Nr. 23 Die Gleichheit 15. Jahrgang @ eeee Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen IKERKETA Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Juhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 15. November 1905 Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. einzelnen Arbeiterin die Kraft einer festgeschlossenen bedingungen, auf denen sich für euch eine Existenz aufArbeiterinnen, aufgewacht! Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Vielheit. Und diese festgeschlossene Vielheit ist es, welche baut, in deren Dunkel hin und wieder auch SonnenNürnberger Arbeiterinnen. Von Helene Grünberg. Über Schul- für ihre Glieder den Kampf um bessere Arbeitsbedin- strahlen fallen. Lernt in der Gewerkschaft und durch gesundheitspflege. V. Bon Dr. Zadek. Aus der Bewegung: Von gungen gegen das ausbeutende Unternehmertum auf ihr Wirken, daß ihr über die Grenzen der Berufsder Agitation. Von den Organisationen. Der niederrheinische nimmt. Sie vermag zu ertrozen, was die einzelnen genossenschaft und ihre unschätzbare Arbeit zur Milderung sozialdemokratische Parteitag. Halbjahrsbericht der VertrauensHalbjahrsbericht der Vertrauensperson der Genoſfinnen von Magdeburg und Umgebung. Die durchzusetzen außerſtande sind. So wird sie zum feſten der kapitalistischen Ausbeutung den Blick hinausrichten Genoffinnen und die Kommunalangelegenheiten. Politische Bollwerk, das die Arbeiterinnen gegen die Wut der müßt auf die große Gesamtheit des Proletariats und nimmersatten kapitalistischen Ausbeutung schützt. Von seinen Kampf für die Zerschmetterung der menschenNotizenteil: Der Kampf in der sächsisch- thüringischen Textilindustrie. ihr gestützt und getragen, vermögen diese bessere Arbeits- vernichtenden kapitalistischen Herrschaft. Aus dem Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. bedingungen zu erringen: höhere Entlohnung, Verkürzung Ringen um des Leibes und der Seele Notdurft in der Feuilleton: Revolution. Von Otto Krille.( Gedicht.) Irrlichter. der Arbeitszeit, Rücksicht auf Gesundheit und Leben, Gegenwart erwachse euch die Erkenntnis und Kraft zum Von Ada Christen.( Forts.) Rundschau. Von G. L. Gewerkschaftliche Rundschau. Arbeiterinnen, aufgewacht! Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Nürnberger Arbeiterinnen. achtungsvolle Behandlung, kurz Abschlagszahlungen auf gewaltigen Kampfe für volle Freiheit und volles Glück eine freie und glückliche Eristenz. Die Gewerkschafts- in der Zukunft. Denn wenn irgend welche Glieder der organisation gibt der erwerbenden Proletarierin zu Gesellschaft auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung sammen mit der Macht, die Wissen bringt, das Wissen, es sich nicht wohl sein lassen, nicht Hütten bauen können, Arbeiterinnen, aufgewacht! so rufen Mühen und Leiden, welches Macht verleiht. Sie vermittelt ihr Kenntnisse, so sind es die Proletarierinnen. Mit überzeugender Bedürfnisse und Wünsche den Frauen und Mädchen zu, die sie über ihre Lage aufklären, sie erzieht ihren Geist Beredsamkeit predigen das die Tatsachen, die unsere welche in Fabrik, Werkstatt und ärmlichem Heim, im und ihren Charakter durch die Mitarbeit in einer Ge- Leserinnen an anderer Stelle über die Arbeitsverhältnisse Kontor und Laden ihr Brot verdienen. Verdienen, gewiß, meinschaft, in der der Grundsatz gilt: gleiche Rechte und der Nürnberger Arbeiterinnen finden. Aber die ernste aber oft nicht erhalten, es häufig genug nicht bloß im gleiche Pflichten für alle. So hebt sie die Arbeiterin nicht Mahnung, die sich davon loslöst, gilt nicht bloß Schweiße ihres Angesichts essen, sondern mit Tränen bloß persönlich in geistiger und sittlicher Beziehung, für die Lohnsflavinnen in Nürnberg. Überall, wo das gewürzt, welche die Not expreßt. Arbeiterinnenlos ist sondern sie befähigt sie auch, mit flaren Blicken ihre Kapital gewissen- und erbarmungslos die Fronpeitsche heutigentags ja stets ein hartes Los und schlimmer noch, eigenen Interessen zu erkennen, mit feſtem Willen sie zu über Proletarierinnen schwingt, ruft sie diesen zu: Arbeiteist vielfach ein tieftrauriges Los. Arbeiterinnenlöhne verteidigen. So ist die Gewerkschaft für die schwachen, rinnen, gedentet eures lebendigen Menschentums. Laßt es ist„ gerichtsnotorisch" sind häufig eine Anwartschaft der Rückständigkeit preisgegebenen Arbeiterinnen, Macht- euch nicht widerstandslos durch die Macht des Reichtums auf chronisches Hungerleiden oder eine Prämie auf die mittel und Erzieherin zugleich. fnechten. Organisiert euch, auf daß eure Ketten gelockert Prostitution. Nicht bloß trockene Zahlen und wissen- Aber sie ist ihnen noch mehr. Sie hat die Aufgabe werden und eines Tages ganz fallen. Arbeiterinnen, aufschaftliche Feststellungen über Berufskrankheiten, früh- übernommen, welche dank der kapitalistischen Aus- gewacht! zeitiges Welten und Altern, nein, die Gesichter und Ge- wucherung des Menschen durch den Menschen die stalten der lebendigen Menschen erzählen von der schäd- proletarische Familie nicht mehr an ihren Angehörigen lichen Länge der Arbeitszeit, von der überanstrengung der zu erfüllen vermag. Durch ihre Unterstützungs- und Kräfte, von den Sorgen und Entbehrungen der aus- Hilfseinrichtungen sucht die Gewerkschaft von ihren Die Arbeiterinnen sind in dieser besten aller Welten gebeuteten Proletarierinnen. Und es geht wohl kaum Mitgliedern die schwarze Not fernzuhalten. Nicht bloß ein Tag vorüber, an dem diese nicht bitter empfinden, die streikende, ausgesperrte oder sonst gemaßregelte nirgends auf Rosen gebettet. Aber doch gibt es Unterschiede was ihnen an Gesundheit geraubt, an Bildung und Lohnsflavin ist des Beistandes der Organisation sicher, in der Traurigkeit ihrer Lage. Und Nürnberg darf den auch die franke, die arbeitslose, die übervorteilte oder Ruhm" beanspruchen, daß hier die Lohn- und ArbeitsLebensglück vorenthalten wird. Arbeiterinnen aufgewacht! Des Lebens Not lehre euch an ihrer Ehre gekränkte Arbeiterin. Und dieser Beistand bedingungen der Arbeiterinnen besonders jämmerliche sind. Die meisten Arbeiterinnen sind nicht ohne Schuld daran. ſtatt beten, denken und kämpfen. Kämpfen gegen den lindert nicht nur die Leiden der beſtimmten Notſtände, Mit einer Hoffnungslosigkeit, die zum Stumpffinn geworden Feind, der euch knechtet und mit hundertfachem Leid für die er vorgesehen ist, er dient einem noch wichtigeren ist, haben sie sich in ihr bitteres Schicksal ergeben. Müde überschüttet. Dieser Feind ist die kapitalistische Aus- Zwecke. Er verhindert, daß die ausgebeuteten Frauen an Körper und Geist schleppen sie ihre Tage dahin, ohne beutung. Ms Arme, Schwache sind ihr die Arbeite- und Mädchen in schweren Tagen dem Stumpffinn, der darüber nachzudenken, wie sie ihr Los verbessern könnten, rinnen ausgeliefert. Sie können die Mittel für ihren Mutlosigkeit, ja vielleicht dem Laster verfallen, daß sie ohne zu hoffen, daß auch für sie das Morgenrot einer neuen, Lebensunterhalt nicht aus einem Geldsack schöpfen, zu Verräterinnen an ihren eigenen Interessen und denen glücklicheren Zeit heraufdämmert. Von 22000 Frauen und den Erbschaft, ein anderer Glücksfall oder die Arbeit ihrer Schwestern und Brüder werden. Der Hunger ist Mädchen, welche in Nürnberg dem Kapital dienen, sind rund von Nebenmenschen füllt. Sie selbst müssen arbeiten, ein gar brutaler Geselle und übler Berater. Indem die 2000 gewerkschaftlich organisiert. Wenn man freilich weiß, erwerben, um leben zu können. Die heutige Ordnung Gewerkschaft ihn von der Schwelle der organisierten wie diese Tausende leben oder richtiger vegetieren, dann wird der Dinge aber verwehrt ihnen, als freie Arbeiterinnen Arbeiterin scheucht, indem sie dieser in bösen Lebens- das alles begreiflich, womit nicht etwa gesagt werden soll, daß es nicht anders sein könnte und müßte. Kümmerliche im Interesse der Gesamtheit und zu eigenem Nußen lagen mit Rat und Tat treu zur Seite steht, bewahrt Ernährung – die unvermeidliche Folge einer ſpottniebrigen tätig zu sein. Sie zwingt sie vielmehr, als Lohn- sie vor der Versuchung und dem Zwange der Not, Brot Entlohnung, eine übermäßige Anstrengung im Dienſte sklavinnen für fremden Reichtum zu schaffen. Nur um jeden Preis und unter den schimpflichsten und schäd- des Broterwerbes und der Familie zehren an den leiblichen und färgliche Brosamen von dem Ertrag ihres Mühens lichsten Bedingungen zu erwerben. Damit erhält sie geistigen Kräften der ausgebeuteten Frauen und Mädchen und und Blackens werden ihnen in Gestalt des Lohnes Tausenden und Tausenden den Mut und die Kraft, sich machen sie stumpf und fügsam ihrem eigenen Geschick gegenüber. Die 22000 Arbeiterinnen verteilen sich auf die verschiedensten gewährt. Die Unternehmer säckeln den Löwenanteil der gegen die Fuchtel der Ausbeutung aufzulehnen, und beIndustriegruppen und innerhalb derselben auf so ziemlich Früchte ein, die unter ihren fleißigen, flinken Fingern wahrt viele vor dem Sturz ins Lumpenproletariat. Jedoch nicht allein als Schüzerin, Erzieherin und alle Beschäftigungsarten. In fast allen Erzeugnissen der hervorquellen. Der Kapitalist, welcher die Proletarierinnen arbeiten läßt, vermag in einer fürstlichen Helferin naht die Gewerkschaft den Arbeiterinnen, auch Nürnberger Industrie steckt Frauenarbeit. Nicht nur, daß Wohnung von kostbarem Geschirr die nährendsten und als Freudebringerin. Der Mensch lebt nicht vom Brot Frauen- und Mädchenhände waschen und bügeln, spinnen vom und weben, Möbel- und Goldpoſamenten fabrizieren, die leckersten Gerichte zu schmausen; er kann sich an allem allein, es ist ein tiefes Bedürfnis ſeiner Natur, mit Nadel führen, um Wäsche, Kleidung und Damenputz anzuSchönen und Großen bilden und erquicken, was Natur Fröhlichen fröhlich zu sein, die von Arbeit und Kampf fertigen, fie regen sich auch fieberhaft in den Schuh- und und Kultur bieten. Ihm ist die Welt und ihre Herrlich- oft zum Berreißen gespannten Nerven im Genuß ruhen Schäftefabriken; sie werden bei der Herstellung der leckeren feit untertan, auch wenn er selbst nicht einmal mehr die und sich kräftigen zu lassen. Die Organisation bereitet Waren in Konditoreien, Lebküchlereien, Zucker- und SchokoArbeit des Couponschneidens verrichtet. Die Arbeiterin daher den Arbeiterinnen lichte Stunden der Geselligkeit ladewarenfabriken verwendet; sie handhaben Lötkolben, dagegen muß mit einem Dachfämmerchen, mit einer Hof- und des Lebensgenusses, in die sie Geist vom besten Sammer, Feile und Säge. In der Metall- und Spielwarenoder Kellerwohnung fürlieb nehmen, wo sie nur zu oft Geiste unserer Zeit zu legen bemüht ist, Stunden, welche industrie pressen, gießen und löten Arbeiterinnen das frierend, von überanstrengung gebrochen vor leeren die Sinne veredeln, die Gedanken anregen, das Herz Metall, fie polieren und lackieren die Ware, richten sie für den Versand her und verpacken sie. Beschneiderinnen, ZuTellern' sizt. Und ihre Armut, dem Cherub mit erwärmen, den Willen stählen. Und sie erhöht den Wert richterinnen, Einfüllerinnen und Bräunerinnen werden in flammendem Schwerte gleich, verwehrt ihr den Eintritt der Freude, zu der sie ruft, durch die Gemeinschaft, in der Feingoldschlägerei beschäftigt. Die Frauenarbeit spielt in das Paradies ungetrübten Naturgenusses, der Wissen- der diese genossen wird. Wie aus den„ sauren Wochen" in der Metallschlägerei, schleiferei und poliererei eine der Lebensnot und des Kampfes, so erwächst auch aus Rolle. Und in der Reißzeugindustrie, die so minutiöſe, feinste schaft und Kunst. sie Arbeiterinnen aufgewacht! Gegen diesen Stand der den Stunden froher Feste" für die Arbeiterinnen das Arbeit erfordert, sind nicht weniger als zehn verschiedene Dinge gilt es zu kämpfen. Ihr könnt das, wenn ihr erquickende und hebende Bewußtsein, daß sie nicht willen- Arbeiterinnenkategorien tätig. Die Buch- und Steindruckereien nur wißt und wollt. Erkennet nicht bloß euren Feind, los vom Wirbelsturm der kapitalistischen Ordnung ver- nützen die weibliche Arbeitskraft aus, ebenso die Buchbinde werdet euch auch über die Waffen klar, mittels deren wehte Blätter sind, daß sie vielmehr unter den weit- reien, Kunstanstalten, die Kartonnagefabriken und die Porte ihr euch seiner erwehren müßt. Eine unentbehrliche reichenden Zweigen der modernen Arbeiterbewegung in feuillerbranche. Die Holzindustrie hat Bleistiftarbeiterinnen, Drechslerinnen, Kammacherinnen, Bürsten- und PinselarbeiteWaffe im Kampfe um euer Brot, eure Bildung, euer einer Gemeinschaft von Schweſtern und Brüdern ſtehen, rinnen. Die Frauenarbeit ist in die Gewerbe der Tapezierer, Lebensglück- in einem Worte: um euer Menschenrecht für welche die Losung gilt: Einer für alle, alle für einen! Maler und Lackierer eingedrungen, sie hat in den Zelluloid-, Arbeiterinnen, aufgewacht! Ergreift die mit köstlichen Papier- und Tintenfabriken, bei der Zigarrenfabrikation ist die Organisation. Indem sie ohne Unterschied des Geschlechtes alle zusammenfaßt, die in einem Berufe Gaben gefüllte, starke und treue Hand, welche die Organi- einen großen Umfang angenommen. Eine stattliche Zahr ausgebeutet werden, setzt sie hinter die Schwäche der sation euch entgegenstreckt. Erringt mit ihrer Hilfe Arbeits- weiblicher Angestellter geht im Handel dem Broterwerb nach. 134 = Die Gleichheit Über Schulgesundheitspflege. Von Dr. Zadek. V. Nr. 23 Die meisten der 22000, die mit ihrer Hände Fleiß Ansehen des Hauses" an ihre Kleidung stellt, deren Eleganz und Bigarrenindustrie, in den Zelluloid-, Papierschaffen, was dem Bedürfnis oder dem Lurus dient, was viel bitteres Elend verhüllt. und Tintenfabriken und auch die Handlungsgehilnützt und erfreut, haben Wochenlöhne von 6 bis 9 Mr., Man kann an den Fingern nachzählen, daß bei den ge- finnen wissen ein Lied davon zu singen. Eine Zusammennur eine geringe Anzahl von ihnen bringt es auf 10 Mt. schilderten Lohnverhältnissen die Lebenshaltung der Nürn- stellung der„ Kosenamen", mit denen gelegentlich Bleistiftund darüber. Es ist eine furchtbare Tatsache, daß der berger Arbeiterinnen jämmerlich sein muß. Die färgliche arbeiterinnen bedacht werden, würde Seiten füllen. In Durchschnittsverdienst der erwachsenen Arbeite- Ernährung geht schon vielfach bis zur Grenze der Hunger- der Wollwarenfabrik scheint man die Lohnsflavinnen überrinnen hinter dem ortsüblichen Tagelohn zurück- kur. Viele Arbeiterinnen haben kaum an haupt nicht als Menschen anzusehen. bleibt. Er beträgt 9 Mk. wöchentlich, während der orts- einem Tage der Woche ein warmes Mittags- Wir meinen, die Härte der Eristenz müsse den Nürnberger übliche Tagelohn für erwachsene weibliche Arbeiter auf 1,70 mahl, geschweige denn ein ordentliches Fleisch- Arbeiterinnen überzeugend die Notwendigkeit des ZusammenMark angesetzt ist, das ist 10,20 Mt. pro Woche. gericht. Und darunter befinden sich Frauen und Mädchen, schlusses, der gewerkschaftlichen Organisation predigen. Was über 15 Mt. Wochenlohn können nur drei Arbeiterinnen- die so schwer schaffen, daß sie zur Ersetzung der veraus- diese für die Besserstellung der Ausgebeuteten erreichen kann, fategorien erzielen: die Stepperinnen der Schuh gabten Kräfte mittags und abends eine tüchtige Portion das beweisen ja Beispiele. Die Feingoldschlägerinnen, industrie, deren Verdienst 15 bis 16 Mt. beträgt; die Fleisch, daneben nahrhaft zubereitetes Gemüse, genügend Gier, die alle 377 organisiert sind, die 30 Heimarbeiterinnen inPoliererinnen in der Metall- und Spielwaren Butter usw. essen müßten. Wollten die Arbeiterinnen sich begriffen, erfreuen sich einer guten Behandlung. Die Metallindustrie, die es auf einen Höchstlohn von 17 Mt. bringen nähren, wie es die Gesundheitslehre fordert, so bliebe ihnen schlägerinnen brauchen nicht jeden Augenblick vor einer können; die Bleistiftleimerinnen. Letztere allerdings auch nicht ein blutiger Heller für Wohnung, Kleidung und Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zu zittern, denn nur in einer einzigen Fabrik, wo ihr wöchentlicher Verdienst alle anderen Bedürfnisse. Ja vielfach würde ihr Verdienst Löhne und Arbeitsstunden sind dank der Organisation tarifsich auf 18 bis 20 Mt. stellt, während er in anderen Be- nicht einmal ausreichen, die Kosten einer kräftigen Ernährung lich geregelt. Überstunden werden den Arbeiterinnen mit trieben nur 12 bis 14 Mt. beträgt. Höchstlöhne von 15 Mt. allein zu bestreiten. So ist für viele Brot und Kaffee die Aufschlag in Berufen entlohnt, für deren Arbeiterschaft eine vermögen die Presserinnen, 2öterinnen und Lackie Hauptnahrung, dazu dann und wann ein Häppchen minderes starke Gewerkschaft existiert, wie zum Beispiel der Metallrerinnen in der Metall- und Spielwarenindustrie zu ver- Fleisch, billige Wurst, vor allem Preßsack( Blutwurst), arbeiterverband. Daß die Pinselmacherinnen fürzere dienen, die Metallschleiferinnen und poliere- wenn's hoch kommt ein Schoppen Bier. Eine Arbeiterin, Arbeitszeit und etwas mehr Lohn haben als die Bürstenrinnen, die Damenschneiderinnen und Arbeiterinnen die sich besser nährt, fommt leicht in den Ruf, ihre paar macherinnen, kommt daher, daß sie besser organisiert sind in der Gold- und Silberwarenmanufaktur. Pfennige nicht zusammenzuhalten. Wo es kaum zur Fristung als diese.. Die aufklärende Arbeit der Gewerkschaften beginnt die Aber bei diesem guten Verdienst darf mancherlei nicht ver- der nackten Existenz reicht, da muß der Wunsch nach Bilgessen werden. Die Damenschneiderinnen erringen ihre dung und edlem Lebensgenuß schweigen. Das herrliche Nürnberger Arbeiterinnen zu der Erkenntnis zu erwecken, 15 Mt. in geradezu unbegrenzter Arbeitszeit. Die Steppe- Nürnberger Stadttheater tönnte von einem Zauberer ver- daß die kapitalistische Ausbeutung ihnen alles raubt, was das rinnen ziehen sich fast ausnahmslos Unterleibsleiden zu. schlossen sein, es wäre den Arbeiterinnen nicht unzugäng- Leben lebenswert macht. Sie zeigt ihnen aber auch den Weg, der aus den Tiefen des Elends zu einer menschenwürdigen Das Bleistiftleimen ist eigentlich Männerarbeit, überanstrengt licher, als es iſt. die Kräfte der Frauen und zerrüttet ihre Gesundheit. Wollen Wenden wir uns nun der Zeit zu, welche die Arbeite- Existenz emporführt. Es ist der Zusammenschluß aller Ausdie betreffenden Arbeiterinnen nicht binnen kurzem siech und rinnen in den Dienst des Geldsacks stellen müssen. Bis zu gebeuteten eines Berufs zu einer starken Organisation. leistungsunfähig werden, so müssen sie verhältnismäßig fräftig 60 Stunden wöchentlich und darüber haben Bleistift- Möchten die Arbeiterinnen diesen Weg beschreiten. In je essen, und damit gehen die Mark drauf, die sie vor anderen arbeiterinnen, Drechslerinnen, Tapeziererinnen, größerer Zahl sie das tun, und je treuer sie zu ihrer Ge Lohnsflavinnen voraus haben. Auch die Poliererinnen und die Arbeiterinnen der Schuh- und Schäftefabriken und werkschaft stehen, um so rascher werden sich ihre ArbeitsLackiererinnen in der Metallindustrie haben sehr gesundheits- viele andere zu fronen. Überstunden und Heimarbeit nach bedingungen zum Besseren ändern. Damit wird aber ihre schädliche Beschäftigungen. Die einen leiden häufig an Er- Feierabend verlängern vielfach den wirklichen Arbeitstag um Fähigkeit wachsen, nicht nur die bösartigsten übel der kapitafrankungen der Atmungsorgane, und zwar infolge des 3 bis 4 Stunden, so zum Beispiel bei den Bürsten- und listischen Lohnknechtschaft zu bekämpfen, sondern diese selbst Staubes und Schmußes, der durch die Verwendung von Pinselarbeiterinnen. Sonntagsarbeit ist in manchen mit der Wurzel auszurotten. So tragen auch sie dazu bei, Wiener Kalf und Stearin beim Polieren entsteht. Die Geschäften im Schwange. Nur in der Metall- und Spiel- daß die Zeit näher rückt, wo Frauen und Männer die Arbeit anderen müssen in überhitzter Temperatur schaffen, die Aus- warenindustrie und in den Buch- und Steindrucke- nicht mehr als einen äußeren harten Zwang und einen Fluch dünstungen von Spiritus, von Öl- und Lackfarben einatmen. reien einige Betriebe ausgenommen erhalten die empfinden, vielmehr als eine freudige Betätigung des freien Schlechte, oft miserable Ventilationsverhältnisse verschärfen Arbeiterinnen Überstunden mit 20 beziehungsweise 25 Pro Willens und einen Segen. Darum, Arbeiterinnen: Hinein für beide Arbeiterinnenarten die gesundheitlichen Gefahren. zent vergütet. Den Bleistiftarbeiterinnen wird da- in die Organisation und werbet unermüdlich für die DrHelene Grünberg. Und die Metallpresserinnen? Sie sind für ihre 15 Mit., die gegen fein Aufschlag für Überstunden bezahlt. Auch für die ganisation! sich für viele auf 7 M. verringern, stets mit dem Verlust überzeit- und Sonntagsarbeit der Frauen und Mädchen in von Fingergliedern bedroht, weil an den Pressen Schutz- den Kartonnagen, den Zelluloid, Papier- und einrichtungen fehlen und überhaupt schwer anzubringen sein Tintenfabriken gelten nur die gewöhnlichen Lohnsätze. sollen. 90 von 100 Presserinnen haben infolge Die Kartonnagearbeiterinnen müssen häufig bis von Betriebsunfällen verstümmelte Hände. Der elf Uhr nachts schaffen! Ganz umsonst müssen die Mo= „ Segen" der Arbeit! Den Arbeiterinnen der Verlust von distinnen und die Damenschneiderinnen überzeitAbgesehen von diesen in bestimmten Zwischenräumen zu Gesundheit und Gliedmaßen, den Unternehmern der Profit! arbeit leisten. Ihre Arbeitszeit ist wie die der KonfektionsWir sehen von der großen Zahl der Arbeiterinnen ab, arbeiterinnen und Handlungsgehilfinnen tatsäch- wiederholenden genaueren Untersuchungen aller Kinder hat deren Wochenverdienst zwischen 7 und 11, höchstens 12 Mt. lich unbegrenzt. Nur in der Feingoldschlägerei beträgt der Schularzt bei seinen regelmäßigen Visiten in der Schule schwankt. Sie verteilen sich auf fast alle Industrien und die Arbeitswoche 48 Stunden. Die lange Arbeitszeit ist an und sich diejenigen Kinder vorführen zu lassen, die der Lehrer für sind bei der Metallverarbeitung wie in der Holzindustrie, für sich zu viel, sie steigert aber auch ganz gewaltig die gesund frankheitsverdächtig hält. Und damit kommen wir zu in den graphischen Gewerben wie in der Zuckerwaren- heitlichen Schädigungen, denen die Frauen und Mädchen bei einer weiteren wichtigen Aufgabe des Schularztes, der Verindustrie zu finden. Dagegen müssen wir die Arbeiterinnen- vielen Beschäftigungen ausgesetzt sind. Und die verheirateten hütung ansteckender Krankheiten unter den Schülern. fategorien erwähnen, die noch unter 7 Mt. verdienen, also Arbeiterinnen sind nicht bloß gezwungen, zu verdienen, sie es ist fein Zweifel, daß die Schule ganz wesentlich mit zur täglich für ihren gesamten Lebensbedarf noch nicht 1 Mt. müssen noch die Haushaltung führen, Mann und Kinder ver- Ausbreitung der sogenannten Kinderkrankheiten( und anderer verausgaben können. Auf die Siegespalme als Hunger- sorgen. Da kommt dann für sie alles in allem ein Arbeitstag ansteckender Krankheiten) beiträgt, und daß eine genaue Befünftlerinnen haben sicherlich die Kartonnagearbeite- heraus, der vor fünf Uhr früh beginnt und nachts nach elf und obachtung der Kinder durch Lehrer und Arzt sehr wohl imrinnen Anspruch, die mit Wochenlöhnen von 3,5 und zwölf Uhr endet. Ein wirkliches Ausruhen gibt es für die stande wäre, diese Ausbreitung zu hindern. 6 Mr. abgespeist werden. Und das für 65 stündige Ar- Arbeiterfrau, die Geld ins Haus bringen muß, überhaupt beitszeit, die oft in den scheußlichsten Buden verrichtet werden nicht. Am Sonntag holt sie meist mit Waschen, Flicken, muß, die von Schmuh starren, zugig, lichtlos und kalt sind. Putzen usw. nach, was in der Woche liegen bleiben mußte. Ja mehr noch: viele Frauen und Mädchen müssen über- Es ist klar, daß bei solch maßloser Abrackerung Leib und stunden schaffen, müssen daheim Sonntags- und Nacht- Geist der Proletarierin Schaden leiden muß. arbeit leisten, um die elenden 5 oder 6 Mt. zu verdienen. Zahlreich sind die gesundheitlichen Berufsgefahren, welche Sehr oft helfen zarte Kinderfinger den Verdienst durch Heim- auf die Arbeiterinnen lauern. Verschiedene von ihnen haben In dieser planmäßigen und allein Erfolg versprechenden arbeit vergrößern und die Lohnsätze drücken. Manche wir bereits erwähnt, andere müssen wenigstens noch kurz Art der Bekämpfung der ansteckenden Kinderkrankheiten wird Reißzeug und viele Bürstenarbeiterinnen müssen gestreift werden. Das Gespenst der Bleivergiftung bedroht bei unseren Schulen bisher so gut wie alles versäumt- in sich mit 5 Mt. Wochenverdienst begnügen. Daß die kapita- vor allem die Gießerinnen, die Bleisoldaten und anderes wie gröblicher Weise, mag das Beispiel der Verbreitung von listische Fron tein Zuckerlecken sei, erfahren die Zucker- Spielzeug herstellen. Ihr Beruf ist so ungesund, daß nur Ungeziefer beweisen, das heißt also einer mit bloßem Auge warenarbeiterinnen, die am Wochenschluß 6 Mt. heim- Mindestlöhne vorkommen, weil keine Arbeiterin es lange in festzustellenden übertragbaren Krankheit, deren Erkennung bringen. In den Oblatenfabriken wird den Frauen und ihm aushält. Bleistaub, der die Poren der Haut verstopft und Verhütung bei weitem leichter ist als bei denjenigen Mädchen der Lohn, der im Höchst fall 7,20 Mt. beträgt, und eingeatmet wird, bedroht die Gesundheit der Bleistift Ansteckungen, welche durch mikroskopisch kleine Lebewesen häufig durch Abzüge für„ fehlerhafte Arbeit" verkürzt, ob- arbeiterinnen in hohem Maße. Der beste Schutz dagegen( Bakterien) oder überhaupt noch unbekannte Krankheitserreger gleich diese verwendet wird: aus den großen Oblaten werden Badeeinrichtung fehlt in allen Betrieben, in einem ist zustande kommen. Wie verbreitet die Läusesucht bei unseren Volksschulfleine geschnitten, und die Schiveinezüchter zahlen den Ab- aber sogar für 20 bis 30 Personen ein einziger Kübel zum fall nicht schlecht. Dabei muß beachtet werden, daß die Ars Händewaschen da. Besonders übel wird der Gesundheit der findern ist und welche Bedeutung dem Ungeziefer für die beiterinnen bei 45 Grad Celsius Männerarbeit an den Oblaten- Binsel- und Bürstenarbeiterinnen mitgespielt. Sie Gesundheit derselben zukommt, darüber existieren im Publikum pressen verrichten! Wäscherinnen und Büglerinnen, Ar- atmen Kreide- und Borstenstaub ein, den Qualm von Bech noch ganz unzureichende Vorstellungen. Dr. H. Neumann beiterinnen in Buchbindereien, Zelluloidfabriken und fesseln, die oft zu drei oder vier in einem Raume brennen. untersuchte 381 Mädchen in Berliner Mädchenhorten, welche der Wollwarenfabrik, in der Wäsche und Damen- Sehr viele leiden in der Folge an Lungenschwindsucht, und nur Gemeindeschülerinnen verpflegen, und fand bei 56 vom tonfektion verdienen zum Teil wöchentlich nicht mehr als trotz aller Vorschriften ist noch lange nicht genug geschehen, Hundert Läuse; die genauen Feststellungen seines poli6 Mt., ja weniger als das. Hervorgehoben muß werden, um sie gegen das schreckliche Milzbrandgift zu schützen. Klinischen Materials ergaben, daß bei den Knaben Läuse in daß Strafabzüge und Unkosten vielfach den nominellen Wenig hygienische Rücksicht erfahren auch die Malerinnen jedem Lebensalter selten waren, bei den Mädchen im Alter Verdienst kürzen. Den Bleistiftarbeiterinnen zum und Lackiererinnen. Sie müssen ihre Eßvorräte meist in bis zu 3 Jahren ebenfalls, von 3 bis 5 Jahren schon häufiger Beispiel kann ein viertel bis ein halber Tageslohn als Strafe Räumen aufbewahren, wo mit Terpentinerfatöl und giftigen( 15 Prozent), im schulpflichtigen Alter dagegen bis zu für unentschuldigtes Ausbleiben usw. abgezogen werden. Farben gearbeitet wird. Sogar bei der Weltfirma Bing 45 Prozent. Es ist sicherlich nicht zu viel gesagt, daß in Berlin Die große Wäschefabrik Erlenbach schämt sich nicht, zu fehlt es an einem Ofen, in dem die Arbeiterinnen ihr Mit jeder Kommunalschüler und insbesondere jede Kommunalverlangen, daß die Werkstattarbeiterinnen bei 7 Mit. Wochen- tagsmahl wärmen fönnten; sie müssen dieses in Lackieröfen schülerin mindestens einmal während ihrer Schulzeit diese verdienst nicht bloß Nähgarn usw., sondern sogar die schieben, wo es den starken Geruch der Farben oft derart Rinderkrankheit" durchmachen muß. Das Ungeziefer wird durch Maschinen selbst stellen. Die Malerinnen und annimmt, daß es nicht mehr genießbar ist. Die Metall- hochgradig vernachlässigte Kinder aus den ökonomisch und Lackiererinnen müssen von ihren 10 Mt. Durchschnitts- schlägerinnen und Bronziererinnen in den Werkstuben hygienisch niedrigst stehenden Bevölkerungsschichten in die verdienst Pinsel, Spiritus und anderes mehr zahlen, der Kunstanstalten erkranken häufig infolge der großen Schule eingeschleppt und geht von ihnen auch auf Kinder die Wollwarenarbeiterinnen blechen für Nadeln und Staubentwicklung. Auch in anderen Berufen noch wird der über, die sehr sorgfältig gehalten werden. Öl, und das bei Wochenlöhnen von 6 bis 10,50 Mt. eingeatmete Staub verschiedener Art zur Krankheitsursache. Die Modiftinnen und Handlungsgehilfinnen Außerordentlich häufig flagen die Arbeiterinnen über manerhalten zwar keinen Lohn, sondern beziehen Gehalt". Aber gelnde oder ungenügende Ventilation; die Garderoben und die ersteren sind mit ihrem durchschnittlichen Monats- Klosetts sind zum Teil skandalös. einkommen von 45 bis 50 Mt., die letzteren mit ihrem Salär von 30, 40 und 50 Mt. nicht besser daran als die Arbeiterinnen. Man vergegenwärtige sich, welche Ansprüche„ das Um das düstere Bild von dem Arbeiterinnenelend in Nürnberg vollständig zu machen, müssen wir noch der schechten Behandlung gedenken. Die Arbeiterinnen in der ReißzeugWie bei der Verhütung von Ansteckungen überhaupt, handelt es sich bei den übertragbaren Kinderkrankheiten darum, den ersten Erkrankungsfall möglichst frühzeitig zu erkennen, das erkrankte Kind sofort aus der Schule zu entfernen und auch nach der Wiederherstellung nicht wieder zum Schulbesuch zuzulassen, solange es noch anstecken kann. Und was die Bedeutung dieser Ansteckung betrifft, so genügt es, darauf hinzuweisen, daß viele langwierige Ausschläge auf der behaarten Kopfhaut wie im Gesicht und am Körper, daß recht schwere Drüsen- und Augenerkrankungen im Kindesalter, daß insbesondere auch häufig Strofulose und Lupus in letzter Linie auf nicht rechtzeitig erkannte un ehandelte Läusesucht zurückgeführt werden müssen. Nr. 23 Die Gleichheit !Z5 Nun ist aber bekanntlich die Beseitigung dieser Krankheitsursache verhältnismäßig einfach und leicht: es genügt eine 24 stündige Behandlung, um die Läuse und ihre Eier(Nisse) zu vernichten und damit einer ganzen Reihe mehr oder weniger schwerer chronischer Krankheitszuslände vorzubeugen, es bedarf also wirklich bloß der rechtzeitigen Diagnose— und doch hat bisher unsere Schule dieser leichten und wichtigen Aufgabe gegenüber vollkommen versagt. In der Regel wird das Ungeziefer zuerst von den Nachbarn bemerkt und dem Lehrer gemeldet, und dieser läßt das damit behaftete Kind etwas abrücken oder setzt es auf eine besondere Bank, das ist alles. Die einzig richtige und durchaus notwendige Maßnahme, das Kind sofort nach Hause zu schicken und nicht eher wieder zuzulassen, bis die Krankheitserreger abgetötet sind, wurde früher fast niemals getroffen. Das ist nunmehr anders geworden, seitdem wir über schulärztliche Überwachung verfügen. Freilich, ohne die Mitivirkung der Lehrer kann die Sache auch jetzt nicht gemacht werden— 200000 Berliner Volksschulkinder können nicht täglich von den Schulärzten revidiert werden—, verdächtige Fälle werden dem Arzte seitens des Lehrers zur Untersuchung überwiesen und bei positivem Befund sofort nach Hause gesandt mit der Angabe, worum es sich handelt und was zu tun sei; wird dann außerdem jedes neu in die Schule eintretende oder nach längerer Abwesenheit wieder zur Schule kommende Kind daraufhin inspiziert, und läßt man in regelmäßigen Perioden, zum Beispiel bei Beginn des SchulvierteljahreS, die Köpfe sämtlicher Kinder daraufhin Revue passieren, so genügte das vollauf, um mit dieser„Krankheit" endgültig aufzuräumen. Ist erst der Lehrer durch Vorführung geeigneter Fälle seitens des Schularztes auf die Schwierigkeit der Erkennung hingewiesen und genügend vorgebildet, so wird es später nicht einmal nötig sein, daß der Arzt selbst all diese Revisionen ausführt, und durch Hand in Hand arbeiten von Lehrer und Arzt viel Zeit erspart werden können, ohne den Erfolg zu gefährden. Wir sind bei der Schilderung dieser„Krankheit" etwas länger verweilt, weil das„mit Händen greifbare" Ungeziefer in der Tat eine treffliche Jlluslrationsprobe liefert für die Art und Weise, wie die Schule zur Ausbreitung übertragbarer Krankheiten beiträgt, und für den Schlendrian, der bisher diesen vermeidbaren Massenerkrankungen gegenüber geherrscht hat. Die ursprüngliche Quelle freilich für diese wie die übrigen Krankheitskeime ist niemals die Schule, sondern das Haus, vor allein das Haus der Armen und Ärmsten; jene Vollskreise, in denen der Sinn für Reinlichkeit, für Benützung von Wasser und Seife, Kamm und Bürste infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung noch nicht erwacht ist, die in schmutzigen, dunklen, überfüllten Räumen, in jenen entsetzlichen Mietskasernen zusammenhausen, wo die Kinder unbeaufsichtigt aufwachsen, weil die Mutter zur Arbeit muß — diese Ärmsten gefährden, seitdem der allgemeine Schulzwang auch diese Kinder zur Schule bringt, die besser gepflegten, weil besser situierten Mitschüler ebenso wie durch den Import von Läusen, Krätzniilben und sonstigem Ungeziefer auch durch Eitererreger, Diphtheriebazillen und die— uns bisher unbekannten— Keime der übrigen Kinderkrankheiten: Masern, Scharlach und Keuchhusten. Hier erwächst der Gemeinde und dem Staate des allgemeinen Schulzwangs die unabweisliche Pflicht, ihrerseits an diesen vernachlässigten Kindern nach Möglichkeit wieder gut zu machen, was die wirtschaftlichen Verhältnisse und ihre Eltern an ihnen gesündigt haben, und durch sachverständige Beaufsichtigung und Reinhaltung dieser Kinder die anderen, unter günstigeren Verhältnissen lebenden Mitschüler vor Gesundheitsschädigungen zu schützen. In London befinden sich in jeder Schule ausgiebige Wascheinrichtungen, und jedes Kind hat vor Beginn des Unterrichtes sich Gesicht und Hände zu waschen. Ahnlich in Paris. Das französische Gesetz von 18S3 bestimmt, daß die Kinder sich in jeder Pause die Hände zu waschen haben. In unseren Schulen gibt es überhaupt keine Wascheinrichtungen, und doch wäre die unter Aufsicht vorgenommene tägliche Reinigung, mit welcher eine Besichtigung jedes Kindes vor Beginn des Unterrichtes seitens des Lehrers und insbesondere der Lehrerin verbunden werden könnte, auch bei uns geboten. Von ganz ausgezeichneter Wirkung haben sich Schulbäder erwiesen, wie sie jetzt bei unseren Schulneubauten eingerichtet werden. Nicht nur, daß die Kinder in ihrer Gesundheit wesentlich gebessert, munter und frisch werden und widerstandsfähiger gegenüber Erkrankungen, nicht nur, daß die Kinder selbst zur Reinlichkeit erzogen werden, auch auf die Eltern wirkt das Schulbad nach den Berichten der Lehrer in ganz auffälliger Weise zurück; viele Eltern lernen erst durch ihre Kinder, welche die Reinlichkeit in der Schule zu kosten bekommen haben, was sie zu Hause bisher verabsäumten, und werden so ihrerseits zur Reinlichkeit erzogen, fangen an, täglich ihr Kind frühmorgens von oben bis unten zu waschen, zu kämmen und zu bürsten und reinlich zu kleiden. Freilich, so leicht wie beim Ungeziefer ist die Verhütung der Übertragung der sogenannten Kinderkrankheiten durch die Schule nicht; ihre frühzeitige Erkennung, ihre Heilung und die Bestimmung des Zeitpunktes, wann die Genesenen wieder zum Unterricht zuzulassen sind, begegnen weit größeren Schwierigkeiten. Das gilt schon von derjenigen Krankheit, deren Verbreitung durch die Schule von niemand bestritten wird, den Masern, der gewöhnlichen Krankheit des ersten Schuljahrs. Die Masern werden von Person auf Person übertragen, hauptsächlich in den Tagen vor Ausbruch des Ausschlags, wo starker Schnupfen, Husten und Augenentzündung bestehen, und vermittelt wird die Ansteckung eben durch diese Absonderungen von Nase, Hals und Augen. Wartet man erst mit der Isolierung des erkrankten Kindes bis zu der Zeit (etwa zwei Wochen nach der Ansteckung), wo Fieber und Ausschlag auftreten— wie es heute die Regel ist—, so ist es zur Verhütung der Weiterverbreitung bereits zu spät, dann sind bei der Empfänglichkeit der Kinder für das Maserngift bereits alle Mitschüler derselben Klasse angesteckt, soweit sie nicht durch früheres Überstehen der Krankheit geschützt sind, und es bleibt dann nichts übrig, als die Klasse oder gar die ganze Schule auf Wochen zu schließen. Hier erwächst der Überwachung der Schule durch Lehrer und Arzt eine dankbare Aufgabe: ist ein Kind wegen Masernerkrankung fortgeblieben, so müßte etwa vom neunten bis zum fünfzehnten Tage danach eine tägliche Inspektion seiner Klassenmitschüler erfolgen und jedes Kind mit beginnendem Katarrh der Nase, des Kehlkopfes, der Augen sofort als krankheitsverdächtig dem Arzte vorgeführt, respektive aus der Schule entfernt werden. Die Masern sind durchaus nicht immer die harmlose Krankheit, als welche sie im Volke angesehen werden; nicht allein sterben jährlich Tausende von Kindern daran (in Preußen über ein halbmal soviel als an Scharlach), auch eine Unzahl von Nachkrankheiten der Augen, Ohren, Drüsen und vor allem der Luftröhren und Lungen(Tuberkulose!) lassen sich auf überstandene Masern zurückführen und machen es der Schule zur Pflicht, mit dem Schlendrian gegenüber dieser ausgebreitetsten aller Kinderkrankheiten zu brechen. Umgekehrt wie bei den Masern ist es beim Scharlach nicht der Beginn der Erkrankung, sondern die Zeit der Genesung, der sogenannten Rekonvaleszenz nach überstehen der eigentlichen Krankheit, welche die Gefahr der Ansteckung bringt. Hier sind es die zu früh aus dem Bette gelassenen und zur Schule gesandten Kinder, welche durch die Hautschuppen in der Schälperiode der Krankheit, sowie durch den Mund- und Halsschleim die Mitschüler bedrohen.* Da wir den Krankheitserreger des Scharlachs— ebenso wie den der Masern— bis jetzt nicht kennen, können wir nur die Forderung aufstellen, daß kein Kind, welches Scharlach überstanden hat, zum Schulbesuch zugelassen wird, bevor nicht eine eingehende Untersuchung durch den Schularzt festgestellt hat, daß die Haut nicht mehr schält, daß Nieren und Halsorgane gesund sind,— ein Zeitraum, der mit sechs bis acht Wochen seit Beginn der Erkrankung eher zu kurz als zu lang bemessen ist. Heutzutage erfährt die Schule häufig gar nicht einmal, was dem Kinde, das einige Zeit vom Unterricht ferngeblieben ist, gefehlt hat, respektive ist auf die durchaus nicht immer glaubwürdigen Angaben der Eltern darüber angewiesen, und erst die Erkrankung anderer Schüler ergibt— zu spät— das Bestehen der mit Recht gefürchteten Krankheit. Daraus ergibt sich die Forderung, daß der Schularzt in jedem Falle, wo ein Kind krankheitshalber von der Schule fortbleibt, die Art der Erkrankung festzustellen und das Kind einer Untersuchung zu unterziehen hat, b e v o r es zum Unterricht zugelassen wird. Zu ganz der gleichen Forderung kommen wir bei der Diphtheritis, jener Halserkrankung, welche, früher der Schrecken der Eltern und auch der Arzte, jetzt bei weitem nicht mehr so gefürchtet wird, seitdem wir im Heilserum ein unfehlbares Mittel gegen die Krankheit erhalten haben, vorausgesetzt, daß es frühzeitig, am ersten oder zweiten Krankheitstag, eingespritzt wird.** Hier kennen wir den Krankheitserreger, den Diphtheriebazillus, und können daher sowohl für die so überaus wichtige Frühdiagnose wie für die Zeit der Wiederzulassung des Erkrankten zum Unterricht eine ganz bestimmte Forderung stellen, um der Weiterverbreitung der Krankheit durch die Schule wirksam zu begegnen. Bei jeder verdächtigen Halsentzündung ist durch bakteriologische Untersuchung, durch das sogenannte Kulturverfahren, festzustellen, ob es sich um«chte Diphtherie handelt, und wenn das der Fall ist, das Kind nicht früher zum Schulbesuch zuzulassen, bis die mehrmalige Untersuchung des Mund-, Nasen- und Halsschleims die Abwesenheit des Diphtheriebazillus erwiesen hat. In New Jork finden diese Untersuchungen bei jedem ärztlich gemeldeten Falle durch das städtische Untersuchungsamt— natürlich unentgeltlich— statt, und wird durch eine ausgezeichnete Organisation seitens des Amtes weiterhin kontrolliert, ob die ärztlicherseits angeordnete Fernhaltung des anscheinend gesunden, aber noch ansteckungsfähigen Kindes auch wirklich durchgeführt wird, so lange, bis wieder vom Gesundheitsamt festgestellt ist, daß die Ansteckungsgefahr beseitigt ist. Auch die übrigen ansteckenden Kinderkrankheiten: Windpocken, Röteln, Ziegenpeter, K e u ch h u st e n finden oft durch die Schule ihre Verbreitung, und insbesondere bei letzterer Krankheit, welche in Deutschland jährlich etwa 20000 Opfer fordert und bei den Überlebenden nicht selten die Quelle chronischer Lungenleiden ist, wäre es von großer Bedeutung, wenn es der schulärztlichen Überwachung gelänge, durch rechtzeitige Erkennung und Entfernung des befallenen Kindes die Weiterverbreitung zu hindern. Ansteckende Augenentzündungen werden überaus leicht in der Schule übertragen und haben wiederholt, zuletzt in den achtziger und neunziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts, zu gewaltigen Schulepidemien in Deutschland und im Ausland geführt. Die Augenärzte machen vielfach den Schulstaub dafür verantwortlich. Auch hier steht der Schularzt vor einer großen, dankbaren Aufgabe. Pockenepidemien, durch in die Schule eingeschleppte Fälle veranlaßt, sind im Ausland nicht selten beobachtet * In Paris wurden 1802 von einem solchen, von Scharlach genesenden Kinde nicht weniger als 1öl> andere Schnllindcr angesteckt, von denen 18 starben. ** Vergleiche Artikel in der„Gleichheit" Nr. 5, Jahrgang 1ö. worden, bei uns sind sie, dank der gut durchgeführten Impfung und Wiederimpfung, völlig unbekannt. Dagegen wird die seit 1889/90 bei uns wieder einheimische Influenza, deren Bedeutung für die„Kränklichkeit" vieler Schulkinder— schlechtes Aussehen und schlechter Schlaf, Blutarmut und Nervosität, Neigung zu Magendarmkatarrhen, Halsentzündungen, Rheumatismen, Lungenerkrankungen— bei weitem noch nicht genügend gewürdigt wird, überaus leicht und häufig auch in der Schule von Kind aus Kind übertragen. Auch in der Verbreitung der Genickstarre, der Cholera, der Tuberkulose und anderer Erkrankungen der Atmungsorgane spielt die Schule ihre Rolle, und dürfte die schulärztliche Tätigkeit große Erfolge haben. Aus der Bewegung. Von der Agitation. In einer überaus gut besuchten Volksversammlung zu Köln sprach Genossin Plum-Essen iiber„Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen im 20. Jahrhundert". Bei der Charakterisierung der proletarischen Lage rechnete die Rednerin insbesondere scharf mit Zentrum und Militarismus ab. Ihre Ausführungen klangen in der Mahnung an alle Anwesenden ohne Unterschied des Geschlechtes aus, mitzukämpfen für die Gleichberechtigung aller, was Menschenantlitz trägt. Alle Diskussionsredner sprachen im Sinne der Referentin und machten auf die bevorstehenden Stadtratswahlen aufmerksam, die den Frauen Gelegenheit böten, ihre Kraft in den Dienst der guten Sache zu stellen. Die Versammlung brachte dem Frauenverein neue Mitglieder und der„Gleichheit" eine große Zahl Abonnenten. Die proletarische Frauenbewegung hat in Köln in letzter Zeit beste Erfolge zu verzeichnen. Die Proletarierinnen sind erwacht, sie erfassen ihre Lage und wollen kämpfen. Wir rücken unserem Ziele näher. Rosa Wolf. In Köln-Ehrenfeld behandelte Genossin Plum-Essen in öffentlicher Versammlung das Thema„Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen im 20. Jahrhundert". Trotzdem die Mehrzahl der Anwesenden Neulinge in einer Versammlung waren, folgten doch alle mit seltener Aufmerksamkeit den Ausführungen der Rednerin, die reichen Beifall erntete. Wir bedauern, daß so viele Männer und Frauen unseres Ortes den aufklärenden Vortrag nicht gehört haben. Elf der anwesenden Frauen traten unserer Organisation bei und wurden dadurch zugleich Leserinnen der„Gleichheit". Der Verein wurde im April dieses Jahres gegründet und zählt jetzt 90 Mitglieder. Die bisher erzielten Erfolge sollen uns ein Ansporn sein, auch fernerhin für die Aufklärung und Bildung der Proletarierinnen unsere ganze Kraft einzusetzen. Frau Lindenberg. Im Juni d. I. wurde in Straßburg durch eine gut besuchte Versammlung, in welcher Genossin Zietz referierte, eine planmäßige Betätigung der proletarischen Frauen in der modernen Arbeiterbewegung eingeleitet. Als weibliche Vertrauensperson wurde die Unterzeichnete aufgestellt. Wir gewannen 50 Abonnentinnen auf die„Gleichheit", und die Genossen versprachen, den Genossinnen bei der Gründung eines Frauenbildungsvereins zur Seite zu stehen. Zwei Versammlungen, in denen Genosse Or. Weil und Genosse Geiler sehr interessante Referate hielten, brachten uns gute Erfolge. In der zweiten Versammlung, die zahlreich besucht war, wurde eine Frauenagitationskommission gewählt. Ihre Mitglieder lassen sich angelegen sein, mit aller Kraft unter den Frauen aufklärend zu wirken. Die Genossinnen verkaufen freiwillige Beitragsmarken, deren Ertrag zum Teil nach Berlin an die Zentralkasse der Genossinnen gesandt, zum Teil für die örtliche Agitation verwendet wird. Zur Förderung der Organisierung der Arbeiterinnen berief das Gewerkschaftskartell Anfang Oktober drei öffentliche Versammlungen ein, in welchen Genossin Greifenberg- Augsburg referierte. Die erste davon tagte in Schiltig- heim und war schon geraume Zeit vor dem Anfang überfüllt; unter den Anwesenden befanden sich weit mehr Frauen, als wir zu hoffen gewagt hatten. Die vorzüglichen, leicht verständlichen Ausführungen der Referentin begegneten dem größten Interesse. Es wurden Abonnenten für die„Freie Presse" gewonnen, und die Genossen versprachen, für die Verbreitung der„Gleichheit" zu arbeiten. Sehr zahlreich war ebenfalls die zweite Versammlung in Königshofen bei Straßburg besucht, die auf die meisten der Erschienenen den Eindruck eines ganz außerordentlichen Ereignisses machte. Das ließen die Gesichter deutlich erkennen; manche Frauen hatten sich sogar gescheut, den Saal zu betreten. Aufmerksam olgten die Zuhörer jedem Worte der Referentin, so daß wir wohl mit Recht hoffen dürfen, daß endlich einmal hier die Arbeiter und Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Lage erwachen werden. Die Versammlung schloß mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. Die dritte Versammlung fand in Straßburg selbst statt. Das interessante Referat wurde von den sehr zahlreich Erschienenen mit reichem Beifall aufgenommen. Die Versammlung brachte uns mehr als 30 Abonnentinnen auf die„Gleichheit". Genossin Greifenbergs Worte sind nicht in den Wind gesprochen; sie haben Widerhall gefunden in unseren Herzen und werden weiterwirken. Wir werden unsere ganze Kraft einsetzen, um immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen dem Dunkel der Unwissenheit zu entreißen, sie dem Lichte, der Erkenntnis ihrer Klassenlagc zuzuführen. Luise Fölme. In Glauchau referierte Genossin Wackwitz kürzlich in einer sehr gut besuchten Frauenversammlung über: „Die Frau als Hausfrau und Lohnsklavin". Der Vortrag entwarf ein klares Bild von dem Elend der Arbeiterinnen in den verschiedenen Industriezweigen sowie von der Lage 136 Die Gleichheit Nr. 23 der Arbeiterfrauen und übte scharfe Kritik an der heutigen dachte er dabei des Bergarbeiterstreits und der Reichstags- Die Genofsinnen brachten für die streifenden Bergarbeiter Gesellschaftsordnung, welche die Not und Unfreiheit der nachwahl, mit deren Ausgang wir sehr zufrieden sein können. im Ruhrrevier im ganzen die Summe von 17,30 M. auf. ausgebeuteten Massen erzeugt. Die Rednerin schloß mit der In der Diskussion, die auf den Bericht folgte, wurden von den Jeder einzelnen unserer tätigen Genoffinnen muß die AnMahnung an alle Arbeiterinnen, sich durch eine starke Dr Genossen Bühler, Bertens, Haas und anderen die Frage erkennung gezollt werden, daß sie mit ganzer Kraft die geganisation gegen die Willkür der Unternehmer zu schüßen und der Agitation unter den Frauen einer eingehenden Grörterung werkschaftliche wie politische Aufklärung und Organisierung auch politisch zu kämpfen. Hoffen wir, daß die mit so großem unterzogen. Sämtliche Redner betonten, daß der Frauenbewe- fördern half. So muß es auch in Zukunft bleiben. Keine Beifall aufgenommenen Worte auf fruchtbaren Boden ge gung größere Beachtung und Förderung zuteil werden muß. von uns darf ermatten und unterlassen, immer und immer fallen sind. Gerade wir Frauen haben unter dem Druck Im verflossenen Berichtsjahr ist im niederrheinischen Agita- wieder an die vielen fernstehenden Arbeits- und Leidensder wirtschaftlichen Verhältnisse am meisten zu leiden. Das tionsbezirk nur einmal ein Flugblatt zur Aufklärung der Ar- schwestern die Mahnung zu richten:„ Hört den Ruf der bringen uns zumal die teuren Lebensmittelpreise zum Be- beiterinnen und Arbeiterfrauen zur Verteilung gekommen. Die Sozialdemokratie, lernt, schart euch zusammen mit euren wußtsein, welche der Arbeiterklasse den Brotkorb höher Frauen üben einen großen Einfluß auf das politische Leben aus, Kampfgenossen. Nur im gemeinsamen Kampfe und im gleichen hängen. Wir dürfen daher nicht müßig zusehen, wie die und dieser Einfluß dient der Reaktion, besonders aber kommt Streben können wir das Ziel erreichen, welches allem, was Dinge im politischen Leben gehen. Wie der gewerkschaftlichen er den Schwarzen" zugute, solange der Proletarierin das Menschenantlig trägt, eine schöne, freie Zukunft verheißt. müssen wir uns auch der politischen Organisation anschließen, Verständnis für die soziale Frage, für den Freiheitskampf Marie Chmielewski, Vertrauensperson. und mit unseren Klassengenossen zusammen kämpfen gegen den der Ausgebeuteten fehlt. Das macht sich zum Beispiel sehr Die Genoffinnen und die Kommunalangelegenheiten. gemeinsamen Feind. Rüsten wir uns für diesen Kampf! K. T. unangenehm in dem oft recht niedrigen Abonnentenstand Die sozialdemokratischen Frauen Berlins hatten Ende Zur Aufklärung und Organisierung der in der Textil- unserer Parteipresse bemerkbar. Er ist zum großen Teil auf Oktober zum Zwecke der Agitation unter dem weiblichen industrie beschäftigten Frauen und Mädchen fanden Mitte die Unwissenheit des weiblichen Proletariats zurückzuführen. Proletariat für die Stadtverordnetenwahlen eine VolksOftober in Hüningen und St. Ludwig zwei Versamm- Daß jedoch auch in den Frauen das Interesse am öffentlichen versammlung einberufen. Zirka 1500 Personen waren er lungen statt, in denen Genossin Greifenberg- Augsburg Leben und der Hunger nach Aufklärung vorhanden ist, das schienen, darunter viele Frauen. Genosse Singer zeigte in referierte. Die vorzüglichen Ausführungen der Rednerin, beweisen die 600 Leserinnen der„ Gleichheit" in Essen. Es seinem Referat an überzeugenden Beispielen, welches Interdie mit zwingender Logik die Notwendigkeit der gewerk ist also erforderlich, dieses Interesse zu wecken und in die esse die Kommunalpolitik gerade für die Frauen habe. Mit schaftlichen Organisation schilderte, wurden mit reichem richtigen Wege zu leiten. Das müßten alle Genossen be- scharfen Worten kritisierte er die liberale StadtverordnetenBeifall aufgenommen. Leider war der Besuch im Ver- greifen und entsprechend handeln. Leider hatte aber bis vor mehrheit, die stets zugunsten einzelner das Gemeinwohl außer hältnis zu der sehr großen Zahl der Textilarbeiter nicht kurzem die Frauenbewegung auch in manchem Genossen einen acht laffe. Seine Ausführungen mußten die Erkenntnis sehr stark. Wir hoffen aber, daß die Versammlungs Gegner gehabt. Genosse Gewehr begründete einen Antrag, wachrufen, daß es nur die Sozialdemokratie ist, welche im besucherinnen eingesehen haben, daß sie der Organisation der die mehrmalige Gratisverteilung der„ Gleichheit" in allen roten Hause" das Interesse der Arbeiterklasse vertritt, und bedürfen, um eine Besserung ihrer Lage zu erzielen. Nur Orten fordert, wo noch keine Frauenbewegung existiert. Der daß es daher auch die Pflicht aller Genossinnen ist, ihre ganze der Textilarbeiterverband ist die gewerkschaftliche Organi Antrag fand einstimmige Annahme. Es wurde damit be- Kraft für deren Sieg einzusetzen. Mit ungeteilter jubelnder sation, die ihre Interessen mit Gifer und Energie vertritt, fundet, daß die Genossen den festen Willen haben, die Be- Zustimmung nahmen die Versammelten die Worte des Refeihm müssen die Arbeiterinnen sich daher anschließen. Nötig strebungen der Genossinnen zu fördern. Auch die übrigen renten auf, ebenso eine Ansprache des Genossen Hoffmann. ist aber auch, daß sie sich mehr mit dem politischen Leben Beratungen waren vom besten Geiste beseelt. Die Genofsinnen Nach anfeuernden Worten der Genossin Wengels an die beschäftigen und den Kampf der Sozialdemokratie unter begrüßen freudig die Zeichen der immer flareren Einsicht, Frauen schloß die imposante Versammlung mit donnernden stützen. Durch eifriges Lesen der Arbeiterpresse müssen sie daß das Proletariat im Kampfe gegen seine Ausbeuter keinen Hochrufen auf die Sozialdemokratie und den Genossen Singer. einen klaren Blick für ihre traurige Lage erlangen und die Sieg ohne die Frauen erringen kann. Sie sind überzeugt, Auch in anderen Orten zeigen die proletarischen Frauen Erkenntnis, daß es wirtschaftlich und politisch gegen Aus- daß diese Einsicht zu recht fruchtbaren Taten führt. Sie Interesse für die Kommunalangelegenheiten. So plädiert beutung und Knechtung der arbeitenden Bevölkerung zu werden ihrerseits keine Arbeit und keine Mühe scheuen, ihre eine Kölner Genossin in der„ Rheinischen Zeitung" für die kämpfen gilt. Emilie Baumberger. armen, unterdrückten Schwestern aus ihrer Rückständigkeit Buziehung der Frau zu der Kommunalverwaltung. Auch in Erfurt beginnt unter den proletarischen Frauen aufzurütteln und sie für die große Sache des Sozialismus Sie sagt unter anderem:„ Die Frauen sind in ihren häusder Wille zu wachsen, ihrerseits mit tätig für die Befreiung zu gewinnen. W. D. lichen, beruflichen und sozialen Interessen von der guten der Arbeiterklasse zu sein. Zwei Versammlungen, in Halbjahrsbericht der Vertrauensperson der Genos- oder schlechten Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten welchen Genossin Zietz referierte, wirkten vor etwa einem finnen von Magdeburg und Umgebung. Die proletarische ebenso abhängig und darum ebenso interessiert wie die Jahre aufrüttelnd. Zwei weibliche Vertrauenspersonen Frauenbewegung in Magdeburg und den Vorstädten steht Männer. Die Aufgaben der kommunalen Verwaltung liegen wurden damals aufgestellt und 97 Abonnentinnen auf jetzt im dritten Jahre ihrer Entwicklung. Wenn auch nicht der Fassungskraft und Urteilsfähigkeit der Frauen nicht ferner die„ Gleichheit“ gewonnen. Damit war der Anfang zu gleich von Anfang an große Erfolge zu verzeichnen waren, wie der der Männer. Die Frau ist im allgemeinen prafeiner systematischen Arbeit unter den Arbeiterinnen und so arbeiteten doch die Genossinnen unermüdlich im Dienste tischer wie der Mann, überhaupt da, wo es das weibliche Arbeiterfrauen gemacht. Als nötig wurde bald erkannt, des hohen Zieles, das sie erforen. Zunächst galt es, wie in Geschlecht angeht. Nicht nur in der Armen- und Waiseneinen festen Mittelpunkt für die Bildungsbestrebungen der vielen anderen Orten, wo die Bewegung erst einsetzt, in pflege ist sie entschieden brauchbarer und warmherziger; auch Frauen zu schaffen. Es fand daher eine Besprechung statt, einen ganzen Wall von Vorurteilen und Gedankenlosigkeit in den Fragen des Mädchenschulwesens, der Mädchenfortbei der Genosse Kniese über die Frage referierte, wie in feitens vieler Frauen, aber leider auch vieler Männer, Bresche bildung, der Wohnungspflege, der häuslichen Hygiene, der Zukunft die Agitation betrieben werden sollte. 24 Genossinnen zu legen. Des weiteren mußte ein fester Zusammenhalt Säuglingsfürsorge, der Wöchnerinnenunterstützung, des Hebnahmen an der Besprechung teil, die recht anregend verlief zwischen den Genossinnen geschaffen werden. Und schließlich ammenwesens ist sie der eigentliche Sachverständige und und deren Ergebnis der Beschluß war, einen Frauen- und hieß es, das Beste tun, um immer mehr Proletarierinnen Praktiker. Darum ist es zu bedauern, daß die Frauenarbeit Mädchenbildungsverein zu gründen. Die Konstituierung dem politischen wie wirtschaftlichen Kampfe ihrer Klasse zu- in der Gemeindeverwaltung nicht recht vom Fleck kommen der Organisation, die ein neues Glied in der Kette der zuführen. Der seit zwei Jahren bestehende Frauen und will; daß die Frauen erst um etwas kämpfen müssen, was proletarischen Frauenbewegung bildet, ist am 19. Oftober Mädchenbildungsverein hat unsere Bestrebungen gut gefördert. erfolgt. Dem Frauenbildungsverein traten 36 Mitglieder bei. Der Gesamtvorstand besteht aus sieben Personen. Erste Vorsitzende ist Genossin Kniese, zweite Vorsitzende Genossin Busch. Versammlungen sollen am ersten und dritten Sonntag eines jeden Monats stattfinden. Für besonders wichtig Die öffentliche Tätigkeit der Genossinnen schloß im Dehalten die Genossinnen die Verbreitung der„ Gleichheit". Im zember 1904 mit einer Frauenversammlung, in welcher GeSeptember übernahm die Unterzeichnete im Einverständnis nosse Dr. Müller über die Bedeutung des ersten preußischen mit der zweiten Vertrauensperson die Expedition derselben. Parteitags referierte, zu dem die Unterzeichnete delegiert war. Auf die verschiedenste Weise wird für die Erweiterung des Die Berichterstattung über den Parteitag erfolgte in einer Leserinnenkreises gearbeitet: durch Aufsuchen der Abonnen- öffentlichen Volksversammlung in Magdeburg und in einer tinnen, Empfehlung unserer Zeitschrift in den Gewerkschafts- öffentlichen Frauenversammlung in Crackau- Prester. Auch Mit Riesenschritten marschiert die russische Revolution. und Volksversammlungen usw. Der Erfolg blieb nicht aus, hier wurde dank der entfalteten Agitation ein Frauen- und Als sie zuerst ihr Haupt erhob, ihre Arme recte, wie war die Zahl der Leserinnen beträgt jetzt 120. Der fleine Mädchenbildungsverein gegründet, dem 75 Mitglieder an- sie da unbeholfen, wie tappte sie unsicher einher! Aber Stamm tätiger Genossinnen wird mit Fleiß und Ausdauer gehören, und eine weibliche Vertrauensperson gewählt. Bis wenn ein Volt seine Fesseln sprengt, sich des Gängelbandes die Agitation unter den Frauen betreiben. Damit ihr Be- Juni beriefen die Genossinnen in Magdeburg und in den entwöhnt, dann gewinnt es zusehends an Selbstbewußtsein, mühen Erfolg hat, muß es auch von seiten der organisierten großen Arbeitervorstädten noch acht öffentliche Versammlungen Kraft und Sicherheit. Kaum ein Jahr ist vergangen, seit Arbeiter unterstützt werden. Ihre Pflicht ist es, die eigenen ein. Die ersten sechs davon beschäftigten sich mit dem Konsum- die neueste, entscheidende Epoche der russischen Revolution Frauen und Töchter für das politische und gewerkschaftliche genossenschaftswesen, während in den zwei letzten Schul- begann, und unter dem festen Massenschritt der proletarischen Leben zu interessieren und ihren Geist für die sozialdemo- und Erziehungsfragen eingehend erörtert wurden. Scharen dröhnt und zittert die weite russische Erde, es wankt kratischen Lehren empfänglich zu machen. Arbeiten Ge- So war den Frauen Magdeburgs gute Gelegenheit ge- der Thron, zusammenkrachen die Stüßen der Gewaltherrnossinnen und Genossen zu diesem Ziele zusammen, so wird boten, sich über die ihnen so naheliegenden Fragen einer schaft. es immer mehr gelingen, die Proletarierinnen zu treuen vorteilhaften Wirtschafts- und Lebenshaltung und des Volks- Und eine proletarische Revolution, unverfälschter proletarisch Rämpferinnen zu erziehen, welche helfen, der Befreiung der schulwesens aufzuklären. als irgend eine ihrer Vorgängerinnen im westlichen Europa, Arbeiterschaft den Weg zu ebnen. Frau Th. Kniese. In Schönebeck a. G. leiteten die Genossinnen durch Ein- ist es, die dort ausgekämpft wird. Proletarier sind die Masse Von den Organisationen. Der Frauenbildungs- berufung einer Frauenversammlung und Verteilung von der Kämpfer, nur als Mitläufer stehen ihnen kleine Häuflein verein in Luckenwalde entwickelt sich mehr und mehr. 100 Broschüren zur„ Schulfrage" eine Bewegung ein. Um Intellektueller", wie man in Rußland sagt, zur Seite. Die Mitgliederversammlungen sind stets gut besucht. Der sie zusammenzuhalten, wurde eine Vertrauensperson gewählt, Proletarisch sind auch die Mittel dieses revolutionären Vorstand ist eifrig bemüht, gute, lehrreiche Vorträge halten welche den Genossinnen auch die„ Gleichheit" zustellt. Die Kampfes. Der Massenstreit im sozialistischen Sinne ist es, zu lassen. Den Erfolg beweist die Mitgliederzahl, die auf erst im Mai gelegentlich einer Agitationstour der Genossin der die Grundfesten des russischen Staats- und Gesellschafts180 gestiegen ist. Es muß hervorgehoben werden, daß die Grünberg in sechs Versammlungen gewählten Vertrauens- lebens erschüttert. Daß die Proletarier im weiten russischen Genossen bereitwilligst jederzeit die Frauen unterstützen. In personen für das weitere Nachbargebiet Magdeburgs lassen Reiche überall, von dem gleichen Geiste beseelt, mit den der letzten Versammlung, die am 2. November stattfand, hielt es sich angelegen sein, die„ Gleichheit" auf dem Lande zu gleichen Waffen den Koloß des Zarismus in Trümmer Genossin Baader einen Vortrag über„ Kindererziehung", verbreiten und die Frauen immer mehr für die Ideen der schlagen, das ist die Wirkung der sozialistischen Schulung, dem die Erschienenen sehr aufmerksam folgten. Der Sozialdemokratie zu gewinnen. die aus den dumpf dahinvegetierenden Arbeitssflaven klassen: Bildungsverein in Brandenburg hörte im Oktober Von der schon genannten„ Schulfrage- Broschüre" verkauften bewußte, zielflare Vorkämpfer der Menschheitsbefreiung ge einen Vortrag der Unterzeichneten über das Thema:„ Kinder- die Genossinnen bisher 243. 792 Exemplare der Gleich- macht hat. arbeit in gesundheitlicher, ethischer und wirtschaftlicher Be- heit" wurden von Januar bis Juni innerhalb Magdeburgs Heute schon ist es zweifellos, daß der Sieg sich an die deutung". Das Thema war sehr passend, da in Branden- verkauft, zur Agitation gelangten über 300 zur Verteilung. rote Revolutionsfahne heften wird, welche Rückschläge auch burg eine ziemliche Anzahl Kinder erwerbstätig sind. Der Da die Unterzeichnete im Auftrag der Genossinnen den Ver- die Bewegung zeitweilig erleiden mag. Der Absolutismus Verein leidet noch unter den Nachwehen früherer Mißstände, trieb der„ Gleichheit" übernommen hat, so konnte der Lokal- hat kapituliert vor der Revolution. Zar Nikolaus, der vor doch hat eine gesunde Entwicklung begonnen. Die Mitglieder- tasse der Genossinnen ein netter überschuß überwiesen werden. furzem auf dem hohen Gestelz unentwegten Selbstherrscherzahl steigt beständig, und es werden eifrig Abonnenten für Die Einnahmen in öffentlichen Versammlungen betrugen von tums einherstolzierte und dagegen wetterte, daß sich je ein die„ Gleichheit" geworben. Die Losung der Genossinnen ist: Januar bis Juni 145,70 Mr. Für Versammlungen und Blatt Papier zwischen ihn und sein Volf" drängen könne, „ Vorwärts!" O. B. Agitation wurden 126,69 Mt. verausgabt. Der Kassen- wie nur ein Friedrich Wilhelm von Preußen im gleichen Er wurde mit etwa 70 Mitgliedern gegründet und zählt jetzt deren 375. Unsere Organisation gibt den Frauen durch belehrende und unterhaltende Vorträge und Lektüre Anregung und Aufklärung. die Einsicht der männlichen Kommunalpolitiker und Gemeindebehörden ihnen auf dem Präsentierbrett mit größter Freiwilligkeit entgegentragen sollte; daß die Männerwelt Besorgnisse um die etwaige Beschneidung ihres natürlichen" und durch den Gewohnheitszopf geheiligten Machtbereichs hegt, wo sie sich doch die eigene Arbeit unter Heranziehung der Frauen erleichtern und sie sachgemäß vertiefen und ſegens: reicher gestalten könnte." Politische Rundschau. Der niederrheinische sozialdemokratische Parteitag bestand stellte sich, alles in allem, beim Beginn des zweiten Despotenjargon zu wettern vermochte, hat mit zitternder fand am 15. und 16. Oftober in Essen unter dem Vorsitz Rechnungshalbjahrs auf 35,40 Mt. Der Genossin Baader- Hand die Gewährung einer neuen Konstitution unterschrieben, des Genossen Ostkamp statt. Reichstagskandidat Gewehr Berlin wurden für die Zentralagitationskasse" vom Verkauf nachdem das Volk mit wuchtigen Schlägen gegen den Staat erstattete den Bericht des Agitationskomitees. Besonders ge- von 5 Pf.- Bons im ersten Halbjahr 32,10 Mt. überwiesen. ihm und seinen Drahtziehern fühlbar gemacht, daß es nicht Nr. 23 Die Gleichheit 137 gewillt ist, sich mit dem elenden Zerrbild der Bulyginschen Verfassung zufrieden zu geben. Aber auch die Wittesche Verfassung, die ihm jetzt versprochen ist, droht nur Flickwerk zu werden. Der bewährte Budgewerschleierer und diplomatische Seiltänzer, dem jetzt der Zar in seiner schlotternden Angst zeitweilig die Leitung der Staatsgeschäfte übergeben hat, kann sich auch nicht dazu aufraffen oder doch nicht seinen Herrn und Meister dazu bringen, das Zugeständnis unbedingt zu machen. Witte flickt Tag und Nacht an einem neuen Wahlrecht für die Duma herum, das zwar weitgehender sein soll als das Bulyginsche, das aber auch nicht alle erwachsenen Männer, geschweige denn die Frauen an die Wahlurne ruft. Natürlich sind alle die liberalen Halbblutnaturen mit Eifer dabei, dem Volke einzureden, daß es sich zufrieden geben soll mit diesem Zugeständnis, später einmal könne vielleicht noch mehr erreicht werden. Die russischen Revolutionäre sind aber viel zu gut geschult durch die sozialistischen Lehren, sie haben das abschreckende Beispiel der deutschen Verfassungszustände vor Augen, die seit bald vier Jahrzehnten, ohne vorwärts zu kommen, in dem Morast des konstitutionell maskierten Bureaukratismus stecken geblieben sind, weil die staatsmännische Weisheit des zagenden liberalen Bürgertums sie da hineingefahren hat — um später einmal sie herauszuziehen. Später einmal! Es ist immer später geworden, und heute ist es zu spät für die deutsche Bourgeoisie, noch irgend eine Fortbildung unseres Verfassungswesens vorzunehmen. Sie ist abgelöst worden als treibendes Element im Staatsleben vom Proletariat. Eine der Aufgaben dieses klassenbewußt kämpfenden deutschen Proletariats ist es aber, den aufstrebenden Genossen in anderen Ländern stets das warnende Beispiel aus unserer heimischen Geschichte vor Augen zu führen: Laßt euch nicht verleiten, es bei einer halben oder Viertelsrevolution nach dem Muster der deutschen Bourgeoisie bewenden zu lassen! Macht ganze Arbeit! Unsere russischen, polnischen und lettischen Brüder haben das begriffen. Sie machen ganze Arbeit; sie begnügen sich nicht mit einer halben. Sie begnügen sich nicht mit einer halben Amnestie; sie wollen das ganze unbeschränkte Recht der Rede, der Presse, der Versammlung. Sie wollen den ganzen Regierungsbau der zarischen Polizeiherrschaft zertrümmern, damit keine Reaktionsmacht sich je wieder in dessen Winkeln einnisten kann, und schließlich wollen sie dafür sorgen, daß auch die soziale Fürsorge für das Volk im weitesten Maße gesetzlich gesichert wird. Und sie haben allen Grund, ganze Arbeit zu machen zu rechter Zeit, denn der Drache der Reaktion ist noch nicht erschlagen, es sind ihm nur die Klauen gestutzt. Er würgt und tobt mit unveränderter Wut. Alle die polizeilichen Hilfstruppen, die seit Plehwes Zeiten unter dem Abschaum der Städte angeworben sind durch Gendarmen und Spitzel, die„schwarzen Banden" sind bewaffnet losgelassen als Hilfstruppen der vertierten Kosaken auf die Revolutionäre in den meisten russischen Städten, wie im Kaukasus die Tataren bewaffnet wurden gegen die Armenier, wie die unaufgeklärte Stadtbevölkerung auf die Juden gehetzt wird. Das staatliche Zwangssystem bricht zusammen unter Käinpfen und Leiden, und eine neue Ordnung der Dinge, aufgebaut auf der Selbst- verwaltung des Volkes, baut sich auf gegen die alte Gewaltherrschaft der Zarenschergen als organisatorische Frucht der revolutionären Kämpfe. So steht also die Sache jetzt im russischen Reiche: Der Absolutismus hat abgedankt, aber die reaktionären Machthaber, die Hofkamarilla mitsamt den blutsaugerischen Beamten und Generalen, sie alle suchen die Macht in den Händen zu behalten unter anderer Form, sei es auch unter der Form des Scheinkonstitutionalismus. Diesen weit gefährlicheren Kampf, gefährlicher, weil er in seinem Wesen nicht so klar erkennbar ist und deshalb manche lauen Freunde zu unseren Feinden macht, hat die revolutionäre Bewegung in Ruhland nunmehr durchzukämpfen. Vieltausendstimmig hallt ihr auch jetzt aus Deutschland zu: Glückauf! Schon zeigt es sich auch wieder, daß eine große Revolutionsbewegung in einem Lande Europas sich nicht bannen läßt in dessen Grenzen. Dort, wo der Scheinkonstitutionalismus dem Zarismus verwandte Formen zeigt, wo nationale wie soziale Wirren seit Jahrzehnten die Staatsautorität untergraben haben, in Osterreich, wetterleuchtet es nicht bloß mehr, das Gewitter ist schon ausgebrochen, und eingeschlagen hat es in Wien, in Prag. Angefeuert durch die Erfolge der russischen Revolution, hat sich die österreichische Sozialdemokratie mit Begeisterung hineingestürzt in einen Kampf um das allgemeine Wahlrecht. Ein paar gewaltige Massendemonstrationen in Wien und Prag, ein paar Zusammenstöße mit der brutalen Polizei haben genügt, die reife Frucht von dem Baume zu schütteln. Wie in Ungarn das Kabinett Fejervary, hat auch in der anderen Reichshälfte, in Österreich, das Ministerium Gautsch erklärt, daß es bereit ist zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Das sind zwar zunächst nur leere Versprechungen. Aber das österreichische Proletariat ist geschult genug, um Ministerworten nicht zu trauen. Es weiß, daß es nur das erhalten wird, was es stets bereit ist, sich zu erringen mit Einsetzung aller seiner Kraft. Und Deutschland?— schläft nach wie vor in sicherer Hut von einigen zwanzig Monarchen. K. U. Gewerkschaftliche Rundschau. Bürgerliche Philisterweisheit wird die deutschen Textilarbeiter und-arbeiterinnen bald als unersättliche Nimmersatte hinzustellen belieben. Fortwährend sind dieselben gezwungen, große Kämpfe zu führen, um ihre Lebenslage ein weniges zu heben. Die Löhne der Texlilarbeitor- schaft hinken weit hinter denen in anderen Gewerben nach. Trotzdem sträuben sich die Textilbarone, die Berechtigung des Strebens nach besseren Lohnbedingungen anzuerkennen. Es soll als die böse Frucht böser„Aufwiegelei" hingestellt werden. Zur rechten Zeit für die Herren hat sich eine Untersuchung über die Löhne in der Textilindusttie seitens des Handelskammersyndikus von M.-Gladbach eingestellt. Sie soll das den deutschen Philister und Scharfmacher erschreckende Resultat ergeben, daß die Löhne in der Textilindustrie seit 1880, in 24 Jahren also!, um 18 bis 34 Prozent gesttegen sind. In dieser langen Periode, in die ein gewaltiges Aufblühen der deutschen Industrie fällt, sind gewiß die Unternehmergewinne um einen weit beträchtlicheren Prozentsatz gesttegen als die Arbeiterlöhne— blieben doch für die Lohnsklaven des Textilkapitals wegen ihrer schwachen Organisationen nur die Brosamen, die von der Herren Tische fielen. Aber davon abgesehen, muß eins hervorgehoben werden. Die Preise für Lebensmittel und Wohnung sind in diesen Jahren ganz gewaltig in die Höhe gegangen, übrigens dürfen unsere Leserinnen nicht etwa meinen, die Untersuchung des Herrn Syndikus habe ergeben, daß die Textilarbeiter etwa Direktorengehälter beziehen. Es sei ihnen verraten, daß die Jahreseinkommen zwischen 69g bis 734 Mark betragen! Jeder Kommentar zu diesen Zahlen ist überflüssig. Bemerkt sei nur noch, daß die Rechnung des Herrn Syndikus nicht einmal stimmt, was nachzuweisen hier zu weit führen würde. Den Textilarbeitern muß die Entdeckung des fleißigen Herrn ein Ansporn sein, durch Stärkung ihrer Organisation dahin zu wirken, daß eine spätere Rechnung nicht wieder ein solch erschreckendes Bild des Elends und der niedrigen Entlohnung gibt, wie es uns aus den vorliegenden Zahlen angrinst. Außer dem großen Kampfe der Textilarbeiter in Sachsen- Thüringen, über den an anderer Stelle des Blattes berichtet wird, ist derjenige der Berliner Wäschearbeiterinnen an erster Stelle unter den Bewegungen zu rubrizieren, an denen Arbeiterinnen hervorragend beteiligt sind. Anfänglich schien es, als ob die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen durch einen friedlichen Vergleich verbessert werden sollten; doch es kam anders. Zwar hatten bei den Beratungen einer Kommission der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die ersteren einige winzige Zugeständnisse gemacht, die der Verbandsvorsitzende der Arbeiter- und Arbeiterinnenversammlung zur Annahme empfahl. Die überaus stark besuchte Versammlung verwarf jedoch in geheimer Abstimmung mit 1379 gegen 38 Stimmen den Vorschlag und beschloß die Arbeitsniederlegung. Darauf traten über 10000 Arbeiterinnen(Näherinnen, Plätterinnen, Wäscherinnen, auch viele Heimarbeiterinnen) und etwa 350 Zuschneider in den Ausstand. Einige Firmen bewilligten. Um den Unternehmern ein Nachgeben zu erleichtern, setzte die Lohnkommission der Arbeiter die Forderung der Lohnerhöhung von 15 auf 10 Prozent herab. Doch auch zu dieser Aufbesserung wollten sich die Fabrikanten nicht verstehen. Der Streik drohte einen gewaltigen Umfang anzunehmen, da die Arbeiterinnen der Damen- und Negligöwäschebranche und der Warenhäuser mit einbezogen werden sollten. Wäre es geschehen, so würden etwa 20000 Arbeiterinnen im Kampfe gestanden haben, ein ganzes Heer der Ausgebeutststen. Verhandlungen vor dem Einigungsamt des Berliner Gewerbegerichtes führten zu keiner Verständigung. Das Einigungsamt fällte nun einen Schiedsspruch, der den Streikenden folgende Zugeständnisse machte: scchsprozentige Lohnerhöhung für Fabrik- wie Heimarbeiter, achtstündige Arbeitszeit für Zuschneider, neuneinhalb- stündige für Arbeiterinnen, Abgabe von Garn und Nadeln zum Selbstkostenpreis an die Arbeiterinnen, Einsetzung einer Schlichtungskommission und Ausarbeitung von Tarifen. Nach langen Beratungen stimmten schließlich die Streikenden diesem Vermittlungsvorschlag zu und nahmen die Arbeit wieder auf. Mut, Entschlossenheit und Einigkeit haben errungen, was an Zugeständnissen durchgesetzt worden ist. Rühmend muß besonders die Haltung der Arbeiterinnen erwähnt werden. Sie gingen in den Kampf mit großer Begeisterung, die auch nicht gedämpft, sondern noch mehr entfacht wurde durch die überaus starken Aufgebote von Polizisten, die die Versammlungen und bestreikten Werkstätten„schützten". Gewiß, das Ergebnis des Kampfes kann nicht volle, ungetrübte Befriedigung hervorrufen. Die Lohnzulage ist winzig, und die festgesetzte Arbeitszeit von neuneinhalb Stunden für Arbeiterinnen— besonders in Parallele gestellt zu der achtstündigen der Zuschneider— berücksichtigt die Interessen der Arbeiterinnen ganz ungenügend. Jedoch in Anbetracht der leider immer noch äußerst schwachen Organisation der Arbeiterinnen der großen Industrie darf der Erfolg nicht unterschätzt werden. Die Arbeiterinnen selbst tragen die Hauptschuld daran, daß ihre Arbeitsbedingungen so elende sind. In ganz geringer Zahl nur gehören sie ihrer Gewerkschaft an. Hoffentlich hat der letzte Kampf ihnen die Augen für ihr Interesse und ihre Pflicht geöffnet, so daß sie in Menge der Organisatton beitreten, um in ihr Kraft und Stärke zu finden. Tun sie das, so werden sie sich bei künftigen Kämpfen nicht wieder mit mageren Zugeständnissen abspeisen lassen müssen.— In Bielefeld kam es ebenfalls zu einem Ausstand in einer größeren Wäschefabrik, über dessen Abschluß wir zurzeit jedoch Näheres noch nicht erfahren konnten. Notizenteil. Der Kampf in der sächsisch-thüringischen Textilindustrie. Der Riesenkampf in der sächsisch-thüringischen Textil- industrie ist nun zur Tatsache geworden. In Gera, Greiz, Reichenbach i. V., Netzschkau, Mylau, Glauchau, Meerane und anderen sächsischen und thüringischen Tertil- zentren hat die Unternehmerwillkür brutal gegen 20 000 Weber und Weberinnen aufs Pflaster geworfen. Und die Zahl der Ausgesperrten wird auf 40000 steigen, wenn die organisierten Färbereibesitzer ihre Drohung wahr machen und ihre Betriebe ebenfalls schließen. Ein Kampf zwischen Arbeit und Kapital ist in der deutschen Textilindustrie entfesselt, wie er sie noch nie erschüttert hat. Er ist ein Kapitel aus der Leidensgeschichte des sächsisch-thüringischen Textilprole- tariats, das seit dem Jahre 1890 um bessere Entlohnung und kürzere Arbeitszeit ringt. Was es bis jetzt in dieser Beziehung erreicht hat, das ist höchst ungenügend. Das beweisen die von der Greizer Fabrikinspektion ermittelten Durchschnittslöhne von 11 bis 12 Mk. Zahlreiche Bezirksund Ortskonferenzen der organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen hatten nun einen neuen Lohntarif ausgearbeitet, der eine Lohnerhöhung von zirka 25 Prozent und die Garantie eines Mindestwochenlohnes von 13 Mk. bei zehnstündiger Arbeitszeit vorsah. Am 15. Januar 1905 wurde dieser Tarif den Unternehmern vorgelegt, und am 1. Oftober sollte er in Kraft treten. Den Unternehmern war also neun Monate Zeit gelassen, um sich bei Festsetzung ihrer Warenpreise auf die neuen Löhne einzurichten. Ende Juli kamen die organisierten Schlotjunker ihrerseits mit einem Tarif heraus, lehnten es aber aus purer„Arbeitcr- freundlichkeit" ab, den Verband der deutschen Textilarbeiter zu den Verhandlungen über ihn hinzuzuziehen. Ihr Tarif war ein Zwitter von ganz winzigen Zugeständnissen an die Forderungen der Arbeiter und von Verschlechterungen der jetzigen Arbeitsbedingungen. Den Geraer Webern und Weberinnen zum Beispiel hätte er eine Lohnerhöhung von kaum 5 Prozent gebracht, anderen sogar den jetzigen Verdienst gekürzt. Sehr wichtige Forderungen der Arbeiter wurden grundsätzlich abgelehnt. So die Garantie eines Mindestlohnes, die Schaffung einer Tarifkommission unter unparteiischem Vorsitz usw. Geradezu hinterlistig war die Besttm- mung, daß wohl der zehnstündige Arbeitstag ausschließlich der Pausen gelten solle, daß aber die Kraftmaschinen während derselben weiterlaufen würden. Es bedeutet das Gelegenheit für„gutgesinnte" Arbeiter und Arbeiterinnen, auch die Pausen durchzuarbeiten, einen Kniff, Uneinigkeit in die Reihen der Ausgebeuteten zu tragen. Für den Fall, daß der Taris von den Arbeitern nicht anerkannt würde, drohte die Unternehmerorganisation von vornherein mit der Zurückziehung aller Zugeständnisse. Das Verhalten der Textilbarone entfachte die Unzufriedenheit der Weber und Weberinnen zu flammender Entrüstung.„So kann es nicht weiter gehen", das war die Stimmung, die sich aller bemächttgte. Es kam zu dem bereits gemeldeten Streik bei vier Geraer Firmen, auf welchen die Massenaussperrung folgte. Der Unternehmerverband geht mit aller Brutalität und Tücke vor, deren ein Scharfmacherklüngel fähig ist. Bis jetzt haben sich jedoch die Weber und Weberinnen weder einschüchtern noch verlocken lassen, ihre Forderungen aufzugeben. Die programmgemäß erfolgte Wiedereröffnung der Betriebe an bestimmten Tagen hat nur ganz wenig Arbeitswillige angezogen. Die Unternehmer stehen da wie die betrübten Lohgerber, denen die Felle fortgeschwommen sind. Trotzdem weisen sie hochmütig alle Verhandlungen ab, wie sie zum Beispiel von der Gewerbeinspeftion unter unparteiischem Vorsitz vorgeschlagen worden sind. Die kämpfenden Arbeiter dagegen haben sich dazu bereit erklärt. Die schofelste Rolle in dem entbrannten Kampfe spielt der Vorstand des christlichen Arbeitervereins von Greiz. Er fällt den Kämpfenden in den Rücken, indem er die Arbeiter auffordert, ihre Beschäftigung zu dem Unternehmertarif wieder aufzunehmen. Die Haltung der kämpfenden Arbeiter und Arbeiterinnen ist überall eine vorzügliche. Wie bei früheren Bewegungen der Textilarbeiter, so zeichnen sich auch diesmal wieder die Frauen und Mädchen durch ihr solidarisches, mutvolles Verhalten aus. Die Ausgesperrten sind entschlossen, ruhig, aber fest für das Arbeiterrecht gegen