15. Jahrgang " Sie Gleichheit N-WGZWMWAZW Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen tTWtTZMMMMN Inhalte-Verzeichnis. Die Revolution in Rußland. Von Rosa Luxemburg.— Vom Wert. II. Von Julian Borchardt.— Louise Michel. Von W. Holzamer-Paris. — Der Kampf der Bergarbeiter im Ruhrrevier.— Aus der Bewegung: Von der Agitation.— Zeitschrist für die Interessen der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen.— Die Haltung der Frauen beim Bergarbeitcrstreik.— Politische Rundschau. Von Li. — Gewerkschaftliche Rundschau. Notizentcil: Vom italienischen Gewerkschaftskongreß.— Soziale Gesetzgebung.— Frauenarbeit aus dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.— Fraucnstimmrecht.— Quittung. Feuilleton: Die Schmerzensreichen. Von Ada Negri.(Gedicht.)— Im Armenhause. Von Ada Christen.(Schluß.) Die Revolution in Nußland. Die erste revolutionäre Massenerhebung des russischen Proletariats gegen den Absolutismus, am 22. Januar in Petersburg, ist von der Knutenregierung„siegreich" niedergeworfen, das heißt im Blute Tausender wehrloser Arbeiter, im Blute der hingemordeten Männer, Frauen und Kinder des Volkes erstickt worden. Es ist sehr wohl möglich, daß— wenigstens in Petersburg selbst— für den Augenblick eine düstere Ruhepause in der revolutionären Bewegung eintritt. Die Sturmwelle flutet nun von Petersburg, vom Norden, über das ganze Riesenreich herunter und erfaßt nacheinander alle größeren Industriestädte Rußlands. Wer einen Sieg der Revolution auf einen Schlag erwartete, wer sich jetzt, nach dem„Siege" der Blut- und Eisenpolitik, in Petersburg je nach der Parteistellung einer pessimistischen Niedergeschlagenheit oder einem vorzeitigen Jubel über die Wiederherstellung der„Ordnung" hingeben wollte, der würde nur beweisen, daß die Geschichte der Revolutionen mit ihren inneren ehernen Gesetzen für ihn ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist. Es dauerte eine Ewigkeit— wenigstens gemessen an der revolutionären Ungeduld und an den Qualen des russischen Volkes—, bis unter der jahrhundertealten Eisdecke des Absolutismus das Feuer der Revolution zur hellen Lohe entfacht wurde. Es mag und wird sicher eine ganze lange Periode furchtbarer Kämpfe dauern, mit abwechselnden Siegen und Niederlagen des Volkes, die unzählige Opfer kosten, bis die mordlustige, noch in ihrem Verenden schreckliche Bestie des Absolutismus endgültig niedergeschlagen wird. Wir müssen uns auf eine nach Jahren, nicht nach Tagen und Monaten zählende Revolutionsepoche in Rußland gefaßt machen, ähnlich der großen französischen Revolution. Und doch— alle Freunde der Zivilisation und der Freiheit, das heißt die internationale Arbeiterklasse kann jetzt schon jubeln aus vollem Herzen. Die Sache der Freiheit ist jetzt schon in Rußland gewonnen, die Sache der internationalen Reaktion hat jetzt schon am 22. Januar auf den Straßen Petersburgs ihr blutiges Jena erlebt. Denn an diesem Tage hat zum erstenmal das russische Proletariat als Klasse die politische Bühne betreten, zum erstenmal ist endlich auf dem Kampfplatz diejenige Macht erschienen, die allein geschichtlich berufen und imstande ist, den Zarismus in den Staub zu werfen und in Rußland, wie überall, das Banner der Zivilisation aufzupflanzen. Der Kleinkrieg gegen die russische Alleinherrschaft dauert schon fast ein Jahrhundert. Bereits 1825 gab es in Petersburg eine Revolte, getragen von der Jugend der höchsten Aristokratie, von Offizieren, die an den Ketten des Despotismus zu rütteln versuchten. Die Denkmäler dieser sehlgeschlagenen, grausam niedergeworfenen Erhebung sind heute noch zu finden in den Schneefeldern Sibiriens, wo Dutzende edelster Opfer auf ewig begraben wurden. Geheime Verschwörungsgesellschaften und Anschläge erneuerten sich in den fünfziger Jahren, und wieder triumphierte bald die„Ordnung" und Knute über die Schar der verzweifelten Kämpfer. In den siebziger Jahren bildete sich eine starke Partei der revolutionären Intelligenz, die, auf die Bauerumasse gestützt, vermittels systematischer terroristischer Anschläge auf die Zareu einen politischen Umsturz herbeiführen wollte. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß die damalige Bauernmasse ein träges, ganz ungeeignetes Element für revolutionäre Bewegungen war. Ebenso erwies sich die Beseitigung der Zaren als eine ganz ohnmächtige Waffe, um den Zarismus als Regierungssystem zu beseitigen. Nach dem Niedergang der terroristischen Bewegung in Rußland in den achtziger Jahren bemächtigte sich der russischen Gesellschaft, wie der Freunde der Freiheit in Westeuropa, für eine Weile eine tiefe Niedergeschlagenheit. Der Eisblock des Absolutismus schien unerschütterlich, die sozialen Zustände in Rußland schienen hoffnungslose zu sein. Und doch setzte gerade in diesem Augenblick in Rußland diejenige Bewegung ein, deren Ergebnis der 22. Januar dieses Jahres werden sollte— die sozialdemokratische. Es war ein ganz verzweifelter Gedanke des russischen Zarismus, nach der schweren Niederlage im Krimkrieg, seit den sechziger Jahren den westeuropäischen Kapitalismus nach Rußland zu verpflanzen. Der bankrotte Absolutismus brauchte jedoch zu fiskalischen und militärischen Zwecken Eisenbahnen und Telegraphen, Eisen und Kohle, Maschinen, Baumwolle und Tuch im Lande. Er zog den Kapitalismus mit allen Mitteln der Volksplünderung und der rücksichtslosen Schutzzollpolitik groß und— grub sich damit unbewußt mit eigenen Händen das Grab. Er pflegte liebevoll die Kapitalistenklasse und ihre Ausbeutung— und züchtete damit Proletarier und ihre Empörung gegen die Ausbeutung und Unterdrückung. Die Rolle, zu der sich das Bauerntum untauglich erwies, wurde zur historischen Aufgabe der städtischen, industriellen Arbeiterklasse in Rußland: diese Klasse wurde zum Träger der freiheitlichenund revolutionärenBe- wegung. Die unermüdliche unterirdische Aufklärungsarbeit der russischen Sozialdemokratie hat in Rußland in zwanzig Jahren fertig gebracht, was ein Jahrhundert heldenmütigster Revolten der Intelligenz nicht vermocht hatte: die alte Zwingburg des Despotismus in ihren Grundfesten zu erschüttern. Nun können alle oppositionellen und revolutionären Kräfte der russischen Gesellschaft in Wirkung treten: die elementare, unklare Bauernempörung, die liberale Unzufriedenheit des fortschrittlichen Adels, der Freiheitsdrang der gebildeten Intelligenz, der Professoren, Literaten, Advokaten. Sie alle können nun, gestützt auf die revolutionäre Massenbewegung des städtischen Proletariats und hinter ihm herschreitend, ein großes Heer Kämpfender, ein Volk gegen den Zarismus führen. Aber die Macht und die Zukunft der revoluttonären Bewegung liegt einzig und allein im klassenbewußten russischen Proletariat, wie dieses allein es versteht, zu Tausenden auf dem Schlachtfclde der Freiheit das Leben zu opfern. Und mag im ersten Augenblick die Leitung der Erhebung in die Hände zufälliger Führer geraten, mag die Erhebung von allerlei Illusionen und Traditionen äußerlich getrübt sein,— sie ist doch nur ein Ergebnis der enormen Summe der politischen Aufklärung, die in den letzten zwei Jahrzehnten durch die sozialdemokratische Agitation von Frauen und Männern unsichtbar in den Schichten der russischen Arbeiterklasse verbreitet worden ist. In Rußland, wie in aller Welt, liegt nun die Sache der Freiheit und des sozialen Fortschritts in den Händen des klassenbewußten Proletariats. Sie ist gut aufgehoben! _ Rosa Luxemburg. Vom Wert. ii. Werfen wir jetzt einen Rückblick auf die Sätze, die wir bisher über Wert, Preis und Geld gefunden haben, so sehen wir, daß sie samt und sonders sich auf den Tausch beziehen. Existiert der Wert nur im Tausch und gibt es anderswo als im Tausch keinen Wert? Wiederholt war bereits davon die Rede, daß in früheren Zeiten der Geschichte kein Tausch stattfand, weil jeder selbst produzierte(herstellte), was er brauchte. Konnte damals in den Köpfen der Menschen der Begriff„Wert" sich bilden? Konnte jemand aus den Gedanken kommen, zu fragen, wieviel ein Gegenstand wert sei? Offenbar nicht. Wenn jemand zum Beispiel einen Tisch zu eigenem Gebrauch gezimmert hat und nicht daran denkt, ihn zu verkaufen, weil eine derartige Sitte überhaupt nicht existiert, da jeder, der einen Tisch braucht, ihn sich selbst macht, dann kann auch keine Rede davon sein, daß jemand sich den Kopf darüber zerbricht, wieviel der Tisch wert sei. Diese Frage taucht erst auf, wenn man den Tisch vertauschen will, denn dann muß man wissen, wieviel andere Gegenstände man für den Tisch fordern soll. Erst dann also bekommt der Tisch Wert. — In einer Gesellschaft also, die nicht kauft noch verkauft, gibt es auch keinen Wert. Doch wie? Sollte der Tisch nicht dennoch Wert haben? Stellen wir uns vor, eine Familie habe bis dahin keinen Tisch besessen und diesen Mangel oft lästig empfunden. Endlich haben Vater und Söhne sich an die Arbeit gemacht und den Tisch gezimmert. Nun ist er da. Wird nun nicht die Familie sagen: Dieser Tisch hat einen großen Wert für uns? — Kein Zweifel, daß sie das tun wird. Wie ist denn nun die Sache? Existiert der Wert in einer solchen Gesellschaft oder existiert er nicht? Gibt es Wert nur beim Tausch oder auch, wo nicht getauscht wird? Ein wenig Geduld und gespannte Aufmerksamkeit wird das Rätsel lösen.— Wenn jemand einen Tisch verkaufen will, so gilt der Satz: der Tisch ist 20 Mark wert, oder auch: der Tisch ist drei Hammel wert. Wenn er ihn dagegen nicht verkaufen, sondern in eigenen Gebrauch nehmen will, so sagt er vielleicht: der Tisch hat einen großen Wert für mich. In beiden Fällen wird das Wort„Wert" gebraucht. Aber hat es beidemal denselben Sinn?— Das erstemal bezeichnet es die Anzahl anderer Gegenstän de, die man im Tausch für den Tisch bekommt; das zweitemal drückt es aus, daß der Tisch dem Besitzer nützlich ist. Zwei ganz verschiedene Dinge. Der Unterschied zeigt sich schon äußerlich auf den ersten Blick. Das erstemal hat der Wert eine ganz bestimmte Menge. Es kann und es muß sogar angegeben werden, wieviel der Tisch wert ist. Nichts dergleichen das zweitemal. Wohl sagt man, daß ein Tisch uns nützlicher oder weniger nützlich sei als ein anderer Gegenstand(was übrigens auch nur eine Ungenauigkeit des gewöhnlichen Sprachgebrauchs ist). Aber man kann keine Menge angeben, man kann nicht sagen, um wieviel der eine Gegenstand den anderen an Nützlichkeit übertrifft. Mit einem Wort: man kann den Wert, soweit er die Nützlichkeit eines Gegenstandes bedeutet, nicht in Zahlen angeben. Das kann man aber, und das muß man sogar, wenn es sich darum handelt, den Wert im Verkauf anzugeben. Die große Verschiedenheit der beiden Arten Wert erhellt noch aus anderen Überlegungen. Der Wert eines Gegenstandes, der seine Nützlichkeit bedeutet, kann für jeden Menschen ein anderer sein. Derselbe Tisch, der für den einen den allergrößten Wert(im Sinne von Nutzen) hat und ihm vielleicht unentbehrlich ist, kann für seinen Nachbar ganz überflüssig und deshalb wertlos sein. Dahingegen der Wert eines Gegenstandes, der sein Tauschverhältnis bezeichnet(und der bei den zivilisierten Völkern heutzutage immer im Preis ausgedrückt wird), der ist ein und derselbe für jedermann. Ist der Tisch einmal 2V Mark wert, so ist er es für jedermann. Wer den Tisch kaufen will, muß 20 Mark zahlen, ganz gleich, ob der Nutzen des Tisches für ihn groß oder klein ist. Es ist also klar, daß das Wort„Wert", wenn es den Nutzen bezeichnet, den der Gebrauch eines Dinges bringt, einen ganz anderen Sinn hat, als wenn es das Tauschverhältnis eines Gegenstandes bezeichnet. Für zwei verschiedene Begriffe muß man auch zwei verschiedene Worte anwenden. Deshalb nennt man in der Volkswirtschaftslehre das eine, nämlich den Nutzen, Gebrauchswert, und das andere, nämlich das Tauschverhältnis, nennt man Tauschwert. Der Tauschwert natürlich existiert nur im Tausch. Wo nicht gekauft und verkauft wird, da gibt es auch keinen Tauschwert. Das Wort bedeutet ja nur die Anzahl Gegenstände, die man im Tausch bekommt. Der Gebrauchswert dagegen hat mit dem Tausch nichts zu tun. Hat ein Gegenstand Gebrauchswert(das heißt Nützlichkeit) für den Menschen, so hat er ihn immer, ganz gleichgültig, ob er ausgetauscht wird oder nicht.— Dinge, die keinen Gebrauchswert haben, das heißt die der Mensch zu nichts verwenden kann, wird natürlich niemand kaufen. Folglich haben sie auch keinen Tauschwert, und wir können als allgemeine Regel den Satz 14 Die Gleichheit Nr. 3 aufstellen: ohne Gebrauchswert kein Tauschwert.— Das Umgekehrte gilt nicht. Gerade dadurch, daß wir Gegenstände fanden, die Gebrauchswert, aber keinen Tauschwert hatten, wurden wir ja auf den doppelten Sinn des Wortes Wert aufmerksam. Der Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert ist so wichtig, daß wir noch ein wenig dabei verweilen müssen. Wir hatten festgestellt, daß der Tauschwert eine Quantität(Menge) ist. Der Gebrauchswert dagegen hat nichts mit Quantität zu tun. Ein Gegenstand ist uns nützlich oder unnütz; er hat Gebrauchswert oder hat keinen. Aber er kann nicht mehr oder weniger Gebrauchswert haben. Der Gebrauchswert ist eine Qualität(das heißt eine Eigenschaft) der Dinge. Allerdings spricht man im Leben oft von mehr und weniger Gebrauchswert. Aber das ist, wie bereits bemerkt, nur eine Ungenauigkeit der gewöhnlichen Sprache. Wenn zum Beispiel jemand sagt, ein Werktisch sei ihm nützlicher als ein Schreibtisch, meint er da wirklich, in dem Werktisch stecke„mehr" Nutzen als im Schreibtisch? Ganz gewiß nicht. Sondern er will nur ausdrücken, die Nützlichkeit des Werktisches sei von anderer Art als die des Schreibtisches, und die erstere passe für seinen Gebrauch, die letztere nicht. Also nicht von verschiedenen Mengen Nützlichkeit ist die Rede, sondern von verschiedenen Sorten. Der Gebrauchswert ist eine Qualität der Dinge, die man niemals in Zahlen ausdrücken kann. Verschiedene Waren unterscheiden sich immer dadurch, daß sie verschiedenen Gebrauchswert haben. Der Unterschied zwischen Tisch und Glasvase besteht gerade in ihrem verschiedenen Gebrauchswert. Dagegen können sie sehr wohl den gleichen Tauschwert haben. Kostet der Tisch 20 Mark, so hindert das nicht, daß die Vase ebensoviel kostet. Ja mehr noch: sollen zwei Waren miteinander ausgetauscht werden, so müssen sie verschiedenen Gebrauchswert und gleichen Tauschwert haben. Wer einen Tisch verkauft, will nicht einen gleichen Gebrauchswert, das heißt wieder einen Tisch derselben Art dafür haben, sondern eine andere Ware von verschiedenem Gebrauchswert. Dagegen soll sie denselben Tauschwert haben wie der Tisch. So zeigt die Beobachtung des einfachsten Handelsgeschäftes, welch ein wichtiger Unterschied besteht zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Julian Borchardt. Louise Michel. Louise Michel ist gestorben. Ihr Ende war längst vorauszusehen. Ihre letzte Krankheit im vorigen Winter hatte sie sehr geschwächt. Sie war nur noch ein Schatten nach ihr, ein Skelett. Ich habe sie damals gesehen, habe sie sprechen hören, es war ihre letzte Rede in Paris, und so ist mir ein Eindruck geblieben. Dieser Eindruck: wie der Leib nicht erliegen kann, wenn der Geist widersteht, wenn der Wille ihn beherrscht und die Begeisterung ihm stärkere Kräfte zuführt, als Nahrung und Medikamente dies vermögen. Hinter Louise, man nannte sie nur Louise, stand der Tod. Er hatte nach ihr gegriffen, aber sie hatte ihm gewehrt, und er hatte gehen müssen. Man sah die welke Greisin an und konnte nicht glauben, daß sie noch leben könnte, daß sie sich nur noch eine Minute aufrecht halten könnte, wenn sie so dastand. Und wenn sie die ersten Worte sprach, dann kroch es einem ans Herz, ein furchtbares Gequältsein, ein Bangen, ein Mitleid. Sie war ja viel zu schwach, viel zu krank, viel zu zermürbt von all den Leiden ihres Lebens, von all dem tapferen Erdulden ihres politischen Märtyrertums, um das nur noch einen Satz lang aushalten zu können. Aber sie sprach den Satz. Ehe man nur zu Ende gekommen war, über ihre Zersallenheit und Gebrechlichkeit nachzudenken, hatte sie den Satz gesprochen. Und ein anderer war gefolgt, und andere folgten. Da war das Bangen und Bedauern ausgelöscht, da hielt man still im Banne dieses Sprechens. Da zündete dieser mächtige Wille, diese Begeisterung, die leidttagende Kraft, die noch nicht zu Ende war und nicht fühlte, daß all das äußere Leid — Verfolgung, Kerker, Krankheit—, das vorüber war, durch ein anderes nun ersetzt war, ein inneres, unerbittliches: das Alter. Und diese Kraft bezwang das Alter. Louise hatte gar nichts Posierendes. Fast unbemerkt war sie in den Saal gekommen. Niemand hatte sie erkannt. Sie weilte schon längere Zeit auf dem Podium, ganz im Hintergrund auf einem Stuhle förmlich kauernd. Das„Bureau" konstituierte sich. Mitten im Wahlakt hieß es plötzlich:„Das ist sie!" Und nun wurde ihr eine verspätete, aber schallende Ovation dargebracht. Sie blieb auf ihrem Stuhle kauern und nickte mit dem Kopfe. Ganz schwach und müde. Der Präsident eröffnete die Versammlung. Dann kam Louise von hinten hervor. Langsam, müde, zerfallen. Sie kam von„den Pforten des Todes" her. Und so ärmlich sah sie aus. Ein sehr einfaches schwarzes, verschossenes Kleidchen in altmodischem Schnitt, ein kleines Kapottchen auf dem grauen Kopfe, das Haar dünn über die Schläfen gestrichen. Es wurden ihr Erfrischungen angeboten, sie lehnte alles ab. Sie stand da. Es war, als müsse sie wanken. Und nun schlüpfte die linke Hand unter dem Rundkragen ihres Kleides heraus und griff nach der Zwickerschnur. Sie zog einmal auf, einmal ab. O, was für eine welke Hand! Dick und blau die Adern. Ganz zerpflügt. Ein leises Zittern in ihr. Ein Zittern, das sich verbergen will. Darum zieht sie an der Zwickerschnur auf und ab. Und richtig, sie packt's. Die Hand ist ganz ruhig. Sie hat die einleitenden Sätze gesprochen. Die Gedanken wachsen nun in den Worten, die Worte wachsen nun in den Gedanken. Der Mund wird breit und gierig. Grausam fast. Aber er läßt sich nicht gehen. Die blutleeren Lippen fassen sich immer wieder zu-> sammen. Das Seelische allein ist's nicht, das diese Energie entwickelt im Spiel dieses Mundes, es ist wohl auch das Bestreben der deutlichen Aussprache, denn dem Munde fehlen die Zähne. Und nun ist die geballte Linke unter dem schwarzen Kragen hervorgeschoffen. Eine feste Kraft ist in ihr, eine feste Kraft in dem Arme, der jetzt einen geraden kurzen Schlag nach unten führt. Und die Rechte hat sich ausgestreckt. Mit erregtem Zittern weist ein langgestreckter Zeigesinger. Die Stimme ist ein paar Töne höher, aber rauher, stärker, man fürchtet ihr Umschlagen nicht. Das Blut ist durch den welken, dünnen Hals in die Schläfe geschossen. Die Nasenflügel zittern. So mag sie vor den Richtern in Versailles gestanden haben, so mag sie Recht gefordert, ihre Verurteilung verlangt, die Richter insultiert haben. Einen Moment lang ist diese alte, gebrochene Frau eine junge Furie, bezwingend von dieser Schönheit und packenden Gewalt, die der Mensch hat, wenn er sich in der Leidenschaft für eine große Sache ganz hingibt. Sie hatte den Tod gefordert in Versailles damals, ihre Richter hatten es nicht gewagt, sie dazu zu verurteilen. Sie kam nach Neu-Caledonien. O, sie ist viel schwächer und älter nun, und auch ihre Züge sind nicht mehr so herb und männlich, aber sie imponiert dennoch. Nun ist sie wieder ruhiger geworden, und in ihren Augen ist wieder diese große Güte, dieses gütige Weibsein, das ihr eigen war. Sie erzählt gelassen. Es ist alles Milde in ihr. Sie ist ganz Weib und Hingebung. So hat sie wohl als Deportierte die Kinder der Verbrecher unterrichtet, eine gute Lehrerin und Mutter, die die Menschenliebe lehrte und die Tatkraft und den Opfermut zur Freiheit. Nichts in aller Milde nimmt ihr etwas von ihrer Energie. Eine ganze Stunde steht sie schon da und spricht, aber sie scheint nicht ermüdet. Sie scheint nur schwach und gebrechlich. Sie hat die Ausdauer alter Leute, die nicht alt sein wollen. Sie hat noch viel zu sagen, sie wird es alles noch sagen. Nun hat sie sich abermals erregt, sie läßt ihrer Erregung ganz freien Lauf, sie kostet sie förmlich selbst aus. Dann atmet sie schwer, und spricht ruhig weiter. Und alles ist Bewunderung. Die Versammlung besteht nur aus Arbeitern und Arbeiterinnen, sie schätzen die Arbeit, die diese Frau da oben leistet. Begeisterte Zurufe danken ihr. Sie sitzt hinten, ganz hinten in der Ecke, ganz klein auf ihren Stuhl gekauert und nickt mit dem Kopfe. Sie dankt, aber sie lächelt nicht einmal. Und sie tritt nicht vor. Für so etwas verschwendet sie sich nicht. Was Louise Michel sprach, will ich nicht analysieren. Der Franzose hat ein Wort dafür statt �jeder Analyse. Er nennt das: äilettantisms, Dilettantismus, in einem besonderen Sinne. Vom Standpunkt der Prinzipien aus, von der geraden Logik politischer Anschauung aus war es wohl Dilettantismus. Aber es hatte mit ihnen dies Höchste gemeinsam: Freiheit, Menschenrecht, und dies Höchste hatte es nicht als Phrase: ein schweres Leben zeugte dafür, es war Tat. Und in dieser Tat war Jugend, die Jugend, die in ihren Worten nun lag, die den welken Körper belebte, die ihm die Ausdauer für eine anderthalbstündige Rede gab. Es lag darin der Mut der Märtyrer, der Idealismus der Überzeugung, die Freudigkeit des Erduldens. Es lag Glaube darin und Sieg. Überwindung, die keine Vergelttmg will, die verzeiht, die aber auch warnt. Wo diese Warnung kein Gehör fand, da wurde sie anklagend, da drohte sie. Da drohte sie furchtbar, mit erschütternden Worten. Es rief nicht Rache, es rief Revolution. Louise Michel war die„rote Jungfrau", wie sie genannt wurde. Und dann stand sie da als die Persönlichkeit, die sich ganz einer Sache hingibt, die sich für ihre Überzeugung in die Schanze wirft und sich opfert. Sie war alt geworden, sie forderte nicht mehr Blut. Sie hatte in ihrem Leben so grausam viel Blut fließen sehen, so viel unrecht, frevelhaft vergossenes Blut, sie rief nicht nach den Fäusten und Waffen, sie rüttelte den Geist auf. Sie appellierte an den Einzelnen gegen all die kleinen Feigheiten, Schwächen und Nachgiebigkeiten, gegen die kleinen Gelegenheiten, wo der ganze Einsatz ,der Persönlichkeit versäumt worden, wo der Einzelne kein Ganzer gewesen war mit mutiger, rücksichtsloser Selbsttreue, wodurch er der Gesamtheit am schwersten geschadet, wodurch er die Gesamtheit in sich verraten und preisgegeben hatte. Sie appellierte besonders an die Frauen und Mütter, an ihren Einfluß auf den Mann, sein geisttges und politisches Leben, an ihren Einfluß auf die Erziehung der Kinder. Sie packte die qtarke Hand der Kirche am Gelenk, ihr geraubtes Jugend-, Geistes- und Freiheitsgut wieder zu entreißen. Die Gesamtheit wird erst frei, wenn sie nur aus Freien besteht, aus Freien, die in keinem Augenblick der Schwäche, des Interesses, und sei dieses auch momentan ein noch so großes, die Rechte und Forderungen ihres Freiseins vergessen oder gar preisgeben, sich selbst zur Verachtung, den anderen zum schlechten Veispeil, der Gesamtheit eine empfindliche Wunde, denen aber, die die Macht haben, ein Triumph, eine neue Möglichkeit ihres Angreifens, eine Herausforderung dazu. So sprach Louise Michel, und sie schilderte die Freiheit, die Menschlichkeit. Sie schilderte die Leiden der Unter- drückten und die Greuel der Unterdrücker. Sie fand zündende Worte. Es fehlte wohl der große Zug in ihren Ausführungen, aber sie hatten das Packende der Einzelheiten. Und diese Einzelheiten wuchsen zu einer wirklichen Größe an, wenn man sie in Beziehung brachte zu der, die sie sprach, zu diesem Leben, aus dem sie gewonnen worden. Da erschien das Wort von einer stärkeren Tragkraft, von einem volleren Inhalt, als ihm zu eigen war, da erschien es poetisch. Auch darin, in ihrer Sprache, war Louise Michel eine Dilettantin. Wieder im französischen Sinne. Das heißt etwa, sie war eine verkappte, richtiger, eine zu schwache Dichterin. Ihre poetischen Werke haben keinen künstlerischen Wert. Aber ihr gesprochenes Wort konnte poetische Werte in sich tragen, konnte selbst solche auslösen. Die Rede erhielt � Schwung, Fluß, Schönheit. Diese Schönheit war bei Louffe Michel keine gesuchte, sie stellte sich von selbst ein. Man fühlte sie. Sie sprang innerlich über. Darin begreift sich die große Wirkung, die diese Reden ausüben konnten. Aber ich muß sagen, es wurde mir trotz alledem aus der Rede Louise Michels nichts Ganzes. So ganz sie sich auch in ihr ohne Rückhalt und Rücksicht gegeben hatte. Es blieb bei aller Entschiedenheit eine Schwankung darin. Ich habe Gründe dafür schon angedeutet. Das Gefühl hatte zuviel Einspruchsrecht, es hing zuviel vom Momentanen ab. Und dann, es ist wohl nicht unrecht, zu sagen, Louise Michel stand doch bis an ihr Lebensende im Banne der Zeit, die aus ihr gemacht hatte, was sie war. Sie hatte nicht eine klare, ausgetragene Überzeugung, die ihr die besondere Stellungnahme zu den Ereignissen der Kommune diktierte. Aus ihrem Fühlen heraus, oder doch vorwiegend aus ihrem Fühlen heraus, nahm sie Stellung zu ihnen. Und so blieb auch ihre spätere Weltanschauung im Grunde in der Zufälligkeit stecken. Das ist die Schwäche Louise Michels: sie hat etwas Zufälliges. Es war nicht Wachstum in ihr, das Wachstum aus einer allgemeinen Erkenntnis, aus einem ruhenden Ziel. Ihr Handeln war eine Kette, die jedes Glied an das Ganze schmiedete, das außerhalb von ihr war, an den Sozialismus, an den Anarchismus, ohne Unterscheidung, immer da, wo Freiheit und Befreiung, Menschenrecht und Menschlichkeit, Menschenwürde und der Haß gegen die Unterdrücker die Möglichkeit dazu gaben. Überall da, wo Revolution war. Sogar der Boulangismus schien ihr gut dazu. Dieser Irrtum konnte nur daraus entspringen, daß all ihr Tatgefühl, alles Wirkungsbedürfnis, all ihre Auffassung von politischem und sozialem Leben, alle Zukunft bei ihr verengert war durch diese eine Beziehung, die alles nährte und alles festhielt zugleich, diese Beziehung zum Anlaß und zur Grundursache ihrer Lebensgestaltung und-betätigung. Sozialismus und Anarchismus waren ihr im Grunde doch nur Mittel, nicht Zweck und Ziel. Aber darin zeigte sich wieder die gewaltige tätige Konsequenz ihres Lebens, daß sie sich ihnen, die ihr doch nur entgegenkamen, mit ganzer Seele, ohne jeden Rückhalt hingab. Sie ging auf in der Tat und fragte nicht nach den tieferen Beweggründen. Sie gab sich keine Rechenschaft über ihr psychologisches Woher, sie sah nur ihr praktisches Wohin. Und dies wurde ihre ganze Überzeugung, deren Nachträglichkeit ihr nicht zum Bewußtsein kam. Sie war auch Dilettant der Überzeugung. Aber ihr Glaube an sich baute dies seltsame und heroische Leben, das ihr so völlig recht gibt, das sie so ausnahmsweise erscheinen läßt wie einen Genius der Umwälzung. Ihr Leben, ihre Erscheinung, ihr Alter, ihre Gebrechlichkeit, die wurden alle Mittel zu dieser Berufung. Vor hundert Jahren noch war solchen Naturen Gewalt über Ereignisse, Zeiten und Völker gegeben, heute müssen die Völker erzogen werden, und das geht nicht plötzlich und mit äußerer Gewalt. Es war eine Konzession, wenn Louise Michel einer werdenden Entwicklung das Wort redete und sich für sie einsetzte, aber es blieb ihr kein anderer Ausweg. Unsere Zeit ist darin zu stark geworden. Es ist ihre einzige, aber eine gewaltige Stärke, die der geistigen Revolution, in der sie schon alles vorwärtsdrängende Leben vereinigt hat. Auch Louise Michel vereinigte sich darin mit unserer Zeit, aber sie stand dennoch außerhalb von ihr. Sie war ein Spätling, ihre Zeit war schon vorübergegangen. Das mindert nicht die höchste Anerkennung, die ihr Charakter verdient, den ihr Leben ehrt. Wilhelm Holzamer-Paris. Der Kampf der Bergarbeiter im Nuhrrevier. Im Gebiete des größten Kampfes zwischen Kapital und Arbeit, den Deutschland gesehen, herrscht Ruhe. Nicht die dumpfe Ruhe des Kirchhofs, die das Kind stumpfsinniger Sklavendemut oder einer schweren Niederlage ist. Nein, die freigewollte Ruhe entschlossener Kämpfer, die im Bewußtsein ihres Rechtes und ihrer Macht dem Siege unerschütterlich entgegenhoffen. Fest wie die Mauern, eine bescheidene Abschlagszahlung fordernd auf ihr Recht als Menschen, auf ihre Ansprüche als millionenschaffende Produzenten, so stehen die Ausständigen dem trotzigen, protzigen Kohlensyndikat gegenüber. Fest, aber wie am ersten Kämpfestage zu Verhandlungen, zu einem ehrenvollen Frieden bereit. Jedoch nicht Frieden ist es, was die steinreichen Zechenbarone begehren. Bedingungslose Unterwerfung, demütiges Zurückkriechen der Arbeiter unter das ungeminderte Joch ihrer Ausbeutung und Verknechtung, das ist das Ziel, das sie aufs innigste wünschen. Brutal haben sie die Vertretung der Gesamtbelegschaft abgewiesen, die zu Verhandlungen kam. Mit kaum verhülltem Hohn schickten sie die Regierungskommissare fort, welche eine Verständigung in die Wege leiten sollten. Freilich: die Regierung des preußischen Staates, des Deutschen Reiches steift den Herren den Nacken. Das haben die Erklärungen des höchsten Negierungsbeamten klärlich erwiesen. Dem preußischen Landtag stellte zwar der lange Möller die Regierung in der Rolle einer freundwilligen Vermittlerin vor. Gleichzeitig aber riß er ihr die Maske der Unparteilichkeit und Arbeiterfreundlichkeit vom Gesicht. Denn der Kern seiner Ausführungen waren ergebenste Versicherungen, die Staatsgewalt werde die„Freiheit der Arbeit", das heißt die Infamie des Streikbruchs schützen. Der gcistverlassenste aller preußischen Minister, Herr von Hammerstein, bekräftigte dies zum Trost jedes biederen Kapitalistenherzens durch die Erklärung, zum Schutze der Ordnung eventuell die„ordinäre" Polizei durch extraordinäres Militäraufgebot zu verstärken. Und im Reichstag, wo die gesetzgebenden und regierenden Sachwalter des Kapitals weniger unter sich sind als im Nr. 3 Die Gleichheit 15 Dreiklassenparlament? Hier hatte HuS. wahrlich nicht als Sozialdemokrat, sondern als Bergarbeiter, die Berechtigung des Streiks als einer aufgezwungenen Notwehr, die Berechtigung der erhobenen Forderungen derer begründet, welche den„schwarzen Diamanten" schürfen und fördern. Dem Kanzler des Reiches der Sozialreform aber widerfuhr das Pech, daß ihm seine geistigen Kammerdiener eine Antwort auf eine Rede vorbereitet hatten, die gar nicht gehalten worden war. Auf die inhaltsreichen Ausführungen mit Geschick zu erwidern, dazu reichte sein Wissen, seine Fähigkeit nicht aus. So gab er sich ungeschminkt als der Kanzler eines Kapitalistenstaates, als der Kanzler der Kohlenherren. Nichts Besseres stellte er den Forderungen der Bergarbeiter entgegen als Drohungen, im Falle von Ruhestörungen die ganze Staatsgewalt gegen die Ausständigen einzusetzen; als Loblieder auf die Wohlfahrtseinrichtungen der Unternehmer — auf Kosten der Arbeiter und zu ihrer Fesselung und Knebelung; als die Aufforderung, die Streikenden sollten die Arbeit bedingungslos wieder aufnehmen und sich an den mageren Versprechungen begnügen lassen, ihre Beschwerden würden später geprüft werden. Herr Möller aber, der den Reichskanzler in seinem Reigen um das goldene Kalb des Grubenkapitals ablöste, ließ vor den Augen der streikenden Bergarbeiter ebenfalls nur vage Verheißungen spiegeln. Wiederholte Zwischenrufe von sozialdemokratischer Seite mußten ihm eine Äußerung über das Verhalten der Grubenbarone abpressen. Eine Äußerung, die ein schwächlich ge- seufztes Bedauern war, nicht eine kräftige Verurteilung. Als politischer Geschäftsausschuß der besitzenden Klassen denkt die Regierung nicht daran, die Macht und das Recht zu nützen, die sie gegen die gemeinfährlichen Kohlenbarone in die Wagschale werfen könnte. Der Staat ist der eigentliche Herr des Grund und Bodens, der die Kohlenschätze birgt. Die Zechenbesitzer sind nach Gesetz und Recht nur die konzessionierten Nutznießer, ihr Eigentumsrecht an den Gruben ist ein bedingtes, vom Staate geduldetes. Er kann die verliehenen Konzessionen zurücknehmen lind die Gruben selbst ausbeuten, er kann das Recht zum Abbau von bestimmten Bedingungen abhängig machen, auch von Bedingungen zum Schutze der Arbeiter. Er kann noch vieles andere tun: die Tarifvergünstigungen für den Kohlentransport aufheben, Polizisten und Juristen statt zum Trutz zum Schutz der Ausständigen aufbieten usw. Doch wie vermöchte es der preußische Staat, zu Nutz und Frommen der Bergarbeiter, der Allgemeinheit des deutschen Volkes, den Grubenherren die gepanzerte Faust statt des Sammetpfötchens entgegenzustrecken! Ist er nicht überführt, als Bergherr die schäbigsten Unternehmerpraktiken zur wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Versklavung der Bergarbeiter zu üben? Das beweisen offizielle Dokumente die Fülle, und der Krämerprozeß in Saarabien ist ein ragendes Denkmal der Schande. Die Regierung bleibt nur dem Wesen dieses Staates getreu, wenn sie ihre seitherige kapitalistenfürchtige Haltung durch eine„Tat" krönt, welche eine blutige Verhöhnung der Arbeiter ist und ihre Nas- sührung bezweckt. Sie will in einigen Wochen eine Novelle zum preußischen Berggesetz einbringen. Welchen Forderungen der Bergarbeiter sie darin gerecht werden will, darüber liegen nur unverbindliche Äußerungen vor. Aber wenn die Novelle auch alle vollauf berechtigten Ansprüche erfüllte, was würde das besagen angesichts der ausschlaggebenden Tatsache, daß der preußische Landtag über sie entscheiden soll. Der preußische Landtag, diese bis ins tiefste Mark arbeiterfeindliche Körperschaft, in welcher Mammon feigenblattlos regiert und die ausgebeuteten Klassen nicht einmal zu Worts kommen! Vor fünfzehn Jahren schon empfingen die Kohlengräbcr von der Regierung des„sozialen Königtums" den Wechsel von Verheißungen wirksamen gesetzlichen Schutzes, einer durchgreifenden Reform ihrer Arbeitsverhältnisse. Ein halbes Menschenatter lang sah die Regierung zu, daß die Gesundheit, das Lebensglück, das Leben selbst vieler Zehntausender dem Prosit des Grubenkapitals geopfert wurde. Nun, da die Gequälten und Gettetenen selbst sich gegen ihre Hinopferung wehren, schickt sie sich an, den Wechsel zur Einlösung zu präsentieren, aber bei einer Firma, deren sozialreformerische Zahlungsunfähigkeit jedem bekannt ist. Das heißt Schindluder mit den Bergarbeiter:: treiben. Die Sozialdemokratie hat im Reichstag in der trefflichen Rede Molkenbuhrs auf den Weg hingewiesen, der zu gesunden Verhältnissen in der Kohlenindustrie führt, der den Bergarbeitern eine menschenwürdige Existenz sichert. Es ist die Übernahme des Kohlenbergbaus durch das Deutsche Reich, es ist zunächst, sofort die Schaffung eines Reichsberggesetzes, das die unersättliche Gewinnsucht und den Machtkiyel der Zechenherren zügelt und die Bergarbeiter gegen die ärgste Vergewaltigung ihres Menschen- und Bürgerrechtes schützt. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat den Antrag zu einem solchen Gesetz eingebracht, das den Forderungen der Ausständigen entspricht. Nun können die bürgerlichen Parteien durch die Tat bekunden, wie ernst und wie tief die Sympathien sind, die sie für die Ausständigen im Reichstag mit halbem Herzen und süßsaurer Miene bekannt haben. Kein Mundspitzen tut es jetzt noch, es muß gepfiffen werden. Jede Partei, welche die gesetzliche Festlegung von Reformen zugunsten der Bergarbeiter dem Reichstag abnehmen, dem preußischen Landtag zuschanzen will, betätigt sich als Feind der tapferen Kämpfer im Ruhrrevier. Es ist kein vertrauenerweckendes Anzeichen, daß die bürgerlichen Blätter als „rettende Tat" die verwerfliche Komödie preisen, den preußischen Landtag als Schiedsrichter zwischen Grubenkapitalisten und Grubensklaven anzurufen. Freilich brauchen die Bergarbeiter kaum noch über das tiefste Wesen der bürgerlichen Politiker belehrt zu werden. Der Streik hat genügend Tatsachen gezeitigt, auf welcher Seite deren wahren Sympathien sind. Haben nicht Zentrum und Freisinnige Partei abgelehnt, offiziell zur materiellen Unterstützung der Ausständigen aufzufordern? Und dies obgleich das Zentrum zu dem Christlichen Gewerkverein, die Freisinnige Partei zu dem Hirsch-Dunckerschen Verein, die beide im Kampfe engagiert sind, genau in dem gleichen Verhältnis steht wie die Sozialdemokratie zu den freien Gewerkschaften. Am 29. Januar quittierte der Kassierer der Partei der„Elenden" mehr als 90009 Mk. für die Streikenden, die „Frankfurter Zeitung", das Organ millionenschwerer Demokraten und Reformer über 3000 Mk. Der Erzbischof von Köln spendete 1000, der Erzbischof von Breslau 3000 Mk., der Deutsche Metallarbeiterverband 60000 Mk., der Holzarbeiterverband 15000 Mk., der Maurerverband führt der Kriegskasse der Bergarbeiter jede Woche 20000 Mk. zu. Die Mitglieder der christlichen und der Hirsch-Dunckerschen Organisation, die Parteigänger des Zentrums und des Freisinns werden in der Hauptsache mit den Groschen des sozialdemokratisch gesinnten Proletariats unterstützt. Und das aus dem Bewußtsein heraus, daß es eine selbstverständliche Pflicht gegenüber Klassengenossen, Brüdern zu erfüllen gilt, die sich dem gemeinsamen Feinde zur Abwehr entgegengestellt haben. Was die Ausständigen anbelangt, so haben sie die plumpe Reformkomödie durchschaut, welche die regierenden Marionetten der Stinnes und Kompanie agieren. Ihre Vertretung, die Siebenerkommission, hat es schlank abgelehnt, die Wiederaufnahme der Arbeit zu empfehlen. Umgekehrt hat sie zum mutvollen Ausharren in dem harten Kampfe aufgefordert. Wo sollte auch das Gelüste herkommen, als Taten die federleichten Versprechungen einer Regierung zu werten, deren Behörden Samnilungen zugunsten der Streikenden verbieten, gesammelte Unterstützungsgelder beschlagnahmen und die Ausständigen dem wüsten Terrorismus der „Arbeitswilligen" und Zechenwchren preisgeben? Die Bergarbeiter sind fest entschlossen, für ihr Recht weiterzukämpfen. Die glänzend betätigte Solidarität des deutschen, des internationalen Proletariats wird ihre Kriegskasse füllen, wird verhindern, daß sie sich bedingungslos unter die Diktatur einer skrupellosen Ausbeuterklique beugen müssen. Zu Schutz und Trutz in fester Disziplin zusammengeschloffen müssen sie siegen. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Auftrag des Kreisvertrauensmannes für den Wahlkreis Kalbe-Aschersleben sprach Genossin Zietz daselbst anläßlich der Nachwahl in Staß- furt, Thals, Quedlinburg, Aschersleben, Kalbe und B arb y. Außerdem ergriff sie noch in einer gegnerischen Versammlung in Borne das Wort. Hier war es der Referent der„Mittelstandspartei", ein Berliner Schuhmachermeister, dessen Namen wir leider nicht verstanden, der sich einer unglaublichen Flegelei gegen Genossin Zietz schuldig machte. Er erklärte, Frauen hätten sich nicht um Politik zu kümmern, er wolle sagen, was ihnen mehr fromme: Sie möchten nur hingehen und dasselbe tun, was Singer seinen Arbeiterinnen geraten habe, als sie um höheren Lohn nachsuchten.—— Ein lautes Pfui!, selbst aus den Reihen seiner Freunde, war die Antwort.(Man steht, das alte Märchen gegen unseren Genossen Singer wird, obwohl selbst an Gerichtsstelle und sonst auch tausendmal widerlegt, immer noch wiedergekäut.) In Aschersleben trat ein Eisenbahnsekretär und in Barby"der dortige Oberlehrer Genossin Zietz entgegen. Beiden zu widerlegen, unter der jubelnden Zustimmung der Zuhörer, war der Referentin ein leichtes. In fast allen Versammlungen wurden den politischen Vereinen Mitglieder, der Arbeiterpresse sowie der„Gleichheit" Abonnenten gewonnen. Volksversammlungen, in denen Genossin Zietz über die „Nussifizierung" Deutschlands und über den„Kampf der Arbeitgeber gegen die Arbeiterschaft" referierte, fanden Mitte Januar statt in Flensburg, Sonderburg, Ap»en- rade und Hadersleben. In den drei letzten Orten gewann die„Gleichheit" die ersten Abonnenten, und zwar in Sonderburg 27; in Flensburg vermehrte sich die Zahl der bereits vorhandenen Leserinnen. In Eisenberg, wo kürzlich eine von 160 Frauen und Mädchen besuchte Besprechung stattfand, wurden der„Gleichheit" die ersten SV Abonnenten, zirka 30 Mitglieder dem Porz.ellanarbeiterverband, sowie eine Anzahl Mitglieder dem sozialdemokratischen Verein zugeführt. tt. X. In Weinböhla und Elsterwerda sprach Genossin Wackwitz in der ersten Hälfte des Dezember über:„Die Bedeutung des Genossenschaftswesens für die Frau" und „Die wirtschaftliche Lage der Fran und die Genossenschaft". Beide Versammlungen waren gut besucht, besonders auch von Frauen. Die Refercntin begründete ausführlich, welche materiellen Vorteile die Konsumgenossenschaft der Proletarierin als Hausfrau, Mutter und Arbeiterin biete, wie erzieherisch sie auf ihren Gemeinschaftssinn, auf ihr Solidaritätsbewußtsein wirken müsse, welche Rechte und welchen Einfluß sie ihr einräume. Sie illustrierte ihre Ausführungen durch Hinweise auf die Leistungen der Genosienschaftsbewegung in England, Belgien, der Schweiz, wie diejenigen der Konsumvereine Leipzig-Plagwitz, Dresden usw. Besonders hob sie dabei den Wert der genoffen- schaftlichen Bäckerei hervor, die gute und vollgewichtige Ware liefere. Der Vortrag klang in der Aufforderung aus, die Frauen möchten in der Konsumvereinsbewegung ebenfalls ihre volle Schuldigkeit tun und sich insbesondere auch als rührige Agitatorinnen für sie betätigen. Mehrere Diskussionsredner unterstützten die Darlegungen der Referentin. In beiden Versammlungen wurden Mitglieder für die Konsumgenossenschaft gewonnen. A. XV. Magdeburg. In einer am 4. Januar hier abgehaltenen Volksversammlung erstatteten die Delegierten der Magdeburger Genossen und Genossinnen Bericht vom preußischen Parteitag. Nach den Genossen Brandes und Bender nahm die Unterzeichnete als Delegierte der Frauen Magdeburgs das Wort. Sie wies besonders auf die erfolgreiche Tätigkeit der aus dem Parteitag anwesenden Genossinnen hin und betonte, wie wichtig die von ihnen eingereichten Anträge für die gesamte Partei und für die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung seien.— Eine lebhafte Agitation soll unter den Frauen von Magdeburg und Umgebung dafür sorgen, daß Aufklärung über alle das weibliche Proletariat angehenden Fragen verbreitet und dieses immer mehr für den Sozialismus gewonnen wird. Marie Chmielewski. Spandau. Endlich sind auch die hiesigen Frauen des werktätigen Volkes zu der Erkenntnis gekommen, wie not ihnen tut, sich zu organisieren. Im November letzten Jahres wurde ein Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse gegründet, dem bereits 38 Mitglieder angehören. Der Verein hat bis jetzt drei Vortragsabende veranstaltet, an denen Genosse Rieger, Genossin Baader und Genossin Grünberg sprachen. Ihre Ausführungen sind mit regem Interesse entgegengenommen worden. Die löbliche Polizei hat unserer Organisation bereits die bekannte liebevolle Aufmerksamkeit bewiesen. Sie forderte die Einreichung des Vereinsstatuts und der Mitgliederliste. Das Vereinsstatut wurde ihr zugestellt, die Mitgliederliste dagegen mit der Begründung verweigert, daß die Vorschriften des Vereinsgesetzes auf den Bildungsverein keine Anwendung fänden. Weitere Schritte sind seitdem von feiten der Polizei nicht unternommen worden.— Neulich fand in Spandau eine von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen veranstaltete Versammlung statt, in der Frl. Or. zur. Duensing über„Die Tätigkeit der Frau in der öffentlichen Waisenpflege" sprach. Die Dame empfahl die Beteiligung der Frauen der„besseren Stände" an der Waisenpflege. Genosse Rieger betonte demgegenüber, daß diese Forderung ein Ausfluß des bürgerlichen Klassenstandpunktes sei. Die proletarische Frau besitze so viel Intelligenz wie die Bourgeoisdame, ihr eigne aber sicherlich mehr Verständnis als dieser für die proletarischen Waisen. Sie habe daher das gleiche Recht wie jene auf die Mitwirkung an der öffentlichen Waisenpflege. Die Tätigkeit der Frauen in der kommunalen Waisen- und Armenflege sei gewiß zu begrüßen, doch bedeute diese Reform nicht mehr als einen Tropfen auf einen heißen Stein. Es müsse daran erinnert werden, daß sogar dieser winzigen Reform von bürgerlicher Seite vielfach Teilnahmslosigkeit oder Spott und Hohn entgegengesetzt werde. Auch für sie trete nur die Sozialdemokratie konsequent und geschlossen ein. Eine wirklich kulturwidrige Erziehung der Waisen und der Jugend überhaupt werde erst möglich, wenn die Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die besitzenden Klassen mit der Beseitigung der kapitalistischen Ordnung ein Ende nimmt. Hoffen wir, daß diese Auseinandersetzungen auch das ihrige dazu beigetragen haben, dem Sozialismus neue Anhängerinnen zu gewinnen. Frau Rieger. Mit der Schillfrage haben sich die Genossinnen von Berlin und Umgegend im letzten Vierteljahr in umfassender und gründlicher Weise beschäftigt, und das sowohl in ihren Bildungsvereinen wie in öffentlichen Versammlungen. Der „Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse" hatte einen Zyklus von vier Vorträgen veranstaltet, in denen die Schulfrage nach verschiedenen Seiten hin erörtert wurde. Genossin Zepler behandelte in dem einleitenden Referat die Aufgabe der Schule im allgemeinen; Herr vr. P enzig sprach über die Gesinnungsbildung in der Schule; Genosse Or. Borchardt legte die Bedeutung der modernen Naturwissenschaft für die Erziehung klar; Genosse Or. Zadek referierte über die Forderungen, welche vom Arzt und Hygieniker an die Schule gestellt werden müssen. In zwei großen öffentlichen Versammlungen referierte Genosse Robert Schmidt über„Die Frauen und die Schule" und Genossin Hosmann über„Die Volksschule, wie sie ist und wie sie sein soll". Die Genossinnen Zepler und Hofmann und Genosse Baege behandelten die Schulfrage in Versammlungen zu Steglitz, Baumschulenweg und Neu-Weißensee. In den Referaten wie in allen Diskussionsreden wurden vor allem zwei Forderungen in den Vordergrund geschoben. Die Schule muß von jedem religiösen Einfluß befreit werden; die Einheitsschule muß an Stelle der Armenleuteschule treten. Durch die entfaltete planmäßige Agitation ist ein reicher. anregender Bildungsstoff unter die proletarischen Frauen getragen worden, ein Bildungsstoff, der ungemein werbende Kraft für die Ideale der Sozialdemokratie besitzt. Tausenden von Frauen wurde klar, daß die bürgerliche Gesellschaft ihnen und ihren Kindern auf den: Gebiete der Bildung unendlich viel schuldig bleibt, daß auch hier die Sozialdemokratie die einzige treue Verfechterin ihrer Interessen ist. Sowohl zur Kritik der bürgerlichen Armenleuteschule, wie zur Begründung der sozialistischen Forderungen wurde ihnen ein reiches Tatsachenmaterial übermittelt. Das Vorgehen der Berliner Genossinnen vScdisnt nicht bloß rühmend anerkannt, sondern vor allem nachgeahmt zu werden. Eine Zeitschrift für die Interesse» der jugendliche» Arbeiter und Arbeiterinnen ist als Organ des Vereins der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins gegründet worden. Sie erscheint in einem Umfang von vier Seiten monatlich in Berlin und führt den Titel: „Die arbeitende Jugend", Abonnementspreis 25 Pfennig vierteljährlich. Redakteur und Herausgeber ist der Vorsitzende der Organisation H. Lehmann. Die Zeitschrift 16 hat sich das schöne Ziel gesteckt, die jungen Proletarier zu ,, selbständig denkenden, furchtlos handelnden Menschen" zu erziehen, welche das Heer ihrer kämpfenden Arbeitsbrüder verstärken. Sie will Aufklärung unter die jugendlichen Arbeiter tragen und sie für die Organisation gewinnen, welche Wissen und Macht gibt. Der Verein, dessen Organ sie ist, zählt trotz seines kurzen Bestehens bereits 500 Mitglieder. Ein guter Anfang, der energisch unterstützt werden muß, gibt es doch in Groß- Berlin 50000 jugendliche Arbeiter. In den Kreisen des klassenbewußten Proletariats wird immer stärker das Bedürfnis empfunden, die Kinder, die Jugend dem verhängnisvollen Einfluß der bürgerlichen Ideenwelt zu entreißen, sie mit dem hohen, reinen Gehalt der sozialistischen Weltanschauung zu erfüllen. Die Bestrebungen des Vereins der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter" und seiner Zeitschrift verdienen daher kräftige Unter stützung, und zwar auch besonders von seiten der Genossinnen, der Frauen. Viele Tausende von Lehrmädchen und jugendlichen Arbeiterinnen sind fast schutzlos aller Unbill der kapitalistischen Ausbeutung und der Unbildung, ja Verdummung preisgegeben, welche in der kapitalistischen Ordnung der Habenichtse Erbteil ist. Für ihren Schutz, ihre Aufflärung zu wirken, tut bitter not. Und jede proletarische Mutter müßte die Verpflichtung fühlen, Bestrebungen zu fördern, welche ihre Kinder aus widerstandslosen Sklaven des Kapitals in überzeugte, kraftvolle Kämpfer für das Recht, die Freiheit der Arbeit verwandeln. Dem neuen Organ des klassenbewußten Proletariats herzliche Wünsche für bestes Gedeihen! Die Gleichheit Politische Rundschau. Nr. 3 Wir sind hier der Pflicht enthoben, irgend welche Mitteilungen darüber zu machen, da das ausführlich an anderer Stelle des Blattes geschieht. Unter dem Bann zweier großer Ereignisse steht das politische Leben in Deutschland: Der Riesenstreik der Ruhr- Gegen den Kost- und Logiszwang machen die daran bergleute und der Ausbruch der großen russischen Revolution besonders interessierten Gewerkschaften mobil, 16 an der wirkt gleichmäßig ein auf Regierung und Volt, auf Unter- Bahl, darunter der Verband der Blumen-, Blätter- und nehmer und Arbeiter, auf die Sozialdemokratie und ihre Federarbeiterinnen. Es geschieht dies durch eine Gegner in allen bürgerlichen Parteien. Broschüre, die in einzelnen Abschnitten dieses kulturfeindDie Einigkeit der verschiedenen Bergarbeiterorganisationen liche Entlohnungssystem in seinem hemmenden Einfluß auf in der Formulierung und Betreibung ihrer bergmännischen die wirtschaftliche, geistige, politische und religiöse SelbForderungen hat allen bürgerlichen Parteien bis auf die ständigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen und die Bestreverhärtetsten Junkerkliquen und die Handlanger der Gruben- bungen zur Hebung ihrer sozialen Lage trefflich schildert barone eine arbeiterfreundliche Haltung aufgenötigt. Die und die Beseitigung des Kost- und Logiszwanges fordert. Regierung verschloß sich erst stumpfsinnig den Lehren der Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß gerade ge= Zeit. Herr Möller quittierte für den abweisenden Fußtritt werbliche Arbeiterinnen, und zwar nicht nur in der Blumender Syndikatsprotzen damit, daß er demütig den Kopf in und Federnbranche, noch unter diesem mittelalterlichen Lohnden Sand steckte und erklärte, die Vogelstraußpolitik sei in system beschäftigt werden. Das bedeutet für sie außer den solchen Lagen ein Gebot tiefgründiger staatsmännischer Weis- schon angeführten sozialen Schädigungen auch noch sittliche heit. Graf Bülow aber in der bekannten Pose des Helden- Gefahren. Deshalb müssen die Arbeiterinnen auch dieser vaters, der sich auf eine hübsche Rolle präpariert hat, tragierte gewerkschaftlichen Aktion ihre Aufmerksamkeit und Unterden Sozialistentöter und steifte den Grubentyrannen den Rücken stützung schenken. durch Zusicherung von Gendarmen und Militär. Das war Der Tertilarbeiterverband hatte wieder eine ganze am Freitag. Am Sonntag krachten die Salven der Zaren- Anzahl örtlicher Differenzen, die zum Teil auch mit Vorteilen schergen auf ein wehrloses Volt. Aus dem schuldlos ver- für die Arbeiter und Arbeiterinnen endeten, wie zum Beigoffenen Blut der Tausenden von Männern und Frauen spiel in Rosheim. In kurioser Art ist eine Firma in und Kindern, die gläubig der sozialen Mission des Kaiser Kassel bei der Suche nach Arbeitswilligen hereingefallen. tums vertraut hatten, loderte die Flamme der Revolution Ihr Vertreter fuhr nach Einbeck und ging von Haus zu im weiten Russenreiche empor. Auch dem blödesten Auge Haus, um dort Weber anzuwerben. Als ihm dies gelungen wurde es klar, was dabei herauskommt, wenn eine Regie- war, lud er die neugewonnenen Arbeitskräfte abends zu Die Haltung der Frauen beim Bergarbeiterstreik. rung sich darauf versteift, auf Bajonetten zu sitzen. Graf einem kleinen Schmaus ein. Die bittere Erfahrung kam Die vorzügliche Haltung der Frauen ist einer der hervor- Bülow und Herr Möller revidierten schleunigst ihre Haltung nach. Nachdem die Arbeiter gegessen und getrunken hatten, tretendsten Züge der„ Kraftprobe", welche den Kohlengräbern wohlwollender Neutralität gegenüber dem Unternehmertum. folgten sie einer Einladung zu einer Versammlung, woselbst von ihren Ausbeutern aufgezwungen worden ist. Sie steht Sie kündigten, um jeder Konkurrenz der Sozialdemokraten ihnen flargelegt wurde, daß bei der Firma, die sie ange= im Gegensatz zu den Erfahrungen bei früheren Ausständen. im Reiche den Wind aus den Segeln zu nehmen, für worben hatte, die Kollegen streikten. Der ArbeitswilligenFrüher standen die Frauen den Kämpfen ihrer Männer, Preußens Geldsacksvertretung ein Notberggesetz an, das agent mußte in der Folge dieser Aufklärung allein nach Söhne und Brüder als eine einsichtslose, ja feindliche Masse einige Tropfen lindernden Balsams den ausständigen Ar- Kassel ziehen. Neben der betrübenden Erscheinung, daß gegenüber. Jetzt dagegen verfolgen sie mit leidenschaft beitern verspricht. Preußische Versprechungen! Man lichem Interesse alle Vorgänge des gewaltigen Kampfes der fennt sie zur Genüge seit den Verfassungsverheißungen in Grubenhörigen gegen ihre Herren und bringen ihm Ver- der Zeit der Not von 1813, deren Erfüllung erst die März ständnis und Sympathie entgegen. Sie begreifen, daß der revolution von 1848 erzwingen mußte. streifende Bergmann auch für Weib und Kind kämpft, und Die Arbeiter werden ausharren im zähen Kampfe, bis sie daß daher Weib und Kind treu zu ihm halten, ihm den Taten sehen, befriedigende Taten. Die SozialdemoKampf erleichtern müssen. In Scharen drängen sich die kratie wird weiter wirken im Reichstag, unbeirrt durch das Dem Tabatarbeiterverband ist es gelungen, in Proletarierinnen zu den Frauenversammlungen und scheuen Bülowgeflöte und die Beschwichtigungsmöllereien. meilenweite Wege nicht, um ihnen beizuwohnen. Mit ge- Des inneren Zusammenhanges wegen sei gleich an dieser einem Hauptzweig des Gewerbes, in der Zigarettenspannter Aufmerksamkeit folgen sie den Ausführungen über Stelle verzeichnet, daß in Belgien ein Kohlenarbeiter fabrikation, mit dem Organisationsgedanken Eingang die Ursachen und die Berechtigung des Streiks, und fast in streik ausgebrochen ist, der die Wechselwirkung der Kultur- in größeren Kreisen der Arbeiterschaft zu finden. In Dresallen Versammlungen fordern Frauen in schlichten, aber ein- völfer aufeinander zutage treten läßt. Der durch den den, dem Hauptsitz der Zigarettenfabrikation, ist die Agitation drucksvollen Worten zum Ausharren im Kampfe, zur Unter- Streit in Deutschland bedingte starke Abfluß der belgischen von gutem Erfolg begleitet gewesen. Vielleicht hat dazu auch stützung der Kämpfenden auf. Rohlenvorräte hat den Bergleuten die Möglichkeit eröffnet, der fürzlich mit Erfolg beendete Streit der ZigarettenDie bürgerliche Welt verfolgt die Stellungnahme der mit Aussicht auf Erfolg in eine lange erstrebte Lohn- tartonnagenarbeiterinnen mit beigetragen. In HalberFrauen zum Ausstand mit sichtlichem Mißbehagen, ja mit bewegung einzutreten. Dieser Streit wie der deutsche wird stadt haben sich nach 24wöchigem Streit der Tabatarbeiter offener Feindseligkeit. Das lassen die Berichte der bürger- wiederum am wirkungskräftigsten dadurch gefördert werden, und-arbeiterinnen nunmehr die Unternehmer mit diesen gelichen Presse erkennen. Die Behörden ihrerseits ergreifen jeden wenn die Kohlenverschiffung aus England und die vereinigt; die Zugeständnisse sind jedoch minimale. Vorwand, um Frauenversammlungen zu verbieten oder auf- stärkte Förderung in den dortigen Gruben inhibiert wird. zulösen. Die Führer der christlichen Organisationen sollen Das ist Sache der englischen Bergleute. ihnen ablehnend gegenüberstehen, so meldet wenigstens die ,, Kölnische Zeitung". Sollte das zutreffen und vielleicht kreise. damit zusammenhängen, daß nur Sozialdemokratinnen aufklärend, zur Ruhe, aber zur Festigkeit mahnend unter die kämpfenden Maffen gehen, daß für die Sache der gefchun denen Bergarbeiter keine der sieben Damen eintritt, die voriges Jahr in Essen am Kongreß der Christlichen teil nahmen? Die Tätigkeit der Genossinnen, das Erwachen der Frauen liegt im Interesse der kämpfenden Bergarbeiter, vermehrt die Aussichten ihres Sieges. Unangenehm kann es nur den profitwütigen Zechenherren sein und allen, die ihre offenen oder heimlichen Bundesgenossen sind. Und weiter ziehen die großen Ereignisse ihre Wellen = Am 24. Januar hat in Kalbe- Aschersleben unser Genosse Albrecht in der Stichwahl den Sieg errungen mit großer Mehrheit. Gegen die Hauptwahl am 12. Januar hat er 2700 Stimmen gewonnen. Daß wir siegen würden, des waren wir gewiß, die wir den Wahlkampf mitgekämpft und die Verhältnisse durchgeprüft hatten, aber daß der Sieg so entschieden ausfallen würde, war doch überraschend. Wo her kam der Aufschwung? Zwischen dem 12. und 24. Januar kam der Ausbruch des Bergmannstreifs wie der russischen Revolution. Das wühlte die Geister auf; das stählte den Klassenfämpfern des Proletariats den Mut; das frischte die Siegeszuversicht auf in aller Herzen. Unser sozialdemokratisches Schiff segelt am besten im Sturm. der Verband in vergangenen Jahre um 2500 Mitglieder abgenommen hat, können wir die höchst erfreuliche Tatsache konstatieren, daß dieser Verlust einzig auf Konto der männlichen Mitglieder zu sehen ist; die weiblichen Mitglieder nahmen sogar um 1000 zu! Ein außerordentliches günstiges Zeichen für die fortschreitende Erkenntnis der Klassenlage unter den Textilarbeiterinnen. Dagegen erfocht das Personal einer Kartonnagenfabrik in Kempten i. B. einen vollen Sieg, es schlug die Arbeitszeitverlängerung ab und erhielt einen Lohnzuschlag. Das Verhalten der Arbeiterinnen verdient dabei alle Anerkennung, alle, 16 an der Zahl, traten in den Ausstand, während von den Arbeitern einige stehen blieben. Die Hutmacher der Seidenhut- und Klapphutbranche haben den Unternehmern eine Tarifvorlage unterbreitet. Wir vermissen in den aufgestellten Forderungen leider solche zugunsten der Arbeiterinnen. Unseres Wissens find doch auch in dieser Branche Arbeiterinnen beschäftigt, weshalb es nicht mehr wie recht und billig wäre, sie bei den kollektiven Arbeitsverträgen mitzubedenken. Durch das Eintreten für ihre Interessen agitiert man am wirksamsten unter den Arbeiterinnen für den Gewerkschaftsgedanken. Wir freuen uns doppelt der Anteilnahme der proletarischen Der Verband der Fabrik- und Hilfsarbeiter errang Frauen an dem Kampfe. Ist sie doch mit in hervorragen dem Maße der regen Agitation zu verdanken, welche die einen guten Erfolg für das Personal einer Schkeudiger Papierfabrik. Den 50 organisierten Arbeitern und Arproletarische Frauenbewegung in den letzten Jahren in Westfalen entfaltet hat. Wenn sie zunächst auch nur einen ver- Darin liegt das Geheimnis des großen Wahlsieges von 1903, beiterinnen wurde von der Fabrikleitung anbefohlen, aus hältnismäßig kleinen Kreis von Proletarierinnen direkt er- darin auch das des Nachwahlsieges vom 24. Januar 1905. dem Verbande auszutreten. Als der Prinzipal jedoch sah, faßt hat, indirekt hat sie auf die breitesten Frauenmassen Darin auch die Erklärung für die verhältnismäßige Ab- daß das Personal lieber seinen Betrieb als den Verband gewirkt. Sie hat vor allem einen Stamm von Genossinnen flauung der Bewegung bei den Nachwahlen zwischendurch. verlassen wollte, gab er nach. Die Arbeiterinnen konnten gesammelt und geschult, die sich mit Aufopferung den schweren Kleinmütige Seelen hatten darin eine Bestätigung ihrer sogar bei der Gelegenheit noch eine Lohnerhöhung durchsetzen. Wie unendlich viel die Gewerkschaftsorganisation noch Aufgaben des Augenblicks widmen. Allen voran unsere eigenen Politik gefunden. Frohlockend haben sie gerufen: tapfere, unermüdliche Genossin Plum- Essen, die das Ja, das kommt davon! Das kommt von Dresden! Nur unter den Arbeiterinnen der Wäsche branche zu tun Kampfesgebiet in allen Richtungen durchquert und überall Versöhnlichkeit erwirbt uns Zuwachs aus den Reihen der hat, um das Klassenbewußtsein zu wecken, das trat in die Frauen zur Pflichterfüllung aufruft, ihnen klarlegt, daß Indifferenten. Nur Entgegenkommen erhält uns die Be- bengalischer Beleuchtung bei den Reden zutage, die auf sie nicht nur die Opfer und Leiden des Kampfes tragen, gönnerung reformbegieriger Elemente aus dem besser ge- einem Herrenfestessen gehalten wurden, das der Verein sondern auch die Männer der Organisation zuführen müssen. kleideten Bürgertum. Nur der Verzicht auf alle rauhen Berliner Wäschefabrikanten zur Feier seines fünfundzwanzigAs Gattin eines Proletariers, der die Grube befährt, ist sie Töne sichert uns den gewinnenden Eindruck der Anständigkeit! jährigen Bestehens sich leistete. Von der Entwicklung dieser Nun, kaum jemals waren unsere Reden so rauh im Ton, Industrie aus ihren kleinsten Anfängen bis zu ihrer heutigen vertraut mit allen Nücken und Tücken der kapitalistischen Ausbeutung, mit allem Glend der Grubensflaven, und sie kaum jemals so durchglüht von dem Feuer revolutionärer Bedeutung auf dem Weltmarkt wurde da erbaulich geredet hat den Weg erkannt, der die Ausgebeuteten zu Freiheit Leidenschaft wie unter dem überwältigenden Eindruck der und von„ der sprichwörtlich gewordenen Anhänglichkeit und und Menschenrecht führt. Sie findet das rechte Wort, das welterschütternden Ereignisse in den entscheidenden Tagen des Treue der großen Arbeiterschar zu ihren Arbeitgebern" usw. den Geist überzeugt, das Herz entflammt, den Willen stählt. Januar. Das geht dem Volke zu Herzen, das rüttelt die Anders sieht dagegen das Idyll aus, wenn die Angaben des An vielen Tagen hält sie zwei Frauenversammlungen nach Geister wach, und die Wirkung prägte sich zahlenmäßig aus Festredners kritisch betrachtet werden, daß die Industrie einander ab, in der Zeit vom 22. bis 28. war sie nicht weniger in dem Wahlresultat. Vorwärts geht unsere Bewegung 25 000 Personen beschäftige, meist weibliche, und jährlich zehn als zehnmal Referentin. Und überall waren die Versamm- immerdar, niemals zurück. Aber die höchste Leistung er- Millionen an Arbeitslöhnen bezahle. Zehn Millionen Arlungen überfüllt, in Borbeck mußten neulich infolge des reichen wir stets nur dann, wenn die Zeitumstände dem beitslohn für 25000 Personen macht pro Person 400 Mark Andranges vier Frauen ohnmächtig aus dem Saale gebracht innersten revolutionären Kern unserer Bewegung auch äußer- jährlich. Zieht man die in der gesamten Lohnfumme steckenwerden. überall gelangen einstimmig, mit Begeisterung lich entsprechen. Die entscheidenden Siege erkämpfen wir den höheren Gehälter der Zuschneider, Direktricen usw. ab, Sympathieresolutionen für die Ausständigen zur Annahme, im Sturm, Windstille hemmt unsern Kurs. Aber es käme so dürfte sich das Einkommen der Arbeiterin wohl noch im welche zum Aushalten in geschlossenen Reihen und zur Or- auf den Verzicht auf den Sieg hinaus, wenn wir dem Rat Durchschnitt um 50 bis 100 Mark verringern. Da wird es ganisation auffordern. Hoffnungsfreudiger Mut, ruhige der Flaumacher gemäß unsere Segelordnung völlig auf Flaue verständlich, daß der Festredner die„ sprichwörtlich gewordene Anhänglichkeit und Treue der Arbeiterinnen zu ihren ArbeitSiegeszuversicht beseelt Weib wie Mann. Die wackeren revidierten. gebern" sentimental feierte. Die Arbeiterinnen wären aber Proletarierinnen des Ruhrreviers dürfen überzeugt sein, daß jedenfalls besser daran, wenn sie sich das gespendete Lob die sozialdemokratischen Frauen ganz Deutschlands sich eins mit ihnen fühlen und daß sie freudigen Herzens ihre ganze nicht erworben hätten, denn dann wären ihre Löhne sicherKraft einsetzen, um den ringenden Brüdern zum Siege zu lich nicht solch schandmäßige. Mit Pudeltreue und Demut tommen die Proletarier nicht weiter, gelangen sie insbesondere verhelfen. Gewerkschaftliche Rundschau. G. Das Gewerkschaftsleben der letzten Wochen wird vollständig vom Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet beherrscht, der alle anderen Kämpfe weit in den Hintergrund treten läßt. Nr. 3 Die Gleichheit 17 nicht zu höheren Löhnen, wenigstens nicht als aufrechte Menschen. Für höhere Löhne aber können die Arbeiterinnen gern den Toast eines kapitalistischen Festredners missen. 4s Notizenteil. Vom italienischen Gewerkschaftskongreß. Der allgemeine Kongreß der italienischen Gewerk schaften in Genua, der vom ö. bis 11. Januar abgehalten worden ist(der letzte hat im Jahre 1900 stattgefunden), wird durch die Bedeutung seiner Beschlüsse einen hervorragenden Platz in der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung einnehmen. Er hat insbesondere erwiesen, daß in Italien die Gewerkschaften ihren revolutionären Endzielgedanken und ihre intransigente Taktik rein erhalten haben, so daß sie der politischen Bewegung nicht wie anderwärts als opportunistisch zurückhaltendes, sondern als vorwärtstreibendes Element gegenüberstehen. Die bedeutsamsten Beschlüsse waren folgende: Nach einer lebhaften Diskussion, die sich über die Stellungnahme der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft zur sozialen Gesetzgebung entwickelte, wurde mit 52 gegen 8 Stimmen eine von der sehr kleinen Minderheit der Anarchisten ausgehende Resolution abgelehnt, welche die soziale Gesetzgebung im Klassenstaat schlechthin verwarf. Zur Annahme gelangte dafür eine Resolution der Sozialisten, welche diese soziale Gesetzgebung„als ein Mittel zur Hebung der Arbeiterklasse" anerkennt, womit denn gleichzeitig auch die Auffassung der italienischen Revisionisten, die soziale Gesetzgebung sei ein Mittel zur Eroberung des Klassenstaats selber, als eine lächerliche Verkennung der tatsächlichen treibenden Elemente im Klassenkampf preisgegeben wurde. Fernerhin sprach sich der Kongreß für die kräftige Betreibung einzelner bestimmter Reformen aus, wie der Milderung bezw. Abschaffung des ausbeuterischen Zwischenhändler- und Vermieterwesens in der Feldarbeit der Sachsengänger, sowie Einführung der Sonntagsruhe u. a. m.— Der zweite wichtige Punkt der Verhandlungen betraf die genaue Regelung des Verhältnisses zwischen den vereinigten lokalen Gewerkschaftsverbänden (Arbeiterkammern) und den zentralen Gewerkschaftsver- bänden in einzelnen Gewerkschaften(Föderationen). Hier wurde vor allem der wichtige Entscheid getroffen, daß kein lokaler Verband fortan ohne Einwilligung des Zentralverbandes mehr in den Ausstand treten darf. Auf diese Weise hofft man, die leichtfertigen Streiks zu verringern und gleichzeitig die Zahl der siegreichen Streiks vermehren zu können. Der dritte Beschluß von Wichtigkeit endlich ist die Annahme einer von unseren Genossen der radikalen Parteirichtung ausgehenden Resolution, welche besagt, daß, wenn die Organe des Staates(Polizei und Militär) in dem Kampfe zwischen Kapital und Arbeit je wieder mit brutaler Gewalt eingreifen sollten, der Generalstreik als einziges Gegenmittel anzuerkennen sei. Die Minderheit wollte ihn zwar ebenfalls als eine unentbehrliche Waffe im politischen Kampfe ausdrücklich anerkannt wissen, aber über seine Anwendbarkeit von Fall zu Fall entschieden und ihn also nicht auf bestimmte Situationen ohne weiteres festgelegt haben. Dieser Standpunkt bedarf um so notwendiger einer klaren Feststellung auch an dieser Stelle, als in unserer Presse merkwürdigerweise vielfach die irrtüm- liche Ansicht vertreten wird, als ob nach dem Generalstreik vom September innerhalb unserer italienischen Bruderpartei und der italienischen Gewerkschaften irgend eine prinzipielle Gegnerschaft gegen die Anwendung dieser echt proletarischen Waffe Platz gegriffen hätte. Die Frauen nahmen am Kongreß einen sehr lebhaften Anteil. Unter den weiblichen Delegierten traten besonders die Genossinnen Maria Rygier(von der Union in Mailand), sowie Ines Bitelli(Lehrerin, von der Arbeiterkammer in Bologna) als Rednerinnen hervor. Insbesondere Maria Rygier, der die ehrenvolle Aufgabe zuteil wurde, die größte Arbeiterkammer in ganz Italien zu vertreten(die Mailänder mit über 2S000 Mitgliedern), wußte den Kongreß mehrmals durch längere, von lautem Beifall unterbrochene Ausführungen zu fesseln. Sie vertrete vor allen Dingen die Notwendigkeit des revolutionären Klassenbewußtseins im Proletariat, hob die große pädagogische Kraft der Arbeiter- kammsrn hervor, erklärte sich für den Fall politischer Provokation für den Generalstreik und stellte den Antrag, den Genoffen die Anteilnahme an der staatlichen Einrichtung des IMoio äst lavoro(statistisches Amt), welches einem Ministerium angegliedert ist, zu verbieten, ein Antrag, welcher zwar die Mehrheit der Stimnien der organisierten Arbeiter, nicht aber die der anderen Delegierten erhielt und deshalb von einer knappen Mehrheit abgewiesen wurde. Maria Rygier war mit den Genossen Angiolo Cabrini, Rinaldo Rigola und Ettore Reina zweifellos die hervorstechendste Figur auf dem italienischen Gewerkschaftskongreß. R. U. Soziale Gesetzgebung. Das Ergebnis der sozialen Gcsetzgcbnng im Deutschen Reiche im Jahre 1SV4 ist ein schmachvoll geringes. Das Kinderschutzgesetz.dasaml. Februar 1904 in Kraft trat, und das trotz schwerster Mängel einen grundsätzlich bedeutsamen Fortschritt darstellt— die Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterschutzes auf die Heimarbeit—, ist nicht auf sein Konto zu fetzen. Es wurde früher geschaffen. Das einzige größere Gesetz, das im Vorjahr zustande kam, ist das über die Kauf- Mannsgerichte. Welch schlimme Gebresten ihm anhaften, wie schnöde insbesondere die bürgerlichen Gesetzgeber durch Vorenthaltung des Frauenwahlrechtes die Interessen der weiblichen Handelsangestellten geopfert haben, das ist den Leserinnen bekannt. Der hohe Bundesrat hat den denkbar bescheidensten Gebrauch von seiner Befugnis gemacht, durch Verordnungen zum Schutze der Arbeiter und Arbeiterinnen die kapitalistische Ausbeutungsgewalt zu beschränken. Er hat sich damit begnügt, die Konfektionsverordnung vom 31. Mai 1897 am 17. Februar auf die Werkstätten für Einzelherstellung von Frauen- und Kinderkleidern, für die Bearbeitung und den Aufputz von Hüten, für die Anfertigung und Bearbeitung von weißer und bunter Wäsche auszudehnen. Dadurch werden auch sie den Schutzbestimmungen der ZZ 135 bis 139 und 139 b der Gewerbeordnung unterstellt(elfstündiger Maximalarbeitstag, Arbeitsschluß um 5'/- Uhr an den Sonnabenden und Vorabenden von Feiertagen, Verbot der Nachtarbeit, Schutzfrist für Wöchnerinnen usw.). Leider hat sich der preußische Handelsminister Möller beeilt, diesen kleinen Fortschritt zu ver- bösern. Durch seinen Ausführungserlaß vom 21. Mai hat er die in Bettacht kommenden Gewerbetreibenden geradezu angereizt, die llberzeitarbeit auch auf die Sonnabende zu verlegen. Er hat sich damit in Widerspruch zu der siebenjährigen Praxis der Verivaltungs- und Gewerbeaufsichtsbehörden, sowie der Gerichte gesetzt. Aber was tut's! Da tz 6 Absatz 1 der Konfektionsverordnung von 1897 die von dem Minister hereininterpretierte Auffassung nicht klipp und klar ausschließt, hat er recht behalten und die profitwütigen Unternehmer mit ihm. Sie nützen ausgiebigst die Möglichkeit, die Sonnabende länger mit Beschlag zu belegen, als die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen dies festsetzen. Damit ist vielen Tausenden von Arbeitern, zumal aber von Arbeiterinnen das bißchen Sonntagsruhe illusorisch gemacht worden. Von den sozialreformerischen Taten der deutschen Einzelregierungen ist ebenfalls wenig zu berichten. Die Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten wurde in einigen Staaten vermehrt. Die sächsische Regierung bequemte sich endlich dazu, weibliche Hilfsbeamte der Fabrikinspektion anzustellen. In Württemberg und Baden erfolgte die Anstellung von Ärzten als Gewerbeaufsichtsbeamte. Unter die Beiräte der Zenttalstelle für Gewerbe und Handel in Württemberg wurden laut Verfügung des Ministeriums des Innern vier Arbeiter gewählt. In einigen Städten erfolgte die Hinzuziehung der Arbeiter zur Baukonttolle. Das deutsche Proletariat bedarf keines großen Sackes, um das sozialreformerische Ergebnis von 1904 zu bergen. Schärfste Anklage muß es vor allem gegen die gesetzgebenden und herrschenden Gewalten erheben, daß sie den Werktättgen zwei besonders dringliche Reformen vorenthalten haben: die gesetzliche Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, wenn auch zunächst nur auf zehn Stunden, und die Sicherstellung der Koalitionsfreiheit. Wie die seither errungenen kleinen Fortschritte, so wird die Arbeiterklasse auch die größeren Reformen durch ihren politischen und gewerkschaftlichen Kampf erringen. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Über den Umfang der Frauenarbeit in Indien enthält die Bolls- und Berufszählung vom 1. März 1901 sehr interessante Zahlen, welche die starke Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der Erwerbstätigkeit, am Kampfe um den Lebensunterhalt eriveisen. Von der gesamten Bevölkerung Indiens, die 294,4 Millionen betrug, waren 138,8 Millionen Personen erwerbstätig, das sind 47 Prozent. Weibliche Erwerbstätige wurden 43 046902 gezählt, je 45 auf 100 männliche. Die meisten Frauen sind in der Landwirtschaft, in der Nahrungsmittel- und Textilindustrie, sowie bei ungelernter Arbeit beschäftigt. In Indien entwickelt sich sehr rasch die moderne, kapitalistisch ausgebeutete Industrie und zieht die Frau als Lohnsklavin in ihren Bannkreis. So tritt neben das millionenköpfige Heer der Landarbeiterinnen ein schnell anschwellendes weibliches Jndustrieproletariat. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Dem Licde von den Hnngerlöhnen der Arbeiterinnen und Arbeiter fügen die folgenden Zahlen einen neuen Vers hinzu. In der Papierfabrik in Kriebischtal bei Waldheim werden Familienväter mit Stundenverdiensten von 15 bis 17 Pfennig abgespeist. Was natürlicher, als daß durch diese Entlohnung die Frau zur Erwerbsarbeit aufgepeitscht wird, auch wenn sie reichlich im Heime mit der Führung der Hausgeschäfte und der Pflege der Kinder zu tun hat! Der Besitzer der Papierfabrik, Herr Niethammer, wacht als sächsischer Landtagsabgeordneter darüber, daß die stj-f Sozial- demokraten nicht die Familie zerstören und durch Aufrichtung des Zukunfts- Zuchthausstaats Kinder der Fürsorge der Eltern entreißen und dem Lose der unglückseligen Strampel- Annie überantworten, Eugen Richters Tochter seligen Angedenkens. Der nette Eindruck, den Waldheim macht, läßt kaum die Armut vermuten, welche hier die kapitalistische Ausbeutung des Volkes heraufbeschwört. Erwerbs- und Lebensverhältnisse sind ganz besonders für die Heimarbeiterinnen der Tabakindustrie traurig. Sie müssen sich vielfach mit Wochenlöhnen von 5 bis 7 Mark begnügen. Auch wenn diese Groschen nur einen Zuschuß zu dem Einkommen des Mannes bilden, ist die Lebensweise eine ge- sundheits- und kulturwidrige, da die meisten Familien kinderreich sind. Die Zigarrenmacherinnen in Hartha sind hinsichtlich ihrer Entlohnung und ihrer Existenzverhältnisse um keinen Deut besser daran. Aber den Rekord in punkto Ausgebeutetwerden schlagen unstreitig die Heimarbeiterinnen der letzteren Stadt, welche mit dem Einfassen von Filzpantoffeln,-Schuhen und-Stiefeln beschäftigt sind. Sie verdienen im buchstäblichsten Sinne des Wortes Bettelpfennige. Fast mit Neid dürfen sie nach dem Verdienst der Rohrstuhlflechterinnen schauen, ebenfalls Heimarbeiterinnen, von denen manche im Vierteljahr nicht mehr als 21 bis 24 Mark erwerben. Und dabei müssen meist die Kinder tüchtig mithelfen, damit dieser„horrende" Lohn erzielt wird. In Deutschland hat bekanntlich der Arbeitende eine auskömmliche und bis ins hohe Alter gesicherte Existenz. Wer's nicht glaubt, zahlt einen Taler. öl. VV. Fraucnstimmrecht. Die Forderung des Fraucnwnhlrcchtes befürwortete auf dem Parteitag der preußischen Sozialdemokratie der Referent über die Frage des Landtagswahlrechtes, Genosse Ledebour, überzeugend mit den nachstehenden trefflichen Ausführungen:„Wir fordern, daß Männer und Frauen das Wahlrecht in gleicher Weise haben sollen. Preußen und Deutschland sind in bezug auf die Schätzung der Frau die rückständigsten Staaten der Welt. In keinem Kulturstaat, in keinem Parlament wäre es sonst möglich, daß ein Minister sich erlauben könnte, in öffentlicher Versammlung ein polizeilich drangsaliertes Weib in solcher Weise zu beschimpfen, wie es bei uns geschehen ist.(Lebhafte Zustimmung.) Im Reichstag wäre über einen solchen Menschen ein Sturm der Enttüstung ausgebrochen, der seine Wirkung auch auf die anderen Anwesenden nicht verfehlt hätte. Im preußischen Landtag aber blieb alles still. Die Junker haben geschwiegen; das Zentrum, die Nationalliberalen und auch die Freisinnigen haben nicht einmal durch einen impulsiven Zuruf protestiert. Das Zentrum hätte sich sich doch an den Zuruf, mit dem Ballesttem einmal Bismarck gegenübertrat, an jenes„Pfui" erinnern können, das die einzige Ruhmestat im Leben des Reichstagspräsidenten gewesen ist, seitdem ist er in Untertänigkeit erstorben. In partei- genössischen Kreisen trifft man manchmal auf Anschauungen, daß es etwas unvorsichtig wäre, wollten wir den Frauen das Wahlrecht geben. Auf die jetzt wieder auftauchende Behauptung, daß die Frau nicht bloß politisch rückständig, sondern im allgemeinen geistig niedriger stehend sei als der Mann, brauche ich nicht einzugehen, denn ich glaube nicht, daß sie Parteigenossen aufstellen. Es ist nun zweifellos richtig, daß die deutsche Frau für das öffentliche Leben und die Betätigung daran besonders rückständig ist, und nur gering ist die Zahl der Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft, die sich ins öffentliche Leben begeben haben, die sich bemühen, für größeres Frauenrecht zu kämpfen. Nicht einmal das allgemeine Wahlrecht wollen viele Frauenrechtlerinnen, sie wollen es nur für die reichen Frauen. Es mag zugegeben werden, daß zunächst, wenn die Frauen das allgemeine Wahlrecht erhalten, eine weit größere Anzahl von Proletarierinnen gegen als für uns stimmen wird, so daß wir eine Anzahl Sitze verlieren können. Aber selbst dann müßten wir, ohne mit der Wimper zu zucken, bei jeder Wahlrechtsforderung, die wir erheben, die Erteilung des Wahlrechtes an die Frauen fordern. Genau so hat die Sozialdemokratie, als sie noch in den Kinderschuhen steckte, das allgemeine Wahlrecht für die Männer gefordert, obwohl sie wußte, daß es ihr zunächst nicht zugute kommen würde. Ich habe die feste Überzeugung, daß das Wahlrecht in sehr kurzer Zeit seinen erzieherischen Einfluß aus die Frauen ausüben wird. Man braucht gar nicht auf Australien und einzelne Staaten Nordamerikas hinzuweisen, wo die Frauen dasselbe Wahlrecht wie die Männer haben. Es genügt, an die interessanten Ausführungen des Genossen H a a sie zu erinnern, der aus eigener Anschauung sagte, daß in Ostpreußen die Frauen der Landarbeiter weit tatkräftiger, opferwilliger, revolutionärer wären als die Männer. Auch in Italien spielen gerade die Frauen in der Landarbeiterbewegung eine hervorragende Rolle. Wo man auch nach Beweisen sucht, man findet sie dafür, daß die Frauen für das öffentliche Leben mindestens so begabt, so befähigt, so berechtigt wie die Männer sind.(Lebhafte Zustimmung.) Genossen, die anders denken, haben die Eierschalen der historischen Entwicklung noch nicht abgestreift, oder sie haben in allernächster Nähe schlimme Erfahrungen mit den Frauen gemacht.(Heiterkeit und Zustimmung.) Es gibt auch Männer, die sehr rückständig sind.(Lebhafte Zustimmung.) Die Forderung des Frauenwahlrechtes scheidet uns von allen bürgerlichen Parteien." Quittung. Seit Anfang November gingen bei der Unterzeichneten für den Agitationsfonds der Genossinnen ein: Magdeburg durch Genossin Lönnig 30 Mark, durch Genossin Heeren 9,80 Mark; Kreis Nieder-Barnim 10 Mark; Kölner Genossinnen durch Genossin Zeise 20 Mark; zur Agitation in Düsseldorf 6 Mark; Breslau Überschuß vom Lassalle-Kranz durch Genossin Ida Kaiser 29,50 Mark; Ottensen Nachtrag 5 Mark; Berlin von Genossen R. 10,20 Mark, durch Genossin Roloff 16,15 Mark, durch Genossin Zucht 5,60 Mark, durch Genossin Jacob 14 Mark; Augsburg durch Genossin Greifenberg 19,95 Mark; Teltow-Beeskow von den Genossen 40 Mark; Hattingen durch Genossin Bechstein gesammelt auf einer Geburtstagsfeier 2,20 Aiark; Reichenbach i. V. durch Genossin Göckritz 31 Mark. Summa: Mark. Dankend quittiert: Ottilie Baader, Berlin 8 53, Blücherstr. 49, Hof 11. Zur Notiz. Raummangels halber mußte der Artikel„Die weibliche Gewerbeaufsicht", von E. Wurm, II., zurückgestellt werden, ebenso können inehrere Berichte erst in Nr. 4 erscheinen. 18 Die Schmerzensreichen. Von Ada Negri.* Ein lautes, jammervolles Klagen drang Zu mir, wie vieler Wogen wilder Klang. Hus weiter Ferne fam es zu mir her, Als trüg's auf weißem Wellenschaum das Meer; Tief aus dem Boden stieg es himmelwärts, Hus Mutter Erdens riesengroßem Herz; Die ganze Welt schien voll davon zu sein, Die Luft ringsum, mein einsam Kämmerlein; Mit Schatten drang es ein und Sturmeswehn, Dor Angst und Schrecken glaubt' ich zu vergehn; Und jene Stimme, die im Sturmwind sprach, Klingt ewig mir in tiefster Seele nach. * " Das Kind empfingen freudlos wir, verzagt, Das Mütter träumend schaun in Lilienpracht. Jm Schoße trugen wir die Kreatur Mit Mühsal, Hunger, Angst und Sorge nur. Jn Kammern ohne Luft, hoch unterm Dach, Jm Reisfeld, wo Malaria lauernd lag; Jn Fluren, wo voll grauser Majestät Die Pellagra mit irren Hugen geht, An Orten voller Sklaverei und Not, Wo wir um Kraft und Mut gefleht zu Gott Und uns, erliegend, nur ein Flehn durchbebt: „ Nimm uns das Kind, o Gott, noch eh es lebt-." * " Jn frankem Mutterschoße trugen wir Armsel'ge Wesen, nur zum Weinen hier. Das Blut aus unsern Adern, matt, verblaßt, Erhielten sie, und unsrer Ketten Last. Gern wären wir am Tag für sie bereit; Doch ist der Tag kurz, lang die Arbeitszeit; Der Lebensunterhalt hält uns mit Krallen fest, Jndes die Straße uns das Kind verderben läßt. Uns Müttern drückt nur Sorge das Gemüt, An ros'gen Wiegen singen wir kein Lied; Sing du, damit die Welt zum Mitleid auf sich rafft Von dieser Marterqual der Mutterschaft!... * ,, Du, die mit der gefallnen Brüder Blut Du schreibst, beseelt von der Empörer Glut; Du, deren Kühnheit Trotz dem Schicksal bot, Besing den Schmerz, der stärker als der Tod. Erinnre dich, erinnre dich; solch Leid Trug deine Mutter in vergangner Zeit. Erinnre dich, erinnre dich; dein Schrei Gleich dem des Vogels aus dem Waldnest sei; Dem Volke gleich, das einbricht in die Schlacht, Der Flamme gleich, die einen Wald entfacht; Kein Heil gibt's, ruf der Welt er zu voll Kraft, Wenn so erniedrigt ist die Mutterschaft!...." * Sie schwiegen, doch wie unterm Himmelsdom, Dem sternenlosen, braust ein wilder Strom, So stürmisch rauschend noch die Luft durchdrang Der Klagen und der Seufzer Widerklang. O, solang noch in schwachem, ird'schem Kleid Mein Innerstes erglüht bei fremdem Leid, Bei jedem Pulsschlag düstrer Lebensqual, In Gegenwart und Zukunft, überall Hör' ich der Klagen endloses Gestöhn, Der Schwesterseelen unerhörtes Flehn, Und immer tönt im Herzen mir der Schrei, Voll Vorwurf und Verzweiflung: Steh uns bei!.... Im Armenhause. Von Ada Christen. ( Schluß.) Die Gleichheit Nr. 3 gelernt, daß es nicht gar so weit her war mit meiner in Italien, und jetzt hat er mir geschrieben und holt seine Gotteslästerei. Sie, hochwürdiger Herr, hätten gewiß Großmutter mit einem Wagen aus dem Armenhaus ab. nicht wie der andere von der Kanzel heruntergerufen: Jetzt beweist er, daß er in seiner Jugend einmal Eine Gotteslästerin gehört nicht in den Tempel des etwas Unüberlegtes gethan hat, wie ich in meinem Alter Herrn!" Sie hätten meine Rede so genommen, wie sie noch".... " " geredet war.... Ich war alle meine Tage nicht Aber er kommt spät," meinte doppelsinnig der Priester, duckmäuserisch, war immer zu flink mit der Zunge, indem er nach seiner Uhr sah. " Ihnen danke ich tausendmal für jedes gute Wort, tausend und tausendmal!".... war alleweil frischweg und gehöre heute noch nicht zu" Nicht zu spät, Hochwürden," lächelte die Frau. Sie den Stillſten; weiß ich alles, Hochwürden.... Alles. beugte sich herab, preßte ihre Lippen auf die Hand des Aber sehen Sie, derjenige, der damals so hart gegen Mannes und sagte demütig- dankbar: mich war, der liegt seit zehn Jahren draußen, wo mein Sohn liegt, mich aber hat unser Herrgott aufgespart für den Freudentag, den ich heut erlebe, heute, wo mich mein Der Priester erhob sich, wies noch einmal mit einem Enkel aus dem Armenhaus in sein Haus führt für den bittenden Blicke auf die Kirche, welche man durch das Rest meines Lebens. Ich brauche heut nimmer in die Fenster sah, dann schaute er traurig auf die Alte nieder, Kirche zu gehen, aus der ich einmal hinausgewiesen die gesenkten Hauptes dastand. Bedeutsam legte er seine worden bin, ich gehe irgendwo in eine ganz neugebaute Hand auf ihren Scheitel.... wartete noch.... und Kirche, wo ich sicher bin, daß noch kein armes Menschen- ging dann schweigend und langsam der Türe zu. Wo herz so unüberlegte Worte gesagt hat wie ich damals."... er vorüberschritt, knicksten die alten Frauen, daß ihnen die " Frau Weiß, Sie haben da fünfzehn Jahre eine Heim- Haubenkrausen in die runzeligen Stirnen fielen, und sie stätte gehabt, ich war Jhnen ein ehrlicher Freund und trippelten hinter ihm her bis in die kleine Kirche, deren Berater jederzeit, können Sie das alles vergessen und Glocke den greisen Priester und seine alte Gemeinde zu fast feindselig von uns und dem Hause reden? Gar so dem Abendsegen rief. viel Gutes haben Sie bis nun von Ihrem Enkel nicht empfangen," sagte der Priester ernst und verweisend. Niemand war in der langen Stube geblieben als die alte Frau, die nachdenklich- regungslos auf ihrem Stuhl Wie wenn sie einen Schlag erhalten hätte, so fuhr saß. Nach einer Weile erhob sie sich, nahm die Zeichnung die Frau bei den letzten Worten nach ihrer Wange, nach von der Wand, wollte sie zu dem Bündel legen, besann ihrem Herzen, dann richtete sie sich jäh auf, so daß sie sich aber und trat damit an das Fenster. Sie legte das in ihrer ganzen Höhe vor dem Priester stand, und über Bild vor sich auf das Gesimse und schaute hinaus in seinen Kopf hinweg, gleichsam als ob sie zu einer Ver- das hastige Flockengewimmel. Schatten der Dämmerung sammlung spräche, sagte sie gedämpft mit schweren Worten: glitten über ihr grobes Gesicht, und es war, als ob ste " Ihnen habe ich etwas zu danken, niemand sonst. In immer älter und verfallener würde, je schärfer ihr Auge dem Hause sind wir alle mit dem guten Recht und für hinausspähte in die weiße Landschaft, die weit hinter den unser gutes Geld. Ich habe fünfundvierzig Jahr schwere niederen Häusern lag. Der Rauch fräuselte sich schwarz empor zwischen dem Steuern gezahlt und alle meine Sippschaft auch, seit fünfzehn Jahren hat man der alten Bürgersfrau da ein lautlosen Flockengetriebe, und auf den schneebedeckten Bett und einen Raften gegeben und ein paar Kreuzer Tannen neben der Mauer hingen, wie dunkle Bündel, alle Tag, war das geschenkt? War das eine Gnade? ein paar freischende Raben. Die Alte aber schaute weiter Sie tun da alle so, als ob es das wäre, ich hab' alleweil hinaus.... viel weiter.... hinaus über die Häuser, " nein" gesagt, freilich hat mich der selige Herr Pfarrer über die Bäume, durch die Flocken und durch den schwarzen auch darum einen rebellischen Kopf geheißen. Wo wäre Rauch.... Alles das war für sie klar und durchsichtig ich, wenn ich nicht so gewesen wäre- zehntausendmal wie dünne Schleier.... und hinter diesen Schleiern zu Grunde gegangen, denn das Bettelbrot ist gar ein tauchte alles Erlebte auf, da regte sich die Vergangensaures, hartes Brot, gekostet habe ich es für den, an den heit.... da streckte ihr Glück und ihr Leid die Arme Sie mich jetzt gemahnt haben, für meinen Enkel.".... herüber.... da lagen ihre Toten.... und nur sie saß Erschöpft hielt die Frau inne, und der starke, gewalt- da herüben mutterseelenallein, arm und alt.... tätige Zug, der auf dem groben Gesichte hervorgetreten war, milderte sich wieder, als sie in das vorwurfsvolle Greisenantlig schaute. " Ich wollte Ihnen nicht weh tun durch das, was ich fagte, Sie denken nun einmal anders als andere Leute Thresgleichen," und er wies wieder versteckt auf die anderen Frauen. Bedenken Sie nur, wenn Ihr Enfel nicht käme and Sie müßten doch bis an Ihr Lebensende bei uns bleiben.... Es ist kein Verlaß auf den Mann." „ Er kommt, Hochwürden, o, da habe ich ja seinen Brief, er fommt gewiß..... Und wenn er nicht kommen täte, so ginge ich doch nicht in eure Kirche und dächte nicht anders, als ich denke. Wenn das eine Sünde ist, so fahre ich damit in die Grube und will sie schon verant worten vor einem gerechten Gott. Gebüßt.... ist sie vielleicht schon durch all das Herzeleid, das mir der bereitet hat." Die letzten Worte kamen recht mühsam über die Lippen, sie lehnte sich in den Stuhl zurück, erfaßte die Hand des Priesters, zeigte zu dem Knabenbild hinauf und sagte dann leise: • Jezt tönten die kurzen Laute des Glöckleins aus der Kirche herauf, mechanisch bekreuzte sich die Alte, ohne das Auge von den leichtbeeisten Scheiben zu wenden. Es wurde immer lautloser und grauer um sie unten in den niederen Häusern flammten allmählich die Lichter auf, quer durch ihr Fenster aber fiel ein Strahl des ersten Öllämpchens, das schon in dem Garten brannte. Der schmale, zuckende Lichtstreifen beleuchtete das Kinderbildnis, sie nahm es auf und schaute lange in das lachende Gesicht des Knaben.... Aber.... da zitterte und rieselte es plötzlich in allen den Falten und Runzeln, das harte Antlitz wurde weich und ängstlich, der zahnlose Mund bebte, das weiße Haupt neigte sich tiefer und tiefer, bis die Lippen das Bild berührten.... bis die Wange sich wie an ein weiches Kissen an das kalte Glas schmiegte.... Leise, ganz leise, als ob sie sich vor der Stimme, die solches auszusprechen wagt, fürchtete, flüsterte sie bitterlich aufweinend: " Wenn er nicht käme.".. Und wie die Alte so dort neben dem Fenster kauerte, wie nichts als ihr unterdrücktes, hilfloses, angstvolles Schluchzen zu hören war, da schritt durch den schneebedeckten Garten, über die sandbestreute fnisternde Treppe, über den weißen Gang, durch die lange Stube eine schlanke Männergestalt, lautlos stand sie neben der Greisin .. hielt den Atem an und legte endlich sachte die Hand auf ihren Arm. ,, Großmutter!" " Jesus Maria! Bub!"... die Vergangenheit war wieder tot.... Wie ein Kind führte der Mann die Greisin an seiner " Ich habe ein gutes Gedächtnis, so alt ich bin. Meinem Mann und meinen Töchtern schloß ich den Deckel über der Totentruhe zu, dann bin ich abgerackert und mühselig da hereingekommen, damit ich meinem einzigen Sohn nicht eine Last in seinem Hausstand war. Dann ist die Unglücksfugel geflogen kommen, und bald darauf habe ich auch seinem jungen Weibe die Augen zugedrückt.... das frische Blümchen hat das allererste Gewitter zuDie matten Arme legten sich fest um den jungen Nacken, sammengeschlagen, ich, der alte Baum, ich habe ausges das weiße Haupt sank auf die breite junge Brust, und halten, ich war schon gewöhnt daran.... Sein Kind, der Bub, der damals noch nicht zehn Jahre alt war, und ich, wir zwei sind ganz allein geblieben.... Und ich, „ Die kennen mich seit fünfzehn Jahren, Hochwürden, eine rechtschaffene Bürgersfrau, ich habe das Pfleggeld Hand, trug ihr Bündel und blieb immer wieder stehen, manche sogar noch länger. Da ganz unten sitzt eine, ,, Dein Vater.... Dein ganzer Vater!".... murmelte die ist oft zu mir gekommen um einen Löffel Suppe, wie für den Buben mit meinen Bettelfreuzern bezahlt. Tag damit sie sein Gesicht genau sehen konnte. und Nacht habe ich gestrickt, sonst können hinfällige Leute, ich noch mit meinem seligen Mann unser eigenes Ge- wie ich bin, nichts tun, und habe mir die Bissen Brot sie ein über das andere Mal. Der Abendsegen war zu Ende, teilnahmlos gingen schäft geführt hab', alle kennen sie mich in dem ganzen ja ja, Brot, vom Munde abgespart, damit sie der Hause. Manche hat mich die erſten fünf Jahre ge- Bub zu seiner Milch gehabt hat.... Freilich hat er die alten Leute an dem Paare vorüber, nur hier und mieden, weil ich nimmer in die Kirche gegangen bin und verschworen habe, mein Lebtag nimmer zu gehen, und dann höher hinaus wollen, wie er größer geworden ist, da nickte irgendeiner ihnen im Vorbeitrippeln zu. Jetzt und anstatt bei seinem Handwerk zu bleiben und mich waren sie an der Kirche..... Der Enkel zog ehrfürchtig weil Ihr Vorgänger immer und immer wieder auf meine Gottesläfterei zurückgegriffen hat. Wie aber Sie zu unterstützen, ist er davongelaufen und Soldat geworden, seine Mütze und frug: in unser Haus gekommen sind vor zehn Jahren, und hat mich in Angst und Unruhe gelassen, hat mir nicht geschrieben, hat niemand zu mir geschickt und mir kein wie Sie mich ruhig meinen eigenen Weg haben gehen Leid erspart.... Aber jetzt, Hochwürden," sagte sie laut lassen, da haben auch die dummen Weibsleute einsehen und frohlockend,„ jetzt hat er ein reiches, schönes Weib, Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe * Aus ,, Mutterschaft". Berlin, F. Fontane& Cie. und ein gutes Geschäft, und ein großes Haus drunten Willst du da nicht Abschied nehmen, Großmutter?" „ Nein!"... Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart. 8 D S I น f e C in S in a fi 9 10 g $ 3 23 de 93 G li 2 មនោ ម គឺ a 3 de De 50 so 2 30 fte fü ha ift 00 956 ein 00 an me be we Ief lä Re L sch Er an sol