Nr. 11 Die Gleichheit ere Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 31. Mai 1905 15. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit“ sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. geflohen ist, zeigt ja am deutlichsten die Vorlage zum Zustände jeder Beschreibung. Professor Koch rief Das Attentat gegen das Wahlrecht in Hamburg. Von Luise Zietz.- aus, er habe bei der Untersuchung der Hamburger Wahlrechtsraub. Die weibliche Gewerbeaufsicht im Deutschen Reich. V. Von Emanuel Verhältnisse vergessen, daß er in Europa sei. Es Wurm. Der Zehnstundentag. Von a. br. Der Sozialdemo- wurden Stimmen laut, die nachdrücklichst forderten, daß schon würde uns zum flammendsten Protest gegen das Unsere prinzipielle Stellung zur Wahlrechtsfrage allein kratische Frauenverband der Vereinigten Staaten.- Aus dem Leben einer Revolutionärin. Von W. B.- Aus der Bewegung: Von der angesichts solcher standalöser Zustände, die nicht nur eine freche Attentat aufpeitschen, würde uns anstacheln, laut Agitation. Bericht der Vertrauensperson der Genoffinnen des Gefahr für Hamburg, sondern für ganz Deutschland und nachdrücklich den Ruf zu erheben: Her mit dem fünften sächsischen Reichstagswahlkreises. Von Magd. Petermann. bildeten, Hamburg unter die Verwaltung des Reiches allgemeinen gleichen, geheimen und direkten Jahresbericht der Vertrauensperson der Genosfinnen im Kreise Effen. Von Frau Deuper.- Politische Rundschau. Von G. L. gestellt werde. Der verstorbene Bürgermeister, Senator Wahlrecht für alle Staatsbürger beider GeDr. Hachmann, erklärte damals, es täte bitter not, daß schlechter vom 21. Lebensjahre an. Doch davon in die Stickluft der Bürgerschaft ein paar Sozial- abgesehen, sind es natürlich auch, wie wir gesehen haben, demokraten hineinkämen, die für einen frischen Luft- praktische Erwägungen, die uns verpflichten, alle zug Sorge trügen. Mittel anzuwenden, um den Wahlrechtsraub abzuUnter dem Drucke dieser Situation wurde 1896 die schlagen. Wahlrechtsreform geboren, die wahrlich schwächlich genug Nicht die Angst vor der überflutung der Bürgerschaft war. Sie blieb den Arbeitern um so mehr schuldig, als durch die„ Roten" ist es, die zu diesem Attentat anreizte. Das Attentat gegen das Wahlrecht die zensierten Bürger feineswegs alle Bürgerschafts- Die Plutokratie und das Spießertum Hamburgs wiffen Gewerkschaftliche Rundschau. Notizenteil: Soziale Gesetzgebung.- Frauenstimmrecht.- Vereinsrecht der Frauen. Frauenbewegung. Quittung. Feuilleton: An die Empfindsamen. Von Friedrich Theodor Vischer. ( Gedicht.) Käthes Federhut. Von Ada Christen. Glaubensbekenntnis. Von Friedrich Theodor Vischer.( Gedicht.) in Hamburg. " mitglieder wählen, sondern nur 80 von 160. 40 der ganz genau, daß bei dem jezigen Wahlrecht der Zensusübrigen Vertreter werden von den Notabeln( höheren und Privilegienwahlen eine solche überflutung unmöglich Bon Luise Zieg. Verwaltungsbeamten, Geistlichen, Richtern usw.) und die ist. Wohl aber war die Furcht maßgebend, daß bei Am 8. Mai fand in Hamburg die offizielle Schiller- anderen 40 von den Grundbesitzern und Hauseigentümern einer stärkeren Vertretung der Sozialdemokratie in der feier statt, an der auch die Senatoren teilnahmen. Am gewählt. Um das Maß der Mängel voll zu machen, Bürgerschaft eine Verfassungsänderung( zu der eine darauffolgenden Sonntag erschien die Wahlrechtsvorlage wählen Notable und Grundeigentümer nochmals bei den Zweibrittelmajorität erforderlich ist), die im Zeichen des Senats, die das winzige Staatsbürgerrecht der ar- allgemeinen Wahlen mit. Sie haben also nicht nur die des Krebses stehen würde, unmöglich wäre; ferner beitenden Bevölkerung Hammonias vollends meucheln Hälfte der Mandate zur Bürgerschaft unumstritten, son- die Furcht, die liebgewonnenen Sessel und die soll. Auch eine Schillerfeier! Wahrlich, schlimmer konnte dern besitzen außerdem ein doppeltes, oft( wenn sie Ehre einzubüßen, Bürgerschaftsmitglied zu sein. Vor man in der„ Republik" Hamburg den großen Freiheits- Notable und Hauseigentümer zusammen sind) ein drei- allem aber zittert man bei dem Gedanken, die Sozialdichter nicht perfiflieren, als mit dieser Wahlrechtsraub- faches Wahlrecht. demokratie könne hinter die Kulissen schauen, fönne vorlage. Freiheit, die ich meine, denkt jedenfalls der Trotz des reaktionären Charakters der Wahlrechts- in die Verwaltungsdeputationen eindringen, wo das GeHamburger Patrizier und Spießer und hat dabei die reform gelang es 1900, einen Sozialdemokraten in die schäft gemacht und der Rebbach verteilt wird, und sie werde Freiheit der schrankenlosesten Ausbeutung und Bürgerschaft zu entsenden, dem im Jahre 1904, bei den dann den Herren das Geschäft verderben durch energische Beherrschung der breiten Massen der Bevölke- roten Bürgerschaftswahlen", zwölf weitere Vertreter des Verteidigung des Grundsatzes, der Staat müsse die Arrung im Sinne, denn diese Freiheit ist es, die man Proletariats sich zugesellten. Darob war das Geschrei beiten möglichst in eigene Regie übernehmen. Ein gewichdurch den beabsichtigten Wahlrechtsraub noch fester zu des Bürgertums groß. Die Angst vor der auf- tiges Wort spricht auch noch die Angst mit, die Sozialfundieren gedenkt. strebenden Sozialdemokratie ließ die Spießer nicht demokratie könne bei stärkerer Vertretung in den BürgerZu dem frechen und brutalen Wahlrechtsraubversuch schlafen. In geheimen Konventikeln, andenen Ver- ausschuß eindringen und dessen Maßnahmen mit der fügt man noch die Verhöhnung der zu Entrechtenden. trauensleute des Senats teilnahmen, ist die Fackel der Kritik beleuchten. Der Bürgerausschuß ist aber Die Vorlage sagt in ihrer Begründung mit verblüffender Wahlrechtsraubvorlage ausgebrütet worden. Heute für den Hamburger Senat eine gar bequeme GeldOffenheit oder unerhörter Frechheit, je nachdem man Dieselbe will natürlich die Privilegiertenwahlen der bewilligungsmaschine in Fällen, wo die Bürgerschaft sich es bezeichnen will, daß der Wahlrechtsraub sich gegen Notabeln und Grundeigentümer bestehen lassen, nur einmal bockbeinig stellt. Es sind kleinliche, von krassester die Sozialdemokratie richtet. Das Überfluten der Bürger- soll dabei die Proportionalwahl eingeführt werden. Interessenpolitik und reaktionärem Geiste diktierte Gründe, schaft durch die„ rote Rotte" solle verhindert werden. Höhnend heißt es, daß dadurch auch hier die Sozial- welche den Hamburger Wahlrechtsraub veranlaßten. Also ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemo- demokraten sich Size erobern könnten. Dagegen wird Die Erbitterung, die Empörung der Hamburger Arfratie wollte man schaffen. Gleichzeitig aber heißt es, die Grundlage des Wahlrechtes zu den allgemeinen beiterschaft ob der brutalen Vergewaltigung und frechen die Sozialdemokratie solle nicht von der Mitarbeit und Wahlen umgestaltet. Die hierfür in Betracht kommenden Verhöhnung ist eine ungeheure. 24 der größten Säle dem Mitbeschließen innerhalb der Bürgerschaft ausge- Wähler sollen in drei Klassen eingeteilt werden. Hamburgs faßten am Sonntag bei weitem nicht die schlossen werden, o nein, es gelte vielmehr nur, eine Ver- Wähler erster Klasse sind diejenigen, welche 6000 Mark Massen der Protestierenden, die sich feierlich verpflichteten, tretung der einzelnen Interessengruppen herbeizuführen, und darüber versteuern; ihnen sollen 24 von den 72 Man- mit allen Mitteln die Durchführung des Planes verdie deren Stärke und Bedeutung für das Gemeinwesen daten fürs Stadtgebiet( 8 Mandate entfallen aufs Land- hindern zu wollen. Der Wahlrechtsraub sollte ursprüngentspräche! Das wagt man in dem Augenblick zu be- gebiet) gehören. Die zweite Klasse umschließt die Wähler, lich schon am 24. vor sich gehen, doch wurde in letzter haupten, in dem man sich anschickt, die Vertretung der die 3000 bis 6000 Mart versteuern, fie erhalten ebenfalls Stunde die Entscheidung bis zum 29. verschoben. So oder großen Masse der Bevölkerung zur vollständigen Einfluß- 24 Mandate. 24 Mandate fallen endlich den Wählern so: die Vorlage soll im Automobiltempo durchgepeitscht losigkeit zu verdammen. dritter Klasse zu, das sind alle, die von 1200 bis 3000 werden, aus Furcht, daß bei gründlicher Beratung der Gegenwärtig schon kann zur Bürgerschaft nicht etwa Mart verſteuern. Auch für diese drei Klassen ist die Widerstand der Massen organisiert werden könnte. Diese jeder steuerzahlende Staatsangehörige Hamburgs wählen, Verhältniswahl geplant, und die Beamten sollen das so stehen dem Gedanken des politischen Streits symsondern nur jeder Hamburger Bürger" vom 25. Lebens- lange vorenthaltene passive Wahlrecht erhalten. Beide pathisch gegenüber, das brachte die Diskussion in den jahr ab. Bürger kann werden, wer fünf Jahre lang Bestimmungen sind nicht etwa vom Gerechtigkeitsgefühl Protestversammlungen zum Ausdruck. Die Verhältnisse ununterbrochen 1200 Mark versteuert, vorausgesetzt oben- diftiert, sondern von der Hoffnung, mittels ihrer in der drängen dazu, das neue Aktionsmittel ernstlich in Erdrein, daß er zum männlichen Geschlecht gehört. dritten Klasse der Sozialdemokratie Mandate abzujagen. wägung zu ziehen. Ginge es nach uns, wühlte in allen Die Bestimmung bezüglich der Erwerbung des Bürger- An sich freiheitliche Einrichtungen werden in Verbindung Herzen tiefste Erbitterung, flammte in jedem Hirn gewaltigste rechtes Erwerbung durch Abzahlung nennt es der mit der Klasseneinteilung zu reaktionären Machenschaften Empörung, so zögen am Entscheidungstage die Massen Volkswit-besteht erst seit 1896. Vorher konnte das degradiert. ruhig und ernst, aber ihrer Aufgabe voll bewußt, Bürgerrecht nur erlangt werden durch Erlegung einer Sollte der Wahlrechtsraub gelingen, was würde seine vor das Rathaus, den Ruf erhebend: Nieder mit Stempelsteuer von 30 Mart. Die Wahlrechtsreform von Folge sein? Bestenfalls könnte die Sozialdemokratie die dem Wahlrechtsraub! Her mit dem allgemeinen 1896 erfolgte unter dem Drucke der öffentlichen Meinung, 24 Mandate der dritten Klasse erobern, wenn nicht Wahlrecht! Da würden sie im Widerstand mit gedie beeinflußt ward von der entsetzlichen Choleraepidemie die Verhältniswahl bestände. So werden es kaum 20 kreuzten Armen verharren, bis uns unser Recht des Jahres 1892 und den dadurch grell beleuchteten sein. Die erste und zweite Klasse sind der Vertretung gesichert wäre. grauenhaften Zuständen in Hamburg. der Arbeiterklasse gänzlich versperrt. Damit ist diese Doch mag das reaktionäre Attentat, das charakteristisch " Seit 16 Jahren waren der Hamburger Bürgerschaft dauernd zur vollsten Einflußlosigkeit verdammt. für die Frivolität ist, mit welcher die Besitzenden geltenvon Fachmännern ausgearbeitete Pläne unterbreitet Selbst die Wirksamkeit der Kritik ihrer Vertreter würde des Recht zertrümmern, ausfallen, wie es wolle, der worden, wie die Bevölkerung mit gesundem Trink- bedeutend herabgemindert. Erklärlich genug. Hinter dem Sozialdemokratie wird es nur nußen. Schlagen wasser versorgt werden könne. Die Bürgerschaft hatte Bollwerk der Klasseneinteilung fühlen sich die Besitzenden wir es ab, so wächst das Selbstvertrauen der Massen kein Ohr für diese Vorschläge, wie für die Forderung und Herrschenden sicher. Sie können der schärfsten Kritik gewaltig und unsere Werbekraft wird erhöht, unser Eineines Wohnungsgesetzes gehabt. Die Cholera mußte erst spotten, ihr Siz gerät nicht ins Wanken; bei Neuwahlen fluß gestärkt. Siegt die Reaktion, so wird die ErbitteTausende von Opfern fordern, bevor das Notwendigste brauchen sie ihn gegen den Ansturm der sozialdemokrati- rung im Proletariat eine so ungeheure sein, daß wir nur geschah. Professor Bettenkofer und Professor Robert schen Arbeiterschaft absolut nicht zu verteidigen, denn nötig haben, die Gelegenheit zur Aufklärung, zur AusRoch fällten damals geradezu vernichtende Urteile über diese hat nicht mitzureden. Bleibt der Druck der öffent nutzung des uns gelieferten Agitationsstoffes beim Schopfe die Hamburger Mißwirtschaft. Der erstere erklärte, be- lichen Meinung. Aber was kümmern sich diese Krämer zu fassen, um Hunderte, Tausende in unsere Reihen zu züglich des Trinkwassers, der Wohnungen, der Ernährung seelen darum, deren einziges Ideal die Sicherung ihres führen. Die Erbitterung der Entrechteten wird die der Arbeiterschaft usw. spotteten die angetroffenen Profits ist. Daß bei ihnen die Scham zu den Hunden Wahlrechtsräuber nicht zum ruhigen Genießen ihres 62 Die Gleichheit Nr. 11 Triumphes kommen lassen. Mehr als je werden sie vor den sich sammelnden, zum Kampfe formierenden Massen erzittern. Die Sozialdemokratte war, ist und wird sein. Sie spottet der Bollwerke, welche die Reaktion errichtet, um sie von den Parlamenten auszuschließen. In unermüdlicher Werbearbeit wird sie die Entrechteten und Enterbten sammeln, bis ihre Macht soweit erstarkt ist, aller Reaktion und Ausbeutung ein Ende machen zu können. Wir Frauen wollen bei dieser Arbeit freudig und begeistert mit Hand anlegen, wie wir freudig und begeistert alle Kämpfe der Sozialdemokratie teilen. Die weibliche Gewerbeaufsicht im Deutschen Reichs Von Emanuel Wurm. V. Hamburg. Den Schluß in der Zusammenstellung der Reichsberichte bildet Hamburg, wo seit dem 1. April 1903 eine wissenschaftlich vorgebildete Assistentin, Fräulein Elben, amtiert. Ihre Tätigkeit erstreckt sich namentlich auf die Konfektions- und Nahrungsmittelindustrie. Nach dem Bericht für 1903 hatten „die Arbeiterinnen bisher nur in ganz geringem Maße Gelegenheit genommen, ihre Wünsche der Assistenrin auszusprechen oder um deren Fürsorge nachzusuchen". Die Assistentin ist aber auf dem richtigen Wege, sich das Vertrauen der Arbeiterinnen zu erwerben, indem sie in Arbeiterinnenversammlungen Vorträge hielt. In der„Gleichheit" vom 27. Januar v.J. ist über einen dieser Vorträge berichtet und ausdrücklich betont, die Hamburger Gewerbeaufsicht habe dadurch nur gewonnen, daß ihre Beamtin in einer Gewerkschaft eine sozialpolitisch fortschrittliche, arbeiterfreundliche Auffassung vertrat. Erklärte sie doch eine neunstündige Arbeitszeit anstatt der jetzt gesetzlich normierten von elf Stunden für Arbeiterinnen in Hamburg als ganz den Verhältnissen angemessen und fordette die Arbeiterinnen auf, sich gewerkschaftlich zu organisieren und aus Konkurrentinnen zu Mitarbeiterinnen ihrer Berufsgenossen in dem Streben nach einer Verbesserung ihrer Lebenslage und höherer Kultur zu werden. Gewerberat Giesecke meint in seinem Bericht etwas griesgrämig:„Wenn auch diese Vorträge von der Zuhörerschaft und von der Arbeiterpresse freundlich aufgenommen würden, so haben dieselben doch nicht dazu gefühtt, daß die Arbeite- rinnen in nähere persönliche Beziehungen zu der Assistentin getreten sind." Erstens geht das bei dem Mißtrauen, das durch die Polizeischikanen bei den Arbeitern gegen Staatsbeamte überhaupt herrscht, nicht so rasch. Und zweitens ist es auch gar nicht nötig, daß die Arbeiterinnen persönlich sich mit der Assistentin in Verbindung setzen; vielmehr ist dazu das Gewerkschaftskartell, respektive das Arbeitersekretariat oder die weibliche Vettrauensperson da. Wir zweifeln nicht, daß Fräulein Elben sehr bald den richtigen Weg finden wird, um zum Schutze der Arbeiterinnen tätig sein zu können. Die eingehende Schilderung der für das Jahr 1903 erstatteten Berichte der weiblichen Gewerbeaufsicht erschien uns notwendig, um einen orientierenden Überblick über deren bisherigen Erfolge— und Mißerfolge zu geben. Aus den Berichten geht deutlich hervor, daß die von unserer Partei aufgestellte Forderung: Der Arbeiterschutz den Arbeitern! sich durch die Tatsachen selber als vollauf berechtigt erwiesen hat. Gewiß ist es ein Fortschritt, wenn auch eine weibliche Gewerbeaufsicht geschaffen wird. Aber die tüchtigste Beamtin — ebenso wie der tüchtigste Beamte— kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie sich an die Arbeiterorganisationen wendet. Da es immer noch viele Gewerbeaufsichtsbeamte im Deutschen Reiche gibt, welche jede Gewerkschaft als überflüssig und schädlich bettachten und es ablehnen, als monarchische Beamte in offiziellen Verkehr mit den„Umstürzlern" zu treten, muß die Gewerbeaufsicht zunächst beweisen, daß sie diesem Polizeigeist entwachsen ist. So lange ist es ja noch gar nicht her— ja in einigen Gegenden geschieht es noch heute—, daß Gewerbeaufsichtsbeamte es direkt ablehnen, von„fremden Leuten", als welche die Gewerkschaftsvertreter bezeichnet werden, Beschwerden anzunehmen. Dank der unablässigen Arbeit der Gewerkschaften und den scharfen Kämpfen, die unsere Fraktion im Reichstag hierfür ausfocht, haben sich die Arbeiterorganisationen immer mehr Anerkennung errungen. Aber noch sind die meisten Bundesstaaten von der Haltung, wie sie Bayern und Württemberg gegen die Gewerkschaften einnehmen, weit entfernt. Es gilt also weiter zu kämpfen, um auch für die Gewerbeaufsicht ersprießliche Zustände zu schaffen. Nur durch Mitarbeit der Arbeiter und Arbeiterinnen kann diese zur Schutzwehr gegen Willkür und Terrorismus des Unternehmertums werden. Gewiß— der kapitalistische Staat wird den Kapitalisten nicht die Augen aushacken. Aber soweit er durch die politischen Verhältnisse gezwungen wurde, Arbeiterschutzgesetze entstehen zu lassen, soweit kann er auch dahin zu bringen sein, daß er für strikte Durchführung dieser Gesetze sorgt. Vorläufig lehnt er es noch ab, daß die Arbeiter direkt an der Gewerbeaufsicht beteiligt werden und ihre eigenen * Siehe Nr. 2, 4, ö und 8 der„Gleichheit". Vertteter wählen. Deshalb haben die Arbeiter dafür zu sorgen, daß sie inzwischen wenigstens von den Gewerbeaufsichtsbeamten zur Aufklärung herangezogen werden müssen! Wie notwendig dies besonders für den Schutz der Arbeiterinnen ist, haben die hier besprochenen Berichte ein sichtsvoller Beamten und Beamtinnen gezeigt. Auch in England, wo seit 1893 Jnspektorinnen angestellt sind, treten diese mit den Gewerkschaften in nutzbringende Verbindung. Aber auch dort fordern die Trades Unions, daß Arbeiterinnen dieses Amt bekleiden. In einer Studie von Helene Simon: Die Fabrik- und Sanitätsinspektorinnen in England(Schmollers„Jahrbuch für Gesetzgebung usw. XXI. Jahrgang, 3. Heft) gibt sie die Ansicht erfahrener Trade Unionisten wieder, die dahin geht, daß die ehemalige Arbeiterin ihre frühere Genossin naturgemäß am besten ver steht, am meisten Verttauen bei dieser findet und auch am schärfsten hinter die Kulissen sieht.„Welche Fähigkeit, wie viel Kraft und Eifer auch die bürgerliche Frau dem Beruf zubringen mag, es fehlt die intime Kenntnis der Arbeiterinnen im Guten und Bösen; sie weiß weder von ihren Schlichen, noch von ihren scheuen Tugenden, noch von den tausend Hintertüren, durch die sich Gesetzesüberttetungen hinein- und herausschleichen, je nachdem die Inspektion naht oder den Rücken dreht." Deshalb befürwortet Helene Simon mit Rücksicht auf möglichst vollständige und vollkommene Leistungen der Gewerbeaufsicht, abgesehen von der Anstellung von Assistentinnen aus der Arbeiterklasse, daß Jnspektorinnen aus proletarischen und solche aus bürgerlichen Kreisen als gleichberechtigte, koordinierte Beamtinnen neben- und miteinander wirken. Klara Zetkin, die die Simonsche Studie in der„Neuen Zeit"(XVI. Jahrgang, 1. Band, Seite 434) besprach, ergänzt diese Forderung dahin, daß aus den bürgerlichen Kreisen besonders Arztinnen zur weiblichen Fabrikinspektion herangezogen werden sollen. In Deutschland haben wir noch manchen Kampf mit den Scharfmachern und der Reaktion auszufechten, bis wir zur Verivirklichung dieser Forderung gelangen, so selbstverständlich sie auch eigentlich ist. Zunächst müssen wir hier dafür sorgen, daß die Zahl der vom Staate eingesetzten Assistentinnen vermehrt und nicht, wie man in manchen Bundesstaaten möchte, vermindert wird. Ferner ist für eine rege Tätigkeit der von den Gewerkschaften gewählten Vertrauenspersonen zu sorgen. Ihre Zahl ist ohnehin noch viel zu gering, sie bettägt nur 26. In folgenden Orten waren Ende 1903 solche Vettrauenspersonen vorhanden: in Altenburg, Apolda, Berlin, Burg bei Magdeburg, Cannstatt, Frankfurt a. M., Gießen, Göppingen, Görlitz, Hanau, Heilbronn, Köln, Ludwigsburg, Magdeburg, Offenbach, Reichenbach i. S., Reutlingen, Schönebeck a. E., Schwerin, Stralsund, Striegau, Ulm, Werdau, Wismar, Zeitz, Zuffenhausen. Sache der Arbeiterinnen ist es, dafür zu sorgen, daß überall, wo sich Gewerkschaften befinden, auch weibliche Ver- ttauenspersonen gewählt werden, welche der Gewerbeaufsicht die Beschwerden der Arbeiterinnen übermitteln. Ohne diese Vertrauenspersonen wird die weibliche Gewerbeaufsicht den Arbeiterinnen nicht die erforderliche Hilfe bringen, sondern ein Trugbfld bleiben. Der Zehnstundentag. Die deutsche Sozialpolitik zögert ebensosehr, wie die deutsche Agrarpolitik hastet. Dieser Gegensatz kennzeichnet scharf die deutsche Wirtschaftspolitik, die alle Liebe, allen Eifer den Junkern und anderen Großgrundbesttzem zuwendet, während die Machthaber aus den Erwägungen, Nachprüfungen, Bedenken und sonstigen Mitteln, Zeit zu gewinnen und die Entscheidung hinauszuschieben, nicht hinauskommen, wenn es gilt, auf den mit Prellsteinen übersäten Weg des sozialpolitischen Fortschritts ein Schrittchen vorwärts zu machen. Besonders dann ist man bedächtig, wenn es sich um Forderungen handelt, die sich mit einer neuen Nummer der Gesetzessammlung nicht erledigen lassen. Beim Kinderschutzgesetz sehen wir, und die Berichte der Fabrikinspektoren beweisen es, daß es unausgeführt bleibt. Ganz anders wäre es bei einem seit langem in Aussicht gestellten Gesetz, das die Höchstdauer der Beschäftigung der Arbeiterinnen vermindern würde. Da würden die Gewerkschaften schon dafür sorgen, daß den Gesetzesbestimmungen der Respekt der Unternehmer nicht fehle. Als vor einem halben Menschenalter für die Arbeitszeit der erwachsenen Fabrikarbeiterinnen die Grenze von elf Stunden festgelegt wurde, war in der deutschen Fabrikindustrie, von der Textilindustrie abgesehen, die Arbeitszeit noch in mehr als der Hälfte der Betriebe unter elf Stunden gesunken. Nun, wo man Enquete auf Enquete über die Arbeitszeit der verheirateten und dann aller Fabrikarbeiterinnen folgen läßt, ist die Arbeitszeit in vielen deutschen Fabriken, von einem Teile der Textilbetriebe abgesehen, aus zehn und weniger Stunden gesunken, so daß der endlich bewilligte, vorerst aber nur verheißene Zehnstundentag für die Frauen, der Mehrzahl der Fabrikarbeiterinnen, keine Verkürzung der Arbeitszeit bringen würde. Dies beweisen auch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, die eben unter dem Titel„Die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen" vom Reichsamt des Innern herausgegeben wurden(Berlin 1905. R. v. Deckers Verlag. Preis 13.S0 Mk.ü). Es hatten von S13S60 Fabrikarbeiterinnen, für die am 1. Oktober 1902 die regelmäßige tägliche Arbeitszeit festgestellt wurde, 9 Stunden und weniger gearbeitet... 86191 9—10-........... 347814 Somit höchstens 10 Stunden...... 434005 Dagegen über 10-...... 379555 Unter je 1000 Fabrikarbeiterinnen arbeiteten höchstens 9 Stunden......... 106 9-10-......... 427 10—11.......... 467 Unter je 1000 Fabrikarbeiterinnen arbeiteten höchstens 10 Stunden: In Preußen........... 622 (- Groß-Berlin......... 890) - Bayern........... 466 - Sachsen........... 417 (Im Aufsichtsbezirk Zwickau..... 138) In Württemberg......... 538 - Hessen........... 707 - Lübeck........... 900 - Bremen........... 933 - Hamburg.......... 249 Wählen wir eine Bettachtung nach Gewerbegruppen, so finden wir, daß die Textilindusttie die längste Arbeitszeit hat und, da sie die größte Zahl von Arbeiterinnen(348533) beschäfttgt, an der hohen Prozentzahl der mehr als zehn Stunden tätigen Fabrikarbeiterinnen die Schuld trägt. Das wird man sofort erkennen, wenn wir die Verufsgruppen nach der Stärke der beschäftigten Fabrikarbeiterinnen gruppieren: Berufsgruppe Zahl der Beschäftigten gStund. und weniger Unter je Ivvo Fabrtlarbctiertnnen arbeiten über g— U> über 10—11 Stunden Textilindustrie......... 348538 20 272 708 Nahrungs- u. Genußmittel. 119744 130 535 335 Bekleidung u. Reinigung.. 93635 192 541 267 Industrie der Steine u. Erden 49917 105 530 365 Metallverarbeitung...... 44349 20 567 313 Papierindustrie........ 44160 187 538 275 Polygraphische Gewerbe.. 25231 518 447 35 Maschinen, Werkzeuge, Instrumente, Apparate.... 23715 176 670 154 Holz- u. Schnitzstoffe..... 18697 151 517 332 Chemische Industrie..... 14380 112 648 240 Lederindustrie......... 9805 102 679 219 Fette, Ole, Firnisse usw... 5749 60 600 320 Sehen wir von der Textilindustrie ab, so beschäftigen bloß fünf Jndusttiegruppen rund ein Drittel der Fabrikarbeiterinnen länger als zehn Stunden, in allen anderen Jndusttiegruppen ist nur für kleinere Bruchteile der Arbeiterinnenzahl eine über zehn Stunden ausgedehnte Beschäfttgungszeit festgestellt worden. Selbst in der Textilindustrie würde fast für ein Drittel der Fabrikarbeiterinnen die Einführung des Zehn- stundentags nur die gesetzliche Bescheinigung der schon bisher geltenden Dauer ihrer Arbeitszeit bedeuten. Wie verschieden die Verhältnisse in der Textilindustrie sind, bei dessen Unternehmertum der Hauptwiderstand gegen die Einführung des gesetzlichen Zehnstundentags für die Fabrikarbeiterinnen zu suchen ist, geht aus der nachstehenden Zusammenstellung hervor. Es arbeiteten unter je 1000 Textilarbeilerinnen über 10 bis 11 Stunden: In Anhalt........... 1000 - Sachsen-Meiningen....... 982 - Oldenburg.......... 979 - Mecklenburg-Strelitz...... 958 - Baden.......... 910 - Elsaß-Lothringen........ 895 - Bayern........... 855 - Sachsen(Königreich)...... 750 - Hessen-Darmstadt....... 743 - Württemberg......... 630 - Preußen........... 603 Für die Textilarbeiterinnen würde die Verkürzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden einen Fottschritt bedeuten. Wir fürchten aber, daß durch Übergangs- und Ausnahmebestimmungen die Interessen der Textilindustriellen mehr gewahrt und geschützt werden als die Interessen der Arbeiterinnen. Wenn man die Enquete des Reichsamtes des Innern kritisch durchnimmt, gewinnt man den Eindruck, daß die überwiegende Masse der Unternehmer in allen Industrien, mit Ausnahme der Textilindusttie, in der Einführung des Zehnstundentags für die Fabrikarbeiterinnen keine Schädigung ihrer Interessen erblicken kann. Die Regierung ist somit bei der Verschleppung dieser seit langem nöttgen Maßnahmen noch mehr von Unternehmerinstinkt erfüllt, wie das Unternehmertum selbst. In der Untersuchung sind die Gründe für die Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur weit gewichtiger als die, welche die Erhallung des bestehenden Zustandes befürworten, sie nehmen auch bedeutend mehr Raum ein Wir finden eine ganze Anzahl alter Bekannter darunter, viele Gründe, die unsere Agitation und unsere Presse immer wieder vorgeführt haben. Doch wir wollen uns bei der natürlich nicht offen ausgesprochenen Anerkennung unserer Auffassung nicht aufhalten, weil uns an ihr herzlich wenig liegt. Wir lassen vielmehr einen Überblick über den gutachtlichen Teil der Untersuchung folgen, soweit das weitschichtige Material dies im engen Rahmen eines Zeitungsartikels zuläßt. Von denjenigen Aufsichtsbeamten, welche sich für die gesetzliche Einführung des zehnstündigen Maximalarbeitstages aussprechen, wird meist mit Nachdruck hervorgehoben, daß die Herabsetzung der elfstündigen Beschäfttgungsdauern aus sittlichen und gesundheitlichen Rücksichten dringend geboten ist. So sagt der Aufsichtsbeamte zu Breslau:„Der in der Herabsetzung der Arbeitszeit liegende Forffchritt ist so bedeutend und für die Kultur, Gesundheit und Sittlichkeit der ganzen Arbeiterbevölkerung auf die Dauer von so heilsamem Einfluß, daß dessen Einführung entschieden befürwortet ' � �_'_—_ �'«f Nr.ll Die Gleichheit 63 werden kann." Der Kölner Bericht bezeichnet die Verkürzung der Arbeitszeit aus den gleichen Gründen als eine Notwendigkeit. Der Aufsichtsbeamte für den Bezirk Hannover beruft sich daraus, daß er schon im Jahre 1399 als Gründe ! für die Herabsetzung angeführt hat: a. Die eigenartige körperliche Konstitution der Frau; d. ihr Mutterberuf; e. die ! Erhaltung des Hausstandes; ä. die Ernährung und Erziehung der Kinder. Der Erfurter Aufsichtsbeamte meint, daß eine elfstündige Beschäftigung im Fabrikbetriebe besonders den schwächlichen weiblichen Organismus stark angreift. Die oft stundenlangen Wege werden auch gegen die lange Arbeiszeit ins Feld geführt, über das Gedeihen der Kinder, über die � Hebung des Familienlebens, über das Bedürfnis nach Fortbildung bei kurzer Arbeitszeit findet sich manch treffliches Wort in den Gutachten. Den Einwand der Unternehmer, daß die unverheirateten Arbeiterinnen ihre Freizeit in sittlich bedenklicher Weise verwenden könnten, weisen mehrere Berichte zurück. Nur wenige Aufsichtsbeamte verneinen das Bedürfnis nach Verkürzung der Arbeitszeit aus sittlichen und gesundheitlichen Gründen. Ein sehr umfangreiches Kapitel ist der Frage gewidmet, ob die Verkürzung der Arbeitszeit im Hinblick auf die wirt- � schaftlichen Interessen der Unternehmer und der Arbeiter- I schaft durchführbar ist. Viele Inspektoren halten auch in ! dieser Hinsicht die Verkürzung der Arbeitszeit für unbedenklich, die meisten Bedenken werden für die Textilindustrie ins Feld geführt, unseres Erachtens nach den Erfahrungen in ! der Schweiz und in Osterreich mit Unrecht. Eine Verminderung der Arbeitsleistung ist nach dem Urteile vieler Aufsichtsbeamten nicht zu erwarten. Andere meinen, )>aß der befürchtete Ausfall der Produktion durch geeignete � Maßnahmen der Unternehmer wohl wett gemacht werden j könnte. Ferner wird bemerkt, daß auch der Unternehmer bei Verkürzung der Arbeitszeit Ersparnisse der Unkosten für Beleuchtung. Heizung und Unterhaltung der Betriebskraft wachen kann. Die Wirkung des kürzeren Arbeitstages auf die Löhne wird in den Berichten auch erörtert. Diejenigen Aufsichtsbeamten, welche sich für die Einführung des zehnstündigen Arbeitstags aussprechen, vertreten die Ansicht, daß eine dauernde allgemeine Minderung des Lohneinkommens nicht zu befürchten sei. Dann heißt es, wo der.Lohn schon i jetzt so niedrig ist, daß er der Arbeiterschaft gerade den > Lebensunterhalt ermögliche, verbiete sich eine Kürzung des täglichen Lohnbetrages von selbst. Auch für die Textilindustrie wird bewiesen, daß die kürzere Arbeitszeit zu höheren Leistungen führen kann. Schon heute wird am i Sonnabend nur zehn Stunden gearbeitet und doch in vielen Fabriken mehr erzeugt als an einem der anderen Wochentage mit elfstündiger Arbeitszeit. Die Befürchtung, daß die Verkürzung der Arbeitszeit in ! erheblichem Umfange zu Entlassungen von Arbeiterinnen Wren könne, wird nur in sehr wenigen Gutachten geäußert. Leider beschäftigen sich nur wenige Gewerbeaufsichtsbeamten ! wit der wichtigen Frage, ob eine gesetzliche Beschränkung der täglichen Arbeitszeit eine erhebliche Vermehrung der ! Hausarbeit zur Folge haben würde. Einige Gutachten er- - klären diese Befürchtung für unbegründet, in anderen wird ! dagegen betont, daß von weiteren Beschränkungen der Fabrik- arbeil eine verstärkte Heranziehung der Arbeiterinnen zur Hausarbeit allerdings zu erwarten sein werde. Mit Recht wird deswegen verlangt, daß gleichzeitig mit der Verkürzung i der Beschäftigung von Arbeiterinnen in Fabriken eine Rege- ! lung der Arbeitsverhältnisse in der Heimarbeit und das l Berbot der Übertragung von Hausarbeit an Fabrikarbeiterinnen in Kraft treten müsse. Den entschiedensten Widerspruch gegen die Verkürzung > der Arbeitszeit trafen die Aufsichtsbeamten bei den Textil- ! industriellen an, bei den Handelskammern und bei den Unternehmerverbänden, die jeder Sozialpolitik aus Prinzip abhold sind. Die organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen erklärten > sich übereinstimmend für die Verkürzung der Arbeitszeit. Wo von nicht organisierten Arbeiterinnen Bedenken gegen die > Verkürzung der Arbeitszeit erhoben wurden, geschah es aus Furcht, daß der Lohn noch weiter gekürzt werden könnte. Aber selbst diese Äußerungen waren nur selten festzustellen. i In einem besonderen Abschnitte werden die Gutachten Uber die auch in Erwägung gezogene Verlängerung der i Mittagspause auf 1'j- Stunden zusammengestellt; wir werden j diesen Teil der Enquete in einem besonderen Artikel behandeln. Alles spricht für eine Verkürzung der Arbeitszeit, aber damit ist sie noch lange nicht zum Gesetz geworden. Hierzu i ist der Druck von unten um so dringender erforderlich, als ! die Regierung nur zu leicht dem Drucke der Unternehmer ! Nachgibt, keinen Schritt weiter auf der Bahn der Sozialpolitik vorwärts zu schreiten. Mögen darum die Arbeiterinnen laut und kräftig bei jeder Gelegenheit ihre Stimme erheben für die Verkürzung der Arbeitszeit. a. br. Der Sozialdemokratische Frauenverband der Vereinigten Staaten/ In den Vereinigten Staaten exissiert schon seit beträcht- acher Zeit eine organisierte Frauenbewegung. Im Verlauf . � Die nachstehenden Ausfuhrungen waren als Bericht für den � wternalionalen Sosialistenkongreß zu Amsterdam bestimmt. Cue wurden von der Delegierten unserer amerikanischen Genossinnen, . v. Anna Jugerman, freundlichst zur Veröffentlichung in der„Gleich- zur Verfügung gestellt. der letzten Jahre ist ihr Wachstum besonders in Erscheinung getreten, ihr Einfluß beginnt sich sogar in hohen politischen Regionen fühlbar zu machen. Diese Bewegung wird jedoch fast ausschließlich von den Frauen der besitzenden Klassen getragen, ihr Hauptziel ist die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes, die Erlangung des Frauenwahlrechtes. Sie beachtet nicht das weiterspannende Gebiet der sozialen Frage, all der Probleme, die aus der Tatsache erwachsen, daß ein stetig anschwellendes Heer von Frauen aus dem Heime in die Werkstätten und Fabriken getrieben wird. Unter diesen Umständen sind natürlich die Frauen der Arbeiterklasse abseits von der frauenrechtlerischen Bewegung der bürgerlichen Damen geblieben. Aber lange Zeit haben sie ebensowenig daran gedacht, in eine eigene Bewegung einzutreten. Ihre Gleichgültigkeit und Untätigkeit waren so groß, als ob die vom Fortschritt der Menschheit gezeitigten Zeit- und Streitfragen, als ob die erbitterten, allgemeinen Kämpfe zwischen den verschiedenen Klaffen der Gesellschaft in nichts ihre Interessen berührten. Allerdings muß billigerweise ein Teil des diesbezüglichen Tadels ihre Arbeitskameraden, ihre männlichen Verwandten treffen, Glieder der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bewegung davon nicht ausgenommen. Manche von ihnen hatten in betreff der Gleichberechtigung der Frau noch rückständige Ansichten, und das trotz ihres politischen Glaubensbekennd nisses, trotz des Programms, das für alle wirtschaftliche und politische Gleichberechtigung ohne Unterschied der Religion, der Rasse und des Geschlechtes fordert. Sie unterließen es nicht nur, die Organisierung ihrer Berufsgenossinnen, Klassengenossinnen zu unterstützen und zu fördern, sondern sie bekundeten oft eine mehr als nur gleichgültige Haltung gegenüber den Genossinnen, welche vereinzelt für die Emanzipation der Frau eintraten. Jedoch der nämliche Prozeß der kapitalistischen Entwicklung, welcher die Grundlage der modernen Arbeiterbewegung schuf, mußte die gleiche Wirkung auf die Frauen wie die Männer des Proletariats ausüben, mußte die Lohnarbeite rinnen zum Bewußtsein ihrer Lage erwecken, sowie zur Er kenntnis der Pflichten, die ihnen daraus erwachsen. Indem der Kapitalismus die Proletarierin zwang, auf dem Arbeitsmarkt in Konkurrenz mit ihren Klassengenossen zu treten, zerstörte er unerbittlich das bescheidene Glück, das unter den früheren Verhältnissen im Arbeiterheim geherrscht haben mochte, er trieb mit Notwendigkeit auch die Lohnsklavin dazu, sich gewerkschaftlich zu organisieren und an der sozia listischen Bewegung zu beteiligen. In den Vereinigten Staaten entstanden plötzlich hier und da sozialistische Fraucnvereine und Arbeiterinnenorgani sationen, welche die sozialistische Bewegung der betreffenden Orte in wertvoller Weise unterstützten. Allein diese Gruppen verschwanden so rasch, als sie entstanden. Erst 1897 wurde eine sozialistische Frauenorganisation von größerer Bedeutung gegründet. In diesem Jahre gelang es den energischen Bemühungen einiger erfahrenen Genossinnen, den ersten Zweigverein des Sozialdemokratischen Frauenverbandes der Vereinigten Staaten in der Stadt Neuyork ins Leben zu rufen. Der Gründung folgte die Konstituierung anderer Zweigvereine sowohl in der Stadt Neuyork, wie in vielen anderen Städten der Union. Was seine allgemeine Aktion anbelangt, so bildet der sozialdemokratische Fraucnverband eine Art Bundestruppe der sozialistischen Partei Amerikas, denn er unterstützt dieselbe, wo und wann immer Hilfe seinerseits notwendig und von Nutzen scheint. Da er jedoch als seine besondere Aufgabe betrachtet, die Lohnarbeiterinnen zu organisieren und zum Verständnis der sozialistischen Ideen zu erziehen, so ist er vollkommen autonom, selbständig in der Führung seiner Geschäfte. Er läßt sich angelegen sein, Vereine zu organisieren, Massenmeetings zu veranstalten, agitatorische Kräfte in die Städte der Vereinigten Staaten zu entsenden, Flugblätter und Broschüren in verschiedenen Sprachen zu veröffentlichen usw. Der Sozialdemokratische Frauenverband umsaßt gegenwärtig 25 gut organisierte Zweigvereine mit mehr als 700 Mitgliedern. Ein Zentralkomitee von Delegierten der Zweigvereine tritt einmal in jedem Monat zusammen. Seine Aufgabe ist es, die Einheit und Geschlossenheit der Aktion des Verbandes ausrecht zu erhalten. Auf der vorjährigen Jahreskonferenz gelangten Anträge zur Verhandlung und Annahme, welche sich aus die Kinderarbeit, die Fabrikinspektion, Arbeiterinnenstatistiken usw. bezogen. Angesichts der Tatsache, daß die Frauen das Wahlrecht nicht besitzen, scheint eine Agitation unter ihnen ausschließlich über politische Fragen nicht angängig. Die Propaganda muß vielmehr einen allgemein aufklärenden und erzieherischen Charakter tragen. In den verschiedenen Bildungsvereinen, welche dank der Initiative des Sozialdemokratischen Frauenverbandes organisiert worden sind, haben die Arbeiterinnen Gelegenheit, in systematischer Weise in die Geschichte, National- ökononlie, Philosophie und andere Wissenschaften eingeführt zu werden, welche eine klare und tiefe Auffassung der sozialistischen Ideenwelt ermöglichen. Ein Rückblick auf die Fortschritte, welche die Organisation in der kurzen Periode ihres Bestehens aufweisen kann, berechtigt zu der Überzeugung, daß trotz der großen Schwierigkeiten, welche es zu überwinden galt, der erste, dauerhaste Ansang zu einer sozialistischen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten gemacht ist. Welche Hindernisse auch die Zukunft noch bringen mag: die Genossinnen sind fest entschlossen, den gewählten Weg mit aller Zähigkeit und Energie weiter zu verfolgen und Seite an Seite mit der sozialistischen Partei Amerikas zu arbeiten und zu kämpfen, bis der Sieg errungen ist. Aus dem Leben einer Revolutionärin. In dem Ortchen Wangen am Bodensee stand vor nunmehr 34 Jahren ein heißes Herz still, das Herz einer merkwürdigen und interessanten Frau, deren Namen einst weithin bekannt war. Aber wie wenige kennen Louise Aston heute noch? Und doch hat sie einstmals einen mächtigen Einfluß ausgeübt auf die geistige Entwicklung der deutschen Frauenwelt. Ihre Kühnheit schien damals den meisten unerhört, und ehrbare Spießbürgerfrauen mögen sich bekreuzigt haben, wenn der Name Aston genannt wurde. Heute urteilt man anders über das schöne, kühne und geniale Weib, das in den vierziger Jahren deS vorigen Jahrhunderts d i e G l e i ch- stellung der Geschlechter mit einem solchen Nachdruck zu fordern wagte, daß die Geister allerwärts darob in Bewegung gerieten. Louise Aston stammte aus dem Dorf Groningen bei Halberstadt; sie wurde dort 1815 als Tochter des Pfarrers Hoche geboren. Ihre Eltern waren arm, und als der in Magdeburg lebende Engländer Aston, ein Großindustrieller, der vermögenslosen Pfarrerstochter einen Heiratsantrag machte, waren die Eltern außer sich vor Freude, die schöne und geistig hervorragende Tochter so wohl versorgt zu sehen- Louise willigte nur mit Widerstreben ein. Ihr Buch:„Aus dem Leben einer Frau" enthält die Geschichte dieser Ehe, die bei ihr eine völlige Umwandlung der Wellanschauung hervorbrachte. Louise hatte ein Herz für die Arbeiter, und mit Beschämung sah sie, wie ihr Gatte, ein Parvenü schlimmster Art, Unsummen für Üppigkeit und Genüsse jeder Art verschleuderte, während die Arbeiter mit elenden Löhnen abgefunden wurden. Sie konnte es nicht ertragen, angesichts des Proletarierelendes das Leben ihres Mannes mitzumachen; sie rührte ihre kostbaren Toiletten und ihr Geschmeide nicht mehr an, und es kam schließlich zur Scheidung von dem ungeliebten Gatten; der im Alltagsschlamm wandelnde Parvenü und die hochfliegende Jdealistin konnten nicht beisammen bleiben. Louise verwarf damals auch die Wohltätigkeit, weil diese, wie sie sagte, die Menschenrechte der Armen beeinträchtige und diese selbst erniedrige. Sie war von selbst zu einer sozialistischen Auffassung— freilich nicht im heutigen Sinne— gekommen, und nachdem sie von den Fesseln einer ihr verhaßten Ehe befreit war, entfaltete sich ihr Geist immer mächtiger. Die Liebe griff in ihr Leben ein, und ihr ganzes Wesen veränderte sich dadurch. Indem sie betonte, daß sich auf den Unterschied der Geschlechter keinerlei Vorrechte gründen dürften, stellte sie jene beiden Sätze auf, die so viel Aufsehen erregten, nämlich, daß Prostitution das Wegwerfen der Persönlichkeit inner- und außerhalb der Ehe sei, und daß die Persönlichkeit nur um den Preis der Liebe hinzugeben ein Ziel des Weibes sein müsse. Wenn schon dieser Satz einen Sturm unter dem Philistertum erregte, so noch mehr der andere, daß eine Frau, die sich einein jeden Manne hingebe, auch nicht schlechter sei, als ein Mann, dem jede Frau recht sei. Louise Aston wagte es, die Freiheit der Liebe zu verkünden, und zwar bereits in ihren 1346 erschienenen Gedichten„Wilde Rosen", in denen sie von sich sagt: „Freiem Lieben, freiem Leben, Hab' ich immer mich ergeben. Freiem Leben, freiem Lieben Bin ich immer treu geblieben." Man mag darüber denken wie man will: in der Kühnheit dieser Frau lag aber ein Gegenstoß gegen den Druck der vormärzlichen Zeit. Bald war die Polizei hinter Louise Aston her, und sie wurde aus Hamburg und Berlin ausgewiesen. Ihr Leben ward zu einer Kette von politischen und Liebesabenteuern. In Berlin kam sie in die bekannte Gesellschaft der„Freien", in der Max Stirner, Ludwig Buhl, Bruno und Edgar Bauer und andere verkehrten. Diese Gesellschaft mit ihrem Anarchismus ist oft und zur Genüge kritisiert worden. Louise Aston ging mit ihren Freunden abends in Männerkleidung aus, um nicht belästigt zu werden, wie George Sand dies in Paris tat. Eine Menge ergötzlicher Anekdoten wurden von ihr erzählt. Unter anderem sagte man ihr nach, sie habe die Leidenschaft eines bekannten preußischen Märzministers erweckt, und dieser habe in der Zärtlichkeit zu ihr gesagt:„Nenne mich du, mein Engel!" Als sie sich dann von ihm verabschiedete, habe er gemeint:„So, nun können Sie mich wieder Sie nennen!"— Im Jahre 1843 wollte sich Louise Aston auch werktätig an der großen Volksbewegung beteiligen. Sie ging als freiwillige Krankenpflegerin mit den Berliner Freiwilligen nach Schleswig-Holstein. Sie zeigte viel Mut und Selbstverleugnung und ging so tapfer ins Feuer, daß sie von einer dänischen Kugel an der Hand verwundet wurde. Louise Aston war keine Feindin der Ehe, wie ihre Feinde ihr nachsagten. Sie kam nach der Niederlage der Volksbewegung nach Bremen, wo sich die Demokratie bekanntlich länger hielt als im übrigen Deutschland. Dort verheiratete sie sich mit dem Arzte Meier und verließ mit ihm Deutschland. Sie lebten in Rußland und in Osterreich, und Louise widmete sich ganz ihrem Gatten, der ihr sehr teuer war. Sie trat nicht mehr öffentlich auf, und 1871 kam ie krank nach Deutschland zurück, um vergebens am Bodensee Heilung zu suchen. Die Schriften dieser interessanten Frau sind nicht zahlreich; sie hat Erinnerungen aus dem Feldzug in Schleswig- Holstein, Betrachtungen über Revolution und Konterrevolution und einige Romane herausgegeben, in denen ihre Ideen vertreten und auch Selbstbekenntnisse enthalten sind. 64 In der Leipziger Illustrierten Zeitung" von 1848 findet fich ihr Porträt: ein schöngeschnittenes Gesicht mit großen Augen. Von Gestalt war sie groß und stattlich und über haupt nicht übermäßig zart gebaut. Sie hat viele Männer bezaubert, und in ihrem Salon zu Berlin war stets eine ganz auserlesene literarische, künstlerische und politische Gesellschaft versammelt, obschon Louise von der Polizei als Revolutionärin verfolgt wurde. W. B. Aus der Bewegung. Die Gleichheit " Nr. 11 1 1 C S 1 8 In der Geschichte der deutschen Frauenwelt, die bekanntlich| Aufforderung zum Abonnement auf die Gleichheit" ver-| Rampf ihrer Brüder zu erfüllen. Erfolgreich hat sie den noch nicht zweck- und zeitgemäß geschrieben ist, verdient hallte nicht ungehört, die Zahl der Leserinnen ist im steten schwarzen und blauen Demagogen ihren Einfluß auf die Louise Aston ihren Platz. Wachsen begriffen; es steigt die Zahl der Frauen, die Ver- Frauenwelt streitig gemacht, so daß die bürgerliche Presse, ständnis und Sympathie für die sozialistischen Jdeen ge- vor allem die Zentrumspresse, ihrer Tätigkeit bald besondere winnen. Mit Befriedigung können wir auf unsere junge Aufmerksamkeit zuwendete. Auch noch andere Genofsinnen Frauenbewegung zurückblicken, welche von Genoffin Bieb im haben während des großen Kampfes ihre ganze Kraft in letzten Jahre in Fluß gebracht worden ist. pflichttreuester Weise für die Sache der Kohlengräber ein Hermine Kaiser. gefeßt. Die Genossinnen entsendeten zur Bremer Frauen Sehr zahlreich besucht war die Volksversammlung, die am konferenz Genossin Plum, das Mandat zum Partei 8. Mai in Kalt- Humboldtkolonie bei Köln tagte. Ge- tag übertrugen sie Genossin 3ieß. Die Zahl der Abonnenten nofsin Gradnauer- Berlin sprach über:„ Die Frau im der„ Gleichheit" ist von 160 auf 550 gestiegen. Die Gin politischen Kampfe der Gegenwart". Die Rednerin zeichnete nahmen der Vertrauenspersonen betrugen 940,50 Mart, die mit Sachkenntnis und Wärme ein Bild von der Stellung Ausgaben 811,28 Mart, so daß das neue Tätigkeitsjahr am der Frau in der heutigen Gesellschaft und begründete über- 1. März mit einem Rassenbestand von 129,22 Mart begann zeugend, daß die Proletarierin im Lager der Sozialdemo- Bemerkt sei, daß sich unter den Ausgaben 35 Mark für den Von der Agitation. Öffentliche Versammlungen, in fratie für ihre Befreiung fämpfen müsse. Unter Hinweis allgemeinen Agitationsfonds der deutschen Genossinnen be welchen Genoffin Bieß- Hamburg referierte, fanden kürzlich auf die Bedeutung der russischen Freiheitskämpfe auch für finden, 40 Mark für den Preßfonds und 15 Mark für die f statt in Braunschweig, Erfurt und Halle. In Erfurt die deutsche Arbeiterklasse schloß sie ihren mit reichem Bei- streikenden Bergleute. Auf Sammellisten für den Agitations S gelang es, eine Genoffin für den Posten der weiblichen Verfall aufgenommenen Vortrag. In der Diskussion legte Ge- fonds wurden, abgesehen von der obengenannten Summe trauensperson zu gewinnen, und außerdem fand die Gleich nosse Schulz Frauen und Männern ans Herz, ihre Pflicht 22,70 Mart vereinnahmt und an Genoffin Baader abges heit" zirka 100 Abonnenten. Auch in Halle vermehrte sich als flassenbewußte Proletarier zu tun und forderte zum Lesen führt, ferner 59,55 Mark für eine bedürftige Genossin. die Zahl der Leserinnen unserer Zeitschrift. In Braun- der Rheinischen Zeitung" und der„ Gleichheit" auf. Ge- Allen Genossinnen sei dringend ans Herz gelegt, sich mehr schweig, dem Bundesstaat, der nächst Mecklenburg das nosse Klieserath ermahnte die Anwesenden, die in schwerem noch als bisher an der praktischen Arbeit, der Kleinarbeit reaktionärste Vereinsgesetz besitzt, haben die Genossen ver- Kampfe stehenden Brauereiarbeiter in jeder Beziehung zu zu beteiligen. Der Stamm der tätigen Genossinnen muß t sprochen, alles zu tun, um trotzdem eine Frauenbewegung unterstützen. Nachdem noch eine große Zahl Frauen und vergrößert werden, damit wir immer erfolgreicher unsere ins Leben zu rufen. L. Z. Mädchen dem Arbeiterinnenverein beigetreten waren, schloß Aufgabe lösen können, die Frauen der ausgebeuteten Massen Versammlungen, die vor allem auf die gewerkschaftliche die Vorsitzende die vom besten Geiste beseelte Versammlung für den Sozialismus zu gewinnen. Keine Genossin sollte s Organisierung der Arbeiterinnen und die politische Aufklärung mit der Aufforderung zu steter, treuer Aufklärungs- und sich damit begnügen, Leserin der Gleichheit" zu sein, eine der Frauen abzweckten, hielt Genossin Wackwit- Dresden Organisationsarbeit und mit einem Hoch auf die prole- jede müßte vielmehr mit Hand ans Werk legen, unsere Jdeen in letzter Zeit ab. Im Auftrag des Fabritarbeiterver- tarische Frauenbewegung und die internationale Sozial- in größere Kreise zu tragen. Eine kleine Zahl von Ge bands referierte sie in Hirschberg, Striegau, Schweidnih demokratie. Fr. Bacher. nossinnen, und mögen sie noch so unermüdlich und opfer r und in Breslau, wo in verschiedenen Stadtteilen vier Ver- Bericht der Vertrauensperson der Genoffinnen des freudig sein, reicht dazu nicht aus. Unser Wirkungsfeld t sammlungen stattfanden. In Schweidnik sprach die Refe- fünften sächsischen Reichstagswahlkreises. Um immer groß, und wir müssen vor allem auch in den Außenorten rentin über: ,, Die Arbeiterfrauen im wirtschaftlichen Rampfe", mehr Frauen und Mädchen des werktätigen Voltes zum eine rührige Tätigkeit entfalten. Es ist uns jetzt möglich s überall sonst behandelte sie das Thema:" Was lehrt uns der Verständnis der modernen Arbeiterbewegung erwecken zu sogar in die allerschwärzesten Ecken einzubringen, da unsere Kampf ums Dasein?" Alle Versammlungen waren sehr gut können, war unser Hauptaugenmerk im letzten Jahre darauf Genossen überall festen Fuß gefaßt haben und in richtiger besucht, und der reichlich gespendete Beifall bewies, daß die gerichtet, ein planmäßiges Zusammenwirken der Genossinnen Erkenntnis ihrer eigenen Interessen, der Interessen der ge Anwesenden gewillt sind, organisiert gegen die kapitalistische herbeizuführen. Unsere Bemühungen, bessere, regelmäßige samten Arbeiterklasse unsere Bestrebungen fördern. Nutzen Ausbeutung zu kämpfen. Dieser Kampf tut not. Aus allen Fühlung und Verbindung zwischen den einzelnen herzustellen wir diese Möglichkeit rührig aus, um die Tausende und Orten nahm die Rednerin betreffs der Lage der Arbeiter und und einen festen Stamm tätiger Genossen heranzuschulen, Tausende von Frauen und Mädchen aufzuwecken, die nod Arbeiterinnen tieftraurige Eindrücke mit fort. In Striegau sind nicht fehlgeschlagen. Allerdings ist der Kreis der Frauen, unter dem Einfluß der Arbeiterfeinde stehen. Unsere Auf und Schweidnitz zum Beispiel fronden mit der Mutter die stetig die mühevolle Kleinarbeit zur Aufklärung und gabe ist groß und schwer, darum heran, Genossinnen, zur zusammen die Kinder zartesten Alters als Heimarbeiter, im Organisierung ihrer Schwestern leisten, verhältnismäßig flein. Arbeit. Erkennt eure Pflicht und eure Macht, dann werden ersteren Orte in der Bürstenindustrie, im letzteren in der Aber wenn man die erzielten Fortschritte richtig schätzen wir von Erfolg zu Erfolg schreiten. Nadelindustrie. In Breslau sind besonders die Arbeiter will, so muß man die mancherlei und großen Hindernisse und Arbeiterinnen der chemischen Fabriken übel daran, bedenken, die sich der Beteiligung der Frau am politischen die im Volksmund nicht anders als„ Giftmühlen" genannt Leben entgegenstellen. Besonders hinderlich ist die doppelte werden. Wenn man die mit gelbem, grünem, grauem, Belastung unserer Proletarierinnen mit Arbeit und das weißem usw. Staube bedeckten Gestalten von der Arbeit übermaß der tapitalistischen Ausbeutung, die keine Rücksicht Die Klaffengegensätze verschärfen sich, der Klaffentamp kommen sieht und ihre bleichen, schlaffen Gesichter betrachtet, auf die Interessen der Frau in der Familie und im öffent- nimmt schroffere Formen an. Gibt es noch irgend jemand erhält man schon eine Vorstellung davon, in welch ungesunder lichen Leben kennt. Wenn schon der Mann dem dreimal ge- in unseren Reihen, der diese Tatsachen in Zweifel zieht? Luft die Armsten atmen und hart schaffen müssen. Neben heiligten Kapital untertan sein muß, um wie viel mehr das Traut noch irgend jemand den Versöhnungsschalmeien? Den fanitären Schutzvorschriften wäre für sie der Achtstunden- sozial rechtlosere Weib. Trotzdem beginnt bei den Frauen sollte man nach Hamburg schicken, wo kapitalistisches Ge tag dringend nötig. Für den Tabatarbeiterverband und Mädchen des werktätigen Volkes frisches, gesundes deihen seinen Segen schier ungehemmt über Unternehmer und sprach Genossin Wackwitz zu Potschappel und im Gasthof geistiges Leben zu pulsieren, wenn die Sonne des Sozialis- Arbeiter ausschütten kann, wo die republikanische Staatsform Bannewitz in zwei Versammlungen, welche die Arbeiterinnen mus mit ihrem wärmenden Strahl in das eintönige Grau in der alten Hansastadt junkerliche und monarchische Einflüsse auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereiten sollten. Thema: des Daseins hineinleuchtet. Auch in unserem Tätigkeits auf den Gang der Politik ausschaltet, wo- wenn überhaup die Voraussetzungen für ein Die Proletarierin als Hausfrau und Lohnsklavin". Beide bezirk dringen die sozialistischen Ideale in immer größere irgendwo in Deutschland Versammlungen waren prächtig besucht und die zweite führte Frauenkreise ein. Zwar hat unsere Bewegung 1904 nicht harmonisches Zusammenwirken der Kapitalistentlasse mit dem der Organisation eine gute Zahl Heimarbeiterinnen zu. Die gleichen äußeren Fortschritte zu verzeichnen wie 1903. Proletariat in Wirksamkeit sein müßten. Aber gerade da Warum müssen sich die Holzarbeiter des Erzgebirges organi- Aber das erklärt sich dadurch, daß das letztgenannte Jahr Gegenteil von dem, was Ausgleichungstheoretiker hätten aus fieren?" war das Thema, das Genossin Wackwiz in Leubsdorf im Zeichen der Reichstagswahl stand, und daß wir 1904 flügeln müssen, ist dort Ereignis geworden. In Hamburg behandelte. Die vom Verband der Holzarbeiter einberufene das Schwergewicht unserer Tätigkeit darauf legten, unsere dieser blühenden Welthandelsstadt, ist der Klassentampf au Versammlung war überfüllt zum erstenmal sprach in Bewegung zu festigen und zu vertiefen, die neugewonnenen politischem Gebiet heißer entbrannt als je zuvor. dem Orte eine Frau, obgleich eine fromme Sette eine Mitstreiterinnen in die Theorien des Sozialismus einzuführen. In Hamburg plant die herrschende Bourgeoisie, plant be Betſtunde anberaumt hatte, um die Seelen der ausgebeuteten Die zu diesem Zwecke veranstalteten Besprechungen und Ver- königliche Kaufmann" mit seinen juristischen Handlanger Proletarier nicht in die Hände der+++ Roten fallen zu sammlungen hatten guten Erfolg. Trefflich bewährt hat sich einen Wahlrechtsraub ebenso schnöde und volksverräterisch laffen. Die Hälfte der Versammlungsbesucher waren Frauen, das planmäßige Verteilen der„ Gleichheit" durch eine be- wie ihn die koalierten Mächte der Reaktion in Sachsen vo die mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vortrage folgten, sondere, mit der Aufgabe betraute Kommission. Die be- einigen Jahren zuwege gebracht haben. Der Schrecken vo welcher dem Holzarbeiterverband neue Mitglieder gewann. treffenden Genossinnen leisten ein großes und ein gutes Stück dem Klassenkämpferischen Proletariat ist den hochmögenden Trotz strömenden Regens wohnten in Löbtau 200 Personen Arbeit und beweisen, wie ernst sie auf jedem Posten im Herren vom Senat und der Bürgerschaft in die wohlgenährten der Versammlung bei, welche der Organisierung der Schoko- Dienste der Partei ihre volle Schuldigkeit tun. Sie tragen Glieder gefahren, weil 13 Sozialdemokraten, ganze 13 unte labearbeiter und-Arbeiterinnen galt. In 2öbtau, durch ihre Arbeit recht viel zum Zusammenhalt und zur 160, in die Bürgerschaft, das Staats- und Stadtparlament Dippoldiswalde und Rochlik fanden Versammlungen Schulung der Genoffinnen bei und verdienen alle Anerkennung eingezogen sind. Noch nicht ein Zehntel der Gesamtheit, und statt, die von den sozialdemokratischen Vereinen ver- dafür. Die Vertrauensperson wird bestrebt sein, auch im doch dieser Schrecken! Doch die 13 tönnten einmal au anstaltet worden waren. In Dippoldiswalde und Roch neuen Tätigkeitsjahr ihre verfügbare Zeit der Agitation und Mehrheit werden und damit die Herrschaft erringen in be liz, wo zum erstenmal eine Frau sprach, waren die Säle Organisation des weiblichen Proletariats zu widmen. Wenn alten Hansastadt, heißt es. Könnten sie es wirklich, so wär überfüllt, unter den Anwesenden befanden sich sehr viele sie dabei von den Genossinnen so aufopfernd unterstützt das ihr gutes Recht, denn die überwiegende Mehrheit de Frauen. Genoffin Wackwitz referierte über:„ Die Proletarierin wird wie bisher, so wird der nächste Bericht von weiteren Voltes hängt längst der Sozialdemokratie an, wie di als Hausfrau, Lohnsflavin und Staatsbürgerin". Es wurde Fortschritten melden können. In einigem und treuem Bu Reichstagswahlen beweisen. Aber es ist heute schon ei in beiden Orten der Wunsch geäußert, abwechselnd einen sammenwirken sollen alle unsere Kräfte aufgeboten werden, Wahlgesetz in Kraft in Hamburg, das die Möglichkei Genossen und eine Genossin in den Versammlungen sprechen damit auch die letzte indifferente Proletarierin als überzeugte einer sozialdemokratischen Mehrheit völlig ausschließt, wi zu lassen, damit die Frauen regeren Anteil am politischen Kämpferin für den alles befreienden Sozialismus gewonnen an anderer Stelle zu lesen ist. Jahrzehntelang ware Leben nehmen und als Mitkämpferinnen für die Arbeiter wird. Magd. Petermann, Vertrauensperson. die Arbeiter in der Folge zurückgehalten. Erst neuerding Frau Deuper, Vertrauensperson. Politische Rundschau. bewegung gewonnen würden. Zahlreiche Frauen fronden Jahresbericht der Vertrauensperson der Genoffinnen haben sie planmäßig ihr Recht geltend gemacht. Da in Dippoldiswalde und Rochlitz in den Fabriken. Sind sie im Kreise Effen. Die proletarische Frauenbewegung unseres Ergebnis dieser Bewegung war der Sieg von 13 fozial reif genug für die kapitalistische Ausbeutung, so müssen sie Kreises fann troß ihrer Jugend auf gute Erfolge zurück- demokratischen Kandidaten bei den letzten Wahlen. Die auch zur Reife erzogen werden, um in Reih und Glied gegen blicken. Sie setzte im Januar 1904 mit einer öffentlichen Zahl kann sich bei künftigen Wahlen verdoppeln, verdre diese Ausbeutung anzukämpfen. Diese Erkenntnis bricht sich Versammlung ein, in der die Genosfinnen Zietz und Kähler fachen, vielleicht vervierfachen oder gar verfünffachen. Höh immer mehr Bahn und treibt die proletarische Frauen- sprachen. Die Aufstellung von zwei Vertrauenspersonen er wird ste aber bei Geltung des gegenwärtigen Systems tau bewegung vorwärts. Marie Wackwiß. folgte. Genoffin Plum und die Unterzeichnete wurden steigen können, da ja eine Anzahl der Mandate immer In Hattingen fand kürzlich eine sehr gut besuchte als solche gewählt. Ihre Bemühungen, für die Aufklärung den Händen der wohlhabenderen Bevölkerung bleiben wir Volksversammlung statt, in der Genossin 3ie über und den Zusammenschluß der Frauen des werktätigen Volkes Die entschiedene Mehrheit wäre also auch ohne Änderun das Thema referierte: Wie erringen wir uns bessere zu wirken, sind tatkräftig von einheimischen und auswärtigen des Systems den herrschenden Klassen gesichert. Trotzde Zustände". Mit flaren, verständlichen Worten schilderte Genossinnen unterstützt worden. Besonders verdient hat sich diese Angst vor der Sozialdemokratie und das Angstprodu sie die Lage der werftätigen Massen und forderte unter Genossin 8ietz um die hiesige Frauenbewegung gemacht, einer Wahlrechtsreform", die urplöglich in einer Senat Hinweis auf den großen Bergarbeiterstreit die Anwesen- stets hat sie dem Rufe Folge geleistet, im Kreise zu agitieren. vorlage zutage getreten ist und die Möglichkeit, sozial den zur Organisation auf. Ihre trefflichen Ausführungen Außer ihr haben in den zwanzig Frauenversammlungen, demokratische Abgeordnete in das Stadtparlament zu bringen endeten mit der ergreifenden Mahnung, daß die Frauen, die stattfanden, die Genossinnen Kähler, Grünberg auf ein Mindestmaß reduzieren soll. die unter allen sozialen übeln unserer Zeit so schwer zu und Kiesel referiert. Während des Bergarbeiterstreits Das böse Gewissen einer an Ausbeutungsüberfütterung leiden hätten wie die Männer, sich auch mit diesen zu war Genossin Plum in hervorragender Weise rednerisch dahinsiechenden Herrscherklasse ohne Glauben an sich selbst sammen aufklären und für eine menschenwürdige Zukunft tätig. Sie hat es vorzüglich verstanden, durch ihre Aus- ohne Zukunft, spricht aus diesem schäbigen Plane. Gelb gezollt. Gegner meldeten sich nicht zur Diskussion. Die wecken und sie mit Verständnis und Begeisterung für den nicht abwenden, er würde es nur beschleunigen. Tiefen ปี e g 1 f C C t g e S it B ce te 1. e e Nr. 11 Gewerkschaftliche Rundschau. Die Gleichheit Frauenstimmrecht. 65 Grimm entschlossener Tatbereitschaft würde er in der Brust| Scharfmacher im Schneidergewerbe, eine größere Aussperrung ihr zum Zwecke der Beratung dieser Materie eingesetzte der Hamburger, in der Brust der Genossen ganz Deutsch- in Szene zu setzen, hat es wahrlich nicht gefehlt. Amüsant Kommission sprach sich unter gewissen Vorbedingungen für lands entfachen. Aber die Aufgabe der Hamburger Genossen war die kräftige Abfuhr, welche die Herren sich vom Zentral- das Verbot aus. Die Konferenz hat hinter verschlossenen ist es zunächst, den tückischen Schlag zu parieren. Und sie vorstand des Schneiderverbandes holten, als sie in hoch- Türen getagt. Begreiflich genug. Sie muß die Kritik der sind Manns genug dazu. Sie haben es aber- und abermals mütigem Tone diesem befehlen wollten, er solle seine Mit- werktätigen Massen fürchten. Die Ausbeute ihrer Beratungen in den Kämpfen eines Menschenalters bewiesen. glieder dazu anhalten, die Arbeit nicht zu verlassen. Ein sieht- gemessen an den schreienden Bedürfnissen des ProleSehr zur rechten Zeit, im Augenblick eines entbrannten günstiger Tarifabschluß in Berlin berührt leider nur die tariats und den vorhandenen Möglichkeiten, ihnen gerecht Wahlrechtskampfes kommt eine geschichtliche Enthüllung. Sie Herrenmaßbranche, und somit hatten Arbeiterinnen keinen zu werden wie blutiger Hohn aus. Daß es trotzdem eine ist enthalten in den Memoiren des Herrn v. Hammerstein, Anteil an ihm. Milderung sozialer übel bedeutete, wenn ihre schwächlichen einstmaligen Redakteurs der Kreuz- Zeitung, späteren Zucht- In den deutschen Telephonwerken zu Berlin ver- Anregungen in die Praxis übersetzt würden, kennzeichnet die haussträflings, die von Hans Leuß herausgegeben wurden. langte das Personal die Einsetzung eines Arbeiterausschusses. Erbärmlichkeit der sozialen Gesetzgebung. Vertreten waren Daselbst ist zu lesen, daß besagter Kreuzzeitungsritter in der Die Direktion bestimmte aber, daß der Arbeiterausschuß auf- auf der Konferenz die Regierungen von Deutschland, ÖsterBlütezeit seines politischen Einflusses, im Jahre 1894, eine gelöst werden müsse, wenn er sich zur Erfüllung der ihm reich- Ungarn, Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich, tonservative Notabelnversammlung für die Sus- gestellten Aufgaben als ungenügend erweisen sollte, und daß Großbritannien, Griechenland, Italien, Luxemburg, Holland, pendierung des Reichstagswahlrechts gewinnen wollte, dann Neuwahlen anzuordnen seien. Das ging den 800 Ar- Portugal, Rumänien, Serbien, Schweden und Norwegen. um mit der Zusicherung der konservativen Unterstützung zu beitern und Arbeiterinnen denn doch über den Spaß, und solch einem Staatsstreich den Grafen Caprivi aus dem sie erzwangen durch einmütiges Handeln, daß dieser Passus Reichskanzlersattel zu heben und dem Grafen Botho Eulenburg wegfiel. hineinzuhelfen. Der Eulenburger hat erklärt, er wisse von In den Berliner Beleuchtungsfabriken Auer und Für das Frauenwahlrecht haben 700 bis 800 Frauen diesem Hammersteinschen Plane nichts. Eine Anzahl liberaler Feuer sollten den Arbeiterinnen, deren Löhne zwischen 17% von Christiania am 17. Mai, dem Verfassungstag, demonBlätter haben sich abgemüht, die Geschichte ins Märchenland bis 35 Pf. variieren, Abzüge von 2 Pf. pro Stunde gemacht striert. An ihrem Demonstrationszuge nahmen 13 Vereine zu verweisen. Der damalige konservativ- christlichsoziale Herr werden. Beide Firmen beschäftigen zirka 1200 Arbeiterinnen mit ihren Fahnen teil. Vorausgetragen wurden zwei große v. Gerlach, jetzt sozialliberal, hat jedoch die Leußsche Mit- und 300 Arbeiter. Einmütiges Auftreten des Personals weiße Fahnen mit der Inschrift:„ Allgemeines Stimmrecht teilung vollinhaltlich bestätigt. Am Widerstande der jung- gegen die beabsichtigte Lohnreduzierung wehrte dieselbe ab. auch für die Frauen". Auf dem Versammlungsplate sprachen konservativen Elemente sei der Plan des Mannes mit dem Der Weißenfelser Schuhmacherstreit hat nach lang- Frau Gjöstein und Storthingsabgeordneter Eriksen. Die Bullengenick und der eisernen Stirn gescheitert. Innerliche wöchigem, heldenmütigem Kampfe mit einer Niederlage der Versammlung nahm eine Resolution an, in der die Frauen e Wahrheit trägt die Erzählung jedenfalls, denn wer möchte Arbeiter und Arbeiterinnen geendet. Die Hirsch- Dunkerschen das Wahlrecht in Staat und Kommune in der gleichen Ausleugnen, daß die Junker Feinde des allgemeinen Wahlrechts haben dabei eine wenig rühmliche Rolle gespielt und den dehnung fordern, wie es die Männer besitzen. waren von jeher, und daß immer mehr Mitglieder der ungünstigen Ausgang des Streit wesentlich mit verschuldet. Die volle politische Gleichberechtigung der Frauen Bourgeoisie ihnen in solchen volksfeindlichen Bestrebungen über Einzelheiten hat die Tagespresse ausführlich berichtet, hat der letzte Parteitag der schwedischen Sozialdemokratie nachkommen. Die ganze reaktionäre Sippe lauert nur auf so daß sich ein näheres Eingehen darauf hier erübrigt. gefordert. Er verlangte das allgemeine, gleiche und direkte Gelegenheit zu einem Staatsstreich, und der zitatenfrohe Von den vielen abgehaltenen Generalversammlungen Wahlrecht zu den politischen und kommunalen Wahlen für Graf Bülow hat sie zu tatbereiten Verschwörungen nach der Gewerkschaftsverbände haben nur wenige beson- alle Männer und Frauen, die 21 Jahre alt sind. Hammersteinschem Muster erst neuerdings wieder ermutigt deres Interesse für unsere Leserinnen. Die Mehrzahl der mit den Worten:" Auf moorigem Boden reite ich keine in Betracht kommenden Organisationen hat keine weiblichen Attacken!" Mitglieder, und die wenigen, die solche aufweisen, haben Vereinsrecht der Frauen. Er will den festen Boden einer gefügigen Koalitionsmehrheit nur eine verschwindende Zahl davon, so zum Beispiel der Ein neues Vereins- und Versammlungsunrecht gegen unter den Füßen haben. Also, wo ist heute der Mann mit Transportarbeiterverband. Besondere Beachtung ver- die Frauen ist in Elsaß- Lothringen geschaffen worden. dem Bullengenick und der eisernen Stirn, der dem Staats- dient der Beschluß des Verbandes der Zigarrenfortierer, Seine Bestimmungen, die im allgemeinen den Geist der verretter Bülow die Wege bereitet? Nur frisch ans Werk! Die der für die weiblichen Mitglieder eine Unterstützung bei ſtocktesten Reaktion atmen, sind dem weiblichen Geschlecht Reaktionäre sind bereit, wir aber auch. Auch für uns gilt Verheiratung einführt. Es ist dies der erste deutsche gegenüber besonders rückschrittlich. Mit den Minderjährigen das Wort: Bereit sein ist alles!" G. L. Verband in den englischen Gewerkschaften kennt man und Ausländern zusammen ist den Frauen die Mitglieddiesen Unterstützungszweig seit Jahren, der die Neuerung schaft in Vereinen untersagt, die sich mit öffentlichen, religiösen wagt. Auf dem letzten Verbandstag des Buchbinderverbands oder sozialpolitischen Angelegenheiten beschäftigen, beziehungsim vorigen Jahre wurde bekanntlich beantragt, für die weibweise welche eine Einwirkung auf politische Wahlen bezwecken. Durch den im Druck vorliegenden Rechenschaftsbericht der lichen Mitglieder die angeführte Unterstützung einzuführen, Auch Versammlungen, von denen das gilt, sind den Frauen Generalkommission, der für die Delegierten des Kölner Ge- der Antrag stieß aber auf einigen Widerstand, und schließverschlossen. Bei der Dehnbarkeit der Begriffe„ öffentliche" werkschaftskongresses bestimmt ist, erfahren wir schon etwas lich bevorzugten die Delegierten die Einführung eines anderen und sozialpolitische" Angelegenheiten und bei der wunderüber die Mitgliederzahl und Kassengebarung der deutschen Unterstützungszweigs. sam entwickelten Fähigkeit der Behörden, in jeder rbeliebigen Gewerkschaften im Jahre 1904. Das abgelaufene Jahr mit Weibliche Bahnarbeiter werden nach dem Fachorgan Frage ein öffentliches oder sozialpolitisches Moment aufseiner im allgemeinen guten Geschäftskonjunktur war für der Eisenbahner jetzt auch beim Geleisbau verwendet. zuschnüffeln, wird durch das neue Gesetz die Beteiligung der die Entwicklung der Gewerkschaften nicht ungünstig. Die Als Weichenſtellerinnen und in Vertretung ihrer Männer elsaß- lothringischen Frauen am öffentlichen Leben gewaltig Gesamtzunahme an Mitgliedern betrug denn auch als Bahnwärter fungieren bereits Frauen seit längerer Zeit. unterbunden. Der Ausschluß der Frauen von Vereinen und rund 164000. Davon entfallen rund 8000 auf die weib- Die neueste Reform" im Reiche des Herrn Budde ist gewiß Versammlungen der bezeichneten Art nimmt sich wie blutiger lichen Mitglieder, ein Zuwachs, der relativ ungefähr der Hohn aus angesichts der ausgiebigen Verwendung von Zunahme der männlichen Mitglieder entspricht. Das an Frauenarbeit in der Textilindustrie der Reichslande. Wenn sich nicht unerfreuliche Bild ein Schritthalten der gewerk jemand, so werden die ausgebeuteten Arbeiterinnen durch ihre schaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen mit derjenigen ureigensten Interessen zur Beteiligung am politischen Leben der Arbeiter- wird durch einen leichten Schatten getrübt. gezwungen. Davon zu schweigen, daß der Kautschuk der 1903 hatte die Zunahme der weiblichen Mitglieder 12000 Bestimmungen auch ihre gewerkschaftliche Organisation schwer betragen, während sie sich in dem nicht ungünstigeren Jahre bedroht, die ihnen doch so nötig ist wie das liebe Brot. 1904 auf nur 8000 stellt, trotz gewiß nicht minderer Agitation. Genosse Emmel, der einzige Vertreter der Sozialdemokratie Die Tatsache macht uns feinen Augenblick wankend in unserer im Landesausschuß dem Parlament der Reichslande-, Zuversicht auf die kräftige Weiterentwicklung der gewerk #hat leider erfolglos für ein zeitgemäßes, gerechtes Vereins. schaftlichen Arbeiterinnenorganisation. Jedoch bei aller Beund Versammlungsrecht energisch gekämpft. friedigung, mit der uns das Jahr 1904 auch in betreff des Steigens der weiblichen Mitgliederzahl in den Gewerkschaften erfüllt, wollen wir nicht unterlassen festzustellen, daß es nicht gleich stark wie im Vorjahre gewesen ist. Wir wollen daraus feine besonderen Lehren für die Art der wirksamsten Agitation. Ein Fortschrittchen des Arbeiterschutzes in der Schweiz unter den Arbeiterinnen ziehen- da die nämliche Erschei- ist zu begrüßen. Der Nationalrat hat ein Gesetz erledigt, nung im Gewerkschaftsleben ohne besondere offensichtliche das den Neunstundentag an den Vorabenden der Sonn- und Gründe schon mehrfach zutage getreten ist. Immerhin möchten Festtage einführt und den Arbeitsschluß an denselben auf wir jedoch bei dieser Gelegenheit unseren bekannten Stand- spätestens fünf Uhr festsetzt, sowie das Verbot der Mitgabe punkt nochmals besonders hervorheben: Dauernder Erfolg von Arbeit nach Hause ausspricht. Das Gesetz wartete schon für die gewerkschaftliche Arbeiterinnenagitation ist nicht von seit zwei Jahren auf die Beschlußfassung. Diese erfolgte so Für die Einführung der Zivilehe in Österreich und großen Agitationsversammlungen zu erwarten, sondern vor spät, weil entgegen dem Ständerat der Nationalrat sich nicht eine entsprechende Reform des Eherechts hat sich kürzlich allen Dingen von der positiven Anteilnahme der Arbeiterinnen entschließen konnte, der geringfügigen Einschränkung der die Wiener Advokatenkammer ausgesprochen. an den Errungenschaften, an dem Leben ihrer Gewerkschaft! Heimarbeit zuzustimmen, für die besonders Genosse Dr. Studer Weibliche Studierende an der Technischen Hochschule Berücksichtigung der Arbeiterinnen in Tarif- und Lohnver- rührig eintrat. Wie das Gesetz eine winzige Abschlagszahlung zu München sollen nach Maßgabe der allgemeinen Bestimträgen, nicht übergehung; Beteiligung der weiblichen Mit auf den gesetzlichen Schutz der Heimarbeit bringt, also auch mungen dieses Bildungsinstituts zugelassen werden, sofern glieder an der Zeitung und Führung der Gewerkschaft, mit auf die Freigabe des Sonnabendnachmittags. Wie lange wird sie das Reifezeugnis eines deutschen humanistischen oder einem Worte: völlige Gleichberechtigung der Arbeiterin mit es währen, bis diese Abschlagszahlung vervollständigt wird? Realgymnasiums besitzen. dem Arbeiter, entsprechend ihren Leistungen an die Gewerk- Das Verbot der Nachtarbeit von Frauen betreffend, Als Schulärztin in Hannover soll Fräulein Dr. med. schaft und unter Berücksichtigung der realen Verhältnisse! soll nach den Meldungen bürgerlicher Blätter die Inter- Rose Senger in dem kommenden Sommer angestellt werden. Die Zigarettenarbeiter und Arbeiterinnen in nationale Arbeiterschußkonferenz der Regierungen Außer ihr werben noch drei männliche Mediziner als SchulDresden befinden sich seit einigen Wochen in einer recht zu Bern sich für folgende Reformen ausgesprochen haben: ärzte amtieren. rührigen Lohnbewegung. Die aufgestellten Forderungen 1. Den Frauen, die in industriellen Betrieben der beteiligten wurden in mehreren Geschäften bewilligt, die zirka 600 Per- Länder beschäftigt sind, ist eine siebenstündige unverletzliche je h 01 10 er T in i 铜 稱 id en = nicht aus Sympathie für die Frauenemanzipation erfolgt, sondern jedenfalls aus sehr realen fiskalischen Gründen, der niedrigeren Entlohnung halber. Der lobenswerte Entschluß des Nürnberger Sekretariats, eine Sekretärin anzustellen, ist schon in voriger Nummer der Gleichheit" anerkennend gewürdigt worden. Es sei im Anschluß daran darauf hingewiesen, daß im Zentralarbeiter sekretariat in Berlin die Generalkommission bereits vor vielleicht zwei Jahren eine weibliche Bureauarbeiterin eingestellt hat. Notizenteil. Soziale Gesetzgebung. sonen beschäftigen, zum weitaus größten Teil Arbeiterinnen. Nachtruhe von abends 10 Uhr bis morgens 5 Uhr zu ge Franenbewegung. Ein russischer Frauenkongreß in Moskau nahm eine Resolution an, welche die Notwendigkeit der politischen Befreiung Rußlands betont und die Schaffung einer Volksvertretung, gleiches Recht für Männer und Frauen, die Beendigung des Krieges usw. fordert. 500 Frauen aus allen Kreisen der Bevölkerung wohnten dem Kongreß bei, der zwei Tage dauerte. Quittung. Einige größere Firmen, wie Josetti, Sulima usw., haben währen. 2. Den Frauen soll in allen Fällen eine zusammen- Im April und Mai gingen bei der Unterzeichneten für dagegen zur Zeit, wo wir diese Zeilen schreiben, ihren Ar- hängende Arbeitsunterbrechung von elf Stunden zuteil werden, den Agitationsfonds der Genossinnen ein: Magdeburg beiterinnen wegen ihrer Verbandszugehörigkeit gekündigt. in welcher die sieben Stunden Nachtruhe inbegriffen sind. durch Genossin Heeren 9,80 Mt., Bromberg, Liste 1077, Es kommen nahezu 1000 Personen in Betracht. Wenn die Die Arbeiterin, die bis 10 Uhr abends in der Fabrik tätig durch Genossin Stößel 2,60 Mt., Schmiedeberg( Erzgeb.) Arbeiterinnen nicht wankelmütig werden, so ist an einem ist, darf demnach nicht vor 9 Uhr morgens wieder zur Arbeit durch Genossin Albrecht 2,60 Mt., Hamburg, für Bons Sieg kaum zu zweifeln. Das Bekanntwerden des Vorgehens fommen; die Arbeiterin, welche früh 5 Uhr ihre Beschäftigung gesammelt, erhalten durch Genoffin Fahrenwald 100 Mt., dieser Weltfirmen allein schon wird nämlich dazu beitragen, beginnt, muß diese spätestens um 6 Uhr abends einstellen. durch Genossin Zieh von Genoffin Rolffs 4 Mr., Hatdaß ihre Fabrikate von den konsumierenden Arbeitern einst Es wurde betont, daß für verschiedene Industrien Ein- tingen für Bons bei der Maifeier durch Genossinnen geweilen gemieden werden. schränkungen dieser Vorschriften bewilligt werden müßten; fammelt 4,50 Mt., Augsburg, Liste 1139, durch Genossin ferner daß der belgischen Wollindustrie und der österreichischen Greifenberg 10 Mt., Berlin, Liste 1430, 1431, durch GeBuckerindustrie eine Übergangszeit von 10 Jahren für die Ein- nosfin Frohmann 15,90 Mt., durch Genossin Grünberg führung der Reformen zu gewähren sei!-Die Konferenz beschäf- 5 Mt. Summa: 154,40 ME. tigte sich auch mit dem Verbot der Verwendung weißen Dantend quittiert: Phosphors in der Zündhölzchenindustrie. Die von Im Schneidergewerbe droht schon seit Wochen eine größere Aussperrung, ohne daß es bisher zu ihr gekommen wäre. Nur in einzelnen Orten waren bereits fleinere Scharmügel zu verzeichnen, die meist mit Hilfe des Gewerbegerichts zu Verhandlung und Einigung führten. Am guten Willen der Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücherstr. 49, Hof II. 66 Die Gleichheit Nr.N An die Empfindsamen. Von Friedrich Theodor Bischer. Weichheit ist gut an ihrem Ort, Wer sie ist kein Losungswort, Kein Schild, keine Klinge und kein Griff; Kein Panzer, kein Steuer für dein Schiff. Du ruderst mit ihr vergebens. Kraft ist die Parole des Lebens: Kraft im Zuge des Strebens, Kraft im Wagen, Kraft im Schlagen, Kraft im Behagen, Kraft im Entsagen, Kraft im Ertragen, Kraft bei des Bruders Not und Leid Im stillen Werke der Menschlichkeit. Käthes Federhut. Von Ada Christen. Arme Leute kaufen ihr Brennholz von dem Zimmerplatze weg. Es wird nicht in Wagen vor das Tor gefahren, sondern die Kinder gehen mit alten Tüchern hin und lesen an Spänen zusammen, was sie nur tragen können, bezahlen dann ein paar Groschen dafür und schleppen ihr Bündel auf dem Rücken nach Hause. So wird es den ganzen Tag auf großen Zimmerplätzen nicht leer von den Kindern der Armen, und es setzt oft Püffe dort ab. Die Gesellen, der Werkmeister, oft der Zimmermeister selbst, fahren gelegentlich mit der Hand darein; am meisten aber prügeln sich die Kinder untereinander. So war es, als ich noch selbst ein Kind war, und so wird es wohl noch heute sein. Bei Regen und Sonnenschein, vom ersten Frühlingstag bis es herbstlich zu frösteln begann, mußte ich hinaus aus den Platz und den Holzbedars für den nächsten Tag heimtragen, ja sogar noch etwas darüber, denn ein Büschel Späne wurde immer an die Rückwand der stockfinstern Küche gelegt. Jeden Tag ein Büschel, das gab bis zum Herbst einen Vorrat, der bis an die Decke reichte und für manchen Wintertag vorhielt. „Ist sonst zu nichts gut das Ding, die Christel," sagte der alte Herr Fuchs, in dessen schmaler Kammer meine Mutter, ich, meine Schwester Maria und mein kleiner Bruder wohnten. „Ist zu sonst nichts gut das Ding.... das Ding".... brummte der Herr Fuchs drei-, viermal, kaute ein abscheuliches Stück Tabak zusammen, wurde dunkelrot im Gesicht und rollte dabei auf einem großen glatten Tische die frischgenähten Handschuhe mit einem runden Holze, bis sie so schmal und fein wurden, wie sie der französische Handschuhmacher, unser„Herr", verkaufte. Meine Mutter und die Maria saßen bei dem Kammerfenster, die Käthe saß in der großen Stube, aber alle nähten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, während ich unter dem breiten hohen Tische hockte— dort war mein Spielplatz daheim—, vor mich hin duselte oder Knöpfe an die fertigen Handschuhe nähen mußte. Ab und zu kam der struppige, weiße Kops des alten Herrn Fuchs zu mir herabgefahren, schaute mich grimmig an und knurrte sein: „Ist zu sonst nichts gut das Ding!" Ich hatte damals das siebente Jahr erreicht, fing an in die Höhe zu schießen, war mager, sonnverbrannt, hatte strohgelbe, steife Haare und war immer lustig und hungerig. Das größte Stück Brot, welches die Kinder auf den Zimmerplatz brachten, handelte ich für meinen größten Span ein, und ich hatte noch lange nicht genug bis zum Abendessen, das nebst dem Frühbrot unsere einzige Mahlzeit war. Daß ich solchen unternehmenden Tauschhandel trieb, wußte meine Mutter nicht, sie grämte sich schon genug ob der vielen blauen Flecken und Beulen, die ich heimbrachte, oder ob der Risse, welche mein Röckchen trug. Meine Mutter war eine empfindsame Frau, die sich immer etwas suchte, worüber sie weinen konnte. Jeden Tag jammerte und weinte sie über unser Elend und über alle Krankheits- und Todesfälle in der Nachbarschaft, und wenn zufällig nichts geschah, borgte sie sich eine Zeitung aus und weinte über alles das, was an Unglück drinnen stand, und ich, die sich um nichts kümmerte, als daß morgen wieder auf dem Zimmerplatz Sonnenschein und große Späne wären, ich sollte immer mit ihr weinen---- Wenn sie so recht trostlos auf meinen zerrissenen Rock niederschluchzte und mich dabei immer wieder frug:„Wie hast du nur das angestellt?!..." konnte ich ihr nie auseinandersetzen, daß die Buben ihr Brot für meinen Span nicht immer ganz gutwillig Herausgaben, und daß es alsdann zu ganz sonderbaren Zweikämpfen kam, die um so erbitterter waren, weil sie lautlos und möglichst unbemerkt ausgefochten wurden. Am Boden hinkriechend während des Sammelns der Späne— unter irgend einen Pfosten, an dem der Geselle über uns weiter- zimmerte— faßten wir uns an den Köpfen, kniffen uns in die Beine, pufften, wohin wir eben trafen, und suchten von unseren Kleiderresten irgend einen Lappen als Siegeszeichen zu erhaschen. Manchmal rollten wir in diesen kriegerischen Zerstteuungen zu weit in die Nähe der Zimmerleute, da gab es dann einen flüchtigen Fußtritt, und wir wurden samt und sonders vom Platze gejagt. Wie vor dem verlorenen Paradies standen wir dann an der Einzäunung des freiliegenden viereckigen Zimmerplatzes, schauten durch die Gitter und baten kläglich um Einlaß. Aber es half dann nichts mehr.... Was uns daheim erwartete, wußten wir, das kam noch immer früh genug, darum trieben wir uns auf den Feldern herum und zauderten, bis unsere gewöhnliche Heimkehrstunde schlug. Je später es wurde, desto wehmütiger war unsere Stimmung; je näher wir unseren Wohnstätten kamen, desto milder und nachsichtiger wurden wir gegeneinander— die, welche sich am ärgsten gerauft hatten, gingen rührend versöhnlich Hand in Hand — und wenn wir an den Haustoren flüsternd Abschied nahmen, zeigten nur noch die flatternden Risse unserer Kleider, daß wir tagsüber verschiedene Meinungen in unserer Weise zu einigen suchten. Ich schob mich an solchen bündellosen Abenden immer langsam durch das Haustor, pochte kaum vernehmlich an die Küchentür und hatte es gewonnen, wenn mir die Käthe öffnete. Die Käthe war vor Jahren auch auf dem Zimmerplatz gewesen, die wußte, wie es dort zuging. „Käthe, ich Hab' heut nichts," raunte ich ihr schon zwischen der Türe zu. „Sei nur still, deine Mutter ist in der Kammer"... erwiderte sie leise. Ich huschte seelenvergnügt durch die Küche in die Stube. „Na du! bist schon da? Schaust wieder sauber aus du!" polterte der alte Herr Fuchs, an dem ich vorbei mußte, wenn ich in unsere Kammer wollte; war ich erst drinnen, so frug meine Mutter nicht mehr viel, und ich machte mir mit meinem schläserigen Brüderchen zu schaffen. Aber manchmal, wenn sie mir selbst öffnete und mich ohne Späne vor der Türe stehen sah!.... Sie war reicher Leute Kind und erst nach meines Vaters Tod so arm geworden, und da sie deshalb in ihrer Kindheit nie auf einen Zimmerplatz gehen mußte, konnte ich sie auch nie über die Geschäftsgewohnheiten der Gesellen ganz aufklären... Aus ihren Püffen machte ich mir nicht viel, denn sie hatte eine kleine, schwache Hand, aber sie weinte und klagte ohne Ende, daß wir alle den nächsten Winter elendiglich erftieren würden; und sie sagte das so hoffnungslos und überzeugend, daß ich sie in meiner Todesangst händeringend frug, wann eigentlich der schreckliche Winter beginne.... An solchen aufgeregten Abenden glaubte ich es auch, wenn der alte Herr Fuchs die Türe aufstteß und in unsere Kammer hineinschrie: „Von allen nichtsnutzigen Kindern, die auf der Welt dem lieben Herrgott seine Zeit abstehlen, ist das Ding doch das allernichtsnutzigste!" Dann schob er den Tabak im Munde hin und her, zog heftig an seinen nachlässigen Hosenträgern und warf, während er mir noch mit der Faust drohte, die Türe wieder zu. Ich kroch dann mit einem unaussprechlichen Abscheu vor meiner eigenen Nichtsnutzigkeit und mit einem dünnen Stück Butterbrot— das mir meine Mutter immer in einer nachttäglich-zärtlichen Anwandlung gab zu meinem Bruder aus den Strohsack und schlief meist recht bald ein.... Aber mit einem Male hatte alle Not auf dem Zimmerplatz ein Ende, denn ich fand einen mächtigen Gönner dort. Den Engländer nannten die anderen einen langen breitschulterigen Gesellen, der mit den Beinen weitaus- einander daherging, einen Wald von Haaren in dem Gesicht trug und immer die größten Sparren zimmette. Die anderen sagten, er sei früher auf einem Schiffe gewesen und in der ganzen Welt herumgesegelt, und jetzt wolle er einmal auf festem Lande leben und unsere Sprache lernen. Es mag wohl so gewesen sein, denn er sprach ein mühsames Deutsch und sang oft fremdartige Lieder, die aber so lustig klangen, daß alle lachten, besonders wenn er auf ein und demselben kleinen Fleck dabei tanzte und die Füße in die Luft warf.... Lang war er, daß er mit seinem Kopfe über die Größten hinwegschaute, und auf seinen braunen Armen lagen daumendicke Muskeln, die ich danials für Stricke nahm. Ich getraute mich anfangs nie recht in seine Nähe, bis einmal die Kinder sagten: „Siehst, der ist ein Ries'!" Nun schlich ich sachte hin und wollte den Riesen genau sehen, ich machte mir erst nur so unauffällig mit seinen Spänen zu tun, und als er mich nicht beachtete, schaute ich dabei an ihm hinan. Als ich so in der Sonne stand und hinaufzwinkerte, flog ihm eine Wespe gegen die Stirne, ich dachte nicht daran, wie klein ich und wie groß er sei, sondern fuhr nur erschreckt mit abwehrender Hand, so hoch ich konnte, in die Luft.... Er lachte hell auf, schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel, hockte, sich aus den Fersen wiegend, zu mir auf die Erde, schaute mir nun schnurgerade in die Augen und sagte: „Du Äff'!" Dann lachten wir alle beide, ich weiß nicht warum. Plötzlich kam aber die Wespe wieder angesaust und saß flugs auf seiner Nase..... Ohne mich zu besinnen, schlug ich tüchtig hin, und sie fiel tot nieder. Der Engländer schaute mich erst verdutzt an, fuhr sich selber nach der Nase, und dann hob er mich an den Falten meines Rockes auf, schleuderte mich ein wenig durch die Lust und setzte mich wieder neben seinen Pfosten auf den Boden Lachend raffte er mit dem Fuße Späne zusammen und deutete:„Da nimm!" Mittlerweile war es Mittagszeit geworden, und die Gesellen verließen alle den Platz, nur der Engländer setzte sich auf einen Holzklotz, nahm Brot und Fleisch aus seinem blauen Leinensack, hieß mich Wasser holen in dem Kruge, der neben ihm stand, und begann als» dann zu essen. Ich setzte mich still an seine Seite nieder und schaute so wie er in die helle Luft. Große blauschimmernde Fliegen hingen regungslos über uns und schwankten nur, wenn ein flüchtiger Hauch sie anwehte.... über den Feldern zitterte und glitzerte etwas Unfaßbares, Durchsichtiges, und weit oben kreisten Tauben, deren Flügel wie blankes Silber glänzten. Es war ganz ruhig ringsum, nur weit rückwärts hieben noch ein paar Gesellen darauf los; der taktmäßige Fall ihrer Beile war das einzige Geräusch; als aber ein dumpfer gleicher Schlag erscholl, hatten auch die ihre Beile ein-! fallen lassen und gingen bald grüßend an uns vorbei, hinaus durch die Felder.... Der Sonnenschein lag heiß wie ein klargoldener Schleier! über dem schattenlosen Platze, das frischbehauene Holz duftete scharf, und aus manchem abgeschälten Stamme quoll schweres reingelbes Harz hervor. Unter dem ein-> zigen dichtbelaubten Baume, der da war, legte sich der Engländer nieder, streckte seine langen Beine aus und winkte mir. „Wie heißt du?" „Christel." „So...," gähnte er, legte die Arme unter den Kops,! schob seinen breiten Strohhut über das Gesicht und lag die Weile wieder so still, daß ich dachte, er sei eingeschlafen, und mich nicht zu regen wagte. „Willst du ein Stück Fleisch, Christel?" _(Schluß folgt.)! Glaubensbekenntnis. Von Friedrich Theodor Vtschcr. Wir haben keinen Lieben Vater im Himmel. Sei mit dir im reinen! Man muß aushalten im Weltgetümmel Auch ohne das. Was ich alles las Bei gläubigen Philosophen, Lockt keinen Hund vom Ofen. War' einer droben in Wolkenhöhn Und würde das Schauspiel mitansehn, Wie mitleidslos, wie teuflisch wild Tier gegen Tier und Menschenbild, Mensch gegen Tier und Menschenbild Wütet mit Zahn, mit Gift und Stahl, Mit ausgesonnener Folterqual, Sein Vaterherz würd' es nicht erttagen, Mit Donnerkeilen würd' er drein schlagen, Mit tausend heiligen Donnerwettern Würd' er die Henkerknechte zerschmettern. Meint ihr, er werde in anderen Welten Hintennach Bös und Gut vergelten, Ein grausam hingemordetes Leben Zur Vergütung in seinen Himmel heben? O> wenn sie erivachten in anderen Fluren, Die zu Tod gemarterten Kreaturen: „Ich danke!" würden sie sagen, „Möcht' es nicht noch einmal wagen. Es ist überstanden. Es ist geschehen. Schließ mir die Augen; mag nichts mehr sehen. Leben ist Leben. Wo irgend Leben, Wird es auch eine Natur wieder geben, Und in der Natur ist kein Erbarmen. Da werden auch wieder Menschen sein, Die könnten wie dazumal mich umarmen— O, leg ins Grab mich wieder hinein!" Wer aber lebt, muß es klar sich sagen: Durch dies Leben sich durchzuschlagen, Das will ein Stück Roheit. Wohl dir, wenn du das hast erfahren Und kannst dir dennoch retten und wahren Der Seele Hoheit. In Seelen, die das Leben aushalten Und Mitleid üben und menschlich walten, Mit vereinten Waffen Wirken und schaffen Trotz Hohn und Spott, Da ist Gott. LZerantworUich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin(Zundey, Wilhelmshöhe Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.