= Nr. 16 Die Gleichheit 15. Jahrgang eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen LORD Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Juhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 9. August 1905 Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. Dieser Stand der Dinge erklärt, daß sich zwei weitere von der überlegenen Schulung und Disziplin der GeDie Stellung der Frauen im Entwurf einer Organisation der sozial- Paragraphen des Entwurfes mit der Stellung der nossen profitieren können: um so rascher und glatter demokratischen Partei Deutschlands.- Jugend und Sozialismus: Frau in der Partei befassen, und was sie festlegen. wird ihre Eingliederung in das allgemeine Heer der I. Von Luise Zietz. II. Von Dr. Ludwig Frant. Ferien für die Der eine davon ist neu,§ 14. Er lautet:" Die plan- proletarischen Befreiungskämpfer sich vollziehen; um so Mutter. Von e. th. Amtliche Untersuchung der Arbeiterinnen- mäßige Agitation unter dem weiblichen Proletariat wird fester wird ihr innerer Zusammenhang mit der Partei heime in der Schweiz. Von L. Z. Aus der Bewegung: Bon durch weibliche Vertrauenspersonen betrieben, die möglichst werden; um so seltener die befürchteten Duertreibereien der Agitation. Politische Rundschau. Von G. L. Genoffen- an allen Orten im Einvernehmen mit den Parteiinstanzen und Reibungen. Eine Aufstellung und Tätigkeit weibschaftliche Rundschau. Von Simon Katzenstein. licher Vertrauenspersonen, die im Einvernehmen mit den Notizenteil: Der Kampf in der vogtländisch- thüringischen Textil- gewählt werden." industrie. Fürsorge für Mutter und Kind. Weibliche Fabrik- Der Paragraph dünft uns von besonderer prinzipieller Parteiinstanzen geschieht, bringt ja die proletarische Fraueninspektoren. Frauenbewegung. und praktischer Wichtigkeit. Er begreift in sich die An- bewegung unter die Kontrolle der allgemeinen Bewegung. Feuilleton: Die Sternenwacht. Von Otto Erich Hartleben.( Gedicht.) erkennung der proletarischen Frauenbewegung als eines Die Erfahrung zeigt denn auch, daß mit dem fortschreitenden - Die Eigentumsfanatiker. Von Ludwig Thoma.( Schluß.)- Teiles der allgemeinen sozialdemokratischen Bewegung, Ausbau des Systems der weiblichen Vertrauenspersonen Sängerlos. Von Lu Märten.( Gedicht.) Moderne Ode. Von der mit dieser in innerer Wesenseinheit verbunden ist, die Konflikte zwischen Genossinnen und Genossen nicht Otto Erich Hartleben.( Gedicht.) Die Wiederkunft. Von Otto aber seiner eigenen Organe bedarf. Er ist der Ausdruck zugenommen haben, sondern sich verminderten. Die unserer Auffassung vom Charakter und von den Auf- Partei hat ihn daher nicht zu fürchten, wohl aber hat gaben der proletarischen Frauenbewegung und gleichzeitig sie von ihm zu hoffen und ihn darum zu fördern. die Frucht der praktischen Erfahrung über die Mittel Die zweite Bestimmung des Entwurfs, welche die und Wege, diese Aufgaben zu erfüllen. Was in letzterer Stellung der Frau in der sozialdemokratischen DrBeziehung der Parteitag zu Gotha 1896 beschlossen hat, ganisation regelt, ist in§ 15, Absatz 1 enthalten und das stellt er auf eine breitere und festere Basis. Erich Hartleben.( Gedicht.) Die Stellung der Frauen im Entwurf einer Organisation der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. bezieht sich auf die Beschickung des Parteitags. Er Die Aufstellung besonderer Vertrauenspersonen, welche lautet:" Insoweit nicht unter den gewählten Vertretern Die Sozialdemokratie heißt die Frau als gleichberech- die Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu leiten des Wahlkreises Frauen sich befinden, können weibliche tigte Mitkämpferin in ihren Reihen willkommen; sie war haben, ist eine Notwendigkeit. Sie wird bedingt durch Vertreter in besonderen Frauenversammlungen gewählt in Deutschland die erste und lange die einzige politische die vereinsgesetzliche Rechtlosigkeit der Frau in den meisten werden." Die Bestimmung ist nicht neu, sie steht seit Partei, welche die Frau als Mitglied mit gleichen Pflichten deutschen Bundesstaaten, darunter den beiden größten Jahren in Kraft. Nachdem sie auf Antrag der Berund Rechten wie den Mann in ihre Organisationen auf von allen. Als Forderung praktischer Zweckmäßigkeit aber liner Genofsinnen aus dem Statut gestrichen gewesen, nahm. Sie anerkennt nicht mir das Recht des Weibes erweist sich, daß diese Vertrauenspersonen weibliche sein wurde sie später wieder in dasselbe eingefügt. Gegenauf Mitarbeit am politischen Leben, sie proklamiert deren sollen. Die Frau kennt am besten alle die inneren und äußeren wärtig fehlt es nicht an Stimmen- und sie werden Bürgerpflicht, sie ist sich flar über das Interesse, welches Hemmungen, welche aus der Eigenart der Frau, ihrer auch in Jena ertönen, welche abermals ihre Besie selbst daran hat, daß die Frau in die Arena des rückständigen Entwicklung und Stellung, ihrem Gebunden- seitigung verlangen und das Recht von Frauenversammpolitischen Kampfes tritt. Ihre Haltung entspricht ihrem sein durch Pflichten erwachsen, sie wird ihnen am ehesten lungen, zum Parteitag zu delegieren, auf die Länder C Programm, das sich ausdrücklich für die volle soziale beizukommen, sie am erfolgreichsten zu überwinden ver- beschränkt wissen wollen, in denen die Frauen nicht Gleichberechtigung der Geschlechter erklärt; sie wird bestehen. Jedoch nicht allein die innere Disposition der Mitglieder politischer Vereine sein dürfen. Die Forderung dingt durch ihre geschichtliche Auffassung vom Gange und Frau, welche die Frau gewinnen soll, spricht für die wird damit begründet, daß die geltende Satzung der t den Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung; sie Arbeitsteilung zwischen männlichen und weiblichen Ver- Frau ein Vorrecht einräume,„ eine Extrawurst brate", ist der Ausfluß ihres Wesens als der breitesten demo- trauenspersonen. Nicht minder die Überlastung der Ge- weil überall, wo Männer und Frauen zusammen polifratischen Bewegung, welche die Geschichte kennt. nossen, welche in den politischen Organisationen an tisch organisiert sein können, die Genossinnen sich unter 2 I t Der Entwurf des neuen Organisationsstatuts der sozial- führender Stelle stehen und die ungeheure, wachsende den gleichen Bedingungen wie die Genossen um ein demokratischen Partei sieht daher in seinem§ 1 die Zu- Fülle der praktischen Tagesarbeit bewältigen müssen. Mandat zum Parteitag zu bewerben vermöchten. gehörigkeit der Frau zur Sozialdemokratie als eine Selbst- Die Anforderungen, die an sie herantreten, schließen aus, Das klingt zutreffender, als es ist. Der Gedankenverständlichkeit vor. Zur Partei gehörig wird jede daß sie noch nebenher die Agitation unter dem weib- gang operiert mit der Elle eines mechanischen GleichPerson betrachtet, die sich zu den Grundsägen des lichen Proletariat planmäßig und mit dem nötigen Nach- heits- und Gleichberechtigungsprinzips und übersieht Parteiprogramms bekennt und die Partei dauernd durch druck betreiben können. So wertvoll ist, was einzelne weiter oben hervorgehobene Sonderumstände, welche Geldmittel unterstützt." Was dieser Baragraph besagt, Genossen zur Förderung der proletarischen Frauen- heutigentags erschweren, ja verhindern, daß große das wird noch vervollständigt und unterstrichen durch bewegung leisten; so unentbehrlich, was die Partei zu Frauenmassen regelmäßig und stetig an der politischen die Erklärungen des Parteivorstandes und anderer, daß ihrer Unterstützung tut: am fräftigsten schreitet sie dort Tagesarbeit der Partei teilnehmen. Die meisten aufdie geforderte stramme Zentralisation unmöglich sei, weil vorwärts, wo unter Leitung einer tüchtigen weiblichen geklärten Proletarierinnen werden- wie die Dinge sie zufolge der meisten einzelstaatlichen Vereinsgesetze die Vertrauensperson ein Stamm geschulter Genossinnen für liegen ihre wachsende politische Reife und Schulung Frauen außerhalb des Rahmens der Partei, abseits von die Einbeziehung der Proletarierinnen in den Klassen- weit mehr dadurch bekunden, daß sie verständnisvoll ihrem Leben stellen würde. Man sollte meinen, daß kampf wirft. und opferbereit hinter der Front der Kämpfenden stehen damit die Frage nach der Stellung der Frau als eines Durchaus hinfällig ist die hier und da geäußerte Be- und die Kampfesfreudigkeit und Kampfesfrische der gleichverpflichteten und gleichberechtigten Mitglieds der fürchtung, daß durch die Aufstellung weiblicher Vertrauens Männer erhöhen und fünftige Streiter erziehen, als daß sie sozialdemokratischen Organisation entschieden sei. personen der Keim zur Absplitterung der proletarischen selbst vor die Front treten und in den vordersten Reihen Und dem wäre auch so ohne bestimmte Faktoren, Frauenbewegung von der allgemeinen Bewegung, der fechten. Das folgt vor allem aus der Gebundenheit welche für die politische Betätigung der Frau entscheidende Keim zu Eigenbrödelei und Reibereien mit den Genossen der Frau durch Hauswirtschaft und Kind, eine Geund zwar hemmende Sonderverhältnisse schaffen. Die gelegt werde. Gerade das Gegenteil trifft zu.§ 14 be- bundenheit, die der Mann leider nur recht selten daVereinsgeseze verbieten in dem weitaus größten Teile zweckt, die proletarische Frauenbewegung in immer durch mildert, daß er es vorurteilslos nicht unser seiner von Deutschland den Frauen die Mitgliedschaft in poli- festeren Zusammenhang mit der Sozialdemokratie zu Würde erachtet, seinerseits gelegentlich einen größeren tischen Organisationen und die aktive Beteiligung an bringen. Nicht nach Laune und Willkür der Ge- Teil häuslicher und väterlicher Pflichten zu tragen. ihren Versammlungen. Die jahrhundertalte unterbürtige nossinnen, sollen weibliche Vertrauenspersonen auf- Aber die Quantität schlägt auch in unserem Falle in Stellung des weiblichen Geschlechtes in Familie, Gesell- gestellt werden, sondern nur nach geschehener Verständis die Qualität um. Die geringere Zahl der Genossinnen, schaft und Staat hat in der Frau die Entwicklung von gung mit den Parteiinstanzen. Das setzt eine ernste die regelmäßig am öffentlichen Parteileben teilnehmen, Bürgersinn und Bürgertugend unterbunden, hat sie zur Prüfung der Vorbedingungen für eine gedeihliche Tätig- wird zum geringeren Anrecht auch der tüchtigsten politisch Stumpfsinnigen und Gleichgültigen gemacht, feit der weiblichen Beauftragten voraus, das bedingt Kämpferin auf ein Mandat zum Parteitag. Mathederen Abkehr vom politischen Leben überwunden werden aber auch ein Wirken, welches sich in steter Fühlung mit matisch stimmen die Berechnungen aufs Haar, welche muß. Lebensgewohnheiten, Herkommen und Pflichten der Organisation der Genossen hält, ihre Aktionen nicht dartun, daß hier oder da auf Grund des geringen Prozenthalten die Frau mehr als den Mann im Hauſe fest und durchkreuzt und schwächt, vielmehr ergänzt und stärkt. sages der Frauen, welche sich aktiv an der Parteiarbeit schaffen besondere innere und äußere Bedingungen für Die revolutionierte Lage und das revolutionierte Be- beteiligen, feine Genoffin ihre Delegierung erwarten könne. die Agitation, die sie aus ihrer politischen Rückständig wußtsein wecken überall in der proletarischen Frauen- Aber den Leistungen der einzelnen mitarbeitenden Gefeit erwecken soll. Die überbürdung mit der Doppellast welt den Drang nach politischer Betätigung. In herz nossinnen gegenüber, die dem besten Genossen gleich ihre der Brotfron und Hausarbeit legt so unbarmherzig Be- erfrischender Weise regen und rühren sich Kräfte, die im ganze Kraft in den Dienst der Bewegung stellen, wird schlag auf Zeit und Kraft der Proletarierin, daß sie sich Dienste des proletarischen Befreiungstampfes genügt sein die tadellose Berechnung zur Ungerechtigkeit, die um so im allgemeinen nicht in dem gleichen Umfang wie der wollen und genügt werden müſſen. Sie lassen sich nicht schärfer empfunden wird, als das Weib, um Gleiches Mann am politischen Kampfe beteiligen kann. So findet zurückdämmen, sie werden sich Bewegungsfreiheit er- leisten zu können wie der Mann, meist mehr Energie die Sozialdemokratie im weiblichen Proletariat ein be- ringen, entweder mit der Unterstützung der organisierten und Opfermut aufwenden muß, als er. Von anderen sonders schwieriges Rekrutierungsgebiet für organisierte Genossen oder ohne sie und damit das ist unver- Umständen zu schweigen, welche es der Frau erschweren, Kämpferscharen; so tritt die Frau ihr Recht zur Mit meidlich zum Teil gegen sie. In je engerer Fühlung auch bei gleicher Leistungsfähigkeit im politischen Kampfe be gliedschaft in der sozialdemokratischen Partei unter weit aber mit der sozialdemokratischen Organisation diese mit dem Manne um ein Mandat zu konkurrieren. ungünstigeren Bedingungen an als der Mann. Kräfte in die Bewegung eintreten, je umfassender sie Unseres Erachtens muß das berücksichtigt, muß die 92 Die Gleichheit Nr. 16 Frage von einer höheren Warte aus betrachtet werden als der einer ziffernmäßigen Richtigkeit. Auch der Hinblick auf die Notwendigkeit, die Scheu der Frau vor dem öffentlichen Leben zu überwinden, ihren Eifer zu beleben, ihr Perfönlichkeitsbewußtsein zu wecken, muß bei ihrer Beantwortung mitsprechen. Ebensowenig wie Sondergesetze zum Schutze der Arbeiterin gegen die kapitalistische Ausbeutung das Recht der Frau antasten, ebensowenig überspannt es die betreffende Sonderbestimmung des Statuts zum Vorrecht. Wie jene dient sie zum Ausgleich bestimmter Sonderverhältnisse zu Ungunsten des weiblichen Geschlechtes. In Wirklichkeit ist sie weit weniger ein Vorrecht, als das Zugeständnis von der geringeren Konkurrenzmöglichkeit der Frau im Werben um ein Mandat. Die gleiche Leistungstüchtigkeit vorausgesetzt, kann man dem Stamme der tätigen Genossinnen statt der noch mangelnden großen Zahl von Mitkämpferinnen wohl die Zahl der Männer zugute rechnen, denen lediglich durch das bewußte Mühen und oft Entsagen der Frauen politische Kampfestüchtigkcit gesichert wird. Unbegründet ist die Befürchtung, daß die Fortdauer der Bestimmung zu„einer Überschwemmung" des Parteitags mit Frauen führen würde, denen es mehr um die Befriedigung ihrer Eitelkeit als um Mitarbeit in der Partei zu tun wäre, und die oft nur über„Gefälligkeitsmandate" verfügten. Daß in punkto der Zahl weiblicher Delegierten die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dafür sorgen besser als alle Bestimmungen die Kosten einer eigenen Delegation seitens der Genossinnen und ihre bescheidenen Kaffenverhältnisse. Was aber die „Gefälligkeitsmandate" anbelangt, so ist die proletarische Frauenbewegung organisiert genug, um eine scharfe Kontrolle darüber auszuüben, daß Arbeitende und nicht bloß Paradierende als ihre Vertreterinnen in der Öffentlichkeit erscheinen. Gerade die Genossinnen haben seit Jahren ihren Stolz darein gesetzt, sich nicht aus freundlichen Rücksichten, sondern auf Grund ihrer Leistungen für die Bewegung und in der Bewegung delegieren zu lassen. Übrigens hat es der Parteitag in der Hand, in dieser Beziehung unnachsichtliche Strenge walten zu lassen. Er„prüft die Legitimation seiner Teilnehmer" und kann jedes zweifelhafte Mandat zurückweisen. Die geringe, ja viel zu geringe Zahl weiblicher Mandatträgcr, welche— trotz des Dclegations- rechtes der Fraucnversammlungcn— an den bisherigen Parteitagen teilgenommen haben, ließe Klagen darüber verständlicher erscheinen, als Ängste ob eines Qberwucherns des weiblichen Elements. Zerwürfnissen mit den Genoffen wegen der eigenen Delegation wirkt die Notwendigkeit entgegen, daß die Genossinnen auf das Zusammenarbeiten mit den Männern angewiesen sind. Von vornherein wird daher überall das größte Gewicht darauf gelegt, daß die selbständige Delegierung nicht den Charakter einer Demonstration gegen die Genossen trägt, sondern eine Maßregel praktischer Zweckmäßigkeit ist, die im Einvernehmen mit ihnen erfolgt. Tatsächlich ist denn auch bis jetzt die Zahl der Konflikte unbedeutend und lokal beschränkt, die zwischen Genossinnen und Genossen anläßlich einer eigenen Delegation der crsteren zum Parteitag entstanden sind. Und wo sie doch auftraten, war die Delegation nicht die treibende Ursache unerquicklichen Streites, sondern nur der Ausdruck eines bereits vorhandenen Mißverhältnisses. Das Recht der Frauenversammlungen, die Parteitage mit Delegierten zu beschicken, ist sicher keine Vollkommenheit, für die wir uns begeistern. Allein wie die Dinge sind, erscheint eS als ein praktischer Notbehelf, der zurzeit noch von Nutzen für die proletarische Frauenbewegung ist. Beim richtigen Gebrauch vermindert es die Reibungsflächen zwischen Genossen und Genossinnen, läßt keine Kleinlichkeit auf der einen Seite, keine Verbitterung auf der anderen aufkommen und hilft mit, die Arbeitsfrcudigkeit, den Bildungsdrang, die Kampfestüchtigkeit der Frauen zu erhöhen. Die Partei hat keinen Grund— zumal solange die Delegierung zum Parteitag überhaupt nicht besser geregelt ist als jetzt— engherzig formalistisch zu sein. Dagegen sprechen viele Erwägungen für eine weilherzige Regelung der Frage, welche den Frauen als treuen Mit- arbeitenden auch volles tatsächliches Recht als Mitratcnde und Mitentscheidende sichert. Eine solche Regelung würde ihr bescheidenes Teil zur Förderung der proletarischen Frauenbewegung beitragen, die Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch der allgemeinen sozialistischen Bewegung ist. Im Interesse des Proletariats liegt jede Maßregel, die ihre Kraft stärkt, die Proletarierinnen zum Klassenbewußtsein zu rufen und sie organisiert und diszipliniert dem Klassenkampf zuzuführen. Jugend und Sozialismus. i. Freudig begrüße ich es, daß Genosse Krüger durch seinen Artikel in Nr. 15 der„Gleichheit" aufs neue vor einem größeren Forum die Frage zur Diskussion gestellt hat: „Wie gewinnen wir die Jugend für den Sozialismus?" Zweifellos gehört die aufgeworfene Frage zu denjenigen, denen näherzutreten immer mehr zur unabweisbaren Pflicht unserer Genossinnen und Genossen wird. Ich bin keineswegs der Ansicht, daß sie für uns mit der Erklärung erledigt ist: „Jugend ist nun einmal Jugend, die sich austoben will und für den Ernst des Lebens nicht zu haben ist." Meiner Meinung nach bleibt dadurch, daß man sich mit der Agitation bisher speziell an die Jugend fast gar nicht wandte, sehr viel Kraft und Begeisterung ungenutzt. Man ist meines Erachtens viel zu sehr gewöhnt, den Erfolg unserer Agitation nur an unserer Stimmenzunahme bei den Wahlen zu messen. Und naturgemäß wendet man sich bei derselben darum zuerst und vornehmlich an den Teil der Bevölkerung, der für den Wahlausfall in Frage kommt: an die großjährigen Männer. In zweiter Linie denkt man erst an die Frauen und die Jugend. Hinzu kommt dann noch, daß die reaktionäre Vereinsgesctzgebung in den verschiedenen Bundesstaaten der Agitation und Organisation sowohl unter den Frauen als auch unter der Jugend überaus hemmend in den Weg tritt. Aber selbst dort, wo das nicht der Fall ist, wo die Jugend den politischen Vereinen angehören kann, bedingen es die Aufgaben der letzteren, daß dem Bildungsdrange der jungen Mitglieder keineswegs im Rahmen der Organisationen Genüge geschehen kann. Das hat in lichtvoller Weise und mit zwingender Logik unser badischer Genosse, Or. Ludwig Frank, in der„Neuen Zeit"" nachgewiesen. Und doch hat wohl jeder von uns den heißen Wunsch, schon bei der Jugend, während der Zeit, wo der Mensch der höchsten Begeisterung fähig ist, wo er in überschäumender Jugendkraft und Tatendrang den Himmel stürmen möchte, diese Begeisterung und Kraft für den Dienst unserer Bewegung zu gewinnen. Aber wie dies anfangen? Genosse Krüger schlägt vor,„Jugendheime" zu gründen, und erörtert, wie er sich die Ausgestaltung der„Heime" und ihre Wirksamkeit denkt. Ganz abgesehen davon, daß solche„Heime" ebensowenig einen festen Rahmen für die Zusammenfassung der Jugend sein würden, wie öffentliche Versammlungen, muß die Durchführung des Vorschlags scheitern an der Frage: Woher die Geldmittel und die erforderlichen Anleitungs- und Lehrkräfte nehmen? In kleineren Orten, wo die Zahl der organisierten und sich für diese Frage interessierender Genossen und Genossinnen verhältnismäßig gering ist, wird die Beschaffung der Mittel für ein Heim die Kräfte übersteigen. Und dasselbe gälte für die großen Orte, wo der großen räumlichen Entfernung halber natürlich mehrere solcher„Heime" geschaffen werden müßten. Genau so sieht es aus betreffs der Anleitungs- und Lehrkräfte. Genosse Krüger gibt zwar der Überzeugung Ausdruck, daß überall genügend Genossinnen sein würden, die im Interesse der Partei gern in Heimen wirken würden. Ich bezweifle das sehr, das heißt nicht etwa den guten Willen der Genossinnen, wohl aber das Vorhandensein einer genügenden Anzahl von ihnen, die die nötige Zeit alltäglich zur Verfügung stellen können. Man denke, für Gruppe I will Genosse Krüger das„Heim" von 3 bis 7 Uhr täglich geöffnet wissen, für Gruppe ll von 7 bis 10 Uhr abends. Doch hiervon ganz abgesehen, scheint mir, daß Genosse Krüger, wenn wir von der Gewinnung der„Jugend" für die Sozialdemokratie reden, einmal den Begriff„Jugend" zu weit faßt, und zweitens das Ziel mittels eines Weges erreichen will, welcher die Kritik herausfordert. Es kann meines Erachtens keineswegs Aufgabe der öffentlichen Agitation und einer Art Organisation sein, sich bereits an die Kinder im Alter von 10 bis 1� Jahren zu wenden, wie Genosse Krüger es wünscht. Dieser weist uns da eine Aufgabe zu, deren Lösung einmal der Familie und dann der Kommune obliegt. Nehmen wir das letztere vorweg. Es kann unmöglich Aufgabe der Partei sein, Kinderhorte zu gründen, in denen Kinder nach Beendigung des Schulunterrichts Aufnahme und Unterweisung finden. Es ist unbedingt Aufgabe der Kommune, Sorge zu tragen, daß Institutionen geschaffen werden, denen solche Eltern, die dem Broterwerb nachgehen müssen, ihre Kinder anvertrauen können, damit sie vor geisttgem, sittlichem und leidlichem Schaden bewahrt bleiben. Aufgabe unserer Vertreter in den Kommunalverwaltungen ist es, für die Durchführung dieser Forderung mit allem Nachdruck einzutreten. Unsere Ausgabe ist es, durch Propaganda die Massen aufzupeitschen, daß sie der Forderung den nöttgen Nachdruck verleihen. Private Unternehmungen können nur einem ganz kleinen Prozentsatz der in Frage kommenden Kleinen Aufnahme gewähren, wir würden uns unendliche Lasten mit der Gründung von Kinderhorten auflegen, das soziale Gewissen würde statt geweckt, eingeschläfert werden und— der Erfolg stände doch noch in Frage, da wir erst in der Öffentlichkeit Propaganda machen und indifferente Eltern(deren Kinder eine Beaufsichtigung am nötigsten hätten) für das Projekt gewinnen müßten. Im übrigen wird es Aufgabe der Familie sein, bei Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren auf Gemüt und Verstand in unserem Sinne einzuwirken. Ohne sie systematisch in die Ideen des Sozialismus einzuführen, kann man in ihrenm Herzen und Hirn doch den Boden vorbereiten zur späteren Aufnahme dieser Ideen. Das geschieht dadurch, daß man sie lehrt, mit offenen Augen um sich zu schauen, zu beobachten, zu denken, zu urteilen. Klar sehen, logisch denken können, Freude an der Natur, der Kunst und Wissenschaft haben: dazu die Kinder zu erziehen, ist neben der Schule(die leider so unendlich viel zu wünschen übrig läßt) * Sozialistische Jugendorganisationen, vr. Ludwig Frank,„Neue Zeit" 1S04, Nr. 4S. die Familie berufen. Genosse Krüger hat ganz recht, daß die Kinderbeilage unserer„Gleichheit" in dem charakterisierten Sinne erzieherisch auf die Kinder wirkt. Desgleichen auch manche andere Jugendliteratur. Indem wir mit ganzer Kraft für die größtmögliche Verbreitung unserer „Gleichheit" Sorge tragen, sichern wir uns einen großen Einfluß auf die Proletarierkinder. Ebenso wirkt eine möglichst intensive Agitation unter d en Frauen. Der Vorteil, der für unsere Allgemeinbewegung durch die Agitation unter den Frauen insofern erzielt wird, als wir uns dadurch einen größeren Einfluß auf die heranwachsende Jugend sichern, wird meist in durchaus ungenügender Weise eingeschätzt. Eine sozialistisch denkende Frau hat täglich Gelegenheit, anknüpfend an die Erscheinungen des Lebens, ihren Kindern Solidarität zu lehren, den Klasseninstinkt zu wecken, Kritik zu üben an bestehenden Einrichtungen, zu zeigen, was eine sozialisttsche Gesellschaft schaffen, wie sie handeln würde usw. Aufgeweckte Kinder werden auch auf die Gespräche der Elten: achten, wenn diese sich über Tagesfragen unterhalten oder über unsere Ideale. Sie werden lernen an dem Beispiel, das Vater und Mutter ihnen in ihrem Verhalten geben usw. Durch Belehrung, Beispiel und Milieu werden die Kinder vorbereitet für das spätere Eindringen in die Ideenwelt des wissenschaftlichen Sozialismus. Sie werden später ohne weiteres zu uns kommen, da sie mit ihrem Denken und Fühlen schon zu uns gehören, wenn sie die Schule verlaffen. Wie kann nun diese aus der Schule entlassene Jugend für uns gewonnen und in die Ergebnisse unserer Wissenschaft eingeführt werden? Meiner Meinung nach sollte man möglichst überall Jugendorganisationen gründen. Abgesehen von Mecklenburg wird das meines Erachtens überall angängig sein. Freilich könnten diese Organisationen in manchen Bundesstaaten keinen politischen Charakter tragen. Wo das ausgeschlossen wäre, müßten die Jugendorganisationen den Charakter von Bildungsvereinen erhalten, und die Erörterung politischer Fragen müßte in die öffentlichen Versammlungen gelegt werden.(Für Sachsen wäre allerdings das letztere ebenfalls unmöglich.) Wir müßten uns in ähnlicher Weise zu helfen suchen, wie wir es bezüglich der Agitation unter den Frauen halten. Die Jugendorganisationen sollten ihren Mitgliedern nicht bloß Unterricht an den Vereinsabenden erteilen, sondern ihnen möglichst die Arbeiterbibliotheken zugänglich machen, im Sommer gemeinschaftliche Ausflüge, im Winter literarisch! Abende usw. veranstalten. Wo die Vereinsgesetze der Jugend den Eintritt in die sozialdemokratischen Vereine nicht wehren, da sollte man keine besondere Organisation schaffen, sondern innerhalb des Vereins wäre eine Jugendabteilung einzurichten. Diese Abteilung hätte dann ihre besonderen Vereinsabende, die der Aufilärung und der Vertiefung des Wissens der Mitglieder gewidmet sein müßten. Unnötig zu sagen, daß ich es für selbstverständlich halte, daß die Jugend nicht von der praktischen Kleinarbeit im Dienste der Bewegung befreit werde. Im Gegenteil. Ihre Kraft soll nach jeder Richtung hin nutzbar gemacht werden für die Partei. Aber ihr Streben soll sich nicht erschöpfen in der Kleinarbeit. Die Jugend soll unterrichtet, geschult, diszipliniert werden und damit befähigt für den Kampf und all die zu bringenden Opfer. Mit einem Worte: die Jugendorganisationen sollen für uns bisher brachliegende Kräfte nutzbar machen und vor allem zur Vertiefung unserer Bewegung beitragen. Kann die Form der Organisation und die Art der Agitation im„einigen" deutschen Vaterland leider keine einheitliche sein, so ist das kein Grund gegen die Sache selbst. Luise Zietz. II. Der Vorschlag des Genossen Krüger, in Jugendheimen die Rekruten der sozialistischen Armee heranzubilden, ist eines der vielen Wetterzeichcn, die ankünden, daß die Jugendfrage einer Lösung entgegenschreitet. Immer lauter werden die Klagen, daß„die Partei in die Breite, nicht in die Tiefe wachse", daß„der Idealismus schwinde", daß„der Sinn für die Theorie zurückgehe",— und aus all diesen verschiedenen Wendungen klingt wie ein gleicher Unterton die Überzeugung, daß der hohe, stolze Bau unserer Partei neu sundamentiert werden müsse. Durch zwei Mittel, notwendig verbunden wie Griff und Klinge eines Schwertes, erreicht die Arbeiterklasse ihre weltgeschichtlichen Ziele: durch revolutionären Kampf und unermüdliche Selbsterziehung, und die Partei wird prüfen müssen, ob keiner dieser beiden Faktoren in den letzten Jahren vernachlässigt wurde, ob namentlich der erzieherische Teil ihrer Aufgaben erfüllt worden ist. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung ist für jeden, der die Dinge beim rechten Namen zu nennen gewohnt ist, nicht zweifelhaft: Die Organisationen sind überlastet durch die kleine und manchmal kleinliche Tagesarbeit, deren Unentbehrlichkeit ja außer Zweifel steht; fast alle verfügbaren Kräfte sind in Anspruch genommen durch die Wahlen für die Parlamente, die Gemeinden, die Gewerbegcrichte, die Krankenkassen; die jungen Menschen, die voll Begeisterung zu uns kommen, werden sofort eingespannt an den Wagen der„praktischen" Tätigkeit; sie verteilen Flugblätter und Stimmzettel, sie suchen Abonnenten für die Presse,— aber wenn sie gehofft haben, planmäßig eingeführt zu werden in die Grundsätze und Geschichte der Partei, werden sie bald enttäuscht sein; man reicht ihnen Steine statt Brot. Ist aber festgestellt, daß dem politischen Bildungsbedürfnis unseres Nachwuchses nicht genügt wird, so ergibt sich für die Partei die Pflicht, helfend einzugreifen, und es wäre ein verhängnisvoller Fehler, die Gefahren einer Unterlassung auf diesem Gebiete zu unterschätzen, denn dü>> Nr. 16 Die Gleichheit 93 Gegner versuchen durch ihre Lehrlings- und Gesellenvereine die jungen Leute anzulocken, und noch bedenklicher ist, daß innerhalb der Partei auf diesem Felde Charlatane ihr Wesen treiben, solange die Partei nicht ihre Pflicht tut. Was soll jetzt geschehen? Es liegt ja am nächsten, daß wir nach dem Muster der Belgier, der Holländer, der Schweden und Österreicher besondere Jugendorganisationen gründen, und wir in Baden haben mit Zustimmung unseres Landesparteitags den ersten Schritt auf diesem Wege getan. Soviel ich aber augenblicklich sehen kann, ist nur in Württemberg, Baden, Hessen und den Hansastädten die politische Organisation der jugendlichen Arbeiter ohne vereinsgesetzliche Schwierigkeiten möglich. Vor diesem Hindernis darf aber die Partei nicht kapitulieren. Der Plan des Genossen Krüger ist nur an einzelnen großen Partciorten durchführbar und bringt schon aus diesem Grunde, von anderen Bedenken abgesehen, keine durchgreifende Hilfe. Es ist eine einheitliche, ernste Aktion erforderlich. Der beste Anfang wäre, wenn der Parteitag zu Jena in das neue Organisationsstatut die Bestimmung aufnähme, daß in jedem Reichstagswahlkreis V e r tr a u e n s p ersonen für die Jugend zu wählen sind, die den Mittelpunkt der unter Parteikontrolle stehenden Jugendbewegung zu bilden haben. Die Vertrauenspersonen sind verpflichtet, in allen Bundesstaaten, in denen Polizeiverbote nicht zu befürchten sind, Jugendorganisationen zu gründen. Sie müssen in regelmäßigen Zwischenräumen Vorträge über die Grundsätze und die Geschichte der Arbeiterbewegung veranstalten und die Leitung von Diskussionsabenden übernehmen. Durch Annoncen in den Tageszeitungen und durch Flugblätter, die in den Werkstätten und vor den Fortbildungsund Gewerbeschulen zu verteilen sind, ist bekannt zu machen, daß die jungen Leute bei der Vertraucnsperson Anleitung zu geeigneter Lektüre und Rat und Hilfe auch in allen anderen Fragen finden. Die Tätigkeit der Vertrauenspersonen wird keine leichte sein, aber eine fruchtbringende. Es ist Brachland zu beackern und zu besäen,— ich bin überzeugt, daß die Partei eine reiche Ernte zu erwarten hat. 0r. Ludwig Frank. Ferien für die Mutter! Die Hundstagshitze brütet über der Welt. Sie durchglüht das Asphaltpflaster der Großstädte, strahlt unbarmherzig zurück von den langen Häuserreihen, zittert, sichtbar fast, über Straßen und Plätzen. Die schlimmsten ihrer Qualen aber hält sie für die Hausmutter bereit, die drunten in der Kellerwohnung oder hoch droben, wo der Himmel nahe und die Dächer den Bleikammern Venedigs gleich sind, am heißen Herd das Mahl richtet. Die eleganten Etagenhäuser und grünumsponnenen Villen der vornehmen Viertel sind natürlich verödet. Die Hausfrauen, die hier weniger die Herdflamme zu hüten, als ein vornehmes Haus zu repräsentieren pflegen, sind in die Berge oder an die See entflohen, um sich von den Mühen und Lasten der verflossenen„Saison" zu erholen und auf die nächste vorzubereiten. Sie sind in Ferien gegangen, samt Gemahl, Kindern und Dienerschaft. ' Mit der elementaren Gewalt des Notwendigen hallt der Ruf: Ferien! Ferien! allüberall. Ungestüm fordernd hier, eine zaghafte Bitte sehnsüchtigen Verlangens dort, ein Schrei der Verzweiflung dessen, der zu erliegen droht unter all den Anforderungen, die das lange Jahr an die Nerven und Arbeitskraft des modernen Menschen stellt. Wir alle werden herumgewirbelt im tollen Tanze des Lebens, hinaufgeschleudert und hinab, und wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, haschen wir nach der kargen Ruhezeit der Sommerferien. Wir wollen abseits einen Augenblick Atem schöpfen und uns darauf besinnen, daß wir sind. Ein dumpfes Empfinden des„jetzt geht's nicht mehr" bei den meisten, bei anderen die noch minder klare Erkenntnis, daß wer sich nicht völlig selbst verlieren, nicht untergehen und in dem Getriebe eine Nummer und weniger werden will, von Zeit zu Zeit sich auf sich selbst besinnen, zu sich selbst zu Gaste kommen Muß. Das geht aber nur, wenn man sich den tausend Polypenarmen entwindet, mit denen Beruf, Haus und gesellschaftliche Pflichten uns umklammern. Und so wird der Ruf: Ferien! Ferien! laut und immer lauter. Ferien nicht nur für den Staatsmann, den Künstler, den Beamten und Kaufmann, Ferien auch für die Heere der Unterbeamten, der kaufmännischen Angestellten, Ferien für die Millionen gewerblicher Arbeiter. Walderholungsstätten, Henne und Ferienkolonien überall, Ferien für die ganze Welt: keine Ferien— niemals Ferien für die Hausfrau und Mutter. Sie nimmt's schon für ein Glück, wenn sie dem Manne das Ränzel rüsten, wenn sie dem einen Und anderen Kinde, das Aufnahme in die Ferienkolonie fand, Kleider und Schuhe richten und es fein herausstaffiert und die Augen voll Spannung und glückseliger Erwartung an die Bahn bringen kann. Sind die Lieben dann draußen, so schafft sie Ordnung und sorgt für die Wiederkehr und glaubt sich wunder wie erholt, weil sie das in verhältnismäßiger Ruhe und nicht umbrandet von all den Wünschen, Forderungen und Störungen des Alltages tun kann. Schlimm auch in den Schichten des Klein- und Mittelbürgertums, in den Reihen jener, die von den gebotenen Vergünstigungen und Erleichterungen keinen Gebrauch machen lönnen oder wollen, die lächelnden Mundes versichern, daß sie gar„keiner Erholung bedürfen", sich„völlig wohl fühlen", »es zu Hause am behaglichsten finden", dieweil ihr Herz sich verzehrt vor Sehnsucht nach den verdämmernden Weiten da draußen und ihre Nerven zun, Zerreißen gespannt sind von all den tausendfachen Anforderungen, die jeder neue Tag Unbarmherzig an sie stellt. Wir alle kennen solch Martyrium, ebenso wie wir alle wissen, daß man den Hunderttausenden von gewerblichen Arbeiterinnen, die verheiratet sind, mit einer Gemütsruhe, die einer besseren Sache würdig wäre. als Ausspannung von der außerhäuslichen Erwerbsarbeit der Woche die sonntägliche Scheuer- und Wäschearbeit daheim aufladet. „Großmutter spricht: Morgen ist Feiertag, Großmutter hat keinen Feiertag! Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid; Das Leben ist Sorg und viel Arbeil!" Das Leben ist Sorg' und viel Arbeit für die Hausfrau und Mutter! Tag um Tag, Jahr um Jahr nie einen Feiertag, nie einen Ort, nie eine Stunde, nm frei Atem zu schöpfen, um sagen zu können: Hier bin ich! Bin für mich selbst und um meiner selbst willen! Aber es ist nicht nur das. Der Geist der Mutter gibt dem Hause ebensosehr das ihm eigentümliche Gepräge, wie gesundes Blut und spannkräftige Nerven das köstlichste Erbe sind, das die Mutter ihrem Kinde zu geben hat. Und nun zieht selbst die Schlüsse! Was hat eine Mutter, die abgearbeitet, abgehärmt und nur zu oft auch abgezehrt ist, ihrem Kinde zu vererben? Wie kann der Geist beschaffen sein, mit dem dies kleinmütige, niedergedrückte, um jeden frohen Auf- und Ausblick betrogene Weib sein Heim, sein sogenanntes Heim durchdringt? Schauen wir doch um uns! Wo finden wir denn das ideale Familienleben, innerhalb dessen„um des Lichts gesell'ge Flammen sammeln sich die Hausbewohner"? Und doch sollte das Haus der Jungbrunnen sein, aus dem Mann und Kinder Lebenslust und Arbeitsfreude schöpfen, und im Hause die Mutter der belebende Springquell alles Guten und Schönen, in dem das Lebens- und Erstrebenswerte der heranwachsenden Generation sich gerne und klar spiegelt, in dessen reinigender Flut das Kind und der Mann aber auch alles abspülen können, was die Welt da draußen ihnen, oder was sie sich selbst angetan! So weist nicht nur das Menschenrecht des Weibes, das auch dem Armseligsten und Beladensten nicht verloren gehen darf, nein auch die Selbsterhaltungs- und die Wieder- erneuerungspflicht der menschlichen Gesellschaft darauf hin, der Hausfrau und Mutter ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. In jüngster Zeit mehren sich ja die Stimmen, die den volkswirtschaftlichen Wert der erhaltenden und verwaltenden Hausfrauentätigkeit in zutreffender Weise betonen: das, was die Mutter an ethischen Werten zu geben hat, ist nicht minder hoch einzuschätzen. Damit sie es aber geben könne, muß sie selbst gesund, frisch und lebensfreudig sein, und eine vornehmste Aufgabe der Gesellschaft ist es, ihr dabei zu helfen, indem sie die nötigen Vorbedingungen schafft. Zu diesen Vorbedingungen gehören auch Ferien. Wie sie beschafft werden könnten, ist gewiß nicht im Handumdrehen zu sagen. Dennoch fehlt es nicht an Anhaltspunkten. Wir haben jetzt schon einen Schutz der gewerblichen Arbeiterinnen, der Krankheit und Invalidität umfaßt und auch heute schon in Bedarfsfällen die Erholung ermöglicht. Wir haben ferner eine teilweise, heute leider noch örtlich und individuell wahlfreie Ausdehnung der Ortskrankenkassentätigkeit auf die Familie, und wir haben schließlich die überall aufblühende Einrichtung der Hauspflegevereine, die aus privaten Wohlfahrtseinrichtungen zu kommunalen Institutionen werden müßten. Ein entsprechender Ausbau aller dieser Ansätze, ähnlich dem, wie er für den Mutterschaftsschutz gefordert wird: das wäre also eine vermehrte und vergrößerte Beitragspflicht der Nnternehmer, beziehungsweise des Staates und der Kommunen auf der einen, der Versicherungspflichtigen auf der anderen Seite, eine Vertretung der Hausfrau durch die Organe der Hauspflegevereine: und die Möglichkeit einer Ausspannung würde auch für die geplagteste Hausmutter ohne wesentlichen Aufwand gegeben sein. Damit wäre gewiß noch nicht alles getan, und niemand wird unterstellen, daß eine Ruhe von wenigen Tagen ein langes Jahr der Sorge und Mühe aufwiegen könne. Aber ein Anfang wäre gemacht, eine Hoffnung wäre gegeben, eine kleine Erfüllung, an der Wunsch und Wille zu Größcrem, Besserem sich festankern könnte. Und von dem Weibe, das sein Menschtum anerkannt sieht, von der Mutter, der im grauen Arbeitsjahr eine Oase der Rast und Erquickung winkt, würde Mut und Zuversicht ausstrahlen, so wie sie jetzt manch liebes Mal und oft, ohne es selbst zu wissen oder zu ahnen, der Ausgangspunkt dumpfer Mut- und Hoffnungslosigkeit ist. Darum Ferien für die Mutter! In ihrem eigenen Namen, wie im Namen all jener, denen die Aufwärtsentwicklung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, am Herzen liegt. _ e. tti. Amtliche Untersuchung der Arbeiterinnenheime in der Schweiz. Im vorigen Jahre berichteten wir in diesem Blatte von Arbeiterheimen in der Schweiz und von den in denselben bestehenden bedenklichen Verhältnissen, über die unsere Genossin vr. Balabanoff in Lugano und unser Genosse Arbeitersekretär Greulich recht interessantes Tatsachenmaterial veröffentlicht hatten. Greulich teilte seine bezüglichen Kennwisse in einer längeren Eingabe dem Jn- dustriedepartement in Bern mit. Dieses veranlaßt« nun seinerseits die Regierung des Kantons St. Gallen, um den es sich zumeist handelte, nähere Untersuchungen der Zustände und Mißstände in den kapitalistisch-katholischen Arbeiterinnenheimen anzuordnen. Die Untersuchung wurde vom eidgenössischen Fabrikinspektor l)r. Wegmann und vom kantonalen Fabrikinspektor Buchegger-St. Gallen zusainmen vorgenommen. Beide erstatteten kürzlich der Regierung Bericht über die gemachten Feststellungen, der nun durch Veröffentlichung der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurde. Die beiden Aufsichtsbeamten haben demnach die Arbeiterinnenheime besucht, die zu den Fabriken gehören und die von einem Fabrikanten in der Stadt St. Gallen betriebene Kostgeberei. Die Entstehung dieser Anstalten datiert bis in das Jahr 1864 zurück, die meisten sind aber erst seit 1900 entstanden. In den acht Anstalten wurden zusainmen 292 Mädchen angetroffen, die meistens katholische Italienerinnen sind und im Alter von 14 bis 16 Jahren eintraten. Die Leiterinnen sind katholische Nonnen, und diese sorgen dafür, daß der Import aus Italien beständig fließt. Italienische Gemeindevorstände, zweifellos katholische fromme Händler mit Menschenfleisch, offerieren förmlich den Heimen junge Mädchen, einer anerbot auf einmal 69 junge Ausbeutungs- und Ver- dummungsobjekte. Die Mädchen müssen für ihre Verpflegung S,S0 bis 8 Frs. pro Woche bezahlen. Sie müssen morgens um 4'/. Uhr, zum Teil etwas später ausstehen. Zu Mittag haben sie eine 1 bis 1'/- stündige Pause; nach Feierabend müssen sie Hausgeschäfte und weibliche Handarbeiten verrichten. Das Alleinausgehen ist den Mädchen in der Regel nicht erlaubt, sie stehen beständig unter der Aufsicht der Schwestern, von denen sie am Sonntag auch in die Kirche geführt und auf dem Spaziergang begleitet werden. Abends 9 Uhr geht's in das Bett. Körperliche Züchtigungen sollen nicht vorkommen, dagegen Geldstrafen von S bis 19 Rappen, die für einen guten(natürlich religiösen) Zweck verwendet werden. Die Kontrolle der Korrespondenz der Mädchen durch die Schwestern wurde festgestellt, aber sie werde da und dort von den Eltern und den Behörden verlangt, welche Armen- oder Waisenkinder hier untergebracht haben. Geld bekommen die Mädchen nicht in die Hand, von ihrem„Löhnli" wird das Verpflegungsgeld abgezogen, den Rest erhalten die Schwestern, die den Mädchen die Betrüge für kleine Ausgaben buchen. Die Schwestern erübrigen sich von den kleinen Löhnen auch noch etwas für religiöse und kirchliche Zwecke, für Opferung am Monatsonntag in der Kirche, für Beiträge an die Mission, an den Heidenverein, für Messen, Rosenkränze usw.„Soweit wir nachforschen konnten, sind derartige Leistungen überall dem freien(?) Willen der Mädchen entsprungen." In mehreren Fabriken und Heimen wurden harte Vertragsbußen in den Reglementen und Verträgen festgestellt. Uber die Höhe der Löhne werden leider nicht die geringsten Mitteilungen gemacht. Der umfangreiche Bericht bestätigt alle Angaben, die Greulich und Genossin Balabanoff machten, aber er ist so kritiklos, so hyper-„objektiv" gehalten, daß er diese kapitalistisch-katholischen Sklavenanstalten als ideale Erziehungsheime erscheinen läßt. Die bürgerliche Presse spekuliert auf die Gedankenlosigkeit der öffentlichen Meinung und schwätzt unverfroren von„günstigen Resultaten" der Untersuchung, von„Übertreibungen". Dieser Trick wird aber nicht gelingen, die organisierte Arbeiterschaft und ihre Presse wird ihn vereiteln. Vollständige Änderung der Verhältnisse in diesen Heimen im Sinne der völligen Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit der Arbeiterinnen, die keine Sklavinnen sind und sein dürfen, muß nach wie vor die Forderung lauten. Die Kritiklosigkeit des Fabrikinspektors Or. Wegmann ist sehr zu bedauern, denn sie trägt dazu bei, daß Mißstände nicht beseitigt, sondern konserviert werden. Dann kann aber auch durch sie das Ansehen der schweizerischen Fabrikinspektion bei der Arbeiterschaft nur noch weitere Einbuße erleiden, nachdem es schon lange nicht mehr so groß ist, als es vor Jahren noch war. Die Arbeiterschaft bleibt schließlich auch hier auf ihre Organisation und tatkräftige Selbsthilfe angewiesen. Der Große Rat(Landtag) des Kantons St. Gallen hat beschlossen, alle Arbeiterinnenheime und auch die Anstalt zum„Guten Hirten" der staatlichen Aufsicht zu unterstellen und sie regelmäßig kontrollieren zu lassen. Die Regierung wurde eingeladen, eine bezügliche Geseyesvorlage auszuarbeiten und dem Großen Rate vorzulegen. Die Veröffentlichungen unserer Genossin Balabanoff und das Vorgehen unseres Genossen Greulich usw. waren also nicht umsonst. _ I-. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Die Zahlstellen des Fabrikarbeiterverbandes in Meißen, Pirna und Oderan hielten im Monat Juni recht gut besuchte Versammlungen ab. Unterzeichnete sprach in ihnen über„Die wirsschaft- lichen Kämpfe". Sehr interessante Debatten knüpften sich an das Referat. In Pirna setzt ein Unternehmer seinen Stolz in schlechte Entlohnung. Es war vorgekommen, daß Arbeiterinnen am Sonnabend mit 4,59 Mk. nach Hause ge- chickr wurden. Der nämliche Herr verbot es den jugendlichen Arbeitern, das Gewerkschastshaus als Turnlokal aufzusuchen. Er hatte erklärt,„wer wieder ins.Weiße Roß' geht, wird entlassen". Die Debatten illustrierten scharf die beliebte Ausbeutung und Bevormundung, zeigten aber auch, daß die Ausgebeuteten sich ihre Rechte nicht verkürzen lassen wollen. So kraß waren die enthüllten Mißstände, daß sogar ein Beamter einer anderen großen Fabrik im Sinne des Referats sprach und die Anwesenden aufforderte, die Arbeiterpresse fleißig zu lesen. Die Arbeiter müßten stets eingedenk ein, daß Wissen Macht ist, und daß, wer die Macht hat, auch das Recht hat. In Meißen fand außer der Ver- ammlung der Fabrikarbeiter eine solche des Metallarbeiterverbandes statt, in der das Thema behandelt wurde:„Was hat die Arbeiterschaft zu fürchten". Diese Versammlung war gut, und zwar ausschließlich von den weiblichen Mitgliedern besucht. Lange Debatten drehten 94 Die Gleichheit Nr. 16 genau wie Rurokönnen nur unheilbringend sein für das deutsche Volk. Auch das ist ein Beweis für die Unhaltbarkeit unserer eigenen Zustände, daß politische Entscheidungen von weittragendster Bedeutung getroffen werden können, ohne daß das Volk oder seine gewählten Vertreter überhaupt gefragt werden. sich um den Ausschluß eines organisierten Metallarbeiters, rinnen ohne Unterschied der Herkunft sich in großer Zahl| trabenden Worten hat der russische Heerführer seinem dessen Frau während des Kampfes der Zigarettenarbeite- der Organisation anschließen. Die Genofsinnen werden alles Monarchen versichert, daß das ganze Heer in der Manrinnen in Dresden Streifarbeit geleistet hatte. Da ein Be- aufbieten, um das begonnene Aufklärungswerk fortzusetzen. dschurei von Siegeszuversicht erfüllt sei und darauf brenne, schluß der Gewerkschaften vorlag, als Wortbrüchigen den In einer Versammlung der Konfektionsarbeiter und die bisherigen Scharten auszuwegen, Mann zu betrachten, der Streitarbeit seiner Frau duldet,-arbeiterinnen geißelte die Referentin scharf die himmel- pattin vor Liaujang und Mukden. Für die Verwirklichung so wurde in dem betreffenden Falle der Ausschluß des schreienden Schäden der Heimarbeit, unter denen besonders dieser Siegesprahlereien ist es von übler Vorbedeutung, Mannes aus seiner Organisation beantragt und beschlossen. viel Frauen und Mädchen auf das schwerste leiden. Hell daß den Japanern jetzt auch die Insel Sachalin, das erste Der Kampf der Zigarettenarbeiterinnen hat gezeigt, daß als beleuchtete sie unter anderem, wie die Konfektionäre es ver- Stück russischen Gebiets in diesem Kriege, in die Hände geheimarbeitende Arbeitswillige Hunderte von Frauen ge- stehen, mittels der Heimarbeit einen großen Teil der Be- fallen ist, und daß sie auch auf dem russischen Festland Fuß schafft haben, deren Männer gewerkschaftlich, zum Teil auch triebsunkosten den Arbeitern aufzuerlegen und sich gleichzeitig gefaßt, nach einigen Nachrichten sogar schon Wladiwostot, politisch organisiert sind. Dadurch ist helles Licht darauf der gesetzlichen Versicherungspflicht zu entziehen. Viele den großen ostasiatischen Kriegshafen Rußlands, abgeschnitten gefallen, welch unübersehbares Arbeitsfeld der Bestellung Unternehmer beschäftigen nur Arbeiter und Arbeiterinnen, haben sollen. Denn die Japaner sind offenbar flug genug, durch die Genossinnen und Genossen noch wartet. Tausende die einer freien Hilfskaffe angehören. Ihre Schlußworte fich durch scheinbare Friedensgeneigtheit der russischen Diplogilt es noch zu der Erkenntnis zu erziehen, daß es mit der gipfelten in der Aufforderung, der Organisation beizutreten, matie nicht in Sicherheit wiegen zu lassen. Wenn nicht alle Zugehörigkeit zur Organisation allein noch nicht getan ist, zu agitieren und für eine durchgreifende Versicherungs- und Zeichen trügen, werden also auch die neuesten„, verblüffenden" sondern daß dem Geifte der modernen Arbeiterbewegung Arbeiterschutzgesetzgebung zu kämpfen. Eine allgemeine Pokerkniffe des verzweifelten Spielers auf dem Zarenthron entsprechend gehandelt werden muß. Viel treue, aufopfernde, Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen des Schneider nichts nüßen. So oder so, der in Menschenaltern durch unermüdliche Agitation und Kleinarbeit muß noch geleistet gewerbes galt der Frage: Welche Lehren ziehen wir aus Verbrechen und Schandtaten aller Art vorbereitete Zusammen werden, damit diese Erkenntnis die großen Massen durch den letzten Kämpfen?" Sie erfreute sich eines guten Be- bruch des Barendespotismus wird sich vollenden in unserer bringt und sie zu Kämpfern und Kämpferinnen für unsere fuchs und einer regen Diskussion. In einem Taunusdorf, Zeit. Glücklicherweise! Jdeen erzieht. Der Tabatarbeiterverband veranstaltete in dem viel Konfektion als Heimarbeit angefertigt wird, Im Innern Rußlands gärt es weiter. Streifs flackern während des Kampfes in der Umgebung von Dresden Volks- sprach Genossin Grünberg über„ Die Ziele der Organisation". auf, bald hier, bald dort. Es kommt zu Zusammenstößen versammlungen, die von Tausenden besucht waren. Die Unter- Es war wohl zum erstenmal, daß eine Frau hier sprach; die mit der Polizei, der Gendarmerie, den Kosaken. Immer zeichnete referierte in Freiberg, Gutschüz, Birkigt, Deuben Versammlung war gut besucht, und wie mir mitgeteilt wurde, kühner, immer selbstbewußter tritt das Bolt auf. Immer Dresden- Neustadt, Nauendorf, Altona, Bauckerode, gewann in letzter Zeit die Organisation 25 Mitglieder. Den grauenhafter werden auch die Unterdrückungsversuche der Kohlsdorf und Gorbiz. Durch diese Versammlungen galt Abschluß von Genoffin Grünbergs agitatorischer Tätigkeit Barenschergen. Gleichzeitig allerdings mehren sich die Zeichen, es vor allem, die Heimarbeiterinnen heranzuholen und zu bildete eine öffentliche Frauenversammlung, in der sie über daß selbst in den brutalisierten Hirnen ihrer Werkzeuge die bestimmen, teine Streifbrecherdienste zu leisten. Unsere Agi-„ Die Frau im 19. Jahrhundert und ihre Stellung zu den Erkenntnis aufzudämmern beginnt, daß sie ein gemeinsames tation hat das zum großen Teile erreicht. Recht wirksam wirtschaftlichen Kämpfen" referierte. Recht allgemein ver- Interesse haben mit dem Volke, aus dessen Mitte sie hervor haben die Gewerkschaftstartelle von Hamburg, ständlich schilderte sie die arbeitende Frau, die erwachende gegangen, nicht aber mit dessen Unterdrückern. Aus ver Altona und Wandsbeck den Kampf unterstützt. Sie ver Frau und die kämpfende Frau. An den Vortrag schloß sich schiedenen Städten kommen Nachrichten von Weigerungen anstalteten Versammlungen, in denen ich über die Lage und die Berichterstattung der Vertrauensperson der Genossinnen, ganzer Regimenter, auf das Volk zu schießen. Sogar ein die Aussperrung der Zigarettenarbeiterinnen referierte. Es und es wurde die Neuwahl derselben vorgenommen. Die paar Regimenter Donscher Kosaken sollen in Varo Tscherkust wurde diesen aller Beistand zugesichert und der Boykott Versammlung betraute die Unterzeichnete wieder mit dem eine gemeinschaftliche Verwahrung gegen ihre Verwendung über die Firmen verhängt, die ihre Arbeiterinnen aufs Amte und setzte eine Agitationskommission ein, bestehend aus zu Volksmeteleien erlassen haben. Dementiert werden natür Pflaster geworfen hatten, um ihnen das Koalitionsrecht zu den Genossinnen Gutknecht, Beckert, Becker, Sommer, lich offiziell alle solche unbequemen Nachrichten, so daß man rauben. Zum Glück ist dieses Attentat zurückgewiesen Dörr, Bielmeier und Könggötter. Die Frankfurter Genaueres erst später darüber erfahren wird. Aber so viel worden. Im Anschluß an die erwähnte Agitation fand in Genossinnen werden gewerkschaftlich wie politisch fleißig ist jetzt schon gewiß: die Aufflärung marschiert und mit ihr Ottensen eine Volksversammlung statt, die von den Ge- weiterarbeiten. Henriette Mirus. die Revolution. nossinnen einberufen worden und recht gut besucht war. Sollte in Hattingen die Begeisterung der Frauen für Ein Trost ist dem Zaren übrigens zuteil geworden durch Die Unterzeichnete sprach über„ Die Stellung der Frau zu unsere Bewegung ein bloßes Strohfeuer gewesen sein? So einen Besuch Kaiser Wilhelms II. in der finnischen den wirtschaftlichen Kämpfen". In allen Versammlungen möchte man manchmal fragen, wenn man sieht, wie flein Hafenstadt Björkö. Nach Mitteilung irgend eines Ge wurden der Sache des Proletariats neue Streiter und die Zahl der Leserinnen der„ Gleichheit", wie groß die Zahl bärdenspähers soll Nikolaus nach der Zusammenkunft den Streiterinnen gewonnen. Besonders muß hervorgehoben der Leserinnen bürgerlicher Blätter ist, welche die Interessen Eindruck eines glücklichen Mannes gemacht haben. Für werden, daß die Agitation zur Unterstützung der Zigaretten- des arbeitenden Volkes nicht vertreten, sondern verraten; uns Deutsche hat die Geschichte nur Bedeutung, wenn arbeiterinnen den Verbreitungsfreis der sozialdemokratischen wenn man sieht, wie wenig Frauen sich an den Besprechungen da irgend etwas über den Austausch persönlicher Liebens Presse erweitert hat. Diese hat Eingang in manche Woh- beteiligen, die der Aufklärung, der Mitarbeit im Dienste der würdigkeiten hinaus abgemacht sein sollte. Abmachungen, nung, in manches Dachstübchen gefunden, wo früher bürger- Freiheit gewidmet sind. Meinen etwa die Hattinger Frauen, die einen Baren in eine glückliche Stimmung versetzen, liche Blätter den Geist von Männern und Frauen vergifteten daß sie jetzt schon im„ Zukunftsstaat" leben und nicht mehr und verdummten. Eine wichtige Aufgabe ist es nun, zu er zu lernen, zu kämpfen brauchen? Drückt sie das Elend nicht halten und zu pflegen, was gewonnen worden ist, damit genug, und ist das Stück Brot und Fleisch vielleicht noch zu uns in Zukunft Erfolge gesichert sind. Marie Wack wit. groß, das ihrer Familie von dem Unternehmertum und seinen Die Gaardener Genossinnen versammelten sich anfangs Stellvertretern zugeschnitten wird? Wer von uns diese Juli in dem benachbarten fleinen Orte Sophienhöh, aus dem Fragen ehrlich beantwortet, dem kann nicht so mollig zu Die Gefahren des geheimniskrämerischen Diplomatenspiels ebenfalls eine Anzahl Frauen an der Versammlung teilnahm. Mute sein, daß er auf Aufklärung und Kampf verzichtet. auf dem Gebiete der sogenannten Weltpolitik werden dem Genosse Brecour- Kiel referierte über das Thema:" Die Im Gegenteil, flar wird ihm die Notwendigkeit vor Augen deutschen Volke übrigens wieder einmal augenfällig vorge Frauen und die Arbeiterbewegung". Der Referent betonte, treten, sich und die Seinigen gegen die ausbeutende und führt durch die englischen Flottenmanöver, die dem daß die Sozialdemokratie die einzige Erlöserin der Prole- fnechtende Macht des Kapitals zu verteidigen. An jedem nächst in der Ostsee stattfinden sollen. Zweifellos ist tarierin sei und für sie eine weit umfassendere und voll- Talerstück, das in den Geldbeutel der Hausfrau kommt, hängt das ein Gegenschlag gegen die Bülowschen Machenschaften ständigere Gleichberechtigung fordere, als die bürgerlichen Schweiß und Blut des Mannes, hängt alles, was die kapita- bei dem Marofforummel. Wenn man bedenkt, daß deutsche Frauenrechtlerinnen. Der Vortrag flang in die Mahnung listische Ausbeutung an ihm sündigt. Und an jedem Zehner, wie englische Chauvinisten ständig am Werke sind, um die an die anwesenden Frauen aus, sich der proletarischen Frauen der aus dem Haushalt geht, hängt die Mühe und Sorge beiden großen Kulturvölter in einen volfsverderblichen, aber bewegung anzuschließen und diese mit aller Kraft zu unter der Frau, und was sie leiden und entbehren muß, dank der für allerhand Spekulanten höchst einträglichen Krieg hinein stützen. Das vortreffliche Referat wurde beifällig auf- heutigen Ordnung oder richtiger Unordnung. Jeder Tag mit zuheben, so hat man allen Grund zum Argwohn gegen genommen. Die Aufforderung der Vorsitzenden, die„ Gleich seinen Mühen und Qualen sagt der Proletarierin aufs neue, Machtmanifestationen, mit denen sich die Regierungen gegen heit" zu abonnieren, wurde von 13 Genossinnen aus Sophien- daß sie den Kampf des Mannes für Brot und Freiheit teilen feitig zu übertrumpfen suchen. Wir haben unserer Regierung höh befolgt. H. G. muß, damit ihr nicht als einer Unverständigen und Feigen der auf die Finger zu passen, wie unsere englischen Genossen Frankfurt a. M. Die hiesige Filiale des Schneider Fluch ihrer Kinder über das Grab hinaus folgt. Deshalb der ihren, um unermeßliches Unglück für beide Völker zu verbandes entfaltete Ende Juni eine rege Agitation unter auf, ihr Frauen der Besitzlosen. Erkennt eure Interessen verhüten. den Arbeitern und Arbeiterinnen des Gewerbes. Sie ver- und eure Pflichten. Schüttelt den Stumpfsinn und die Während bei uns sogar die Bürger der freien Hansas anstaltete für die verschiedenen Branchen öffentliche Ver- Trägheit von eurem Geiste. Lernt, agitiert, schart euch zu städte am Werke sind, der Arbeiterschaft das sowieso tärg fammlungen, in denen Genossin Grünberg referierte. Die sammen, damit frisches, fröhliches Leben in unserer Be- lich bemessene Wahlrecht zu verkümmern, haben die Verhält Arbeiterschaft der Damenschneiderei ist schon lange das wegung pulsiert. Wenn jede mit gutem Willen selbstlos nisse in dem österreich- ungarischen Doppelstaat bereits sich Schmerzenskind der Frankfurter Organisation, die jahrelang ihre Kraft einsetzt, so bleibt der Lohn nicht aus. so zugespitzt, daß unsere Genossen dort mit Aussicht auf nur einige weibliche Mitglieder davon umschloß. Der nie Erfolg für das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht eintreten können. Auf dem von deutschen wie tschechischen ruhenden Aufklärungsarbeit zufolge hat sich in letzter Zeit ihre Zahl zwar etwas gehoben, doch steht sie noch weit hinter Sozialdemokraten abgehaltenen böhmischen Parteitas derjenigen der Damenschneiderinnen zurück, die in Frankfurt wurde einmütig diese demokratische Forderung geltend ge das größte Kontingent der Arbeiterinnen stellen. Väterchen Zar ist in argen Nöten. Zu der Angst vor der macht und für Ungarn erzielte, sogar in Budapest eine ihnen aufzuklären und zu organisieren ist ein schweres Stück Revolution tommt jetzt noch die wachsende Angst vor der Voltsversammlung durch ihre Deputation das Zugeſtändnis Arbeit. Die große Mehrzahl der Schneiderinnen sind nicht Hoffamarilla. Macht er feinen Frieden mit Japan, so wirkt eines Ministers, daß das allgemeine Wahlrecht den einzigen Töchter von Proletariern, sondern Töchter von kleinen die Fortsetzung des Krieges mit all seinen Greueln und Ausweg aus dem staatlichen Wirrwarr eröffne. Das is und fleinsten Beamten. Sie arbeiten für jeden Preis und Fäulniserscheinungen, so wirken die voraussichtlichen Nieder natürlich noch keine Übertragung des Gedankens in die Wirk werden somit Schmuskonkurrentinnen ihrer Kolleginnen aus lagen aufrüttelnd ein auf das russische Volk und stärken die lichkeit. Immerhin aber ist es ein Signalstern dafür, wie die dem Proletariat. Bei den Besprechungen, die wir mit den Revolution. Schließt er Frieden, so droht die Kamarilla, leitenden Gedanken unserer internationalen sozialdemokra Arbeiterinnen haben, hören wir von ihnen oft genug, daß die voraussichtlichen Zugeständnisse, die Rußland den sieg- tischen Bewegung sich in staatlichen Nöten auch gegen sie nicht arbeiten, um zu verdienen, sondern nur um von reichen Japanern machen muß, zur Diskreditierung des Interesse der herrschenden Klassen, aber unter deren wider Hause fort zu sein oder um etwas Taschengeld zu haben regierenden Baren auszunuzen, um ein noch gefügigeres willigem Bugeständnis von ihrer Notwendigkeit durchsetzen oder auch um die Kleidung selbst zu bestreiten. Als Arbeite Werkzeug von brutaleren Neigungen durch eine Palast- mit unwiderstehlicher Gewalt. rinnen fühlen sich diese Mädchen nicht. Ihren Reden nach revolution auf den Thron zu bringen. arbeiten sie nur zum Vergnügen. Betrachtet man aber ihre Arbeitsbedingungen: die überlange Arbeitszeit, die ungesunden durch das schlaue Auskunftsmittel herausretten zu können, Werkstellenverhältnisse, die menschenunwürdige Behandlung daß er zwar einen Friedensdelegierten nach Washington ge Die Verhandlungen über das genossenschaftlich und dergleichen, so sagt der gesunde Menschenverstand: diese schickt hat in dem aalglatten Finanzkünstler Witte, aber Arbeitsverhältnis, die auf dem Gewerkschaftskongres Ausgebeuteten schämen sich, Arbeiterinnen zu sein. Genossin bei jeder Gelegenheit feierlich erklärt, daß er feinerlei Friedens- und den Genossenschaftstagen stattgefunden haben, üben be Grünberg verstand es in ihrem Referat trefflich, diese Art abmachungen seine Zustimmung geben würde, die mit der reits ihre Wirkungen. So hat der Verband der Bäcker, Arbeiterinnen bei ihren Interessen zu packen und ihnen zum Ehre des großen heiligen Rußlands unverträglich seien. Da der in Stuttgart schon über günstige Erfahrungen berichten Bewußtsein zu bringen, was ein Blick in ihre müden Augen, die russischen Patentpatrioten zu diesen ehrwidrigen Ab- konnte, sich nochmals an die bisher ablehnenden Ver auf ihre bleichen Wangen lehrt: daß ihre Lage eine prole- machungen sogar das Zugeständnis einer Kriegsentschädi- waltungen behufs Anerkennung des Tarifs gewandt und so tarische und ebenso traurige ist wie die jeder anderen Lohn- gung rechnen, was allerdings auf das offene Eingeständnis fort von vier die Anerkennung erhalten, während weiter arbeiterin, daß sie mithin dringend einer Verbesserung ihres der Niederlage hinauskäme, so sieht es mit dem Friedens dreißig sich zu erneuten Verhandlungen bereit erflä Loses und zu diesem Zwecke der Organisation bedarf. Wir schluß windig genug aus. Klammert sich doch der Zar sogar haben. Wünschen wir ihnen den besten Erfolg. übrigens hossen, daß die ausgestreute Saat der Erkenntnis teimen noch an den Strohhalm der Siegeshoffnung, den ihm der plant das Sekretariat des Zentralverbandes für den und wachsen wird, so daß in naher Zeit die Damenschneide- neue Generalissimus Linewitsch hingehalten hat. In hoch- Herbst eine Erhebung über die Arbeitsverhältnisse Politische Rundschau. Wilh. Bechstein. Nikolaus II. glaubt sich offenbar aus dieser Zwickmühle Genossenschaftliche Rundschau. da G. L Der die 1 665 A NO4 8 1 1 B Nr. 16 Die Gleichheit 95 Konsumvereinsangestellten. Sie soll Hand in Hand mit worden. Das Erziehungskomitee fordert aber die Verwen-| von städtischer Milch ist, wird in der Praxis wohl jeder den beteiligten Gewerkschaften vorgenommen werden. Es dung von 2½ Prozent der Gesamtüberschüsse, also etwa mann zum Selbstkostenpreis Milch erhalten, wenn er ste ist zu wünschen, daß alle Vereinsleitungen die verlangten des dreifachen Betrags für diesen Zweck. Eine große Kund- wünscht. Angaben so genau als möglich machen. Das Ergebnis fann gebung veranstaltete auch die Frauengenossenschafts- Wöchnerinnenversicherung in Italien. Nach dem Entnur dazu dienen, den Dertel und Genossen, gewerbsmäßigen gilde, der über 27000 Frauen in etwa 500 Gruppen an- wurf des italienischen Handelsministers soll in Italien eine Verleumdern der Konsumvereine, durch Feststellung der viel gehören. Auch ihr Tätigkeitsgebiet ist die genossenschaftliche Reich 3- Mutterschaftstasse gegründet werden, die in der fachen bereits erzielten Verbesserungen zwar nicht den Mund Erziehung, ferner die Förderung der Genossenschaftssache Zeit nach der Entbindung allen Frauen Unterstützung gezu stopfen wer wider besseres Wissen redet, läßt sich nicht unter dem allerärmsten, zur Selbsthilfe noch nicht fähigen belehren aber doch die Heztätigkeit erheblich zu er- Proletariat. Simon Kazenstein. schweren. Daneben aber wird die Feststellung zahlreicher? noch vorhandener Rückständigkeiten deren Beseitigung und die Anbahnung des erstrebten idealen Arbeitsverhältnisses ist erleichtern. Dazu gehört freilich auch die gutwillige MitNotizenteil. industrie. währt, denen das Gesetz zum Schutze der Arbeiterinnen die gewerbliche Arbeit untersagt. Die Einnahmen der Kasse sollen gebildet werden aus Beiträgen, die die Unternehmer und Arbeiterinnen zur Hälfte zu tragen haben, ferner aus den Strafen, welche den Unternehmern wegen Vergehen gegen das Arbeiterinnenschutzgesetz auferlegt werden. Es wirkung der Angestelltenverbände, die in der Genossenschaft Der Kampf in der vogtländisch- thüringiſchen Textil- sind sieben Beitragsklassen gebildet: In die erste gehören nicht ein Ausbeutungsmittel, sondern eine Staffel auf dem Wege zur Beseitigung der Ausbeutung und zur genossenschaftlichen Organisation der Volkswirtschaft erblicken müssen. Das Wort Kaufmanns: Qualitätsarbeit für Qualitätslohn, das heißt genossenschaftliches Pflichtgefühl auf beiden Seiten, kennzeichnet diese Aufgabe treffend. Und die weitere Folge dieser wachsenden Annäherung gewerkschaftlicher und genossenschaftlicher Dentweise muß sein das entschiedene Eintreten der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, die ja heute zumeist schon in den Generalversammlungen der Konsumvereine maßgebend sind, für Erweiterung und Ausbau der konsumgenossenschaftlichen Organisation. Wie viel da an manchen Orten, namentlich in Berlin, noch fehlt, ist betannt genug. Weibliche Fabrikinspektoren. die Arbeiterinnen, die einen Tagelohn bis 60 Centime verDen Arbeitern und Arbeiterinnen der Färbereien dienen, in die siebente Klasse diejenigen, deren Tagelohn und Appreturanstalten von Meerane, Glauchau, Reichen von 3,61 Frant bis 4,20 Frank beträgt. Der Jahresbeitrag bach, Gera, Greiz usw. ist von einer machtprozigen Unter- ist für jede Klasse auf zwei Tagelöhne festgesetzt; die nehmerorganisation, der Färberkonvention, ein harter Kampf Tagesunterstützung beträgt 1 Frank für die unterste, steigend aufgezwungen worden. Sein Ausgangspunkt ist eine ge- bis 3,15 Frank für die oberste Klasse. Das Gesetz bes forderte bescheidene Lohnerhöhung von etwa 1,50 bis 2 Mt. ſtimmt, daß die Unterstützung nicht pfändbar ist, und daß pro Woche. Die jetzt bei den Ringfirmen üblichen Hunger- die Beiträge mit denselben Mitteln eingetrieben werden löhne, die für Arbeiter, Familienväter, durchschnittlich 10 bis fönnen, wie die direkten Steuern. Italien ist damit das 15 Mt. wöchentlich betragen, erweisen vollauf die Berechti- erste Land, das den Versuch macht, eine besondere Wöchnegung des Verlangens. Die Möglichkeit der Bewilligung rinnenversicherung einzuführen. Leider umfaßt der Entwurf wird aber durch zwei Umstände dargetan. Die Unternehmer, einen viel zu geringen Teil der in Italien beruftstätigen welche in einem anderen Verband als der Konvention zu Arbeiterinnen. Die in der Hausindustrie, der Landwirtschaft, sammengeschlossen sind, haben sich schon seit Monaten mit im Haushalt und im Handel tätigen Arbeiterinnen sind Nach einem Referat des Genossen Dr. Karl Liebknecht ihren Arbeitern über eine Lohnerhöhung verständigt. Vor gänzlich ausgeschlossen. Die Versicherung erstreckt sich nur hat die Parteikonferenz des Wahlkreises Potsdam- Spandau etlicher Zeit führten die Färber und Appreteure einen Preis- auf die in der Industrie tätigen Arbeiterinnen, welche ,, eindringlich gewarnt vor der leichtfertigen Gründung aufschlag von 23 Prozent mit dem Hinweis auf die hohen dem Gesetz zum Schutz der Frauen- und Kinderarbeit vom von Konsumvereinen, die sich nur unter besonders Löhne durch, ohne daß die Arbeiter etwas von diesen hohen 19. Juni 1902 unterstehen; das geplante Gesetz wird demgünstigen Verhältnissen in größeren Orten halten Löhnen zu spüren bekamen. Fast seit einem halben Jahre nach nur etwa 2 Million Arbeiterinnen zugute kommen. können". Diese Warnung, die auch von genossenschaftlicher ziehen die Herren von der Konvention die Arbeiter mit Ver- Wir werden demnächst eine eingehende Erörterung des EntSeite oft schon erfolgte, ist berechtigt, bedarf aber der Gr sprechungen an der Nase herum. Schließlich riß diesen der wurfs veröffentlichen. gänzung durch die Empfehlung des Anschlusses an die dicke Geduldsfaden. Bei einigen Ringfirmen in Meerane bestehenden Vereine und der Errichtung neuer Konsum- und Glauchau trat die Arbeiterschaft für die Durchsetzung genossenschaften dort, wo die Voraussetzungen ihrer gedeih- ihrer Forderung in Bewegung. Da die Fabrikbarone jede lichen Entwicklung vorhanden sind. Nicht zutreffend ist die Verständigung abwiesen, fam es zum Ausstand. Die sächsisch- Von der Tätigkeit der württembergischen Assistentinnen Ansicht, daß nur an größeren Orten und unter besonders thüringische Färberkonvention drohte daraufhin mit der Aus- der Fabrikinspektion. Die beiden Gewerbeaufsichtsbeamgünstigen Verhältnissen Konsumvereine sich halten können. sperrung sämtlicher Arbeiter und Arbeiterinnen der Branche. tinnen in Württemberg haben im Berichtsjahr 1904 zusammen In kleinen und kleinsten Orten bestehen viele Hunderte Die Verhandlungen, zu denen die Arbeiter drängten, ent- 1877 Revisionen vorgenommen. Sie revidierten 901 Fabriken, blühender Vereine zum Nutzen der besiglosen Bevölkerung, hüllten die Absicht der Herren, um jeden Preis eine Macht darunter 301 Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion, und unter normalen oder durchschnittlichen Verhältnissen probe herbeiführen und die„ begehrlichen" Lohnsklaven an ferner 911 Werkstätten und Betriebe, auf welche das Kinderkönnen sich solche bei genügendem guten Willen halten und die Wand drücken zu wollen. Sie verweigerten die schutzgesetz Anwendung findet, und 63 Betriebe, in denen entwickeln. Der gute Wille muß freilich da sein. Anerkennung der Organisation, indem sie abschlugen, wider Erwarten keine Kinder beschäftigt waren. In MädchenDie Generalversammlung des Lagerhalterver- deren Vertreter zu den Verhandlungen zuzulassen, ein heimen, Krippen und anderen sogenannten Wohlfahrtsbandes, die vom 16. bis 18. Juli in Hamburg getagt unverschämtes Ansinnen, auf das die Arbeiter leider einrichtungen machten sie 18 Besuche; mit Behörden, Arbeithat, beschloß energische Agitation für den Anschluß der eingingen. Was die Lohnforderung anbelangt, so ver gebern und Vertrauenspersonen der Gewerkschaften usw. Konsumvereine an die neugeschaffene Unterstügungskasse höhnten sie dieselbe durch das Anerbieten, den Verdienst hatten sie 360 Besprechungen. Ihre Revisionstätigkeit hat des Zentralverbandes, deren Gründung als Erfüllung einer täglich um 10 Pf., 60 Pf. die Woche, zu steigern. Das interessantes Material zur Frage der Frauenarbeit und eine sozialen Pflicht begrüßt wurde. Für Abstellung der noch schlug dem Faß den Boden aus. Mit seltener Einmütigkeit Fülle tief erschütternder, himmelschreiender Tatsachen über vorhandenen Mängel soll weiter gewirkt werden. Hinsicht erklärten die Arbeiter und Arbeiterinnen in ihren Versamm greuelhafteste Kinderausbeutung zutage gefördert. Die„ Gleichlich der Mindestforderungen wurde ein Entwurf an- lungen, trotz ihrer Friedensliebe diese Bedingungen nicht heit" wird sich noch eingehend damit beschäftigen. genommen, der unter anderem verlangt: Achtuhrladenschluß, annehmen zu können. Die Aussperrung fam. 12000 Ar- Eine wachsende Fühlung zwischen Fabrikinspektorinnen Sonntagsruhe, wöchentlich 60 stündige Geschäftszeit, zwei beiter und Arbeiterinnen wurden brutal aufs Pflaster ge- und Arbeiterinnen konstatiert der Bericht der bayerischen stündigen Mittagsschluß, monatlich einen Tag und jährlich worfen. Der Fäberring droht weiter damit, daß der sächsisch- Gewerbeaufsicht für 1904 in zwei Bezirken. Aus Ober eine Woche Urlaub, Höchstbetrag der Kaution von 500 Mt., thüringische Weberverband seinerseits seine Arbeiterschaft bayern meldet er eine steigende Inanspruchnahme der deren Sicherstellung und Verzinsung, Unfallversicherung. aussperren werde, wenn die Lohnsklaven der Färbereien Assistentin von seiten der Arbeiterinnen. Der Berichterstatter Der größte Teil der Forderungen, die zumeist in den fort nicht zu Kreuze fröchen. Wird die Drohung wahr, so für Niederbayern verzeichnet, daß der Verkehr der geschrittenen Vereinen bereits erfüllt sind, läßt sich ohne schwingt Unternehmerwillkür binnen kurzem über 30000 bis Assistentin mit den Arbeiterinnen ein sachdienlicher ist, und große Schwierigkeiten verwirklichen. Auch hier ist der baldige 40000 Proletarier die Hungerpeitsche. Die Arbeiter und daß Interesse und Verständnis der letzteren für die GeAbschluß eines Tarifvertrags zu erstreben. Arbeiterinnen der Färbereien und Appreturanstalten stehen In Braunschweig ist den Beamten und Staatsarbeitern mutig, entschlossen und in bester Disziplin im Kampfe. aller Art: Angestellten der Post, der Eisenbahn, Lehrern und Leider sind sie jedoch schlecht organisiert. Es wird der tatGerichtsorganen, der Austritt aus dem„ sozialdemokratisch fräftigsten Solidarität des gesamten Proletariats bedürfen, geleiteten" Konsumverein anbefohlen worden. Erst treibt damit sie ein winziges Mehr an Brot erringen. Die Kämp und efelt man die bürgerlichen Elemente aus den Konsum- fenden selbst sind entschlossen, mit zäher Geduld dem Anvereinen hinaus, so daß fast nur noch Industriearbeiter ihm sturm der Ausbeuter Troß zu bieten. Die kapitalistische Profit angehören, die natürlich Sozialdemokraten sind. Nachher gier hat sie derart ans Darben und Hungern gewöhnt, daß wird ein angeblicher Parteicharakter des Vereins zum Vor- die Leiden des wirtschaftlichen Krieges sie nicht schrecken. wand von Maßregeln genommen, die nur dem Krämertum Möchte ihnen der Kampf außer der dämmernden Erkenntnis zum Vorteil gereichen sollen, während man doch den Ver- von der Notwendigkeit der Organisation einen Sieg ihres einen feinerlei politische Tätigkeit nachsagen kann, die ja auch Rechtes bringen. dem Gesetz widerspräche. Unsere Behörden wären aber sicher nicht zu scheu, von dem ihnen in diesem Falle zustehenden Rechte der Auflösung Gebrauch zu machen. Den Konsumvereinen schaden alle derartige Maßnahmen auf die Dauer nicht. Ob sie die staatstreue Gesinnung der so vergewaltigten und geschädigten Unterbeamten festigen werden, das zu prüfen, ist nicht unseres Amtes. Oft genug haben die eifrigsten Stützer der Staatsautorität sich als deren wirksamsten Zerstörer erwiesen. werbeaufsicht im Wachsen begriffen sind. Der Bericht für die Oberpfalz erklärt leider dagegen, daß den Arbeiterinnen noch größtenteils das Verständnis für die Tätigkeit der Assistentin fehlt. Als Vertrauenspersonen wie als Aufflärerinnen, Lehrerinnen der Arbeiterinnen haben die Genosſinnen zusammen mit den Gewerkschaften auf dem Gebiet der Gewerbeaufsicht noch ein ausgedehntes und fruchtbares Feld zu bestellen. " Frauenbewegung. Eine rührige Beteiligung von Frauenrechtlerinnen am Landtagswahlkampf in Bayern ist als günstiges Fürsorge für Mutter und Kind. Zeichen für die wachsende politische Erkenntnis der bürgerlichen Frauenwelt zu verzeichnen. Eine Gruppe sogenannter Kommunale Fürsorge für Säuglinge. In Magde- Radikaler" unter Führung von Lida Gustava Heymann burg sollen Unterrichtskurse für die Mütter über die Er- Hamburg hat fleißig geholfen bei der Bureauarbeit, bei nährung und Pflege des Säuglings eingerichtet werden. Abfassung und Verbreitung von Flugblättern, Verteilung Zweites Mittel zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit von Stimmzetteln, persönlicher Agitation unter den Wählern, ist die Anstellung besoldeter Pflegerinnen, von denen jetzt wie beim Schlepperdienst". Die Damen besorgten das drei amtieren. Die Damen haben vor allem die Ziehfinder Flugblattverteilen zum Teil per Rad. Die bei der weib Ein besonderer Verband christlicher Konsumvereine zu überwachen. Sie sollen sich orientieren, wie die Kinder lichen Wahlhilfe von ängstlichen Gemütern prophezeiten Un ist im Rheinland gegründet worden. Auch hier also, trotz verpflegt, ernährt und gekleidet werden, wie die Betten, die annehmlichkeiten sind nirgends eingetreten. Bemerkt sei des gesetzlich festgelegten unpolitischen Charakters der Konsum Wohnungen und die Pflege kranker Kinder beschaffen sind, daß die Frauenrechtlerinnen ausschließlich im Dienste de vereine, die beliebte Zersplitterungstaktit. Von der Gründung bei unehelichen Kindern haben sie nötigenfalls die Pflegegelder Liberalen arbeiteten, und daß das Gros ihrer Gesinnungsfatholischer Unternehmersyndikate haben wir noch nichts ver- von den zur Zahlung Verpflichteten einzuziehen. Das dritte genofsinnen, mit Fräulein Freudenberg an der Spizze, nommen. Übrigens ist bereits eine christliche Großeinkaufs- und bedeutungsvollste Mittel zur Einschränkung der Säug- ihrer Tätigkeit fühl bis ans Herz hinan" gegenüberstand. zentrale nach kurzem Dasein verkracht. lingssterblichkeit ist die Beschaffung billiger, einwandfreier Frauen als vollberechtigte Mitglieder eines liberalen In Paisley( Schottland) hat der englisch- schottische Milch durch Errichtung einer städtischen Milchsterilisierungs- Vereins. Durch die kürzlich vollzogene Verschmelzung der Genossenschaftstongreß getagt. Dieses gewaltigste ge- anstalt. Durch den Selbstbetrieb soll erreicht werden: 1. Die Nationalsozialen mit dem Liberalen Verein in Leipzig nossenschaftliche Parlament der Welt vertrat einen Verband, Garantie für die Verwendung von Milch mit genügendem Fett sind die weiblichen Mitglieder der ersteren Organisation mun dem Ende 1904 angehörten: 1469 Konsumvereine mit 2078000 gehalt, 2. die weitere Garantie, daß bei der Fabrikation mit auch gleichberechtigte Angehörige der letzteren geworden. Mitgliedern, 503 Millionen Mark Geschäftsanteilen, 1186 der größten Reinlichkeit verfahren wird, ohne welche die Die Mitgliedschaft der Frauen wurde nicht ohne Opposition Millionen Umsatz und 188 Millionen Reinüberschuß, ferner Milch gefahrbringend wirken würde, 3. die ständige ärztliche anerkannt, die jedoch schließlich vor der festen Haltung des 149 Produktivgenossenschaften mit 18 Millionen Kapital und Kontrolle und 4. ein Preis, der die billigste Abgabe ohne nationalsozialen Vorstandes tapitulierte. 16 Frauen sind 62 Millionen Umsatz und 2 Großeinkaufsgesellschaften mit allzu große Opfer möglich macht. An Ausgaben erwachsen Mitglieder des Leipziger Liberalen Vereins geworden. einem Kapital von 30% Millionen, einem Umsatz von für Einrichtung und Betriebskosten im ersten Jahre etwa Die Gründung einer technischen Hochschule für Frauen 532 Millionen Mart, das sind die größten Handelsbetriebe 12000 Mt. Ganz arme Leute erhalten die Milch umsonst, wird beruhige dich, deutscher Philister!- nicht etwa in der Welt. In Verbindung mit dem Kongreß fand eine Er- Arbeiter, Kleinbürger, Beamte usw., die ein Einkommen bis Deutschland, sondern in Rußland geplant. In Petersziehungskonferenz behufs Hebung der allgemeinen Volts zu 1500 Mt. pro Jahr haben, sollen die Selbstkosten von 3 burg soll für Frauen eine Ingenieurschule errichtet werden bildung statt. Für Bildungszwecke sind von den Genossen- bis 4 Pf. für die Flasche zahlen. Da aber nicht leicht fest- mit einer chemisch- elektrischen und einer bautechnischen Abschaften im letzten Jahre 1,62 Millionen Mart verausgabt zustellen sein wird, wie hoch das Einkommen der Bezieher teilung. 96 Die Sternenwacht.* Von Otto Erich Hartleben. jene Tage find so fern, Da einst Genuß des Menschen Los. Die Zeit ist hell vom Morgenstern, Doch sonnenlos. In dieser Nacht, im Sternenschein Schläft rings das Volk auf feuchter Streu, Stets von der Träume bunten Reihn Genarrt aufs neu. Rein Zagen tritt an sie heran, Was ihnen träumt, scheint ihnen wahr: Vergessen dieser Schatten Bann, Fern die Gefahr. Doch die vom Fels im Sternenstrahl Gen Osten wenden ihr Gesicht, Sie fühlen dieses Dunkels Qual, Sie träumen nicht. Die großen Augen, hoffnungskühn, Erflehn die Stunde, da es tagt Die großen Augen bangend glühn Durch tiefe Nacht. Und ihre Schwerter, blank und flar, Funkeln im Sternenlicht Sie kennen dieser Nacht Gefahr, Sie träumen nicht! Erwacht vom Traume bin auch ich Und schäme mich der langen Ruh: Ob manches schöne Bild entwich Noch leuchtest du, Du Hoffnung einer lichtren Welt, Du Sternbild, das im Osten flammt Und jedes Menschen Herz erhellt, Das gottentstammt! Die Eigentumsfanatiker. Von Ludwig Thoma. ( Schluß.) Die Gleichheit Während die zwei Kraglfinger draußen in der Glüh hizz arbeiten den ganzen Sommer lang und froh sind um jedes Büschel Heu und Stroh, das sie gut hereinbringen, werden in der Stadt so viele Bogen Papier verschrieben in Sachen Ranftlmoser contra Scheiblhuber, daß man damit den ganzen Guggenbichlacker zudecken könnt. Die Aften werden von selber alleweil dicker, und wie im Herbst die Felder leer gestanden sind, ist eine Gerichtsallo fommission hinausgekommen. Die Leute von Huglfing, Kraglfing und Zeidlhaching haben sich eingefunden wie bei einem Wettrennen oder einer anderen Lustbarkeit. Jeder ist glücklich gewesen, der als Zeuge vernommen worden ist, denn nichts hat ein Bauer lieber, als wenn das aufgeschrieben wird, was er sagt. Die Herren setzen es so schön hochdeutsch, daß es sich justament ausnimmt wie etwas Gedrucktes und ganz Gescheites. Außerdem hat man Gelegenheit, die Herren vom Gericht und die Advokaten recht genau zu beobachten, was sie sagen, und was sie dabei für eine Miene aufsetzen. Zu guter Letzt leidet das Zeugengeld eine Maß beim Unterwirt, wo man jetzt beinahe jeden Tag zusammenkommt und seine Meinung abgibt. So ein Bürgermeister ist doch ein geplagter Mensch, denkt der Scheiblhuber; alle Augenblick wird er gefragt, wie und wo, und muß Red' und Antwort stehen für andere Leut. Und wenn der hinterste Gütler oder Häusler mit Fleiß die Wappelmarken nicht aufpappt, blasen sie im Bezirksamt drin dem Bürgermeister einen Landler auf. Möcht keiner sein, der Scheiblhuber. Aber was ist denn das? Der Briefbot reibt sich ja auf seinen Hof zu; wüßt nicht, warum. „ Grüß Gott, Bauer! Ich hab' eine Zustellung für dich." " War nit z'wieder! Wirst doch schon irrig sein, Langl maier, und den Bürgermeister meinen." Der Briefbot Langlmaier war aber nicht irrig; es ist fein anderer gemeint gewesen als der Scheiblhuber, der sich jetzt von der Bäuerin die Brillen bringen läßt und das Schreiben bedächtig öffnet. „ Klage des Advokaten Bierdimpfl namens Korbinian Ranftlmoser, Bauer in Kraglfing, gegen Kastulus Scheiblhuber, Bauer daselbst, wegen Besitzstörung." Himmel Laudon--! Ranftlmoser, wenn du jetzt über den Zaun schauen könntest, was müßtest du für eine Freud haben! Krebsrot ist der Scheiblhuber vor Zorn, und nach jedem Satz, den er aus der Schrift zusammenbuchstabiert, tut er einen abscheulichen Ausspruch. So ist's recht. Jetzt weiß er, warum er das March herausgerissen hat; jetzt sieht er, daß der Scheiblhuber nicht bloß Kegel scheiben darf und der Ranftlmoser müßt aufsetzen. Endlich ist er am Schluß des Lesschreibens angelangt, wo es heißt:„ Der Beklagte soll sämtliche Kosten des Rechtsstreites tragen." Ja, halt auf ein bissel! So schnell geht das nicht beim Raftulus Scheiblhuber, Büchlbauer von Kraglfing! Es gibt noch ein Gesetz im Land und Advokaten genug; eine Verhandlung muß her, und ein Augenschein, und auf den Schwur muß der Ranftlmoser hingetrieben werden. Richtig; am andern Morgen fnarzen wieder ein paar Glanzstiefel auf dem lehmigen Feldweg. Diesmal ist es der Scheiblhuber, der fuchsteufelswild mit dem Gehsteckerl links und rechts in die Grashalme hineinhaut und dabei eine Red' einstudiert für den Advokaten in München. Und um dieselbe Zeit, wann die Sonne am höchsten über Kraglfing steht, legt in der Stadt drin der Kanzleischreiber einen blauen Aftendeckel vor sich hin, schreibt fein säuberlich darauf: Ranftlmoser contra Scheiblhuber, und wickelt einen langen Spagat darum. Er denkt wohl nicht daran, was er da alles eingebunden hat; wie viel Zorn, Verdruß und Kummer, wie viel sauer erspartes Geld! Und der Scheiblhuber denkt auf dem Heimwege gewiß auch daran zu allerletzt; jetzt ist es schon, wie es ist, und muß halt weiter gehen. Und es geht auch weiter. * Die Gedichte von Otto Erich Hartleben sind dem Bande entnommen: Meine Verse", Berlin, S. Fischer. Er enthält vom Edelsten und Schönsten der modernen deutschen Lyrik. Am Tage Kordula, den 22. Oktober, ist dann das Urteil herausgekommen. Die Ranftlmoserin hat keine Freude gehabt über das Namenstagsgeschenk. Es hat in dem Schreiben freilich geheißen, daß der Scheiblhuber den alten Zustand herstellen muß, aber der Ranftlmoser auch; und weil jeder ein Teil Unrecht gehabt hat, muß jeder die Hälfte von den Kosten tragen. Aber trotzdem war sie froh, daß die Geschichte endlich vorüber war; vielleicht würden die Mannerleut doch wieder gut miteinander; es ist ihr arg genug gewesen, daß sie so lang mit der Scheiblhuberin keinen Diskurs mehr hat führen dürfen. Und es ist auch nach und nach so gekommen; weil keiner den Prozeß ganz und gar verloren hat, hat jeder glauben können, daß er doch in der Hauptsach der Gewinner war; es laßt sich aus jeder Sach etwas Gutes herausfinden. Und zuletzt darf man nicht vergessen, daß die Reputation von jedem durch den Prozeß gewonnen hat. Ein halbes Jahr hat er gedauert, die Advokaten haben schön geredet, und lateinisch ist schier mehr gespracht worden wie deutsch. Also Ranftlmoser, was willst noch mehr? Die Fretter im Dorf möchten auch diesmal eine Gaudi haben; jetzt haben sie noch einmal so viel Respekt vor den zwei. Bloß der Häusler Felberhofer hat einmal den Scheibl huber im Wirtshaus spöttisch gefragt, was denn der ganze Guggenbichlacker kostet, wenn drei Händ voll davon schon dreihundert Mark wert sind. Der Habnichts! Das Tröpfel, das armselige! Sängerlos. Von Lu Märten. In die Welt trat ich ein als ein wunschloser König, Singvogel auch, von der Sonne Gnaden; Auf die fremden Wunderharfen Spannt ich neuer Zeiten Sehnen; Weckte all die leisen, leisen Lieder, Und die alten Märchen, die so lange schliefen, Stehen wieder auf in neuen Farben, Kränzen dir die müde Stirne, Zeigen dir Pfade, die niemand sieht, Bor deiner Sehnsucht die Zukunft niet! Welt, gib dein Tagwerk in Ruh, Höre mir zu. Verklungen der Ton, verrauscht nun die Lieder, Keiner Liebe Echo brachte sie wieder; Meine Harfe schweigt wie ein wartend Kind, Wir flüstern uns zu, daß wir müde sind, Und lauschen doch immer wieder Bis der Weltenwinter das Herz erstarrt, Und die Sonnennot unsere Träume narrt Und das Sehnen müder und müder. Kein warmes Wort die arme Hoffnung weckt, Und keine Hand sich uns im Dunkeln streckt, Alles umsonst Was willst du nun, Welt? Fürwahr, du bist gut und groß, Es barmt dich der Singvögel Los; Streust trocken Brot in den Märchenwald, Fragst noch, ob er von Liedern hallt! Und der einst dein König und nun dein Knecht, Der Sänger, er neigt sich in Not So hört, was die Welt mir bot: Ein Krämerlos für den Königstuhl, Für mein Meer voll Gold einen Weltenpfuhl, Du liebsüße Kunst, meine Königin, Sollft beugen deinen stolzen Sinn! Genug der Pein! pm Welt, laß mich sein! Laß mich los. Es schrie noch einmal die Harfe auf Es stöhnte im Tann der Wind, Es endet ein Stern den schnellen Lauf, Es starb ein Königskind! Nr. 16 Da klingt durch die Welt ein verwaistes Lied, Und stärker schwillt der Ton; Vor Dichters Schmerzen die Zukunft kniet, Des schlafenden Sängers Lohn. Moderne Ode. Von Otto Erich Hartleben. Erschlafft im Schlafe findischen Glaubens, hast Du lang genug jetzt, duldendes Volt, geruht. Ermannet euch und eurer Ketten Rostige Reife, fie werden brechen! Nicht länger betend winselt in leere Luft, Auf dieser Erde wirkt und erschafft das Heil. Verlacht der Pfaffen schnöde Lüge, Die da vertröstet aufs bessre Jenseits! Fort mit dem Trugbild ewiger Seligkeit, Das aus dem Leben, drin es zu leben galt, Euch tatenlose, freudelose, Lockt in die schweigende Nacht des Todes! Die Wiederkunft. Von Otto Erich Hartleben. Prometheus brach jahrtausendalte Fesseln. Er reckt die Glieder, er erhebt das Haupt, Und wie ein Morgenrot erhellt die Welt Der ungebrochne Strahl der großen Augen. -Prometheus! Prometheus! an - Ihr Menschen, die mein Schöpfersehnen rief Hervor ans Licht der götterfrohen Sonne, Habt ihr vollendet, was ich ahnend sann? Lebt ihr und dankt ihr mir das Leben? Der Funke, der aus meinen Händen troff. Erhellt er eure Stirn? Die Liebe, die mein Atem euch gehaucht In talte Brust, hat sie die Brust durchseelt? Ich lag, geschmiedet in die Eiſenbande, Am harten Fels. Zu meinen Füßen rauschte Das Meer, und seiner Brandung wilder, steter Laut übertönte alles Menschliche. Der Gischt der Fluten hüllte jede Ferne Vor meinem Blick in weiße Schleier. Menschen! Ich brach die Ketten neiderfüllter Götter Ich rufe euch! Hört mich! Prometheus! Prometheus! Da troch heran das sflavische Gezücht Der Menschen. Herr, wie sollen wir Dir dienen? Unterwürfigkeit im Blick, Gekrümmt den Rücken und gebeugt das Knie. Ein Mann mit einem goldnen Reif im Haar Sprach: Dein Geschenk verehren wir gebührend. Ich beuge mich vor deiner Schöpfergröße, Und meine Untertanen sind die deinen. Ein Mann im groben Kittel voller Schmutz Sprach: Herr, ich friste mir mit meiner Arbeit Das Leben, und mein Weib ernährt die Kinder. Wir sind zufrieden, und wir danken dir. Und nach ihm kamen andere, ungezählt, Und alle sprachen scheu und lallten: Herr! Herr! Ein Häuflein stand beiseit und blickte stumm Auf jene, die vor ihnen lagen Zu Füßen des entfesselten Gebieters. Berachtung zuckte herb um ihre Lippen, Auf ihren Brauen lag der Troß. Und ihr? Der Funke, der aus deinen Händen troff, Der Strom der Zeiten hat ihn ausgelöscht. Die Liebe, die dein Atem einst gehaucht In Menschenbrust, sie ist erstickt und tot. Enterbt, im Staube wälzen sich Millionen Und fühlen keine Schmach. Und andre treten auf die Menschenstirnen Und fühlen keine Scham. Sieh dieses Volf zu deinen Füßen winseln, Das nur nach neuen Gößen noch verlangt, Und frage nicht! Prometheus schweigt und sinnt. Dann heftet er des Auges Glanz Auf diese, die da aufrecht vor ihm stehn, Und langsam rollen seine Worte: - Geschaffen hab' ich Menschen. Groß war das Werk, und Stolz füllt meine Brust, Seh' ich auf euch, auf meine echten Söhne. Doch nicht umsonst war ich gefesselt! Weit Größres wahrlich gilt's noch zu vollenden: Der Funke muß zur Flamme werden! Da zuckt erhabner Freude lichte Glut Auf jenen düstren Stirnen auf. Sie jauchzen: Prometheus! Prometheus! Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart. 9 A S S