I C t 8 J t 1141 t r t 3 I e e 135 Nr. 5 Die Gleichheit exeren Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen e Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. werkschaftliche Rundschau. Gegen Stuttgart den 8. März 1905 15. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Maria Lwowna Berditschewskaja.* wirkte sie unter den hundertlei Schwierigkeiten und Gefahren Aufruf der Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands zum mit denen die sozialistische Aufklärungsarbeit in einem Lande Die revolutionären Bewegungen, welche Rußland seit dem verknüpft ist, wo keine Versammlungs-, Rede- und Preßfünften Kongreß. Maria Lwowna Berditschewskaja. einen Todfeind! Die Hungerpeitsche der Blumenarbeiterinnen. letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts erschüttern, gehören freiheit, teine noch so armselige Volksvertretung existiert, wo Von N. Diphtherie. Von Dr. Silberstein. Aus der Be- zu den glänzendsten Ruhmesblättern in der Geschichte des selbst der Gedanke gehetzt und gemordet wird. Mehr als weiblichen Geschlechts. Sie zeichnen sich vor den Freiheits- einmal hefteten sich die Häscher an ihre Fersen, in Kasan wegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Friedrich Leßner. Politische Rundschau. Von G. L. Ge- tämpfen aller Länder durch die hervorragende Beteiligung und später in Saratoff war sie verhaftet. Nach jedem Under Frauen aus. In ihren verschiedenen Phasen sind Frauen gewitter stand sie unverzagt wieder in den vordersten Reihen Notizenteil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Arbeits- in den vordersten Reihen der Kämpfer für eine bessere Zeit der Kämpfenden. Ihre leidenschaftliche Hingabe an die gestanden. Und die russischen Revolutionärinnen haben im Sache der Freiheit und ihre außergewöhnliche Energie bedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht. FrauenDienste ihrer Ideale eine Kühnheit des Geistes, eine Kraft machten tiefen Eindruck auf alle, die sie kannten. Nicht bewegung. Feuilleton: Den Todten des März. Von Otto Krille. des Willens, eine Reinheit der Gesinnung und Größe der allein im Kreise der Freunde, auch bei den Gegnern genoß Opferfreudigkeit bewiesen, die sie als Ebenbürtige neben die sie hohe Achtung. mutvollsten Helden des Altertums, die selbstverleugnendsten Als am 22. Januar die Flamme der Revolution hoch Märtyrer der christlichen Religion stellen. So war es in emporlohte, war sie auf ihrem Posten unter den Barrikadenden Zeiten der utopistisch träumerischen Propaganda, als fämpfern. Aus vier Wunden blutend brach sie zusammen. Hunderte von Frauen und Männern Verwandte und Freunde Die im Krankenhaus versuchte Operation blieb erfolglos. verließen, Beruf und Glück hinter sich warfen und als Ver- Auf ihrem Schmerzenslager wiederholte die Sterbende mehrfündiger der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter mats: Keinen Augenblick bereue ich, auf die Barrikaden gegangen zu sein." Diese Worte flüsterten noch ihre Lippen, als sie kurz vor dem Tode aus schwerer Bewußtlosigkeit zu voller Besinnung erwachte. Der Heiratsvermittler. Von Ludwig Thoma. Von Fröhlich- Essen.- Vorkämpfer. Von John Henry ( Gedicht.) An die ( Gedicht). Frage. Mackay. gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und das Bolt" gingen. So war es in der furchtbar heroischen Periode des Terrors, als ein kleines Häuflein Todeskühner Arbeiterinnen Deutschlands! auf Leben und Tod mit den Stützen und Trägern des Der Gewerkschafts- Ausschuß hat beschlossen, daß am Montag den 22. Mai 1905 der Fünfte Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands in Köln am Rhein im Gürzenich- Saal , stattfinden soll. e e ? et t t, e t e ge t 3 g ૨ ૦ e Als Tagesordnung ist vorläufig vorgesehen: 1. Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten( Wahl der Kommissionen, Prüfung der Mandaten usw.). 2. Rechenschaftsbericht der Generalfommission und Beratung der Anträge betreffend: a. Allgemeine Agitation; b. Agitation unter den Arbeiterinnen; c. Agitation unter den fremdsprachligen Arbeitern; d. Streifunterstützung und Streifstatistik; e. Heimarbeit; f. Beseitigung des Kost- und Logiszwanges beim Arbeitgeber; g.„ Korrespondenzblatt". 3. Bericht über das Zentral- Arbeitersekretariat und Beratung der darauf bezüglichen Anträge. 4. Die Stellung der Gewerkschaften zum General streif. 5. Die Gewerkschaften und die Maifeier. 6. Gewerkschaften und Genossenschaften. 7. Die Aufgaben der Gewerkschaftskartelle in der Gewerkschaftsorganisation. 8. Die gesetzliche Vertretung der Arbeiterschaft in Arbeitskammern oder Arbeiterkammern. 9. Beratung der nicht unter den vorstehenden Punkten erledigten Anträge. Marta Lwowna Berditschewskaja. absolutistischen Regimes fämpfte. So ist es heute, wo das von der Sozialdemokratie zum Klassenbewußtsein gerufene Proletariat als entscheidende Hauptmacht im Kampfe gegen den Absolutismus steht. Was die russische Sozialdemokratie geworden ist und geleistet hat, das ist seit dem ersten Tage ihrer Eristenz auch mit Frauenwerk. Das Blut Maria Lwowna Berditschewskajas ist für die Freiheit geflossen, die für das russische Volk unter Stürmen und Gewittern zu dämmern beginnt, von denen ein frischer, kräftigender Hauch über das Proletariat der ganzen Welt weht. Das internationale Proletariat senkt bewundernd und dankbar grüßend seine Fahnen vor dieser Märtyrerin, wie vor allen heldenmütigen Blutzeugen der revolutionären Rämpfe in Rußland. Gegen einen Todfeind! In Saarburg, einem Städtchen der Reichslande, hat die Militärjustiz wieder einen ihrer Urteilssprüche gefällt, die jedem fühlenden, denkenden Menschen das Blut in heißen Wellen des Mitgefühls und der Empörung zum Herzen treiben müßten. Vier Ulanen wurden zusammen zu zehn Jahren ein Monat Zuchthaus und zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Einer der Unglücklichen soll fünf Jahre einen Monat, der andere fünf Jahre im Zuchthaus büßen. Wofür? Etwa für ein besonders schweres Verbrechen, das nach dem bürgerlichen Recht und Gesetz mit der langsamen Vernichtung des Lebens geahndet wird, auf welche solch lange Zuchthausstrafe für die meisten hinausläuft? Mit nichten. Das Verbrechen der Verurteilten besteht alles in allem in einer ziemlich harmlos verlaufenen Prügelei mit einer Patrouille, von der sich die betrunkenen Ulanen beleidigt glaubten, und der sie tätlich angreifend nacheilten. Nach den Begriffen des Militärstrafgesetzes, richtiger des Militarismus, sollen sie sich damit eines Aufruhrs schuldig gemacht haben. Gewiß, dem Vorgang, welchen die Militärrichter so hart strafen, fehlen die Züge der Vorkommnisse, welche vor furzem das Urteil der Dessauer Militärjustiz doppelt und breifach als unsinnig und barbarisch empfinden ließen. Bei der Prügelei handelte es sich diesmal nicht um das ehrenvolle Bemühen von Soldaten, Frauen gegen die Rohheiten eines betrunkenen Vorgesetzten zu schützen und diesen Nur etwas Selbstverständliches ist es da, daß sich unter selbst vor brutalen Ausschreitungen zu bewahren. Auch das den Märtyrern des unvergeßlichen 22. Januar auch eine natürliche Recht der Notwehr kam nicht in Betracht, welches angesehene, unermüdliche Genossin befindet: Maria Lwowna vom bürgerlichen Gesetz anerkannt wird, das aber das Berditschewskaja. Nicht als Zufallsopfer des mordgierigen Dessauer Urteil denen absprach, die allen Menschen dadurch Despotismus ist sie, 26 Jahre alt, gefallen, sondern als bewußte vorgezogen sein sollen, daß sie des Königs Rock" angezogen Kämpferin, die aus flarer Erkenntnis und in freiem Wollen ihr haben. Die ihrer Sinne nicht mächtigen Ulanen begannen Leben für die Freiheit des Volkes in die Schanze schlug. Sie die Prügelei, weil sie sich dem im Heere herrschenden Kastenbefand sich mitten unter den tapferen Petersburger Arbeitern, geist entsprechend in ihrer„ höheren" Reiterehre durch AnAnträge zur Tagesordnung oder solche, welche auf welche die ruchlose Niedermetzelnng der friedlichen, vertrauens gehörige einer niedrigeren" Waffengattung gekränkt fühlten. seligen Manifestanten mit dem Bau von Barrikaden beant- Trotzdem bleibt der Spruch der Saarburger Militärjustiz die vorstehend genannten Tagesordnungspunkte Bezug worteten, welche der Gewalt des bluttriefenden Absolutismus furchtbar genug. Mit erschütternder Stimme schreit er haben, sind bis zum 8. April 1905 an die General- die Gewalt des revolutionären Proletariats entgegenstellten. hinaus in die deutschen Lande und lenkt die Aufmerksamkeit Kommission einzusenden. Sämtliche bis dahin eingegangene Maria Lwowna Berditschewskaja hat schon als Kind die auf den Wahnsinn und die Barbarei der Militärjustiz, die Anträge werden im„ Korrespondenzblatt" veröffentlicht, starke, befreiende Luft revolutionärer Ideen eingeatmet. Ihr doch so milde Recht sprechen kann, wenn die Brüsewitze damit sie in den Gewerkschaften diskutiert werden um vieles älterer Bruder war ein bekanntes Mitglied der und Hüssener vor ihren Schranken stehen. Das Maß des alten terroristischen Narodnaja Wolja. Er war 1885 an dem Verderbens, das sie von Rechts wegen" stiftet, ist längst mißlungenen überfall auf die Charkower Post beteiligt und voll und übervoll. Jedoch nur hoffnungsselige Toren können erschoß sich dabei, um den zarischen Henkern zu entgehen. erwarten, daß in nächster Zukunft der Geist finsterster GeDer Tod des Bruders hat ohne Zweifel mächtig auf die waltherrschaft, der sie geboren, von einer gründlichen ReSeele Maria Lwownas gewirkt, hat sie mit glühender form gebannt werden wird. Die Militärjustiz mit ihren Sympathie für die revolutionären Kämpfe und mit der Greueln, die dem gesunden Menschenverstand schier unfaßDie Wahlen der Delegierten werden nach den von überzeugung erfüllt, daß das Leben der Güter höchstes nicht bar dünken, ist das legitime Kind des Militarismus, welcher dem vierten Gewerkschaftskongreß gegebenen Bestim- ist. Schon als ganz junges Mädchen wurde sie eine eifrige die Aufgabe hat, mit gezogenen Kanonen die„ ungezogenen mungen von den Vorständen der Zentralvereine aus- Bekennerin sozialistischer Ideen. Nachdem sie den Feldscher- Nationen" zur Räson zu bringen, die Ausgebeuteten in der geschrieben werden. und Hebammenkursus beendet hatte, widmete sie sich mehr Knechtschaft der Ausbeutenden zu halten. Und ebensowenig und mehr dem Dienste der Sozialdemokratie, und in den wie ein leidlich zurechnungsfähiger sich freiwillig die rechte Die Generalfommission der Gewerkschaften letzten Jahren gab sie sich ihm vollständig hin. Rastlos Hand abschneiden wird, sind die herrschenden Klassen ge Deutschlands. * Porträt und biographische Daten nach unserem russischen Bruder- neigt, durch eine tiefgreifende Reform de Militärjustiz das Wesen des Militarisus selbst anzutasten. fönnen. Der Kongreß wird am 22. Mai 1905, morgens 9 Uhr, eröffnet, und wird bis einschließlich 27. Mai tagen. C. Legien, Berlin SO. 16, Engel- Ufer 15. organ„ stra". 26 Die Gleichheit Nr. 5 Nur in diesem Zusammenhang der Dinge wird es begreiflich, warum Urteile, wie sie in Dessau und Saarburg gefällt worden sind, wie sie ähnlich schon zu Dutzenden fielen und jeden Tag aufs neue fallen können, in der bürgerlichen Welt kaum einen schwachen Widerhall des Mitleids, kaum einen Ton des Protestes auslösen. Die Kreise, die tagtäglich durch ihre Preßbedienten in hohem Chor ihre Geistes- und Herzenskultur, ihre Humanität rühmen lassen, sie schweigen, wenn Söhne des Volkes wegen Nichtigkeiten auf Jahre hinaus aus der menschlischen Gesellschaft ausgestoßen werden, in leiblicher und seelischer Qual dahinsiechen müssen. Wo bleibt der Protest der feinfühligen, edlen Damen, die im Namen der Humanität gegen die überflüssige Quälerei von Hunden und Kaninchen bei der Vivisektion mit hochlodernder Entrüstung die ganze Welt mobilisieren möchten, die bittere Tränen ob eines geprügelten Droschkengauls vergießen? Wo die flammende Empörung der sanften Friedensapostel, welche den Krieg fortpsalmodieren oder wenigstens seine Schrecken „humanisieren" wollen? Wo die energische Aktion der „akademischen Jugend", der„Blüte der Nation", wie sie sich im bourgeoisen Hochgefühl des wohlgefüllten Geldbeutels nennt, sie, die so eifersüchtig die akademische Freiheit des Radaumachens hütet? Wo die Schilderhebung der bürgerlichen liberalen Presse, die monatelang bittere Tränen vergoß ob des Loses, das die französische Militärjustiz dem Hauptmann Dreyfus bereitet hatte? Das deutsche Proletariat steht allein in seinem Kampfe gegen die mit Rechtsformeln vermummte brutale Gewalt der Militärjustiz. Und es führt diesen Kampf, wie es ihn führen muß: nicht beschränkt auf den flammenden Protest gegen einzelne besonders himmelschreiende Urteilssprüche dieses oder jenes Militärgerichts, sondern bei aller Brandmarkung solcher Urteilssprüche als Kampf gegen den Militarismus selbst. Diesen Kampf in den vordersten Reihen mitzukämpfen ist Pflicht jeder Proletarierin, das müßten die Entscheidungen von Dessau und Saarburg klar machen. Wie keine proletarische Mutter gegen das zermalmende Geschick gefeit ist, daß bestialische Mißhandlungen eines Vorgesetzten ihren Sohn zum Wahnsinn, zum Selbstmord treiben, so muß sie auch jede Stunde vor der gleich furchtbaren Möglichkeit zittern, daß die Militärjustiz ihr Kind wegen einer ritterlichen Tat oder eines Dummenjungenstreichs hinter Zuchthausmauern begräbt. Ist es dafür, ihr Proletarierinnen, daß ihr unter Schmerzen Söhne gebärt, unter Mühen und Sorgen, vielleicht unter Hunger und Kummer groß zieht? Schweigen, angesichts der Verbrechen des Militarismus, der nicht davor zurückbebt, dem Sohne den Mord von Vater und Mutter zu befehlen, heißt sich zu Mitschuldigen machen. Wo immer kämpfende Proletarier sich zusammenfinden, da müßten die Genossinnen die Aufmerksamkeit der Frauen des werktättgen Volkes auf die Untaten des Militarismus, auf sein kultur- schänderisches, freiheitsmörderisches Wesen lenken und sie zum unversöhnlichen Kampfe rufen gegen diesen ihren Todfeind. Die Kungerpeitsche derBlumenarbeiterinnen. Die tollsten Orgien feiert der Kapitalismus da, wo die seiner Ausbeutung unterivorfene Arbeiterschaft ihm unorganisiert, widerstandsunfähig gegenübersteht, wie es durchweg der Fall ist bei den zahlreichen Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen des oberen Erzgebirges. Dort können die Unternehmer uneingeschränkt verfahren, wie es ihren Neigungen entspricht. Von einem soll hier heute die Rede sein. Herr Otwin Jehmlich in Olbernhau ist ein Mann, der es verdient, daß sein Name in weiteren Kreisen bekannt wird. Otwin Jehmlich ist ein ehrenwerter Mann. Vom Richter würde sich Jehmlich dies wahrscheinlich bescheinigen lassen, so sich jemand herauszunehmen wagte, das Gegenteil zu behaupten. Wir halten es für wahrscheinlich, daß Otwin Jehmlich auch ein frommer Mann sein will. Der Blumenfabrikation widmet Jehmlich seine Kraft. Das heißt, nicht er selber verfertigt künstliche Blumen. Er gehört zu den Wohltätern der erzgebirgischen Bevölkerung, die neue Industriezweige einführen. In jedem Amtsblatt kann man lesen, daß diese Wohltäter von echt vaterländischem Geiste erfüllt sind. In die Täler des Erzgebirges, wo früher Arbeitsgelegenheit knapp war, da haben diese warmherzigen Kapitalisten neue Industriezweige gebracht; natürlich der armen Bevölkerung wegen, beileibe nicht um des eigenen Profits willen. Otwin Jehmlich ist ein Gemütsmensch. Er sagt sich, daß jungen und älteren Männern die harte Arbeit in Fabrik und Feld zukommt. Dem schwachen weiblichen Geschlecht und den zarten Kinderchen wendet er sein Wohlwollen zu. Er sorgt dafür, daß sie möglichst viel unter Blumen weilen können. Tag und Nacht möchte er sie davon umgeben sehen. Jehmlich ist kein Freund der kapitalistischen Fabrikarbeit. Er gehört zu den warmherzigen Unternehmern, die der Meinung sind, daß die Frauen und die Kinder ins Haus gehören. Dort bietet er ihnen Gelegenheit, die vielen Mußestunden mit reizvoller, spielerischer Tätigkeit auszufüllen. Blumig gestaltet er für zahlreiche Frauen und Kinder das Leben. Ohne Rücksicht auf das Alter dürfen sie sich der Blumen freuen. Sowie die Kinderchen nur die Finger zu rühren vermögen, dürfen sie teilnehmen an der Lust und der Freude, die dank Otwin Jehmlich in verschwenderischer Fülle in die engen erzgebirgischen Hütten in und um Olbernhau hineinströmen. Andere Menschenkinder können sich nur im Mai und in den Sommermonaten unter Blumen ergehen. Jehmlich ermöglicht es, daß das ganze Jahr hindurch nicht wenige Menschen sich förmlich in Blumen vergraben. Eisig pfeift der Wind über den Kamm des Erzgebirges. Schwere Regenwolken jagt er vor sich her. Kalte Regenschauer peitschen die letzten Blätter von Bäumen und Sträuchern. Kein armseliges Blümlein ist mehr im Freien zu finden. In zahlreichen Proletarierhütten aber zaubert Otwin Jehmlich Blumen in verschwenderischer Fülle und glänzender Pracht hervor. Förmliche Blumenmeere gibt es in den engen Stuben, in denen es bei dem häßlichen Wetter Frauen und Kinder doppelt wohl sein muß. Dahlien und Chrysanthemen ganz besonders formen sich infolge Jehmlichs zauberischem Gebot. Kommende Geschlechter sollten dankbar seiner gedenken. Das Vaterland wird ihn ehren. Orden und Titel und Reichtum seien der Lohn des Blumenmannes. Wie läßt der warmherzige Mann, diese Zierde unter den Fabrikanten des oberen Erzgebirges, den blumigen Segen in überwältigender Fülle erstehen? Wie heißt die Zauberrute in seiner Hand? Die Hungerpeitsche! O, dieses Zauberinstrument ist den mit den Wohltaten vaterländisch gesinnter, warmherziger, frommer Unternehmer beglückten Proletariern des oberen Erzgebirges nur zu wohl bekannt. Otwin Jehmlich aber, der Blumenfabrikant von Olbernhau, dessen Ruhm noch lange laut verkündet werden soll, versteht ganz anders damit umzugehen als seine frommen Kollegen, die sich gleich ihm um das Wohl der Erzgebirgler sorgen. Wir rühmen ihn! Im Olbernhauer Amtsblatt, dem„Erzgebirgischen Generalanzeiger" vom 13. November 1904, machte Jehmlich in einem großen Inserat folgendes Zaubersprüchlein bekannt: Hausarbeiterinncn, die nächste Woche nicht mindestens daS doppelte Qnantum Dahlien und Chrysanthemum fertigen, verlieren nach dem Totenfest die Beschäftigung. Otwin JchmlichS Blumenfabrik. „Mindestens das doppelte Quantum!" Und die fürchterlichste Strafe, die es gibt, der Hunger, trifft die, deren Kraft dazu nicht ausreicht. Was bedeutet die Forderung Jehmlichs an die Hausarbeiterinnen? Eine Reihe von Wochen schon hat die Saison für die Fabrikatton der in Frage kommenden Blumen gedauert. Sehr früh am Morgen schon, lange ehe auch nur ein Schimmer von Tageslicht die runden Gipfel des Erzgebirges beleuchtete, herrschte emsige Tätigkeit in den dürftigen Proletarierheimen, in denen das Zaubersprüchlein des ehrenwerten Herrn Otwin Jehmlich Beachtung finden mußte. Herausgerissen aus süßem Schlummer, dem sie sich erst spät hingeben konnten, sitzen neben der Mutter die Kinder um die nur trüben Schein spendende Petroleumlampe, um in jagender Hast die in allen Farben leuchtenden Blumen erstehen zu lassen, für die Herr Jehmlich unsagbar kargen Lohn zahlt. Gebeugt über die Arbeit sitzen die Kinder, von zürnenden Worten der Mutter dann angespornt zu nie rastender Tättg- keit, wenn die kleinen Hände ermüden wollen. In Eile nur vermögen sie die Schule pünktlich zu erreichen. Hastig geht es von der Schule wieder in die Stube nach Hause, die Otwin Jehmlich ihnen zu blumigen Gefilden nach seiner Art umwandelte. Auch wenn die Winde weniger schneidend über die Berge stürmten und durch die Täler heulten, bliebe dieser Jugend nicht Zeit, sich im Freien zu tummeln. Bis spät am Abend sitzen sie wieder um die trübe Lampe inmitten der Blumen. Der Zauberstab Jehmlichs, die Hungerpeitsche, winkt, ein fürchterlicher Antreiber. So war es in letzter Zeit schon! Und nun mindestens das doppelte Quantum! Wie es geleistet werden kann, begreift man kaum. Aber es wird geleistet. Denn Jehmlichs Hungerpeitsche droht! Die Beschäftigung verliert, wer nicht genügend liefert! In fieberhafter Eile regen sich nun die Finger. Was tut's, wenn nicht Zeit bleibt für die Frau, dem Gatten und den Kindern das gewohnte dürftige Mahl zu bereiten? Die Hungerpeitsche winkt! In diesen Tagen verlöschte das Lämpchen nicht viel in den Behausungen, die Otwin Jehmlich zu Blumenplantagen umwandelte. Ein Schluck schlechter Kaffeebrühe muß die Lebensgeister der übermüdeten Kinder immer wieder anregen. Wollen auch die Augen, denen der Schlaf gewaltsam ferngehalten wird und auf die die bunten Blumenfarben schmerzerregend wirken, durchaus sich schließen, es darf nicht sein. Die Hungerpeitsche droht! Doch Otwin Jehmlich ist ein ehrenwerter Mann! Wo die Kraft der Frau und der Kinder nicht ausreicht, um den übermenschlichen Anforderungen zu genügen, dürfen fremde Kinder als Lohnarbeiter der Heimarbeiter sich der Jehmlichschen Blumenpracht freuen. Im frommen Lande Sachsen ist das sehr gut möglich. Deshalb kann der Ruhm der deutschen Sozialreform nach wie vor amtlich in alle Winde hinausposaunt werden. Nergler nur und Hetzer finden, daß die vaterländischen Zustände unerttäglich, himmelschreiend sind. Die kapitalisttschen Jehmlichs wissen es besser, wie wohl es dem Volke ergeht. Staatserhaltend bis auf die Knochen, wie sie sind, rufen sie göttliche und irdische Macht an, die Bösen zu verderben, die den genügsamen Sinn der bedürfnislosen obererzgebirgischen Bevölkerung vergiften und sträfliche Begehrlichkeit zu wecken suchen. Bald nachdem Herr Jehmlich zu„seinen" Hausarbeiterinnen gesprochen, ertönten die Kirchenglocken im Sachsenlande. Buße sollte die verderbte proletarische Bevölkerung tun. Auch in die Hütten der Lohnsklaven, die für Otwin Jehmlich leuchtende Dahlien und Chrysanthemen in ungeheurer Menge herstellen, drang der eherne Glockenton und erinnerte daran, daß sie in einem christlichen Lande leben und daß zahlreiche Männer in den Gotteshäusern mahnend und drohend bessere Befolgung der Lehren des Nazareners heischen. Sie konnten den würdigen Männern in Talar und Bäffchen nicht lauschen Dahlien und Chrysanthemen in doppeltem Quantum mußten sie liefern. Der Bußtag ist auch ein gesetzlicher Ruhetag. Was tut's? Otwin Jehmlich ist doch ein frommer Ordnungsmann! Zum Totensonntag mußten die Blumen geliefert werden. Als frommer Christenbrauch wird von den ehrenwerten frommen bürgerlichen Blättern gepriesen, daß die Gräber der Heimgegangenen mit leuchtenden Blumen geschmückt werden. Niemand fragt, wie die Blumen entstanden sind, niemand kennt die Leiden der Frauen und Kinder, die sie anfertigten. Um die Toten klagt man und schmückt ihre Ruhestätten; Hunderte von Glocken mahnen, ihrer zu gedenken. Das Los der Lebenden im Erzgebirge sollte man nur etwas menschlicher gestalten! Mit tausend ehernen Stimmen verdient ihr Elend in die Welt hinaus geschrien zu werden. Ob unser Ruf auch nur einen Widerhall in bürgerlichen Blättern findet? Ein Narr nur kann es glauben! Wenn Otwin Jehmlich aber einst ein reicher Mann ist, dann darf man sicher sein, daß Dutzende von vaterländischen Blättern ihn als Wohltäter der Armen preisen und ihn wie wir heute einen„ehrenwerten" christlich frommen Mann nennen. Er schwang die Hungerpeitsche, was tut's! Es gibt viele Jehmliche im sächsischen Erzgebirge. Otwin überrascht nur durch die Eisenstirnigkeit und Brutalität, mit der er öffentlich die Peitsche schwingt und den Verlust der Beschäftigung androht denen, die nicht mindestens das doppelte Quantum liefern. dl. Diphtherie. Von Or. Silberstein. Diphtherie— schon das Wort allein genügte vor einer kurzen Spanne Zeit, um alle Eltern in Angst und Schrecken zu versetzen und sie um das Leben ihrer Kinder bangen zu machen. Diphtherie war der gefürchtetste Feind der Jugend, der oft gerade die bestentwickelten und gesündesten Kleinen dahinraffte. Star' m doch nach Kalischer in Preußen von 1S7S bis 1887 dm�/ichnittlich jährlich etwa 4S000 Menschen (darunter 98 Prozent unter IS Jahren) an Diphtherie. In Berlin allein waren nach den Veröffentlichungen des Statisttschen Amtes im Jahre 1882 und 1883 unter 6SS21 Sterbefällen S066, in den Jahren 138S, 1886 und 1887 unter 96200 Sterbefällen 4948 durch Diphtherie bedingt. Die Wissenschaft stand der Seuche völlig machtlos gegenüber. Heilmittel über Heilmittel wurden erprobt, ohne daß auch nur eines einen durchgreifenden Erfolg erzielt hätte. Schreibt doch der bekannte Kliniker Strümpell noch in seinem Buche, das 1894 erschien, über die Heilmittel gegen Diphtherie: „Schon die unabsehbar große Zahl der gegen Diphtherie empfohlenen Heilmittel beweist, daß keines derselben von wirklich eingreifender Wirkung ist. In den gutartigen Fällen hilft jedes Mittel, in den schlimmen keines." Wie glücklich können wir uns preisen, daß die Wissenschast über diese Krankheit einen Sieg davongetragen hat und sie aus einer der bösartigsten Seuchen in eine verhältnismäßig ungefährliche verivandelte. Es ist eine in der Heilkunde altbekannte Erscheinung, daß die Krankheiten, deren Heilung der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, das beste Feld für Kurpfuschereien aller Art abgeben. Die Angabe, unheilbare Krankheiten heilen zu können, ist noch immer das beste Zugmittel für den Kurpfuscher, da der Mensch sich in der Not an den Strohhalm klammert und viel leichter dem Kurpfuscher glaubt, der ihm Heilung verspricht, als dem Wissenschaftler, der keine Heilungsmöglichkeit sieht. Es ist daher begreiflich, daß die Zahl der Geheimmittel und Kurpfuschereien gerade bei Diphtherie eine große war, von denen sich auch in unsere Zeit eine ganze Menge, so zum Beispiel die„berühmten" Teertropfen, hinübergerettet haben. Diese Geheimmittel stiften sicher auch jetzt noch häufig großen Schaden, weniger vielleicht durch ihre Wirkung selbst, als dadurch, daß für die richtige Behandlung der geeignete Zeitpunkt verpaßt wird. Auch die Naturheilkunde, die in der Wasserbehandlung das Allheilmittel gegen alle Krankheiten sieht, kann in gleicher Weise schädlich wirken. Es soll gewiß der Wert des Wassers als Heilmittel nicht angezweifelt werden, allein es steht nach dem heutigen Stande der Wissenschaft fest, daß Wasser bei Diphtherie als einziges Heilmittel völlig unzureichend ist und unbedingt der modernen Behandlung weichen muß, der Behandlung mit Heilserum. Die Entdeckung des Heilserums ist ein Triumph des neuesten Zweiges der Naturwissenschaft, der Bakteriologie. Wie oft kann man nicht in Laienkreisen oder in Naturheilversammlungen über die Lehre von den Krankheitserregern spotten hören von Leuten, die keine Ahnung von der Bedeutung dieser Wissenschaft haben; ja selbst von Leuten ohne Voreingenommenheit kann man die Äußerung hören, was nützt es uns zu wissen, welche Bazillen die einzelnen Krankheiten erregen, wenn damit nicht auch die Heilung erzielt wird. Gerade an der Diphtherie kann man sehen, daß durch die Entdeckung der Krankheitserreger, das Studium ihrer Lebenserscheinungen und Lebensäußerungen auch das Mittel gefunden wurde, sie unschädlich zu machen. Die Diphtheriebazillen wurden von Löffler entdeckt; das Heilmittel gegen die Krankheit gefunden zu haben ist das Verdienst Behrings. Die Wirkung des sogenannten Heilserums beruht auf der Tatsache, daß sich im Blute von Pferden, die man künstlich diphtheriekrank gemacht hat, und welche die Krankheit überstanden haben, während der Krankheit sogenannte Schutzstoffe bilden, die imstande sind, das Gift der Diphtheriebazillen unschädlich zu machen, und so den Körper in den tand setzen, sich seiner üblen Wirkungen zu erwehren. Nr. 5 Die Gleichheit Aus der Bewegung. 27 Dies Prinzip wandte Behrens praktisch an, indem er Gift als es früher der Fall war. Die Hoffnung ist durchaus be- Der Vortragende erntete für seine prächtige Leistung, die alle von Diphtheriebazillen Pferden einspritzte und den Tieren rechtigt, daß auch diese Nachkrankheiten der Diphtherie nicht fesselte, reichen Beifall. Ehe die Vorsitzende die Versammnach ihrer Genesung die Schutzstoffe entnahm, die sich in mehr vorkommen werden, wenn alle Fälle rechtzeitig mit lung schloß, nahm noch Genossin Wackwitz zu einer kurzen der Blutflüssigkeit, dem sogenannten Serum, vorfanden. Heilserum behandelt würden. In der ersten Zeit der Heil- Ansprache das Wort. Die Veranstaltung dieses Abends Spritzt man dieses noch besonders zubereitete und dosierte serumanwendung, als man es noch nicht so vollkommen wie brachte uns einige Neuaufnahmen. Nunmehr sollen in Serum diphtheriefranken Menschen ein, so ist es imstande, jetzt herstellen konnte, kamen zuweilen nach der Einspritzung Löbtau alle vier Wochen öffentliche Frauenversammlungen das eigentliche Diphtheriegift unschädlich zu machen und die Hautausschläge und Gelenkschwellungen vor, die aber stets stattfinden; die Zahl der organisierten Genossinnen, 110, Krankheit zu heilen. bald ausheilten und in den letzten Jahren so gut wie gar verpflichtet dazu, ihnen regelmäßig Gelegenheit zur VerDaß diesem Serum eine große Heilungsfähigkeit inne- nicht mehr beobachtet wurden. tiefung ihrer Schulung zu bieten. Die Genossinnen werden wohnt, ist durch eine Reihe von Statistiken erwiesen. Während Wir müssen also zu dem Schluß kommen, daß das Heil- die Neuerung mit Freuden begrüßen. Auch an anderen des Jahrzehntes, seitdem es angewandt wird, hat es die serum einen außerordentlichen Fortschritt für die Behandlung Orten des Wahlkreises Dresden- Land sollen solche FrauenDiphtheriesterblichkeit in ungeahnter Weise herabgesezt. Nicht der Diphtherie bedeutet, daß es ein durchaus unschädliches versammlungen veranstaltet werden. Alle Versammlungen nur verlaufen jetzt im großen und ganzen bei der Heilserum- Mittel ist, das, frühzeitig und richtig angewandt, eine schnelle haben dem Befreiungskampf des Proletariats neue Streiter behandlung die einzelnen Diphtheriefälle viel leichter und Heilung der Diphtherie herbeiführt und dadurch einem der und Streiterinnen zugeführt. Mögen sie im Kampfe treu schneller wie früher, auch die schweren Diphtherieepidemien, bösartigsten Würger der Kinderwelt Halt gebietet. aushalten. Unsere Zeit ist eine ernſte, sie fordert Mühen wie sie vormals so oft vorkamen, sind fast ganz ausgeblieben. und Opfer, die nicht versagt werden dürfen und die sich wohl Nun haben sich selbstverständlich Leute gefunden, die als Urbelohnt machen. Marie Wackwig. sache der Abnahme der Diphtheriesterblichkeit nicht das HeilIn mehreren öffentlichen Versammlungen, politischen und serum, sondern allgemeine gesundheitliche Einrichtungen und gewerkschaftlichen Charakters, sprach in letzter Zeit Genofsin eine Milderung der Diphtherieepidemien selbst feststellen Von der Agitation. Am 2. Februar fand in Dresden Grünberg- Berlin. Wie sollen wir unsere Kinder erziehen wollen. Es ist dieselbe Behauptung, wie sie von den Impf- Löbtau eine großartig besuchte Frauenversammlung und was fordern wir von der Schule", war das Thema, gegnern betreffs der Pocken vorgebracht wird. Nachdem die statt. Genoffin Kähler behandelte in ausführlicher Weise das sie in Driesen behandelte. Sie betonte dabei besonders Pocken durch die Entdeckung der Wissenschaft unschädlich das Thema:" Was ist die Bestimmung des weiblichen Ge- die Notwendigkeit, den Religionsunterricht aus der Schule gemacht sind und viel von ihrem früheren Schrecken ver- schlechtes: dulden oder kämpfen?" Es kennzeichnet die zu entfernen und die Kinder statt auf ein sagenhaftes Jenloren haben, soll nicht das Heilmittel, sollen alle möglichen freundlichen Gefühle der deutschen Bundesregierungen für seits auf das Diesseits gründlich vorzubereiten. In diesem anderen Dinge die Ursache der Unschädlichmachung sein. die russische Willtürherrschaft, daß der überwachende Be- Sinne müßten auch die Eltern schon vor der Schulzeit Leute, die die frühere Schwere einer solchen Seuche aus amte kein Wort der Kritik an den grauenvollen Zuständen wirken. Sie sollten den Kindern nicht die Hände falten, dem Gedächtnis verloren haben, sind gern bereit, dies dulden wollte, unter denen das russische Volk schmachtet, sondern die Faust ballen lehren, damit sie schon als kleine zu glauben, und solche Anschauungen zum Schaden des und daß er der Referentin mit Wortentziehung drohte. Rebellen gegen die kapitalistische Gesellschaft in die Schule allgemeinen Wohles zu propagieren. Merkwürdig ist nur Es schien, als ob die Versammlung sich überhaupt einer be- kämen und mit offenen Sinnen und flarem Verstand als das eine, daß gerade von dem Moment der Heilserum- sonderen Aufmerksamkeit seitens der Behörde erfreute: ein Kämpfer durch das Leben gehen könnten. Der Hinweis auf behandlung an die Diphtheriesterblichkeit sich so bedeutend ziemlich starkes Aufgebot von Schuyleuten hatte im Lokal die unglaublichen Schulverhältnisse im Nachbarort Mühldorf verminderte und mit geringen Schwankungen gegen früher Posto gefaßt. Trotz alles Bemühens, nicht mit dem über gestaltete die Erörterung der Materie besonders lebendig niedrig blieb, während bei anderen Krankheiten, gegen die wachenden in Konflikt zu kommen, verfiel die Referentin doch und ließ wohl die zahlreich Anwesenden ihre Pflicht erkennen, wir leider noch kein so gutes Mittel wie das Heilserum be- im Schlußwort der strafenden Gerechtigkeit". Bei einem der Resolution des preußischen Parteitags entsprechend für fizen, zum Beispiel beim Scharlach, die Sterblichkeit nach wie Hinweis auf das Beispiel von Hammer und Ambos wurde die Reform des Schulwesens zu wirken. In Spandau vor eine gleich hohe blieb. Diese Tatsachen sollten doch die sie mit dem sächsischen Maulkorb( der Wortentziehung) be- referierte Genossin Grünberg im Bildungsverein für Gegner der Serumbehandlung davon überzeugen, daß sie sich glückt. Der Erfolg der Versammlung war ein recht guter; Frauen und Mädchen über„ Die Frau im heutigen Wirtim Irrtum befinden. 46 neue Mitglieder wurden für die Parteiorganisation ge- fchaftsleben"; in einer Versammlung der Porzellanarbeiter Den besten Beweis für die große Wirksamkeit der Heil- wonnen. Am 12. Februar fand eine recht gut besuchte und Arbeiterinnen über das Thema:„ Was ist Organiserumbehandlung liefern aber jene Fälle von Diphtherie, die Versammlung der Textilarbeiter in Leschwitz in Schlesien sation". Die miserable Entlohnung der Porzellanarbeiterinnen früher in der großen Mehrzahl zum Tode führten, näm statt. Trotz des starken Schneetreibens waren die Frauen Spandaus wurde in dieser Versammlung scharf beleuchtet. lich diejenigen, bei welchen wegen Rehlkopfverschlusses in zahlreich aus den umliegenden Dörfern herbeigeeilt, um den Eine sehr gut besuchte Frauenversammlung zu Gliedow folge Herabwachsen der Diphtherie der Luftröhrenschnitt Vortrag der Genossin Kähler über„ Lebensmittelpreise und hatte als Tagesordnung„ Die Frau im Kampfe ums Dasein". ausgeführt werden mußte. Bei diesen schwersten Formen Arbeiterlöhne" zu hören, der durch die traurigen Erwerbs- Auch hier illuſtrieren die Arbeitsbedingungen der Arbeiteder Erkrankung starben vor der Anwendung des Heilserums verhältnisse am Orte aktuelle Bedeutung gewann. Dem rinnen am Ort, die besonders in der Ziegelei beschäftigt über 60 Prozent der Erkrankten, während jetzt 26 Prozent Textilarbeiterverband wurden 15 neue Mitglieder zugeführt, sind, die Berechtigung der Aufforderung, daß die Frauen und noch weniger daran zugrunde gehen. Aber es kommt die hoffentlich fest zur Fahne der modernen Arbeiterbewegung sich rege und einsichtsvoll am gewerkschaftlichen und polijetzt gar nicht mehr häufig zu so schweren Erkrankungen, stehen. W. K. tischen Leben des Proletariats beteiligen müßten. Dem An# = am ersten Tage gespritzt wurden . = zweiten = dritten= = vierten= V = M = 0-2% 8-10% 14% 17-23% Baginski berichtet über 470 mit Serum behandelte Fälle: von 111 am 1. Tage mit Serum behandelten starben 3= 2,70% 14 10,45 : 13= 13-14,13 = = = = = M = : = 134= 2. = 92= 3. % 52= 4. " 39= 5. : M ufw. V = = = = = = H. G. und es würde noch viel weniger dazu kommen, wenn die Um Aufklärung unter den proletarischen Frauen zu vertrag des Genossen Pohngardt entsprechend wurde zur Forderung erfüllt würde, so schnell wie möglich, am ersten breiten und sie der gewerkschaftlichen wie politischen Organi- Betreibung einer stetigen Agitation unter dem weiblichen Tage der Erkrankung schon, die Heilserumeinspritzung aus- sation zuzuführen, fanden eine Reihe öffentlicher Versamm Proletariat die Aufstellung einer weiblichen Vertrauensführen zu lassen. Darüber sind sich die verschiedenen Sta- lungen statt, in denen Genossin Wackwitz referierte. Für person beschlossen und Genossin Anna Löwe als solche tistiker einig, daß, je früher das Heilserum angewendet wird, den Verband der Blumen-, Blätter- und Puzfedern- gewählt. In Tschichertig hielt Genossin Grünberg die um so sicherer die Heilung zu erwarten ist. Nach Ganghofner arbeiterinnen sprach sie in Versammlungen zu Sebnih Festrede beim ersten Stiftungsfest der Schifferorganistarben von Kindern, die und Potschappel, die beide nur mäßig besucht waren und sation. Eingehend begründete sie in derselben, daß die bekundeten, wie schwer es hält, gerade die so organisations- Frauen der Schiffer genau so wie diese selbst an der Kräftibedürftigen Arbeiterinnen der Branche für die Gewerkschaft zu gung und Ausdehnung der Organisation interessiert seien. gewinnen. Schlecht war die Versammlung in Großzschach with Der Kampfesmutige Geist der modernen Arbeiterbewegung besucht, welche die Handlungsgehilfinnen der Organisation beherrschte das wohlgelungene Fest, wie alle Versammlungen, zuführen sollte. Nicht einmal die im Konsumverein be- von denen berichtet ward. Er wird die ausgestreute. Jdeen= schäftigten Verkäuferinnen wohnten ihr bei, und doch sollten saat keimen und reifen machen. es gerade diese als ihre Pflicht betrachten, ihren Kolleginnen In Ottensen fand Ende Januar eine sehr stark besuchte mit gutem Beispiel voranzugehen, weil ihrer gewerkschaft Frauenversammlung statt. Reichstagsabgeordneter Ge12 23,07 lichen Organisierung und Betätigung seitens ihrer Arbeit- nosse Eichhorn hielt einen vorzüglichen Vortrag über„ Die 14 35,09 geber nicht die geringsten Schwierigkeiten in den Weg ge- kulturelle Bedeutung der proletarischen Frauenbewegung". stellt werden. In Bauzen erfreute sich die Versammlung, Er gab einen flaren, allen verständlichen geschichtlichen überDie Sterblichkeit an Diphtherie könnte also so gut wie welche der Fabrikarbeiterverband einberufen hatte, blick über die treibenden Kräfte der Frauenbewegung und ganz beseitigt werden, wenn frühzeitig bei jeder Erkrankung eines glänzenden Besuchs. Der geräumige Saal wie die zeigte die tiefen, wesentlichen Unterschiede, welche zwischen des Halses, ohne erst kostbare Zeit verstreichen zu lassen, anstoßende Gaststube waren von Arbeitern und Arbeiterinnen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung beärztliche Hilfe in Anspruch genommen würde. Da die dicht gefüllt, die zum Teil keine Sitzgelegenheit mehr fanden stehen. Nach einer lichtvollen Charakterisierung der letzteren Diphtherie häufig gar keine Halsschmerzen macht, so sollte und stehend dem Vortrag folgten. In der Diskussion wurden und ihrer Aufgaben würdigte er eingehend die mancherlei ede Mutter bei Unwohlsein ihrer Kinder, auch wenn sie schandbare Löhne festgestellt, über die wir später berichten. Schwierigkeiten, mit denen sie zu rechnen hat. Er kritisierte nicht über den Hals klagen, diesen doch sofort genau besichtigen. Für den Holzarbeiterverband fanden zwei Verfamm- dabei scharf die vorurteilsvollen, verständnislosen AnschauBei geöffnetem Munde sieht man zunächst von der Mitte lungen in Dresden statt; die eine wendete sich an die Ar- ungen, welche sich hier und da auch in den Kreisen der des Gaumens nach der Zunge zu das Zäpfchen herabhängen; beiter und Arbeiterinnen der Jalousiefabrikation, die fämpfenden Proletarier der Beteiligung der Frauen am von diesem gehen nach rechts und links zwei hintereinander andere an diejenigen der Drechslerei und der Kamm- politischen und gewerkschaftlichen Kampfe hindernd entgegenliegende Bögen ab, die Gaumenbögen, zwischen denen an industrie. Auf die höchst verbesserungsbedürftigen Arbeits- stehen. Eindringlich wies er nach, von welch' hoher Bebeiden Seiten mehr oder weniger große Wulste, die Mandeln, bedingungen der einen und der anderen werden wir noch deutung es für den großen, allgemeinen proletarischen Beliegen. Ist auf diesen oder den Innenbögen und dem Zäpf- zurückkommen. Über die wirtschaftlichen Kämpfe" und die freiungskampf sei, daß auch die Proletarierin aufgeklärt und chen ein weißer oder grauweißer Belag vorhanden, so ist Stellung der Frau" referierte Genossin Wackwitz in zwei organisiert an ihm Teil nehme. Für die Arbeiter gelte das es Zeit, einen Arzt in Anspruch zu nehmen. Wird es sich Frauenversammlungen, die von den sozialdemokratischen Wort: Mit uns die Frauen, mit uns der Sieg. Reicher dabei auch nicht selten herausstellen, daß es sich nur um Vereinen zu Großenhain und Dresden- Striefen ein- Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen. In der Diseine harmlose Halsentzündung handelt, so ist es doch für berufen worden und beide sehr gut besucht waren. In der kussion forderten Genosse Hagge und Genossin Wartenden Fall der echten Diphtherie wichtig, so früh wie möglich letzteren Versammlung zeigte nicht bloß das Publikum, berg die Anwesenden auf, die Frauenbewegung fräftig zu die Einspritzung auszuführen. Alle übrigen Behandlungsarten, sondern auch die liebe Polizei ein lebhaftes Interesse an den unterstützen und zu diesem Zwecke auch die„ Gleichheit" zu Backungen, Umschläge, Gurgelung, Zitronenwasser und andere Ausführungen der Referentin. Der Überwachende gestattete lesen und zu verbreiten. Genoffin Wartenberg erstattete Mittel treten demgegenüber durchaus in den Hintergrund, derselben nämlich nicht, kurz auf die revolutionären Kämpfe darauf ihren Jahresbericht als Vertrauensperson, der Zeugnis weil mit ihrer Anwendung unersetzliche Zeit für die richtige in Rußland einzugehen. Der Aufforderung der Vorsitzenden von dem ernsten Streben der Genossinnen ablegte. Sie Behandlung verloren geht. Durch die Heilserumeinsprißung entsprechend, ehrte die Versammlung die Kämpfer für ward wieder mit dem Amte betraut und als ihre Stellverändert sich das ganze Krankheitsbild der Diphtherie gegen politische Freiheit und die Opfer des zarischen Despotismus vertreterin wurde Genoffin Deckert gewählt. früher. Die Kinder machen in den meisten Fällen gar keinen durch Erheben von den Sitzen. Genossin Wackwitz referierte Am 9. Februar fand in Kiel eine gutbesuchte Volksschwerkranken Eindruck; selbst wenn der ganze Hals noch dick noch in zwei Diskussionsabenden, welche von der sozial- versammlung statt, in der Genoffin Zietz einen mit großem mit Belägen bedeckt ist, sitzen sie vergnügt im Bett, fiebern demokratischen Organisation aus in Mügeln und Dresden- Beifall aufgenommenen Vortrag über„ Die Frau als Hauswenig, bekommen bald Appetit und die Abstoßung der Neustadt veranstaltet worden waren. Prächtig war die frau und Staatsbürgerin" hielt. In dieser Versammlung Diphtheriehäute findet in außerordentlich kurzer Zeit statt. Beteiligung an dem Abend in Mügeln, in Neustadt ließ das wurde Genossin Niendorf als Vertrauensperson gewählt. Die Gegner der Heilserumbehandlung möchten auch alle gegen der Besuch zu wünschen übrig, ganz besonders seitens Eine Agitation für die„ Gleichheit" ergab eine AbonnentenNachfrankheiten der Diphtherie der Serumbehandlung in die der aufgeklärten Genossinnen, die doch durch ihre Anwesen- zahl von 220. Auch in der Umgebung Kiels fanden Schuhe schieben. Demgegenüber muß hervorgehoben werden, heit und ihr Eingreifen in die Debatten den Abend an- Versammlungen statt, in denen Genossin Ziez referierte, so daß diese Nachfrankheiten, besonders die Lähmungen der Augen- regend gestalten und durch ihr Beispiel die neugewonnenen in Gaarden, Ellerbek, Mönkeberg und Winterbet, muskeln und des Gaumens, die Nierenentzündungen und Herz- Kämpferinnen anspornen und ermutigen sollten. Eine öffent in welchen Orten ungefähr 350 Abonnenten für die„ Gleicherkrankungen, lange vor der Serumbehandlung bekannt waren, liche, sehr gut besuchte Versammlung der politisch organi heit" gewonnen wurden. und daß diese Nachkrankheiten seit der Serumbehandlung zwar fierten Frauen Löbtaus fand am 9. Februar statt. Genosse Jm 3. Hamburger Wahlkreis fanden eine ganze Reihe nicht aufgehört haben, aber eher leichter und schneller verlaufen, Frings rezitierte aus:„ Die größte Sünde", von Otto Ernst. von öffentlichen Frauenversammlungen statt, die sich A. W. Th. N. 28 Die Gleichheit Nr.5 mit der Schulfrage beschäftigten, und in denen Genossin| eine halbe Stunde an Luft und Licht kommen. Leßner selbst erschienen, ihrer dreihundert und mehr. Debattieren wollten Fahrenwald das Referat übernommen hatte. In zwei hat über dieses Matyrium geschrieben:" Meine Lage war sie nicht, nur abstimmen. Debatten„ halten nur das Geschäft Versammlungen in der inneren Stadt, die sich mit derselben fast unerträglich und wäre noch weit unerträglicher gewesen, auf", wie der spaßlüsterne Präsident Graf Ballestrem einmal Frage beschäftigten, referierte Genossin Zieß. überall wenn sich nicht ein gebildetes und edles Mädchen aus in unfreiwilliger Selbstironisierung bemerkte. Geschäft ist brachten die Frauen gerade dieser Frage ein besonders Aschaffenburg, das ich einige Monate vor meiner Verhaftung den Junkern und Junkergenossen die Volksvertreterei. Können reges Interesse entgegen, welches sich auch dadurch bekundete, fennen gelernt hatte, meiner angenommen hätte. Dieses fie feinen Rebbach machen bei den Abstimmungen, dann daß eine große Anzahl Versammlungsbesucher die Broschüre hochherzige Mädchen sorgte für Frühstück, Mittag- und bleiben sie hübsch zu Hause. Und ist ein Geschäft zu machen, kauften, die das Referat der Genossin Zetkin enthält. In Abendessen und ermöglichte es sogar durch ihr beharrliches beehren sie den Reichstag einmal mit ihrer seltenen Erzwei der Versammlungen wurde Protest erhoben gegen das Bemühen, daß sie mich jede Woche einmal besuchen durfte, scheinung, dann muß es auch rasch gehen. Die Sozialdemojedem Rechtsgefühl ins Gesicht schlagende Urteil des Altonaer so daß ich doch nicht außer jeder Verbindung mit der fraten und andere Gegner der brotwucherischen HandelsGeschworenengerichts, von dem an anderer Stelle die Rede Außenwelt blieb. Die Behörde gestattete dies jedenfalls in verträge werden durch möglichsten Lärm am Reden verift. L. Z. der angenehmen Voraussetzung, dadurch vielleicht Kenntnis hindert. Sobald die Beute der Handelsverträge durch die Im Ruhrgebiet sind gegenwärtig unsere Genossinnen, von den geheimen Verbindungen zu erlangen. Jeder Schritt Schlußabstimmung in der dritten Lesung sicher unter Dach darunter Genossin 3iez, eifrig am Werke, um die Lehren des Mädchens wurde von der Polizei überwacht, und man und Fach gebracht war, kehrte der Landsturm zu den des Bergarbeiterstreiks besonders den Frauen des werktätigen versuchte sie sogar durch Drohungen zu bewegen, Aussagen heimischen Ochsen zurück. Nicht einmal lange genug harrte Volkes flar zum Bewußtsein zu bringen und ihnen zu zeigen, gegen mich zu machen. Dies Bemühen hatte keinen Erfolg, er aus, um am folgenden Tage einen Antrag Ranih durchwo die Bergarbeiter ihre stärkste und zuverlässigste Stüze dagegen gelang es meiner treuen Freundin, einen hessischen drücken zu helfen, der bezweckte, die Preiserhöhung für Gehaben. Zahlen sagen das beweiskräftig. Nach einer An- Landtagsabgeordneten für meine Lage zu interessieren und treide ein halbes Jahr früher zu ermöglichen, als sie ohnegabe Hues gingen an Unterstützungen für die Streifenden diesen zu bewegen, die gemeine Behandlung meiner Person hin nach Inkraftsetzung der Vertragstarife eintreten muß. So ein: beim polnischen Gewerkverein 8000 Mark oder und diejenige anderer Untersuchungsgefangenen vor das fonnte die Sozialdemokratie durch einen Antrag auf nament80 Pfennig auf den Kopf des Mitglieds; beim christ- Forum der Öffentlichkeit zu bringen." Die brutale Behandliche Abstimmung über den Antrag Kanit die Beschlußlichen Gewerkverein 259000 Mark oder 6,50 Mark pro lungsweise wurde in der Folge gemildert und auch die unfähigkeit des Hauses feststellen. Der Antrag wird nun Kopf; beim alten Bergarbeiterverband 1400000 Mart Einzelhaft aufgehoben. Leßners Freundin aber mußte ihren zweifellos neu zur Abstimmung gebracht werden, sobald die oder 23 Mark pro Kopf. Die bei der letztgenannten Dr- Edelmut und ihre Energie büßen: sie wurde bald aus Mainz Spekulation auf den Profit bei anderer Gelegenheit den ganisation eingelaufenen Gelder stammen fast ausschließlich ausgewiesen. Ende 1852 wurde der Angeklagte nach Köln Junkertroß vollzählig zur Stelle gebracht hat. Aber an den von der sozialdemokratischen Partei und den freien Gemert- transportiert, wo der Kommunistenprozeß zur Verhandlung Handelsverträgen gibt's nichts mehr abzuknapsen. Die schaften. tam. Die Untersuchungshaft des Angeklagten hatte 1/2 Jahre Beute ist sicher. Der ehrliche Makler Graf Bülow hat ja gedauert. Leßner wurde zu 3 Jahren Festungshaft verurteilt, auch schon genau so wie seinerzeit Graf Caprivi für die die er in Graudenz und Silberberg verbüßte. ganz entgegengesetzte Handelsvertragspolitik den feierlichen Dank für Reichsrettung einheimsen können. Caprivi und Bülow ebenso unparteiisch mit dem Lorbeer für das Ver dienst" gekrönt wie Stössel und Nogi! Von den Organisationen. Der Bildungsverein für Frauen und Mädchen Lichtenbergs hatte seine erste Vereinsversammlung am 13. Februar. Fräulein Rosenfeld hielt einen sehr anregenden Vortrag über das Wesen und den Wert der Bildung. Sie führte aus, daß derjenige gebildet zu nennen sei, der sich auf den verschiedensten Gebieten des Wissens Kenntnisse erworben habe, die es ihm ermöglichen, vorurteilsfrei zu denken und zu handeln. Auch die Frauen müßten nach dieser Bildung streben, welche frei macht. Es sei ihnen leider nicht gestattet, in ihren Vereinen sich mit Politik zu befassen, aber davon abgesehen, stehe ihnen doch ein weites Feld der Belehrung und Bildung offen. Die darauffolgende Diskussion war eine sehr rege; Mitglieder, sowie einige Gäste beteiligten sich lebhaft an ihr. Es wurde beschlossen, die Mitgliederversammlungen am dritten Montag jeden Monats stattfinden zu lassen. F. Maynhardt, Schriftführerin. Friedrich Leßner. Nach London zurückgekehrt beteiligte er sich wieder aufs rührigste an den sozialistischen Bestrebungen. Er gehörte den Kreiſen an, aus denen der Anstoß zur Gründung der Internationale, 1864, erfolgte, war eines ihrer überzeugtesten Das deutsche Volk wird aber die Zeche zu zahlen haben und eifrigsten Mitglieder und saß bis zum Haagener Kongreß, für die Haupt- und Staatsaktion der Bülow und Posadowsky. das heißt bis zu ihrem tatsächlichen Ende, im Generalrat. An Soweit sich das schäßen läßt, wird etwa einer jeden deutschen den meisten Kongressen der Internationale nahm er tätigen Familie durch Preiserhöhung der Lebensmittel der jährliche Anteil und vertrat hier gegenüber allerlei verschwommenen Lebensunterhalt sich erhöhen um etwa 40 bis 50 Mart. Das und verworrenen sozialistischen und revolutionären An- bedeutet die Verelendung vieler Volksmassen, die indirekte schauungen die Auffassung des modernen Sozialismus, wie Ermordung Hunderttausender, die bei den heutigen Preisen Mary und Engels sie im kommunistischen Manifest nieder schon an der Grenze des Existenzminimums das Leben fristen. gelegt hatten. Nach dem Zusammenbruch der Internationale Die kommenden Jahre werden dafür erschreckende Beweise hat Leßner wo und wie er nur konnte, in dem deutschen kom bringen. Und diese ganze volksverderberische Brotwucher munistischen Arbeiterbildungsverein und in den verschiedensten politik wurde austrompetet im Namen des Patriotismus und englischen Organisationen für die sozialistischen Ziele gewirkt. Der Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes! Mary und Engels, in deren Ideenkreis er lebt und webt, Aber noch auf andere Weise wird das Volkswohl ge hatte unser Genosse 1847 tennen gelernt, als sie auf dem schädigt werden. Die Repressivzölle der anderen Vertragszweiten Kongreß des Bundes der Gerechten die Grundsätze staaten lähmen die Ausfuhr deutscher Industrieartikel. So Einer der ältesten und treuesten Vorkämpfer für die Be- des Kommunistischen Manifests in zehntägigen Debatten sieg- werden gleichzeitig dem Volfe die Lebensmittel verteuert und freiung des Proletariats hat am 27. Februar feinen 80. Ge- reich verteidigten. Er war mit ihnen nicht nur durch lang die Arbeitsgelegenheit verringert. Wäre von den Feinden burtstag gefeiert: Friedrich Leßner in London. Er gehört jährige Kampfesbrüderschaft verbunden, sondern durch herz- Deutschlands eine Prämie auf eine selbstmörderische Wirt zu den wenigen noch lebenden deutschen Arbeitern, die in liche persönliche Freundschaft. Leßner gehörte zu jenen Arschaftspolitik gesetzt, Graf Bülow hätte sie reichlich verdient. ihrer Person die Entwicklung des Sozialismus von der beitern, die in stetem persönlichen Verkehr und Meinungs- In einem schreienden Widerspruch zu dieser Politik eng Utopie zur Wissenschaft verkörpern. Als junger deutscher austausch mit Mary und Engels unendlich viel für ihre herziger Einschnürung der Arbeitsmöglichkeit und der VerSchneidergesell schloß er sich in London dem Geheimbund geistige Entwicklung empfingen, und die ihrerseits gar manche fürzung des Lebensgenusses, schreiend im wahrsten Sinne der Gerechten an, der 1836 in Paris gegründet worden war, fruchtbare Anregung für die agitatorische und organisatorische des Wortes, steht das Geschrei nach Weltpolitik, das uns in einem kommunistischen Gleichheitsideal huldigte, in der Tätigkeit der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus die Ohren aus den nämlichen reaktionären Kreisen gellt, Schweiz wie in Deutschland seine Sektionen hatte und mit gaben. Sie hielten die Forscher in lebendiger Fühlung mit denen wir die Hochschutzöllnerei zu danken haben. Angeblich der Verlegung des Bundeszentrums nach London einen immer dem Denken und Empfinden der proletarischen Massen, und erstreben diese Leute nichts sehnlicher als die Ausdehnung ausgesprocheneren internationalen Charakter annahm. Die Mary und Engels haben stets dankbar anerkannt, wieviel der Handelsbeziehungen Deutschlands über die ganze Welt, Kerntruppe des Bundes stellten nach Engels die Schneider. sie dem Rate ihrer proletarischen Freunde schuldeten. Mit auf allen Meeren, und dabei betreiben sie mit der Hoch Zur Zeit, wo der junge Leßner, ein Thüringer Kind, rührender Treue hängt Leßner an den großen Toten, und schutzöllnerei eine Politik, unter der erfahrungsgemäß Handel sich der Organisation anschloß, vollzog sich in dieser eine sein Jubel über jeden großen Sieg der proletarischen Heer- und Schiffahrt am meisten leiden. Während sie so alles wichtige innere Entwicklung. Führende Mitglieder erkannten scharen flingt in den wehmutsvollen Seufzer aus: Hätte doch aufbieten, um der Schiffahrt die Lebensadern zu unterbinden, suchen sie den Anschein besonderer Schiffahrtsbegeisterung allmählich das Ungenügende des französischen Gleichheits- Mary das noch erlebt! fommunismus wie des Weitlingschen christlich- revolutionären Mit inniger Genugtuung beobachtet er das kraftvolle mit ihren Reklamepauken für Vergrößerung der Kriegs Kommunismus, ebenso die Notwendigkeit, den alten Wachstum der sozialistischen Ideensaat, den unaufhaltsamen flotte zu verwenden. Dieses Treiben des„ FlottenCharakter des Bundes als einer geheimen Verschwörergesell- Vormarsch des klassenbewußten Proletariats in allen Ländern. vereins" wäre an sich mit einem Achselzucken abzutun, schaft zu ändern. Sie suchten Fühlung mit Mary und Engels Denn das internationale Solidaritätsgefühl ist ihm in Fleisch wenn es sich nicht der wohlwollendsten Begönnerung durch und forderten sie auf, auf dem ersten Bundeskongreß im und Blut übergegangen, der Schlachtruf Proletarier aller einflußreiche Persönlichkeiten im Deutschen Reiche erfreute. Sommer 1847 zu London ihren kritischen Kommunismus zu Länder vereinigt euch!" ist in seiner ganzen weittragenden Wenn nicht alle Zeichen trügen, reißt der Marinismus schon entwickeln. Was dieser Kongreß begonnen, das vollendete Bedeutung in seiner Seele lebendig. Wie allen Äußerungen jetzt seinen unersättlichen Schlund auf, um den Hauptteil der zweite, der Ende November und Anfang Dezember des und Formen des bewußten proletarischen Klassenlebens, so der erwarteteten Mehreinnahmen aus den Zöllen zu schlucken. nämlichen Jahres stattfand. Der Bund der Gerechten wurde wendet Genosse Leßner auch der proletarischen Frauen- So greift die eine Reaktionsmaschine fördernd in die Räder zum Bund der Kommunisten, er verwandelte sich aus einem bewegung Deutschlands seine Aufmerksamkeit zu. Mit klarer der andern hinein, bis der kräftige Arm des Volfes einmal Geheimbund utopistischer Schwärmer in eine offene prole- Einsicht und warmer Sympathie steht er ihr gegenüber. Er diese ganze Maschinerie zum Stillſtehen bringt. tarische Kampfesorganisation, welche die Verwirklichung ihres ist ein eifriger Leser der„ Gleichheit", forrespondiert mit Während im Reichstag über solche wichtige Fragen der Freiheits- und Gleichheitsideals nicht von der treibenden einzelnen Genoſſinnen und erfreut uns alle ab und zu mit Wirtschafts- und Weltpolitik gestritten wurde, hat es im Kraft der Idee der Brüderlichkeit aller Menschen erwartete, aufmunternden, anerkennenden Worten, die er unserer Tätig- preußischen Landtag ein tragikomisches Zwischenspiel gegeben. sondern vom bewußt geführten Klassenkampf der Ausgebeuteten. teit spendet. Erst kürzlich ging der„ Gleichheit" wieder In den nationalen Brüsten der Geldsacksvertreter schlugen Mary und Engels erhielten den Auftrag, die Grundsätze des seitens des verehrten Parteiveteranen ein Beitrag zu, der die Herzen höher für die„ akademische Freiheit". neuen Bundes zu formulieren, sie schufen das berühmte demnächst erscheinen wird. Er bekundet den deutschen Ge- Wirklich, es ist so, sie haben es selbst gesagt, die Herren, welche kommunistische Manifest, das noch heute voll lebendigsten nossinnen, daß unser Leßner in völliger geistiger Frische, an die drei Silben„ liberal" in irgend einer Kombination in der Begeisterung und leidenschaftlichem Interesse für die Sache parlamentarischen Firma führen. Muß das nicht mit freu Leßner nahm an der inneren Entwicklung des Bundes des Proletariats noch ein Jüngling, seinen 80. Geburtstag diger Hoffnung jeden Mann, jede Frau im Deutschen Reich regsten Anteil und wirkte unermüdlich dafür, die Arbeiter feiert. erfüllen, die mit wachsendem Mißbehagen die geistige Ver zusammenzuschließen und für die kommunistischen Jdeen zu Friedrich Leßner hat zwei Menschenalter dem selbstlosesten ödung unserer Universitäten, das überwuchern des Schneidig gewinnen. Während der Revolutionsstürme tehrte er im Ringen für das sozialistische Ideal, für die Befreiung der feitsservilismus bei Professoren und Studenten sehen? Juni 1848 nach Deutschland zurück, um hier seinen über- Ausgebeuteten, gewidmet. Sein Leben ist unter Mühsalen, Haben einige elektrische Wolken aus Rußlands Jugend zeugungen zu dienen. Er gehörte zu den Emmissären des Gefahren und Entbehrungen verstrichen. Leßner ist ein tämpfen begonnen, die Köpfe der deutschen Burschenschafts Kommunistenbundes, welche den Zusammenhang zwischen armer Teufel geblieben, an dessen Tür mehr als einmal die epigonen zu revolutionieren? Ach, wer wirklich in dem den Organisierten aufrecht halten, neue Anhänger gewinnen, bittere Not geklopft hat. Aber die Jahre, auf die er zurück neuen Deutschen Reiche der Gottesfurcht und guten Sitte neue Vereine gründen sollten. In Wiesbaden, Mainz, blicken kann, sind trotzdem reiche, glückliche gewesen: sie sich noch nicht so völlig jeder Hoffnung auf einen Regenera Frankfurt a. Main und anderen Orten noch entfaltete er waren in unverbrüchlicher Treue den höchsten Idealen unserer tionsprozeß in unserer Bourgeoisie entwöhnt hat, wer gat eine rührige Tätigkeit, fast überall von der siegreichen Reat- Beit, den höchsten Gütern der Menschheit geweiht. Unter noch irgend welches Zutrauen hegt zu ihren karriereschnaufen tion verfolgt und gehezt. Im Juni 1851 wurde er in Mainz denen, die dem hochbetagten Kämpen glückwünschend ihre den Sprößlingen, der wird auch hier wieder bitter enttäuscht als angeblicher Präsident eines Sozialistenvereins verhaftet. Verehrung bezeugen, fehlen die deutschen Genofsinnen nicht, sein. Nicht um einen Kampf für die Anteilnahme der Noch ehe die Richter über sein„ Verbrechen" befunden hatten, die eines Strebens und eines Zieles mit Friedrich Leßner sind. Studenten an den Kämpfen um Volksfreiheit handelt es erhob die preußische Regierung eine neue, schwerere Anklage sich, sondern um das formale Recht der korporativen Be gegen ihn: nämlich die auf Hoch- und Landesverrat gegen tätigung der Studentenschaft und zwar diesmal gar zu den preußischen Staat. Leßner wurde in den berüchtigten Zwecken, die mit Freiheitskämpfen gar nichts zu tun haben Kölner Kommunistenprozeß verwickelt. Um ihm solche Ge- Ein junkerliches Erntefest wurde im Reichstag am Studenten des Polytechnikums in Hannover hatten den ständnisse" abzupressen, die man wünsche," hielt man ihn 22. Februar mit der Genehmigung der sieben Handels- Innsbrucker deutschen Studenten zu ihrer Holzerei mit vier Monate in Einzelhaft in einer dunklen Zelle. Nicht ein verträge gefeiert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, italienischen Kommilitonen Glückwünsche gesandt und ih einziges Mal durfte er während dieser Zeit auch nur für und fast nur bei solchen, waren die Reichsboten in Masse akademisches Freiheitsgefühl" dadurch betätigt, daß sie di Lebens ist. Politische Rundschau. Nr. 8 Die Gleichheit 29 Unterdrückung konfessioneller Studentenverbindungen verlangten. Die erster« Großtat war ein für alle Welt gleichgültiger Jugendstreich, die zweite eine Kundgebl ig sreiheits- widriger Zwangsbegeisterung. Aber mit dem phänomenalen Ungeschick, das die Staatsmänner des Russenkurses auszeichnet, bestritten Herr Studt und sein Ministerialdirektor Althoff, der preußische Pobjedonoszeff, den Studenten überhaupt das Recht zu solchen korporativen Betätigungen. Darob das Aufflackern des Kampfes um die„akademische Freiheit". Die deutschen Studenten haben sich das Recht der korporativen Betättgung erstritten, aber daß sie es jemals gebrauchen könnten im Freiheitskampf der Völker, wer möchte das noch hoffen nach all den Proben, die sie nicht bestanden haben. Wo waren denn die deutschen Studenten und ihre pro- fessoralen Wortführer, als durch die Lex Arons der schmählichste Eingriff in die Lehrfreiheit— was sagen wir?— in die Ansichtsfreiheit der Dozenten an deutschen Universitäten vorgenommen wurde? Geschwiegen haben sie in sieben unverständlichen Sprachen. Wo waren sie, als ihre russischen Genoffen wegen ihrer begeisterten Anteilnahme an den Freiheitskämpfen ihres unterdrückten Volkes aus den deutschen Universitäten verjagt wurden, verjagt unter höhnischen Beschimpfungen durch die amtierenden Machthaber? Sie haben Beifall geklatscht. Und das spielt sich auf als Vertreter der akademischen Freiheit?! Ausgeschaltet haben sich die Herren aus den großen Kämpfen der Zeit. Auch für sie gilt nach solchen Proben das Wort: Gewogen, gewogen und zu leicht befunden. Ll. b,.' Gewerkschaftliche Rundschau. Die Generalkommission hat die Tagesordnung des in Köln stattfindenden nächsten Gewerkschaftskongresses bekannt gegeben. Die Leserinnen finden sie an anderer Stelle. Erfreulicherweise enthält sie, anschließend an den Rechenschaftsbericht der Generalkommisston, als einen besonderen Ver- handlunzspunkt:„Agitatton unter den Arbeiterinnen". Die am Kongreß teilnehmenden weiblichen Delegierten werden gewiß nicht versäumen, ihre in der Praxis bei der gewerkschaftlichen Agitation gesammelten Erfahrungen in Form von Forderungen und Wünschen dem Kongreß vorzutragen. Diese Forderungen und Wünsche sollen ja dem Ziele dienen, die Gewinnung der Arbeiterinnen für ihre Organisation zu erleichtern, der Agitation unter ihnen zu neuen und größeren Erfolgen zu verhelfen. Wenn auch die Fortschritte in der gewerkschaftlichen Arbeiterinnen-Organisatton in den letzten Jahren hinter denen der Arbeiterorganisation vielfach nicht zurückstehen, so fordert doch der Umfang und die Bedeutung der industriellen Frauenarbeit, ihr Einfluß auf die Arbeitsbedingungen der Männer, daß noch weit mehr für die Organisierung der Arbeiterinnen geschieht. Sicher bietet sich noch Gelegenheit, in der„Gleichheit" diesbezügliche Anregungen laut werden zu lassen. Auf eine nötige Neuerung möchten wir heute bereits nochmals hinweisen: das ist die auch schon früher von der„Gleichheit" befürwortete Anstellung gewerkschaftlicher Agitatorinnen und Beamtinnen. Jedenfalls würde dadurch die Agitation unter den Arbeiterinnen sehr belebt und gefördert werden. Im Verhältnis zu der großen Zahl weiblicher Mitglieder in manchen Gewerkschaften sind die Arbeiterinnen bei der Anstellung von Beamten bisher sehr stiefmütterlich behandelt worden. Es hat uns deshalb besonders gefreut, daß anscheinend die Berliner Zahlstelle des Buchbinderverbandes mit der Absicht umgeht, die nächste Beamtenstelle durch eine Arbeiterin zu besetzen. Hoffentlich verpflichtet der Gewerkschaftskongreß auch die Gewerkschaften, mehr als bisher darauf zu achten, daß bei Stellung von Lohnforderungen und bei Abschließung von Tarifverträgen die Arbeiterinnen nicht übergangen werden, daß vielmehr diese Seite praktischer gewerkschaftlicher Agitationstätigkeit fleißig gehegt und gepflegt wird. Unter den Ausständen, an denen Arbeiterinnen hervorragend beteiligt sind, steht der Schuhmacherstreik in Weißenfels obenan. Zirka 2200 Arbeiter und Arbeiterinnen sind insgesamt ausständig; die genaue Zahl der beteiligten Arbeiterinnen vermissen wir leider in allen Angaben der Partei- und Gewerkschaftspresse, ein Mangel, den wir schon oft beklagen mußten. Der Kampf ist um die Anerkennung eines Tarifvertrags entbrannt, welcher der schon seit Jahren geübten Praxis der Fabrikanten Einhalt gebieten soll, fortgesetzt Lohnabzüge vorzunehmen. Während der vierzehntägigen Kündigungsfrist fanden die Unternehmer nicht den Weg zu Verhandlungen. Der Kampf ist den Ausständigen nicht unwesentlich dadurch erschwert worden, daß sich etwa 700 der„dem Staate nützlichen Elemente" zu Streikbrecherdiensten gefunden haben. Die Löhne in der Weißenfelser Schuhindusttie sind, die Ausgaben für Arbeitszutaten abgerechnet, auf wöchentlich 11 bis 16 Mark für die Arbeiter und bis herab auf 2 und 3 Mark für die Arbeiterinnen gesunken. Die Unternehmer verhalten sich stritte ablehnend und versuchen Zwietracht in die Reihen der Ausständigen zu bringen und den Streik zu verzetteln. Sie haben Versprechungen für einen Teil der Arbeiter, für die Arbeitswilligen und die am Streik beteiligten Hirsch-Dunckerschen bei der Hand. Bisher haben sie ihren Zweck jedoch nicht erreicht, und wenn Arbeiter und Arbeiterinnen weiter fest im Streik ausharren, wird Unternehmerstarrsinn kapitulieren müssen. Auf mehr Entgegenkommen bei den Unternehmern stießen die Leipziger Buchdruckerei-Hilfsarbeiter und-Ar- * Infolge eines Verschens ist die Politische Rundschau in Nr. 3 Und 4 nicht richtig mit(Z. U. gezeichnet gewesen. beiterinnen. Sie werden es voraussichtlich zu einem Tarif iür Anlegerinnen und Punktiererinnen bringen, wenigstens zeigte sich die Buchdruckerinnung zu Verhandlungen und zum Abschluß eines Tarifvertrages bereit. In der Berliner Blusen-, Wäsche- und Krawatten branche haben die Zuschneider ihren Arbeitgebern einen einheitlichen Tarif vorgelegt, welcher außer einem spezialisierten Akkordtarif mit Preiserhöhungen von 10 bis 1ö Prozent, eine achtstündige Arbeitszeit und einen Stundenlohn von 80 Pfennig verlangt. Die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen werden leider von den Forderungen nicht berührt. Es ist dies wohl darauf zurückzuführen, daß sie immer noch äußerst schwach organisiert sind. Daß gerade die Arbeiterinnen dieser Branche eine Regelung und Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse notwendig hätten, beweist eine im „Wäsche-Boten" veröffentlichte kleine Enquete über die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in der Wäschebranche. Ist diese statistische Aufnahme auch ziemlich dürftig ausgefallen, so stellt sie doch klar, daß neben niedriger Entlohnung eine unverhältnismäßig lange Arbeitszeit gang und gäbe ist. Sie entsteht durch die Mitnahme von Arbeit nach Hause nach der neunstündigen, in der Fabrik geleisteten Arbeit. Täglich werden zwei bis drei Stunden und der halbe oder ganze Sonntag auf diese Art Heimarbeit verwandt. Aus ihr erklären sich die„hohen" Löhne, mit denen die Fabrikanten unter Berufung auf die neunstündige Arbeitszeit in der Öffentlichkeit oft paradieren. Textilarbeiter und Porzellanarbeiter hatten einige kleinere lokale Ausstände, an denen auch Arbeiterinnen, aber nur in geringer Zahl beteiligt waren. Die zirka 60 Arbeiterinnen der Fischkonservenfabrik von Ebeling St Cie. in Harburg haben die Arbeit niedergelegt. Weil die genannte Firma in Harburg wegen geringer Bezahlung nicht genügend Arbeitskräfte bekommt, so hat sie aus Hamburg eine größere Anzahl Mädchen eingestellt, denen sie die Fahrtvergütung Hamburg-Harburg zugesichert hatte. Nun verlangten 50 der schon länger beschäftigten Arbeiterinnen die Vergütung der Zeit an Sonnabenden von bV» bis 7 Uhr, die seither nicht bezahtt wurde. Dieses Verlangen wurde ohne weiteres abgewiesen. Darauf stellten etwa 60 Arbeiterinnen— meist Hamburgerinnen— die Arbeit ein und forderten den Lohn und ihre Papiere. Als die Arbeiterinnen ihre Jnvalidenkarte usw. abholten und auch den Lohn verlangten, wurde ihnen erklärt, daß dieser laut Fabrikordnung erst Sonnabend bezahlt wird. Darob entstand große Aufregung unter den Arbeiterinnen. Die Firma forderte polizeilichen Schutz, der auch alsbald erschien und die aufgeregten Mädchen zum Verlassen der Fabrik veranlaßte. An die Beseitigung der ungesetzlichen Verlängerung der Arbeit an Sonnabenden, wo um 5'/, — 1'/- Stunden früher als gewöhnlich— Feierabend gemacht werden soll, denkt die Firma nicht. Der Streik ist der Beachtung des Beirats für Arbeiterstatistik zu empfehlen, der gegenwärtig die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in der Fischindustrie untersucht. H Notizenteil. G ew erksch aftlich e Arb eiterinnenorganis ation. Ein schöner Erfolg der organisierten Konfektionsarbeiterinnen Kopenhagens ist zu melden. Sie haben einen neuen Tarifverttag mit den Unternehmern durchgesetzt, der ihre Löhne um 7 bis 8 Prozent erhöht und bis zum 1. Februar 1910 gilt. Die Lohnerhöhung bedeutet im ganzen einen jährlichen Gesamtmehrverdienst von 100000 Kronen für die Konfektionsarbeiterinnen. Bei der Kärglichkeit ihres Verdienstes wäre eine größere Erhöhung der Löhne von- nöten gewesen, doch war unter den gegebenen Umständen und bei der Aussichtslosigkeit eines allgemeinen Ausstandes nicht mehr zu erreichen. Ursprünglich wollten die Unternehmer nicht die geringste Erhöhung des seit 1899 geltenden Tarifs zugestehen. Die durchgesetzte Errungenschaft ist also immerhin ein nicht gering zu schätzender Erfolg. Er ist auf Rechnung der verhältnismäßig starken Organisatton der Näherinnen zu setzen, die unseren deutschen Konfektionsarbeiterinnen ein Beispiel sein sollten, sich ihrerseits immer zahlreicher und treuer ihrer Gewerkschaft anzuschließen: dem Verband der deutschen Schneider und Schneiderinnen. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Lange ungeregelte Arbeitszeit, schlechte sanitäre Bedingungen und magere Entlohnung der Arbeiterinnen in der Fischindustrie gehen Hand in Hand. Die Fisch- industtie hat Saisonarbeit, und obendrein hält sich die zu verarbeitende Ware nicht, sondern muß rasch fertiggestellt werden. Daher sind die Arbeiterinnen ebenso wie die Arbeiter gezwungen, während der Hochkonjunktur jederzeit zur Verfügung zu stehen und Tag und Nacht zu schaffen, in der flauen Zeit dagegen haben sie nichts zu tun. Wenn die Boote nach einem Fange ans Land kommen, so muß gleich ans Reinigen und Herrichten der Fische gegangen werden, und es gibt nicht eher Feierabend, bis die ganze Arbeit erledigt ist. Das Reinigen der Fische geschieht meist im Freien, auf Höfen, mag es stürmen, regnen oder schneien, oft haben die Arbeiterinnen nicht einmal ein Schutzdach über sich. Bald sind sie von dem kalten Wasser, in dem sie han- tieren, bis auf die Haut durchnäßt. Daß sie in der Folge sehr häufig an Rheumatismus und anderen durch Erkältung erzeugten Krankheiten leiden, ist wahrlich nicht verwunderlich. Nicht weniger schlecht sind die Frauen daran, die in den Räuchereien und Bratereien arbeiten. Viele dieser Betriebe, zumal die kleinen und mittleren, sind nicht der Neuzeit entsprechend eingerichtet, sondern haben wahrhaft mittelalterliche Zustände. Da werden die Fische in gewöhnlichen Küchen mit einer offenen Herdstelle geräuchert. Der Rauch dringt durch alle Fugen, so daß im ganzen Hause auch nicht ein Eckchen vorhanden ist, wo Augen und Lunge der Arbeitenden und Bewohner gegen seine schädlichen Einflüsse gesichert wären. Was unter solchen Umständen die Frauen leiden, die beim Räuchern und Braten der Fische beschäftigt sind, im dichtesten Qualm am lodernden Herdfeuer stehen, Kopf und Hände glühend heiß, die Füße kalt vom ein- strömenden Zuge, das liegt auf der Hand. Wer da meint, daß die schwere und ungesunde Arbeit in der Fischindusttie den Arbeiterinnen wenigstens gut bezahlt wird, hat weitgefehlt. In vielen Orten Vorpommerns zum Beispiel erhalten die Frauen einen Tagelohn von 1,25 Mark für elf- stündige Arbeitszeit, die Qberzeitarbeit wird höchstens mit 20 Pfennig pro Stunde entlohnt. Dieser Verdienst ermöglicht nicht eine kräftige Ernährung, wie sie bei der aufreibenden Arbeit doppelt nötig wäre, und von den armseligen Pfennigen soll noch gespart werden für die Tage, wo es keine Beschäftigung gibt. Es ist höchste Zeit, daß der Beirat für Arbeiterstatistik mit einer Erhebung einmal offiziell in das Elend der Arbeiterinnen der Fischindustrie hineinleuchtet, und daß die Gesetzgebung zu ihrem Schutze die schlimmste Ausbeutung etwas zügelt. Hoffentlich werden dabei die Arbeiterinnen der kleinen und mittleren Betriebe nicht vergessen, die wohl in jeder Hinsicht am übelsten daran sind. Soll eine nennenswerte Verbesserung in der Lage der Fischarbeiterinnen eintreten, so ist jedoch der wirksame gesetzliche Schutz allein nicht ausreichend. Er muß ergänzt werden durch die Vorteile, welche die Gewerkschaftsorganisation den Arbeiterinnen verschafft. In diesem Sinne zu wirken, muß eine unermüdlich verfolgte Aufgabe der Genossinnen sein. I'.VV. Fraucnstimmrecht. Die Wahlbeteiligung der Frauen an den letzten Ge- mcinderatswahlen in Christiania, über welche wir bereits Einzelheiten berichteten, stellt sich nach vorliegenden Ziffern wie folgt: Von 28242 wahlberechtigten Frauen übten 13370 ihr Bürgerrecht aus, also nicht ganz die Hälfte. Von den wahlberechtigten Männern beteiligten sich dagegen etwa drei Fünftel an den Wahlen, nämlich 21912 von 35787. Für das politische Fraucnstimmrecht in Finnland entfaltet der Bund für Frauenrechte„Union" in Hel- singfors seit dem letzten Herbst eine rührige Agitation durch große öffentliche Versammlungen. Die Bewegung wird von der fortschrittlichen Presse des Landes kräftig unterstützt. Die Beteiligung der Frauen an den bevorstehenden Schulratswahlen zu Boston verspricht eine rege zu werden. Bereits haben sich 17119 weibliche Wahlberechtigte in die Wählerlisten einttagen lassen. Unter den aufgestellten Kandidaten befinden sich Frauen. Fast jede Partei, welche ihre Kandidaten zu den Schulämtern durchbringen will, muß auch Frauen für diese Vertrauensposten aufstellen. Neben den allgemeinen politischen Parteien besteht noch eine„Unabhängige Frauenpartei", welche ihrerseits zwei Kandidatinnen für die Schulverwaltung aufstellte. Dieselben stehen auch noch auf der Liste der republikanischen Partei und scheinen gute Aussichten für ihren Erfolg zu haben. Fraurnbewegmig. Eine imposante Protestversammlung der Frauen Hamburgs gegen das freisprechende Urteil des Altonaer Schwurgerichts in einer skandalösen Notzuchtaffäre hat kürzlich stattgefunden. Sie war von den radikalen Frauenrechtlerinnen einberufen worden und massenhaft von Angehörigen aller Volksschichten besucht, überwiegend aber von Frauen. Der Protest der vielen Tausende galt dem ungeheuerlichen Urteil des Altonaer Geschworenengerichts, das vier junge Burschen aus wohlhabenden Kreisen kostenlos freigesprochen hatte, die der vollendeten bestialischsten Notzucht an einem 15jährigen Dienstmädchen überführt waren. Die Referenttn Fräulein vr. Augspurg, unterzog den schändlichen Freispruch der berechtigten schärfsten Kritik. Ebenso Genossin Steinbach und mehrere Redner, welche wie diese vom sozialisttschen Standpunkt aus sprachen und den Klassencharakter des Urteils hell beleuchteten. Die trefflichen Ausführungen der Rednerinnen und Redner fanden stürmische Zustimmung. Gegen wenige Stimmen nahm die Versammlung zwei Resolutionen an, von denen die eine energisch gegen das Urteil protestiert und erklärt, daß es geeignet sei, das Verttauen des Volkes in die deutsche Rechtsprechung auf das Tiefste zu erschüttern, von denen die zweite der gesamten bürgerlichen Presse Hamburg-Altonas die tiefste Entrüstung darüber ausspricht, daß sie das Urteil kritiklos hingenommen hat. Das sozialdemokratische„Hamburger Echo" allein hat es gebührend gebrandmarkt, wofür es allerdings von den Geschworenen wegen Beleidigung vor den Kadi geschleppt worden ist. Frauen in städtischen Kommissionen. In Kiel beabsichtigt die Stadtverwaltung eine Mädchenfortbildungsschule zu errichten. Zum Zwecke der Vorberatungen über die Einrichtung wurde von den städtischen Kollegien eine Kommission gebildet, in welche von den Stadtverordneten auch zwei Frauen gewählt worden sind. Von unserer Seite gehört Genossin Niendorf dieser Kommission an. In bezug auf die Mitwirkung von Frauen an den Verwaltungsaufgaben der Stadt ist hier, wenn auch ein kleiner, so doch ein beachtenswerter Fortschritt zu verzeichnen. Id. X, 30 Die Gleichheit Nr. 5 Den Toten des März. Von Otto Krille. Wo irgend in der Welt ein Herz bricht, Ein müdes Haupt sich neigt, Eines Armes Kraft verraucht Für die Freiheit, Dort sollte ein Tempel stehen, Daß über ihm Der Glutwind des Mittags Die Schwüle des Abends küsse, Wie heißer Kampf Den Schatten der Lorbeerhaine. über euren Gräbern steht kein Tempel, Ihr Toten des März, Aber Mittag und Abend küssen sich auf ihnen. Wie Waffen- und Kettengeklirr Rauscht es um eure Hügel, Wie gedämpftes Rufen nach den Schnittern, Das Kornfeld der Menschheit zu mähen. Druhet! Nur einen Tag, Nur einen Sommertag, Dann ist es gereift, Das Korn der Freiheit. Wir prüfen schon die Sehnen des Arms, Jugendfrisch gürten wir Mit Mohnblüten uns Und schmücken das lockige Haupt Mit der roten flammenden Glut Und harren des Sommertags. Ruhet, ihr Kämpfer! Eure Gebeine vermodern, Eure Gräber zerfallen, Aber ewig jung und märzenkühn Lodert der Freiheitsgedanke. Der Heiratsvermittler.* Von Ludwig Thoma. Johann Feichtl lehnte an einem Baume und schaute zu, wie seine Herde sich gütlich tat. Die Kühe blieben ruhig auf ihrem Plaze und fraßen gewissenhaft links und rechts ab, was sie erreichen konnten; sie bewegten sich nur, wenn die Arbeit getan war und traten dann ruhig einen halben Schritt vor, um von neuem anzufangen. Mit den Schweinen war das anders. Die fuhren hin und her, rissen hier und dort etwas vom Boden weg, blieben nirgends stehen, und wenn eines sah, daß das andere einen Fund machte, stürzte es grunzend hin und suchte es zu vertreiben. Sie waren beständig in Unruhe, voll Neid, und nicht einmal während des Fressens fonnten sie es unterlassen, giftig herumzuschauen, ob es nicht einem anderen besser ginge. Was nur der Hofbauern Hansgirgl von mir haben| Die Schweine brauchten manchen Peitschenhieb und will, denkt der Feichtl, daß er gar so freigebig ist. Den trotteten höchst mißvergnügt auf dem Feldwege dahin. Fehler hat das Hofbauerngeschlecht sonst nicht. Er läßt Hinter der Herde ging Feichtl und überlegte sich, was sich aber seine Gedanken nicht antennen und verlangt er mit den hundertneunzig Mark anfangen sollte. Wenn ein Schnellfeuer. ihm noch ein Schmus gelänge, könnte er sich wohl eine Kuh kaufen. Wer weiß? Das Jahr ließ sich gut an. Dann fiel ihm ein, was der Herr Pfarrer neulich gesagt hatte. Die Ehen werden im Himmel geschlossen," und er dachte an Hansgirgl. " A schön's Wetta ham ma, Hansgirgl." net übel." Wenn da vöder Wind herhalt, ham ma no lang Schö." " Ja," sagt der Hansgirgl.„ Du, Feichtl, wia viel moanst, daß an Moserbauern sei Cenzl mitfriagt?" „ Aha!" denkt der Feichtl,„ jetzt hör i di gehn." Und alsdann sagt er:„ Ja mei, wer ko dös wissen? Ma ka dö Leut net in Geldbeutel neischaug'n." „ Geh, stell di net a so, du Feinspinner, du woaẞt as recht guat. Wenn'st ma's g'nau sagst, geht's mir auf an Preußentaler net z'samm." „ So, auf an Taler? San drei Mark, gelt, Hansgirgl? Is a schönes Geld. Zu was willst es denn so g'nau wissen?" " Ja woaßt, da Vata will übergeben nach der Arndt ( Ernte), und i soll an Hof friag'n. Die Alt'n verlanga dreitausad March Umstandsgeld, und d'Hirwa( Herberge) herrichten kost aa tausad March, und nacha an Bruada wegzahln, sand aa viertausad March. No, da hab i z'nachst mit'n Moserbauern g'spracht; der gibt seiner Cenzl achttausad zwoahundert March mit. Moanst, daß dös wahr ist?" " ein. Wo hast denn dein Preußentaler?" " I bleib dir'n net schuldi. Da haft'n." Gelt's Gott," sagt der Feichtl und schiebt den Taler So, Hansgirgl, jetzt will i dir's g'nau sagen: Der Moserbauer hat di net ang'logen. I woaß g'wiß, daß Cenzl siebentausad March Muatterguat hat, dös andere laßt der Vater springa." „ Nachher is recht," meint der Hansgirgl,„ aft geh i glei num dazua." " Halt a wengl, jetzt muaß dar i was sag'n. I woaß dir a Hochzeiterin mit neutausad." " " Wo?" sagt der Hansgirgl. Ich sagte es ja schon: Johann Feichtl war ein Philosoph. Frage. Von Fröhlich- Effen. ,, Wenn in einem weichen Herzen Die Verzweiflung gräßlich wühlt, Wenn ein Armer seine Schmerzen Inniger und stärker fühlt, Sagen sie, es ist erlogen, Dieser Schmerz ist Poesie, Sind wir doch wie jener großgezogen Und empfanden so was nie. Gott, du weißt, was ich empfinde, Was mein nasses Auge spricht, Aber Herzen in der Rinde Sehen es und glauben's nicht." Diese Worte August v. Kotzebues schwirren mir durch den Sinn. Eilig schreite ich die Siemensstraße hinunter. Vor mir geht eine Frau in Hut und Umhang. Beides ist ziemlich abgetragen, wie ich schon aus einiger Entfernung sehe. Die Frau scheint etwas zu suchen. Ihr Kopf dreht sich bald rechts, bald links. Jetzt blickt sie scheu um sich, und schnell schaue ich in anderer Richtung. Nun tritt die Frau nahe an ein Haus heran, Spatzen fliegen auf, und eine Graubrotrinde, aus der jedenfalls Kinder die Krume herausgegessen haben, wandert unter ihren Umhang. Weib, schreit es in mir auf, hartherziges geiziges Geschöpf, wie kannst du es über dich gewinnen, sechs armen hungernden Vöglein ihr Futter zu nehmen, um es vielleicht deinem Schwein oder deiner Ziege als " Dös fimmt z'letzt. 3'erscht muaß i wissen, ob's Futter vorzuwerfen. Hat die Frau meinen Zorn geahnt? d'magst." " Ja, wia wer denn i net mög'n?" Sie sieht sich nach mir um und beißt gierig in die vom Regen durchnäßte, von Spatzen zerpickte Brotrinde. „ Ma woaß oft net; sie is a biẞl schiafecket g'wachsen." Ich gehe schneller wie sie, bald habe ich sie erreicht. Nun " San viel G'schwister da?" " Na, aber a ledig's Kind hat's." " Wer'n dö neutausad March bar auszahlt?" " Ja, dö friagst auf d'Hand." " Aft gilt's schon. Schlag ein, Feichtl!" „ Nur a bißl warten, Hansgirgl. Jetzt fimmt d'Haupt sach. Was friag denn i?" " Jaso! No, dös seg'n ma nacha scho, i laß mi net anschaug'n." „ Na, na, mei Liaba, so geht der Handel net. I muaß mei G'wiß ham." " No, wia viel verlangst denn?" " Zwoahundert Mark." sehe ich ein gelbliches, blaffes Gesicht, in dem viel Leid, viel Not und Entbehrung geschrieben stehen. Die Hand mit der Rinde ist unter dem Umhang verborgen, die andere hält ein Gebetbuch. Im Vorübergehen ziehe ich tief den Hut. War's richtig von mir? Ich weiß es nicht, es geschah impulsiv, ich konnte nicht anders. Die Frau dankt mir ernst, ganz erschreckt sieht sie mich an. Wer grüßt auch eine so arme Frau! Ein Bekannter kommt mir entgegen. Er will mich ansprechen, ich aber eile mit einem Nicken an ihm vorüber. Mag er denken, was er will, ich darf, ich kann nicht sprechen. Es sitt mir etwas im Halse, bis oben hinauf, hinunter geht es nicht, und ausspeien kann ich „ Ah, dös is dennerscht z'viel! Hundertachzgi mag i, es auch nicht. So schlucke und schlucke ich, aber es bleibt sizen.... D, unsere herrliche göttliche Weltordnung! Eine den Vögeln entwendete, von übersatten Kindern fortgeworfene Brotrinde in der rechten und das Gebetbuch in der linken Hand, und hungrige Lippen, die murmeln: Unser täglich Brot gib uns heute. " Johann Feichtl bemerkte das alles wohl, und weil er ein Philosoph war, machte er sich seine Gedanken darüber. Er fand, daß die Schweine sehr seinen Brotgebern, den Gemeindebürgern von Kraglfing, glichen, aba mehra net." und daß es nur recht wenige gäbe, die es so machten Nach langem Handeln einigen sich die Zwei. Feichtl wie die Kühe. Er kam zu dem Schlusse, wie auch andere bekommt hundertneunzig Mark Schmuserlohn und muß Gelehrte schon lange vor ihm, daß die Menschen gerade zum Hochzeitessen eingeladen werden. so wie die Tiere selten mit dem zufrieden sind, was sie " Js ma net Angst um dö zehn March," kalkuliert haben, und daß sie den Brocken für den besten halten, Johann Feichtl, i moa alleweil, i nimm mei Bettziachn welchen sie einem anderen wegschnappen. ( Betttuch) als B'schoadtüchel mit. No, Hansgirgl," Warum das so ist? Es wird wohl so sein müssen. fährt er laut fort, jetzt will i dir sag'n, wie sie hoaßt. Übrigens beschäftigte er sich nicht lange damit, auf die Appollonia Reischl, dem Göbelbauer von Zusering sei Gründe einzugehen. Er liebte das nicht und begnügte Tochter. Wenn's dir recht is, nachher fumst am Sunnsich nach Art der Philosophen mit der einfachen Tat- tag nach Huglfing zum Unterwirt, da mach ma nacha sache. Dann legte er sich der Länge nach ins Gras, d'Hochzet aus." ließ sich von der Sonne anscheinen und dachte an gar nichts mehr. " Js guat, i fimm. Aba Feichtl, dös sag i dir: neun tausad Mark wann's net hat, na reiß i di in da Mitt' ausanand. Pfüat di Good." „ Pfüat di Good, Hansgirgl!" Er zog Grashalme aus und strich sie langsam durch den Mund; dann versuchte er mit den Zehen Grasbüschel auszureißen und sie über den Kopf zu werfen, Der Bauernbursche entfernte sich langsam nach Kraglund er war eben daran, eine große Fertigkeit hierin zu fing zu. Er warf feinen Blick zurück auf das Dorf, wo erlangen, als er durch einen Bauernburschen gestört die Moserbauern Cenzl wohnte, die beinahe seine Frau wurde, den der Weg vorbeiführte. geworden wäre. " S' Good, Feicht!!" " S' Good, Hansgirgl! Wo aus und wo an?" „ Ein bissel zum Wirt n'überschau'n nach Zeidlfing." " Zum Zeidlfinger Wirt am hellichten Werktag? Zu was hast nachher das Feiertagsg'wand ang'legt?" " Jahm! Du, paß auf, Feichtl, i muaß dir was sag'n. Magst a Ziehgarn?" Dane net, aber zwoa." " No, da hast drei. Nachher bist aber g'wiß z'frieden." " Johann Feichtl schaute nun wieder nach seiner Herde. Die Kühe hatten sich niedergelegt und sahen recht nachdenklich darein, während sie behaglich kauten. Sie glichen Leuten, welche sich recht satt gegessen haben und sich die Freuden des Mahles in die Erinnerung rufen. Die Schweine aber liefen noch immer hungrig und neidisch herum; sie hatten entschieden kein Verständnis für den Genuß, welchen die Verdauung gewährt. Inzwischen war es Abend geworden. Die Bäume warfen lange Schatten, und die Fenster des Kraglfinger * Mit gütiger Erlaubnis des Verfassers nachgedruckt aus Agri- Kirchturmes leuchteten, als brenne es inwendig. Da cola", Bauerngeschichten. München, Albert Langen. Die Sammlung fesselt auf jeder Seite durch gesunden, lernhaften Humor, nahm Feichtl sein Horn und blies fest hinein. Die Kühe feine Beobachtungs- und Charakterisierungskunst. Die prächtigen erhoben sich langsam, aber ohne Widerstreben. Man Karikaturen von Bruno Paul tragen das Ihrige zur Freude an dem sah es ihnen an, daß sie das Verlangen des Hüters Bändchen bei. billigten und den Zeitpunkt als richtig gewählt betrachteten. Herrgott, sie sagen, daß du die Vögel unter dem Himmel ernährst, ohne daß sie säen, ohne daß sie ernten. Ein Mensch, ein empfindender, denkender Mensch schreit aus tiefstem Herzen auf zu dir:: du allbarmherziger, allwissender und allmächtiger Gott, gib deinem Ebenbilde, gib deiner Schöpfung Krone zu essen! Dein Ebenbild darbt. Hat dein Wille Menschen geschaffen, damit sie langsam verhungern? Vorkämpfer. Von John Henry Mackay. Und als die Ersten sind wir auserlesen, Die ersten Blöcke aus dem Weg zu räumen. Darum hinweg mit schwächlich- feigen Träumen. Sie schwinden und wir fühlen uns genesen! Warum denn noch mit Winseln und mit Jammern Uns an die Brust der müden Mutter klammern? Warum nicht frisch und stark auf eigenen Wegen Dem Ziel, das unsere Zeit uns stellt, entgegen? Das ist das Wahre: seiner Zeit zu dienen Und dennoch sie beherrschen! Klaren Blickes In Zukunft schaun mit eisenharten Mienen Und schnell mit kühner Hand in des Geschickes Verworrene Fäden greifen, ehe sich Zum unlösbaren Knoten unser Leben Verschlingen kann wer rückwärts feige wich, Der flage nicht der hat sich selbst ergeben! Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Druckt und Verlag von Paul Singer in Stuttgart. fi t g f ร 11 n 5 n 11 a g 11 S 8 I 8 9 1 f ย f S I ม 1