Nr. 24 Die Gleichheit exoNeoNeoNeo Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen es Die„ Gleichheit" erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart. Inhalts- Verzeichnis. Stuttgart den 29. November 1905 " 15. Jahrgang Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furtbach- Straße 12. ,, Es ist von meiner Partei wiederholt erklärt worden, daß Sozialdemokraten Baumann, waren unter den zirka| so trat auch diesmal die Sozialdemokratie als grundsägliche Die Lösung der Frage. Von Rosa Luxemburg.-Das Frauen- 200 000 Menschen, die den Demonstrationszug bildeten, Anhängerin des vollen Bürgerrechtes der Frau auf den Plan. stimmrecht vor dem bayerischen Landtag.-Jugend und Sozialis- massenhaft Militärs vertreten; um das an der Spitze des Genosse v. Vollmar, der zu den ältesten Vorkämpfern für die mus. XV. Von Marie Chmielewski. XVI. Von Rosa Wolf. Buges getragene riesige Banner der Sozialdemokratie Gleichberechtigung der Geschlechter in unseren Reihen zählt, Ein Nachwort zu den Verbandstagen der bürgerlichen Frauen- bildete eine Gruppe höherer Offiziere mit blankgezogenem führte aus: rechtlerinnen. II.- Die Proletarierinnen Österreichs und der Säbel die Ehrenwache; in der lebendigen Kette, die den wir beim Zustandekommen dieses Gesetzes eine Reihe von Wahlrechtskampf. Von Emmy Freundlich. Aus der Bewegung: Bon der Agitation. Von den Organisationen.- Jahresbericht ganzen Riesenzug entlang von beiden Seiten Spalier großen Opfern gebracht haben, und daß es uns leid tut, der weiblichen Vertrauenspersonen Berlins.- Genoſſin Jallandt+ bildete, reichten sich in bunter Abwechslung Arbeiter, daß eine ganze Reihe unserer Anregungen ihre Erfüllung -Klara Müller- Jahnke+ Politische Rundschau. Von G. L. Studenten, Frauen, Soldaten und Offiziere die Hand. nicht gefunden haben. Zu diesen Dingen gehört auch das Nicht bloß in den Reihen der Gemeinen", auch in Frauenstimmrecht. Daß in einer Zeit, in der eine Reihe Genossenschaftliche Rundschau. Von Simon Katzenstein. Notizenteil: Der Kampf in der sächsisch- thüringischen Textilindustrie. Offizierstreisen erhebt der fortschrittliche revolutionäre unserer Forderungen, wie das Proportionalwahlverfahren, Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Quittung. Teil immer fühner die Stimme gegen die willigen Mord- immer noch nicht genug Freunde in diesem Hause haben, Feuilleton: Herren und Knechte. Von John Henry Mackay.( Gedicht.) buben des Zarismus. Das Militär im ganzen, von das Frauenstimmrecht erst recht keine Freunde finden werde, Irrlichter. Von Ada Christen.( Schluß.) einer fieberhaften Agitation der Sozialdemokratie in Atem war ganz begreiflich. Dieses große Vorurteil wird über kurz gehalten, wird mit jedem Tage unzuverlässiger, untaug fosten. Es ist heute schon insoweit ein Fortschritt zu veroder lang verschwinden müssen. Kämpfe wird es genug licher als Stüße der zusammenbrechenden Alleinherrschaft. zeichnen, als man nicht wie früher schon beim bloßen Worte Damit findet aber eine der wichtigsten taktischen Fragen Frauenstimmrecht" ausgelacht wird von Staatsbürgern, die Die Sache der Revolution marschiert im Zarenreich ihre Lösung, die auch bei uns in Deutschland, wie überall, sich mit ihrer männlichen Erhabenheit brüsten. Ich glaube, mit eherner Logik vorwärts. In diesem Moment beginnt den opportunistischen Kalkulatoren des Klassenkampfes so gescheit wie viele Männer würden die Frauen ihr Wahldie Phase der Bauernunruhen, die Revolution pflanzt arges Kopfzerbrechen bereitet. Wie kann irgend eine recht auch gebrauchen. Was nach dieser Richtung fehlt, würde also ihr Panier auf dem platten Lande auf. Bis jetzt, seit Massenaktion der modernen Arbeiterklasse, sei es auch mit der Zeit von ihnen ebenso erworben werden wie von Beginn der revolutionären Periode, schwiegen die russischen nur eine Reihe größerer Straßendemonstrationen, ein den Männern. Deshalb erkläre ich, daß wir mit der Petition Bauern. Das industrielle, von der Sozialdemokratie seit Massenstreit auf Erfolg rechnen, da wir doch auf die vollständig einverstanden sind, und daß wir, wenn die Geanderthalb Jahrzehnten in unermüdlicher Aufklärungs- starre Wand des Militarismus, auf die stahlblinkenden legenheit günstig ist und die Disposition der Geister eine arbeit beeinflußte städtische Proletariat war zuerst auf Bajonette stoßen, gegen die wir, das wehrlose Brole- bessere ist, daß wir dann das unsere tun werden, um auch dieses Recht zu erlangen." dem Plaze erschienen, es blieb bis jetzt der alleinige tariat, ganz ohnmächtig sind? So pflegen uns diejenigen Die Lösung der Frage. Zum erstenmal ereignete es sich nun in einem deutschen Parlament, daß Arm in Arm mit der Sozialdemokratie ein Bentrümler die Welt des spießbürgerlichen Vorurteils gegen das Frauenwahlrecht in die Schranken forderte. Der Abgeordnete Dr. Heim befürwortete die Petition in dieser Rede: Träger der gewaltigen Revolution und es ist dazu be- zuzurufen, die sich eine Maſſenaktion der Proletarier rufen, dank seiner Klassenlage, der klarste, entschiedenste, nicht anders als in dem starren Milieu, in der kalten am weitesten gehende und deshalb der führende Teil Atmosphäre des ruhigen parlamentarischen Alltags vordes immer mehr wachsenden revolutionären Heeres in stellen können. Sie vergessen immer und immer wieder, „ Ich bin in der Lage, im Namen allerdings ganz weniger Rußland zu bleiben. Zur Sache des städtischen Prole- daß eine ernste Massenaktion des Proletariats selbst nicht tariats hat sich bereits, und zwar noch vor der Bauern anders als in einer revolutionären Situation stattfinden meiner politischen Freunde zu erklären, daß auch wir für die masse, das Militär zu Lande und zu Wasser geschlagen. kann, in einer Situation, die bereits die ganze Volks- Petition betreffend das Frauenstimmrecht stimmen werden. Die denkwürdige Rebellion des„ Potemkin" im Schwarzen masse, das ganze Land in Gärung gebracht hat. Ist( Hört, hört! bei den Sozialdemokraten. Heiterkeit.) Gin Meere, dann die Erhebung der Matrosen in Kronstadt, dem aber so, dann erscheint auch die starre Wand der momentanes Lachen über den Gedanken, den ich damit ausan der Pforte selbst der zarischen Residenz, gleich darauf Bajonette" unter einem ganz anderen Gesichtswinfel, spreche, geniert mich durchaus nicht, ihn zu vertreten. Es ist schon manches verlacht worden, endlich beacht' worden der Aufstand der Mannschaften im fernen Wladivostok, denn in den revolutionären Momenten, wo die Sache und dann gemacht worden. Der Zeitpunkt, wo wir noch in Charbin, das ist eine Reihe von Explosionen, welche des kämpfenden Proletariats zur Sache des ganzen das Frauenstimmrecht bekommen werden, wird viel schneller die ganze russische Marine- im Süden, im Norden arbeitenden Volkes, zur Sache aller Ausgebeuteten und kommen, als die glauben, die über den Gedanken lachen. wie im Osten- in heftiger Gärung zeigen. Und überall Unterdrückten wird, da erwacht auch im Soldaten der Wenn die Tatsache besteht, daß es heute Frauen gibt, die ist es nicht etwa ein tobender Ausbruch wilder unklarer Bürger, der Sohn des Volkes, der Proletarier. Die ihren Mann ernähren und nicht der Mann die Frau( Sehr Leidenschaften eines betrunkenen„ Mobs", wie die offiziösen jenigen, die das heutige Militär als eine unwandelbare richtig! bei den Sozialdemokraten), so müßte mindestens doch russischen Telegraphenagenturen vorzulügen pflegen, um feindliche Macht der Revolution des Volkes entgegen- der ernährende Teil auch derjenige sein, der das Recht hat, natürlich bei unserer bürgerlichen Presse, allen voran bei stellen, vergessen, daß die Revolution das Militär selbst im politischen Leben mitzusprechen, denn er ist für das den„ liberalen" Blättern, frommen und willigen Glauben in ihren Strudel zieht, sie vergessen hinter dem äußeren wirtschaftliche und das politische Leben ein ganz anderer zu finden. Nein, es ist der Geist der politischen Auf- Kampflärm der Revolution ihre gewaltigste sozial und flärung, des proletarischen Bewußtseins, das Werk der historisch wichtigſte Seite: das politische Erziehungssozialdemokratischen Erziehung, was in allen bis- werk der Revolution. Und dieses vollzieht sich nicht herigen sogenannten„ Meutereien" der russischen Marine bloß an der Masse des Proletariats, an breiten Schichten zum Ausdruck kam. Auf dem„ Potemkin" wie in Kron- des Bauerntums, des Kleinbürgertums, sondern auch an stadt waren es organisierte Sozialdemokraten, die der dem in den„ Rock des Königs" gesteckten Teil der VoltsBewegung voranmarschierten; die klar und deutlich masse. formulierten Forderungen, von ausgesprochen politischem Faktor wie der andere, der geschleift wird. Ist unsere Schar auch klein, ich glaube, es wird gerade so gehen wie in anderen Fällen, die Schar derer, die unserem Gedanken ſich anschließt, wird immer größer werden. Kommen muß es, und Herr Kollege v. Bollmar hat nicht unrecht, wenn er sagt, es iſt vielleicht bei den Frauen mehr politisches Verständnis unter Umständen zu erwarten wie bei den Männern. Mindestens werden manche Frauen am Tage der Wahl nicht im WirtsDie russischen Ereignisse haben wieder einmal er- haus sitzen und nicht wählen, sondern von ihrem Stimmund zugleich proletarischem Charakter gaben der Rebellion wiesen, daß die Revolution, die neue politische recht Gebrauch machen. Ich kann also wie gesagt hiermit in allen Fällen das Gepräge einer durch und durch und soziale Probleme aufwirft, auch selbst in ankündigen, daß ein Teil von uns für die Petition stimmen wird."( Bravo! bei den Sozialdemokraten.- Große Heiterkeit.) flaffenbewußten, revolutionären Aktion. Und wenn Brand- ihrem Schoße die Lösung dieser Probleme bringt. Der Antrag, die Petition für das Frauenstimmrecht der ſtiftung, Mord, Suff und Plünderung alle diese Er- Die russische Revolution ist also wieder einmal zugleich Grsten Kammer zur Würdigung zu überweisen, wurde, wie hebungen wie dunkle Schatten begleiteten, so ist es bereits eine Mahnung an die Kleingläubigen und zaghaften zu erwarten, trotz der beiden Reden abgelehnt. Für ihn vor aller Welt offen erwiesen, daß es die Schurkenbande Rechenmeister in unseren eigenen Reihen, wie eine War- stimmten alle sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten, 23 des Zarismus war, die durch die systematische Aufstache- nung an die herrschenden Klassen, die durch immer neue lung des Lumpenproletariats unter Anführung der Pfaffen Militär- und Flottenvorlagen auch bei uns Geister auf und der Polizei die revolutionäre Erhebung der Marines die soziale Oberfläche rufen, die sie einst nicht zu bannen Rosa Luxemburg. mannschaften, wie auch der Industriearbeiter in den verstehen werden. Städten, in einer Schmutzwelle des Verbrechens zu er sticken suchte. Mord, Brandstiftung und Plünderung Landtag. Bentrümler darunter außer Dr. Heim Gerstenberger, Schirmer, Lerno und Dr. Schädler und ganze drei Liberale, sage und schreibe drei Liberale. Der auf den Hund gekommene bürgerliche Liberalismus blamierte sich durch seine Haltung wieder einmal bis auf die Knochen. Er bewies, daß er weniger liberal ist als das Zentrum! Der bewaren nicht von den„ meuternden“ Matrosen, sondern Das Frauenstimmrecht vor dem bayerischen rüchtigte„ Dank vom Hause Habsburg" für die radikalen Frauenrechtlerinnen, die bei der letzten bayerischen Landtagswahl mit dem größten Eifer der liberalen Partei Hand- und von den gedungenen„ Ordnungsstüzen" des Absolutismus als Kampfmittel gegen die Matrosen ins Werk gesetzt. 23 Zentrumsabgeordnete haben im bayerischen Landtag Spanndienste geleistet haben. Wie überschwengliche HoffAber nicht nur in der Marine, auch unter den Land- unter Führung des Dr. Heim sich für das Frauenstimmrecht nungen hatten die Damen nicht an diese ihre Mitarbeit truppen des letzten Nikolaus reift der Same der Re- erklärt. Das ist ein politisches Ereignis von großer sympto- geknüpft, wie tirilierten sie nicht von der„ Erneuerung des volution mit jeder Stunde. Bereits bei den Versuchen matischer Bedeutung. Es bestätigt, was bereits der Katho- Liberalismus" durch den Einfluß der bürgerlichen radikalen des Absolutismus, die Matrosenrebellion mit blanker lifentag zu Straßburg fündete: Unter dem Drucke der Zu- Frauenrechtelei. Und nun bringt dieser besungene erneuerte Waffe niederzumachen, versagte das Militär mehrmals. spizung der Klaſſengegensätze und der Verschärfung der Liberalismus drei Stimmen für das Frauenstimmrecht Zweimal ergaben sich in Kronstadt die zur Abschlachtung Klassenfämpfe zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten be- auf und läßt sich an geschichtlicher Einsicht und politischer ginnt sich im Zentrum eine vollständige Schwenkung in der Klugheit durch das Zentrum beschämen! Mit unbarmder Marinemannschaften abgesandten Regimenter. Mehr- Stellung zur Frauenfrage zu vollziehen. Daß diese„ Mause herziger Schärfe beleuchten die Vorgänge im bayerischen mals verweigerten die Soldaten in den Städten bei rung" im bayerischen Landtag zum Ausdruck gelangte, kam Landtag die trostlose Unfähigkeit der Frauenrechtlerinnen, Rencontres mit demonstrierenden Proletariern den Gefo: Gelegentlich der Beratung der Wahlrechtsreform hatte die geschichtliche Entwicklung zu begreifen. horsam. In Moskau, bei dem denkwürdigen grandiosen der bayerische Landtag sich mit einer Petition des Verbandes Begräbnis des von den Zarenschurken ermordeten für Frauenstimmrecht zu befassen. Wie früher schon und stets, Denn das ist das Entscheidende und Bedeutsame. Weder die schimpfliche, zopfige Haltung der Liberalen, noch die fort= 140 Die Gleichheit Nr. 24 schrittliche Strömung im Zentrum sind überraschende Erscheinungen. Umgekehrt: sie konnten mit mathematischer Sicherheit von jedem vorausgesehen werden, welcher das geschichtliche Werden verfolgt. Im letzten Grunde sind beide Erscheinungen Früchte, welche am Baume des Klassenkampfes zwischen Arbeit und Kapital reifen. Mit der Verschärfung des Klassenkampfes zwischen Arbeit und Kapital verliert der bürgerliche Liberalismus den Willen und die Kraft, auch nur im bürgerlichen Sinne liberal zu sein und die Forderungen voller Demokratie zu vertreten. Das Zentrum dagegen, seinem Wesen nach nicht weniger reaktionär und arbeiterfeindlich gesinnt als der bürgerliche Liberalismus, sucht der Entwicklung anders zu begegnen. Statt sich gegen Steuerungen zu stemmen, die unaufhaltsam sich durchsetze,«, strebt es diese seinen Interessen, den Interessen der Kirche, dienstbar zu machen. Der Grundsatz des Apostels Paulus,„das Weib schweige in der Gemeinde", die Erklärungen sämtlicher Apostel, Kirchenväter und Konzilien über die Minderwertigkeit der Frau und ihr politisches Aschenputteltum beginnen vor der Macht des lebendigen geschichtlichen Lebens zu kapitulieren. Die wirtschaftliche Revolution der Frauenstellung schlägt das kirchliche Dogma vom Weibe„als einer Rippe", einer Dienerin, einem Mündel des Mannes. Das Frauenstimmrecht wird mit der Zeit für das Zentrum zu einem unentbehrlichen, zu dem letzten Mittel, seine Herrschaft über breite Volksmassen noch aufrecht zu halten. Es soll Ersatz schaffen für die Männerstimmen, die ihm die Sozialdemokratie mehr und mehr entzieht. Was wir vor kurzem über den sich vollziehenden Entwicklungsgang ausführten(Nr. 18„Klerikaler Frontwechsel"), ist durch die Behandlung des Frauenstimmrechtes im bayerischen Landtag rasch bestätigt worden. Wir steuern der Zeit entgegen, wo das Zentrum zu Nutz und Frommen der Kirche und der besitzenden Klassen die Frau in der Gemeinde sprechen lassen will. Sorgen wir durch die Erweckung und Schulung des prolelarischen Klassenbewußtseins in den Fraucn- massen dafür, daß sie nicht als Hürerinnen der sozialen Reaktion das geschichtliche Blachseld betreten, sondern als Kämpferinnen für die soziale Revolution. Zugend und Sozialismus. xv. Alles, was bisher von Genossen und Genossinnen Wissensund Beherzigenswertes zu dem obigen Thema geschrieben worden ist, beweist die wachsende Erkenntnis davon, wie nötig es ist, unsere Jugend zum Sozialismus zu erziehen. Es ist eine ernste Ausgabe, sich über die Mittel und Wege klar zu werden, welche diesem Ziele dienen, denn sicher ist, daß etwas Bestimmtes geschehen muß. Allerdings scheint auch mir, daß auf die zehn- bis vierzehnjährigen Kinder nur indirekt im Sinne des Sozialismus eingewirkt und dadurch das Verständnis für denselben, die Liebe zu ihm vorbereitet werden kann. Das muß durch Wort und Schrift geschehen, und vor allem durch die Tat der Eltern im Hause, das muß aber auch durch verständnisvolle Maßnahmen der Parteiorganisationen gefördert werden. Was die Schwierigkeiten anbelangt, welche die Behörden der Jugendausklürung, und insbesondere gewiß ganz besonders derTätigkeitvonJugendheimen entgegenstellen werden, so kann ich ein Beispiel von der Art dessen berichten, das Genosse Davidsohn in Nr. 20 mitgeteilt hat. Es zeigt, daß den„hohen Obrigkeiten" die kleinlichsten Schikanen nicht zu kleinlich sind, wenn sie im Interesse der heiligen Geldsacksordnung den Sozialismus bekämpfen können. Auch in Magdeburg ließ sich eine Anzahl Genossen und Genossinnen schon im vorigen Jahre angelegen sein, etwas für die Erziehung der proletarischen Jugend zu tun. Jeden Sonntagvormiltag zwischen 11 bis 1 Uhr versammelten sich zehn- bis vierzehnjährige Knaben und Mädchen in einem Gesellschaftssaal von Magdeburg-Neustadt unter Aufsicht und Leitung von Erwachsenen, beziehungsweise der Eltern. Die Kinder vergnügten sich an Turn- und Kampfspielen, übten Chorgesänge und dreistimmige Volkslieder unter der Leitung eines Gesanglehrers ein. Bei schlechtem Wetter und während der Pausen wurden Erzählungen, ausgewählte Stücke aus Jugendschriften usw. vorgelesen. Kurz, die Veranstalter der Zusammenkünfte ließen sich angelegen sein, nach besten Kräften durch Verbindung von Unterhaltung und Belehrung Gutes für Körper, Geist und Gemüt der Kinder zu wirken. Die Freude und das Glück der kleinen Proletarier währte jedoch nicht lange. Vier Wochen vor Weihnachten erschienen plötzlich sechs Geheimpolizisten unter Führung eines Kriminalkommissars in der Gesangstunde und hoben die Zusammenkunft auf; die Namen der anwesenden Kinder und Erwachsenen wurden notiert, die mit der Aufsicht und Leitung betrauten Genossen und Genossinnen einem scharfen Verhör unterzogen. Es erfolgte das Verbot der Gesangstunden und der Vorlesungen unter Androhung von 1S0 Mk. Geldstrafe sür jeden Übertretungsfall. Die Veranstaltungen, so hieß es, seien als Privatunterricht anzusehen, sür den nach Paragraph so und so viel eine Erlaubnis der betreffenden Schulbehörde eingeholt werden müsse. Die Berufung gegen diese Entscheidung wurde zurückgewiesen. Jedoch die Hindernisse, auf die wir bei Ausführung unserer Absicht stoßen, dürfen uns nicht abhalten, eine Organisation der schulentlassenen Jugend anzustreben und auf alle Fälle die sozialistische Erziehung derselben ernstlich in Angriff zu nehmen. Meiner Ansicht nach könnten außer den Turn- und Gesangvereinen auch die Frauenbildungsvereine und Frauenchöre viel dazu beitragen, die jugendlichen Proletarier zu sammeln und mit sozialistischer Gesinnung zu erfüllen. Durch entsprechende Unterhaltungs-, Rezitations-, Lese- und Diskutierabende, an denen sowohl unsere Klassiker wie zeitgenössische Dichter zum Worte kommen, an denen sorgfältig gewählte Stücke aus den Werken der großen sozialistischen Denker, leichtverständliche Abhandlungen aus der sozialistischen Literatur, den Naturwissenschaften, der Völkerkunde usw. vorgelesen und besprochen iverden, kann in dieser Hinsicht sehr viel geschehen. Die jungen Leute beider Geschlechter iverden sich durch den Gedanken gehoben fühlen, daß sie Gegenstand der Fürsorge sind, und daß sie selbst mittun dürfen, wenn auch zunächst nur bei Unterhaltungen, geselligen Zusammenkünften und Festen. Ihre Begeisterungsfähigkeit wird beste Nahrung finden, ihr Geist Anregung und Belehrung. Das sozialistische Empfinden, das vom Elternhaus geweckt und entwickelt worden ist, kann so allmählich zu bewußter sozialistischer Erkenntnis heranreifen, die nach gründlicher Schulung und ernster Betätigung verlangt. Möchte die Diskussion der Jugendsrage noch recht viele praktische Winke für die Erziehung zum Sozialismus zutage fördern. Möchte sie unter anderem auch die Genossen und Genossinnen zu intensivster Ausklärungsarbeit unter den Proletariern und Proletarierinnen anspornen, welche noch nicht zum Bewußtsein ihres Wertes und ihrer Macht erwacht sind. Je mehr der Sozialismus auch in die gedrückteste, mutloseste Arbeiterfamilie dringt, je mehr Eltern sein Wort zum Kampfe aufruft und zum Bewußtsein ihrer Pflicht gegen ihre Kinder bringt, um so größere Gewißheit haben wir, daß die Massen der jungen Proletarier zu Kämpfern für die Befreiung ihrer Klasse und der gesamten Menschheit heranwachsen. Marie Chmielewski, Magdeburg. XVI. Die Ansichten der meisten Genossen und Genossinnen, die sich bis jetzt zu der Jugendfrage geäußert haben, stimmen darin überein, daß die sozialistische Erziehung der Jugend eine Notwendigkeit sei, daß aber die vom Genossen Krüger vorgeschlagenen Jugendheime sich nicht verivirklichen lassen würden. Ich pflichte ihnen darin bei. Auch wenn es uns gelänge, Räume, Lehrkräfte und alle Erfordernisse solcher Heime zu beschaffen, wären wir noch lange nicht über den Berg der Schwierigkeiten hinweg. Genosse Davidsohn hat mit Recht auf eine der größten davon hingewiesen. Wozu gäbe es denn in Deutschland gut bezahlte Spitzel, die unsere Erziehungsarbeit in den Jugendheimen überwachen können, und gut bezahlte Behörden, die nicht zögern werden, unseren Gründungen als staatsfeindlichen Einrichtungen das Lebenslicht auszublasen. Ferner müßten wir auch damit rechnen, daß die gut preußisch-deutsch gesinnten Lehrer und Lehrerinnen, welche für das„herrliche Kriegsheer" und die„gräßliche Flotte" schwärmen, alles aufbieten würden, was nur in ihren Kräften steht, um die proletarischen Kinder den Jugendheimen fernzuhalten und in ihren Seelen zu vernichten, was dort gepflegt werden soll. Tagegen scheint mir, daß die Gründung von Jugendbildungsvereinen eher durchführbar ist. Sie sollten Knaben und Mädchen aufnehmen, die aus der Schule entlassen sind, und ihnen an mehreren Abenden wöchentlich Anregung und Belehrung bieten, welche die Sympathie für die sozialistischen Ideen weckt und die spätere gründliche Schulung in denselben vorbereitet. Selbstredend müssen diese Jugendbildungsabende von tüchtig geschulten Männern und Frauen geleitet werden, die nicht bloß geistig führen können, sondern als Persönlichkeiten vorbildlich wirken, in denen die hohe kulturelle Macht der sozialistischen Ideen lebendig ist. Vorträge, welche dem Verständnis der Jugendlichen angepaßt sind, müssen vor allem in die Natur- und Gesellschaftswissenschaften einführen. Die Lektüre hervorragender Werke der Dichtkunst, besonders auch von Dramen, und daran anknüpfende Besprechungen sind meiner Meinung nach vorzüglich geeignet, erzieherisch im Sinne des Sozialismus zu wirken. Der Bildungsdrang der jungen Leute selbst wird den entsprechenden Bemühungen entgegenkommen. Im Alter von 14 bis 18 Jahren ist er besonders lebendig, da faßt der Geist wohl am leichtesten auf, und das Gemüt ist für alles Schöne, Große und Gute besonders empfänglich. In Jugendbildungsvereinen können wir die geistige und sittliche Grundlage dafür schaffen, daß die Kinder der Ar/ beiterklasse zu kampfgerüsteten Proletariern und Proletarierinnen heranwachsen. Mit welcher Begeisterung werden nicht Mann und Frau für die hehren Ziele des Sozialismus kämpfen, wenn sie schon von Jugend an diesem zugeschworen sind und seine ganze ideale Bedeutung schätzen gelenit haben. Wohl gibt es eine kleine Zahl glücklicher Genossen und Genossinnen, die ihre Kinder daheim im sozialistischen Sinne zu erziehen vermögen; aber den meisten Arbeitereltern fehlt es an der Zeit, sich ihren Söhnen und Töchtern widmen zu können. Darum muß die Allgemeinheit hier nachhelfend und ergänzend eingreifen. Aus der Arbeiterklasse heraus müssen Bildungsorgane für die proletarische Jugend geschaffen werden, und Genossen und Genossinnen, die über die erforderliche Zeit und Bildung verfügen, müssen sich tatkräftig an dem sozialistischen Erziehungswerk beteiligen. Es ist ihre Pflicht und wird ihnen die höchste Befriedigung gewähren. Rosa Wolf, Cöln. Ein Nachwort zu den Verbandstagen der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. ii. Es gibt nur eine einzige politische Partei, welche die gesamten Klasseninteressen des Proletariats vertritt. Das ist die Sozialdemokratie. Von allen politischen Parteien ist sie es mithin allein, welche alle Gegenwarts- und Zukunftsforderungen der proletarischen Frauen verficht. Sie ist die einzige Partei, die ehrlich und nachdrücklich für alle Reformen kämpft, welche diese in ihrer Eigenschaft als Glied der ausgebeuteten Klasse von dem kapitalistischen Staat, der kapitalistischen Ordnung heischt. Doch tiefer und fester noch als dadurch ist die innere Verbindung zwischen Proletarierin und Sozialdemokratie gegründet. Die Sozialdemokratie ist vor allem die einzig? politische Partei, welche für die Befreiung der Proletärierin aus den Ketten des Kapitals streitet. Sie bekämpft grundsätzlich die kapitalistische Ordnung selbst, welche die Ursache der Ausbeutung und Knechtung aller Glieder des Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts ist. Sollte das süße Gerede von der einen großen Schwesternschaft aller Frauen mehr als gedankenlose Phrase sein, sollte hinter dem tönenden Worte die konsequente Tat stehen: so müßten die radikalen Frauenrechtlerinnen zum Mitkampf in den Reihen der Sozialdemokrarie aufrufen, der Jutereffenverteidigerin und Befreierin der Millionen Frauen, die den ausgebeuteten Massen angehören. Und noch ein anderer Grund müßte die entsprechende Losung diktieren. Das Interesse des Weibes, das nicht bloß die Gleichstellung der Geschlechter im Recht fordert, sondern vor allem eine soziale Ordnung der Dinge, welche eine Lösung der Konflikte ermöglicht, die auf dem Boden des Privateigentums, der kapitalistischen Ordnung bei sozialer und rechtlicher Gleichstellung zwischen Frau und Mann unvermeidlich emporwachsen. Die Sozialdemokratie ist in Deutschland die einzige Partei, die grundsätzlich und geschlossen für die volle Gleichheit der Rechte beider Geschlechter eintritt. Doch mehr noch und Bedeutsameres. Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, welche eine Gesellschaftsordnung anstrebt, in der die Frau alle Seiten ihres Wesens ohne soziale Hemmungen entwickeln und betätigen kann, in der ihrem Weibtum und ihrem Menschentum in harnionischem Nebeneinander sein Recht zu werden vermag. In diesem geschichtlichen Zusammenhang ruht der zwingendste Grund— so sollte man meinen—, der in das Lager der sozialen Revolution jede Frau treiben müßte, die in glühendem Sehnen danach trachtet, den Menschen in sich zu befreien, ohne das Weib in sich zu knechten. Was haben nun angesichts der aufgezeigten sozialen Verknüpfungen die Verhandlungen der frauenrechtlenschsn Radikalen über die politische Betätigung der Frauen dargetan? Sie haben einmal mehr bestätigt, daß die Klassenzugehörigkeit der Damen sowohl die vielberufene Schwesternschaft mit den Proletarierinnen wie auch das höchste Fraueninteresse an einer freien Zukunft in die Knie gezwungen hat. Statt der einheitlichen, zielbewußt gegebenen und begründeten Parole, für Frauenrecht und Frauenfreiheit an der Seite der Sozialdemokratie zu kämpfen, ein verworrenes Durcheinander von Meinungen, dessen Angelpunkt die Aufforde- rüng war, die bürgerlichen Frauen müßten sich als Hilss- truppe der liberalen Partei betätigen. Der liberalen Partei, die in ohnmächtiger Wut gegen das siegreich vorwärts dringende Proletariat dem Junkertum und der selbstherrlichen Regiererei die Steigbügel hält; die Militarismus und Marinismus mitsamt der Kolonialfexerei groß zog; die Sozialistengesetz und Zollwucher guthieß; die das allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlrecht haßt und den Wahlrechtsraub in Sachsen, Hamburg und Lübeck, die Wahlrechtsprellerei in Bayern auf dem Gewissen hat; der liberalen Partei mit einem Worte, die mit der schlimmsten Reaktion durch dick und dünn trabt, und die noch je und je mit den Interessen des gesamten Proletariats auch die der prolelarischen Frau verraten hat! Und damit nicht genug. Frauen, die sür ihr Recht kämpfen, wird angesonnen, der liberalen Partei zu dienen, die noch nie Stellung zur Frauenfrage genommen hat, deren übergroße Mehrheit die politische Rechtsgleichheit der Geschlechter als eitel Torheit verwirft und sogar die dringlichste Abschlagszahlung darauf ablehnt: ein freiheitliches Reichsvereinsgesetz für Frauen wie Männer. Daß Gott erbarm! Gewiß: Fräulein Heymann hat als Referentin über die Frage der politischen Betätigung der Frauen gewaltig die Zünglein zum Lobe des Liberalismus ausgeblasen. Waren nicht die bayerischen Liberalen„forlschrittlich" genug gewesen, im letzten Wahlkampf gnädigst die Hilfe frauenrecht- lerischer Damen entgegenzunehmen? In der Sonne dieses „Ereignisses" waren die Hoffnungen auf die Belehrung und Bekehrung des Liberalismus gar üppig in die Halme geschossen. Aber während unsere„Radikalen" noch in der Erinnerung der liberalen Arme schwelgten, die sie„offen ausgenommen hatten", applizierten ihnen liberale Beine einen außerordentlich ernüchternden kräftigen Fußtritt. Die Partei der bayerischen Liberalen, deren„Erneuerung" die Damen dank ihres Einflusses im Geiste sehen, brachte armselige drei Stimmen für das Frauenwahlrecht auf. Aber freilich: was als Unkonsequenz der Anschauung erscheint, als klaffender Gegensatz zwischen dem Ziel und dem Wege des frauen- rechtlerischen Kampfes, das enthüllt sich als Konsequenz der Klassenlage, das ordnet sich in geschlossener Einheitlichkeit dem bürgerlichen„Endziel" unter: die kapitalistische Ordnung der Klassengegensätze im Interesse der ausbeutenden und herrschenden Klaffen zu erhallen. Nur im Lichte dieser geschichtlich begründeten Tatsache wird es erklärlich, daß Frauen, welche die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes auf ihr Banner geschrieben haben, sich für den bürgerliche» Liberalismus begeistern, der diese Gleichberechtigung ablehnt. und daß sie die Sozialdemokratie schmähen und bekämpfen, welche dieselbe grundsätzlich vertritt. Die markantesten Führerinnen des Verbandes für Franem stimmrecht, Fräulein Heymann und Fräulein Augspnrg, suchten den Gegensatz zur Sozialdemokratie durch Behauptungen zu rechtfertigen, rbelche üb-'' die Unwahrhastigkeit hinaus tu Nr. 24 Die Gleichheit hart an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit gingen. Die letztgenannte Dame erklärte mit der ihr eigenen wagemutigen Phantasie, die Sozialdemokratie verleugne in ihren Taten prinzipiell die Rechte der Frau. Ahnlich, wenn auch nicht ganz so verstiegen, äußerte sich Fräulein Heymann. Hinter die allgemeine Verdächtigung haben die eifernden Damen auch nicht eine einzige beweisende Tatsache gestellt. Wo hätten sie dieselbe auch hernehmen sollen angesichts der geschichtlichen Wahrheit? Zugegeben, daß bei den und jenen Sozialdemokraten die Praxis hinter der Theorie von der Gleichberechtigung der Frau nachhinkt. Was aber hat dies mit der Haltung der Partei als Ganzes zu tun? Tatsache ist, daß die Sozialdemokratie nicht bloß ihrem Programm, sondern ihrem Wesen getreu überall und jederzeit für das unverkümmerte Recht des weiblichen Geschlechtes grundsätzlich und geschlossen eintritt, es in ihren eigenen Reihen anerkennt und zu verwirklichen strebt. Tatsache ist ferner, daß die Partei in ihrer Gesamtheit noch stets spießbürgerliche Entgleisungen einzelner verurteilt und rektifiziert hat. Dies aber ist das Ausschlaggebende und zugleich das Gegensätzliche zu allen bürgerlichen Parteien. Die Taten des Verständnisses einzelner bürgerlicher Politiker für die Fraucnforderungen werden durch die entsprechenden Sünden ihrer Parteien ausgelöscht. Bei den bürgerlichen Parteien triuniphiert die Rückständigkeit der Gesamtheit über die Einsicht der einzelnen; in der Sozialdemokratie wird umgekehrt die Rückständigkeit einzelner durch die Einsicht der Gesamtheit überwunden. Die srauenrechtlerischen Verleumderinnen der Sozialdemo- krgne �müssen denn auch aus Deutschland ins Ausland «Hest, um einen Schein von Rechtfertigung ihrer Be- chanptungen aufzuklauben. Aber Belgien! rufen sie anklagend, Belgien! Hat dort nicht die sozialistische Arbeiterpartei bei ihrer letzten großen Wahlkampagne die Forderung, des Frauenwahlrechtes zurückgestellt! Wir könnten darauf billig erwidern, daß bei aller Jnternationalität des kämpfenden Proletariats die einzelne Aktion irgendeiner sozialistischen Partei nicht zum allgemeinen Kriterium für die Sozialisten aller Länder gemacht werden kann. Die deutschen Frauenrechtlerinnen haben sich zunächst mit dem Verhalten der deutschen Sozialdemokratie und nicht mit dem ihrer belgischen Bruderpartei auseinanderzusetzen. Doch sehen wir davon ab. Lagen denn die Dinge in Belgien etwa so, daß sie irgend ein höheres Vertrauen der Frauenrechtlerinnen in den angeschwärmten bürgerlichen Liberalismus als in die angekeifte sozialisttsche Partei begründen? Mit Nichten, gerade das Gegenteil trifft zu. Die belgischen Sozialisten haben die Forderung des Frauenstimmrechtes wie die Herabsetzung des Wahlalters fallen lassen unter dem Einfluß des Zusammengehens mit den Liberalen, in deren„offene Arme" die deutschen Frauen sich stürzen sollen. Will man schon die betreffenden Vorgänge in Belgien an der Elle beschränkter bürgerlicher Frauenrechtelei messen, so bleibt als vornehmster Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Frau keineswegs der Liberalismus auf dem Plane, vielmehr der— Klerikalismus. Aber überhaupt, welchen Sinn hat gerade in Deutschland das ganze frauenrechtlerische Gehabe von dem vorgeblich zu geringen Eifer der Sozialdemokratie im Kampfe für Frauenrechte? Die radikalen Damen mögen uns eine einzige bürgerliche Partei zeigen, die in diesem Kampfe nicht etwa mehr geleistet hat als die Sozialdemokratie, nein, seien wir bescheiden, nur annähernd soviel wie sie; sie mögen uns die frauenrechtlerische Organisation nennen, die nachhaltiger und ernster für das volle Bürgerrecht des weiblichen Geschlechtes wirkt als sie: und wir gestehen ihnen das Recht zu, Steine auf die Partei des klassenbewußten Proletariats zu iverfen. Das ganze Ach- und Wehgeschrei über den prinzipiellen und praktischen Verrat der Frauenrechte durch die Sozialdemokratie ist eitel Schaumschlägerei, bestimmt, die Tatsache zu verdecken, daß auch den radikalen Frauenrechtlerinnen ihr Interesse als Glieder der bürgerlichen Klasse mehr am Herzen liegt, wie ihr Recht auf volle soziale Wertung und Befreiung als Frauen. Das ist der Sinn des plump sinnlos scheinenden Spuks. Fräulein Heymann sprach es mit erfrischender Deutlichkeit aus, warum die Frauenrechtlerinnen zur Sammlung um den bürgerlichen Liberalismus blasen.„Die bürgerlichen Frauen /onnen die Klasscnpolitik der Sozialdemokratie nicht mitzumachen." Das stimmt. Aber nur in politischen Kleinkinderstuben wird man der Schlußfolgerung glauben, welche die Damen zwitschern: daß sie als Bundesschwestern der Liberalen in ethischer Verklärung statt eines Klasseninteresses das Allgemeininteresse vertteten. Eine jede ernsthaft zu nehmende politische Partei treibt Klassenpolitik und muß sie treiben, solange eine Gesellschaft der Klassengegensätze besteht. Nur polittsche Träumer, Hansnarren und Gaukler können sich als die„Übermenschen" gebärden, die jenseits der Klassengegensätze eine Allerweltsheilpolitik verwirklichen. Nicht daß die Sozialdemokratie Klassenpolitik treibt, scheidet sie also von den bürgerlichen Parteien, sondern daß sie dieselbe im Interesse der ausgebeuteten Massen treibt und nicht— wie ihre , Gegner— im Interesse der ausbeutenden Minderheit. Indem die Führerinnen des Frauenstimmrechtsverbandes die Werbetrommel für den bürgerlichen Liberalismus rühren, treten sie als politische Kämpserinnen für die bürgerlichen Klasseninteressen in die Schranken. Ihre innerliche Wesensgleichheit mit dem bürgerlichen Liberalismus ist übrigens gerade gelegentlich der Berliner Tagungen recht hell in Erscheinung getreten. Von dem Zollwucher bis zur Ostmarkenpolitik— des Flottenrummels nicht zu vergessen— hat es keine politische Schurkerei oder Narretei gegeben, die nicht ebenso wie soziale und politische Reformen von einer radikalen Frauenrechtlerin enthusiastisch verteidigt worden wäre. In dem Durcheinander und Gegeneinander der politischen Meinungen haben wir die echt liberale Prinzipien- und Rückgratslosigkeit mitsamt ihrem Untergrund des bourgeoisen Wesens leibhaftig vor uns. Nichts liegt uns ferner, als den srauenrechtlerischen Radikalen einen Vorwurf aus dem zu machen, was geschichtlich bedingt ist. Mehr noch, wir begrüßen es, daß sich allmählich in dem Chaos der ideologischen Phrasen das bürgerliche Klassenbewußtsein der Damen immer bestimmter kristallisiert. Wir wenden uns nur gegen die Falschmünzerei, die das ganz gewöhnliche bourgeoise Klasseninteresse zu allgemeinem Fraueninteresse umprägen will. Gewiß: es sind in Berlin grundsätzliche und taktische Erwägungen gegen den bedingungslosen Treuschwur zum Liberalismus und für ein eventuelles Zusammengehen mit der Sozialdemokratie laut geworden. Aber das ändert nicht, das ergänzt nur das Bild. Man gedenke der Barth, Naumann und wie sie alle heißen die liberalen Männer, die mit etwas Kritik an dem Liberalismus und etivas Liebäugeln mit einer„gemauserten" Sozialdemokratie die Vertretung der bürgerlichen Klassenintereffen„harmonisch" zu vereinen verstehen. Man vergesse über den Worten nicht, daß der Verband für Frauenslimmrccht— wo er bisher in den politischen Kampf eingriff— einzig und allein für den bürgerlichen Liberalismus und gegen die Sozialdemokratie auf die Schanze getreten ist. Von der Erneuerung des Liberalismus durch die radikale Frauenrechtelei fabulierten die tagenden Damen. Der geschichtlichen Entwicklung gegenüber steht offenbar die Kürze ihres Blickes in umgekehrtem Verhältnis zur Länge ihrer Ohren. Denn während sie den Johannistrieb des Libera- lisinus in der Zukunft rauschen hören, sehen sie nicht in der Gegenwart, dicht vor ihrer Nase, die abstoßendsten Symptome seines Alrerns und Verwesens. Auch das ist begreiflich. Der radikalen Frauenrechtelei selbst steckt das Erbteil des Siechtums im Blute. Sie ist in Deutschland geboren worden, behaftet mit allen Merkmalen des historischen Verfalls der bürgerlichen Klassen. Statt den Liberalismus verjüngen zu können, muß sie mit ihm politisch dahinkrüppeln. Das geschichtlich Lebendige verbindet sich nicht mit dem Absterbenden. Die klassenbewußten Proletarierinnen können keine Neigung spüren, sich im Hause des Todes mit den radikalen Frauenrechtlerinnen zur Schwesternschaft zu sammeln. Die Proletarierinnen Österreichs und der Wahlrechtskampf. Im Zeichen der unaufhaltsam vorwärts schreitenden Revolution in Rußland hat auch in Österreich das Proletariat aller Nationen den Kampf um eine neue Verfassung eröffnet. Unsere Wahlrechtskämpfe sind nichts anderes als das Streben des Proletariats, die österreichische Scheinkonstitution in eine Verfassung zu verwandeln, die des Volkes Recht voll berücksichtigt. Gleich den russischen Frauen nehmen die Proletarierinnen in Österreich tätigen Anteil an dem weltgeschichtlichen Ringen. Als am Parteitag der Kampf mit allen Mitteln beschlossen wurde, erklärte Genossin Popp im Namen der Arbeiterinnen, daß auch diese bereit seien, alles hinzugeben für das Recht. Diese Worte fanden begeisterten Widerhall in den Herzen der geknechteten Proletarierinnen. Kaum fanden die ersten Demonstrationen statt, so waren Frauen in großer Anzahl dabei. Oft mußten sie stundenweit herkommen, im Dunkeln zeitig von daheim weggehen, um nur mitdemonstrieren zu können. Alle sagten begeistert:„Was wir täglich im Dienste des Kapitals tun können, das können wir auch einmal im Kampfe für unser Recht." Und die so sprachen, das sind nicht nur alte Genossinnen, auf die wir stets zählen konnten, wenn immer die sozialdemokratische Partei rief. Diesmal sind Arbeiterinnen aus ihrer Teilnahmlosigkeit aufgerüttelt worden, die wir bisher trotz aller Mühe und aller agitatorischer Arbeit nie zum Kampfe heranholen konnten. Was in Osterreich vor wenigen Monaten niemand für möglich gehalten hätte, wird in allen Teilen des Landes an dem Tage geschehen, wo das vom Fluche des Volkes gestürzte Parlament zu seiner letzten Arbeit zusammentreten wird, sich ein Grab zu bereiten. In den Städten und den großen Jndustriedörfern der Provinz wird von 10 bis 12 Uhr vormittags die Arbeit ruhen, in Wien den ganzen Tag. Die Webstühle und Maschinen werden stille stehen und die Schlote nicht mehr rauchen, weil die Arbeiterschaft es will. Männer und Frauen, Heimarbeiter und Fabrikarbeiter, die Sklaven der Industrie und des Kleingewerbes, alle werden in ihren staubigen Arbeitskitteln erscheinen und in unabsehbaren Zügen durch die Städte und Dörfer wallen. Vor dem Parlament werden nicht nur die Proletarier Wiens, sondern auch Deputationen der Arbeiterklasse aus dem ganzen Reiche vorbeiziehen. Die gewaltige Demonstration kündet allen Volksfeinden:„Hier stehen wir in unserer ganzen Macht, wehe euch, wenn ihr zaudert oder von neuem uns ein ungleiches Wahlrecht geben wollt. Dann werden diese ruhigen Massen im Sturme nehmen, was ihr nicht geben wollt." Keiner wird diesen großartigen Eindruck vergessen, keiner wird nach Hause gehen, der nicht durch diese stolze Heerschau neu gestärkt in der Gewißheit unseres Sieges wäre. Allch die Proletarierinnen werden bei dieser bedeutsamen Kundgebung nicht fehlen. Sie waren auch jetzt schon dabei, wo das Proletariat sein Recht forderte. Als die Wiener und Prager Polizei auf die demonstrierenden Arbeiter einHieb, wurden auch Frauen verwundet, manche sogar schwer. Und wenn die bürgerlichen Parteien die Wahlreform ver- chlechtern und wieder alle möglichen und unmöglichen Systeme einführen wollen, nur nicht das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, dann werden die Arbeiterinnen in dem Massenstreik mitkäinpfen, zu dem die Arbeiterklasse fest entschlossen ist. Nach der Erklärung des Ministerpräsidenten Freiherrn von Gautsch, daß eine Wahlrcform eingeführt werden solle, haben die bürgerlichen Blätter uns geraten, wir sollten nun abrüsten. Die Arbeiterklasse Österreichs weiß, daß Ministerversprechen nicht immer gehalten werden, und ist fest entschlossen, erst Gewehr bei Fuß, wenn das Gesetz sanktioniert ist. Wir Frauen aber halten mit. Kampfespflicht ist Mutterpflicht! Wir kämpfen für die freie Zukunft unserer Kinder und um ihr Recht. Denn nur wenn unsere Männer und Brüder, unsere Väter und Söhne das Wahlrecht besitzen, wird es auch den Frauen zuteil werden. Mähr. Schönberg. Emmy Freundlich. Aus der Bewegung. Von der Agitation. Im Aufttag des Fabrikarbeiterverbandes, Gau X, hielt Genossin Kähler-Dresden in einer Reihe von Küstenstädten Norddeuts chlands Agitationsversammlungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Fischindustrie ab. Das Thema lautete überall:„Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Fischindustrie". Versammlungen fanden statt in Lübeck, Hamburg, Altona-Ottensen, Kiel, Eckernförde, Kappeln, Harburg und Bergedorf. Im Durchschnitt erfreuten sie sich eines guten Besuchs und brachten der Organisation eine große Anzahl neuer Mitglieder. Die Arbeitsverhältnisse der Arbeiterinnen in der Fischindustrie sind die denkbar traurigsten, wie wir später »achweisen werden. Weitere Versammlungen, von dem Fabrikarbeiterverband veranstaltet, fanden statt in Itzehoe, Kellinghusen und Pinneberg. Sie waren ebenfalls gut besucht und führten der Organisation Mitglieder zu. Hoffentlich halten alle neu gewonnenen Kämpfer und Kämpferinnen treu zum Verband, damit endlich einmal die elenden Zustände gebessert werden können, gegen welche die Organisation zu Nutz und Frommen der Ausgebeuteten kämpft. Namentlich tut dies für die Arbeiterschaft der Fischindustrie bitter not, deren Arbeitsbedingungen zum Teil durch die Veröffentlichung der Protokolle des Beirats für Arbeiterstatistik grell beleuchtet worden sind. Je eine öffentliche Frauenversammlung fand in Alto na und Sande statt. Beide waren nur mittelmäßig besucht, hatten aber einen guten Erfolg. Es wurde eine hübsche Anzahl Abonnenten für die„Gleichheit" gewonnen, und in Sande übernahm eine Genossin das Amt als Vertrauensperson und wird in sachgemäßer Weise die Agitation unter den Frauen pflegen. In Werdau(Sachsen) referierte Genossin Kähler in einer von zirka 9 Personen besuchten Textilarbeiterversammlung. Thema:„Die Aussperrungstaktik der Arbeitgeber". Die Ausführungen gipfelten in der Aufforderung, sich fest dem Textilarbeiterverband anzuschließen, damit die Sehnsucht der Textilmagnaten zuschanden werde, die Arbeiter noch mehr zu knebeln als bisher. Die Debatte förderte unerhörte Zustände ans Tageslicht. Hungerlöhne und lange Arbeitszeit sind dort an der Tagesordnung, was Wunder, daß es unter den Arbeitern gärt und brodelt. Der Erfolg des Abends war: 70 Neuaufnahmen für den Textilarbeiterverband und 6 Abonnenten für das„Sächsische Volksblatt". Mögen die Scharfmacher die Wahrheit des Sprichwortes erfahren:„Wer Wind säet, wird Sturm ernten." VV. X. In Stralsund fand Ende Oktober eine öffentliche Frauenversammlung statt, die leider trotz der umfassendsten Agitation wenig besucht war. Die Unterzeichnete behandelte das Thema:„Die Frau und der Sozialismus". Genossin Reetz wurde als Vertrauensperson gewählt. Eine kleine Anzahl Frauen bemüht sich seit langem in Stralsund, die Bewegung zu fördern, doch ist es bisher nicht geglückt, nennenswerte Erfolge zu erzielen. Die Arbeiterinnen fürchten Entlassung, sobald sie sich organisieren würden. Und doch sind die Verhältnisse so erbärmliche, daß die Organisation dringend nötig wäre. In der Spielkartenfabrik arbeiten viele Frauen und Mädchen, die mit 4 Mk. pro Woche entlohnt werden. Ahnlich sind die Löhne in anderen Bettieben. Die Genossinnen wollen nun versuchen, die Bewegung dadurch zu fördern, daß sie eine Hausagitation für die„Gleichheit" betteiben. Ferner sollen die Frauen— da sie nicht in die Versammlungen kommen— durch Flugblätter aufgeklärt und für die sozialistischen Ideen empfänglich gemacht werden.— Die erste öffentliche Versammlung, die von den Frauen veranlaßt war, wurde kürzlich in Barth an der Ostsee abgehalten. Die Unterzeichnete sprach über: „Die Frau im Klassenkampf". Es war eine Freude, die lebhaften, aufmerksamen Gesichter der Männer und Frauen zu beobachten, welche in dem kleinen Seestädtchen sehr zahlreich der Versammlung beiwohnten. Genossin Kirchner wurde als Vertrauensperson gewählt, die„Gleichheit" gewann zehn Abonnentinnen. 18 Frauen zeichneten sich für einen zu gründenden Frauenbildungsverein in die Liste. — Die Arbeiterbewegung ist in dem Städtchen seit noch nicht einem Jahre in Fluß gekommen, und es pulsiert frisches Leben in ihr. Die Gewerkschaften zählen viele Mitglieder; auch der sozialdemokratische Verein ist bereits beachtenswert. Die Genossen haben erkannt, ein wie guter Bundesgenosse im Klassenkampf die aufgeklärte Frau ist. Sie werden daher, bviel an ihnen liegt, die Frauenbewegung fördern. Die bereits ziemlich reichhaltige Bibliothek der Genossen steht den Frauen zur Verfügung. Ein Glückauf den tatttäftigen Männern und Frauen! 0. g. 142 Die Gleichheit Nr. 24 In Mülheim a. Rh. fand Ende Oktober eine öffentliche Versammlung mit der Tagesordnung statt:„Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen im 20. Jahrhundert". Referentin war Genossin Plum-Essen. Sie schilderte ergreifend das Elend des arbeitenden Volkes und richtete die Aufforderung an alle Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen, sich polittsch wie gewerkschaftlich zu organisieren und so vereint mit ihren Männern und Brüdern zur Beseitigung des heutigen Unter- drückungs- und Ausbeutungssystems zu kämpfen. Der Abend vermehrte den Abonnentenstand der„Gleichheit" um IS Leserinnen und brachte dem sozialdemokratischen Verein eine Anzahl neuer Mitglieder. Wir hoffen, daß die Frauenbewegung in Mülheim bei fleißiger Agitatton auch fernerhin gute Fortschritte macht. Frau Bacher. Zu Kunnersdorf bei Ottendorf-Okrilla fand neulich eine Volksversammlung statt, in der sich unter den zahlreich Erschienenen erfreulicherweise viele Frauen befanden. Genossin Lungwitz-Dresden sprach über das Thema:„Bete und arbeite oder arbeite und genieße?" In klarer und leichtverständlicher Weise führte die Rednerin den Anwesenden die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch den Kapitalismus vor Augen. Am Schlüsse ihrer Rede forderte sie die anwesenden Frauen auf, nicht hemmend den Männern im Kampfe um Recht und Freiheit entgegenzutreten, sondern ihrem Beispiel zu folgen und sich ebenfalls dem gewerkschaftlichen wie politischen Kampfe anzuschließen. Die Arbeiterpresse dürfe in keinem Haushalt fehlen, die bürgerlichen Blätter müßten hinaus. Allgemeine Zustimmung lohnte die trefflichen Ausführungen. Trotz Aufforderung meldete sich kein Gegner zum Worte. H. Lehmann. In fünf stark besuchten Versammlungen nahmen die Genossinnen Hamburgs Stellung zu den noch fortgesetzt im Steigen begriffenen, unerhört hohen Fleischpreiscn. Die Genossinnen Fahrenwald und Zieh ersuchten die Frauen, nicht in gelegentlichen Unmutsäußerungen ihrem Zorn Luft zu machen ob der agrarischen Auswucherungspolitik, sondern planmäßig und dauernd den Kampf gegen alle Ausbeutung und Unterdrückung zu führen als organisierte Proletarierinnen. Zirka 100 neue Mitglieder wurden den sozialdemokratischen Vereinen zugeführt, 2ö0 Abonnenten der „Gleichheit" gewonnen. In Wandsbeck referierte in einer Frauenversammlung ebenfalls Genossin Zieh. Es wurde eine Vertrauensperson gewählt und der Abonnentenstand der„Gleichheit" um 120 vermehrt. I-. Zl. Um die Arbeiterinnen für die gewerkschaftliche Organisation zu gewinnen, fanden in Nürnberg Versammlungen statt, und zwar für die Textilarbeiterinnen, die Tapeziererinnen, die Bleistift- und Reißzeugarbeiterinnen, die Schuharbeiterinnen, die Schneiderinnen sowie für die städtischen Arbeiter und ihre Frauen. Außerdem tagte noch eine Versammlung für die Arbeiterinnen aller Berufe mit der Tagesordnung:„Lohn- und Arbeitsverhältnisse unserer Arbeiterinnen". Mit größtem Interesse folgten die Anwesenden dem Vortrag der Unterzeichneten. Bei der Schilderung der erbärmlichen Arbeiterinnenlöhne und der skandalösen Zustände in vielen Werkstätten und Fabriken bemächtigte sich der Versammelten eine heftige Erregung, die sich in scharfen Worten und Pfuirufen Luft machte. Das gesprochene Wort wurde durch das geschriebene ergänzt. Um den Eindruck des Referats lebendig zu erhalten und die Lehren desselben den Arbeiterinnen recht klar zum Bewußtsein zu bringen, gelangten 2S00 Exemplare von Nr. 23 der„Gleichheit" zur Verteilung. Die Referentin hatte in ihren Ausführungen auf die beiden Artikel hingewiesen, welche der gewerkschaftlichen Agitation dienten. Hoffentlich bleiben die Früchte der Bemühungen zur Organisierung der Arbeiterinnen nicht aus. Des weiteren referierte die Unterzeichnete in Fürth— im Bildungsverein—, in Münchsberg, Helmbrecht, Bayreuth, Kulmbach und Schwarzenbach bei den Textilarbeitern und in Zirndorf bei den Metallarbeitern. In Fürth ermahnte eine Genossin die anwesenden Frauen und Mädchen, sich der Organisation anzuschließen, und sich auch polittsch aufzuklären und mit ganzer Kraft für die bevorstehenden Gemeindewahlen zu agitieren. Sämtliche Versammlungen waren außerordentlich gut besucht. Sie führten den einzelnen Verbänden neue Mitglieder zu und der„Gleichheit" eine beträchtliche Anzahl Leserinnen. Helene Grünberg. �on den Organisationen. Der Frauen- und Mädchenbildungsverein in Mannheim, der jetzt zirka 3S0 Mitglieder zählt, nahm in einer allgemeinen Mitgliederversammlung Stellung zum sozialdemokrattschen Parteitag. Der Entscheidung ging ein Vortrag des Genosse» Lehmann voraus über die Kongresse vor und nach dem Sozialistengesetz. Die Versammlung beschloß, den Verein durch eine Delegierte in Jena vertteten zu laffen. Als solche wurde einstimmig Genossin Hoffmann gewählt. Um weitere Kreise der Frauen zur Erkenntnis ihrer Lage und zur Betätigung im öffentlichen Leben zu erwecken, fand einige Wochen danach eine öffentliche Versammlung statt, die von zirka S00 Personen besucht war. Genossin Kähler referierte in packender Weise über:„Die Fleischteuerung und die Arbeiterfrauen". Durch den zahlreichen Besuch wie durch den prächttgen Verlauf gestaltete sich diese Versammlung zu einem gewaltigen Protest gegen die künstlich erzeugte Fleischteuerung. Einstimmig gelangte eine Resolution zur Annahme, welche die jetzige Fleischnot als eine gewollte Folge der agrarischen Politik erklärte und im Interesse des ganzen Volkes sofortige Öffnung der Grenzen forderte. Die Versammlung ersuchte die Stadtverwaltung, unverzüglich beim Bundesrat diesbezügliche Schritte zu tun. Der Abend brachte unserer Organisation über S0 neue Mitglieder.— Neben der polittschen und gewerkschaftlichen Agitatton pflegt der Verein auch die Geselligkeit, um seine Mitglieder persönlich einander näherzubringen und ihnen eine Unterhaltung zu bieten, die Geist und Herz bildet. So veranstaltete er Anfang August ein Gartenfest, an dem zirka 2000 Personen teilnahmen, und das einen vorzüglichen Verlauf nahm. Nicht bloß der Erwachsenen war durch mannigfache Veranstaltungen gedacht worden, die Kleinen ergötzten sich bei einer Kinderpolonäse und Bretzelverteilung. Genossin Hoffmann legte in der Festrede in kurzen Zügen die Ziele unserer Organisation dar und richtete an alle Erschienenen die Aufforderung, nicht eher zu rasten, bis sich unsere Mitgliederzahl mit der des Vereins der sozialdemokrattschen Männer messen könne. Die Genossinnen werden die Worte der Rednerin beherzigen und niit Fleiß und größter Ausdauer weiter für die Sache der Unterdrückten und Enterbten kämpfen. Marie Schüt. Jahresbericht der weiblichen Vcrtraucnspersonen Berlins. In dem letzten Berichtsjahr, das am 11. Oktober 1S04 begann, hat sich die Frauenbewegung in Berlin sehr gehoben. Die Genossinnen beschlossen, den Vertrieb der „Gleichheit" selbst zu übernehmen, um wirksamer für deren Verbreitung agitieren zu können. Ter Erfolg blieb nicht aus. In einem halben Jahr, vom 1. Januar bis 1. Juli 190S, stieg die Abonnentenzahl von 170 auf 700. Die Genossinnen sind fest überzeugt, daß das nächste Jahr ein noch viel günstigeres Resultat zeitigen wird, um so mehr, als sich die Genossinnen insgesamt mit Eifer und größtem Interesse an allen Arbeiten beteiligen. Im Laufe des Jahres fanden 20 große Versammlungen statt. Dieselben befaßten sich unter anderem mit dem Säuglingsschutz, dem polittschen Massen- streik, dem Kinderhilfstag, den: preußischen Parteitag und dem deuschen Parteitag in Jena. Zur besseren theorettschen Ausbildung der Genossinnen dienten Leseabende. An denselben wurden sozialistische Broschüren und Abhandlungen gelesen, über die dann eine Diskussion erfolgte. Bals schon war eine Anzahl der Teilnehmerinnen imstande, selbständige kleine Arbeiten zu machen. In Zukunft sollen diese Leseabende weiter ausgestaltet und über ganz Berlin verteilt werden. Ferner wird beabsichttgt, den Genossinnen die Möglichkeit zur Entrichtung freiwilliger regelmäßiger Bei- träge für die Partei zu geben, damit diese ihre Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie nachweisen können. Die Kassenverhältnisse waren erfreulicherweise gleichfalls recht günstig- Die Gesamteinnahmen betragen 1194, SS Mark, darunter auf Listen gesammelt 768,15 Mark, Überschuß der„Gleichheit" 176 Mark. Die Ausgaben stellten sich insgesamt auf 1147,26 Mark, und zwar wurden für mündliche Agitation 604,77 Mark verwendet, für schriftliche Agitation 308,59 Mark usw. An den Agitattonsfonds der Genossinnen konnten 233,90 Mark abgeführt werden. Die Genossinnen beteiligten sich opferfreudig an den verschiedenen Sammlungen, welche infolge von Kämpfen des Proletariats notwendig wurden. Erwähnt sei nur, daß sie für die streikenden Kohlenarbeiter im Ruhrrevier zirka S00 Mk. aufbrachten. Wie bisher, so werden auch im neuen Arbeitsjahr die Berliner Genossinnen in der vordersten Reihe der kämpfenden Proletarierinnen stehen. Im Auftrag der Verttauenspersonen: Marg. Wenzels. In Hamburg ist Mitte Oktober eine verdiente Veteranin der proletarischen Frauenbewegung aus dem Leben geschieden. Nach langem, qualvollem Siechtum ist der Tod als erlösender Freund zu Genossin Jallandt getteten. Eine aus dem Gedächtnis der kämpfenden Proletarier Hamburgs fast Verschollene hat man sie zur letzten Ruhe gettagen. Wir aber schulden Genossin Jallandt ein Blatt dankbarer Erinnerung. Sie zählt zu den ersten begeisterten Trägerinnen der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland. Bereits Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderrs war sie unter großen Schwierigkeiten und Opfern unermüdlich tätig, um die proletarischen Frauen aufgeklärt und organisiert dem kämpfenden Proletariat zuzuführen. Sie gehörte zu den Gründerinnen und Leiterinnen des ersten sozialistischen Frauenvereins in Hamburg, stand in Fühlung mit den Genossinnen Hahn und Stegemann in Berlin und entfaltete auch in der Organisatton der Genossinnen, die um die Mitte der achtziger Jahre existierte, ein rühriges Wirken. In den schwersten Zeiten des Sozialistengesetzes hat sie sich als eine opfer- sreudige Kämpferin für die Sache des Proletariats bewährt. Mehr als ein Berliner Ausgewiesener konnte sich in Hamburg halten, weil Genossin Jallandt und ihr Mann ihm der Polizei gegenüber den geforderten Nachweis der Existenzmittel ermöglichten. In allen Wechselfällen eines proletarischen Lebensschicksals, das der Umstände Gunst und Ungunst erfuhr, hing die Verstorbene ihrer Überzeugung standhaft an. Bis schweres Leiden sie an das Krankenlager esselte, nahm sie nach Kräften Antell an der sozialisttschen Bewegung. Ihr Herz gehörte bis zum letzten Schlage dem ozialistischen Ideal. Der tapferen, treuen Genossin Jallandt gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Sie muß von allen unvergessen sein, die für das Emporsteigen des Proletariats aus Nacht zum Licht ihre Kraft einsetzen. Die Dichterin Klara Müller-Jahnke ist am 4. November unerwartet einer Lungenentzündung erlegen. Schmerzlich bewegt teilen wir ihren Tod den Leserinnen unseres Blattes mit, zu dessen treuen Mitarbeiterinnen sie gehörte. Klara Müller-Jahnke war ein starkes Talent und ein starker, reiner Charakter. Unter den härtesten äußeren und inneren Lebenskämpfen hatte sich diese Tochter eines Pfarrers aus der Gebundenheit bürgerlichen Lebens und Denkens zu geisttger Freiheit durchgerungen. Dem Dienst der Freiheit war ihr künstlerisches Können geweiht. Die reichbegabte Dichterin war eine überzeugte Kämpferin des klassenbewußten Proletariats. Wir behalten uns vor, in einer späteren Nummer zusammen mit den letzten Gedichten, die uns Klara Müller- Jahnke für die„Gleichheit" geschickt hat, eine eingehende Würdigung ihrer Persönlichkeit und ihres Werkes zu geben. Für heute begnügen wir uns mit diesem schlichten Reis dankbarer Verehrung, das wir an ihrem Grabe niederlegen. Politische Rundschau. Am 28. November tritt der R ei ch s t a g zusammen, wiederum möglichst verspätet. Die Regierung trägt gar kein Verlangen, die Volksvertteter wiederzusehen. Zwar ist die überwiegende Mehrzahl der Reichsboten militärfromm und marinegläubig bis auf die Knochen, aber es sind doch einige Dutzend bösartige sozialdemokrattsche Hetzer unter ihnen, die den amtierenden Bureaukraten das Leben sauer genug machen. Solange wie möglich geht ein vorsichttger Reichskanzler deshalb der Aussprache aus dem Wege. Haben er und seine Kollegen doch viel zu viel auf dem Kerbholz. Rechenschaft wird von ihnen verlangt wegen der Fleischnot, Rechenschaft wegen der törichten weltpolitischen Spielereien. Es ist doch zu fatal, wenn einem Bureaukraten die schöngeölte diplomattsche Frisur von den rauhen Proletarierfäusten zerzaust wird. 'Aber einmal muß es doch geschehen. Das Budget muß die Regierung bewilligt erhalten. Dazu muß der Reichstag zusammenberufen werden. Wenn es aber sein muß, dann so spät wie möglich, damit für allgemeine politische Erörterungen, damit für Rechenschaftsforderungen möglichst wenig Zeit übrig bleibt. Den unangenehmen Auseinandersetzungen wegen ihrer bisherigen politischen Missetaten gesellt die Regierung nun aber noch herausfordernd eine neue Frage hinzu, indem sie mit einer Flottenvermehrung vor den Reichstag tritt. Die Regierung handelt nach der alten bekannten weltmännischen Profitmacherregel:„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr". Der deutsche Michel seufzt und- stöhnt über schlechte Zeiten und unerträgliche Steuerlasten. Die Regierung lädt ihm neue Lasten auf, vertraut sie doch auf seine unerschöpfliche Geduld. Ihre Weltpolitik hat kläglich Fiasko gemacht. Im russisch-japanischen Krieg ist ihr treuer Freund, der Zar, elend zerklopft worden; seine Flottenmacht ist in Atome zerschellt. Dabei ist auch Deutschlands Zukunftsspekulation auf eine ostasiattsche Machtstellung auf Nimmerwiedersehen ins Wasser gefallen. Aber das ficht unsere Phantasiepolitiker am Reichssteuerruder nicht au. Nun gerade! sagen sie mit dem beliebten Bureaukraten- troywort. Größer muß die Flotte werden, immer größer, bis sie allen möglichen Feinden gewachsen ist. Richtig ist denn auch eine neue Flottenforderung in Bülows politischem Laboratorium zusammengebraut. Das Flottengesetz von 1906 fordert in Ergänzung des Flottengesetzes vom 14. Juni 1900 sechs neue große Kreuzer. Die Kosten für diese schwimmenden Panzersärge belaufen sich insgesamt auf nicht weniger als 16S Millionen Mark. Das sind aber nur die einmaligen Kosten für Bau und Ausrüstung. Die laufenden Ausgaben vermehren sich natürlich auch entsprechend. Der Mehrbedarf an Personal für diese sechs neuen großen Schiffe bettägt insgesamt an Offizieren und Mannschaften 5833 Köpfe. Außerdem sind aber auch noch andere Vermehrungen des Personals vorgesehen. Die Gesamtwirkung aller dieser Neuerungen auf den Jahresetat ist die, daß der Etat für 1906 auf 2SL360000 Mark steigt oder gegen das Vorjahr um 19,43 Prozent, rund also 20 Prozent mehr. Rund 40 Millionen Mark Steigerung gegen den vorjährigen Etat. Und das in einer Zeit der Fleischnot, in einer Zeit, in der alle Beamten Teuerungszulagen verlangen, in der das Volk noch unter den Nachwehen einer wirtschaftlichen Krise leidet! Doch, was ficht diese Salonpolitiker das Leiden des Volkes an! Sie wollen gehörig mit dem Säbel rasseln können, wenn sie mit dem Erbfreund oder Erbfeind zum „hohen Rat der Völker" zusammenkommen. Kosten kann es, was es will. Nicht sie, das Volk muß die Zeche bezahlen. Doch wir brauchen diesen krampfhaften weltpolitischen Flortenvergrößerungsplänen gar nicht einmal vom Standpunkt des steuerzahlenden Volkes ins Gesicht zu leuchten, um ihren Widersinn zu erweisen. Es genügt, sie an der Hand der wirtschaftlichen Entwicklung des kapitalistischen Deutschland auf ihre Wirkungen zu prüfen. Diese fieberhaft betriebene Schlachtflvttenvermehrung Deutschlands hat nur dann einen Sinn, wenn man sich auf einen großen Seekrieg um wirtschaftliche Ausbeulungsmonopole vorbereitet. Dabei könnte nur England als Gegner für uns in Betracht kommen. England ist uns aber nicht nur jetzt im Bestand der Kriegs- slotte weitaus überlegen. Es hat auch alle Hilfsmittel in weitaus höherem Maße zur Verfügung wie Deutschland, um für alle Schiffsbauten, die wir unternehmen, stets doppelt o viele seinerseits aus den Stapel zu legen. Bei dem Wettrüsten zur See werden wir also stets im Hintertreffen bleiben. Es kann uns gar nicht gelingen, die Engländer zur See an Machtmitteln zu übertteffen. Wenn man aber mit einer zwei- bis dreifach geringeren Macht in den Krieg zieht, sei es zur See, sei es zu Lande, so helfen alle schönen Posen, alle schönen Reden, Volldampf voraus, nicht einen Pfifferling. Der liebe Herrgott ist immer, wie Napoleon einmal agte, auf der Seite der stärkeren Bataillone oder der stärkeren Geschwader. Also angenommen, selbst eine solche aggressive Weltmachtspolitik zu Wasser wäre nützlich, wenn sie überhaupt erfolgreich sein könnte— wir Sozialdemokraten meinen allerdings, j daß sie auch dann nur Schaden stiften kann—, so ist es doch offenbar Torheit, sie zu betreiben, wenn nüchterne Erwägung uns klärlich zeigt, daß sie mit einer schmählichen Katastrophe enden muh, wenn ihr nicht endlich Einhalt geboten wird. Einige Kapitalisten werden dabei ihr Schäfchen ins Trockene bringen. Die Panzerplatlenpatrioten sind stets be- Nr. 24 Die Gleichheit 143 geisterte Anhänger und Förderer auch der wahnwitzigsten Weltmachtspolitik. Sie heimsen so viel ein vor dem Krache, daß sie nachher von ihrem Fette zehren können. Aber ihr Geschäft blüht auch dann weiter. Macht der deutsche Michel bankrott, dann verkaufen sie an John Bull oder Bruder Jonathan oder an Nikolausens selige Erben. Bares Geld lacht stets in den Truhen von Krupp, von Gruson und von Stumm. Aber die große Masse der industriellen Unternehmer, die nicht gerade Mordwaffen fabrizieren, die hat unter einem weltpolitischen Krach Deutschlands auch zu leiden, kaum minder als die große Masse des Volkes, das Gut und Blut für die verderbliche Politik der gepanzerten Fäuste hergeben muß. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands verlangt nicht nach kolonialen Eroberungen, nicht nach diplomatischen Künsteleien, nicht nach einem Wettrüsten zu Wasser und zu Lande. Sie verlangt nur freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Kräfte daheim und im Ausland. Alles, was unsere Regierung tut, ist aber darauf angelegt, diese wirtschaftliche Entwicklung zu hemmen, ihr Fesseln anzulegen. Sie belastet das Volk mit übermäßigen Abgaben und sperrt es dafür in Zollschranken ein, um die ausländische Konkurrenz von unseren Grenzen fernzuhalten, ohne zu erwägen, daß dadurch die Hemmung der Wirtschaftsentwicklung nur verschlimmert wird. Sie übertrumpft dann diese Hemmungspolitik im Innern noch durch eine gespreizte Weltmachtspielerei, die günstigstenfalls dem deutschen Volke schwere, dauernde Opfer auferlegt, ohne jemals einen wirklichen Nutzen durch Hebung der eigenen Wirtschaftsentwicklung zu bringen. Sie wird jetzt Rechenschaft abzulegen haben für ihr Getue. Mag auch die Mehrheit des Reichstags ihr schützend zur Seite stehen, die Sozialdemokratie wird ihre Pflicht, die Stimme des Volkes zur Geltung zu bringen, im ausgiebigsten Maße erfüllen. Wie auch die Abstimmungen ausfallen mögen, die sozialdemokratische Kritik wird Widerhall finden im Volke und den Sturz der Mißwirtschaft des agrarisch-weltpolitischen Zickzackkurses vorbereiten. k.. Genossenschaftliche Rundschau. Die Rettung des Mittelstandes hat wieder einen Schritt vorwärts gemacht. Die Stadtverordnetenversammlung in Dresden, bekanntlich eine der engherzigsten Vertretungen kleinlicher Eigensüchtelei und Rückständigkeit, hat eine Umsatzsteuer beschlossen, die den kleinen Detailhandel vor seinen jüngeren, aber wesentlich größeren Brüdern: Großgeschäft, Filialgeschäft und Warenhaus, vor allem aber vor den verhaßten Konsumvereinen schützen soll. Daß dabei der Logik Gewalt angetan und der genossenschaftliche Betrieb, der gar kein Erwerbsgeschäft, sondern nur der erweiterte Haushalt seiner Mitglieder ist. als kapitalistisches Unternehmen angesehen und besteuert wird, stört die kleinen Geister der Krämerpartei natürlich nicht; noch weniger, daß dabei Zehntausende der Armen und Ärmsten willkürlich im scheinbaren Interesse der Kleinhändler eines erheblichen Teiles ihrer Ersparnisse beraubt werden. Die Begründung der Vorlage läßt deutlich durchblicken, daß ihre Macher sich gar keinen wirklichen Erfolg davon versprechen, vielmehr nur dem Mittelstand, der bei Wahlen und patriotischen Veranstaltungen ganz brauchbar ist, ihren„guten Willen" beweisen wollen. Die Umsatzsteuer, die mit dem kommenden Jahre ins Leben tritt, beginnt mit einem Satz von einem Zehntelprozent des Umsatzes und steigt, der Ausdehnung des Betriebs entsprechend, bis auf zwei Prozent, die der Konsumverein„Vorwärts", einer der größten und leistungsfähigsten Deutschlands, wird zahlen müssen. Insgesamt wird die neue Steuer den fünf Konsumvereinen Dresdens zu den alten eine neue Belastung von rund Mk. im Jahre bringen; fast ein Fünftel der Ersparnis wird vom Steuerfiskus konfisziert. Die politische Wirkung dieses planmäßigen Plünderungsfeldzugs gegen die Taschen der Armen liegt auf der Hand. Was die Konsumvereine selbst anbetrifft, so bedeutet er für sie die Nötigung zu immer energischerer und geschlossenerer Entfaltung der im genossenschaftlichen Zusammenschluß ruhenden gewaltigen organisatorischen und wirtschaftlichen Macht. So wird ihnen auch dieser Angriff zum Heile dienen. Die Dresdener Konsumvereine zeigen inzwischen ein weiteres gesundes Wachstum. Das am 30. Juni 1005 abgelaufene Geschäftsjahr ergab für die vier im Stadtgebiet ansässigen Vereine 3944S(im Vorjahr 38 333) Mitglieder, einen Umsatz von rund 11543000(i. V. 10735000) Mk. und einen Reinüberschuß von 1 005 000(i. V. 904000) Mk. Die Mitgliederzahl ist trotz der behördlichen Bekämpfung um rund 3, der Umsatz um 7'/-, der Überschuß um 7 Prozent gestiegen. 77 Verkaufsstellen, 2 Bäckereien mit 12 Toppel- öfen waren im Betrieb; 590 Personen, wovon 393 weibliche, wurden beschäftigt. An Steuern wurden 91000 Mk. bezahlt, wozu nun noch das Anderthalbfache als Umsatzsteuer hinzukommt. Hoffentlich bewirkt der neueste Angriff einen gewaltigen Aufschwung von Mitgliederzahl und Umsatz. Staat und Gemeinde zwingen ihre Arbeiter zum Austritt, um so mehr ist es Ehrensache der unabhängigen Arbeiterschaft, die heute schon über neun Zehntel der Mitglieder stellt, ihre Genossenschaften mit aller Kraft zu enttvickeln! Der Verbandstag der österreichischen Konsumvereine, der, wie gewöhnlich, von den Vertretern der gewerkschaftlichen wie der politischen Arbeiterbewegung warm begrüßt wurde, beschloß die Errichtung einer Großeinkaufsgesellschaft, zu der schon 154 Vereine ihre Zustimmung erklärt und 105 ein Kapital von 00 300 Mk. gezeichnet haben— das ist erheblich mehr, als der deutschen Großeinkaussgesellschaft zu Anfang zu Gebote stand. Der Verband umfaßte Ende 1904 299(Ansang September dieses Jahres schon 343) Vereine mit 91700 Mitgliedern und 21'/« Millionen Mark Umsatz. Es geht auch dort kräftig vorwärts. Die sozialistischen Genossenschaften Belgiens zählten nach einer in der„Konsumgenossenschaftlichen Rundschau" gegebene» Zusammenstellung Ende 1904 173 Konsumvereine und 25 Produktivgenossenschaften. Davon betreiben 25 nur die Brotversorgung, 50 die Bäckerei und das Kolonial- sowie das Manufakturwarengeschäft, teilweise auch das Schuhgeschäft, die übrigen 123 nur den Warenvertrieb. Insgesamt zählten sie etwa 100000 Mitglieder, entsprechend 7 Prozent der gesamten Einwohnerschaft, mit einem Gesamtumsatz von rund 40 Millionen Franken, wovon über die Hälfte auf Bäckereiprodukte entfallen. An der Spitze stehen das„Volkshaus" in Brüssel mit 20 000 Mitgliedern und 5 Millionen Umsatz,„Fortschritt" in Jolimont mit gleichfalls 20000,„Einttacht" in Roux mit 12000 und„Vorwärts" in Gent mit 7000 Mitgliedern. Diese Genossenschaften stehen in enger Verbindung mit der sozialistischen Partei. Unentwickelt ist die Großeinkaufsstelle des Verbandes, die nur 1633000 Frcs. umsetzte. Was bietet der Konsumverein der Arbeiterfrau? Unter diesem Titel hat Genossin Gertrud David ein Werbeschriftchen verfaßt, das in klarer und wirksamer Sprache die Bedeutung der genossenschaftlichen Selbsthilfe, namentlich für den Arbeiterhaushalt, darlegt. Das illustrierte Büchlein wird von der Verlagsanstalt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine* zum billigen Preise von 5 Mk. für 100 Exemplare vertrieben und ist zur Aufklärung den Vereinen zu empfehlen. Simon Kayenstein. Notizenteil. Der Kampf in der sächsisch-thüringischen Textilindustrie. Der durch den Übermut der Textilprotzen so leichtfertig herbeigeführte Kampf in der Textilindustrie hat mit der Aussperrung der Färberei- und Appreturarbeiter sich weiter zugespitzt. Mehr als 35000 Arbeiter sollen durch den Hunger kirre gemacht werden. Es ist natürlich, daß die Folgen dieses Kampfes über die Textilindustrie hinaus das ganze Geschäftsleben des Kriegsgebiets schwer schädigen. Das Weihnachtsgeschäft ist in allen beteiligten Orten völlig verdorben; in Greiz liegt das ganze Wirtschaftsleben brach. Die Unternehmer ändern ihre Haltung nicht, trotz der riesigen Verluste, die sie erleiden, und obgleich sie wissen, wie leicht sie den Frieden herbeiführen könnten. Jede Verhandlung mit den Arbeitern lehnen sie grundsätzlich ab. Eine Zusammenkunft der Bürgermeister der betteffenden Orte, welche über Einigungsvorschläge der geschädigten Geschäftsleute beraten sollte, konnte nicht stattfinden, weil die Fabrikanten schon vor der Tagung dem Oberbürgermeister von Gera erklärten, daß sie auf keinen Fall Zugeständnisse machen würden. Für sie kommt es eben nur darauf an, die Arbeiterorganisation zu zerschmettern und alle auch noch so geringen Ansätze zum Tarifwesen zu beseitigen. Das lassen sie mit zynischer Offenheit auch immer wieder erklären. Mit brutalster Gewalt will das verbündete Schlotjunkertum die Arbeiter unter sein Joch zwingen. Daß ihm das nicht gelingt, dafür muß, wenn nötig, das gesamte Proletariat Deutschlands sorgen. Und es wird das tun. Es wird anders empfinden als das Ministerium in Gera, welches das Gesuch des Gewerkschaftskartells, für die Ausgesperrten Geldsammlungen veranstalten zu dürfen, mit dem Bemerken ablehnte, daß es den Arbeitern sehr wohl möglich wäre, die Arbeit wieder aufzunehmen. Wenn es die Hilfe der deutschen Arbeiterklasse ermöglicht, auch an die Nichtorganisierten Unterstützungen auszahlen zu können, so daß die Not nicht ihre Geißel über sie schwingt, so dürfen die Ausgesperrten auf einen siegreichen Ausgang des Kampfes hoffen._ Nachdem die organisierten Unternehmer der sächsischthüringischen Webindustrie Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen brotlos aufs Pflaster geworfen haben, fällt das bürgerliche Preßgesindel über den Tertilarbeiterverband und seine Leitung her und bemüht sich sogar, die Aussperrung den Führern der Sozialdemokratie an die Rockschöße zu hängen. Das tat unter anderen auch das„Reichenbacher Tageblatt", welches sich keine Gelegenheit entgehen läßt, die Arbeiterschaft mit Kot zu bewerfen. Und doch mußte es zugestehen, daß eine kurze Verhandlung mit der Organisation den Kampf vermieden hätte. Aber nicht Verständigung mit der Organisation, ihre Vernichtung wollen die Unternehmer. Der Verband soll den Arbeitern nicht sagen können: das habt ihr eurer Organisation zu verdanken! Wie über die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter, so ergießt sich auch über ihre politische Vertretung, die Sozialdemokratie, der giftige Haß der bürgerlichen Welt. Unser„gutgesinntes" Blättchen schreibt:„Von der deutschen Industrie jeder Branche muß die Sozialdemokratie, die mit ihrer zersetzenden Hand in alle Fugen greift, mit allen Mitteln ferngehalten werden, koste es, was es wolle! Der Sächsisch-Thüringische Webereiverband wird es für seine vornehmste Aufgabe halten, in seinerJndustrie die Organisation zu bekämpfen, zum Wohle der Arbeiter nicht in letzter Linie." Die Unternehmer haben alles mögliche versucht, damit am 6. November diejenigen, welche sie eine Woche vorher auf die Straße geworfen hatten, wieder in die Betriebe kamen. Es wurde mit einer Liste geprahlt, aus welcher sich viele Weber bereit erklärt haben sollten, wieder zu arbeiten. Ver- * Hamburg, Gröningerstr. 24/25. geblich warteten die Unternehmer auf die vielen Arbeitswilligen. Nun gingen Meister, Buchhalter oder sonstige Angestellte auf die umliegenden Dörfer und drohten den Arbeitern damit, daß ihre Stühle besetzt würden, wenn sie nicht anfingen zu arbeiten. Auch das half nichts. Es fanden sich in Reichenbach ungefähr 150 Arbeitswillige, wovon fast die Hälfte auf die Firma Dörfel entfiel, bei welcher zum Teil schon die im Tarif geforderten Löhne gezahlt werden. Den Arbeitswilligen wurde von den Unternehmern für die Zeit der Aussperrung eine Entschädigung in Aussicht gestellt, welche die vom Verband der Textilarbeiter gezahlte Unterstützung überttifft. Bis jetzt hat auch das nicht gezogen. Die Zahl der ausgesperrten Weber und Weberinnen beträgt in Reichenbach 560, davon sind 203 mit 294 Kindern unterstützungsberechtigt. Seit 11. November sind 391 Färberei- und Appreturarbeiter ausgesperrt, und zwar 271 männliche und 60 weibliche mit 322 Kindern. Es scheint, die Unternehmer wissen nicht, was sie in ihrer Willkür und ihrem Hasse gegen die„verhetzten" Arbeiter tun sollen. Sie haben Aufträge, überall drängt die Arbeit, und doch lassen sie sich nicht zu Unterhandlungen herbei. Es gehen Gerüchte um, daß auch die Arbeiter der Streichgarn- und Bäumwollenbranche ausgesperrt werden sollen. Nach einem anderen Gerücht sollen die Betriebe am 23. November geöffnet werden. Jedenfalls wird die organisierte Arbeiterschaft dafür sorgen, daß sich Arbeitswillige nicht finden. Das Gewerkschaftskartell hat Sammellisten am Orte verteilt, um die nicht organisierten Ausgesperrten unterstützen zu können, damit sie von der größten Not verschont bleiben und nicht zu Streikbrechern werden. Die Unternehmer mögen tun, was sie wollen, es wird ihnen nicht gelingen, den Verband der deutschen Textilarbeiter zu vernichten. Die organisierte Arbeiterschaft Deutschlands, welche den Textilarbeitern schon so oft ihre Solidarität bewiesen hat, wird auch bei diesem Kampfe ihren kämpfenden Brüdern und Schwestern in Sachsen und Thüringen hilfreich und getreu zur Seite stehen.?. L. Sozialistische Franenbcwkgnng im Ausland. Die Stellung der österreichischen Genossinnen zum politischen Massenstreik wird durch die Erklärungen der Genossinnen Popp und Mach auf dem jüngsten Gesamtparteitag der Sozialdemokratie in Osterreich charakterisiert. Genossin Popp-Wien sagte: Wenn es auch gestern nicht möglich war, die Frauen zur Demonsttation in größerer Zahl zu mobilisieren, so wissen Sie doch alle, die die Verhältnisse kennen, daß an dem Tage, wo der Massenstreik beginnt, nicht nur die in den Fabriken beschäftigten Frauen an Ihrer Seite stehen werden, sondern daß wir auch alles tun werden, damit auch die Frauen, die in ihrem Heime als die Erzieher ihrer Kinder arbeiten müssen, Ihnen nicht Hemmnisse, sondern Mitstreiterinnen und verständnisvolle Genossinnen seien.(Lebhafter Beifall.) Die Bürgerlichen mögen sich auf den bekannten Konservatismus der Frauen nicht verlassen; die Frau ist weniger revolutionär als der Mann, aber wenn sie einmal von der revolutionären Leidenschaft erfaßt ist, dann ist sie viel ausdauernder als der Mann. So sehr wir uns bewußt sind, daß das gleiche Recht, für das wir kämpfen, auch das Recht der Frau in sich schließt, sind wir mit Ihnen einer Meinung, daß der Augenblick des großen Kampfes, der jetzt gekommen ist, nicht dazu angetan ist, das gleiche Recht der Frau in den Vordergrund zu stellen. Wir sind aber überzeugt, daß die von der politischen Knechtschaft befreiten Männer, die sieghaften Männer des Proletariats, die ersten Wortführer und ersten Vorkämpfer für das gleiche Recht der Frauen sein werden. Genossin Mach-Prag führte aus: Auch die Frauen sind rechtlos wie ihr, ja, wir sind es zweifach. Das politische Leben ist uns ganz verschlossen. Wir kämpfen mit euch für eure Rechte, weil wir wissen, daß ihr, wenn ihr gesiegt habt, für unsere Rechte kämpfen werdet.(Beifall.) Wir haben an der Wahlrechtsdemonstration in Prag mit euch gekämpft und die Nachrichten aus Rußland sagen, daß die Frauen auch in den Straßenkämpfen getreue Genossinnen waren, daß ihr Blut wie das der Männer von den Schergen vergossen wurde. Wir werden kämpfen und wir werden unseren Frauen zum Bewußtsein bringen, wie wichtig dieser Kampf ist. Aber wir bitten euch, daß, wenn ihr zu eurem Rechte kommt, ihr uns beseitigen helft unsere Rechtlosigkeit, die uns auf eine Stufe mit Wahnsinnigen und Verbrechern stellt. Quittung. Für den Agitationsfonds der Genossinnen gingen bei der Unterzeichneten im Monat Oktober ein: Von Genossin M. H., Berlin, Honorar für einen Artikel, aus Stuttgart überwiesen 10 Mk., aus Callenberg-Lichtenstein durch Gen. Held 6 Mk., Straßburg i. Elf. durch Genossin Felme 15 Mk., Karlsruhe durch Genossin Dietz 10 Mk., Mannheim durch Genossin Hoffmann 20 Mk. und von den Genossinnen durch dieselbe 30 Mk., Hamburger Genossinnen durch Genossin Zieh 100 Ml., Berliner Genossinnen durch Genossin Klo tz sch 100 Mk., G üstr o w(Mecklb.) durch Genossin Fr. sch. 5 Mk. Summa: 2VL Mk. Dankend quittiert: Ottilie Baader, Berlin 8 53, Blücherstr. 49, Hof II, Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands. Berichtigung. Der Bericht der Magdeburger Genossinnen m Nr. 23 enthält einen Druckfehler. Die Genossinnen brachten für die streikenden Bergarbeiter nicht 17,30 Mk. auf, sondern 1S7,ZV Mk. 144 Die Gleichheit Nr. 24 Herren und Knechte. Von John Lenry Mackay. Ein Hund ist der, der einen Herren kennt! Doch wir sind Herren nicht und sind nicht Knechte! Schamlose Frechheit wagt es noch und nennt Knecht einen andern, dem die gleichen Rechte Wie ihm gelegt einst in des Lebens Wiege! — Ein jeder sehe, ob er gehen kann, Doch keiner sei so hündisch, daß er biege Sein Knie in Furcht vor einem andern Mann. Gleich hoch sei jede Menschenstir» gehoben! Ob sie nun arm sei oder schätzereich. Ich will mein Recht, du magst das deine loben, Für mich, für dich, für alle ist es gleich. Irrlichter. Von Ada Christen.(Schluß.) „Suchen Sie den Vater, Hanne? Er ist drinnen," sagte Friedet und strich leicht über ihr dichtes blondes Haar. Das Mädchen bog erstaunt den Kopf zurück. „Wir haben so lange nicht miteinander gesprochen, Hanne, seit wir Kinder waren nimmer, daß Sie mir noch immer wie ein kleines Mädel vor meinen Gedanken standen."... Sie schwieg-noch immer, rollte ihr Schürzenband zusammen und biß sich auf die roten Lippen.„Hat Ihnen der Herr Vater verboten, mit mir zu reden, Hanne?... Glaube es fast, obwohl er mich just gegen die anderen in Schutz genommen hat. Halten Sie mich auch für so einen miserablen Gesellen wie..." verbittert unterbrach er sich. „Herr Friede!, mir hat gar niemand mit Ihnen zu reden verboten, mir ist es ganz recht, daß ich Sie einmal zufällig seh', damit Sie wissen, daß es mir keine Freude gemacht hat, das ivegen dem Haus.— Ich Hab' es auch meinem Herrn Vater gesagt— und mir hat das Herz weh getan, wie ich Sie so von Ihrem Vaterhaus gehen Hab' sehen, das alles weiß— mein— Vater auch."— „So hat doch damals ein Mensch Mitleid mit mir gehabt?"... „Ich glaub', mehrere Menschen.— Aber alles andere geht nur Sie allein an. Gute Nacht, Sie armer Friedel, lassen Sie halt die Leut' reden. Gute Nacht!" Monat um Monat verging, der kleine Bube kroch schon lange lustig auf der Diele herum, aber Friedel machte noch immer nicht Miene, eine andere Stube zu mieten. Langsam kamen wieder Sorgen herangeschlichen, denn zwei neue Doktoren hatten ihren Wohnsitz in der Vorstadt aufgeschlagen, höfliche, zuvorkommende, gut beleumundete Männer, die Zuspruch hatten, während man sich immer mehr von dem leichtfertigen Friedel zurückzog, der mit dem Arbeiterweib beisammen wohnte, anstatt, wie man es doch erwartet hatte, ein reiches Bürgerkind heimzuführen. Und sogar das arme Arbeiterweib hatte oft rotgeweinte Augen, die Friedel so wild machen konnten, daß er wieder öfter zu Freunden ging, um nicht daheim über all das Bedrückende mit ihr reden zu müssen, mit ihr, die sein eigentliches Leid ja doch nicht verstand, die nur aus Angst um das tägliche Brot weinte, wie er sich verbittert sagte.... Und doch kam er meist bald wieder heim, denn er hatte nur anscheinend-harmlose Fragen um Weib und Kind schweigend hinnehmen oder versteckte Schmähungen über Lore äußerlich-ruhig abwehren müssen. Oft lief er noch stundenlang durch die einsamsten Gassen, damit er nicht mit dem blutigen Grimm in der Brust die Frau wiedersehen mußte. Die alten Zweifel regten sich wieder, er fühlte es mit Scham vor sich selber, daß alle Schmähungen, welche das Weib trafen, an den wunden Stellen in seinem Innern haften blieben.... „Wohin, Herr Friedel?" „Nach Hause, Herr Brand." „Warum?" „Warum nicht?"... „Weil ein Mensch wie Sie ein anderes Haus haben könnt, ein schönes Haus, und ein junges Weib, und einen geachteten Namen." „Was soll das heißen, Herr Brand?" „Soll heißen, daß ich es gut gemeint Hab' mit Ihnen, und die alte Baracke nicht zu meinem Vergnügen gekauft Hab'____ Lasse ein neues Haus hinbauen, wird meiner Hanne ihr Heiratsgut.... Die Hanne hat ihren eigenen Kopf, sie hat sich selber einen ausgesucht, der sie vielleicht nicht einmal wert ist.... Aber ich will meinem einzigen Kinde den freien Willen lassen.... Was sagen Sie dazu, Herr Friedel?" „Daß ich der Hanne den allerbesten Mann wünsche, denn sie ist ein schönes und gutes Mädchen." „Friedel!— Wollen Sie nicht mit der Lore abrechnen... und derweilen irgendwo eine andere Wohnung nehmen?" „Nein, Herr Brand!" „Ihr letztes Wort?" „Mein letztes Wort!"... Diese zögernden und doch hastigen Reden n. Antworten wurden auf der Straße hin und her geworfen, die zwei Menschen gingen nebeneinander, und jedes Wort trennte sie mehr. Aus dem zagenden, für sein Kind denkenden Vater Brand wurde allmählich wieder der reiche, protzige, dreiste Bäckermeister Brand, der, nachdem das letzte Wort gesprochen war, sich hochmütig ohne Gruß abwandte. Es waren trübe, ermüdende Monate dahingegangen seit jener Begegnung, und nach langem saß Friede! wieder einmal unten in der Brauschenks. Der dicke Bäcker beachtete ihn nicht; er rief nur so an ihm vorbei dem Gevatter Brauer zu, daß das Abreißen der alten Baracke flott vorwärts gehe, daß in Jahresfrist ein neues Haus dort stehen werde, welches dann seiner Hanne gehöre nebst manchem harten Taler. Das liebe, alte, leichtsinnig vergeudete Haus stand wieder mit dem ganzen Jugenderinnerungszauber da.... Und nun verloren... ganz verloren... von der Erde weggeblasen für ewig.... Immer verdüsterter und bänger wurde es in dem tiefsten Innern des schweigsamen Trinkers.... Und da kam einer nach dem anderen an, alle die behäbigen Bürger, die ihn nur so obenhin grüßten, und immer wieder mußte er die lustige Geschichte hören, daß sein Haus der Erde gleich gemacht werde, und daß in Jahresfrist ein neues Haus dort stehen würde.... Er sagte sich selber, wie töricht es sei, daß er heute den Verlust seines Vaterhauses fast schmerzlicher fühlte als damals, aber nun war es zu spät zum Rückkauf; er war arm, ohne Zukunstshoffnung, und er war um so viel älter geworden, um so viel, daß die Monate wie Jahre zählten....„Warum?" frug er sich— und sein schweres Herz sagte ihm das Warum. Jetzt hörte er seinen Namen zischeln; er blickte drohend hinüber auf die lauernden Gesichter und reckte sich. Für die da drüben hatte er keine Waffen mehr; er war arm und hatte ein armes Weib, ein armes Kind....„Eben darum!" murmelte er, sich vor seiner eigenen Kraft fürchtend, denn heute konnte er kein beschimpfendes Wort anhören; er fühlte, daß er jeden niederschlagen würde, der es wagte, zu schmähen oder zu spotten über sein Kind, über sein Weib.... Sein Weib?! Ja und tausendmal ja; da war wieder das herbe Mitleid mit jenen, die mit ihm litten, die nur ihn hatten; da war das strenge Gefühl der unlösbaren Zusammengehörigkeit und der Grimm über die eigene Schwäche.... Friedel atmete hoch auf; es trieb ihn, aus dem Geschrei, dem Dunst und Qualm fortzukommen, heim zu seinem Blute, und dann das fette Gesicht des Bäckers, der mit dem Silber in der Tasche klimperte, glotzte ihn dumm-frech an.„Die arme Hanne!" dachte Friedel, rief laut nach dem Wirt, warf laut seine Zeche auf den Tisch, schrie überlaut sein„Gut' Nacht!" und ging mit erhobenem Kopfe, hart den Boden tretend, durch die Schenkstube.... Draußen in der Finsternis glich er einem Soldaten, der sich durchgeschlagen und jetzt erschöpft die Waffen fallen läßt... es ist vorbei, er braucht sich nicht mehr zu wehren.... Sein Haupt sank müde herab. „O welch ein kläglicher Kampf"— zischte er vor sich hin, raffte sich gewaltsam auf und ging. Und wie in jener Nacht vor Jahren schritt er ruhelos durch Straßen, Gassen und Gäßchen, immer weiter hinaus bis in den feierlich rauschenden Wald. Er suchte die Stelle auf, wo er damals gelegen war und wo ihm so viele gute Gedanken gekommen waren. Er warf sich auf den Boden hin wie damals, als die Stimmen des Waldes und der Nacht so tröstend zu ihm gesprochen hatten. Aber es blieb alles stumm; nur in ihm redete eine Stimme so mahnend, so warnend, sie redete immer dringlicher, lauter, und es war etwas Hoffnungslos-Vernichtendes, was er sich selbst zur Antwort gab. Er schlenderte zurück und ging auf dem Heimweg an seinem Elternhaus vorbei.... An dem Vorsprungfenster waren alle Scheiben zerschlagen, das Tor war ausgehoben, das Dach abgetragen, ein Teil der Rückwand war abgebrochen, in der Hausflur lagen vermorschte Balken, und draußen in dem einst so sauberen Hofraum, wo die duftigen Lindenbäume aus dem Garten her- übsrragten, war nur Schutt und Gerölle zu sehen... und auf den Linden lag weißer, dichter Staub. Einen Augenblick nur preßte Friedel seine Hand auf die Stirn und stöhnte leise. Es war ihm ein schneidendes Weh, da auf den Trümmern seines Hauses zu stehen; alle Trauer verließ ihn und alle Hoffnung, nur das Mitleid mit den Seinen blieb und war stärker als die Scham und die Neue über alle verlorenen Lebensjahre. Er wankte die zerschlagene Treppe hinan in eine alte dachlose Stube. Der Wind pfiff ihm entgegen; eine abgemagerteKatzeschlich gespenstisch heran, und die ewigen Sterne schauten niit kaltem Blicke hinein in das zerstörte Haus und in die zerstörte Menschenseele.... Und nun eilte er heim, küßte den kleinen schlafenden Krauskopf inbrünstig und sagte sanft zu der überwachten Frau gewendet, doch ohne sie anzusehen: „Richte dich ein, Lore, in vierzehn Tagen ist Hochzeit!" „Das lohn' dir Gott!"— klang es aufatmend zurück. Geräuschlos zog er die Türe hinter sich zu, ohne noch einmal den Kopf nach dem bebenden Weibe zu kehren; doch als er in seiner Stube allein stand, drückte er die Schläfen mit den geballten Händen zusamnien und sagte zu der lauten mahnenden Stimme in sich: „Ich tue meine Pflicht, ich tue dennoch meine Pflicht----" Nach der stillen, vielvcrlästerten Hochzeit kümmerte sich niemand mehr um die beiden, nur die Hanne brachte einmal ein kleines krankes Mädchen, ihr Patenkind. Sie sagte Friedel, daß sie die Kleine nur ihm anvertraue, und daß er ja gewiß jeden Tag nachsehen kommen möge zu den Eltern des Kindes, denn sie selber ginge auf ein paar� Wochen zu der Base, sie brauchte notwendig ein bißchen Sonnenschein und frische Luft. Den kleinen Krauskopf küßte sie und sagte der Lore manches liebe Wort, und als sie wieder ging, da meinte sie, jetzt müsse auch der Segen in das Haus kommen, weil alles so gekommen sei, wie es habe kommen müssen---- Friedel lag nun die langen Tage zumeist auf seinem Bette, las, rauchte und brütete vor sich hin; Lore hielt den Kleinen in der Küche um sich, damit er den Pater nicht störe. Er wolle auswandern mit den Seinen, sagte er jedem, der es hören mochte. Seit das bekannt geworden war, machte der dicke Bäckermeister nur ein Kreuz in der Luft, wenn man von Friedel sprach. Lore sah übel und vernachlässigt aus; ohne krank zu ssin, ging sie doch einher, als ob ihr jedes Glied am Leibe zu schwer sei, und ihr feines Gesicht war ganz schmal geworden. Sie war stets wortkarg gegen die Fremden und schroffschüchtern gegen ihren Mann; sie konnte es sich selber nicht verzeihen, daß sie sein Weib geworden und so viel Mißgeschick über ihn heraufbeschworen hatte.„Ich tat es nicht um mich, glaub mir wenigstens das— ich tat es nur des Buben wegen, damit der nicht auch verschimpft wird wie seine Mutter"— sagte sie zitternd, aber herbe. Es war ein fröhlicher Tag für Friedel, als in die betäubende Eintönigkeit seines Hauses der Pole fiel. Er trug den linken Arm in der Schlinge, hatte eine rote Nase bekommen, dafür aber die letzten Haare verloren. Leidenschaftlich warf er sich dem auflachenden Friedel an den Hals, schluchzte„b'inis?olonias" und begehrte Wein. Den ganzen Tag hindurch saßen nun die beiden bei- sammen, plauderten und lachten ob ihrer einstigen Studentenstreiche. Als die Lampe auf dem Tische stand, schlich der Kleine zaghaft herein,„Gut Nacht" wünschen, aber er lief beängstigt wieder davon, als ihm sein Vater befahl, er müsse auch den Kahlkopf küssen, der ihn so weichlich anfaßte, als ob das Kind eine Puppe wäre. Draußen erzählte er das alles flüsternd-wichtig der Mutter, die ihn sein Nachtgebet hersagen ließ und dann zu Bette brachte. Lore nickte nur, als ihr Mann nach Wein rief, nahm zwei Krüge und ging mit stumpfem Gehorsam in die Schenke. Friedel öffnete behutsam seine Stubentür, schaute sich vorsichtig-rasch um und warf sich dann wieder seinem Zechgenossen gegenüber auf den Stuhl. Nun erst, da das Kind schlief und Lore fort war, fühlten sie sich unbeengt. Sie redeten laut von den alten Tagen, von Plänen, die sie damals ersonnen, aber nie ernst genommen hatten, von Träumen und Hoffnungen, die sie einst in schwülen Sommernächten geträumt.... In dem kleinen Gemach lag eine schwere, heiße Luft; die krausen Locken Friedels klebten aufgerollt an seiner Stirn, und immer wieder trocknete er sich die Hände und die feuchte Brust mit seinem Tuche. Er sah aus, als ob etwas Schweres auf seinen Schulten: läge; er sprach hastig, und der Pole nickte nur schwermütig und zog an seinen Schnurrbartenden. Beide wurden aber immer lauter und trübseliger.... „Ich bin ein Pole, ein Sohn der unseligsten Nation, ein geistverdampfter, alter Kerl. Aber du— daß du dich so fallen läßt, tut mir weh, sehr weh— steckte viel in dir— tut mir sehr weh!"— „Fallen läßt?— da kann sich der Teufel halten!" stieß Friedel heraus.—„Verdummt, versumpft— verschüttet— in diesem Neste, aus dem ich erst nicht hinaus wollte und endlich— nicht mehr— hinaus konnte.— Aber jetzt ist es vorbei, in Amerika kennt mich niemand, weiß niemand, daß mich mein Weib auf den Doktor gefüttert hat— da gibt es kein schmähendes Bürgervolk, keine noblen Studenten, die — oh!— dieser Hans."— „Was ist es mit dem Hans?" „Gar nichts.— Aber sie, sie!" „Hm? Dein Weib?" frug gespannt der Pole. „Mein Weib! Ein braves Weib, eine gute Mutter, aber—" „Aber?" Friedel trank sein Glas leer, stützte sich weit in den Tisch hinein auf die Ellenbogen, schloß die Augen und frug dann eintönig-langsam wie ein Träumender: „Aber wo blieben die Ideale?" Der andere lauschte erwartungsvoll; plötzlich lachte Friedel auf, schlug ihn derb auf die Knie und schrie: „Kerl, he?— Wo?!— Die lehrtest du mich über Bord werfen, schon vor langen, langen Tagen." Der Pole zog den Kopf zwischen die Schultern, duckte sich und winselte in seiner abgestandenen Weise: „Tut mir sehr weh— sehr w-e-h!" „Meinetwegen," höhnte Friedel wegwerfend;„aber, aber — aller geistige Gehalt, aller seelische Austausch, aller Gedankenflug, alles, was über den Sumpf der Materie trägt, verstehst du mich?" „Verstehe dich," seufzte gerührt der Gast,„ich sehe und höre sie ja. Lesen kann sie nicht, schreiben kann sie nicht— Gedankenflug! Seelenaustausch!— Was kann sie?— Was eine Magd kann. Aber sie liebt dich und ist ein schönes Weib. Wen hat sie vor dir geliebt? Ihren Mann? Das junge Weib den alten Krüppel? Unsinn! Du— wenn die Welt irgendwem einen Fußtritt gibt, so hat sie nie ganz unrecht— nie— nie— nie, sage ich!" „Sagst auch du, so weit ist es mit mir gekommen?" flüsterte Friedel, und schaute den Polen starr an. „Weil du ein ehrlicher Hans Narr warst," wimmerte Kasimir zärtlich. „Ich habe meine Pflicht getan!" „Ja ja," greinte der Pole, und sie nickten einander pathetischverständnisvoll zu und tranken rasch. „Und liebst du sie noch?" „Seit langem weiß ich, daß ich sie nie geliebt habe....' Friedel stellte sein�Glas auf den Tisch, daß es zersplitterte; er schaute auf die Scherben, dann in das schläfrig-mitleidige Gencht des anderen, und dann seufzte er tief auf. Keiner von den beiden aber hörte, wie die Stube draußen ein tiefer Wehlaut füllte, wie sich etwas an der Wand hinaustastete und draußen jäh Hinsiel auf den kalten Steinboden. Kein menschliches Auge sah das blutende Haupt und das blutende Herz des armen, verachteten, ohnmächtige» Weibes.... Veramwortlich für di-NedakNon: Fr. Klara ZeMni Zunder) WilhclinShöht Post Degerloch bei Stuttgart. Druck uud Berlag von Paul Singer tu Stuttgart.