Nr. 14 Die Gleichheit eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Aufruf des Parteivorstandes zum Parteitag. Stuttgart den 12. Juli 1905 gegebene Motive weder im ,, Vorwärts", noch in der den Aufruf der Ver- Delegierten zugehenden Vorlage Aufnahme finden können. trauensperson der Genossinnen Deutschlands. Gegen ein Es steht den Genossen das Recht zu, ihre Anträge selbst gefährliches Spiel.- Fraueninteressen in der Kommune. Von oder durch befreundete Genossen auf dem Parteitag Luise Zietz. Bom Meſſen des Wertes. Von Julian Borchardt. mündlich zu begründen. Ein Abdruck der Motive verWie Gertrud ihre Kinder lehrt. Von Otto Rühle. Aus bietet sich aber aus räumlichen Gründen und um Wiedertrauensperson der Genoffinnen von Bromberg. Von E. Stoeßel.holungen zu vermeiden. der Bewegung: Von den Organisationen. Bericht der VerBericht der Kreisvertrauensperson für Teltow- Beeskow- Storfow Charlottenburg. Von Marie Thiel- Tempelhof. Politische Rundschau. Von G. L. Genossenschaftliche Rundschau. Von Simon Katzenstein. Notizenteil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Frauen in öffentlichen Ämtern. Quittung. Feuilleton: Die Bastille. Von Hermann Lingg.( Gedicht.)- Am Fenster. Von Wilhelm Holzamer. In der Frühe. Von Eduard Mörike.( Gedicht.)- Das ersehnte Gewitter. Von Friedr. Theod. Vischer.( Gedicht.) Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitags findet der diesjährige in Jena statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag den 17. September, abends 7 Uhr, nach Jena in das Lokal" Volkshaus", Karl Zeiß- Platz, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag den 17. September, abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitags. Feftſegung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungskommission. Montag den 18. September und die folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: H. Molkenbuhr und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: H. Förster. 4. Die Parteiorganisation. Berichterstatter: G. v. Vollmar. 5. Die Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 6. Der politische Massenstreit und die Sozialdemokratie. Berichterstatter: A. Bebel. 7. Sonstige Anträge. 8. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes des nächsten Parteitags. Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den Parteitag also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens am 27. August in dem Besitz des Vorstandes, Adresse: Berlin, den 3. Juli 1905. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. Genossinnen! 15. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. verklärten, aber politisch ausschlaggebenden Handelsinteressen der deutschen Kapitalistenklasse sind gering genug. Die deutsche Einfuhr in Marotto beträgt jährlich nicht mehr als etwa eine Milerklärt, daß sie in Marokko den Standpunkt der sogenannten lion Mark. Die französische Regierung hat außerdem ausdrücklich offenen Tür" vertrete, das heißt den freien, ungehinderten erklärt, daß sie in Marokko den Standpunkt der sogenannten Handelsverkehr für alle Nationen. Davon abgesehen, daß die weltwirtschaftlichen Interessen des Kapitalismus unserer Tage, der mit Gewalt alle Zonen und Völker sich zins- und tributpflichtig zu machen trachtet, nicht die internationalen Interessen des Proletariats sind, die den brüderlichen Kampf aller Ausgebeuteten ohne Unterschied der Nation gegen alle Ausbeuter innerhalb und außerhalb des Vaterlandes heischen, würde also nicht einmal der Nutzen der deutschen KapitalistenKlasse einen Konflikt um den Vertrag mit dem Scheine der Rechtfertigung bekleiden. Der vorstehende Aufruf des Parteivorstandes wendet fich so gut an euch wie an die Genossen. Die Aufgaben Sicherlich, daß Frankreichs Interessen in Marokko weit erder gesamten Sozialdemokratie sind auch eure Aufgaben. heblicher find, als die Deutschlands. Durch sein KolonialDer Erörterung der Fragen, die auf der Tagesordnung land Algier ist es Marokkos Grenznachbar, und recht eindes Parteitags stehen, kommt eine schwerwiegende Be- flußreiche Kapitalistenklüngel haben in dem afrikanischen Reich deutung für den doppelten Befreiungskampf der Prole- manches gewagt und möchten möglichst viel ernten. Immertarierinnen zu. Es sei nur an den politischen Massen- bin sind auch die Interessen der gesamten französischen streit erinnert und an das zu beratende Organi- Rapitalistenklasse nicht derart engagiert, daß um sie ein sationsstatut der Partei, das dank der rückständigen Krieg mit seinen Konsequenzen lohnen würde. Allerdings sucht England den Konflikt zu schüren. Sein Wunsch, Vereinsgefeße für die Genossinnen von besonderer Wichtig: Deutschland, den gefährlichen und gehaßten wirtschaftlichen feit ist. Hervorgehoben sei auch, daß der Parteitag Ronkurrenten auf dem Weltmarkt zu isolieren, ist durch Genossinnen und Genossen Gelegenheit bietet, ihre An- die Albernheiten der Dreizackspolitik noch gesteigert wor sichten über die Agitations- und Organisationsarbeit den, und die Situation scheint seinem Wünschen günstig. unter den Proletarierinnen auszutauschen. Die Zahl der Aber die kühle, wuchtige Sprache der tatsächlichen Verweiblichen Delegierten in Jena sollte im Verhältnis zu der hältnisse läßt seine giftige Hetzerei in sich zusammenfortschreitenden fräftigen Entwicklung der proletarischen brechen. Die französische Republik hat mit anerkennensFrauenbewegung stehen, im Verhältnis zu der steigenden werter überwindung von Empfindlichkeit ihre Friedensliebe, Mitarbeit der Genossinnen auf allen Gebieten der Partei- ihr Streben nach Beilegung jedes ernsten Konflikts mit Deutschland unzweideutig bekundet, indem sie dem welttätigkeit. Mögen deshalb die Genossinnen in allen Mittel- abenteuerlüfternen Minister Delcassé, dem Vater des Vertrags, puntten unserer Bewegung dafür sorgen, daß dem Partei- den Laufpaß gab. Die Bedeutung seines Sturzes hat sie tag als Delegierte auch Frauen beiwohnen, die in treuer durch die prinzipielle Zustimmung zu einer Konferenz bePflichterfüllung alle Arbeiten und Kämpfe der Sozial- siegelt, die im Herbst die marokkanische Frage regeln soll. demokratie teilen. Wo es angängig ist, sollten die Ges Wohl raunen Diplomaten mit hochgezogenen Augenbrauen nossinnen sich sofort mit den Genossen ihrer Wahlkreise von der Gefahr eines schweren Konflikts, um angesichts der über die Wahl einer gemeinsamen Delegierten verständigen. großen revolutionären Ereignisse in Rußland daran zu erWo die Möglichkeit eines gemeinsamen Vorgehens aus- innern, daß ihre erbärmliche Zwerghaftigkeit noch immer geschlossen ist, haben sie das statutengemäß gesicherte existiert und über Wohl und Wehe von Millionen mitRecht auszunuzen, in öffentlicher Frauenversammlung eine eigene Delegierte zu wählen. Die erfolgte Wahl weiblicher Delegierten ist der Unterzeichneten mitzuteilen. Berlin, den 5. Juli 1805. Mit sozialdemokratischem Gruß Ottilie Baader, Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands, Berlin S 53, Blücherstraße 49, Hof II. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. bauscht, die ihre Einsichtslosigkeit gegenüber den weltwirtentscheiden darf. Wohl wird sie von Journalisten aufgeschaftlichen und weltpolitischen Verknüpfungen mit politischen Rannegießereien verdecken und nebenbei den Ruf erlangen möchten, mit den Regierenden auf dem vertraulichen Fuße von Kammerdienern zu verkehren. Wie die Dinge liegen, dünkt uns trotz allem die Gefahr eines verhängnisvollen, abscheulichen Krieges ausgeschlossen. So wenig daher auch in Deutschland das Proletariat Anlaß hat, sich durch das Gespenst einer furchtbaren Ratastrophe schrecken und täuschen zu lassen, so wenig darf es eine aus der Sachlage erwachsende Pflicht versäumen. Mit allem Nachdruck muß es Protest erheben gegen das gefährliche Spiel, das Regierungsmänner und ihre Preßkosaken Gegen ein gefährliches Spiel. mit dem Feuer des Konflikts treiben. Die kapitalistische EntWährend die Revolution, die Mutter der Freiheit", den wicklung hat auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet so gewaltigen Arm über das Zarenreich ausreckt; während hier vielverschlungene Zusammenhänge geschaffen, und so viel immer größere Massen sich erheben, um das selbstherrliche Bündstoff angehäuft, daß bei anders gelagerten Umständen Regiment vor Volkswohl und Volkswillen auf die Knie zu als jetzt sich sehr leicht auch an einem kleinen Funken ein zwingen und selbst die eigensten Werkzeuge sozialer und großer Brand entzünden kann.„ An den Galgen mit denen, politischer Knechtung- Heer und Marine zu versagen die zum Kriege heßen", hat ein gescheiter Engländer kürzlich beginnen; furz, während im Osten von Europa einer jener in Berlin gesagt! großen, weltgeschichtlichen Rechtshändel" durchgefochten Es versteht sich am Rande, daß der allgemeine Protest sich wird, an denen jeder beteiligt ist, der sich Mensch nennt", augenblicklich zuspizzen muß zum schärfsten besonderen Gins ganz besonders aber das freiheitssehnsüchtige Proletariat: fpruch gegen die frevelhafte Kinderei, in weltpolitischer Großergößen sich im Westen Europas die„ Staatsmänner" und mannssucht Reibereien heraufzubeschwören, welche geeignet ihre Nachbeter und Nachtreter an dem gefährlichen Spiel sind, die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland zu verbittern. Angesichts des chauvinistischen Rizels bestimmter J. Auer, Berlin SW 68, Lindenstraße 69 sein, wenn sie, entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz II der Parteiorganisation, im Vorwärts" veröffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstandes der örtlichen beziehungsweise Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Es ist uns nicht möglich, an dieser Stelle das um und Kreise diesseits und jenseits der Vogesen hat das Proletariat Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden Auf dieser Frage und dieses Spieles darzustellen. Im hüben wie drüben seinen unerschütterlichen Willen zu be ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Mittelpunkt davon steht ein Vertrag zwischen Frankreich funden, sich brüderlich geeint dem Kriege von Rasse zu Rasse Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit und England, welcher der französischen Republik weitgehende entgegenzuwerfen, um in dem Kampfe von Klasse zu Klasse ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen Verwaltungsrechte in Maroffo einräumt, dessen Hauptzweck der Freiheit und Kultur eine Gasse zu bahnen. zugesandt werden können. Die Adresse des Lokalkomitees lautet: Hermann Leber, Jena, Marienstraße 26. Mandatsformulare sind durch das Parteibureau J. Auer, Berlin SW 68, Lindenstraße 69 zu beziehen. Der Versand erfolgt vom 21. Auguft an. Die Genossen, die Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige den Anträgen beider marokkanischen Frage. jedoch offenbar ist, nach den Grundsätzen altehrwürdigen Schachers für diesen geringen Preis England die Obergewalt über Ägypten zu sichern. über die bekämpfte gemeingefährliche Spielerei der Stunde hinaus trifft aber der Protest des Proletariats das System, von dem sie erzeugt und genährt wird. Es ist die Ordnung des Durch den Vertrag sollen angeblich wichtige deutsche Inter- frachenden Kapitalismus, die wie in einer unserer besten essen in Marokko bedroht sein, deren Vertretung das offizielle Broschüren, in Mehrings" Weltkrach und Weltkrisis" lichtDeutschland in einer Weise eingeleitet hat, welche die Wit- voll nachgewiesen ist zur gewalttätigen, bluttriefenden blätter feierten. In Wirklichkeit sind Deutschlands Inter- Weltmachtspolitik treibt, weil sie sich blindwütend gegen essen in Maroffo äußerst winzig. Heiligste Güter" tönnen eine gesunde Sozialpolitik sträubt. als bedroht auch von der Seegewalt träumenden Phantasie In Frankreich und England sind unsere Genossen als nicht heraufbeschworen werden. Und sogar die poetisch un- tapfere Kämpfer gegen die wüste Konfliktshezze, als begei Die Gleichheit Nr.l4 sterte Verfechter einer Weltpolitik des Friedens auf den Plan getreten. Die geeinten französischen Sozialisten haben insbesondere reichlich das ihrige dazu getan, daß Herrn Del« cassS die Möglichkeit zum Stiften von Unheil versalzen wurde. Das klassenbewußte deutsche Proletariat ist eines Sinnes, eines Willens mit seinen englischen und französischen Brüdern. Diese Übereinstimmung soll ihren Ausdruck darin finden, daß zu den Berliner Proletariern Jaurös als Vertreter jenes ehrenreichen französischen Sozialismus sprechen wird, der, als Frankreich noch aus den tausend Wunden der Niederlage blutete, durch den Mund der Guesde, Vaillant, Lafargue mit kühnem Stolze die Verbrüderung der deutschen und französischen Arbeiterklasse dem revanchehungrigen Mordspatriotismus der Besitzenden entgegenstellte. Umgekehrt soll in Paris Bebel als der berufenste Wortführer der deutschen Sozialdemokratie reden, zu deren glänzendsten Ruhmestiteln es gehört, daß sie unter der Weißglühhitze des nationalen Siegestaumels ihre Stimme gegen den Krieg mit Frankreich erhob und sich mit den Helden der Kommune solidarisch erklärte. Die Kundgebungen von Berlin und Paris sollen die Herrschenden und Regierenden daran mahnen, daß das sozialistisch geschulte Proletariat seine Erkenntnis und seinen Willen zur Macht zusammengeballt in die Wagschale der Entscheidung über Krieg und Frieden werfen wird. Die neue Internationale geht in unseren Tagen daran, die Aus gäbe zu erfüllen, welche ihr die Jnauguraladresse der alten Internationale gewiesen hat, und die darm besteht,„sich der Mysterien der internationalen Staatskunst zu bemeistern, die diplomatischen Streiche der Regierungen zu überwachen und ihnen nötigenfalls mit allen Mitteln entgegenzuarbeiten". Sie kämpft gegen diplomatische Spielereien, die jeden Augenblick zu weltpolitischen Verbrechen werden können. Fraueninteressen in der Kommune. Von Luise Zieh. Her mit dem allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für alle volljährigen Staatsbürger, nicht nur zum Reichstag und den Landtagen, sondern auch zu den kommunalen Verwaltungskörpern! Das ist seit jeher die Parole, für die in Wort und Schrift die Sozialdemokratie eintritt. In nachfolgendem wollen wir an der Hand konkreter Beispiele zeigen, wie sehr nicht nur die Männer der Arbeiterklasse, sondern vor allem auch die Frauen an der Durchführung dieser Forderung interessiert sind. Wir bitten unsere Leserinnen, uns im Geiste ins Ruhrrevier zu folgen. Hier, im Ruhrrevier, hat sich die Industrie rapid entwickelt. Der Kapitalismus steht in vollster Blüte. Alle die schweren Schäden, die derselbe für den einzelnen, für das Proletariat insgesamt und für das Gemeinwesen mit sich bringt, sind aufs höchste entwickelt und daher für den einzelnen um so drückender, aber auch um so deutlicher erkennbar. Während sich in Deutschland die Bevölkerung in den Jahren von 1871 bis 1901 um 37 Prozent vermehrte, in Preußen um 39 Prozent, im Rheinland um 60 Prozent, in Westfalen um 79 Prozent, hat sie im Ruhrkohlenrevier um SOZ Prozent zugenommen, sie ist von 716743 Einwohnern im Jahre 1871 auf 2173502 Einwohner im Jahre 1901 gestiegen. Diese Vermehrung der Bevölkerung ist keine natürliche, das heißt sie ist keine Vermehrung, die nur oder in der Hauptsache der Zunahme der Geburten zuzuschreiben ist, sondern in der Hauptsache ist sie verursacht durch Zuzug der Bevölkerung aus allen Ecken und Enden Deutschlands — und des Auslands nach dem Kohlenrevier. Nicht selten waren es gewissenlose Agenten der Kohlenbarone, die den Zustrom Arbeitsloser ins Kohlengebiet leiteten. Man hoffte, die Zugewanderten als Lohndrücker und, wenn notwendig, als Streikbrecher gegen die übrigen Bergleute ausspielen zu können. Wie weit den Herren diese Hoffnung sich verwirklicht hat, und mit welchen Mitteln gearbeitet ward, um Rache zu nehmen, wenn dies nicht der Fall war, daS sei heute nicht untersucht. Wir wollen lediglich die Frage erörtern: Welche Folgen auf kommunalem Gebiet hatte die rapide Bevölkerungszunahme für die Arbeiterschaft? An erster Stelle ist die Folge zu nennen, �>aß die einzelnen, bereits bestehenden Gemeinden sich reißend schnell entwickelten, daß neue Gemeinwesen gleich Pilzen aus der Erde wuchsen, daß aber die Errichtung und Entwicklung kommunaler Einrichtungen zum Nutzen der Allgemeinheit nicht im entferntesten Schritt hielten mit der Bevölkerungszunahme. Vor allem ist es der Grund- und Bodenwucher, der im Kohlenrevier in höchster Blüte steht. Einige Zahlen mögen das beweisen: Für Grund und Boden ward bezahlt in Bochum im Jahre 1SS9 für den Hektar 10500 bis 14000 Mk., im Jahre 1S92 aber bereits bis 84000 Mk., es trat also eine Versechsfachung des Preises in dreiJahrenein. In Recklinghausen kostete im Jahre 1896/97 der Hektar 520 bis 2400 Mk., im Jahre 1900 jedoch 28000 Mk., die Preise stiegen um mehr als das Elffache. In Hörde zahlte man im Jahre 1897 für den Hektar 4800 bis 6000 Mk., im Jahre 1902 175000 Mk., es erfolgte eine mehr denn sechs- unddreißigfache Steigerung des Bodenpreises! Die Folge davon für die Arbeiterschaft liegt auf der Hand: Es ist eine ungeheure Wohnungsnot, die sich in hohen Mietpreisen und einem außerordentlichen Wohnungsmangel fühlbar macht. Fast nirgends hat die Kommunalverwaltung diese Not zu lindern, nirgends hat sie derselben vorzubeugen versucht, indem sie sich Bauterrain zu erhalten und zu verschaffen bemühte, indem sie selbst zum Bau hygienisch guter und billiger Arbeilerwohnungen schritt und dadurch der Bodenspekulation entgegenwirkte. Desto besser haben die Werksbesitzer die Situation auszunutzen verstanden durch den Bau von Kolonien, von Zechenwohnungen. Die meisten Kolonien stehen unter der Aufsicht eines Kolonievogtes, der genau Obacht gibt, wer bei den Koloniebewohnern ein- und ausgeht, welche Zeitung gelesen wird usw. Die Arbeiter, die in Kolonien usw. wohnen, sind nicht nur Sklaven der Werksherren während der Arbeitszeit, sondern auch nach derselben. Das Gefühl der wirtschaftlichen Abhängigkeit, der geistigen Unfreiheit der„Koloniebewohner" wird noch verschärft durch die Mietkonttakte, die fast überall die Klausel enthalten:„Wer auf der Zeche abgelegt wird oder selber abgeht, hat auch innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden die Zechenwohnung zu räumen." So werden die Zechenwohnungen, die zu den wichtigsten der„berühmten Wohlfahrtseinrich- tungcn" der Kohlenbarone gehören, zu einem Siegel, das den Arbeitern gegenüber bestehenden ltbelständen den Mund verschließen soll, zu einer Kette, die sie an den Betrieb fesselt, zu„einem der besten Mittel zur Streikabwehr", um mit dem Scharfmacherorgan zu reden. Ganz abgesehen davon, daß sowohl die Familienwohnungen als auch die Kasernen für die ledigen Männer fast alles zu wünschen übrig lassen, was sanitäre Einrichtung und Komfort heißt. Von der Wohnungsnot und der gesundheitsschädlichen Beschaffenheit der Wohnungen legt folgende Tatsache Zeugnis ab: In Essen stellte die Wohnungspolizei im Jahre 1903 auf Grund veranstalteter Erhebungen fest, daß von 10600 Wohnungen 1261 als unbewohnbar bezeichnet werden müßten, daß in 844 Häusern 4093 Wohnungen überfüllt seien. In Hörde wurden im Jahre 1695 69,2 Prozent aller Wohnungen als überfüllt und 21,2 Prozent als hochgradig überfüllt von der Behörde bezeichnet. Wer hat denn darunter am meisten zu leiden? Doch sicher die Frau des Arbeiters. Ihr fällt das Putzen, das Säubern, das Lüften, das Ordnunghalten um so schwerer, je kleiner der Raum ist, in dem sie alles zu besorgen hat. Ihre Gesundheit leidet um so eher und stärker, je mehr sie gute, unverdorbene Lust und Sonnenlicht entbehren muß. Ist doch, wenn sie das Glück hat, sich ihrer Familie widmen zu können, das Haus die Welt, in der sich der größte Teil ihres Lebens abspielt. Sie wird den Mangel an Komfort und sanitären Einrichtungen in der Wohnung um so schmerzlicher empfinden, wenn es, wie im Ruhrgebiet, auch sonst an allen möglichen kommunalen Einrichtungen fehlt, die im Interesse der Allgemeinheit liegen. Wenn Kinderspielplätze vermißt werden und Parkanlagen, welche gleichsam„die Lungen" größerer Orte sind. Wenn die Straßenpflasterung so sehr im argen liegt, daß man bei schmutzigem Wetter bis an die Knöchel in Schmutz waten muß und bei der Heimkehr noch recht viel„vaterländische Erde" mit in die Wohnung schleppt. Wenn es an der nötigen Straßenbeleuchtung fehlt, an modernen Kommunikations-(Verkchrs-)Mitteln usw. All das erschwert es den proletarischen Frauen im Ruhrgebiet, mit ihren Kindern der Enge ihrer vier Wände zu entfliehen und auf ein paar Stunden sich im Sonnenschein, im Freien zu ergehen, um die Lungen einmal ordentlich zu weiten und mit frischer Luft vollzusaugen. Und dem Manne, der tief unten im Schöße der Erde, wo weder Sonnen- noch Mondessttahl hindringt, bei hoher Temperatur oder halb im Wasser liegend den schwarzen Diamanten zutage fördert, dem ist es nicht weniger notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit, nach vollbrachter Arbeit„unter grünen Bäumen und im Sonnenschein" sich zu ergehen. Die Kommunalverwaltungen scheinen jedoch für Einrichtungen, die der Befriedigung dieser Bedürfnisse dienen, gar kein oder bitter wenig Verständnis zu haben. Dazu mangelt es an den meisten Orten an Badegelegenheiten, Krankenhäusern, und wie es mit der Wasserversorgung beschaffen ist, davon hat ja der Gelsenkirchener Wasserversorgungsprozeß genügend Zeugnis abgelegt. Zu dem Mangel an gemeinnützigen kommunalen Einrichtungen stehen die horrend hohen Kommunalabgaben in schreiendem Widerspruch. In Preußen wird die Höhe der Kommunalabgaben bekanntlich prozentual nach der Höhe der zu leistenden Einkommensteuer berechnet. Da zahlen zum Beispiel die Bewohner der Reichshauptstadt 100 Prozent Kommunalzuschlag zur Einkommensteuer, in Hannover beträgt der Zuschlag 110 Prozent, in Dortmund dagegen schon 160 Prozent, in Essen 180 Prozent, in Gelsenkirchen 130 Prozent(wird in diesem Jahre erhöht auf 200 Prozent), in Hörde 191 Prozent, in Kirchhörde 220 Prozent. Noch schlimmer liegen die Dinge für Lütgen-Dortmund init 230 Prozent, für Sölderholz und Eichholz(Kreis Dortmund) mit sogar 270 Prozent Zuschlag. In Meiderich entfielen an Gemeindeabgaben auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1899 19,75 Mk., im Jahre 1901 aber 27,10 Mk. Die Gemeindeabgaben betrugen in Ruhrort 1899 pro Kopf 29,82 Mk., 1901 jedoch 43,99 Mk. Ihr Frauen des Ruhrkohlengebiets, wer hat unter dem Druck dieser hohen Abgaben zu leiden? Ihr, und abermals ihr! Wenn diese Abgaben gezahlt werden, so reißen sie jedesmal ein bedenklich großes Loch in euren Geldbeutel. Und dessen Inhalt dürfte besonders gegenwärtig nicht sehr groß sein, dank den Lohnabzügen, dem Wagennullen, den Feierschichten machen und der hohen Zahl der Gemaßregelten! Ihr Bergmannsfrauen müßt meist gute Rechnerinnen sein. Euren Männern sucht man den Lohn hinten und vorn zu kürzen, zu den hohen Mietpreisen habt ihr besonders hohe Lebensmittelpreise zu zahlen.(Wenn die neuen Handelsverträge in Kraft treten, werden dieselben noch weiter gewaltig erhöht werden.) Und zu allein Überfluß die außerordentlich hohen Kommunalabgaben bei miserablen kommunalen Einrichtungen! Hätten wir nicht die Dreiklassenwahl, die öffentliche Wahl und noch andere„schöne" Bestimmungen im„Kommunalwahlrecht", hätten wir vielmehr das allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle volljährigen Staatsbürger, also auch für uns Frauen, so würde die Zusammensetzung der Kommunalverwaltungen eine ganz andere sein wie heute. Es könnten dann auf allen Gebieten des Kommunallebens, und nicht zuletzt auf dem Gebiete des Wohnungswesens, Verbcsserungen durchgesetzt werden zu unserer aller Nutz und Vorteil. Ein solches Kommunalwahlrecht, das uns allen einen gleichen Einfluß auf die Gestaltung kommunaler Einrichtungen sichert, das uns die Möglichkeit gibt, nicht nur Bestehendes zu verbessern� sonder» auch noch vollständig Fehlendes zu schaffen(wie Kinderhorte, Entbindungsanstalten, Säuglings- und Wöchne rinnenheime, Schulkantinen, Schulbäder usw.), das müssen wir uns erst erkämpfen. Um zu siegen, gilt die Losung: Mehrt die Reihen der Sozialdemokratie! Erst wenn ihr Einfluß, ihre Macht genügend erstarkt ist, werden wir uns ein freies Kommunalwahlrecht, eine demokratische Kommunalverwaltung sichern, an der auch die Frauen teilnehmen und durch welche sie ihre Interessen energisch vertreten. Vom Messen des Wertes. Wenn derselbe Mensch dieselbe Arbeit zwei Stunden lang fortsetzt, so schafft(produziert) er doppelt so viel wie in einer Stunde. Jedoch die Quantttät des Produktes dar! man nicht verwechseln mit der Quantität der Arbeit selbst Wenn jemand eine sehr schwierige Arbeit verrichtet, so kann es sein, daß er in einer Stunde nichts Nennenswertes produziert. Trotzdem hat er viel gearbeitet. Er hat sogar mehr gearbeitet als ein anderer, der mit einer leichten Arbeit in einer Stunde etwas Greifbares fertiggestellt hat. Nicht die Menge des Produktes ist es, welche die Menge der Arbeit ausmacht, sondern die Summe der Anstrengung die Menge Kraft, die der Körper bei der Arbeit ausgeben muß. Bei schwerer Arbeit gibt der Körper in der gleichen Zeit mehr Kraft aus als bei leichterer. Man nennt das die verschiedene Intensität der Arbeit. Hat man also ein und dieselbe Arbeit zu verrichten oder mehrere Arbeiten von gleicher Intensität, so wächst ihre Menge einfach mit ihrer Dauer. Zwei Stunden Arbeit sind dann doppelt so viel wie eine Stunde Arbeit. Das gilt aber nicht mehr, sobald es sich um Arbeiten von verschiedener Intensität handelt. Dann wird das Verhältnis verschieden sein, je nach dem Grade der Schwierigkeit der verschiedenen Arbeiten. Das kann so weit gehen, daß eine Stunde schwerer Arbeit ebensoviel und sogar mehr aus' macht als zwei Stunden leichter Arbeit. Wollte man nun genau bestimmen, wie viel Arbeit jeder beliebige Arbeiter in einer Stunde leistet, so müßte man offenbar erstens wissen, welches die leichteste Arbeit ist, und zweitens müßte man genau berechnen können, um wie viel jede andere Arbeit schwerer ist als die leichteste. Beides weiß man nicht. Es gibt ja tausenderlei Arbeiten und wohl jede hat eine besondere Intensität. Und wenn man beides wüßte, so würde das auch noch nichts helfen, denn die Intensität der Arbeiten wechselt. Täglich werden Erfindungen gemacht und Verbesserungen eingeführt, welche die Intensität bald der einen, bald der anderen Arbeit ändern. Dies halte man genau fest und ermesse daran, was es bedeutet, wenn manche Leute(besonders deutsche Universitäts- prosefforen sind groß darin) immer wieder behaupten: nach Marx stelle die gleiche Arbeitszeit immer den gleichen Wert Kar, ohne Rücksicht, was für Arbeit in der Zeit verrichtet wurde; und die eigentliche Ungerechtigkeit der heutigen Gesellschaftsordnung bestände nach Marx darin, daß nicht all« Arbeiten gleichmäßig bezahlt werden. Grundsatz der Gerechtigkeit— immer nach Marx— müsse sein, daß es für dieselbe Anzahl Arbeitsstunden immer denselben Lohn gebe, denn eine Stunde Arbeit sei stets ebensoviel wert wie jede beliebige andere Stunde Arbeit. Hätte Marx wirklich solchen Unsinn geschrieben, so wäre es nicht der Mühe wert, einen Blick in seine Schriften zu werfen. Zunächst ist es ein kompletter Unsinn, anzunehmen, der Wert messe sich durch die Arbeitszeit. Man kann niemals ein Ding durch ein anderes messen, sondern immer nur durch einen Teil von sich selbst. Sechs Liter Wasser bedeutet nicht etwa sechsmal das metallene oder gläserne Gefäß, das man Liter nennt, sondern sechsmal das Quantum Wasser, das in ein solches Gesäß hineingeht. Das Quantum Ol, das Quantum Sirup, das ein Liter faßt, ist ein anderes als das Quantum Wasser. Ol wird durch Ol, Wasser durch Wasser, Sirup durch Sirup gemessen. Ebenso kann auch Wert nur durch Wert, das heißt durch Arbeit gemessen werden. Ein kleines Quantum Arbeit. nicht größer, als daß man es mit einem Blick überschauet kann, inuß abgeteilt werden, und dann muß zugesehen werdeli- um wie viel die zu messende Arbettsmenge größer oder kleiner ist als jene Maßeinheit. Das tut denn auch in der Tat— nicht etwa Marx, sondert die kapitalistische Gesellschaft. Es ist zu putzig, daß gewiss« Leute, die Marx unter allen Umständen umbringen wollen, als ein Rezept für die Zukunft ansehen, was Marx durch nüchterne Untersuchung als Praxis der Gegenwart entdeckt! hat. Nicht damit hat sich Marx beschäftigt, wie man it irgend einem„Zukunftsstaat" den Wert messen soll, sondern wie man ihn heute in der kapitalisttschen Gesell' schaft wirklich mißt. Er hat festgestellt, daß die kapitalistische Gesellschaft zum Messen der Werte chrer Wäret natürlich nicht die Arbeitsstunde, wohl aber diejenige Menge Arbeit benutzt, die in einer Stunde verrichtet wird- Es ist allerdings richtig, daß Marx, nachdem er dieL klar- kein lich, auf arb, erst, wer ver, eini des ihre wer ver Kii, psä In >h»i lich das leic! Und wü das unt sei Zir ein, Nr. 14 gestellt, hin und wieder vom Messen des Wertes durch die Arbeitszeit spricht, wie man ja auch oft vom Messen des Wassers durch den Liter spricht. Aber ebenso wie im letzteren Fall nicht das Gefäß, sondern das im Gefäß enthaltene Wasser gemeint ist, ebenso meint auch Mary in solchen Fällen selbstverständlich nicht die Zeit, sondern die in der Zeit verrichtete Arbeit. Nun haben wir aber gesehen, daß die Menge Arbeit, die in einer Stunde verrichtet wird, durchaus nicht immer die gleiche ist. Es kommt auf ihre Intensität an. Infolgedessen ist es unmöglich, die Arbeit, die in einer Ware steckt, einfach durch so und so viel Stunden auszudrücken. Und damit haben wir denn den Grund, weshalb es unmöglich ist, den Wert der Waren absolut anzugeben( eine Tatsache, die wir früher hervorgehoben haben). Indes, die kapitalistische Gesellschaft befindet sich in der glücklichsten Lage, daß sie es gar nicht nötig hat zu wissen, wie viel Arbeit absolut( an und für sich) in einer Ware steckt. Ihr ist schon gedient, wenn sie es relativ weiß das heißt, wenn sie weiß, wie viel Arbeit in einer Ware steckt im Vergleich mit der Arbeit, die in einer anderen Ware steckt. Die Gleichheit 81 verständlich, daß der Erzieher selbst harmonisch gebildet,| punkte: 3ahl, Form und Wort zurückführt. An die Zahl nach allen Seiten seines Wesens erzogen sein muß. Hierin will er die Arithmetik, Geographie, Geschichte und Naturbleibt leider bei unseren Frauen häufig noch manches zu lehre, an die Form die Geometrie, das Zeichnen, Lesen und wünschen übrig, weil sie als armer Leute Kinder meist eine Schreiben und an das Wort die Sprachlehre und den Genur mangelhafte Erziehung genossen haben. Um so ernsthafter sangunterricht anschließen. aber ist bei ihnen der Wunsch und Wille vorhanden, wenigstens In dieser Ableitung der Unterrichtsfächer liegen die die Kinder in der Erziehung vorwärts zu bringen. Eine gute Mängel des Buches. Pestalozzi wurde sich später darüber Erziehung, eine gute Schulbildung ist ja meist das einzige selbst klar, indem er in der Ausgabe von 1820 die Worte Erbteil, das Arbeitereltern ihren Kindern mit auf den schrieb:„ Diese ganze Darstellung ist als ein noch sehr Lebensweg geben können. dunkles Haschen nach Bildungsmitteln, über deren Natur ich bei fernem noch nicht im klaren war, anzusehen." Auch die Elementarbücher, die Pestalozzi im Anschluß an das Buch Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" herausgab, auf daß jede Familie ihren Bildungsberuf mittels derselben in ihrem Kreise sollte ausfüllen können", waren verfehlt; besonders das" Buch der Mütter, oder Anleitung für Mütter, ihre Kinder bemerken und reden zu lehren", von dem allerdings der Pestalozziforscher Seyffarth behauptet, daß es von einem Gehilfen Pestalozzis abgefaßt worden sei. Um den Hausfrauen zu zeigen, welche Pflichten ihrer als Erzieherinnen der Kinder warten und wie diese Pflichten am besten erfüllt werden, hat vor mehr als hundert Jahren Pestalozzi ein Buch geschrieben: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten." über dieses Buch wollen wir uns ein wenig unterhalten. " " " Pestalozzi, der bedeutendste und einflußreichste unter allen deutschen Pädagogen, hatte bei seinen mehrfachen Versuchen sich einen Lebensberuf und damit ein sicheres Einkommen Was bei der Lektüre des Buches Wie Gertrud ihre zu verschaffen, elend Schiffbruch erlitten. Schließlich war er Kinder lehrt" außerordentlich erfrischend und wohltuend beunter die Schriftsteller gegangen und hatte einen Roman rührt, ist die Schärfe, mit der Pestalozzi gegen den Schlendrian Ein Gleichnis mag das erläutern. Jemand wohnt in einem geschrieben, der ihn sozusagen in einer Nacht zum berühmten der bisherigen Unterrichtsweise zu Felde zieht. Der Troß einsamen Gehöft hoch oben im Gebirge. Für den Verkehr Manne machte. Das Werk führt den Titel:„ Lienhard unserer öffentlichen Schulen gibt uns nicht nur nichts", mit Menschen ist er auf eine Ortschaft angewiesen, die noch und Gertrud" und behandelt in der Form einer Dorf- ruft er einmal aus, er löscht im Gegenteil noch das in höher liegt. Liegt diese Ortschaft 100 Meter höher als sein geschichte den Gedanken, daß nur durch eine tiefeingreifende uns aus, was die Menschheit auch ohne Schulen allenthalben Gehöft, so ist sie für ihn( relativ) 100 Meter hoch und Verbesserung der Erziehung den sittlichen und sozialen Miß hat und was jeder Wilde in einem Grade besitzt, von dem nicht einen Schritt mehr. Diese relative Höhe ist für seine ständen und Gebrechen abgeholfen werden könne. Die wir uns keine Vorstellung machen. Ein Mensch, der mit praktischen Zwecke maßgebend, mag die absolute Höhe Hauptpersonen des Werkes waren der Maurer Lienhard und Mönchskunst zu einem Wortnarren gebildet wird, ist für die 3000 Meter oder noch mehr betragen. Ebenso ist es für die sein Weib Gertrud. Pestalozzi, der der Sache der Erziehung Wahrheit unempfänglicher als ein Wilder. Ich bin daher praktischen Zwecke der kapitalistischen Gesellschaft maßgebend, mit glühender Begeisterung ergeben war, fand nun auch zu der überzeugung gekommen, der öffentliche und allgemeine ob der Wert einer Ware größer, kleiner oder ebenso groß bald Gelegenheit, praktisch als Lehrer der Jugend und des europäische Schulwagen müsse nicht bloß besser angezogen, ist wie der Wert einer anderen Ware, ganz gleichgültig, Volkes tätig zu sein und seine Anschauungen über Bildung er müsse vielmehr umgekehrt und auf eine ganz neue Straße welches ihr absoluter Wert sei. Für sie kommt es darauf und Erziehung in die Tat umzusetzen. Unter widrigen gebracht werden." Und an einer anderen Stelle erklärt er: an, die Arbeitsmenge einer Ware stets auszudrücken im Ver- Verhältnissen und wechselvollen Schicksalen wirkte er in den Ich will den Schulunterricht sowohl der abgelebten Drdhältnis zu derjenigen einer anderen Ware. schweizerischen Orten Stanz und Burgdorf mit einem Er- nung alter verstotterter Schulmeisterknechte, als einer für folg, der ihn selber in Erstaunen setzte. In Burgdorf ver- den gemeinsamen Boltsunterricht sie nicht einmal ersetzenden faßte er auch das Buch:" Wie Gertrud ihre Kinder neueren Schwäche entreißen und ihn an die unerschütterte Lehrt", um in ihm seine Unterrichtsmethode, die sich in den Kraft der Natur selber und an das Licht, das Gott in den von ihm geleiteten Unterrichtsanstalten so vorzüglich bewährt Herzen der Väter und Mütter entzündet und ewig belebt, hatte, auseinanderzusetzen. an das Interesse der Eltern, daß ihre Kinder angenehm werden vor Gott und Menschen, anknüpfen." Eine Aufgabe, die allerdings für jeden einzelnen Menschen offenbar zu schwer ist. Aber die kapitalistische Gesellschaft hat sie gelöst und löst sie noch alle Tage. Jeder erfahrene Kaufmann und Fabrikant weiß den relativen Wert seiner verschiedenen Waren ganz genau anzugeben. Er ist sich freilich nicht bewußt, daß das, was er Wert nennt, in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Menge Arbeit, die in den Waren steckt. Wenn er es aber auch nicht weiß, darum ist es doch wahr, daß er, wenn er den relativen Wert zweier Baren nennt, nichts weiter tut, als die Arbeitsmengen, die in ihnen stecken, miteinander in Beziehung zu setzen. Einige weitere interessante Ergebnisse aus dem Saß, daß der Wert Arbeit ist, werden wir in einer künftigen Plauderei Julian Borchardt. erörtern. Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Von Otto Rühle. Wozu schicken wir unsere Kinder in die Schule? Daß sie etwas lernen sollen. Nicht allein dies; sie sollen auch erzogen werden. Lehren und Erziehen sind zweierlei, oder besser: das erste ist in dem zweiten mit enthalten. Der Lehrer wendet sich an den Geist des Kindes, seine Arbeit bezweckt dessen Schulung, Pflege und Bildung. Der Erzieher hat es mit dem ganzen Menschen zu tun, nicht bloß mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gemüt, dem Willen und vor allen Dingen auch dem Körper. Die Arbeit des Erziehers ist umfassender und schwieriger als die des Lehrers. Unsere Schulen sind heute leider mehr Lehr- oder Lernschulen als Erziehungsschulen. Neben der Religion steht die wissen schaftliche Ausbildung im Arbeitsplan des Schulunterrichtes obenan; man sollte mehr dazu übergehen, in der wahren Menschenbildung die Hauptaufgabe der Schule zu er blicken. Gertrud, deren Gestalt er aus seinem Hauptwerk„ Lienhard und Gertrud" herübergenommen hat, ist ihm die personifizierte Mutterliebe. Diese Mutterliebe muß nach seiner Meinung das wahre Fundament aller mensch lichen Bildung sein. Und diesen Muttersinn in allen Erziehern und Lehrern zu wecken, ist die im Titel des Buches ausgesprochene Tendenz. Man wird hingerissen, schreibt der Pestalozziforscher Morf, von der Fülle seiner inneren Intuitionen, ich möchte sagen Offenbarungen, zu deren Träger er( Pestalozzi) von der Vorsehung berufen war.... Das Buch ist und bleibt ein Eckstein für den Volksunterricht; aber die Schätze, die es birgt, sind noch lange nicht praktisch verwertet, und man kann die, welche es mit der Erziehung und dem Unterricht zu tun haben, nicht genug immer wieder auf dasselbe hinweisen. „ Kannst du Pestalozzis, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt bekommen, so lies es ja!" schrieb der Philosoph Fichte an seine Frau, als er das Erziehungssystem dieses Mannes" studiert hatte. Könnt ihr Pestalozzis Buch be kommen, rufe ich den Genossinnen zu, denen die Kindererziehung eine ernste und wichtige Sache ist, so lest es ja. Die Stunden, die ihr ihm opfert, werden sich an euren Kindern bezahlt machen. Manche Ausleger Pestalozzischer Schriften haben aus dem Untertitel des Buches:„ Ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten", den Schluß gezogen, daß es spezielle Anweisungen zum Unterrichterteilen geben wolle oder eine ins einzelne gehende erzählende Darstellung jener mütterlichen Unterweisung bilden solle, in der Pestalozzi das Fundament aller Bildung verehrte. Dies ist aber nicht der Fall; nur die Weckung des Vater und Muttersinnes war sein Wesen und seine Mission.„ Wenn auch Vater und Mutter dem Kinde mangeln, so darf ihm doch der Vater- und Muttersinn in der Erziehung nicht mangeln; mit ihm mangelt dem armen verwaisten Geschöpf trotz aller Schulen, die ihm offen stehen, und trotz aller Brot- und Kleiderhilfe das erste Fundament seiner Bildung zur Menschlichkeit: das Gefühl der Liebe, des Dankes, des Von den Organisationen. In Trier, dem schwarzen" Vertrauens." Es ist ein Wert, sagt Professor Rein, das in Trier, beginnen die Frauen des werktätigen Volkes sich dem feiner Weise dem Zusatz seines Titels entspricht, ein Wert, Banne der Pfaffenherrschaft zu entziehen. Es wurde ein in dem sich zudem die ganze Schwierigkeit für Pestalozzi Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterenthüllt, eine flare und bindende Auseinandersetzung zu klasse gegründet, der sich bemühen wird, seine Mitglieder geben; aber ein Werk, welches, indem es einerseits von geistig auszurüsten zum Kampfe für die Befreiung aller GeBestalozzis mühevollem Ringen zeugt, die Grundlinien einer knechteten und Ausgebeuteten. Vorsitzende der Organisation naturgemäßen Unterrichtslehre zu ziehen, andererseits einen ist Frau Marie Wiertelorsch. Unseren Genossinnen die besten zermalmenden, ingrimmigen Kampf gegen die fundamentlose Wünsche für den Erfolg ihres Werkes! Bildung seiner Zeit führt. Auf diesen beiden Punkten beruht der durchschlagende Erfolg, der Eindruck, den es auf die Zeitgenossen machte! Aus der Bewegung. Weil die Schule nun mehr lehrt als erzieht, bleibt das In Brambauer( Kreis Dortmund) sind die Proletariewichtige Geschäft der Kindererziehung großenteils den Eltern rinnen schon längst zur Erkenntnis ihrer Lage erwacht. Geüberlassen. Besonders der Frau. Sie ist die eigentliche handelt aber haben sie bis vor kurzem noch nie. Sie legten Erzieherin der Kinder. Zufolge ihrer Eigenschaft als Das Buch zerfällt in fünfzehn Abschnitte, die in Form die Hände in den Schoß, sich mit den bekannten Gründen Mutter der Kleinen übt sie einen tiefgehenden Einfluß auf von Briefen an Pestalozzis Freund Geßner gehalten find. beruhigend, daß Frauen im öffentlichen Leben nichts zu den sittlichen, geistigen und körperlichen Zustand der Kinder Der erste Brief berichtet von Pestalozzis innerem Drange, suchen haben, daß es auf sie nicht ankomme und andere Ausdie er irrigerweise in der reden noch von ähnlicher Güte. Nun soll das anders werden. aus. Der Vater kann an der Erziehung wenig oder gar die Quelle des Volkselendes feinen Anteil nehmen, weil die beruflichen und wirtschaft mangelhaften Erziehung gefunden zu haben glaubte zu Im ersten Quartal dieses Jahres erfolgte die Gründung lichen Verhältnisse ihn meist zwingen, fast den ganzen Tag verstopfen, und über die Versuche, die er dazu schon ge- eines Bildungsvereins für die Frauen und Mädchen der außerhalb des Hauses zu sein. Allerdings gibt es heute im macht; auch enthält der Brief wichtige Aufschlüsse über des Arbeiterklasse. Seine Mitglieder sind von dem heißen Drange arbeitenden Volte auch Hunderttausende Mütter, welche in Verfassers Erlebnisse auf dem Neuhof, in Stanz und Burg nach Aufklärung und dem ernsten Wunsche beseelt, die sich erster Linie von dem Erwerbsleben in Anspruch genommen dorf. Der zweite und dritte Brief bilden Fortsetzungen regenden Kräfte der guten und großen Sache des werktätigen werden und sich nur nebenbei ihren Kindern zu widmen hiervon; im vierten spricht er von der traurigen Beschaffen- Volkes zu widmen. Natürlich wird der jungen Organisation vermögen. Aber immerhin üben sogar sie im allgemeinen heit des Volksunterrichtes, von den Schulübeln,„ die Europas mit allen Mitteln entgegengearbeitet. Gleich in der öffenteinen größeren Einfluß als der Vater auf die Entwicklung größere Menschenmasse entmannen" und die er nicht über- lichen Versammlung, wo es sich um ihre Gründung handelte, des Kindes aus. In schier übermenschlicher Anstrengung fleistern, sondern in der Wurzel heilen wolle. Dazu will er bekämpfte der Herr Pastor das Vorgehen der Frauen. Geihrer Kräfte suchen sie ihrer Doppelaufgabe gerecht zu die mechanische Form des Unterrichtes den ewigen Ge- nofsin Hübner antwortete ihm und bewies, daß die Frauen werden, indem sie für die Pflege der Kinder jede Minute setzen unterwerfen, nach welchen der menschliche Geist sich in punkto ihrer Interessen sich nicht mehr ein& für ein U verwenden, welche die Erwerbsfron frei läßt. So steht das von sinnlichen Anschauungen zu deutlichen Begriffen erhebt, vormachen lassen. Die Anfänge der proletarischen FrauenKind in dem Alter, in dem es für alle Eindrücke am em oder die mechanischen Gesetze des Unterrichtes den ewigen bewegung am Orte versprechen eine gute Entwicklung. H. Bericht der Vertrauensperson der Genossinnen von pfänglichsten ist, vor allem unter dem Einfluß der Mutter. Gesetzen der menschlichen Natur unterordnen". Damit spricht In dieser Zeit können die entwicklungsfähigen Keime in er das eigentliche Thema der Schrift aus. In den Bromberg. Im letzten Jahre haben hier eine Reihe von ihm durch eine vernünftige und sorgfältige Pflege unend weiteren Briefen stellt er nun für die Mutter den Haupt- Agitationsversammlungen stattgefunden, welche die prolelich gefördert werden. Freilich besteht auch die Gefahr, daß grundsatz auf, daß sie vom ersten Augenblick an, wo sie tarischen Frauen politisch wie gewerkschaftlich aufklären und das Kind, wenn diese Pflege fehlt, arm gemacht wird, viel das Kind auf den Schoß nimmt, es durch die An- schulen sollten. Ein kleiner Stamm von Genossinnen ist eifrig leicht so arm, daß es für sein ganzes Leben arm an Geist schauung unterrichten und ihm durch dieselbe alle bestrebt, die Ideen der modernen Arbeiterbewegung in immer und Gemüt bleibt. Deshalb erfordert die Erfüllung der wesentlichen Vorkommnisse vor die Sinne bringen soll, um größere Kreise der Frauen zu tragen. Zu diesem Zwecke mütterlichen Erziehungspflichten nicht allein Liebe, an der ihren Eindruck unvergeßlich zu machen. Auch verbreitet er wird unter anderem rührig für die Verteilung der„ Gleichdas Mutterherz ja immer reich genug ist, sondern auch Taft sich über das Chorsprechen und über die Einführung des heit" gearbeitet, und das mit Erfolg. Auch im neuen Jahre und vor allem Bildung. Wer erziehen will, muß Taftes dabei, über die Mittel zur Veranschaulichung beim geht es rüstig vorwärts. Im ersten Quartal 1905 hatte die selbst erzogen sein. Und wenn die Aufgabe und der Buchstabieren und elementaren Rechnen; namentlich spricht Vertrauensperson eine Einnahme von 70,19 Mt., den KassenZweck der Erziehung in der Entwicklung des Menschen zu er sich über die Einteilung der Lehrgegenstände aus, indem bestand vom 31. Dezember mit 9,19 Mt. eingerechnet. Die einer harmonischen Persönlichkeit bestehen, so ist es selbst- er die sinnliche Anschauung irrigerweise auf die drei Haupt- Ausgaben betrugen 30,04 Mt., so daß ein Kassenbestand von 82 Die Gleichheit Nr. 14 ö0,1ö Mk. zu verzeichnen war. Die Rechnungslegung wurde von zwei beauftragten Genossinnen geprüft und für richtig befunden. Die Genossinnen werden mit aller Rührigkeit und Ausdauer weiter vorwärtsstreben. E. Stoeßel. Bericht der Kreisvertrauensperson für Teltotv-Bees- kotv-Storkow-Charlottenburg. Der genannte Wahlkreis ist seiner Beoölkerungszahl nach der zweitgrößte von ganz Deutschland. Die Bevölkerung ist weder rein städtisch, noch rein ländlich, doch gibt es im Kreise viele Jndustrieorte, m denen zahlreiche Frauen und Kinder beschäftigt werden. Den Genossinnen steht somit ein großes Tätigkeitsfeld nicht nur für die politische Aufklärung, sondern auch für die gewerkschaftliche Organisierung der Proletarierinnen offen. Die große Ausdehnung des Kreises erschwert die Agitation und läßt sie nur langsam vor sich gehen, aber vorwärts geht es trotzdem, und zwar in recht erfteulicher Weise. In den vier Jahren meiner Tätigkeit als Vertrauensperson ist es mir gelungen, in zehn Orten die Wahl örtlicherVertrauens- personen zu veranlassen, die mit mir gemeinsam die Agitation betreiben. Auf Grund der engen Fühlung, welche zwischen uns besteht, wird genau nach Vereinbarung und einheitlich gearbeitet. Ortliche Vertrauenspersonen sind tätig in Schöneberg, Wilmersdorf, Steglitz, Friedenau, Köpenick, Adlershof, Rixdorf, Britz, Joh annis- t h a l und Tempelhof. Im Kreise existieren sieben Frauenbildungsvereine mit zusammen 480 Mitgliedern. An der politischen Agitation, der Parteiarbeit, beteiligten sich 123 Genossinnen aktiv. Seit Oktober 1904 bis April 1905 haben neunzehn große Agitationsversammlungen stattgefunden, davon fünf für ein freies Vereins- und Versammlungsrecht, drei gegen dieSoldatenmißhandlun gen und eine zur Erörterung des politischen Massenstreiks. In allen Versammlungen ward fleißig für die „Gleichheit" agitiert, deren Leserinnenzahl im April 168 betrug. Es wurden 20000 Broschüren über die Schulfrage (das Referat der Genossin Zetkin) verteilt und 2000 Merkblätter über die Bekämpfung des Gebärmutterkrebses von vr. Zadel und vr. Freudenberg. Für die Agitatton wurden seit Oktober letzten Jahres abgeliefert je 90 Mark von den Genossinnen von Köpenick und Adlershof, je 50 Mark von den Genossinnen von Nixdorf und Schöneberg, 80 Mark von den Genossinnen von Friedenau-Steglitz. Weitere Bettäge wurden auf Sammellisten gezeichnet. Die Frauen bringen selbst die Gelder auf, deren sie für ihre Arbeiten benöttgen. Sie beteiligen sich aber außerdem auch an allen Sammlungen, welche der politische und wirtschaftliche Klassenkampf des Proletariats notwendig macht. Für die Streikenden im Ruhrgebiet brachten die Genossinnen des Kreises zum Beispiel 265 Mark auf. Nachdem unsere Bewegung unter den Frauen der größeren industtiellen Orte festen Fuß gefaßt hat, wollen die Genossinnen nun die Agitatton auf dem Lande mit allem Nachdruck betreiben. Sie verbretten zu diesem Zwecke Broschüren, die„Gleichheit" und anderes aufklärendes Material. Dadurch erhalten sie Gelegenheit, mit den Frauen persönlich zu sprechen, sie auf ihre schlechte wirtschaftliche und unfreie soziale Lage aufmerksam zu machen, sie auf den polittschen und gewerkschaftlichen Kampf der Arbeiterklaffe hinzuweisen und ihnen klar zu machen, daß ihr eigenes Interesse die Beteiligung daran fordert. Viele unserer geschulten Genossinnen beteiligen sich auch an den Agitationstouren, welche die Genossen veranstalten. Hervorgehoben sei, daß die Genossinnen und Genossen überharrpt bei ihrer Agttattonsarbcit Hand in Hand schaffen, soweit das herrliche preußische Vereinsrecht dies zuläßt. Mit unserer Agitation haben wir bereits unter anderem ein recht gutes Resultat erzielt. Ein großer Teil der Frauen hat begriffen, daß es ein schweres Unrecht ist, wenn sie die Männer im Kampfe für das Wohl ihrer Familie und ihrer Klasse hindern. Sie halten sie nicht mehr vom Leisten der Beiträge, dem Hatten der Arbeiterpresse, dem Besuch der Versammlungen ab, sondern treiben sie an, ihre Pflicht zu erfüllen. Stetig und auffällig wächst die Zahl der Frauen, die ihre Männer in die Versammlungen begleiten, und zwar nicht bloß in die öffentlichen Versammlungen, sondern auch in die Versammlungen der Wahlvereine. In den letzteren müssen sie es sich freilich gefallen lassen, zur Sicherheit und zum Ruhme des preußischen Staates von ihren Männern durch eine Barriere oder auch nur durch eine Waschleine getrennt zu werden, damit das vom „seligen" Polizeiminister erfundene„Segment" hergestellt wird. Ab und zu erfolgt auch wohl die Auflösung einer Versammlung wegen Anwesenheit von Frauen. Die Polizei betrachtet es noch immer als eine bitterernste Aufgabe, die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben möglichst durch Kniffe und Püffe zu hindern. Unser Kreis grenzt zwar dicht an Berlin, was aber die Praxis des Vereins- und Versammlungsrechtes gegenüber den Proletarierinnen anbelangt, so könnte man meinen, daß für ihn andere Gesetze gelten als in der benachbarten Hauptstadt. Wir hatten zur Zeit der Reichstagswahl, gleich den sozialdemokratischen Frauen Berlins, einen Frauenwahlverein gegründet, was nach dem Gesetz unser gutes Recht war. Trotzdem wurde er von der Polizei verboten. Meine Beschwerde wurde erstens vom Amtsvorfteher, zweitens vom Landrat, drittens vom Regierungspräsidenten und viertens vom Ober- verwaltungsgericht kostenpflichtig abgewiesen. Sogar gegen das Verteilen der„Gleichheit" meinerseits an die Abonnen- ttnnen glaubte die Behörde einschreiten zu müssen. Als ich einmal hie Leserinnen unseres Organs zusammengerufen hatte, um ihnen dieses zu verabfolgen, wurde ich wegen angeblicher Abhaltung einer straffälligen Versammlung denunziert. Ich sollte für dieses vom„Auge des Gesetzes" entdeckte Verbrechen 50 Mark Geldstrafe zahlen. Die von mir beantragte richterliche Entscheidung verdonnerte mich zu 30 Mark. Zwar konnte man mir die Moritat nicht nachweisen, deren ich angeklagt war, allein ich beschäfttge mich mit öffenttichen Angelegenheiten und außerdem bin ich „vorbesttaft", weil ich wegen der Verkettung eines Flugblattes während des Schneiderstreiks zu 5 Mark Buße ver- urtellt worden bin. Das genügte! In der Berufungsinstanz machte der Verteidiger die Verjährung geltend, und ich wurde daraufhin freigesprochen. Den Staatsanwalt aber ließ die „ungerochene Straftat" offenbar nicht schlafen. Dank ihm wurde das freisprechende Urteil aufgehoben und die Klage gegen mich wieder aufgenommen! Im fünften Termin, nachdem sich die Angelegenheit wie der Wurm, der nicht sterben kann, durch eineinviertel Jahr hingezogen hatte, wurde ich schließlich von der höchsten Instanz freigesprochen. Die erheblichen Kosten des Rechtshandels, die nicht durch meine Dummheit entstanden waren, wurden der Staatskasse, das heißt den Steuerzahlern aufgehalst. Davon abgesehen zeigen die Verhältnisse, daß die behördlichen Schikanen unsere Frauenbewegung nicht ersticken, sondern nur fördern. Unser Wahlverein hat zirka 500 Mitglieder gezählt— das polizeiliche Verbot traf nämlich erst nach den Wahlen ein—, die „Gleichheit" gewinnt immer mehr Leserinnen, die Frauen nehmen in wachsender Zahl an den Versammlungen und den Arbeiten der Sozialdemokratte teil. Die polizeiliche Schneidigkeit und Klugheit hat nur den Erfolg, größeren Kreisen die Augen über das Wesen des Klassenstaats zu öffnen und die Empörung gegen ihn zu steigern. Sie verrichtet für uns eine recht wirksame Agitation, die uns keinen Pfennig kostet und den Eifer der Genossinnen stets aufs neue anspornt. Soweit die Frauen unseres Kreises zum selbständigen Denken über ihre Lage erwacht sind, lassen sie sich nicht durch die Tücken der kapitalistischen Welt einschüchtern. Ihre Losung ist: Durch Kampf zum Sieg! Sie kämpfen, bis auf der Erde herrscht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Marie Thiel-Tempelhof, Kreisvertrauensperson. Politische Rundschau. Es ist auch ein Kennzeichen der Zustände in Preußen- Deutschland, daß das preußische Herrenhaus gewissermaßen das letzte Wort in unserem parlamentarischen Leben behalten hat. Während der Reichstag unter plötzlichem Abbruch aller Geschäfte Hals über Kopf schon Ende Mai nach Hause geschickt wurde, hat das preußische Herrenhaus noch Ende Juni dem Berggesetz den Stempel seiner Erbweisheit aufdrücken können. Der junkerlichen Hochburg waren sogar die dürftigen Zugeständnisse an die Bergarbeiter, die von den Geldsacksverttetern des Abgeordnetenhauses in der Vorlage übrig gelassen waren, noch viel zu arbeiterfteundlich, sie genehmigte den Torso nur aus Angst vor der sozialdemokratischen Ausnutzung der Lage, wenn in Preußen gar nichts zustande gekommen wäre, zu einer verstärkten Propaganda für ein Reichsberggesetz. Die Herren irren sich allerdings gewaltig, wenn sie glauben, daß die Arbeiter sich mit der preußischen Spottgeburt eines Arbeiterschutzgesetzes zufrieden geben würden. Selbst die christlichen Gewerkschaftler haben ihrem Unwillen über das Spiel, das man mit ihnen getrieben hat, deutlich Ausdruck gegeben. Unseren Parteigenossen im Ruhrgebiet, wie in ganz Deutschland wird die Berggesetznovelle samt den Debatten darüber eine fortgesetzte Quelle aufklärender Agitatton sein. Die preußischen Herren haben ja auch selbst wieder Erkleckliches zu unserem Aufklärungsmaterial beigetragen. Sehr wichtig ist die Enthüllung, daß die preußische Regierung selbst sich nicht gescheut hat, mit Stumms seligen Erben im Saargebiet eine Vereinbarung zu gemeinsamen „Schwarzen Listen" zu treffen. Die preußischen Staatslenker machen sich also selbst schuldig,„einen Arbeiter, der arbeiten will", an der Arbeit zu hindern, was nach einem bekannten Wort mit„schlimmsten Strafen" heimgesucht werden soll. Man wird sich das merken für den Fall, daß wirklich die Regierung es wagen sollte, der Herrenhausanregung auf Einbringung einer neuen Zuchthausvorlage Folge zu leisten. Denn darauf kommt in der Tat eine von dem schneidigen Herrn v. Burgsdorff eingebrachte Resolutton hinaus, mit der die Edelsten der preußischen Natton ihre Arbeiterseind- lichkeit in echt junkerlicher Unverftorenheit dokumentarisch festgelegt haben. Aber auch sonst brach diese Gesinnung roh und plump aus allen ihren Reden hervor. Offene An- fehdungen des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts polterten auch bei dieser Gelegenheit die Roon, Mirbach und Manteuffel heraus. Sie lauern nur auf den starken Mann, den Gurgelspringer mit mangelhaftem Intellekt, und auf die Bundesgenossenschaft des Zentrums, dann kann der Tanz losgehen. Dieser lauernden junkerlichen Erbweisheit ist nun ein willkommener Vorbote zentrümlichen Volksverrats erstanden in der Person des Herrn Gröber, der als württembergischer Abgeordneter bei Beratung der Verfassungsreform kein Hehl daraus gemacht hat, daß ihm das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht ein Scheuet und ein Greuel ist. In einer Vertretung des Volkes nach beruflichen Interessentenkreisen, also im zunftzopfigen Kastenwesen, erblickt er das Heilmittel gegen die bedrohlich zunehmende sozialdemokratische Verseuchung des Volkes. Und solche Entwicklung, oder besser gesagt Selbstentlarvung erleben wir nun an dem„Volksmann" Gröber, der bis in die neueste Zeit in dem Rufe stand, kräfttglich die demokratischen Tendenzen in der buntscheckigen Schutztruppe der Papstkirche zu vertreten! Was soll man sich wundern über die reaktionären Allüren all der Kraut- und Schlotjunker in der Schlüsselsoldatenlivrce! Die paar Hausknechtsgrobheiten der Heim und Konsorten können den faden Zentrumskohl auch nicht mehr salzen. Der typische Vertreter der heutigen Zentrumspartei ist doch ihr Generalfeldmarschall, der Präsident Graf Ballestrem, der, in bewährter Untertänigkeit ersterbend, in das herrenhäusle- rische Gekrächze nach einer Zuchthausvorlage einstimmte. So ballen sich allgemach sichtbar vor unseren Augen die reattionären Elemente in Deutschland zusammen, um einen verzweifelten Versuch zu machen zur Zerschmetterung der Sozialdemokratte, zur Entrechtung und Unterdrückimg des Proletariats. Und das— welche Ironie der Geschichte!— wo wir Augenzeugen sind des schmählichsten Zusammenbruchs des absolutisttsch-bureaukratischen Regierungssystems in Rußland, des besten Hortes der europäischen Reaktion. Immer ekelhafter werden die Fäulniserscheinungen, die da an diesem verrotteten Staatswesen zutage treten, immer gewaltiger aber auch die fesselsprengenden Zuckungen des zum Freiheits- gefühl erwachenden Volkskörpers, immer blutiger die Zusammenstöße zwischen den Schergen und den Freiheitskämpfern. Und da ist denn auch endlich die Revolution in die längst erwartete Erscheinungsform der Empörung der bewaffneten Macht getreten. Zwar Vorboten davon'hat es längst gegeben. Der Kartätschenschuß auf das Kaiserei! beim Fest der Wasserweihe in Petersburg war ein erstes Signal, ein zweites die Meuterei im Arsenal in Sewastopol Jetzt ist die Masseneruption erfolgt. Die Marine meutert gegen den Zaren und seine Schergen. Das ist offenbar die Antwort der Masse auf die schmähliche Hinopferung der Tausenden ihrer Kameraden durch die Entsendung der Roschdjestwensky-Flotte. In dem Zeitpunkt, da wir dieses schreiben, läßt sich der Ausgang der Marinemeuterei noch nicht übersehen. Aber so viel steht fest, daß sie sich nicht beschränkt auf das eine Kriegsschiff, auf deni sn den Ausgang genommen, auf dem Knjäs Potemkin, daß sie übergegriffen hat auf andere Schiffe der Schwarzmeerflotte, und daß der zündende Funke hinübersprang vo» Odessa nach der Ostsee, nach Li bau, ja sogar nach Kronstadt, dem Kriegshafen von Petersburg. Fest steht ferner, daß die gemeldete Kapitulatton des Potemkin beim Nahen der Flotte von Sewastopol wieder einmal eine Lügenmär der Zarenschergen war. Der kommandierende Admirat hat nicht gewagt, das meuternde Schiff in Odessa anzugreifen. Eins seiner Schiffe ist vielmehr zu den Meuterern übergegangen. In dem Rückzug Kriegers von Odessa symbolisiert sich die Kapitulation des Zarentums vor der Revolution. Was auch di« nächste Zeit bringen mag, das Ereignis läßt sich nicht mehr auslöschen. Mögen selbst die revoltterenden Seeleute an irgendwelchen widrigen Umständen zugrunde gehen, ehe de« Zarismus gestürzt ist, ihr erster Erfolg hat jedenfalls de« Zarentum das Todesmal auf die Stirn gedrückt. Das raubs der Gewaltherrschaft den letzten Nimbus. Sache der russischen Revolutionäre ist es, die letzten Schläge zu führe», die den wankenden Koloß zum Stürzen bringen. L.b- Genossenschaftliche Rnudschau. Der Genossenschaftstag des Zentralverbandes! deutscher Konsumvereine, der vom 19. bis 21. Juni in Stuttgart stattgefunden hat, war von 190 Konsumvereines mit 428 Verttetern, von der Großeinkaufsgesellschaft uns! den 7 Landesverbänden beschickt. Neben den Konsumvereinen Englands, Dänemarks, Österreichs, der Schweiz, Mailand-! der und den deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaflsoer� bänden waren die Verbände der Lagerhalter, der Handlungsgehilfen, der Bäcker und die Generalkommission der deutsche»! Gewerkschaften vertreten. Auch die württembergische Regie! rung und die Stadt Stuttgart hatten Vertreter entsandt- der Reichskanzler und Gras Posadowsky erklärten die Enl-> sendung eines Kommissars für„nichl angängig". Der Bericht des Verbandssekretärs Kaufmann. über die Entwicklung des Verbandes 1904 ergab eine kräftig Fortschrittsbewegung. Es betrug die Zahl der Der Allgemeine Verband der deutschen Erwerbs- uns! Wirtschaftsgenoffenschaften zählte 1904 noch 272 Konsun» vereine, wovon 251 mit 248004 Mitgliedern und 54 220 01 st Mark Umsätzen. Mit Einschluß der zahlreichen, keinem Ve»' bände angeschlossenen, meist kleinen Vereine kann man st mehr als 1800 Konsumvereine mit mehr als 1 Million Mi� gliedern und etwa einer Viertelmilliarde Umsatz rechnen. D»! es sich zumeist um Familien handelt, wäre danach ettv» ein Zwölftel des deutschen Volkes konsumgenosfenschaftlicb organisiert, zwei Drittel davon im Zentralverband, der heute schon über 800 Vereine zählt. Der Zentralverband gibt zwei Preßorgane heraus: di- „Konsumgenossenschaftliche Rundschau" in 6400, das„FraueU- genossenschaftsblatt" in 146000 Exemplaren. Die Gründung der Unter st ützungskasse wurde inst dem bereits mitgeteilten Statut von einer großen Majorität. angenommen. Eingefügt wurde dem Statut, daß die beteiligten Gewerkschaften Sitz und Stimme im proviso- Nr. 14 Die Gleichheit Notizenteil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. über die weitere Entwicklung des genossenschaftlichen Arbeitsverhältnisses sprach Kaufmann. Er empfahl die inhaltlich bereits mitgeteilte, mit dem Verband der Handlungsgehilfen und gehilfinnen getroffene Vereinbarung. Sie wurde mit dem abschwächenden Zusatz der Durchführbarkeit im allgemeinen" angenommen. Die von Genossin Steinbach namens der Arbeiterfrauen erhobenen Einwände gegen den Achtuhrladenschluß an Sonnabenden und die völlige Sonntagsruhe wurden von mehreren Seiten zurückgewiesen. Nun muß für die Durchführung der beschlossenen Grundsätze gewirkt werden, die in manchem rückständigen Verein noch schwere Mühe kosten wird entnehmen: gerade bei den Mitgliedern, die noch allzuoft in ihrer Genossenschaft eine ganz gemeine Dividendenmelkmaschine, m nicht ein Drgan des sozialen und moralischen Fortschritts erblicken. Ein Antrag, den Vorstand zur Anknüpfung neuer Verhandlungen über einen Tarifvertrag mit dem Verband der Handels- und Transportarbeiter zu erDie Entwicklung des weiblichen Mitgliederstandes der deutschen Gewerkschaften in den drei letzten Jahren veranschaulicht die nachstehende Tabelle, die wir dem bereits in letzter Nummer gewürdigten trefflichen Bericht Legiens Ab= Prozentsatz der Organisterten zur Zahl der Berufsangehör. Organisation Zahl der weiblichen Mitglieder tm Jahre Bon 1903 auf 1904 1902 1903 1904 80+ ng amgou 33 83 rischen Verwaltungsrat erhalten. Ein Antrag, die Versiche Der Vorteil der Ronsumvereine für die Hauswirt diese ihrerseits zunächst eine besondere Seftion des Tabat rungspflicht auf die weiblichen Angestellten von 21 bis fchaft geht aus nachstehender, vom Konsumverein Vorwärts arbeiterverbandes unter eigener Leitung bilden sollen, ist 25 Jahren auszudehnen, fand leider keine Annahme. Der in Barmen aufgestellten Untersuchung deutlich hervor. Zwei nebensächlich und bestimmt, der Empfindlichkeit der Fabri Referent v. Elm schloß mit den Worten:„ Wir Genossen- Mitglieder deckten ihren Gesamtbedarf eine Woche lang in fanten ein Pflästerchen aufzulegen. Denn das ist entscheidends schafter haben die Aufgabe, der Welt, in der heute noch der Privatgeschäften und zahlten dafür der erste 7,30 Mt., der die Sektion wird dem+++ Zabalarbeiterverband angegliedert Egoismus die größte Rolle spielt, zu zeigen, was durch zweite 10,24 Mt. Jm Genossenschaftsladen kosteten die Einige Konzessionen haben die Arbeiterinnen auch betreffs Solidarität und Zusammenschluß der Kräfte möglich ist." gleichen Waren nur 6,19 beziehungsweise 7,97 M., wovon ihrer Lohnbedingungen errungen, dazu das Zugeständnis, daß Nun gilt es, die einzelnen Vereine zu möglichst raschem An- noch 5% Prozent Rückvergütung abzuziehen sind. So ergibt wegen des Kampfes feine Maßregelungen stattfinden sollem schluß an die Kasse zu bestimmen, fleinliche Mißgunst und sich eine Ersparnis von 20 beziehungsweise 17 Prozent Die letztere Zusicherung ist freilich zunächst platonischer Natur) Angst um die höchsten„ Dividenden" zurückzudrängen zu oder, aufs Jahr berechnet, von 75,42 beziehungsweise 91,69 da die Wiedereinstellung der Ausgesperrten nur in dem gunsten einer wichtigen sozialpolitischen Aufgabe. Mart. Dabei ist der Vorteil der besseren Qualität und des Maße erfolgt, als die vorliegenden Aufträge, bezw. die all vollen Maßes noch nicht in Anschlag gebracht. Zahlen be- gemeine Geschäftslage das gestattet"! Bis jetzt haben erst zwet weisen. Simon Kazenstein. Drittel der wackeren Kämpfer wieder Arbeit gefunden, der Rest ist auf dem Pflaster geblieben, weil die Plätze von Arbeitswilligen eingenommen worden sind. Da diese zwar mit„ guter Gesinnung", aber schlecht schaffen, so wird allmählich die gute Arbeit siegen. Einstweilen gilt es aber mit aller Kraft diese Opfer des Kampfes zu unterstützen. Die Dresdener Richter werden ihnen noch weitere zugesellen, denn noch harren der Verurteilung die Missetäterinnen und Missetäter, die in der Hitze des Kampfes das überaus feine Ehr gefühl von Arbeitswilligen durch ein unbedachtes Wort vers letzt haben. Daß Kämpfende als„ Streifelnders" usw. be schimpft wurden, darüber hat natürlich kein polizeilicher oder juristischer Hahn gekräht. Die Gerechtigkeit ist bekanntlich die Grundlage der Reiche auch im Kapitalistenstaat. Der Verlauf des Kampfes hat die aufklärende, erzieherische Arbeit gezeigt, welche die Organisation an Tausenden von Frauen und Mädchen geleistet hat, denen bis vor kurzem jedes Verständnis für ihre Lage, jedes Solidaritätsgefühl 1,09 mangelte, die nicht über ihre nächstliegenden kleinen Augen12,00 blicksinteressen hinausdachten. Die Haltung der Kämpfenden 39,49 ist in jeder Beziehung eine musterhafte gewesen. Nur ganz 33,90 wenige Streifbrecherinnen haben sich unter ihnen gefunden. Solche hat das Unternehmertum außerhalb der Kreise der 8,20 Bigarettenarbeiterinnen geworben, besonders als Heimarbeite 0,44 rinnen, und zwar nicht bloß unter Proletarierinnen, sondern auch in größerer Zahl unter den Frauen und Töchtern der„, besseren Stände". Die Fabrikanten wendeten sich in großen Plakaten und Annoncen in bürgerlichen Blätter ausdrücklich an die letzteren und versprachen ihnen außer hohem Verdienst auch Wahrung des Standesdünkels dadurch, daß durch Bringen des Materials und Abholen der Ware diskret verschleiert werden solle, daß bessere Frauen"," höhere Töchter" als Streifbrecherinnen für Bettelpfennige arbeiteten. Die Arbeiterfreundlichkeit der Dresdener Frauenrechtlerinnen, der von Weitherzigen hier 1,98 und da entdeckte„ Sozialismus" von Frau Stritt insbesondere 4,92 haben angesichts dieser Tatsachen auffällig geschwiegen. Wir 10,69 haben nirgends gelesen oder gehört, daß von seiten der 24,29 Damen den Streifbrecherdiensten bürgerlicher Frauen ents 15,30 gegengearbeitet worden wäre. Um so energischer haben dies die Gewerkschaften der Buchbinder, Buchdruckereihilfsarbeiter, 41,38 andere noch und unsere Genossinnen getan. Besonders rührig 229 20,55 hat Genossin Wackwitz die Interessen der Zigarettenarbeite 4,22 rinnen vertreten. Diese werden sicherlich die Lehren des harten, opferreichen Kampfes ziehen. Mit der gleichen 9,89 Treue und Begeisterung, mit der sie um ihr Recht gerungen haben, werden sie an der Organisation festhalten. Die Reihen dichter zu schließen, der Gewerkschaft alle zuzuführen, die ihr heute noch in dumpfer Hoffnungslosigkeit fernstehen, dies ist die Aufgabe, der die Zigarettenarbeiterinnen ihre Kraft widmen, bei deren Erfüllung sie seitens der Genossinnen tatkräftigst unterstützt werden müssen. Es gilt weitere, größere Siege vorzubereiten. ? 98 98 46 95 62 2835 3823 5525 1702 922 1412 2092 680 9 3485 14 8897 28 14 I 4921 1024 4 18| TIL 24 3 3 2 17 113 197 33 135 1 mächtigen, wurde angenommen. Die bereits gepflogenen Blumen- u. Federarbeit. waren ergebnislos verlaufen, da der Zentralverband den mit Brauereiarbeiter dem Bäckerverband abgeschlossenen Vertrag zugrunde gelegt Buchbinder hatte, auf den die Gewerkschaft nicht eingehen wollte. Der Buchdruck- Hilfsarbeiter Vorsitzende des Bäckerverbandes, Allmann, erklärte Bureauangestellte. sich von der Durchführung des Tarifs im allgemeinen be- Fabrikarbeiter friedigt. Nach dem Bericht des Sekretärs haben die großen, Fleischer. dem Zentralverband angehörigen Vereine den Tarif durch Gärtner. geführt. Freilich seien neben außerhalb stehenden Genossen- Gastwirtsgehilfen schaften noch 17 Verbandsvereine mit der Einführung des Gemeindearbeiter Tarifs im Rückstand. Deren Nachfolge müsse erwartet werden. Glasarbeiter Schließlich protestierte der Genossenschaftstag noch nach Hafenarbeiter einem Referat von Schmidtchen energisch gegen die Umsatz- Handels-, Transport117 und Verkehrsarbeiter steuern und sonstige zur Mittelstandsrettung" geübten Steuerprattifen zum Nachteil der organisierten Konsumenten. Handlungsgehilfen. An den Genossenschaftstag schloß sich vom 22. bis 23. Juni Lagerhalter. die Generalversammlung der Großeinkaufs- Handschuhmacher gesellschaft deutscher Konsumvereine. Die Groß- Holzarbeiter. einkaufsgesellschaft hat in ihrem elften Geschäftsjahr einen Hutmacher. Umsatz von rund 33 930000 Mark erzielt( 7483500 Mart Konditoren Von dem Kürschner gleich 28,3 Prozent mehr als im Vorjahr). Reingewinn von 200344 Mart wurden 70000 Mark Masseure. als Dividende von ein Viertel Prozent den Vereinen zu- Maler gewiesen, der Rest auf verschiedene Fonds verteilt. Die Metallarbeiter Generalversammlung setzte, um einen Produktionsfonds zu Porzellanarbeiter begründen, die Dividende von drei Behntel auf ein Viertel Sattler.. Portefeuiller. Prozent herab. • • 29 18 88 4 111111111111 50,90 0,52 0,84 1,91 84 11 8 475 698 223 8,43 892 1400 1717 317 . 17 25 27 2 61 49 33 16 • 553 447 569 122 212 321 475 154 18 166 505 339 63 . 172 215 43 43 32 32 12 12 3453 • 5568 309 291 5339 361 70 30 39 68 29 86 87 1 834 897 1072 175 92 435 534 99 1954 2880 2816 5533 5825 7761 1936 102 125 32 23 32 29 6654 12040 13126 1086 36 49 . Der Geschäftsführer Lorenz berichtete über die von dem Schneider ordnungsparteilichen Magistrat zu Aken a. E. der be- Wäschearbeiter schlossenen Gründung einer Seifenfabrit bereiteten Schuhmacher Schwierigkeiten. Doch sei die baldige Errichtung der Fabrit, Tabalarbeiter der heute schon ein Jahresabsatz von 100000 Zentner ge- Bigarrenfortierer sichert wäre, zu erhoffen. Ferner wurde die Errichtung eines Tapezierer eigenen Verwaltungsgebäudes mit eigener Textilarbeiter Druckerei im Prinzip beschlossen. Mit den Tagungen verbunden war eine genossenschaftliche Warenausstellung, auf der diesmal zuerst nur die genossenschaftliche Produktion und Warenvermittlung zur Geltung tamen. Aussteller waren die Großeinkaufsgesellschaft, Konsumvereine, die ihre Gebäude und Produktionsanlagen veranschaulichten, und Produktivgenossenschaften. Der Eindruck der gut beschickten Ausstellung war vorzüglich und dürfte seine propagandistische Wirkung zu gunsten des Ausbaus der Eigenproduktion nicht verfehlen. Besondere Aufmerksamkeit erregte das Bauprojekt der Hamburger Produktion", die ihren Verwaltungs- und Wohngebäuden weitere 300 bis 400 Wohnungen für Mitglieder hinzufügen will. Ort des nächstjährigen Genossenschaftstags ist Stettin.Gelegentlich des Genossenschaftstags hat sich ein Verband der Vorstandsmitglieder mit 118 Mitgliedern gebildet. Vergolder • . Summa · Zunahme. • . 1,36 64 29,24 78 28218 40666 48604 8327 389 12448 7938 12,78 8,47 4,22 11,56 5,21 Die Zahl der weiblichen Mitglieder in den deutschen Gewerkschaften seit 1891. Die folgende Tabelle, die ebenfalls der oben genannten Quelle entstammt, zeigt das Wachsen des weiblichen Mitgliederstandes in den Gewerkschaften: Mitgliederzahl im Jahresdurchschnitt Frauen in öffentlichen Ämtern. Die Heranziehung der Frauen zur Armenpflege hat dundie Stadtverordnetenversammlung von Darmstadt beschlossen. Für die Tätigkeit der Armenpflegerinnen sollen folgende Bestimmungen gelten: Die Stadtverordnetenversammlung wählt die Pflegerinnen nach Anhörung der Deputation aus großjährigen, unbescholtenen, in Darmstadt wohnhaften Angehörigen des weiblichen Geschlechtes. Die Pflegerinnen nehmen in der gleichen Weise und mit den gleichen Rechten wie die Bezirkspfleger an den Sigungen der Deputation teil. Ihre Aufgabe ist es, die Bezirkspfleger bei Erfüllung ihrer Obliegenheiten zu unterstüßen. Sie haben sich zu dem Zwecke mit diesen unausgesetzt in geschäftlicher Verbindung zu halten. Den Pflegerinnen sollen vor allem solche Fälle zur Erledigung überwiesen werden, die sich zur Behandlung durch weibliche Personen besonders eignen, wie die Unterstützung von Witwen, eheverlassenen Frauen mit Kindern, alleinstehenden Frauen und Mädchen, Wöchnerinnenund Kinderpflege usw. Die Fürsorge für Erhaltung von Ordnung in der Hauswirtschaft und für Erlangung geeigneter 13481 Beschäftigung für Frauen und Mädchen wird ebenfalls vorzugsweise ihnen überlassen bleiben. davon weibliche 4355 5384 5251 Jahr Bentralverbände insgesamt 1891. 1892 1893 62 277659 • 56 237 094 ·. 51 223530 • 54 246494 53 259175 51 329 230 6697 15265 1897 56 412359 57 493742 1899 55 580473 58 680427 57 677510 60 733206 1895. Sein vierzigjähriges Bestehen hat der Spar- und 1894 Konsumverein Stuttgart gefeiert. Er umfaßt jetzt mit mehr als 22000 Mitgliedern über die Hälfte der Familien 1896 Stuttgarts. Ein Unitum ist der Allgemeine Ronfumverein in Basel, der gegenwärtig rund 25500 Mitglieder zählt, also beinahe 1900 1902 1903 1904 63 63 887 698 1052 108 14644 19280 22844 23 699 28218 40666 48604 Quittung. alle Familien der Stadt von 120000 Einwohnern umfaßt. Im Jahre 1904 erzielte er in 80 Verkaufsstellen einen Um- 1901 satz von über 10800000 Mt., also über 430 Mt. pro MitBei der Unterzeichneten gingen für den Agitationsfonds glied. Der Verein beschäftigte 578 Personen, denen vom der Genossinnen vom 22. Mai bis Ende Juni ein: Aus Reinüberschuß eine besondere Vergütung von über 47000 Wt. Düren( Rheinland), durch Genossin Heusgen 4 Mt., zuteil wurde. Er besißt die größten Betriebe der Bäckerei, Der Kampf der Zigarettenarbeiterinnen von Dresden Karlsruhe Mühlburg vom Wahlverein als Beitrag für Schlächterei und des Milchgeschäftes in der ganzen Schweiz. ist beendet. Er schloß mit einem Frieden, der zwar nicht die Frauenbewegung, durch Fr. Nitschky 20 Mt., Altona, Der Versuch der Frauen, in die Verwaltung des Ersten alle berechtigten Forderungen der Arbeiterinnen erfüllt, ihnen durch Linchen Baumann 10 Mt., Flensburg, durch GeWiener Konsumvereins zu gelangen, ist mißlungen. Die aber doch in der Hauptsache gerecht wird. Den Arbeiterinnen nossin Meyer 5 Mt., Hadersleben, durch Genossin bureaukratisch- großkapitalistische Clique, die diesen mehr als bleibt ihr Koalitionsrecht; der Versuch, es ihnen zu rauben, Jakobsen 6,90 Mt., Hamburg für Bons, durch Genossin 40000 Mitglieder zählenden Verein beherrscht, hat mit Hilfe wurde im tapferen Ringen zurückgeschlagen. Solidaritäts- Bieg 100 Mt., Frauen des Kreises Nieder- Barnim als der rohesten und unlautersten Machenschaften diesen Ein- gefühl, Mut und Opferwilligkeit haben den berüchtigten Beitrag zu den Kosten der Reise zum Gewerkschaftskongreß, bruch in ihre Domäne zurückgewiesen. In einer öffentlichen Revers zerrissen, durch welchen die Zigarettenarbeiterinnen durch Genossin Jung 20 Mt., Bielefeld für Bons, durch Protestversammlung wurden die größten Rückständigkeiten sich verpflichten sollten, dem Tabatarbeiterverband nicht an Genossen Benter 25 Mt. Summa: 190,90 mr. Dantend quittiert: und Verwaltungsmißbräuche dieses„ bürgerlichen" Konsum- zugehören. Die Unternehmer haben den Verband und das vereins festgestellt. Recht der Arbeiterinnen zur Organisation anerkannt. Daß| Ottilie Baader, Berlin S 53, Blücherstr. 49, Hof II. 84 Die Gleichheit Nr. 14 N Die Bastille. B»n S«rman» Ltngg. Auf Trümmer der Bastille Die Trikolore pflanzt! Es ist des Volkes Wille, Hier wird getanzt. Wie schlug sich's unerschrocken In heißer Juniglut Beim Heulen aller Glocken Boll Todesmut! Es ruhte nicht, zu stürmen Das Denkmal seiner Schmach, Bis daß mit allen Türmen Die Zwingburg brach. Nun flieget, frohe Paare, Am Grab der Tyrannei, Tanzt über ihre Bahre, Die Welt ist frei! Die Mauer, jedem Pochen Und jedem Mitleid taub, Die Mauer ist zerbrochen Und sank in Staub. Es war ein Tag der Rache, Die Kerker stürzten ein. Tanz, junges Volk, und lache, Trink froh den Wein! Kränzt, Mädchen, eure Locken Mit dunkler Rosenzier, Nur Jubel und Frohlocken Erschalle hier. Auf Trümmer der Bastille Die Trikolore pflanzt! Es ist des Volkes Wille, Hier wird getanzt. Am Fenster.* Von Wilhelm Solzamer. Seit fünfundzwanzig Jahren sitzt Tante Amalie da oben an dem Fenster hinter dem grünen Straßenspiegel, dem Spion, schiebt die weißen Mullvorhänge ein wenig zurück und beobachtet das Leben auf der Straße. Vor dreißig Jahren ist sie in die Wohnung gezogen, drei Stuben, eine Küche und eine Kammer, eine Abteilung des Kellers und ein Stück Garten hat sie damals mit Tante Marie gemietet. Anfangs hatte Tante Marie den Sitz am Fenster inne, da war der eine Vorhang immer ein wenig zurückgeschoben, denn Tante Marie konnte mit ihren gichtigen Händen nicht jedesmal den Vorhang heben, wenn jemand unten auf der Straße vorbeiging, der ihr fremd oder wichtig war, oder sonst ein Vorgang sich abspielte, der ihr nicht entgehen durste. Damals war auch der Straßenspiegel gekauft und angeschraubt worden, und so gab er nun schon dreißig Jahre das Leben der Straße auf- und abwärts in seinen Scheiben wieder, aber seine Helligkeit hatte nicht zugenommen dabei. Tante Amalie störte das gerade nicht, daß er nun allmählich erblinden wollte. Denn damals schon wie heute noch sah sie nur wenig in den Spiegel, sondern sah lieber Menschen und Vorgänge selbst. Als nämlich Tante Marie gestorben war, fünf Jahre nachdem sie in die Wohnung gezogen waren, da nahm sie, Tante Amalie, den Platz am Fenster ein, strickte Strümpfe und Pulswärmer, Seelenwärmer und Bettdecken— nun schon fünfundzwanzig Jahre lang—, versorgte die ganze Familie mit warmem Wollcnzeug, ließ die alte, taube Magd die Küchenarbeit tun und ließ das Leben da unten gehen, wie es eben wollte, und sah ihm still gelassen zu. Sie wußte, so laut und bewegt es eben auch sein mochte, es wurde wieder still, und so totenstill es eben war, es wurde wieder lebendig, gerade wie es dunkel wurde nach dem Tage und hell nach der Nacht, und wie die Bäume grün wurden, wenn der Frühling kam, blühten, wenn Sommer war, Früchte trugen im Herbst und kahl und grau wurden im Winter. So sehr es wechselte, es blieb doch immer dasselbe— und wie auch alles dasselbe blieb, es war Wechsel darin. Junge kamen und wurden alt, Alte gingen und Junge kamen. Das blieb immer im gleichen Gang, das wechselte ein wenig die Farbe, ein wenig das Gesicht, die Augen ein wenig, die Nase ein wenig, den Namen, aber es war immer dasselbe. Sie war nun alt und grau und gelassen mit ihren fünfundsechzig Jahren und hatte viele Runzeln im Gesicht und Falten in den Lippen, und ihre Hände waren dürr und welk und ihre Augen trübe. Es ging auch nicht Nachdruck nur init Bewilligung des VcrsasserS gestattet. mehr so wie früher mit dem Gehen, mit dem Bücken und Stehen, mit dem Hantieren und Arbeiten— es ging alles mit Geächz und Gestöhn und Beschwerde— und manches ging auch gar nicht mehr. Nur das Stricken, das Klappern mit den Stricknadeln, das war noch so leicht und flink und geschickt wie vor Jahren, und das ging so von selbst geradezu, daß sie noch in ihr Nachmittagsnickerchen hinein stricken konnte, und schon vor dem rechten Wiedererwachen die Nadeln wieder klappern ließ Nur die alte Schwarzwälderin im Kasten war sich darin mit ihr gleich geblieben, und wenn sie während ihres Nachmittagsschläfchens täglich einen kleinen Ausstand machte, so entschädigte sich die Schwarzwälderin von ein paar Jahren zu ein paar Jahren mit einem gründlichen Stillstehen, bis sie wieder frisch ausgestäubt und geölt war. Tante Amalie regelte das mit einem Viertel- stündchen Tag für Tag. Nicht immer war Tante Amalie so still und gelassen und gleichmäßig gewesen, nicht immer war sie„Tante gewesen. Fünfzehn, sechzehn, siebenzehn war sie auch einmal— und da war sie frisch und keck und schnippisch und sang, wenn sie morgens aufstand, und sang, wenn sie abends schlafen ging, und saß über Tag nirgends still, und auch ihr Mundwerk brauchte nie der Nachhilfe. Und dann ward sie achtzehn und neunzehn und zwanzig � und da tanzte sie, wo einer eine Geige strich oder eine Harmonika zog oder eine Zither schlug, wenn nur noch ein lustiger Bursche dabei war, der sie in seine Arme nahm und Herumwirbelle. Und sie sah auch aus und um in jenen Jahren, wer der Schönste sei und der Stärkste, und welcher am lustigsten sei und am leichtesten tanze, und es war nicht einer nur, der ihr gefiel. Sie selbst aber war damals wie ein Apfel, in den man beißen möchte, wie ein Pfirsich, der vor der Reife steht, wie eine Rose, die der Morgentau öffnet und aus der Knospenhülle lockt. Ein paar Jahre später— da war sie fünfundzwanzig und war wie ein Apfel, der sich vom Zweige lösen möchte, war wie ein Pfirsich, der des Pflückens harrt, wie eine volle Rose, die blüht und duftet und die Königin des Gartens ist. Und eine Königin war sie damals— ganz heimlich und verschwiegen, ganz selig in goldenen Träumen, ganz Liebe auf blühenden Wegen, auf mondlichthellcn Pfaden, und Brust an Brust und Hand in Hand hinter schweigenden Hecken in Winkel und Schatten. Sie sang manchmal, und es war ein Seufzer gemeint— sie seufzte manchmal, und es war ein Singen gemeint. Und es war ein Glück und ein Leid, ein Leid im Glück, ein Glück im Leid— so köstlich, wie Blüten im Mai, wie Vogellied im Sommer. Und es war ein Erwarten, Gedulden, Sehnen und Erschleichen— so köstlich in seiner Gefahr und so gefährlich in seiner Köstlichkeit. Und der Frühling hatte die Liebe geweckt, und geblüht hatte sie im Sommer, und eingeschlafen war sie im Herbst und gestorben im Winter. Und tot und begraben lag sie in einem jungen Herzen. So wurde sie achtundzwanzig und neunundzwanzig und dreißig und fünfunddreißig— und da war sie„Tante" Amalie— ganz auf einmal in aller Munde— und sie mietete mit der Schwester die kleine Wohnung, drei Stuben und Kiiche und Kammer, ein Abteil Keller und ein Stückchen Garten— und fünf Jahre saß die Schwester Marie am Fenster, fünfundzwanzig nun sie— und da unten ging das Leben seinen gleichen Gang, auf und nieder— und sie war alt und gebrechlich, grau und runzelig, gelassen und ergeben und strickte Strümpfe, warme Puls- und Seelenwärmer und weiße Bettdecken mit allerlei Mustern. Sie weiß das Leben auswendig, das sich auf der Straße und im Städtchen abspielt, aber sie sieht und hört doch immer wieder danach. Und am Nachmittag um Fünf, da sieht sie besonders scharf auf die Straße— und wird's einmal ein paar Atinuten später, bis sie den Tritt hört, da öffnet sie den Fensterflügel und sieht die Straße hinauf— und endlich kommt er, da errötet sie fast ein wenig und schließt den Flügel und sieht hinter dem Vorhang, wie er unten vorbeigeht, mit seinem weißen Bart, mit seinem grauen Haar, mit seinem großen Hut, der nun beinahe grün geworden, während er doch einmal schwarz war, mit seinem großen Bratenrock, der glänzend ist fast wie ihr Spiegel vor dem Fenster draußen. Da geht er müde und schwer, alt und gebrechlich, und nur sein Stock stößt noch auf die Steine auf wie in jüngeren Jahren, ja noch schwerer fast und härter. Und sie sieht ihm nach— und lacht nicht und weint nicht und seufzt nicht einmal— es ist alles still in ihr. Und eines Tages war's Fünf— und er kam nicht, war's Sechs, und sie blickte noch vergebens die Straße hinauf— und noch ein halb Stündchen mehr, da läuteten die Glocken tief und traurig. Und war's andern Tags Fünf und Sechs, und er kam nicht, und dritten Tags noch einmal, so daß ihr doch war, die Welt sei verändert und verkehrt, und es komme nicht mehr, was gekommen sei, und gehe nicht mehr, was gegangen fei, und es fehle etwas im Leben, im Getriebe da unten. Sie hatte einen Kranz gemacht aus Tulpen und Hyazinthen, Veilchen und Springen, aus allen Blumen ihres Gartenstücks— und sie wußte es wohl, warum sie die Welt so anders fand. Und dann kam er— anders wie sonst— in dem dunklen Wagen, um dessen Kreuz ihr Kranz hing— und Fahnen folgten ihm und viele Menschen, Männer, die einst seine Schüler gewesen waren, Männer mit grauen Bärten und grauem Haar, Jünglinge und Knaben, und sie schritten alle still und ernst, und da und dort hing eine Träne in einem Männerauge— und er fuhr ihnen voraus in seinem schwarzen Sarge, in dem schwarzen Wagen, an dessen Kreuz ihr Kranz hing. Sie begruben den Kantor Meister— Georg Christoph Meister— mit allen Ehren, die er verdient hatte. Und Tante Amalie stand am Fenster und sah seiner Leiche nach. Sie trauerte— und ihr Trauern wurde ein Träumen. Einen Weg sah sie, weit ins Land— und blühende Bäume— und Blumen am Wege— und er pflückte eine, eine blaue Kornblume war's, und steckte sie ihr in die Brustkrause— und er nahm ihren Kops zwischen seine Hände und zerdrückte ihr die Papilloten über den Ohren und küßte sie und küßte sie. Und sie ihn wieder... Und mußten doch auseinandergehen, die zwei... Da läutete die Totenglocke auf dem Friedhof— der Pfarrer hielt seinen Nachruf— nun, wenn sie den Sarg hinabgelassen haben. Und morgen geht das Leben seinen Gang wie alle Tage. Nur er fehlt Tante Amalie— aber so lange es ihr noch beschieden, sie muß sich auch daran gewöhnen. Und sie wird's. In der Frühe. Von Eduard MSrtkk. Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir, Dort gehet schon der Tag Herfür An meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster. — Ängste, quäle Dich nicht länger, meine Seele! Freu dich! schon sind da und borten Morgenglocken wach geworden. Das ersehnte Gewitter. Von Friedr. Theod. Vtscher. Es glüht das Land, es lechzet Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet Nach einem Tropfen Tau. O Himmel, brich! Entschließe Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße Herab ins schwüle Tal! Er hört. Im Westen webet Und spinnt ein grauer Flor; Er ballt sich, schwillt und schwebet Als Wolkenberg empor. Jetzt mit den Feuerzügeln Fährt auf der jähe Blitz, Und auf den luft'gen Hügeln Löst er sein Feldgeschütz. Heut hat man baß geladen, Es zuckt wie gestern nicht In fahlem Schwefelschwaden Ein stumm verglühend Licht. Wild schießt der Strahl, der grelle, Aus dichter Wolkenwand, Rings lodert Geisterhelle, Der Himmel steht in Brand. Es kracht. In Ketten wandern Die dumpfen Donner fort, Von einer Wacht zur andern Rollt hin das Schlachtenwort. Was atmet, rauscht und sauset? Frischauf! der Sturmwind naht, Der Wald erbebt und brauset, In Wogen geht die Saat. Schon dampft ein Meer von Würzen Aus der behauchten Welt, Und satte Wetter stürzen Auf das geborstne Feld. VeranuuoriNch für die Redattion I Fr. Klara Zelkin(Zundey, Wilhelmshöhk Post Degerloch bei Sruttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgari.