W Nr. 1 Die Gleichheit 15 exe Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen esa e Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poſt vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark. Juhalts- Verzeichnis. Einladung zum Abonnement. Das Banner hoch! Von August Bebel. Die Handelsverträge und die Frauen. Von Luise Zietz. Vom Wert. I. Von Julian Borchardt. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Die Beteiligung der Genoffinnen am Parteitag der Sozialdemokratie in Preußen. Ein Fest der Brüderlichkeit. Bon O. B. Wie die Polizei des Ruhrreviers die proletarische Frauenagitation fördert. Von Hedwig Kiesel. Feuilleton: Das Lied vom Falken. Von Maxim Gorki. Martha. Von Ada Negri.( Gedicht.) Notizenteil: Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. -Soziale Gesetzgebung.- Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Frauenstimmrecht. Frauenbewegung. Einladung zum Abonnement. " Die Gleichheit", das Organ der deutschen Genossinnen, ist mit dem 1. Januar 1905 in den 15. Jahrgang ihres Erscheinens und in einen neuen Abschnitt ihres Wirkens eingetreten. Stuttgart den 11. Januar 1905 Das Banner hoch! lich der Erfolg. 15. Jahrgang NTRALSTELL VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH. DEUTSCHLAND At GLADBACH Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Und abermals soll ein weiterer Schritt nach vorwärts getan werden. Hat die„ Gleichheit" bisher überwiegend Mit dem neuen Jahre hat die„ Gleichheit" ein neues, die Stellung der Frau als Arbeiterin und fast vollkommen größeres Gewand angezogen und ihren Inhalt erweitert. rechtlose Staatsbürgerin im Auge gehabt und danach Wie nicht zu zweifeln ist, wird diese neue Gestalt ihr ihre Tätigkeit bemessen, so will sie fünftig auch die auch neue Leser und neue Anhänger zuführen. Lange Stellung der Proletarierin als Mutter und Hausfrau Jahre hatte sie schwer um ihre Existenz zu kämpfen. Die ins Auge fassen und ihr hier mit Belehrung und UnterZahl ihrer Leser war im Vergleich zu dem ungeheuren weisung zur Seite stehen. Indem sie sich der Aufgabe Heer der proletarischen Frauen, die in ihr ihre Stimm- widmet, die proletarische Frau zu unterrichten, wie sie führerin und Vorfämpferin erblicken sollen, sehr gering. am besten mit ihren schwachen materiellen Mitteln ihre Aber dem Mute, der Ausdauer und dem unermüdlichen Häuslichkeit sich, dem Manne und ihren Kindern nach Fleiße, mit welchen Redaktion und Mitarbeiter das an- Möglichkeit angenehm, behaglich und nützlich gestalten fangs so steril scheinende Feld bearbeiteten, winkte schließ- und ein Heim schaffen kann, in dem Mann und Frau gemeinsam arbeiten für das eigene und das allgemeine Daß dem so war, darf nicht verwundern. Von allen Wohl, will sie im weiteren der Erziehung der Kinder Schichten der bürgerlichen Gesellschaft war die der prole- ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden und hier ebentarischen Frau die niederste, gering geschätzteste, ja ver- falls die Proletarierin lehren, wie sie diese am besten zu achtetste. Der proletarische Mann, den lange Zeit ein tüchtigen Menschen, zu tapferen, charakterfesten Kämpfern gleiches Los traf, hatte es verstanden, sich frühzeitiger der Zukunft heranbilden kann. eine geachtete Stellung zu erwerben. Dafür war er Mann, Diese neuen Aufgaben sind nicht weniger wertvoll als Wie in den vergangenen Jahren, so wird die Zeit- das heißt nach den herrschenden Begriffen der eigentliche diejenigen, denen sie bisher sich widmete. Es ist kein schrift auch fürderhin die treue Beraterin der Prole- Mensch, dessen kategorische Forderungen auf Menschen- leeres Wort, daß auf der Jugend die Zukunft ruht. tarierinnen für ihre Beteiligung am Befreiungskampf und Staatsbürgerrecht man schließlich nicht ganz unbe- Aber nur tüchtige, charaktervolle Mütter, die ihre Zeit ihrer Klasse sein. Sie wird wie seither mit aller achtet lassen konnte. Seine Zahl war zu groß und ge- verstehen, können entsprechend ihre Kinder erziehen, und Energie und Schärfe kämpfen für die volle soziale fährlich. Erst als man seine Macht erkannte, kümmerte nur eine im Bewußtsein ihrer Menschenrechte und Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie man sich um ihn, und seitdem er das Stimmrecht besitzt, Menschenpflichten heranwachsende Jugend wird in Heldensie einzig und allein möglich ist in einer sozia- umschmeichelt man ihn sogar. Man hofft, ihn durch gute haufen die Kämpfer liefern, die den großen Befreiungslistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen Worte zu bändigen und von den für die herrschende kampf der leidenden Menschheit schlagen. Das weiß niemand besser als unsere herrschenden verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigentums- und Gesellschaft gefährlichen Forderungen abhalten zu können. Anders mit der Proletarierin. Von allen menschlichen Klassen und ihre Interessenvertreter in der Staatsgewalt. Wirtschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaft- Wesen ist sie das unterdrückteste, rechtloseste. Noch weniger Darum ihr Streben, die Schule zu der großen Zuchtlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die wirtschaftliche als der proletarische Mann erzogen, von allen Quellen anstalt zu machen, die ihnen die Herrschaft auch zuAbhängigkeit eines Menschen von einem anderen Men- des Lichtes und der Belehrung systematisch ferngehalten, fünftig garantiert. Daher ihr Streben, besonders den schen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den im Glauben an die Pflicht schweigenden Gehorsams, Geist der Frau und ihrer Kinder mit Hilfe der großen jetzt herrschenden Eigentums- und Wirtschaftsverhält- blinder Unterwürfigkeit und einer Arbeitsleistung ohne Bevormundungsanstalt, der Kirche, zur Unterwürfigkeit, nissen der Gegensatz zwischen Besitzenden und Nicht- Ruhe und ohne Ende groß geworden, wurde sie das Pack zur Demut, zur Entsagung und zum willigen Gehorsam besitzenden, der soziale Gegensatz zwischen Mann und und Lafttier der Gesellschaft, das mehr als das christliche Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Die Aufhebung dieser Gegensätze kann jedoch nur erfolgen durch den Klassenkampf: die Befreiung des Proletariats fann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie Doch die bürgerliche Gesellschaft schafft wider ihren sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung willen die Bedingungen, die es ermöglichten, auch an anschließen. Und nur ihr, keineswegs aber der bürger- die Proletarierin heranzukommen und sie für den großen lichen Frauenrechtelei, die zwar zugunsten des weib- Befreiungskampf der Menschheit von Unterdrückung und lichen Geschlechtes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Ausbeutung in jeglicher Gestalt zu gewinnen. Wie der Die neuen Aufgaben, die sich die„ Gleichheit" gestellt, reformieren will, aber grundsäglich eine Revolution proletarische Mann durch die modernen Bagnos, die verdienen also unser aller energischste Unterstützung. Verder Gesellschaft zugunsten der ausgebeuteten Klasse Fabriken, in Kompagnien, Bataillone und ganze Regi- breiten wir sie von Haus zu Haus, von Familie zu zurückweist. Die proletarischen Frauen zum Klassen- menter, ja in den großen Riesenbetrieben zu Brigaden, Familie. Propagieren wir ihre Verbreitung in Werkkampf zu rufen und für den Klassenkampf zu schulen, Divisionen und ganze Armeekorps vereinigt und dis- statt und Fabrik, im Bauernhaus und in der Stube des das wird wie bisher so in Zukunft die vornehmste Auf- zipliniert wurde, was sein Klassenbewußtsein schuf und armen Heimarbeiters. Haben wir die nötige Zahl der das wird wie bisher so in Zukunft die vornehmste Auf- ihn seine gesellschaftliche Macht erkennen ließ, so auch Kämpfer, Männer und. Frauen, in einem gewaltigen gabe der„ Gleichheit" bleiben. Ihrem alten Programm die Broletarierin. Millionenweise in den modernen Bro- Bund vereinigt, dann ist unser die Welt, allen unseren getreu wird sie auch im kommenden Jahre werben duktionsprozeß gerissen, um dort als billiges und williges Feinden zum Troy! für den Streit, wo ,, ein Hüben und Drüben nur gilt". Arbeitsmittel zugunsten seiner Herren benutzt zu werden, Daneben will jedoch die„ Gleichheit" von nun ab dämmert auch in ihr das Licht der Erkenntnis, fühlt noch weitere Aufgaben erfüllen. Ihr Umfang wird auch sie sich als Teil eines großen Ganzen, erlangt auch fast verdoppelt werden. Jede Nummer erhält eine sie allmählich das Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer Beilage, welche, abwechselnd in der Reihe des Er- Menschenwürde, beginnt auch sie Vergleiche zu ziehen scheinens, der allgemeinen Bildung der prole- zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. tarischen Frau, ihrer besseren Ausrüstung für die Pflichten als Mutter und Hausfrau ge- der geeignete Nährboden für die Befreier- und Erwidmet ist und Kinderlektüre bringt, welche in Löferinnen, die sich ihr nahen, um ihr das Evangelium dem heranwachsenden proletarischen Geschlecht soziali- märchenhaften Jenseits, sondern im realen Diesseits, in einer neuen wahren Menschwerdung nicht in einem bleiben muß. stisches Fühlen und Denken fördern soll. Wir hoffen, dieser schönen Welt zu verkünden, in der Rosen und daß das Blatt in seiner neuen Ausgestaltung die alten Myrrhen, Schönheit und Luft für alle im Überfluß vor Sympathien erhält und neue Freunde erwirbt. handen sind, wenn erst die ungeheure Zahl derer, die Verlag und Redaktion werden tun, was in ihren heute in Not und Sorge dahinlebt, ernsthaft von ihrer Kräften steht, damit die„ Gleichheit" ihren Aufgaben Kraft und Einsicht den rechten Gebrauch macht. gerecht wird. Ihr Preis bleibt trotz der Ver- Daß die Frauen im allgemeinen und die Proletaries größerung und neuen Ausgestaltung der alte. rinnen im besonderen zu dieser Erkenntnis kommen, ist Sie kostet vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig. neben dem Erwachen des Proletariers der größte Fort- im Reichstag der Kampf tobte um den Zolltarif mit seinen Probe- und Agitationsnummern werden jeder- schritt, den je die Menschheit erlebte. Und die rasche des Parlamentes sich des Bruches der Geschäftsordnung und zeit gratis abgegeben. Eine recht weite Verbreitung Ausbreitung, die das einzige Organ der proletarischen der Verfassung schuldig machte, um den Wuchertarif durchFrauen Deutschlands, die„ Gleichheit", in den letzten zubringen: da waren es die sozialdemokratischen Abgeordneten, der Gleichheit" hofft Jahren erfahren hat, spricht dafür, daß die proletarische die den ob ihres Pyrrhussieges trunkenen Zollräubern zuriefen: Hütet euch! Der Kampf ist für heute zwar beendet, gegen alle Autoritäten, wirkliche und eingebildete, zu Lamm aller anderen Sünden zu tragen hatte und noch trägt. dressieren. Daher das immer wiederkehrende und hartHier agitatorisch und erzieherisch einzugreifen ist eine näckig verfolgte Bestreben, namentlich die Frau in dem eminente Kulturaufgabe. Aber das hat seine ganz be- Banne des Vorurteils, der Unwissenheit, der blinden sonderen Schwierigkeiten. denn das erfordert ein hohes Gläubigkeit zu erhalten, damit sie, mit diesen Eigenschaften Maß von Geschick und Geduld. ausgestattet, auch die Kinder in derselben Geistesverfassung erhält, die sie zu Sklaven der weltlichen und geistlichen Gewalt macht und die Knechtschaft der großen Herde unter einer kleinen Zahl im Überfluß und im Wohlsein lebender Hirten verewigt. A. Bebel. Die Handelsverträge und die Frauen. Von Luise Zieg. Wird es dem Spießer gruseln, wenn er liest, daß die Einmal in dieser Stimmung, findet sich auch bei ihr Frauen sich gar um die Handelsverträge kümmern! Handelspolitik, wie Politik überhaupt ist eine Sache, die nach seiner Meinung für die Frau ein„ Kräutlein Rührmichnichtan" Die Redaktion und der Verlag. Frauenbewegung erfreulich marschiert. Stadi Mon thek цево Wir dagegen wollen in nachfolgendem zeigen, daß die Frau nicht nur als Staatsbürgerin auf das lebhafteſte sondern daß sie auch als Arbeiterin, ja daß sie, selbst wenn interessiert ist an der Gestaltung der neuen Handelsverträge, sie über den engen Rahmen der Familie nicht hinauskäme, als Hausfrau und Mutter alle Ursache hat, das größte Interesse der Frage entgegenzubringen:" Wie werden sich die neuen Handelsverträge gestalten?" Als in den denkwürdigen Dezembertagen des Jahres 1902 2 Gleichheit Nr.! jedoch er wird aufs neue entbrennen, wenn eZ die Entscheidung gilt über die Handelsverträge. Vorder aber wird das Volk sein Urteil fällen über euer Vorgehen, und zwar bei der Reichstagswahl." Das Volk hat inzwischen gesprochen? Die drei Millionen soz.aldeniokratischcr Stimmen bei der letzten Reicbstagswahl waren ein glänzendes Vertrauensvotum für die sozialdemo- krati'che Haltung nnd Taktik, eine schallende Ohrseige dagegen für die„Mehrheitsparteien", für ihre Grundsätze uns ihr Verhalten im allgemeinen, für ihre Stellungnahme zur Zollvortage im besonderen. Der Kamps um die Handelsverträge, er steht uns noch bevor. Er wird im neuen Jahre im Parlament entbrennen. Dabei sind die Verhandlungen zwischen den Unterhändlern der einzelnen Staaten noch keineswegs abgeschlossen. Und da Wueberlarife hüben wie drüben den Verhandlungen zugrunde liegen, lo ist es noch sehr die Frage, ob Handelsverträge just mit den wichtigsten Ländern zustande kommen werdeil. Dag die Verhandlungen scheitern möchten, die bestehenden Handelsverträge gekündigt würden und der Wuchertaris mit seinen ungeheuerlich hohen Zollsätzen als autonomer Tarif in Kraft träte, das ist der Herzenswunsch der Junker. Ob das den Zollkrieg und damit den Ruin für Deutschlands Jndu trie nnd Handel, ob das Arbeitslosigkeit und Hungersnot für Deutschlands Arbeiterschaft bedeutet>wäs selbst Nationalliderale und Zentrümler, denen die Annahme des Tarns nicht zum wenigsten geschuldet ist, allgemach eingestehen), was kümmert es jene„Edelsten" und„Besten", die das edle Handwerk des Raubritters heute noch so gut verllegen wie ihre Vorfahren im Mittelalter, wenn auch aus andere einträglichere Weise. L>at aber nicht die Arbeiterschaft und ganz besonders die Frau des Arbeiters alle Ursache zu wünschen, daß Handelsverträge mit den in Handelsverkehr mit Deutschland stehenden Ländern abgeschlossen werden? Hat nicht die Arbeiterschaft und ganz besonders die Proletarierin alle Ursache, für die Erfüllung dieses Wunsches zu kämpfen? So gewiß, wie wir ein überaus lebhaftes Interesse daran haben, zu verhindern, daß Deutschland in Zollkriege verwickelt wird mit den Ländern, mit denen es entweder auf Grund fester Verträge und Tarife oder aber der Meistbegünstigungsverträge bis jetzt in Handelsbeziehungen steht, so gewiß ist es auch, daß wir den neuen Handelsverträgen nicht unter allen Umständen zustimmen können. Sind in die neuen Handelsverträge die im Wuchertarif vorgesehenen Mindestzölle für Brotgetreide, sowie die erhöhten Zollsätze aus vielen weiteren unentbehrlichen Konsum- arrikeln des werktätigen Volkes übernommen, so können wir nun und nimmer unsere Zustimmung dazu geben. Denn das würde bedeuten, auf Kosten der Arbeiterschaft, ihres Hungers, Handelsverträge zu erhalten. Dazu würde dann noch kommen, daß von anderen Ländern, wie es zum Beispiel von Rußland verlautet, als Kompen- sations-(Ausgleichs-) Zölle ungeheuer hohe Zollsätze auf Maschinen, andere Eisenwaren, überhaupt auf Erzeugnisse der deutschen Industrie durchgesetzt würden. Gegen solche Handelsverträge müßten wir als Konsumenten, als Produzenten und als Staatsbürgerinnen den flammendsten Protest erheben. Denn was würde die Annahme solcher Handelsverträge für uns bedeuten? Zunächst ein gewaltiges Schröpfen unseres Geldbeutels. Eine außerordentliche Verteuerung unseres Brotes und derjenigen Konsumartikel, auf welche die hohen Zollsätze vereinbart werden. Und eine weitere Verteuerung unseres Brotes usw.. was schließt das in sich für uns? Ihr Frauen des arbeitenden Volkes, ihr könnt am besten Auskunft darüber geben! Ihr wißt am besten, welche Qual und Sorge es euch bereitet, heute schon bereitet, all die hungrigen Mäuler satt zu machen; ihr wißt ain besten, wie ihr euch das Hirn zermartern, wie ihr immer wieder rechnen und rechnen müßt, um mit dem leider gar zu kargen Verdienst notdürftig auszureichen. Wie viel schlimmer wird es sein, wenn eine weitere Verteuerung des Notwendigsten Platz greift. Wie viel dürftiger wird da die ohnehin so dürftige Lebenshaltung werden! Eine noch dürftigere Lebenshaltung, darunter aber leiden»vir Frauen am meisten. Nicht nur, weil sie die Last der Sorgen schier unerträglich macht, sondern weil sie auch für so manche von uns direkt den Hunger bedeutet oder richtiger eine Vergrößerung des Hungers. Wie manche Arbeiterfrau darbt sich den Bissen vom Munde ab, um ihn den Kindern zu geben oder auch dem Manne, dem Haupternührer der Familie, der unter allen Umständen bei Kräften erhalten werden muß. Wenn die Proletarierin auch zehnmal weiß, daß solches Handeln soviel bedeutet, als ihr Lebenslicht an beiden Enden anzuzünden, was hilft's? Es reicht das Einkommen eben nicht weiter. Aber trotz aller Aufopferung erscheint oft genug der unerbittliche Sensenmann und streckt seine dürre Knochenhand nach ihren lieben Kleinen aus, die sie nicht hinreichend pflegen kann. Ihr Kind, das sie unter Schmerzen geboren hat, das sie unter Sorgen und Mühen pflegt und erzieht, das im Alter ihre Freude und Stütze sein sollte, muß sie frühzeitig dem Schöße der Erde übergeben. Und das alles, weil:„o Gott, das Brot so teuer ist!" Und nun gar das alleinstehende junge Mädchen, die arme Witwe, die für sich und ihre Kinder allein sorgen muß. Ihnen geht's noch schlimmer. Ihnen gegenüber erheben nicht nur die Not und der Hunger ihr grausiges Haupt, sondern da sie des schützenden Haltes entbehren, den die Familie gewährt, so steht bei ihnen hinter Not, Sorge und Hunger die Schande und grinst sie an. Höhnisch ruft sie ihnen zu:„Ihr entgeht mir nicht, der Hunger, die Kälte sind gute Kuppler, sie treiben mir meine Opfer sicher zu!"— Da seht ihr Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes, wie die Frage der Abschließung günstiger Handelsverträge für uns geradezu eine Lebensfrage ist. Und das ist sie noch aus anderen Gründen als den hier aufgezeigten. Nicht nur als Hausfrauen, als Mütter, also als Konsumentinnen sind wir an der Frage interessiert, sondern auch als Produzentinnen, als Arbeiterinnen. Das geht aus dem Folgenden hervor. Kämen Handelsverträge zustande, wie wir sie oben charakterisiert haben, Handelsverträge, in denen Deutschland hohe Kornzölle, überhaupt Lebensmittelzölle festgelegt erhält, andere Länder hohe Jndustriezölle, so wird eine außerordentliche Verschlechterung unserer Arbeitsgelegenheit eintreten. Denn entweder verliert die deutsche Industrie Absatzgebiete für ihre Produkte, weil der Zoll die Waren zu sehr verteuert und uns konknrrenzunfähig macht, oder aber die deutschen Großindustriellen verlegen einen Teil ihrer Fabriken in das Ausland, das auf ihre Produkte den hohen Zoll legte, und arbeiten dort mit fremden Arbeitern. Auf jeden Fall hat der deutsche Arbeiter, die deutsche Arbeiterin die Zeche zu zahlen. Zu der Brotverteuerung kommt noch geringereArbeits- gelegenheit, das Sinken der Löhne, die Arbeitslosigkeit. Welche Summe von Not, Elend, Krankheit, Schande und — Verbrechen für große Schichten der Bevölkerung das Wort„Arbeitslosigkeit" in sich schließt, brauchen wir hier nicht erst zu erörtern, es ist leider nur allzu bekannt. Ebenso schädlich wie die hohen Jndustriezölle fremder Länder wirken Zölle, welche das Vaterland auf Rohstoffe, Halb- und Ganzfabrikate legt, noch in anderer Richtung. Sie begünstigen geradezu das Zusammenschließen der Unternehmer zu Kartellen, Trusts und Ringen. Die kartellierten Unternehmer treiben aber im Inland den Preis der Waren gewaltig hoch, lassen sich Monopolpreise zahlen und— verschleudern die Waren im Ausland. Wir müssen teuer zahlen als Konsumenten dieser Waren und verlieren dabei obendrein wiederum Arbeitsgelegenheit. Ein Beispiel möge das illustrieren. Bei dem heute schon bestehenden hohen Eisen- und Stahlzoll sind die Eisen- und Stahltrusts in vollster Blüte. Aus den vorhin angegebenen Gründen ist gutes Eisen und Stahl im Ausland weit billiger zu haben als bei uns. Alle Industrien des Auslandes, die Eisen und Stahl weiter verarbeiten, sind daher konkurrenzfähiger als die gleichen deutschen Industrien, weil sie das Rohmaterial billiger erhalten als diese. Das beweist folgender Fall. Vor längerer Zeit ward berichtet, daß Hamburger Schiffsreeder auf holländischen Werften Schiffe herstellen ließen. Auch wenn die Schlepper- und Versicherungssumme von 200 bis S00 Mark pro Schiff auf den Preis geschlagen ward, stellten sich die Schiffe doch noch weit billiger, wenn sie auf holländischen, als wenn sie auf deutschen Werften hergestellt wurden. Und der Grund? Weil das zum Schiffsbau verwendete deutsche Eisen im Ausland soviel billiger zu haben ist als in Deutschland selbst. So wird Tausenden Arbeitern die Arbeitsgelegenheit geraubt, und das heißt man dann:„Schutz der nationalen Arbeit". Aber auch als Staatsbürgerinnen haben wir Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes das lebhafteste Interesse daran, daß der wucherischen Zollpolitik ein energisches Halt geboten wird. Geht doch ein guter Teil des aus unseren Taschen geholten Zolles in die Taschen der Krautjunker und der industriellen Scharfmacher, unserer schlimmsten politischen Feinde. Er bereichert jene Leute, welche die schwärzeste Reaktion verkörpern, welche nicht nur ihren ganzen Einfluß aufbieten, jeden Fortschritt in politischer und kultureller Beziehung zu hintertreiben, sondern die der Arbeiterklaffe die bescheidensten Staatsbürgerrechte nehmen möchten. Es sei hier nur auf das Kontraktbruchgesetz gegen die preußischen Landarbeiter und-Arbeiterinnen hingewiesen. Eine wirtschaftliche Stärkung des Junkertums und der Junkergenossen bedeutet gleichzeitig eine Verstärkung ihres politischen Einflusses und damit eine Stärkung der Reaktion. Ein anderer Teil des Zolles, um den wir beraubt werden sollen, fließt in die Staatskasse. Eine Stärkung der Staatskasse bedeutet eine Kräftigung der Regierung, bedeutet eine Förderung des Militarismus und Marinismus, bedeutet damit ebenfalls eine Stärkung der Reaktion. Zum Beweise dafür brauchen wir unter anderem ja nur daran zu erinnern, daß Soldaten nach Ableistung des Fahneneids gesagt wurde, sie hätten gegebenenfalls auf Vater und Mutter zu schießen!, daß sie wiederholt kommandiert wurden, Streikarbeit zu machen, daß beim Militär denkende. fühlende, selbstbewußte Menschen zum Kadavergehorsam erzogen werden. Auch der Kolonialgreuel sei nicht vergessen, die unausbleibliche Früchte des Militarismus sind. Wer die Freiheit will, kann nicht den Militarismus unterstützen. Eine Stärkung des Militarismus, ihr Frauen, läuft aber auch auf eine Stärkung des Systems hinaus, dem so manche eurer Söhne, Männer und Brüder zum Opfer gefallen sind. Entweder infolge der entsetzlichen Menschenschindereien, der Soldatenmißhandlungen, welche die Euren zum Krüppel machten, dem Wahnsinn in die Arme trieben oder sie bestimmten, in der Verzweiflung Hand an sich zu legen, oder aber weil sie— wie in Dessau— ein Opfer der grausigen Militärjustiz wurden. Von welchem Gesichtspunkt aus wir auch die Frage betrachten, wir Frauen des werktätigen Volkes sind auf das lebhafteste an der Abschließung günstiger und langfristiger Handelsverträge interessiert. Kampf, unerbittlicher, hartnäckiger Kampf unsererseits daher gegen Handelsverträge, die etwa abgeschlossen werden sollten auf der Grundlage, wie wir es eingangs gezeigt haben. Kampf gegen Handelsverträge, die einer kleinen Handvoll Kraut- und Schlotjunkern die Taschen füllen auf Kosten des arbeitenden Volkes, und die gleichzeitig die Ketten verstärken helfen, mit denen man uns knebeln will. Beginnt der Kampf im Parlament, so heißt es dafür Sorge tragen, daß außerhalb des Parlamentes die Massen in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlt werden, daß der Sturm, der gegen solche Handelsverträge losbricht, ein gewaltiger sei. Und bei der zu entfesselnden machtvollen Protestbewegung dürfen die Frauen, die doppelt und dreifach am Ausgang des Kampfes Interessierten, nicht fehlen, sie sollen und müssen in den vordersten Reihen stehen. Sie müssen der Parole folgen: Aus die Schanzen! Es gilt für Freiheit und Brot! Vom Wert. i. In der vorigen Plauderei(Nr. 23 der„Gleichheit") begannen wir mit der Beobachtung wirtschaftlicher Tatsachen. Wir stellten fest, daß der Mensch sich das, was er braucht, bei allen zivilisierten Völkern durch Kauf verschafft. Der Käufer gibt dem Verkäufer Geld und bekommt dafür Ware. Mithin besteht der Reichtum in der heutigen Gesellschaft aus Geld und Ware. Wir überzeugten uns ferner, daß das Geld nur ein Stellvertreter, gewissermaßen ein Quartiermacher der Ware ist, und daß folglich der Reichtum nur aus Waren besteht.(Deshalb beginnt Marx'„Kapital" mit den Worten:„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung.")— Alsdann fragten wir uns, was eine Ware sei und fanden nach reiflicher Überlegung, daß das Wort Ware einen von menschlicher Arbeit erzeugten oder beschafften Gebrauchsgegenstand bedeutet, der zum Verkauf gestellt ist.— Jede Ware hat einen Preis, der weiter nichts ist als die Summe Geldes, welche die Ware kostet. Dies führte uns zurück zum Gelds, und wir fanden, daß das Geld als allgemeines Tauschmittel für alle anderen Waren dient, und daß es zugleich im Preise den Wert aller Waren ausdrückt. Was aber ist der Wert? Mit dieser Frage schloß unsere vorige Betrachtung. Die Frage muß auf den ersten Blick überraschen. Denn in der Sprache des gewöhnlichen Lebens werden die Worte „Preis" und„Wert" gleichbedeutend genommen. Wenn ein Stuhl 6 Mark kostet, so sind 6 Mark sein Preis und auch sein Wert. Da wird kein Unterschied gemacht. Nun haben wir vorhin gesagt, daß der Preis eine Summe Geldes sei, welche den Wert der Ware angibt. Es leuchtet ein, daß dieser Satz sinnlos ist, wenn Wert und Preis wirklich dasselbe bedeuten. Er würde dann besagen, daß der Preis den Preis oder der Wert den Wert angibt, was nichts erklären würde. Wir haben deshalb allen Grund nachzuprüfen, ob die Sprache des gewöhnlichen Lebens recht hat, ob die Worte Wert und Preis in der Tat gleichbedeutend sind. Wenn es uns gelänge nachzuweisen, daß der Wert irgendwo existiert, wo es keinen Preis gibt, so wäre damit bewiesen, daß beide nicht dasselbe sein können. Stellen wir uns deshalb vor, daß aus irgend einem Grunde heute das Geld verschwände. Es sollen also genau die Zustände herrschen, die heute wirklich vorhanden sind, es soll alles gekauft und verkauft werden, nur soll es kein Geld geben. Dann würde der Preis nicht existieren, das ist zweifellos, denn der Preis ist eine Summe Geldes, daran ist nicht zu rütteln. Gibt es kein Geld, so gibt es auch keinen Preis. Aber wie ist es mit dem Werte? Denken wir an unseren Glashändler, der eine Vase zu verkaufen hat und einen Stuhl dafür haben will, und versetzen wir ihn in die geldlose Zeit. Da es kein Geld gibt, so ist er darauf angeiviesen, unter allen Umständen einen Möbelhändler aufzusuchen, der die Vase zu nehmen geneigt ist. Nehmen wir an, er finde ihn, und die beiden wollen den Handel miteinander abschließen. Da stehen sie vor der Frage, was für einen Stuhl der eine annehmen, der andere geben soll. Und es ist klar, daß es nicht der erste beste Stuhl sein kann, sondern nur einer, der ebensoviel wert ist wie die Vase. Da kein Geld existiert, wird es ja einige Schwierigkeiten machen, den Wert der beiden Waren zu ermitteln. Aber auf irgend eine Weise muß es geschehen, sonst wird einer der beiden Händler bei dem Geschäft zu kurz kommen.— Die Sache wird noch klarer, wenn wir annehmen, daß der Stuhl nicht einer, sondern zwei Vasen gleichwertig ist. Dann kann sich der Möbelhändler nicht mit einer Vase zufrieden geben, er muß zwei haben. Wer einen Stuhl gegen Glasvasen verkaufen soll, muß wissen, wieviel Vasen der Stuhl wert ist. Bei jedem Verkauf muß man ebenso den Wert der Waren wissen, ganz gleichgültig, ob das Geld existiert oder nicht. Somit existiert der Wert und kommt bei jedem Handel in Frage, auch wenn es kein Geld und folglich keinen Preis gibt. Freilich kann der Wert dann nicht in Geld ausgedrückt werden, wohl aber in anderen Dingen. Zum Beispiel kann man sagen: ein Stuhl ist wert zwei Vasen. Dann ist der Wert des Stuhles in Vasen und der Wert der Vasen in Stuhl ausgedrückt, obgleich es keinen Preis gibt. Was ist nun aber der Wert?— Wir haben soeben verschiedene Weisen kennen gelernt, den Wert auszudrücken. Sehen wir uns genau an, was sie denn eigentlich ausdrücken; das wird ja wohl der Wert sein müssen.— Da hatten wir in dem vorhergehenden'Artikel den Satz: 1 Stuhl ist wert ö Mark Nr.! Gleichheit Z Die Frage„was ist der Wert?" hat einen gelehrten, geheimnisvollen Anstrich. Und das färbt ab auf den obigen Satz. Aber man lege nur das Vorurteil ab. daß hier unbedingt irgend etwas Geheimnisvolles dahinter stecken müsse, man betrachte den Satz mit unbefangenen Augen, und man wird zugeben müssen, daß jedermann ganz genau weiß, was er bedeutet. Es kommen da nämlich in Betracht zwei Personen. Die eine hat einen Stuhl, die andere hat Geld. Für den Besitzer des Stuhles drückt der Satz zweierlei aus. nämlich: 1. wenn ich einen Stuhl verkaufe, kriege ich dafür 6 Mark, nicht mehr noch weniger; und 2. wenn ich K Mark haben will, muß ich dafür einen Stuhl geben; ein halber reicht nicht, zwei sind nicht nötig, es muß gerade ein Stuhl sein. Und eine dementsprechende Bedeutung hat der Satz für den Geldbesitzer. Also: 3. wenn ich 6 Mark gebe, kriege ich dafür gerade einen Stuhl, nicht zwei Stühle, auch nicht einen halben; und 4. wenn ich einen Stuhl haben will, muß ich dafür gerade 6 Mark geben, nicht S noch 7. Gewiß wird jeder zugeben, daß er diese Bedeutung des Satzes auch schon vorher gekannt hat. Doch wir werden gleich sehen, wozu es nützt, bekannte Dinge so breit auseinander zu wickeln. Es wird für unseren Zweck gut sein, auch noch den anderen Wertausdruck, dem wir vorhin begegneten, ebenso zu zerlegen. Er lautete: 1 Stuhl ist wert 2 Vasen, und drückt, gleich dem ersten Wertausdruck, folgende vier Tatsachen aus: b. wer einen Stuhl gibt, kriegt dafür zwei Vasen; K. wer zwei Vasen haben will, muß einen Stuhl geben; 7. wer zwei Vasen gibt, kriegt dafür einen Stuhl; 8. wer einen Stuhl haben will, muß zwei Vasen geben. So haben wir nun acht verschiedene Wertausdrücke. Stellen wir sie untereinander und betrachten sie mit unbefangenem Blicke, so ist gar kein Irrtum darüber möglich, was sie angeben und angeben sollen. Was jedesmal angegeben wird, ist die Menge anderer Waren, die man im Tausche für eine bestimmte Ware bekommt oder geben muß. Und zwar ist die Menge, die Anzahl, die Hauptsache dabei. Auf die Anzahl Stühle, auf die Anzahl Vasen, auf die Anzahl Mark kommt es an, die miteinander ausgetauscht werden. Der Wert einer Ware ist die Menge anderer Waren, gegen welche sie ausgetauscht wird. Das ist somit das Ergebnis dieser Erwägungen. Mit anderen Worten kann man das auch so ausdrücken: der Wert ist das Austauschverhältnis der Waren. Das klingt etwas geheimnisvoller, besagt aber nur genau dasselbe wie der erste Satz. Julian Borchardt. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Auftrag des Porzellanarbeiterverbandes sprach Genossin Zietz-Hamburg im Bezirk Altenburg in öffentlichen Versammlungen zu: Eisenberg. Reichenbach, Hermsdors, Roschiy. Scbwarza, Katzhütte, Naschhausen und Meuselwitz. In Reichenbach und Roschitz mußten wir eine Störung seitens des überwachenden Beamten abwehren. In Reichenbach, weil der Beamte der Ansicht war, daß die Referentin„Hetze". Dieselbe verbat sich ganz energisch die wiederholte Störung und konnte dann auch ungehindert zu Ende sprechen. Der Beamte hatte lediglich bewirkt, daß die Erschienenen um so aufmerksamer zuhörten, weshalb Genossin Zieh dem Herrn zum Schlüsse für seine ungewollt geleistete Hilfe dankte. In Roschitz bestand der Beamte wie Shylock auf seinen Schein und forderte die Entfernung der Minderjährigen, weil auf seinem Ausweis nur von einer„öffentlichen" und nicht von einer„Porzellanarbeiter"-Versammlung die Rede sei. Dreimal unterbrach er in der Folge das Referat. Wir hatten die Empfindung, daß der Mann entweder nicht aus eigener Initiative so handelte, oder aber, daß er aus Frauenmund nicht hören konnte, was er xmal zuvor aus Männermund vernommen hatte. In Schwarza konnte die Versammlung tagen, die in Blankenhain verboten worden. Der Bürgermeister in Schwarza schien denn doch etwas mehr sozialpolitisches Verständnis zu besitzen wie sein freundnachbarlicher Kollege. Sämtliche Versammlungen, außer der in Hermsdorf, waren gut besucht. Die Agitation gewann der Organisation neue Mitkämpfer und stärkte den alten den Mut. Besondere Freude bereitete uns, daß in verschiedenen Orten Arbeiterinnen ihrer Gewerkschaft beitraten. Ist es doch auch in der Porzellanindustrie hoch notwendig, daß die ausgebeuteten Frauen und Mädchen gewerkschaftlich organisiert werden. Wie in anderen Industrien ermöglicht auch hier die technische Entwicklung die Verdrängung gelernter Ardeiter durch ungelernte und die Verdrängung der letzteren durch die Frau. Und ist die Arbeiterin nicht organisiert, so wird sie um so rücksichtsloser als Lohndrückerin ausgespielt. An anderer Stelle werden wir später über die in Betracht kommenden Lohn- und Arbeitsverhältnisse berichten. I-. Ende November sprach Genossin Zietz in Chemnitz in einer glänzend besuchten Volksversammlung über das Thema: „Die Frau nicht Haussklavin, sondern Kampsesgenossin". Einige 40 Abonnenten wurden der„Gleichheit", zirka SO Mitglieder dem Wahlverein zugeführt. Eine im Volkshans einberufene Frauenversammlung war noch zahlreicher besucht und ergab auch einen größeren Gewinn an Abonnenten und Mitgliedern.„Die Frau als Arbeiterin und Staatsbürgerin" war das Thema, welches die Einberuferin und Leiterin der Versammlung, Genossin Riemann, behandelte. Anfang Dezember sprach Genossin Zietz in Chemnitz in einer sozialdemokratischen Vereinsversammlung über:„Die Handelsverträge", in Chemnitz-Gablenz in einer überfüllten, polizeilich abgesperrten Versammlung über:„Die Russifizierung Deutschlands". Der greifbare wie der moralische Erfolg dieser Agitation war ein außerordentlich guter. Das letztere Thema erörterte Genossin Zietz auch in Kottbus- Madlow. In einer glänzend besuchten Versammlung, die in Vegesack tagte, referierte sie über:„Das Interesse der Frau an der Gewerkschaftsbewegung". Es wurden dem Metallarbeiterverband eine Anzahl neuer Mitglieder zugeführt; der sozialdemokratische Verein gewann 2V Mitglieder, zum großen Teil Frauen, und die„Gleichheit" 30 Abonnenten. l.. Vom Agitationskomitee des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen für den 20. Bezirk waren in der zweiten Hälfte des November Protestversammlungen veranstaltet worden, welche Stellung nehmen sollten zu der Auslegung, die der preußische Handelsminister der Bundesratsverordnung vom Jahre 1897 bei ihrer Ausdehnung auf die Werkstätten der Maßkonfektion usw. gegeben hat. Sie fanden statt in Lübau, Zittau, Seifhennersdorf, Leutersdorf, Neugersdorf, Bautzen und Dresden. Referentin war Genossin Grünberg-Berlin. In längeren Ausführungen zeigte sie, welch schweren Kampf das deutsche Proletariat zu bestehen hatte, um den herrschenden Gewalten wenigstens die Anfänge einer Arbeiterschutzgesetzgebung zu entreißen. Dürftig genug fielen dieselben aus und ließen das große Heer der Schutzbedürftigsten, der Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter, völlig ungeschützt. Es bedurfte des gewaltigen Konfektionsarbeiterstreiks von 1896, um den bürgerlichen Gesetzgebern klar zu machen, welcher Unterlassungssünden sie sich schuldig gemacht hatten. Kritisch zerzauste die Rednerin das bißchen Konfektionsarbeiterschutz, das seit 1397 in Gestalt von Bundesratsverordnungen, und ihrer allmählichen Ausdehnung auf bestimmte Gebiete der Konfektionsindustrie geschaffen worden ist. Darauf wies sie eingehend nach, daß der preußische Handelsminister durch seinen Erlaß vom 21. Mai 1904, im Gegensatz zu der Absicht der Gesetzgeber, im Gegensatz zu der siebenjährigen Praxis der Bundesratsverordnung ermöglicht habe, die an sechzig Tagen erlaubte Überzeitarbeit auf die Sonnabende und Vorabende von Feiertagen zu verlegen. Damit ivurde den Konfektionsarbeiterinnen wieder geraubt, was ihnen gewährt sein sollte: ein wenig Sonntagsruhe. Scharf hob sie hervor, daß die beliebte Auslegung eine feigenblattlose Begünstigung der Konfektionäre sei, die jedes bißchen gesetzlichen Arbeiterschutz als ein Attentat auf ihren Geldsack betrachten. Das beweise auch ihr Entrüstungsrummel gegen die bescheidene Reform der Lohnbücher. Aufgabe der Gewerkschaftsorganisation aller Arbeiter und Arbeiterinnen des Schneidergewerbes sei es, den bestehenden Gesetzen zum Schutze der ausgebeuteten Arbeitskräfte Geltung zu verschaffen und für einen immer wirksameren Schutz zu kämpfen. Die Rednerin legte dar, daß der Verband der Schneider und Schneiderinnen dieser Aufgabe in vollem Maße gerecht wird, daß aber auch ihrerseits alle Berufsangehörigen die Pflicht haben, der Organisation beizutreten, sie zu stärken und dadurch immer fähiger zu machen, Erfolge zu erringen. Ganz besonders eindringlich zeigte sie, daß die Arbeiterinnen des Schneidergewerbes durch ihre elende Lage veranlaßt werden müßten, sich dem Verband anzuschließen und für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen. In allen gut besuchten Versammlungen wurde einstimmig die vom Verbandsvorstand ausgearbeitete Resolution angenommen, welche bereits in dieser Zeitschrift mitgeteilt worden ist. Die Resolution fordert unter Bezugnahme auf die Auslegung der Bundesratsverordnung die Arbeiter und Arbeiterinnen auf, Überzeitarbeit an den Sonnabenden und Vorabenden von Feiertagen zu verweigern und auf die Einführung des Lohnbuchs zu dringen. Die Versammlungen haben nicht nur den Zweck erfüllt, die den schärfsten Widerspruch herausfordernde Sachlage breiten Massen zum Bewußtsein zu bringen und ihnen zu zeigen, daß sogar die bescheidenste Reform das Werk der Ausgebeuteten selbst ist, daß sie für ihre Interessen seitens der Ausbeutenden und Herrschenden weder Einsicht noch Wohlwollen erwarten dürfen, sie haben auch dem Verband neue Mitglieder gewonnen. II.(1. In Werder a. H. fand eine öffentliche Versammlung zur Förderung der gewerkschaftlichen Bewegung statt. Genossin Grünberg-Berlin sprach über„Zweck und Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation". Besonders legte sie den politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeitern ans Herz, mehr wie bisher die Ideen der Arbeiterbewegung ins Haus zu tragen. Gerade an die Frauen muß die Arbeiterbewegung sich wenden. Als Mütter erziehen sie die junge Generation in ihrem Sinne, als Arbeiterinnen sollen sie nicht Schmutzkonkurrentinnen des Mannes, sondern seine Kampfesgenossinnen sein. In der Diskussion wurde erklärt, daß es den Genossen am Orte ernst sei mit der Organisierung der Frauen und Mädchen. Um dieselbe zu fördern und stetig zu betreiben, wurde eine Vertrauensperson aufgestellt und als solche Genossin Berta Schwericke gewählt. II.