15. Jahrgang � vie Gleichheit Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen Die.Gleichheit- erscheint alle vierzehn Tag- einmal. Preis der Nummer U> Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld SS Pfennig; unter Kreuzband SS Pfennig. Jahres-Abonnemenl 2,K0 Mark. Stuttgart den 17. Mai 1905 Zuschriften an die Redaktion der.Gleichheit- find zu richten an Frau Klara Zetkin(Zundelj, WtlhelmShöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet fich in Stuttgart, Furtbach-Straße 12. Jnhalts-Berzeichnis. Der fünfte Kongreß der deutschen Gewerkschaften zu Köln.— Zur Frage der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen. I. Bon Luise Zieh. II. Von Marie Greismberg. III. Von Helene Grünberg. IV. Von Marie Wackwitz. V. Von W. Kichler.— DaS genossenschaftliche Arbeitsverhältnis. Bon Simon Katzenstein. — AuS der Bewegung: Von der Agitation.— Vom Schlachtfeld des Klassenkampfes.— Politische Rundschau. Bond Politische Rundschau. � Während da hinten, weit in der Mandschurei, der er- oberungssüchtige Zarismus seinen weltgeschichtlichen Prozeß im Schlachtenlärm verliert, haben seine Handlanger in lk Deutschland auf dem Gebiet des ordentlichen Gerichts- Verfahrens endgültig einen Prozeß verloren, der von ihnen Mit meisterhaftem Ungeschick zur Rettung und Förderung der heimischen Regierungskünste des Zaren und seiner Schergen in Szene gesetzt war. Das Reichsgericht hat die Revision e' der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil imKönigsberger Riesenprozeß verworfen, gleichzeitig allerdings auch die � von der Verteidigung unserer Genossen gegen deren Ver- ll urteilung wegen Geheimbündelei eingelegte Revision. Für r unsere eigenen inneren Verhältnisse ist dieser letztere Teil der >k reichsgerichtlichen Entscheidung allerdings keineswegs belangst los, da dadurch der Begriff der strafbaren Geheimbündelei eine vordem nicht geahnte Ausdehnung erhält. Dadurch wird st der Schlag aber nicht abgeschwächt, den die obrigkeitliche e Liebedienerei durch die Verwerfung der staatsanwaltschast- st lichen Revision erhalten hat. Es ist nunmehr durch das st höchste deutsche Gericht endgültig festgestellt, daß man in st Deutschland wegen„Hochverrats gegen das russische Reich" st und wegen„Beleidigung des Zaren" nicht gerichtlich zur ts Verantwortung gezogen werden kann. Nicht minder liegt eine herbe Verurteilung der Bülow-Schönstedtschen Rest gierungskunst darin, daß auch das Reichsgericht nunmehr deren Leichtfertigkeit bei Anstrengung des Prozesses Unterst strichen hat. Keine Bülow-Zitate, keine Schönstedt-Reden können die Tatsache aus der Welt schaffen, daß die Regierung S' eine solche ihrer Ansicht nach höchst wichtige Haupt- und ist Staatsaktion unternahm, ohne sich auch nur über deren recht- " liche Zulässigkeit zu vergewissern. Durch ein Zusammen- 5 wirken von politischer Voreingenommenheit gegen eine ge- ck fürchtete Partei, von bureaukratischer Unfähigkeit und e Schlamperei und schließlich, nicht zu vergessen, von ent- e» würdigender Liebedienerei hat sich die preußisch-deutsche Rest gierungskunst diese riesige Blamage bereitet. In einem jeden ist nur halbwegs konstitutionellen Lande würde dieser Ausgang ist allen Beteiligten den Ministersessel kosten. st Aber bei unseren Zuständen! Nicht einmal dem Organi- el sator dieser Kette von Niederlagen, dem Kuropatkin der ji> vorderrussischen Bureaukratie, dem Justizminister Schönstedt, it wird der Ausgang des Königsberger Prozesses das Amt ei kosten. Denn ebensowenig wie es der preußisch-deutschen Heeresverivaltung weniger darauf ankommt, daß der Soldat ist gut schießt, als daß er eine„gute" Gesinnung hat, ebensowenig e! kommt es für die leitenden Bureaukraten in erster Reihe auf Tüchtigkeit, sondern auf gute Gesinnung an. An guter Ge- h« sinnung aber, an der Bereitwilligkeit zu Liebesdiensten gegen p! das Zarenregiment und zur Bekämpfung der Sozialdemo- V kratje, hat es Herr Schönstedt ebensowenig je fehlen lassen, wie die anderen Helfershelfer des Systems Bülow, wie 15 Podöielski, Budde, Rheinbaben und der— ach!— für vs cS viel zu früh verstorbene Herr v. Hammerstein. Die Gleichhe« übrigens, der Vergleich Schönstedts mit Kuropatkin tut eigentlich diesem berühmten Strategen einigermaßen unrecht. Kuropatkin verstand sich wenigstens auf einen leidlichen Rückzug, wenn die Sache schief gegangen war. Schönstedt aber hat nach der Hauptniederlage in Königsberg das Rückzugsgefecht in Leipzig noch dadurch verpfuscht, daß er die Taktlosigkeit beging, den wichtigsten Sachverständigen im Königsberger Prozeß mit Schmähungen heimzusuchen, um seine von dem Königsberger Gerichtshof für beachtenswert gehaltenen Aussagen zu diskreditieren. Daß das Reichsgericht sich nunmehr auch seinerseits auf die Aussagen Reußners berief, war eine schallende Ohrfeige für den obersten Hüter preußischer Rechtspflege. Das macht aber nichts. Schönstedt wird bleiben— nun gerade! Und es wird weiter so fortregiert im allen Stil. Uns kann's recht sein. Auch die Gegner arbeiten für uns. Solche indirekte Förderung kann unsere Bewegung immer brauchen, so stetig es auch vorwärts geht. Einen für die proletarische Emanzipationsbewegung erfreulichen Erfolg haben unsere französischenParteigenossen erziell, indem sie in Befolgung der vom internationalen Kongreß in Amsterdam gegebenen Anregung sich zu einer einheitlichen Partei zusammengeschlossen haben. Die Einigung ist um so erfreulicher, da sie erfolgt ist au' Grund der antirevisionistischen Resolution, die zuerst in Dresden, dann unter einer unwesentlichen Änderung in Amsterdam angenommen wurde. Es ist ein Sieg des reinen Klassenkampfgedankens auch in Frankreich. Von revisionistischer Seite in Deutschland war noch bis zu diesem Ereignis darauf los prophezeit worden, daß die unpraktischen,„dogmatischen" Amsterdamer Beschlüsse in Frankreich gar keine Wirkung haben könnten. Die Ereignisse haben wieder einmal die revisionistische Spintisiererei widerlegt. Die Tatsache der vollzogenen Einigung läßt sich nicht aus der Well deuten. Dafür wird aber doch in einem zur Beförderung der„gemeinsamen" Interessen des Liberalismus und Sozialismus gegründeten Wochenblättchen den Jaurösisten ein Rat gegeben, der sich nach dem Muster eines in Deutschland geprägten Wortes dahin ausdrücken läßt, sie möchten nur ruhig in der geeinten französischen Partei„millerandisttsch mittun", um bei Gelegenheit doch wieder ihre alte, zurzeit aufgegebene Blocktattik der neuen Partei aufzunötigen. Hoffen wir, daß Jaurös und seine Freunde klar genug denken und konsequent genug handeln werden, um niemals wieder in millerandistische Schwächlichkeiten zurückzufallen. Auch das Rad einer Parteientwicklung läßt sich ebensowenig wieder rückwärts drehen wie das Rad der Geschichte. Wer es versucht, wird unter die Räder kommen. L. ll. Notizenteil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation Zur Beachtung! Nrbcitersekretariat Nürnberg. Das Gewerkschaftskartell hat beschlossen, für das Arbeitersekretariat eine weibliche Hilfskrast anzustellen. Der Sekretärin werden zunächst vorzugsweise Bureauarbeiten und Berwaltungsgeschäfte zufallen, außerdem hat sie agitatorisch und rednerisch für die Arbeite- riunenbewegung tätig zu sein.— Bewerbungen nebst Angabe der bisherigen Tätigkeit und Gchaltsanspriiche sind bis 1. Juni an die Adresse: Georg Bohl, Nürnberg, Egidienplat; SS, zu richten. Tie erste Arbeitcrsckretäriu in Deutschland wird, wie die Genossinnen aus der vorstehenden Bekanntmachung ersehen, demnächst angestellt werden. Das Gewerkschaftskartell Nürnberg hat mit sehr großer Majorität den Beschluß gefaßt, die vierte Beamtenstelle am Arbeitersekretariat einer Frau zu übertragen. Nürnberg war der erste Ort in Deutschland, wo die organisierten Proletarier ein Arbeitersekretariat schufen, das sich trefflich entwickelt hat und mit seinen Leistungen vorbildlich geworden ist. Nun geht es wieder als schönes Beispiel mit der Anstellung der ersten deutschen Gewerkschaftsbeamtin voran, die sich der Agitation unter den Arbeiterinnen widmen soll. Möchten die Nürnberger Organisationen recht bald zahlreiche Nacheiferer finden Die Zahl der weiblichen Delegierten zum fünften deutsche» Gewerkschaftskongreß wird allem Anschein nach leider recht klein sein, und mit den Genossinnen Zieh, Greifenberg, Kühler, Wackwitz usw. werden unermüdliche, bewährte Agitatorinnen und Organisatorinnen von trefflicher Schulung und reicher Erfahrung fehlen. Da in Köln über die Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen verhandelt wird, so ist ihr Fernsein vom Kongreß besonders bedauerlich. Zumal die Gewerkschaften, für welche die Frauenarbeit von großer Bedeutung ist, die weiblicher Kräfte für die Agitations- und Organisattonsarbeit benötigen, und die einen guten Stamm weiblicher Mitglieder aufweisen, hätten darauf bedacht sein müssen, daß sie auch eine weibliche Delegierte zum Kongreß entsendeten. Die vorgebliche gewerkschaftliche Neutralität der Frauenrechtlerinnen wird durch die Vorgänge in zwei öffentlichen Versammlungen zu Königsberg recht drastisch bewiesen. Die erste der Versammlungen war vom Kaufmännischen Verein für weibliche Angestellte einberufen worden; Herr Franz Schneider-Berlinreferierte über das Thema:„Was tut den Handlungsgehilfinnen not?" Nach seinem Borttag vertrat Genosse Borchardt unseren Standpunkt in der Frage und forderte zum Eintritt in den Zentralverband der deutschen Handlungsgehilfen und«Gehilfinnen auf. Damit hatte er den Zorn der Vorsitzenden, Frl. von Roy, erregt. Als er sich nochmals zum Worte meldete, drohte ihm die waschecht in der Wolle 59 der Neutralität gefärbte Dame, daß sie ihm unweigerlich das Wort entziehen werde, falls er wieder für den Zentralverband und für die Sozialdemokratie spräche! Die Trägerinnen der „einen Frauenbewegung", die mit süßgespitztem Mündchen beteuern, allen polittschen Parteien mit der gleichen Unparteilichkeit gegenüberzustehen, greifen nach dem Maulkorb, sobald der sozialdemokratische Standpunkt in einer öffentlichen Versammlung vertteten wird, in der doch volle Redefreiheit herrschen soll. Und mehr noch! Die nämlichen Frauenrechtlerinnen, die sich bei jeder Gelegenheit unter Berufung auf ihre unbefleckte Neuttalität mit widerlicher Aufdringlichkeit bei den freien Gewerkschaften anzubiedern suchen, wollen die Redefreiheit knebeln, sobald die verschiedenen Organisationen der Handelsangestellten einer kritischen Erörterung unterzogen und die Gehilfinnen dadurch in den Stand gesetzt werden sollen, sich nach freiem Ermessen eventuell für den Zenkalverband entscheiden zu können. Die zweite öffentliche Versammlung war vom Zentralverband einberufen worden und sollte sich mit der„Frauenftage im Handelsgewerbe" beschäftigen. Die Vorstandsdamen der frauenrechtlerischen Organisation hatten dazu alle ihre Mitglieder dringend eingeladen und zählten ihre erschienenen Anhängerinnen, um zu wissen, ob sie stark genug seien, die Versammlung sprengen zu können. Da sie nicht zahlreich genug waren, um dieses edle Ziel zu erreichen — das sie später offen eingestanden—, versuchten sie das Bureau zu besetzen, offenbar zu dem Zwecke, ihre„Neuttalität" durch Wortentziehung zu betättgen. Erst nach einer hefttgen Geschäftsordnungsdebatte, in der die Damen unterlagen, konnte die Versammlung in die Tagesordnung eintteten. In der Debatte setzten sie der Kritik ihres Vereins durch die Genossen Cohn und Borchardt allerhand Schauermärchen entgegen über die durch Vertrauensbruch erschlichene Hergabe des Saales, die Zurücksetzung der Frauen bei den Wahlen zur„sozialdemokratischen" Ortskrankenkasseusw. DenNachweis von der Unwahrheit ihrer Behauptungen begleiteten sie mit dem Geschrei:„Es ist doch wahr." An diesen Vorgängen, welche das Handlungsgehilfenblatt in Nr. 188 und 189 meldet, ermesse man den Grad der— Wahrhaftigkeit, mit der Frln. Lüders in der„Deutschen Arbeiterinnen- Zeitung" Nr. 4 zu behaupten sich erdreistet, die Frauenrechtlerinnen agitierten lediglich für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Arbeiterinnen überhaupt und überließen es diesen selbst, sich für irgend eine der bestehenden Organisationseinrichtungen zu entscheiden. Daß sie den von uns in Nr. 6 angeführten, ganz präzisen Tatsachen zu diesem Glanzkapitel frauenrechtlerischer Zweideutigkeit nur leeres Gerede und nicht eine einzige Tatsache entgegenstellt, sei nebenbei verzeichnet._ Soziales. Eine soziale Pflicht der Arbeiterfrauen und Ardeiterinnen. Die Handelsangestellten kämpfen noch immer um den Achtuhrladenschluß und die Sonntagsruhe. Während den gewerblichen Arbeiterinnen wenigstens der elfstündige Arbeitstag und die Sonntagsruhe gesichert ist, wurde den Handelsangestellten 1900 nur eine elfstündige Ruhezeit zugesprochen, das heißt also, daß für sie eine dreizehnstündige Arbeitszeit als gesetzlich zulässig anerkannt ist. Dieser„Schutz" erstreckt sich obendrein bloß auf die in offenen Ladengeschäften Arbeitenden, während für Kontore, Engros- und Bankgeschäfte, in denen Tausende Frauen angestrengt arbeiten müssen, noch eine unbeschränkte Ausbeutungsfreiheit besteht. Die 1901/2 vom Kaiserlichen Statistischen Amt, Abteilung für Arbeiterstatistik, angestellten Erhebungen über die Arbeitszett der in Kontoren usw. Be- chäftiglen und über die Nützlichkeit und Notwendigkeit der Einschränkung der Arbeitszeit haben trotz ihrer völligen Unzulänglichkeit den Beweis erbracht, daß gerade die Frauen im Handel länger arbeiten als die männlichen Angestellten. Diesen Resultaten zum Hohn müssen die Handlungsgehilfen weiter nach ein wenig Freiheit lechzen. Unter den vielen Gründen, die gegen die Einführung des Achtuhrladenschlusses ins Feld geführt werden, prangt die Behauptung,„auch im Interesse der Arbeiter läge es, die Läden nicht schon um acht Uhr zu schließen, weil Arbeiterfrauen erst des Abends einkaufen können". Abgesehen davon, daß bereits die Konsumläden um acht Uhr schließen, in denen doch nur Arbeiter- rauen kaufen, kann nicht dringend genug den Proletarierinnen zugerufen werden:„Unterstützt die Forderungen der arbeitenden Frauen in den Handelsgeschäften! Kauft nicht Sonntags und nicht nach acht Uhr abends ein! Keine Arbeiterfrau, keine Arbeiterin denke, dieses eine Mal schade der Abend- und Sonntagseinkauf nichts, oder auf sie komme es nicht an. Die einzelnen bilden die Masse, und die vielen einen Fälle den Alltagsgebrauch. Unterstützt uns, ihr Proletarierinnen, auf euch alle kommt es besonders an. Zeigt, daß ihr euch als Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen solidarisch 'ühlt mit all den Ausgebeuteten, die um Verkürzung der Arbeitszeit kämpfen."_ i.t). Frauen in öffentlichen Ämtern. Z» neuen kommunale» Rechten sollen die Frauen in Schweden zugelassen werden. Der Reichstag des Landes beschloß, die für Stockholm geltenden kommunalen Verordnungen abzuändern, so daß Frauen wie Männer, welche das Gemeindewahlrecht besitzen und das LS. Lebensjahr erreicht haben, die Mitglieder der Oberschulbehörden wühlen können; ferner soll den Frauen fortab das Recht zustehen, zu Mitgliedern der Verwaltung der neu gegründeten Arbeitsvermittlungsanstalt gewählt zu werden. Zur Verwaltungsbehörde für die Armenpflege sind die Frauen schon seit längerer Zeit wählbar. 60 Ein Traum im Wachen. Eine Phantasie. Die Gleichheit Blicke dorthin..., der Feuersbrunst zu, über das SchickNr. 10 Aber wer ist sie denn? sal dieser unruhigen Leute nachdenkend. Die Häuser„ Die Freiheit!" schallt es Antwort aus der Brust haben sich an ihre Bewohner gewöhnt; sie kennen alle vieler Tausende. Mit uns, Soldaten! Wir kämpfen Aus dem russischen ,, Sozialdemokrat" Nr. 5 übersetzt von T. B. Phasen ihres schweren, freudlosen Lebens. Ihre drückende gegen den Tyrannen, wir wollen unserem gequälten, geDen Gefallenen der Januartage gewidmet. Arbeit, ihr Elend und ihre Entbehrungen, ohne einen marterten Lande den Frieden bringen. Die Freiheit Wie von einem Schlage getroffen, wachte ich auf.. Freudenstrahl. Von Zeit zu Zeit eine scharfe Krisis: führt euch zu eurem verlassenen Acker zurück!" Ich fuhr zusammen und öffnete weit die Augen.... Arbeitslosigkeit, Streit. Die sich stets anhäufende dumpfe Mit uns also, rächen wir unsere in Port Arthur Um mich herum herrscht die frühere Grabesstille. Ich Unzufriedenheit, die immer öfter sich erneuernden Aus- gefallenen Brüder! horche gespannt, aber kein Laut dringt aus der Außen- brüche des Hasses gegen den allgemeinen Druck. Ein Port Arthur! Wie ein Funke zündet dieses Wort in welt an mein Ohr. Nur mein Herz pocht so eigentüm- tausendfacher Fluch steigt zu den weit entfernten Fabrik den Herzen aller Soldaten. Wieviel Haß, welch einen lich unruhig.... St!... Wieder ertönt der gleiche Laut, schloten empor, auf deren Mauern jetzt der Schein der Rachedurft hatten sie aus den weiten Gefilden der der erst jetzt begriff ich es mich vorhin aufgeweckt unheilvollen, schrecklichen Feuersbrunst zitternd fällt.... Mandschurei gegen die brutale, sinnlose Macht zurückhatte. Ein starker, unheilkündender Kanonenschuß. Aber heute ist es anders. Heute ist in jedermanns gebracht, die sie dorthin geschickt. Wieviel Leiden und Eine Überschwemmung! Wie ein Blitz kam mir dieser Munde nur das eine Wort, welches man früher nur in Rummer, welche ungeheure Erniedrigung des SelbstGedanke. Aber, sonderbar! die Newa ist doch jetzt ge- den dumpfigen, verschlossenen, armseligen Stübchen aus- bewußtseins, wieviel bittere, unversiegbare Tränen sind froren! Schnell! Ich muß wissen, was vorgefallen ist. zusprechen und zu hören wagte. Heute rufen alle laut mit dem Namen verbunden. Und jetzt zwingt sie die Aber warum rege ich mich denn so auf? Warum schlägt und freudig das gewaltige Wort hinaus„ Revo- nämliche sinnlose, brutale, blutgierige, grausame Gewalt mein Herz so unruhig, warum zittern meine Hände? lution!" - das Selbstherrschertum- zu neuem Morde. Jm eigenen Da, wieder ein Schuß.... Noch einer! Und schon wieder Ich bleibe einen Augenblick vor den grauen Ungeheuern Heimatlande sollen sie wieder Menschen töten, die ste einer.... Mit welch eigentümlicher Unruhe diese Laute stehen. Ich will von ihnen noch einmal dieses Wort Brüder nennen! Was tun? Wo ist die Wahrheit? die Luft erfüllen, gleichsam als riefen sie, drängten sie hören; ich will sie fragen, ob es auch wahr sei. Die Soldaten blicken zu ihrem Offizier auf; er scheint zur Eile.... Schnell, schnell!" ,, Dies ist doch nicht Ihre grauen Mauern mit den düsteren Fenstern ant- wie geistesabwesend, als sei er weit, weit von hier. We die erste überschwemmung, die du erlebst", dachte ich vor ist die Wahrheit? Diese Frage martert auch sein Gehirn. mich hin, ärgerlich über die eigene Unruhe und Haft. Wo das Recht? Noch ein Augenblick, und ich bin fertig. Ich gehe auf die Straße. Was ist denn das? Durch das Fenster dringt aus der Ferne ein rötlicher Schimmer in mein Zimmer. Ist denn schon Tag? Wie lange habe ich geschlafen? Was ist gestern geschehen? Unklare, verwirrte Erinnerungen an den gestrigen Tag tauchen in mir auf.... worten mir feierlich stumm:-" Ja!" " " Ich sehe mich um. Alles leer. Nirgends auch nur eine lebende Seele. Ich bin allein. Aber ich werde auch Auf Seite derjenigen, die ihn hierher schickten, den Volks allein den Weg dorthin finden, wo der Herd der roten aufstand im Blute zu ertränken, und die Stützen des Feuersbrunst ist! Der heimatliche Piter* ist mir gut despotischen Joches sind? Oder ist das Recht bei diesen bekannt, wenn es nur nicht zu spät wird! Schwer atmend Leuten da, die sich stolz und kühn dem Feind entgegenwerfen, eile ich durch die schmalen, dunklen Straßen; die Ent- die mit mutiger Bruft sich dem Drucke der rohen, harten fernung faum bemerkend, laufe ich an den düsteren Gewalt entgegenstemmen? Mich und meine Soldaten Fabriken mit den hoch emporragenden Schornsteinen jagten die Knechtschaft, die Willkür hierher... und jene Ich war gestern sehr spät nach Hause gekommen. In vorbei. Und nun bin ich auch nicht mehr allein. dort, sie führt die Freiheit und die Wahrheit, so steht es den Ohren flangen mir noch einzelne abgerissene Säße Einzelne Gestalten holen mich bald ein, bald überholen flammend auf dem roten Banner...." Genossen, ich der gehörten Reden. Es war viel und heiß über die sie mich. Wir sprechen nicht, wir wechseln nur stumme gehe mit euch!" ruft der Offizier und drückt uns die Hand. schweren Leiden des fernen Heimatlandes gesprochen Blicke miteinander. Auch du eilst dorthin?" fragt Es lebe die Freiheit! braust es gewaltig zur Antwort. worden. Während der Reden und Erzählungen war mich der Blick des einen. Ich antworte stumm:" Ja!", Wir haben gewonnen! Soldaten- Bürger stehen statt der vor meinem Geiste das Bild der rauhen, falten Stadt und wir eilen weiter, immer weiter. Jetzt sind unserer Soldaten- Automaten vor uns, wir haben gewonnen! aufgetaucht, mit den grauen Mauern ihrer Häuser, mit schon viele, die da laufen.„ Halt, Genossin," ruft mich Es lebe die Freiheit! den fahlen, fast gleichgültigen Gesichtern ihrer Bewohner. jemand an, du hast keine Waffe; hier, nimm dies da!" Jetzt schnell dorthin, wo das Blut unserer Brüder Wieviel heitere Jugenderinnerungen, wieviel Bitternis Und er reicht mir einen alten schweren Revolver. Du fließt... Unserer sind viele! und Haß waren mit dieser Stadt verknüpft. Diese Er- wirst ihn gar bald gebrauchen müssen, uns fommen Es lebe die Freiheit! innerungen bemächtigten sich meiner, und ich durchlebte Infanterie und Kosaken entgegen." im Geiste nochmals meine Studienjahre, empfand noch mals mein erstes, heftiges, brennendes Verlangen nach Kampf; die ersten Ausbrüche des unendlichen Hasses ,, nein, beruhige dich, mit Bajonetten und Kugeln gegen den herzlosen, mächtigen und ungeheuren Feind.... kommen sie jetzt!" In diesem Augenblick fühlte ich eine leidenschaftliche Die Menge schwillt immer mehr an, wie der Fluß Sehnsucht, die ferne Heimat bald wieder zu sehen, in bei einer überschwemmung. Aus den Seitenstraßen ihrem heiß brodelnden Leben unterzugehen. Dort auf strömen immer neue Scharen fühner, tapferer und beihren weiten Ebenen leuchtete die Feuersbrunst des un- waffneter Menschen. Mein Nachbar ist in der Menge A.: Nein, nein, mehr Mönche als Soldaten." sinnigen Krieges. Das Volk stöhnte unter dem Drucke verschwunden, aber um mich herum tauchen immer mehr B.:„ Erschrecken? Warum nicht ebensowohl erschrecken, der schamlosen Gewalt, und aus seinem Stöhnen flang bekannte Gesichter auf. Gestern noch waren sie alle dort, daß es weit mehr Soldaten gibt als Mönche. In dem bereits das dumpfe Grollen des aufziehenden Gewitters.... weit im fremden Lande, und heute marschieren sie alle und jenem Lande von Europa magst du recht haben. Schon fing das Volksmeer an aufzubrausen, schon be- zusammen mit dem gewaltigen lebendigen Strome der Aber in Europa überhaupt? Wenn der Landmann seine reitete es sich zum Anprall vor gegen die festen Stützen Mutigen zum Angriff auf den Feind. Wir bewegen Saaten von Schnecken und Mäusen vernichtet sieht: des despotischen Joches.... Immer mächtiger wurde uns schnell vorwärts.... Horch!... Jezt nähert sich Was ist ihm da das Schreckliche? Daß der Schnecken mein Verlangen, von hier zu fliehen nach der heimat- aus der Ferne der Schall der Tritte von mehreren hundert mehr sind als der Mäuse? Oder daß es der Schnecken lichen rauhen, falten Stadt, um Brust gegen Brust mit Füßen. Die Infanterie!" rufen viele aus unserer Mitte oder der Mäuse so viele gibt?" dem verhaßten Feinde zu ringen.... wie aus einem Munde.„ Wir sind umzingelt, wir haben feine Zeit, uns zu verschanzen." „ Mit Nagajtas?" frage ich verächtlich. Mein Nachbar lächelt. " Die Tritte kommen näher, immer näher. Gespräch über Mönche und Soldaten. Von Gotthold Ephraim Lessing. A.: Muß man nicht erschrecken, wenn man bedenkt, daß wir mehr Mönche haben als Soldaten?" B.: Du willst sagen, daß es mehr Soldaten als Mönche gibt." 1 f f e ม 9 f 6 5 A.:„ Das verstehe ich nicht." B.: Weil du nicht verstehen willst. Was sind denn Soldaten?" t D e A.: Soldaten sind Beschützer des Staates." " B.: Und Mönche sind Schüßer der Kirche." A.:„ Mit eurer Kirche!" B.: Mit eurem Staate!" A.:„ Verheißt!" B.:„ Gimpel!" Vor Gericht. Von Wolfgang Goethe. Aber um mich herum herrschte Friede und Stille. Die mir fremden ruhigen Leute schliefen friedlich in ihren gemütlich- bescheidenen Wohnungen, zufrieden mit ihrem„ Ans Gewehr!" fällt das Kommando, und jeder von langweiligen und eintönigen Dasein; voll Furcht sahen uns spannt sorgsam zielend den Hahn. Der Feind ist schon sie auf die ihnen fremdartigen, unruhigen Elemente, als ganz nah. Aus der Windung der Straße ergießt sich in welche wir, die aus der eigenen Heimat Verbannten, geschlossenen Reihen die graue Masse der Soldaten. Ihre ihnen in ihrem ruhigen Dasein erschienen. harten Blicke sind auf uns gerichtet und in ihren Augen A.: Träumst du! Der Staat! Der Staat! Das Wie haßte ich in diesem Augenblick diese ruhigen, zu- ist die stumme Frage zu lesen:„ Wer seid ihr? Wo Glück, welches der Staat jedem einzelnen Gliede in friedenen Leute! Wie gern hätte ich in ihr selbstzufriedenes wollt ihr hin?" Aber die strenge Disziplin erlaubt diesem Leben gewährt!" Leben Empörung getragen, wie gern hätte ich es zer- ihnen nicht, diese Fragen in Worte zu kleiden.„ Halt!" B.:„ Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen ftören mögen! Ich wollte laut schreien, um ihren füßen ertönt das Kommando ihres Offiziers, eines jungen nach diesem Leben verheißt!" Schlaf zu stören. Doch alles blieb still. Nur der Schall Mannes mit reinen Zügen, welche die schmutzige Hand meiner Schritte unterbrach die Stille der schlafenden der Ausschweifung noch nicht berührt, welche der StumpfStraßen. Und in der Ferne glizerten, vom Monde be- finn des rohen Kasernenlebens noch nicht verwüstet hat. leuchtet, die stillen, friedlichen, mit ewigem Schnee bedeckten Zielt!" kommandiert er mit junger, noch unsicherer der Tod, Berge. Stimme. Auch wir zielen.... Da ist er durchblitt es die Gedanken. Bald wird es aus sein.. Soldaten Bürger!" ertönt plötzlich eine helle Mädchenstimme. Zwischen uns und den Soldaten, einen Schritt nur von den unheilvollen Flintenläufen entfernt, taucht die schlanke Gestalt eines Mädchens auf. Horch! schon wieder ruft die Ranone.... Sie hört gar In phantastischer Unordnung fallen ihr die Haare auf nicht auf zu brüllen. Und es sind nicht mehr einzelne die Schultern, in der Hand trägt sie an starkem Schaft Schüsse, die fallen, eine regelrechte Kanonade ertönt. die schwere, blutrote Fahne. Soldaten, und du, Offizier, Ja, was soll denn das bedeuten? Belagerung? Sturm? haltet ein!" sagt sie befehlend." Wir sind eure Brüder, . Ist es möglich?... Ich fürchte zu glauben, ich laßt uns gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind fürchte auszusprechen, was in meinem Bewußtsein wie marschieren!" .. Das war gestern gewesen. Heute aber bin ich in Petersburg, in der heimatlichen gewohnten Umgebung. Alles scheint unverändert. Und doch ist der Raum, die Luft mit etwas Unfaßbarem, Neuem, Mächtigem und Schönem erfüllt.... " ein Blitz aufleuchtet das ist die Revolution!-- Wer ist sie? Wer ist denn das? Von wem ich es habe, das sag' ich euch nicht, Das Kind in meinem Leib. Pfui! speit ihr aus: die Hure da! Bin doch ein ehrlich Weib. Mit wem ich mich traute, das sag' ich euch nicht. Mein Schatz ist lieb und gut, Trägt er eine goldene Kett' am Hals, Trägt er einen strohernen Hut. Soll Spott und Hohn getragen sein, Trag' ich allein den Hohn. Ich kenn' ihn wohl, er kennt mich wohl, Und Gott weiß auch davon. Herr Pfarrer und Herr Amtmann, ihr, Ich bitte, laßt mich in Ruh! Auf der Straße verwandelte sich der rötliche Schimmer Die Soldaten schauen in das begeisterte Gesicht der in eine blutrote Feuersbrunst. Ihr Schein spielt un- Bannerträgerin. Ihre Gewehre senken sich, die feurigen, ruhig auf den grauen Mauern der Häuser, die bis unter fühnen Worte des Mädchens bemächtigen sich ihrer Seelen die Dächer mit Armut, mit Fabrikarbeitern vollgepfropft und geben Antwort auf die Frage, die sie schmerzhaft find. Jetzt stehen diese Häuser leer, ihre Bewohner haben quält, seitdem man sie gegen den inneren Feind schickte. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Zundel), Wilhelmshöhe sie verlassen, alle sind sie jetzt dort.. Und auch die Häuser mit ihren dunklen blinkenden Fenstern richten ihre düsteren * Petersburg. Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind, Ihr gebt mir ja nichts dazu. Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart. g i 10 ut D r U 1 6 g 0 n 11 f S 680 δ