Nr. 20. Die Gleichheit. 13. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60. Stuttgart Mittwoch den 23. September 1903. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe geftattet. Juhalts- Verzeichnis. Die Erhebungen über die Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiterinnen in Preußen im Jahre 1902. Von M. Gr. Von der Frauenarbeit im Aus der Bewegung. Feuilleton: Königreich Sachsen. Von R. A. Mumu, das Hündchen des Taubstummen. Erzählung von J. S. Turgenjew. Aus dem Russischen übersetzt von L. A. Hauff.( Fortsetzung.) Notizenteil: Einnahmen und Ausgaben einer Berliner Arbeiterfamilie. Von M. Jeetze- Berlin. Der Kampf der Textilarbeiterschaft von Crimmitschau. Weibliche Fabrikinspektoren. Soziale Gesetzgebung. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung. Verschiedenes. Weberlied. Gedicht von Luise Otto. Quittung. Die Erhebungen über die Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiterinnen in Preußen im Jahre 1902. I. Die Gewerbeaufsichtsbeamten und Bergbehörden waren, wie an dieser Stelle schon erwähnt wurde, im Jahre 1902 mit besonderen Erhebungen über die Dauer der täglichen Arbeitszeit der in Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen beschäftigten Arbeiterinnen über sechzehn Jahre und über die„ Zweckmäßigkeit und Durchführbarkeit" einer weiteren Herabsezung der gegenwärtig zulässigen Dauer ihrer täglichen Arbeitszeit(§ 137 der Gewerbeordnung) beauftragt. Diese Erhebungen liegen nun seit einiger Zeit vor und sind in Nr. 16 der„ Gleichheit" vom 29. Juli dieses Jahres schon in ihren allgemeinen Ergebnissen und Absichten eingehend gewürdigt worden. Die Erhebungen sind aber in ihren Einzelheiten so bezeichnend und in den ermittelten Tatsachen und in den abgegebenen Urteilen der Gewerbeinspektoren so wertvoll, daß, wie schon in Aussicht gestellt war, hier noch wiederholt auf sie zurückzukommen sein wird. Der Bericht über die Erhebungen in Preußen, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, bietet ein unvergleichliches, behördlicher seits ermitteltes Material für den Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit. Das ist das Unvergleichliche an diesen Erhebungen, daß Behörden um die gesetzliche Möglichkeit von Einrichtungen befragt werden, deren wirtschaftliche Tatsächlichkeit dieselben Behörden schon von zwei Drittel der in Frage kommenden Personen berichten müssen. Denn um das Ergebnis dieser Erhebungen vorwegnehmend zu wiederholen: von 397714 erwachsenen Fabritarbeiterinnen in Preußen hatten 247577 ober 62 Prozent schon im Jahre 1902 einen zehnstündigen, zum Teil noch einen wesentlich kürzeren Arbeitstag und nur 38 Prozent oder 149137 erwachsene Arbeiterinnen hatten eine längere Arbeitszeit. Die wirtschaftliche Entwicklung und auf ihr in bewußter Erkennt nis und Zielklarheit die gewerkschaftliche und politische Bewegung des Proletariats haben also schon einen Zustand geschaffen und erkämpft, in dem die gesetzliche Festlegung des Zehnstundentags für erwachsene Arbeiterinnen zu einer bloßen legislativen Formalität werden wird, die weder wirtschaftlich revolutionieren, noch sozialpolitisch irgendwie eine Tat bedeuten wird seitens der= * Arbeitszeit der Arbeiterinnen über sechzehn Jahre in Fabriken und diesen gleichgestellten Anlagen nach den Erhebungen der Königlich Preußischen Gewerbeaufsichtsbeamten und Bergbehörden im Jahre 1902. Amtliche Ausgabe. Berlin 1903, R. v. Deckers Verlag. Groß 8°. VI 374 S. Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Stuttgart, BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. jenigen, die heute noch die Macht der Gesetzgebung in ihren Händen haben. Damit aber bekommen diese Erhebungen zugleich auch einen Wert, der weit über ihren eigentlichen Zweck und ihre besonderen Ergebnisse hinausgeht. Sie decken, wie kaum jemals amtliche Erhebungen vorher, den klaffenden Gegensaz auf zwischen der sozialreaktionären Rückständigkeit der Regierungen und der bürgerlichen Parteien und der fortschreitenden Macht und Kraft des organisierten Proletariats. Dieser wertvolle Tatbestand wird zum Teil von den Gewerbeinspektoren selbst zugegeben, wenn natürlich auch in einer Form, die sich mit ihrer behördlichen Stellung verträgt. Die Beamten wälzen dabei nicht ohne Zeichen einer gewissen Selbstgenügsamkeit alle Schuld möglichst auf die Unternehmer und deren einseitigen Interessenstandpunkt. So belehrt uns der Berichterstatter für den Gewerbeinspektionsbezirk Köln, daß die gegen die geplanten Änderungen in der Beschäftigungsdauer der Arbeiterinnen seitens der Industriellen vorgebrachten Bedenken von Ausnahmen abgesehen im großen und ganzen dem weitverbreiteten und durch die Interessenvertretungen noch gesteigerten Empfinden entspringen, welches sich nicht mit einem Eingriff in die eigenen Verhältnisse befreunden kann, und zwar auch dann nicht, wenn dieser Eingriff von seiten des Staates zum Schuße des Gemeinwohls erfolgt." Den Standpunkt und das Verhalten der Arbeiter charakterisiert demgegenüber der Berichterstatter für den Regierungsbezirk Potsdam nicht übel, wenn er ausführt: Andererseits aber besteht bei den Arbeitern selbst ein lebhaftes Bestreben nach Verkürzung der Arbeitszeit. Diese Bestrebungen sind schon soweit verwirklicht, daß bereits überall, wo intelligentere Arbeiter in größerer Menge vorhanden und durch Gewerkschafts- oder sonstige Organisationen start geworden sind, also besonders in den Großstädten und Industriezentren, eine nennenswerte Verkürzung der Arbeitszeit erreicht ist, und zwar ohne daß der Verdienst der Arbeiter zurückgegangen wäre. Wo einmal ein Ausfall am Verdienst entstanden war, der durch emfigere Arbeit nicht ausgeglichen werden konnte, da hat die Lohnbewegung eingesetzt und nach kurzer Zeit den früheren Verdienst mindestens wieder hergestellt." Dies Lob der Gewerkschaften ist um so merkenswerter, als es von einer Seite kommt, von der man weiß, daß sie ihre Anerkennung für die Arbeiterorganisationen jederzeit und bei jeder Gelegenheit möglichst dämpfen muß, wenn nicht schon der Für den eigene Wille dieses Dämpfen hinlänglich selbst besorgt. hier an je einem fnappen Beispiel aufgezeigten Gegensatz zwischen Auffassung und Verhalten der Unternehmer und Arbeiter enthalten die Berichte zahlreiche und gleich beachtenswerte Beispiele und Urteile. Bei der Systemlosigkeit und bei der mangelnden einheitlichen Vorbildung und Eindringlichkeit unserer Gewerbeinspektoren im allgemeinen kommen natürlich auch andere Auffassungen zum Vorschein. Immerhin kann man wohl sagen, daß die zwingende und zunehmende Deutlichkeit der wirklichen Verhältnisse für die Dauer doch nicht ohne Einfluß auf die Berichterstatter geblieben ist, und daß schon eine gute Menge eingefleischter Vorurteile dazu gehörte, die wahren Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung und der auf und in ihr bewußt tätigen Menschen gerade bei diesen Erhebungen zu verkennen. Es ist daher auch ganz erklärlich, daß sich bisher die bürgerliche Presse mit den Ergebnissen dieser Erhebungen so überaus wenig eingehend beschäftigt hat und sich meist mit den paar Ziffern begnügt, die im Reichsarbeitsblatt" aus der Enquete zusammen" gestellt werden. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß die meisten Tatsachen, welche die Berichte feststellen, Peitschenhiebe in das Gesicht derjenigen sind, die eine der dringlichsten Arbeiterinnenschutzforderungen mit den nichtigsten Gründen abzuwehren suchen. Was wollen die Reaktionäre aller Orte und aller Farben noch sagen, wenn sie in diesen Berichten aus amtlichem Munde End- urteile, wie zum Beispiel das folgende hören müssen, das der Berichterstatter für Breslau ausspricht:„Nach dem allem kann gesagt werden, daß die gesetzliche Festsetzung einer Arbeitszeit von zehn Stunden durchführbar ist. Der in dieser Herabsetzung der Arbeitszeit liegende Fortschritt ist so bedeutend und für die Kultur, Gesundheit und Sittlichkeit der ganzen Arbeiterbevölkerung auf die Dauer von so heilsamem Einfluß, daß dessen Einführung entschieden befürwortet werden kann.... Soll die Maßregel durchgeführt werden, so muß dies unverzüglich geschehen. Ein so günstiger Zeitpunkt zur Herabsetzung der Arbeitszeit wie der gegenwärtige dürfte später so bald nicht wiederkommen...." Solche Endurteile ließen sich dutzendweise anführen, aber sie wirken erst voll, wenn man sie im ganzen Zusammenhang der einzelnen Berichte genießt. Und darum müssen diese Berichte an all den Stellen, die sie angehen, im Original studiert und ausgenützt werden! Es gibt kaum ein besseres Agitationsmaterial für uns aus den letzten Jahren, das die Behörden selbst für uns zusammengetragen und man könnte fast sagen: für uns eigens präpariert haben, als diese amtlichen Erhebungen über die Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiterinnen. In keiner Arbeiter- und Arbeiterinnenbibliothek sollten sie fehlen, keine Gewerkschaft, keine andere proletarische Organisation sollte sie sich für Referate und Diskussionsabende entgehen lassen; sie bieten nutzbringenden Stoff für lange Zeit. Aus der Fülle der wirtschaftlichen Einzelheiten schaffen sie ein so einheitliches Bild, daß es ohne allen Zweifel von großer Wirkung sein wird, mag die brutale Borniertheit und die Sozialreaktion der herrschenden Gewalten sich auch noch so sehr dagegen wehren. Dieser Wert der festgestellten Einzelheiten der wirtschaftlichen Entwicklung soll an ihnen selbst hier in einem zweiten Artikel nachgewiesen werden. K. Kr. Von der Frauenarbeit im Königreich Sachsen. Einige der schönsten und ergreifendsten Stellen in Emile Zolas herrlichem Roman:„Die Arbeit", sind diejenigen, in welchen der Dichter Josine, die zarte Frau des brutalen, trunksüchtigen Ragu, die Lukas vor dem Elend, vor der Erniedrigung und der Prostitution bewahrt hat, mit der Arbeit symbolisch vergleicht, die er retten, heben und veredeln will. Schon hat Lukas viel erreicht, schon viel Glück und Wohltun verbreitet, allein er„kann nicht eher froh und zufrieden sein, als bis er Josine glücklich" sieht. Die Stellung Josines, des Weibes, ist hier Zola der Maßstab zur Wertschätzung des gesellschaftlichen erreichbaren Glückszustandes, und es ist sehr natürlich, daß gerade die betreffenden Stellen auf uns, deren Ideal eine Erneuerung der Gesellschaft und damit eine freie, würdige Stellung für die Frau ist, so packend und anziehend wirken. An Zolas Maßstab gemessen ist die„Arbeit" in Sachsen am entferntesten von dem Zustand, in dem sie der Dichter so gern gesehen hätte. Oder anders ausgedrückt: in Sachsen wird die Frauenarbeit am fluchwürdigsten ausgebeutet. In welchem Umfang in Sachsen die weibliche Arbeitskraft benutzt wird, das erweisen die Ziffern der Statistik. Während in dem Zeitraum von 1882 bis 189S, also binnen dreizehn Jahren, die Zunahme der erwerbenden Männer in ganz Deutschland IS, 78 Prozent der Gesamtbevölkerung betrug, ist die Zahl der erwerbstätigen weiblichen Personen um 18,71 Prozent gestiegen. In der Industrie hat die Zahl der erwerbstätigen Männer eine Steigerung um 28,3 Prozent erfahren, die der Frauen aber um 35 Prozent! 1882 hatte man von 1126976 in Industrie und Bergbau beschäftigten weiblichen Personen 13,21 Prozent verheiratete gezählt, 1895 war der Prozentsatz für 1521113 der betreffenden weiblichen Erwerbstätigen auf 16,48 Prozent gestiegen. Nach der Reichsaufnahme des Jahres 18�9 über die Fabrikarbeit verheirateter Frauen gab es damals in den inspektionspflichtigen Betrieben allein 229334 verheiratete Arbeiterinnen. Welch unermeßliche Summe vernichteten Familienglücks liegt nicht in dieser Zahl! Weit bedeutender jedoch als in Deutschland im allgemeinen ist in Sachsen die Ausdehnung der Erwerbsarbeit der Frau, insbesondere aber ihre industrielle Verwendung. Innerhalb der grünweißen Grenzpfähle überwiegt die weibliche über die männliche Bevölkerung. Bei der letzten Volkszählung(1. Dezember 1909) wurden hier neben 2043148 männlichen 2159068 weibliche Personen ermittelt. Auf das weibliche Geschlecht entfällt also ein Überschuß von rund 116000 Köpfen. Bei der zunehmenden wirtschaftlichen Zerbröcklung der Familie und ihrer wachsenden Ohnmacht, einem größeren Kreise von Personen den Unterhalt zu sichern, drängt schon der angeführte Umstand zahlreiche Frauen zur Erwerbstätigkeit. Er bedingt, daß sie von vornherein nicht auf die Ehe als auf eine Versorgungsanstalt rechnen können, sondern ihr eigenes Brot essen müssen. Noch weit größer aber ist das Heer weiblicher Erwerbstätiger, das ein anderer Umstand dem Wirtschaftsleben Sachsens, vor allem der Industrie zuführt. Es ist dies die niedrige Entlohnung der Männerarbeit. Im Lande der Wahlentrechtung feiert der ausbeutende Kapitalismus seit laugen Jahrzehnten wahre Orgien auf Kosten der ausgebeuteten proletarischen Arbeit. In der Fabrik- wie in der Heimindustrie hört man hier von Wochenverdiensten der Familienväter, die das Herz zusammenkrampfen machen. Wie soll der Hausvater für die Seinen sorgen, wie soll er seine Kinder behausen, nähren, kleiden, erziehen, wenn er in der Woche nicht mehr als 10, 9, ja 3 Mark und weniger verdient? Da ist denn der Mitverdienst der Frau eine eiserne Notwendigkeit, von der keine Mutterpflicht entbindet, sondern zu der die Multerpflicht zwingt. Ehe die Mutter daran denken darf, ihre Kleinen zu pflegen und zu erziehen, muß sie danach trachte», ihnen ein Dach und Brot sichern zu können. Als eine der klassischen Stätten der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland ist Sachsen auch ein klassischer Boden für die Frauenausbeutung geworden. 1875 waren daselbst 521414 Frauen erwerbstätig, das sind mehr als 24 Prozent der gesamten weiblichen Bevölkerung. Im Rheinland und in Westfalen, die doch auch industriell hoch entwickelt sind, stellen sich die betreffenden Verhältniszahlen auf 19,9 bezw. 17,4 Prozent. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Sächsinnen fronden um ihr Brot in der Industrie, nämlich 253941. Im Deutschen Reiche ist damit Sachsen das Land, wo die industriell beschäftigten Frauen den höchsten Prozentsatz der weiblichen Erwerbstätigen überhaupt ausmachen, nämlich 43,7 Prozent. In Baden wurden nur 24,3 Prozent, in Schlesien 22,9 Prozent, in Westfalen 21,8 Prozent, in Hessen-Nassau 17,4 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der Industrie verwendet. Die bereis erwähnte Reichsaufnahme aus dem Jahre 1899 stellte fest, daß reichlich ein Drittel(33,4 Prozent) aller Arbeiterinnen in inspektionspflichtigen Betrieben verheiratet waren: 50762. Im sächsischen Handel und Verkehr waren 54458 weibliche Personen beschäftigt, das sind 10'/» Prozent der erwerbstätigen Frauen. Mit diesem Verhältnis steht Sachsen fast an der Spitze von ganz Deutschland. Eine uns vorliegende Statistik rühmt es als„ein Glück", daß in den industriellen Betrieben die Zahl der jugendlichen Arbeiterinnen unter 16 Jahren eine„verhältnismäßig geringe" sei. Es wurden jedoch mehr als 19000 solcher Arbeiterinnen gezählt, die kaum der Schule entwachsen und im Hinblick auf ihre körperliche wie ihre geistige Entwicklung noch im höchsten Grade schonungsbedürftig waren. Sogar die„gesinnungstüchtigen"„Leipziger Neuesten Nachrichten" konnten gegenüber dieser Zahl nicht die bange Frage unterdrücken: „Was soll aus jener Mädchenarmee von 19000 blühenden Leben werden, wenn sie in diesem Alter nicht mehr Schonung genießen?" Als ob der Kapitalismus sich um die Antwort auf diese Frage kümmerte! Er hat je und je auf die Schonung gepfiffen, deren das proletarische Leben bedarf. Und wenn er trotz seines unersättlichen Appetits nach hohen Profiten, nach den billigsten und willigsten, widerstandsunfähigsten Arbeitskräften in Sachsen nicht mehr als die angegebene Zahl jugendlicher Arbeiterinnen sich tributpflichtig macht, so ist das nicht etwa auf Rechnung der Humanität und Rücksichtnahme der Herren Unternehmer zu setzen. Die Sache hat vielmehr ihren— Haken. Die Gesetzgebung zwingt den Kapitalisten ein winziges Mehr an Schutz für die jugendlichen Arbeiterinnen auf. In vielen Betrieben aber, die hauptsächlich weibliche Arbeitskräfte verwenden, wie in den Spinnereien, Webereien, Kartonnagefabriken usw., greifen die verschiedenen Verrichtungen derart ineinander, daß die gesetzlichen Vorschriften zugunsten der jugendlichen Arbeilerinnen auch den erwachsenen gewährt werden müßten, wenn beide nebeneinander schaffen. Davon aber will der Unternehmer nichts wissen. Wird auch durch die kürzere Arbeitszeit sein Profit nicht geschädigt, so schrumpft doch die Zeit zusammen, in welcher die Arbeiterin seinem ausbeutenden Herrenrecht untersteht, die Zeit ist größer, in der sie sich selbst gehört, in der sie zu denken, zu lernen und zu kämpfen vermag. Und das soll vor allem verhindert werden. Die Hausindustrie aber bietet außerdem überreichliche Gelegenheit, die halben und ganzen Kinder schonungslos bis zur Verwüstung ihrer Kräfte auszunutzen. Leider fehlt es an einer umfassenden, zuverlässigen Statistik über das Einkommen, den Lohn der erwerbstätigen Frauen in Sachsen. 155 Sie erst würde uns das ganze Maß der Ausbeutung enthüllen, welche die weibliche Arbeitskraft hier erfährt. Daß in den verschiedensten Erwerbszweigen Wochenverdienste der Arbeiterinnen von 4, 5, wenn es hoch kommt 6 Mart, keine Seltenheit sind, ist bekannt. Es gibt große sächsische Industriebezirke, wo die prächtigsten Villen den reichen Ertrag der Arbeit künden, und wo die Lohnsklavinnen sich glücklich preisen, wenn sie längere Monate hindurch 10 Mark pro Woche verdienen. Die Hungerlöhne der erzgebirgischen Spitzenklöpplerinnen und der weiblichen Hilfskräfte in der Musikinstrumentenfabrikation haben geradezu Weltruf erlangt. Die Entbehrungen der Textilarbeiterinnen im Vogtlande, in der Lausitz, in der Gegend von Meerane, Crimmitschau, Glauchau sind sprichwörtlich geworden. Die sächsischen Tabatarbeiterinnen, die zum großen Teil bei Heimarbeit schaffen, verdienen unter äußerst ungesunden Bedingungen zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Andere Berufe zeigen das gleiche traurige Ginerlei. Nicht übertreibung, schreckensvolle Wirklichkeit ist es, daß die große Mehrzahl der weiblichen Erwerbstätigen in Sachsen ein Dasein fristet, das in schneidendem Widerspruch zu dem Reichtum, der Kultur unserer Tage steht, ein Dasein, das den Müttern des Volkes die wichtigste Vorbedingung für das Tragen, Gebären und Erziehen eines gesunden Geschlechtes raubt. Von den vielfachen verhängnisvollen Folgen der kapitalistischen Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft sei für heute nur diese eine hervorgehoben, die brutalste, wahnwißigste, verbrecherischste von allen. Es ist nicht bloß die dem Säugling vom Kapitalismus entzogene mütterliche Nahrung und Pflege, es ist auch die von ihm verschuldete Degeneration der Frau, die in der hohen Sterblichkeitsziffer der Kinder zartesten Alters zum Ausdruck gelangt. Auch im Betreff der Kindersterblichkeit steht Sachsen an erster Stelle, die Zahlen, die das erweisen, sind ein bleibendes Dentmal von der kapitalistischen Schmach. Von 1000 lebend geborenen Knaben starben zum Beispiel im ersten Jahre ihres Daseins auf dieser ,, besten aller Welten" im Regierungsbezirk Arnsberg 160,0; im Regierungsbezirk Düsseldorf 188,2; im Regierungsbezirk Schlesien 300,7; im Königreich Sachsen 300,7! In den Gegenden Sachsens, wo die Textilindustrie, die Spielwaren- und Musikinstrumentenindustrie zu Hause ist und sehr viel weibliche Arbeitskräfte verwendet werden, stieg der Prozentsatz fogar bis auf 320,0. In der Erhebung von 1899 über die Fabrikarbeit verheirateter Frauen lesen wir zu diesem traurigen Kapitel aus Plauen i. V.: Die Säuglingssterblichkeit ist in Plauen, während die Gesamtsterblichkeit erheblich abgenommen hat, mit der Zunahme der Fabriken beträchtlich gestiegen. Im Mittel befanden sich unter 100 Sterbefällen: " in den Jahren 1800-1824.. 33,8 Säuglinge = = = " 1 = = V M M M . 1825-1839. • 32,4 M 1850-1874. 39,8 und 1875-1879.. 43,9 M V Die letzte Zahl ist ganz auffällig hoch, weil seit dem Jahre 1875 Pockenepidemien nicht vorgekommen sind, die früher wesentlich zur Erhöhung der Sterblichkeit beigetragen haben. Die allgemeine Säuglingssterblichkeit betrug in Sachsen 16,3 Prozent, beziehungsweise nach Abrechnung der Totgeburten 11,2 Prozent, in den Industrieorten stieg sie dagegen auf 27,3 Prozent, 28,2 Prozent, ja sogar auf 34,8 Prozent. Andere Ziffern, aber die gleiche Tatsache, gibt die Sozialforrespondenz" vom 20. Januar 1903. Danach starben von 100 Kindern in Sachsen überhaupt 27,2 Prozent, in der Amtshauptmannschaft Chemniß aber, wo die Textilindustrie Frauenarbeit in ausgedehntem Maße verwendet, 39,2 Prozent. Das grenzenlose Elend der kapitalistischen Frauenausbeutung grinst uns aus diesen Ziffern entgegen! Sie lassen uns im Geiste die Auswucherung der zarten Kräfte des proletarischen Kindes, des halbwüchsigen Mädchens sehen und fühlen, das harte Los der erwachsenen Arbeiterin, die unter der Doppellast der Erwerbsfron und der häuslichen Verpflich tungen fast zusammenbricht, und die sich dank der fargen Entlohnung günstigenfalls höchstens der Quantität, fast nie der Qualität nach genügend zu ernähren vermag. Sie lassen uns vor allem die entsetzlichen törperlichen und seelischen Qualen der Frau sehen und fühlen, die bis zum letzten Augenblick vor ihrer schweren Stunde bei aufreibender, freudloser Arbeit aushalten, die wieder zum Erwerb in das Joch fremden Reichtums muß, noch ehe sich ihr Organismus nach der Entbindung erholt hat, lang ehe der Säugling der mütterlichen Pflege entraten könnte. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Eine Gesellschaftsordnung, welche mit der Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft steigende Kindersterblichkeit erzeugt, die ist vor der Menschlichkeit, vor der Kultur gerichtet. Maßloser Jammer ruft ihr seine Flüche zu. Die vorstehenden Tatsachen müssen in Sachsen auch die gleichgültigste, die stumpfsinnigste Proletarierin zu der Einsicht wachrütteln, daß es zum Heile der Arbeit gilt, den Kapitalismus und seine Ordnung auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiet zu be= fämpfen. Sie sind aber auch dazu angetan, den Mann zu belehren und zu bekehren, der in zopfigem Vorurteil noch immer an der Meinung festhält, daß die Frau nichts im öffentlichen Leben zu suchen habe. Wenn irgendwo, so müssen gerade in Sachsen die Männer und Frauen des Proletariats auf der ganzen Linie gemeinsam den gemeinsamen Feind bekämpfen: den Kapitalismus und seinen politischen Nachtwächter, den Staat, der durch Messen mit zweierlei Maß, der durch schmachvolle Entrechtung und kleinliche Schikanen die Niedertracht der kapitalistischen Ordnung auf die Spitze treibt. Jeder Erfolg in diesem Kampfe wird auch unmittelbar oder mittelbar die Lage der erwerbstätigen Frauen im Lande der Ausbeutung und Reaktion par excellence verbessern. Josine ist in Sachsen unglücklich, sehr unglücklich sogar. Ein dornenvoller, steiniger Weg ist es, der zu ihrem Glücke, der zur Befreiung der Arbeit führt. Sei's drum! In treuer Ideen- und Kampfesgemeinschaft werden ihn die sächsischen Proletarier und Proletarierinnen gehen. R. A. Nus der Bewegung. Stellungnahme der Genoffinnen von Magdeburg zum Parteitag. Am 21. August fand in Magdeburg eine öffentliche Frauenversammlung statt, die sich mit der Beratung der Anträge zum Parteitag beschäftigte, welche die Berliner Genossinnen vorgeschlagen haben. Der Beratung ging ein Vortrag des Genossen Decker voraus über:„ Die Stellungnahme der Frau im Klassenkampf". Der Referent berücksichtigte bei seinen Ausführungen die Magdeburger Verhältnisse und wies an denselben nach, wie notwendig es sei, daß die proletarischen Frauen Anteil am wirtschaftlichen und politischen Kampfe der Arbeiterklasse nehmen und ihre Interessen energisch vertreten. Zur Begründung der Arbeiterinnenschutzforderungen, insbesondere der Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen, brachte er reiches statistisches Material bei, welches zeigte, daß nicht bloß die Arbeiterklasse, daß die ganze Nation ernstlich gefährdet ist, wenn der kapitalistischen Ausbeutung der Proletarierin nicht Halt geboten wird. Die eindringliche Aufforderung des Referenten, die Magdeburger Genossinnen sollten mit Ausdauer weiter arbeiten und kämpfen, die Genossen aber möchten ihnen dabei tatkräftige Förderung angedeihen lassen, wird hoffentlich nicht in den Wind gesprochen sein. Die Anträge zum Parteitag fanden einstimmige Annahme. M. Pannicke. Die erste öffentliche Frauenversammlung in Glauchau fand am 2. September statt. Sie galt der Stellungnahme zu den Anträgen der deutschen Genossinnen zum Parteitag. Das Referat dazu hatte Genossin Fiedler- Meerane übernommen, die es trefflich verstand, den Anwesenden die Berechtigung der vorliegenden Anträge klar zu machen. Ihre Ausführungen wurden durch Genossin Dertel unterstützt, welche außerdem scharf den Gegensatz in der Lage der proletarischen und der bürgerlichen Frau hervorhob und die Proletarierinnen aufforderte, sich zur Verteidigung ihrer Interessen zusammenzuschließen. Leider war damit die Reihe der Rednerinnen erschöpft. Die Frauen stehen in Glauchau als Kleinstädterinnen noch zu sehr unter dem Banne des philiströsen Vorurteils. Sie haben nicht den Mut, aus sich herauszugehen, weil das für eine Frau sich nicht schickt". Nun, hoffentlich weicht allmählich die Scheu, so daß die Frauen beweisen, daß sie ihre Zunge noch zu besserem als zu Gardinenpredigten gebrauchen fönnen. Die Versammlung befaßte sich noch mit der in Aussicht genommenen Gründung eines Frauenvereins für den 17. sächsischen Wahlfreis. Sie wählte eine dreigliederige Kommission, welche die Angelegenheit in die Wege leiten soll. Was die Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands über die erfreulichen Fortschritte der proletarischen Frauenbewegung berichtet hat, soll uns ein Ansporn sein, mit Begeisterung und Ausdauer unsere Kräfte in den Dienst des großen Befreiungskampfes der Arbeitenden zu stellen und durch unsere Tätigkeit den Genossen zu beweisen, daß wir ihre gleichwertigen Mitstreiterinnen sind. ?? Anträge zum Parteitag, die Frauenfrage betreffend. Die Ausdehnung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes auf die Frauen soll die sozialdemokratische Reichstagsfraktion in der nächsten Legislaturperiode im Reichstag bean= tragen. Die Parteigenossen des Wahlkreises Frankfurt a. D. haben zum Parteitag in Dresden einen darauf abzielenden Antrag. eingebracht. Die Frage Eroberung des Frauenwahlrechtes" auf die Tagesordnung des nächsten internationalen Sozialistentongresses zu setzen, beantragen ebenfalls die Genossen des Wahlkreises Frankfurt a. D. Weibliche Delegierte zum Parteitag. Zum Parteitag in Dresden wurden delegiert die Genossinnen Baader, Ihrer und Klotzsch von den Genossinnen in Berlin; Genossin Zieh von den Genossinnen in Altona-Ottensen; Genossin Schmidt vom IL.und 13. sächsischen Wahlkreis; Genossin Jung von den Genossinnen des Wahlkreises Niederbarnim; Genossin Kühler vom Wahlkreis Elberfeld; Genossin Braun vom Wahlkreis Frankfurt a. O.; Genossin Luxemburg von den Wahlkreisen der Provinz Posen; Genossin David vom Wahlkreis Mainz. Die Genossen und Genossinnen des Wahlkreises Dresden-Altstadt wählten Genossin Petermann als Ersatz. Genossin Zetkin nimmt am Parteitag als Mitglied der Kontrollkommission teil. Weibliche Delegierte zur Brandenburger Parteikonferenz. Zur Parteikonferenz der Provinz Brandenburg, welche am 6. September in Berlin tagte, waren acht Genossinnen als Delegierte gewählt worden. Sechs von ihnen vertraten die Berliner Wahlkreise, je eine war von den Kreisen Nieder-Barnim und Teltow- Charlottenburg entsendet. Sämtliche Mandate wurden als gültig anerkannt. An anderer Stelle lesen die Genossinnen, warum es den weiblichen Delegierten nicht möglich war, sich an den Arbeiten der Konserenz zu beteiligen. Nach eingehender Rücksprache hatten die Genossinnen beschlossen, den Antrag der öffentlichen Frauenversammlung nicht einzureichen, welcher für die Arbeiterinnen-Bildungsvereine das Recht forderte, zu Bkatungen und Beranstaltungen zugelassen zu werden, an denen die Beteiligung laut Organisationsstatut von der Zugehörigkeit zu einer Organisation abhängig ist.(Siehe Nr. 19.) Dafür brachten sie eine andere Resolution ein, welche die Genossen verpflichtet, bei dem bevorstehenden Landtagswahlkampf die Forderung des Frauenstimmrechtes nachdrücklich zu vertreten. Die Resolution gelangte einstimmig zur Annahme, ebenso die andere, welche gegen den polizeilichen Ausschluß der Frauen von der Konferenz protestiert. Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Franen. Noch nach der vom Gesetz vorgeschriebenen Auflösung des sozialdemokratischen Frauenvereins für den Kreis Teltow-Beeskow- Charlottenburg setzen die pflichteifrigen Behörden von Tempelhof ihren Kampf gegen die Leiterinnen desselben fort. Genossin T h i e l erhielt aus Tempelhof Befehl, entweder 45 Mark Strafe zu blechen oder aber neun Tage in Haft zu brummen. Der Grund dafür? Sie soll sich am 23. April in Mariendorf einer dreifachen Schuld gegen das preußische Vereinsgesetz schuldig gemacht haben. Sie wird folgender Verbrechen geziehen: 1. Als Unternehmerin eine Versammlung einberufen zu haben, in welcher öffentliche Angelegenheiten— die Mumu, das Hündchen des Taubstummen. Erzählung von I. S. Turgenjew. Aus dem Russischen übersetzt von L. A. Hauff.' (Fortsetzung.) Klimow warf einen gleichmütigen Blick auf seinen zerlumpten Rock, seine mangelhaft geflickten Hosen und betrachtete mit besonderer Aufmerksamkeit seine zerrissenen Stiefel, besonders den einen, aus dessen Spitze so niedlich die Zehen hervorsahen. Dann sah er wieder den Haushofmeister an. „Nun, was?" „Was?" wiederholte Gawrila,„was? du fragst noch? Wie der Teufel siehst du aus, Gott verzeih mir die Sünde." Klimow blinzelte mit den Äuglein.„Zanken Sie, zanken Sie, meinetwegen, Gawrila Andrejitsch", dachte er. „Du warst also wieder betrunken", begann Gawrila,„schon wieder? Was? Nun, gib doch Antwort." „Wegen schwacher Gesundheit habe ich mich geistigen Getränken ergeben, das ist wahr." '„Wegen schwacher Gesundheit!... Nicht übel.... Du hast zu wenig Prügel bekommen, das ist's! Und du warst doch in Petersburg in der Lehre.... Du hast etwas Schönes gelernt in der Lehre! Ißt nur dein Brot umsonst." „In diesem Falle wird nur einer mein Richter sein, Gott der Herr selbst und sonst niemand. Er allein weiß, was für ein Mensch ich bin und ob ich umsonst mein Brot esse. Und was die Behauptung von der Trunkenheit betrifft, so bin ich auch nicht schuldig, sondern eher ein Genosse von mir. Der verführte mich, dann aber war er schlau und ging fort und ich..." „Und du bist auf der Straße geblieben, Esel. Ach, du liederlicher Mensch!... Nun, aber jetzt handelt es sich nicht Gründung des Frauenwahlvereins— beraten werden sollten. 2. In dieser von ihr geleiteten Versammlung als Rednerin aufgetreten zu sein. 3. In dieser jedermann zugänglichen Versammlung eine öffentliche Kollekte veranstaltet zu haben, bevor die erforderliche obrigkeitliche Genehmigung zu derselben erteilt worden war. Obgleich die Behörden offenbar lange Zeit zur Feststellung des sträflichen Tatbestandes gebraucht haben, stimmt er zu ihrem Pech nicht. Die sogenannte „Versammlung" zur Gründung des Waklvereins fand nämlich statt, nachdem die Gründung der Organisation bereits erfolgt und den Behörden vorschriftsgemäß angezeigt worden war. Die„Versammlung" war nur ein sogenannter„Zahlabend" des Frauenwahlvereins, es wurden dementsprechend wohl Beiträge entgegengenommen, aber keine Reden gehalten. Genossin Thiel konnte in der Folge auch nicht als„Rednerin" auftreten. Endlich wurde keine genehmigungspflichtige Kollekte vorgenommen, es wurden vielmehr Mitgliedsbeiträge angenommen und Billete für ein Vergnügen ausgegeben. Wenn in Preußen noch 2x2— 4 ist, so muß mithin die von Genossin Thiel eingelegte Berufung Erfolg haben. Die Staatskasse kann dann die Kosten des Verfahrens tragen. Die Steuerzahler, die sie füllen müssen, haben es ja dazu! Tic weiblichen Delegierten der Brandenburger Parteikonferenz im„Tcgmcnt". Auf Anordnung des überwachenden Beamten mußten die acht weiblichen Delegierten zur Brandenburger Parteikonferenz den Sitzungssaal verlassen und auf der Tribüne Platz nehmen. Die Parteikonferenz ist eine öffentliche Versammlung und keine Sitzung eines politischen Vereins. Trotzdem wurden die Frauen behandelt, als ob es sich um eine Vereinsversammlung handele. Polizeiliches Machtgebot verwandelte sie aus aktiven Teilnehmerinnen an der Konferenz in passive ZuHörerinnen, die ins Segment verwiesen wurden. Die Anordnung ist äußerst bezeichnend für den Wirrwarr, der betreffs Auslegung und Handhabung des preußischen Vereinsgesetzes je und je geherrscht hat, und der durch die Hammersteinreden mit ihrem Drum- und Dran nur gesteigert worden ist. Folgende, von den weiblichen Delegierten eingebrachte Resolution gelangte mit Einstimmigkeit zur Annahme:„Da die heutige Versammlung eine öffentliche ist und Frauen nach dem preußischen Vereinsgesetz an öffentlichen Versammlungen teilnehmen können, erheben die Frauen gegen die ungerechtfertigte Ausweisung Protest. Die delegierten Genossinnen beauftragen das Bureau der Konferenz, hiergegen den Beschwerdeweg zu beschreiten." Laut und nachdrücklich mahnt das preußische Vereinsrecht die Proletarierinnen, in der Landtagswahl- agilation, im Kampfe gegen das Geldsacksparlament ihre volle Pflicht zu tun. darum. Also höre. Der Herrin—" lange Pause—„der Herrin wird es gefallen, dich zu verheiraten. Hörst du? Sie hofft, daß du dadurch gebessert werden wirst. Verstehst du?" „Wie soll ich das nicht verstehen?" „Nun ja, nach meiner Ansicht wäre es besser, dich einmal gründlich vorzunehmen. Nun ja, das ist nun einmal die Art der gnädigen Frau. Also? Du willigst ein?" Klimow grinste. „Heiraten ist eine schöne Sache für den Menschen, Gawrila Andrejitsch... und meinerseits... Es wird mir sehr angenehm sein..." „Gut", sagte Gawrila und dachte im stillen: das muß man sagen, der Mensch spricht akkurat.„Aber eins muß ich dir sagen", fuhr er laut fort,„die Braut, die man dir auswählte, ist nicht hübsch." „Wer ist's? Entschuldigen Sie die Neugierde." „Taljana." „Tatjana?" Klimow riß die Augen auf und rückte von der Wand ab. „Nun, warum wirst du so unruhig? Gefällt sie dir nicht?" „Warum nicht, Gawrila Andrejitsch? Das Mädchen ist nicht übel.... Aber Sie wissen ja selbst, dieser Waldteufel... dieses Steppengespenst... läuft ihr nach..." „Ich weiß", unterbrach ihn ärgerlich der Haushofmeister,„aber..." „Erbaimen Sie sich, Gawrila Andrejitsch, er schlägt mich tot, wahrhaftig... wie eine Fliege. Sie sehen selbst, was er für eine Hand hat. Er ist ja taub, schlägt zu und hört nicht, wie er schlägt. Er ist so ein Raubtier, ein Idol— Gawrila Andrejitsch, schlinimer als ein Idol... so eine Wespe. Warum soll ich mich jetzt seiner Verfolgung aussetzen? Man ist doch auch ein Mensch und nicht nur so ein unnützer Tropf." „Ich weiß, ich weiß, genug!" Tätigkeitsbericht der Vertrauensperson der Genossinnen von Neumünster i. H. Im Laufe des letzten Halbjahres haben in Neumünster fünf öffentliche Versammlungen stattgefunden, welche Wissen und Aufklärung unter den Frauen des werktätigen Volkes verbreiteten. Es referierten in denselben Genossin Ziez, Genosse Adler, Genosse Legien( zweimal) und Genosse Bebel. Unter den mehr als 4000 Personen, welche im Juni den Ausführungen des letzteren lauschten, befanden sich schlecht gerechnet 1000 Frauen. Was getan worden, um die Proletarierinnen zum politischen Verständnis zu erwecken, das machte sich bei den Reichstagswahlen belohnt. Während der Wahlkampagne entfalteten die Frauen eine rege Tätigkeit, sie halfen beim Verbreiten der Flugblätter, dem Austragen der Karten usw. Mit besonderem Eifer ließen sich die Genossinnen auch angelegen sein, die zur Agitation unter den Frauen bestimmten Broschüren zu verbreiten, welche vielen Beifall gefunden haben. An den Sammlungen zum Wahlfonds beteiligten sich die Frauen ebenfalls und brachten reichlich 27 Mark auf. Was die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen am Orte anbetrifft, so liegt sie noch sehr im argen. Im Verband der Fabrikarbeiter und im Textilarbeiterverband sind je etwa 20 Frauen organisiert. Das ist für eine Fabrikstadt wie Neumünster, in der die Frauenarbeit in ausgedehntem Maße verwendet wird, eine ganz unzulängliche Zahl. Der geringe Erfolg, den das Bemühen der Genossinnen gehabt hat, die Arbeiterinnen ihren Gewerkschaften zuzuführen, darf aber nicht entmutigen, er muß zu weiterer Ausdauer und Energie anspornen. Wie die Verhältnisse in Neumünster liegen, müßten zunächst wohl mehrere öffentliche Frauenversammlungen die Arbeiterinnen zur Erfenntnis ihrer Lage wachrütteln. Der Frauenbildungsverein hat in letzter Zeit einen erfreulichen Mitgliederzuwachs von 42 auf 56 erfahren, der auf Rechnung der Einführung der„ Gleichheit" gesetzt werden muß. In Neumünster sind erst die Anfänge zu einer planmäßigen Wirksamkeit der Genossinnen gemacht worden. Wenn sie mit Geduld und Opfermut gepflegt werden, so steht zu hoffen, daß sich bei uns eine kräftige, gesunde proletarische Frauenbewegung Dora Gutschow. entwickelt. Notizenteil. Einnahmen und Ausgaben einer Berliner Arbeiterfamilie. Das Einkommen und die Lebenshaltung vieler Berliner Arbeiterfamilien wird für die Apostel der„ Spartheorie" recht lehrreich durch die nachfolgenden Aufstellungen beleuchtet. Vorausgeschickt sei, daß ,, Ach mein Gott!" fuhr der Schuster ängstlich fort,„ wie wird das enden? O Herr! Ich armer Teufel! Ach mein Schicksal! Wenn man daran denkt! In der Jugend wurde ich geschlagen von dem deutschen Meister, in besserer Lebensstellung von meinesgleichen und jetzt, im reiferen Alter, ist es soweit gekommen..." „ Ach du Bastseele", sagte Gawrila, wozu die Weitläufigfeiten? Packe dich!" Klimow wandte sich zum Gehen. " " Und wenn Gerassim nicht wäre", rief ihm der Haushofmeister nach, so wärst du einverstanden?" 157 ihnen die peinlich gewissenhaften Eintragungen von Tag zu Tag seitens einer Proletarierfrau zugrunde liegen, und daß sie für das Jahr 1902 gelten. A. Ginnahmen. In der Kasse der Arbeiterfamilie befand sich am 1. Januar 1902 ein Bestand von Jahresverdienst des Mannes, eines Maurers mit 65 Pfennig Stundenlohn Verdienst der Frau B. Ausgaben. 34,60 Mark M 1532,36 99,60= Summa 1666,56 Mark Ernährung( pro Woche im Durchschnitt 15,81 Mark) Wohnungsmiete( für eine sehr kleine Stube und Küche) . Kleidung( darunter ein Anzug für den Mann à 36 Mark), Wäsche, Schuhwerk Heizung( 162 Zentner Ilse Kohlen 16,50 Mart, 1/ Meter Klobenholz 4,50 Mark; 1/2 Scheffel Koks, der außerdem verbraucht ward, ist bei „ Ernährung" eingerechnet, weil er vom wöchentlichen Hausstandsgelde bezahlt wurde) Wirtschaftsgegenstände Steuern.. Zeitungen, darunter„ Modenwelt" Schulbücher Sonstige Bücher. Versicherungsbeiträge für„ Viktoria" 15,70 Mart, Feuerversicherung 2,50 Mt., Invaliden- und Krankenkasse Mitgliedsbeiträge für für die gewerkschaftliche ( 19 Mark) und politische Organisation Fahrgeld nach dem Arbeitsplatz Unterstützung für die franke Mutter Konzert, Theater, Ausflüge 2c. Bier, Tabak, Versammlungsbesuch Ärztliche Ausgaben, Bäder, Rasieren " A. Einnahmen B. Ausgaben. Bleibt Bestand für 1903 823,20 Mart 183, 147,45 # = = = = 21, 46,90 22,52 13,20 M 4,70 7, 11 = 58,70 • 21,40 = 37,80 14, 26,95= = = = 123,84 M 23,90 Summa 1575,56 Mark 1666,56 Mark 1575,56 91, Mark Das ist ganz sicher, er schlägt mich tot." = " Nun, das wollen wir sehen. Wie kannst du sagen, er werde dich totschlagen? Hat er etwa das Recht dazu? Bedenke doch selbst." „ Ich weiß nicht, Gawrila Andrejitsch, ob er das Recht hat, oder nicht." " Ach, sieh doch! Du hast ihm doch nichts versprochen?" " D, was denken Sie?" Der Haushofmeister schwieg und dachte:" Du bist eine demütige Seele." " Nun gut", sagte er laut, ich werde darüber noch mit dir Ich erkläre meine Zustimmung", erwiderte Klimow und ging. sprechen. Jetzt geh, Tanjuscha, ich sehe, du bist gehorsam." Die gezierte Redeweise gab er keinen Augenblick auf. Der Haushofmeister ging einigemal durchs Zimmer. " Nun ruft Tatjana her", befahl er endlich. Nach wenigen Augenblicken trat Tatjana leise ein und blieb an der Türe stehen. " Was befehlen Sie, Gawrila Andrejitsch?" fragte sie mit leiser Stimme. Der Haushofmeister blickte sie durchdringend an. Nun, Tatjana", begann er, willst du heiraten? Die Herrin hat dir einen Bräutigam ausgesucht." Tatjana wandte sich um und ging. ,, Vielleicht hat die Herrin morgen die ganze Geschichte wieder vergessen", dachte der Haushofmeister, und ich habe mir unnötige Sorgen gemacht. Diesen Schlagtot werden wir schon bändigen, wenn nötig, rufen wir die Polizei.... Ustinja Fedorowna!" rief er laut nach seiner Frau, stellen Sie das Samowarchen auf, meine Verehrteste!" Fast den ganzen Tag tam Tatjana nicht mehr aus der Wasch= küche hervor; anfangs weinte sie heftig, dann trocknete sie die Tränen und machte sich wieder an die Arbeit. Klimow saß bis in die späte Nacht in der Werkstatt mit einem Freunde von sehr „ Ich höre, Gawrila Andrejitsch. Aber wen hat sie mir zum finsterem Aussehen und erzählte ihm ausführlich, wie er in Piter Bräutigam ausgesucht?" fragte sie mit unsicherer Stimme. ,, Klimow, den Schuhmacher." „ Ich höre, Herr." " " „ Er ist ein leichtsinniger Mensch, das ist wahr. Aber die Herrin verläßt sich auf dich." " Ich höre, Herr." „ Nur eins ist schlimm.... Dieser Taubstumme da, Gerassim, ist in dich verliebt. Womit hast du diesen Bären bezaubert? Aber er schlägt dich tot, wahrscheinlich, so ein Ungetüm." ( Petersburg) bei einem Herrn gewesen sei, der in allem Vorzüge besaß und über die öffentliche Ordnung wachte, aber einen ganz fleinen Fehler sich erlaubte. Er gab sich schrecklich dem Trunt hin und was das weibliche Geschlecht betraf, so war ihm jedes Frauenzimmer gut genug.... Der finstere Kamerad nickte nur, aber als Klimow ihm erzählte, er müsse aus einem besonderen Grund am nächsten Tage Hand an sich legen, bemerkte der finstere Genosse, es sei Zeit, schlafen zu gehen. Und sie trennten sich mürrisch und schweigend. Die Ausgaben für die Ernährung verteilten sich pro Woche wie folgte 2 Brote ü S0 Pfennig.......... I,— Mark Schrippen:c.............. 1,0S- Sonntagsgebäck.............— ,2S- Milch, 1 Liter täglich, Sonntags 2 Liter.... 1,60- Fleisch, täglich V- Pfund ä 3S Pfennig, Sonntags für 1 Mark............ 3,10- Wurst, täglich Pfund......... 2.4ö- Käse.................—.32- Grünes Gemüse............— ,40- Reis, Erbsen, Hafermehl, Kakao'/» Pfund... 1,—- Weizenmehl, 1 Pfund..........— ,19- Zucker, 1 Pfund............— ,30- Gedörrtes Obst, frisches Obst........—,40- Schmalz, 1'/- Pfund........... 1,0S- Butter,'/� Pfund............— ,69- Rindstalg,'/» Pfund...........—,39- Malzkaffee,'/« Pfund..........—,18- Bohnenkaffee,'/» Pfund..........— ,1S- Petroleum und Streichhölzchen.......—,29- Koks................—,39- Seifenpulver, weiße und grüne Seife.....— ,S9- Zwiebeln und Gewürz..........— ,0S- Salz.................—,97- Kartoffeln, 10 Pfund...........— ,2S- Summa 1S,ö1 Mark Die vorstehenden Zahlen erzählen schon deutlich genug von einer mehr als bescheidenen, von einer mühe- und sorgenreichen, dürftigen Lebenshaltung. Aber sie erhalten noch größere anklagende Wucht, sie rufen noch eindringlicher nach Hebung der proletarischen Lage, wenn man die folgenden Umstände berücksichtigt. 1992 gestalteten sich für uns die Einkommensverhältnisse günstiger als seit vier Jahren. Unsere Familie besteht nur aus drei Personen: Vater, Mutter und einem zwölfjährigen Knaben. Wir blieben glücklicherweise 1902 sowohl von Arbeitslosigkeit wie von schwerer Krankheit verschont. Abgesehen davon, daß ich dem Haushalte baren Verdienst zuführe, spare ich nicht wenige Ausgaben. Wäsche, Kleidung, die Arbeitskleidung des Mannes inbegriffen, ebenso meine Hüte, fertige ich selbst an. Nur das Schuhwerk und der Sonntagsanzug des Mannes wird fertig gekauft. Beiläufig sei bemerkt, daß es uns seit vier Jahren erst 1902 möglich war, einen neuen Sonnlagsanzug für den Mann zu beschaffen. Unsere Wohnung, die für drei Personen zu klein ist, liegt in einem Die Erwartung des Haushofmeisters ging jedoch nicht in Erfüllung. Die Herrin war mit dem Heiratsprojekt so beschäftigt, daß sie sogar in der Nacht nur davon gesprochen hatte mit einer ihrer Gesellschafterinnen, welche nur für den Fall von Schlaflosigkeit im Hause gehalten wurde und wie ein Nachtkutscher bei Tage schlief. Als Gawrila nach dem Tee bei ihr eintrat, um Bericht abzustatten, war ihre erste Frage:„Und wie ist's mit unserer Heirat? Geht die Sache?" Natürlich antwortete er, es gehe ganz vortrefflich und Klimow werde noch heute erscheinen, um der Herrin zu danken. Die Herrin war etwas unwohl und widmete sich nicht lange den Geschäften. Der Haushofmeister kehrte in seine Wohnung zurück und berief einen Kriegsrat. Die Sache erforderte in der Tat besondere Überlegung. Tatjana widersprach natürlich nicht, aber Klimow erklärte laut vor allen, er habe nur einen Kopf, nicht zwei und nicht drei. Gerassim blickte rasch und finster nach allen, wich nicht von dem Mädchen-Flügel und schien zu erraten, daß etwas Schlimmes im Anzug sei. Die Versammelten, unter welchen sich auch der alte Küchenmeister mit dem Beinamen Onkel Zopf befand, an den sich alle ehrerbietig um Rat wandten, obgleich nichts weiter von ihm zu hören war, als:„Siehst du, wie die Sache ist, ja, ja, ja, ja", begannen damit, daß sie zur Sicherheit Klimow in einen Verschlag bei der Wasserreinigungsmaschine einschlössen und hielten dann eifrig Rat. Es wäre natürlich leicht gewesen, Gewalt zu brauchen, aber Gott behüte, dann entsteht Lärm, die Herrin wird beunruhigt. Was sonst? Lange dachten sie nach und endlich wurde etwas erdacht. Schon oft war bemerkt worden, daß Gerassim Betrunkene nicht leiden konnte. Am Hoflor sitzend, wandte er sich immer mit Vorort und ist deshalb verhältnismäßig noch„billig". Die mitgeteilten Ziffern weisen aus, daß ohne meinen Verdienst von 99,60 Mark statt eines Überschusses von 91 Mark am Jahresschluß ein Defizit von S,60 Mark vorhanden sein würde. Sie bezeugen auch, daß wir nichts weniger als„geschlemmt" haben. So manche„wohlmeinende" Dame, die den Arbeitern Genügsamkeit, den Arbeiterfrauen Sparsamkeit und gute Wirtschaftsführung predigt, würde in tödliche Verlegenheit geraten, wenn sie gegenüber meinen Aufzeichnungen nachweisen sollte, wie ich sparsamer haushalten und wie unsere kleine Familie bescheidener leben könnte. Ja, wenn ich an die Arbeitsleistung denke, die von meinem Manne und von mir selbst gefordert wird, wenn ich mir vergegenwärtige, daß unser Knabe noch in der Entwicklung steht, Gesundheit und Kraft für ein junges, arbeitsreiches, hartes Leben sammeln sollte: so bin ich fest überzeugt, daß wir, wie viele andere, zu einem gesundheitswidrigen Sparen gezwungen sind, daß im schreienden Gegensatz nicht bloß zu dem Überfluß einer kleinen Zahl von Müßiggängern steht, sondern vor allein auch zu dem heutigen Stande der Kultur. Ich frage: wie bitter müssen die Sorgen, wie hart die Entbehrungen der Tausende und Zehntausende von Arbeiterfamilien sein, für welche bei gleichem Einkommen wie das unserige jene Umstände in Wegsall kommen, die unsere Lage günstig beeinstußlen? Im allgemeinen trifft man in einem proletarischen Heim mehr als ein einziges Kind an; die Ausgaben für die Wohnung sind vielfach höher, als in unserem Falle, weil nicht im Vorort gewohnt werden kann oder zahlreiche Kinder da sind; nicht jede Hausmutter kann dem Verdienst nachgehen, Wäsche und Kleidung selbst anfertigen; Krankheit und Arbeitslosigkeit sind häufige Gäste im Proletariat. Wenn auch nur einer von diesen Umständen vorhanden ist, so wird die Lage der Familie verschlechtert, und Soll und Haben deckt sich nicht mehr. Wird das Loch in der Kasse vermiede», so gibt es einen Fehlbetrag an Gesundheit und Lebensfreude. Meiner Ansicht nach müßte es sich jede proletarische Hausfrau zur Pflicht machen, Tag für Tag Einnahmen und Ausgaben genau einzutragen und auf Grund dieser Aufzeichnungen das Budget der Familie zu berechnen. Die Ziffern würden der Proletarierin recht deutlich sagen, wie notwendig es ist. daß der Mann sich gewerkschaftlich und politisch organisiert, damit er für sich und die Seinigen höheren Verdienst und eine bessere Lebenshaltung zu erringen vermag. Sie würden ihr klar machen, daß die Frau selbst ein großes Interesse an der Politik hat, weil diese von Einfluß auf die Löhne und die Preise der Lebensbedürfnisse ist, sie würden auch ihr die Notwendigkeit predigen, sich aufzuklären und am Befreiungskampfe der Arbeiterklasse teilzunehmen. M. Jeetze-Berlin. Abscheu ab, wenn ein Betrunkener mit unsicheren Schritten, die Mütze auf dem Ohr vorüberging. Man beschloß, Tatjana anzuweisen, sich betrunken zu stellen und taumelnd bei Gerassim vorüberzugehen. Das arme Mädchen weigerte sich lange, ließ sich endlich aber überreden. Überdies sah sie selbst ein, daß sie sich anders von ihrem Verehrer nicht befreien könne. Sie ging. Klimow wurde aus der Rumpelkammer Herausgelaffen, denn die Sache ging ja ihn doch auch an. Gerassim saß auf einem kleinen Pfosten an der Pforte und bohrte mit der Schaufel in die Erde.... Von allen Ecken und allen Fenstern blickte man neugierig nach ihm. Der Streich gelang vorzüglich. Als er Tatjana erblickte, nickte er zuerst mit dem Kopfe, unter freundlichem Brüllen, wie gewöhnlich, dann blickte er sie aufmerksam an, ließ die Schaufel fallen, sprang auf, trat auf sie zu und näherte sein Gesicht dem ihrigen.... Aus Angst schwankte sie noch mehr und schloß die Augen.... Darauf erfaßte er sie an der Hand, zog sie im Laufe durch den ganzen Hof und trat in das Zimmer, wo die Beratung staltfand. Dort stieß er sie gerade zu Klimow hin. Tatjana fiel in Ohnmacht. Gerassim blieb stehen, betrachtete sie, zuckte die Achseln, lachte und ging mit schweren Schritten in seine Kammer. Ganze Tage lang kam er nicht mehr zum Vorschein. Der Stallknecht Antipka erzählte später, er habe durch eine Spalte gesehen, wie Gerassim, auf seinem Bett sitzend, die Hand an die Wange legte und leise im Takt sang, zuweilen brüllend, dann sich mit geschlossenen Augen wiegte und den Kopf schüttelte, wie die Postillone oder die Bootsknechte, wenn sie ihre schwermütigen, gedehnten Lieder singen. Antipka wurde unbehaglich zu Mut und er zog sich von der Spalte zurück.-(Fortsetzung folgt.) Der Kampf der Textilarbeiterschafk von Crimmitflhau. Vier volle Wochen dauert bis zur Stunde, wo diese Zeilen geschrieben wurden, das Ringen der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen in Crimmitschau und noch ist keine Aussicht auf Frieden. Die organisierten Unternehmer haben bis jetzt jede Verständigung protzig verweigert. Der vom Bürgermeister der Stadl unternommene Versuch in dieser Richtung scheiterte an ihrem harten Willen, in einer Machtprobe ihre Geldsacksgewalt zu zeigen, die Sklaven ihres Kapitals bedingungslos auf die Knie zu zwingen und ihre verhaßte Organisation zu zerschmettern. Trotzdem haben sich die kämpfenden Arbeiter und Arbeiterinnen wiederholt in öffentlichen Versammlungen zur Verständigung bereit erklärt. Sie beauftragten den Vorstand ihres Verbandes, neuerlich Verhandlungen mit den Textilgewaltigen anzuknüpfen. Die nötigen Schritte dazu geschahen. Sie begegneten keinem Entgegenkommen, nur hochmütigster Abweisung. Der Vorsitzende der Crimmitschauer Fabrikantenorganisation teilte im Einverständnis mit dem Vorstand des Verbandes sächsischer Textilindustriellen in Chemnitz mit, daß die Herren nicht bloß nach wie vor bedingungslose Unterwerfung fordern, sondern noch obendrein ihre Rache wollen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sollen ihre Beschäftigung unter den alten Bedingungen wieder aufnehme», aber nicht einmal alle von ihnen dürfen darauf rechnen, als Unterworfene zu Arbeit und Brot zugelassen zu werden Der Ukas der Kapitalistenorganisation erklärt ausdrücklich, daß zumal in den Buckskinfabriken nicht alle vor der Aussperrung Tätigen wieder Beschäftigung finden könnten. Wegen mangelnder Austräge, so heißt es. In Wirklichkeit aber um an einer Zahl von„Hetzern" das kapitalistische Mütchen zu kühlen und die Sklaven des Textilkapitals vor künftiger„Meuterei" zu schrecken. Im Bunde mit den Unternehmern bekämpfen bürgerliche Preßorgane die Crimmitschauer Ausgesperrten in der niederträchtigsten Weise. Sie bedienen sich der vergifteten Waffen von Lügen und Verleumdungen. Diese sollen den in den Kampf Gepeitschten die Sympathien weiter Kreise abwendig machen, sie selbst untereinander verhetzen und durch Mißtrauen und Zwietracht ihre Reihen lockern. In glänzenden Protestversammlungen haben die Ausgesperrten diese Lügen und Verdächtigungen gebrandmarkt. Es versteht sich am Rande, daß die nämlichen Blätter, welche sich in der Beschimpfung der Kämpfenden nicht genug tun konnten, kein Wort der Entrüstung hatten für den Terrorismus, den die Fabrikantenorganisation gegen ihre Mitglieder ausübt. Eine Trikotagenfabrik, die nicht von der Bewegung berührt ist, weil sie bereits den Zehnstundentag eingeführt hat, sollte mit allen Mitteln gezwungen werden, ihre Arbeiter und Arbeiterinnen gleichfalls auszusperren. Die Behörden fahren fort, ihre Machtmittel im Namen der„Ordnung" zugunsten der Textil- barone in die Wagschale zu werfen. Es regnet Notierungen und Abführungen von Streikposten; Frauen, die Mütter sind, werden stundenlang auf der Polizei festgehalten. Als ob nie ein Reichsgericht in Sachen des Streikpostenstchens ein Urteil gefällt hätte, sind Streikposten verurteilt worden. Ein Gendarmerieaufgebot von neunzehn Mann liegt in der Stadt, obgleich die Haltung der kämpfenden Textilarbeiter eine musterhaft ruhige ist und nie Ausschreitungen und Störungen der Ordnung vorgekommen sind. Dagegen nahm an einer Sitzung des Crimmitschauer Fabrikantenvereins und des Chemnitzer Verbandsvorstandes— einer Sitzung, in der also offenbar ein„Ausländer" redete— der Geheime Regierungsrat vr. Ayrer-Zwickau als Vertreter des Staatsministeriums teil. Mit Fug und Recht konnten die tagenden Herren erklären, mit den behördlicherseits ergriffenen Maßnahmen in puneto Aussperrung einverstanden zu sein. Unter äußerst schwierigen Umständen halten die Crimmitschauer Arbeiter und Arbeiterinnen an ihren Forderungen fest. Sie wissen, daß ihrerseits nur Einigkeit, unerschütterliches Zusammenstehen dem Ziele enl- gegenführen kann. Sie wissen, daß alle Härten des Kampfes nicht so schlimm sind, als die bedingungslose Unterwerfung. So sind sie entschlossen, in treuer Solidarität auszuharren, mit der gleichen tiefen Überzeugung von ihrem Rechte, mit der gleichen Opfecfreudigkeit und der nämlichen würdigen Ruhe wie am ersten Tage. Fast in allen Sitzen der sächsischen Textilindustrie haben Versammlungen der Berufsgenossen stattgefunden, die sich solidarisch mit ihnen erklärten und zugunsten des Kampfes doppelte Beitragsleistungen oder sonstige Unterstützung beschlossen. Hoffentlich wird es dem proletarischen Opfermut gelingen, die„Kriegskasse" zu füllen. Wer das weiß, von welch hoher kultureller Bedeutung der Zehnstundentag gerade für die Lohnsklaven und Lohnsklavinnen der Textilindustrie ist, wie himmelschreiend die Schäden find, die er etwas mildern kann: der muß von Herzen wünschen, daß dank der moralischen und materiellen Hilfe weiter proletarischer Kreise die tapferen Kämpfenden den Sieg erringen. Weißliche Fabrikinspektorcn. Die erfolgreiche Amtstätigkeit der FabrikinspcktionS- assistcntin für das Herzogtum Altenburg anerkennt der Bericht der Gewerbeaufsicht für das Jahr 1902. Er hebt rühmend hervor, daß das Wirken der Beamtin von sehr großem Vorteil für die Ermittlung der allgemeinen Arbeitsverhältnisse gewesen sei. Da die Assistentin sich erst seit vorigem Jahre im Amte befindet, so läßt dies Lob darauf schließen, daß sie die Ausgaben desselben mit Verständnis und Eifer erfaßt hat. Die Anstellung einer zweiten weiblichen Hilfskraft der Gewerbeaufsicht für Württemberg ist laut Bekanntmachung des „Staatsanzeigers" für die nächste Zeit vorgesehen. Ihr sollen ähnliche Aufgaben wie der bereits amtierenden Assistentin der Fabrikinspektion zufallen. Die Anstellung wird zunächst probeweise und gegen Taggeld erfolgen. Bewerbungen mit vollständigem Lebenslauf, Zeugnissen, Gehaltsansprüchen usw. sind bei der Zentralstelle für Gewerbe und Handel einzureichen. Die Regierung will gleichzeitig mit der weiblichen Hilfskraft drei Gehilfen der Gewerbeaufsicht anstellen, denen hauptsächlich die Vornahme einfacher Revisionen zugewiesen werden soll. Die Betreffenden solle» gute Schulbildung besitzen, längere Zeit in gewerblichen Betrieben beschäftigt gewesen und für einen entsprechenden schriftlichen und persönlichen Verkehr befähigt sein. Die Regierung will also Hilfskräfte aus der Arbeiterklasse zur Gewerbeaufsicht heranziehen. Soziale Gesetzgebung. Ein neues Gesetz über die Tonntagsrnhc in der Schweiz. Im Kanton Neuen bürg ist man daran, ein neues Sonntagsruhegesetz zu schaffen, das neben anerkennenswerten Forlschritte» auch bedenkliche Neuerungen enthält. Der bezügliche Entwurf ist von der Kommission des Kantonsrats bereits erörtert worden und wird wohl nächstens das Plenum desselben beschäftige». Nach der Vorlage sollen außer den Sonntagen noch Karfreitag, Himmelfahrt, Weihnachten und Neujahr als staatliche Feiertage anerkannt werden. An den Sonnlagen ist der Verkauf von geistigen Getränken über die Gasse verboten, ein merkwürdiges Stück Wirtshaus- und Mittelstandspolitik, wodurch das Publikum gezwungen werden soll, die Wirtschaften zu besuchen. Verboten ist die Arbeit im Freien, jede lärmende Arbeit in geschlossenen Räumen und endlich jede Arbeit, welche von Angestellten verrichtet werden soll. Kaufläden können bis 11 Uhr vormittags, Wirtschaften im Winter von 11 Uhr, im Sommer von 9 Uhr vormittags ab geöffnet sein. Arbeiter und Angestellte, die den Dienst in den Apotheken oder Hotels, in Verkaufsstellen oder Buden haben, welche Sonntags geöffnet sind. Angestellte bei der Polizei oder Präfektur, Erntearbeiter, Angestellte in Käsereien und Milchhandlungen, Tierwärter, Gärtner, die am Sonntag oder an einem Teile des Sonntags zu arbeiten haben, müssen in der Woche einen vollen Ruhetag erhalten. Alle vierzehn Tage muß der Sonntag freigegeben werden. Der Artikel 17 des Gesetzes bestimmt: Personen weiblichen Geschlechtes können in den genannten Lokalen Sonntags beschäftigt werden, unter der Bedingung jedoch, daß ihnen ein freier Wochentag gewährt wird; zwei freie Vormittage und zwei freie Nachmittage sollen in jedem Monat auf Sonntage fallen. Sämtliche Angestellte müssen ihren ganzen Lohn auch für den freien Tag ausbezahlt erhalten. Die Dienerschaft(Dienstmädchen usw.) hat am Sonntag Anspruch auf drei hintereinanderfolgende Freistunden. Die Übertretung des Gesetzes wird mit ö bis 20 Franken, im Wiederholungsfall mit 20 bis 100 Franken Geldbuße oder mit Gefängnis bis zu acht Tagen bestraft, auch dann, wenn die Übertretung infolge angeblichen Verzichtes auf die freie Zeit seitens der Angestellten geschehen ist. Diese Bestimmung ist unentbehrlich, wenn das Gesetz praktischen Wert haben soll. Das Gesetz bedeutet offenbar einen kleinen Fortschritt, aber der Wirtshauszwang in demselben ist zu dumm und läßt darauf schließen, welch großen politischen Einfluß im Kanton Neuenburg die Wirte besitzen. 6-:. Ein wirksames Arbciterinnenschutzgesetz, sowie die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren, darunter solcher aus den Kreisen der Arbeiterinnen, fordert der Parteitag der finnischen Sozialdemokratie zu Forssa. Er sprach sich noch für die Einführung des Achtstundentags, einer Altersversorgung vom 55. Lebensjahr an und verschiedene Maßregeln gegen die Arbeitslosigkeit aus. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Die zweite Konferenz der sozialdemokratischen Frauen Österreichs soll nach dem Beschluß des Frauenreichskomitees für den Herbst 1903 in Wien stattfinden, und zwar einen Tag vor der Eröffnung des Gesamtparteitags, der am 9. November zusammentritt. Die erste derartige Konferenz in Österreich tagte vor mehr als vier Jahren. Das Frauenreichskomitee geht von dem Gedanken aus, daß die Konferenz sowohl die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen, als auch ihre Betätigung im politischen Kampfe des Proletariats fördern soll. Als vorläufige Tagesordnung schlägt es vor: 1. Bericht des Komitees. 2. Organisation, Agitation. 3. Arbeiterinnenschu 1. 4. Presse. 5. Die politische Betätigung der Frauen. 6. Eventuelles. Das Frauenreichskomitee hofft auf eine rege Beteiligung der Genossinnen und befürwortet, daß überall, wo zur Frauenfonferenz delegiert wird, der Wahlkreis eine Genossin auch zum Parteitag entsende. Gleichzeitig mit Bekanntmachung seiner Vorschläge verschickt das Frauenreichskomitee einen Fragebogen an die Genossinnen, der folgende Auskünfte einfordert: 1. Name der Organisation, beziehungsweise der Vertrauensperson; 2. Sitz derselben; 3. Zahl der Mitglieder; 4. Wieviele Mitglieder sind gewerbliche Arbeiterinnen? 5. Wieviele derselben sind Heimarbeiterinnen und in welchen Berufen? 6. Wieviele arbeiten außer Haus und in welchen Berufen? 7. Welchen Organisationen in ihrem Orte gehören noch Frauen an und wieviele? 8. Betätigen sich die Frauen auch in den politischen Organisationen? Wenn ja, wie viele? 9. Auf welche Art? 10. Wie viele Arbeiterinnen Zeitungen sind abonniert? Wieviele folportiert? Frauenstimmrecht. Die Forderung des Frauenstimmrechtes für Preußen betreffend nahm die Parteikonferenz für die Provinz Brandenburg einstimmig folgende Resolution der weiblichen Delegierten an: Bei dem Kampfe um die Eroberung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direk ten Wahlrechtes zum Landtag in Preußen ist dem sozialdemokratischen Programm entsprechend auch die Forderung des Frauenstimmrechtes überall mit aller Energie zu fordern und eingehend zu begründen." Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, welche mit der Verleumdung hausieren, der Sozialdemokratie sei es nicht ernst mit ihrem Eintreten für Frauenrecht, die mit der Behauptung krebsen, die freisinnige Volkspartei sei der festeste Hort der Fraueninteressen, mögen den gleichen Beschluß seitens einer bürgerlichen Partei vorweisen! Die Forderung der vollen politischen Gleichberechtigung der Geschlechter ist in dem fürzlich veröffentlichten Entwurf zum Programm der Schweizerischen Sozialdemokratie enthalten. Sie ist eine Selbstverständlichkeit, die sich aus dem Wesen der sozialistischen Partei und ihrer geschichtlichen Auffassung ergibt. Eine Partei, welche für die Befreiung alles dessen tämpft, was Menschenantlig trägt; eine Partei, welche die veränderten Lebensbedingungen und Aufgaben der Frau begreift: kann die Frau, die Mutter und Erzieherin der fünftigen Gesellschaftsbürger, nicht als politisch Unwissende und Rechtlose von der Mitarbeit an der Gestaltung des sozialen Lebens, von der Wahrung ihrer eigenen Interessen und derjenigen der Allgemeinheit ausschließen. Eine Partei, welche die politischen Macht erobern muß, um das Zwinguri der kapitalistischen Fron brechen zu können: muß die politisch gleichberechtigte Proletarierin als gleichberechtigte Rämpferin in ihren Reihen haben. Das Wahlrecht in Staat und Gemeinde für alle einundzwanzigjährigen finnischen Frauen verlangte der Parteitag der finnischen Sozialdemokratie, der vom 17. bis 20. August in Forssa stattgefunden hat. Er erklärte sich des weiteren für die Einführung des Einkommensystems und völlige Vereins-, Versammlungs-, Redeund Preßfreiheit. Frauenbewegung. Zulassung der Mädchen zum Gymnasialunterricht. Das fleine Offenburg marschiert in den ersten Reihen der wenigen Städte, Fünf die gestatten, daß Mädchen das Gymnasium besuchen. Mädchen machen bis jetzt in verschiedenen Klassen von diesem Rechte Gebrauch, und daß sie hinter den Knaben nicht zurückstehen brauchen, beweist der Umstand, daß eine Schülerin der Obertertia sich im eben abgelaufenen Schuljahr den zweiten Preis errang. Der Direktor der Anstalt- Hofrat Weiland einer der tüchtigsten Pädagogen, betont immer wieder gerne den anspornenden Einfluß, den diese Mädchen auf ihre Mitschüler ausüben. m. Die ,, Bibliothek zur Frauenfrage", Berlin, Seydelstraße 25, ist seit dem 1. September wieder geöffnet, und zwar Mittwochs von 5 bis 8, Sonnabends von 6 bis 9 Uhr. Die Benutzung derselben ist jedermann gegen eine Leihgebühr von jährlich zwei Mark gestattet. Anfragen find an die Bibliothekarin, Frl. D. Hirschfeld, zu richten. 160 Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Bundel) in Stuttgart.. Verschiedenes. Fraueninteressen im Programm der schweizerischen Sozialdemokratie. Die sozialdemokratische Partei der Schweiz steht im Begriff, sich ein neues Programm zu geben, und die bezügliche Kommission hat jüngst einen Entwurf dazu veröffentlicht, der aber leider nur den praktischen Teil umfaßt, also eine Halbheit ist. Der Programmentwurf ist selbstverständlich durchweg von dem Geiste der Gleichberechtigung aller Menschen erfüllt, und gleich der erste Punkt lautet: Gleichstellung der Frau mit dem Manne in öffentlich und privatrechtlicher Beziehung und daher Aufhebung aller der Gleichberechtigung entgegenstehenden Verfassungsbestimmungen. Weiter enthält der Entwurf folgende die Frau speziell berührende Forderungen: Gleichheit der Löhne bei gleicher Arbeit für beide Geschlechter, Anstellung von Fabrikinspektorinnen, Gesetz betreffend die Heimarbeit, den Schutz des Wirtschaftspersonals, des Ladenpersonals, der Dienstboten, Heimstätten für Wöchnerinnen, Versorgung mit Säuglingsmilch, Fürsorge für Witwen und Waisen, unentgeltliche Geburtshilfe und Wöchnerinnenpflege. Im übrigen liegt es in der Natur der Sache, daß alle Forderungen des Entwurfes, die eine Besserstellung des Arbeiters bezwecken, also eine Hebung der Lage des arbeitenden Volkes überhaupt zum Ziele haben, auch im Interesse der Arbeiterinnen liegen. Dazu ge= hören vor allem auch die Forderungen an die Gestaltung der Arbeiterschutzgesetzgebung, die sich auf den Achtstundentag, freien Samstag nachmittag, wöchentlichen Ruhetag von mindestens 36 Stunden, jährlichen zusammenhängenden Urlaub von mindestens 14 Tagen bei Zahlung des vollen Lohnes erstrecken. Hoffentlich werden die schweizerischen Arbeiterinnenvereine auch ihre Aufgabe, die allseitige Förderung der Arbeiterbewegung, immer mehr erkennen und durchführen. Z. Berufliche und hauswirtschaftliche Bildung des weiblichen Geschlechtes in der Schweiz. In der Schweiz bestanden im Jahre 1902 214 Töchterfortbildungsschulen, Koch- und Haushaltungsschulen, „ Dienstbotenschulen" usw., zu denen von den Gemeinden, den Kantonen und vom Bund insgesamt zirka 700 000 Franken beigetragen wurden. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 1 Million Franken. Von 1896 bis 1902 stieg die Zahl der Bildungsanstalten, Kurse usw., welche der Fortbildung der Mädchen und Frauen dienen, von 114 auf 214, also um 100, die Summe der Gesamtkosten von 479 216 Franken auf rund 1 Million Franken. Über die Zahl der Schülerinnen in diesen Anstalten liegen keine Angaben vor, doch dürfte sie mehrere Zehntausende betragen. Was auf diesem Gebiet bis jetzt getan, so anerkennenswert es ist, bedeutet nicht viel mehr als einen Anfang, denn hier sind noch ungemein viele und wichtige Aufgaben zu lösen. Weberlied. Seht auf dem Felde die Lilien an: Die arbeiten nicht Und sie spinnen nicht Doch scheint ja die liebe Sonne sie an, Doch tragen sie Kleider, schön gemacht, Noch schöner als Salomo in seiner Pracht. Seht auf den Bäumen die Vöglein an: Sie arbeiten nicht Und sie spinnen nicht Die singen nur froh zu dem Himmel hinan Und werden ja alle, all ernährt Und nimmer wird ihnen das Leben erschwert! Am Webstuhl aber da stehen wir, Wir arbeiten früh Und wir spinnen spät: Doch tragen wir Lumpen, doch hungern wir Doch finden wir nimmer des Lebens Freud' Und schleppen mit uns ein nie endendes Leid! Quittung. Z. Luise Otto. Für den Agitationsfonds der Genoffinnen gingen bei der Unterzeichneten ein: aus Eichlingshofen durch Genossin Kesten 23 Mark; Berlin Liste 653 7,20 Mart; Liste 42 und 43 18,20 Mart; Görlitz durch Genossin Gregor 20 Mark; Genossinnen in Magdeburg 20 Mark; Ertrag einer Sammlung bei der Generalversammlung der Offenbacher Frauenkranken- und Sterbekasse 33,50 Mark. Summa 121,90 Mark. Dankend quittiert Berlin, 10. September 1903. Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands. Berlin SW. 29, Belle- Alliancestr. 95, Hof, 3 Tr. Druck und Verlag von J. H. W. Die Nachf.( G. m. b. h.) in Stuttgart.