Nr. 19 Die Gleichheit Never Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ee Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Jnhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 20. September 1905 15. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. D Wünsche hinfällig, welche betreffs einer Erweiterung der verschiedener Natur geben Anlaß, das Leben, die Arbeit darunter insbesondere Bum sozialdemokratischen Parteitag. Über Schulgesundheitspflege. provisorischen Tagesordnung geäußert worden sind, und und die Waffen der Partei Von Dr. Zadek. Woher kommt der Profit? I. Von Julian die Verhandlungen erlangen bei aller im Vordergrund auch die Presse unter der Forderung des Bereitseins, Borchardt. Jugend und Sozialismus. IX. Von Adolf Domnick. X. Von dem Komitee der organisierten Textilarbeiterinnen in Gera. ſtehenden Bedeutung für das geistige und praktische der Leistungstüchtigkeit sorgfältig zu prüfen, zu verbessern -Ein Wort an die Hamburger Zigarettenarbeiterinnen. Von Leben der Partei eine starke werbende Kraft den breiten und zu vervollständigen. Manch scharfe Gegensätze werMarie Wadhwitz. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Massen gegenüber. den dabei, wie bei den übrigen Debatten auch, heiß mitDie Konferenz der weiblichen Vertrauenspersonen des sechsten Den Beratungen über das Organisationsstatut einander streiten, manch leidenschaftliches Wort und Schleswig- Holsteinischen Wahlkreises.- Agitation am Oberrhein. Bon Luise Zies. Politische Rundschau. Von G. L. Gewerk- und den politischen Massenstreit kommt unter den Argument hin und her fliegen. Die Partei hat das nicht schaftliche Rundschau. gekennzeichneten Gesichtspunkten besondere Wichtigkeit zu. zu fürchten. Eine festgewurzelte, mit voller Hingabe der Notizenteil: Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation.- Frauen- Ein wahrer Berg von Anträgen zu dem ausgearbei- Persönlichkeit verfochtene überzeugung ist ein starter, arbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. teten Entwurf eines Organisationsstatuts bezeugt, wie eifriger Gott, der gelegentlich mit Donner und Blizz Feuilleton: Von unten auf. Von Ferdinand Freiligrath.( Gedicht.) Wie der Steinklopferhanns lustig ward. Aus„ Die Kreuzel- tief und allgemein das Bedürfnis nach einer gut aus- dreinfährt, und nicht ein süßlicher Schwächlich, der mit schreiber". Bon Ludwig Anzengruber.- Vision im Felde. Von gebauten Parteiorganisation empfunden wird, die ein gespitzten Lippen nach rechts und links schmaßt. Die Maurice v. Stern.( Gedicht.) heitlich und stramm zusammengefaßt und doch elastisch Heftigkeit der geistigen Kämpfe, mit der die Sozialdemo genug ist, den einzelnen Teilen den nötigen Spielraum fratie noch stets um Klarheit und um neue Erkenntnisse der Kräfte zu sichern. Nach drei Richtungen gehen in gerungen hat, strömt aus der Quelle ihrer Kraft. Der Die deutsche Sozialdemokratie tritt in Jena in un Bentralisation der Partei gefordert, ein Verlangen, dessen Sozialdemokratie gehören, welche in ihrer Geschichte begewöhnlich ernster, großer Zeit zusammen. Sie tagt im fonsequente Umsetzung in die Praxis auf Gegentendenzen sonders zählen. Die kampfreiche Situation, der die Zeichen einer der gewaltigsten welthistorischen Ereignisse: stößt, die nicht nur durch die vereinsgesetzlichen Miß- Sozialdemokratie entgegengeht, darf kein kleines Geder russischen Revolution, die welches Auf und Abstände im Reiche ausgelöst werden, vielmehr auch durch schlecht finden. auch immer der Zusammenprall der miteinander ringen den Hinblick auf die geschichtlich gewordenen Organi den geschichtlichen Mächte bringen mag- unaufhaltsam, sationsformen und Organisationsgebilde in verschiedenen mit elementarer Gewalt vorwärts flutet. Bürgerlich ist ihr Einzelstaaten. Der Charakter der Partei, als einer Partei Charakter, ihr Ziel, nichtsdestoweniger steht sie als erste der Massen, soll, dem steigenden demokratischen Bewußt an der Schwelle fünftiger proletarischer Revolutionen. sein der Genossen entsprechend, durch die ZusammenDenn unbeschadet der Vielheit der in ihr wirkenden Fak- sezung der Parteitage, das Recht der Delegierung zu toren, unbeschadet insbesondere der glänzenden, helden- ihm usw., scharf zum Ausdruck kommen. Man möchte fühnen und opferreichen Kämpferrolle der" Intelligenz" die Aktionsfähigkeit der Partei erhöhen, ihre Erziehungs- der harmonischen Ausbildung von Körper und Geist ist das junge Industrieproletariat Rußlands ihre mäch- arbeit an den Massen vertiefen, indem man den Auf- besteht, so sind unsere heutigen Schulen von diesem Ziele tigste treibende Kraft. gabenkreis des Vorstandes erweitert und diesen aus einer noch weit entfernt; im Gegenteil geht die geistige Entwicklung des heranwachsenden Menschen vielfach auf Kosten der körperlichen vor sich. Das war nicht immer so. Die alten Griechen und Römern legten auf die körperliche Ausbildung, die Kräftigung von Knochen und Muskeln, die Geschmeidigkeit der Glieder, die Schärfe der Sinnesorgane, die übung von Lungen und Herz, die Abhärtung von Haut und Nerven einen Hauptwert bei der Erziehung, eingedenk des Satzes: mens sana in corpore sano( ein gesunder Verstand wohnt in einem gesunden Körper). Zum sozialdemokratischen Parteitag. der Hauptsache die Anregungen. Es wird eine straffere Barteitag zu Jena wird unstreitig zu den Tagungen der Abgesehen von der Bedeutung, den weitspannenden vor allem verwaltenden mehr zu einer politisch und Folgen, welche dem Sturze des russischen Absolutismus geistig leitenden Körperschaft verwandelt. Zur Stellung zukommen, ist es aber dieser Umstand, der heute schon der Frauen innerhalb der Partei liegen mehrere Anträge belebend, kräftigend auf den proletarischen Befreiungs vor, die sich gegen die einschlägigen Bestimmungen des kampf in allen Ländern zurückwirkt. Die Vorgänge in Entwurfs wenden. Wir haben die strittige Frage bereits Rußland wecken und stärken das Bewußtsein des Prole- in Nr. 16 eingehend erörtert, so daß sich heute ein nochtariats von seiner revolutionären Macht; sie schärfen maliges Eingehen auf sie erübrigt. Über Schulgesundheitspflege.* Von Dr. Zadek. I. Wenn es richtig ist, daß die Aufgabe der Erziehung in Freilich hatten die Alten" die Erfüllung gesundheitlicher " seinen Blick dafür, daß die Revolution ein unvermeid- Zum Problem des politischen Massenstreits brachte liches Moment der geschichtlichen Entwicklung ist und die letzte Nummer der„ Gleichheit" einen ausführlichen Forderungen durch die Schule leichter als unsere Pädagogen. nicht eine beliebig zu wählende oder zu verwerfende Artikel. Wie nötig es geworden, daß der Parteitag sich Das Klima Griechenlands und Italiens gestattet fast während Methode des Kampfes; sie lenten seine Aufmerksamkeit mit der Materie beschäftigt, das ist neuerdings durch die des ganzen Jahres den Aufenthalt im Freien bei fast unauf das Kampfesmittel des politischen Massenstreiks; sie Gründung des anarcho- sozialistischen Verbandes wieder bekleidetem Körper auch der Unterricht fand wohl zum erhöhen seinen Jdealismus durch das unvergängliche bestätigt worden. Man mag die theoretische Konfusion größten Teile im Freien statt, und andererseits war der Beispiel der geübten Kampfestugenden. und die praktische Verschrobenheit und Unfruchtbarkeit Lehrstoff, verglichen mit dem unserer Tage, ganz wesentlich Ungeduldiger als in den letzten Jahren drängen die der neuen Richtung noch so nachdrücklich ablehnen: be- leichter zu bewältigen, so daß von einer überanstrengung Massen unter dem Flammenhauch der russischen Revo- deutsam ist und bleibt die Tatsache, daß einige tausend des Gehirnes, der Augen usw. kaum die Rede sein konnte. lution vorwärts. Und seine Wirkung wird verstärkt durch Berliner Proletarier, von denen die meisten am geschicht der sich über Jahrtausende erstreckte, keinen dem heutigen Da gab's noch keinen Geschichts- und Literaturunterricht, der sich über Jahrtausende erstreckte, keinen dem heutigen den stachelnden Sporn bösartiger reaktionärer Tat- und lichen Leben ihrer Klasse teilnehmen, begeistert den krausen vergleichbaren Religionsunterricht mit dem entsetzlichen AusUnterlassungssünden, welche die Zuspizung der Klassen- Ideengängen des Genossen Friedeberg zustimmten. Sie wendiglernen Hunderter von Bibelsprüchen und kirchlichen gegensätze, die Verschärfung der Klassenfämpfe befunden; ist ein nicht umzudeutelndes Symptom der Stimmungen Liedern, da gab es noch kaum einen fremdsprachlichen Unterdurch die konfliktschwüle Entwicklung der weltwirtschaft- und Bedürfnisse, welche sich im Proletariat unter dem richt, keine Physik und Chemie usw. Da gab es Volks lichen und weltpolitischen Verhältnisse, die besonders im wuchtenden Drucke der eingangs charakterisierten Entschulen in unserem Sinne überhaupt nicht, die geistige russisch- japanischen Kriege greifbar deutlich zum Ausdruck wicklung naturgemäß regen. Diese Stimmungen und Schulung beschränkte sich auf die oberen Zehntausend, gelangt ist, die fich aber auch in hunderterlei Zeichen Bedürfnisse aus dem Stadium verworrener, instinktiver während die Masse der Bevölkerung in fast völliger Ununseres öffentlichen Lebens widerspiegelt. In allen Län- Gärung zu dem einer klaren geschichtlichen Erkenntnis bildung aufwuchs und stumpfsinnig frondete für die bevorrechtete Klasse. dern, in denen der Kapitalismus herrscht, wetterleuchtet und eines zielsicheren Arbeits- und Kampfeswillens emporBedeutet demgegenüber die heutige Volksbildung, inses von einer gewalttätigen, beutegierigen Weltmachts zuheben, ist eine fruchtbare Aufgabe für den Parteitag. besondere der allgemeine Schulzwang, unzweifelhaft politif, die in ursächlichen Verknüpfungen als Gegenstück Die Diskussion über die Maifeier wird infolge der einen außerordentlichen Fortschritt, bildet er die Vorauseiner offen oder verhüllten arbeiterfeindlichen, reaktio- allgemein bekannten Tatsachen dieses Jahr an Umfang fetzung für die Teilnahme der Massen an der höheren Kultur, nären Heimatpolitik auftritt. und vor allem an Bedeutung weit über den Rahmen für die fortschreitende Demokratisierung der Gesellschaft, so Das Proletariat geht sehr ernsten Zeiten entgegen, der alljährlichen Behandlung hinausreichen. Sie tann ist auf der anderen Seite nicht zu verkennen, daß die erBeiten, welche die höchsten Anforderungen an seine Ein- aber feine sachlich gründliche sein, ohne daß das Ver- höhte Inanspruchnahme des Gehirnes und der Sinnes. ficht, Reife, Energie und Hingabe stellen. Und die Sozial- hältnis zwischen Partei und Gewerkschaften in ihren organe, der vielstündige Unterricht im geschlossenen Raume, demokratie, als Führerin und Vorkämpferin des Prole- Kreis gezogen wird. Geschieht das und zwar mit das Zusammenströmen Hunderter von Kindern auf engem Raume Gesundheitsschädigungen geschaffen hat, die früher tariats, muß auf Sturm und Wogendrang vorbereitet der Erkenntnis von dem inneren Wesenszusammenhang unbekannt waren. jein. Dieser Verpflichtung gemäß wird ihr bevorstehender des wirtschaftlichen und politischen Klassenkampfes und Diese Gesundheitsschädigungen durch die Schule sind aber Parteitag vor allem einer Musterung und Vervollständis bei aller Schärfe des Zusammenstoßes der Meinungen zum allergrößten Teile nicht notwendig mit dem Unterricht gung ihres Rüstzeugs gelten und einer forgfältigen Prü- mit der brüderlichen Gesinnung, welche aus dieser Er- verbunden, sie sind vermeidbar, und deshalb müssen wir die fung der Kampfeswaffen, welche das Proletariat anwen- fenntnis quillt, so kann die Auseinandersetzung nun Forderung an die Gesellschaft, an Staat und Gemeinde den kann und unter bestimmten Umständen anwenden und nimmer zu dem von Feinden und zweideutigen stellen, alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um jene muß. Wie die Dinge gelagert sind, kann der Parteitag Gönnern" der Arbeiterklasse ersehnten„ Reil" zwischen Schädigungen zu vermeiden. Der Staat des allgemeinen dieser Aufgabe nur genügen, indem er die gesamte inner Partei und Gewerkschaften werden, so muß sie vielmehr Schulzwanges, der es nicht in das Belieben der Eltern politische und außerpolitische Situation aufrollt, ihre beide in immer festerem, innigerem Zusammenwirken zu stellt, ihr Kind zur Schule zu schicken oder nicht, hat damit Untergründe, ihre Triebfräfte bloßlegt, von der Warte sammenführen. Die Maifeier selbst aber wird dabei als auch die Pflicht übernommen, dafür zu sorgen, daß aus diesem Zwange dem Kinde kein körperlicher Schaden erder sozialistischen Auffassung aus Einblicke und Aus- eine Willenskundgebung des einen revolutionären Prole- wächst. blicke gibt und die Verpflichtungen der Stunde mit jener tariats an Kraft und Tiefe gewinnen. Einsicht und jenem Jdealismus würdigt, welche starke Wurzeln seiner Kraft sind. In der Folge werden die " 1 * Nach einem Vortrag im Berliner Verein für Frauen und Die Berichte des Parteivorstands, der Reichstagsfrattion und der Vertrauensperson der Genossinnen, Anträge Mädchen der Arbeiterklasse. 110 Die Gleichheit Nr. 19 II. man es auch selbst in Berlin noch erleben, daß solche wirk- steckt. Wo nun werden Geld und Waren fortwährend von Wenn es besser werden soll mit der Gesundheit unserer liche Idioten in der untersten Klasse unserer Volksschule einer Person an die andere gegeben? Im Handel.- Es Schuljugend, so müssen Medizin und Hygiene, die Lehren troß ärztlichen Einspruches belassen wurden ein Kreuz ist nun klar, daß man im Handel unehrlich verfahren kann. der persönlichen und öffentlichen Gesundheitspflege, eine für den Lehrer und eine Qual für das unglückliche Kind, Wer einem anderen eine Ware zu billigerem Preise abschwatzt ganz andere Rolle bei der Erziehung des Schulkindes spielen, das von den Mitschülern verkannt und verspottet wird. oder umgekehrt zu teurerem Preise aufschwatzt, als sie wert als es heute der Fall ist. Die Schule darf nicht mehr aus- Sehen wir von diesen beklagenswerten Geschöpfen ab, ist, macht dabei Profit. Mancher nimmt an, daß der Handel schließliche Domäne des Pädagogen sein, auch der Mediziner deren Großhirn nicht entwickelt und nicht entwicklungsfähig allgemein in dieser unehrlichen Weise betrieben werde, und hat dort ein gewichtiges Wort mitzusprechen. ist, denen somit dasjenige fehlt, was erst den Menschen zum meint damit eine hinreichende Erklärung der ungleichen WertEs ist wahr, es besteht zurzeit meist ein tiefgehender Menschen macht und vom Tiere unterscheidet, so können wir verteilung in der heutigen Gesellschaft gefunden zu haben: Unterschied in den Grundanschauungen des Lehrers bei den schulfähigen Kindern dreierlei Begabung unterscheiden: der eine betrügt den anderen. Näherer Prüfung kann jedoch diese Erklärung nicht standund des Arztes. Der Pädagoge trennt Körper und Seele die große Masse der durchschnittlich gut, das heißt normal er ist ein Idealist, der die Freiheit des Willens voraussetzt Begabten, diejenigen, die weniger als normal, das heißt halten. Der Schein spricht freilich dafür. Denn nicht nur und das Kind verantwortlich macht für seine Handlungen schwachbegabt sind, und diejenigen, die mehr als normal, fommt solche Betrügerei tatsächlich oft im Handel vor, und Unterlassungen, er ist gar zu leicht zur überschätzung also hochbegabt sind. Die allgemeine Volksschule sollte sondern selbst der reellste Kaufmann zahlt einen geringeren seiner Kunst geneigt, indem er den Geist des Kindes für eigentlich nur die normal Begabten aufnehmen, während Preis für seine Waren, als er im Verkauf dafür nimmt. unbegrenzt aufnahme- und bildungsfähig hält. Im Gegen Schwach wie Hochbegabte in Sonderschulen gehören. So Sein Einkaufspreis ist niedriger als sein Verkaufspreis, und satz zu ihm ist der naturwissenschaftlich denkende Arzt Monist, sicher es ein Unrecht an den normal begabten Durchschnitts- offenbar kann doch nur einer von beiden dem Werte gleich das heißt er kennt ebensowenig eine Freiheit des Willens schülern ist, wenn sie durch die langsamen Fortschritte der sein. Folglich scheint der andere auf Betrug zu beruhen. wie eine Unabhängigkeit der Seele vom Körper, er weiß, Schwachbegabten aufgehalten werden, so sicher ist es ein Die landläufige Ansicht geht nun dahin, daß sogar schon daß die Begabung, dasjenige, was das Kind mit auf die Unrecht an den Hochbegabten, wenn diese an Zahl geringen, der Einkaufspreis höher ist als der Wert. Der Fabrikant Welt gebracht, was es ererbt von seinen Vätern hat", das aber für die Menschheitsentwicklung nicht hoch genug zu muß zur Herstellung der Ware eine gewisse Snmme aufso sagt man find Entscheidende, etwas ein für allemal Gegebenes ist, daß bewertenden Kinder durch das Gros der Mitschüler im wenden. Diese Produktionskosten keine Kunst der Erziehung etwas zur Entwicklung bringen schnelleren Aufstieg, in der vollen Entfaltung ihrer Gaben ihr Wert. Darauf schlägt der Fabrikant seinen Profit, so tann, was nicht in der Anlage vorhanden ist, und daß die aufgehalten werden. Für die Schwachbegabten beginnt sich daß der Kaufmann bereits mehr zahlt als den richtigen große Aufgabe des Menschenerziehers darin besteht, die in Wert. Seinerseits schlägt der Kaufmann auf diesen schon dividuellen Begabungen jedes Kindes nach der guten Seite erhöhten Preis nochmals seinen Profit beim Wiederverkauf, möglichst vollkommen zu entwickeln und zu fördern und und so geht es weiter. Jede Ware passiert bekanntlich eine schlechte Anlagen und Triebe nicht zur Entwicklung fommen, ganze Reihe von Zwischenhändlern, ehe sie vom konsumierensondern möglichst verkümmern zu lassen. den Publikum gekauft wird, und jeder Zwischenhändler so wird angenommen schlägt seinen Profit darauf, so daß der letzte Käufer, der Konsument, der Ausgebeutete ist. Er hat viel mehr zu zahlen, als die Ware wert ist. die Erkenntnis von der Unleidlichkeit der bisherigen Zustände seit einem bis zwei Jahrzehnten Bahn zu brechen, und es dürfte bald keine größere Gemeinde geben, in welcher nicht wenigstens einige Nebenklassen zur intensiveren Förderung dieser Kinder eingerichtet sind; für die Hochbegabten existiert bisher so gut wie nichts, und es muß Aufgabe der Zukunft sein, auch ihnen gerecht zu werden.* Woher kommt der Profit? I. Gegen den Satz, daß der Wert Arbeit sei, scheinen mancherlei unumstößliche Tatsachen zu sprechen. Bereits wurde angedeutet, daß es Gegenstände gibt, auf die keinerlei Arbeit verwendet ist, und die gleichwohl Wert haben. Insbesondere der Grund und Boden, sowie die ursprünglichen Rohstoffe ( zum Beispiel Kohlen- und Erzlager, die schon verkauft werden, wenn sie noch gänzlich unberührt in der Erde Schoß ruhen). Diese gegensätzliche Auffassung von Lehrer und Arzt wird natürlich im Einzelfall oft genug aufeinander plazen. Der Lehrer hält das Kind für„ träge" und bestraft es für seine " Faulheit" durch Tadel, Nachsitzen oder eine Vermehrung seiner häuslichen Arbeit, vielmaliges Abschreiben, Auswendiglernen usw., der Arzt findet bei der Untersuchung körperliche Ursachen oder ungesunde Lebensführung als Grund für das Zurückbleiben. In einem Falle stellt er Wucherungen im Nasenrachenraum fest, infolge deren das Kind nicht genügend Luft durch die Nase bekommt und unruhig schläft, daher müde zum Unterricht erscheint. In einem anderen Falle zeigt sich, daß das Kind schon vor Beginn der Schule gewerblich tätig ist und obendrein infolge der Unvernunft seiner Eltern abends nicht rechtzeitig zu Bette gebracht wird, also wiederum unausgeschlafen und erschöpft zur Schule kommt. In einem dritten Falle erweist sich das Kind bei Der Widerspruch ist nur scheinbar. Leider gehört jedoch der ärztlichen Prüfung als schwachbegabt und als Ursache seine vollständige Lösung zu den schwierigen Problemen dafür angeborene Minderwertigkeit infolge von Alkohol-( Aufgaben) der Nationalökonomie( Lehre von der Volkswirtmißbrauch oder Syphilis des Vaters. Arzte sind es geschaft), und da wir uns hier nur mit deren Anfangsgründen wesen, die auf die große Zahl der Schwachbegabten in befassen können, so müssen wir darauf verzichten, die vollunseren Schulen hingewiesen und es endlich durchgesetzt ständige Lösung zu geben. Immerhin ist es uns möglich, haben, daß diese Kinder, welche oft genug als Faulpelze an- den Weg, der zur Lösung führt, anzudeuten. gesehen und jahrelang in den untersten Klassen mitgeschleppt Der Satz, daß jeder Wert Arbeit ist, behauptet keineswegs, wurden, von den Normalbegabten abgesondert und in be- daß diejenige Menge Wert( der Tauschwert), die in einem sonderen Nebenklassen oder Nebenschulen unterrichtet werden. bestimmten Augenblick für eine bestimmte Ware bezahlt wird, Dabei hat sich herausgestellt, wie viel bessere Fortschritte genau der Arbeitsmenge gleicht, die in der Ware steckt. Er solche Kinder dort machen, wo sie in geringer Zahl von behauptet nur, daß jeder Wert, wo er sich auch befinde, von besonders hierfür vorgebildeten Lehrkräften mit liebevollem Arbeit herrührt. Aber er behauptet nicht, daß diese Arbeit Eingehen auf ihre Eigenheiten und unter besonderer Berück gerade bei Herstellung derjenigen Ware verrichtet worden sichtigung ihrer häuslichen Verhältnisse unterwiesen werden ist, für die sie berechnet wird. Mit anderen Worten: es - ist es doch oft sogar möglich gewesen, diese Kinder nach existieren in der heutigen Gesellschaft Mittel und Wege, um einem oder einigen Jahren wieder der allgemeinen Volks- den Wert von da, wo er durch Arbeit geschaffen wurde, schule zuzuführen, ein Fingerzeig dafür, wie viel mehr fortzunehmen und anderswohin zu bringen. Auf diese ein Unterricht zu erreichen imstande ist, der auf die Indi- Weise erhält auch der Grund und Boden seinen Wert. Um vidualität des Kindes gebührend Rücksicht nimmt. Diese dies im einzelnen zu zeigen, muß man den tausenderlei verguten Resultate des Unterrichtes schwachbegabter Kinder in schlungenen Wegen nachgehen, auf denen sich der einmal besonderen Klassen respektive Schulen haben auch diejenigen geschaffene Wert in der heutigen Gesellschaft verzweigt und Eltern mit der Maßnahme ausgeföhnt, welche sich anfänglich gegen die Entfernung ihres Kindes aus der allgemeinen Schule aus sehr begreiflichen Gründen gesträubt hatten. Natürlich ist es für keine Mutter eine angenehme Botschaft, daß ihr Liebling den anderen Kindern nicht gleichwertig sein soll und deswegen in die Sonderklasse der Schwachbegabten eingereiht worden sei. Auf den Widerstand seitens der Eltern ist denn auch lange von den Gegnern der Sonderflassen immer wieder hingewiesen worden, als es sich um deren Einführung handelte. Nun, die Tatsachen haben diesen Einwurf widerlegt. Noch viel weniger angenehm als der Unterricht in Sonderklassen ist es vernünftigen Eltern mit anzusehen, wie ihr Kind, dessen Wohl ihnen über alles geht, dasselbe zwei, drei Jahre und länger in den untersten Klassen fizzen bleibt, wegen Trägheit, Faulheit und Mangelhaftigkeit der Leistungen Tadel über Tadel, Strafen über Strafen er hält, ohne doch vorwärts zu kommen. Wie groß die Zahl dieser Schwachbegabten ist, wird sich mit Sicherheit erst feststellen lassen, wenn wir statistische Aufstellungen seitens der Schulärzte darüber besitzen. Gering ist sie jedenfalls nicht, dafür spricht der außerordentlich hohe Prozentsaz von Kindern, die nach Beendigung ihrer Schulpflicht mit vollendetem vierzehnten Lebensjahr aus niederen Klassen abgehen in Berlin gelangen 5 bis 6 Prozent der Volksschüler nicht über die vierte und fünfte Klasse hinaus. verteilt eine Aufgabe, die offenbar nicht in die Anfangs gründe der Nationalökonomie gehört. Wichtiger ist die folgende Tatsache. Wenn jeder Wert Arbeit ist, wie kommt es, daß so häufig diejenigen, die arbeiten, arm bleiben, während andere Leute, die nicht arbeiten, reich sind? Wie kommt es, daß der Reichtum, den jeder besitzt, sich nicht nach der Arbeit richtet, die er leistet? Man sieht leicht, daß auch dies eine Frage nach der Verteilung des Wertes ist, und daß die Antwort auf demselben Wege zu suchen ist, wie beim Grund und Boden. Wert ist Arbeit. Ist aber die Arbeit einmal geleistet und der Wert geschaffen, so kann er von dem Orte und von der Person, die ihn geschaffen, fortgenommen und nach einem anderen Orte und auf eine andere Person übertragen werden. In der Tat, auf den ersten Blick scheint eine andere Erklärung des Profits ganz unmöglich. Wollte man annehmen, daß jede Ware zu dem Preise verkauft wird, der ihrem Tauschwert entspricht, wo sollte dann der Profit herkommen? Wenn das Geldstück, das der Verkäufer bekommt, genau so viel wert ist wie die Ware, die er hingibt, so hat er keinen Profit. Unumstößlich erscheint der Satz: werden Aquivalente( gleichwertige Waren) ausgetauscht, so entsteht kein Profit. Indessen, die landläufige Ansicht, die wir oben schilderten, bringt uns leider auch nicht weiter. Sie läuft darauf hin aus, daß alle Waren regelmäßig über ihrem Werte verkauft werden. Prüfen wir, was sich aldann ergibt. Julian Borchardt. Jugend und Sozialismus. IX. Sozialismus und Jugend, das ist ein Thema, dessen Klang jeden geschorenen oder gescheitelten Dunkelmann mit Schaudern erfüllen muß. Zu der Zeit, wo die lichtscheuen reaktionären Gewalten aller Schattierungen sich die Köpfe zerbrechen, wie sie die Schule noch weiter verpfaffen können, ist die Erörte rung dieses Themas dringend notwendig. Und sollte diese Erörterung zu greifbaren Resultaten führen, so wäre das die schallendste Ohrfeige, die wir jenen Volksverderbern verabfolgen könnten. „ Es ist unbedingt Aufgabe der Kommune, Sorge zu tragen, daß Institutionen geschaffen werden, denen solche Eltern, die dem Broterwerb nachgehen müssen, ihre Kinder anver trauen fönnen, damit sie vor geistigem, sittlichem und leiblichem Schaden bewahrt bleiben." So meint Genossin Ziet. Gewiß, die Forderung müssen wir stellen. Aber, Hand aufs Herz: haben wir bei den heutigen Machtverhältnissen in den Kommunen auch nur die leiseste Gewähr für eine freiheitliche Gestaltung der geforderten Institutionen? Müssen wir nicht vielmehr befürchten, daß bei ihnen wie bei der Volksschule auch alle Mittel zur Anwendung gelangen, damit die geistige Entwicklung der Kinder rückschrittlich beeinflußt wird? Mir will scheinen, daß mit der Errichtung von Jugendheimen in der Tat der gangbarste Weg gezeigt ist, die Jugend im sozialistischen, das heißt freiheitlichen Geiste heranzubilden. Auf die entsprechende Einwirkung der Familie dürfen wir uns nicht allein verlassen. Die immer wieder tehrenden Klagen, daß gewerkschaftlich und politisch organi sierte Proletarier ihre Pflichten als sozialistische Lehrer der Frau und Tochter so arg vernachlässigen, beweisen ja am besten, daß wir auf solche Hoffnung nicht bauen dürfen. Nein, die Aufgabe der sozialistischen Jugenderziehung wird am vollkommensten von der organisierten Arbeiterschaft durchgeführt. Die Frage, wie der Wert von einem Gegenstand auf einen anderen übertragen wird, konnten wir auf sich beruhen lassen. Bei der Übertragung des Wertes von einer Person Halten wir uns eines recht vor Augen. Es sind die auf die andere geht das nicht. Sie hängt mit der sozialen Frage innig zusammen. Die Armut der Massen wird offen- Kinder des Arbeiters, der Arbeiterin, um die es sich handelt. bar davon berührt. In der Tat ist der Sinn dieser Frage Wären wir imstande, ihnen neben der Belehrung, der Er tein anderer als: Woher kommt der Profit? Woher ziehung zum Sozialismus Luft und Licht, Freiheit zum Spiel fommt es, daß Leute Wert besitzen, den sie nicht erarbeitet oder zur Betätigung nach ihrer Neigung zu verschaffen, so würden wir uns nicht nur den Dank der Kinder, sondern haben? vor allem den Dank der Eltern erwerben. Der Wert steckt in den Waren.( Geld ist auch eine Ware.) Aber wollen wir die Jugend gewinnen, so dürfen unsere Folglich, jedesmal wenn eine Person einer anderen eine Ware gibt, so gibt sie ihr damit auch den Wert, der darin Institutionen nicht mit Materien belastet werden, die für Kinder unverdaulich sind. Mit Vorträgen über Volkswirt Wenn wir hier von schwachbegabten Kindern sprechen, so muß noch ausdrücklich dem Jrrtum entgegengetreten werden, * Der Übergang von Gemeindeschülern mit hervorragenden schaft, Unfall- und Versicherungsgesetze, Gewerbegerichte, als wenn schwachbegabt" gleichbedeutend wäre mit der Leistungen in höhere Schulen, wie er in Berlin und anderswo Arbeitersekretariate und dergleichen mehr würden wir die Bildungsunfähigkeit, welche wir als Jdiotie bezeichnen. durch eine Anzahl von Freistellen in Gymnaften und Realschulen Kinder weggraulen. Spiel und körperliche Bewegungen fehlen unseren Kindern. Idiotische Kinder, jene armen Geschöpfe, deren Hirn von ermöglicht ist, bildet nur einen recht unvollkommenen Ersatz in Geburt aus oder infolge von Erkrankung der ersten Lebens- dieser Richtung. Für wirkliche Talente oder gar genial veranlagte Das beweisen am besten die prächtigen Erfolge des Berliner jahre verfümmert ist, gehören natürlich überhaupt nicht in Proletarierfinder bedeutet die Einreihung unter die mittelmäßig oder Turnvereins„ Fichte" mit seinen Jugendspielen, des Berliner untermittelmäßig begabten Söhne der Besitzenden einen recht zweifel- Arbeiterschwimmerbundes mit seinem Jugendschwimmen. die Schule, sondern in besondere, den Irrenhäusern angehaften Gewinn ganz abgesehen von der dem Leben abgewandten, gliederte Anstalten, wo sie notdürftig zur Reinlichkeit und formalen und unnützen Bildung im Lateinischen und Griechischen Heraus mit den Kindern aus den engen Löchern, Wohnungen selbständigen Nahrungsaufnahme, eventuell sogar zu einer auf unseren höheren Schulen und ganz abgesehen von der Sonder genannt. Zeigt ihnen in freier Natur die Schönheiten der verständlichen Ausdrucksweise und handwerksmäßigen Bestellung, welche diese vereinzelten Arbeiterkinder unter den Kindern Welt und ihren Reichtum und vergleicht damit das graus same Elend der werktätigen Massen. Laßt die Kinder sich schäftigung herangebildet werden. Bis vor kurzem konnte der Reichen einnehmen. C S 6 Nr. 19 Die Gleichheit IN frei betätigen nach ihrer Neigung und Veranlagung, um so bitterer werden sie dann den Zwang unserer heutigen Ordnung empfinden. Bietet ihnen Lesestoff, dem kindlichen Verständnis angepaßt, aus der Naturwissenschaft, Geschichte und schönen Literatur entnommen, Erzählungen usw. Führungen durch Museen usw. können viel dazu beitragen, den Kindern den ganzen Jammer unserer heutigen Volksschule fühlbar zu machen, ihnen die dort getriebene Heuchelei vor Augen zu führen und ihren Blick auf die Schäden des kapitalistischen Regimes zu richten. An solcher indirekten Erziehung zu sozialistischem Denken und Handeln ist aber nicht nur die sozialdemokratische Partei, sondern die ganze moderne Arbeiterbewegung interessiert. Ich meine, hier wäre ein Betätigungsfeld, das Gewerkschaften und politische Partei zu gemeinsamer Arbeit aufs engste zusammenführen müßte. Den Gewerkschaften kann es nicht gleichgültig sein, wie die junge Arbeitergeneration heranwächst. Je mehr die Kinder von Vorurteilen befreit bleiben, je freier und selbständiger sie sich entwickeln können, um so wertvollere Glieder erhält später die gewerkschaftliche Organisation, um so mutigere Streiter wachsen für den wirtschaftlichen Kampf heran. Wie intensiver können sich aber auch andererseits die Eltern der Gewerkschaftsbewegung widmen, wenn ihnen die bange Sorge um die Erziehung und Ausbildung der Kinder zum großen Teil abgenomnien ist, wenn sie eine Ausgabe erfüllt wissen, für die ihnen selbst oftmals fast jede Befähigung und materielle Vorbedingung fehlt. Da die Jugendheime nur lokalen Charakter haben können, dürften die Gewerkschaftskartelle zur finanziellen Hilfe herangezogen werden. Daß die Arbeiterturn- und Sportvereine schätzbare Kräfte zur Durchführung des Planes stellen können und gern stellen werden, daß sie vielleicht auch durch finanzielle Beisteuer ihr Interesse an den Einrichtungen bekunden, leuchtet wohl ohne weiteres ein. Auch für die Konsumgenossenschaften scheint mir die angeschnittene Frage von großer Bedeutung zu sein. Sie, die schon die Durchführung mancher sozialen Aufgabe praktisch in die Hand genommen haben, würden ihre Mitwirkung gewiß nicht versagen. Am meisten interessiert an der Lösung der vorliegenden Aufgabe bleibt aber doch die politische Partei des Proletariats. Sie, deren Anhänger die Pflicht haben, unermüdlich dafür zu wirken, daß die wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiterklasse mit sozialistischem Geiste durchtränkt werden, sie dürfte sich auch den maßgebenden Einfluß auf die sozialistische Erziehung der Jugend nicht entgehen lassen. Sie wird die erforderlichen materiellen Opfer nicht scheuen. Eine Erhöhung der Beiträge der Wahlvereine zugunsten der betreffenden Einrichtungen würde für einen so wichtigen Zweck von unserer opferbereiten Arbeiterklaffe sicherlich gern getragen werden. Durch die neuen Institutionen würden aber sicher besonders die verheirateten Genossen, weil am meisten daran interessiert, fester an die politische Organisation gefesselt werden. Dadurch hätte diese ein Mittel gewonnen, der Fluktuation ihrer Mitglieder zu steuern. Kein Genosse könnte aber der Ein- richlung eine Versumpfungstendenz nachsagen, im Gegenteil, ihre Aufgabe ist, der Versumpfung entgegenzuarbeiten. Je vollkommener die betreffs der Jugend vorliegende Aufgabe Erfüllung findet, um so segensreicher wird ihre Rückwirkung auf die politischen und wirtschaftlichen Organisationen des Proletariats sein. Gleichzeitig würde ein gutes Stück praktischer Arbeit geleistet, das geeignet wäre, der Verdunimung und Vergiftung des Geistes der proletarischen Jugend durch die verpsaffte Schule des Kapitalistenstaates wirksam entgegenzutreten. � Adolf D o m n i ck-Berlin. „Von der befriedigenden Lösung der Frage:„Wie gewinnen wir die Jugend für den Sozialismus?" hängt die Größe des zukünftigen Erfolges der Sozialdemokratie ab", hat Franz Krüger in Nr. 15 der„Gleichheit" geschrieben, und hierin wird ihm zweifellos jeder Sozialdemokrat beistimmen. Es handelt sich darum, die Jugend zu freien Menschen zu erziehen? sie mit einer neuen Weltanschauung, mit sozialem Wissen und klarer Erkenntnis ausrüsten von der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der Arbeiterklasse und ihrer geschichtlichen Aufgabe. Das steht im Gegensatz zu dem. was Kirche, Schule und Staat bisher getan haben und noch so lange tun werden, bis die Kirche vom Staate getrennt und die Schule von der Herrschaft der Kirche befreit sein wird. Es ist das gewiß eine der schwierigsten Aufgaben, denn Pfaffentum und Reaktion werden stets mit aller Gewalt das wieder zu ersticken suchen, was wir mit redlicher Arbeit und tiefer, klarer Uberzeugung in die kommende Generation hineinzupflanzen streben. Auf dem Gebiet der Erziehung der Jugend zum Sozialismus liegt der Partei eine Pflicht von eminenter Wichtigkeit ob. Wir müssen zuerst einen Blick über das Heer der Erziehungsbedürftigen werfen und fragen: Wessen Kinder wollen wir erziehen? Die Kinder des millionenköpfigen Proletariats. Da drängt sich denn sofort die andere Frage auf: Woher nehmen wir die dazu nötigen Lehrkräfte und Mittel? Mancher Ort, und wäre er auch eine Hochburg der Partei, würde nicht imstande sein, die nötige Zahl der geeigneten Kräfte für die Aufgabe aufzuweisen. Wir könnten ferner auch Hindernisse genug anführen, die sich uns bei der Durchführung unseres Werkes in den Weg stellen. Aber wir wollen nicht pessimistisch sein, sondern vorwärts streben, dem Ziele zu, trotz alledem, denn der Jugend gehört die Zukunft, darum muß dieselbe für unsere Zukunft erzogen werden. Vor allem gilt es, die Jugend zum Bewußtsein der vollen Menschenwürde zu erheben, und zwar die Jugend ohne Unterschied des Geschlechtes. Hierbei eröffnet sich unseren Genossinnen ein reiches Arbeitsfeld. Hier kann jede aufgeklärte, zielbewußte Genossin mitwirken, mag sie auch ungelehrt und keine Redekünstlerin sein. Wenn sie von reiner Menschenliebe und tiefem Idealismus beseelt die Befreiung des Proletariats als Ziel ins Auge faßt, wird ihr Wort und ihr Leben auf die sie umgebenden jugendlichen Gemüter einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck machen. Die Gewinnung der Jugend für die hehren sozialistischen Ideale ist in hervorragendem Maße eine Aufgabe der Genossinnen. Ohne die Mitwirkung der sozialistisch denkenden Frau kann dem proletarischen Befreiungskampf keine streitbare Jugend erwachsen. Es will uns aber etwas verspätet erscheinen, wollte man mit der Arbeit an der Jugend erst bei den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen beginnen. Mit vierzehn Jahren heißt es für unsere Kinder arbeiten, oft recht schwer und hart. Infolgedessen wird es bei manchen an Zeit und Lust fehlen, nach der Arbeit noch das Jugendheim oder die Jugendorganisation aufzusuchen. Dazu kommt, daß die Umgebung oft genug die Betätigung des freien Willens der Jugend hindert oder das Streben nach Aufklärung des Geistes und Entwicklung des Charakters erstickt, so daß die gute Saat keinen Boden findet, in dem sie wurzeln und gedeihen kann. Leider versäumen es in Werkstatt und Fabrik auch die besten Genossen manchmal, erzieherisch und aufklärend aus die Jugend einzuwirken. Darum müßte man schon bei Kindern von zehn Jahren mit der Erziehung für den Sozialismus beginnen, denn:„Jung gewohnt, alt getan." Die proletarischen Eltern, besonders aber die proletarischen Mütter müssen Sorge tragen, daß die eigenen Kinder nicht dank der heutigen Ordnung und in ihrem Interesse als Gleichgültige oder Verständnislose gegenüber dem Sozialismus aufwachsen. Sie dürfen nicht zurückschrecken vor den Opfern, die sie sich auferlegen müssen, um ihre Pflicht auch in dieser Beziehung zu erfüllen. Unseres Erachtens dürfen nicht von der Partei die Mittel dazu gefordert werden. Wohl aber könnte manches für die sozialistische Erziehung der Jugend geschaffen werden mittels kleiner Zuschüsse, welche die Lokalkassen bewilligen, und mittels festgesetzter geringer Beiträge der betreffenden Eltern. So wäre ein kleiner Anfang in einer Sache möglich, für die sich jede Frau, jede Mutter begeistern, für die sie mithelfend die Hand reichen muß. An dem Gedeihen des neuen Werkes können wir trotz aller Schwierigkeilen durchaus nicht zweifeln. Das Komitee der organisierten Textilarbeiterinnen in Gera. Ein Wort an die Hamburger Zigarettenarbeiterinnen. Wenn man die Gleichgültigkeit beobachtet, mit welcher in Hamburg die Zigarettenarbeiterinnen ihrer Organisation gegenüberstehen, so drängt sich die Frage auf: haben sie etwa bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen als ihre Kolleginnen in Dresden und Berlin? Bedürfen sie etwa nicht des Schutzes der Gewerkschaft, um zu einer menschen- würdigen Existenz emporzusteigen? Die Verhältnisse, trockene Zahlen über die Höhe des Arbeitslohns— was sagen wir Höhe, über die Niedrigkeit muß es heißen— und die Dauer der Arbeitszeit geben darauf eine Antwort, die nur von denen nicht verstanden werden kann, welche Schuften und Entbehren für das natürliche, unabwendbare Los der Arbeiterinnen halten. Denn wahrlich, auch in Hamburg sind die Zigarettenarbeiterinnen nicht auf Rosen, wohl aber auf Dornen gebettet. Uns liegen genaue Angaben über die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in elf Betrieben der Hamburger Zigaretten- industrie vor. Nur bei einer einzigen Firma sind Löhne von 15 bis 17 Mk. in der Woche verzeichnet, und sie müssen in 12 bis 13 stündiger täglicher Arbeitszeit erschuftet werden. Ein Wochenverdienst von 13 Mk. kommt nur einmal vor, für eine Packerin. In drei Betrieben können es die geschicktesten Packerinnen, Zurichterinnen und Maschinenmädchen auf 12 Mk. wöchentlich bringen. Im allgemeinen aber schwanken die Löhne der Zigarettenarbeiterinnen aller Art zwischen 6 bis 11 Mk., und zwar ist der erstgenannte Hungerlohn ebenso häufig wie der„gute" Verdienst von 11 Mk. Als Durchschnitt dürfte wohl der Wochenlohn von 9 Mk. gelten. Eine Firma ist schäbig genug, bei solchem Verdienst den Arbeiterinnen die Krankenkassenbeiträge allein aufzuhalsen. Daß die Lehrmädchen, diese beliebtesten Ausbeutungsobjekte in der Zigarettenindustrie, mit wahren Bettelpfennigen abgespeist werden, versteht sich nach alledem am Rande. Bei einer Firma steht der Abzug für sogenannten „Ausschuß" in schönster Blüte. Die Arbeitszeit im Betrieb ist im allgemeinen eine 9 bis Ivstündige, doch sorgt die karge Entlohnung dafür, daß sie durch Nach-Feierabend- Arbeit zu Hause oft angemessen verlängert wird. Übrigens ist auch der Verdienst der Männer in der Hamburger Zigarettenindustrie niager genug. Nur vereinzelte von ihnen erzielen als Tabakschneider, Maschinisten und Lagerarbeiter einen Wochenlohn, der 21 Mk. übersteigt und in einem Falle 3t) Mk. beträgt. Für das Gros der Arbeiter steht der Verdienst zwischen 15 bis 18 Mk. und sinkt sogar bis auf 12 Mk. herunter. Man halte den angegebenen Zahlen die Preise der Lebensbedürfnisse gegenüber, und man hat eine Vorstellung von dem Jammerleben, zu dem die Hamburger Zigarettenarbeiterinnen verurteilt sind. Auch ohne Teuerungspreise wie jetzt gibt es für sie„Fleischnot", und manch einer fällt es schwer, sich täglich satt zu essen. Eine Aufbesserung der Löhne, der gesamten Arbeitsbedingungen tut also in Hamburg ebenso bitter not wie in Dresden und Berlin. Auf, ihr Arbeiterinnen, tut das eurige, um sie zu erkämpfen! Sammelt euch um die Fahne der Organisation, damit der solidarische Zusammenschluß euch die Kraft verleiht, das zu ertrotzen, was die Profitgier eurer Ausbeuter euch vorenthält: die Bedingungen dafür, ein wenig mehr Mensch sein zu können als heutzutage. In Hamburg hat sich der Tabakarbeiterverband ernstlich bemüht, die Zigarettenarbeiterinnen zu organisieren und ihre Interessen zu vertteten. Aber wie winzig ist nicht die Zahl derer von ihnen geblieben, die seinem Rufe gefolgt sind! Viel zu viele meinen noch immer, sie könnten, sie dürften sich nicht zusammenschließen, weil sie Frauen sind, die in einer Organisation, die im Kampfe nichts zu suchen hätten. Ja, ihr Arbeiterinnen, fragen denn etwa die Herren Unternehmer danach, daß ihr Frauen seid? Beuten sie euch nicht doppelt, dreifach aus, weil ihr Frauen seid? Sie spekulieren auf eure Mutterliebe, die euch Verdienst suchen läßt, um euch bei Hungerlöhnen an ihre Betriebe zu fesseln; sie meinen oft genug, mit eurer Arbeitskraft auch euren Leib für ihre Lüste gekauft zu haben, wie Gerichtsurteile beweisen. Gerade weil ihr Frauen seid, bedürft ihr erst recht des Schutzes der Organisation, die durch den Zusammenschluß eure Schwäche in Kraft verwandelt. Erkennt das, organisiert euch! Bedenkt, wie viele von euch binnen wenig Jahren ihre roten Wangen verlieren, fröhliches Lachen verlernen und vorzeitig gealtert, welk und siech mit zerrütteter Gesundheit dahin vegetieren. Warum? Ei nun, das wißt ihr doch! Weil eure Arbeitsräume eng und ungesund, eure Arbeitsstunden zu lang sind, und eure Löhne eine gesunde, kräftige Ernährung ausschließen. Und nicht ihr allein geht bei solchen Verhältnissen zugrunde. Auch eure Kinder, die zum Teil schon im Mutterleibe verkümmern und durch den verarbeiteten Tabak vergiftet werden, wie die Milch in euren Brüsten. Zeigt uns nicht die Statistik, daß die Sterblichkeit der Kinder von Tabakarbeiterinnen und Tabakarbeitern besonders hoch ist? Und ihr selbst wißt am besten, euer weinendes Herz sagt es euch, wie viel ihr euren Kleinen an Pflege, an Erziehung schuldig bleiben müßt, weil die Not euch unter das Joch der Ausbeutung zwingt. Hand aufs Herz, ihr Hamburger Zigarettenarbeiterinnen! Ist das Leben, wie ihr es führt, wert, gelebt zu werden? Ihr frondet, ihr darbt, ihr leidet tausend Qualen und— dürft zusehen, wie eure Arbeit Reiche noch reicher macht. Lernt das Recht der Arbeit erkennen, euer Recht auf einen Platz an der Tafel des Lebens. Kämpft für dieses euer Recht! Vereinigt euch mit euren Arbeitsschwestern und Arbeitsbrüdern, auf daß euch eine bessere Existenz werde. Es gilt für Brot, Bildung und Freiheit, für Menschenwürde und Mutterglück zu kämpfen. Hinein in die Gewerkschaft! _ Marie Wackwitz Aus der Bewegung. Von der Agitation. Eine lebhafte Agitation zur ge- werkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen und zur Schulung der weiblichen Mitglieder ist in einigen Gegenden Bayerns von dem Metallarbeiterverband und dem Textilarbeiterverband entfaltet worden. Versammlungen fanden statt in Amberg, Ansbach, Roth a. S., Nürnberg(Schweinau und Steinbühl), Hof und Münchsberg. Referenlin war die Unterzeichnete. In allen Versammlungen kam es zu reger Diskussion. In Nürnberg(Steinbühl) waren zirka 189 organisierte Arbeiterinnen der Schuckertschen Werke aufmerksame ZuHörerinnen des Vortrags über den„Entwicklungsgang der deutschen Gewerkschaftsbewegung". Nach dem Referat gewannen die Arbeiterinnen erst durch eindringliches Zureden den Mut, ihre Beschwerden mitzuteilen. Stockend, bisweilen auch von hervorbrechenden Tränen unterbrochen, klagten sie über ungebührliches Warten auf Arbeit, über schlechte Behandlung, darüber, daß der Werkmeister bereits notierte Wartezeit wieder strich und diese mithin unbezahlt blieb usw. Zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen wurde für jeden Saal eine weibliche Vertrauensperson gewählt, welche Beschwerden entgegennimmt und sie dem Vertrauensmann des ganzen Betriebs übermittelt, der dann das Weitere veranlaßt. Von jeder Versammlung ließen sich bemerkenswerte Einzelheiten berichten, doch gebietet die Rücksicht auf den Raum Kürze. Hervorgehoben sei nur der zahlreiche Besuch und der gute Erfolg der Versammlungen in Hof und Münch sb erg. Hier wendete sich die Agitation an die Arbeiter und Arbeiterinnen der Textilindustrie, die leider ihrer Gewerkschaft nur in schwacher Zahl angehören. Die Referentin und Genosse Brüggemann, der in Hof sprach, fanden begeisterte Zustimmung zu den Ausführungen, welche der Bedeutung der Organisation für die Erringung einer menschenwürdigen Existenz galten. Die sehr lebhafte Diskussion beleuchtete die erbärmlichen Lohnverhältnisse. In Hof traten 55, in Münchsberg 37 Personen dem Verband bei, und zwar über die Hälfte Frauen und Mädchen. Auf Veranlassung des Gewerkschaftskartells Wunsiedel fanden Versammlungen in Markt-Redwitz, Schirnding, Arnsberg und Wunsiedel statt. Sie dienten vor allem der Agitation unter den Porzellanarbeiterinnen. In der Porzellanindustrie ersetzt die Frau mehr und mehr den Mann. Malerinnen, Formerinneu usw: verstehen ihr Fach aufs beste, aber wie erbäxmlich werden sie entlohnt! Und damit nicht genug. Mit der steigenden Verwendung weiblicher Arbeitskräfte ist auch der Lohn der Männer erheblich gesunken. Die Arbeitszeit geht dagegen mitunter ins Unendliche. Die schlechte Lage hat die Arbeiterschaft sehr zu ihrem Schaden gedrückt und unterwürfig werden lassen. Da ist es denn doppelt erfteulich, daß der Versammlungsbesuch 112 Die Gleichheit Nr. 19 ein guter war, nur in Wunsiedel ließ er zu wünschen übrig, weil ihm dort der Tag nicht günstig war. In Schirnding, einem kleinen Orte im Fichtelgebirge mit einer Porzellanfabrik traten außer anderen 18 Mädchen ihrer Gewerkschastsorganisation bei, und Genossin Bauer wurde als Vertrauensperson gewählt. In allen Versammlungen wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, zu lesen, denn Leute, die lesen, denken auch, werden selbstbewußt, lernen ihre Arbeitskraft schätzen und fordern bessere Bezahlung, um menschenwürdig leben zu können. Die Lektüre der Gewerkschaftsorgane, der politischen Tagespresse und — für die Frauen— der„Gleichheit" ist unentbehrlich. Speziell den Arbeiterinnen legte die Referentin ans Herz, sich durch fleißiges Lesen zu bilden und mit Wissen auszurüsten, um Seite an Seite mit den Männern für eine bessere Zukunft zu kämpfen. In Nürnberg erstattete ich bei den Schneidern Bericht über den„Kölner Gewerkschaftskongreß". Die Punkte Maifeier, Generalstreik und Kölner Bierboykott führten zu lebhasten Debatten, die nicht zu Ende geführt werden konnten und demnächst ihre Fortsetzung finden.— In der Protestversammlung gegen die Fleischnot waren verhältnismäßig sehr viel Frauen anwesend. Mit Entrüstung ward die Äußerung zurückgewiesen, daß kein Fleisch auf den Tisch der Arbeiterfamilie käme, weil die Proletarierin nicht wirtschaften könne. Ihr ward entgegengehalten, daß die Arbeiterstauen die besten Finanzminister seien, denn sie verständen es, mit wenigen Groschen hauszuhalten und jeden Tag etwas zur Füllung der hungrigen Magen auf den Tisch zu bringen. Die den Frauen geltenden Ausführungen klangen in der Aufforderung aus, zu lesen und sich zu organisieren. Nur das Proletariat, das ohne Unterschied des Geschlechtes zielbewußt und organisiert kämpft, kann das Menschentum der Ausgebeuteten in sein Recht einsetzen und eine schöne Zukunft für alle schaffen. Helene Grünberg. In Stettin ist es nach langen Jahren der rührigen Tätigkeit einiger Genossinnen gelungen, die Frauen und Mädchen des Proletariats so weit zu bringen, daß sie in einer öffentlichen Versammlung recht erfolgreich in die Bewegung eingetreten sind. Die Versammlung tagte am ö. September, Referentin war Genossin Kähler-Dresden. Ihre Ausführungen, die mit begeistertem Beifall aufgenommen wurden, waren in ihrer leicht faßlichen und zu Herzen gehenden Art angetan, die zahlreich Erschienenen aus ihrer Gleichgültigkeit und Gedrücktheit aufzurütteln und für die Ideen des modernen Klassenkampfes empfänglich zu machen. Nach dem Vortrag wurden die anwesenden Frauen und Mädchen aufgefordert, sich in die zirkulierenden Listen betreffs Gründung eines Frauenbildungsvereins einzuzeichnen. Das Resultat war ein sehr erfreuliches, denn 122 Frauen und Mädchen erklärten ihren Beitritt zu dieser Organisation. In der darauffolgenden Diskussion meldeten sich keine Gegner. Genosse Storch gab noch in kurzen Zügen ein Bild von der Stettiner Arbeiterbewegung und ermahnte die Anwesenden, hauptsächlich die Arbeiterpresse und Literatur zu lesen und jede gegnerische Zeitung aus ihrem Heim zu entfernen. Seine Ausführungen fanden lebhafte Zustimmung. Es erfolgte darauf die Wahl einer fünfgliedrigen Kommission, welche die Vorarbeiten für die Konstituierung des Vereins erledigen soll. Gewählt wurden die Genossinnen Frida Storch, Weiß, Müller, Rechel und Horn. Als Vertrauensperson wurde Genossin Horn mit großer Majorität gewählt. Hoffen wir, daß es den Genossinnen gelingt, auch in Stettin eine feste und arbeitsfreudige proletarische Frauenbewegung zu schaffen, die mit Erfolg für die sozialistischen Ziele wiÄt und kämpft. Frau Horn. Eine Konferenz der weiblichen Vertrauenspersonen des sechsten Schleswig-Holsteinischen Wahlkreises fand in Glückstadt am Tage der Generalversammlung des Zentralwahlvereins für diesen statt. An der Konferenz nahm je eine Vertreterin für Wedel, Lockstedt, Eidelstedt, Stellingen, Ütersen, Elmshorn, Glückstadt und Ottensen teil, sowie die Einberuferin, Genossin Wartenberg, welche den Halbjahresbericht für die Zeit vom 1. Januar bis 1. Juli erstattete. Im Kreise gibt es jetzt 600 Genossinnen, welche einen regelmäßigen Monatsbeitrag von 10 Pf. für die sozialdemokratische Partei leisten und sich durch Quittungskarten als ihr zugehörig legitimieren können. Die Zahl der zahlenden und mitarbeitenden Proletarierinnen nimmt ständig zu. Die Erfolge der planmäßigen Agitation vom März(siehe Nr. 7 der„Gleichheit") sind von Bestand gewesen und durch Anleitung und Anregung von Ottensen her weitergeführt worden. DaS Vorurteil, welches manche Genossen gegen die Frauenbewegung hatten, ist durch die ruhige, fleißige Arbeit der Genossinnen so gut wie völlig beseitigt. Zwischen den weiblichen Vertrauenspersonen und den Funktionären der Wahlvereine besteht das denkbar beste Einvernehmen. Die Genossen stellen den Genossinnen bereitwilligst die Mittel zur Betreibung der Agitation unter dem weiblichen Proletariat zur Verfügung. Die Genossinnen ihrerseits überweisen ihre Einnahmen der Partei. Der Kassenbestand von 70 Mk. wurde durch die Einnahmen der Genossinnen von Ottensen um 182 Mk. erhöht, die übrigen Orte des Wahlkreises brachten 7S Mk. 50 Pf. auf. Seit Oktober wurden für den Agitationsfonds der Genossinnen Deutschlands durch Marken ä 5 Pf. 52 Mk. 50 Pf. vereinnahmt und abgeführt. Die Zahl der Abonnenten auf die„Gleichheit" ist von 45 auf 370 gestiegen, wovon aus Ottensen allein 190 entfallen. In der Diskussion wurde von allen Seiten die erfolgreiche Entwicklung der Frauenbewegung anerkannt und betont, daß die geschaffenen organisatorischen Zusammenhänge jeder Eigenbrödelei vorbauen. Die Genossinnen Pütz-Wedel und Schönfelder-Ottensen beklagten, daß manche Frauen nur durch die Schuld ihrer Männer rückständig seien, obgleich diese selbst in Reih und Glied der modernen Arbeiterbewegung ständen. Sie verbreiteten sich über die Notwendigkeit, rührig für die Verbreitung unserer Presse und den Versammlungsbesuch zu wirken. Die Konferenz beschäftigte sich darauf mit der Frage einer Vertretung der Genossinnen in Jena und beim Pro- vinzialparteitag in Elmshorn. Genosse Eilken zeigte, daß nicht mehr wie stüher eine Genossin auf die allgemeine Vorschlagsliste kommen könne, da die Wahlen in Mitgliederversammlungen der Wahlvereine vorgenommen werden und daher die Genossinnen selbst nicht mitstimmen könnten. Er regte an, die Konferenz möge Delegierte vorschlagen, über die dann in öffentlichen Frauenversammlungen in allen Orten abgestimmt werden solle, in denen die Genossinnen festen Zusammenhalt hätten. Die Konferenz pflichtete dem bei und stellte die Genossinnen Pütz, Schönfelder und Wartenberg auf die Vorschlagsliste. Die prächtig verlaufene Konferenz wird sicherlich gute Früchte tragen. Alma Wartenberg. Agitation am Oberrhein. Einem Rufe des oberrheinischen Agitationskomitee folgend, unternahm die Unterzeichnete eine Agitationstour durch die schwärzesten Domänen des Zentrums am Oberrhein. „Dort, wo der Katholizismus herrscht, geht es nicht vorwärts mit der Sozialdemokratie," sagte uns einst ein protestantischer Geistlicher, und er war bereit, aus diesem Grunde der katholischen Geistlichkeit für den ungeheuren Druck, den sie auf das Seelenleben ihrer Pfarrkinder ausübt, zu danken, wenn er auch dieselbe im übrigen(und das mit Recht) nicht genug verurteilen konnte. Zweifellos waren und sind die skrupellose Agitation, welche die katholische Geistlichkeit im Namen der Religion treibt und die manchem Geistlichen mit Recht den Titel„Hetzkaplan" eingetragen hat, der Mißbrauch, der mit Kanzel und Beichtstuhl getrieben wird, der ungeheure Gewissenszwang, den die Gefftlichkeit zu politischen und nicht zu religiösen Zwecken ausübt, gewaltige Machtmittel, vermittels deren das Zentrum zahlreiche Wähler wirbt und erhält. Aber nichtsdestoweniger geht es auch hier vorwärts, wenn auch nicht mit Siebenmeilenstiefeln, so doch auch längst nicht mehr im Schneckentempo. Das zeigt sich, wenn ich zum Beispiel den Stand unserer Bewegung von heute vergleiche mit dem vor sieben Jahren, als ich zum erstenmal in diese Gegend zur Agitation kam. Abgesehen von einigen größeren Orten, hatten wir damals fast nirgends eine politische Organisation, die Zahl der Abonnenten auf unsere Presse war sehr klein. Von einer Frauenbewegung, außer in Köln, war nirgends eine Spur; an vielen Orten war kein Lokal für Versammlungen zu haben. Und heute? überall feste Organisationen, selbst an solchen Orten, wo uns vor sieben Jahren noch jeglicher Anknüpfungspunkt fehlte. Die Zahl der Abonnenten unserer Presse hat sich an manchen Orten vervier- und verfünffacht. Lokale sind erobert oder von feiten der organisierten Arbeiter selbst erbaut worden. An vielen Orten bestehen Frauenvereine oder sind Vertrauenspersonen der Genossinnen tättg. Die„Gleichheit" hat siegreich ihren Einzug in die dunkelsten Winkel gehalten. Die freien Gewerkschaften sind im Aufblühen begriffen und haben schon an manchen Orten siegreiche Schlachten mit dem Kapital aus- gefochten. Es geht eben vorwärts! Selbstverständlich ist das noch zu beackernde Feld ein großes. Ein kleines Stück solcher Beackerungsarbeit ward auch bei dieser Agitationstour geleistet. In Köln, wo das zu behandelnde Thema lautete:„Reaktion überall", war die Versammlung sehr stark besucht und brachte auch neue Mitkämpfer. In Bardenberg bei Aachen hätte bei den vielen Bergarbeitern in der Gegend der Versammlungsbesuch stärker sein können, immerhin wurden dem sozialdemokrattschen Verein 16 Mitglieder gewonnen. Die Aachener Versammlung dagegen war überfüllt und brachte uns außer Mitgliedern für den Verein Abonnenten für die Presse, darunter 30 für die„Gleichheit". Die Genossen versprachen, in einer der nächsten Versammlungen Stellung zur Wahl einer Vertrauensperson zu nehmen. In Koblenz, wo wir Generalabrechnung mit dem Zentrum hielten, war nicht nur das Lokal überfüllt, sondern auch die Straße bis an die Mosel mit Menschen dicht besetzt. Ein Zentrumsmann, der sich an der Diskussion beteiligte, gab uns Gelegenheit, unsere Abrechnung mit der Partei des Arbeiter» errats noch griindlicher vorzunehmen, als dies bereits im Referat geschehen war. Auch diese Versammlung erweiterte den Leserkreis unserer Presse, die „Gleichheit" inbegriffen, und brachte dem Wahlverein neue Mitglieder. Es wurden zwei Genossinnen für den Posten der Vertrauenspersonen ernannt. Vom Rhein ging es ins Nahetal. Stark besucht waren die Versammlungen in Kirn am HunSrück, in Kreuznach, Fischbach und Oberstein, dagegen hätte Idar besseren Besuch aufweisen können. In Oberstein und Kreuznach war außer dem Erfolg für die Allgemeinbewegung die Gewinnung von Abonnenten für die„Gleichheit", sowie die Wahl von Vertrauenspersonen zu verzeichnen. In Oberstein traten außerdem Genossinnen dem sozialdemokratischen Verein bei. Oberstein, Idar und Fischbach gehören nämlich zum Fürstentum Birken- seld, einer kleinen Enklave des„vielberühmt" gewordenen Oldenburg, wo„Frauenspersonen" Mitglieder politischer Vereine werden können. In Fisch b ach war die Versammlung ausschließlich von Männern besucht; es wurden hier die ersten 15 Mitglieder für die Partei gewonnen. In Trier, der Stadt des„heiligen RockS", bekommt die Arbeiterschaft nächstens ein eigenes Versammlungslokal. Vorläufig mußten wir uns mit einigen Klubzimniern begnügen, die überfüllt waren. Sozialdemokratischer Verein, Frauenverein und Gewerkschaften, alles ist hier im Aufblühen. Am Versammlungsabend gewannen diese Organisattonen an Mitgliedern, die Tagespresse und die„Gleichheit" an Abonnenten. Gut besucht waren die Versammlungen in Bonn, Poppelsdorf, Düren, Eschweiler, Euskirchen und Merzenich. überall ward neues Terrain erobert. In Eschweiler wurden zum Beispiel 25 Mitglieder für die Partei und dieselbe Anzahl Abonnenten für die„Rheinische Zeitung" gewonnen. In Bonn, Düren und Euskirchen wurden außerdem weibliche Vertrauenspersonen gewähtt und der„Gleichheit" neue Leserinnen zugeführt. In Merzenich hatten wir eine interessante Auseinandersetzung mit dem Zentrumsanhänger Moll, die bis zehn Uhr abends dauerte(die Versammlung hatte um fünfeinhalb Uhr begonnen). Schade, daß wir nicht in jeder Versammlung Gelegenheit haben, die Verleumdungen der Zentrumsdemagogen auf frischer Tat zu brandmarken und, dabei den Spieß umdrehend, dem Zentrum sein arg langes Sündenregister vorzuhalten. Trägt doch solche Diskussion außer- ordenttich zur Klärung bei. Glänzend besucht, zum Teil überfüllt, waren die Versammlungen in Kalk, Ehrenfeld, Boll, Mülheim und Dünwald; in Nippes und Deutz ließ dagegen der Besuch zu wünschen übrig. Unsere Genossin Bacher hat in Kalk und Boll vortrefflich die Gelegenheit benutzt, um dem Frauenverein Mitglieder und der„Gleichheit" Abonnenten zu werben. Was unserer Agitation in den Zentrumsdomänen besondere Wirksamkeit verleiht, ist, außer dem steigenden Ausbeutungsbedürfnis des Kapitals, unter dem Mann und Weib immer stärker leiden, vor allem das schier endlose Sündenregister des Zentrums. Häuft diese Partei doch unausgesetzt Verrat auf Verrat gegen die Arbeiterklasse Das Schicksal der Berggesetznovelle im preußischen Landtag und Herrenhaus ist neuerdings Beweis dafür. Gröbers Stellungnahme zur württembergischen Verfassungsreform zeigt, welche„Vorliebe" das Zentrum fürs allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht hat. Noch sind die Handelsverträge mit ihrer schier unerträglichen Last von Zöllen und indirekten Steuern nicht in Kraft, aber einen kleinen Vorgeschmack von der agrarischen Aushungerungspolitik bekommt die arbeitende Bevölkerung durch die gegenwärtige Fleischnot, die lediglich eine Folge ist der im agrarischen Interesse geschaffenen Vieh- und Fleischzölle, sowie der Grenzsperre für ausländisches Fleisch und Vieh. Das alles sind Erscheinungen, an denen auch der Indifferenteste nicht achtlos vorbeigehen kann, die gerade ihn am schärfsten aufstacheln zum Protest. Genau so liegt es betreffs der Soldatenmißhandlungen, der Bluturteile, die auch den Sanftesten zur wildesten Empörung reizen und veranlassen, nach den Ursachen zu forschen. Wenn unsere Agitation richtig einsetzt, so wird der Pr-ttest der Massen sich nicht bloß richten gegen einzelne Erscheinungen und Auswüchse des Militarismus, sondern gegen das ganze System, in dem diese Auswüchse wurzeln, damit zugleich aber auch gegen die Parteien, denen es geschuldet ist, daß dieses System gestärkt, statt beseitigt wird, denen es geschuldet ist, daß die Steuerlast wächst, statt sinkt, daß Arbeitertrutz, statt Arbeiterschutz, die Signatur der Zeit ist- Und wer trägt daran, wie an anderen schweren Übeln, wohl mehr Schuld, als gerade die Partei, die es liebt, sich den Anschein der Arbeitersteundlichkeit zu geben, um die katholischen Arbeiter von einer wirksamen Vertretung ihrer Interesse» durch die Sozialdemokratie abzuhalten, als das Zentrum- Der Arbeiterschaft dies im hellsten Lichte, mit aller nur erdenklichen Schärfe zu zeigen, das ist die Aufgabe unserer Agitation, eine Aufgabe, welche unsere rheinländischen und westfälischen Genossen in vorzüglicher Weise zu lösen verstehen. Das bestätigt ihr steigender Erfolg. Es fanden noch Protestversammlungen gegen die Fleischnot statt in Solingen Wald und Elberfeld. Sie waren sämtlich erfreulicherweise sehr stark von Frauen besucht. In Solingen, wo Genossin Kaspers als Vertrauensperson für den Kreis gewählt ist, erhielt die„Gleichheit" 100, in Wald fand sie 70 Abonnenten. Eine Agitation unter den Frauen der anderen Orte des Solinger Kreises wird demnächst folgen. In allen Versammlungen beteiligte sich Genossin Kaspers in vorzüglicher Weise an der Diskusston. Werden unsere Genossinnen allerorts so weiter agitieren für unsere„Gleichheit" wie im verflossenen Jahre, so werden wir auf der kommenden Frauenkonferenz hoffentlich 50000 Abonnenten zu verzeichnen haben. Das bedeutet aber eine sehr beträchtliche Ausdehnung und Kräftigung der proletarischen Frauenbewegung, die von sehr großer Wichtigkeit für den siegreichen Fortmarsch des Sozialismus ist, und das nicht zum wenigsten gerade auch in den Herrschaftsgebieten des Zenttums.__ Luise Ziefl Politische Rundschau. Der Frieden ist geschlossen zwischen Rußland und Japan- Endlich! Von allen anderen Erwägungen abgesehen, ist es vor allem die Menschlichkeit, die ihr Recht geltend macht, um uns aufatmen zu lassen, daß die schaurigen Metzeleien in der Mandschurei ein Ende gesunden haben, welche weiteren, noch zermalmenderen Mederlagen man auch dem raubgierigen Zarentum hätte wünschen mögen, damit sein unvermeidlicher Untergang stüher besiegelt würde. Grauenhafte Metzeleien, Massenmorde, schlimmer noch als die vor Port Arthur, Liaujang und Mukden, wären dazu erforderlich gewesen, um die Zarenheere völlig zu Boden zu werfen. Da haben die japanischen Machthaber weise getan, die Möglichkeit eines günstigen Friedensschlusses zu ergreifen, die ihnen Roosevelts Einmischung bot. Selbst vom engherzigsten Standpunkt des Eigeninteresses der herrschenden Nr. 19 Die Gleichheit HZ Klassen Japans aus betrachtet, selbst im Sinne japanischer Weltmachtspolitik mußte der Siegespreis befriedigen. Man darf sich durch die Unruhen, die in Japans Hauptstadt ausgebrochen sind, nicht über die Bedeutung der von Japan errungenen Vorteile täuschen lassen. Korea, auf das Rußland gleichfalls vordem Ansprüche geltend machte, ist ein unbestreitbarer Vasallenstaat Japans geworden. Es steht zu ihm also etwa in einem Verhältnis wie Ägypten zu England, Tunis zu Frankreich. In Port Arthur und der Halbinsel Liautung ist Japan in die Pachtrechte Rußlands getreten. Der südlichere gut bevölkerte und deshalb wertvollere Teil der Mandschurei mitsamt 400 Kilometer Eisenbahn ist Rußlands Einfluß gänzlich entzogen. Selbst in dem größeren, aber äußerst spärlich bevölkerten nördlichen Teil ist Rußlands Einfluß vertragsmäßig auf die Eisenbahnlinien nach Wladiwostok beschränkt, obgleich zu beachten ist, daß papierene Verträge den Zarismus nur so lange binden, als es ihm in den Kram paßt. Aber die Klauen sind ihm doch zu arg beschnitten, als daß er in absehbarer Zeit neue Raubgriffe wagen könnte. Schließlich hat auch Japan sich eine direkte Abtretung erzwungen, die Südhälfte der Insel Sachalin, nebenbei bemerkt, ein Gebiet so groß wie Elsaß- Lothringen und Baden zusammengenommen, mit einem Klima allerdings, das dem finnländischen ähnelt, und deshalb ohne allzuviel Reiz für japanische Kolonisation. Nur die Fischerei verheißt dort reichlichen Gewinn. Das sind Gebietsvorteile, wie sie so umfassend selten nur in einem Kriege durchgesetzt worden sind. Nur eine Kriegsentschädigung konnte Japan nicht erlangen. Die entsprach aber auch nicht der militärischen Situation. Wladiwostok war noch unbezwungen, und Line- wilsch steht Oyama mit einer etwa gleich starken Armee gegenüber. Der Befürchtung aber, daß Rußland in kurzer Zeit wieder zu einem Raubsprung in Ostasien ansetzen könne, ist kein Wert beizumessen. Japan hat sich ihm dort an Ort und Stelle schon mehrmals gewachsen gezeigt. Zum Überfluß sichert ihm das neugeschlossene Bündnis mit England für einen neuen Krieg mit Rußland in Ostasien die unbedingte Herrschaft zur See. Selbst eine Koalition mehrerer europäischer Mächte braucht es nicht zu fürchten. Nachdem es Wladiwostok blockiert hat, würde dem Transport seiner Landtruppen nach dem Festland zur See kein Hindernis mehr bereitet werden können. Damit ist ihm aber auf absehbare Zeit die Übermacht über Rußland in Ostasien gesichert, selbst wenn der Zar bessere Heere und Generäle entsenden und die zaristische Korruption unter seinen Beamten und Offizieren höchsteigenhändig ausrotten könnte. Die Haupterrungenschaft des Friedens von Portsmouth ist aber gar nicht in den Stipulationen verzeichnet. Sie läßt sich überhaupt nicht in Paragraphen fassen. Welthistorische Tatsachen haben die Legende zerstört von der unbedingten Überlegenheit der Weißen über die Gelben, der Christen über die Heiden. Endlich einmal ein gelbes heidnisches Asiatenvolk, das seine heiligsten Güter gegen europäisch-christliche Raub- und Eroberungsgier siegreich zu wahren versteht. Damit hat die moderne kapitalistische Weltpolitik, die auf Unterjochung Asiens wie Afrikas mit der gepanzerten Faust abzielt, einen unheilbaren Knacks bekommen. Möge das japanische Beispiel fruchten auch bei den anderen asiatischen Völkern, um die Befreiung aller vom europäischen Joch zu zeitigen! Damit wird die friedliche Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft auf der ganzen Erde nicht gehindert, sondern nur gefördert werden, und um so eher wird auch der Sozialismus überall den Kapitalismus ablösen können. Die Unruhen in Japan, die zunächst in einer chauvinistischen Überbegehrlichkeit ihren Ursprung haben, werden doch hoffentlich umschlagen in eine Volksbewegung zur Erringung größerer Rechte. Denn gegenwärtig ist noch das japanische Volk durch ein Klassenparlament nach preußischem Muster von jedweder entscheidenden Beeinflussung der Landespolitik ferngehalten. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird das gestärkte Selbstbewußtsein des japanischen Volkes es verhüten, daß es im Innern einer reaktionären Entwicklung sich preisgibt, wie das leider das Los europäischer Völker nach bürgerlichen Kriegen zu sein pflegte. Der Zar und seine diplomatischen Helfershelfer haben sich bemüht, die Bedeutung des Friedensschlusses als Besiegelung der Niederlage hinwegzuflunkern. Es müssen aber doch schon ungewöhnlich dumme Bauern sein, die sich einen Zarentriumph einreden lassen. Und selbst die werden stutzig werden, wenn erst die Gefangenen und die übrigen Soldaten aus der Mandschurei heimkehren. Die Wahrheit wird langsam durchsickern und die Unzufriedenheit mit der grauenhaften Mißregierung der Zarenschergen schüren. Vorläufig setzt diese Verbrechergesellschaft noch ihre alte Unterdrückungstaktik fort. Der Dumaschwindel hat dem freien Wort in Rußland nicht ein bißchen Spielraum geschaffen. Selbst die Erörterung von Verfassungsfragen, die vorübergehend gestattet war, ist jetzt verboten. Dabei werden die einzelnen Volksstämme des Reiches gegeneinander gehetzt. Wie die rechtgläubigen Russen gegen die Juden, so werden im Kaukasus die mohammedanischen Tataren gegen die christlichen Armenier als Bluthunde des Zaren verwandt. Mit der ruchlosesten Brutalität verbindet die Zarenclique so die schamloseste Heuchelei. Sie prunken mit ihrem Christentum, diese Menschenschlächter! Aber durch alle Verbrechen, die sie aufeinander häufen, verwirken sie doch nicht die Achtung und Freundschaft der deutschen Regierungsmänner. Bülow H. Co. haben der Geschichte reichsdeutscher Zarenbedienung ein neues Ruhmesblatt angefügt, indem sie einen ihrer eigenen Beamten, den Regierungsrat Martin, der in furchtloser Kritik die Verfaultheit des zarischen Finanzwesens nachwies, um die deutschen Kapitalisten vor dem Geldhergeben an die Zarenregierung zu warnen, offiziös herunterputzen ließen, als wäre er ein gewöhnlicher Umstürzler. Wer die volkswirtschaftliche Unwissenheit des kapitalkräftigen deutschen Bürgertums kennt, wird nicht darüber erstaunt sein, wenn jetzt eine neue russische Anleihe in Deutschland willige Zeichner findet. Unsere Regierung hätte aber noch einen besonderen Grunds ihrem russischen Freund auf die schmutzigen Finger zu passen. Er schickt uns nicht nur seine Spitzel, er schickt uns auch die Cholera auf den Hals. Russische Attenftücke selbst haben die Tatsache an das Tageslicht gebracht, daß die Zarenschergen aus Furcht vor der Ausbreitung revoluttonärer Ideen den Ärzten sogar die Zusammenkünfte zur Bekämpfung der Cholera verboten haben. Was ficht das aber auch die Bülow, Möller und Podbielski an! Sehen sie doch selbst im eigenen Lande ruhig zu, daß die Volksernährung und damit die Volksgesundheit durch ständiges Steigen der Fleischpreise schwer geschädigt wird, bloß damit die Agrarier sich die Taschen besser füllen können. Die ganze Unfähigkeit oder Unwilligkeit dieser Leute zur Bekämpfung der Not des Volkes zeigt sich darin, daß Podbielski auf Mitte September eine Beseitigung der Fleischnot prophezeite, und dabei steigen die Preise immer noch! Bülow zuckt auf alle Eingaben mit den Achseln, indem er auf Pod verweist; der habe zu entscheiden. Pod, der Minister und Schweinezüchter, aber verhöhnt die Not des Volkes mit seinen Ferkelwitzen. Dem deutschen Michel geschieht es allerdings ganz recht, daß die Handhabung seiner Geschicke auf den Pod gekommen ist. C. I-. Gewerkschaftliche Rundschau. Als ein Monument der Hilflosigkeit in der Geschichte des Unterdrückungskampfes gegen die deutschen Gewerkschaften könnte man den neuesten Frontwechsel der Oberscharfmachersippe bezeichnen, den die„Deutsche Arbeitgeberzeitung", das Zentralorgan der Arbeitgeberverbände, offenbart. Bisher ward das brutalste„Herr-im-Hause-sein" befürwortet, das jedes Verhandeln mit den Gewerkschaftsführern und jede Anerkennung der Gewerkschaften selbst verbietet. Nun aber sind plötzlich Stimmen laut geworden, die den gegensätzlichen Standpunkt vertteten. Wir können diesen Frontwechsel nicht als die Frucht einer besseren Erkenntnis der Scharfmacher feiern— wie das schon verschiedentlich geschehen ist—, er ist in Wirklichkeit nichts als ein neuer Trick. Er erneuert das alte Spiel: Zuckerbrot und Peitsche abwechselnd. Nach der Peitsche jetzt wieder das Zuckerbrot. Mit diesem Kniffe können die Herren allenfalls einige gefühlsduselige bürgerliche Philanthropen täuschen, die deutsche Arbeiterschaft jedoch läßt sich durch ihn nicht hinters Licht führen. Sie darf dabei die Änderung der Kampfestaktik von feiten der Unternehmer schmunzelnd betrachten als ein unfreiwilliges Kompliment vor ihrer Stärke und als ein Eingeständnis der Hilflosigkeit der Oberscharfmacher; sie wünscht der neuen Tattik den gleichen Erfolg, den die alte gebracht hat. Der Textilarbeiterverband steht fast ständig im wirtschaftlichen Treffen. Es erklärt sich das in der Hauptsache wohl dadurch, daß gegen die durchgängig miserablen Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie der Widerstand der Arbeiter und Arbeiterinnen zuerst explosiv sich aufbäumt. Eine ganze Reihe von örtlichen Lohnkämpfen sind wieder zu registrieren. Die Zentralleitung des Verbandes wurde dadurch unter anderem veranlaßt— um eine Verminderung der Aktionsfähigkeit abzuwehren—, eine Extrasteuer für einige Wochen auszuschreiben. Leider fanden sich gegen die Maßregel Opponenten, was um so verwunderlicher erscheint, als die absolute Notwendigkeit der Extrasteuer sich aufdrängt. Besonders wichtige Züge von allgemeinem Interesse sind bei diesen örtlichen Kämpfen nicht zutage getreten. Verzeichnet sei nur, daß in der Berliner Posamentenbranche ohne Arbeitsniederlegung ein ganz respektabler Tarif für die Arbeiter und Arbeiterinnen zustande kam. In der Berliner Kürschnerbranche ist es nach hartnäckigem Kampfe zu einem für die Ausständigen ehrenvollen Frieden gekommen. Durch Abschluß eines Tarifvertrags wurden die Forderungen der Streikenden in der Hauptsache anerkannt; Arbeiterinnen erhalten 15 bis 18 Mk. Wochenlohn. Die Ausdauer und Energie der Arbeiter, namentlich der zahlreich beteiligten Arbeiterinnen, errang den Sieg. Der Skeik rief leider eine der widerlichsten Mißgeburten ins Leben: eine Streikbrecherorganisation, die in hündisch-devoter Weise den Arbeitgebern sich zu Diensten hält. Der Streik der Handschuhmacher in Halberstadt dauert weiter. Ein Versuch der Zenttalleitung, durch den Bürgermeister der Stadt eine Einigungsverhandlung einzuleiten, scheiterte am Protzensinn der Unternehmer. Bleiben die Ausständigen standhaft, so wird der Wind bei den Fabrikanten wohl bald umschlagen müssen. Ein Arbeiterinnensekretariat des Gewerkvereins der deutschen Frauen und Mädchen soll am I.Oktober in Berlin eröffnet werden. Die betreffende Ankündigung durchläuft, sehr reklamehaft ausstaffiert, die bürgerliche Tagespresse. Das Sekretariat steht wie der Frauengewerkverein unter Hirsch-Dunckerscher Protektion, das besagt genug über die kapitalistenfrommen Tendenzen, die seine Tätigkeit beherrschen werden, Tendenzen, welche in schroffem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen stehen. Wir verzeichnen die Gründung, weil sie beweist, daß auch den in punkto Frauenarbeit so lange rückständigen Hirsch-Dunckerschen das Feuer der Arbeiterinnenorganisatton auf die Nägel brennt, und daß sie nun für die praktischen Notwendigkeiten der Situation ein Verständnis zu zeigen beginnen, das leider in unseren Kreisen hier und da noch mangelt. Einer Zeitungsmeldung zufolge wollen die deutschen Fischereiaktiengesellschaften die zum Einsalzen und Verpacken von Heringen beschäftigten Arbeiter entlassen, um Arbeiterinnen einzustellen. Der Grund hierfür: die Arbeiterin läßt sich mit niedrigen Löhnen abspeisen und sichert dadurch den Aktionären höhere Dividenden- Die Arbeiterinnen sollten verständig genug sein, den Herren einen Strich durch ihre Rechnung zu machen, und zwar dadurch, daß sie die gleichen Löhne fordern, welche den Männern gezahlt werden müssen. Das liegt nicht allein in ihrem ureigenen Interesse, sondern das ist ihre Pflicht, die hochzuhalten die Klassensolidarität verlangt, l Gegenwärtig setzt wieder eine lebhaftere gewerkschaftliche Agitation unter den Arbeiterinnen ein. Mit erhöhter Energie sucht der Schneiderverband die Konfektionsarbeiterinnen der Organisation zuzuführen, der Buchbinderverband die Kartonarbeiterinnen und der Tabakarbeiterverband die Zigarettenarbeitsrinnen. Die drei Verbände nehmen damit sehr große und sehr schwere Arbeitsgebiete in Angriff. Die großen Scharen der genannten Arbeiterinnenkategorien gehören zu den schlechtest gelohnten Proletarierinnen, sie bedürfen dringend des Schutzes der Gewerkschaft gegen das Übermaß der kapitalistischen Ausbeutungsgier, gegen das die einzelnen Arbeiterinnen sich nicht zu wehren vermögen. Die Heimarbeit übt auf die Gestaltung ihrer Arbeits- und Lebensverhältnisse ihren verderblichen Einfluß aus und treibt die Leiden der Ausgebeuteten auf die Spitze. Gelingt es den Verbänden, in den Stumpfsinn, die Hoffnungslosigkeit dieser Arbeiterinnenschichten Bresche zu schlagen und viele der Frondenden der Organisation zuzuführen, so haben sie ein erhebliches Stück gewerkschaftlicher, kultureller Arbeit geleistet. Es kann nicht hoch genug angeschlagen werden, wenn Arbeiterinnenmassen, die bisher fast völlig abseits vom proletarischen Emanzipationskampf standen, zum Klassenbewußtsein erweckt und geistig wie materiell gehoben werden. Möchte daher die Agitation der drei Verbände nicht auf allzu steinigen Boden fallen, möchte sie Tausenden von Arbeiterinnen die Erkenntnis bringen, daß Interesse und Pflicht ihnen gebieten, gewerkschaftlich und politisch organisierte Kämpferinnen für das Recht der Arbeit zu sein. G Notizenteil. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Zur Förderung der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen hat der Gewerkschaftsausschuß für das Bureau der Generalkommission Genossin Altmann-Berlin angestellt. Dieselbe tritt gleichzeitig als Übersetzerin in das internationale Sekretariat der gewerkschaftlichen Landeszentralen ein. Die neue Gewerkschaftsbeamtin beginnt ihre Amtstätigkeit am 1. Oktober. Ein herzliches Glückauf dazu. Die Dresdener Zigarettenarbeiterinne« fangen an, einen regen Anteil am Leben ihres Verbandes zu nehmen. In einer Versammlung der Tabakarbeiterschaft, die sich mit der bevorstehenden Generalversammlung des Verbandes beschäftigte, nahmen drei Zigarettenarbeiterinnen das Wort und sprachen ganz vorzüglich zu den vorliegenden Anträgen. Es war das erstemal daß aus diesen Kreisen heraus sich ein lebhaftes Interesse an dem Ausbau des Verbandes öffentlich bekundete. Drei Arbeiterinnen wurden auch kürzlich in die Kommission gewählt, welche die Gründung einer Genossenschaft der Zigarettenarbeiter in die Wege leiten soll. Wie ein Erwachen geht es durch die Reihen der Dresdener Zigarettenarbeiterinnen. Mehr und mehr empfinden sie das Bedürfnis, am gewerkschaftlichen Leben teilzunehmen, sich darum zu kümmern, ob die Organisation im Hinblick auf die Förderung der Arbeiterintereffen ausgebaut wird. Das ist ein erfreuliches Zeichen, das viel Gutes für die Zukunft verspricht._ öl. VV. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Frauenarbeit auf den Philippinen. Das Kriegsdepartement der Vereinigten Staaten hat kürzlich die Ergebnisse einer vorgenommenen Landwirtschafts- und Gewerbezählung auf den Philippinen veröffentlicht, jener Inselgruppe im Osten Asiens, welche die Amerikaner im Kriege gegen Spanien eroberten. Die Veröffentlichung enthält nach dem„Corre- spondenzblatt der Generalkommission" sehr interessante Angaben über die Frauenarbeit. Die zivilisierte Bevölkerung der Inseln bettägt sieben Millionen, von denen bloß 56133 auswärts geboren sind. Drei Millionen davon sind erwerbstätig. Erwerbstätige Frauen wurden gezählt in der Landwirtschaft 902S9, das ist 7 Prozent der daselbst beschäftigten Personen überhaupt; in Gewerbe und Industrie 716593, gleich 75 Prozent; in Handel und Verkehr 75566, gleich 33 Prozent; in den„freien Berufen" 2279, gleich 9 Prozent; im häuslichen und persönlichen Dienst 140567, gleich 25 Prozent. Das überwiegen der Frauenarbeit in Handel und Gewerbe ist auffällig. Es erklärt sich durch die sehr große Zahl der Frauen, die als Heimarbeiterinnen dem Verdienst nachgehen, besonders auch in den Textilgewerben. Das Bulletin des Arbeitsdepartements der Vereinigten Staaten verzeichnet als Minimallöhne der Weberinnen pro Woch« 1,68 Dollar, als Maximallohn 2,52 Dollar(in deutschem Velde 6,72 und 10,08 Mk.). Die entsprechenden Lohnsätze der Weber betragen dagegen 3,36 und 4,20 Dollar, sind also nahezu oder genau doppelt so hoch. Seit der Eroberung der Philippinen durch die Vereinigten Staaten ist daselbst die kapitalistische Entwicklung in raschen und starken Fluß gekommen. Die Frauenarbeit spielt dabei die gleiche Rolle und ihr wird das gleiche Los wie überall dort, wo der Kapitalismus herrscht. 114 Von unten auf! Von Ferdinand Freiligrath. Ein Dämpfer kam von Biberich: stolz war die Furche, die er zog! Er qualmt' und räderte zu Tal, daß rechts und links die Brandung flog! Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut: Stadt um Stadt! Die Gleichheit Wie der Steinklopferhanns luftig ward. Aus„ Die Kreuzelschreiber". Bauernkomödie in drei Akten. Von Ludwig Anzengruber. Dritter Aft, erste Szene. Anton: Wie d' da lachen magst, Steinklopfer, wie d' da noch lachen magst... Nr. 19 die Käfer und die Heupferd' sich plagt und a G'schrill g'macht, daß ich schier hätt' drüber lachen mögen- über mir im Gezweig sein die Vögel g'flattert, und über all's hin is a schöne linde Luft zog'n. Ich betracht' dös und ruck- und kann ohne B'schwer auf amal aufstehn und wie ich mich noch so streck' und in die Welt hineinSteinklopferhanns: Mußt nit meinen( deutet auf Stopf schau, wie sie sich rührt und laut und lebig is um und und Herz), ich wär' da oder da nicht recht richtig! Aber um und wie d'Sonn und d'Stern h'runter und h'raufdrei Ding' hon ich gern hell und klar und siech f' ungern fämmen da wird mir auf einmal so verwogen, als s' trüb- dös trüb dös is der blau' Himmel- mein Trunk und wär' ich von freien Stucken entstanden, und inwendig so mein' und andrer Leut' Augen!' s is mir eh' vorher a wohl, als wär'' s hell' Sonnenlicht von vorhin in mein' schwarz' Wolk' über d'Sonn' g'rennt, wie ich an d' letzt' Körper verblieb'n... und da kommt's über mich, wie Hütten im Ort denkt hab'!... Laß dir sagen, solang wann eins zu ein'm andern red't: Es kann dir nix G'spaß war, hon ich über eng¹ lachen mögen hitzt hilf g'schehn! Selbst die größt Marter zählt nimmer, wann ich eng ich sorg' dafür, daß ös³ auf enger Wort halts vorbei is! Ob d' jetzt gleich sechs Schuh tief da unterm und doch nit fort müßts nur zu mir müßt's halten! Rasen liegest, oder ob d' das vor dir noch viel tausendNo schau nit so dumm! G'wiß, g'wiß! Aber no lustig mal siehst es kann dir nix g'schehn!- Du g'hörst wieder lustig, Gelbhofbauer! Mit' m Traurigsein zu dem all'n und dös all' g'hört zu dir! Es kann dir richt' mer nix! Die Welt is a luftige Welt!( Geheimnisvoll.) niy g'schehn! Und dös war so lustig, daß ich's all' Ich weiß's, daß's a lustige Welt is! Freilich, ös wißts andern rundherum zug'jauchzt hab': Es kann dir nix ' s nit; eng is noch aus' m großen Buch vorg'lesen word'n, g'schehn! Jujuju! Da war ich' 3 erstmal lustig da hab' ich schon mein' extraige Offenbarung g'habt! und bin's a seither blieb'n und möcht',' s sollt a kein Anton: A Offenbarung?! andrer traurig sein und mir mein' luftig' Welt verderb'n! No lustig, luftig, Gelbhofbauer es kann der nir g'schehn! Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut! Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt! Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin! Nach allen Seiten schaut' umher und winkte das erhabne Paar: Des Rheingaus Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar! Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: wie war das Schifflein doch so nett! Es ging sich auf den Dielen fast, als wie auf Sanssoucis Parkett! Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwim menden Pracht, Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht; Da schafft in Ruß und Feuersglut, der dieses Glanzes Seele ist; Da steht und schürt und ordnet er der Proletarier maschinist! die Welt, da draußen blitzt Da draußen lacht und grünt und rauscht der Rhein Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein! Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er stehn, Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Wehn! Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und alles geht und alles paßt; So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast. Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck; In seiner Falltür steht er da und überschaut sich das Verdeck. Das glüh'nde Eisen in der Hand, Antlig und Arme rot erhitzt, Mit der gewölbten haar'gen Brust auf das Geländer breit gestützt So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu: „ Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst du! ,, Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoß, Tief unten, von der Not gespornt, da schür' und schmied' ich mir mein Los! dir im Taft, Nicht meines nur, auch deines, Herr! Wer hält die Räder Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen pact? ,, Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, o König, ein Titan! Beherrsch' ich nicht, auf dem du gehst, den allzeit kochenden Vulfan? Es liegt an mir: Ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist, Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem du die Spitze bist! „ Der Boden birst, aufschlägt die Glut und sprengt dich frachend in die Luft! Wir aber steigen feuerfest aufwärts ans Licht aus unsrer Gruft! Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat, Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat! ,, Dann schreit' ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit, Ein neuer Santt Christophorus, trag' ich den Christ der neuen Zeit! Ich bin der Riefe, der nicht wankt! Ich bin's, durch den zum Siegesfest über den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!" So hat in seinen fraufen Bart der grollende Cyklop gemurrt; Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr, und stocht und purrt. Die Hebel Knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm ins Gesicht, Der Dampf rumort;- er aber sagt:„ Heut, zornig Element, noch nicht!" Der bunte Dämpfer unterdes legt vor Kapellen zischend an; Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan. Der Heizer auch blickt auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht, Lacht er:„ Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!" ' Steinklopferhanns( nicht): Seither hat mich a neamd mehr traurig g'sehn, und weil sich's grad schickt, mag ich dir's wohl erzählen, wie dös g'wesen is nur trag's net weiter im Ort h'rum, sonst meinen f', ich wöllt' ein' neu' Glauben aufbringen, und da könnt' mich leicht der Landjager z'weg'n G'werb'störung aufs G'richt hol'n! Anton( legt die Hand aufs Knte des Steinklopfers): Verzähl's nur! Steinklopferhanns: Os jung' Leut' kennts freilich mur' n luftigen Steinklopferhanns, aber es war schon a ander' Zeit vorher- wie ich noch der arm' Hannel war, den a Kuhdirn auf d'Welt' bracht hat und zu dem sich kein Vater hat finden woll'n. Hizt vertragt sich' s ganze Dorf recht schön mit mir, ich könnt' nit flag'n- aber damal, wie mein' Mutter Kuhdirn, bald nach meiner Geburt, verstorb'n is und wie die G'meind für mich hat Kostgeld zahl'n müssen, kannst dir schon denken, wie viel Lieb' ich da wohl g'nossen hab'! Jeder hat mir den Groschen, den er für mich beig'steuert hat, g'spür'n lassen. Dös sündig' Volf hat nit dran denkt, daß dös für ihre Hallodereien, dö in der G'heim bleiben, eh' a leicht' Abfinden is, wann's allz'samm' so eins erhalten, dös halt auch unvorg'sehn in d'Welt h'neing'rumpelt is! In der Schul' und in der Kirch' mußt' ich z'ruckstehn, und wie ich bei der Stellung auf einmal für ein' reich' Bauerssohn hab' tauglich sein... dürfen, war ich ordentlich froh! Lang hat's aber net dauert, so hon ich vom Militari wieder weg müssen, weil mich bei ein' Manöver a Roß g'schlagen hat. Auf einmal war ich halt wieder da, dös is higt wohl a Stuck a vierzig Jahrin her da hab'n s' mich da h'rauf in Steinbruch g'sezt und zum Bettler„ Steinklopfer" g'sagt, wie ein Einsiedel hab'n s' mich da sizzen lassen, zwischen Wurzeln und Kräuter und Wasser, ohne Ansprach', und wie mich bald drauf a Krankheit hing'worfen hat, hat mir aber fein' Seel' die g'ringste Handreichung' tanno, ich hon mir später denkt, grad wie zur Zeit, wo mich' s Roß g'schlagen hat's Vieh versteht's nit, wie's ein'm weh tut! Damal aber war ich z'erst trußig und hab' mir denkt; Meinen s', du bist a Hundfurierst dich auch wie a Hund- frißt nix und faufst Wasser und brauchst sö net! -Nachher aber, wie ich dabei allweil matter und matter word'n bin, und es laßt sich Tag um Tag neamd, aber neamd, kein menschlich G'sicht sehn, da is mir z' tiefst in die Seel' h'nein weh word'n! Und wie ich so recht schwach und elendig mal da drin lieg'- Mittag war's grad, und die Sonn' hat so freundlich g'schienen wie nieSa dent' ich mir:' naus mußt, h'naus!- Sollst ver sterb'n, stirbst draußt; die grün' Wiesen breit't dir a weiche Tuchet unter und d'Sonn' druckt dir die Augen zu, du schlafst ein und wirst nimmer munter, der Tod is nur a Bremsler, was fann dir g'schehn?!- Mühselig hon ich mich fortg'schleppt aus der Hütt'( steht auf und zeigt bis dort h'nunter siehst wo der Wald anhebt- dort, wo die zwei großen Tannbäum' stehn, zwischen dö bin ich ins Gras g'fall'n, und dort hon ich die Eingebung g'habt.( Kleine Bause.) So still war's dort und so warm in der Sonn' z' lieg'n grün' Wiesen, die blauen Berg' und' s Tal, wie in ein' weißen Brautschleier, unten, und über all'm der helle, lichte Himmel! Da is a tiefer Fried' über mich kommen, und es is mir durch die Seel' zog'n, dös siehst schon noch amal! Und dann dann bin ich wie tot g'leg'n, ich weiß nit wie lang!( Bon da ab mit steigender Erregung.) Und wie ich wieder munter werd', is die Sonn' schon zum Untergehn- paar Stern sein dag'hängt, nah, wie zum Greifen- tief im Tal hat's aus die Schornstein g'raucht, und die Schmieden unt' am Waldrand hat h'raufg'leucht' wie a Feuerwurm; vor mir auf der Wiesen hab'n euch jetzt hinab nach links) 1 * ihr ⚫ niemand. vorn die Anton( um zu verbergen, daß er ergriffen ist, derb): Du Sakra, du! Ja, was bist denn du nachher? Du bist ja kein Christ und kein Heid' und kein Türk'?! No, du brauchst halt fein' Predigt über d'Nächstenlieb'. Vision im Felde. Von Maurice von Stern. Durch wogendes Kornfeld im Sternenschein Geht leise ein Flüstern und Neigen; Da tanzen und wiegen sich wunderfein Die Elfen in luftigem Reigen. Sie tragen Kränze von rotem Mohn Und dunkelblauen Cyanen; Es dringt ein flingend, singender Ton Ins Herz mir wie heimliches Ahnen. Ich lege mich nieder ins tauige Gras, Auf garbengebundene Büschel, -Die Rispeln funkeln, mein Haar wird naß Und lausche dem Ahrengezischel. Ich schau' in den blizenden Himmel hinein, Von Blüten des Mohnes umgaugelt, Bis mitten im Meer voll Silberschein Mein Kahn sich träumerisch schaukelt. Da plötzlich hör' ich das wogende Meer Von klagenden Stimmen erzittern; Es weint und wispert rings um mich her, Ms drohe ein fernes Gewittern. Es senkt sich hernieder ein flimmernder Flor, Es schluchzt wie verhaltene Tränen, Und zauberisch steigt der Elfenchor Zum Himmel in klagenden Tönen: „ Wir hegen die Ähren, wir mehren das Korn Im saatenreifenden Lenze; Wir schütten aus goldenem Wunderhorn Die heiligen Früchte und Kränze. Wir schaffen bei blinkendem Sternenschein Der Menschheit nährenden Segen; Wir weihen die silbernen Sicheln ein Und lassen die Garben sich legen. Wir füllen die Scheunen im ganzen Land, Für alle, für alle zusammen! Wir haben friedlich im Hause entbrannt Des Herdes heilige Flammen. Doch anders ward es, als wir es gewollt! Verlöscht ist das Feuer im Herde! Das reifende Korn ward zum klingenden Gold, Und der Hunger herrscht auf der Erde. Zertrennt ist das alles umschlingende Band, Zerstört ist die Freude am Frieden; Die Liebe, das Wunderkind, floh aus dem Land, Das Gold hat die Herzen geschieden. Erhöre uns, mächtiger Erdgeist du, Im Himmel, da wohnt kein Erbarmen; Der wirft den Reichtum den Wucherern zu. O speise, o speis' du die Armen! t I Verstummt ist der Sang; der Himmel ist fahl; Mich schaudert in jähem Erwachen. Ich schaue der Blize blaublinkenden Strahl Und höre den Donner erkrachen... Da ist mir im Herzen ein Feuer entbrannt, Das will ich entzünden auf Erden! Ich nehme das Schwert und die Sichel zur Hand, Ein Schnitter des Rechts will ich werden. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.