kann man getrost annehmen, daß die Arbeiterin selbst dann, wenn sie die Fabrikarbeit dauernd aufgegeben hat, für die natürliche Ernährung ihrer neugeborenen Kinder zu schwach ist". Sind diese trockenen Angaben nicht ein furchtbares Denkmal von dieser kapitalistischen Zeiten Schande? Erheben sie nicht gleichzeitig beredte Fürsprache für die Forderung der Kämpfenden in Crimmitschau? Zehn Stunden sind genug der Fron! Diese ihre Losung heischt nicht bloß ein bescheidenes Mehr an Lebenskraft, Lebenstüchtigkeit und Lebensfreude für die Werktätigen selbst, welche ihren Herren üppige Mähler in kostbarem Geschirr richten, die Pforten zu * ,, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus den Fabriken", von Rudolf Martin. Tübingen 1897. Bildung und Kultur erschließen. Sie will auch vor allem den Würger, will Tod und Siechtum von der Schwelle des Kinderlebens scheuchen. Aber auch die Berechtigung der Nebensorderung— keine Herabminderung der Zeitlöhne, Erhöhung der Akkordlöhne um 1» Prozent— liegt auf der Hand. Wie Spreu im Winde zerstieben in der frischen Luft der Wirklichkeit die Behauptungen der Unternehmer und ihrer Preßlakaien von den hohen Löhnen, dem„jeder Beschreibung spottenden Luxus" der Crimmitschauer Textilarbeiterschaft. Was beweist das Pochen auf die ihr jährlich ausgezahlte Lohnsumme von 48000t>() Mark! Rund 7500 Personen müssen sich hineinteile». Da ergibt sich denn ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 015.50 Mark pro Person, von nicht ganz 1,70 Mark, um den Tagesverbrauch für Nahrung, Wohnung, Kleidung, Wäsche usw. zu decken, von anderen Ausgaben zu schweigen. Sogar den Verdienst von Mann und Frau zusammengerechnet bedeutet das für eine Familie— und die Familien der Textilarbeiter sind meist zahlreich— die größte Dürftigkeit, nicht bloß den Verzicht auf das Überflüssige, nein, das Entbehren des Nötigen. Dabei beachte man. daß in die angegebene Lohnsumme die Löhne der Werkmeister, die Gehälter der technischen Beamten miteingerechnet sind. Das wirkliche Durchschnittseinkommen der Arbeiter und Arbeiterinnen stellt sich also noch niedriger, als berechnet. Nach Martin verdiente» 1892 die Stuhlarbeiter im Durchschnitt wöchentlich 10,50 Mark, die Krempelausputzer 1� Mark, die Färber 13 Mark. Der wöchentliche Durchschnitlsverdienst der Drussicrerinnen oder Kremple- rinnen betrug 9,50 Mark; der Minimallohn weiblicher Arbeiter überhaupt 7,50 Mark. Diese Zahlen decken sich ungefähr mit den Angaben aus de» Reihen der Kämpfenden über die Höhe des Lohnes. Pro Woche beträgt demnach der Durchschnittsverdienst der Arbeiterinnen 8 Mark, der weitaus größte Teil der Weber kommt nicht über 10 Mark hinaus, nur wenige, außergewöhnlich tüchtige Stuhlarbeiter bringen es bei gutem Geschäftsgänge auf 21 bis 23 Mark. Seit IS92 sind die Lebensbedürfnisse— ganz besonders auch die Mieten— empfindlich im Preise gestiegen. Die Löhne sind dagegen so gut wie unverändert gebliebe». Um wie manches Hunderttausend, ja, um wie manche Million hat sich aber inzwischen der„Entbehrungslohn" der Textiljunker vermehrt! Das plaudert mehr als ein stolzer Prachtbau aus, mehr als eine parvenuhaft schlemmerische und tagdiebende Existenz. Die„Leipziger Neuesten Nachrichten" logen keifend von „Lackschuhen", in denen die prassenden Arbeiterinnen zur Arbeit stolzieren. Die oben angeführten Hungerlöhne der Arbeiterinnen legen die Vermutung nahe, daß der Arlikelschreiber die Füße ehrlicher Arbeiterinnen mit den Füßen der Maitressen von Textilfabrikantcn verwechselt hat. Die Arbeiterinnen können sich nicht immer ganze Schuhe bezahlen Wenn etwas„jeder Beschreibung spottet", so ist es nicht der„Luxus", wohl aber die barbarische Kulturwidrigkeit der Lebenshaltung, zu welcher die Crimmitschauer Textilarbeiterschast verurteilt ist. Arbeiterinnen, Arbeiterfamilien, welche auch nur dreimal in der Woche genügend Fleisch verzehren könnten, dürfte» von ihresgleichen als Märchengestalten angestaunt werden. Unmöglich sei die Erfüllung der erhobenen Forderunge», so erkläre» die Textilfürsten mit erhobenem Schwurfinger. Und sie versuche» ihre Weigerung, die Bürde von Mühe und Sorge derer zu erleichter», die ihnen Reichtümer schaffen, mit dem Hinweis auf die Konkurrenz zu stützen. Sie bestätigen damit nur, daß sie nichts gelernt und nichts vergesse» haben. Nicht ein Titelchen vergessen von dem profitgierigen, protzigen Sinn des Unternehmertums, das in kurzsichtigster Selbstsucht Raubbau mit der Kraft der ausgebeuteten Männer und Frauen treibt und gewissenlos über jedes Bedürfnis, jedes Recht des lebendigen Menschen hinwegslampft. Nichts gelernt von all de» geschichtliche» Erfahrungen, welche klärlich erweise», daß die Verkürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung der Löhne die Konkurrenzkraft der Industrie nicht herabmindern, vielmehr erhöhen, weil sie die Leistungsfähigkeit der Arbeiter steigern. In England bestimmte die Bill vom 8. Juni 1347, daß schon am 1. Juli des nämlichen Jahres der Arbeitstag der Frauen und jugendlichen Personen in der Textilindustrie auf elf Stunden, daß er am 1. Mai 1348 auf zehn Stunden herabgesetzt werden sollte. Sie bewirkte also im Verlaufe von noch nicht einem Jahre eine Verkürzung der Arbeitszeit um zwei Stunden täglich. 1850 wurde die gesetzliche 60 stündige Arbeitswoche definitiv gesichert. Der Verkürzung der Arbeitszeit der Frauen und jugendlichen Personen durch das Gesetz folgte bei dem Handinhandarbeiten in den modernen Textilbetrieben die kürzere Arbeitszeit der Männer durch den Zwang praktischer Notwendigkeit auf dem Fuße. Der kürzere Arbeitstag übte einen vorteilhaften Einfluß auf die kräftige Entwicklung der gewerkschaftlichen Organisation und das Steigen der Löhne. Der Aufschwung der englischen Textilindustrie, der 1853 einsetzte und mit der Eroberung des Weltmarktes abschloß, ist dadurch nicht gehindert worden. Und doch war das englische Textilproletariat jahrzehntelang das einzige der Welt, das sich gesetzlichen Schutzes der Frauen- und Kinderarbeit, strammer gewerkschaftlicher Organisation, kürzerer Arbeitszeit, besserer Löhne erfreute. Die Hebung seiner Lage hat die Konkurrenzfähigkeit der englischen Spinnerei und Weberei nicht geschädigt, sondern gesteigert. Durch sie wurde die wichtigste Produktivkraft verbessert: die menschlichen Arbeitskraft. I» der blühenden Tuch- und Modewarenindustrie zu Galashiels(Südschottland) bedienen junge Mädchen auch die schnellsten Stühle mit 70 bis 80 Schuß pro Minute. Die deutschen Fabrikanten erachten dagegen, daß nur kräftige Männer die einschlägigen Arbeiten verrichten können. Und doch sind sie sonst— die Tatsache» erweisen es— ebenso gern wie ihre englischen Brüder im Kapital bereit, die Männerarbeit durch billigere Frauenarbeit zu verdrängen. Warum der Unterschied? Mit Recht meint Marti». daß die Galashieler Weberinnen zu der höheren Leistung besähigt sind, weil sie nur eine 56'/� stündige Arbeitszeit und um 25 Prozent höhere Löhne habe», als ihre deutschen Kolleginnen. Wen» die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Textilindustrie durch etwas bedroht ist, so ist es durch die lange Arbeitszeit und den Schundlohn der Arbeiter und Arbeiterinnen. Was übrigens den günstigen Einfluß kurzer Arbeitszeit und auskömmlichen Lohnes auf die Entwicklung des Wirtschaftslebens anbelangt, so ist das geradezu klassische Schulbeispiel der englischen Textilindustrie wieder und wieder bestätigt worden. Weder in der Schweiz, in Deutschland, Österreich noch anderwärts, wo die Gesetzgebung die Arbeitszeit regelte und kürzte, wo die Gewerkschaftsbewegung reichlicheren Verdienst für die Werktätigen durchsetzte, habe» sich die Jeremiaden von heraufbeschworenem Zusammenbruch der betroffenen Industrien oder gar des gesamten nationalen Wirtschaftslebens erfüllt. Die Versuche mit der Durchführung des Achtstundentags haben überall glänzende Erfolge erzielt. Es sei nur an die einschlägigen Feststellungen in dem berühmten Zeiß- Unternehmen zu Jena erinnert. Aus den Berichten der Fabrik- inspektoren über die Ergebnisse der Enguete, die Verkürzung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen betreffend, klingt es fast einstimmig: der zehnstündige Arbeitstag ist berechtigt und kulturell unabweisbar, er ist praktisch durchaus möglich, er zieht keine Schädigung der Interessen der Arbeitenden, der Unternehmer, der deutschen Industrie nach sich. Man betrachte die Forderungen der kämpfenden Textilarbeiter zu Crimmitschau im Lichte der vorstehenden Ausführungen; ein Ausruf drängt sich dann auf die Lippen: die Lohnsklaven des Textil- kapitals haben nicht zu viel, sie haben bescheiden gefordert, sie haben die Hand nicht nach einer verderblichen Utopie ausgestreckt, sondern nach einer segensreichen Möglichkeit. Die Herren im Reiche der Crimmitschauer Slreichgarnindustrie stellen dem bescheidene» Begehren ein unwahres„Wir können mcht" entgegen.„Wir wollen nicht, weil unser Sinnen und Trachten ist, unser kapitalistisches Herrenrecht bis zum Tüpfelchen über dem i zu brauchen und zu mißbrauchen", müßten sie ehrlicher Weise antworten. Statt Berücksichtigung des Entgegenkommens der Arbeiter, in ernsten Verhandlungen eine Verständigung zu suchen, die Aussperrung von Tausenden, denen sich die Tore der Fabriken nur unter der Bedingung wieder geöffnet hätten, daß sie ihre alte Kette in voller Schwere weitergeschleppt hätten. Das Unternehmertum hat den Kampf gewollt, es hat den Kampf. Es pocht auf die Macht seines Geldsacks, den die schmählich Abgewiesenen gefüllt. Er legt ihnen für jene die Hungerpeitsche in die Hand, die sie zu Paaren treiben soll. Er stellt in ihren Dienst eine käufliche Presse, die das öffentliche Urteil zu fälschen bestrebt ist. Ihm verdanken sie die soziale Herrenstellung, welche den Staat und andere öffentliche Einrichtungen zu Sachwaltern ihrer Interessen herabwürdigt. Schon haben die Kämpfer für ihr gutes Recht das in allerlei gesetzwidrigen Rücken und Tücken gespürt. Die Männer und Frauen, denen nach vieljährigem Hoffen und Harren endlich der Geduldfaden reißen mußte, verhehlen sich nicht, daß ihnen ein schweres Ringen bevorsteht. Aber sie sind trotz alldem entschlossen, für die gerechte Sache zu streiten. Gegen die Geißelhiebe der Not sind sie durch die Gewöhnung an Entbehre» und Hungern gewappnet, zu der sie die kapitalistische Profitwul erzogen hat. Den Verleumdungen setzen sie die Wahrheit entgegen, den Provokationen zu unklugem Handeln die Ruhe des Rechts- bewußseins und die feste, würdige Selbstzucht Wissender und Wollender, dem blinden Egoismus der Ausbeutenden die Solidarität der Ausgebeuteten. Moralisch und materiell stützend und tragend steht hinter ihnen die Macht der Organisation, die Einsicht und Brüderlichkeit des gesamten klassenbewußten Proletariats. Die wirtschaftliche Situation aber ist ihrem Kampfe günstig. Die Abnehmer Crimmitschauer Textilerzeugnisse, vor allem die großen Konfektionäre, dringen auf Ablieferung der bestellten Waren, um die Saison nutzen zu können. Die drohende Aussicht auf den Verlust der Kundschaft wird die Geneigtheit zu einer Verständigung mit den Arbeitern manchem steifnackigen Unternehmer abpressen, der gegen die überzeugendsten Gründe taub blieb. Haben sich bis zum 5. September die letzten Fabriken für die Meuterer" gegen des Kapitals Willen geschlossen, so beträgt die Zahl der Ausgesperrten und Streifenden die Heimarbeiter inbegriffen gegen 9000. Pro Woche sind 60000 bis 70000 Mark erforderlich, um dem finsteren Elend zu wehren, sie als Besiegte, Gedemütigte wieder zurück in die lärmreichen, staubgeschwängerten Säle zu treiben. Da heißt es für einen jeden, der mit der Not des Textilproletariats fühlt, fein Recht auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen anerkennt, seine Pflicht zu tun. Nicht zuletzt und zum wenigsten gilt diese Mahnung den Frauen. Es ist in hervorragendem Maße ein Kampf um das Menschenrecht, das Mutterrecht der Proletarierin, der in Crimmitschau entbrannt ist. Die fämpfenden Spinnerinnen und Weberinnnen sind sich dessen bewußt und schöpfen aus dieser ihrer Einsicht die Kraft zu ihrer musterhaften Haltung. Möchte jede Proletarierin eingedenk sein, daß die Tapferen nicht bloß für sich selbst, nein, für alle deutschen Arbeiterinnen im Kampfe stehen. Die Bewegung der Crimmitschauer Textilarbeiterschaft reicht an Bedeutung weit über den Rahmen eines lokalen Ringens um Erleichterung armseligsten Loses hinaus. Die überreife Reform des gesetzlichen Zehnstundentags für alle Arbeiter, zum mindesten aber für die Arbeiterinnen, hat keine verstockteren, leidenschaftlicheren Feinde als die Unternehmer der Textilindustrie. Das bezeugen die Meinungsäußerungen der verschiedenen Organisationen der Textilindustriellen gelegentlich der angeordneten Reichsenquete über die eventuelle Verfürzung des Arbeitstags der Arbeiterinnen; das spiegeln die Berichte der Fabrikinspektoren wieder. Gelingt es der Textilarbeiterschaft in Crimmitschau, dank des gewerkschaftlichen Kampfes den Zehnstundentag zu erobern, so enthält der zähe Widerstand der Spinnerei- und Webereikönige gegen die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit einen tödlichen Streich. Der Erfolg der Crimmitschauer Kämpfer wird in anderen Zentren der Textilindustrie zur Nacheiferung anspornen. Der halbwegs einsichtsvolle Teil der Unternehmer zieht schließlich selbst den gesetzlich geregelten und verkürzten Arbeitstag unvermeidlichen chronischen gewerkschaftlichen Kämpfen und der Schmußkonkurrenz einzelner Betriebe vor, die den Elsstundentag einstweilen noch zu behaupten vermochten. In Crimmitschau gilt es eine entscheidende Schlacht für die allgemeine Durchführung des Zehnstundentags in der Textilindustrie, für seine gesetzliche Festlegung in der gesamten deutschen Fabrikindustrie. Auf, zur Unterstützung der wackeren Männer und Frauen, welche diese Schlacht tragen und schlagen. Sie sind Preisfechter für den Zehnstundentag des deutschen Proletariats! Mumu, das Hündchen des Taubstummen. Erzählung von J. S. Turgenjew. Aus dem Russischen überseht von L. N. Hauff. ( Fortsetzung.) Klimow erschien... doch bevor wir dem Leser ihr Gespräch mitteilen, halten wir es für notwendig, mit einigen Worten zu erzählen, wer diese Tatjana war, welche Klimow heiraten sollte, und warum der Befehl der Herrin den Haushofmeister beunruhigte. Tatjana diente als Wäscherin im Hause und infolge ihrer Geschicklichkeit wurde ihr nur feine Wäsche anvertraut. Sie war etwa achtundzwanzig Jahre alt, flein, hager, blondlockig, mit kleinen Muttermalen auf der linken Wange. Muttermale auf der linken Wange gelten in Rußland als schlimmes Zeichen, als Vorzeichen eines unglücklichen Lebens. Tatjana fonnte sich auch wirklich ihres Schicksals nicht rühmen. Von früher Jugend auf hatte sie immer unter schwerem Druck gelebt. Sie arbeitete für zwei, erhielt aber nie ein freundliches Wort dafür, wurde schlecht gekleidet und bekam nur fargen Lohn. Verwandte hatte sie so gut wie keine. Nur ein alter Aufseher, den man wegen seiner Untauglichkeit auf dem Gute zurückgelassen hatte, galt für ihren Onkel, und noch andere Onkel von ihr waren Bauern auf dem Dorfe. Das war alles. Früher hatte sie Das war alles. Früher hatte sie für eine Schönheit gegolten, aber ihre Reize waren sehr rasch verblichen. Sie war von sehr demütigem Charakter oder besser gesagt, sehr eingeschüchtert. Für sich selbst war sie gleichgültig, vor anderen aber hatte sie große Furcht. Sie dachte nur daran, ihre Arbeit zur vorgeschriebenen Zeit zu vollenden, sprach mit niemand und zitterte schon beim bloßen Namen der Herrin, obgleich diese sie kaum von Ansehen kannte. Als Gerassim vom Gut mitgebracht wurde, starb sie beinahe 148 Frauen im kommunalen Armenrat. Die Genossinnen haben ein berechtigtes Interesse zu hören, wie die neue Institution sich bewährt, durch welche in Offenburg ( Baden) Frauen zur Mitarbeit in der Gemeindeverwaltung berufen worden sind. Aus Nr. 10 der„ Gleichheit" wird bekannt sein, daß es unseren Genossen in der genannten Stadt gelang, bei Einführung des neuen Ortsstatuts Frauen sowohl in den Armenrat als auch in die Schulkommission zu bringen. Die Frauen gehören diesen Körperschaften als Gleichberechtigte mit den männlichen Kollegen an, sie haben Sig und Stimmrecht. In den Armenrat fonnte eine unserer Genossinnen entsandt werden. Bislang bestand in Offenburg schon eine indirekte Mitarbeit von Frauen in der öffentlichen Armenpflege. Die Vorstandsmitglieder des badischen Frauenvereins erstatteten in einzelnen Fällen, die besonders geeignet waren, von Frauen richtig beurteilt zu werden- wie zum Beispiel Kinderpflege usw. dem Armenrate Bericht, ohne daß dieser jedoch die Pflicht hatte, auf Grund dieses Berichtes weiter zu beschließen. Das änderte sich mit der definitiven Berufung von sieben Frauen in den Armenrat, gegen die das Ministerium grundsätzlich nichts einzuwenden hatte. Seit einem Vierteljahr besteht nun die neue Einrichtung, und man fann schon heute sagen, sie erfüllt die Hoffnungen, die auf sie gebaut wurden. Ich will versuchen, den Genossinnen ein gedrängtes Bild des Arbeitsfeldes der Armenrätinnen zu geben. Die Arbeit ist uns so zugeteilt: Zu einzelstehenden Frauen, in Familien mit großem Kindersegen, oder in Fällen, wo man hofft durch eingehende Einsicht in das Hauswesen usw. ein richtiges Bild der Gründe der Armut zu erhalten, werden wir Frauen zum Zwecke der Untersuchung und Begutachtung gesandt. Man schickt uns zuvor das einschlägige Aktenmaterial zu, so daß wir einigermaßen informiert und imstande sind, uns die wichtigsten Anhaltspunkte zu eigen zu machen, von denen unsere Nachforschungen auszugehen haben. Nach Befund stellen wir schriftlich unsere Anträge, die wir in der nächstkommenden Sigung referierend vertreten. Hierbei möchte ich gleich erwähnen, daß das neue weibliche Element im Kollegium schon vorteilhaft gewirkt hat, und zwar insofern, als jetzt die Sigungen meist sehr pünktlich besucht werden und fast immer vollzählig besetzt sind, wogegen früher stets Klage geführt wurde, daß das ganze Arbeitspensum auf den Schultern von nur wenigen Armenräten ruhte. Die Herren wollen sich nun durch unseren Pflichteifer nicht beschämen lassen. Der Armenpflege ist angeschlossen die Waisenpflege, sowie die Unterbringung derjenigen Kinder, die der Fürsorge und Zwangsvor Schrecken beim Anblick seiner mächtigen Gestalt und suchte jede Begegnung mit ihm angstvoll zu vermeiden. Anfangs achtete er nicht auf sie, dann lachte er, wenn sie ihm unverhofft begegnete, dann fing er an ihr nachzusehen und endlich wandte er seine Augen nicht mehr von ihr ab. Sie gefiel ihm sehr, vielleicht wegen ihres milden Gesichtsausdrucks, oder wegen ihrer schüchternen Bewegungen, Gott mag es wissen! Einmal ging sie durch den Hof, indem sie mit ausgestreckten Fingern eine gestärkte Jacke der Sperrin vorsichtig vor sich hielt. Plößlich faßte sie jemand start am Ellbogen. Sie blickte sich um und schrie entsegt laut auf, hinter ihr stand Gerassim. Mit einfältigem Grinsen und freundlichem Knurren reichte er ihr einen Hahn aus Pfefferkuchen, dessen Schweif und Flügel vergoldet waren. Sie wollte das Kunstwerk zurückweisen, aber er steckte es ihr fast mit Gewalt in die Hand, wiegte den Kopf und ging weiter. Dann wandte er sich um und brüllte ihr nochmals etwas sehr Liebenswürdiges zu. Von diesem Tage an ließ er ihr keine Ruhe mehr, wohin sie ging, da war er auch, kam ihr entgegen, lachte, brüllte und winkte mit den Händen, zog plößlich ein Band aus der Brusttasche und reichte es ihr und fegte mit dem Besen den Staub vor ihr weg. Das arme Mädchen wußte sich keinen Rat mehr. Bald erfuhr das ganze Haus von den Streichen des stummen Portiers. Von allen Seiten regnete es Spottreden und beißende Sticheleien auf Tatjana. Über Gerassim zu spotten erlaubte sich aber nicht leicht jemand. Er liebte keine Scherze und in seiner Gegenwart ließ man sie in Ruhe. Unwillkürlich geriet sie so unter seinen Schuß. Wie alle Taubstummen war er sehr feinfühlig und begriff sehr wohl, wenn man über ihn oder über sie lachte. Einmal fiel es der Kastellanin, der Vorgesezten Tatjanas, ein, auf sie zu sticheln, und sie brachte erziehung unterstellt sind. Gerade darin bietet sich für Frauen ein reiches und dankbares Arbeitsfeld. Wir haben in Offenburg fein Waisenhaus; die Waisenkinder sind bei Privaten, entweder in der Stadt selbst oder auf dem Lande untergebracht. Da gilt es nun, zu sehen, ob die Kinder gut ernährt sind, wie Körperpflege, Reinlichfeit usw. beschaffen ist, und ob die Verpflegungsfäße eine Gewähr bieten, daß die Arbeitskraft der Kinder nicht ausgenutzt werde usw. Befriedigung gewährt die Tatsache und das gilt mir vor allem als Beweis dafür, daß die Mitarbeit der Frauen im Armenrate nötig ist daß bis jetzt alle Pflegebefohlenen ganz spontan ihre Freude und Genugtuung darüber ausdrückten, daß sie endlich einmal ohne Zwang, Furcht und Scheu sagen können, wie es ihnen zumute ist, was ihnen fehlt. Sie fühlen, daß ihre Not mitempfunden, ihre Bedürfnisse verstanden und gewürdigt werden. Selbstredend gilt es auch die berechtigten Interessen der Gemeinde zu wahren, aber der goldene Mittelweg ist verhältnismäßig leicht zu finden. Kommt es auch einmal vor, daß die Pflegerin in einem Falle düpiert wird, so stellt sich dies bald heraus, und die Unterstützung kann reduziert oder aufgehoben werden. Besser ein unwürdiges Glied unterstützen, als ein bedürftiges notleiden lassen! Die Gemeinde wird dadurch nicht arm! Für heute möchte ich den Raum der Zeitschrift nicht länger in Anspruch nehmen. Ich werde gelegentlich die gemachten Erfahrungen mitteilen, besonders soweit typische Einzelfälle vorliegen. Jedenfalls erweisen die bereits gemachten günstigen Erfahrungen die Pflicht unserer Genossen in den Gemeindeverwaltungen, mit aller Kraft dafür einzutreten, daß Frauen als völlig gleichberechtigt zur Gemeindeverwaltung beigezogen werden. Es verdient anerkannt zu werden, daß Oberbürgermeister Herrmann vorurteilslos der Reform entgegenfam und ihre Durchführung nach Kräften förderte. Es gibt überall im sozialen Leben Gelegenheit, wieder und wieder unserer Programmforderung zugunsten der Gleichberechtigung der Geschlechter das Wort zu reden. Wenn auch manche Ausführung und Anregung auf steinigen Boden fällt, nach und nach dringt unsere Auffassung doch durch die tatsächlichen Verhältnisse erweisen ja ihre Richtigkeit-; wir erobern einen Platz nach dem anderen und durch pflichttreues Wirken die Anerkennung, daß wir ihn ausfüllen. Aus der Bewegung. m. Eine Stellungnahme der Genossinnen von Berlin und der benachbarten Wahlkreise zur Provinzialkonferenz für Brandenburg und zum Parteitag ist in einer zahlreich, und es so weit, daß die Arme nicht wußte, wohin sie die Augen wenden sollte und aus Verdruß dem Weinen nahe war. Plöglich erhob sich Gerassim, streckte seine ungeheure Hand aus, legte sie der Kastellanin auf den Kopf und sah ihr mit einer solchen finsteren Wut ins Gesicht, daß diese sich auf den Tisch niederbeugte. Alle verstummiten. Gerassim griff wieder zum Löffel und aß seine Kohlsuppe. " Sieh doch! Der taube Teufel! Der Waldteufel", murmelten die anderen halblaut, die Kastellanin aber stand auf und ging in das Mädchenzimmer. Ein anderes Mal bemerkte Gerassim, daß Klimow, derselbe, von dem oben die Rede gewesen, etwas zu liebenswürdig mit Tatjana ein Gespräch anzuknüpfen suchte. Gerassim winkte Klimow mit dem Finger zu, zu ihm zu kommen, führte ihn in die Wagen scheune, ergriff eine in einer Ecke stehende Deichsel und drohte Klimow damit leicht aber bedeutsam. Seit dieser Zeit sprach niemand mehr mit Tatjana. Und das alles lief gut ab. Zwar fiel die Kastellanin sogleich in Ohnmacht, sobald sie das Mädchenzimmer erreicht hatte, und agierte so schlau, daß es ihr noch an demselben Abend gelang, das grobe Benehmen Gerassims zur Kenntnis der Herrin zu bringen. Aber die launenhafte alte Dame lachte nur mehreremale laut auf, zum großen Verdruß der Kastellanin, ließ sich wiederholen, wie er sein schweres Händchen auf ihren Kopf gelegt hatte, und schickte Gerassim am nächsten Tage einen Rubel. Sie war ihm gewogen, als treuem und starkem Wächter. Gerassim fürchtete sie sehr, hoffte aber dennoch auf ihre Gnade und war im Begriff, zu ihr zu gehen mit der Bitte um die Er laubnis, Tatjana zu heiraten. Er wartete nur auf den neuen Kaftan, den ihm der Haushofmeister versprochen hatte, um in anständigem Aufzug vor der Herrin zu erscheinen, als plötzlich diese den Einfall hatte, Tatjana dem Klimow zur Frau zu geben. 149 zwar zumeist von Frauen besuchten Volksversammlungen erfolgt. Über den Parteitag referierte Genossin Baader. Nach einem einleitenden Überblick über die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung seit der Konferenz zu München begründete sie eingehend und sachkundig die Anträge der Berliner Genossinnen zum Parteitag, die wir in letzter Nummer bereits mitgeteilt haben. Sie berührte die von Bernstein aufgeworfene Vizepräsidentenfrage und sprach sich gegen die Beteiligung unserer Genossen an hösischem Zeremoniell aus. Der beifällig aufgenommene Vortrag rief keine Diskussion hervor. Genossin Ihrer erstattete das Referat über die Brandenburger Provinzialkonferenz. Sie wies darauf hin, daß die Frauen leider nicht in der Agitationskommission für die Provinz Brandenburg vertreten sein können, da diese von den Behörden als ein politischer Verein erklärt worden ist. Es müsse deshalb dahin gewirkt werden, daß trotzdem die Frauenaufklärung und Frauenorganisation gebührend gefördert werde. Insbesondere müsse die Provinzpresse den Interessen der Arbeiterinnen mehr Beachtung schenken. Die Rednerin erörterte des weiteren die Bedeutung der preußischen Landtagswahlen für die Frauen und hob insbesondere die Notwendigkeit hervor, diesen freies Vereins- und Versammlungsrecht und ihre Anerkennung als Staatsbürgerinnen zu erringen. Sie schloß mit einem Hinweis darauf, daß die Frauen viel zum Erfolg der Sozialdemokratie bei den Landtagswahlen beitragen könnten, und daß die Genossen sie deshalb zur Agitations- und Organisationsarbeit heranziehen müßten. Als Antrag zu der Brandenburger Konferenz brachte Genossin Baader folgende Resolution in Vorschlag: In Anbetracht dessen, daß die Genossinnen in Preußen auf Grund der reaktionären Gesetzgebung und Handhabung der Gesetze genötigt sind, ihre Organisationen auf spezielle Frauenwahlvereine, die nur während der Zeit ausgeschriebener Wahlen bestehen können, zu beschränken, in der übrigen Zeit aber sich mit Bildungsvereinen begnügen müssen, beschließen die Teilnehmer der Brandenburger Konferenz, daß überall da, wo der Zutritt zu Veranstaltungen und Beratungen von der Zugehörigkeit zu einer Organisation abhängig gemacht wird, für die Genossinnen die Mitgliedschaft in einem Arbeiterinnenbildungsverein als ausreichende Organisationstätigkeit anerkannt wird nach§ 1 des Organisationsstatuts. Diese Resolution ist dem Parteitag zur Kenntnisnahme zu unterbreiten." Betreffs Beschickung der Konferenz empfahl die Referentin im Hinblick auf das reaktionäre Verhalten der Behörden gegenüber den weiblichen Delegierten bei der vorjährigen Konferenz diesmal für die sechs Berliner Wahlkreise sechs Vertreterinnen zu wählen. Der Vorschlag gelangte wie die angeführte Resolution einstimmig zur Annahme. Als Delegierte zum Parteitag Der Leser wird jetzt selbst den Grund der Unruhe begreifen, welche Gawrila nach dem Gespräche mit der Herrin befiel. " „ Die Herrin", dachte er, am Fenster sizend, ist natürlich dem Gerassim gewogen." Das wußte Gawrila wohl und sah ihm deshalb durch die Finger. Nun, er ist ein wortloses Wesen. Sollte man nicht der Herrin melden, daß Gerassim der Tatjana den Hof macht? Ja, und am Ende ist es auch wahr, was ist er für ein Mann? Aber andererseits, Gott behüte. Wenn der Waldteufel erfährt, daß man die Tatjana dem Klimow gibt, so schlägt er alles im Hause kurz und klein. Zureden hilft nichts bei ihm. Man kann diesen Satan, Gott verzeih mir die Sünde, auf keine Weise bereden." Das Erscheinen Klimows unterbrach Gawrilas Nachdenken. Der leichtsinnige Schuster trat ein, warf die Arme auf den Rücken und lehnte sich unbefangen an eine hervorstehende Ecke in der Wand neben der Türe. Dann stellte er den rechten Fuß im Kreuz vor den linken und schüttelte den Kopf. Nun, da bin ich. Was wünschen Sie?" Gawrila sah Klimow an und klopfte mit den Fingern auf das Fensterkreuz. Klimow kniff nur seine zinnernen Äuglein etwas zusammen, schlug sie aber nicht nieder, lächelte sogar ein wenig und fuhr mit der Hand in seine semmelblonden Haare, welche sich wirr nach allen Seiten sträubten. ,, Nun ja, ich bin's, ich. Was starrst du mich an?" " Gut", sagte Gawrila und schwieg." Sehr gut, nichts auszusetzen." Klimow zuckte nur ein wenig mit den Achseln.„ Und du bist wohl besser?" dachte er. " Nun, sieh dich einmal an", fuhr Gawrila in vorwurfsvollem Tone fort, wie siehst du aus?" ( Fortsetzung folgt.) wurden die Genossinnen Baader, Ihrer und Klotzsch gewählt; zur Brandenburger Konferenz wurden die Genossinnen Stock, Lutz, Hofinann, Bauschte, Klotzsch und Baur delegiert. In einer öffentlichen Versammlung zu Lichtenberg beschäftigten sich die Genossinnen des Wahlkreises Niederbarnim mit Parteitag und Konferenz. Die Anträge zum Parteitag, de» gesetzlichen Arbeile- rinnenschutz und das Frauenwahlrecht betreffend, fanden ungeteilte Zustimmung. Zum Parteitag erhielt Genossin Jung, zur Brandenburger Konferenz Genossin Ihrer ein Mandat. Zum Parteitag und zur Brandenburger Konferenz nahmen die Genossinnen von Rixdorf in öffentlicher Frauenversaminlung Stellung. Einleitend hielt Genosse John einen Vortrag über die Frage:„Haben die Frauen ein Interesse an der Politik?" Als Delegierte des Kreises Tellow-Beeskow-Storkow-Char- lottenburg zur Konferenz wurde Genossin Thiel gewählt Aus Schlesien. Liebe Otti! Du siehst, daß es mir ernst mit dem Halten meines Versprechens ist, Dir nach meiner Rückkehr aus Schlesien zu schreiben. Freilich kann ich Dir nicht, wie Meta, Ergötzliches von der Gefährlichkeit politischer Esel und der Weisheil einer lieben Polizei berichten. Dafür werde ich versuche». Dir ein flüchtiges Bild von den Verhältnissen der Arbeiterbevölkerung in der Gegend Schlesiens zu geben, in welche die Agitation mich führte. Von den Verhältnisse» der schlesischen Arbeilerbevölkerung schreiben, was heißt das aber anders, als von Slot und Elend schreiben, von langstündiger, schwerer, schlechtgezahlter Fron und kärglicher Lebenshaltung, in der sehr oft sogar das Nötigste mangelt. Verzeihe, daß mir die Gefühle mit der Feder durchgehen, noch ehe daß ich Dir etwas berichtet. Wer einen Blick in die schlesische Armut getan, der vergißt nicht sobald, was er geschaut. Durch Laub- und Nadelwälder, goldig glänzende Kornfelder, sattgrüne Wiesen, vorbei an hochragenden Schloten, an Städten und Dörfern führte mich das Dampfroß auf der Linie Dresden�Görlitz meiner Bestimmung entgegen. In Görlitz hatte ich zwei Stunden Aufenthalt, die ich im Bahnhof verbrachte.„Die liebe Bequemlichkeit!" wirst Du wahrscheinlich ausrufen, und Du hast damit nicht ganz unrecht. Aber sieh! liebe Otti, mehr noch als die Bequemlichkeit hielt mich die Freude am Beobachten und Gedankenspinne» im Bahnhof fest. Solch ein Bahnhof ist ein äußerst anregender, lehrreicher Platz. Ist er mit seinen Wartesälen und Restaurants verschiedener Klassen für„gnädige Herrschaften" und„gewöhnliche Leute", die über die Achsel angesehenen„Viertklässer" nicht zu vergessen, nicht ein getreues Abbild unserer heutigen Klassengesellschaft mit ihren Vorteilen für die einen, ihren Beschwerden und Entbehrungen für die anderen? Die wenigste Bequemlichkeil bietet er gerade denen- die für ihren müden, abgearbeiteten Körper ihrer am meisten bedürsten. Die„Gerechtigkeit" der Heuligen Ordnung im kleinen das! Das Maß der Rücksicht richtet sich»ach der Größe des Portemonnaies.— Und das Publikum, das im unaufhörlichen Flusse des Gehens und Kommens durch die Bahnhofsräume strömt, sich jetzt stauend, dann wieder hastig drängend und nach allen Seiten auseinanderstiebend! Gestalt um Gestalt taucht auf, in welcher greisbar deutlich die sozialen Gegensätze zwischen Reich und Arm, Ausbeutern und Ausgebeuteten verkörpert sind. Da der Fleisch und Blut gewordene Überfluß und Müßiggang, die sich langweilende Blasiertheit; dort die Verkörperung bitterster Not, steter Hätz um das liebe Brot, hoffnungslosen Stumpfsinns. Aus Schauen und Sinnen riß mich die Stimme des Portiers:„Nach Lauban-Hirschberg-Striegau! einsteigen, höchste Zeit!" Fort ging's. An jeder Station zeigten mit Bergstock und Rucksack ausgerüstete Touristen, daß wir uns dem Riesengebirge näherten. Die Gespräche der Reisenden drehten sich um die Schneekoppe, den Kynast, Bad Flinsberg usw. Fern am Horizont erhoben sich nebelhafte Bergrücken. Ich dachte an die Rübezahlsagen und das Elend der schlesischen Weber. Nachdem ich noch eine kurze Strecke die Bimmelbahn benutzt, war ich endlich in Striegau. Die Stadt bietet dem Auge nichts besonderes. Außer etlichen Kirchen fällt nur ein etwa 100 Personen fassendes Zuchthaus für katholische Männer auf. Kirchen und Zuchthaus und mehr noch bleiche, welke und versorgte Gesichter künden, daß wir uns in der „besten aller Welten" befinden. In Striegau wird die Zigarren- und Bürstenfabrikation betrieben, ferner ist die Täschnerbranche als Heimindustrie vertreten, eine große Anzahl Arbeiter sind in den Steinbrüchen beschäftigt. Daß das Kapital die Arbeitenden rücksichtslos ausbeutet, dafür spricht der große Umfang der industriellen Frauenarbeit. In den zwei zuerst genannten Industrien sind zwei Drittel der Beschäftigten Frauen und nur ein Drittel Männer. Die Arbeilerinne» verdienen bei zehnstündiger Fron S bis 6 Mark pro Woche, die Männer erhalten 2 Mark Taglohn. Bei größter Anstrengung erzielen die Heimarbeilerinnen in der Täschnerei ebenfalls einen Wochenverdienst von ö Mark. In der Landwirtschaft bei den Bauern und auf den Rittergütern der Umgebung beträgt der Taglohn der Frauen 60 bis 70 Pfennig, der Männer 1.50 bis I,S0 Mark. Wohlgemerkt ohne Kost, höchstens wird dem Betreffenden ein Stückchen Land zum Bau von Kartoffeln überwiesen. Grinst aus den angeführten, trockenen Talsachen nicht die Schwere des proletarische» Elends heraus, insbesondere aber die Ausbeutung und Belastung der Frau? Sie lassen mit Händen die Ursache der Erwerbstätigkeit der Proletarierin greifen: Die Unzulänglichkeit des Lohnes, den der Mann heimbringt; sie zeigen, daß für den Kapitalisten die Frau ein noch einträglicheres Ausbeutungsobjekt als der Mann ist, sie wird mit der Hälfte, ja noch weniger seines Verdienstes abgespeist. Erfreulicherweise erwacht in den Arbeiterinnen und Arbeiter» von Striegau die Einsicht, daß sie die Pflicht haben, sich bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfe». Die Versammlung, in der ich über „die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation" sprach, war sehr gut besucht und brachte dem Fabrikarbeiterverband 30 neue Mitglieder. Von Striegau ging es nach Schweidnitz. Hier sind die verschiedensten Industrien vertreten, die Textilindustrie aber herrscht vor. Zwei Drittel der verwendeten Arbeitskräfte sind Frauen. Das Unternehmertum betrachtete sicherlich die Bestrebungen, den Arbeitern und Arbeite rinnen durch die Macht des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses mehr Brot, besseres Brot zu verschaffen, mit nichts weniger als freundlichem Auge. Dafür sprach ein bezeichnender Vorfall. In der großen mechanischen Weberei Rosenthal waren einige Einladungszettcl zu der einberufenen Versammlung im Abort angeklebt worden. Diese Schandtat sollte bestraft werden. Am Mittag des Versammlungstags erschien in der Fabrik ein Anschlag, der besagte, daß eine Belohnung von 20 Mark für die Nennung des Frevlers ausgesetzt sei. Um 4 Uhr nachmittags verkündete ein zweiter Anschlag, daß im nächsten Jahre sämtlichen Leuten die Nutznießung des Stückchen Ackerlandes entzogen würde, wenn der Name des Übeltäters nicht genannt werde. Da weder das Versprechen noch die Drohung jemand zum Denunzianten werden ließ, kündigte die Firma willkürlich zwei Personen, darunter einem Svjährigen Manne, der bereits seit zehn Jahren im Betrieb tätig war. Die Herren Kapitalisten verfallen auf die kleinlichsten und schäbigsten Schikanen, um„ihre" Lohnsklaven an der Ausübung ihres Koalitionsrechts zu hindern. Nun trotz alledem war unsere Versammlung sehr gut besucht, denn das Gewerkschaftskartell hatte gut vorgearbeitet. Erfolg: Gründung einer Zahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes mit 35 Mitgliedern. In Liegnitz hätte die Versammlung im Verhältnis zu den sehr zahlreichen Arbeitern und Arbeiterinnen am Orte weit besser besucht sein sollen. Dem Verbände wurden S Personen gewonnen. In Peterswaldau(Eulengebirge) hatte ich Gelegenheit, die Lebenshaltung der Tabakarbeiter und-Arbeilerinnen kennen zu lernen. Sie spottet jeder Beschreibung, liebe Otti! Erklärlich ist sie dafür nur zu sehr, sobald man die Höhe oder richtiger die Niedrigkeit der Löhne betrachtet. Pro Hundert erhalten die Wickelmacherinnen 18 bis 21 Pfennig, die Roller 35 bis 40 Pfennig. Wer die verkümmerte», abgezehrten Gestalten der Tabakarbeiter und-Arbeiterinnen sieht und ihre mehr als dürftige Lebensweise beobachtet, der ruft mit Lassalle empört und entsetzt aus:„Diese verdammte Bedürfnislosigkeit!"' Schmalhans ist Küchenmeister. Tagaus, tagein trägt er in der Hauptsache nur Kartoffeln, Brot und Zichorienbrllhe auf. Ich wohnte dem Mittagessen einer Familie bei, wo der Mann zu den besser gelohnten Arbeitern gehört. Er allein erhielt zu den obengenannten „Gerichten" ein kleines Stückchen Bulter:„Er verdient ja besser", meinte die Frau fast entschuldigend ob solcher„Schlemmerei". Bei nicht wenigen Familien langt es nicht einmal Sonntags zu einem ordentlichen Fleischgericht. Die Wohnungsverhältnisse sind entsprechend traurig. Abgesehen von dem niedrigen Einkommen der Arbeiterbevölkerung trägt die Habgier der Hausagrarier das ihrige dazu bei. Ein Zimmer kommt 120 bis 180 Mark Jahrcsmiete. Sehr viele Familien müssen sich deshalb als Heim mit einem einzigen Zimmer begnügen, in dem gewohnt, gekocht, gearbeitet, gewasche» und geschlafen, geboren und gestorben wird Die gesundheitlichen und sittlichen Folgen dieses schauerlichen Standes der Dinge liegen auf der Hand. Das Wohnungselend, eines der schrecklichsten Übel unserer Zeit, ist nicht bloß in den Großstädten, sondern überall zu treffe», wo Menschen von Menschen ausgebeutet werden. Nach dem Vorstehenden wird es Dich, liebe Otti, nicht wundernehmen, daß in Peterswaldau vom Kinde bis zur Greisin alles in dürftigster Kleidung und bloßen Füßen geht. Nicht etwa, weil die Leute auf die Kneipp- fur oder irgend einen Naturapostel schwören, sondern weil Stiefel und Strümpfe für einen Lurus gelten, der nur" besseren Leuten" erlaubt ist. Als verhängnisvoller Begleiter der Armut und Unwissenheit des arbeitenden Volkes tritt auch in der Gegend Schlesiens, wo ich agitierte, überall der Fuselgenuß auf. Stelle Dir vor, liebe Otti, daß in den größeren Dörfern beinahe jedes dritte Haus eine Schnapsbrennerei, einen Schnapsladen hat! Die Leute suchen sich gegen die Forderungen ihres ungenügend ernährten, erwärmten, ausgeruhten Körpers, gegen die vielerlei qualvollen Sorgen ihrer Existenz zu betäuben. Sie finden nur eine Verschärfung ihres Elends und das Schlimmste: Gleichgültigkeit, Stumpffinn gegenüber ihrer Lage. Der Schnapsteufel erweist sich damit als Verbündeter der Krautjunker und Schlotbarone. Er trägt das Seinige dazu bei, daß die werftätigen Massen„ bescheiden und zufrieden", indifferent und willenlos bleiben und sich widerstandslos der härtesten Ausbeutung, den traurigsten. Existenzbedingungen fügen. Indem die moderne Arbeiterbewegung das Bewußtsein dieser armseligen Bevölkerung für das wirtschaftliche und geistige Elend ihrer Lage weckt, ihre Bedürfnisse steigert und veredelt, ihr die Berechtigung und Notwendigkeit des Kampfes um bessere Verhältnisse predigt: tritt sie in jeder Hinsicht als Trägerin höherer Kultur auf. Aber freilich bedarf es unendlicher Aufklärungsarbeit und unendlicher Geduld, damit die moderne Arbeiterbewegung auch in diesem einen der vielen schwarzen Winkel Deutschlands festen Fuß faßt und die Mühseligen und Beladenen zu höherer, edlerer Menschlichkeit emporhebt. Der Anfang dazu ist gemacht und an weiterer Arbeit wird es nicht fehlen. Das ist die feste, hoffnungsreiche Überzeugung, mit der ich heimfuhr. Mit ihr sei in treuer Freundschaft gegrüßt von Notizenteil. Deiner W. K. Der Kampf der Textilarbeiter in Crimmitschau. ,, Crimmitschau wird Luftkurort", diese Bemerkung eines Ausgesperrten kennzeichnet treffend den vollständigen Wechsel, der sich dank der Zehnstundenbewegung in der Physiognomie der Stadt vollzogen hat. Keine dunklen Rauchsäulen entsteigen mehr den hochragenden Schloten. Kein dicker, von Kohlenstaub geschwängerter Dunstschwaden lagert über den Häusern und erfüllt die Straßen. Wie weggeblasen ist der Strom hastig vorwärtseilender, abgehetzter, ausgemergelter Männer und Frauen, junger und alter Leute, der morgens von 5 bis 6 Uhr, mittags und abends in den Straßen und Gäßchen flutete, welche nach den zahlreichen Betrieben der Textilindustrie führen. Vor den Toren der Fabriken selbst in den gegebenen Tageszeiten nicht länger ein Gewimmel, ein Schieben und Drängen. Kein Lastfuhrwerk mit Kohlen, mit Ballen von Rohmaterialien oder Waren holpert schwerfällig durch die Straßen. Verstummt ist das Rasseln und Surren, das sonst überall aus Fabriksälen tönt. Das Räderwerk steht in 81 Betrieben still, keine Spindel dreht sich hier in schwindelndem Tanze, fein Schiffchen fliegt raftlos hin und her. Wahrhaftig, man fönnte meinen, ein Zauberstab habe das gewerbfleißige Leben Grimmitschaus mit einem Schlage zum Stillstand gebracht. Und ist es denn nicht ein böser Zauber, ist es nicht die Macht des Goldes gewesen, die gebot: ,, Alle Räder stehen still!" Was die Textilarbeiter Crimmitschaus durch jahrelanges geduldiges Zuwarten, durch wochenlange, friedfertige Verhandlungen vermeiden wollten: eine empfindliche Störung des wirtschaftlichen Lebens, das hat das Unternehmertum skrupellos heraufbeschworen. Es hat aus den großen Lohnkämpfen, welche in der Textilindustrie Deutschlands in den letzten Jahren ausgefochten wurden, kein Verständnis für die Lage seiner Lohnsklaven und Lohnsklavinnen, keine gerechte Beurteilung ihrer Forderungen gelernt. Daß die Herren Fabrikanten feine Verständigung wollten, sondern eine brutale Machtprobe, bekundeten sie dadurch, daß sie es ablehnten, das Gewerbegericht als Einigungsamt anzurufen, wie es die Arbeiter vorgeschlagen hatten. Trotzdem setzten die Vertreter derselben die Verhandlungen in der Absicht fort, zu einer Verständigung zu gelangen. Die Unternehmer fügten zur Halsstarrigkeit gegenüber den erhobenen Forderungen den bitteren Hohn. Sie, die bösartigsten Gegner jeglicher Sozialreform, insbesondere aber der gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit, rieten den Ausgebeuteten, ihre Bewegung aufzugeben und sich an den Reichstag um Einführung des gefeßlichen Normalarbeitstags zu wenden. Sie erklärten sich schließlich zu einer Verkürzung des Arbeitstags von 15 Minuten bereit, forderten aber dafür„ reine" Arbeitszeit, das heißt das Waschen der Arbeiter und Arbeiterinnen sollte nicht mehr wie bis jetzt vor, sondern erst nach Arbeitsschluß erfolgen dürfen. Die Arbeiter wollten ihrerseits 151 ihre Forderungen herabmindern und sich mit einer Herabsetzung des Arbeitstags um 3/4 Stunden und einer Lohnsteigerung von 6 Pfennig begnügen. Die Anregung zu dem Abschlag war von Stadtrat Dr. Pusch ausgegangen, der die entsprechend formulierten Forderungen zu billigen schien. Seine Zustimmung zu ihnen knickte jedoch in Gegenwart der Textilgewaltigen jämmerlich zusammen. Als die Vertreter der Arbeiterschaft sich mit 15 Minuten fürzerer Arbeitszeit nicht zufrieden erklärten, schleuderte er ihnen die völlig aus der Luft gegriffene Behauptung entgegen:„ Die besseren Arbeiter wollen feinen Streit, nur gewisse Führer, die an der Parteifrippe siten, wollen. eine Machtprobe." Am Abend des nämlichen Tages, wo diese Verhand lungen stattgefunden hatten, sollten die Arbeiter und Arbeiterinnen in fünf öffentlichen Versammlungen Stellung zu der Situation nehmen. Vier dieser Versammlungen, die in Crimmitschau selbst einberufen waren, verfielen der Auflösung, weil auswärtige" Redner, nämlich Kollegen aus Chemnitz, Zwickau usw. das Wort ergriffen; nur die Versammlung in dem Vorort Leitelshain konnte tagen. Trotzdem ge= langte in vier Versammlungen eine Resolution zur Annahme, welche den festen Entschluß der Arbeiter und Arbeiterinnen aussprach, an den erhobenen maßvollen und gerechten Forderungen festzuhalten und den aufgedrungenen Kampf aufzunehmen. Da die Betriebsinhaber die Rücknahme der Kündigungsscheine von der bedingungslosen Weiterführung der Arbeit abhängig gemacht hatten, so schlossen sich am darauffolgenden Sonnabend die Tore von 74 Fabriken für das Crimmitschauer Textilproletariat. Acht Tage darauf wurde die Aussperrung bei zwei weiteren Firmen perfekt, und am 5. September setzen die beiden letzten Betriebe etwa 500 Männer und Frauen aufs Pflaster. Ausgesperrt oder ausständig sind zurzeit 3126 Männer, unter denen sich 2071 Familienväter befinden. 3434 Frauen stehen im Kampfe darunter 1359 verheiratete. 2107 der betroffenen Arbeiter und 1694 der Arbeiterinnen gehören dem Verband an; die organisierten Kämpfenden haben 3606, die unorganisierten 955 Kinder zu versorgen. Die Männer und Frauen, welche die Bewegung für den Zehnstundentag tragen, haben eine vorzügliche Haltung. Sie wollen sich weder eineinschüchtern, noch provozieren lassen. Das verdient um so mehr Anerkennung, als die Unternehmer und Behörden im Bunde ihr Möglichstes tun, die Ausgesperrten zu erbittern und aufzuregen. Arbeiter, die 10, 20 und 30 Jahre in dem gleichen Betrieb sich für fremden Reichtum ausbeuten ließen, haben die Kündigung erhalten. Die Behörden nüßen jede Handhabe zur Beeinträchtigung des Versammlungsrechtes, des Streikpostenstehens usw. aus. In den ersten Tagen des Kampfes allein wurden mehr als 60 Personen wegen Postenstehens notiert und zum Teil fortgeführt. Und dies obgleich eine Entscheidung des Reichsgerichts das Streitpostenstehen als erlaubt und zulässig erklärt hat. Verhaftete Streikposten sind gemeinen Verbrechern gleich behandelt worden. Minderjährige Ausgesperrte wurden aus den Versammlungen gewiesen. Ein Gendarmerieaufgebot ward nach Crimmitschau entsendet. " Der Kampf ermöglicht es Tausenden von Ausgesperrten, zum erstenmal Werktags ein paar Stunden ihrer Gesundheit und dem Naturgenuß widmen zu können. Auf den Promenaden und Plätzen sieht man ungewohnte Erscheinungen! Arbeiterfrauen, welche Kinderwagen schieben oder ihre Kleinen an der Hand führen. Die Bänke im Bismarckhain sind mit typischen abgezehrten, hüstelnden Webergestalten, mit jungen Arbeiterinnen besetzt, welche das Häkel- oder Strickzeug zur Hand haben. Es werden Fabrikausflüge in die Umgebung unternommen, wo die unfreiwillig Feiernden bei einer" Bemme" und einem Glas Einfachen"" schlemmen". Wie oft hört man dabei nicht:„ Wir müssen jetzt jede Stunde außnüßen, um die frische Luft zu genießen, wir können wieder lang genug in den verstänkerten Buden stehen". Verhältnismäßig wenige Ausgesperrte besuchen das Wirtshaus und der Verkehr daselbst ist ganz gering. Wenn trotzdem die Wirte ihre Lokalitäten gern zu Kontrollversammlungen geben, so tun sie es, um ihre Sympathie mit den Kämpfenden an den Tag zu legen. Besondere Erwähnung verdient die feste besonnene Haltung der Arbeiterinnen, die an dem Kampfe beteiligt sind. Sie sind schlimmer, wie die Männer", meinte ein Fabrikant. Eifrig und zuverlässig erfüllen sie die ihnen übertragenen Pflichten: Kontrolllisten zu führen, Streifposten zu beziehen usw. Manch eine Arbeiterin bringt dabei den Kinderwagen mit." Posten sollen wir nicht stehen, aber unsere Kinder dürfen wir doch spazieren fahren", erklärte mir eine von ihnen. Sicherlich werden die kämpfenden Spinnerinnen und Weberinnen auch der wichtigen Pflicht voll gerecht, sich ohne Murren und Verzweiflung mit allen Entbehrungen und Härten des wirtschaftlichen Krieges abzufinden, den Mut des Gatten, Vaters und Bruders, die Kampfesfreudigkeit der Kameraden wieder und wieder zu stärken und neu zu befeuern. Ein einsichtsvolles und tapferes Weib am häuslichen Herde ist der beste Bundesgenosse des kämpfenden Mannes. Gerade die Proletarierinnen haben das größte Interesse an dem erfolgreichen Ausgang des Kampfes. Wichtiger, segensreicher noch als für die Männer ist für sie die Verkürzung des Arbeitstags. Sehr richtig erklärte eine Arbeiterin in öffentlicher Versammlung:„ Wir haben nach der elfstündigen Wir haben nach der elfstündigen Arbeitszeit noch stundenlange Hausarbeit, ohne Schädigung der Gesundheit und der Familie können wir das nicht leisten." Wie wenig die Frauen von dem Wohlwollen der heutigen Unternehmer zu hoffen haben, beweist ihnen eine Tatsache. Trotz aller Vorstellungen haben die Herren die vom Gesetz fakultativ vorgesehene anderthalbstündige Mittagspause für verheiratete Arbeiterinnen nicht eingeführt. Wer darum ersuchte, ward kurzerhand entlassen. Da sich Crimmitschau sehr in die Länge ausdehnt, müssen viele Arbeiterinnen darauf verzichten, das tärgliche Mittagessen daheim zu verzehren. Der zweimalige Weg würde die einstündige Pause vollständig aufbrauchen. Einrichtungen zum Aufwärmen des Essens gibt es aber nur in wenigen Fabriken, so daß gar manche Arbeiterin sich tagsüber mit trockenem Brote und kaltem Kaffee oder einer Flasche Bier begnügen muß. Nur die geschlossene Macht der Arbeiter und Arbeiterinnen kann den Industrieproßen die Einsicht einpauten, daß sie den Ausgebeuteten das Recht, menschlich zu leben, nicht auf die Dauer vorenthalten können. Möchten die Crimmitschauer Proletarierinnen auch in den düsteren Tagen bitterer Sorgen und Entbehrungen nicht vergessen, daß von ihrem Mut, ihrer Opferfreudigfeit, ihrer Ausdauer ganz wesentlich der Erfolg der Zehnstundenbewegung abhängt. Möchten sie, den Meeraner Schwestern gleich, durch ihre Tapferkeit und Festigkeit die Wankelmütigen und Zag haften mit Kraft und Kampfestüchtigkeit erfüllen. Das Bewußtsein, daß der denkende Teil des Proletariats solidarisch fühlend und handelnd hinter ihnen steht, wird sie stärken. Sie werden sich der Ehre würdig erweisen, in den vordersten Reihen der ausgebeuteten und gefnechteten Arbeiterklasse für eine segensreiche Reform zu streiten. E. F., Meerane. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Über den Stand der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenorgani sation in Deutschland in 1902 veröffentlicht Genosse Legien wie alljährlich im Korrespondenzblatt der Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands"( Nr. 33) einen interessanten, lehrreichen Überblick. 26 von den 60 gewerkschaftlichen Zentralverbänden, welche der Generalfommission angegliedert waren, weisen eine weibliche Mitgliederzahl von 28 218 auf. In den Berufen, für welche diese 60 Zentralverbände bestehen, waren nach der Gewerbezählung von 1895 insgesamt 5 016 291 Arbeiter tätig, darunter 901 373 Arbeiterinnen. Aber während davon 704 988 männliche Arbeiter 17,29 Prozent organisiert waren, entfielen auf die weiblichen Arbeiter nur 28 218, das ist 3,13 Prozent organisierte. Über die Entwicklung des weiblichen Mitgliederstandes der Ge wertschaften in den letzten 11 Jahren gibt folgende Tabelle Aufschluß, der wir zum Vergleich auch die Zahl der männlichen Mitglieder beifügen. Es waren in Zentralverbänden organisiert: 1892 Arbeiterinnen 4355 Arbeiter 1893 5 384 1894 5251 1895 6 697 1896 15 265 232 739 218 146 241 243 252 488 313 965 1897 14 644 1898 13 481 1899 19 280 1900 22 844 397 715 480 261 561 193 657 583 1901 23 699 1902 28218 653 811 704.988 Die Zahl der weiblichen Mitglieder ist demnach von 23 699 im Jahre 1901 auf 28 218 im Jahre 1902 gestiegen, also um 4519 oder 19,00 Prozent. Die Zahl der männlichen Mitglieder hat sich dagegen in diesem Zeitraum nur um 8,2 Prozent vermehrt. Daß trotz dieser sehr erfreulichen Steigerung des weiblichen Mitgliederstandes insgesamt erst 3,13 Prozent der in Frage kommenden Arbeiterinnen organisiert sind, redet eindringlich von der großen Arbeit, die in dieser Beziehung noch von den Genossinnen zu tun ist. Einzelne Verbände weisen allerdings schon einen ansehnlichen Prozentsatz organisierter Arbeiterinnen auf. So sind im Verband der Buchbinder 20,26 Prozent, bei den Schuhmachern 20,29 Prozent, bei den Buchdruckereihilfsarbeitern 14,94 Prozent und bei den Metallarbeitern 13,22 Prozent der be: treffenden Arbeiterinnen organisiert. In den anderen Gewerkschaften ist der Prozentsatz der organisierten Arbeiterinnen aber noch sehr gering, und in einzelnen Berufen gehört noch keine einzige Arbeiterin Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( 3undel) in Stuttgart. 152 dem Verbande ihrer Berufsgenossen an. Nur in 15 von den 26 Verbänden mit weiblichen Mitgliedern haben diese um insgesamt 4950 zugenommen. Die übrigen 11 Verbände haben bedauerlicherweise 431 organisierte Arbeiterinnen verloren. Den stärksten Verlust weiblicher Mitglieder erfuhren der Verband der Holzarbeiter mit 99, ihm folgt der Verband der Tapezierer mit 84 usw. Die meisten weiblichen Mitglieder gewann der Textilarbeiterverband, den im Vorjahr 2636 Arbeiterinnen beitraten. Die Gewerkschaft der Metallarbeiter und Handlungsgehilfen erhielten mit 993 und 568 einen guten Zuwachs an weiblichen Mitgliedern. Die nachstehende Tabelle gibt über die Bewegung des weiblichen Mitgliederstandes in den Gewerkschaften flare Auskunft. Brauer. Buchbinder Zahl der weiblichen Mitglieder. Organisation Buchdruckereihilfsarbeiter Zahl der weiblichen Mitglieder 1901 1902 Zunahme Abnahme Von den weiblichen Berufsangehörigen find organisiert in Prozenten 10 46 36 8,90 2838 2835 3 20,26 958 922 36 14,94 Bureauangestellte. 2 9 7 Fabrikarbeiter 3509 3485 24 5,81 Gemeindebetriebsarbeiter 17 17 4,39 Glasarbeiter. 60 33 27 0,95 Handels, Transport und Verkehrsarbeiter. 58 117 59 0,57 Handlungsgehilfen. 324 892 568 Lagerhalter 11 17 6 } 0,99 Handschuhmacher 89 61 28 3,67 Holzarbeiter 652 553 99 4,78 Hutmacher 149 212 63 4,77 Konditoren 7 18 11 0,87 63 63 4,48 86 43 43 2460 3453 993 13,22 364 309 55 3,61 60 30 30 1,91 636 834 198 0,87 1773 1954 181 20,29 5463 5533 70 9,12 50 92 42 84 ? 84 4018 6654 2636 2,11 Summa 38 36 23699 28218 4950 431 2 5,33 3,13 4519 4519 Kürschner. Masseure Metallarbeiter Borzellanarbeiter Sattler Schneider. Schuhmacher. Tabakarbeiter Zigarenfortierer Tapezierer Textilarbeiter Vergolder. Der übersichtliche und tatsachenreiche Bericht weist im Anschluß an die zusammengestellten Ziffern mit Recht auf die Notwendigkeit fleißigster Agitations und Organisationsarbeit unter dem weiblichen Proletariat hin und erinnert in dieser Beziehung an die Beschlüsse des letzten Gewerkschaftskongresses. Wir werden in der Folge noch auf die wichtige Materie zurückkommen. Aus dem Bericht im allgemeinen seien noch einige wertvolle Einzelheiten herausgegriffen. Vor allem muß die sehr bedeutsame Feststellung hervorgehoben werden, daß trotz der nur geringfügigen Besserung der wirtschaftlichen Lage im Jahre 1902 die Mitgliederzahl der gewerkschaftlichen Zentralverbände von 677 515 in 1901 auf 733 206 gestiegen ist, also eine Zunahme von 55 696 oder 8,2 Prozent erfuhr. Die Gewerkschaftsorganisationen sind in Deutschland genügend erstarkt und kräftig, um auch der Unbill einer Krise Trotz bieten zu können. Es ist das eine der wichtigsten und hoffnungsreichsten Erscheinungen unseres sozialen Lebens. Die Zahl der Zentralisationen hat sich um drei vermehrt. Die oben angeführte Mitgliederzunahme ist jedoch nur zum geringsten Teil hierauf zurückzuführen. Die Gewerkschaftsverbände verausgabten 1902 insgesamt für Unterstützungszwecke 3 845 351 Mark; für das Verbandsorgan und für die Agitation, also für Zwecke der Aufklärung und Bildung, 798 480 Mart beziehungsweise 390 588 Mart; für Streifunterstützung 1 930 329 Mark. Diese Zahlen allein schon reden den Arbeiterinnen überzeugend davon, welcher Schutz, welcher Segen für sie die Organisation bedeutet. Raummangels halber mußte der Artikel:„ Verlängerte Mittagspause oder früherer täglicher Arbeitsschluß für die Arbeiterinnen?" zurückgestellt werden. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.